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Der Bruderhof.
Eine bäuerliche Liebes- und Leidens-Geschichte
von
Heinrich Sohnrey.
9.-11. Tausend.
Berlin.
Martin Warneck.
1905.
Druck vom Christl. Verlagshaus, Stuttgart.
Vorwort
Drüben die laubholzreichen Siebenberge oder Sieben Brüder, wie die eigentümliche siebenköpfige Leinebergkette zwischen Alfeld und Gronau wohl auch genannt wird; hüben die südwestlichen Ausläufer des Hildesheimer Waldes, deren wohlgepflegten Forsten Axt und Pflugschar in den letzten Jahrzehnten vielfach breite dunkelgrüne Ackerstücke abzwang, strotzend im herrlichen Wachstum der Urkraft. Zwischen beiden Bergzügen eine flache, fruchtbare Talebene, die, vom Nordwestrande des Harzes ausgehend, beim jähen Abfall der Siebenberge in die breite Gronauer Ebene sich verliert, die schon in das norddeutsche Tiefland hineinlugt.
Einen besonderen Namen hat dies Talland nicht mehr. Von den alten niedersächsischen Gaunamen hat sich nur der Ambergau im Osten lebendig erhalten, während der Flenitigau und Auringo, wie der mittlere und westliche Teil ehemals genannt wurden, längst der Vergessenheit anheimgefallen sind. Nur hier und da zeugte noch ein dunkler Flurname von den uralten Stätten der Geschichte, aber seitdem der Geometer mit seinen Ketten und Stangen auf den Feldmarken erschien und hier seine schnurgeraden mathematischen Figuren abzirkelte, sind mit den alten krummen Wegen und Schluchten und mit den urwüchsigen Büschen und Bäumen auch die letzten Flurnamen verschwunden, abgefallen wie die Blätter an einem verdorrten Baume. Heute erinnert schon gar nichts mehr an die Zustände der Vergangenheit. Keine alte knorrige Feldlinde mehr, kein Anger und keine Allmende, die Zeugnis ablegen könnten von dem gemeinschaftlichen Leben der Vergangenheit; keine Haselhecke und kein Feldrosenstrauch, keine Drossel und kein Hänfling, die von Liebe und Leid früherer Zeiten zu reden vermöchten; kein Sagengrund, wo noch der zauberhafte Klang von altem Gold und Silber zu hören wäre; — ja, nicht einmal ein brombeerumrankter Steinhaufen mehr, von dem aus man den Herrn Generalkommissar und seine Geometer, falls sie einmal zum Nachmessen kommen sollten, aus dem Tal hinaus bombardieren könnte, — zur Strafe dafür, daß sie die alte Romantik des Tales so ganz und gar zu Tode gemessen haben.
Alles eine blanke, heckenlose baumleere Breite, ohne Rast und ohne Ruh.
Und der Bauer, der hier lebt und stirbt? Teilt er wohl diese unsere elegischen Empfindungen?
Ach behüte, nein! Sieh’ ihn nur an, mit welcher stolzen Selbstzufriedenheit er seinen Chili streut; mit welcher sichern Zuversicht er den reichen Ertrag seiner wogenden Breite erwartet! Ja, sieh’ ihn an, und von allem, was du empfindest, von dem Reiz der alten Romantik, der in deinen Sinnen liegt, merkst du an ihm nicht eine Spur.
Gar zu erbärmlich und trübselig auch ist das Bild, das er in seinen Erinnerungen bewahrt, das er in seiner ersten Jugendzeit lebenswirklich sah. Noch sitzt hie und da ein Weißhaariger hinterm Ofen, der mit seinen Jahren über jene Zeit hinausreicht, da das Gesetz den Bauernstand von dem schweren Joche befreite, das willkürliche Herrenmacht ihm aufgehalst hatte. Es sind noch nicht viel über fünfzig Jahre her, da der letzte „Kolon“ dieses Tales in demütigster Unterwürfigkeit beim Herrn Baron oder Grafen „Meierstatt halten“ mußte.
Unsere Sinnenwelt, unser Gemüt empfindet eine Verarmung an unberührter Ursprünglichkeit, an sinnfälliger Poesie. Aber wer darfs dem Bauern verdenken, wenn er für die alten Erscheinungen seiner Heimat, die doch Zeugen seiner traurigsten Vergangenheit sind und nur traurige Erinnerungen in ihm erwecken können, nichts, auch gar nichts mehr empfindet! Ja, wer darf ihn schmähen, hat er nun selbst für alte Linden und duftige Feldrosen keinen rechten Sinn mehr. —
Mitten durchs Tal zieht sich eine Kette von kleineren und größeren Dörfern, und durch die Kette schlingt sich das silberne Bändchen eines schmalen Flüßchens, in den Dörfern die Despe genannt. Einst standen Erlen und Weiden an ihren Ufern, und neckische Wasserjungfrauen spielten in den Fluten, oder tanzten nach den Weisen der Vögel, die in den Bäumen musizierten. Heute, wo die Despe ohne den Schatten einer Erle oder Weide ihren Weg durch die Talfluren laufen muß und der Sommersonnenbrand vom Morgen bis zum Abend auf ihrem flachen Bette liegt, hat sie oft hart mit dem Dasein zu ringen; im Hochsommer sind es zumeist nur noch einige Tränen, die zwischen den gebleichten Steinen auf dem Grunde hinsickern und von der schweren Lebensnot des ehemals so lebensfrohen Bächleins zeugen. Nur wenn es an dem merkwürdigen alten Gehöfte in Woldhausen, einem kleinen Dorfe des Tales, vorüberkommt, jenem alten Gehöfte, das in den alten Meierbriefen als „wüster Hof“ bezeichnet wird, im Volksmund später aber als der „Bruderhof“ getauft wurde, findet es immer noch eine kleine schattige Bucht, wo es sich ein wenig zu sammeln und zu erholen vermag, wo es noch einmal von den verflossenen Zeiten träumen kann. Das waren für die Bächlein wohl goldene Zeiten, für die gemeinen Menschenkinder aber, die an ihren Ufern wohnten und scharwerkten, müssen es gar bitterböse Zeiten gewesen sein.
Ich höre das Bächlein murmeln. Eine Welle hebt sich auf den runden Kieselstein und blickt hinauf nach dem schmalen, gedrückten Giebel des Hauses mit den bröckligen Fächern und der schief hängenden Bodenklappe. Und der Blick gleitet über das morsche Gebälk hinab auf die zwei kleinen Fenster, die in den verfallenen Wänden liegen wie die müden, trüben Augen im vergrämten Antlitze eines unglücklichen alten Mannes.
Aber das Auge des Bächleins sieht noch ein andres Bild: Ein großes, schweres Kreuz, das ein Stand dem andern und ein Bruder dem andern einst auf diesem Bauernhofe errichtete. Ein großes, schweres Kreuz — und ein bleiches Bauernhaupt daran. Es ist, als wär’ es heute noch zu sehen auf dem winkligen Hofe, über den der alte Walnußbaum seinen Dämmerschatten breitet, oder als recke es noch immer die Arme aus drinnen in der stillen Stube vor dem kahlen kleinen Fenster. —
Während ringsum die Höfe sich sehr breit gemacht haben und glänzend geputzt dastehen, hat sich der Bruderhof in all den Jahren, die seit jenem Ereignisse verflossen, nur wenig geändert. Der Wickelbrunnen auf dem Hofe unter dem Walnußbaume war freilich vor fünfzig Jahren noch nicht; wer damals trinken wollte, so hören wir die Despe lispeln, kam zu mir, und ich gab ihm reichlich für ihn und sein Vieh.
Sonst aber ist es noch ganz und gar wie damals vor fünfzig Jahren! Ein verschrumpeltes, gedrücktes, gebücktes Bäuerlein, dem harte Fronarbeit, dem Sorge und Sünde ihren Stempel aufgedrückt haben.
Erstes Kapitel.
Der Wind stieß an den Walnußbaum. Und die Zweige stießen an das Dach. Klatsch — fiel ein mürber Stein auf den Hof, daß die Scherben gegen das niedrige Fenster flogen.
„Das ist nun schon der dritte!“ rief Marten, der jüngste der beiden Söhne und ging eilends hinaus.
„Es wird bald eine Veränderung im Hause geben,“ sagte der alte Oelkers, der schon geraume Zeit kränkelte und mit gebücktem Nacken im alten Holzlehnstuhle neben dem Bette saß.
„Meinst du, daß es nicht der Wind ist, Vater?“ fragte Steffen, sein Ältester, der auf der Bank unterm Fenster saß und Fizebohnen krüllte, eine Arbeit, die sonst den Frauen zuzufallen pflegt.
