Das blaue Fenster

Novellen

von

Hugo Salus

Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906
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Seite
[Pietà]1
[Der Rächer]57
[Das Meerweibchen]115
[Der Spiegel]173

Pietà

Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu träumen.

In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.

Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag. Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.

Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.

Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.


Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen sollte.

Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager, auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht, da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob, wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde kommen konnte.

Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender und siecher hervorging.

So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit verträumte.

Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar, heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.

Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht, eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und ihre Flügel zu lösen vermag.

So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern, seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen. Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung. Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen. Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm verbarg, und das es entdecken wollte.

So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.

Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie alle bösen Geister davon abhalten.

Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen Schlafgemach der Gräfin.

Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb Berta durch viele Monate.


Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen, denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein Lehen des Grafen empfingen.

Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.

Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte, die auf ihren Ritter wartet.

Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen, gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.

»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter, meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid, sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt bei der – bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in der eindringlichen Art von Kindern.

»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist, und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns kommen! Willst du, willst du?«

»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist, die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr? Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.

Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.

»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren, »Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt, daß sie keine Mutter habe?«

Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft, daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!

»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.

»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.

»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,« trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist, und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt, über die du selbst immer lachen mußt!«

»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«

Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.


Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.

»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder zurück.«

»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.

»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«

»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten verbieten!«

»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt dir denn an mir!«

Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.

»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.

»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen, als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten.

Und der Wagen verschwand im Walde.


Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn’ ich mich nach dir! Du liebe, liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter – »liebe, kleine Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«

Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen Geschichte wären!

Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.

Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß, der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue, das sich auf dem Hofe begeben hatte.

In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte: »Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«

Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns, sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.«

Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl, daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.

Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ, um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der Wissenschaft hinabzusteigen.

Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings und fürchteten sich vor der Trennung.

Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.

Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare, müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das weiße Schloß Eberstein erreichte.

»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore.

»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?«

»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?«

Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt. Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge Gräfin erwarte.


Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte, weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.

Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im Vaterunser immer an Bertas Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er tief atmen mußte, um es zu meistern.

Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas Mutter im Turme oben fragen solle.

Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«

»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«

Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich bin!«

»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, was macht Euch unglücklich?«

Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«

Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«

Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«

Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein Tränentröpflein Mitleid!«

Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz, wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.

»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«

»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.

Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten......

Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete, als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache Melodie.

Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare, er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.

Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt, wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand, was er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ meinte, so mußte es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.


Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung, weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher, Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen, ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer sein, was sie so schmerzlich erregte.

Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan, der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.

»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«

Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter ....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und half Berta aus dem Sattel.

»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten; so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.

»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes, als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen – »der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht! Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«

Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren senkte.

Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden mußten.


Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!« wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.

Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen, die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.

Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die Hände in den Schoß fallen.

»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel Ausdauer brauchen!«

»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.

»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie wohl ein Brieflein dabei finden!«

Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte, gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.

Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen. Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.


Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut, wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren mochten.

Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei, als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.

Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.

»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat. Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir, es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein! Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und kräftigen!«

Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor Augen hatte.

So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden. Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.


Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße, viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg, jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die Hochzeit sei.

»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.

»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.

»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen, die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut, meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen; wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.

So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.

»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und verstand ihn nicht.


Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am Abend in den Dörfern singen:

Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
Kam just der Hochzeitszug heraus,
Feinsliebchen unter dem Schleier.«

Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt? Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich ihr ins Gesicht ...«

Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich freue – Tränen liefen ihm in seine Zeilen –, wie er sich freue, daß er noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.

Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn, ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu halten.

»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:

»Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
Kam just der Hochzeitszug heraus,
Feinsliebchen unterm Schleier.«

Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« – Er hatte in der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........

›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt nicht! Ich muß erst mit Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie mich elend gemacht hat!‹

So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den Worten des Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas übergehen und die Seele rein werden!‹ Und er wollte dann Berta sagen, sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er versprochen, ob er gleich selber ....

»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz zerbrochen!«

Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.

»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«

Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....

Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......, meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«

Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:

»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es zu spät ist!«

Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst, denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor den Dienern und seiner ...., vor ›ihr‹ mit einem häßlichen Schimpfwort geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber, lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«

»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.

»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme, »ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« – Und mit der letzten Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...

Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes Gesicht ...

Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon, ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war, emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen, und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht kannte.

