Heinrich Mann

Die Armen
Ein Roman

Einundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend

Kurt Wolff Verlag
Leipzig

Gedruckt bei Dietsch & Brückner in Weimar
Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917

Die Armen

I
Hassende, Liebende

Die Kinder schrien tosend vor dem großen Arbeiterhaus von Gausenfeld; hunderte von Kindern, hervorgequollen aus dem überfüllten Haus, worin sie alle geboren waren, rannten, zappelten, prügelten sich auf der grauen Wiese. Alte Männer, die nicht mehr arbeiteten, standen, wenn sie besonnt war, an der Mauer und sahen ihnen zu. Die Kleinsten fielen unaufhörlich in den Graben, der die Wiese von der Landstraße trennte, immer eilten Mütter oder Schwestern zum Retten herbei. Die Größeren sprangen hinüber, am liebsten auf der Seite, wo der Graben neben dem Weg zum Friedhof lief; und drüben warfen sie einander gegen den wackligen Zaun der Villa Klinkorum. Brach ein Brett heraus, dann rasch hinein und Äpfel holen. Der Besitzer hörte mit Zorn und Entsetzen das Knacken der Zweige, die sie mitrissen, aber auf seinen steifen Beinen kam er immer zu spät, sie waren schon draußen und zeigten ihm aus einiger Entfernung das unreife Obst, es sei auf der Straße gelegen. Dann hielt er ihnen eine Rede über das Eigentum und die Bildung, immer dieselbe Rede, denn niemals merkte er, daß er es mit denselben Jungen zu tun hatte. Klinkorum war Schullehrer gewesen, aber einer für die Reichen; und weil ihm schon die Zähne ausgefallen waren, wollte er nun hier sich mausig machen. Kaum war er fort, polterten alle gegen seinen Zaun, und irgendeiner kroch hinein und setzte ihm etwas auf den Gartenweg. Der alte Malermeister, der unten im Haus wohnte, durfte es sehen, er lachte, wenn er auch schalt. Nur den kleinen Mädchen war es von ihren Müttern streng verboten, ihm zu nahe zu kommen.

Dies war nicht alles, was Professor Klinkorum zu erdulden hatte. Kehrte er aus der Stadt heim, zuweilen schon ganz nahe bei seinem Grundstück überholte ihn, wie er auch hastete, das Heßlingsche Automobil und bedeckte ihn mit Staub oder Schmutz. Generaldirektor Geheimer Kommerzienrat Dr. Heßling in seinem Staubmantel blickte unerbittlich geradeaus, und Klinkorum, von außen gegen seinen eigenen Zaun gedrängt, äugte mit ohnmächtigem Haß, bis er, ganz in einer stinkenden Wolke befangen, die Augen schloß. Innerlich hielt er in solchen Minuten seine zweite Rede über das Eigentum, die Rede dagegen, — wenn es nämlich schrankenlos und überheblich war. Die Bildung war das Erste und mußte es bleiben.

Damit ging er hinauf in sein Studierzimmer. Von hier übersah er ganz Gausenfeld, hinter den Arbeiterhäusern das wüste Gelände, bis zum Wald, bis zur Fabrik. Es ward Nacht, an der Friedhofsmauer die Lampe leuchtete nahe, und weit dorthinten die gereihten Lichter der Fabrik.

Aus der Fabrik kehrten die Arbeiter heim; ihr Massenschritt dröhnte, von ferne fühlbar, bis in das Studierzimmer; und Klinkorum dachte nicht ohne Achtung an den Herrn der Massen, ihn, Heßling, Besitzer Gausenfelds, großen Reichtums und mancher Würden. Wie hatte er es dahin gebracht, als Chemiker und Papierfabrikant? Durch Machenschaften und Kunstgriffe geschäftlicher wie politischer Art, über die es auch nach sechzehn Jahren in der Stadt noch nicht still war. Der selbstgemachte Mann freilich blieb zu achten. Er wieder aber achte noch höhere Rechte! Klinkorum hatte gespart, bis er weit draußen an der Landstraße dies einsame kleine Haus erstehen konnte, die Freude seines letzten Lebensdrittels. Gepflegt und lauschig, ein Sitz der Muse, ruhte es im Grünen, unaufgestört von Weihelosen; denn nur langsame Bauernwagen zogen, mit Ochsen, breitstirnigen, schwerausschreitenden bespannt, vorüber, und Gausenfeld, das einzige größere Anwesen in der Weite, diese Stätte der Papierfabrikation lag jenseits von Feldern und Wald, man sah, hörte und roch sie nicht. Da aber, was geschah? Der neue Herr von Gausenfeld vergrößerte seine Fabrikanlagen. Er legte den Wald so weit nieder, als er jene unedlen Baulichkeiten dem Blick entzogen hatte. Die Arbeiter-Familienhäuser wuchsen über das Feld heran, immer nach Westen, immer auf Klinkorum zu. Auch kam es dahin, daß gleich hinter seinem Zaun dies Volk sich begraben ließ. Und dem Friedhof, als vorletztem Streich, folgten die Kasernen der Proletarier, Ungeheuer von Häusern, hinschattend über Klinkorum und seinen bescheidenen Ruhesitz, ihn mit Gerüchen bedrängend, in Ruß verschüttend so Garten wie Haus und um es her eine Zone breitend des Gestampfes, Geschreis, Totschlages und der bildungsfeindlichen Roheit!

Nun waren die Lichter ausgelöscht in der Fabrik und entzündet in den Kasernen, in der Kantine an ihrem Flügel. Dorther kam Lärm. Der Arbeiter Karl Balrich aber, still in seinem Zimmer 101 des Arbeiterhauses B, stand am Fenster, sah vor sich dasselbe wie der Besitzer der Villa Klinkorum und dachte nach, auch er, über die Welt, die ihn umgab. Freilich, die vielen Geräusche des Hauses selbst, von rechts, links, oben, unten übertönten bei weitem seine Gedanken an das Fernere. Er hörte um sich her, des Sonntags wenn er ruhte und jetzt am Abend bevor er schlief, Streit, Küsse, Gespräche über Geld und Essen, die Prügel für die Kinder, hörte durch das hallende und zitternde Haus alles was vorging, was das Leben der Menschen war und was es schon nicht mehr war: ihr letztes Wimmern, ihr Abschiedsgestöhn. Aber öfter als Sterben hörte er Gebären. Er sagte sich dann, je nachdem ihm an dem Abend zu Sinn war: „Wieder ein Mann für die Arbeiterbataillone“ oder: „Heßling kann lachen; wieder ein Dummer.“

Denn der Arbeiter Balrich sah, wie die Dinge lagen, in der Person des Generaldirektors Heßling den höchsten Zweck und das letzte Ergebnis des ihn umgebenden Lebens, aller dieser Mühen, Aufregungen und Schmerzen — und nicht nur dieser hier. Von Gausenfeld zu schweigen, die Stadt, wie sie war, arbeitete für den Reichen und fristete sich nur durch ihn. Das Land selbst drehte sich wahrscheinlich nur um seinesgleichen. Ihm zuliebe das Militär; und der König sogar eigentlich sein Narr. Den hielt er sich aus, er aber verdiente. Auf das Geld kam es an.

„Wenn es auf das Geld ankäme,“ sagte an seinem Fenster der Professor, „dann würde dieser Heßling mit Recht die Umstände meines Lebens auf jene Stufe hinabdrücken, wo seine Lohnsklaven schmachten, — indes er selbst —.“ Hinter dem Wald wohnte er selbst. Über dem von ihm bebauten Tal der Armut und des Unrates, aber bewahrt vor seinem Duft und Anblick hinter eigenem Wald auf grünem Hügel, in seiner hellen und blumenumleuchteten „Villa Höhe“ hauste leichten Herzens mit den hochgemuten Seinen der Eigentümer, Anstifter und Nutznießer dieser ganzen sozialen Schmutzerei. Das Wort fiel. Zwei Freunde traten ein bei Klinkorum, und sowohl der Arzt Dr. Heuteufel wie der Konsistorialrat Zillich wiederholten das Wort. Je höher die Bildung, um so entwickelter der soziale Sinn — und mit ihm das Feingefühl für die Herausforderungen des Kapitals, dies Hinbreiten des ausschweifendsten Luxus gleich neben dem Schauspiel des Elends, dieses Autojagen an den Enterbten vorbei, dies Hupengeheul.

Die Schwester des Arbeiters Balrich bekam droben von Dinkl, ihrem Mann, eine Ohrfeige, die bis her schallte, und sie selbst hieb die Kinder. Als alle genug geschrien und die Nachbarn genug gelacht hatten, machte sie sich plärrend an das Nachtgebet. Karl Balrich dachte noch immer: „Auf das Geld kommt es an.“ Da zog links drunten der Herbesdörfer, seine Harmonika lang aus, und Balrich merkte es nun, daß er mit dem Denken nicht vorwärts kam. Schwer war es, von dem wirklichen Gang der Welt, ihren Zusammenhängen und Gesetzen etwas Deutliches zu erfahren. Die Redner in den Versammlungen redeten von weit her; um sie anders zu verstehen als bloß mit unserem Haßgefühl, mußten wir uns bis dahin durchschlagen, wo sie zumeist von Geburt schon standen. Und wie jetzt noch zu so viel Bildung kommen?

Die Herren im Studierzimmer murrten: „Den Bau der elektrischen Bahn nach Gausenfeld hat er hintertrieben. Er scheut den Verkehr der Welt mit seinem Jammertal, er wünscht keine Einblicke und ist gegen einen häufig wiederholten Besuch seiner Leute in der Stadt, bei ihren Genossen, auf den Versammlungen. Am Sonntag will er sie in seine Kantine zwingen. Wie in einem Ghetto sollen sie sich fortpflanzen und nichts von allem was sie sind und leisten, ihm verlorengehen. Die Folgen ermesse man! Was mich betrifft, ist es mir bekannt, daß die Gausenfelder Körperverletzungen um viele Prozent unsere sonstigen übersteigen. Niemand wundere sich, wenn ich, Klinkorum, eines Morgens in einer Blutlache aufgefunden werde! Wäre ich nicht der Ordnungsmann, der ich bin, ich wüßte die Stelle zu finden, wo die Öffentlichkeit sich packen ließe.“ — Ja, die murrenden Gebildeten warfen bei einer neuen Flasche Wein sogar die Frage auf, ob ein Mann von mittlerem Einkommen, aber einer gewissen geistigen Höhe, mit seinem Glück und Dasein denn wirklich gebunden sei an den Bestand der jetzigen Dinge. Als die Flasche leer war, sahen sie das Schlimmste voraus, eine Katastrophe, ein Weltenende. „Ich sehe es,“ rief Klinkorum, vom Geist berührt. „Ich sehe, daß einer aufstehen wird und mich rächen!“ — wobei er sich fester in die Ecke setzte.