„Es ist nicht der Wind, Junge, es ist ’ne Vorbedeutung, Junge. Es wird wohl die längste Zeit mit mir gedauert haben, glaube ich.“
„Ach was, Vater! Du stirbst noch nicht, noch lange nicht. Weißt du, was ich eher glaube?“
Der Alte sah den Jungen erwartungsvoll an, und dieser fuhr fort:
„Ich glaube, es ist ’n Unding im Hause, ich habe heute morgen so was hinterm Schornsteine liegen sehen. Wenn das man nicht so ’ne Art Leber gewesen ist. Du weißt doch, wenn einer die Leber von einer Fledermaus hinterm Schornsteine versteckt, so ziehen die Undinger durch den Schornstein und quälen die Leute. Ich will doch gleich noch mal danach sehen!“
Es dämmerte schon stark hinter den kurzscheibigen Schiebefenstern, und man konnte nicht recht mehr sehen, was für ein Gesicht Steffen machte, ob er wirklich an das „Unding“ glaubte, oder ob er nur davon sprach, um den Vater auf andre Gedanken zu bringen. Er stellte den Bohnenkorb unter die Fensterbank, stand auf und ging hinaus.
Der Vater schüttelte den Kopf und murmelte etwas.
Draußen gingen Leute vorüber und lachten.
„Die können noch lachen,“ seufzte der Alte und stöhnte vor Schmerz.
Der Abend webte immer mehr seiner dunklen Fäden in die Leinewand des Septembertages. Das Käuzchen erwachte und rief den Gänsen etwas zu, die noch vergessen auf dem Hofe standen.
Der alte Oelkers aber meinte, es gelte ihm, er verstand: „Herriut! Herriut!“[1], und er stöhnte noch lauter.
Marten kam herein. „Vater, wir müssen ’n Dachdecker kommen lassen, es ist alles morsch.“
„Ja, es ist alles morsch,“ wiederholte der Alte. „Aber —,“ setzte er hinzu, „erst ’n Sargmacher und dann ’n Dachdecker.“
„Was sagt Ihr, Vater?“
„Hörste das Leichhuhn, Junge?“
„Ach was, Vater!“
„Hörste ’s nicht, Junge? Hörste ’s nicht? Sieh doch mal, daß du’s vom Hause wegkriegst, daß es mir nicht die ganze Nacht wieder in den Ohren liegt. ’s hat’s bei eurer Mutter auch so gemacht.“
Marten schüttelte den Kopf, schob das Fenster auf und horchte hinaus.
Steffen trieb gerade die Gänse nach dem Stalle und fluchte dabei, weil der Gante vor der Tür immer wieder ausbog und dadurch die ganze Schar wirr machte, so daß etliche links, etliche rechts auseinander stoben.
Marten lachte, sah forschend nach den Obstbäumen drüben über der Despe und sah gleichmütig hinauf nach den feinen blassen Sternen, die eben im Himmelsgrunde auftauchten und ihre Silberfäden in das Gewebe des Abends wirkten.
Den Vater schüttelte ein Frostschauder. Er kauerte sich zusammen und sagte: „Jetzt geht der Tod über die Stelle, da ich liegen werde.“ —
Marten stand noch spähend am Fenster.
„Hörste ’s, Junge?“
Herriut! Herriut! —
Ja, jetzt hörte er’s.
„Ich will es schon weg kriegen, Vater!“ sagte er, ging rasch hinaus und sah nach dem kleinen dreieckigen Loche oben über den Strohdocken des Giebels, wo die Eule gern zu sitzen pflegte. Er konnte den dreieckigen Umriß noch recht gut erkennen, strengte die Augen an und gewahrte auf einmal einen seltsamen Feuerball, der vom Himmel jählings über den First hinsauste. Es zuckte und flimmerte ihm vor den Augen, und als er wieder hinaufsah, wirbelte es wie ein Feuerrad in dem Giebelloche herum. Ein rieselndes Grausen im Nacken, riß er einen Splitter aus der Holzfimme, die wie ein breiter Kegel vor der Giebelseite stand, und warf ihn mit voller Kraft nach dem Eulenloche.
Das Gepolter wurde von einem hellen Mädchenlachen übertönt, und als der Splitter zu Boden fiel, flogen dem Burschen ein paar rotbäckige Äpfel um die Füße.
Hätte sie sich nicht durch ihr Lachen verraten, würde er’s doch alsbald an den Äpfeln gemerkt haben, wer dort über der Despe hinter der Haselhecke sich verborgen hielt, denn solche Äpfel gab es nur in Drewes Garten.
Er las sie hurtig auf und lief an das Ufer: „Sollst auch recht bedankt sein, Fieke, und hättest du mir auch ’n Loch in ’n Kopf geworfen.“
Wieder erscholl das helle Lachen. Dann raschelte es in der Hecke, die nach der Despe hinabhängenden Weißellern und Erlenbüsche schlugen auseinander, und ein schlankes Mädchen stand da, mit der Linken die zusammengepreßten Zipfel der Schürze haltend, die schwer mit Äpfeln gefüllt war.
„Bei dir ist’s wohl nicht ganz richtig heute abend, daß du euer Haus mit Splittern wirfst?“ fragte sie in ihrem lachenden Tone.
„Ich wollte das Leichhuhn treffen,“ erklärte er.
Sie zuckte ein wenig zusammen. „I gitte! War denn eins da?“ rief sie in einem zwischen Angst und Lachen steckenden Tone.
„O gewiß war eins da, ich glaube gar, eins mit hundert Augen!“ versicherte er eifrig.
Sie schüttelte sich; aber ihr Grauen hatte einen komischen Anstrich. „Ein Leichhuhn mit hundert Augen? Hu, mir graut, ich mache, daß ich ins Haus komme!“ Die Büsche raschelten.
„Bleib noch ’n Augenblick, Fieke,“ bat er, „dir kann’s doch nichts anhaben.“
„Wer weiß!“ entgegnete sie und blieb unschlüssig in der Hecke stehen.
Horch, horch! Wieder kam durch die dämmerige Stille der klagende, seufzende Ruf.
„Es ist gerade wieder wie damals, als unsere Mutter starb,“ sagte Marten. „Das Leichhuhn hat gemerkt, daß es auch mit unserm Vater nicht mehr recht gehen will. Aber ich werde jetzt alle Nacht aufbleiben und es schon fortkriegen.“
Die Büsche schlugen wieder zusammen, das Mädchen stand wieder ganz vorn am Uferrande und fragte bestürzt: „Steht’s wirklich so arg mit eurem Vater?“
„Er wird alle Tage hinfälliger,“ sagte Marten traurig.
„Na, er wird sich schon wieder aufrappeln,“ meinte sie, merklich bemüht, einen beruhigenden und ermunternden Ton zu treffen. „Euer Vater ist eine zähe Natur, der hat schon viel ausgehalten; ich meine, da kann die alte Eule noch lange schreien.“
Da schrie sie auch schon wieder. Doch die Rufe kamen jetzt aus den Obsthöfen drüben überm Bach her, und es fragte sich nur, aus welchem Hofe und von welchem Baume?
„Vielleicht sitzt sie gar in unserm Rötchenbaume,“ rief Fieke ängstlich und sah sich mit Schaudern um.
„Warte, da soll sie sich aber verjagen!“ Und er wollte sogleich über den Bach, als sie warnend den Finger erhob und lachend mahnte: Er hätte ja nur Holzschuhe an und würde ganz nasse Füße kriegen.
„Besser nasse Füße als nasse Ohren!“ Da hatte er auch schon ein paar große Steine aufeinander gelegt und sich im Nu hinüber balanciert.
Die Büsche schlugen wieder zusammen, und bald sah man die beiden drüben unter dem Rötchenbaume, dessen breite Zweige unter der Fülle seiner rotbäckigen Äpfel tief niederhingen.
Da kam unter den Zwetschenbäumen her, zwischen deren dichtem Gezweige sich ein freundliches Haus erhob, ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit breiter Brust und einem gesunden, etwas vollbackigen Gesicht, das von einer tief ausrasierten Bartkrause umrahmt war. Barhäuptig und in bloßen Hemdärmeln, hatte er die eine Hand gemächlich hinter die blauleinene Handwerkerschürze gesteckt, während er mit der anderen die kurze, knorrige Pfeife hielt, der die paffenden Lippen einen urkräftigen Knasterduft entlockten.
„No, Junge, wie geht’s denn?“ rief er in einem anheimelnd tiefen Tone, „ist die Leber und alles andere noch frisch und gesund? He, ich denke doch?“
„Bei mir wohl, Meister Drewes, aber beim Vater nicht!“
„Ach, der läßt sich so leicht nicht unterkriegen, Junge, dein Vater! Der ist von Stahl, habe ich immer gesagt.“
„Aber, Drewes Vetter, wenn der Multworm[2] dicht am Hause wirft und ’s Leichhuhn ruft, muß das doch etwas zu bedeuten haben.“
„Du solltest doch mal hinüber gehen, Vater,“ mahnte die Tochter und berichtete voll Eifers, was sie von Marten gehört hatte.
Da ließ Drewes die beiden stehen und ging mit ordentlicher Hast nach dem Hause zurück, um durch die Pforte auf die Straße zu gelangen, die zwischen einer kleinen Gruppe alter Eichen hindurch über die hölzerne Despebrücke und an der verfallenen Kirchhofsmauer vorbei dem Oelkersschen Hofe zuführte.
Zweites Kapitel.
Steffen, Martens älterer Bruder, hatte inzwischen dem Vater das Bett zurechtgemacht, das in der Wohnstube an der getünchten Innenwand aufgeschlagen war; er hatte das Stroh hochgelockert und einen mit selbstgewirktem groben Leinen überzogenen Pfühl darauf gelegt, dann dem leise ächzenden Vater sorglich hinaufgeholfen. Nun tastete er auf dem Boden umher, um die hingefallenen Strohspiere aufzulesen.
