Reise
nach dem
skandinavischen Norden
und der
Insel Island
im Jahre 1845.
Von
Ida Pfeiffer,
geborne Reyer,
Verfasserin der »Reise einer Wienerin in das heilige Land«.
Zweite Auflage.
Zweiter Band.
Pest, 1855.
Verlag von Gustav Heckenast.
Pest, 1855. Gedruckt bei Landerer und Heckenast.
Inhalt des zweiten Bandes.
| Seite | |
| Reise nach dem Geiser, Hekla u. s. w. | [1] |
| Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner | [64] |
| Abreise von Island. – Fahrt nach Kopenhagen | [79] |
| Abreise von Kopenhagen. – Christiania | [97] |
| Aufenthalt zu Christiania | [107] |
| Reise nach Delemarken | [115] |
| Reise von Christiania nach Stockholm | [142] |
| Aufenthalt in Stockholm | [170] |
| Fahrt nach dem alten königl. Schlosse Gripsholm in Mälarsee | [182] |
| Reise von Stockholm nach Upsala und den Eisenbergwerkenvon Danemora | [188] |
| Von Stockholm nach Travemünde und Hamburg | [208] |
| Von Hamburg nach Berlin | [220] |
| Aufenthalt in Berlin. – Rückkehr nach Wien | [227] |
| Charlottenburg | [236] |
| Potsdam | [238] |
| Jahresgehalte der kön. dänischen Beamten auf Island | [252] |
| Verzeichniß der auf Island gesammelten wirbellosen Thiere | [256] |
| Uebersicht der isländischen Pflanzen | [259] |
Reise nach dem Geiser, Hekla, u. s. w.
Das Wetter hatte sich bald wieder aufgeheitert, und ich trat schon am 24. Juni meine Reise nach dem Geiser und Hekla an. – Der erste Tag, an dem wir nach Thingvalla ritten, bot an Gegenden zwar nichts Neues, aber dafür eine äußerst schöne atmosphärische Erscheinung.
Als wir nämlich in die Nähe des See's kamen, senkten sich einige zarte Nebelwolken über den See und auch zur Erde, daß es den Anschein hatte, als ob es regnen würde. – Ein Theil des Himmels erglänzte im schönen Hellblau, während der andere mit dichten Wolken bedeckt war, aus denen gerade die Sonne hervor brach. Einige ihrer Strahlen erreichten nun die Nebelwolken, und beleuchteten den Dunstkreis auf eine wunderbare Art. Der zarteste Farbenschmelz war über diese Stellen gehaucht; da schien ein Regenbogen aufgelöst; seine glühendsten Farben waren da verschmolzen, und traten doch wieder einzeln aus dem Ganzen. Dieses Farbenspiel blieb so über eine halbe Stunde, dann ward es immer schwächer und schwächer, bis es ganz verschwand, und die gewöhnliche Atmosphäre an seine Stelle trat. – Es war dieß eine der reitzendsten Erscheinungen, die ich je gesehen.
25. Juni.
Eine viertel Meile hinter dem Oertchen Thingvalla trennen sich die Wege; links reitet man nach Reikholt, rechts nach dem Geiser. – Wir hatten noch lange den See zur Seite, und fanden am Ende des Thales eine ähnliche schauerliche Felsenkluft, wie jene von Almannagiau, die wir auf einem gräßlichen Wege passiren mußten.
Das daran stoßende Thal glich viel jenem von Thingvalla; dagegen sah das dritte wieder schrecklich aus. Da war die Lava niedrig, und ganz mit jenem weißlichen Moose überwuchert, das sich wunderschön ausnimmt, wenn es nur die untern Theile der Lava bedeckt, und wenn schwarze Massen und Figuren darüber hinaus ragen, so aber einen höchst einförmigen und öden Anblick gewährt.
Wir kamen auch an zwei Grotten vorüber, die sich zu unsern Füßen öffneten. Am Eingange der einen stand ein Felsenpfeiler, als Stütze einer ungeheuern Lavaplatte, welche ein schauerliches Portale bildete. Leider hatte ich von diesen beiden Höhlen nichts gewußt, und daher auch keine Vorbereitungen getroffen, sie besuchen zu können. – Wenigstens hätte ich Fackeln dazu benöthiget. So viel ich aber später erfuhr, sollen sie gar nicht tief reichen, und nichts Interessantes bieten.
Im Verlaufe dieses Tages kamen wir durch Thäler, wie ich deren in ganz Island noch keine gesehen hatte. Schöne Wiesenteppiche, und zwar ohne jene zahllosen Erhöhungen, bedeckten oft mehrere meilenlange Strecken. – Natürlich waren diese futterreichen Thäler auch ziemlich bewohnt; wir ritten häufig an 3-4 beisammen stehenden Kothen vorüber, und sahen Pferde, Kühe und Schafe in ziemlicher Anzahl auf den Wiesen weiden.
Die Berge, die diese Thäler auf der linken Seite begränzten, erschienen mir sehr merkwürdig; – sie waren zwar auch braun, schwarz oder dunkelblau, allein die Massen, aus welchen sie bestanden, hielt ich, meinen geringen mineralogischen Kenntnissen zu Folge, für feine Lehmschichten. Einige dieser Berge hatten auch Aufsätze von großen, einzeln stehenden Lavafelsen, wirklichen Kolossen, von denen es mir unbegreiflich war, wie sie sich auf diesen weichen Schichten halten konnten.
In einem dieser Thäler lag auch ein ziemlich bedeutender See, an und um welchen einige Dampfwolken empor wirbelten, die von unbedeutenden heißen Quellen aufstiegen.
Nun aber, nachdem wir schon bei 5-6 Meilen zurückgelegt hatten, kam das Merkwürdigste das mir noch je vorgekommen ist; – es war dieß ein Strom mit einem ganz eigenthümlichen Flußbette.
Dieses Flußbett ist breit und etwas abschüssig; es besteht aus Lavaschichten und ist in der Mitte der Länge nach durch eine 18-20 Fuß tiefe, und 15-18 Fuß breite Schlucht getheilt, der sich das Wasser brausend und schäumend zudrängt, so daß man schon von weitem das Rauschen desselben hört. – Ueber diese Kluft führt ein hölzernes Brückchen, das in der Mitte des Flusses steht, und stets von den hochaufspringenden Wogen bespühlt wird. – Wer nun nicht näher unterrichtet ist, kann sich schwerlich diesen Anblick, so wie das Tosen und Brausen des Stromes enträthseln. – Das Stückchen Brücke mitten im Flusse würde man für den Rest einer eben zerstörten Brücke halten, und die Kluft sieht man vom Ufer aus nicht, weil sie von den aufschäumenden Wellen überragt ist. – Gewiß, von einer unbeschreiblichen Bangigkeit wird man erfaßt, sieht man den verwegenen Führer in den ungestümen Fluß hineinreiten, und muß ihm dann ohne Gnade und Barmherzigkeit folgen.
Der Priester zu Thingvalla hatte mich auf diese Scene schon vorbereitet, und mir gerathen, über diese Brücke zu gehen. Da aber der Wasserstand in dieser Jahreszeit so groß war, daß die Wogen von allen Seiten bei 2 Fuß hoch über die Brücke schlugen, konnte ich nicht absteigen, und mußte hinüber reiten.
Die ganze Passage durch den Strom war so eigen, daß man sie sehen muß, aber schwer beschreiben kann. Mit furchtbarer Gewalt tobt und ras't das Wasser von allen Seiten; es stürzt mit heftigem Ungestüm in die Kluft, bildet von beiden Seiten Fälle, und zerschellt beinah an den emporragenden Klippen. – Unweit der Brücke endet die Kluft, und der Strom stürzt dann in seiner ganzen Breite über 30 bis 40 Fuß hohe Felsen. Je mehr wir der Mitte zukamen, desto wüthender, tiefer und reißender wurde der Strom, desto betäubender das Getöse. Die Pferde wurden ängstlich und scheu, und als wir über die Brücke reiten wollten, fingen sie an zu zittern, sträubten sich, wandten sich nach allen Seiten, nur nicht nach der rechten, und versagten uns durchaus den Gehorsam. Mit unendlich vieler Mühe gelang es uns endlich, sie über diese gefahrdrohende Stelle zu bringen.
Das Thal, welches von diesem originellen Flußbette durchschnitten wird, ist enge, und ganz von Lava-Bergen und Hügeln umfaßt; die erstorbene, lautlose Natur vollkommen geschaffen, dem Wanderer diese grausige Scene für immer in's Gedächtniß zu prägen.
Dieser merkwürdige Strom war das letzte Hinderniß gewesen, und nun ging es ruhig und gefahrlos in einem schönen Thale fort, bis zu dem Geiser, den jedoch ein vorliegender Hügel meinem spähenden Auge noch lange verbarg. – Endlich war auch dieser Hügel umritten, und ich sah den Geiser mit seinen Umgebungen, mit den mächtigen Dampfsäulen, mit den zahllosen Wolken und Wölkchen. – Von diesem Hügel hatten wir noch eine kleine halbe Meile an den Geiser, und die ihn umgebenden heißen Quellen. Da kochten und sprudelten sie rings um ihn herum, und mitten durch führte der Weg zu seinem Becken. – Achtzig Schritte vor diesem wurde Halt gemacht.
Und nun stand ich da – vor einem Hauptziele meiner Reise; ich sah es, – es lag so nahe vor mir, und doch wagte ich keinen Schritt weiter. – Ich wußte nicht, ob und wie weit man sich dem Becken nähern dürfe. – Da kam ein Bauer, der uns aus einer der nahen Kothen gefolgt war, und meine Begierde und Furcht errathen haben mochte; der nahm mich bei der Hand und machte meinen Cicerone. Leider hatte er aber, da es gerade Sonntag war, der Brandweinflasche etwas zu tapfer zugesprochen, so daß er mehr taumelte als ging, – und diesem Menschen nun, von dem ich nicht wußte, ob er noch Verstand genug besäße, unterscheiden zu können, wie weit man sich überall wagen dürfe, sollte ich mich anvertrauen? – Zwar versicherte mich mein Führer, der mich von Reikjavik hierher begleitet hatte, daß ich ihm dessen ungeachtet trauen dürfe, und daß er selbst mitgehen werde, um mir sein isländisches Kauderwelsch in das Dänische zu übersetzen, aber dennoch folgte ich ihm nicht ohne einige Furcht.
Er führte mich also bis an den Rand des Beckens des Geisers, der auf einer sanften Erhöhung von höchstens 10 Fuß liegt und in sich das Becken und den Kessel faßt. Der Durchmesser des Beckens mag 30 Fuß betragen, der des Kessels 6-7 Fuß. Beide waren bis an den Rand gefüllt, das Wasser war rein wie Crystall, kochte und brauste aber nur sehr wenig. Bald verließen wir diese Stelle; denn, ist Becken und Kessel mit Wasser ganz angefüllt, so ist es höchst gefährlich sich ihm zu nähern, da er sich alle Augenblick durch einen Ausbruch entleeren kann. Wir gingen also die andern Quellen zu besichtigen.
Mein begeisterter Führer bezeichnete mir jene, denen ich ungescheut nahen dürfe, und warnte mich vor den andern. Dann kehrten wir wieder in die Nähe des Geisers, wo er mir noch einige Verhaltungsregeln für den Fall eines statthabenden Ausbruches gab, und mich dann verließ, um Anstalt zu meinem Aufenthalte zu treffen. – Ich will hier in Kurzem die Regeln meinen Lesern mittheilen.
»Die Wassersäule steigt immer senkrecht in die Höhe, und das überströmende Wasser hat seine Hauptabzüge stets auf einer und derselben Seite; von dieser muß man sich daher entfernt halten. An den andern Seiten läuft zwar auch Wasser ab, aber nur in sehr geringer Menge, und in unförmlichen Rinnen, denen man leicht ausweichen kann. – Man kann sich daher von diesen Seiten selbst bei den stärksten Ausbrüchen bis auf vierzig Schritte nahen. Der Ausbruch selbst kündigt sich durch ein dumpfes Gebrüll an. Wie man nun dieß vernimmt, muß man sich gleich auf die bezeichnete Stelle begeben, da der Ausbruch sehr schnell darauf folgt. Das Wasser steigt jedoch nicht jedesmal in die Höhe, oder oft auch nur unbedeutend, so daß man, um eine schöne Explosion zu sehen, manchmal mehrere Tage verweilen muß.«
Für das Unterkommen der Reisenden sorgte wahrhaft edelmüthig der französische Gelehrte, Herr P. Geimard, der vor einigen Jahren ganz Island bereiste. Er ließ nämlich zwei große Zelte zurück, und zwar das eine hier, und das andere in Thingvalla. Das hiesige ist besonders zweckdienlich, da man, wie gesagt, oft mehrere Tage auf einen schönen Ausbruch warten muß. – Gewiß wird jeder Reisende, wenigstens in Gedanken, ihm Dank für diese Annehmlichkeit zollen. – Ein Bauer, derselbe, der die Reisenden an den Quellen herum führt, hat es zu bewahren, und muß es gegen ein Trinkgeld von 1 bis 2 fl. Jedermann aufschlagen.
Als ich mit meinem Zelte in Ordnung kam, war es bereits 11 Uhr Nachts. Da empfahlen sich Alle, und ich blieb allein zurück.
Man pflegt immer die Nacht zu durchwachen, um keinen Ausbruch zu versäumen. Für mehrere Reisende ist nun zwar ein abwechselndes Wachen keine sehr schwere Sache, für mich allein war es aber doch eine arge Last; – und einem isländischen Bauer ist nicht zu trauen; den könnte oft kaum ein Ausbruch des Hekla erwecken.
Ich saß bald vor, bald in dem Zelte und horchte mit gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten; endlich – nach Mitternacht – der Geisterstunde – vernahm ich einige dumpfe Töne, als würde in weiter Ferne eine Kanone gelöst, und deren echoähnlicher Schall durch den Luftzug herüber getragen. – Ich stürzte aus dem Zelte, und erwartete nun in Folge der Beschreibungen, welche ich gelesen hatte, unterirdisches Getöse, heftiges Krachen und Erzittern der Erde, als Vorläufer des eigentlichen Ausbruches. – Kaum konnte ich mich einer Anwandlung von Furcht erwehren. Um Mitternacht bei einer solchen Scene sich allein zu wissen, ist denn doch keine kleine Sache.
Manche meiner Freunde und Freundinen werden sich vielleicht erinnern, wie ich ihnen schon bei meiner Abreise sagte, daß ich mir vorstelle, auf den Reisen in Island vorzüglich in den Nächten am Geiser der meisten Herzhaftigkeit zu benöthigen.
Diese dumpfen Laute ließen sich nur in sehr kurzen Zwischenräumen 13 Mal vernehmen; nach einem jedesmaligen Laute überlief das Becken, und entleerte sich immer bedeutender Portionen Wassers. Die Töne selbst schienen nicht von einem unterirdischen Tosen, sondern von den starken, heftigen Aufwallungen des Wassers herzurühren. – Nach anderthalb Minuten war Alles vorüber; das Wasser floß nicht mehr über, Kessel und Becken blieben ziemlich gefüllt, und – in jeder Hinsicht getäuscht kehrte ich wieder in mein Zelt zurück. – Diese Erscheinungen wiederholten sich alle 2½, spätestens alle 3½ Stunden. Ich sah und hörte die ganze Nacht nichts anderes, so wie auch am folgenden Tage und in der zweiten Nacht. Vergebens sah ich einem Ausbruche entgegen.
Nachdem ich mit dieser periodischen Beschaffenheit meines Nachbars vertraut geworden war, überließ ich mich in den Zwischenräumen entweder einem leisen Schlummer, oder ich besuchte die andern Quellen und ging auf Entdeckungen aus – nach den kochenden Brodem, und nach den verschiedenen farbigen Quellen, welche hier gesehen zu haben manche Reisebeschreiber behaupten.
Alle heißen Quellen sind in einem Umkreise von 800 bis 900 Schritte vereint; mehrere derselben sind merkwürdig, die meisten aber unbedeutend.
Sie liegen in einem Winkel eines ungeheueren Thales am Fuße eines Hügels, hinter welchem sich eine Gebirgskette erhebt. Das Thal ist ganz mit Gras bewachsen, und die Vegetation ist nur unmittelbar in der Nähe der Quellen etwas geringer. – Auch liegen überall Kothen, ja die nächsten an den Quellen mögen kaum 7-800 Schritte davon entfernt sein.
Größere Becken und Kessel mit kochenden und springenden Quellen zählte ich zwölf; – kleinere noch mehr.
Unter den Springquellen zeichnet sich besonders der Strokker aus. Er kocht und wallt mit ganz außerordentlicher Heftigkeit in einer Tiefe von ungefähr 20 Fuß, schießt dann plötzlich auf, und wirft seine Strahlen in die Höhe. Ein solcher Ausbruch soll oft über eine halbe Stunde währen, und die Strahlen sollen oft bei 40 Fuß hoch gehen. Ich sah mehrere seiner Ausbrüche, aber leider nie einen in dieser vollen Herrlichkeit. Der stärkste Strahl, den ich sah, mochte höchstens 30 Fuß hoch gehen, und das Aufsteigen währte nie über eine Viertelstunde. – Der Strokker ist außer dem Gaiser die einzige Quelle, der man sich vorsichtig nahen muß. Die Ausbrüche folgen oft auf einander, setzen aber oft auch viele Stunden aus, und kündigen sich nicht an. – Eine andere Quelle springt beständig, aber nie über 3-4 Fuß. – Wieder eine andere liegt ungefähr 4-5 Fuß tief in einem ziemlich weiten Kessel, und wirft kaum einige zarte Bläschen auf. Diese Ruhe ist aber nur scheinbar; sie dauert oft nicht ½ Minute, höchst selten 2 bis 3 Minuten. Dann fängt die Quelle an zu brausen, zu wallen und zu kochen, und wirft 2 bis 3 Fuß hohe Strahlen, die jedoch nie die Höhe des Kessels erreichen. – In einigen Kesseln hörte ich wieder ein Kochen und Brausen, wie ein leises Brüllen, sah aber kein Wasser, oft nicht einmal viel Dampf aufsteigen.
Zwei der allermerkwürdigsten Quellen aber, wie man sie vielleicht in der ganzen Welt nicht sehen kann, liegen gleich oberhalb des Geisers, in zwei Oeffnungen, die durch eine kaum fußbreite Felswand geschieden sind. Diese Scheidewand erhebt sich aber nicht über die Oberfläche des Erdbodens, sondern geht nur in die Tiefe hinab; das Wasser kocht sehr schwach, und hat einen gleichmäßig langsamen Abfluß. Die außerordentliche Schönheit dieser Quellen besteht in ihrer merkwürdigen Durchsichtigkeit und Klarheit. All die manigfaltigen Formen und Höhlen, die vorspringenden Zacken und Ecken der Felsen sieht man weit hinab, bis sich der Blick in den Tiefen der Finsterniß verliert. – Noch schöner aber und wie dem Feenreiche entnommen wird diese Quelle durch eine herrliche Beleuchtung, die sich an den Felsen bildet. Es ist das zarteste, durchsichtigste, blaßgrün und blau spielende Licht, und gleicht dem Wiederscheine eines griechischen Feuers. – Das Merkwürdigste aber ist, daß dieses Farbenspiel von den Felsen auszugehen scheint, indem es sich nur 8 bis 10 Zoll weit davon erstreckt, und das übrige Wasser wieder farblos, wie das gewöhnliche, nur durchsichtiger und reiner ist.
Ich konnte das nicht glauben, und dachte, die Sonne müße doch auch mit im Spiele sein; ich ging daher zu den verschiedensten Zeiten an diese Quellen, theils wenn die Sonne hell leuchtete, theils wenn sie von Wolken ganz umhüllt war, ja selbst nach ihrem Untergange: – die Beleuchtung blieb immer dieselbe, immer das gleiche, überirdisch schöne Farbenspiel.
Man kann sich dem Rande dieser Quellen ungescheut nahen. Die Decke, welche sich unmittelbar an die Quellen schließt, und unter die man nach allen Seiten sehen kann, ist zwar nur eine dünne Felsplatte, aber doch stark genug, um jeden Einbruch zu verhüten. – Das Schöne und Ergreifende liegt, wie bereits gesagt, in der magischen Beleuchtung und in der Durchsichtigkeit, vermöge welcher alle Höhlen und Grotten bis zur größten Tiefe dem Auge sichtbar sind.
Unwillkührlich fiel mir Schillers Taucher ein. Ich meinte den Becher an den Spitzen und Zacken der Felsen hangen, – die Ungeheuer aus den Tiefen auftauchen zu sehen. – – An dieser Stelle das herrliche Gedicht zu lesen, müßte von ganz eigener Wirkung sein.
Kessel, in welchen Brodem oder farbige Wasser kochten, fand ich beinahe gar keine. Das Einzige, was ich der Art sah, war ein kleines Becken, in welchem eine braunrothe Substanz kochte, die etwas dichter war als Wasser. Ein noch kleineres Quellchen mit schmutzig braunem Wasser würde ich ganz übersehen haben, hätte ich nicht so emsig nach derlei Merkwürdigkeiten gesucht.
Endlich nach langem Harren und Warten, am zweiten Tage meines Aufenthalts am Geiser, am 27-ten Juni um halb 9 Uhr Morgens, war es mir vergönnt, einen Ausbruch des Geisers in seiner vollsten Pracht zu sehen. – Der Bauer, der täglich Früh und Abends kam, sich zu erkundigen, ob ich schon einen Ausbruch gesehen habe, war gerade bei mir, als sich die dumpfen Töne, welche denselben ankündigen, wieder hören ließen. – Wir eilten hinaus, und ich verlor abermals die Hoffnung etwas zu sehen; das Wasser überwallte nur, wie gewöhnlich, und das Getöse ließ schon nach. – Da aber begann auf einmal, als kaum die letzten Töne verstummt waren, die Explosion. – Diese zu schildern, weiß ich wirklich keine Worte zu finden. So etwas Großartigem, so ergreifend Schönem kann man nur einmal im Leben begegnen.
