Anmerkungen zur Transkription

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Das [Inhaltsverzeichnis] wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter hinzugefügt; Fußnoten wurden an das Ende der jeweiligen Briefe versetzt. Im Original erscheint der Brief vom [21. Februar 1882] vor demjenigen, der auf den [17. Februar 1882] datiert wurde. Die Reihenfolge der Buchausgabe wurde gleichwohl beibehalten.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in Antiquaschrift werden im vorliegenden Text kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Leid und Freud einer Erzieherin
in Brasilien.

Leid und Freud
einer Erzieherin
in
Brasilien.

Von

Ina von Binzer

(Ulla von Eck.)

Berlin.

Richard Eckstein Nachfolger.

(Hammer & Runge.)


Alle Rechte vorbehalten.


Inhalt

Seite
Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881 [1]
Saõ Francisco, den 9. Juni 1881 [9]
Saõ Francisco, den 20. Juni 1881 [13]
Saõ Francisco, den 11. Juli 1881 [21]
Saõ Francisco, den 25. Juli 1881 [26]
Saõ Francisco, den 14. August 1881 [35]
Saõ Francisco, den 1. September 1881 [43]
Saõ Francisco, den 17. September 1881 [56]
Saõ Francisco, den 5. October 1881 [59]
Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881 [68]
S. F., den 3. Dez. 1881 [70]
Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends [71]
Petropolis, den 15. Januar 1882 [76]
Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882 [83]
Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882 [90]
Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882 [94]
Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882 [99]
Rio de Janeiro, den 2. März 1882 [107]
Saõ Paulo, den 20. März 1882 [109]
Saõ Paulo, den 5. April 1882 [114]
Saõ Paulo, den 21. April 1882 [120]
Saõ Paulo, den 5. Mai 1882 [124]
Saõ Paulo, den 29. Mai 1882 [133]
Saõ Paulo, den 20. Juni 1882 [138]
Saõ Paulo, den 28. Juni 1882 [144]
Saõ Paulo, den 1. Juli 1882 [146]
Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882 [148]
Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882 [156]
Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882 [163]
Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882 [169]
Santos, den 20. August 1882 [173]
Santos, den 22. September 1882 [179]
Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882 [183]
Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882 [187]
Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882 [197]
Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882 [206]
Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882 [209]
Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882 [210]
Santos, den 2. Januar 1883 [214]
Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883 [215]
Verlobungsanzeige [225]

Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881.

Meine liebe Grete!

Fazenda bedeutet Pflanzung. Es thut mir leid, daß es nicht Hacienda heißt, da Ihr das wahrscheinlich bis jetzt geglaubt habt, und ich Euch also gleich beim ersten Worte meines ersten Briefes enttäuschen muß. Ihr könnt Euch aber mit mir trösten, es ging mir ebenso, und es war doch so hübsch, als wir noch so unschuldig Spanisch und Portugiesisch verwechselten. So geht eine Illusion nach der andern verloren!

Daß diese Fazenda Saõ Francisco heißt, ist durchaus nicht wunderbar; im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn sie anders hieße; einundzwanzig Ortschaften in Brasilien heißen Saõ Francisco, und der Pflanzungen, die dieser beliebte Heilige unter den Schutz seines Namens nehmen muß, sind Legion.

Eine zweite Enttäuschung wird Dir sein, daß ich Euch über meine Reise von Rio de Janeiro bis hierher nicht einmal von einem Indianerüberfall oder einem Tigerkampf berichten kann — als Geringstes hättet Ihr doch eine Riesenschlange verlangen können — und ich sehe vollständig ein, wie sehr es mich von vornherein andern Tropenreisenden gegenüber in Euer Aller Augen herabsetzen muß, daß ich ohne weiteren Unfall hier angekommen bin.

Doch dem ist so.

An der Eisenbahnstation holte mich Dr. Rameiro[1] selbst ab, und, denke Dir, Grete, in einer ganz bequemen europäischen Halbchaise! Selten hat mich wohl eine Halbchaise so geärgert wie diese! Wenn ihr doch wenigstens unterwegs ein Rad gebrochen wäre, oder der Negerkutscher versucht hätte, uns in irgend einen Abgrund zu fahren, etwa aus Rache für erlittene Züchtigung, denn der war doch wenigstens ein richtiger Sklave! Aber ich muß beschämt wiederum eingestehen, daß er recht gutmütig über seiner platten Nase dreinschaute und wahrscheinlich garnicht an einen Abgrund dachte. Nun, hoffen wir, daß das Geschick ein Einsehen hat und mich noch in eine recht gefährliche Situation geraten läßt.... aber so, daß ich sie Dir nachher noch beschreiben kann.

Also Dr. Rameiro holte mich ab. Er wird „Doktor“ genannt. Warum, weiß ich nicht, und ich bezweifle, ob er selbst oder die, welche ihn so anreden, irgend eine befriedigende Auskunft darüber geben könnten außer der, daß jeder besser situierte Brasilianer ein natürliches Anrecht auf diesen Titel mit auf die Welt bringt, und es also einesteils unbescheiden, andernteils blödsinnig erscheinen müßte, wollte jemand von ihm verlangen, daß er sich denselben durch ein höchst überflüssiges Studium erst verdiente.

Er sprach portugiesisch, ich französisch.

Es soll kaum einen Brasilianer geben, der nicht französisch spräche, manchen aber auch, der nur einen sehr unvollkommenen Begriff hat von der Lage des dazugehörigen Landes oder davon, daß es in demselben auch noch einige andre Ortschaften giebt als Paris. In dem Kopfe meiner Negerin ist „Paris“ identisch mit allem und jedem außerhalb Brasiliens befindlichen Gebiet, und da ich ihre unbegrenzte Hochachtung vor diesem merkwürdigen Dinge „Paris“ sehe, dem ich natürlich auch entstamme, so habe ich mich wohl gehütet, dasselbe und die Leistungsfähigkeit seiner Kinder berichtigender Weise durch mein achttägiges Portugiesisch zu diskreditieren.

„Meine Negerin“ — nicht wahr, das ist bis jetzt noch das Beste an meinem Brief, das klingt doch nach was! Sie heißt sogar Olympia, was die Sache doch entschieden noch pomphafter macht, und sagt bei jeder Gelegenheit höchst unterwürfig „Sim, Senhora“, auch wenn ich sie schelte. Im Vertrauen will ich Dir zwar sagen, liebe Grete, daß sie das scheußlichste, dicklippigste schwarze Geschöpf ist, das je einen hochtrabenden Namen trug, und daß das „Senhora“ ganz etwas gewöhnliches hier ist, wie in Berlin z. B. „gnädige Frau“. Außerdem macht Einen das ewige „Sim, Senhora“ zuletzt ganz stumpfsinnig, da sie es überall und immer anwendet, zumal wenn sie mein Portugiesisch nicht verstanden hat, was einige Male am Tage vorkommt. Aber dies erzähle den Andern nicht, hörst Du!

Dr. Rameiro besitzt noch gegen 200 Sklaven und Sklavinnen. Die meisten arbeiten natürlich draußen im Kaffee, aber hier im Hause sind auch eine ganze Anzahl, von denen einige auch etwas zu thun haben. In einem großen Saale mit Oberlicht, der eigentlich den Eindruck eines großen Flures macht, sitzen ein Neger und eine Negerin je an einer Nähmaschine und klappern den ganzen Tag. Rings umher an der Erde und auch in einem anstoßenden Raume, der wieder wie ein Flur aussieht und an die Küche stößt, sitzen zehn bis zwölf Negerinnen und nähen, und eine jede hat einen Korb aus Bambusgeflecht vor sich, worin ein kleines Kind liegt, von welcher Kollektion natürlich immer mindestens eines schreit. Da zu diesen Näharbeiten nur Negerinnen mit ganz kleinen Kindern, die sie nicht verlassen können, verwendet werden, so ist es klar, daß, wenn welche dasitzen, auch die Bambuskörbe nicht fehlen und mindestens aus einem derselben geschrieen wird.

Das Küchenpersonal besteht aus drei Personen. Wer von ihnen kocht, habe ich in diesen Tagen noch nicht herauskriegen können; manchmal schmeckt das Essen so, als wären ihre Ansichten in Bezug auf die erforderlichen Zuthaten in den denkbarsten Diametralen auseinander gegangen und hätte schließlich jeder von ihnen die seinige durchgesetzt, manchmal scheint es, als haben sie sich um des lieben Friedens willen alle drei von der Sache zurückgezogen.

Ein kleiner zwölfjähriger Mulatte mit unverschämtem Gesicht und einer scheinbar unbesiegbaren Anhänglichkeit an schmutzige Anzüge und Purzelbäume, in welchen letzteren er eigentlich geht, hat des Mittags mit einer kleinen Fahne (die jedenfalls jetzt bräunlich-grau ist, was sie auch früher gewesen sein mag) die Fliegen über dem Tisch zu verjagen, was meiner Ansicht nach viel unerträglicher ist als die Fliegen, und außerdem den Kaffee zu servieren. Aber trotzdem diese Erfrischung mindestens vier Mal am Tage eingenommen wird, kann diese Arbeit doch nicht als ausreichende Beschäftigung für einen ganzen Tag angesehen werden, und es läßt sich also garnicht absehen, bis zu welcher Virtuosität in Purzelbäumen diese kleine gelbe Kreatur es noch bringen kann, wenn er auch nur die Hälfte seiner freien Zeit auf ihre Vervollkommnung verwendet.