Da die Mutter nicht mehr lebte und eine Magd nicht gehalten werden konnte, hatte Steffen sich gewöhnen müssen, das innere Hauswesen zu besorgen. Er war eine arbeitsame, ruhige und geduldige Natur, die sich bei aller Schwerfälligkeit doch in jede Arbeit zu schicken wußte und alle Mühe und Last als etwas durchaus Selbstverständliches auf sich nahm. Er kochte und wusch, fegte und räumte, melkte und butterte beinah so geschickt wie die Mutter selbst, der er schon in den letzten Jahren ihres Lebens in den häuslichen Dingen ein treuer Gehilfe gewesen war. Er verstand überdies tapfer zu flicken, sogar Schuhe mit neuen Riestern und Sohlen zu versehen, und da die Einkünfte des Hofes größtenteils für die Meiergefälle und für „sonstige Prästationen“ aufgewandt werden mußten, waren diese kleinen Künste nicht gering zu veranschlagen.
Ein eigentümlicher „Krauter“, dieser Steffen! In seiner Gestalt von gut hainbuchenartigem Gepräge, kurz, steif und steifhaarig, mit eigentümlich blöde blickenden grauen Augen, hellborstigen Backen und einer kurzen Sattelnase, machte er gewöhnlich auch in geistiger Hinsicht den Eindruck etwas zu kurzen Wachstums. Doch war es in Wirklichkeit gar nicht so kurz, was sich namentlich dann offenbarte, wenn er einmal „einen Kleinen sitzen hatte“. Und das war gewöhnlich bei den gesellschaftlichen Gemeindehantierungen der Fall, beim Streuen von Maulwurfshaufen auf dem Pfingstanger, beim Heckenhauen, Weidenköpfen, Angerhüten und dergleichen. Dann erwies sich stets, daß er manches wußte, was andre eben zum ersten Male hörten, daß er z. B. nicht nur den Wicken-Thies[3] gut kannte, sondern auch in der Bibel genau Bescheid wußte. Die Leute pflegten daher zu sagen: „Der Steffen ist ’n Kujon und hat mehr Witz in der kleinen Zehe, als mancher Amman in seinem großen Kopfe.“
Sobald aber der „Kleine“ verraucht war, schien es Steffen ähnlich zu ergehen wie jener eigenartigen Blume in Drewes Garten, die ihren Kopf zuschloß, sobald die Sonne hinter den Siebenbergen hinabrutschte. Er war sich der Unzulänglichkeit seiner Natur auch selbst wohl bewußt, pflegte sich darum am liebsten ganz abseits zu halten und die äußeren Angelegenheiten des Hofes von seinem jüngeren Bruder besorgen zu lassen, der weltsinniger als er geartet war, in seiner Gestalt auch mehr der schlanken, glatten Rotbuche als der kurzen, struppigen Hainbuche glich.
Solange der Vater noch rüstig auf den Beinen stand, war es ausschließlich seine Sorge gewesen, daß der Meierzins rechtzeitig zum Hofherrn nach Bodenburg kam. Dreißig Jahre lang hatte er ihn selber hingetragen; im letzten Jahre aber war ihm das Gehen bereits so schwer gefallen, daß er die Gamaschen wieder abknöpfte und seinen Ältesten mit dem Gange betraute. Es war ihm fast wie eine bittere Entsagung vorgekommen; man konnte ihn gar seufzen hören: „Ein Gang, den der Mensch seit dreißig Jahren ununterbrochen gemacht hat, wird einem schließlich zur Natur, auch wenn einer auf diesem Gange aller Mühe Preis von dannen tragen muß.“
Jetzt hatte Vater Oelkers sich darein gefunden und bereits angeordnet, daß Steffen auch am kommenden Martinstage den Zins nach Bodenburg tragen solle, um bei der Gelegenheit dann sogleich den Hof für sich zu meiern.
Steffen hatte eben das aufgeraffte Stroh bei den Füßen des Vaters unter den Unterpfühl gesteckt und ging mit sachtem, aber dennoch dröhnendem Schritt nach der Tür, die auf die Küchentreppe hinausführte.
„Junge,“ rief der Alte, „steck erst den Krüsel an und dann setze dich mal ’n Augenblick daher. Ich habe mit dir was zu reden; denn ich glaube, ich werde den nächsten Martinstag nicht mehr erleben.“
Steffen ging ohne ein Wort in die Stube zurück, griff nach dem Ölkrüsel an der Zahnstange, die in der Nähe des Lehmofens vom Balken herabhing, nahm Zunder, Stahl und Stein vom Wandbrette über dem Ofen und „pinkte“ so lange, bis der Zunder fing. Den brennenden Krüsel, der ein bräunliches Dämmerlicht in der Stube verbreitete, hing er wieder an die Stange; dann rückte er einen Holzschemel an das Bett und setzte sich darauf.
Die blassen Knochenhände griffen wie in krampfartigem Schmerz in den buntgestreiften Leinewandüberzug der Decke, und über das tief in den Kissen liegende hohläugige Gesicht, dessen untere Hälfte von weißen Haarstoppeln starrte, ging ein schmerzvolles Zerren und Ziehen.
„Es dauert nicht so lange mehr, als unser Heiland Jesus Christus in der Erde lag — dann liege ich auf dem Stroh,“ stöhnte der Alte.
Steffen klopfte sorglich über die Decke, um die Federwülste, die sich hier und da unter den Windungen des Kranken gebildet hatten, auszugleichen. „Vater, ich will Euch noch ’n ordentlichen Topf voll Kamillentee kochen, der tut Euch gut für die Nacht,“ sagte er gutmütig, aber in etwas leierndem Tone.
„Och, Junge, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. An mir hilft kein Kamillentee mehr. Immerhin — man weiß ja doch nicht, wie lange der liebe Gott noch mit einem warten will. Da ist denn eine Hilfe weniger, aber eine große Last mehr im Hause ...“
„Och, Vater!“ beschwichtigte Steffen ihn.
„Doch, Junge. Und darum, wollt’ ich sagen, muß eine junge Frau ins Haus — und zwar so bald wie möglich. Du mußt freien, Junge. Das mußt du.“
„Och, Vater!“ wehrte Steffen wieder und wickelte in seiner Verlegenheit das heraushängende Bettlaken auf. Ein solches Thema hatte er mit ihm niemals erörtert.
„Haste schon mal mit Nabers Fieke gesprochen?“ fragte der Alte und stemmte sich auf die Hände.
Da ging Steffen hastig ans Fenster, als ob er den Vater jetzt nicht gut ansehen könne.
„No?“
Steffen drückte mit den Fingern auf die Erde in dem Rosmarintopfe, der auf dem schmalen Fensterbrette stand, und guckte auf die grünlichen kleinen Fensterscheiben.
„Ja, versucht hab’ ich’s wohl schon,“ druckste er endlich heraus, „aber“ ... Da steckte er wieder fest.
„Aber,“ fuhr der Alte nun mit einem vorüberhuschenden Lächeln fort,
„Frieen hät Meue,
Gift Bedden un Keue.“[4]
Steffen schob die flachen Hände auf den Knieen hin und her. „Ich habe ja schon mal so um die Brenne[5] geschlagen, aber ich weiß immer nicht recht, woran ich eigentlich bin,“ sagte er endlich, und ärgerlich fügte er hinzu: „Sie hat so ’ne verflucht übermütige und so ’ne ... so ’ne Art, — sie kann einen ganz albern im Kopfe machen, und — und — ich komme mir auch immer ganz albern bei ihr vor.“
„Hm,“ machte der Vater, und ein Lächeln huschte wieder über seine schmerzhaften Züge, „dann ist’s aber Zeit, daß du ihr einmal gehörig zu Leibe gehst. Mädchen, die einen albern machen, sind hernach schwer zu kriegen. Die Fieke ist nun aber ’mal so ’n rechtes, so ’n festes Mädchen. Die hat Arme und bringt ordentlich was ins Haus. Das ist ’ne Art. Käp Nawers Rind, frigge Nawers Kind, sau werste nich bedragen.[6] Darum mußt du die Brust ’raus drücken und ihr jetzt ’n Mann zeigen, der stramm in der Hose steht. Verstehste, Junge?“
„Ja, Vater, die Fieke möchte ich auch gar zu gern,“ sagte Steffen und rieb immer noch die Hände auf den Knieen. „Und der Herr Baron würde gewiß auch einverstanden sein, daß ich sie nähme.“
„Ha, das meine ich aber auch, Junge!“ bekräftigte der Vater. „Eine bessere kannste ihm nicht bringen. Was haste dann nicht auch für ’ne tüchtige Stütze an ihrem Vater, Junge. Wenn er auch man ’n Stellmacher ist! Wo der hinschlägt, da fliegen goldene Späne, Junge. Drewes kann dir ’mal gehörig böhren helfen, dann hast du keine Not. Ach, und dann — dann könnt ihr ’n Steg machen über die Despe, wie ich’n schon lange gesehen habe, wenn ich so nachts im Bette lag und nicht schlafen konnte. Und ihr könnt hinüber und herüber gehn und seid immer auf eurem Eigenen. Herrgott, da möchte ich mir noch so viel gesundes Leben wünschen, daß ich auch noch ’mal über den Steg ’rüber gehen könnte, wär’s auch nur noch ’n einzigen Sommer lang!“ Er hatte sich plötzlich vom Kissen aufgerichtet, sank aber kraftlos zurück und seufzte: „Ach, mit mir ist’s aus!“
Steffen rückte die Kissen zurecht und stob dabei zusammen, wie von einem jähen Schrecken erfaßt. „Vater, wird der Herr Baron mir aber auch den Hof wieder vermeiern?“
Der Alte machte eine energische Bewegung und rief in aufkochendem Zorne: „Saß nicht unser Urgroßvater schon auf diesem Hofe? Ist der Name Oelkers etwa so niedrig angeschrieben? Hat wohl einer von den Steinberg’schen Meiersleuten seinen Hof besser im Stande gehalten, pünktlicher seinen Meierzins bezahlt und sauberer das Korn gebracht als wir? Hat einer dickere Mahlschweine und fettere Mahlschafe, festere Martensgänse und Rauchhühner geliefert als ich? Herrgott! Hat nur einer auf der Welt sich mehr geschindet und geplagt, mehr Frost und Hitze ausgestanden für den Meierherrn als ich? Und bin ich trotz aller schweren Sorge und Not, trotz aller schlechten Zeiten, trotz Mißwachs und Hagelschlag mit dem Zins auch nur einmal um einen Tag im Rückstande geblieben? Oder nur ein einziges Mal um einen Nachlaß kniefällig geworden? Ho! Der gnädige Herr wird gern froh sein, Junge, hört er, daß dem alten Oelkers wieder ein junger Oelkers folgen will.“ Völlig erschöpft ließ der Alte den Kopf ins Kissen zurücksinken, sein Atem ging schwer und stöhnend.