Alle meine Erwartungen und Vorstellungen wurden weit übertroffen. – Die Strahlen schoßen mit unbeschreiblicher Kraft, Heftigkeit und Wasserfülle empor; eine Säule stieg höher als die andere, eine schien die andere überbieten zu wollen. – Als ich nur einigermaßen mich von der Ueberraschung erholt hatte, und meiner Besinnung wieder mächtig war, sah ich auf das neben an stehende Zelt. – Wie klein, wie winzig klein, erschien es gegen die Höhen dieser Wassersäulen! Und doch hatte es bei 20 Fuß Höhe. Freilich lag es ungefähr 10 Fuß niedriger, als das Becken des Geisers; – hätte man aber Zelt auf Zelt gestellt, so konnten diese 10 Fuß doch nur das erstemal abgezogen werden, und ich berechnete nach meiner Ansicht, die wohl nicht die richtigste sein mag, daß man fünf und sechs Zelte auf einander hätte stellen können, um die gleiche Höhe zu erreichen. – Ohne Uebertreibung glaube ich behaupten zu können, daß der stärkste Strahl gewiß über 100 Fuß hoch stieg, und 3 bis 4 Fuß im Durchmesser hatte.
Glücklicher Weise hatte ich schon beim Beginn der dumpfen Töne, der Vorläufer des Ausbruches, auf die Uhr gesehen; während des Ausbruches selbst würde ich wohl darauf vergessen haben. – Das Ganze währte bei vier Minuten, von denen die größere Hälfte auf die eigentliche Eruption zu rechnen ist.
Als diese wunderbare Scene geendet hatte, geleitete mich der Bauer an das Becken. Wir konnten uns nun sowohl diesem, als dem Kessel ohne Gefahr nähern, und beide nach Gefallen betrachten und umgehen. – Zu besorgen war nichts mehr. Das Wasser war spurlos aus dem Becken verschwunden; wir stiegen hinein und naheten uns unmittelbar dem Kessel, in welchem das Wasser ebenfalls 7 bis 8 Fuß tief gesunken war, wo es heftig kochte und wallte.
Ich löste mittelst eines Hammers einige Krusten sowohl von dem Innern des Beckens, als auch des Kessels; die ersteren waren weiß, letztere braun. Auch das Wasser kostete ich; es hatte keinen unangenehmen Geschmack, und kann nur wenig Schwefeltheile enthalten, da auch der Dampf nicht darnach riecht.
Ich ging nun jede halbe Stunde zu dem Becken des Geisers, um zu beobachten, wie viel Zeit zur Füllung des Kessels und Beckens nöthig sei. – Nach der ersten Stunde konnte ich noch in das Becken steigen; als ich aber nach einer halben Stunde später kam, war der Kessel bereits gefüllt, und fing gerade an überzulaufen. So lange das Wasser nur den Kessel füllte, kochte es heftig auf, je mehr es aber in das Becken überfloß, desto weniger kochte es, und hörte beinahe ganz auf, nachdem das Becken angefüllt war; es warf nur hie und da kleine Bläschen.
Nach dem Verlaufe von ferneren zwei Stunden – es war gerade 12 Uhr Mittags – war das Becken beinah bis an den Rand gefüllt, und während ich noch an selbem stand, fing das Wasser wieder an, sich heftig aufzuwerfen, und die dumpfen Töne von sich zu geben. Ich hatte kaum Zeit zurück zu springen, denn allsogleich erhoben sich die Strahlen. Sie stiegen dießmal während des Brüllens empor, und waren noch wasserreicher, als jene der ersten Explosion, was wohl daher kommen mochte, weil sie nicht so hoch sprangen, und daher dichter beisammen blieben. – Ihre Höhe mochte bei 40 und 50 Fuß betragen. Kessel und Becken blieben dießmal nach dem Ausbruche beinahe eben so gefüllt, wie vorher.
Somit hatte ich nun zwei Explosionen des Geisers gesehen, und fühlte mich bereits reichlich entschädigt für meine unermüdete Geduld und Wachsamkeit. Aber ich sollte noch glücklicher sein, und seine Ausbrüche in allen Formen und Gestalten kennen lernen; – er sprang abermals um 7 Uhr Abends, stieg höher als Mittags, und führte dießmal einige Steine mit, die in der weiß schäumenden Wassersäule gerade wie schwarze Flecken und Punkte aussahen. – Und wieder ein anderes Schauspiel gewährte er in der dritten Nacht. – Da erhob sich das Wasser in furchtbaren, schnell auf einander folgenden Wallungen, ohne Strahlen zu werfen; das Becken floß stark über, und es erzeugte sich eine solche Masse von Dampf, wie ich noch nie gesehen. Zufällig trieb ihn der Wind gerade der Gegend zu, wo ich stand, und da hüllte er mich so dicht ein, daß ich kaum einige Fuß weit sehen konnte. Ich fühlte jedoch weder einen Geruch, noch eine Beängstigung, sondern nur einen geringen Grad von Wärme.
28. Juni.
Da ich nun den Geiser schon so oft und auch so schön hatte spielen gesehen, bestellte ich meine Pferde auf heute 9 Uhr Früh zur Weiterreise. Ich eilte um so mehr aus der Nähe des Geisers, da ein holländischer Prinz erwartet wurde, der erst kürzlich mit großem Gefolge in einer schönen Kriegsfregatte zu Reikjavik angekommen war.
Noch hatte ich das Glück, vor meiner Abreise, um halb neun Uhr, abermals einen Ausbruch zu sehen, und zwar einen beinah eben so schönen, als der erste war. – Auch dießmal war das Becken ganz und der Kessel bis auf eine Tiefe von 6 bis 7 Fuß geleert. Ich konnte daher nochmals in das Becken treten, und dem Geiser unmittelbar am Kessel selbst »Lebewohl« sagen, was ich natürlich auch that.
Ich war nun drei Nächte und zwei Tage beständig in unmittelbarer Nähe des Geisers gewesen, und hatte im Ganzen fünf Ausbrüche erlebt, von welchen zwei zu den bedeutendsten gehörten; doch kann ich auf mein Wort versichern, nicht Alles so gefunden zu haben, wie ich es mir nach den vernommenen Erzählungen und Beschreibungen vorstellte. – Ich hörte nie ein größeres Geräusch, als ich es bereits anfänglich beschrieb, und fühlte von einem Erzittern der Erde nie das Geringste, obwohl ich stets mit gespanntester Aufmerksamkeit auf Alles achtete und mein Ohr sogar während einer Explosion an den Boden hielt.
Es ist wirklich merkwürdig, wie manche Leute Alles nachreden, was sie von Andern hören, und wie Andere wieder in ihrer erhitzten Fantasie selbst Sachen zu sehen, zu hören und zu empfinden sich einbilden, die gar nicht vorhanden sind, – – und wie endlich noch Andere geradezu die unverschämtesten Lügen erzählen. – So traf ich z. B. in Reikjavik im Hause des Apothekers Möller einen Marine-Offizier von der französischen Fregatte, welcher behauptete, »er sei bis unmittelbar an den Krater des Vesuv's geritten.« – Er dachte wohl nicht in Reikjavik mit Jemanden zusammen zu treffen, der ebenfalls am Krater des Vesuv's gewesen war. – Nichts ärgert mich mehr als dergleichen Lügen und Prahlereien. Ich konnte mich daher nicht enthalten zu fragen, wie er das angestellt habe; – ich sei auch dort gewesen, scheue gewiß so wenig eine Gefahr wie er, und hätte mich doch bequemen müssen, am Kogel des Vesuv's von dem Esel zu steigen, und mich von meinen Füßen hinauf tragen zu lassen. – Er schien nun freilich ein wenig verlegen und meinte, »er habe sich versprochen, er habe nur sagen wollen, bis beinahe an den Krater«; – doch wette ich darauf daß er diese Lüge noch oft erzählen, und sie endlich selbst glauben wird.
Bevor ich den Geiser verlasse, kann ich nicht umhin, meinen Lesern einige Kleinigkeiten zu erzählen, die mir da wiederfuhren. Ich hoffe ihre Geduld nicht allzusehr zu ermüden. – Von einem so wenig bekannten Lande interessirt oft das Geringste, und aus unbedeutenden Vorfällen kann man oft am Besten auf die eigenthümlichen Eigenschaften der Bewohner schließen.
Von meinem betrunkenen Cicerone habe ich bereits erzählt; und heute noch ist es mir ein Räthsel, wie er mich in einem solchem Zustande so sicher umherführen konnte; – wäre er nicht der einzige zu haben gewesen, ich hätte mich ihm gewiß nicht anvertraut.
Als er das Zelt errichtet hatte, ließ ich mir einen Kotzen und einen Polster bringen, um der Feuchtigkeit des Bodens weniger ausgesetzt zu sein, – prosit die Mahlzeit – – es sollte mir noch schlimmer ergehen. – Aus dem Polster kroch ein ganz kleines Würmchen, in welchem ich Anfangs eine Bereicherung meiner Sammlung gefunden zu haben vermeinte, welches ich aber bei genauerer Besichtigung zu meinem Entsetzen für eine Made erkannte. – Mehrere dieser lieblichen Thierchen folgten noch nach. – Natürlich warf ich Polster und Kotzen allsogleich wieder zum Zelte hinaus.
Reinlichkeit ist bei den Isländern durchaus nicht zu finden; Alle sind im höchsten Grade ekelhaft. So zog z. B. ein zwölfjähriges Mädchen, das mir immer Schmetten (Obers) und frisches Wasser brachte, in meiner Gegenwart den Stöpsel aus der Flasche, um das daran klebende Obers mit der Zunge abzulecken, und wollte solchen dann wieder auf die Flasche thun.
Oft saß sie halbe Stunden lang an meiner Seite; da geschah es denn mitunter, daß sie vom Ungeziefer auf dem Kopfe belästiget wurde; sie suchte und fing es, sah es ganz phlegmatisch an, und wollte es gleich nebenan auf den Boden werfen. – Da ziehe ich in diesem Punkte noch die Grönländer vor, die speisen es doch sogleich auf, und man ist wenigstens vor einer Erbschaft gesichert. – Ueberhaupt haben die Isländer durchaus keinen Begriff und kein Gefühl des Schicklichen. Wollte ich alle Ekelhaftigkeiten, die ich sah, erzählen, ich könnte noch manche Seite damit füllen.
Nie werde ich begreifen können, daß dieses Volk einst durch Wohlhabenheit, durch Tapferkeit und Bildung ausgezeichnet war. – Ich setze z. B. im Schicklichkeits-Gefühle die Isländer den Beduinen und Arabern weit nach.
Meine heutige Reise ging nur sechs Meilen weit, nach Skalholt.
Die erste Meile gingen wir denselben Weg zurück, den wir gekommen waren; dann wendeten wir uns links und durchwanderten das ganze schöne und lange Thal, in welchem der Geiser liegt. – Meilenweit sahen wir von dieser Seite noch seine Dampfsäulen aufsteigen. – Die Wege waren nur gut, wo sie sich an den Seiten der Hügel und Berge fortzogen; in den Ebenen waren sie meistens sumpfig und voll Wasser. Wir verloren oft jede Spur des Weges, und ritten nur der Gegend zu, dabei mußten wir bei jedem Schritte befürchten einzusinken, so weich und nachgiebig war der Boden.
Ich fand die Trägheit der isländischen Bauern wirklich unverzeihlich. Alle Thäler, die wir durchzogen, waren eigentlich große, reich mit Gras bewachsene Sümpfe. Träten nun die einzelnen Gemeinden zusammen, um Gräben zu ziehen und sie trocken zu legen, so würden sie die schönsten Wiesen erhalten. Dieß beweisen die vielen Abhänge, wo das Wasser abläuft; – da herrscht üppiger Graswuchs, da gedeihen schöne Wiesenblumen und Kräuter, ja selbst wilder Klee. – Meist stehen auf diesen Abhängen auch einige Kothen.
Bevor wir noch das Oertchen Thorfastädir erreichten, erblickten wir schon den Hekla, umgeben von schönen Jokuln.
In Thorfastädir kam ich gerade zu einem Begräbnisse. Als ich in die Kirche trat, waren die Leidtragenden eben beschäftigt, sich gegenseitig mit Brandwein Muth und Trost einzutrinken. Freilich lautet das Gesetz, daß dieß nicht in der Kirche geschehen soll; – doch hielten sich alle Leute an das Gesetz, zu was wären die Richter? – Gewiß denken die Isländer so; sonst würden sie diesen Unfug unterlassen.
Endlich kam der Priester. – Nun wurde ein Psalm oder ein Gebet – ich verstand nichts davon, da es isländisch war – unter Anleitung eines Vorbeters von dem Priester und von mehreren Auserwählten – Bauern – derart herab geschrieen, daß die guten Leute ganz erhitzt wurden, und völlig außer Athem kamen. – Hierauf stellte sich der Priester an den Sarg, der aus Mangel an Raum auf die Lehnen der Bänke gestellt worden war, und las da mit lauter Stimme ein Gebet ab, das über eine halbe Stunde dauerte. Die Funktionen im Innern der Kirche waren hiemit beendet, und die Leiche wurde nun in Begleitung des Priesters und der Anwesenden um die Kirche herum dem Grabe zu getragen. Letzteres war von einer Tiefe, wie ich noch nirgends gesehen. – Als die Leiche hineingesenkt worden war, warf der Priester dreimal Erde darauf; von den Leidtragenden that aber dieß Niemand. – Unter der herausgegrabenen Erde befanden sich vier Todtenschädel, mehrere Gebeine, und ein Stück Brett von einem einstigen Sarg. Alles wurde dem so eben eingesenkten nachgeworfen, und das Grab im Beisein des Priesters und des Volkes zugeschaufelt. Ein Mann trat dabei die Erde fest; dann wurde ein Leichenhügel aufgerichtet, und mit Rasenstücken, die schon bereit lagen, überdeckt. Die ganze Arbeit ging mit beispielloser Raschheit von Statten.
Das Oertchen Skalholt, meine heutige Nachtstation, war in religiöser Beziehung einst so berühmt, wie Thingvalla in politischer. – Hier ward, bald nach Einführung der christlichen Religion, das erste Bisthum im Jahre 1098 gegründet; auch soll die hiesige Kirche eine der größten und reichsten gewesen sein. – Jetzt ist Skalholt ein erbärmliches Nest; es besteht aus einer mittelgroßen hölzernen Kirche – die vielleicht 100 Personen fassen mag – und 3-4 Kothen, und hat nicht einmal seinen eigenen Geistlichen, sondern gehört nach Thorfastädir.
Das Erste, als ich ankam, war, die noch vorhandenen Reste der Vergangenheit zu besehen. – Man zeigte mir vor Allem ein Bildniß in Oehl gemalt, das in der Kirche hängt und den ersten Bischof von Skalholt, Thorlakur, darstellen soll, der wegen seines strengen und frommen Lebenswandels beinahe als Heiliger verehrt wurde.
Hierauf wurden Anstalten gemacht, am Altar die großen Stufen, und mehrere Bretter vom Fußboden wegzuräumen. – Erwartungsvoll stand ich daneben und dachte an nichts anderes, als nun in eine Gruft steigen zu müssen, und darin den einbalsamirten Körper des Bischofes zu finden. – Ich muß gestehen, daß mir diese Aussicht gerade nicht sehr angenehm erschien, wenn ich an die herannahende Nacht dachte, die ich in dieser Kirche, vielleicht gerade ober dem Todten-Gerippe, zubringen mußte. – Ich hatte an dem heutigen Tage ohnehin schon zu viel mit Verstorbenen zu thun gehabt, und konnte den garstigen Leichengeruch, den ich in Thorfastädir einsog, gar nicht mehr aus meinen Kleidern und aus meiner Nase bannen.[ [1] – Wie erfreut war ich daher, statt der gefürchteten Gruft und Mumie, nur eine große Marmorplatte zu Gesichte zu bekommen, auf der die üblichen Anzeigen der Geburt, des Todes u. s. w. dieses Bischofes standen.
Noch zeigte man mir ein altes gesticktes Meßkleid, und einen einfachen goldenen Kelch, die beide aus jenen Zeiten herstammen sollen.
Dann stiegen wir in die sogenannte Rumpelkammer, die nur durch Bretter von dem untern Theile der Kirche geschieden ist, und sich bis gegen den Altar zu zieht. Hier befinden sich die Glocken und die Orgel wenn nämlich die Kirche etwas derart besitzt, die Lebensvorräthe, und eine Menge Geräthschaften verschiedener Art u. s. w. – Man öffnete da eine ungeheure Kiste, die große Stücke Talg, der in Form von Käsen gegossen war, enthielt, hob diese heraus, und kam auf die Bibliothek, in welcher ich einen sehr interessanten Fund machte. Ich fand nämlich unter mehreren sehr alten Büchern in isländischer Sprache, drei dicke Folianten, die ich ganz bequem lesen konnte; – sie waren deutsch, und enthielten Luthers Lehren, Briefe, Episteln u. s. w.
Jetzt hatte ich aber auch Alles gesehen. – Ich konnte nun auch auf meine leiblichen Bedürfnisse denken, und mir etwas heißes Wasser zum Kaffeeaufgusse bringen lassen u. s. w. Abermals pflanzten sich sämmtliche Einwohner des Oertchens vor und in der Kirche auf, vermuthlich um an mir das Studium ihrer Menschenkenntniß zu bereichern. Doch bald sperrte ich die Thür zu, und bereitete mir ein prächtiges Lager. Schon bei meinem ersten Eintritte in die Kirche hatte ich an einer der Wände einen langen Verschlag bemerkt, der ganz mit Schafwolle angefüllt war; auf diese warf ich meinen Polster, und da lag ich so warm und so weich, wie in dem besten Bette. – Des Morgens krauste ich die Wolle wieder sorgfältig auf, und kein Mensch hätte nun errathen können, wo ich eigentlich die Nacht zugebracht habe.
Nichts kam mir bei meinen derartigen Nachtquartieren komischer vor, als die Neugierde der Leute, die stets, nachdem ich des Morgens die Thür aufgeschlossen hatte, herein stürmten. Das erste, was sie zu einander sagten, war: »Kvar hefur hún sovid« (wo hat sie denn geschlafen?) Die guten Leute konnten durchaus nicht begreifen, wie es mir möglich sei, die ganze Nacht allein in einer Kirche mitten auf dem Friedhofe zuzubringen; sie hielten mich vielleicht für einen halben Geist oder wohl gar für eine Zauberin, und hätten gar zu gerne gewußt, wo denn dieses Geschöpf gehaust habe. – Wenn ich dann ihre verblüften Gesichter gesehen hatte, mußte ich mich immer umwenden, um nicht laut aufzulachen.
29. Juni.
Früh, zeitlich des Morgens setzte ich meine Reise wieder fort. Unweit Skalholt kamen wir an den Fluß Thiorsa, der ziemlich tief und sehr reißend ist. Wir wurden in einem Boote übergesetzt; die Pferde mußten durchschwimmen. Es braucht oft viel Mühe diese Thiere in solche Ströme zu bringen; sie entdecken gleich, daß sie da schwimmen müssen. – Führer und Bootsmann dürfen sich nicht eher vom Ufer entfernen, als bis sie vom Strome erfaßt sind, und selbst dann noch müssen sie ihnen Steine nachwerfen, mit der Peitsche drohen, und sie durch Lärmen und Geschrei erschrecken, damit sie nicht wieder umkehren.
Nachdem wir ungefähr drei Meilen auf größtentheils sumpfigen Wegen zurückgelegt hatten, kamen wir zu einem schönen Wasserfalle des Huitha. – Dieser Fall war nicht so sehr durch seine Höhe – die betrug kaum 15 bis 20 Fuß, – als vielmehr durch seine Breite und Wasserfülle ausgezeichnet. – Einige schöne Felsentrümmer sind an der Kante des Sturzes derart gelagert, daß sie ihn auf Augenblicke in drei Theile theilen; doch unter ihnen vereinigt sich der Sturz gleich wieder. – Das Bett dieses Flußes besteht, so wie auch seine Ufer, aus Lava.
Merkwürdig ist an diesem Flusse die Farbe des Wassers; sie spielt so sehr in's Milchweiße, daß wenn die Sonne darauf scheint, wirklich keine starke Einbildungskraft dazu gehört, die ganze Flüssigkeit für Milch zu halten.
Eine kleine ¼ Meile oberhalb des Wasserfalles muß man den Huitha, der einer der bedeutendsten Flüsse Island's ist, in einem Boote übersetzen. – Dann zieht sich der Weg durch Wiesen, die jedoch weniger versumpft sind, als ihre Vorgängerinen, bis zu einem großen Lavastrome, durch den man an die Nähe des fürchterlichen Feuerspeiers Hekla erinnert wird.
Noch waren mir in Island keine so großen Strecken, wie vom Thale des Geisers bis hierher, vorgekommen, die ich hätte durchziehen können, ohne auf Lavaströme zu stoßen. – Und selbst dieser hier schien für die schönen Wiesen einiges Mitleid zu empfinden; er theilte sich an mehreren Stellen in zwei Arme, und umschloß so die lachende Flur. Doch auf lange hatte er wahrscheinlich den nachstürmenden Massen nicht widerstehen können; er ward mit fortgerissen, um überall hin Tod und Vernichtung zu tragen. – Flächen, die mit dunklem Sande überdeckt waren, und steile Hügel, die sich dazwischen lagerten, machten den Weg etwas mühevoll und beschwerlich.
So ging es fort bis zu dem Oertchen Struvellir, wo wir anhielten und unsere Pferde einige Stunden ruhen ließen. Wir trafen hier eine große Versammlung von Menschen und Thieren.[ [2] Es war gerade Sonntag, und noch dazu ein recht warmer, sonnenklarer, und da wurde in der hübschen Kirche großer Gottesdienst gehalten. – Nach Beendigung desselben sah ich eine recht artige, ländliche Scene. Die Leute strömten alle aus der Kirche – ich zählte 96 Personen – eine unerhörte Versammlung für Island – theilten sich in verschiedene Gruppen, und schwatzten und schäckerten, wobei sie jedoch nicht vergaßen, ihre Kehlen mit Brandwein zu befeuchten, von dem sie bedeutende Quantitäten zur Vorsorge mitgenommen hatten. Dann zäumten sie ihre Pferde, und schickten sich zu ihrer Abreise an. Nun regnete es Küsse von allen Seiten und das Abschiednehmen hatte kein Ende, – die Armen wissen ja nie, ob und wann sie sich wieder zusammen finden.