„Freie Zeit!“ Ach, liebe Grete, bei dem Worte könnte ich elegisch werden. Weißt Du noch, wie wir es als unumstößlich richtig unter uns ausmachten, daß die Brasilianer den ganzen Tag weiter nichts thäten als fesch aussehen und rauchen, ihre Damen, in duftigste Gewänder gehüllt, sich in Hängematten wiegten und sich dabei von kleinen interessanten, weiß und roth gekleideten Negerknaben befächern ließen? Wie Orangen- und Bananenbäume in unsern Bildern eine merkwürdige Neigung hatten, zu den Fenstern hineinzuwachsen, und bunte Papageien und die „süßen“ kleinen Kolibris nur so um Einen herumflogen wie die Tauben in Lillis Park? Welche Idylle! Und natürlich würden solche idyllische Menschen auch von ihrer Erzieherin nicht so etwas Rohes wie wirkliche handfeste „Arbeit“ verlangen — pfui — man würde mit den Kindern im Schatten der Orangenbäume ruhen, sie gleichsam spielend die theure Muttersprache lehren, Papageien zähmen, Früchte essen, Gedichte machen, sich mit Blumen schmücken.....

Ach, Grete! Ich sage nichts als „Ach!“

Dr. Rameiro raucht freilich — es ist mir eigentlich noch nie aufgefallen, daß er nicht rauchte — aber fesch kann ich ihn mit dem besten Willen nicht finden! Weder wenn er mit gespreizten Beinen vor dem Hause steht oder wenn er in den Kaffeeräumen umhersteigt, noch wenn er abends thatenlos in der Hängematte liegt, hat er die geringste Ähnlichkeit mit den schönen Brasilianern auf der seligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Operetten-Bühne. Es ist recht niederschlagend!

Madame Rameiro liegt auch manchmal in der Hängematte, (diese spielen vollkommen die Rolle eines Möbels und sind in den Zimmern mit starken Haken an zwei passend zu einander gelegenen Thüren befestigt) aber sie ist eine etwas lebhafte Dame, sie hält es nie lange darin aus, und wenn ihre Energie erwacht, etwa ob einer schlechten Naht einer Derer mit den Bambuskörben, so höre ich sie im Schulzimmer (was hörte ich da nicht!) die Negerinnen anfeuern durch Wörter, die merkwürdigerweise eine auffallende Ähnlichkeit haben mit recht kräftigen heimischen Schimpfwörtern. Ich werde aber morgen im Lexikon nach der friedlichen Bedeutung von „diabolo“ oder „canailla“ suchen, um die gute Frau vor meinen eignen Augen zu rechtfertigen, was dem Lexikon jedenfalls glänzend gelingen wird.

Von den Orangen und Bananen später. Jetzt nur noch ein Wort über die Papageien. Was Du auch thust, liebste Grete, bringe sie nie wieder in einer Idylle an, oder wenn Du es thust, begnüge dich mit einem und laß den taubstumm sein! In dem Zimmer mit den musikalischen Bambuskörben hängen ihrer sechs an den Wänden umher auf kleinen ½ Fuß breiten Ständern aus Blech, die wie Konsölchen aussehen. Des Morgens um vier beginnen sie auf’s Energischste ihren Kaffee zu verlangen und hören damit nicht eher auf als bis sie ihren Zweck erreicht haben, frühestens und unter günstigen Verhältnissen nach anderthalb Stunden; und dann plappern, schreien, quieken, kreischen und keifen sie den ganzen Tag lang mit einer Unermüdlichkeit, die beschämend sein würde, wenn sie Einen nicht, im Verein mit eilf andern Vögeln, den Nähmaschinen und den Bambuskörben gradezu rasend machte! Sie sind bis jetzt meine intimsten Feinde. In den ersten Tagen nährte ich eine unbestimmte Hoffnung, daß sie bald sterben könnten, seitdem mir jedoch vorgestern Molières hundertjähriger Papagei eingefallen ist, betrachte ich sie nur zu oft wie Mr. Pickwick das widerspänstige Pferd, d. h. ich überschlage im Geiste die möglichen Folgen davon, wenn ich sie alle sechs umbrächte. Natürlich höre ich auch sie im Schulzimmer.

Man hört überhaupt in diesem idyllischen Hause überall alles, denn Thüren und Fenster stehen samt und sonders fortwährend offen, und kein Teppich, keine Gardine, kein Polstermöbel dämpft auch nur irgendwie einen Schall, der Lust hat, sich fortzupflanzen. Ach liebe Grete, diese Reitsäle von Zimmern, dieses grelle Licht, diese Korbgeflechtsophas und Wiener Stühle sind so entsetzlich unromantisch, so garnicht idyllisch!

Und nun gar das dolce far niente! Laß mich schweigen. Wir waren erstaunlich „jung“, als wir uns überzeugten, daß das hier meine Hauptbeschäftigung sein würde! Mit weiterem will ich heute Dein mitfühlendes Freundesherz nicht zerreißen. Ich werde es Dir so nach und nach beibringen.

Für heute leb’ wohl: der Thee ist serviert, denn „eins, zwei, drei“ — nämlich Purzelbäume des Mulattenjungen. Drei braucht er vom Eßzimmer bis hierher, und natürlich höre ich sie. Richtig, da murmelt er an der Thür: „Chà, Senhora“ — also bis zu meiner nächsten Muße. Möge Dir die Zeit nicht allzu lang werden.

Deine Ulla.

[1] Das ei in portugiesischen Wörtern ist gewissermaßen getrennt zu sprechen mit dem Ton auf dem e.

Saõ Francisco, den 9. Juni 1881.

Liebste Grete!

Weißt Du, was ich heute in die tiefsten Tiefen meines Koffers versenkt habe?... Unsern Bormann, d. h. seine „vierzig pädagogischen Briefe“. Sie passen nicht, Grete, sie passen hier nicht! Und ich hatte mich so darauf verlassen! — Wenn mich unterwegs die Angst befiel, wie ich mit meinen brasilianischen Zöglingen fertig werden würde, dann dachte ich immer an das hülfreiche kleine Buch unter meinen Reiseeffekten und sagte mir beruhigt: So machst Du’s! Und nun.....! Ach Grete, ich glaube, Bormann hätte hier oft selber nicht gewußt, was er machen sollte. Man ärgert sich über so vieles, was sich garnicht greifen läßt, und was doch da ist und immer wieder da ist!

In dieser gesegneten Familie sind zwölf Kinder, und sieben davon habe ich unter meiner pädagogischen Fuchtel. Um sieben Uhr morgens geht es los. Dann kommen erst „die Großen“ und nehmen eine deutsche Stunde. Dona Gabriella, Dona Olympia und Dona Emilia sind schon neunzehn, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt, was für Brasilianerinnen schon dicht an der alten Jungfer ist und mich bei meinen eignen zweiundzwanzig sehr entsetzte; und dann denke Dir, eine Schülerin immerfort mit „Dona“ anreden zu müssen! Die ersten Morgende kamen sie regelmäßig zu spät in die Stunde, so daß ich mich zu dem Ersuchen veranlaßt sah, doch pünktlich zu erscheinen, denn damals lebte ich noch nach Bormann. Seitdem sitzen sie nun jeden Morgen, wenn ich hereinkomme, ernst und schweigend um den Tisch mit ihren blaßgelben, unbewegten brasilianischen Gesichtern, und auch das dumpfe, gleichgültige: „Bon jour, mademoiselle“ bringt keinerlei Ausdruck darauf hervor; keine Morgenfrische, keine Lernfreude, keine persönliche Sympathie — ach Grete, dies Trio ist entsetzlich lähmend! Mir fällt jetzt immer bei ihrem Anblick die heilige Vehme ein, wo die Richter nicht ernster und kälter in der Runde gesessen haben können. Ich bin feige genug, bereits zu wünschen, ich hätte sie nicht um Pünktlichkeit ersucht. Wir würgen uns mühsam durch diese deutsche Stunde, natürlich immer durch das Medium des Französischen, und letzteres ist noch das Beste von der Sache, denn sowie sie anfangen, deutsch zu sprechen, verstehe ich keine Silbe mehr.

Ich bin immer ganz erlöst, aber auch schon halb kaput, wenn dann um 8 Uhr „die Kleinen“ kommen. Wenn sie auch unartig sind, so sind es doch wenigstens Kinder, und nur die älteste von ihnen hat auch schon etwas von der heiligen Vehme an sich. Ach Grete, sie sind alle so „provoking!“ Sie thun alles, was ich sage, lernen alles, was ich aufgebe, und doch irritieren sie mich namenlos!

Ich glaube gewiß, sie meinen nichts Böses, und manchmal finde ich meine „Kleinen“ auch ganz drollig.