Da ertönten draußen klappende Tritte.
Steffen hakte den Krüsel von der Stange und leuchtete auf die Stubentreppe hinaus.
„Ah, Meister Drewes!“
Drittes Kapitel.
Ein Fähnlein Knasterdampf wehte herein, und nun stand er selbst auch schon da, der breitbackige Meister Drewes. Er blieb einen Augenblick in der Tür stehen, sah stutzend auf das Bett und rief, während Steffen den Krüsel wieder an die Stange hakte: „Naber, ist das dein Ernst oder — willste dir man bloß mal ’n bißchen ’n kleinen Spaß machen?“
„Och, Andreis, der Multworm[7] am Hause und ’s Leichhuhn unterm Dache — — da muß man wohl dran denken.“
„I, Henderk!“ rief Drewes und zog den Schemel, den Steffen ihm sogleich hingestellt hatte, ans Bett.
„Es ist gut, Andreisvetter,“ sagte Steffen freudig, „daß Ihr ’rüber gekommen seid, Vater ist schon ganz trübselig geworden.“
„I, Steffen, konnteste denn nicht schon mal rum gekommen sein und uns Bescheid gebracht haben?“
Steffen schnippte mit zwei Fingern den Butzkopf vom Krüseldochte, griff ruhig in das Flämmchen und zog den Docht etwas höher heraus.
„Ich wäre morgen gewiß gekommen,“ antwortete er kleinlaut.
„Na, warum denn nicht schon heute, Junge? Machst dich ja verdammt rar bei uns.“
„Och, Andreis,“ begann nun der alte Oelkers, „ihm liegt zu viel auf’m Leibe, er kommt vor aller Arbeit nicht raus. Weißt doch, Naber, wo keine Frau im Hause ist ...“
„Ich will nur eben mal nach ’n Kühen sehen,“ sagte Steffen hastig und schob sich rasch zur Tür hinaus.
„Kannste auch ’s Schmöken vertragen?“ fragte Drewes, sich mitten in einem kräftigen Zuge unterbrechend.
„Der Seele macht’s nichts, Andreis,“ versicherte Oelkers mit einer beruhigenden Handbewegung.
„Willste denn nicht mal die Borstelmannsche kommen lassen? Das täte ich doch.“
„Och, Andreis, weißte, der ihre Zimperteggen[8] können mir nicht mehr helfen.“
„Oder doch ’n Doktor in Hilmesse[9] Bescheid sagen lassen?“
„Och, das sind große Kosten. Drei Stunden hin, drei her, weißte, Andreis, ich will das alte Gebäude man ruhig einfallen lassen; es ist doch nur noch ’n Gemökse. Ich nehme mich selbst nicht mal mehr geschenkt.“
Drewes schüttelte unwillig den Kopf. „He, ich werde dir aber die Borstelmannsche herschicken. Die hat doch schon so manchem geholfen. ’n Topf, der ’n Riß hat, kann noch lange gebraucht werden — natürlich, wenn ne ordentliche Frau im Hause ist. Was ich darum noch sagen wollte, Henderk,“ fuhr er fort, indem er mit dem Daumen auf die Asche im Pfeifenkopfe drückte, „ne Frau müßt ihr wieder ins Haus haben, i natürlich, das geht doch nicht anders, dann haste auch eher deine gehörige Aufwartung — i natürlich.“
„Ja, was sagste denn, Andreis,“ fragte Oelkers gleich gerade heraus, indem er sich auf beide Ellbogen stemmte und den Kopf mit Anstrengung erhob, „würdest du uns nicht deine Tochter geben?“
„No, warum denn nicht, Henderk! Aber bringen tue ich sie euch nicht, wenn Steffen sie nicht holt!“ antwortete Drewes in seiner lauten und lustigen Weise.
„Na, das ist doch ’n Wort, Andreis,“ rief Oelkers freudig gerührt und hielt den Kopf mühsam aufrecht. „Ja, schicke mir doch man die Borstelmannsche nochmal her; jetzt kriege ich doch auf einmal ordentlich wieder ne Lust zu leben.“
Meister Drewes lachte, daß es durchs Haus dröhnte, schüttete etwas Asche aus, kehrte die Pfeifendose um, daß der braune Saft herauslaufen konnte und sagte: „Habe heute ’n Aßschemel und ’n Wenneschemel und zwei Waugarme abgeliefert und soll in ’n nächsten Tagen sechs Pflugstürzen, zwei Polterbretter und drei Sichtbäume, sowie ’n Pflugrump und ’n Salrad fertig haben, und ’n neues Hintergestell und ’n neuer Pflug ist auch schon wieder bestellt. Geht das so weiter, muß ich mir am Ende noch ’n Gesellen nehmen.“ Dabei brach er abermals in sein behagliches Lachen aus.
„Ja, Handwerk hat einen goldenen Boden,“ bemerkte der Kranke.
„He, es läßt sich an.“
„I, tu man nicht so, Andreis!“
„Naber, du weißt, wie ich angefangen habe: klein und kümmerlich genug.“
„Auch ’n Fuder Weizen fängt mit einer Forke voll an,“ erwiderte Oelkers und lächelte.
Drewes wiegte den Kopf und schmunzelte. „Na, ja, heute habe ich doch ’n eigenes Nest und auch noch ’n bißchen drum und dran.“
„Ei, Naber, das sage ich auch!“ rief Oelkers lebhaft, worauf Drewes mit einer ihm wohl anstehenden Selbstgefälligkeit fortfuhr: „Und für ’n paar Morgen Land langte es wohl auch noch, wenn ich ’n Jungen hätte. Aber ich habe nur das Racker von Mädchen ...“
„’n Mädchen und ’n bißchen Bares ist immer was Rares,“ bemerkte Oelkers und schnalzte förmlich mit der Zunge.
Drewes rieb sich die Hände und lachte mit strahlenden Augen.
Oelkers stützte sich wieder auf die Hände und sah den alten Freund dankbar an.
„Andreis, du treibst mir alle Schmerzen aus ’n Knochen ’raus! Was freue ich mich, daß uns der liebe Gott so nahe beisammen gebracht hat und daß wir unser Leben lang so gute Freundschaft miteinander gehalten haben. Sieh“ — jetzt wurde seine Stimme etwas kleiner — „ich habe ja leider Gottes nichts zurücklegen können. Du weißt, man hatte immer seine liebe Not mit all den Lasten und Abgaben, und daß man nur seinen Hofherrn zufrieden stellte.“
Drewes ging hastig durch die Stube. „Düwel auch und Dunnerschlag, es ist nur ein Glück, daß der Bauer nicht auch den Himmel zu meiern braucht!“
Der Kranke nickte. „Mit dem Troste habe ich mich in meinem Leben oft getröstet. Hatten wir schlechte Jahre, war das Korn ausgewachsen und das letzte Schwein im Stalle krepiert, habe ich wohl manchmal gedacht, wie schön es doch im Himmel sein müsse, wo man keine Meiergefälle und keine ‚sonstige Prästationen‘ mehr auf sich zu nehmen braucht. Und darum, Andreis, freue ich mich nun auch, daß es jetzt so weit mit mir ist. — Aber so lange man noch da ist, denkt man doch an die Kinder. Man wünscht doch, daß sie ’s mal besser hätten.“
In plötzlicher Aufwallung schlug Drewes auf die Bettdecke, daß es klatschte.