Der Arbeiter sagte, drüben im Hofzimmer, seinen beiden jungen Brüdern gute Nacht; und bevor er sein Fenster schloß, stand er dann im Wind, quer über die breite Stirn liefen ihm die zusammengewachsenen Brauen, er machte Fäuste, stemmte die Schultern hinauf, als höbe er eine Last, — und dachte mühselig weiter, tastete sich im Dunkeln ein Stück an seinem Schicksal hin, wie es denn aussehe, wohin es denn verlaufe mit den anderen in der Welt. Ihm schien es dunkel und windig, wie das öde Feld, auf das er hinaussah und das endete mit dem Friedhof. Zwischen sich und dem Friedhof fand er nichts als Ungerechtigkeit und Haß.

Beim Abschied lenkten die Studierten ein. Die reichen Leute hatten natürlich ihre unermeßliche soziale Nützlichkeit. Und nach außen verbürgten sie unser Ansehen, unsere Schlagkraft, die Erweiterung unserer Grenzen. Übrigens waren nicht alle reichen Leute wie Heßling, — und selbst Heßling, war seine Tüchtigkeit denn zu verachten? Im Gegenteil zog ganz Netzig Nutzen aus ihr. Die wenigen Gausenfelder Aktien, die er damals bei seiner großen Operation, als er Generaldirektor wurde, in fremden Händen gelassen hatte, waren seltene Kostbarkeiten geworden, sie vererbten sich vom Vater auf den Sohn. Jeder der drei Herren vermutete von den anderen, daß sie welche hätten, und da sie es nicht gestanden, gestand auch er es nicht. Beim Abschied fragte jeder, mit unbeteiligtem Gehaben: „Wie stehen sie denn jetzt?“

Der Haß! fühlte der Arbeiter Balrich. Mit ihm gehst du schlafen und stehst wieder auf mit ihm. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den fröstelnden grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf. Alle verschrieben der Ungerechtigkeit, alle unter dem unablässigen Druck des Hasses, gewohnt wie schlechte Luft und Lärm von Maschinen. Und dabei, welcher war der ärgere Feind? Heßling, für den man sich krumm rackerte, oder dieser Simon Jauner, der es auch tat, — aber seit heute stand er bei der Papiermaschine am Platze Balrichs, unten, wo die fertigen Bogen ankamen und wo man von der Tür her Luft hatte. Den besten Platz hergeben müssen, an einen, der früher einmal etwas gehabt hatte mit der Frau des Maschinenmeisters Polster! Noch dazu war sie die Schwester seines Schwagers Dinkl. Balrich schwitzte den ganzen Morgen mehr von Wut als von der Hitze. Als aber der Inspektor vorüberkam und ihn fragte wieso, biß er die Zähne zusammen. Das war unsere Sache und nichts für die Herren oben! Der Inspektor freilich wußte Bescheid, denn mit der Frau des Maschinenmeisters hatte er jetzt selbst etwas. Daher meldete er sich auch bei dem Herrn Oberinspektor, und beide gingen, als es Mittag läutete, sogar zum Generaldirektor hinein. Dann ward der Maschinenmeister hineingerufen und kam sogleich wieder herausgeflogen, der dicke Hahnrei, rot bis auf die Glatze. Und dann hatte Balrich seinen Platz zurück, Heßling war gerecht gewesen.

Darüber sprachen alle auf dem Weg zum Essen. Kam ein Beamter vorbei, sagten manche recht laut, Heßling sei gerecht gewesen, — auch Jauner sagte es, denn so war er. Balrich, an den sich viele von ihnen heranmachten heute, dachte den ganzen Tag über die Sache nach, denn Heßling war gerecht gewesen, und das ging nicht. Erst am Abend, vor seinem Fenster, hatte er es. Gewiß hatte auch Heßling von den Liebesgeschichten der Polster etwas erfahren und ihm lag nur an der Ordnung, seinem eigenen Vorteil. Um so schlimmer, dann konnte er gerecht sein, weil es sein Vorteil war, und die Reichen wurden reicher sogar durch ihre Tugend . . . . So stand es, dachte er gleich am Morgen wieder, denn es war Sonntag. Da begann aber schon, droben in der Ferne, das Gebetplärren seiner Schwester Malli, und kaum daß es aus war, ein großes Gekeif.

Diesmal hörte er auch Leni, seine jüngere Schwester, mitschreien, weshalb er schnell hinging um nachzusehen. Es gab einen ganzen Kübel voll Dreck. Malli wollte Dinkl ertappt haben bei Leni hinter dem Bretterverschlag; und hinweg über ihren großen Bauch, woran drei Kinder sich festhielten, schrie sie ihm zu, er solle sich nichts einbilden, er sei nicht der einzige, — indes Leni aufheulte und Dinkl aus Verlegenheit seine komischen Gesichter schnitt.

„Schäm’ dich!“ sagte Balrich zu der verheirateten Schwester. „Ich weiß ganz genau, daß das wieder nur ein Schwindel von dir ist.“ Und er zog Leni an seine Schulter. Denn obwohl er gar nichts wußte, war es unmöglich, daß sie so etwas tat. Er hatte sie lieb. Er hatte sie so viel lieber als Malli, daß er ein schlechtes Gewissen fühlte und nichts mehr sagen mochte. Leni durfte noch hübsch, leicht und sauber sein, Malli, die ärmste, ward es nie wieder. „Und ich, wenn ich erst verheiratet bin, werde aussehen wie Dinkl.“ Malli hatte früher nicht gelogen. Jetzt ward nach dem Aufstehen gebetet, und dann sofort eine Klatschgeschichte, die das ganze Haus durcheinander brachte. Alle hier waren gute Leute, und handelten infolge ihrer Armut als seien sie böse Leute, — indes Reiche, die nicht gut waren, sogar gerecht sein durften.

Schön, jetzt trat die Polster auf und behauptete, Dinkls hätten ihr Milch gestohlen. Neuer Krach, neue Tränen, und durch die Aufregung kamen bei Malli die Wehen. Die Polster half ihr sofort wie eine wahre Schwester, zog sie aus, bettete sie, versprach ihrem Bruder Dinkl sein Essen und nahm die drei Kinder mit sich. Sie selbst hatte keine, darum konnten Polsters sich zwei schöne Zimmer halten. In dem einen standen Plüschmöbel, Blattpflanzen und ein Phonograph, es kam wohl auch von den Freundschaften der Frau. Aber wenn man das hätte genau nehmen wollen! Dinkl hatte noch die besondere Freude, daß das Familienereignis auf den Sonntag fiel und Malli voraussichtlich nicht mehr als zwei Arbeitstage verlor. Nachmittags, gerade als Balrich wieder nachfragte, kam hoher Besuch, Frau Generaldirektor Heßling und ihre Schwägerin Buck. In der Tür blieben sie stehen, sie machten Gesichter, als ob es ihnen an die Gurgel ginge. Wahrscheinlich wirkte die Luft hier so, wenn du sie nicht gewöhnt warst. Sie aber schienen sich deswegen zu genieren und fingen an, auf Malli einzureden wie auf einen kranken Kanarienvogel. Mit der Hebamme flüsterten sie und zogen die Brauen hoch. Balrich sah sich so lange und genau die Buck an, bis die Heßling es merkte und halblaut: „Emmi!“ rief, wobei sie sie streng am Arm packte. Dabei ließ die Buck ihre Tasche fallen und Balrich, mit einem Sprung, hob sie auf. Als er sie ihr hinhielt, zog sie zuerst die Hand zurück, dann erst unter dem Blick ihrer Schwägerin griff sie zu. Inzwischen beroch er sie, denn sie roch nach Veilchen. Sie war noch hübsch, die Figur war, wie unsere Mädchen sie nur bis zwanzig haben. Auch Leni hatte so goldblondes Haar, aber das der Buck war nicht verstaubt. Endlich, während sie die Tasche nahm, sah sie ihn sogar an und lächelte, etwas schüchtern und sozusagen besänftigend. Vor seinen zusammengewachsenen Brauen machte ihr Lächeln aber sogleich kehrt. Darauf trat Balrich hinter den Bretterverschlag Lenis.

Dinkl kam zu ihm, stieß ihn in die Seite und wisperte, warum er sich verkrieche. Die eine sei scharf auf ihn, da habe er einen schönen Posten in Aussicht. Dinkl machte Witze, weil es ihn nichts anging. Balrich, den es anging, hatte ein Gefühl in der Brust, wie er es einmal gehabt hatte, als er entlassen worden war. Die Buck hatte ihn behandelt wie ein Tier, — man fürchtet es und nimmt es doch nicht ernst; nicht aber wie einen Mann.

Nun gingen sie, Dinkl, scharwenzelnd, brachte sie hinaus, da geschah ein Unglück. Aus seinem tiefen Bückling war Dinkl noch nicht wieder aufgekommen, als sie es schon hatten und auf der Treppe lagen, die Heßling verlor den Hut samt der Hälfte ihrer weißen Haare. Über dem Geländer hoch droben wälzten die Dinklschen Kinder sich vor Lachen, — worauf der Vater zu begreifen anfing. Mit geschwungener Faust verjagte er die Kinder und half dann den Damen. Zum Glück nahte von unten der Herbesdörfer, so brachte man sie bald wieder auf die Füße. „Mein Gott, was war denn das!“ riefen sie, auf einmal mit ungezwungenen Stimmen. „Ist hier auf den Stufen nicht Seife?“ Dinkl wollte es leugnen oder unbegreiflich finden, Herbesdörfer erhob seine eingerostete Stimme nur zu einem „Achtung!“ und breitete die starken Arme aus, für alle Fälle. Sie aber baten die beiden Arbeiter, nachzusehen, wie es rückwärts um sie stehe, und als Dinkl durchaus keine Seife an ihnen fand, fanden sie selbst sie.