So saß ich neulich Sonntags ein Stündchen in dem paradiesischen Garten auf der Bank unter einem mächtigen Mangabaum und träumte — ach Grete — von deutschen Eichen, als mich plötzlich, wie ich aufblickte, eine scheußliche kleine schwarze Kreatur vor mir in die Tropen zurückschreckte. Denke sie Dir etwa zwölfjährig, mehr Affe als Mensch, bis an die Ohren grinsend, mit unappetitlichem Wollhaar, fingerbreitem Vorkopf, entsetzlich dickem Bauch und stockartigen schwarzen Beinen, die vor Staub ganz lilla schimmerten; denke Dir dies Ganze nur bekleidet mit der denkbar kürzesten Ausgabe eines Hemdes von undefinierbarer Farbe, und Du wirst begreifen, daß ich von diesem edlen Mitgeschöpf nicht grade hingerissen war. Im Gegenteil bin ich wol etwas erschrocken zusammengefahren, denn sogleich trat die kleine achtjährige Leonilla hinter einem Strauch hervor und sagte beruhigend und protegierend zu mir: „N’ayez pas peur, mademoiselle, c’est Jacob“, und dann, als mein Gesicht wohl immer noch nicht den genügenden Ausdruck der Begeisterung zeigte ob dieser ehrenden Bekanntschaft mit dem heiligen Erzvater, fügte sie, halb indigniert, halb erläuternd hinzu: „Il est à moi, grand’maman m’en a fait cadeau à mon jour de fête.“ Ich sage Dir, es war zu komisch; die kleine Sklavenhalterin sah so stolz auf dies lebendige „Geburtstagsgeschenk“, und das scheußliche kleine Besitzthum grinste so vergnügt zu dieser Eigentumserklärung, die es allerdings wohl mehr erriet als verstand, daß ich hell auflachen mußte. Überhaupt hat die Würde, welche hier durch das Bestehen der Sklaverei unwillkürlich schon die Kinder annehmen, oft etwas Komisches. Dagegen ist es wiederum rührend, wie sie auch anderseits an den guten, treuen Negern und Negerinnen hängen. Die kleine fünfjährige Maria da Gloria z. B. spart immer von ihrem Dessert etwas über für ihre frühere Amme, eine hübsche junge Mulattin, oder erbittet etwas für ihre kleine Milchschwester, und Alphonsina, die sich sonst selber gern putzt, verschenkt doch ihr buntestes Band, wenn sie denkt, daß die alte Anna es gern hätte.

Sie geben alle sehr gern und erfüllen Einem jeden möglichen Wunsch — und doch — und doch....!

Ach Grete, weißt Du, daß ich den Peter in der Fremde jetzt eigentlich für einen ganz gescheidten Menschen halte!

Deine Ulla.

Saõ Francisco, den 20. Juni 1881.

Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“, auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen, denn dies copo d’agua umfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein Nachtquartier.

Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten.

Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigen salla de visita beisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei man bei einem Gesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der Sophatisch steht in der Mitte des Saales.

Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei ich als die neue „professora“ eingeführt wurde, und fragten einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen.

Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „Vamus jantar“ d. h. gehen wir essen.

Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen geschnittene Exemplare des Rioer „Jornal de Commercio“ schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab.

Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine Schüssel herumgereicht, sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert. Jeder stellt sich dann seine Gänge ad libitum zusammen. So begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen, dem geliebten feijaõ der Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit fehlt, zu wirtschaften: „A Senhora quer feijaõ?“ „Um poco de feijaõ, Senhor Doutor?“ — ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß. „Um poco de vinho, mademoiselle?“ fragte der biedre Vater, der nie eine andre Sprache gelernt als die „lingua dos brancos“, wie das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen der eingeführten Negersklaven genannt wird. „Vous offrirai-je des pommes de terre?“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“ zurück war (natürlich war er auch doutor), und so setzte ich mir denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn, Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl zusammen. Ein warmes Mittagessen wirst Du aber bei Brasilianern schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „S’il vous plaît“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel, um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl zusammensetzst, sintemalen jedes neue s’il vous plaît Deinen Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde.

Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete, die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen schien.

Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig, seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des Essens und — dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf dem Lande durch sogenannte biscoitos ersetzt, ein Gebäck aus dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem Erfolg eine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding, dem angú, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen die saucenreichen Bohnen rühren — und wie lange wird es noch dauern, da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt.

Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr.

Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „doces“, und der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten, Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse.

Daß ich’s nur gestehe — ich auch!

Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas Butter und Brot zum Käse. Es erschienen biscoitos im Stadium Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit, Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran.

So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand, so fanden mich meine neuen Bekannten „muito sympathica“ und beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas vorzuspielen oder zu singen.

Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden.

Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia, die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt.... Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen mit dem besten Willen nicht interessant und geistreich finden kann! Aber es war nicht anders — mir sprach nichts aus den flinken abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe standen, und doch war es wahr: sie spielte perfeitamente! Ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke. Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem „perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins.

Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor.

Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden, bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde — hatte sie Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus — „Je n’en peux plus“, flüsterte er mir zu, „j’ai déjà une indigestion de musique!“ — —

Und das in einem Lande, das erst anfängt, civilisiert zu werden und das erst ein Konservatorium hat! Wehe künftigen Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst!

Aber halt — da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf seinem letzten Faden empor — Lampen giebt es hier nämlich nicht!

Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt: boa noite —

Deine noch immer musikerfüllte
Ulla.

Saõ Francisco, den 11. Juli 1881.

Liebe, einzige Grete!

Die ersten Briefe aus der Heimath heute! Ich hätte den schmutzigen Negerjungen umarmen können, als eins, zwei, drei Briefe für die professora aus seiner Mappe herausspazierten, nachdem ich sie so viele, viele Tage umsonst sehnsuchtsvoll angeschaut. Dr. Rameiro läßt nämlich jeden Tag die Postsachen holen, was hier auf dem Lande sehr selten ist; die meisten Pflanzer schicken nur einmal in der Woche nach der Station. Gute Nachrichten von zu Hause, einen fröhlichen Brief von meiner Grete — Gott, wie Einen so ein beschrieben Blättchen doch glücklich machen kann! Und wie geduldig man wird! Ich sage Dir, Gretel, ich komme mir manchmal vor wie Salas y Gomez. Weißt Du wohl, wie ich auf dem Seminar schon immer außer mir war, wenn der Briefbote einmal zwei Tage ausblieb — und nun nach fast anderthalb Monaten die ersten Briefe! Ich werde so viele gute Eigenschaften von hier mit zurückbringen, daß ich in Europa gar keine Verwendung dafür haben werde! Aber heute brauchte ich grade eine kleine Erfrischung, alles war so lähmend gewesen von früh ab, und ich fühlte mich so beschwert! Zuerst hatte ich einen der härtesten Kämpfe mit meinen biscoitos, die ich in Stadium Nr. 3 erhielt, dann war das Vehmgericht unbehaglicher als je, und endlich leide ich seit einer Woche an einer gräßlichen Neuralgie im Gesicht, so daß ich nur mit Mühe essen und sprechen kann. Das ist das allgemeine Leiden für den Europäer hier, und oft auch für Einheimische; es ist entsetzlich peinigend, zumal wenn man dabei unterrichten muß. Sie behaupten hier, ich habe es mir zugezogen dadurch, daß ich abends nach sechs Uhr draußen gewesen sei in dem sereno, dem gefährlichen Abendthau — aber, liebe Grete, ich wäre erstickt, wenn ich nie an die Luft gekommen wäre, zumal nachdem ich die 24 Tage auf dem Schiff von Morgen bis zum Abend draußen war. Hier aber ist Unterricht von 7–10, dann warmes Frühstück, wobei uns Madame Rameiro immer ganz nutzlos bis halb 11 Uhr warten läßt, so daß ich nachher nicht mehr hinaus kann, sondern sofort nach dem letzten Bissen wieder in die Stunde muß. Dann geht’s weiter bis um ein Uhr, wo eine halbe Stunde Lunchzeit ist; um halb zwei fangen aber schon wieder die Klavierstunden an, die bis um 5 Uhr dauern, wo gegessen wird. Nun frage ich Dich, wann soll ich da spazieren gehen außer nach sechs! Kannst Du eine andre mögliche Zeit am Tage entdecken? Sie wollen die „Bildung“ hier gradezu mit Löffeln schlucken und haben nie einen freien Nachmittag, nie einen Tag, geschweige denn eine Woche Ferien das ganze Jahr hindurch — — mir graut schon bei dem Gedanken daran, und die ganze Zeit über kein deutsches Wort! In den Stunden und bei Tische Französisch und mit den Schwarzen Portugiesisch — ach, Gretel, es ist wirklich saurer, als man so von weitem denkt; überlege Dir’s lieber noch mal, ob ich mich für Dich hier umsehen soll, — jedenfalls aber bringe dann Dein Bett mit. Es ist gewiß ein gut Ding um die Anspruchslosigkeit, man muß aber auch keinen Mißbrauch damit treiben. Ich will Dir mein Lager beschreiben — weine dann eine stille Thräne um mich! Stelle Dir eine rohe hölzerne Bank mit Armstützen aber ohne Rücklehne vor, das ist mein Bettgestell. Darauf liegt eine „Matratze“, die, als ich sie auf ihren Inhalt prüfte, irgend ein wildes getrocknetes Gras ergab, dem man aus unbekannten Gründen verschiedenes Blätterwerk, anmutig mit Stöcken und Zweigen untermischt, beigesellt hatte. Auf dieser mit einem Leintuch bedeckten Folterbank verliert sich am Kopfende ein Miniaturkissen, von dem ich zuerst glaubte, die kleine Maria habe es aus ihrer Puppenwiege verloren; es soll aber thatsächlich mein Kopfkissen sein und ist mit einer trocknen gelben Blume, der marcella, die etwas Ähnlichkeit mit unsern Immortellen hat, gestopft. Das Ganze krönt zum Zudecken eine englische wollene Decke. Ob es mir wohl noch gelingen wird, mich auch mit dieser Seite Brasilianertums zu befreunden? Ich hoffe es! Vorläufig strebe ich die Beruhigung an, sämtliche Stöcke in meiner Matratze persönlich zu kennen, und dann hoffe ich diesem Asketenlager auch ein klein wenig Wärme abzuschmeicheln, denn wenn es auch bei Tage heiß ist, so sind doch grade jetzt die Nächte oft empfindlich kalt.