„Henderk, wir wohnen zu tief, zwischen den Bergen, daß wir nicht recht um uns ’rum sehen können. ’ne halbe Stunde hüben, da sitzen wir mit der Nase im Woole; ’ne Stunde drüben, rennen wir uns ’n Kopf an ’n Sieben Brüdern ein. Da drunten gucken wir in die Haide rein und da droben wohl auch mal, ist ’s klar Wetter, bis zum Blocksberge ’rauf. Aber da drum herum geht die Welt erst an, und gegen die ist unser Tal nur wie ’n Schöttelkranz unterm Kaffeekessel. Heute morgen, als ich aufstand und aus der Bodenklappe guckte, stieg ’n großer Rauch überm Woole und über ’n Sieben Brüdern auf. Da dachte ich mir, das könnte der Rauch sein, der jetzt in allen Ländern von den Aschenhaufen der Herrenrechte aufsteigt, unter denen der Bauersmann seit so vielen Jahrhunderten zu kratzen und zu keuchen gehabt hat. Das ist ’n Rauch, der keine Augen beizt, das ist ’n Rauch, der die Dörfer hell und lustig macht, der die neue Zeit bringt, die schon Wicken-Thies prophezeit hat, in der die Bauern auch mal ’n Wort sagen dürfen und wenn sie wollen, auch mal Kutschen fahren können. Hei, Naber, so ’n schöner Rauch muß auch hier auf’m wüsten Hofe bald aufsteigen. Düwel noch mal! Haben wir nicht endlich ’n aparten König für uns gekriegt? Haben wir nicht das neue Gesetz, daß alles abgelöst werden kann? Donner, Naber, denkste denn nicht daran?“
„Och, Andreis,“ seufzte Oelkers, „das Gesetz, ja das ist wohl da. Aber — das Geld, Andreis, das Geld, das ist man nicht da. Das ist ’n Fisch für den, der ’n Regenwurm hat, Andreis.“
Drewes machte eine Handbewegung, als wollte er sagen: dieser bin ich. Er ging noch einmal durch die Stube, setzte sich wieder an das Bett und sagte mit einem Tone verhaltener Freude:
„Weißte, Henderk, mir kommt ’n Bauernhof unter dem alten Herrenjoch immer so vor wie ’n häßlicher alter Frosch, der erst tapfer gebissen werden muß, um in den wunderschönen Prinzen zurückverwandelt zu werden, der er einstmals war. Du kennst doch das Märeken von dem Mullkönige? Der kroch aus dem Waldeslaube wie ein großer Frosch und hatte auf dem Kopfe einen blutroten Kamm, der wie eine Krone aussah, und er sagte zu der schönen Kaufmannstochter, die so arm geworden war, daß sie im Holz Erdbeeren zum Verkauf pflücken mußte: ‚Ich will dich reich und glücklich machen, ich will dir ein ganzes Königreich zu eigen geben, wenn du mir den Kopf abbeißt.‘ Aber das Mädchen ekelte sich davor und lief weg, so schnell es nur laufen konnte. Aber die große Not trieb sie, daß sie dann doch wieder ins Holz ging und rief:
Mull, Mull, Mull,
Mien Harte is vull!
Da raschelte auch der Mullkönig wieder aus dem Laube, und sie packte das häßliche, abscheuliche Tier herzhaft an, drückte die Augen fest zu und biß ihm den Kopf ratsch ab. Da stand auf einmal ein wunderschöner Jüngling in prachtvollen Kleidern vor ihr und hielt ihr eine funkelnde Goldkrone hin und sagte:
De Kopp was miene,
De Krone is diene.
Und da tönten die Posaunen, und es kamen lange Züge von Rittern und Damen an, und es kam das ganze Volk und rief: ‚Vivat hoch! Es lebe unser König und seine Königin!‘
„Siehste, Henderk, und das bare Geld, das ich meinem Mädel mal mitgeben kann, soll dem häßlichen alten Mullkönige den Kopf abbeißen, daß er wieder ein wirklicher König werden und auch wieder eine wirkliche Königin haben kann — und wenn’s etwa noch nicht reicht,“ — er reckte die Arme, daß sie knackten — „Dunnerschlag, dann wird noch was gehobelt und gebohrt! Ha, ich freue mich auf den Augenblick, da Steffen vor euern Herrn hintreten kann und kann sagen: Hier ist das Geld für die Ablösung, und nun adjüs! Wir sind geschiedene Leute und kopulieren lassen wir uns niemals wieder! Ich bin kein Bauer, aber ’n Bauerskind und freue mich für meinen Vater, der in der Erde liegt, daß nun allerwärts ein rechter Frühling werden kann für den Bauernstand. Aber ich freue mich auch für mein Kind. Gebe ich deinem Jungen meine einzige Tochter, — he nun, so will ich natürlich auch, daß sie frei vom Joch auf dem Hofe soll schalten und walten können, daß sie die Schweine und Rinder, die Gänse und Hühner nicht aufziehen muß, bloß damit sich der Meierherr das beste dazwischen ’raus suchen kann.“
Der Kranke stieß einen schluchzenden Laut aus. „Gott im Himmel soll dir’s lohnen, Naber. Ha, das ist ein Zauberwort für’n verwünschten Bauersmann! Aber ich komme mir vor wie Moses auf dem großen Berge: Ich sehe das gelobte Land von ferne, doch hinein komme ich nicht mehr.“
Drewes warf den Kopf zurück. „He, warum denn nicht? Ich werde dich schon reinbringen, Henderk. Und der liebe Gott wird schon nichts dagegen haben. Moses war ’n alter jüdischer Racker und hatte gesündigt, aber was hast denn du Böses getan, Henderk, daß du nicht hineinkommen solltest? Doch nun laß uns mal weiter reden,“ sagte Meister Drewes mit Bedacht und stülpte den Pfeifenkopf um, „wie denkste denn aber deinen Zweiten abzufinden?“
„Och Gott, ich denke, der bleibt auf’m Hofe und verdient, was er braucht.“
„Na ja, aber wie ich deinen Marten kenne, wird er sich auf die Dauer mal nicht damit begnügen, seines Bruders Bruder zu sein; er wird sagen: Bruders Bruder heißt Bruders Knecht und wird nach etwas anderem trachten. Ihm steckt etwas im Kopf, der geht mal nach Hilmesse oder Hannover, wird Kutscher oder so was. Sollst sehen, der bringt’s mal weiter.“
„Den Kopf hat er ja dazu, der Junge. No, und will er dann mal durchaus hinaus in die Welt, no, so soll ihm der Älteste achtzig Taler raus geben, habe ich gedacht.“
Drewes fand das „recht und billig“, nickte und schloß: „So hätten wir nun das Wichtigste besprochen, und denn laß Steffen morgen man gleich ’rüberkommen.“
Da strich ein scharfer Windhauch in die Stube, und ihm nach kam Steffen, in der einen Hand einen schwarzrindigen Knust Brot, in der andern den „Kraus“, einen irdenen Deckelkrug, die Tür mit Ellbogen und Knie aufstoßend. Auf seinem Gesichte lag ein freudiger Glanz, in den derben Zügen zitterte eine leise Erregung. Er legte das Brot auf den Tisch, reichte Meister Drewes den Krug und sagte, indem er die Hand übers Knie wischte: „Gesundheit, Meister Drewes!“
Der Meister dankte, nahm den Krug und setzte ihn ohne weiteres an.
„Hoffentlich schmeckt’s Euch noch, denn es ist schon ’n bißchen lange her, daß wir gebraut haben,“ sagte Steffen und strich sich die fahlen Haare, die etwas straff über die knorrige Stirn niederhingen, mehrmals vergeblich zurück.
„’s ist das erste und einzige, was wir nach Mutters Tode gebraut haben,“ fügte der alte Oelkers wehmütig hinzu.
„Ja, die Mutter verstand sich besser darauf,“ beteuerte Steffen.
Drewes setzte den Krug mit einem tiefen Atemzuge auf den Tisch, fuhr sich mit der breiten Hand über die schmatzenden Lippen und beteuerte: „Laßt gewähren, Kinder, das ist’n ganz guter Trunk. Meine beiden Frauensleute brauen ihn auch nicht besser. — Besuchst du uns morgen, Steffen, soll dir meine Fieke auch ’n Kraus bringen. So, Junge, und nun leuchte mir ’raus!“
Steffen nahm den schwelenden Krüsel von der Stange und ging voran. Von der Schwelle der Stubentür ging eine schmale schwärzliche Holztreppe an einem großen Rauchfange vorbei auf einen rußgeschwärzten Raum, der Diele und Küche zugleich war. Die nächste und größere Tür linker Hand führte auf den Hof; eine Tür in der Innenwand nach dem Pferdestalle, auf dessen Nähe schon der eigentümliche Geruch deutete.
Es war sternenklare Nacht geworden; der Bach plätscherte, und eine Fledermaus schwirrte durch die Luft. Von der Kirchhofsmauer fiel ein Stein auf den Weg. Drewes dachte unwillkürlich an den Stein, der schon seit langen Jahren aus der Mauer der Godehardikirche zu Hildesheim hängt. Wie erzählt wurde, sollte Pappenheim ihn mit einer Kugel getroffen haben. Würde er einmal ganz aus der Mauer fallen, so müsse die Kirche an die Lutheraner kommen.
