Die Schwägerinnen.
Roman
von
Henriette Hanke
geb. Arndt.
Zweiter Theil.
Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,
Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.
Dante Alighieri.
Hannover, 1836.
Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.
Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen. Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner blassen Stirne. –
Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte. Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit, was diese Freundschaft begründete.
Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glück! – Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand – dann erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln, womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes, eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie Frühlingslaut an seine Seele rührte – und das Blut seiner Nation, das stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben daher – sprüchwörtlich gesagt – Alles spanisch vor, und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und, ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den kleinen Ritter –« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, – »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«
Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.
Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein, auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.
Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie, hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es dem Gelübde der Armuth untreu.
Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch – wenn wir so sagen dürften – schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte; doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt, während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd hinblinzelt – ist mir nicht viel anders, als ob ich ein Richtschwert schwingen sähe. –« Ein jäher Krampf flog über seine Züge, die Gräfinn erbleichte – und es war nie mehr die Rede davon.
Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie ausgießen. – Aber es gab einen Aufruhr – und wenig fehlte, so hätten sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.
Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen Spitze.
»Das wollen wir erleben, Der wird noch überschnappen –« sagte der Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu werden.
Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey – entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm sagte, Alles wäre vorüber.
Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es ihr entrissen – die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! – Und kaum habe ich das Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. –«
»Das Kind war weise –« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.
»Weiß? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an eine blaurothe Farbe.«
»Es war weise, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«
Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.
Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des Todes.
Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand. Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu durchdringen vermag: die Liebe – das tiefste Verständniß! –
Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam – was freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse; und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit aus.
Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz, so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte, liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! –« Und mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem Grafen eine überspannte Saite – und schaudernd wendete er sich ab.
»Und innen auch –« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch ein wenig mehr als Staub. –« Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lächelnden Blicke.
Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in Gewahrsam zu behalten.
Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frühen Tod zu beweinen.
Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin, und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so dürfe sie schon ohne Furcht seyn. –
Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. – Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls, daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.
Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich beengt und einen Andrang nach dem Herzen – traurige Gedanken schwebten ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres Gemahls auszuhalten –: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«
»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich wird –« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. – Es kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er sprach nur, was er mußte. – Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite, und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an denen noch die letzte Blüthe hing – oder tauchte unter in ein Meer von Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah, und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns.
In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.
Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte, die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und fünftausend lebendige,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder nolens volens an das Licht bringt.«
Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. –
»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem Glück.«
Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen. – Sie sah ihn an mit einem Blick – einem Blick! – wenn, nach einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.
In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge, die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!« sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte.
»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.
Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.
»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut – Du bist wohl reicher, Frankenstern?«
»Ich habe gar keine Kinder –« antwortete der Graf schmerzlich.
»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus an Glückseligkeit gehalten haben.
Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende – es wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.
»Mein Vater sehnt sich nach mir –« sagte Blanka mit thränenden Augen zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir schifften still darauf hin – und hatten uns verirrt: denn es war das todte Meer.«
Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. – Die Folgen der Seereise, erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.
Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.
Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen – aber sie ruhten. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas langsam und leise. –
Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? – Der Begriff der Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft ewig ist. – Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr. Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.
Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten, endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht zu kommen hat: er muß auch zur rechten Zeit kommen, und kein Mensch – nur ein Gott kann diese wissen.
Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen –« sagte er gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe, mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren vermöge. »Dein Sohn –« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit, eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen – was immer anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung des Grafen ihr neugebornes Kind – und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. –
Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber – nicht im richtigen Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete der Graf, das Kind werde wieder sterben – oder er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.
Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich täglich mehr verhärtete.
Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden – hatte der Graf flüchtig hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn: »ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«
Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise bedingt – er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.
Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen: so hast Du mich.«
Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste nicht! durchaus verträglich wäre.
Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor und gewiß am rechten Ort – ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter ziehen muß.«
Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm, daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt. –
Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art Religion – und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es möglich war, daß Du – ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. – So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«
Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana: »weht! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume trägt.«
Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst zur Nachtzeit zu einander kommen. –« Aber der Saamen des Geheimnisses trägt selten Früchte für das Licht.
Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen, Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen einmal eher aufgethan werden.
Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden; der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt –; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur eine Stelle weiß, welche geschont werden muß! –
Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl, verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch der Unglückseligste hat noch einen Freund: den Tod! Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über seinen Freund.
Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen, hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich selbst zu schöpfen.
Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß Arbeit des Blutes Balsam sey – bewährte sich an ihm: er war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen, denen die Einsamkeit Nahrung giebt.
Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft.
»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren –« sagte die Wärterinn nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer andern Furcht.
Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder – was sie nach kurzer Zeit mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.
Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle –« sagte Graf Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben.
»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.«
»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch nicht, daß er ein Glücksritter werde?«
»Warum nicht? bin ich doch auch Einer –« sagte Romana, und lächelte wie ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt mir etwas Göttliches –«
»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit vor.«
»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können. Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen: so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im Aufgeben, Freund, liegt das wahre Haben, und das Geheimniß ewigen Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn.
Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter.
Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine Tochter sey. Zum erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache, und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch sehr besorgt gewesen.
Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir mißfällt.«
Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen, den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt fassen könnte. –
Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! diese Vorstellung zum Beispiel – durchdringt mich entsetzlich.« Seine Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele.
Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut – gewiß hätte sie es sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie für eitle Wünsche heben – nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.«
»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane – eine Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich.
»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand – Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter, giebt ihr Schwestern.«
Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.
»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. – Sage, was fehlt einer Braut Christi?«
»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und – daß ich es nur frei gestehe – ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin untergehen?«
»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst wankte.
Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben, daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur den Beweis fordere nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. – Nöthigenfalls würde Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht, über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich selbst entbinden.«
»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist sein Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«
Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen. O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr nichts mehr werth.
Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen – welche oftmals das Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im Gefühl ihrer Ehe, keine für ganz glücklich, und verwechselte ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse – klein, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. –
Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen werden. – Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.
»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«
»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über mich!«
»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn Sie morgen – oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag – besser wäre freilich ein ganzer – zu entfernen wüßten.«
»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer kleinen Reise zu bereden.«
»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn, ich werde operirt – das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«
Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem Forstmeister das Haar. »Die Brust – ablösen?« fragte er, und sein männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«
Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte –« war die sehr leise Antwort.
»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.
Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln in ihre tiefen Züge eingeschnitten – und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig haben. – Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie – doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«
Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, um sich selbst zu retten, als ihr Kind. – Die Gräfinn eröffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,« setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort Frost, die alten Schmerzen – es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht hindern, Romana? daß Albane –« weicher läßt sich nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.
Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine zusichernde Sylbe gesagt hätte.
Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde – und Wir wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß behandle. – Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben aufgaffte. – Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. –
Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte, daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber – wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden? – Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. – Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche seine Albane genährt.
»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet – es ist nichts zu tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg.
Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird – so wie durch lange Trennung verinniget – so spricht die Erfahrung dafür und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung – könnten zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der Liebe!
Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von Seiten des Forstmeisters – noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, sein Kind ausgenommen – gleichgültig geworden. Er vermißte Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der Achtung, doch Jedem klar.
Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.
»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn da?«
Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann – Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen – manche haben ordentlich Physiognomie –« Der Forstmeister sah voll Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? –« Er umschlang den Freund, und weinte vor großer Rührung.
So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene Frau getheilt. – Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und welche Bonne bildet so gut als sie? – Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige Plumpheit der Amme unterdrücken können. –
Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das Verlangen und die Fähigkeit zu lieben. Während die Amme wähnte, sie baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse –; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.
»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte – war der Graf in einen fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des Lebens gälte? – Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit – –«
Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. –
Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten, sich innigst finden. – Jener Arzt, der die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. – Und wie das, was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm ihr jungfräuliches Herz zu öffnen – und der Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien – es nicht wagen durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig – rührte und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose Unglück dieses Mädchens an – ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. – So war der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das oberflächlichste bedeutend. – Nicht leicht wird ein Mädchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. – Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.
Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer. Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. – Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein, weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken – so lauschte Albane, wie tief und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt – und ihr Gefühl hatte keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu, und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein träumendes Vergessen. –
Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. – Der Tag zu Bonna und seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen – waren Freuden, welche Albane nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. – Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit, mein Vater! ich fühle mich so beengt.« – Es war einer der lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf.
Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt, eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. – Die junge Gräfinn, obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer höheren Hand – die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren – unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft – und vielleicht war es ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein noch innigerer Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der Ruhe und Rechtmäßigkeit – wenn wir so sagen dürfen – womit sie sich bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß, in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen sey. Ein festes weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk – und dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. – Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen – daß Albane auch dies vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart erfüllte ihr Herz – eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht, und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen – man sagte die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe von Niemand mehr gesehen.
Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. – Ein wenig fraulich hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst – die frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. – Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß Albane kaum mehr zu kennen wäre. – Sie saß an dem einzigen Fenster eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten. Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit – es war im August – einen weiten Mantel von Seide. – Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? – Zwar hatte man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar würde – die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab, das sie für ihren Liebling fürchtete –: aber diese matte Blässe, diese kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.
Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. – Darauf trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken, mit jeder – selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht –« hier stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gnädige Herr Graf –« Albane nickte, und Fabia fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da verfehlt gewesen seyn – damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab – und der Himmel ist mein Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er sich so sehnlich ein Kind – und es wäre hart für mich, wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte.«
Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt, überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.
Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine Weile mit Wärme fortgesetzt – dann ging Fabia. Später hörte man von ihr und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.
Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn, die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach – sich die Thüren der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. –
Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach: »wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben glänzte im Schein der sinkenden Sonne.
Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen überfloß. – Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte, daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde, tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt, deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater, liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen vertreten! – Was sollte aus meinem armen Freunde werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? – Und wenn das so fortgeht – –« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der Semiramis zu gleichen schien.
Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.
Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier! eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.
»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes. Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders – er ist so wenig froh – so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von diesem Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.
»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei dem Einen: dem Heiland? – Wie still ist die Seele, die Ihn liebt! Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren; ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen gehorchen.«
Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl eine Frucht gereifter Jahre seyn.
Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, er selbst es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen können.«
Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als genösse sie das heilige Abendmahl.
Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß – wie vielen Kummer ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr lösen wolle! – Was ihn hält und härmt: ich weiß es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten Freunde! –« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust – Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken. »Entlassen Sie mich –,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.« Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.
Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. – Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen. Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis dahin dauernd zu erhalten.
Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung gehorcht.
Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen, und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung gesträubt. – Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt – er wußte nichts. Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden Novize geläutet wird – auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? – Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren Lippen Weihe und Wonne. – Als hätte eine schützende Gottheit einen Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt. Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben; wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? – Das Bedauern für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen haben würde – und nachsah. Die Natur gab diesem Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der Welt, und in diesem Vorzug – dieser Begriff gelte für jene Umstände – fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich hinweg. – So waren Jahre verflossen. Das Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig nachließ. Sie ward endlich sicher.
Aber die Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt – ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. – Ein kränklicher Gram zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz geht ganz alleine seinem stillen Kummer nach –« Albane verkannte, daß der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. – Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, eine nur – tröstend hätte wegküssen dürfen. –
In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! – Um den eingefallenen Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. – Fuhr die Gräfinn des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward es helle. – Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen das Herz. – Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen zu können glaubte. – Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange getragen.
Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen – er fühlte sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.
»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur die glückliche Liebe hat nie genug – da dachte ich an Dich.«
»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache ich mich ansehen muß – ich bin nicht im Stande, Dein Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und mir.«
»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost, das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. – Und damit Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«
Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.
Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. – Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude, daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. – Er hob bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.
Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von ihr zu fordern.
Die Gräfinn war nicht da – und als ihr Vater unverrichteter Sache in seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen, worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund – schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine kleine verwelkte Rose. –
Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!« sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun – und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck – nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses –« hier lächelte der Graf düster –, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«
Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben –« versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.
Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht gekleidet! – Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«
Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.
Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. – Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers, setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme: »ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher – nun der Himmel weiß es – wie sauer er mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine Weltlast, die immer schwerer würde. – Ist denn das Kästchen wirklich so schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge – ich kam mir wie ein Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«
Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte, und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht fallen.«
Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe; und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht, sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe – pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um das Licht flirren. –
Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. – Gegen den anbrechenden Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet meine Seele! – wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck –« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.
Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle – wendete Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick; stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch widerwillige – Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.
Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre. Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden muß. – Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd – so gar tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine Anklage für sie selbst enthalten konnten.
»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«
Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei –« sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu größerem Jammer bald wieder entrissen würde?–« Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines – gab der Rentmeister in eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen Wünsche! –«
Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe – so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche Zustand ihres Mannes sie zuließ – der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön; aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken – war unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen zu wissen. – Einst aber sprang ihm das Kästchen ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«
Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze Qual – und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich beruhen zu lassen.
Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu, ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände, darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf – und der Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war – und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen – sah das winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein Mädchen zeugte. – Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals.
Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? – Darum fand sich der Schlüssel nicht, und ich – ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit getadelt? Du siehst nun, wie vorsichtig ich war! –«
Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich. »Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der Verstand steht mir still.«
»Der meinige ist hier zu Ende –« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder stemple? – Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem Schaffot zu beschließen.«
Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach! warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies Behältniß öffnen? – Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir wüßten von nichts. Das arme Würmchen! –« Und mit gewundenen Händen niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. –
»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht – der Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«
»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem Leben gelastet hätte. – Graf Frankenstern aber und der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen. –«
»Die werden sich hüten –« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte – ich meine den Grafen – hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«
Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! – Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.
Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig zu machen.
Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben einen Schatz – aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten schaurig von den stillen Wänden wieder.
Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! –«
Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer – des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem Wehlaut. – Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane – so viel gelitten und nur Gott bewußt –: daß ein völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher Seite erlösend für sie wäre. – Auch waren Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange vorenthalten werde? – Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. – Sonach sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu entziehen.
Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht – und erröthend vor Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.
Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen finstern Geist zu dringen.
Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.
Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt – die Güter des Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich selbst stehen. –
Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen – Glaube der Liebe! –
Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt – nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, ob auch nur einen Augenblick lang – willig in die Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. – Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.
»Dies also war die Liebe –« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? – O Gott! so lieben Menschen, – Männer! O meine Mutter!«
Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. – Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.
Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel – aber mit ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik – allein nur in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. –
Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil nur Geister zu Gast waren – und machte ihm allen Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere des Zimmers – nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.
Vorzugsweise beschäftigte den Grafen eine welthistorische Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen – und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen trüge.
»Heut kommt Josephine – sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband um, meine Tochter.«
Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, »dann hätte ich nur einen Schmuck –: zahllose Perlen! Perlen aus dem tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz von Freude schimmerte.
Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die segensreiche Aehre am schönsten. – Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach Ruhe – nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle –« ein leiser letzter Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven – »hörst Du? meine Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«
»Die Klöster sind aufgehoben –« antwortete die Gräfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.
»Nun, das Stift steht ja noch –« versetzte Jener, als wolle er sich nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht werden –« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«
Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung sey.
Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten that sich weit vor ihr auf – doch der künftige Tag ist den Sterblichen verschlossen.
Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand liegt in der seinigen –; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder, welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn, zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd – wie von einem dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft – und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. – Sie blickt in den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne Hut und deshalb übel gefahren ist – und ein fremder Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. – Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht nach der Ferne. –
»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden –« sagte Constanz zu seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre. Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella gelebt.«
»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen, wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.
»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort, »und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen – Eine Familie gleichsam – und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. – Welch ein köstlicher Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia – wie eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen. Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen verzeihen könnte! – Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann – kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte Rührung hören. – Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, einmal von Engeln emporgetragen.«
»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese –« fiel hier Constanz seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für klösterliche Vorzüge kaum zugetraut.«
Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«
»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«
Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«
Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major Feldmesser –«
»Feldmeister,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«
»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen –« versetzte Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«
Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste – das Lob einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. – Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen möglich ist.«
»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.« Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«
»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und spielten Whist oder Schach –« setzte sie mit fallender Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem leisen, ernsten Seufzer.
»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde – nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, als ob sie am Gewissen gezupft würde.
»Nicht immer –,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im Verlust.« – War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz bewegte? – Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem meinigen höre, – so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?–«
So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« –
»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten machte.
»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las –« sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr gleichgültig war.
»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster seiner Vorstellungen.
Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. – Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind – ist ihr Verhältniß in der Ordnung – Sich die Einzigen, die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! –
Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«
»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun –« antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der letzte Abendschein vergoldete.
»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene berühmten Worte.
Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die menschliche Unvollkommenheit.
Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen Stuhl. – Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte – aber der Kranke schüttelte sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.
Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er seufzte nur. –
Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. –
Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt – als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.
Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt –« rief der Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken. Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. –
»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge –« war der Ausspruch, wobei Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden –« setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh – von sich gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er – mit der Scheere der Parze – den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu tragen.
Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend – daß ein bedeutenderer Mann hier stürbe.