„Was jetzt! Wir müssen doch zum Tee in die Stadt. Noch einmal nach Hause und uns umkleiden?“

Dinkl riet hierzu, sie wieder meinten: „Das kostet eine halbe Stunde, und was sagt die Generalin!“

Angelegentlich wandten sie sich an Herbesdörfer, um auch seine Ansicht zu erfahren, freilich ohne Erfolg, er machte ein barsches Gesicht. Die Polster kam herzu, schlug die Hände zusammen und erbot sich, von den Kleidern alles abzuwaschen, — worauf eine technische Verhandlung folgte. Sie blieb ohne Ergebnis; so drang Dinkl durch, mit seinem Hinweis auf die besondere Leistungsfähigkeit des Heßlingschen Autos.

„Das muß wahr sein,“ sagte Frau Generaldirektor Heßling, „es ist ein Charron.“

Dinkl gab zu bedenken, ob nicht die deutsche Industrie den Vorzug verdiene, selbst wenn sie nicht ganz so leistungsfähig sein sollte. Ernste Meinungsverschiedenheiten erwuchsen hieraus nicht, unter dem Entgegenkommen beider Teile setzte die Unterhaltung sich fort bis vor das Haus. Erst beim Anblick ihres Chauffeurs ging durch die Damen ein sichtbarer Ruck, und als sie gar im Auto saßen, erwiderten sie den Gruß der Arbeiter nur noch aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu rühren.

Dinkl fand sich damit ab, er stand, als das Auto fort war, und lachte, daß sein Gerüst wackelte. Die Kinder, die nachgeschlichen waren, bekamen vom Vater ihre Ohrfeigen, aber er lachte dabei, und alle mit, die Polster samt den Nachbarinnen.

Als die Bande wieder hinaufstürmte, würde sie den Karl Balrich überrannt haben. Er stand auf dem Treppenabsatz und schien vertieft in den Seifenfleck. Er machte ihnen Platz, lachte aber nicht wie sie, sondern faltete die Brauen . . . Sein Schwager klopfte ihn auf die Schulter und nahm ihn mit in die Kantine; der Malli seien sie doch bloß lästig in ihrem Betrieb.

Die Kantine war voll, von allen Tischen wurden Fragen geschrien wegen des hohen Besuches und der Seife. Der Vorfall mit der Seife beschäftigte alle. Seife war das Stichwort für Witze, die sich alle ähnlich sahen, und jeder erregte das gleiche Gebrüll.

Zu Balrich, Dinkl und Herbesdörfer setzte sich stumm der alte Malermeister, der seit kurzem im Keller bei Klinkorum wohnte. Er war umhergezogen und hatte sich eben durchgeschlagen, ein unruhiger Taugenichts, bis er es gut fand, seine altgewordenen Knochen an den Ort zu tragen, wo er Heimatsrecht und Verwandte hatte. Er und Balrich sagten nichts, — bis Herbesdörfer sie etwas fragte. Er hatte eine Aussprache wie ein Wilder und äußerte sich so angestrengt, als verlernte er das Sprechen von Tag zu Tag. Er fragte: was den reichen Weibern denn einfalle, daß sie ungebeten eine Arbeiterin in den Wehen zu begaffen kämen, wie eine Kuh. Dinkl stieß ihn heimlich an, und unter dem Tisch zeigte er ihm das Zwanzigmarkstück, das die Besucherinnen dagelassen hatten. Laut sagte er: „Sie haben Langeweile gehabt. Das Teewasser bei der Generalin hat noch nicht gekocht.“

Balrich inzwischen atmete schneller. Er war im Begriff, sich aufzurichten und zu bekennen, daß auch die Reichen ein Herz haben könnten! Denn vor sich hatte er das schüchterne Lächeln der Emmi Buck, und mitten in dem Qualm hier berührte ihn ihr Veilchengeruch. Da sah der alte Maler ihn an mit seinem Grinsen im Bocksbart und nahm ihm das Wort weg.

„Ich weiß Bescheid, — seit ich ein reiches Luder habe laufen gesehen, weil eine Arbeiterin mit dem Arm in der Maschine hing. Sie hatte vorgesorgt, daß ihr so etwas gleich gemeldet werde.“

„Das hast du selbst gesehen, Onkel Gellert?“ fragte Balrich drohend. Denn er dachte an die kleinen Mädchen, die der Alte an sich lockte.

„Ich selbst, — und die Arbeiterin war später meine Frau, deine Großtante.“

„Ja, dann,“ murmelte Balrich und sah den Tisch an. „Nicht hinsehen wo Geld ist, das ist das beste.“ Und innerlich bat er es seiner Schwester Leni ab, daß er ihr, fast eine Stunde lang, die Reiche vorgezogen hatte.

Simon Jauner schlich herbei; was Balrich ganz leise sprach, hatte er doch gehört; und er schlug auf den Tisch, als habe er Wut. Ansehen das Geld, sei zwecklos. Aber so! Und mit krummen Fingern grapste er über den Tisch hin. Balrich, der ihn kannte, sagte gelassen: „Ich esse lieber mein selbstverdientes Brot,“ — und schnitt aus seinem Brot einen Würfel. Da ließ Jauner sich in die Bank gleiten, grade neben Balrich. Nun er Balrich von seinem Platz an der Maschine nicht hatte verdrängen können, fand er es wohl geraten, sich anzunähern. Er faßte sogar treuherzig den Arm des andern und sagte eindringlich:

„Dein Brot? Heßlingsches Brot, willst du sagen! Denn in seiner Fabrik verdienst du nur gerade so viel, daß du in seiner Kaserne wohnen und in seiner Kantine essen kannst. Was darüber ist, ist vom Übel,“ schloß er hämisch, und zeigte zuerst Balrich, dann den anderen seine gelben Zähne und seine gelben Augen. Sie wußten wohl, sie würden kein Wort sprechen, das der Inspektor nicht erführe; denn er hatte dem Jauner geschadet, wer mußte also beflissener gegen ihn sein als Jauner. Dennoch hielten sie nicht an sich. Kantine und Kaserne, zu wahr, brachten dem Heßling mit Zins wieder zurück, was er ihnen zahlte. Der Strom des Geldes rollte endlos unweigerlich in die eine Tasche, sie aber mit ihren Schwielen standen lechzend daneben, sie, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie machten ihre Kinder für Heßling, wie sie für Heßling die Ware machten, wie sie für Heßling aßen und tranken. „Prost Haßling!“ rief Dinkl, und an allen Tischen riefen sie mit; denn gut war es, den Haß in ein Wort zu fassen, den Haß einmal deutlich aus den Zähnen zu lassen und bitter im Glas zu schmecken. Man ging mit ihm schlafen und stand auf mit ihm, — nur Gestalt fehlte ihm, Fäuste hatte er nicht. Wir haben jeden Augenblick, jeden von allen, die wir erleben, alles im Bewußtsein: die ungerechte Gewalt, unter der wir stehen, benachteiligt auf Schritt und Tritt, beim Einatmen und beim Ausatmen, mißbraucht, verachtet, hinter das Licht geführt. Ihr bildet euch ein, wir vergäßen? Jawohl, ihr denkt, wir riechen unsere schlechte Luft nicht mehr, in den überfüllten Stuben der Kasernen, die ihr uns baut. Arbeiterhäuser A und B, das heißt nicht arbeite und bete, wie der Konsistorialrat Zillich bei der Einweihung erzählt hatte; es heißt Affenbude oder alles be—. Wir riechen, und wir vergessen nicht. Sehr begreiflich, bemerkte Balrich, daß den Damen Heßling und Buck, wie sie eintraten, der Gestank an die Gurgel ging, und komisch bloß, daß sie sich deshalb zu genieren schienen. „Hätten wir sie in der Gewalt, wie sie uns haben, wir würden nicht so viele Umstände machen!“ Dinkl und Jauner erklärten auf das deutlichste, was sie mit den reichen Weibern heute gemacht haben würden, trotz den weißen Haaren der einen. Einen Laut aber, der Schlimmeres verhieß, stieß Herbesdörfer aus. In seinem geröteten Kopf war die Kartoffelnase weiß wie der nackte plumpe Hals, und die Augen hinter den runden Brillengläsern starrten blind, als hätte er Gesichte.

Dinkl inzwischen war in die Mitte getreten, schob die Daumen in die Achsellöcher seines gelbkarierten Röckchens und machte vor, wie er spazierengehe. Ein feiner Fatzke begegnete ihm. Den feinen Fatzke mußte Jauner machen; er nahm sein steifes Hütchen vom Rechen und drückte die Beulen heraus. Bei ihm angelangt, schleuderte Dinkl ihm die Faust bis nahe unter das Kinn, wobei Jauner übermäßig erschrak. Dinkl aber tat, als habe er nur die Zigarette an den Mund führen wollen. Alle lärmten Beifall. So war es! Jeden Reichen konnte man mit einem Finger erschrecken, daß er in Ohnmacht fiel, denn sie schliefen immer. Sie gingen in den Straßen und merkten nicht, wie sie unter uns Arbeitern vereinsamt waren — bloß noch die Polizei war da —, und wie ihre Pelzmäntel sich verloren zwischen den vielen geflickten Sommerjacken. Sie merken nichts, sie schlafen. Nie, denken sie, kommt es anders. Denn sie sind es gewöhnt, sie hatten es leichter als wir, sich zu gewöhnen.

Hier war Herbesdörfer fertig mit seinen Vorbereitungen, auszusprechen, was er sah. Er zeigte seine riesigen Hände her, ein Finger war weiß verbunden, — öffnete und schloß sie, daß sie knackten, und sagte mühsam vor Kraft:

„Das Ganze kommt anders!“

Balrich, gegenüber, hörte ihm achtungsvoll zu. Dadurch entging es ihm fast, daß der alte Gellert ihn leise in die Seite stieß und ihm etwas anvertraute. Er schien es lange in sich unterdrückt zu haben, und nur die gesteigerte Stimmung der Umgebung bewirkte es, daß sein letzter alter Zahn sich aufhob und etwas herausließ.

„Längst schon könnte es anders sein,“ wisperte er. „Auch umgekehrt wär’ ein Schuh geworden. Hab’ ich Heßling mit gegründet, was fehlt dann viel, und ich wäre, was er ist.“

Sein Großneffe sah ihn an; der Alte kniff die Lippen und machte sich klein, als habe er nichts gesagt. Balrich stutzte kurz; schon zuckte er die Achseln, Geschwätz ohne Kraft war nicht achtbar.