„Hoffentlich fällt er bald,“ sagte Drewes und sah nach dem kleinen Zwiebelturme, in dem sich’s regte, als schlüge der Hahn auf dem blinkenden Knaufe die Flügel zusammen.
„Das ist doch merkwürdig,“ murmelte er mit einem beinahe scheuen Blick über den Kirchhof und ging rasch vorüber.
An seinem Hofe angekommen, bemerkte er zu seiner Verwunderung, daß Marten und Sophie immer noch mit einander unter dem Rötchenbaume standen und Sophie immer noch die gefüllte Schürze vor sich hielt.
„I na,“ rief er hinüber, „sitzt denn die Eule immer noch im Rötchenbaume? Ich denke, Fieke, du kannst nun ’rein gehen. Es ist Zeit, daß die Mäuse aufstehen.“
„Sie hat sich da in irgend einen Baum verkrochen, Drewes Vetter!“ rief Marten hastig; er wolle aber die Nacht aufpassen.
„Ich glaube eher, sie sitzt im Kirchturm,“ meinte der Alte darauf und deutete an, was er im Vorbeigehen bemerkt hatte. „Laßt sie sitzen, wo sie sitzt, Kinder,“ schloß er, „ob im Rötchenbaume oder im Kirchturm, — der liebe Gott sitzt immer noch über ihr.“
Sophie schauderte und lief schnell ins Haus, während Martin sich nach den Büschen an der Despe zurückzog.
Als Drewes die Haustür zugeriegelt hatte, hörte er, wie Sophie in der Küchenkammer die Äpfel ausschüttete.
„Die Äpfel hättest du längst ’reingebracht haben können,“ sagte er etwas unwillig.
„Es ist ja schon die fünfte Schürze voll,“ versicherte sie eifrig. „Sieh doch nur her, Vater!“
Sie steckte einen Krüsel an, und der Vater sah nun das Apfellager in der Küchenkammer fast gefüllt.
„Na ja, aber des Nachts braucht man doch gerade keine Äpfel zu pflücken,“ meinte er und rollte, während der baumfrische Duft durch die Kammer ging, die Äpfel behutsam auseinander. „So ’ne Eile hätt’s doch gar nicht mit unsern Rötchen,“ brummte er noch.
„Na, Vater, der Baum ist doch hoch, und weil Marten auf das Leichhuhn passen wollte und Langeweile hatte, konnte er mir doch gern ’n bißchen pflücken helfen. Ist doch auch nichts dabei!“ Und sie lachte dazwischen, daß es hell durchs Haus hinklang.
Er nahm ihr den Krüsel aus der Hand und leuchtete ihr ganz nahe ins Gesicht. Die schwelende Flamme zog von dem weichen runden Kinn über zwei volle rote Wangen und ein etwas aufgeworfenes keckes Näschen empor zu zwei übermütig aufgerissenen blauen Augen, in denen das verhaltene Lachen stand und die Lust am Apfelpflücken noch nachstrahlte.
Er hob den Finger: „Morgen Abend soll dir Steffen beim Apfelpflücken helfen.“
„O, Vater!“ lachte sie und „gute Nacht, Vater!“ rief sie und sprang am Herd vorbei nach der Stube, aus der die Mutter gerufen hatte.
Viertes Kapitel.
Am andern Tage spannte Marten die beiden braunen Gäule an, um eine Fuhre Klafterholz über den „roten Berg“ nach Hildesheim zu bringen. Es fielen auf die Hofstelle drei Klafter Spalt- und Knüppelholz und zwei Schock Wellen. Man behalf sich aber zumeist mit Raffholz. Das Klafterholz wurde erspart und in Hildesheim gegen ein gutes Stück Bargeld verkauft, das teils zur Erlangung notwendigster Bedarfsartikel, größtenteils aber zur Bestreitung des Meierzinses diente.
Steffen war also allein auf dem Hofe und hatte alle Hände voll zu tun. Er mußte die Kühe besorgen, für die Schweine kochen, mühselig Futter schneiden, Wasser aus dem Bache heraufholen, eine Lage allein dreschen, Saatkorn sichten, dazwischen dem Vater aufwarten und so fort ohne Ende. Das wäre ihm alles nicht so glatt von der Hand gegangen, wie er sich selbst versicherte, wäre in dem schwarzen Küchenschranke nicht ein Tröster zu finden gewesen, der ihn immer wieder munter und schließlich sogar ganz witzig machte, so daß selbst die Schweine zu lachen schienen, wenn sie ihn sahen und hörten.
Als es gegen die Vesperzeit kam, mahnte Vater Oelkers: „Jetzt mach’ und geh ’rüber, daß wir ins klare kommen!“
Steffen wischte sich mit dem Kittel über das schwitzende Gesicht und guckte durchs Fenster nach dem Drewesschen Hofe, bis der Alte abermals zu mahnen begann.
„Ja, Vater, denn will ich man gleich gehen,“ sagte er und wollte sich, so wie er war, auf den Weg machen.
Der Alte kämpfte einen Krampfanfall nieder, schüttelte den Kopf und keuchte: „Mach dich aber erst ’n bißchen zurecht, Junge! Zieh mein rotes Brusttuch mit dem grünen Besatz und mein sammetmanchesternes Kaput an; beides paßt dir gut, und ich brauche weder das eine noch das andere mehr. Für so ’n Gang, wie du ’n vorhast, Junge, darf einem nichts zu gut sein.“
„Ja, Vater!“ Steffen stieg eilends auf die „Böhne“ und tat, wie der Alte gesagt hatte. Und als er erst in Eifer geraten war, tat er noch ein Übriges, ging an den Bach und wusch sich Hände und Gesicht, so daß auf seinen Backen ein ganz roter Glanz wurde, was aber zu einem guten Teile auch von seiner außergewöhnlichen Erregung kommen mochte.
Als er an der Kirchhofsmauer vorüberging, wunderten sich die Leute, die ihm hier begegneten, nicht wenig über sein schmuckes Aussehen.
Meister Drewes war gerade an der „Wipprauge“[10] beschäftigt, als Steffen vor der Haustür erschien. Die Wipprauge, ein biegsamer Baum, war unter dem Küchenbalken befestigt, ging hoch über den Querbalken der Türe zwischen Küche und Diele auf die Diele hinaus und setzte hier eine Drehbank, mit der ihr Ende durch einen Strick verbunden war, in Betrieb, d. h. wenn des Meisters starker Fuß es wollte.
Als Drewes den glühenden, strahlenden Freiersmann gewahrte, setzte er sofort den Fuß vom Tretbrette ab, stellte die Radnabe, an der er gearbeitet hatte, an die Wand, wischte sich die Späne von der blauen Schürze, begrüßte den Besuch mit einem kräftigen Händedrucke und führte ihn über den rauchenden Küchenvorraum in die Stube. Wie Diele und Küche, so war auch noch die halbe Stube zur Werkstatt eingerichtet. Unter den beiden kleinen Schiebefenstern der Längswand stand die Hobelbank. Zwischen den Fenstern und einer Holzleiste, die quer unter den Fensterbrettern hinlief, hingen Bohrer, Feilen, Meißel, Stemmeisen und was dergleichen mehr war. An der Giebelwand stand die „Tögebank“[11]; ein Tögemesser lag darauf; Sägen in allen Größen hingen an der Wand; in der Ecke richteten blanke Holzenden, und daß auf der Hobelbank an diesem Tage fleißig gearbeitet war, bezeugten die krausen, frischen, duftigen Hobelspäne, die den Boden bedeckten.
Um so sorgfältiger war die andere Hälfte der Stube gehalten, zu der die trauliche Ofenecke, die Kammerwand und die halbe Giebelwand mit dem einen Fenster gehörte. Vor dem Fenster mit den blitzblanken „Ruten“ standen Blumentöpfe, soviel ihrer nur Platz hatten: Myrten, Fuchsien, Rosmarin und Balsaminen. Blumentöpfe standen auch, in seltsam eigenartiger und künstlerischer Weise gemalt, an den Türen der beiden kleinen Schränke, die nebeneinander in der Innenwand lagen. Es waren tulpenartige Gewächse, die aus den Töpfen in zierlichen Windungen und Verschlingungen herauswuchsen. Auch die Kammertür hatte einen Füllungsrahmen von anmutigem Blumengerank. Der Boden, mit Dielen belegt, war weiß gescheuert und mit frischem Sand bestreut; nicht das kleinste Holzspänchen hatte sich dazwischen gewagt, und als Steffen mit seinen schürfenden Schuhen etliche der krausen Dinger bis nahe an den Tisch schob, bückte sich der Meister hurtig danach und warf sie zurück in sein Reich. „Wenn das Fieke sähe,“ bemerkte er leise mit aufgezogenen Brauen und drolligem Mienenspiel, „gäb’s ein großes Unwetter — nicht wahr, Mutter?“
Die Meisterin, die mit etwas schiefer Schulter am Spinnrade saß und Wolle spann, nickte ihnen lachend zu, legte den braunen Wollstrang, den sie unterm Arm hielt, über das Rad, begrüßte Steffen herzlich, aber doch mit einer gewissen Zurückhaltung und fragte nach dem Zustande des Vaters.