Ich wundre mich, daß diese sehr frischen Nächte den Pflanzen nicht schaden in unserm entzückenden Garten. Madame ist eine große Botanikerin und hat den Garten unter ihrer speziellen Leitung. Sie achtet darauf, daß jede seltene Pflanze gepflegt wird und läßt auch außerbrasilianische Tropengewächse mit großen Kosten aus Indien und Japan kommen, so daß sie aus diesem Fleckchen Land ein wahres Eden gemacht hat, ein Zauberland voll Märchenherrlichkeit.

Die Gartenthür, von üppiger, graziöser Klematis überhangen, führt zunächst zu kleinen Gruppen seltener Coniferen und schöngeformten Beeten voll großer, fremdartiger Blumen von wunderbarer Farbengluth. Zwischendrein steht ein bunter Kiosk in chinesischem Styl. Ich sage Dir, Gretel, mit dem tiefblauen Himmel und der Tropensonne darüber, mit den reizenden kleinen Kolibris, die wirklich wie flatternde Edelsteine in der Sonne erscheinen, ist dies Plätzchen so südlich, so exquisit tropisch, wie man es nur träumen kann! Dann kommt man in eine herrlich schattige, feuchtkühle Bambusallee. Ihr zur Linken, etwas tiefer gelegen, ein kleiner, mit bunten Enten belebter See, rechts eine Anhöhe, sanft ansteigend und mit duftenden Orangenbäumen, die oft Blüte und Frucht zugleich tragen, besetzt. Neue Überraschung an ihrem Ausgang: Orangen, Palmen und Bananen überall, Zimmt- und Mandelbäume duften und Granaten glühen aus ihrem zierlichen Laub hervor; hier ein Theestrauch, dort ein Kaffeebaum; jetzt eine verlorne Baumwollstaude, dann ein Anis- oder Muskatpflänzchen, ja, selbst Vanilla und Patschouli giebt’s zu entdecken. Ich war zuerst ganz berauscht, Grete, und trank all das Zaubrische, Schöne, Fremdartige förmlich mit allen Sinnen ein.... aber, wunderbar — weißt Du, welcher Eindruck hiervon für mich der nachhaltigste ist? Der des Fremdartigen, ja des absolut Fremden! Ich staune sie an, all diese südliche Pracht, ich bewundere sie, sie berauscht mich momentan mit ihrem verführerischen Zauber — aber ich verstehe sie nicht; ich kann mir nichts mit diesen prächtigen Pflanzen erzählen, ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht. Es ist doch etwas wunderbares um das Vaterland! Was doch alles so mit dazu gehört! Auch die Blumen und Bäume. Wir wissen doch daheim gleich etwas zu singen unter unsern prächtigen Eichen; welches junge Gemüt kennte nicht unsre reiche deutsche Lindenpoesie, und sowie man sprechen kann, lallt man schon sein weihnächtlich-heimliches „O Tannebaum, o Tannebaum“! Da grüßt man so einen Baum doch gleich ganz anders! Der mächtige Mangabaum inmitten des Gartens ist zwar sehr schön, aber ich überraschte mich dennoch neulich dabei, daß ich unter seinem Schatten das hübsche kleine Lied summte:

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland,

Der Eichenbaum stand dort so hoch,

Die Veilchen nickten sanft —

Es war ein Traum.

Und als ich nun in’s ferne Ausland kam,

Da war ein Mädchen zauberschön

Und blond von Haar zu sehn, —

Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch,

Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang,

Das Wort: Ich liebe Dich —

Es war ein Traum ...“

Und erinnerst Du Dich, wie wir drüben es nie recht verstehen konnten, wenn Dranmor singt: „Ich gäbe diese ganze Herrlichkeit — Für eine einz’ge schneebehang’ne Tanne“! Und jetzt.... Aber ich rede, darum schweige ich; sentimental darf man hier nicht werden.

Deine deutscheste Ulla.

Saõ Francisco, den 25. Juli 1881.

Liebste Grete!

Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen — Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen — was ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die „Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiro veranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die Kaffee-Ernte vorüber ist.

Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel zurecht gemacht werden.

Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40 Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen, das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes, die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinander liegenden, halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst! Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor 7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein.

Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit, denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch. Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen, was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist, einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten.

Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine Kleinigkeit bezahlt.

Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehen und in der rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit der flachen Seite gegeneinander.

Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel!

Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt, am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine, und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der Anordnung des Ganzen, der Zubereitung von doces, dem Herausgeben von Getränken etc.

Als es dunkel wurde, begann die Feier.

Auf dem Hofe, der von drei Seiten durch das Gebäude eingeschlossen und an der vierten mit Palmen abgegrenzt ist, war eine große Tafel in Hufeisenform gedeckt, wirklich mit weißen Tischtüchern gedeckt, denn es ist nicht der geringste Stolz der Neger bei diesem Feste, doch wenigstens einmal im Jahre von Linnen zu essen wie die senhores. Auf den Tischen standen mächtige, geschnittene Braten, große Berge Reis (natürlich rot wie die Ziegelsteine von Tomaten), Riesenschüsseln mit schwarzen Bohnen und dazu ihr nie fehlender Kumpan der Maismehlpudding angú; da war aber auch als Dessert Batatenkompott, in Milch gekochter frischer Mais (canjica) mit dazugehöriger Melasse, Guyabada, ein prächtiges, aus der Guyabafrucht zubereitetes doce und sogar — Wein à discrétion!

Wie fein hatten sich aber auch die Schwarzen gemacht! Erst langsam und verlegen, dann zuversichtlicher und endlich einander drängend und den Rang ablaufend kamen zunächst die Älteren und Erwachsenen heran; die Jugend mußte warten, da nur etwa hundert Personen zugleich sitzen konnten. Es war zu drollig anzusehen, womit manche dieser guten Einfaltsmenschen sich „geschmückt“ hatten: Die Männer hatten augenscheinlich ihren Ehrgeiz in dem Tragen von Röcken gesucht, die sie entweder geschenkt bekommen oder wohl für ein Geringes von einem herumziehenden Trödler erstanden hatten; einer hatte sogar einen alten Frack an. Wer es aber nicht zu einem Rock hatte bringen können, der hatte doch wenigstens einen Hut, und zwar mit Vorliebe einen Cylinder, erworben.

Graziöser schon präsentierten sich die Frauen, die sich mehr auf das Bunte geworfen hatten, und von denen einige mit äußerster Grandezza sämtliche Farben des Regenbogens zur Schau trugen: ein rother Turban, ein blaues Kleid und ein grüner Gürtel verursachen ihnen absolut keine Gewissensbisse.

Ganz besonders hübsch und sehr eigenartig wurde das Bild, nachdem eine Menge bunter Lämpchen angezündet waren, die die Scene mit ihrem Flimmern phantastisch erleuchteten, und am kaltklaren Himmel darüber das Kreuz des Südens leuchtend ausgegangen war. Wir betrachteten das Ganze von den Fenstern des Hauses aus, und Du kannst Dir denken, wie besonders für uns Europäer das Bild fesselnd und interessant war.

Auch ihre Tischrede und ihren Toast hatten die schwarzen Gäste. Die kleine Leonilla ergriff nämlich im Scherz ein Zeitungsblatt, reichte es zum Fenster hinaus einem alten Neger zu und rief: „Lies, Porphyrio!“

Porphyrio, ein famoser alter Neger mit ergrautem Krauskopf, nahm das Blatt, besah es mit halb komischem, halb wehmütigem Pathos von allen Seiten und fing dann an zu reden: „Meine kleine Senhora hat mir befohlen zu lesen, doch Porphyrio kann nicht lesen. Aber Porphyrio kann sprechen und er hat auch was zu sagen. Ich muß etwas beichten vor Senhor und Senhora — sie leben —“ „Viva!“ schrieen die Neger.