Auch kamen eben jetzt die Genossen auf die Partei zu sprechen. Die Partei war mit nichten einwandfrei, sie enthielt Elemente, die mehr an sich dachten, als an die arbeitende Klasse. Jauner, als der Mißvergnügteste, kennzeichnete den Genossen Napoleon Fischer, unseren Abgeordneten, der Geschäfte gemacht hatte, aber bessere für sich als für uns. Er stand gut mit Heßling und wußte auch der Regierung nichts mehr abzuschlagen. Was bekam er für die Unmenge Militär, die er bewilligte? Wieder eine Versicherung, wieder eine Fürsorge. Und hatte doch gearbeitet, sogar bei Heßling. Was hoffen von den anderen, mit den weichen Händen.

Dies war wohl richtig; dennoch wagte sich der Beifall viel weniger entschieden heraus, als vorhin, gegen Arbeitgeber und besitzende Klasse. Hiermit war nicht zu spaßen, und was Jauner dem Parteibeamten wieder erzählte, konnte dir schlechter bekommen als sein Bericht an den Heßlingschen Herrn Oberinspektor. Soviel ließ sich wohl sagen, daß die Versicherungen und Fürsorgen ihre zwei guten Seiten hatten, eine für uns und eine für die Reichen, denen sie zu einem besseren Schlaf verhalfen. Dinkl, als der Unvorsichtigste, ging weiter und behauptete, das zweite sei die Hauptsache, und der alte Arbeiter, der von dem Pensionsplunder leben könne, sei noch nicht geboren.

„Mein eigener Vater, wie oft ich ihm ins Gewissen rede, vor Mittag, wenn wir Männer noch nicht aus der Fabrik zurück sind, geht er mit seiner Eßschüssel bei den Nachbarinnen umher.“

Hierzu war der Alte genötigt, weil seine Kinder ihm das Geld seiner Altersversorgung abnahmen und ihm nicht satt dafür zu essen gaben. Dies wußte man; aber welcher Vorwurf traf einen Kameraden, der Frau und vier Kinder hindurchbrachte. Besser, es hungerte ein Alter.

Herbesdörfer, längst nicht mehr wild, hatte ein von der Furcht zusammengezogenes Gesicht und jammerte in rauhen Lauten vor sich hin. Er beklagte sich über den Kassenarzt, der ihn schon wieder zur Arbeit schickte, obwohl er im Knie seit seinem Unfall noch immer eine Schwäche hatte. Er hatte die Schwäche nicht, wenn er draußen umherging; aber kaum in der Fabrik, hatte er sie; und die Furcht, hineinzufallen zwischen die Mühlräder und zermahlen zu werden mit dem Holzstoff, machte ihm Schwindel.

„Das kenne ich,“ sagten sie an den anderen Tischen. Denn sie kannten es.

„Man hat doch nur seine Gliedmaßen. Frau und Kinder haben nur meine Gliedmaßen. So ein Doktor tut immer, als wachsen sie nach.“

„Der wächst nicht nach!“ schnaubte dort hinten einer, und reckte in den Schein der Lampe seine Hand, der ein Finger fehlte. Da hob auch Herbesdörfer, rauh winselnd, seinen verbundenen Finger zum Licht hinauf; und über zwei Tische, und dann nebenan, und dann an jedem kamen Finger ans Licht, dick umwickelt und weiß inmitten einer Hand, die dunkel befleckt war von den unvergänglichen Spuren der Arbeit. Wie alle diese verbundenen Wunden durch die Luft geschwenkt wurden, roch man auf einmal deutlich den dünnen scharfen Geruch, der unter den Ausdünstungen der Körper und dem Tabaksqualm, halbvergessen immer da war, den Geruch des Karbols.

Auch Karl Balrich sah einen seiner Finger in Leinen gewickelt, er prüfte ihn, die Brauen gefaltet, unter dem Tisch. Jeder in diesem Augenblick hatte ein Gesicht, das den allertiefsten Ernst des Lebens trug. Da, in einer Stille, sagte Balrich:

„Das hat seine Zeit, und dann kommt die Gerechtigkeit.“

„So ist es!“ sagten sie, und ein Geschwirr entstand, aus leisen Zustimmungen, den halben Lauten der Gläubigkeit. Auf dem Wege sind wir, zur Gerechtigkeit, — und sähest du täglich mehr, daß er lang, ist, gezählt sind die Tage der Reichen. Wir werden, mit dem was jetzt sie uns kosten, selbst reich sein, alle; werden in gelüfteten Sälen gemeinsam unser gutes Essen haben, und Maschinen, die uns gehören, arbeiten für uns. Mit jenen aber wird es aus sein. Wäre dem anders, warum säuft man nicht, oder bricht ein.

Das tun wir nicht, weil wir vernünftiger sind als sie. Wir können frei aufatmen, so, ganz frei, mitten in unserer Stickluft, denn bei uns sind Vernunft und Zukunft. Ihr dort seid erblindet durch den Besitz, ihr wißt nicht einmal mehr, was ihr in Händen habt. Wer unter euch schätzt das Wissen, den Geist, gleich uns? Ihr habt ihn vergessen, in eurem Fett. Wir, wir begreifen, daß er es ist, der die Welt erobert, und daß er auch wieder ihr Ziel ist. Jede Bibliothek, die wir zusammenbringen oder abringen eurem Geiz, ist ein Wegmal für unsere Heraufkunft und euren Untergang.

Dinkl, mit einem Luftsprung von seinem Sitz auf, rief aus:

„Nichts freut mich, wie die hunderttausend Mark, die ihn die Bibliothek kostet!“

Und alle frohlockten über diese Niederlage des Generaldirektors. Kämpfe freilich kostete noch die Verwaltung der Bibliothek, denn satzungsgemäß stimmten auch Beamte beim Ankauf der Bücher, und verhinderten, soviel sie konnten, die Aufnahme der Parteischriften. Herbesdörfer schmunzelte, tief befriedigt. Seit gestern hatte er, sicher verschlossen in seinem Zimmer, „das Kapital“.

Da betrachtete Balrich ihn, sein armes grobes Gesicht, das verriegelt aussah und hinter seiner großen Brille immer in Anstrengung und Angst schien, ob es nicht endlich sich öffnen, klarsehen und begreifen werde, sein tapferes, vergeblich ringendes Gesicht.

„So steht es um uns,“ fühlte Balrich. „Wir sind zu schwach, obwohl wir die Stärkeren scheinen. Die Bücher, mit denen Ausbeutung und Elend zu besiegen wären, liegen in unserer Lade, wir aber sitzen hier, verbraucht vom Knechtstum der ganzen Woche und ohne Handhabe, um unsere Waffen nutzen zu lernen. Kommt dennoch einer von uns dahin, die wissenschaftlichen Werke zu erfassen, seinen Kindern kann er es darum nicht leichter machen. Wir bleiben, wo wir sind. Trachten wir das Glück zu genießen, das Armut uns erlaubt!“

Hier erinnerte er sich, daß ein Mädchen auf ihn wartete — sein Mädchen, wenn er wollte. Aber wollte er, und mußte es diese sein? Er stieg aus der Bank ohne Eile, trat noch an den Tisch drüben, hätte sich fast daran niedergelassen, — und als er dann hinausgelangte, stand dort hinten unter der Friedhofmauer schon das Mädchen. Sie stand in ihrem braunen Tuch ein wenig gebeugt, als wartete sie seit einiger Zeit, und sah ihn erst, als er schon nahe war.

„Thilde!“ rief er aufmunternd, worauf sie ihm ein Gesicht zeigte, das voll Gram war. Er kam aber so mutig herbei, breit, spannkräftig und fest, mit dem dunkeln Schopf unter der Mütze hervor, so wohlgeraten kam er, daß sie ihm dennoch entgegenlächelte.

„Warst du schon drinnen?“ fragte er gedämpft und wies nach der Friedhofpforte.

Sie nickte. „Mein Kleines hat alles was es braucht. Wenn auch wir das hätten.“

„Das sollst du nicht sagen,“ verlangte er; und zarter: „Gehen wir noch einmal hinein?“

Da sie den Kopf schüttelte, bestand er nicht darauf. Es machte nur traurig, und hatten sie nicht beide mehr vor als hinter sich? „Komm fort!“ sagte er bestimmt, nahm ihren Arm und ging schneller. Im Schatten der Mauer, von der Büsche hingen, drängte, sie sich an ihn mit den Hüften. Sie waren breit, die Brust voll, und dazu das magere Gesicht, aus dem sie bange zu ihm aufsah.

Am Ende der Mauer pfiff sogleich der Wind. Balrich wickelte Thilde fester ein. Erst März; kahl dämmerndes Feld; und sie stapften durch Regenlachen. Rechts zwischen dürren Bäumchen die Villen, genannt Arbeitervillen; aber fast nur noch Beamte wohnten darin. Als Arbeiter mußte man sehr wohl gelitten sein. „Der Jauner wird hereinkommen, wir nicht.“

Und wegen der Pfützen bald getrennt, bald wieder beisammen, begannen sie zu rechnen. Balrich hatte seine zwei jungen Brüder, der eine noch schulpflichtig, der andere unbezahlt. Das kleine Mädchen Thildes war keine Last mehr, sagte Balrich. Nur noch ihre Mutter, zu schwach um zu arbeiten, hing an ihr. „Wäre das nicht,“ sagte er, im Drang sie zu schützen, „du solltest gar nicht mehr arbeiten, du Ärmste, und ich für zwei.“

Hierauf sah sie ihn an, bitter und mißtrauisch, und mit einer höheren, schärferen Stimme sagte sie, daß sie nichts brauche und ihre Mutter sei ihr so wenig zur Last, wie früher das Kind. „Du möchtest wohl, auch sie läge schon draußen!“

Da merkte Balrich, daß sie einander nicht verstanden, — und wollten einander doch lieben? Er hätte darauf bestehen sollen, daß sie zusammen an das Grab gingen. Nun argwöhnte sie, daß er ihr das Kind verdenke, vielleicht immer es ihr verdenken werde. „Das nicht,“ fühlte er. „Das wirklich nicht. Aber sie hat ihr Leben gehabt, bevor ich da war. Sie hat einen andern gekannt, und ich glaube zwei. Nun denkt sie von mir bisweilen nicht gut.“

Sie war zwanzig, so alt wie er; und auch er hatte schon zwei Mädchen gehabt. Ihm aber war nichts zurückgeblieben, er hätte lieben können wie das erstemal. Nur, warum denn diese, die manchmal so fremd schien, als sei sie aus einem andern Land. Durch sie hindurch erblickte er plötzlich seine Schwester Leni, unberührt, unbeschwert und vertrauend auf das Glück. Das war sein Blut, sein Land, war die gute Zukunft. Diese hier, wie müde!