„Hat ’n die Borstelmannsche gebötet?“[12] fiel Drewes schnell ein.
Steffen zuckte die Achseln. „Die Borstelmannsche ist freilich dagewesen, hat auch ihre Baute getan; aber geholfen hat’s nicht. Vater sagt selber, da hülfen keine Zimperteggen[13] mehr. Er wäre ein mürber Apfel, der nur noch halb am Stengel hinge und beim ersten Windstoße ins Gras fiele.“
Mutter Drewes, die in ihrem weiten Flausrock drall und rundlich aussah, legte bedauernd die Hände zusammen, während der Meister nachdenklich durchs Zimmer schritt. „Will’s Gott, Junge, so ist’s wohl nicht so schlimm,“ sagte die Frau und wischte sich mit der Schürze über die feuchtgewordenen Augen. „Wenn nur mal der alte Braunschweiger Schäfer wieder käme, der den wunderbaren Bötesegen kann, der schon so vielen geholfen haben soll,“ sagte sie und sah Drewes an, der an einer Pflugzunge hobelte. Er legte den Hobel hin und meinte, von dem hätte man schon so lange nichts mehr gehört, der würde wohl tot sein und den Bötesegen mit in die Erde genommen haben.
Frau Drewes riet noch dies und jenes und mahnte: „Seid nur recht um ihn herum und backt ihm öfters ’n Spiegelei, daß er nicht gleich zu sehr von Kräften kommt.“
„Mutter, unsere Fieke soll ihm mal was ordentliches zurecht machen,“ sagte Drewes, klinkte die Tür auf und rief nach der Küche hin: „Fieke! Fieke!“
„Wo brennt’s denn, Vater?“
„In der Kehle, dummes Ding! Steffen ist da. Mach geschwind und bring ’n Kraus Trinken rein!“
„Ho, hopsa, ja, gleich, gleich!“ erscholl’s von der Küche her.
Der Alte rieb sich die Hände und sagte: „Nun sollste mal sagen, wie dir unser Gebrautes schmeckt, Junge!“
Steffen hatte am Tische Platz genommen, die Meisterin wieder zu spinnen begonnen, während der Meister, wie er gern zu tun pflegte, sich auf die „Tögebank“ setzte.
„Der Kraus der kommt!“ ertönte es jetzt ganz nahe hinter der Tür.
„Was bringt er?“ rief Drewes, mit Lächeln den alten Spielspruch aufnehmend.
„’ne witten und ’ne greunen,
eck will jöck drei Junggesellen neumen.“[14]
antwortete Sophie lustig hinter der Tür.
„Ach, dumme Deer, was willste mit einem Weißen und einem Grünen?“ lachte Drewes, „nimm du dir einen Fahlen und laß die Schreiber und die Jäger zum Teufel laufen.“
Nun ging die Tür auf, und Sophie trat mit dem Kruge herein. Er war von kunstfertiger Töpferhand mit verschlungenem Blumengerank geziert, über das ein leichter Schaum herabfloß.
„Gesundheit, Steffen!“ sagte sie und reichte ihm den Krug, worauf sie sich die Schürze und der schwarzen Katze, die alsbald die hellen Kanten ihres gewirkten Rockes umschmeichelte, den Rücken glatt strich.
Steffen hielt den Krug einen Augenblick ziemlich unbeholfen in der Hand; dann sagte er mit verlegenem Lächeln: „Du mußt mir aber doch zutrinken, Fieke.“ ...
„Ah, es ist kein Gift drin, Steffen!“ entgegnete sie und kniff die Katze in den Schwanz, daß sie laut miauend nach dem Ofen lief.
„Nicht wahr, Drewes Vetter?“ wandte sich Steffen gleichzeitig mit mühevoller Spaßhaftigkeit an den Alten.
„Natürlich muß sie das, aber natürlich!“ nickte der Alte gewichtig, und die Mutter stimmte ebenfalls zu.
Das Mädchen drehte sich ein paarmal auf dem Absatz herum, daß die weißen Kanten ihres Rockes wie schnurrende Reife um sie flogen, und da der Bursch immer noch auf seinem Verlangen bestand, sagte sie mit einer komisch-ernsten Miene: „Aber Kinder, solche Umständlichkeit!“ nahm den Krug zurück und hob ihn mit beiden Händen empor an ihre roten schelmisch zuckenden Lippen.
Steffens Augen hingen an ihrer Gestalt. Er sah, als sie den Krug an der Lippe hielt, wie sich die volle Brust in der leichten Kattunjacke spannte und formte, wie das gesunde rote Blut durch die frischen, runden Wangen schoß, — und als er den Krug zurück erhielt und dabei von ihrer weichen, warmen Hand berührt wurde, überlief es ihn siedendheiß, und als er gar ihre lachenden Augen auf seinem Gesicht fühlte, wurde er ganz verwirrt, seine kräftigen Backen glühten auf einmal wie Eisen im Schmiedefeuer. Der Krug bebte in seiner Hand; es schien, als schämte er sich zu trinken.
„Na, Junge, nun mußte aber auch trinken,“ mahnte Drewes.
„Ja, ja!“ rief Steffen, schier zusammenzuckend und setzte an, verschluckte sich aber gleich beim ersten Zuge und mußte mit einem fürchterlichen Husten kämpfen, also daß ihm beide Augen überliefen.
„Oh, oh, Steffen!“ rief das Mädchen mit komischem Bedauern, „ist dir was in die Sonntagsstraße gekommen?“
„Ja, ja!“ stöhnte er, mit aller Kraft bemüht, den lächerlichen Hustenausbruch niederzuwürgen.
Die Katze strich sich mit der Pfote über die Nase und prustete. Da drohte ihr die Mutter und sagte: „Na, Kättchen, willste uns das Wetter verderben?“
Aus der Kirchstraße ertönte in diesem Augenblick ein starkes Wagengepolter. Meister Drewes trat ans Fenster, lachte und rief: „Der Marten fährt doch immer drauf los wie ein heiliges Ungewitter, als hätte er zwei Baronsfüchse vorm Wagen.“
Steffen wollte antworten, mußte aber immer noch husten.
Sophie stand ungeachtet der bannenden Miene des Vaters schon wieder an der Tür, um ihren häuslichen Obliegenheiten nachzugehen, und als Steffen sich endlich die Augen blank gewischt hatte, sah er das Mädchen nicht mehr. Ganz erbärmlich wurde ihm zu Mute; ja, es däuchte ihn, als wäre die Stube plötzlich ganz dunkel geworden. Er versuchte noch einmal, vorsichtig zu trinken, lobte darauf das Gebräu über die Maßen, legte dann beide Hände ausgestreckt auf die Knie, schielte alle Augenblicke nach der Tür und wurde, trotzdem Meister Drewes immer für neuen Gesprächsstoff sorgte, allmählich still und nachdenklich.
Der Alte warf der spinnenden Frau einen lächelnden Blick zu, stand auf und sagte: „Wie ist’s, Junge, willste dir nicht mal unsern Viehstand ansehen?“
„Ja, wenn’s Euch recht ist, Drewes Vetter!“ Da stand er auch schon bei der Tür.
Drewes meinte, er sähe nach der Inschrift, die das obere, von tulpenartigen Blumen umrahmte Fach der Tür enthielt, und sagte: „Die Schrift rührt noch von meines Vaters Bruder her, der dies Haus gebaut hat. Er hatte auch die Stellmacherei erlernt, konnte aber eigentlich ebenso gut zimmern und mauern und vielleicht noch besser malen. Die Tulpen, die du an der Tür siehst, hat er alle mit eigener Hand gemacht.“ Drewes legte den Zeigefinger auf die Inschrift und las laut: „Heinrich Friedrich Jürgen Drewes und Anna Katharina Dorothea Ossenkopp. Anno 1782.“
„Und die Inschrift hat er auch selber gemacht,“ fügte der Meister hinzu.
„Muß der aber ’n Kopf gehabt haben!“ bewunderte Steffen.
„Ja—a!“ machte Drewes in einem bedeutsamen Tone. „Das hat unser ehemaliger Vizekönig auch gesagt, als der mal im Woole auf der Jagd war.“ Hierauf schritt er voran nach der Küche, wo Sophie, beide Arme hochaufgekrämpelt, tief über einen schweren Eicheneimer gebückt stand, dessen Inhalt sie mit den Händen eifrig umrührte.
„Na, so fleißig, Fieke?“ fragte Steffen.
„Ein klein wenig,“ antwortete sie, und als sie sich erhob, waren die roten Arme rund herum mit Kleienhülsen und Milchtröpflein besprenkelt, während das hübsche Gesicht vom Eifer der Arbeit ganz feurig geworden war.
Sie nahm aus dem in der Herdecke stehenden Sacke noch eine Göpsche[15] voll Kleie, schüttete sie in den Eimer und bückte sich wieder, indem sie wie vorhin hantierte.
„Eiweih, ’n schönes Schweinefutter!“ lobte Steffen und schnalzte verständnisinnig mit der Zunge.
„Na, es geht an,“ meinte Drewes behäbig.
