The Project Gutenberg eBook, Mümmelmann, by Hermann Löns

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Hermann Löns
Mümmelmann


In unserem Verlage sind von

Hermann Löns

ferner erschienen:

Aus Wald und Heide

21 Erzählungen für die Jugend, 16.–20. Tausend, Illustr. Kart. M. 1.–.

Mein braunes Buch

21 Erzählungen aus der Heide. 17.–21. Tausend, brosch. M. 3.–, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.

Mein blaues Buch

Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. M. 3.–, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.

Der letzte Hansbur

Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.–10. Tausend, brosch. M. 3.50, geb. M. 4.–, Luxusband M. 7.–.

Dahinten in der Heide

Niedersächsischer Roman, 13.–15. Tausend, brosch. M. 3.–, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.

Kraut und Lot

Ein Buch für Jäger und Heger, 8.–10. Tausend, geb. M. 4.20, Luxusband M. 7.–.

Der zweckmäßige Meyer

Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem Naturleben. 8. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.–.

Auf der Wildbahn

Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.

Haidbilder

Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.–.

Mein buntes Buch

Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.–.

Goldhals

Ein Tierbuch für die Jugend, 4.–8. Tausend, geb. M. 1.80.

Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H.,
Hannover.


Hermann Löns

Mümmelmann

Ein Tierbuch

21.–25. Tausend

Höret:

Es gibt nichts Totes auf der Welt,
Hat alles sein' Verstand,
Es lebt das öde Felsenriff,
Es lebt der dürre Sand.

Laß deine Augen offen sein,
Geschlossen deinen Mund
Und wandle still, so werden dir
Geheime Dinge kund.

Dann weißt du, was der Rabe ruft
Und was die Eule singt,
Aus jedes Wesens Stimme dir
Ein lieber Gruß erklingt.

Hannover 1915
Adolf Sponholtz Verlag
G. m. b. H.


Inhalt.

Seite
1.Mümmelmann[5]
2.Murkerichs Minnefahrt[13]
3.Krähengespräch[21]
4.Sein letztes Lied[27]
5.Goldhals[34]
6.Der letzte seines Stammes[41]
7.Achtzacks Ende[49]
8.Böbchen[57]
9.Der Zaunigel[64]
10.Jakob[72]
11.Hausfriedensbruch[79]
12.Mein Dachs und meine Dackel[86]
13.Die Zeit der schweren Not[93]
14.Des Rätsels Lösung[99]
15.Das Eichhörnchen[105]
15.Hasendämmerung[116]
17.Der Mörder[123]
18.Der Alte vom Berge[134]
19.Die Einwanderer[144]
20.Ein Hauptschwein[154]

»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des Verlages beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben von H. Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, entnommen.


Mümmelmann.

Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem Kriegsschmucke.

Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen, und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen Kalibers.

Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von canis familiaris hinter sich her und verlangte Platz dafür nächst sich.

Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein.

Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte mit einer Stimme, die die Fensterscheiben zum Klirren brachte, er habe gestern auf achtzig Schritt einen Krummen geschossen, wie gerädert sei der im Dampf geblieben, alle Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte herum, alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er es durchaus nicht glaube.

Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle, Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf.

Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte einen Druck im Magen.

Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden, sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere. Er drehte sich um, spitzte die schwarztimpigen Löffel und sagte sich dann in seinem lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein Marktwagen sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender Zeit. Item sei es etwas Ungewohntes, und das Ungewohnte sei stets unbekömmlich.

Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da die Straße entlangkomme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn da hatte er eine Maus gesehen.

Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume.

»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage giff dat Drievjagd. Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark. Seih deck vör!«

»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« meinte Geesche. »Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie von dannen.

»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, und Geesche machte einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und hoppelte fort.

Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und Jochen Pielsteert und sagte ihnen, daß sie gut täten, die Löffel steif zu halten. Und dann hoppelte er weiter, bis nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen Stelle. Dort lief er eilig hin und her, als habe er etwas verloren, schlug Haken auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich scharrte.

Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, da vernahm er ein Geräusch und machte einen Kegel. Da sah er Aadje Slappuhr eilig daherkommen, Aadje, dessen Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im vorigen November die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten.

»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward leege van Dage. De Driever drücket dat Holt dör und denn schall ekesselt weern.«

»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners war'd von Dag to Dag heller. Na, will't sehn, wat seck dohn lätt. 'djüs.« Und damit rückte er sich wieder in seinem Pott zurecht, und Aadje lief weiter.

Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, daß der Mensch doch das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw, dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der wiederholte sich immer wieder.

Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin, aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen und wartete. Die Sonne brannte ihm warm auf den billigen Balg, der Wind hatte sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte der Olle schon lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht leben. So philosophierte er.

Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. Er machte sich ein ganz klein bißchen höher und seine Seher wurden starr. Über das Feld kam ein Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen zwei große graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen Hasen, und Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde der kranke Hase kürzer, dann fuhren beide Krähen auf ihn los. Und dann rappelte er sich wieder auf und machte ein paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er wieder kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und noch einer und immer wieder einer, lauter Krähen, graue und schwarze, und wie eine Wolke von Blut und Tod zog es über den Kranken her. Und jetzt, Mümmelmann schauerte zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte, was jetzt kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und da scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, o weih mir,« und dann war alles still und nur die Galgenvögel, die sich zankten, hörte man.

Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch, und sah einen großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden.

»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken, machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe.

Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein Dröhnen und Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, dann südlich, dann auch im Osten. Er machte sich hoch und sah rundum lauter schwarze Pfähle. Und nach einer Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier einen aus seiner Sippe über den Schnee rennen, und da einen von den Waldhasen, und da stand einer auf dem Kopf und hier rollte einer im Dampf. »Dübel,« dachte der Alte, »eck sitte in'n Kessel!«

Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der Schnee, prasselten die Schrote, flog der Dampf, knallten die Schüsse. Mümmelmann blieb in seinem Pott und überlegte. Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten wenige Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links, da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade aus da war ein Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe auf einmal, und sein Nachbar, der fuchtelte immer erst lange hin und her, ehe er drückte.

Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann schlug Kunrad Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige Todessprünge und färbte den Schnee rot. Weiter rechts machte Dorette Quappbuk ihr Testament, nicht weit davon Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei, einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er ein Männchen und äugte zurück.

Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach dem Kessel. Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel. Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines Herz von befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, er hatte sein Volk gerächt.

Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am Himmel stand, kamen die Knubbendorfer Hasen auf dem Felde, wo der letzte Kessel gewesen war, zusammen. Mümmelmann rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten ihre Wunden im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht angekratzt. Und als sie alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte, daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. »Kommt mit, eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine Rede.

Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem Winde herangeschnürt kam, blieb plötzlich stehen und seine Nüstern schnupperten wohlig, denn die Witterung von zweihundert Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er sich plötzlich, denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an.

So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte viel mitgemacht. Als aber die zweihundert Hasen anfingen, mit den Hinterläufen zu klopfen und gespenstisch im Kreise herum zu tanzen, da kriegte er es mit der Angst, er machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die Standarte nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor den Baurat laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie eine Tenne. Und er sah, daß das die Hasen gemacht hatten, und er schüttelte den Kopf und machte ein ganz verstörtes Gesicht.

Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer Hasensippe Mümmelmann, den Heldenhasen, nach Hasenweise geehrt hatte.


Murkerichs Minnefahrt.

Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt.

Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt, die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin.

Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald, Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.

Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« dachte er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das »Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen, ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein langer, senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der Dämmerung.

Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und Kamelsmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich, nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen Regenwurm.

Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge. »Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich allein.

Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die Schnepfen hör'!«

Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter.

Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte der Mann den Stimmen des Vorfrühlings.

Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter, spannte und packte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte, ich hörte schon die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal Reminiscere!«

Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade nicht solchen großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben. Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen und in seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja doch bloß zum Staat da«, und war weiter gestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab, fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein und schlief wie tot.

Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch. Die Sonne stand schon hoch und behaglich genoß Murkerich, Flügel und Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, wo die ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, nassen Boden zeigten.

Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aaronstabes, die blauen und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter.

Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf, so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf und folgte dem lockenden Rufe.

Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben, aber, die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei solcher lauen Luft!

Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell, in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei, und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut.

Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem Gequarre zu, mit dem sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige Schnepfe schläft, anödete.

So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte. Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein.

Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel, und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab.

»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend, sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich: »Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie tat nur so.

Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit.

Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff, und alles war ruhig.

Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich auch wieder aufschwingen konnte.

Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde, aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was, Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind, die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?«

Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen gibt. Und da leben sie heute noch.


Krähengespräch.

Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest, und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide weiter.

Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: »Arrr!«

Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem Ton: »Aerr!«

Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen, schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen.

Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen, die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu Hause nichts haben.

Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.

Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«

»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla, hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?«

Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin. Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht stinkiges, von Schaff hammliges.«

Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de Kärel eßchimpet. Höhöhö!«

»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite hannovversches.«

»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?« fragt sie dann die Eilenriedekrähe.

»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort, »äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute, da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe, glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.«

»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber. Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«

»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen, äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt wird immer dümmer!«

»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag auf neue Dummheiten.«

»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl; kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines niddertrrächtiges!«

»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den Swindel nicht mehr rin.«

»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln. Meint Sei nich ook so?«

Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.

Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.


Sein letztes Lied.

Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.

Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte, verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen, das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom blühenden Sauerklee fort.

Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied, schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh, Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges stolzestes Geflügel, der Urhahn.

Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht, wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot.

Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt. Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und Holz gehärtet.

Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum herab.

Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten, Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel, als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang seinen Harem schirmte.

Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde Einsamkeit hinaussang.

Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer, und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.

Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte. In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die Schläfer zu gut.

So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen, und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier, wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf.

Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab, daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger zu balzen.

Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen, Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz aufhört.

Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tale erlöschen, der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird Nacht im Berge.

Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang.


Goldhals.

Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr Abendlied und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein Schlummerversteck.

Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.

Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht um das, was unter ihm geschieht.

Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her. Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang.

Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst, der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe auftaucht.

Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut, er löst sich.

Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an ihrem Stamme herab.

Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort, halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist geliefert.

»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu, ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er die Maus binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein Salamander. Er niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist ja noch schlimmer, als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher, dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort!

Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird den Förster ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so, Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an einem Brotrest, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen Rute, dann läßt er alle Viere hängen.

»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den armen Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« Dreiviertel davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte daneben, dann verschwindet er in dem Pflanzgarten. Dort ist nichts, nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter, den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus, bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett wie Schnecken; ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle, die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald zurückkehrte.

»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« dachte Goldhals und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn es so beibleibt,« dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hat er eins darauf. Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann.

»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat. Das ist diesesmal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!« tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die hagestolzen Ringeltäuber. Mehr wie einmal hat er sich einen von ihnen dort gelangt. Darum schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die Schlucht hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle, das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pürschweg unter dem Hange entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist er da.

Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten, vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm.

Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie kenntlich. Aber rund herum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht; er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt. Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.

Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse sind seit dem Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang, aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, daß ihm der Morgen besseres bringe.

Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche. Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege, kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«, das hat die Mutter ihn gelehrt.

Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf: Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei braunen Dinger, erst recht! Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von Mensch und Hund.

Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und hinter ihm her keucht es. Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell aus dem anderen Ende heraus, aber das geht nicht, ein schwarzes, nach Hund riechendes Ding steckt darin.

Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! der aber faßt zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt fühlt Goldhals sich vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der erste Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; zwei auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, daß es aus ist mit Freijagd in Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein: »Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.«


Der letzte seines Stammes.

Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer Erdfall. Jäh stürzen die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen an seinen Steilwänden ab. Eine Fichtendickung, ein schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur Hälfte. Ihr gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter Block. Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr zu deuten. Schwach hebt sich aus der grauen Flechtenkruste ein kunstloses Kreuz ab, roh in den Stein gemeißelt, und ebenso grob hineingehauen ist das gestielte Dreieck daneben. Es soll ein Beil vorstellen.

Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein gesetzt wurde. Aber er machte den Wald unheimlich. Kein Bauer, kein Holzarbeiter geht gern allein hier vorbei. Es geht da um. Man hört es rascheln und sieht nicht, was da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. In der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. Der alte Waldwart hat sie oft gesehen.

Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er unhold aus, der graue Block. Unheimlich sind die Blumen, die um seinen Sockel blühen: blasser, gedunsener Aaronsstab, menschenhautfarbiger Schuppenwurz, der Vogelnestwurz, wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole leichenfarbene Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt hin und her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine Märzdrossel, die mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf einem Felsbrocken einfällt, läßt ihre Beute fallen und stiebt mit Gezeter ab. Der Rotspecht, der vorüberschnurrt, hebt sich höher und schreit entsetzt auf. Der Holzschreier wendet jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das Rotkehlchen flattert mit Furchtgeschrille davon.

Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz gestreift von den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt von einfallendem Lichte, hat Leben bekommen. Er reckt sich, streckt sich, läßt eine grau und schwarz geringelte Schlange sich winden und drehen, rundet sich, dehnt sich und bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt zwei grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, duckt sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame Bekrönung des unheimlichen Steins.

Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche gehe es um, da schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie ein unsichtbarer Kobold, da blitzten grüne Augen. Has und Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel und Rotbrüstchen, sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise heranschleicht und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und sicherem Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im alten Mutterbau auf dem Grunde des Warloches haust, ein Kuder, so stark wie ein alter Fuchsrüde.

Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, den Sonnenstrahl genießend, der durch das Eschenlaub auf seinen Rücken fällt. Dann stellt er sich aufrecht, reckt die Lunte steif empor, rundet den Rücken, macht ihn lang, reckt sich und gähnt, setzt sich, wäscht und putzt sich und ist im Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch den schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, wohlig schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann fährt er zurück, springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, zieht die Krallen durch die Rinde, ganz schnell viele Male und dann wieder ganz sacht, bis die Rinde wund ist und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und da wirft sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend gegen sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, versetzt ihr grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, wirft sich auf den Rücken und zerfetzt das starkriechende Laub mit langsamen Griffen und schnellt plötzlich auf alle vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre steil aufgerichtet, und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab.

Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes Blatt, leise, ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des Katers scharfes Gehör das Geräusch nicht richtig deutete. Das war nicht Reh und war nicht Has', und war nicht Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit dem letzten Vollmond den Wald durchschleicht.

Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da liegt der Kater in sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn dort, kein Rauch erreicht ihn da, kein Hund kann zu ihm heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den der Fuchs vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe Spalten und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die Gerippe der Teckel, die an Dachs und Fuchs und Katze jagten und niemals wieder zu Tage kamen. Dort ist so weich der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist es da zur Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und träumen, soviel er mag.

Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die Krallen schlüpfen aus dem Sammet der Pranken heraus, greifen in die Luft und verkriechen sich wieder. Alte Bilder brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater noch ein Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen erkannte. Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die die Kätzin zu Baue trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, die flügge Drossel gewürgt, den Junghasen totgequält, ehe die Geschwister es sich trauten. Und als erster hatte er geweidwerkt, sich an das Eichkätzchen herangebirscht, als es Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum Warloche geschleppt.

Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam über die Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen Lichtung der Fichtendichtung mündet das Notrohr, das der Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es; ein breitverzweigter Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist es dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug dahin. Und so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene Moos. Da träumt es sich noch besser als unter Tage, von heimlichen Birschgängen in lauen Sommernächten, von Fischweid im Februar am Klippenufer des Baches, wenn die Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln läßt.

Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit weg führten sie, in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, denn ringsumher lebte keiner mehr vom Geschlechte der freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu Bau gefahren kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und die Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. Sie fanden sich nicht wieder zusammen trotz des Ältesten allnächtlichen Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung hindurch. Da war er fortgezogen, hatte tagsüber in Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in einem Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, Schrote hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm Felssplitter um den Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder in das heimatliche Tal zurück.

Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und Klippe Nacht für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach Minnelohn jammernd, hinaus in die Fremde, über kahle Felder, in unbekannte Wälder, wo er seinesgleichen antraf. Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit freien Katern, zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken, aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. Aber allzu gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und so strich er nachts an dem Dorfe entlang, trieb die unfreien Kater vor sich her und jagte ihnen ihre Bräute ab, und die Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen Katzen in ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als aber der Jäger, der jeden Juli hier auf den roten Bock weidwerkte, ihnen sagte, in den Katzen stecke wildes Blut, da lachten sie und sagten, die letzten beiden Wildkatzen in der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im Eisen gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben.

Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege ab und er sah sich jeden alten, geschundenen Holunderbusch an und strich um jeden Bau und lauerte an allen Uferstellen, wo er die Reste von Forellen fand und saß stundenlang vom Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei unsicherem Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm dieses Jahr mit den Böcken nicht glücken wollte, denn er hatte sich gelobt, nicht eher wieder den Finger auf einen Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz gerächt sei, das er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der Fuchs nicht gewesen war, das stand für ihn fest.

Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage vorher, vor Tau und Tag die Krone der alten Samenbuche erstiegen, die oberhalb des Warloches an dem Zwangspasse zwischen den grauen Klippen steht, sich im Frühwind vor Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt und sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle des Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der grauen Gipswand gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf Sand in die Augen warf, und er fester in den Riemen hineinsank, mit dem er sich an den Stamm geschnürt hatte, da hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm und war wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand sie auf dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf von dem Astzacken nehmen, scharf machen und anbacken konnte, wie ein Schemen, wie ein Traumgesicht.

Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die Fichtendickung abspürte, da fand er die starke Katzenspur, und jeden Raum zwischen den Jungfichten absuchend, stieß er auf das Notrohr und überlegte nicht lange und verwitterte es nach Jägerart in gröblicher Weise, um den Kater zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von neuem, und alle dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen Fliegen wußten das bald und brummten und summten nach der Dickung hin, und nun auch an diesem Spätnachmittage war dort ein großes Gebrummse und Gesummse.

Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam schiebt er sich in dem Notrohr entlang. Schon von weitem vernimmt er das Summen und Brummen, und die üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven. Er reckt sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über die Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze sitzen. Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, bis er sich der Mündung des Hauptrohres nähert. Da verhofft er lange Zeit, windet und äugt, bis Mausepfiff und Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt. Da steckt er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an den Gipswänden entlang.

Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern pfeifen die jungen Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach der Ricke, Mäuse schrillen, die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen singt sein letztes Lied. Lautlos schleicht der Kater an der Schattenseite des Felskessels entlang, unhörbar schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch verharrt er lange regungslos, den Kopf hin und her wendend, jedes Abendfalters Schwingenschlag, jedes Käfers Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er auf dem Mordsteine, setzt sich und äugt ringsumher.

Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen Kopf herum. Aber oben aus den Kronen der Bäume kam noch nie ein falscher Laut, eine gefährliche Witterung. Lange starren seine grünen Seher in den breiten Wipfel. Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, oder eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, oder die Eule.

Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt in die Ruhe des Waldes, Stinknebel tanzt blau um den Silberstamm der Buche; die Taube prasselt durch das Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der Berg wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken heran.

In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas Großes, Graues klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam herab, fällt dumpf zu Boden. Ein Lichtchen brennt auf, fährt hinter ein Glas, eine Flamme leuchtet, tanzt nach dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein beleuchtend und ein braunes Mannesgesicht rot färbend.

Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken findet er auf dem grauen Steine und ein graues Büschel an einem roten, nassen Fetzen, der zwischen den zerschossenen Flechten hängt. Und weiter nichts, gar nichts. Auch nicht an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht auf dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der Mündung des Baues. Er führt einen belaubten Zweig hinein und zieht ihn heraus, jedes Blatt ableuchtend. Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen Schweiß.

Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den Bau, legt das Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und lauscht. Schwach, als wäre es unendlich weit, ertönt ein einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur und dann nicht mehr.

Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, kein Kitz klagt mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle fliegt mehr im Bogen auf den Uferschotter.

Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und breit ist nicht mehr.


Achtzacks Ende.

Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung.

Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen.

Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen, etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung verschwunden.

Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie nicht.

Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus. Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch Brombeerblätter, weder Gras noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er umher und dachte an sie.

Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.

Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlacke scheuchte, ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.

Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung.

Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach. Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem Himbeerblättergrund.

Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war, bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter, hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten. Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog, die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen.

Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf. Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren, wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen und sich gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus.

Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig. Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein Röcheln.

Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack tauchte daraus hervor. Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.

Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde, schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen.

Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte er gedacht, könnte außer ihm niemand.

Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder, blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn Edelebereschen zu schanden gefegt waren von einem Bocke.

Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen, jetzt war es neun Uhr und nichts hatte er gesehen, außer einer alten Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hunderte Abende auf ihn gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen.

Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes.

Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine großen Augen glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine Lücke war.

Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder, faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen.

Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«, murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei, drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst nicht verstehen!«

Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem Bogen nach dem Fuchsbach zurück.

Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht, scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden.

Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern, die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine Maus raschelte im Fallaube.

Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt es gegen die Lippen.

Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal.

Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher Achtzacks.

Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war; mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch und jung.

Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm gehörte, was hübsch und fein war!

Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz aus der Dickung heraus.

Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt.

Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz und die Büchse zitterte in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere, weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden.

Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß Leben in den grauen Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich vorschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse an die Backe und machte den Finger krumm.

Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung, bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen, zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort.

Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte.

Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht. Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter. Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe, hageldicht.

Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen und blieb liegen.

Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl, der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster Liebster.

Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen. Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich.

Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er, aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal quoll es rot aus seinen Blättern.

Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich, machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr.

Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf. Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund! Such verwundt, mein Hund!«

Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.

Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang, dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!«

Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord.

Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie so grob, wie der alte Achtzack.


Böbchen.

Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Terrier versteht, denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu kurz koupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch Terrierblut in sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schablonenterrier sei, sondern eine Individualität und mehr auf persönliche, denn auf generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestes Terrierblut, aber entschieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs Vater war unbekannt und blieb es, denn: la recherche de la paternité est interdite. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte er verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war. Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf.

Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war, wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob benahm sich, als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine physische Überlegenheit in gewisser Hinsicht an, besonders wenn es ihm gerade paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch zu betonen, daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen gelegentlichen Verwendung meines rechten Absatzes. Er liebte mich allerdings mehr mit dem Verstande, mehr aus praktischen Gründen, denn aus innerer Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging, sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von Natur ein Mäusefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und ruhig und besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses, legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß: »Ich bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!«

Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen, das war doch etwas anderes, das war noch schöner, als Emailletöpfe zu trudeln und Seife und Ätherflaschen zu bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch, also sind es wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen. »Sterben mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigel, das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster, der ist doch reeller als die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire Aufdiebäumegeklettre nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, daß es eine alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, weil er zu kinderlieb und zu sehr Kavalier war.

Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt trank, nur mußte er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargelköpfe für sein Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: »Den ganzen Tag nischt tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie frech an und knurrte ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich habe eine Zwille.« Und das glaubten ihm die Schafköpfe wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen bekommen und er kam als Beefsteak à la Tartare nach Hause. Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung. Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen auf ihn los, und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war, kratzte der andere Hund entsetzt aus.

Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Debauchen nie etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus. So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre; machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor und schnauzte, sobald er in das Haus kam, damit er nicht angeschnauzt wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre Küche, wo er sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser, solchen Brand hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo er gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in einer Destille in der Nachbarschaft verkehrte, wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem mußte er noch anderswo verkehren, denn als er einmal wieder einen ausschweifenden Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war, kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob pflege öfter bei ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das fand er taktlos.

Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase. Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre, lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete, daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte: »Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts anderes gab, bog ich ihm einen Ast herunter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn er hatte sich an Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon zehn Jahre alt war, brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: »Schönes Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse, das Ding vor sich herzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Als ich jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren Steine er mit hörbarem Avec aus der linken Maulecke spuckte.

Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmosphärilien, die dem Erdgeschoß entströmten, wo die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der Briefträger kam. Als dann Muk, der blondgelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und alle Rehfährten bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und er reuevoll zu seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng auf die hergebrachte Sitte.

Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro, und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah, war er starr, ganz schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen, was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal, wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der betreffenden Stelle hinbemühte. Aber er kratzte.

Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit Ruhm bedeckt, und wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt, wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er nicht. In aller Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge an, und Bullen auf Weidekämpen zu hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es einmal, ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt, die Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer Gastwirtschaft; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar roch. Er wollte es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an, aber alle Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab, ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und noch etwas gab es, das ihn mit Hilflosigkeit erfüllte, ein Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern den Weg aller Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in Ärger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war, immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende.

Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich doch an ihm gehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen.


Der Zaunigel.

Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem Moorbache ein Eichenhain. Ein halbes hundert grauer Bauwerke erhebt sich dort, halb versteckt von dem breiten Astwerke der alten Eichen. Es sind die Schafställe und Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte Fachwerkbauten, deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken liegen.

Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer aus Ortsteinblöcken, von Moos übersponnen und von Engelsüß und Glockenblumen und Efeu überwuchert, hinter der sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder, Stechpalmen und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das Wohnwesen gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; in den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, auch ein paar Schleiereulen und ein paar Käuzchen hausen dort, unter den Scheunen haben es Spitzmaus und Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht minder Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen.

Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl ab und zu ein Ei oder ein Kücken fortnehmen, dafür halten sie aber auch die Mäuse kurz. So treiben sie denn ungescheut schon am späten Nachmittage im Garten oder auf dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und Lord, die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern sich nicht mehr um sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch etwas albern und quält sich dann und wann ein Viertelstündchen mit einem Igel ab, um schließlich mit zerstochener Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so getrieben und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den Herd gelegt, wo er schläft und im Traume das Stacheltier weiter verbellt.

Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt dagelegen, dann hat er sich aufgerollt und ist in das Gestrüpp des Hagens gekrochen. Er hatte vor, im Garten Schnecken zu suchen, aber der dumme Hund brachte ihn davon ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube herum, scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald einen Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und nun eine dicke Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch ihn; er hat junge Mäuse pfeifen gehört. Ein Weilchen noch verharrt er in seiner aufmerksamen Haltung, dann schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den Ortsteinen der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und jedesmal erklingt ein dünner, schriller Todesschrei. Dann langt er sich die jungen Mäuschen heraus und schmatzt sie hastig auf.

Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste herum, dann trippelt er weiter, ab und zu fauchend oder stehen bleibend und sich mit Krallen oder Zähnen heftig da juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am meisten zwicken. Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem Eichenhain. Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen jungen Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es laut, und ein dickes, braunes Dings stößt mit hartem Anprall an die blutende Eiche. Es ist ein Hirschkäfer. Er hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die goldgelbe Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter ihm. Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten Zangen. Aber schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm den Leib abgerissen, und während der Kopf des Käfers im Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und schließt, knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach dem andern ab.

Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, etliche Käfer, auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist alles. Es ist zu trocken gewesen den Tag über, die Junisonne hatte es reichlich gut gemeint, und der Wind ging scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der Stachelrock nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd besser lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt jeden Grasbusch auseinander, immer prüfend und schnaufend und seine Nase in das Moos und in die Blätter bohrend und ab und zu sitzend bleibend, um irgend ein kleines Tier zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat eine alte Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher. Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird sie wieder zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade wie er zufahren will, löst sich ein grauer Schatten von der Wagenleiter, die Maus quiekt auf und das Käuzchen streicht, sie in den dolchbewehrten Fängen haltend, auf die hölzernen Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das Nachsehen.

Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, der am Nachmittage die Puppe verlassen hatte und sich, nachdem er seine Schwingen fertig gereckt hat, nun zum ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den spitzen Zähnen. Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit Ekel ab. Sie riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber das laute, rollende Flöten da in dem anmoorigen Sande am Bachufer, das lockt ihn. Ein schnelles Getrippel, ein fester Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille erledigt. Weiter geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die Erde. Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder gar eine Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig schiebt er sich voran. Lange muß er lauern, ehe die Erde sich wieder rührt, aber schließlich kann er zufahren. Er stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die schwarze Erdwühlerin in den Bach, daß es plumpst, und nach einer langen Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den Eichen zu.

Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer und daneben ein Regenwurm, das wird so nebenbei alles mitgenommen. Aber was ist das da, was sich da im Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln, steckt die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, dreimal fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen Stachelpanzer. Ein viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. Er hat sie überrannt, hat sie mit den Kopfstacheln an den Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren Hinterkopf gefaßt, und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht, zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt den Leib hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen verschwindet auch die äußerste Schwanzspitze, die sich immer noch windet, in seinem Rachen.

Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch einen großen Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft an das Hinterbein, aber gerade als der arme Frosch seinen schrillen Todesschrei hören läßt, gibt ihn sein Bezwinger frei und der Frosch springt in gewaltigen, ungeschickten Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel nach dem Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, die ihn ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu machen, trippelt er in schnurgerader Richtung weiter, und gerade als die Dorfuhr ausholt um die zehnte Stunde zu verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn hohl an zu heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an.

Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben einen langen, dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner Erdröhre herauszieht. Wie besessen stürzt der erste Igel auf ihn zu. Blitzschnell wendet der andere sich um und beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen, dann nähert er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb, wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und noch zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere Taktik ein. Schnaufend und fauchend trippelt er um den anderen und versucht, sich ihm von hinten zu nähern, dieser aber dreht sich schnaufend und fauchend fortwährend im Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch mit einem blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide gegenüber, daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen, der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, die Igelin immer zur Abwehr bereit.

Bisher war der Igel immer von rechts nach links um seine Auserkorene herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der umgekehrten Richtung. So muß auch die Igelin von links nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn er sie zehn- oder zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich. Dann setzt es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie sehen sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an Nase, bis er wieder Mut bekommt und von neuem um sie herumtrippelt, jetzt von links nach rechts, nach dem nächsten Hiebe von rechts nach links, dann wieder umgekehrt und so weiter.

Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters Horn. Immer noch murksen und fauchen die beiden stachligen Liebesleute umeinander herum. Es wird Mitternacht; das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange. Es schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, und ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es schlägt zwei Uhr; noch immer trippelt er fauchend und pustend um sie herum, bald von rechts, bald von links, und nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne und überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem Paare stehen und lacht und schüttelt den Kopf, bis die Helligkeit im Osten ihm sagt, daß es Zeit für ihn werde, nach dem Moore zu gehen. Schon singt der Rotschwanz von dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am Giebel, der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche ausfliegt, verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr nach. Als der Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter dem Estrich das Gefauche und Geschnaube und ruft dem jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!« Aber Widu mag nicht; er hat von gestern genug.

Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau des Schäfers den Komposthaufen auseinander stößt, findet sie in einem Haufen welken Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche Dingerchen neben der alten Igelin liegen. Nachmittags will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie sind nicht mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt. Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest gekratzt und sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, aber nachts treibt sie sich im Garten umher und frißt sich an Schnecken und Würmern dick, scharrt Mäusenester aus und fängt junge Frösche, schont auch die junge Brut der Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und nimmt auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, wie sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, nicht viel Federlesens macht. Sogar die große Wanderratte, die sich in dem Schlageisen gefangen hatte, muß daran glauben; trotz ihres Strampelns und Quietschens wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz aufgefressen.