Fühlte sie denn, was er dachte? Anklagend erhob sie nochmals das Gesicht gegen ihn und sagte in einem Ton, der weh tun wollte: „Gib acht auf deine Schwester Leni! Sie ist vor dem Kind nicht sicherer als wir anderen.“

Balrich ließ sich aber nicht wehtun. Er nahm fest ihren Arm in den seinen und sagte sanft:

„Dein Kind war ein gutes und liebes Kind.“

Er erlaubte ihr nicht, sich loszumachen, und am Ende gab sie nach, sank leise gegen ihn, und aus ihren geschlossenen Augen rannen Tränen. Langsam, in der Dämmerung und im Wind, erreichten sie den „Arbeiterwald“, der Bänke hatte. Umschlungen setzten sie sich auf eine feuchtkalte Bank, unter großen schwarzen Ästen ohne Blätter. Vor ihnen die Fabrik, und hinter den drei Reihen der Fabrikgebäude ging die Sonne unter, von Wolkenstreifen überzogen wie von Rauch. Sie starrten in die Röte und dachten beide, daß es gut wäre, warm zu haben. In ihrem Rücken, hinter hohen Planken, lag der „Herrschaftswald“, begann hier wild, und immer gepflegter, blumiger und geschützter gegen den Wind und gegen die bösen, sehnsüchtigen Blicke, umgab er endlich als süßer Garten die Villa Höhe, das verbotene Paradies.

„Dort friert es keinen,“ sagte das Mädchen. Der Arbeiter sagte:

„Dort können sie ernähren, wen sie lieben.“

Da die Sonne fort war, der Wind kälter blies und es anfing zu regnen, standen sie auf. Thilde wollte umkehren, Balrich aber strebte der Fabrik zu. Er wisse eine Unterkunft beim Regen. Auch Thilde sah sie wohl, es waren die Waggons, die von der Fabrik zum Bahnhof fuhren. Dort hielten sie, einer mit offener Tür. Das Mädchen sträubte sich, hineinzusteigen.

„Weil die Lumpen darin so schlecht riechen?“ fragte er. Sie antwortete:

„Was soll mir das machen. Ich stehe mein ganzes Leben in einem Lumpensaal.“

Und sie ließ sich hineinhelfen.

„Es ist doch trocken hier auf den Lumpen,“ sagte er.

„Und sogar warm,“ flüsterte sie und überließ sich seinen begehrlichen Händen.

Da sie an seine Brust gedrängt im Dunkeln nach seinen Augen suchte, schloß er sie, allein mit seinen Gedanken. Dies war das Beste was wir hatten — und machte doch alles nur schlimmer. Die Liebe war eingesetzt, damit es mehr Proletarier gebe. „Für Heßling arbeiten wir, selbst hier, — und freilich auch für unsere Führer. Heßling und unsere Führer sind darin einig, daß wir nicht zahlreich genug sein können. Denn beide brauchen sie Menschenmaterial.“

Das Mädchen sagte:

„Dies haben wir doch. Dies nimmt uns keiner. Küß’ mich, du Lieber!“

Aber sie fuhren auseinander, ein Schlag dröhnte an der Wagenwand, und in die Tür trat ein großer Umriß. Der Aufseher! Er schalt auf das Gesindel, das in den schönen Lumpen seine Schmutzereien treibe. Als Balrich hervorkam, hielt der Beamte ihn fest und suchte ihm mit seiner Taschenlampe in das Gesicht zu leuchten. Balrich stieß ihn aber zurück, zog auch Thilde heraus, und schon liefen sie. Verfolgt von Schimpfreden liefen sie durch den Regen, jeder für sich, und wußten schon nicht mehr im Dunkeln, wo ist der andere. Nahe beim Friedhof erst fanden sie sich wieder. Da sah er unter der Laterne, wie durchnäßt sie war, denn beim Fliehen hatte sie ihr Tuch in den Händen des Aufsehers gelassen. Er zog sogleich seine Jacke aus und hängte sie um sie und sich. Ganz aufeinander geneigt gingen sie nun, ein Kleid, und man konnte deuten, ein Herz. Sie aber zitterte vor Kälte und er vor Zorn.

Die Kantine war nur noch schwach erhellt, kein Laut drang heraus, vor der Tür nur erkannten sie Simon Jauner — und bei ihm, an der Mauer, zwei Schatten, die aussahen wie Herren.

War dies nicht der Herr Oberinspektor selbst — und jener gar, o Gott! Geduckt schlichen sie vorüber, ein Kleid, ein Herz. Hinter ihnen sagte die Stimme eines Herrn:

„So gut haben es nur solche Leute.“

II
Der Arbeiter und das Bürschlein

Zweitnächsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem Neugeborenen Mallis über das Feld zurück von Beutendorf, wo es getauft war. Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der Säugling an der Brust. Sie saßen an einem langen Tisch und noch allein. Als andere Gäste eintraten, hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren aufgeräumt. Der Großonkel Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen Gehrock und mit dem Grinsen im Bocksbart, vollführte einen Tanz, verbunden mit Händeklatschen und Gestampf, um seine Nichte Leni her. Er behauptete, draußen irgendwo Derartiges gesehen zu haben.

Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mühsam aus seinen Hängebacken. Indes ringsum Lärm war, beobachtete Karl Balrich gespannt das Wackeln des Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste. Plötzlich, das Auge auf ihm, raunte er ihm zu:

„Onkel, was war es damals, mit dir und Heßling?“

Gellert starrte verständnislos. „Damals?“ fragte er. Balrich nickte fest.

„Mit dir und — du weißt schon.“

Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschwätz von neulich. „Was fehlt viel, und ich wäre, was er ist,“ hatte der alte Tunichtgut gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschwätz, dachte Balrich, so oft es ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete er, bis der da kam, — und schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte zitternd:

„Hab’ ich denn geschwatzt?“

„Du hast schon zu viel gesagt,“ erklärte Balrich. „Jetzt sag’ auch den Rest!“

„Weiß schon jemand?“

„Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir —“

Der Alte winkte beschwörend. „Lieber du als die anderen. Du bist der tüchtigste. Dein Onkel leider war nicht tüchtig.“

Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn für Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas Erworbenes hätten mitbringen können, und statt dessen fielen sie ihnen noch zur Last. Auch der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mißfallen.

Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen ließ er alles fahren.

„Konnte man denn wissen, damals?“ Man hat einen alten Freund, Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine Laus, deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett. Manchmal waren es Taler. Und als der eine im Städtchen bleiben will, sein Handwerk treiben und Meister werden, läßt der andere ihm, bis er wiederkommt, seine Taler.

„Das warst du?“

„Gott sei es geklagt.“

„Und der die Taler nahm, war der alte Heßling.“

„Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl?“ wisperte Gellert. Balrich hob die Schultern.

„Würdest du sie sonst noch haben?“

Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der Fistel:

„Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld würde ich haben!“

Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der Nächsten. Sie hatten in ihrem Lärm es nicht gehört. Balrich seinerseits wendete sich unwirsch weg. Das war einmal der Mühe wert, um solch ein Gefasel noch nachzufragen. „Mit deinen vier Talern hat er also Gausenfeld gegründet?“

Gellert zischte. „Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und alles war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte — gearbeitet, du weißt schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich, würde ich beileibe das nicht verdient haben.“

„Unehrliches Geld,“ sagte Balrich. Der Alte meckerte.

„Sie hat es hergeben müssen, sonst holte sie der Teufel.“

„Und der Heßling wußte davon.“

„Vielleicht nicht?“

„Auch ein Lump.“

Gellert ward ernst und verweisend.

„Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er nannte mich Lump.“

„Wenigstens gab er dir einen Schuldschein.“

„Das mußte er nicht.“

Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht: „Jetzt hab ich genug von deinen, Räubergeschichten.“

Hier fing der Alte zu weinen an. „Ich war es doch,“ schluchzte er, „und du willst sagen, ich war es nicht.“

Er stieß Dinkl an und auch Herbesdörfer, bis sie ihm zuhörten.

„Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrüdern? Habt ihr das erlebt?“

Da sie nicht begriffen, erzählte er nochmals das Ganze, begegnete auch ihren Einwänden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet. Warum er es nicht zurückgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren Jahren, war es nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Geschäft.

„Es steckte im Geschäft? Kannst du das beweisen?“

„Ob ich es kann! Der alte Heßling hat mich doch bei der Hand genommen in seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet.“

Balrich sagte, grabenden Blickes:

„Gausenfeld hat dem alten Heßling nie gehört. Seine Fabrik stand in der Meisestraße.“

Gellert ward wild.

„Meisestraße oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim Fenster, er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur warten, bald würde ich anfangen, mit zu verdienen.“

„Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?“

„Daß er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein Mohrenkopf.“

Dinkl fragte ernsthaft:

„Wielange ist das nun her?“

„Auf den Schlag vierzig Jahre!“ schrie Gellert.

„Das ist Zeit genug,“ sagte Dinkl. „Inzwischen hat der Mohrenkopf vielleicht das Reden gelernt und kann für dich zeugen.“

Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen Gäste sich her und wollten hören. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erläutern; Balrich aber verbot es ihm leise und kurz.

Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte er nur noch die Sorge, daß niemand weiter von der alten Geschichte erfahre, besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu komisch, man dürfe es nicht für sich behalten. „Onkel Gellert Teilhaber von Heßling auf Gausenfeld! Generaldirektor Gellert!“ kreischte er und tanzte auf einem Bein, — indes der Alte mit blutunterlaufenen Augen dabeistand wie ein bittender Hund. Aber Balrich verlangte dringend, daß kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten Arbeiter, der sich in der Fabrik mit Anstreichen ein Stück Brot verdiene, ins Elend bringen wolle. Dinkl erklärte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit verliere, werfe er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!

Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen Rippenstoß für ihn. „Wann lassen wir uns denn unsere Dividende auszahlen?“ fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie ein Dieb. Eines Tages aber, in einem Winkel des großen Hofes in Gausenfeld, als er vor dem Schichtmachen sein Gerät ordnete, stieß auch Balrich ihn so an und raunte:

„Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?“

Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem Tor kam, glitt er hinein und drückte sich. In diesem Augenblick ward es Balrich zum erstenmal gewiß, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei wahr.

Er hätte es nicht geglaubt, — obwohl er jetzt jede Nacht darüber nachdachte. Noch nicht in der ersten; die Zweifel näherten sich langsam, nahmen immer mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der Schlaflosigkeit. Da er nun gewiß war, schlich er, anstatt zu seinem Mädchen, dem alten Gellert nach, der ihm auswich. Eines Abends nur traf er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte, leicht angetrunken, schien weniger ängstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in mittleren Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der Gang etwas einwärts, — und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es ging so schnell, im Schatten die Wand hin und ab, daß der Herr sich nicht einmal umsah.

„Ich bin der Rechtsanwalt Buck,“ sagte er. „Guten Abend, ich bringe Ihnen, was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl.“ Und mit zarter Hand legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen verschlossenen Umschlag.

Dinkl erwies sich gewandt, räumte die Kinder fort und machte dem Herrn Rechtsanwalt so viel Platz, als genügte seinem Umfang das ganze Zimmer nicht. Buck ließ sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen gerührten Blick für Malli mit dem Säugling, einen bewundernden für Leni, die die Brust herausstreckte, einen erstaunten über die Kinderschar hin, dann seufzte er und fragte mild und etwas fett:

„Wohnen Sie hier gut?“

Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der Schwager des Herrn Generaldirektors fragte: „Wohnen Sie hier gut?“ — anstatt nur hinzuwerfen, daß sie glänzend wohnten! In der Stille traf Buck auf die gefalteten Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab, dann suchten sie um so eindringlicher die des Arbeiters, — dessen Gesicht sich ein wenig entspannte unter dem braunen, weich glänzenden Blick. Buck sagte sanft:

„Lieber möchten Sie natürlich auf Villa Höhe wohnen.“

Und als sei dies noch nicht genug des Unerhörten, hob er seine schweren Schultern und sagte ergeben:

„Begreiflich, aber was kann man machen.“

Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht einen ganzen Flügel von Villa Höhe, sondern allenfalls ein Kellerloch.

Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen, und entschwand ihnen, langsam und einwärts. Die Meinung Mallis und Dinkls war: „Ein armer Herr!“ Leni blies nur geringschätzig durch die Nase. Balrich schwieg, und er blieb nicht mehr lange.

Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang, — und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich zweifelte nicht, er ließ sich in der Kantine ein Fläschchen mit Schnaps füllen und ging damit durch die rückwärtige Gartenpforte der Villa Klinkorum, zu dem Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als zwecklos, denn Gellert saß schon vor einer Flasche und war nun soweit, daß er sich ganz allein etwas vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:

„So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!“

Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei kein Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts an. „Wie soll ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug er noch Röckchen.“

„Aha. Bei seinem Vater.“

Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.

„Sein Vater ist doch tot,“ sagte er, den Blick auf dem Glas. „Was willst du von ihm. Damals freilich wollte jeder etwas von ihm. Er war der mächtigste Mann in der Stadt, noch zu meiner Zeit und der Zeit des alten Heßling. Der junge Heßling dann —“

Er strich sich mit der gestreckten Hand über die Kehle.

„— ist mit ihm fertig geworden. Hat ihm sein Geld genommen, seine Aktien, seine Würden, und stellt nun mehr vor als je der alte Buck.“

„Der junge Buck aber — — ist ein armer Herr,“ sagte Balrich, finster grübelnd. Gellert kicherte.

„Hat sich zuerst abschlachten, dann heiraten lassen. Nicht das gesundeste Schwein hält das aus.“

Balrich rückte näher.

„Onkel Gellert, du mußt jetzt loslegen.“

Da der Alte sich duckte, faßte er ihn beim Arm. „Das hilft dir nicht mehr. Ich weiß schon zu viel. Und dann bin ich dein Großneffe. Wer wird wollen, daß du reich wirst, Onkel Gellert? Der, der dich beerben soll — wie?“

Der Alte zwinkerte von unten.

„Glaube doch nur nicht, daß da etwas zu machen ist. Hast du eine Ahnung, was für eine Laus du bist gegen Heßling?“

„Sage mir, was du mit dem alten Buck gehabt hast. Vielleicht wächst die Laus.“

Seine Faust rüttelte an den Alten, bis er sich entschloß. Ja, bei dem alten Herrn Buck war er damals gewesen, in dem alten Haus in der Fleischhauergrube, mit den Stufen, die abgewetzt waren von den Füßen der ganzen Stadt. Der Vertrauensmann der ganzen Stadt sollte ihm zu seinem Geld helfen. „Das Seine hat er getan. Er hat sich den Vater Heßling kommen lassen, und Heßling hat ihm auch geschrieben.“

„Auch geschrieben!“ rief Balrich unterdrückt.

„Hat ihm schriftlich gegeben, daß in seiner Werkstätte mein Geld stak und daß ich mitverdienen sollte.“

„Wo ist der Brief?“

„Die Abschrift vom Herrn Buck habe ich,“ — und Gellert entnahm sie der Kommode. „Er hat sie mir nachgeschickt auf die Wanderschaft und hat mich vertröstet. Mein alter Kriegskamerad Heßling sei schwer bedrängt, und sonst noch allerlei.“

Balrich las schon, gierig versenkt. Zurückkehrend seufzte er.

„Das ist eine Abschrift, die muß keiner uns glauben. Wo ist der Brief selbst?“

Der Alte grinste.

„Der Brief meines alten Kriegskameraden? Gewiß in den Papieren des Herrn Buck. Das ganze Haus war voll von Papieren.“

„Und die Papiere?“

Der Alte kam grinsend näher.

„Heimlich habe ich umhergehört.“

Plötzlich zerrte er an seinen Knöpfen, riß sich die Kleider auf bis zur nackten Brust. Sein Gesicht zerteilte sich in violette Fetzen, und auf heulte er:

„Aus! Der Junge hat sie verbrannt.“

Balrich rührte sich nicht. Gellert begann allmählich, sich wieder zuzuknöpfen. „Noch ein Gläschen,“ sagte er.

Balrich trank aus.

„Dann kann ich nach Haus gehen.“

Unter der Tür fiel er gegen den Pfosten, kam aber gleich wieder auf.

Er ging nicht heim, sondern die Straße nach Villa Höhe. Die Linden dufteten, ein warmer Wind schlug ihm entgegen. Sommer war geworden aus dem dürren Frühling, in dem er angefangen hatte zu leben, — zu hoffen, zu wollen, zu leben. Sollte dies aus sein jetzt, nie hätte es dann anfangen dürfen. Lieber tot, als alles wieder sein lassen wie sonst.

„So wird es nicht mehr!“ rief er in die Nacht. Vorgebeugt gegen den Wind, machte er Fäuste und zerstampfte die Lindenblüten. Jetzt weißt du! Aufgedeckt war jetzt die Grube. Gestohlenes Geld, und Geld noch dazu, das ein alter Elendsgenosse auf schmutzige Art erworben hatte, dies war die Grundlage des Heßlingschen Reichtums. So sah die Grundlage eines großen Vermögens aus, Geschlechtsschande und Diebstahl. Dies ist das wahre Gesicht derer, die ihr enteignen werdet, Proletarier!

„Enteignen! Setzet mich und die Meinen, ehrliche Arbeiter, an die Stelle solcher Verbrecher! Wäre in der Welt nur ein Funken Gerechtigkeit, hier liefen alle zusammen, zeugten und hülfen. Statt dessen würden alle nur lachen über den armen Arbeiter, und schrie er zu laut sein verlorengegangenes Recht, ihn totschlagen für toll. Lieber gleich sterben! So ist es bestellt. Lieber gleich sterben!“

Er nahm sein Halstuch ab und suchte in den Bäumen nach einem passenden Ast.

Als er aber schon in einer Krone saß, vernahm er Stimmen, und von der Villa herab kamen zwei Gestalten, Herren, schien es. Wer sollte es sein? Nun, gut, Heßling und sein Schwager Buck sollten die ersten sein, die ihn hängen sahen . . . Er fand aber, dies wäre dennoch eine übertriebene Genugtuung für die glücklichen Verbrecher. Ihr Eintreffen war vielleicht ein Fingerzeig ganz anderen Sinnes.

So ließ er sie vorbei, stieg hinunter und folgte ihnen. Die Nacht war schwarz, und er schlich. Dennoch hörten sie ihn, wenigstens Heßling, denn er blickte sich mehrmals um und ward unruhig, wenn ein Leuchtkäfer ihn anglühte. „Er hat Furcht vor mir,“ sah Balrich und freute sich. Er fühlte: Wer schon zum Sterben bereit gewesen war, der hatte und konnte viel mehr als diese reichen Schächer. Er hatte ein doppeltes Leben, und mit denen da konnte er Schindluder treiben. Balrich im Gebüsch tat einen Sprung, daß es knackte, und stieß dazu einen Laut aus wie ein Phantasieungeheuer, — worauf Heßling sich hinter einen Baum duckte. Buck blieb nur stehen und knipste mit den Fingern.

Dann gingen sie weiter, immer sprechend; und Balrich versuchte zu verstehen, soviel der warme Wind ihm übrigließ, der das meiste wegtrug. Eins war klar, daß Heßling seinen Schwager herunterputzte wie einen Tagelöhner. Er warf ihm den Weg in der Dunkelheit vor; das Volk sei verroht, es werde immer gefährlicher; und ihre Geheimnisse hätten sie sich auch anderswo sagen können . . . Welche Geheimnisse? Buck redete von ihnen nur leise. Darauf erinnerte Heßling ihn, um so lauter, an das Geld, das er von ihm bekomme, die Prozesse und Verhandlungen, die er für ihn führen dürfe.

„Solche nicht!“ schrie plötzlich Buck, — worauf es eine Zeitlang still blieb. Balrich schlich noch leiser, von Nüchternheit ergriffen. Wie kam er hierher? Was hatte er gewollt, welcher Fingerzeig war ihm gegeben? Die Herren dort hatten ihre Welt, nichts wußte man. War, was ihm im Kopf saß, nicht ein Schwindel des alten Gellert? Oder er selbst hatte geträumt?