In ganz Island besteht Willkomm und Abschied in einem derben Kusse, – ein Gebrauch der für den Nicht-Isländer sehr ekelhaft ist, wenn er einen Blick auf die häßlichen, schmutzigen Gesichter, auf die tabaktriefenden Nasen der Alten und auf die ....... der Kinder wirft. Jedoch für den Isländer hat dieß nichts auf sich. Alle küßten den Priester und er wieder sie, dann küßten sie sich untereinander, und so ging es fort und fort. Es herrscht hierbei nicht einmal Rangunterschied, und ich war nicht wenig erstaunt zu sehen, wie mein Führer, ein ganz gewöhnlicher Bauersknecht, ein halb Dutzend Töchter eines Sysselmanns küßte, oder die Frau und die Kinder irgend eines Pastors, oder den Sysselmann, den Pastor oder Probst selbst, und wie diese seine Küsse eben so herzlich erwiederten. – Ländlich, sittlich.
Die Ceremonieen in der Kirche fangen gewöhnlich erst gegen Mittag an und dauern zwei auch drei Stunden. – Die Lebhaftigkeit vor der Kirche ist deßhalb so groß, weil es nirgend eine Gaststube gibt, in der man sich versammeln, oder einen Stall, in den man die Pferde sperren könnte. Alles muß unter freiem Himmel bleiben.
Als der Gottesdienst beendet war, besuchte ich den Priester, Herrn Horfuson; er war so gütig, mir seine Begleitung nach dem zwei Meilen entfernten Oertchen Sälsun anzutragen, hauptsächlich um dort für mich mit einem Führer nach dem Hekla zu unterhandeln.
Ich war doppelt froh, diesen guten Mann an meiner Seite zu haben, da wir einen sehr gefährlichen Strom zu passiren hatten, der sehr reißend und so tief war, daß er den Pferden bis an die Brust reichte. Trotz dem, daß wir die Füße so viel als möglich hinauf zogen, wurden wir dennoch tüchtig durchnäßt. – Eine derlei Partie gehört zu den unangenehmsten, die ich kenne. – Das Pferd schwimmt mehr als es geht, und dieß erzeugt eine höchst widerliche Empfindung. Man weiß gar nicht, wohin man sehen soll; sieht man in den Strom, so wird man sehr leicht vom Schwindel erfaßt, und sieht man nach dem Ufer, so ist es auch nicht viel besser, denn dieses scheint sich ordentlich zu bewegen und davon zu gleiten, was natürlich daher rührt, weil das Pferd, von der Strömung erfaßt, ein Stück abwärts gerissen wird. – Zu meiner großen Beruhigung ritt der Priester an meiner Seite, um mich zu erfassen, wenn ich mich auf dem Pferde nicht mehr sollte erhalten können. – Glücklich überstand ich auch diese Feuer- – nein – Wasserprobe, und als wir das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte mich Herr H. aufmerksam, wie weit wir von der Strömung waren mitgerissen worden.
Das Thal, in welchem Sälsun und der Hekla liegen, ist eben wieder eines derjenigen, die man nur in Island finden kann. – Es umfaßt die größten Contraste. Da sind wunderliebliche Fluren, wie mit einem prächtigen sammtgrünen Teppiche überzogen, dort wieder Hügel von schwarzer, glänzender Lava; – ja die Wiesen selbst sind durchschnitten von Lavaströmen und Sandflächen. Bekanntlich hat der Hekla die schwärzeste Lava und den schwärzesten Sand; hier ist nun Alles von ihm, Hügel und Berg, Lava und Sand; und man kann sich denken, wie das aussieht. Ein einziger Berg an der linken Seite des Hekla ist rothbraun, und mit Sand und Gerölle von derselben Farbe ganz bedeckt. In der Mitte ist er stark eingesunken, und scheint einen großen Krater zu bilden. – Der Hekla selbst schließt sich unmittelbar an die rund um ihn her aufgethürmten Lavaberge, und erscheint von hier gesehen auf ihnen, wie ein höherer Aufsatz. Er ist von mehreren Gletschern umgeben, deren glänzende Schneefelder sich tief herab neigen, und deren Flächen wohl nie von einem menschlichen Fuße betreten wurden. Mehrere seiner Seitenwände waren ebenfalls mit Schnee bedeckt. Links im Thale bei Sälsun, und am Fuße eines Lavahügels liegt ein lieblicher See, an dessen Ufer eine bedeutende Schafheerde gelagert war. – Unweit davon steht ein schöner Berg, so vereinzelt und abgesondert, als ob er von seinen Nachbarn verstoßen und hierher gewiesen worden wäre. – Ueberhaupt ist die Ansicht dieser ganzen Landschaft so echt isländisch, so eigen und merkwürdig, daß sie gewiß für immer meinem Gedächtnisse eingeprägt bleiben wird.
Das Oertchen Sälsun liegt am Fuße des Vorgebirges Hekla; man sieht es aber erst, wenn man es schon beinahe erreicht hat.
Als wir zu Sälsun angelangt waren, war das Erste, einen Führer zu suchen, und Alles zur Besteigung des Hekla vorzubereiten und auszuhandeln. Der Führer hatte für mich ein Pferd zu schaffen, und mich nebst meinem frühem Führer bis auf die Spitze des Hekla zu geleiten. – Er begehrte 5 Thaler und 2 Mark, nach unserem Gelde 5 fl. 20 kr. CM., eine unverschämte Forderung, – für das Pferd rechnete er nur 20 kr., für sich selbst 5 fl., – eine Summe, mit der er gewiß einen ganzen Monat leben konnte. – Doch was war zu machen? Ein anderer Führer war nicht zu finden, das wußte er wohl, und so mußte ich in Gottes Namen einwilligen. – Nachdem Alles geordnet war, empfahl sich mein gütiger Beschützer, mir viel Glück zur morgigen beschwerlichen Reise wünschend.
Ich sah mich nun nach einer Stelle um, wo ich die Nacht zubringen konnte; – ach, ein ekelhaftes Loch ward mir zu Theil. Man stellte mir eine Truhe hinein, die etwas kürzer war als meine Person, die sollte mir zur Schlafstelle dienen; neben ihr hing ein mehr als ellenlanger halb verfaulter Fisch, der bereits das ganze Gemach mit seinem Gestank verpestet hatte. Ich konnte kaum Athem holen, und mußte, da keine andere Oeffnung vorhanden war, die Thüre offen lassen, und derart die zahlreichen Besuche der liebenswürdigen Einwohner empfangen. – Wahrhaftig eine schöne Erholung und Stärkung für die morgende Reise!
Am Fuße des Hekla, und besonders in dieser Gegend, scheint Alles unterhöhlt zu sein. – Solch dumpfe dröhnende Töne, wie sie hier den schweren Fußtritten der Bauern nachhallten, hörte ich weder auf dem Vesuv, noch sonst wo. – Diese Töne machten einen besonders schauerlichen Eindruck auf mich, da ich in der Nacht so ganz allein in diesem finstern Loche eingeschlossen war.
Mein Hekla-Führer – ich nenne ihn so zum Unterschiede meines andern – meinte, daß wir Morgens um zwei Uhr aufbrechen sollten. Ich war vollkommen damit einverstanden, wußte aber schon voraus, daß wir um fünf Uhr auch noch nicht zu Pferde sitzen würden.
Wie gedacht, so geschehen. Erst um halb sechs Uhr waren wir vollkommen ausgerüstet, und zum Aufbruche bereit. Außerdem, daß wir Brod und Käse, eine Flasche Wasser für mich und eine Flasche Brandwein für meine Führer mitnahmen, hatten wir uns auch mit langen Stöcken, die unten in eisernen Spitzen ausgingen, versehen, um damit den Schnee sondiren, und uns auf sie stützen zu können.
Der schönste, wärmste Morgen begünstigte uns, und guten Muthes galoppirten wir über die Wiesen, und die daran stoßenden Sandflächen. Mein Führer nahm dieß schöne Wetter für eine besonders glückliche Vorbedeutung; er sagte mir, daß Herr Geimard – der bereits erwähnte französische Gelehrte und Naturforscher – drei Tage auf schönes Wetter habe warten müssen. – Dieß sei nun schon neun Jahre, und seitdem habe Niemand den Hekla erstiegen. Ein Prinz von Dänemark, der vor einigen Jahren ganz Island bereiste, sei zwar auch da gewesen, aber unverrichteter Sache wieder weiter gezogen.
Der Weg führte anfänglich, wie gesagt, über eine schöne Wiese, und dann über Flächen von schwarzem Sande, die von allen Seiten von Strömen, Hügeln und Bergen aufgethürmter Lava umfangen sind. Immer mehr und mehr rücken diese furchtbaren Massen zusammen, und gewähren oft kaum den Ausweg durch eine enge Schlucht; da muß man über Lava-Blöcke klettern, Hügel und Berge erklimmen, und findet kaum ein Plätzchen, den Fuß fest zu stellen. Lava rollte neben und hinter uns, und wir mußten sehr auf der Hut sein, nicht selbst zu rollen, oder von der rollenden Lava getroffen zu werden. Das Gefährlichste waren aber die mit Schnee ausgefüllten Schluchten, über die wir setzen mußten; der Schnee war, durch die Wärme der vorgerückten Jahreszeit, doch schon erweicht worden, und so sanken wir beinahe bei jedem Schritte ein, oder was noch schlimmer war, glitten oft mehr zurück als wir vorwärts kamen. Ich glaube kaum, daß es einen zweiten Berg geben kann, bei dessen Ersteigung man mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
Nachdem wir nach vierthalbstündiger Mühe den letzten Höhen des Berges nahe kamen, mußten wir auch die Pferde zurück lassen. – Ich hätte dieß zwar schon lange gethan, da mich die armen Thiere erbarmten, wie sie über die Abhänge, man könnte beinahe sagen, über diese rollenden Berge, mehr fielen als kletterten, aber mein Hekla-Führer ließ es nicht zu. Theilweise kamen doch Stellen, wo wir sie benützen konnten, und dann behauptete er, müsse ich so weit als möglich reiten, um den nachfolgenden Beschwerden gewachsen zu sein. – Und er hatte recht; – ich glaube kaum, daß ich es ausgehalten hätte, all diese Strecken zu Fuß zurück zu legen; denn wenn man schon glaubt den letzten Höhen des Berges ganz nahe zu sein, lagern sich abermals Hügel und Ströme von Lava dazwischen, und man sieht sich vom Ziele entfernter als zuvor.
Mein Führer sagte mir, daß er noch nie Jemanden zu Pferde so weit geführt habe, wie mich. – Ich glaube es gerne, – schon das Gehen war schrecklich, das Reiten aber wahrhaft fürchterlich!
Auf jeder erkämpften Höhe entrollten sich neue Bilder der ödesten, traurigsten Gegend. Alles war starr und todt, überall ausgebrannte schwarze Lava. – Es war ein schmerzliches Gefühl, so weit zu sehen, und doch nichts zu erschauen, als eine steinige Wüste, ein unermeßliches Chaos.
Noch hatten wir zwei Höhen zu erklimmen, – es waren die letzten, aber auch die schrecklichsten. Da ging es steil über Lavamassen, die ordentlich stachelig waren, und die ganze Spitze des Berges bedeckten. – Wie oft ich da fiel, und wie oft ich mir die Hände an den feinen Zacken der Lava aufritzte, kann ich gar nicht sagen. Ach! es war eine gräßliche Partie.
Die blendende Weiße des Schnees wirkte beinahe blind machend gegen die glänzend schwarze Lava daneben. Wenn ich Schneefelder ersteigen mußte, sah ich nach der Lava gar nicht hinüber; ich hatte es einigemal versucht, und hätte darauf bald meinen Weg nicht mehr gesehen, ich wäre schneeblind geworden.
Endlich nach abermaligem zweistündigem Klettern war die Spitze des Berges erstiegen. – Ich stand nun auf dem Hekla, und suchte vor Allem den Krater auf der schneelosen Spitze, und – fand ihn nicht. Ich war um so mehr erstaunt auf dem Hekla keinen Krater zu finden, da ich in einigen Reisebeschreibungen ganz ausführliche Berichte davon gelesen hatte.
Ich umging die ganze Spitze des Berges, ich kletterte bis zu dem anstoßenden Jokul – nirgends bemerkte ich eine Oeffnung, einen Riß, eine eingedrückte Wand, oder sonst irgend ein Anzeichen eines Kraters. Nur an den etwas tiefer gelegenen Seiten des Berges, aber durchaus nicht an dem eigentlichen Kogel, sah ich weite Risse und Schlünde, aus welchen sich wahrscheinlich die Lavaströme ergossen haben werden.
Die Höhe des Berges soll 4300 Fuß betragen.
Schon während der letzten Stunde unseres Hinaufklimmens hatte sich die Sonne verdunkelt. Nebelwolken stürmten von den nahen Gletschern herüber, verbargen die Ferne, und hüllten bald auch uns dermaßen ein, daß wir kaum zehn Schritte weit sehen konnten. Endlich lösten sie sich auf, – aber glücklicher Weise nicht in Regen, sondern in Schnee, der in reichlicher Menge die schwarze krause Lava mit großen Flocken überstreute. – Der Schnee blieb liegen, und der Thermometer wies 1 Grad Kälte.
Nach und nach erschien der Himmel wieder in seinem unnachahmlichen zarten Blau, und auch die Sonne säumte nicht länger uns zu erfreuen. Ich blieb oben auf der Spitze des Berges, bis die Wolken auch in der Ferne sich theilten und mir eine willkommene Rundansicht gestatteten.
Solch ein Bild, wie ich es hier sah, meinen Lesern zu versinnlichen, ihnen die Zerstörung, Ausdehnung und Anhäufung dieser Lavamassen zu beschreiben, ist leider meine Feder viel zu schwach. – Ich meinte in einem Krater zu stehen, das Ganze schien mir ein ausgebrannter Feuerherd. – Hier waren Lavamassen übereinander gethürmt zu steilen unersteigbaren Bergen, – dort füllten versteinerte Ströme, deren Breite und Länge ich gar nicht ersehen konnte, unermeßliche Thäler. – Alles war über- und durcheinander geworfen, und doch unterschied man wieder deutlich die Bahn der letzteren Ausbrüche.
Man ist in der Mitte der gräßlichsten Schluchten, Höhlen, Ströme, Thäler und Berge; man faßt es kaum, wie es möglich gewesen sei, bis hierher zu dringen, und wird von Angst und Entsetzen ergriffen bei dem unwillkührlich sich aufdringenden Gedanken, vielleicht nimmer wieder aus diesem gräßlichen Labyrinthe hinaus finden zu können.
Hier, von der Spitze des Hekla konnte ich weit hinein in das unbewohnte Land sehen – das Bild einer erstarrten Schöpfung, todt und regungslos, und doch dabei so einzig großartig, – ein Bild, das, nur einmal gesehen, nie mehr dem Gedächtnisse entschwindet, und dessen Erinnerung allein schon für alle ausgestandenen Beschwerden und Gefahren reichlich entschädiget! Eine ganze Welt von Gletschern, Lavamassen, Schnee- und Eisfeldern, Flüßen und kleinen Seen liegt da aufgeschlossen, nie hat es ein menschlicher Fuß gewagt, ihr Inneres zu betreten. – Wie muß es da gewüthet und gearbeitet haben, bis solche Gestaltungen geschaffen wurden? – Und wird es nun genug damit sein? – Hat das Element ausgetobt, oder ruht es nur, gleich der hundertköpfigen Hydra, um mit verdoppelter Kraft wieder hervor zu brechen, und auch noch jene Gegenden zu verwüsten, die ohnehin schon, so weit dem Meere zugedrängt, sich nur als bescheidener Kranz um das Innere des Landes winden. – Ich danke Gott, daß er mich dies Chaos seiner Schöpfung schauen ließ; aber doppelt danke ich ihm, daß er mich in Gefilden leben läßt, wo die Sonne mehr zu thun hat, als nur den Tag zu schaffen; wo sie wirkend und wärmend Pflanzen und Thiere belebt, und das Herz des Menschen zur Freude und zum Dank gegen den Schöpfer stimmt.[ [3]
Die Westmanns-Inseln, die man vom Hekla aus erblicken soll, konnte ich nicht finden, wahrscheinlich waren sie von Wolken verdeckt.
Schon während der Besteigung des Hekla hatte ich häufig die Lava berührt, theils unfreiwillig, wenn ich fiel, theils freiwillig, um eine heiße oder wenigstens warme Stelle zu finden. – Ich war so unglücklich auf lauter kalte zu treffen. Nichts konnte mir daher erwünschter kommen, als der so eben gefallene Schnee. Ueberall sah ich begierig herum, ein Plätzchen zu entdecken, wo ihn die unterirdische Hitze nicht dulden würde. – Dahin wäre ich dann geeilt, und das Gesuchte wäre gefunden gewesen. – Leider blieb der Schnee an allen Orten liegen. Auch Rauchwolken sah ich nirgend aufsteigen, obwohl ich stundenlang meine Augen nicht von dem Berge wendete, den ich hier auch von allen Seiten bis tief hinab ganz überschauen konnte.
Als wir hinab stiegen, fanden wir in einer Tiefe von 5-600 Fuß den Schnee im Schmelzen; noch tiefer rauchte der ganze Berg, eine Erscheinung, die ich für eine Folge der plötzlich eingetretenen Sonnenwärme hielt; mein Thermometer zeigte nämlich jetzt neun Grade Wärme. Ich beobachtete sie häufig auch an Bergen, die nicht zu den Feuerspeiern gehörten. – Die Stellen, wo der Rauch aufstieg, waren ebenfalls kalt.
Die eigentliche glatte, kohlschwarze, glänzende und durchaus nicht poröse Lava findet man nur auf dem Hekla selbst und in seinen nähern Umgebungen. Doch ist nicht alle Lava so; man sieht auch zackige, glasige und poröse; jede ist aber schwarz, so wie ebenfalls der Sand, welcher eine Seite des Hekla überdeckt. Je weiter Lava und Sand von diesem Berge entfernt sind, desto mehr verlieren sie jene Schwärze, und ihre Farbe geht ins eisenfarbige, ja sogar ins lichtgraue über; manche Lava behält jedoch, selbst bei dieser lichten Farbe, den Glanz und die Glätte der schwarzen bei.
Nach dem mühevollsten Herabsteigen, und nachdem wir zur ganzen Partie über zwölf Stunden verwendet hatten, erreichten wir glücklich wieder Sälsun, und ich wollte mich eben, etwas niedergeschlagen, in meine frühere Wohnung begeben, schaudernd bei dem Gedanken, hier abermals eine Nacht zubringen zu müssen, – da überraschte mich mein Führer sehr angenehm durch die Frage, ob ich nicht vielleicht heute noch nach Struvellir wolle? Die Pferde seien hinlänglich ausgeruht, und dort könnte ich doch im Hause des Priesters ein gutes Zimmer bekommen. – Rasch war Alles zusammen gepackt und im Kurzen saß ich wieder zu Pferde. – Als ich jetzt zum zweiten Male in die tiefe Rangaa kam, durchritt ich sie schon furchtlos, und bedurfte keines Schutzes mehr an der Seite. – So ist der Mensch; nur das erstemal schreckt ihn die Gefahr; hat er sie glücklich überwunden, denkt er das künftige Mal kaum mehr daran, und begreift gar nicht, wie er da so große Furcht haben konnte.
In der Nähe dieses Stromes sah ich eine Merkwürdigkeit, – fünf kleine Bäumchen, die auf einer Wiese standen. Ihre Stämme waren zwar schief und knotig, aber dennoch 6-7 Fuß hoch, und mochten 4-5 Zoll im Durchmesser haben.
Wie mein Führer behauptet hatte, fand ich wirklich in dem Hause des Priesters ein niedliches Zimmerchen sammt einem guten Bette. Herr Horfuson ist einer der besten Menschen, die mir im Leben vorgekommen sind. – Mit größter Freude ergriff er jede Gelegenheit mir ein Vergnügen zu machen; ich habe ihm auch mehrere schöne Mineralien, und ein isländisches Buch vom Jahre 1601 zu verdanken. – Gott lohne ihm seine Güte und Herzlichkeit.
1. Juli.
Nun ging die Reise abermal bis zum Fluße Huitha, wo wir uns überführen ließen, dann schlugen wir eine andere Richtung ein. – Da ging es durch lauter schöne Thäler, die größtentheils mit Gras bewachsen waren; leider wuchs aber darunter so viel Moos, daß diese großen Flächen doch keine guten Weiden abgaben, und nur den Reisenden eine Annehmlichkeit gewährten, indem sie hübsch aussahen und durchaus trocken waren.
Das Thal, in welchem Hjalmholm, unsere heutige Nachtstation lag, durchzog ein großer Lavastrom, der jedoch so bescheiden war, nicht das ganze Thal auszufüllen, sondern auch dem schönen Wasserstrome Elvas und einigen Wiesen und Anhöhen Raum gab, auf deren letzterer überall Kothen standen. Dieses Thal war eines der bevölkertsten, die ich bisher sah.
Hjalmholm liegt auch auf einem Hügel. Hier wohnt der Sysselmann des Rangaarsyssels, und zwar in einem so schönen und großen Hause, wie ich deren nur in Reikjavik einige sah. – Ich wurde von seinen Töchtern – er selbst befand sich als Mitglied des Alldings in Islands Hauptstadt – sehr herzlich und freundlich aufgenommen.
