Anmerkungen zur Transkription
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Studien zur Geschichte
des
menschlichen Geschlechtslebens
I.
Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Der Marquis de Sade
und seine Zeit.
Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte
des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer
Beziehung auf die Lehre von der
Psychopathia Sexualis.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Manuldruck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig.
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort | |
Einleitung | „ [1]. |
[Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens]: 1. Die Liebe als physisches Problem. [S. 2]. — Die Liebe als historisches Problem. [S. 11]. — Die Liebe als metaphysisches Problem. [S. 20]. — | |
I. Das Zeitalter des Marquis de Sade | |
Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich [S. 30]. — Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert [S. 35]. — Das französische Königtum im 18. Jahrhundert [S. 40]. — Adel und Geistlichkeit [S. 48]. — Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen [S. 52]. — Die Jesuiten [S. 63]. — Die schwarze Messe [S. 67]. — Die Nonnenklöster [S. 72]. — Die Frau im 18. Jahrhundert [S. 76]. — Die Litteratur [S. 88]. — Die Kunst im 18. Jahrhundert [S. 107]. — Die Mode [S. 119]. — Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert[S. 124]. — Bordelle, geheime pornologische Klubs und Prostituierte [S. 125]. — Das Freudenhaus der Madame Gourdan [S. 127]. — Justine Paris und das Hôtel du Roule [S. 132]. — Das Bordell der Richard [S. 138]. — Ein Negerbordell [S. 138]. — Die „petites maisons“ [S. 139]. — Die geheimen pornologischen Klubs [S. 141]. — Die Freudenmädchen [S. 144]. — Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale [S. 162]. — Die Onanie im 18. Jahrhundert [S. 176]. — Tribadie im 18. Jahrhundert [S. 178]. — Die Paederastie [S. 202]. — Flagellation und Aderlass [S. 209]. — Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und Geheimmittel im 18. Jahrhundert [S. 214]. — Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert [S. 234]. — Diebstahl und Räuberwesen [S. 238]. — Der Giftmord [S. 243]. — Mord und Hinrichtungen [S. 246]. — Ethnologische und historische Vorbilder [S. 267]. — Italienische Zustände im 18. Jahrhundert [S. 277]. — Papst Pius VI. [S. 286]. — Die Königin Karoline von Neapel [S. 288]. — | |
II. Das Leben des Marquis de Sade | |
Die Vorfahren [S. 292]. — Petrarca’s Laura [S. 292]. — Die übrigen Vorfahren [S. 294]. — Die Kindheit des Marquis de Sade [S. 298]. — Die Jugendzeit [S. 301]. — Das Gefängnisleben des Mannes [S. 307]. — Die Affäre Keller (3. April 1768) [S. 308] — Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) [S. 316]. — Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille [S. 322]. — Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit [S. 327]. — Der Tod [S. 344]. — | |
III. Die Werke des Marquis de Sade | |
„[Justine“ und „Juliette]“. Geschichte der Entstehung [S. 348]. — Die Vorrede [S. 350]. — Analyse der „Justine“ [S. 351]. — Analyse der „Juliette“ [S. 362]. — Die „Philosophie dans le Boudoir“ [S. 393]. — Die übrigen Werke des Marquis de Sade [S. 396]. — Charakter der Werke des Marquis de Sade [S. 400]. — Die Philosophie des Marquis de Sade [S. 403]. — | |
IV. Theorie und Geschichte des Sadismus | |
Wollust und Grausamkeit [S. 431]. — Anthropophagie und Hypochorematophilie [S. 432]. — Weitere sexualpathologische Typen bei Sade [S. 435]. — Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten [S. 440]. — Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen [S. 441]. — Das Mysterium des Lasters [S. 442]. — Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion [S. 443]. — Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung [S. 444]. — Unsere Definition des Sadismus [S. 446]. — Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften [S. 450]. — | |
V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert | |
Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade [S. 459]. — Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ [S. 464]. — Charles de Villers [S. 466]. — Despaze [S. 471]. — Der Sadismus in der Litteratur [S. 471]. — Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen [S. 486]. — Fall von Hypochorematophilie [S. 488]. — Statuenschändung [S. 488]. — Körperliche Gebrechen als Reizmittel [S. 488]. — Sadistische Venaesectio. (Affäre T....) [S. 489]. — Affäre Michel Bloch [S. 489]. — Wort-Sadismus [S. 491]. — Nachahmung des Marseiller Skandals [S. 492]. — Schluss [S. 493]. — | |
VI. Bibliographie | |
Vorwort.
Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von A. Eulenburg („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. 26, vom 25. März 1889, S. 497–515), dem geschätzten Neurologen und hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von Eulenburg im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. Marciat über den Marquis de Sade (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) wenig Beachtung gefunden hatten. Mit P. Ginisty’s dankenswerter Publikation unedierter Briefe der Marquise und des Marquis de Sade (in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis de Sade beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch 1895 schrieb Eulenburg („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur dieses Gegenstandes fortwährend auf de Sade und seine Werke bezieht, ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies Dunkel zu lichten, war hohe Zeit.
Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit Macaulay zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit liebevollem Herzen die Menschen. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will.
Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste wissenschaftliche Originalwerk über den Marquis de Sade in einer lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das dem Erforscher der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne. Es ist geschrieben für den Arzt — ich selbst bin ein solcher — für den Juristen, den Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen — für alle die, welche im sozialen Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe mit Plato und Hegel nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles erreichbare Material über den Marquis de Sade zusammengetragen. Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein Leben und seine Werke als Objekte der geschichtlichen Erfahrung aufgefasst und damit — wie ich glaube — einen neuen Weg zur Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen.
Wenn der berühmte Nationalökonom W. Roscher dem Herausgeber des „Hermaphroditus“ von Antonius Panormita, dem gelehrten und ehrlichen F. C. Forberg eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, wenn Parent-Duchatelet sein grosses Werk über die Prostitution in Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines Forschers nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand lügt so viel, als der Entrüstete“. (Fr. Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus 26, S. 48).
Das Uebel ist in der Welt. Man muss es erforschen, aufdecken und die Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu Minos und Rhadamanthys, sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
Berlin, den 15. Dezember 1899.
Der Verfasser.
Vorwort zur dritten Auflage.
Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.
Berlin, den 15. Januar 1901.
Der Verleger.
Vorwort zur vierten Auflage.
Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“ bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme, welche das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen Presse gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat seinen Siegeszug durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte ein wissenschaftliches Buch eine so universelle Verbreitung gefunden haben!
Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt zum Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen voll und ganz beschieden sein!
Berlin, den 15. Dezember 1905.
Der Verleger.
Vorwort zur fünften Auflage.
Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt zuteil geworden ist
Berlin, im Juli 1914.
Der Verleger.
Einleitung.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens.
(Phaenomenologie der Liebe.)
Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als eine Naturerscheinung entgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt der Geschichte, jenes Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte Hegel’s zu reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die Freiheit, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis, identisch ist.
So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das physische, das historische und das metaphysische Problem.
Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen Methode Hegel’s folgen, sind diese Probleme ebenso viele Stufen der Entwickelung, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) Liebe, den bereits Plato erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung der Natur und als Erscheinung des absoluten Geistes, die Liebe im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben in naturwissenschaftlicher und metaphysischer Beziehung. Dagegen ist jenes grosse Gebiet fortwährender geistiger Befruchtung des natürlichen Geschehens, welches sich in der Geschichte darstellt, über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die Liebe als historisches Problem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können.
Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst
1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem.
Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als ein Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar und rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit der rein physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie ist der „Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. Nach G. Herman[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und mythologischen Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der Weltentstehung als wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme angenommen. Himmel und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller Dinge.“ Auch das „Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der verschiedensten Völker eine grosse Rolle.
Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind Zwitter[2]. Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des Aristophanes im platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen eine andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche, sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst verschwunden ist. Mannweib (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses eine.“ Auch aus dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging das erste Menschenpaar als Mann und Weib hervor.
Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei Empedokles eine ganz besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach diesem Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der Stoffe hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen Perioden der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere dieser beiden Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur völligen Herrschaft gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden vereint in der Weltkugel als in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht des Hasses, auf deren Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, oder umgekehrt, durch das Fortschreiten der Macht der Liebe werden verschiedene Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. Durch das wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben schliesslich allein die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft der Dauer und Lebensfähigkeit in sich trugen. — Wie die oben erwähnten kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender Tendenz sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, so ist die Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus ausgebildet worden ist.
Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, dass die physische Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der Entwickelung selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt einer Differenzierung ist, nur erklärbar durch die Entwickelung des organischen Lebens überhaupt. Die Zwitterbildung, d. h. die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in einem Individuum ist der älteste und ursprünglichste Zustand der geschlechtlichen Differenzierung. Erst später entstand die Geschlechtstrennung. Nach Haeckel[3] findet sich der Hermaphroditismus nicht nur bei niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die ältesten Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür liefert der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch heute Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder erscheint.
Die Geschlechtstrennung, der Gonochorismus, wie Haeckel dies nennt, erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt entwickeln sich durch geschlechtliche Zuchtwahl, die Selectio sexualis, die sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. diejenigen Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, welche nicht die Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile betreffen (z. B. der Bart des Mannes, die Brust des Weibes).
Hierbei unterliegt die morphologische Ausbildung der menschlichen Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten „biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie, der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der Entwickelungsgeschichte von Kölliker und Hertwig findet man die zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.
In der Beschreibung der ausgebildeten männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von Kobelt[5] bisher noch nicht übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der Geschlechtsorgane in dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ von K. von Bardeleben (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu bringen verspricht.[6]
Die Entstehung der sekundären Geschlechtscharaktere ist Gegenstand der Darstellung in dem berühmten Buche von Charles Darwin.[7]
Aus diesen anatomischen Substraten der menschlichen Liebe wird man die Physiologie derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des organischen Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von Hensen.[8]
Der Fundamentalvorgang aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze, die älteste Quelle der Liebe ist die Wahlverwandtschaft zweier verschiedener erotischer Zellen: der männlichen Spermazelle und der weiblichen Eizelle, das, was Haeckel[9] den „erotischen Chemotropismus“ genannt hat. Der Zweck und das Endziel der physischen Liebe ist die Verschmelzung oder Verwachsung dieser beiden erotischen Zellen. „Alle anderen Verhältnisse und alle die übrigen, höchst zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei den höheren Tieren den geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von untergeordneter und sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem einfachsten, primären Kopulations- und Befruchtungsprozess hinzugetreten.“ — „Ueberall ist die Verwachsung zweier Zellen das einzige, ursprünglich treibende Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den grössten Einfluss auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse aus. Wir dürfen wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess diesem an Umfang und Intensität der differenzierenden Wirkung nur entfernt an die Seite zu stellen ist.“ (Haeckel.)
Nachdem dieser fundamentale Vorgang der Zeugung festgestellt ist, gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen beim Menschen, welche sich in Form des Geschlechtstriebes[10] äussern. Diesen dunkeln Begriff hat Moll in höchst geistvoller Weise aufgehellt.[11] Er zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen Menschen in zwei Komponenten, den Detumeszenztrieb und den Kontrektationstrieb. Der Detumeszenztrieb drängt zu einer örtlichen Funktion an den Genitalien, und zwar beim Manne zur Samenentleerung. Er ist als ein peripherer organischer Drang zur Entleerung eines Sekretes aufzufassen. Der Kontrektationstrieb drängt den Mann zur körperlichen und geistigen Annäherung an das Weib, das letztere ebenso zur Annäherung an den Mann. Phylogenetisch ist die Detumeszenz als Mittel zur Fortpflanzung das Primäre, weil sie bei niederen und höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär kam die Kontrektation hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung verbanden. In der individuellen Entwickelung des Menschen ist die Anwesenheit der Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das Primäre. Der Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter. Der Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus dem Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen, ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen sieht.