„Willste ’n bißchen?“ lachte Sophie und hielt ihm geschwind eine Hand voll des weißbraunen Gemisches dicht vor den Mund, strich ihm dann ein weniges an die Nase und hüpfte mit dem Eimer blitzschnell zur Hintertür hinaus.
„Fieke!“ mahnte Drewes, „kannste dich wieder nicht bergen!“
Steffen aber strahlte vor Freude und meinte, indem er sich mit dem Jackenärmel die Nase abwischte: „Da sollte man wahrhaftig Appetit auf kriegen.“
Drewes lachte breit auf und strich sich wohlgefällig übers Kinn.
Sie folgten dem Mädchen über die Diele nach dem kleinen Anbau, wo es grunzte und quiekte, sahen bewundernd zu, wie die saubern Borstentiere über das leckere Mahl herfielen und sich mit behaglichem Grunzen ganz lang streckten, als Sophie ihnen ein wenig den Rücken kraulte und ihnen dabei freundlich zusprach.
Da — wie ein Donner aus heiterem Himmel — tönte drüben von der Despe her Martens scharfe Stimme: „Schwerenot, Steffen, wo steckste denn so lange? Der Vater liegt im Bette und kann sich nicht helfen, und du gehst aus, als wenn’s Sonntag Nachmittag wäre!“
„I na, Marten!“ rief Drewes verwundert, während Sophie hastig ins Haus ging.
Über Steffens Gesicht zogen tiefe Schatten. „Was ist denn dir eingefallen? Was schreiste denn?“ rief er voll Verlegenheit und Zorn.
Marten antwortete nicht mehr, und Drewes ging mit Steffen nach der Küche zurück.
Sophie stand am Herde und blies ins Feuer.
„Ich hätte gern gesehen,“ ließ der Alte sich im Eintreten vernehmen, „daß du unsrer Tochter ’n bißchen beim Apfelabkriegen geholfen hättest, Junge! Du weißt, unsereiner kann so hoch nicht mehr steigen, und die Rötchen müssen sorgfältig gepflückt werden.“
„Aber Vater,“ fiel das Mädchen hastig ein, „das hat ja noch gar so ’ne Eile nicht. Und übrigens ist mir der Baum auch gar nicht zu hoch!“
„So!“ machte Drewes und warf ihr einen verweisenden Blick zu, während Steffen voll Eifers rief: „O, so ’n kleinen Gefallen tu ich euch herzlich gern! Muß nur geschwind mal nach Hause laufen und sehen, was der Gröhlhans will, dann bin ich gleich wieder da.“
Drewes trug dem Forthastenden noch einen Gruß für den Vater auf und wandte sich wieder zu seiner Tochter, die jetzt ganz übermäßig laut in der Küche herumwirtschaftete. „Du, Fieke,“ begann er in vorwurfsvollem Tone, „gestern ist dir aber der Apfelbaum noch zu hoch gewesen?“
Da sie nicht zu hören schien, zupfte er sie am kurzen Ärmel: „Hör’, Fieke, wenn Steffen zurückkommt, sei aber ’n bißchen anders gegen ihn, hörste?“
Sie kehrte sich beharrlich ab, brach plötzlich in ein helles Lachen aus und kehrte nun das lachende Gesicht dem Vater wieder zu. „Ja, Vater, wie soll ich denn nur anders gegen ihn sein? Ich kann ihm doch nicht auf n’ Rücken krauen, wie einem Ferkel.“
„Was ist das nur für ’n Vergleich, Kind!“
„No ja auch!“
„Fieke, sei verständig. Steffen ist ja ’n bißchen unbeholfen, aber du wirst ihn schon akkurat kriegen.“
Bautz!
Eine Milchbriwe[16], die Sophie gerade aus der Anrichte nahm, fiel zu Boden und zerplatzte in lauter Scherben.
„Wieder ’n Mariengroschen hin!“ rief Drewes fast ärgerlich und half die Scherben zusammenlesen.
Sophie war ganz still und bestürzt, ob infolge des Malheurs oder der unverhofften Wendung, die das Gespräch genommen hatte, das läßt sich genau nicht sagen.
„Na, die Pöttefrau wird wohl bald wiederkommen,“ tröstete Drewes und strahlte wieder in seiner behaglichen Gutmütigkeit.
„Drüben bei Oelkers wird sie auch nötig sein,“ meinte er hernach und setzte ihr eifrig auseinander, wie nötig bei „Oelkers Leuten“ überhaupt eine Frau täte. Dann hob er hervor, wie fleißig und brav der Steffen wäre, wie gut es ohne Zweifel ein Mädchen bei ihm kriege und was das noch für ein Hof werden könne, wenn erst einmal das alte abscheuliche Herrenrecht abgeschüttelt wäre und — „wenn — wenn — he ja nun, wenn unsre Fieke erst einmal darauf schaltet und waltet!“
Unbekümmert um den Eindruck, den seine Worte auf das gebückt am Herde stehende Mädchen machten, sprach er sich noch in eine ordentliche Begeisterung hinein: „Mutter und ich werden dann alle Tage ’rüber kommen und nach dem Rechten sehen, aber nicht den umständlichen Weg durchs Dorf, — nein, Fieke, ich werde die Stämme und Bohlen nehmen, die ich schon seit ’n paar Jahren zurecht gelegt habe, und werde uns ’n schönen Steg über die Despe bauen, so daß wir gleich aus unserm Hofe in euern ’rein kommen können. — Nun denke dir ’mal, Kind, wenn ich so abends im Schummern mit meiner Pfeife über den Steg komme, und dein Kleiner jauchzt: ‚Großvater, Großvater!‘ und kommt mir dann schon entgegengewackelt ... Fieke, ’ne größere Freude kann ich mir ja gar nicht ausmalen! Und dann der zweite Junge! der muß natürlich Stellmacher werden und ...“
„Vater, nein aber, so’ne Anschläge!“ zürnte Sophie mit abgewandtem feuerroten Gesicht. „Ich mag ja noch gar keinen.“
„Ein Mädchen wie du, das keinen Schatz hat, ist wie ’n Hund ohne Schwanz,“ rief Drewes und fuhr mit lachendem Munde fort: „Was sollte denn sonst ’mal aus unserm Hause werden und aus meinem schönen Werkzeuge? Das muß doch in der Familie bleiben. Es hat mir Mühe genug gekostet, darüber weg zu denken, daß du kein Junge geworden bist, Fieke, dem ich meine Werkstelle ’mal hätte übergeben können.“
Nachdem er noch eine Weile in Scherz und Ernst auf sie eingeredet hatte, sah sie an ihrer Schürze herunter auf den Pantoffel, den sie mit dem Fuße hin und her stieß und sagte: „Freien muß ich ja am Ende wohl ’mal, aber, Vater, muß ich denn gerade Steffen nehmen?“
Sie betonte den Namen so stark und eigentümlich, daß der Vater sie forschend ansah.
„Marten wäre dir am Ende wohl lieber?“
„Ach, bewahre Vater! Den ich lieber habe, der hängt ja noch am Löffelbrett!“ entgegnete sie sehr schnell und machte erst eine lebhaft abwehrende Gebärde, worauf sie flink einen derben Holzlöffel von der Wand nahm und vor den Augen des Vaters schwenkte; aber das Lachen, das sie dabei anhob, klang ganz ungewöhnlich gepreßt, und auf dem schelmischen Gesicht brannte ein ganz neues Feuer.
„An Marten kann ja auch ganz und gar kein Gedanke sein,“ erklärte Vater Drewes mit aller Bestimmtheit, begründete diesen Entscheid aufs umständlichste und schloß: „Es ist nun ’mal so eingerichtet auf der Welt, der Älteste geht vor, und es kann eben nicht jeder ’n Hof haben.“
Damit betrachtete er die Sache für abgemacht. Ein Liedlein summend, begab er sich wohlgemut in die Werkstatt zurück.
Über Sophie aber war von dieser Stunde an eine ganz eigene Stille gekommen.
Fünftes Kapitel.
Als Steffen auf den väterlichen Hof zurückkam, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Bruder. Marten, der unterm Walnußbaume am Wagen hantierte, schien ordentlich zu rauchen vor Zorn und Unwillen; wie züngelnde Flammen schossen seine Blicke auf das Sonntagskaput des Bruders und die Sonntagsgamaschen des Vaters.
Steffen blieb erst ganz gelassen, warf nur hin und wieder einen Brocken hin, und als er endlich auch zu kochen begann, klopfte der Vater mit zitternder Hand ans Fenster.
Da wurden die Brüder still.
Steffen eilte in die Stube und sah den Vater ächzend auf der Erde liegen. Er half ihm wieder ins Bett und klagte: „Ich weiß gar nicht, was Marten in ’n Kopf gekommen ist.“
„Laß ’n, Junge!“ hauchte der Alte, „du mußt der Klügste sein: ein Brand brennt nicht lange. — Also, laß ’n! Du weißt, er steigt immer rasch in ’n Turm, ist aber auch bald wieder unten. Vertragt euch! Was soll denn werden, wenn ich erst zwischen euch raus bin?“ Er atmete eine Weile tief und begann wieder: „Was haste denn drüben ausgerichtet, Junge?“
Steffen erzählte, wie es stand. Nun wollte er doch lieber zu Hause bleiben; sonst gäb’s hernach gewiß noch mehr Spektakel.