Wir plauderten und schwatzten viel; ich suchte meine dänische Sprachkenntniß in voller Pracht und Herrlichkeit zu entfalten, und mußte dabei manchmal gar komische Phrasen hervorgebracht haben, denn die Mädchen konnten sich oft des Lachens nicht enthalten. Das hinderte mich jedoch nicht; ich lachte mit, nahm mein Wörterbuch, das ich stets mit mir führte, zu Hilfe, und schwatzte wieder weiter. – Von der Schönheit meiner Landsmänninen mußten sie durch meine Person eben auch keinen hohen Begriff bekommen haben, wofür ich Letztere pflichtschuldigst um Entschuldigung bitte, und sie dabei auf meine Ehre versichere, daß ich es selbst am meisten bedauerte. Allein die gute Mutter Natur verfährt gegen Leute in meinem Alter stets sehr unerbittlich, und gibt der Jugend, bezüglich der Aufmerksamkeit die man dem Alter erzeigen soll, ein sehr schlechtes Beispiel. – Statt uns zu ehren, und uns den Vorzug zu geben, hält sie sich lieber an das junge Volk, und jedes sechzehnjährige Mädchen schlägt uns würdigen Matronen ein gar gewaltiges Schnippchen. Dazu kam noch, daß die schrecklich scharfe Luft und die rauhen Stürme, denen ich beständig ausgesetzt war, mein Gesicht sehr entstellt hatten. – Sie hatten mich mehr angegriffen, als selbst die glühende Hitze im Oriente; – ich sah sehr braun aus, meine Lippen waren aufgesprungen, und meine Nase – ach Gott! – die fing gar an sich gegen ihre garstige Farbe aufzulehnen; sie wollte wahrscheinlich eine neue, blendendweiße zarte Haut besitzen, und da schob sie die alte in kleinen Stückchen von sich.
Das Einzige, was mich in der Meinung der guten Mädchen noch rettete, war, daß ich zufälliger Weise meine Haare mehr als gewöhnlich aus der Stirne streifte, und daß dadurch eine weiße Stelle zum Vorscheine kam. – Wie aus einem Munde schrien alle Mädchen, ganz überrascht und verwundert: »Hún er quit« (sie ist weiß). Ich mußte darüber lachen, und streifte den Aermel hinauf, um ihnen zu beweisen, daß ich nicht zu dem Stamme der Araber gehöre.
Aber auch mir stand in diesem Hause eine große Ueberraschung bevor; – ich stöberte nämlich in dem Bücherkasten des Sysselmannes herum, und fand da – Rottecks Weltgeschichte, ein deutsches Lexikon, und mehrere Gedichte und andere Schriften von deutschen Dichtern.
2. Juli.
So wie der Weg von Kalmannstunga nach Thingvalla über lauter Lava führte, so führte der heutige durch lauter Sümpfe. Kaum hatten wir einen im Rücken, lag schon wieder ein anderer vor uns. Doch schien auch hier der Grund aus Lava zu bestehen; denn an vielen Orten erhoben sich kleine Flecken dieses Gesteins, die wie Inseln aus den Sümpfen ragten.
Die Gegend wurde nun schon immer freier; die Gletscher verloren sich nach und nach ganz. Die hohen Gebirge auf der linken Seite erschienen, ihrer großen Entfernung wegen, wie Hügel, und die näheren waren es wirklich. – Nach einem ungefähr zwei Meilen langen Ritte mußten wir in einem Boote über den ziemlich bedeutenden Fluß Elvas setzen, und hierauf über einen schmalen, sehr langen Damm balanciren, der über eine Wiese führte, die ganz unter Wasser stand. Wären wir auf diesem Damme einem Reisenden begegnet, wüßte ich wahrlich nicht, was wir angefangen hätten; das Umkehren wäre so gefährlich gewesen, wie das Hinabsteigen in den Sumpf. Glücklicher Weise begegnet man in Island Niemanden.
Hat man den Damm überschritten, so führt der Weg einige Meilen längs der Berge und Hügel, die alle aus Lava bestehen, und von sehr dunkler, beinahe schwarzer Farbe sind. Das Gestein auf dieser Höhe war sehr lose; in der Wiese unten lagen viele Kolosse, die herabgestürzt sein mußten, und eine Menge andere sahen dem Sturze jeden Augenblick entgegen. – Wir bekamen diese gefährliche Passage glücklich im Rücken, ohne Augenzeuge eines solchen Schauspieles sein zu müssen.
In diesen Gebirgen hörte ich sehr oft ein dumpfes Getöse; ich hielt es anfangs für fernes Rollen des Donners, und suchte am Horizonte das herannahende Gewitter zu entdecken. Als ich aber weder Wolken noch Blitze sah, sondern nur den blauen Himmel, der sich heiter und rein über die unermeßlichen Thäler wölbte, da gewahrte ich erst, daß diese dumpfen Laute in meiner Nähe zu suchen waren, und aus den Bergen kamen.
Die höhern Gebirge links verliert man nun immer mehr und mehr aus dem Gesichte; dagegen breitet sich der Fluß Elvas der Art aus, und theilt sich in so viele Arme, daß man ihn für einen großen See mit vielen Inseln halten könnte. Er ergießt sich in das nahe Meer, dessen ausgedehnte Fläche man erblickt, nachdem man noch einige unbedeutende Hügel überstiegen hat.
Das Thal Reikum, in welches wir nun kamen, ist eben so wie jenes von Reikholt, reichhaltig an heißen Quellen, die rechts theils in der Ebene, theils auf Anhöhen oder hinter solchen, in dem Umkreise einer halben Meile beisammen liegen.
Als wir das Oertchen Reikum erreicht hatten, ließ ich gleich meine wenigen Effekten in das Kirchlein schaffen, nahm einen Führer, und begab mich zu diesen kochenden Quellen. – Ich fand ihrer sehr viele, aber merkwürdige nur zweie; die gehören aber auch wieder zu dem Merkwürdigsten, was man in dieser Art sehen kann. Die Eine heißt: der kleine Geiser, die Andere: der Bogensprung.
Der kleine Geiser hat einen Kessel von ungefähr drei Fuß im Durchmesser. Das Wasser kocht heftig in einer Tiefe von zwei bis drei Fuß, und bleibt ziemlich in diesen Schranken, bis es anfängt zu springen, wo es dann einen schönen wasserreichen Strahl von 20 bis 40 Fuß in die Höhe wirft.
Schon um halb neun Uhr Abends hatte ich das Glück, einen dieser schönen Ausbrüche zu sehen, und durfte also nicht, wie beim großen Geiser, Tag und Nacht seine Quelle belagern. Der Ausbruch dauerte sehr lange, und war ziemlich gleichmäßig, nur auf Augenblicke sank der Strahl etwas zurück, um dann mit erneuerter Gewalt auf die frühere Höhe wieder empor zu schießen; erst nach vierzig Minuten sank er ganz in den Kessel zurück. – Steine, die wir hinein warfen, führte er entweder gleich, oder nach einigen Secunden in zersplitterten Stücken bis zu einer Höhe von ungefähr 12-15 Fuß mit sich. – Seine Dicke mochte 1 bis 1½ Fuß im Durchmesser betragen. – Mein Führer versicherte mich, daß diese Quelle in 24 Stunden höchstens drei Mal, gewöhnlich aber nur zwei Mal springe; – also nicht wie ich irgendwo gelesen, alle sechs Minuten. – Ich selbst blieb bis Mitternacht in seiner Nähe, sah aber keinen Ausbruch mehr.
Man könnte diese Quelle füglich mit dem Strukker am Geiser vergleichen, und dürfte nur den einzigen Unterschied finden, daß bei Letzterem das Wasser im Kessel viel tiefer sinkt.
Die zweite der beiden merkwürdigen Quellen, der Bogensprung, liegt unweit vom kleinen Geiser, am Abhange eines Hügels, den man übersteigen muß. – Bei keiner Springquelle hatte ich noch eine so sonderbare Bildung des Bettes gefunden. – Sie besitzt gar keinen Kessel, sondern liegt halb offen vor den Füßen, wie in einer kleinen Grotte, die in verschiedene Höhlungen und Löcher getheilt, und halb kreisförmig von einer Felswand umgeben ist, die sich in einer Höhe von ungefähr zwei Fuß sanft über sie neigt, und dann noch 10 bis 12 Fuß gerade aufsteigt. – Diese Quelle bleibt höchstens eine Minute in ruhigem Zustande; sie fängt dann an schnell zu steigen und zu kochen, und wirft einen wasserreichen Strahl auf, der an die sich überneigende Felswand anprallt, durch sie breitgedrückt, und gleich einem bogenartigen Fächer in die Höhe steigt. Die Höhe dieses so wunderbar ausgebreiteten Strahles mag bei 12 Fuß, der Bogen, den er beschreibt, 15 bis 20 Fuß, und seine Breite 3 bis 8 Fuß betragen. Die Zeit des Ausbruches währt oft länger als jene der Ruhe. Nach dem Ausbruche sinkt das Wasser immer einige Fuß in die Höhle zurück, und gewährt auf 15 oder 20 Secunden einen Blick in diese wunderbare Grotte. – Doch gleich fängt es wieder an zu steigen, füllt bald sowohl die Grotte als auch das Becken, das eigentlich nur eine etwas erhöhte Fortsetzung der Grotte ist, und springt von Neuem.
Ich verweilte bei diesem wundervollen Naturspiele gewiß über eine Stunde, und konnte mich von dem Anblicke dieser bogenförmig aufsteigenden Wasserstrahlen gar nicht trennen. Mir gefiel diese Quelle, die gewiß einzig in ihrer Art ist, bei weitem besser, als jene des kleinen Geiser.
Noch ist eine Quelle da, der sogenannte brüllende Geiser; es ist dieß aber nichts, als ein unförmliches Loch, in welchem man das Wasser kochen hört, aber nicht sieht. Das Geräusch ist unbedeutend.
3. Juli.
Nahe an Reikum setzten wir über ein Bächlein, das all diese heißen Quellen aufnimmt, und da einen artigen Fall bildet. Wir stiegen hierauf den daran stoßenden Berg hinan, und ritten dann gute zwei Stunden in einer Hochebene fort. Die Hochebene selbst bot, da sie nur mit Lavagerölle und Moos bedeckt war, einen sehr einförmigen Anblick, – dagegen war aber die Aussicht desto abwechselnder und schöner. Thal und Meer lagen ausgebreitet vor den Blicken, und ich sah, was mir auf dem Hekla die Wolken neidisch verborgen hatten, – in weiter Ferne eine schöne Gebirgskette, die Westmanns-Inseln. Zu meinen Füßen lagen einige Häuschen, der Hafenort Eierbach, und unweit davon strömen die Wasser der Elvas in jene des Meeres.
Am Ende dieser Hochebene lag ein Thal, das zwar auch nur wieder mit Lava ausgefüllt war, aber mit jener schwarzen, zackigen, die einen so überaus schönen Anblick gewährt. Mächtige Ströme dieser Lavaart durchzogen es von allen Seiten, so daß es beinahe einem schwarzen See glich, der durch eine Reihe ebenfalls schwarzer Berge von dem Meere abgedämmt war.
Ueber Lava-Trümmer und Schneeflächen mußten wir uns in dieses finstere Thal hinab den Weg bahnen, und dann ging es fort durch Thäler und Schluchten, über Lavafelder und Wiesenflächen, an dunkeln Bergen und Hügeln vorüber, bis zur Hauptstation meiner isländischen Reisen, – bis nach Reikjavik.
Das ganze Land zwischen Reikum und Reikjavik ist größtentheils unbewohnt. (Eine Strecke von 10 Meilen). Nur hie und da sieht man in den Lavafeldern kleine Pyramiden von Lavasteinen aufgeschichtet, die als Wegweiser dienen, und an zwei Stellen sind Häuschen errichtet für jene Reisende, die da im Winter durchmüssen. – Wir trafen aber dennoch sehr viel Leben auf den Straßen, und überholten häufig Caravanen von 15-20 Pferden. – Es war nämlich jetzt Anfangs Juli, die Zeit des Verkehres und Handels in Island. Da ziehen die Landleute 20 und noch mehrere Meilen weit nach Reikjavik, um ihre Erzeugnisse und Produkte theils gegen Geld, theils gegen andere Bedürfnisse umzusetzen. – Die Kaufleute und Faktoren haben dann nicht Hände genug, die Waaren umzutauschen, oder die Rechnungen zu schließen, die der Bauer für das oft schon während des Jahres Genommene berichtigen will.
Um diese Zeit herrscht in und um Reikjavik eine Lebendigkeit sonder gleichen. Ueberall sieht man zahlreiche Gruppen von Menschen und Pferden. Hier werden Waaren auf- oder abgeladen, dort begrüßen sich Freunde, die sich schon ein ganzes Jahr, oder noch länger nicht gesehen haben. Da nehmen Andere von einander Abschied; hier sieht man einzige Zelte[ [4] errichtet, vor welchen sich Kinder herum tummeln, dort sieht man Betrunkene taumeln, oder wohl gar zu Pferde heran sprengen, daß Einem angst und bange wird, und man jeden Augenblick fürchtet sie stürzen zu sehen u. s. w.
Leider währt diese Lebhaftigkeit höchstens 6-8 Tage. Für den Bauer ist die Heuernte vor der Thüre, und der Kaufmann muß eilen seine eingelösten Produkte und Waaren zu ordnen, und seine Schiffe damit zu befrachten, um absegeln zu können, und noch vor den Stürmen des herbstlichen Aequinoctiums seinen Hafen zu erreichen.
| Von Reikjavik bis Thingvalla | 10 | Meilen. |
| Von Thingvalla bis an den Geiser | 8 | " |
| Vom Geiser nach Skalholt | 6 | " |
| Von Skalholt bis Sälsun | 8 | " |
| Von Sälsun bis Struvellir | 2 | " |
| Von Struvellir bis Hjalmholm | 6 | " |
| Von Hjalmholm bis Reikum | 7 | " |
| Von Reikum bis Reikjavik | 10 | " |
| —————— | ||
| 57 | Meilen. | |
Fernere Bemerkungen über Island und seine Bewohner.
Durch meine Reisen in diesem Lande hatte ich natürlich Gelegenheit, seine Bewohner, und deren Thun und Treiben kennen zu lernen. Ich muß gestehen, daß ich von dem Bauernstande einen höhern Begriff gehabt hatte. Wenn man in der Geschichte ihres Landes liest, daß die ersten Bewohner dieser Insel von aufgeklärten Staaten ausgewandert waren, daß sie Gesittung und Kenntnisse mitgebracht hatten; wenn man in den Schilderungen früherer Reisenden stets von dem einfach gemüthlichen Volke, von seiner wahrhaft patriarchalischen Lebensweise sprechen hört; wenn man endlich weiß, daß fast jeder Bauer Island's lesen und schreiben kann, daß man in der ärmsten Hütte wenigstens die Bibel, und noch andere Bücher religiösen Inhaltes findet; so ist man ja freilich geneigt, dieß Volk für das beste und gebildetste von ganz Europa zu halten. – Die Gesittung desselben dachte ich mir auch hinlänglich verwahrt und gesichert durch den wenigen Verkehr mit Fremden, durch das vereinzelte Leben, und durch die Armuth des Landes. Da gibt keine große Stadt Gelegenheit zu Putz und Unterhaltung, zur Erzeugung geringerer oder größerer Laster. – Nur selten betritt ein Fremdling die Insel, deren große Entfernung, deren rauhes Clima, Unwirthlichkeit und Armuth zu abschreckend sind. – Was allein sie interessant macht, Großartigkeit und Seltsamkeit der Natur, genügt dem großen Haufen nicht.
Ich hielt daher Island, in Bezug seiner Bewohner, für ein wahres Arkadien, und freute mich innig ein solch idyllisches Leben doch zum Theil verwirklicht zu sehen. – Ich fühlte mich so glücklich, als ich dieses Land betrat, – ich hätte alle Menschen an mein Herz drücken können, – – – Aber bald ward ich eines Andern belehrt.
Oft schon zürnte ich dem Mangel an Begeisterung, der bei mir sehr arg sein muß, da ich leider immer Alles viel prosaischer sehe, als andere Reisende. Ich bin auch weit entfernt zu behaupten, daß ich recht sehe, – höchstens habe ich die gute Eigenschaft, das Gesehene so darzustellen, wie ich es sah, und nicht Andern nachzuplaudern.
Die Unhöflichkeit und Herzlosigkeit der sogenannten »gebildeten Klasse« habe ich bereits geschildert. Von dieser verlor ich sehr bald die vorgefaßte gute Meinung. Nun kam die Reihe an die Arbeitsleute in der Nähe Reikjavik's. – Wie das Sprichwort von den Schweizern sagt: »Kein Geld, kein Schweizer«, – so kann man von diesen sagen: »Kein Geld, kein Isländer.« – Hier nur einige Beispiele:
Kaum erfuhren sie, daß ich, eine Fremde, angelangt sei, so kamen sie auch schon häufig und alle Augenblicke zu mir, und brachten mir Gegenstände ganz gewöhnlicher Art, wie man sie in Island überall findet; die sollte ich nun theuer bezahlen. Anfangs kaufte ich Manches aus Mitleid, oder um nur Ruhe zu haben, und warf es gewöhnlich wieder weg; bald aber mußte ich damit aufhören, ich wäre sonst den ganzen Tag von Groß und Klein umlagert gewesen. Die Sucht sich auf leichte Art etwas zu verdienen, nahm ich ihnen dabei noch weniger übel, als die Unverschämtheit, mit der sie die Preise machen und den Fremdling zu prellen suchen. – Für einen Käfer, den man unter jedem Steine finden konnte, begehrten sie 5 kr. C. M., für eine Schnecke, von deren Art Tausende an der Küste lagen, eben so viel, und für ein Vogelei, ganz gewöhnlicher Art 10 bis 20 kr. Zwar ließen sie dann, wenn ich nichts kaufen wollte, oft zwei Drittheile der Forderung nach; sicherlich war dieß aber keine Folge ihrer Redlichkeit. Ein anderes Beispiel des Eigennutzes dieser Leute, erlebte der Bäcker, bei dem ich wohnte. – Er hatte einen armen Taglöhner aufgenommen, um sein Haus mit Theer bestreichen zu lassen. Mitten in dieser Arbeit begriffen, kam dem Manne ein anderer Verdienst vor. Da fand er es nicht einmal der Mühe werth, den Bäcker zu fragen, ob er einige Tage bei ihm aussetzen dürfe; er ging fort, und kam erst nach acht Tagen wieder, um die unterbrochene Arbeit fortzusetzen. Um so schändlicher war dieß Benehmen von ihm, da seine Kinder vom Bäcker wöchentlich zweimal Brod, und auch noch Butter dazu bekamen.
Auch ich war so glücklich, Aehnliches zu erfahren. Herr Knudson hatte für mich einen Führer gedungen, und in einigen Tagen schon sollte die Reise angetreten werden. Da wollte zufälliger Weise auch der Stiftsamtmann einen Ausflug machen, und schickte um meinen Führer. Dieser hoffte da mehr zu verdienen, und sagte zu, kam aber nicht zu mir, um sich zu entschuldigen, sondern ließ mir blos am Vorabend der Reise sagen, daß er krank geworden sei, und folglich nicht mit mir gehen könne. – Und solche Beispiele, die dem Isländer gerade nicht zum Lobe gereichen, könnte ich noch gar viele aufzählen.
Ich tröstete mich, Einfalt und Redlichkeit in den entfernteren Gegenden zu finden, und freute mich deßhalb doppelt auf meine Reisen in das Innere des Landes. – Da fand ich wohl manches Gute, doch leider auch so viele Schattenseiten, daß ich weit entfernt bin, die isländischen Bauern als Muster aufzustellen.
Die vorzüglichste ihrer guten Eigenschaften ist die Ehrlichkeit. – Ich konnte meine Sachen überall liegen lassen, und stundenlang davon entfernt bleiben, – nie mangelte mir das geringste, ja sie erlaubten sogar weder sich noch ihren Kindern auch nur etwas davon in die Hände zu nehmen. In diesem Punkte sind sie so gewissenhaft, daß wenn z. B. ein Bauer aus einem entfernteren Orte kömmt, und in eine Kothe treten will, er gewiß nicht unterläßt, vorher an die Thüre zu klopfen, selbst wenn sie offen steht. Sagt Niemand »herein«, so betritt er sie nicht. – Man könnte ohne Furcht und Sorge bei unverschlossener Thüre schlafen.
Ueberhaupt sind Verbrechen hier so selten, daß das Gefängnißgebäude zu Reikjavik schon seit vielen Jahren in das Wohnhaus für den Stiftsamtmann umgewandelt wurde. – Kleine Vergehungen werden gleich bestraft, entweder in Reikjavik selbst, oder an dem Orte, wo der Sysselmann seinen Sitz hat. – Große Verbrecher werden nach Kopenhagen geschickt und dort verurtheilt und bestraft.
Mein Hausherr zu Reikjavik, der Bäckermeister Bernhöft, erzählte mir, daß seit den 13 Jahren, die er in Island ansässig ist, nur ein großes Verbrechen begangen worden sei. – Ein verheiratheter Bauer hatte mit seiner Magd ein Kind gezeugt, und es gleich nach der Geburt verbrannt. – Die kleineren Verbrechen bestehen meistens aus Vieh-Diebstählen.
Was die Kenntnisse der Isländer anbelangt, so sah ich wirklich mit Erstaunen, daß fast Alle lesen und schreiben konnten; Letzteres war unter dem weiblichen Geschlechte etwas seltener. Jünglinge und Männer aber hatten oft recht gute und feste Schriften. – Bücher fand ich in jeder Hütte, wenigstens die Bibel, oft aber auch Gedichte und Erzählungen, manchmal sogar in dänischer Sprache.
Ihr Begriffsvermögen ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich in ihrer Gegenwart meine Landkarte aufschlug, verstanden sie so ziemlich, was sie vorstellte, und begriffen schnell und leicht deren Gebrauch und Nutzen. – Diese Bildung ist doppelt überraschend, wenn man bedenkt, daß jeder Familienvater seine Kinder, und allenfalls auch die nachbarlichen Waisen selbst unterrichtet. – Zwar geschieht dieß nur im Winter, doch der dauert acht Monate, und ist folglich dazu lange genug.
Schule besteht im ganzen Lande eine einzige, in Bessestadt – vom Jahre 1846 an in Reikjavik. – In dieser Schule werden nur Jünglinge aufgenommen die bereits lesen und schreiben können. – Sie können hier entweder zu Priestern gebildet werden, oder auch die Vorkenntnisse zu den juridischen Studien erhalten. – Jene, die sich dem Priesterstande widmen, können allda ihre ganzen Studien beendigen; Jene aber, die Aerzte, Apotheker oder Sysselmänner werden wollen, müssen nach Kopenhagen gehen.
Außer den theologischen Wissenschaften werden auf der Schule zu Reikjavik auch Geometrie, Geographie und Geschichte gelehrt, so wie mehrere Sprachen, als: lateinisch, dänisch und vom Jahre 1846 auch deutsch und französisch.