Aber die Herren stritten weiter — ein richtiger Streit. Heßling nannte seinen Schwager einen Schöngeist und Verteidiger in Majestätsbeleidigungsprozessen, den richtigen Sohn und Erben eines alten Achtundvierzigers. Sein Gesinnungswechsel sei ihm bezahlt worden, als Heßling ihm seine Schwester gab. Buck habe kein Recht mehr auf Widerstand, auf diese gewisse unernste Ironie, die das freundschaftliche Beisammenwohnen in Villa Höhe eines Tages gefährden und ihn brotlos machen könne . . . Worauf Buck von Manövern sprach, gewissenlosen Treibereien, einem Ende mit Schrecken, und wer bezahle dann?

„Wir nicht!“ rief Heßling und lachte.

„Nein, alle,“ rief Buck. Aber Heßling hielt ihm seine Schulden vor, da gab er klein bei.

Der Arbeiter hinter ihnen fühlte sich unheimlich verstrickt in eine Nacht der Verschwörungen, — und wer weiß welches Massensterben konnte hervorgehen aus dem tückischen Gemächt dieser beiden Bourgeois, die einander doch haßten! Denn einig sind sie nur gegen uns; untereinander möchten sie sich umbringen. Behandeln wir sie doch nur so, wie sie einander! Mut! und sieh, was für arme Menschen, die Furcht haben voreinander — und auch vor uns, wenn es Nacht ist und die Soldaten schlafen. Nur angreifen! Haft du gegen sie Waffen, und sei es die schlechteste, schäme dich nicht! Balrich dachte: „Ein armer Herr!“ und meinte Buck. Der war der schwächere, zuerst an ihn! Einschüchtern, erpressen — was wäre denn unerlaubt gegen eine Verbrechergesellschaft.

Schon begannen die Laternen der Vorstadt, dem Heßling kam wohl der Mut, er sagte zu seinem Begleiter: „Magst du nicht weiter, keine Umstände!“ Und Buck, nach einem Gruß mit dem Hut, kehrte allein um.

Balrich in langen Sätzen sprang zurück bis wo es dunkel war, und hinter Ästen, die er herabzog, wartete er. Es dauerte lange, Buck kam daher, watschelnd und barhäuptig, schwenkte seinen Hut und sprach mit sich selbst. Mehrmals blieb er stehen, und obwohl er den Wind im Gesicht hatte, wischte er sich den Schweiß. „Ich kann nicht länger!“ sagte er, wie beschwörend. „Ich bin der am schwersten Belastete, der Verräter, Gott strafe zuerst mich!“

Da sah er auf, die Strafe nahte schon. Zweige schnellten, und ein Mensch trat vor ihn hin. Buck wartete; da der andere nichts äußerte, sagte er selbst: „Guten Abend.“

„Auweh,“ dachte Balrich, „es ist gefehlt.“ Und Zorn kam ihm gegen Dinkl, den Prahlhans, der behauptete, sie schliefen immer und mit einem Finger könne man sie umwerfen. Jetzt fragte Buck:

„Sie sind wohl erschrocken?“ — und seiner milden Stimme war es anzuhören, daß er im Dunkeln ein spöttisches Lächeln aufgesetzt hatte. Balrich sagte heiser:

„Sie müssen sich nun bequemen —“

Weiter wußte er nicht. Undeutlich hatte er sich vorgenommen, sofort und auf der Stelle Geld zu verlangen und mit Skandal zu drohen. Buck erwiderte schließlich:

„Ich tue nie etwas anderes als mich bequemen. Sie wünschen also?“

„Alles haben Sie gestohlen!“ schrie Balrich. „Sie gehören nicht dahin, wo Sie sind!“

Plötzlich brachte Buck ihm das Gesicht ganz nahe.

„Sie sind es also doch,“ sagte er. „Ich habe öfter an Sie gedacht seit heute. Sie sind doch überzeugt, daß auch Sie nicht dorthin gehören, wo sie sind?“

Nach einer Pause:

„Sondern in die Villa Höhe?“

„Ich will mein Recht.“

„Ihr Recht. Nun ja. Gehen wir doch weiter!“

Im Gehen:

„Ich gebe zu, wir haben jeder gleich wenig Recht und fußen einzig auf dem Zufall. Daß ich nicht meinen Platz räume, ist Feigheit, leidige Feigheit. Möchten denn auch Sie so feig werden?“

Er hatte den Arm Balrichs genommen und stützte sich darauf. Seine Sprache ward klangvoll und bewegt.

„Sie sind ein junger Arbeiter und stehen vor dem Leben. Ihresgleichen kann weit kommen. Ich, ich bin ein verlorener Mensch. Könnte viel Unrecht verhindern und, wer weiß, dem Verderben Unzähliger in den Arm fallen. Aber der Augenblick kommt, da du Weichling das Herz nicht mehr hast. Verstehen Sie?“ fragte er, stehenbleibend.

Balrich verstand, daß der da aus der Fassung war und hier im Dunkeln mit Dingen hervorkam, die nur ihn angingen. Ein armer Herr! Er machte seinen Arm frei. —

„Was ich will, muß Sie nichts kosten,“ sagte er hart. „Ich will Ihre Zeugenschaft und daß Sie den alten Brief herausgeben, worin geschrieben steht, daß das Geld des alten Heßling von meinem Onkel Gellert war.“

Buck zögerte nur kurz. Wieder mit seinem gewohnten Phlegma sagte er:

„Schon gut. Dann kommen Sie.“

Er ging voran. Balrich hinter ihm fühlte das Herz im Hals und fürchtete, nicht mehr mitzukönnen. War es denn wahr? Buck hatte den Brief? Und gab ihn einfach her? War dies Wahnsinn? War es eine Falle?

Er hörte nichts mehr. Erst als Buck ihm nachrief:

„Wohin laufen Sie denn?“ kehrte er um. Sie waren schon vor Villa Höhe. Ein dunkler Gartenweg. „Halten Sie sich an mich,“ sagte Buck. „Ich gebe lieber nicht das Zeichen, Licht zu machen. Wir kommen ohne Licht besser aus.“

Er führte ihn um das Haus, an vielen dunklen Fenstern vorbei. Als es hell ward, stand Balrich in einem weiten, seidenen Raum, goldgelb mit hellen Bildern. Buck verschwand nebenan, dort war es rotgolden und voll von Büchern. Sogleich kehrte er zurück.

„Da!“ — er reichte den Brief hin. „Überzeugen Sie sich!“

Indes Balrich das alte Papier hervorzog, entfaltete, prüfte, — sprach Buck in Ruhe weiter und holte dabei eine Kiste Zigarren.

„Daß er nicht mit verbrannt ist, dürfen Sie nicht für Zufall halten. Den ganzen Aktennachlaß meines Vaters habe ich gesichtet und dies zurückbehalten. Ihr Onkel war verschollen oder tot. Aber Sie, dachte ich, sein Erbe, müßten doch einmal auftreten . . . Was haben Sie denn?“ fragte er; denn Balrich hatte eine hochgerötete Stirn, und mit wilden Blicken über die Pracht der Räume hin, stieß er ein irres Gelächter aus.

„Das gehört mir,“ sagte er. Buck ließ sich langsam in einen Sessel.

„Sie übertreiben. Der Prozeß wird Sie erstens viel Geld kosten.“

Balrich zog die Brauen zusammen, daß die Augen darunter wie ein schwarzes Band aussahen. Er war tief erblaßt, er kämpfte mit der Versuchung, über den Menschen herzufallen.

„Das beste ist entschieden,“ sagte Buck, „Sie nehmen ein Glas von diesem hier.“ Er goß Likör ein. „Und auch eine Zigarre;“ — wobei er unter Balrich einen Sessel schob.

„Ich will nicht,“ sagte der Arbeiter. „Sie sind mein Feind.“

Buck schüttelte den Kopf. „Schade, wenn Sie es glauben. Das erschwert unsere Sache. Zum mindesten müßten Sie doch bemerken, daß ich dem Herrn Generaldirektor gern einen Denkzettel geben würde. Mit nichten will ich Ihnen einreden, nur im Namen der idealen Gerechtigkeit hätte ich Ihren Brief mir aufbewahrt. Ich verspreche mir gute Wirkung davon, wenn dem Heßling, mindestens theoretisch, zum Bewußtsein gebracht wird, er fuße auf Enteignung und am Anfang seines Rechtes stehe der Raub.“

Buck hatte glänzende Augen und dehnte sich in seinem Sessel.

„Noch ein Gläschen,“ schlug er vor und leerte selbst eins.

Balrich dachte: „Wie Onkel Gellert. Auch dieser ist ein Taugenichts, ich muß die Sache allein machen.“

„Aber,“ begann Buck wieder, „zum Märtyrer bin ich nicht geboren, sonst säße ich nicht hier in Villa Höhe.“ Mit dem Lächeln der Verachtung: „Leider kann ich ihn nicht erledigen, ohne auch mich zu erledigen. Darum, alles mit Maßen.“

„Das sagen Sie allein,“ stellte Balrich fest.

„Nein. Auch Sie müssen es einsehen. Tatsächlich geht es nur sehr mit Maßen. Auf gütlichem Wege, will sagen mit Hilfe jeder nicht lebensgefährlichen Bedrohung wird vielleicht eine Verzinsung des eingelegten Kapitals zu erreichen sein, wenn schon keine Tantiemen. Das ist nichts Großartiges, aber unterschätzen wir nicht den Gegner! Er wird, selbst wenn er zahlt, die Echtheit des Briefes leugnen.“

„Dann gibt es Richter,“ behauptete Balrich. Buck zuckte die Achseln.

„Wollen Sie es darauf ankommen lassen, wie ein Gericht befindet? Sie als Arbeiter müssen sich doch sagen: in den Vorstellungskreis bürgerlicher Richter paßt es nicht, daß ein Armer ein gültiges Dokument sollte beibringen können gegen einen Reichen, geeignet, ihn aus seinem Besitz zu werfen.“

„Wenn es aber doch echt ist!“ sagte Balrich, verbissen.