»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte, daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf, Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch nichts mehr in diesem Leben!«

Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen Rechten.

»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«

Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....

Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren Teil haben!«

Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und zogen zu Tale.


Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.

Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern verborgen.

Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.

Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod Bertas zu melden.

Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.


Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.

Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der Schlummernden zaubert....


Der Rächer

I.

Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler, über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum ›das Schloß‹ genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.

Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt, der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen dankte.

»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen, wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«

»Vielleicht liegt’s an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«

Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte seinem Herrn näher zu kommen.

So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber, als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem »Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.

Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte! Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als aber dann – endlich – die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«, wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.

Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit hinausschieben.

Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der Zukunft starren mußte.

Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben, keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme seiner Mutter.

So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz und Glück hätten schreiten sollen.

Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte, schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: Rache an dem Verführer ....

II.

Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag, und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken; dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.

Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma gewendet habe.

»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«

Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. Dann ritten sie abends in Genua ein.

III.

Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem Kriegszuge teilzunehmen.

Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.

Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.

Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.

Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert hielt, weil er sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, niederstoßen.

Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er den Grafen Palma sprechen könne?«

»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.« Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.

»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres heimkehren!«

»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere, daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?« wiederholte er.

»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze römische Adel versammelt ist.«

»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und zerschmettert.

IV.

Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und Verwandten des Papstes, in Rom weilte.

Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch. Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe, daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.

»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du’s oder ist es dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt? Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«

Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich, er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden, auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.

»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«

Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg müsse.

»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat gesehen hast!«

Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo schon im Palaste der Spada.

V.

Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte, über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter, und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer durch seine Adern.

»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio, »jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!«

»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!«

»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt zusammen!«

Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück.

Da brachte ihn Beppino zu Bette.

VI.

Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald erledigt hatte.

Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch sein Hirn geschossen war.

»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen, der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen, um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«

Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.

»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie einen Liebsten?«

Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:

»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da Emilio schwieg.

Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte Antwort war:

»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«

»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber er hemmte sich.

»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«

Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.

Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom blauen Himmel heben.«

Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und fast zärtlich:

»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob du Geschwister hast?«

»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine, liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«

Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener Waldlichtung, sitzen die Palma.«

Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine Antwort von vorhin verstehen!«

»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.

Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.

VII.

Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses daraus erzeichnen konnten.

Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.

»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für meine unerwartete Heimkunft!«

Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.

»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann im Lichte erkennen lassen.«

Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend, seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und seltsam genug darbot.

Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln, indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten. Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.

»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«

Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor, den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.

Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst, welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.

»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so, du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm nicht wehren konntest!«

Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.

Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten mußte.

So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne gedacht zu haben.

VIII.

Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das begehrenswerte Wesen lieben lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er schämt sich vor sich selber.

So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.

»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt nicht auch sie vielleicht eine Schuld?

Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken seiner Einsamkeit zu entfliehen.

IX.

Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft vermisse.

»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«

»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, der dessen acht hatte, sagte spottend:

»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«

»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges begegnen.«

»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur mein Pferd satteln lassen.«

»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«

Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und sprengte davon.

»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer – bei aller Liebe zu Emilio – heute wohl nicht so leicht aufs Pferd gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut hätte!«

Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios getroffen war.

›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹

Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.

›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹

Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.

Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und, vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.

Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein, weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie nur noch lauter lachen mußte.

»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – um mich zu erwarten, wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht hinübergehuscht.

»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«

»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«

»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum, daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist. Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge Enttäuschung bereiten müssen!«

Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.

Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner Rache vorgelogen hast.

Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser Reinen angetan hatte, war so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:

»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den Irrtum begangen habe.

Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie nicht, und darum sagte sie:

»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder halten würde?«

Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: »Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich getan habe oder tun wollte!«

Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: »Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie allein mich retten könnte!«

Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:

»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch so recht?«

Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen solle. Und er begann ihr zu erzählen:

»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun nach Hause kam ...«

Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach einer langen Unterbrechung:

»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«

Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie seine Rechte in ihrer Hand hielt:

»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß, denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt. Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. Lebet wohl!«

Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück, Emilio zu erwarten.

X.

Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch nicht kommen wolle.

»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt kam, »du hast lange auf dich warten lassen!«

Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus dem Sattel.

»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?«

Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen.

»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch heute fort von hier.«