„Ich muß beichten, daß ich im vorigen Jahre schlecht gesprochen habe von Senhor, weil er uns kein Erntefest gegeben hat. Ich habe gesagt: „Warum hat Senhor die Säcke gezählt und hat uns arme Neger dann vergessen?“ Und ich bin zornig gewesen in meinem Innern. Aber dies Jahr hat sich Senhor unserer wieder erinnert und Senhora auch — viva Senhor —“

„Viva!“

„Viva, Senhora —“

„Viva!“

„Und dafür wollen wir ihnen danken. Und für noch etwas wollen wir danken. Nämlich dies. Wie haben wir armen Schwarzen uns früher quälen müssen mit dem Reinigen des Kaffees, wie haben wir die Frucht der Ricinusstaude schlagen müssen, um ein wenig Öl zum Brennen zu gewinnen — jetzt hat unser Senhor Maschinen kommen lassen aus fremden Ländern, die sie England und Deutschland nennen, so daß wir es viel besser haben. Dafür wollen wir danken: viva, Senhor —“

„Viva!“

„Viva, Senhora!“

„Viva!“

So ging es noch eine Weile mit den Vivas fort, bis dann die Erwachsenen den Halbwüchsigen und Kindern Platz machten und ihrerseits auf dem freien Platz vor dem Hause ihre geliebten Tänze begannen.

Sie stellten sich im Kreise auf und dann ertönte eine ohrenzerreißende Musik. Aus Tonnen waren zwei Trommeln hergestellt, die zwei Neger in monotonen Schlägen bearbeiteten, eine Blechrassel vollführte die möglichst unmusikalische Begleitung, und dazu wurde eine eintönige Melodie von zwei Strophen gesungen, die ohne Ermüdung der Sänger wiederkehrte, bis ich 64 Mal gezählt hatte. Beim Klange dieser „Harmonien“ wurde also getanzt und zwar so, daß immer nur eine Person inmitten des Kreises den Tanz ausführte und dann eine andre zur Ablösung hervorzog. Ich muß zur Schande der weiblichen Theilnehmer gestehen, daß sie den männlichen an Grazie und Schwung bei weitem nachstanden, und zumal war unser kleiner unausstehlicher Purzelbaum-Muleque, der Tonino, ganz brillant in seinen geschickten schlangenartigen Bewegungen.

Wer nicht tanzte, beschäftigte sich mit dem Feuerwerk, denn das ist eigentlich die Feier, die der heilige Johannes sich für seinen Namenstag in Brasilien ausbedungen zu haben scheint. Vor dem Hause waren zwei hohe Feuer nach Art unsrer Osterfeuer aufgeschichtet und erhellten mit phantastischem Flackern und Leuchten die Scene; tanzende Negerknaben warfen Leuchtkugeln und Raketen in die Luft, und unter dem kaltklaren, funkelnden Sternenhimmel dieses kältesten Tages im Jahr auf der freien weiten Rasenfläche erschien alles dies ungemein malerisch und poetisch.

Unvergeßlich vor allem wird mir aber eine kleine Scene dieses Abends bleiben, die ich gewünscht hätte, mit Pinsel und Farbe festhalten zu können, um sie Dir in all ihrem Reiz zu veranschaulichen. Unter dem fortdauernden Lärm der Trommeln und Blechrasseln schritt eine graziöse Mulattin, das Gesicht gegen die Sterne gerichtet, die Augen geschlossen und den rechten Arm ausgestreckt, barfuß durch die rotglühenden Kohlen des gesunkenen Feuers, während über ihr die bunten Leuchtkugeln aus der dunkeln Luft zurückfielen. Man glaubte, eine Somnambule zu sehen, so sicher schritt sie einher. Ich traute meinen Augen kaum und schaute ihr mit angehaltenem Atem und einer Art stummen Entsetzens zu. Allein ruhig lächelnd zog sie nachher ihre Schuhe wieder an: An Saõ Joaõs Tag verletzt das Feuer niemanden, sagen die Neger.

Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da ich eben nur an ein Feuer denke? Mit welcher Hochachtung werde ich den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem Leben in — Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen — unter Zahnschmerzen

Deine Ulla.

Saõ Francisco, den 14. August 1881.

Herzensgretele!

Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde, daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum durch ihre Hände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte. Auch jede häusliche Dienstleistung geschieht von Negern. Da fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind — ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an, kein Unfreier mehr in Brasilien geboren werde. Was also bis dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis zum Loskauf oder zur Freilassung. Was aber jetzt an solch kleinem schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene Handfertigkeit beigebracht, denn — „man hat ja später nichts davon“. Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven.

So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich getauft!

Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt, der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte, der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß er ungezählte Bananen ver — schlang hätte ich beinahe geschrieben — also verzehrte. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand an so etwas dachte.

So gegen zwölf Uhr wurde in der großen salla de costura, vulgo Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam — die Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, den ich sonst nur als Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für meine evangelische Seele, Gretel!

Eine nach der andern erschienen nun die Negerinnen-Mütter mit ihren jüngsten Sprößlingen, die alle sehr nett, einige sogar mit weißen gestickten Kleidchen und bunten Schleifen herausgeputzt waren, und zwar durch die Güte des Vehmgerichts (hier darf ich sie wohl garnicht mal so nennen!), die sich zu madrinhas d. h. Patinnen dieser kleinen schwarzen Mitchristen hatten bereit finden lassen.

Was übrigens die Farbe betraf, so wunderte ich mich über die sehr wenig dunkle, ja fast weiße Haut der meisten dieser Kinder. — „Sie werden schwarz“, sagte man mir mit einem Lächeln, das halb den Neger verachtete, halb meine Unwissenheit, „nur die inneren Handflächen und die Fußsohlen bleiben weiß. Sie sagen, als Ham nach Afrika ausgewandert sei, habe er auf Befehl des Herrn mit Füßen und Handflächen das Wasser des Jordan berührt, das dann vor ihm zurückgewichen sei; von dieser Berührung seien bei ihm und seinen Nachkommen jene Stellen weiß geblieben, auch im Sonnenbrand Afrikas.“

Die Ceremonie begann, und ich war stummer Zeuge, wie diese acht plattnäsigen, wollköpfigen kleinen Scheußlichkeiten die Namen: Cäsar, Felicio, Messias(!), Illyia, Angelica, Maria Salome, Marcella und Ruth erhielten. Warum sollten sie freilich auch nicht die schönsten Namen bekommen? Sind doch diese Taufnamen, die ihnen das alte portugiesisch-italienisch-lateinisch kauderwelschende Priesterlein auf Wunsch und Wahl der Herrschaft erteilte, die einzigen, mit denen sie sich ihr Lebelang begnügen müssen. Denn wenn auch die meisten dieser Mütter verheiratet sind, so haben ja auch diese keine Familiennamen. Deshalb nehmen die freigewordenen Sklaven aus Mangel an einem solchen nach ihrer Freilassung gewöhnlich den Namen ihrer früheren Herrschaft an — — angenehm für diese, nicht wahr!!

Da ich nun aber einmal bei den Negern bin, muß ich Dir noch eine Geschichte erzählen, die hier neulich passierte.

Es war eines Abends in der vorigen Woche und draußen so gar „kühl und labend“, dass es beim warmen Thee drinnen ganz gemütlich war, als vor dem Hause plötzlich ein schüchternes Händeklatschen ertönte, das alle unsre Hunde in Bewegung setzte und auch bei uns drinnen ein allgemeines Aufhorchen zur Folge hatte. Das Händeklatschen ersetzt hier nämlich die Hausglocke, und wenn man in ein Haus einzutreten wünscht oder eintritt, besonders auf dem Lande, muß man sich draußen oder im Flur auf diese Weise bemerkbar machen, wenn man nicht für einen Dieb gehalten werden will. Alles wunderte sich natürlich, wer so spät noch kommen könne, und Tonino wurde hinausgeschickt, um nachzuschauen. Er ging etwas ängstlich, purzelbaumte dann aber vergnügt wieder bis an die Schwelle.

„Draußen sind zwei Onkels, Herr“, meldete er. Die älteren Schwarzen werden nämlich von den jüngeren tio, Onkel, und tia, Tante, genannt, auch wenn sie einander garnicht kennen, und ich finde, das darin ausgesprochene Verwandtschaftsgefühl dieser Paria hat etwas Rührendes; nicht wahr?

Zwei Neger? Es war kaum anzunehmen, daß ein Nachbar noch so spät eine Botschaft sende, und was konnten sie sonst wollen! Dr. Rameiro ging hinaus und kam nach einer Weile zurück, sein sonst so joviales Gesicht ganz verdüstert!

„Nun?“ riefen wir alle.

„Zwei unglückliche Schwarze“, sagte er, „die mich um Jesu willen bitten, sie zu kaufen.“

„Wo kommen sie her?“

„Von Dr. Albus Pflanzung.“

„O, die Armen! Der ist bekannt dafür, daß er seine Neger quält“, sagte Madame. „Mein Mann braucht einem widerspänstigen Schwarzen nur zu drohen, ihn an Dr. Albu zu verkaufen, dann wird er gleich gehorsam.“

„Was wirst Du thun, Papa?“ fragte Dona Olympia.

„Was kann ich thun, mein Kind?“ rief der alte Herr erregt. — „Er wird sie garnicht gern verkaufen wollen und mir also jedenfalls einen übermäßigen Preis stellen; außerdem ist er, wenn ich mich gegen ihn einlasse, mein unversöhnlicher Feind, und Du weißt, daß ich sehr wahrscheinlich ihm bereits den heftigen Waldbrand im vorigen Jahre verdanke, den sich niemand erklären konnte.“

„So müssen die armen Kerle zurück?“ fragte ich.