Die Hauptbeschäftigung der isländischen Bauern besteht im Fischfange, welcher am stärksten in den Monaten Februar, März und April betrieben wird.
Da kommen die Bewohner der innern Gegenden des Landes in die Hafenorte, verdingen sich den Strandbewohnern, den eigentlichen Fischern, als Gehilfen, und nehmen dafür einen Antheil an den Fischen. Außer dieser Zeit wird der Fischfang wohl auch betrieben, aber mehr nur von den Strandbewohnern. – In den Monaten Juli und August gehen wieder Viele von diesen in das Innere des Landes, und helfen da bei der Heuernte, wofür sie Butter, Schafwolle und gesalzenes Lammfleisch erhalten. – Andere besteigen die Gebirge, und sammeln das isländische Moos. Von diesem machen sie entweder einen Absud, der dann mit Milch gemischt, getrunken wird, oder sie zerreiben es zu Mehl und backen flache Kuchen daraus, die ihnen statt des Brodes dienen.
Die Arbeit des weiblichen Geschlechtes besteht in der Zurichtung der Fische zum Trocknen, Räuchern oder Einsalzen, in Abwartung des Viehes, im Stricken und wohl auch in Moossammeln. – Im Winter weben und stricken beide Geschlechter.
Was die Gastfreundschaft der Isländer betrifft, so glaube ich nicht, daß man sie ihnen zu einem sehr großen Verdienste anrechnen darf. Es ist wahr, Priester und Bauern nehmen jeden europäischen Reisenden gerne auf, und bewirthen ihn mit Allem was in ihren Kräften steht, – aber Beide wissen, daß der Reisende, der ihr Land besucht, gewiß weder ein Abentheurer noch ein Bettler ist, und ihnen daher auch erkenntlich sein wird. – Mir kam kein Priester und kein Bauer vor, der nicht die gebotene Gabe ohne die geringste Widerrede angenommen hätte. – Von den Priestern muß ich jedoch zu ihrem besondern Lobe bemerken, daß sie überall sehr dienstfertig und gefällig, und mit jeder Gabe zufrieden waren. Auch ihre Forderungen, wenn ich Pferde zu meinen Excursionen nahm, waren immer sehr bescheiden gestellt. – Den Bauer hingegen fand ich nur in jenen Gegenden weniger eigennützig, wo beinah nie ein Reisender hinkam. An Orten aber die schon mehr besucht werden, waren seine Forderungen oft unverschämt.
Für Ueberfahrten über Flüsse z. B. mußte ich 20 bis 30 kr. zahlen, und da wurden ich und mein Führer in einem Kahn übergeschifft, die Pferde mußten schwimmen. – Der Führer, welcher mich auf den Hekla begleitete, forderte gar 5 fl. 20 kr. CM. und ließ sich ordentlich noch dazu bitten. Er wußte, daß ich gezwungen war, ihn zu nehmen, denn Auswahl an Führern hat man nicht, und unverrichteter Sache will man auch nicht zurückkehren.
Aus diesem Benehmen aber sieht man, daß der Charakter der Isländer gerade nicht zu den trefflichsten gehört, und daß sie ihren Vortheil von den Reisenden so gut zu ziehen wissen, wie die Wirthe und Lohnbedienten auf dem Continente.
Eine große Leidenschaft der Isländer ist das Trinken. Ihre Armuth wäre gewiß nicht so groß, wenn sie weniger dem Brandweine zusprächen, und dafür fleißiger arbeiten würden. Aber so ist es heillos zu sehen welch tiefe Wurzel dieses Laster hier gefaßt hat. – Nicht nur an Sonntagen, auch an Wochentagen begegnete ich Bauern, die so berauscht waren, daß es mir noch heute ein Räthsel ist, wie sie sich auf den Pferden erhalten konnten. – Vom weiblichen Geschlecht kam mir, Gott sei es gedankt, nie ein Exemplar in diesem Zustande vor.
Eine zweite ihrer Haupt-Leidenschaften ist das Tabakschnupfen. – Sie kauen und schnupfen den Tabak mit derselben Lust, mit der man ihn bei uns rauchen sieht. Ihre Art aber, wie sie den Tabak zu sich nehmen, ist so eigen, daß ich sie unmöglich übergehen kann. Die meisten Bauern, ja selbst viele der Priester haben keine eigentliche Dose, sondern eine Büchse aus Bein gedrechselt, in Gestalt eines kleinen Pulverhornes. – Wenn sie nun schnupfen wollen, so neigen sie den Kopf zurück, stecken die Spitze dieses Hornes in die Nase und schütteln eine Dosis Tabak hinein. – Und so gar nicht ekel sind diese liebenswürdigen Naturmenschen, daß sie dieß Tabak-Horn ihrem Nachbar reichen, dieser wieder dem seinigen und so fort – – von Nase zu Nase, – ohne es je zu reinigen oder abzuwischen.
Ueberhaupt glaube ich, daß, was Unreinlichkeit anbelangt, die Isländer den Grönländern, Eskimos oder Lappländern nicht viel nachstehen werden. – Wollte ich beschreiben, was ich in der Art alles sah, meine guten Leserinen würden mitten auf dem festen Lande seekrank werden, oder doch wenigstens mich sehr arger Uebertreibungen beschuldigen. Ich sage daher nur: Man denke sich von Unreinlichkeiten, von ekelhaften Handlungen so viel die kräftigste Fantasie zu erfinden vermag, ich unterschreibe es unbedingt als bei den Isländern zu Hause.
Neben diesen gar nicht rühmlichen Eigenschaften besitzen sie auch eine große Trägheit. Etwas entfernt von den Küsten liegen unübersehbare Wiesenthäler, die aber alle so versumpft sind, daß man sie stets mit Furcht durchreiten muß. Die Ursache hiervon liegt weniger am Boden als an den Menschen. – Man dürfte nur Gräben ziehen, und die Wiesen auf diese Art trocken legen, um das herrlichste Gras zu erhalten; denn daß dieses in Island gedeiht, beweisen die vielen kleinen Anhöhen, die in solchen Thälern aus den Sümpfen ragen, und mit Gras, Futterkräutern und wildem Klee üppig bewachsen waren. – Eben so kam ich über große Stellen, die schöne Erde hatten, und über andere, auf denen Erde mit Sand gemischt lag.
Ich sprach öfter mit einem Herrn Boge, der bereits vierzig Jahre in Island ansässig ist und nicht geringe landwirthschaftliche Kenntnisse besitzt, ob es denn nicht möglich wäre, durch Fleiß und Arbeit da bedeutende Feld- und Wiesenkultur zu erzielen? Herr Boge gab dieß zu, und meinte selbst, daß nebst schönen Wiesen auch wohl ergiebige Kartoffelfelder erzweckt werden könnten, wenn nur das Volk nicht so träge wäre und lieber Hunger litte, und allen Bedürfnissen der Reinlichkeit und Annehmlichkeit entsagte, ehe es zur Arbeit greift. Was ihm die Natur freiwillig bietet, ist ihm genug; – ihr etwas abzuringen, fällt ihm gar nicht ein. – Ich wünschte nur einige deutsche Bauern hierher versetzt zu sehen, wie manche Stelle würde bald ganz anders aussehen!
Der beste Boden Island's soll auf dem Norderlande sein. Da sieht man sogar einige Kartoffel-Aeker und auch Bäumchen, die ohne Hilfe und Pflege eine Höhe von 7-8 Fuß erreichen. Herr Boge, welcher bei dreißig Jahre dort etablirt war, hatte einige Vogelbeer- und Birken-Bäumchen gepflanzt, die bis zu 16 Fuß empor gewachsen waren.
Im Norderlande, so wie überhaupt etwas entfernter von der Küste, leben die Leute von der Viehzucht. Mancher Bauer besitzt da 2-400 Schafe, 10-15 Kühe und 10-12 Pferde; freilich gibt es so reiche nicht viele, aber jedenfalls sind sie besser daran, als die armen Küstenbewohner. – Die haben meist schlechten Grund und Boden und sind daher größtentheils auf den Fischfang angewiesen.
Noch muß ich, bevor ich Island verlasse, einer Sage erwähnen, die mir von vielen Seiten erzählt wurde, und die nicht nur von Bauern, sondern auch von Leuten der sogenannten »bessern Klasse« für Wahrheit gehalten wird.
Man behauptet nämlich, daß das innere unwirthbare Land ebenfalls bevölkert sei. Es sei von einer ganz eigenen Menschenklasse bewohnt, der allein die Pfade in diesen Wüsteneien bekannt wären. Diese Wilden hätten aber während des Jahres gar keinen Verkehr mit ihren Landsleuten, und kämen nur Anfangs Juli, höchstens auf einen Tag an einen der Hafenorte, um verschiedene Lebensbedürfnisse zu erhandeln, die sie alsogleich mit baarem Gelde auszahlen. Hierauf verschwinden sie plötzlich, ohne daß man weiß, wohin sie ihren Weg genommen haben. – Niemand kennt sie, nie bringen sie Frauen oder Kinder mit, und nie beantworten sie die Frage, woher sie kämen? – Auch ihre Sprache soll etwas schwerer zu verstehen sein, als jene der bekannten Einwohner Island's.
Ein Herr – den ich aus Achtung nicht nennen will – äußerte mehrmals den Wunsch, 20 oder 25 gut bewaffnete Soldaten zu haben, und mit ihnen diese wilden Menschen aufzusuchen.
Die Leute, welche jene Naturmenschen gesehen haben wollen, behaupten: daß sie größer und stärker seien als die andern Isländer, daß ihre Pferde, statt mit eisernen Hufen – mit Hufen aus Horn beschlagen wären, und daß man sehr viel Geld bei ihnen sähe, welches sie wohl nur durch Raub erlangen könnten. Als ich aber frug, wer von den rechtlichen Bewohnern Islands, wann und in welchen Gegenden er von dieser wilden Menschenrace beraubt worden wäre, wußte mir Niemand eine andere Antwort zu geben als: das wisse man nicht. – Ich glaube aber kaum, daß in Island eine Person, viel weniger ein ganzer Stamm vom Raube leben könnte.
Abreise von Island; – Fahrt nach Kopenhagen.
Ich hatte jetzt alles Merkwürdige in Island gesehen, alle meine Reisen in diesem Lande glücklich beendet, und erwartete nun mit unaussprechlicher Sehnsucht das Absegeln eines Fahrzeuges, das mich meiner theuern Heimat wieder etwas näher bringen sollte. Ach, ich mußte noch 4 ewig lange Wochen in Reikjavik bleiben, täglich meine Geduld auf die Probe stellen, und selbst dann, nach so langem Harren, mit der ersten besten Gelegenheit vorlieb nehmen.
Freilich segelten auch unter dieser Zeit einige Schiffe ab, und auch Herr Knudson, mit dem ich die Herüberfahrt von Kopenhagen gemacht hatte, lud mich ein, Theil an seiner Rückreise zu nehmen, – aber da ging Alles nach England oder Spanien, und diese Wege wollte ich nun einmal nicht einschlagen. – Ich wünschte eine Gelegenheit nach Scandinavien, um auf diese pittoresken Länder wenigstens einige Blicke werfen zu können.
Endlich fanden sich zwei Schaluppen, die gegen Ende Juli in die See zu stechen gedachten. Die Eine davon, die bessere, ging nach Altona, und die andere nach Kopenhagen. Ich wollte mit der Ersteren gehen, allein da hatte schon ein Kaufmann von Reikjavik den einzigen Platz – mehr gibt es auf so kleinen Fahrzeugen selten – gemiethet, und so mußte ich mich noch glücklich schicken, auf der zweiten einen Platz zu erhalten. Herr Bernhöft meinte freilich, das Schiff könnte zu erbärmlich sein, um eine so bedeutende Reise darauf zu machen, und er wollte es doch wenigstens vorher in Augenschein nehmen und mir einen Bericht darüber erstatten. Allein da ich fest entschlossen war, nach Dänemark zu gehen, so bat ich ihn, die Untersuchung zu unterlassen und mit dem Kapitain auf dem Lande für meine Ueberfahrt zu unterhandeln. – Würde er, wie ich gleich voraus vermuthete, das Fahrzeug gar zu schlecht gefunden haben, so hätten seine Warnungen vielleicht meinen Vorsatz erschüttern können, und das wollte ich vermeiden.
Zuletzt erfuhren wir noch, daß auch eine Dänin, die hier im Dienste stand, sich auf diesem Fahrzeuge einzuschiffen wünsche. – Sie war so vom Heimweh' erfaßt worden, daß sie um jeden Preis ihr geliebtes Vaterland wieder sehen wollte. Nun, dachte ich mir, ist bei diesem Mädchen das Heimweh stark genug, sie gegen Gefahr gleichgiltig zu machen, so wird dieß bei mir die Sehnsucht thun, und ich werde ihr nicht zurück stehen.
Unsere Schaluppe führte den beruhigenden Namen »Haabet« (die Hoffnung) und gehörte dem Kaufmanne Fromm in Kopenhagen.
Die Abfahrt war für den 26. Juli bestimmt. – Von diesem Tage an durfte ich mich kaum vom Hause entfernen, und mußte jeden Augenblick die Botschaft erwarten gleich an Bord zu kommen. – Leider verhinderten heftige Stürme unser Auslaufen, und ich wurde erst am 29. Juli an Bord geholt. – Nun hieß es Abschied nehmen.
Von dem Lande that ich es leicht. – Hatte ich gleich wirklich viel Wunderbares, Neues und Interessantes gesehen, – ich sehnte mich doch wieder nach den heimatlichen Fluren, in denen man zwar nicht so großartige, ergreifende, aber desto heitrere, lieblichere Bilder findet. – Schwerer ward mir die Trennung von Herrn Knudson, und von der Familie Bernhöft. Alles Gute, das mir in diesem Lande erwiesen wurde, jede Anleitung und Erleichterung meiner Reisen habe ich nur ihnen zu verdanken. – Nie wird aber auch mein Dank, mein Andenken an diese guten Menschen in meiner Brust ersterben.
Um Mittag also befand ich mich bereits auf der Schaluppe, und konnte mit Muße all' die schönen Flaggen und Fähnlein betrachten, mit welchen die französische Fregatte, die hier vor Anker lag, geschmückt war, um das Andenken der Juli-Revolution zu feiern.
Ich suchte meine Aufmerksamkeit so viel als möglich von meinem Schiffe abzulenken, denn nach Allem, was ich bereits unwillkührlich davon gesehen hatte, ließ es sehr viel zu wünschen übrig. – Auch die Kajüte nahm ich mir vor, nicht eher zu betreten, als bis wir in offner See wären, und die Lootsen unsere Schaluppe verlassen hätten, damit mir dann jede Möglichkeit einer Rückkehr abgeschnitten sei.
Unsere Mannschaft bestand aus dem Kapitain, dem Steuermann, zwei Matrosen und einem Schiffsjungen, der den Titel eines Koches hatte; wir fügten ihm auch noch den eines Kammerdieners bei, da er zu unserer Bedienung bestimmt war.
Als uns die Lootsen »Lebewohl« gesagt hatten, suchte ich den Eingang der Kajüte, des einzigen, und daher gemeinschaftlichen Gemaches. – Er bestand aus einem ungefähr 2 Fuß breiten Loche, das sich gähnend zu meinen Füßen öffnete, und in welches eine Leiter von fünf Sprossen senkrecht hinab führte. – Ich stand lange sinnend davor, und überlegte, auf welche Art am Besten da hinab zu kommen sei. – Endlich wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich beschloß unsern Hausherrn, den Schiffskapitain, darum zu fragen. – Er zeigte es mir gleich, indem er sich an den Eingang niedersetzte und die Füße hinab ließ. – Man denke sich nun eine solche Expedition mit unsern langen Kleidern, und noch dazu bei schlechtem Wetter, wenn das Schiff von Stürmen tüchtig herum geworfen wird! – Aber der Gedanke, daß es viele Menschen noch viel schlechter treffen, und dennoch fortkommen, war bei dergleichen Unannehmlichkeiten immer der Ankerstab des Trostes, an dem ich mich festhielt. Ich stellte mir gleich vor, daß ich ja aus demselben Teige gemacht sei, wie meine Nebenmenschen, nur verzärtelter, verwöhnter, und daß ich dasselbe ertragen könne, wie sie. In Folge dieser Vorstellungen setzte ich mich augenblicklich nieder, versuchte die neue Rutschbahn und langte glücklich in der Tiefe an.
Vor allem andern mußte ich meine Augen an das hier herrschende Halbdunkel gewöhnen, denn die Lucken (Schiffsfensterchen) ließen die Tageshelle nur gar zu spärlich ein. – Leider sah ich aber bald nur zu viel. – Diese trostlose Erbärmlichkeit, dieser Schmutz, diese Unordnung, die ich da fand! – – Doch ich will Alles nach der Ordnung, und zwar noch dazu recht ausführlich beschreiben, denn ich schmeichle mir, daß manche meiner lieben Landsmänninen im Buche diese Reise mit mir machen wird, und da Viele unter ihnen wahrscheinlich noch nie Gelegenheit gehabt hatten, ein Seefahrzeug zu sehen, so dürfte eine solche ausführlichere Beschreibung hier nicht überflüßig sein. – Daß ich der Wahrheit getreu bleiben werde, mögen ihnen alle Jene bezeugen, die mit dem Seewesen vertraut sind. – Kehren wir also wieder zu meiner geliebten Schaluppe zurück. – An Alter wetteiferte sie mit mir, – wir Beide stammten aus dem vorigen Jahrhundert. Unglücklicherweise wurde damals bei Schiffsbauten wenig Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Menschen genommen, und aller Raum nur für die Fracht bemessen; – eine Sache, über die man sich eben nicht wundern darf, da des Schiffers eigentliches Leben nur auf dem Deck ist, und das Schiff für Reisende nicht gebaut wurde. – Die ganze Länge der Kajüte maß von einer Koje zur andern 10 Fuß, die Breite 6 Fuß. Letztere ward noch überdieß auf der einen Seite durch einen Kasten, auf der andern durch ein Tischchen und zwei Bänkchen dermaßen eingeengt, daß gerade nur so viel Raum blieb, durchgehen zu können.
Beim Diner oder Souper saßen wir Damen – die Dänin und ich – auf dem Bänkchen, wo wir so eingepreßt waren, daß wir uns kaum rühren konnten; – die beiden Cavaliere – der Kapitain und der Steuermann – mußten aber vor dem Tischchen stehen, und in dieser Stellung ihr Mahl einnehmen. – Das Tischchen war so klein, daß sie ihre Teller in den Händen halten mußten. Kurz man sah aus Allem, daß die Größe der Kajüte blos auf den Schiffsstand, nicht aber auf Passagiere berechnet war.
Die Luft in diesem Gemache war auch nicht die allerbeste, denn außerdem, daß es unsern Speise-, Schlaf- und Empfangssalon bildete, ward es noch als Vorrathskammer verwendet, und in den Seitenschränken lagen Lebensmittel aller Art, Oelfarben, und eine Menge anderer Sachen. – Ich zog es vor, auf dem Verdecke zu sitzen, und lieber Sturm und Kälte zu ertragen, oder mich von einer Woge überschütten zu lassen, als da unten halb zu ersticken. Manchmal mußte ich aber doch hinab, theils wenn es gar zu sehr regnete und stürmte, theils wenn das Schiff von Gegenwinden erfaßt, und von den hohen Wellen derart herumgeworfen oder geschlungen[ [5] wurde, daß man auf dem Verdecke nicht sicher war. – Das Rollen und Werfen des Schiffes war oft so arg, daß wir – die Dänin und ich – nicht einmal sitzen, viel weniger stehen konnten, und manchen langen Tag in der erbärmlichen Koje liegen bleiben mußten. – Ich beneidete da meine Gefährtin, die konnte Tag und Nacht in einem fort schlafen. – Mir ging es nicht so gut, – ich wachte immer, und empfand dabei viel Langeweile und Unbehagen, denn die Lucken, der Eingang, Alles war bei Regenwetter verschlossen, und in dem Gemache herrschte nebst einer athembehemmenden Luft auch noch eine wahrhaft egyptische Finsterniß.
Was die Kost betraf, so speiste Alles, Passagiere, Kapitain, Steuermann und Matrosen aus einem und demselben Topfe. – Den Anfang machte des Morgens ein erbärmlicher Thee, oder besser gesagt, ein übelschmeckendes Wasser, das eine Theefarbe hatte. Die Matrosen tranken es ohne Zucker, der Kapitain aber und der Steuermann nahmen dazu ein kleines Stückchen Kandiszucker – dieser Zucker zerfließt weniger schnell als der raffinirte – in den Mund, schlürften eine Tasse Thee nach der andern, und aßen dazwischen Schiffszwieback mit Butter.
Die Mittagskost wechselte von einem Tage zum andern. Den ersten Tag bekamen wir gesalzenes Fleisch, das schon immer den Abend vorher in Seewasser geweicht, und am folgenden Tag in Seewasser gekocht wurde. Es war so übersalzen, hart und zähe, daß wohl nur ein Matrosen-Gaumen daran Behagen finden konnte; als Suppe, Gemüse und Mehlspeis kam dazu Gerstengrütze, die ganz einfach, ohne Salz und Butter in Wasser gekocht, und Mittags bei Tische mit Syrup und Essig gemischt wurde. – Alle fanden dieses Gericht sehr leckerhaft, und konnten sich, als ich es für ungenießbar erklärte, nicht genug über meinen verdorbenen Geschmack wundern.
Der zweite Tag brachte uns ein in Seewasser gekochtes Stück Speck, und dazu abermals die Gerstengrütze. – Der dritte Stockfische mit Erbsen. Letztere waren zwar etwas hart gekocht und ohne Butter, doch fand ich sie unter allen Gerichten noch am genießbarsten. – Am vierten Tage bekamen wir wieder die Speisen des ersten, und so ging es regelmäßig fort; – den Schluß jedes Diner's machte schwarzer Kaffee. – Der Abend bot die Morgenkost, Theewasser, Schiffszwieback und Butter.