„Die Möglichkeit, daß es echt wäre,“ erklärte Buck, „wird mancher interessant finden, auch unter meinen Kollegen mancher. Dennoch übernimmt nicht einer die Sache ohne einen hohen Vorschuß. Ich selbst in meiner Lage kann es nicht, zum Märtyrer nicht geboren, wie ich mich fühle.“

Balrich hörte, nahm auf, und ward unsicher, je klarer der Herr dort sprach. Man hätte es nicht geglaubt, es sei derselbe, der vorhin im Dunkeln sich fassungslos hatte gehen lassen. Jetzt saß er in der Helle und wußte Bescheid in seiner Welt. Für Balrich war sie ein nächtlicher Verhau voller Fallen, — und ihn stürme!

„Was würden denn Sie tun?“ fragte er kleinlaut.

Buck sah ihn an wie einen Sohn.

„Ich? So wie ich bin? Ziemlich mürbe schon und in meinem Gedächtnis ohne Beispiel, daß eine gerechte Sache, die schwach war, je gesiegt hätte? . . . Dies würde ich tun.“

Er nahm den Brief seines Vaters aus den Händen Balrichs und bewegte die brennende Zigarre darauf zu. Balrich, mit rauhem Schrei, entriß ihm den Brief. Heraus aus dem weichen Sessel stand er fest auf seinen Beinen und schnaubte:

„Ich bin nicht Sie, Gott sei Dank. Und brauche Sie nicht, und Ihre Kollegen nicht. Mein Recht schaff’ ich mir selbst.“

Buck änderte seine Haltung und den leichten Ton.

„Dazu müssen Sie Anwalt sein. Wie wollen Sie das machen.“

„Das weiß ich!“ stieß Balrich hervor und stapfte nach der Tür.

„Halt!“ rief Buck. „Warten Sie noch! Sie hören das Auto, das ausfährt, um meinen Schwager abzuholen. Draußen ist jetzt alles beleuchtet.“

Er ging selbst zu dem jungen Menschen, er legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Erst zwanzig, wie? Und einen festen Kopf, vorwiegend Willen. Mein Sohn möchte so sein. Durch meine Schuld ist er anders.“

Buck trat zurück und sagte prüfend:

„Man soll es versuchen. Ich hole Ihnen etwas, aus dem Zimmer meines Jungen. Er schläft im übernächsten Zimmer, ich bin sogar erstaunt, daß er nicht erwacht ist von Ihrem Schreien. Denn mehrmals haben Sie geschrien. Sein Schlaf ist doch gut,“ sagte der Vater zärtlich und ging leise in die Tiefe seiner Wohnung.

Mit einem Buch kam er zurück.

„Da nehmen Sie! Er ist nicht aufgewacht. Die Stunde der Verschwörer ist nun auch vorbei,“ sagte er und zeigte auf eine Uhr, die Eins schlug. „Gute Nacht.“

Er führte Balrich ins Freie. Man sah jetzt; aus den Räumen, die sie verlassen hatten, fiel Licht auf den Weg.

Vor der Pforte, auf der Landstraße, wendete Balrich sich; gerade erlosch das Licht, — und im Dunkeln suchte er nach der Villa seiner Wünsche, sein brennender Blick holte ihre Umrisse hervor, zwischen herausspringenden Flügeln den zurückweichenden Haupttrakt und davor die Terrasse. „Ich werde sie haben,“ fühlte er. „Die schwachen, verwöhnten Menschen dort innen ahnen gar nichts.“ Er griff an seine Brust, nach dem Brief. „Der, der so dumm war, ihn herzugeben, ahnt am wenigsten. Sie denken, alles muß bleiben, wie es ist. Wie viel stärker ist der Angreifer! Wie bedroht ist der, der etwas hat!“ Laut und stark sagte er:

„Ich werde dich haben, so wahr ich dich sehe!“

Da, gerade da ward der Mond frei, strömte hin sein Licht über Haus und Garten — schenkte sie ihm geisterhaft, Farben des Traumes und der lüsternen Märchen, tiefblaue Schatten, silberne Wand; bot den Besitz ihm an wie ein Weib. Er taumelte.

Schon nahte wieder das Auto. Balrich warf sich rückwärts in die Tannen, brach hervor weiterhin und eilte fort im stampfenden Marschtakt, die Straße hinan in die Ferne, stundenlang.

Als er zurückkehrte, umschleierte blaue Frühe die Villa. Vogelstimmen erhoben sich schon und feuchte Düfte, aber noch streifte Mondlicht die Wege. Von der Terrasse dahinten rieselte es. Oder nein: ein Wesen, herabwandelnd im schleppenden Silbergewand, langsam von Stufe zu Stufe. Er suchte das Gesicht und fand nur Augen, die Augen seiner Schwester Leni.

„Siehst du,“ sagte er ihr, „dies ist für uns.“

Er fühlte: „Warum ich, statt Heßling? Aber weil auch Leni da ist.“

So weinte er denn, versteckt im Gebüsch der Tannen; und nach langem Weinen ging er auf die Fabrik zu, querfeldein, unter Vermeidung der Wohnhäuser. Unnütz, daß der Aufpasser am Tor ihm diese Nacht ansah.

Am Abend, als er seinen Rock wieder anzog, begegnete er darin einem fremden Gegenstand. Ein Buch — das Buch des Herrn Buck. „Da wird es sich zeigen, wie ich es mache,“ dachte er hoffnungsvoll und schlug auf. Was war das? Fremde Worte untereinander, daneben deutsche, und Sätze wie für Kinder. Ein Lehrbuch des Lateinischen — weniger noch, eine Lateinfibel . . . Der Arbeiter steckte sie schnell wieder ein und ging heim, gesenkten Kopfes.

Zu Haus aber erhob er ihn. Er hatte begriffen und war entschlossen. Sein Brot, seinen Käse — und gleich an den fichtenen Tisch, worauf sonst nie etwas lag. Jetzt liegt das Buch darauf. Es will gelernt sein — und dann ein anderes und wieder eins, und noch immer stehst du, zwanzig Jahre alt, bei dem, was die Knaben schon kennen. Du weißt nicht wie lange und weißt nicht wie, aber lerne! Dein ist die Nacht. Alle Nächte sind dein. Lerne!

Er legte sich hin, als es hell ward, goß sich drei Stunden später das Wasser aus dem Krug über den Kopf und ging zur Arbeit, im Tritt der Kameraden.

So fuhr Balrich fort zu leben, — und die erste, der es auffiel, war Thilde. Er beruhigte sie, gab ihr eine Stunde hin, die er nachher vom Schlaf abzog; — aber da es so nicht dauern konnte, erklärte er ihr einfach, nur am Sonntag könnten sie sich sehen. Er arbeite des Nachts. Er arbeite an der Verbesserung einer Maschine, es werde ihm Geld und Stellung bringen, seine ganze Zukunft hänge ab davon. Sie sah ihn kraftvoll erregt und ward ganz schüchtern. Er sagte noch: „Glaubst du denn, ich will hier nicht heraus? Ich zwinge es und werde reich!“

Da weinte sie und antwortete ihm:

„Dann wirst du mich verlassen.“

Er leugnete es, aber sie glaubte ihm nicht. Das Versprechen gab sie ihm dennoch, alles für sich zu behalten. Dann ging sie, fast von selbst, niedergebeugt in ihrem Tuch, und Balrich hatte vor sich seine Nacht.

Zwei Sonntage später, er hatte soeben die letzte Seite des Buches gelernt, klopfte es an seine Tür, und mit dem Kopf dienernd kam ein Bürschlein zutage, eins in weichem blauen Anzug, mit Lackschuhen und dem ahnungslosen Gesicht der reichen Kinder. Es legte seine Mütze auf das Bett und bat artig um den freien Stuhl.

„Es wird etwas länger dauern,“ sagte es. „Papa will, daß Sie mir das Ganze hersagen.“

Das Bürschlein öffnete das Buch.

„Ich habe dies nämlich schon längst wieder vergessen,“ äußerte es. „Warum wollen Sie überhaupt lernen?“ fragte es vertraulich. „Ein Vergnügen ist es nicht.“

Balrich sagte:

„Zum Vergnügen bin ich nicht da.“

Jetzt antwortete der Knabe:

„Ich weiß, Sie wollen Geld haben. Sie wollen unser Geld haben. Wundern Sie sich nur nicht,“ sagte er unbefangen. „Papa ist mein Freund und sagt mir manches.“

Der Arbeiter, nicht sicher, was zu denken sei, musterte den kleinen Reichen, der lächelte, und bemerkte dabei, daß eigentlich die Augen recht hell und wach blickten. Nur der Mund stand kindisch offen, und unbegreiflich töricht erschienen die hochgebogenen Brauen, unter diesen beiden großen schwankenden Blondlocken. Schmaler Kopf, die Schultern so schwach, — ein Schlag, dachte Balrich, und der freche kleine Nichtsnutz rutscht vom Stuhl . . . Statt dessen begann er, holprig herzusagen. Der Knabe unterbrach.

„Einen Augenblick. Ich heiße Hans Buck. Vierzehn Jahre elf Monate. Wollen wir eine Zigarette rauchen?“

Die Fehler Balrichs berichtigte er herrisch aber flüchtig. Nach einigen Seiten hatte er genug.

„Besser habe ich es auch nie gewußt.“

Balrich sagte:

„Ich muß es aber besser wissen. Ich brauche es nötiger.“

„Ihre Sache,“ meinte Hans Buck. „Für Klinkorum jedenfalls ist es gut genug.“

Es erwies sich, daß Balrich von Professor Klinkorum erwartet wurde. „Wir kommen sogar schon zu spät.“ Das Bürschlein stieß den Zwanzigjährigen zur Tür hinaus. Nebeneinander durchquerten sie die Wiese. Mitten darauf, wo die meisten Kinder lärmten, fiel Balrich lang hin; das Bürschlein hatte ihm ein Bein gestellt. Es bog sich vor Lachen, in einer Rotte, die mitlachte. Als Balrich dann zornrot aufkam, lief Hans schon. Er lief schwebend leicht, keine Aussicht, daß Balrich ihn fing, — wenn nicht ein paar junge Arbeiter ihm, trotz seinem Geschrei, es gölte nicht, den Weg verstellt hätten. Nun rangen sie; ein Griff Balrichs, und der Kleine, verzweifelt gegen den Boden gestemmt, war so gut wie aufgehoben und geworfen. Balrich aber, der ihn so schwach fühlte, tat unversehens, als verliere er selbst den Boden, und sprang zurück.

Sie gingen weiter, Hans Buck mit gepreßten Lippen und die Augen gesenkt. Da plötzlich nahm er Balrich beim Arm.