„Ich kann sie nicht im Hause behalten. Es ist Eigentum, und behielte ich sie auch nur eine Nacht unter meinem Dache, so würde das schwerlich anders als wie eine Verhehlung flüchtiger Neger ausgelegt werden. Dem kann man sich nicht aussetzen, zumal wenn man selber noch Schwarze hat und haben muß. Diese Vertrauensbeweise sind ja an sich recht schön und schmeichelhaft, aber entsetzlich peinlich! Dies ist nicht das erste Mal, daß es mir so ergeht.“

„So giebt es also wirklich Pflanzungen, wo noch die schlimmen Zustände aus Onkel Toms Hütte wiederzufinden sind?“ erkundigte ich mich.

„So arg dürfte es wohl nirgends bei uns sein und ist es wohl auch kaum je gewesen. Der Brasilianer ist gutmütiger als der Nordamerikaner, und die schwarze Race nimmt bei uns überhaupt eine andre Stellung ein. Sie sehen, sowie der Neger frei ist, wird er hier als gleichberechtigt behandelt: wir haben farbige Lehrer, Künstler, Ärzte, Abgeordnete, ja Minister, und die Prinzessin befiehlt auch Farbige zum Tanz. Die Verachtung auf der einen und demgemäß die Erbitterung auf der andern Seite ist hier nicht so groß wie bei unsern nordischen Brüdern. Freilich giebt es auch bei uns einzelne brutale Kreaturen, welche die armen Schwarzen in der That mißhandeln, wie Sie eben einen Beweis davon gehabt haben.“

„Was wird nun aus diesen beiden armen Teufeln?“ fragte ich.

„Sie werden heute Abend noch tüchtige Hiebe bekommen und nur um so strenger gehalten werden; derartige Streiche sind zu thöricht. Dann werde ich sehen, ob ich sie entweder selber freikaufen kann oder sie einer Abolitionisten-Gesellschaft empfehlen.“

„Wenn ihr Herr sie nun aber nicht verkaufen will?“ warf ich ein.

„Das muß er, sowie ihm ein annehmbarer Preis geboten wird.“

„Warum mögen sie sich denn nicht selbst an eine solche Gesellschaft gewandt haben?“

„Das ist ihnen zu schwer gemacht, da deren Mitglieder sehr unklug wären, sich auf den Pflanzungen sehen zu lassen, und da der Schwarze nicht schreiben kann; sie haben eben gar keine Kommunikationsmittel. Aber den meisten von ihnen ist es auch nur um eine gute Behandlung zu thun und um die Freiheit erst in zweiter Linie. Ideale haben sie nicht.“

„Das habe ich mir gedacht“, rief ich, „nach dem Wenigen, was ich habe beobachten können; denn sonst mußten ja auch selbst die Gutgehaltenen stets voll Groll und Mißmut sein.“

„Ja, und das werden Sie, ich darf wohl sagen, nie finden. Auf dieser Pflanzung werden Sie keinen aufrührerischen Schwarzen antreffen, denn ich halte streng auf ihre menschliche Behandlung und gute Versorgung. Ich habe manche, besonders Negerinnen, die sich längst hätten freikaufen können.“

„Wirklich! Womit verdienen sie sich Geld?“

„Wer darum bittet, bekommt ein Stückchen Land zum Bepflanzen, und gute Gemüse kauft man ihnen dann hier im Herrenhause gern ab, auch dürfen sie sich Hühner halten, deren Eier sie dann verkaufen, wenn ich nach der Post schicke, und dergleichen mehr. Die sonntägliche und die über die gesetzliche Stundenanzahl hinausgehende Arbeit wird ihnen bezahlt, und die Hausneger und Negerinnen erhalten oft Geldgeschenke, letztere besonders, wenn sie Ammen der Kinder sind oder waren. Unsre dicke grinsende Anna da z. B. ist eine ganz wohlhabende Erbtante; sie bleibt aber, weil sie es hier gut hat und sie die Kinder liebt. Das ideale Gut der Freiheit versteht sie nicht.“

Ich freute mich über diese Erklärung, wie man sich immer über Äußerungen freut, die eigne Gedanken und Schlüsse bestätigen. So konnte ich mir die Sache vorstellen. Daß Rohheit und tierische Grausamkeit den Sklaven gegenüber oft zu sehr traurigen Vorkommnissen führen, das konnte ich mir denken; aber anderseits, die idealen Anschauungen tiefgebildeter Menschen zu suchen bei einer Race, die durch Generationen geknechtet ist, unsre Begriffe von Freiheit bei den Männern, von Ehre bei den Frauen vorauszusetzen, das, merke ich wohl, wäre eitel dichterische Illusion.

Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes — nun, Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder — lies es im Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz.

Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über nichts mehr!

Gute Nacht — aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht — also Guten Morgen!

Deine Ulla.

Saõ Francisco, den 1. September 1881.

Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen, d. h. von einer Reise nach der Provinz Minas geraes, wo wir geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der Geographiestunde, zumal das geraes! Und gedacht haben wir uns garnichts dabei, während es doch so einfach ist: geraes ist die Mehrzahl von geral, allgemein, und Minas geraes heißt also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land.

Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“ spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt ihre beiden Namen: Ouro preto d. h. schwarzes (dunkles) Gold und Villa rica d. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge und Flüsse.

Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder so ganz verschieden sind von dem, was man in der Provinz Rio sieht. Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte!

Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht giebt.

Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien, wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran den Kaiser Dom Pedro II., der sein Erscheinen auch freundlich zugesagt.

Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird) eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja — wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit.

Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „Dom Pedro Segundo“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen ohne einen Heller Kosten zurücklegten.

Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „Paciencia“, und niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit nach dem andern Perron — ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist, Grete, Waggons und Lokomotive alles en miniature. Schneller als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig — oder ungeduldig — ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen aus: er war 1 m. 65 cm. breit.

Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher, keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er dreimal auf derselben Seite erscheint.

Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts, im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden.

Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande (meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen, doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch eine Weile damit hin, im „Salon“ auf den rechtwinkeligen Stuhlreihen zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette.

Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen. Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen. Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie auch kein Undank treffen.

Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt.

Wir besahen uns zunächst die Kirchen; der kleine Ort hatte deren nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl, weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu Gesicht gekommen.

Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16–18 Stunden in Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4–5 Monate gebrauchten; frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichen Arbeitsleistung nach den Kosten eines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das vor allem andern daran dachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine Heiligen angemessen unterzubringen.

Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen, und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und grünen[2] Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe, deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube; ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen, und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctiv fühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „A Senhora esta muito civilisada!“

An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen. Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten. Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden, die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde; hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen, die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert, äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem, buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu „schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte, dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zur Stadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein schon mit diesem Reichtum an natürlichem Schmuck zu machen gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10–20 Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier — und die kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören. Also:

Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem Bahnhof, wo Dom Pedro ankommen sollte, und da sich der Zug um fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“ hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz anständigen Mauer anzustauen.

Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf der Station Entere Rio warten müssen, wo man eben am Malen und Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die gute Laune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball gesorgt?“ hörten wir ihn fragen.

Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit „empfangen“ durften.

Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige — entre nous, schauderhafte — Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung. Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten, aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zum show nicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle, gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand erforderlich. Oder sehen sie dergleichen nicht?!

Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehen den rechten Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im Hausflur auf — nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt oder ihre Neugier befriedigt.

Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast; es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war.

Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte. Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen Gutdünken, ob sie so bleiben wollten.

Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „O Imperador!“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr. Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sich nur leicht verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine, etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete, wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders gedacht — es war so garnichts zum Eindruckmachen!

Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen! Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen, sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin.

Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser, der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle; Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert, wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück; im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof; alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben.

Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich, und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“ zuzogen.

Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch länger werden lassen, darum für heute Schluß!

Deine getreue Ulla.

[2] Die brasilianischen Landesfarben.

Saõ Francisco, den 17. September 1881.

Ach liebste Grete, wenn Du wüßtest, wie sauer mir hier manchmal so ein Tag wird! Wie die Stunden schleichen, wie alles so schwerfällig erscheint! Die Kinder sind unartig, das Vehmgericht passiv, das ganze Haus laut, und man fühlt sich so allein, so unbeschreiblich vereinsamt! Zudem fängt die ganze Sache an, mich sehr anzugreifen. Die neuralgischen Schmerzen dauern fort, wenn auch Gottlob in vermindertem Maßstabe, und ich habe sehr oft Migräne, die ich besonders dem Lärm und der ganzen Unbehaglichkeit der häuslichen Einrichtungen zuschreibe. Die Nerven dieser Menschen müssen Stricke sein — leider! Sonst würden sie Rücksichten auf Andre kennen!

Stelle Dir einmal folgende Scene vor und dann appelliere an Deine eignen Nerven, ob sie es ertrügen.