Ich hätte mich gerne in Reikjavik mit einigen Hühnern, Eiern und Kartoffeln versehen, allein ich konnte keinen dieser Artikel bekommen. Hühner werden nur wenig gehalten, höchstens von den Beamten oder Kaufleuten; – Eier bekömmt man zwar ziemlich häufig von Eidergänsen und andern Vögeln, aber es werden nur so viele gesammelt, als man zum täglichen Gebrauche benöthiget, und das nur im Frühjahre zur Brütezeit dieser Thiere; – für die Kartoffeln war es noch zu früh an der Zeit. – Man denke sich nun das üppige Leben, daß ich auf diesem Schiffe führte. – Hätte ich das Glück gehabt auf ein besseres Fahrzeug zu kommen, wo man doch bequemer wohnt, und schmackhaftere Speisen erhält, würde mir die Seekrankheit dießmal gewiß nichts angehabt haben; – so aber in Folge der dunstigen Kajüten-Luft und der schlechten Nahrung litt ich doch den ersten Tag daran. Aber schon am zweiten Tage ward ich gesund, der Hunger stellte sich wieder ein, und ich speiste ein Stück Salzfleisch, Speck und Erbsen u. s. w. so gut wie ein Matrose; nur den Stockfisch, die Grütze, den Kaffee und Thee ließ ich unberührt.
Ein echter Schiffsmann trinkt nie Wasser. Ich machte diese Bemerkung auch an unserm Kapitain und Steuermann; in Ermangelung des Weines oder Bieres tranken sie stets Thee, und zwar außer den Mahlzeiten meistens kalten Thee.
Sonntag Abends war großes Souper, da ließ der Kapitain für uns vier Personen acht Stück Eier kochen, die er noch von Dänemark mit sich führte. Die Mannschaft bekam in den Thee einige Gläschen Punsch-Essenz.
Da ich nun meine lieben Leserinen mit dem kostbaren Speisenwechsel auf solch einem Schiffe bekannt gemacht habe, muß ich auch noch sagen, wie die Tischwäsche und das Reinigen derselben beschaffen war. – Erstere bestand blos aus einem Stücke altem Segeltuche, das über den Tisch gebreitet wurde, und so beschmutzt und unrein aussah, daß ich mir dachte, es wäre gewiß besser und appetitlicher den Tisch gar nicht zu decken – appetitlicher? Ja! aber besser?? Nein! – Doch so geht es den naseweisen Leuten, die immer klüger sein wollen, als Andere; – bald sollt' ich erfahren, wie wichtig dieses Tuch sei. – Ich sah nämlich eines Tages unsern Kammerdiener ein Stück Segeltuch gar mörderisch bearbeiten; er hatte es auf dem Boden ausgebreitet, stand mit den Füßen darauf, und fegte es von allen Seiten mit dem Schiffsbesen rein. – Nur bald erkannte ich an den manigfaltigen Fett- und Schmutzflecken unser Tischtuch, – und richtig fand ich Abends den Tisch ungedeckt. Nun sah ich aber auch die Folgen davon. Kaum hatte der Junge die Theekanne auf den Tisch gestellt, als sie schon in demselben Augenblick zu gleiten anfing. Glücklicherweise erfaßte sie der gewandte Kapitain noch am Henkel, sonst wäre sie zu Boden gestürzt, und hätte unsere Füße mit ihrem Inhalte überschüttet. – Und so ging es mit Allem; man konnte nichts auf dem glatten Tische stehen lassen und ich bedauerte den Kapitain recht sehr daß er kein zweites hatte.
Alles bisher Gerügte wäre, wie jeder meiner Leser einsehen wird, gewiß schon hinreichend gewesen, den Aufenthalt auf diesem Schiffe sehr unangenehm zu machen; nun kam aber noch ein Umstand dazu, durch welchen er sogar beunruhigend ward. Ich entdeckte nämlich nach mehreren Tagen, daß unser Schifflein fortwährend eine tüchtige Portion Wasser einließ, die alle 6-8 Stunden ausgepumpt werden mußte. Der Kapitain suchte mich zu beruhigen, indem er behauptete, daß jedes Schiff Wasser einließe, und das unsere nur etwas mehr, weil es schon alt sei. Ich mußte mich damit zufrieden geben; denn es zu ändern wäre ich doch nicht im Stande gewesen. – Glücklicher Weise bekamen wir keinen bedeutenden Sturm, und liefen daher weniger Gefahr.
Unsere Reise dauerte 20 Tage; 12 Tage sahen wir kein Land; der Wind trieb uns zu viel östlich und so bekamen wir weder die Farroäer noch die Schettlands-Inseln zu Gesichte. – Daraus würde ich mir nun eben nicht viel gemacht haben, hätte ich dafür einige Seeungeheuer, schäckernde Wallfische, bescheidene Haie oder so etwas dergleichen gesehen. – So aber sah ich von allen diesen Merkwürdigkeiten nur sehr wenig. Von einem Wallfische nahm ich nur die Strahlen des Wassers wahr, die er aus seinen Nasenöffnungen in die Höhe warf, und die vollkommen den Strahlen eines Springbrunnens glichen. Das Thier selbst war leider von unserm Schiffe zu weit entfernt, als daß man das Geringste von seinem Körper hätte sehen können. – Da war ein Hai schon etwas galanter; der schwamm doch wenigstens einige Minuten hindurch so nahe an unserm Fahrzeuge, daß man ihn vollkommen gut betrachten konnte; er mochte gewiß 16 bis 18 Fuß lang sein.
Eine schöne Vorstellung gaben uns während zwei Abenden die sogenannten Springer oder fliegenden Fische. Die See war so ruhig, als sie es nur sein konnte, die Abende mild und vom Mondlichte glänzend erleuchtet, und so blieben wir lange auf dem Decke und sahen dem heitern Spiele dieser Thiere zu. – So weit wir sehen konnten, war die Wasserfläche von ihnen bedeckt. Die jüngeren Fische erkannte man gleich an ihren höheren Sprüngen; sie mochten 3-4 Fuß lang sein und erhoben sich 5-6 Fuß über die Meeresfläche. Das Springen selbst sah aus wie ein Versuch des Fliegens, wobei ihnen jedoch ihre Flossen schlechte Dienste erwiesen, und sie augenblicklich wieder zurückfallen ließen. – Die Alten schienen nicht mehr die Schwungkraft zu besitzen, sie beschrieben nur ähnliche Bogen wie die Delphine, und erhoben sich nur so viel über das Wasser, daß man den Mitteltheil ihres Körpers sehen konnte.
Diese Springer werden nicht gefangen, sie haben wenig Thran und schmecken sehr schlecht.
Am dreizehnten Tage erblickten wir endlich wieder Land. Wir waren in das Skaggerakk gekommen, und sahen die Halbinsel Jüttland nebst dem Städtchen Skaggen. Die Halbinsel sieht von dieser Seite sehr öde aus; sie ist flach und mit viel Sand bedeckt.
Am sechzehnten Tage liefen wir in das Kattegat ein. – Wir hatten in letzterer Zeit fast immer entweder Windstille oder Gegenwinde, und trieben uns in Skaggerakk, Kattegat und Sund beinah 8 Tage herum. Manchen Tag kamen wir kaum 15 bis 20 Seemeilen vorwärts. – An solch windstillen Tagen vertrieb ich mir manche Stunde mit dem Fischfange, allein die guten Fische, obwohl man sie dumm schilt, waren doch so verzweifelt klug, an der Lockspeise meiner Angel nicht anzubeißen. Ich hoffte täglich auf eine Mahlzeit von Makarelen und fing im Ganzen – eine einzige.
Größere Unterhaltung gewährte mir der Anblick der vielen Schiffe, die von allen Seiten in das Kattegat segelten; ich zählte ihrer über 70. Je näher wir der Einfahrt des Sundes kamen, desto imposanter wurde dieses Schauspiel, desto näher drängten sich die Schiffe an einander. – Glücklicherweise begünstigte uns eine prachtvolle Mondnacht; – in einer finstern Gewitternacht wäre wohl mit der größten Vorsicht und Geschicklichkeit ein Zusammenstoßen nicht zu vermeiden gewesen.
Von der außerordentlichen Klarheit und dem Schimmer einer nordischen Mondnacht haben wir südlich Gelegenen keinen Begriff; es ist gerade als ob ein Theil des Sonnenlichtes sich mit dem nächtlichen Gestirne vereinte. Ich habe herrliche Nächte an den asiatischen Küsten, auf dem mittelländischen Meere erlebt, – ich fand sie aber hier an den Gestaden Skandinaviens heller und schimmernder.
Die ganze Nacht blieb ich auf dem Verdecke. Eine solche Masse von Schiffen zu sehen, die sich hier zusammen drängten, und gleichzeitig die Einfahrt in den Sund erstürmen wollten, war für mich ein seltenes Schauspiel. Ich konnte mir nun einen deutlichen Begriff von einer Flotte machen, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese Masse von Schiffen mit einer Kauffarthei-Flotte vergleiche.
Am zwanzigsten Tage unserer Reise um drei Uhr Morgens liefen wir in den Hafen von Helsingör ein. Man muß hier den Sund-Zoll entrichten, oder wie der Schiffer es nennt: »das Schiff klar machen.« – Es ist dieß eine sehr lästige Unterbrechung, und das Anhalten und wieder Weiterfahren des Schiffes macht sehr viele Umstände. Da müssen die Segel eingeräfft, die Anker ausgeworfen, die Jolle ausgesetzt und der Kapitain an das Ufer gerudert werden. Meist vergehen viele Stunden bis er abgefertigt ist. – Kehrt er endlich an das Schiff zurück, muß die Jolle wieder aufgewunden, müssen die Anker wieder gelichtet, die Segel entfaltet werden. – Oft hat unterdessen der Wind umgeschlagen, und man verdankt es nur diesen Plackereien, daß man den Hafen von Kopenhagen viel später erreicht, als man gehofft hat.
Ist man erst so unglücklich, in einer finstern Nacht in die Nähe von Helsingör zu kommen, so darf man, um mit andern Schiffen nicht zusammen zu stoßen, gar nicht einlaufen; man muß im Kattegat vor Anker gehen, und somit zwei Unterbrechungen erleiden. – Kömmt man in der Nacht vor vier Uhr nach Helsingör, so muß man warten, da erst um diese Zeit das Zollamt eröffnet wird.
Freilich steht es dem Schiffer frei, hier nicht anzuhalten und gleich nach Kopenhagen zu fahren, allein diese Freiheit kostet ihm 5 Thaler. – Kann nun aber der Zoll auf diese Art auch in Kopenhagen entrichtet werden, so ist dann die Forderung des Anhaltens bei Helsingör eigentlich nichts als eine Finte, um dem Schiffer eine höhere Taxe zu entlocken, denn hat dieser große Eile, oder einen gar zu herrlichen Wind, so läßt er in Gottesnamen diese 5 Thaler fahren und segelt unaufgehalten bis Kopenhagen.
Unser guter Kapitain berücksichtigte weder Zeit noch Arbeit, er machte das Schiff hier klar, und so begrüßten wir erst um 2 Uhr Nachmittag die liebe Stadt Kopenhagen, die mir beinahe heimatlich vorkam, und so schön und herrlich, als ob ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches gesehen hätte. Man muß aber auch bedenken, woher ich kam, und wie lange ich an ein Fahrzeug gebannt war, auf dem ich mich kaum bewegen konnte. – Als ich die Erde wieder betrat, ging es mir beinahe wie Columbus, ich wäre bald niedergesunken und hätte sie geküßt.
Abreise von Kopenhagen. – Christiania.
Am 19. August – den folgenden Tag nach meiner Ankunft von Island – um zwei Uhr Nachmittag saß ich schon wieder zu Schiffe, und zwar auf dem schönen königlichen norwegischen Dampfer »Christiania« von 170 Pferdekraft, um nach der 304 Seemeilen entfernten Stadt Christiania zu segeln. – Bald hatten wir den Sund durchschnitten und gelangten glücklich in das Kattegat, in welchem wir uns jetzt mehr rechts hielten, als auf der Reise nach Island, denn dießmal war es uns nicht genug Schweden und Norwegen nur von der Ferne zu sehen; wir wollten auch daselbst Anker werfen, und zwar an der schwedischen Küste schon den folgenden Morgen.
Wir sahen vollkommen gut die schöne Gebirgskette, welche rechts das Kattegat begrenzt, und deren äußerste Spitze, die Kulm, sich derart in das Meer verläuft, daß sie eine lange Erdzunge bildet. – Sowohl hier, als an allen andern gefährlichen Stellen, deren es eine Menge gibt, sowohl an der dänischen als schwedischen Küste, stehen Leuchtthürme, deren Lichter uns Abends von allen Seiten entgegen schimmerten. Diese Lichter sind theils beweglich, theils unbeweglich, um dem Schiffer in finsterer Nacht die verschiedenen Stellen anzuzeigen, die er zu vermeiden hat.
20. August.
Schlechtes Wetter gehört für den Reisenden gewiß zu den größten Plagen, und ist um so unangenehmer, wenn man durch Gegenden kömmt, die sich durch ihre Schönheit oder Originalität auszeichnen. – Beides vereinte sich heute; es regnete fast unaufhörlich, und dabei war die Fahrt an der schwedischen Küste und in den kleinen Fiord nach dem Hafen Gothenburgs von ganz eigenem Interesse. Das Meer glich hier mehr einem ausgebreiteten Strome, der von schönen Klippenpartieen begränzt, und von einzelnen kleineren und größeren Felsen und Klippenriffen durchwirkt war, an welchem sich die Brandung wunderbar schön machte. – Ganz nahe vor dem Hafen liegen theils an, theils zwischen den Felsbergen einige Gebäude; – es ist dieß das berühmte königl. schwedische Eisenbergwerk, das neue Werk genannt. Sogar amerikanische Schiffe kamen in größerer Anzahl, um hier dieses Metall zu holen.
Das Dampfboot bleibt in dem Hafen von Gothenburg über vier Stunden liegen, und man hat daher Zeit in die Stadt zu gehen, die eine kleine halbe Meile entfernt ist, und deren Vorstädte sich bis an den Hafen ziehen. Gleich beim Landungsplatze wohnt ein Kapitain, der stets zwei Pferde und einen Wagen in Bereitschaft hat, um die Reisenden in die Stadt zu führen. Es gibt auch Einspänner da, und selbst einen Omnibus. Erstere waren bereits bestellt, und letzterer soll so langsam fahren, daß beinah die ganze Zeit damit zugebracht wird. Ich miethete mit zweien meiner Reisegefährten die Equipage des Herrn Kapitain zur Hin- und Rückfahrt. Der Regen strömte zwar noch in dichten Massen auf unsere Häupter; doch beirrte uns dieß nur wenig. Meine beiden Gefährten hatten Geschäfte zu besorgen, und mich lockte die Neugierde. Ich wußte damals noch nicht, daß mich mein Weg nochmals hierher führen werde, und fortzufahren ohne eine so niedliche Stadt zu besehen, das ertrage wer will, – ich nicht.
Die Vorstädte sind durchaus von Holz gebaut, und besitzen viele schöne stockhohe Häuser, an die sich meist kleine Gärtchen schließen. Die Lage der Vorstädte ist ganz sonderbar und eigen. Mitten zwischen den Häusern liegen oft Felsenhügel, oder kleine Wiesen und Felder, ja die Felsen ziehen sich hie und da bis an die Straße und mußten theilweise gesprengt werden um den Durchgang zu gewinnen. Herrlich macht sich die Aussicht auf einer der Höhen, über welche der Weg nach der Stadt führt. Man sieht zwischen zwei gigantischen Felsen, welche einen schönen Ausschnitt bilden und in der See stehen – hindurch auf die ausgebreitete Nordsee.
Die Stadt hat zwei schöne Plätze. Auf dem kleinern steht die ansehnliche Hauptkirche, auf dem größeren das Rathhaus, die Post und viele sehr hübsche Häuser, an welchen es auch in den Gassen nicht fehlt. In der Stadt ist Alles von Ziegeln erbaut. Der Fluß Ham durchschneidet den großen Platz und erhöht seine Lebhaftigkeit durch die vielen Schiffe und Barken, die von der nahen See herein kommen, und Lebensmittel, vorzüglich aber Brennholz zu Markte bringen. Mehrere Brücken führen über ihn. – Interessant zu besuchen ist auch der Fischmarkt; es sind da sehr viele, und darunter sehr große Fische aufgestappelt.
Ich betrat hier zum ersten Male auf schwedischem Grund und Boden ein Zimmer. Was mir alsogleich in die Augen fiel, war, daß ich den Fußboden mit den feinen zarten Spitzen der Tannenzweige ganz bestreut fand; diese Nadeln verbreiteten einen höchst angenehmen Geruch, der gewiß auch gesünder ist, als jeder durch Kunst hervorgebrachte. – Ich fand diesen Gebrauch in ganz Schweden und Norwegen, aber leider nur in den Gasthöfen oder in den Wohnungen ärmerer Leute.
Gegen 11 Uhr Morgens setzten wir unsere Reise fort. Wir schifften glücklich durch die vielen Felsen und Klippen, und gelangten bald wieder in die offene Nordsee. An der Küste, welcher wir immer ziemlich nahe blieben, sahen wir auf einigen Felsen Telegraphen errichtet. Das Land links, Dänemark, verloren wir bald aus dem Gesichte. – Abends kamen wir zu der Festung Friedrichsver, von der wir aber, der bereits eingetretenen Dämmerung halber, nicht viel sehen konnten. Hier beginnen die sogenannten Scheren, die sich über 60 Seemeilen weit erstrecken, und den Christianssund bilden. So viel uns die zunehmende Dunkelheit erkennen ließ, war der Anblick dieses Sundes wunderschön. Zahllose Inselchen, viele darunter aus einzelnen Felsmassen bestehend, andere wieder herrlich bewachsen mit schönen schlanken Tannen, traten uns von allen Seiten entgegen. Doch der Lootse den wir eingenommen hatten, verstand sein Amt meisterhaft, und trotz der finstersten Nacht führte er uns sicher mitten hindurch nach Sandessund. – Hier warfen wir Anker, denn noch weiter zu fahren, wäre doch zu gefährlich gewesen. Auch mußten wir hier mit dem von Bergen kommenden Dampfboote zusammentreffen, seine Passagiere übernehmen, und ihm dafür einen Theil der unsrigen übergeben. Dieses Dampfboot ging nämlich wieder nach Bergen zurück, und nahm daher unsere dahin reisenden Passagiere mit sich. – Leider ging die See sehr hoch, und da war dieses Uebersiedeln höchst schwer zu veranstalten. – Keiner der beiden Dampfer wollte ein Boot aussetzen; endlich nach Mitternacht that es der unsrige, und nicht ohne Angst und Jammern wurden die Reisenden hinabgelassen. – Mich erbarmten sie Alle recht von Herzen; doch – Gott sei gedankt – es ging Alles ohne Unfall von statten.
21. August.
Heute bei Tage konnte ich erst die Lage von Sandessund besser betrachten. – Es besteht nur aus einigen Häusern. Die Wasserstraße ist hier von schroffen Felswänden derart eingeengt, daß sie kaum die Breite eines Stromes erreicht; doch bald erweitert sie sich wieder, und gewinnt nun mit jedem Ruderschlage an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Man meint fast auf einem herrlichen See zu fahren, denn die Inseln ziehen sich so nahe an das im Hintergrunde liegende Gebirge, daß man sie für festes Land, und die durch sie gebildeten Buchten für Mündungen von Strömen halten kann. Dann scheint es wieder, als sähe man eine ganze Kette von Seen; da reiht sich einer an den andern, und manchmal glaubt man gar, schon das Ende der Fahrt erreicht zu haben, als sich plötzlich wieder durch die dicht an einander gelegenen Inseln ein Ausweg eröffnet. Die Inseln selbst sind von der mannigfaltigsten Verschiedenheit; – bald bestehen sie aus kahlen Felsen, und sind nur hie und da mit einzeln stehenden Tannen bewachsen, bald wieder reich mit Wiesen und Wäldern bedeckt. – Und zu allem diesem nun der Anblick der Ufer! Ach da gibt es so viel des Schönen, daß ich wirklich nicht wußte, wohin die Blicke zu wenden, um ja auch Alles zu sehen. – Dort liegen hohe Berge, die von unten bis hinauf mit finstern Tannenwaldungen bewachsen sind, da wieder liebliche Hügel mit saftigen Wiesen, mit reichen Feldern, mit niedlichen Bauerhäusern und Höfen, oder es öffnen sich die Berge und bilden die schönste Perspective in Schluchten und Thäler. – Oft kann man den Lauf einer Bucht verfolgen, bis sie in unendlicher Ferne mit den Wolken verschwimmt. – Oft sieht man wieder die herrlichsten Thäler geschmückt mit Ortschaften und kleinen Städten. – Ach! wäre ich nur auch im Stande, diese reiche, schöne Natur mit der Begeisterung zu schildern, die ich fühlte, als ich sie erschaute. – Leider sind meine Worte, wie meine Kenntnisse, viel zu schwach dazu, und ich kann meine Gedanken und Empfindungen nur andeuten, aber nicht beschreiben.
Bei dem Oertchen Walloe fängt die Gegend an minder schön zu werden; die Berge verwandeln sich in Hügel, und das Wasserbecken entbehrt der Inselgruppen. Das Oertchen selbst ist größtentheils hinter kleinen Hügeln verborgen. Doch daran stoßen eine Reihe hölzerner Hütten und Häuschen, die alle zu einer Salzsiederei gehören. Das Salz wird hier aus Meerwasser gewonnen.
Um zu dem Städtchen Moß zu gelangen, macht man einen kleinen Abstecher in eine der vielen Buchten, die sich von allen Seiten öffnen. Die Lage dieses Städtchens ist wunderschön; es liegt amphitheatralisch an einem Hügel, der sich an einen Berg lehnt. Am Meeresgestade steht ein artiges Haus, dessen Porticus auf Säulen ruht, es ist eine Badeanstalt.
Nahe dem Oertchen Horten, das ebenfalls recht malerisch gelegen ist, sieht man ein Schiffswerft, auf welchem Kriegsschiffe für Rechnung des Staates gebaut werden. – Viele müssen es aber denn doch nicht sein, denn ich sah nur ein einziges vor Anker liegen, und kein zweites im Beginne.
Auf der Fahrt nach dem Städtchen Dröbak kömmt man öfter an Ausschnitte von Inseln, durch die der Blick auf das hohe Meer streifen kann.