»Verlassen Sie mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf – ihr versprach, die Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein –« sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«
Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der sterben doch wohl nur Kinder? –«
Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort.
Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.
Welch eine Nacht! – doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.
Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen: Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens Leichtsinn – es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.
»Eine Stunde früher –« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten gab.
Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien frühlingsheiter – sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? – die furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich sank sie in eine fühllose Mattigkeit.
Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß er die Arbeit bekäme. – »Ich beschwöre Dich, Füßli« –, sagte sie mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus, ihnen Rede zu stehen.«
In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« Eine Wittwe! diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort – die Stille flüsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es wirklich wahr sey. – Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«
»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen – wenn Du nicht willst, daß ich selbst den Tod davon habe –« sagte Therese abwehrend, »es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.
»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und logirt daneben –« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.
»Mein Kopf ist wüst –« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.
Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin – ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur Binde – eine finstre Haube könnte ich nicht tragen, ich stürbe – Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh – eine seidne Aurora – von dem zierlichen Fuß, und setzte mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. – Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«
Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.
»Du warst lange, Füßli –« empfing ihn seine Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«
»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die Kaufleute nichts – es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«
»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu versuchen.
»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher – ich meine, das müsse er gewesen seyn – stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast Du den Schuh her? – Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte, der – –«
»Ich weiß, ich weiß –« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. – Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen – er meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der Herr aus?« fragte sie.
»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe –« antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«
Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren Benehmens vorhielt. –
Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung gekommen ist? – Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, – sieh Dörtchen! o verzeihen Sie – den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.
»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.
»Die Zeit –« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da mein guter Mann starb – er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt – da meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch Alles, auch das, was uns beugt. – Werden Sie, wenn man fragen darf – Sich lange hier aufhalten?«
»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«
Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«
Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch – trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es erregt, in ihrem Busen auf. –
Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt – langsam und schwerfällig abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen? –« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.
»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns beugt.«
Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt würde.
Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann – gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht dazu gegeben.
»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man ihren Todten gebettet hat? – Was mich betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen müßte.«
Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden würde? – Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.
Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«
»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt –, »oder ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand – und war ich es eigentlich nicht immer? –« In dieser Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. – Im Hause, was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.
Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres Schuhes.
Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann – und ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe tröste? –«
»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«
Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen. – Aber – die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände – – Therese! mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«
Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht ab. »Unvermuthet?« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt bin, da erscheinen Sie! – Habe ich doch schon ihre Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem Schooße, »was habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde es nie – nie! vergessen.«
Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«
Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? – O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! –« Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte – o Gott! wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater geliebt!«
Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.
»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden – und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.
»Ich glaube Ihnen –,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: denn nichts scheint Denen trübe, die gewinnen –, setzte er hinzu: »jenes Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin ich da.«
Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um nur nicht davon reden zu hören.«
Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? – Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an ihn angefangen – dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier unvermeidlich sind. – Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«
»Ich schreibe an den Major –« sagte der Lieutnant mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt – aber feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«
Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. – Es ist mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«
»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt hat. – Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu wollen.«
»Constanz –« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«
»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns –« entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese – Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«
Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, bangen Geruch aus.
Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige hierüber ertheilen.«
Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären. – Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste öffnet.
Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.
Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch beängstend.
Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu mischte? – Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. – Der Freundschaft – und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? – wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie – »die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. – Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern. – Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt – war ihm ein Dorn im Auge.
Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien im Drange einer willkommnen Nachricht.
»Ich habe über Sie verfügt –« sagte er mit einem offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«
Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher zu seyn.
»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. – »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen nicht entgehen, und ich – ich leugne es nicht – bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch eines Wortes – verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen. Sie werden –,« dies setzte der Lieutnant mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«
Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm geworden.
Füßli – so wurde beschlossen – sollte im Gasthof bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer Stunde – mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch bestimmt worden – sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine Bilderuhr. – Wie sanft wallten die Saaten! wie weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! – Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. –
Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete. – Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? – Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren haben. –
Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. – Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! – Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit seiner Stimme: »ich habe nun Ruhe gefunden – was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. – »Sterben? jetzt, wo ihrer treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte getragen. –
Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus – lag kaum abgesondert und sehr freundlich.
Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, –« und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist – wenn wir uns dem Ziele einer Reise nähern.
Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um – erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.
Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere Schärfe handhabte. – »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen gegangen – wenn gleich auf einem kleinen Umwege –« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.