Ich gab der kleinen Leonilla eine Klavierstunde in dem sogenannten Arbeitszimmer von Dona Alfoncina, denn die Kinder haben ihre Stunden nicht auf dem Flügel in der salla de visita, sondern auf einem ehrwürdigen Tafelförmigen. Besagtes „Arbeitszimmer“ liegt so ziemlich in der Mitte des Hauses, und allerlei Räume münden in dasselbe ein, nämlich eine Vorratskammer, das Badezimmer, das Schlafzimmer der Kinder, das des Vehmgerichts, ein Kleiderzimmer und die Nähstube. Nun kannst Du Dir eine kleine Vorstellung machen, wieviel Lärm in diesem angenehmen Raume schon unter normalen Verhältnissen gehört werden kann; heute aber war es gerade, als hätte der alte gentleman sein Spiel! Man hatte nämlich Mäuse in der Vorratskammer entdeckt, und ohne Verzug kommandierte Dona Alfoncina zwei Negerinnen und einen Neger herbei, die den ganzen Raum leer machen mußten, damit man die Löcher finde. Während ich also an dem verstimmten Tafelförmigen resigniert mein un, deux, trois zählte und Leonilla mit Ausdauer immer dieselben Fehler machte, baute sich unter lautem Kommando von Dona Alfoncina rings um uns eine Wagenburg von Kisten, Fässern, Säcken etc. auf. Der Lärm, der durch diese Prozedur verursacht wurde, die lauten Kommandos und gelegentlichen Mißfallensäußerungen der Herrin waren an sich schon betäubend. Dazu stand neben dem Klavier die Thür zur Nähstube offen, von wo heraus wir die zwei Maschinen klappern hörten; in dem Nachbarraum schrie’s aus einem Bambuskorbe und dazwischen frohlockten Papageien und andre Vögel. Zum Schluß wurde noch eine kleine Mulattin, die Dona Gabriella lesen lehrt, durch die sich aufbauende Wagenburg aus ihrer Ecke, wo sie „studierte“, fortgetrieben und stand plötzlich hinter meinem Stuhl, eintönig ihr b — a ba, b — e be, b — i bi murmelnd! Das war zu viel! Wütend sprang ich auf, ergriff die Noten, rief Leonilla, mir in den Saal zu folgen und gab die Stunde da zu Ende. Man hat mir das furchtbar übel genommen und hält mich bei der ganzen Sache für die Rücksichtslose!

Ja, ja, wenn Menschen zu viel Nerven haben, ist es wohl schlimm, aber wenn sie garkeine haben, ist es noch peinvoller für Andre. Und so scheinen mir die Brasilianer geartet. Ich bezweifle, daß ich hier allzu lange mit meiner Gesundheit reiche! Schreibt mir nur recht oft, ich fühle mich sehr einsam und weltfern. Wenn ich doch nur wenigstens einmal ein deutsches Wesen zu sehen bekäme!

Deine arme Ulla.

Uebrigens habe ich mit dem Zimmer gewechselt, da es mir in dem vorigen, sonnenlosen vor Feuchtigkeit unerträglich wurde, ich auch eines Mittags eine Schlange unmittelbar vor meinem Fenster sah — hu, die ekelhaften Tiere! Wir sehen oft welche.

Saõ Francisco, den 5. October 1881.

Meine liebe Grete!

Es ist gerade, als hätte die Vorsehung den Stoßseufzer in meinem letzten Briefe an Dich zu Gesichte bekommen! Das „deutsche Wesen“ ist da! Und das wunderlichste obendrein, das Du Dir vorstellen kannst — das Gaudium des ganzen Hauses und, daß ich’s nur gestehe, meines auch. Es ist ein Naturforscher, ein älterer Herr, dem auf die Empfehlung eines italienischen Collegen hin Dr. Rameiro das Haus „zu Befehl“ gestellt hat für die Dauer seines Aufenthaltes in dieser Gegend Brasiliens.

Unser guter Landsmann, dessen Französisch absolut unzulänglich ist, und der sich ziemlich vergeblich abmüht, sein deutsch accentuiertes Latein dem Portugiesischen anzupassen, wäre ohne mich als seinen Dolmetsch völlig verloren. Er ist ein „Gelehrter“, wie er in Büchern steht, und würde mit seiner Pedanterie und seiner wunderlichen Kleidung selbst bei uns komisch sein, hier aber sehe ich es dem Vehmgericht trotz ihrer unbeweglichen Gesichter an, wie es sie entzückt, sich über etwas Deutsches lustig machen zu können, und ich bin gewiß, daß sie überzeugt sind, alle Deutschen wären genau wie dieser Professor. Zu dem, was man so Plaudern nennt, ist er gerade nicht gemacht, aber er ist doch ein Landsmann, und ich höre doch wieder deutsche Worte! Was das für eine Wonne ist, Grete! Ich könnte den garstigen kleinen Pedanten küssen bloß dafür, daß er ein Deutscher ist!

Aber ich wollte Dir eine Geschichte erzählen, die ihm gestern passierte, und über die ich gelacht habe, wie noch nie, solange ich hüben bin.

Gestern war Sonntag, und als ich im Genusse meiner Muße am Nachmittage vor der Thür sitze, steht plötzlich die sonderbarst ausstaffierte Gestalt von der Welt vor mir. Eine große blaue Brille auf der Nase, einen weißen Strohhut auf dem Haupt, eine mächtige Botanisiertrommel an der Seite, ein grünes Schmetterlingsnetz über der Schulter, aus der rechten Rocktasche ein „Handbuch der Botanik“, aus der linken ein umfangreiches Werk über Insectenkunde — wer konnte in diesen Attributen anders stecken als ein deutscher Gelehrter! Unser guter Professor forderte mich auf, die Genossin seiner ersten Entdeckungsreise auf der Pflanzung zu sein, allein die Sache hatte für mich wenig Reiz, und die Sonne war mir auch noch zu drückend; so bat ich ihn, mich zu entschuldigen. Die Kinder kamen heraus und spielten vor der Thür, und Dona Gabriella und der Doktor setzten sich zu mir auf die Bank. Als wir aber kaum ¾ Stunden da gesessen hatten, wurden wir plötzlich wild aufgeschreckt.

Um die scharfe Biegung, die der Weg grade neben dem Hause macht, stürzte es hervor, atemlos, bis an den Hals beschmutzt, einen Stiefel von einem Schlamm-Überzug bedeckt, den andern dadurch ersetzt, brillenlos, hutlos, ohne Botanisiertrommel, das leere Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand — die Reste eines deutschen Gelehrten, der ausgezogen war, Natur zu forschen! Keuchend sank er auf die Bank nieder, entsetzt starrte ihn der Doktor an und blickte dann hilfeflehend auf mich, die ich schon mein: „Was ist denn nur geschehen?“ herausgestoßen hatte.

„Geschehen! ach! oh! Ich werde verfolgt! Man will mich umbringen! Ermorden! Uff! ah, meine schönen Pflanzen — eine solche Orchis! Und diese intressanten Sandflöhe, o, ich hatte ein Prachtexemplar unter der Lupe....!“

„Aber wer in aller Welt verfolgt Sie denn?“

„Wer? die Wilden, die Menschenfresser, die — ach!“

„Welche Wilden denn?“

„Da, da, sehen Sie nur, wie der Kerl herbeistürzt, selbst sein Herr wird ihn nicht zähmen können, retten wir uns in das Haus!“

„Aber das ist ja ein Neger der Pflanzung!“

„Ja, ja, ja, meinetwegen, aber ich sage Ihnen, daß er wild ist und daß ich ihm nur mit Mühe entgangen bin“, schrie der arme kleine Mann in heller Verzweiflung und stürzte mit Aufraffung seiner letzten Kräfte in das Haus.

Lächelnd und kopfschüttelnd übersetzte ich diese aufgeregten Aphorismen dem Doktor, der sie achselzuckend anhörte. Ganz atemlos kam jetzt der Neger näher, er hielt in der linken Hand das Handbuch der Botanik, in der rechten das von der Insectenkunde; er streckte eins mir, eins dem Doktor entgegen und keuchte dabei zwei Mal „Sos kiss“, „sos kiss“ hervor.

„Was giebt’s?“ herrschte ihn sein Herr an.

„Senhor, sim senhor“, sagte der Schwarze, „der deutsche Herr, der bei Senhor zum Besuch ist, ist verrückt.“ Wir konnten beide das Lachen nicht unterdrücken.

„Er sagt, ihr seid wild. Was habt ihr ihm gethan?“

„Nichts, Herr, nein Herr. Wir arbeiteten im Kaffee, da kam der deutsche Herr daher. Wir liefen auf ihn zu, um „sos kiss“ zu bieten. Der Herr sah uns nicht und ging rasch zu, sim Senhor. So liefen wir etwas näher heran. Da begann er zu laufen, schnell, schnell, warf seine Schachtel ab, seinen Hut, seine Bücher, und lief auf den Morast beim Teiche von Sanct Hieronymus zu, sim Senhor. Wir schrieen ihm zu, aber er wollte nicht hören und lief immer mehr. Wir schrieen lauter, daß der Herr nicht in den Morast laufen sollte, aber der Herr stürzte weiter, sim Senhor, und ist durch den Morast gelaufen.“

Dieser Bericht wurde in vielen Absätzen und von zahllosen und oft, wie Du siehst, sinnlosen „Sim Senhor’s“ unterbrochen, hervorgestottert. Während dessen aber sammelten sich hinter dem Sklaven eine ganze Gesellschaft seiner schwarzen Genossen an: der eine hielt den Hut, der andre die Botanisiertrommel, der dritte die zertrümmerte Brille, der vierte den schlammigen Schuh des armen Gelehrten, und alle streckten uns diese mannichfachen Gegenstände mit ihrem stereotypen „sos kiss“ auf das bekümmertste entgegen.