Ungefähr acht Seemeilen hinter Horten gewährt ein Berg ein wunderschönes Bild. Er liegt mitten in der See, drängt sie an die nahen Gebirgsketten und theilt sie derart in zwei Ströme, die sich erst hinter ihm wieder vereinigen.
Christiania erblickt man erst, wenn man kaum mehr zehn Seemeilen entfernt ist. Die Stadt und die Vorstädte, das Festungsgebäude, das neu erbaute königl. Schloß, die Freimaurerloge u. s. w. liegen an dem Hafen in einem schönen Halbkreise, der von Feldern und Wiesen, Waldungen und Gebirgen herrlich umfangen ist. Selbst die See kann sich von diesem zauberischen Anblicke nicht losreißen, und windet sich durch Hügel und Felder in schmalen Streifen bis weit hinter die Stadt.
Gegen eilf Uhr Morgens ungefähr erreichten wir Christianiens Hafen. Die Strecke von Sandesund hatten wir in sieben Stunden zurückgelegt, und während dieser Zeit viermal angehalten. Die Boote mit den Reisenden, mit den Waaren und Briefen waren immer schon bereit, fuhren eilig heran; Alles wurde umgetauscht und – weiter gefahren.
Aufenthalt zu Christiania.
In dieser Stadt kaum angekommen, war mein Erstes, eine Landsmännin aufzusuchen, die hier an einen Advocaten verheirathet ist. – Man sieht, daß die Wienerinen, denen man immer vorwirft »sie könnten ohne ihren lieben Stephansthurm gar nicht leben,« diese Sage doch manchmal zu Schanden machen. Nicht bald sah ich ein Pärchen, das glücklicher und zufriedener lebt als dieses, und doch ist Christiania über 200 Meilen vom Stephansthurm entfernt.
Schon während des Ganges vom Hafen in den Gasthof, und von da zu meiner Freundin kam ich durch die ganze Stadt. Ich fand sie nicht sehr groß und nicht sehr hübsch. Am besten macht sich noch der neuerbaute Theil; der hat doch wenigstens breite, ziemlich lange Straßen, in welchen die Häuser von Ziegeln und Steinen und mitunter recht ansehnlich sind. In den Nebengassen findet man häufig hölzerne Baracken die den Einsturz drohen. – Der Platz ist groß, aber unregelmäßig, und, da auf ihm der Markt von allen möglichen Artikeln abgehalten wird, auch sehr schmutzig.
Die Vorstädte sind meist von Holz erbaut. – Oeffentliche Gebäude gibt es mehrere ziemlich hübsche. Am schönsten machen sich das neue königl. Schloß und die Festung. Beide sind auf kleinen Anhöhen herrlich gelegen, und besitzen eine wahrhaft feenartige Aussicht. – Das alte königl. Schloß liegt in der Stadt, zeichnet sich aber durch nichts aus; es gleicht vollkommen einem Privathause. – Das Haus, in welchem der Storrthing abgehalten wird, ist groß, sein Portale ruht auf Säulen; doch die Treppen sind, wie in allen Steinhäusern in ganz Skandinavien, von Holz. – Das Theater fand ich von Außen für den Bedarf der Stadt groß genug, – von Innen sah ich es nicht. – Eines der schönern Gebäude ist die Freimaurerloge; sie enthält zwei ausgezeichnet große und schöne Säle, in welchen, nebst den Sitzungen der Freimaurer, auch jene von Gelehrtengesellschaften oder Festlichkeiten anderer Art abgehalten werden. – Das Universitätsgebäude scheint mir in gar zu großem Style angelegt zu sein; es ist noch nicht ganz beendet, wird aber so schön erbaut, daß es den größten Residenzen zur Zierde dienen könnte. Recht artig ist auch das Locale, in welchem sich die Fleischerbuden befinden. – Es bildet einen Halbkreis, und ist mit Bogengängen umgeben, in welchen die Käufer bei jeder Witterung im Trocknen stehen. Das ganze Gebäude ist von Ziegeln gebaut, die in ihrem natürlichen Zustande gelassen, weder mit Mörtel angeworfen, noch mit Kalk übertüncht sind. – Von sonstigen Pallästen oder Prachtgebäuden ist nicht viel zu sehen; die meisten Häuser sind einstockig.
Eine große Erleichterung für Fremde, die man in allen Städten Skandinaviens findet, ist das häufige Anschreiben der Namen der Straßen. Es mögen noch so viele Straßen in eine oder die andere münden, an jeder Ecke sind ihre Namen angeschrieben. – Man mag daher kommen, von welcher Seite man will, so weiß man gleich den Namen der Straße, in der man sich befindet, und braucht nicht erst darum zu fragen.
Die Stadt hat offene Kanäle und, wie alle übrigen, bei angekündigtem Mondschein keine Beleuchtung.
Um den Hafen ziehen sich hölzerne Quais, neben welchen mehrere große Magazingebäude stehen, die ebenfalls aus Holz erbaut, aber, wie überhaupt auch die meisten Häuser, mit Ziegeln gedeckt sind.
Die Einrichtungen und Auslagen der Gewölber sind einfach, die Waaren sehr schön, jedoch nicht von eigener Erzeugung. Es bestehen noch sehr wenig Fabriken, und Alles muß aus fremden Staaten bezogen werden.
Was mir sehr mißfiel, waren die schrecklich zerlumpt gekleideten Leute, die man überall auf den Straßen traf. Besonders sahen die jungen Burschen sehr liederlich aus. Sie bettelten zwar höchst selten; doch möchte ich ihnen bei Leibe nicht in einem einsamen Gäßchen begegnet sein.
Ich war so glücklich, gerade zur Zeit nach Christiania zu kommen, als die Sitzungen des Storthings gehalten wurden. – Es geschieht dieß alle drei Jahre. Die Sitzungen fangen im Jänner oder Februar an, und dauern gewöhnlich drei Monate. Dießmal hatten sich jedoch die Geschäfte derart angehäuft, daß der König vorschlug, den Storthing zu verlängern. Diesem glücklichen Zufalle hatte ich es zu verdanken, noch mehreren Sitzungen beiwohnen zu können. – Der König selbst wurde, um die Verhandlungen zu schließen, erst im Monat September erwartet.
Der Sitzungssaal ist länglich und ziemlich groß. An der einen der längern Wände stehen vier Reihen tapezierter Bänke, von denen eine Reihe die andere überragt. – Ueber achtzig Storthings-Männer haben da Raum zu sitzen. Den Bänken gegenüber steht auf einer erhöhten Tribüne der Tisch, an welchem der Präsident und der Secretär sitzen. Um die eine obere Hälfte des Saales läuft eine Gallerie, zu welcher Jedermann Zutritt hat.
Obwohl ich von der norwegischen Sprache nur sehr wenig verstand, so ging ich doch während meines kurzen Aufenthaltes in Christiania täglich auf eine Stunde in die Sitzung. Ich konnte wenigstens entnehmen, ob flüssig gesprochen, ob kurze oder lange Reden gehalten wurden u. s. w. Ich hatte leider das Unglück, lauter solche Redner zu hören, die die wenigen Worte die sie vortrugen, so abgesetzt und langsam herausstotterten, daß mir dabei ordentlich angst wurde, sie schienen nicht die geringste Gabe des Vortrages zu besitzen. Man sagte mir, daß es bei dem ganzen Storthing nur 3-4 gute Redner gäbe, und daß diese während der Paar Tage meines Aufenthaltes gerade nicht zu sprechen gehabt hätten.
Noch nirgends habe ich so verschiedenartige Fuhrwerke gesehen wie hier. Die gewöhnlichsten, dabei aber unbequemsten, sind jene, die man Carriol nennt. Solch eine Carriol besteht aus einem sehr schmalen, länglichen und offenen Kasten, der zwischen zwei ungeheuer hohen Rädern ruht und mit einem winzigen Sitzchen versehen ist. Da hinein wird man gepreßt; man muß die Füße der Länge nach ausstrecken, wird mit einem Leder bis an die Hüfte zugeschnürt, und muß in derselben Stellung, ohne auch nur einen Fuß bewegen zu können, vom Anfange bis zu Ende der Fahrt verbleiben. – Für den Kutscher ist hinter dem Kästchen ein Brett angebracht, auf welchem er, will der Kastenbewohner nicht selbst die Pferde leiten, knieend oder stehend dieß Geschäft verrichtet. Da es aber höchst unangenehm ist, auf der einen Seite beständig das Schwirren des Leitseiles, und auf der andern das Knallen der Peitsche zu hören, so kutschirt Alles selbst, die Frauen so gut wie die Männer. Außer diesen Carriols gibt es auch noch Phaetons, Droschken, Steierwägelchen u. s. w., nur keine gedeckten Wagen.
Ganz eigen construirt sind die Wagen, die zur Verführung des Biers gebraucht werden; man muß vorerst wissen, daß in Christiania sehr viel Bier getrunken wird, und daß man selbes nicht in Fässern, sondern gleich in Flaschen verführt. Die Wagen bestehen nun aus geräumigen, höchstens anderthalb Fuß hohen, gedeckten Kästen, die inwendig, gleich einem Flaschenkorbe, in viele Fächer getheilt sind, in welche die Flaschen gestellt werden.
Vielleicht nimmt man mir es nicht übel, wenn ich auch einer besonderen Art von Körben erwähne, deren sich die Dienstleute bedienen, wenn sie Artikel, die feucht oder schmutzig sind, wie z. B. Fische, Fleisch, Kartoffeln u. s. w., einkaufen. Diese Körbe sind von feinem Weißblech, und mit einem Henkel versehen. Die strohgeflochtenen Körbe gehören für Brot und andere reine und trockene Eßwaaren.
Oeffentliche Gärten oder Versammlungsorte gibt es in Christiania eigentlich keine, aber Spaziergänge desto mehr; denn jeder Weg, den man außer der Stadt einschlägt, führt in die herrlichsten Gegenden, und jeder Hügel, den man ersteigt, ja beinah jeder Punkt der von allen Seiten offenen Stadt, bietet die wunderherrlichsten Aussichten.
Ladegaardoen ist allenfalls der einzige Ort, den die Städter sehr häufig sowohl zu Fuß als auch zu Wagen besuchen. Man hat hier viele und prachtvolle Ansichten der See und deren Inseln, so wie der umliegenden Gebirge, Thäler, Fichten- und Tannenwaldungen. Hier liegen auch sehr viele Landhäuser. Die meisten sind klein, aber recht niedlich und von schönen Obst- und Blumen-Gärten umgeben. – Wenn ich da herumspazierte, glaubte ich tief im Süden zu sein; – so herrlich grünte und blühte Alles. – Nur an den Getreidefeldern erkannte ich den Norden. – Nicht daß das Getreide schlecht gestanden wäre, im Gegentheile, ich fand Waitzenähren, die sich in höchster Fülle und Schwere zur Erde neigten, – aber jetzt, gegen Ende August, stand das meiste noch ungeschnitten auf dem Felde.
Schöne Wege führen durch einen Tannenwald, oft an Ausschnitten vorüber, die so herrliche Prospecte gewähren, daß man stundenlang da verweilen könnte. – In diesem Walde stehen zwei Monumente, die jedoch beide nicht von Bedeutung sind; das Eine gilt einem Kronprinzen von Schweden, Christian August, das Andere dem Grafen Hermann Wedel Jarlsberg.
Reise nach Delemarken.
Alles was ich bisher von Norwegen gesehen, gefiel mir so außerordentlich, daß ich der Begierde unmöglich widerstehen konnte, eine Reise nach den wildromantischen Gegenden Delemarkens zu machen. Man sagte mir freilich, daß es für eine Frau allein, und noch dazu bei so geringer Kenntniß der Sprache, ein etwas schwieriges Unternehmen sei, sich durch all das Bauernvolk durchzuarbeiten. – Nun fand sich aber in diesem Augenblicke Niemand, der dieselbe Reise gemacht hätte, – reisen wollte ich doch, und so vertraute ich meinem Glücke und ging allein.
Nach den Erkundigungen, die ich in Betreff dieser Reise eingezogen hatte, standen mir besonders dadurch viel Unannehmlichkeiten bevor, daß man nirgends eine Anstalt trifft, die für das schnelle und bequeme Fortkommen der Reisenden sorgt. Man ist gezwungen sich einen eigenen Wagen anzuschaffen, und von Station zu Station Pferde zu miethen. Man bekommt zwar wohl auch auf jeder Station ein Wägelchen, das aber nichts anders als ein höchst elender Bauernkarren ist. Ich miethete daher zu Christiania eine Carriol für die ganze Reise und ein Pferd bis nach dem 5 Meilen weit entfernten Städtchen Drammen.
Am 25. August Nachmittags drei Uhr verließ ich Christiania, preßte mich in meinen Wagen, und bemächtigte mich, dem Beispiele der norwegischen Frauen folgend, allsogleich des Leitseiles. Ich fuhr so tapfer zu, als hätt' ich dieß Geschäft schon seit meiner Kindheit betrieben, ich lenkte rechts und links, und ließ mein Bräunchen laufen und springen, daß es eine Freude war.
Die Fahrt nach Drammen ist das Herrlichste was man sehen kann. Hierher soll jeder Maler kommen. – Alle möglichen Naturschönheiten die er sich nur denken kann, findet er hier in schönster Harmonie vereint. Man wird gleichsam erdrückt von dieser Fülle und Reichhaltigkeit, – und der Maler könnte aus einer Ansicht unzählige Bilder schaffen. – Auch die Vegetation ist hier viel kräftiger und üppiger, als ich sie so hoch im Norden zu finden hoffte. Jeder Hügel, ja beinahe jeder Fels und Stein ist von Tannen überschattet; das Grüne der Wiesen war von unnachahmlicher Frische, das Gras mit Kräutern und Blumen durchwirkt, und die Felder strotzten von üppiger Aehrenfülle.
Ich habe viele Länder, viele herrliche Gegenden gesehen, ich war in Italien, in der Schweiz, in Tyrol und Salzburg gewesen; aber nirgends fand ich so eigenthümliche Ansichten wie hier. – Da war das Meer, das sich überall hereindrängte und uns bis Drammen folgte. Da bildete es bald einen lieblichen See, auf dem sich einzelne Boote schaukelten, bald wieder einen Strom, der sich durch Hügel und Felder die Bahn brach, bald war es wieder die herrliche, weit ausgedehnte Wasserfläche, von ziemlichen Dreimastern, gleich riesigen Schwänen, durchzogen und mit zahllosen Inseln übersäet. Letztere bestehen oft nur aus einigen Felstrümmern, manche jedoch bilden niedliche Eilande, auf welchen, halb verborgen von Feldern und Bäumen, einzelne Hütten stehen. – Durch üppige Thäler, durch herrliche Waldungen dahin fahrend, stets begleitet von den schönsten Ansichten und Bildern, erreichte ich nach fünf Stunden die Stadt Drammen, die sich an den Ufern der See und des Flußes Storri Elf ausbreitet, und deren Nähe ich schon, bevor ich sie noch sah, an den umliegenden Landhäusern erkannt hatte.
Ueber den Fluß führt eine lange, schön gebaute hölzerne Brücke, die mit herrlichen eisernen Geländern versehen ist. Das Städtchen Drammen hat hübsche Gassen und Häuser, und über 6000 Einwohner. Das Gasthaus, in welchem ich abstieg, war sehr nett und rein. Man wies mir zum Schlafgemache einen Salon an, der gewiß auch den vornehmsten Städter in jeder Hinsicht zufrieden gestellt hätte. – Lächeln mußte ich dagegen, als man mir mein frugales Abendmahl brachte, das aus einigen weichgekochten Eiern bestand. Ich bekam dazu weder Salz noch Brot, noch ein Löffelchen, sondern nichts als ein Messer und eine Gabel. – Ich möchte doch wissen, wie es diese Leute hier anstellen, weich gekochte Eier mittelst Messer und Gabel zu verspeisen.
25. August.
Ich miethete hier ein frisches Pferd, mit welchem ich bis Kongsberg, vier Meilen weit, fuhr. Die ersten anderthalb Meilen boten eine Fortsetzung der gestrigen romantischen Gegend; nur die See blieb zurück. Dafür hatte ich lange den schönen Fluß zum Gefährten, bis ich eine kleine Anhöhe erklimmen mußte, von der ich ein großes, und wie es schien, auch ziemlich bevölkertes Thal übersah; denn überall lagen theils Gruppen von Häusern, theils einzelne Höfe. – Sonderbar ist es, daß man in ganz Norwegen selten große Ortschaften findet; jeder Bauer baut sein Haus inmitten seiner Grundstücke.
Von dieser Anhöhe an wird und bleibt die Gegend etwas einförmig; am meisten verliert sie durch den Mangel des Meeres. Die Gebirge werden niedriger, das Thal verengt sich, und man ist allerseits von Wald- und Felspartieen umschlossen. Was die norwegischen Felsenregionen ganz eigen für sich haben, ist ihre Nässe. Von allen Seiten sickert das Wasser hervor, aber gerade nur so viel, um die Steinflächen wie mit einem Schleier zu überdecken. Scheint dann die Sonne auf solch eine benäßte Felsenplatte, deren es zwischen und ober den Waldpartieen sehr viele und mitunter auch große gibt, so erglänzen sie wie Glas- oder Spiegel-Wände.
Dieser Theil von Norwegen, nämlich Delemarken, scheint noch ziemlich bevölkert zu sein. – Selbst hier in diesen ausgedehnten, finstern Waldungen traf ich häufig einzeln stehende Bauernhütten, die in die einförmige Landschaft doch einiges Leben brachten. – Der Fleiß des norwegischen Bauers ist groß, denn jedes Fleckchen Erde, oft an den steilsten Abhängen, war mit Kartoffeln, Gerste oder Hafer bebaut; auch ihre Häuschen sehen recht freundlich aus und waren meist mit ziegelrother Farbe übertüncht.
Die Straßen fand ich sehr gut. Besonders war es jene von Christiania bis Drammen; auch an der von Drammen nach Kongsberg fand ich nur wenig auszustellen. – Man hat in Norwegen einen solchen Ueberfluß von Holz, daß die Straßen von beiden Seiten mit hölzernen Zäunen besetzt sind; ja jede Wiese, jedes Feld ist gegen das Eindringen des Viehes durch einen derlei Zaun geschützt, und die schlechten Wege im Walde werden sogar mit runden Baumstämmen überlegt.
Das Bauernvolk hat in diesen Gegenden keine eigene oder bemerkenswerthe Tracht; nur die Kopfbedeckung der Weiber läßt komisch. Sie tragen nämlich einen vollkommenen Damenhut, der, freilich nach einer Mode des vorigen Jahrhunderts, rückwärts mit einem kleinen Bunde geziert, und vorne mit einem großen Schirme versehen ist. Diese Hüte sind von allen Stoffen, meist aus den Resten alter Kleidungsstücke zusammen gemacht, und nur an Sonntagen sieht man schönere, manchmal sogar seidene.
In der Gegend von Kongsberg hört dieser Kopfputz auf; da tragen sie kleine Häubchen, nach Art der schwäbischen Bäuerinen; Röcke, die beinah bis an die Schultern reichen, und ganz kurze Spenser, eine Tracht, die sehr häßlich läßt, da der ganze Wuchs durch den kurzen Leib verunstaltet wird.
Das Städtchen Kongsberg ist ziemlich ausgebreitet, und liegt über alle Beschreibung schön auf einer kleinen Anhöhe in der Mitte eines großen herrlichen Waldthales. Das ganze Städtchen ist zwar nur, wie alle Städte Norwegens, Christiania ausgenommen, von Holz erbaut, doch hat es viele schöne, nette Häuser und einige breite Gassen. Besonders hübsch nimmt sich die Kirche aus, die auf der Spitze der Anhöhe steht, und hoch über alle Gebäude empor ragt.
An der Stadt fließt der Strom Storri Elf, der gerade unterhalb der Brücke über Felsentrümmer stürzt und einen, zwar kleinen, aber recht artigen Fall bildet. Am besten gefiel mir dabei die Farbe des an den Felsen aufspringenden Wassers. – Es war gegen Mittag als ich über die Brücke fuhr, die Sonne beleuchtete den Strom und die ganze Gegend, und die an den Felsen zerschellenden, und wieder aufsteigenden Wogen erschienen, vermöge der Beleuchtung, in schöner blaßgelber Farbe, so daß sie großen Massen des herrlichsten, durchsichtigsten Bernsteines glichen.
In der Nähe von Kongsberg befinden sich zwei bedeutende Merkwürdigkeiten, ein reichhaltiges Silber-Bergwerk, und ein herrlicher Wasserfall, der Labrafoß. – Da aber meine Zeit karg bemessen war, und ich nur einige Stunden in Kongsberg verweilen konnte, zog ich es vor, den Wasserfall zu besuchen, und mir von dem Silberbergwerke blos erzählen zu lassen, daß sich der tiefste Schacht 800 Fuß unter der Erde befinde, und daß es da höchst beschwerlich sei herum zu gehen, indem Kälte, Rauch und Pulverdampf eine gar unangenehme Wirkung auf den an Licht und Luft gewohnten Reisenden machen.
Ich miethete also ein Pferd und fuhr zu dem Falle, der ungefähr eine kleine Meile von Kongsberg entfernt in einem engen Waldthale liegt. – Der Strom bildet eine kleine Strecke vor dem Falle ein stilles ruhiges Wasserbecken, und stürzt dann mit jähem Falle dem Abgrunde zu. Sowohl die bedeutende Tiefe des Falles, als auch die Fülle des Wassers bilden einen wahrhaft imposanten Anblick. Dieser wird noch gesteigert durch einen ungeheuren Felskoloß, der gleich einer Wand im untern Becken aufgepflanzt ist, und sich dem eilig dahin brausenden Elemente entgegen stemmt. An ihm prallt der größte Theil des Wassers zurück, erhebt sich dann in mächtigen Massen, und stürzt hinüber, auf seinem ferneren Laufe noch einige kleine Fälle bildend.
Ich stand auf einem hohen Fels, ward aber doch von dem Staubregen erreicht, und oft derart überschüttet, daß ich kaum die Augen öffnen konnte. Der Führer leitete mich dann hinab in die Tiefe, um auch von da den Fall, und zwar von verschiedenen Seiten betrachten zu können; – überall erschien er anders und herrlicher. Ich sah auch hier an den Wasserstrahlen, die sich an dem Felsen brachen, und von der Sonne erleuchtet waren, jene gelbe, durchsichtige Farbe, die mir bereits an dem Falle bei Kongsberg aufgefallen war. Meines Erachtens rührt sie, nebst der Beleuchtung, von den Felsen her, die in der ganzen Gegend häufig als braun-röthliches Gestein vorkommen, denn das Wasser selbst war klar und rein.
Um 4 Uhr Nachmittag verließ ich Kongsberg, und fuhr nach dem vier Meilen entfernten Oertchen Bolkesoe. Die Fahrt gehörte eben nicht zu den schönen oder angenehmen. Der Weg war meistentheils sehr schlecht, und führte fortwährend durch Schluchten und Thäler, durch Waldungen und über steile Berge, und dazu überraschte uns eine finstere, mondlose Nacht. – Oft kam mir der Gedanke wie leicht es meinem Führer, der knapp hinter mir auf dem Wagen saß, wäre, mich durch einen sanften Schlag aus der Welt zu expediren, um sich dann meiner Habseligkeiten zu bemächtigen. Doch ich vertraute dem biedern Charakter der Norweger, fuhr ruhig meines Weges, und schenkte meine ganze Aufmerksamkeit der Lenkung meines Rößleins, das ich über Berg und Thal, über Löcher und Steine und neben Abgründen mit sicherer Hand leiten mußte. Ich hörte keinen andern Laut, als das Brausen eines Waldstromes, der oft knapp an unserer Seite über Felsen dahin stürmte, und oft wieder in weiter Ferne zu verrauschen schien.
Erst gegen 10 Uhr Nachts erreichten wir das Oertchen Bolkesoe. – Eine kleine Angst befiel mich, als wir an einem unansehnlichen Bauernhause anhielten; – die isländischen Nachtlager waren mir noch ganz frisch im Andenken, und ich dachte es hier nicht viel besser zu finden. – Wie angenehm war ich daher überrascht, als mich die Bäuerin über eine bequeme Treppe in ein großes, nettes Zimmer führte, das nebst einigen guten Betten auch mit Bänken, einem Tische, Kasten, und sogar mit einem eisernen Ofen versehen war. – Eben so fand ich es auch auf den ferneren Stationen.
In Norwegen gibt es auf den weniger befahrenen Straßen eigentlich keine Gast- und Posthäuser. Beide Geschäfte werden von den wohlhabenderen Bauern versehen. Es ist jedoch jedem Reisenden zu rathen, Brot und andere Lebensartikel selbst mitzuführen, indem er von diesen »Bauern-Wirthen« selten etwas bekömmt. – Ihre Kühe haben sie während des Sommers stets auf den Höhen der Gebirge, oder auf den Alpen, – Hühner sind für sie ein zu großer Luxus-Artikel, und das Brot, das sie backen, ist kaum zu genießen. Es besteht aus großen runden Kuchen, die höchstens einen halben Zoll dick und sehr hart sind, oder aus eben so großen Kuchen, die kaum Messerrücken dick, und ganz ausgetrocknet sind. – Das Einzige, was ich manchmal fand, waren Fische und Kartoffeln, und hatte ich Zeit einige Stunden irgendwo zu bleiben, so brachte man mir auch gute Milch von der Alpe herab.
Noch schlechter steht es mit der Weiterbeförderung; doch werde ich dieß Kapitel erst später berühren, wenn ich noch größere Erfahrungen gemacht haben werde.
26. August.
Erst heute bei Tage konnte ich die Lage des Oertchens Bolkesoe besehen; gestern war sie mir durch das Dunkel der Nacht verborgen. Es liegt in einem niedlichen Waldthale, auf einem kleinen Hügel, zu dessen Füssen sich ein artiger See gleichen Namens ausbreitet.
Von hier bis Tindosoe, 3½ Meile ist der Weg nicht mehr fahrbar, man muß seine Zuflucht zum reiten nehmen; ich ließ also mein Carriol zurück und stieg zu Pferde. – Die Gegend wird nun immer unbewohnter und stiller, und die Thäler werden zu förmlichen Schluchten. Um so überraschender ist der Anblick zweier Seen, die in ziemlicher Ausdehnung zwischen den Bergen liegen. Der größere davon, der Foelsoe, hat eine ziemlich regelmäßige Form, mag eine halbe Meile im Durchmesser haben, und ist von schönen Gebirgen kreisförmig umgeben. Besondern Effect machen die düstern Schatten, die die nadelbewachsenen Spitzen der Berge auf seine spiegelglatte Fläche werfen. Ich ritt über eine Stunde an seinen Ufern, und hatte überhaupt während dieser ganzen Partie Zeit genug, Alles genau zu besehen und zu betrachten, denn das Reiten geht hier zu Lande höchst langsam von statten. Der Begleiter hat kein Pferd, und geht nebenher zu Fuß, und zwar meist auf etwas schläfrige Weise; das Pferd kennt durch mehrjährige Erfahrung die Eigenschaft seines Herrn, und ist nur zu bereitwillig, ihn dabei durch einen ebenfalls langsamen, schwerfälligen Gang zu unterstützen. – Ich ritt über 5 Stunden bis nach dem Oertchen Tindosoe. – Von hier muß man, um nach dem berühmten Wasserfalle des Rykanfoß – meinem dießmaligen Ziele – zu gelangen, über einen großen See schiffen. – Obwohl der Regen bereits seit der letzten Meile mein unzertrennlicher Begleiter gewesen war, und der Himmel von allen Seiten höchst melancholisch auf mich herab blickte, miethete ich doch augenblicklich ein Boot mit zwei Ruderern, um meine Reise alsogleich fortzusetzen. Ich befürchtete nämlich einen Sturm, und würde dann keinen Schiffer gefunden haben, der es gewagt hätte, die 4 oder 5 Stunden lange Fahrt auf diesem gefährlichen See zu unternehmen. – Nach zwei Stunden war schon Alles in Ordnung, und unter heftigem Regen fuhr ich ab. – Ich mußte mich noch glücklich schätzen, doch wenigstens keine starken Nebel zu Begleitern zu haben, denn dadurch wären mir die großen Schönheiten der mich umgebenden Natur verborgen geblieben. – Der See ist bei 4 Meilen lang, jedoch nur an manchen Stellen eine halbe Meile breit. Er ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die zum Theil sich terassenförmig erheben, und auch nicht den kleinsten Ausschnitt zu einer Fernsicht bilden. In Folge dieser Gebirge, die größtentheils mit finstern Tannenwaldungen bedeckt sind und vermöge der nicht sehr bedeutenden Breite des See's ihn ganz überschatten, sieht sein Wasser vollkommen dunkel, ja beinahe schwarz aus. – Dieser See ist sehr gefährlich zu befahren wegen der vielen Felswände, die senkrecht aus dem Wasser steigen. Ueberfiele den Fahrenden in ihrer Nähe ein Sturm, so würde sein Boot an ihnen zerschmettert, und er in der Tiefe des See's sein Grab finden. – Wir hatten zwar auch ziemlichen Wind, er war uns aber günstig, und trieb uns rasch unserm Ziele zu. – An einer dieser Felswände bildet sich ein starkes Echo.
Dieser See hat eine Insel, an der man gleich nach der ersten Meile vorüber kömmt; sie ist höchstens eine viertel Meile lang, und scheidet ihn in zwei ganz gleiche Theile. – Nunmehr gestalten sich die Gebirge ganz eigenthümlich. Ein Berg scheint dem andern vortreten zu wollen, und schiebt seinen Fuß tiefer in den See hinein; es bilden sich dadurch viele liebliche kleine Buchten, deren Mehrzahl aber weder zum Landen noch zum Einfahren geeignet ist, da überall gefährliche Klippen und Felsen aus dem Wasser hervorragen.
Wunderbar nehmen sich die kleinen Fleckchen Wiesen oder Felder aus, die wie an den Wänden zu schweben scheinen, so wie die bescheidenen Häuschen der Bauern, die oft an den gefährlichsten Abhängen stehen, und über die sich Felsmassen und Trümmer zu Bergen thürmen. Die fürchterlichsten Blöcke hängen hie und da darüber, und drohen den baldigen Einsturz, der freilich Hütte und Felder mit in den See reißen würde. Man weiß da wahrlich nicht, ob man die Wahl solcher gefährlicher Wohnplätze mehr der Tollkühnheit oder der Dummheit der Bauern zuschreiben soll.
Von den Bergen stürzen sich viele Flüsse in den See, die wunderschöne, wasserreiche Fälle bilden. Freilich mag dieß auch nur jetzt der Fall gewesen sein, weil es unaufhörlich regnete, so daß von allen Seiten Wasser herabrieselte, und die Berge und Felsen wie mit zarten Silberfäden durchwirkt erschienen. Es war ein schöner Anblick; ich würde ihm aber gerne entsagt, und dafür lieber die Sonne gesehen haben. Sich einem so heftigen Gebirgsregen von Früh bis Abends Preis zu geben, ist denn doch keine Kleinigkeit. – Ich war durch und durch naß, und hatte keine Aussicht auf besseres Wetter, da der Himmel auf allen Seiten finster, und mit Wolken bedeckt war. Bald wäre sogar meine Beharrlichkeit erschüttert worden, und ich war schon deßhalb im Begriffe umzukehren, und dem Ziele meiner Reise, dem Anblicke des höchsten norwegischen Wasserfalles zu entsagen; – – da fiel mir ein, daß dieses schlechte Wetter meinem Zwecke gerade günstig wäre, daß mit jedem Tropfen die Schönheit des Wasserfalles gesteigert würde, – und ich ließ vorwärts rudern.
Nach vierthalb Stunden erreichten wir Haukaneß am See, an welchem Orte man gewöhnlich über Nacht zu bleiben pflegt, da man hier einen recht netten »Hof« findet, und die Entfernung des Falles doch noch bedeutend ist.
27. August.
Mein erster Blick war des Morgens nach dem Wetter, – ach! es war so wie gestern, und die erfahrnen Bauersleute prophezeiten mir, daß es auch so bleiben würde. Umkehren, oder hier einige Tage auf besseres Wetter warten wollte ich nicht, und so blieb mir nichts anders übrig, als mein Boot wieder zu besteigen, meinen ganz durchnäßten Mantel umzuhängen, und muthig weiter zu schiffen.
Schon das Schlußbild des See's, das sich uns bald zeigte, entschädigte mich zum Theil für meine bewiesene Ausdauer. – Ein hoher Berg stellt sich der Breite nach dem See entgegen, der sich beiderseits an seinen Abhängen verläuft, und zwei überaus reizende Buchten bildet. Wir lenkten in die linkseitige, und landeten bei dem Oertchen Mael, das an der Mündung des Flusses Rykaneß liegt. Die Entfernung von Haukaneß bis hieher beträgt eine halbe Meile.
Ich mußte nun ein Pferd besteigen, um zu dem noch 2½ Meilen entfernten Wasserfalle zu gelangen. Der Weg führt durch ein schmales Thal, das immer enger und enger wird, und bald blos dem Strome Raum gibt, so daß man die Höhen ersteigen, und sich an den Abhängen der Berge fortwinden muß. Man sieht dann unten im Thale nur den Schaum der Wellen, die sich an den Klippen und Felsen brechen; – gleich einem Silberfaden erglänzt ihr Band in der finstern Tiefe. Oft führt der Weg so hoch an den Bergen, daß man weder den Strom selbst sieht, noch sein Rauschen vernimmt. – Die letzte halbe Meile muß man zu Fuß machen. Da gelangt man an Stellen, die wirklich gefährlich zu passiren sind; zahlreiche Wasserfälle, die man auf Stegen von zusammen gelegten Baumstämmen umgehen muß, stürzen von den Bergen und kaum fußbreite Wege führen an schwindelnden Alpenwänden vorüber. – Doch kann man sich furchtlos auf den Arm des Führers stützen, der noch Jeden glücklich an das ersehnte Ziel geleitete.
Diese Partie von Haukaneß bis an den Wasserfall müßte an einem freundlichen, sonnenhellen Tage das schönste sein, was man sich wünschen könnte; denn selbst trotz dem beständigen Regen trotz meinen von Nässe triefenden Kleidern, ward ich begeistert von der mich umgebenden wildromantischen Natur, und hätte um keinen Preis meinem vorgesteckten Ziele entsagt. Leider nahm das Unwetter immer mehr zu, und dichte Nebel wälzten sich von allen Seiten dem Thale zu. Das Wasser rieselte überall von den Bergen herab, und verwandelte unsern Gehsteig oft in einen förmlichen Bach, dessen Wasser uns hoch über die Knöchel ging. – Endlich gelangten wir an die Stelle, von welcher der Fall am besten übersehen werden konnte. Noch war er nebelfrei, und es war mir vergönnt, die außerordentliche Schönheit seines Sturzes und seines Wasserreichthumes zu bewundern. Ich sah den ungeheuern Felsberg, der das Thal schließt, die ungeheure Wassersäule, die über ihn rollt, und in der Mitte des Falles an den vorragenden Felsen anprallend, und das ganze Thal mit Schaumwolken erfüllend, kaum die Tiefe erkennen läßt, in die sie hinabstürzt. – Ach! ich sah eines der seltensten, eines der herrlichsten Naturwunder, aber ich sah es nur – auf einen Augenblick; ich hatte nicht einmal Zeit, mich von der Ueberraschung des ersten Anblicks zu erholen. Es war mir nicht vergönnt die einzelnen Großartigkeiten des Falles oder seiner Umgebung anzustaunen, – ich mußte mit einem Bilde, mit einem Blicke zufrieden sein. Undurchdringliche Nebel senkten sich von allen Seiten in die wilde Schlucht herein, und hüllten Alles in völlige Nacht. Ich setzte mich auf einen Felsblock, und starrte zwei Stunden lang auf den Ort hin, wo der Fall kaum in den schwächsten Umrissen durch den Nebel zu erkennen war; oft aber gingen sogar diese verloren, und dann erkannte ich seine Nähe nur an dem fürchterlichen Tosen des Sturzes, und an dem Erzittern der Felsen unter meinen Füssen.
Nachdem ich so lange geschaut und gehofft, und meinen Blick vergebens, nur um einen einzigen Sonnenstrahl flehend, zum Himmel erhoben hatte, mußte ich mich endlich doch zur Rückkehr entschließen. Beinah mit Thränen im Auge verließ ich meinen Standpunkt, und hatte im Vorwärtsschreiten den Kopf mehr rück- als vorwärts gewendet. Hätte sich der Nebel nur etwas zerstreut, gleich würde ich wieder umgekehrt sein.
Leider entfernte ich mich immer mehr und mehr davon, bis zu dem Oertchen Mael, wo ich betrübt mein Boot wieder bestieg, und ohne Unterbrechung nach dem Oertchen Tindosoe fuhr. – Erst gegen 10 Uhr Abends kam ich da an. – Die schreckliche Nässe, die Kälte, der gänzliche Mangel an Nahrungsmitteln, und vor allem Andern meine durch die getäuschte Hoffnung etwas getrübte Gemüthsstimmung hatten mich so angegriffen, daß ich mich mit leichten Fieberanfällen zu Bette legte, und schon glaubte, meine Reise des andern Tages nicht fortsetzen zu können. – Doch meine kräftige Natur besiegte Alles, und um 5 Uhr Morgens war ich schon wieder bereit meine Reise zu Pferd nach Bolkesoe anzutreten.
Ich mußte so eilen, um die Abfahrt des Dampfschiffes von Christiania nicht zu versäumen. – Man hatte mir die Reise nach Delemarken viel kürzer angegeben, als ich sie in der Wirklichkeit fand; auch nimmt das ewige Warten auf Pferde, Boote, Führer u. s. w. sehr viele Zeit in Anspruch.
28. August.
Ich hatte mir in Tindosoe schon Abends vorher das Pferd zur Weiterreise auf heute Morgens 5 Uhr bestellt; trotz dem mußte ich bis 7 Uhr warten.
Obwohl ich nur eine kleine Reise in das Innere des Landes machte, hatte ich doch volle Gelegenheit, all die Prellereien und Unannehmlichkeiten kennen zu lernen, welchen der Fremde in Norwegen ausgesetzt ist. – Ich glaube, daß es in ganz Europa kein Land geben mag, das hinsichtlich der Reiseverbindungen noch so in der Kindheit liegt wie dieses. Man bekömmt zwar überall Pferde, Wagen, Boote u. s. w., das Gesetz hat auch die Gebühren dafür festgestellt; leider ist aber Alles in den Händen der Bauern oder der Wirthe, und diese wissen den Fremdling durch ihr Zaudern, und durch ihre absichtliche Langsamkeit so zu quälen, daß er, um nur etwas schneller fort zu kommen, gezwungen ist, das Doppelte und Dreifache zu bezahlen. Die Stationen sind sehr klein, höchstens 1 oder 1¼ Meile lang; man muß daher alle Augenblicke Pferde wechseln. Kömmt man nun auf die Station, so ist entweder wirklich kein Pferd vorhanden, oder es wird nur so vorgegeben. – Dem Fremden wird dann gesagt, daß man das Pferd erst vom Berge holen müsse, daß er aber in 1½ bis 2 Stunden befördert werde. – Man fährt also eine Stunde um dann zweie warten zu können. Es ist auch höchst nöthig ein ganzes Register zu führen; denn jede Kleinigkeit, der Wagen, der Sattel, das Pferdegeschirr, das Holen des Pferdes, das Boot u. s. w., Alles muß bezahlt werden. Weiß man nun nicht die dafür bestimmten Taxen, so wird man auch hierin tüchtig betrogen. Auf jeder Station liegt zwar ein Buch, in welchem sie angegeben sind; es ist aber nur in der Landessprache, und also für den Fremden so gut als gar nicht vorhanden. Man kann in dieses Buch, das alle Monate dem nächsten Gerichte vorgelegt werden muß, auch seine Klagen gegen Bauer oder Wirth einzeichnen; jedoch scheinen Beide nur wenig Furcht davor zu haben, denn der Führer z. B. der mich nach dem Rykanfosser Falle begleitete, suchte mich zweimal auf die unverschämteste Weise zu prellen, indem er für den Gebrauch des Sattels das Achtfache, und für das Holen des Pferdes das Sechsfache begehrte. Als ich ihm mit dem Strafbuche drohte, kehrte er sich wenig daran, und bestand derart auf seiner Forderung, daß ich ihn wirklich bezahlen mußte. Bei meiner Rückkehr nach Mael hielt jedoch auch ich Wort, forderte das Buch, und zeichnete in Gegenwart aller Bauern, obwohl ich mich ganz allein unter ihnen befand, meine Klage ein – Es war nicht der Geldbetrag, was mich dazu bewogen, sondern nur die niederträchtige Prellerei. Ich bin der Meinung, daß jeder Mensch sich stets beschweren soll, wenn ihm Unrecht geschieht; wird auch ihm selbst nichts vergütet, so macht er es vielleicht doch für seinen Nachfolger leichter.
Zum Lobe der Bauern muß ich sagen, daß, als ich ihnen die Betrügereien ihres Landsmannes erklärte, sie sehr ungehalten über ihn waren, und durchaus keinen Versuch machten, mich von der Klage abzuhalten.
Um nun noch zum Schlusse meiner Reise zu kommen, so bemerke ich nur, daß der Regen zwar aufgehört hatte, der Himmel jedoch noch immer mit Wolken bedeckt, und die Gegend in Nebel gehüllt war. Ich nahm deßhalb den frühern kürzern Weg nach Christiania zurück, obwohl ich dadurch um eine schöne Partie kam, wo ich, wie man mir sagte, eine der herrlichsten Gegenden, und besonders der schönsten Fernsichten Norwegens gesehen hätte. Man kann nämlich von Kongsberg über Kroxleben nach Christiania gehen. Bei Kroxleben ist diese herrliche Gegend.
Doch meine Zeit war zu kurz, um diesen Umweg machen zu können, und ich ging über Drammen zurück. Eine Meile hinter Kongsberg, in dem Oertchen Muni, wo ich gegen 7 Uhr Abends ankam, wollte mich der liebenswürdige Wirth abermals zwei Stunden auf ein Pferd warten lassen. Da mir dasselbe wahrscheinlich auf jeder Station geschehen wäre, so war ich gezwungen ein Pferd gleich auf die ganze noch übrige Strecke von 6 Meilen, bis Christiania, um den dreifachen Betrag zu miethen, legte mich dann auf einige Stunden zur Ruhe, fuhr in der Nacht um 1 Uhr ab, und erreichte Christiania glücklich gegen 2 Uhr Nachmittag.
Ich fand auf dieser Reise alle jene Leute sehr gut und gefällig, die mit mir in keine Geldverbindung kamen, aber die Wirthe, Bootführer, Fuhrmänner, Führer u. s. w. waren eben so eigennützig und habsüchtig, wie in allen andern Ländern. – Ich glaube, daß man bei diesen Leuten Biederkeit und Treuherzigkeit nur dort fände, wo man das Glück hätte der erste Reisende zu sein.
Diese kleine Reise kam mich ziemlich theuer, und dennoch getraute ich mich auch dieses bekannt theure Land ziemlich billig zu durchreisen. Ich würde mit dem Dampfschiffe die Küstenreise bis Hammerfast machen, dort mir ein gutes Pferd und ein Wägelchen kaufen, und dann die Reise mitten durch das Land recht angenehm und ohne Aerger fortsetzen. Einer Familie aber, die in einem gedeckten bequemen Wagen fahren wollte, käme diese Reise über alle Maßen hoch, und wäre wohl an manchen Stellen, der schlechten Wege halber, gar nicht ausführbar.
Das norwegische Landvolk ist kräftig und stark, ihre Gesichtszüge gehören aber gerade auch nicht zu den hübschen und anmuthigen; – auch schienen sie mir weder wohlhabend noch Reinlichkeit liebend zu sein. Sie waren meistentheils sehr ärmlich gekleidet, und gingen barfuß. Ihre Hütten, von Holz erbaut, und häufig mit Ziegeln gedeckt, sind zwar geräumiger als jene der Isländer, aber nichts desto weniger schmutzig und armselig. Eine Schwäche der Norweger scheint der Kaffee zu sein. Sie trinken ihn schwarz und ohne Zucker. – Die alten Weiber rauchen so gut wie die Männer des Abends und des Morgen ihr Pfeifchen.