Die Scene, die ja bereits halb aufgeklärt erschien, war so unglaublich komisch, daß ich in ein unbändiges Gelächter ausbrach, in das Dr. Rameiro schließlich einstimmte, das aber unsere armen braven Schwarzen vollständig verblüffte. „Legt es nur dahin“ sagte endlich der Doktor, und gedankenvoll entfernten sich die Guten, die traurigen Reste einer Naturforscher-Expedition auf der Bank aufgereiht zurücklassend.

„Was aber kann Ihren armen Landsmann von vornherein nur so erschreckt haben?“ fragte dann der Doktor, sich die Lachthränen trocknend.

„Ich kann es mir denken“, sagte ich, die eigne Lustigkeit zähmend, — „sollten es nicht etwa die ausgestreckten Hände gewesen sein und das „sos kiss“, das mir auch zuerst so geheimnisvoll war?“ Der Doktor lachte wieder auf.

„Bei unsrer lieben Frau — das kann es sein! Hahaha! Grade ihre Höflichkeit — ihr Gruß! Ich gebe zu, daß in der steif und flach ausgestreckten Hand eine graziöse Geste schwer zu erkennen ist, und das „geheimnisvolle“ „sos kiss“ — Sie haben Recht, wer sollte darin den schönen Gruß erkennen: Louvado seja noso Senhor Jesus Christus[3]!“

Bis an die Kehle voll Heiterkeit, aber mit dem mitleidigsten Gesicht von der Welt ging ich zu meinem Professor, der abgespannt und pustend in seinem Schaukelstuhle lag; der Doktor folgte mir.

„Aber was hat Sie denn nur so in Angst gesetzt?“ fragte ich deutsch.

„In Angst gesetzt, in Angst gesetzt! O, es ist empörend! ist das Gastfreundschaft? das Bettelvolk von Schwarzen — die ganze Gesellschaft wollte mich anbetteln! Daß das geduldet wird! Sie hätten nur die Anzahl der ausgestreckten Hände sehen sollen! Aber wer nimmt denn Geld mit zum Botanisieren? Ich that, als sähe ich diese Kannibalen nicht, da liefen sie mir nach und haben mich wild schreiend bis an das Haus verfolgt. Sie hätten nur diese Stimmen hören sollen!“

Ich lachte schon wieder. Der Doktor stand verlegen dabei. Der Professor schoß wütende und verächtliche Blicke auf mich.

„Verzeihung“, brachte ich endlich hervor, „aber es ist zu komisch —“

„Komisch!!“

„Hören Sie nur —“ und ich erzählte ihm, was uns der Neger berichtet und welchen Zusammenhang die Sache habe. Das Gesicht des Professors machte dabei den ganzen Wechsel im Ausdruck von mißtrauischem Zorn über Erstaunen, Verlegenheit, Erleichterung, gutmütigen Humor bis zur ehrlichen Selbstironie und Heiterkeit durch, und schließlich lachten wir alle Drei.

„Nun soll Ihr Landsmann sich doch einmal unsre Neger in der Nähe ansehen, damit er seine Menschenfresser-Ideen los wird“ sagte der Doktor Nachmittags, und so zogen wir zu Dreien aus, den Professor das Nichtfürchten zu lehren.

Überall in der Nähe der Negerhütten liefen uns die kleinen schwarzen Halbaffen entgegen und murmelten ihr „sos kiss“, und tapfer antwortete jetzt unser Professor „para semper“. Wir sahen in die erste Hütte hinein.

Eine Art rohester Bettstelle von Brettern, darauf eine Matte aus Maisstroh und eine rote wollne Decke, eine kleine blecherne Truhe, ein unbeschreiblich primitiver Tisch, das war, außer einigen Töpfen, Schüsseln und kleinen Geräten die ganze Ausstattung des fensterlosen Raumes. In einer Ecke brannte ein Feuer, über dem eine Frau irgend ein Gericht bewachte.

„Wie schrecklich dies Feuer in der Hütte sein muß, sagte ich; erlauben Sie es nicht, daß die armen Menschen das bei der Hitze vor dem Hause anzünden?“

„Erlauben? Ich habe es hundertmal durchsetzen wollen, aber der Schwarze ist unglücklich, gradezu krank, wenn man ihm sein Feuer nimmt. Er bedarf dessen Winter und Sommer und schläft nie ohne seine glimmenden Kohlen in der Hütte.“

„Wie fürchterlich!“ stöhnte der Professor — „und obendrein keine Fenster!“

„Das mag wohl zuerst zur Verhinderung von Fluchtversuchen so eingerichtet gewesen sein, da sich Fenster doch nie so wie Thüren verschließen lassen. Aber der Neger ist jetzt auch so daran gewöhnt, daß, wenn sie als Freigewordene sich ein Hüttchen aufrichten, sie auch keine Fenster darin anbringen.“

„Was kochen denn die Frauen nur alle“, sagte ich, „die Sklaven werden ja doch wohl alle auf der Pflanzung gespeist?“

„Die Verheirateten nur Mittags; Abendbrot kochen ihnen ihre Weiber; sie erhalten Rationen zuerteilt.“ —

Vor einem der letzten Häuser erhoben sich ein paar ganz alte gebrechliche Neger: „Sos kiss“ stotterten sie, als wir uns näherten. „Wozu gebrauchen Sie denn die noch?“ fragte der Professor ganz entsetzt.

„Zu nichts“, lächelte der Doktor, „aber ich kann sie doch nicht ersäufen. Sie sind in meinem Dienste grau geworden, jetzt bekommen sie das Gnadenbrot. Ich habe sie auch freigegeben, aber ich habe nicht das Herz, alte, abgebrauchte Neger mit ihrer Freiheit und ihrer Arbeitsunfähigkeit in das Elend oder auf den Bettel zu schicken — mögen sie hier sterben.“

„Denken viele Pflanzer so?“ fragte ich.

„Ja, Gott sei Dank, und es ist auch nicht mehr als billig. Zu solchen alten Menschen zu sagen: „Du bist frei, ich habe jetzt also nicht mehr für Dich zu sorgen, geh’ deiner Wege“, das ist eine Barbarei. Wer das Fleisch ißt, behält auch nachher die Knochen, sagt eins unsrer Sprichwörter.“

„Ich fürchte, Herr Doktor“, machte unser alter Professor mit Feinheit, „ich bin hier auf eine Pflanzung geraten, wo ich nur die guten Seiten des Sklaventums zu sehen bekomme!“

„Das würde auch nichts schaden!“ rief der Doktor liebenswürdig. „Es ist so viel über die gegenteilige Seite geschrieben und dabei übertrieben worden, daß die lichteren Seiten auch einmal hervorgekehrt werden können. Überdies irren Sie, wenn Sie denken, ich stehe vereinzelt da. Viele Pflanzer hier in Brasilien halten ihre Sklaven ebenso gut wie ich, manche schon aus Eigennutz! Die traurigen Seiten: der Mangel an Freiheit, die sittliche Verkommenheit vieler, die Unwissenheit aller, das alles wird bleiben, solange es Sklaven geben wird, die es ja vorläufig für uns leider noch geben muß.“

„Es ist aber eigentümlich, wie diese trüben Seiten sich mir hier viel weniger aufdrängen als es in Europa bei mir und ich glaube bei jedermann der Fall ist“, sagte ich sinnend.

„Vielleicht sahen Sie da nur die trübe Seite“, sprach lächelnd der Sklavenhalter.

Weißt Du, Grete, ich habe es ihm schon längst verziehen, daß er nicht fesch aussieht und nicht so bunt angezogen geht wie der Operetten-Brasilianer der kleinen Handschuhmacherin — er ist wirklich ein guter Mensch, und soweit es ihn und seine Frau angeht, bin ich ja hier auch ganz gut aufgehoben — aber das Vehmgericht, das Vehmgericht!

Deine Ulla.

Der Professor reist morgen weiter.

[3] Gelobt sei unser Herr Jesus Christus. —

Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881.

Meine liebe Grete!

Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten Pflanzungen sind alle 4–6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „professora“ halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen!

Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist; es würde mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande zu haben....

Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: — ich bin totmüde und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden.

Deine Ulla.

S. F., den 3. Dez. 1881.

Das war eine lange Pause, meine Grete, nicht wahr? Aber Du wirst mir schon verzeihen, wenn Du hörst, daß ich krank war. Ein abscheuliches Sumpffieber hatte mich richtig gefaßt und mich im Verein mit der Ueberanstrengung, die diese Stelle besonders in musikalischer Beziehung von mir fordert, für vier Wochen pädagogisch unschädlich gemacht.

Heute an meinem Geburtstage (ach Grete, kein Mensch weiß davon, ich habe keinen Glückwunsch, keine Blume, keinen Brief, nichts!) bin ich zum ersten Mal aufgestanden und will in diesen Tagen nach Rio, um einen Arzt zu konsultieren. Es grüßt Dich herzlichst

Deine Ulla.