Nunmehr geht Moll[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen Frage über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von der grössten Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen Ererbtem und Erworbenem in der Geschlechtsliebe. Dies ist der Punkt, in welchem wir ganz und gar von Moll abweichen, weil wir durch die geschichtliche Betrachtung zu ganz anderer Auffassung geführt werden als Moll, welcher durch seine allerdings ingeniöse naturwissenschaftliche Argumentation zu beweisen sucht, dass neben dem Detumeszenztriebe — woran wir nicht zweifeln — auch die mannigfaltigsten Erscheinungen des Kontrektationstriebes ererbt sind. Kurz, Moll ist geneigt, sowohl die physischen als auch die pathologischen Erscheinungen des Geschlechtstriebes zum grössten Teile auf Vererbung zurückzuführen, während nach seiner Ansicht die erworbenen Faktoren nur eine sehr geringe Rolle spielen. Normaler und abnormer Geschlechtstrieb („konträre Sexualempfindung“, Homosexualität) erklären sich nach Moll eher aus der Vererbung als auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir wollen nicht leugnen, dass gewisse körperliche und geistige Dispositionen vererbt werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine viel geringere Rolle spielt, als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die stete Wirkung äusserer Einflüsse. Dies auf geschichtlichem Wege zu erweisen, ist unsere Aufgabe und wird schon im vorliegenden Bande mehr als einmal zu Tage treten. Aber auch das rein naturwissenschaftliche Räsonnement vermag diesen Standpunkt zu rechtfertigen und zu befestigen, wie die ganz vortreffliche kleine Schrift von K. Neisser aufs evidenteste dartut.[13]
Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher geschlechtlicher Perversionen vertritt R. v. Krafft-Ebing in seinem ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“, während hinwiederum von Schrenk-Notzing, sich mehr unserem Standpunkt nähernd, die Suggestion als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten betrachtet.[14]
Krafft-Ebing hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des Irrenarztes einer eingehenden Würdigung unterzogen zu haben.
Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne die Onanie eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche von Rohleder[15] die erste kritische und als solche mustergiltige Bearbeitung gefunden hat.
Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen Beziehungen des Menschen werden auch durch das Studium jener körperlichen Vorgänge dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf die sexuellen Akte ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der Stoffwechsel und die psychischen Vorgänge.[16] Gerade aus der Untersuchung der Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem des Geruchs und Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer Zustände ergeben. Eine experimentale Psychologie der Liebe existiert nicht.[17] Was bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten wurde, ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie z. B. die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“ von Julius Duboc. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die aber noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige Beobachtungen über formlose Tatsachenmassen, die in praktischer Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie auch in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden können — das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über die intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“ (Havelock Ellis.)
Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet unzweifelhaft das von der Anthropologie und Ethnologie gesammelte Material, wie es in dem klassischen Werke von Ploss und Bartels[18] vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens.
Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was wir zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen Geschlechtskrankheiten des Menschen.
2. Die Liebe als historisches Problem.
Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich. Sie ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer Freiheit fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und den aus der Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der Gesellschaft, des Rechtes und der Moral, der Religion, der Sprache und Dichtung. Es ist wichtig zu betonen, dass es auf diesem Gebiete keine Kausalität, keine Gesetze in naturwissenschaftlichem Sinne geben kann, dass die von Herbert Spencer inaugurierte „organische Methode“ der Soziologie den geschichtlichen Erscheinungen nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei der Betrachtung sozialer Phänomene keine Gesetze, sondern nur Rhythmen[19]. „Den Schritt vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute noch nicht wagen, wenn wir gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen letzten Endes auf (uns noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“ (Stein.) Trotzdem ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser soziale Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das Gepräge bestimmter Gesetzlichkeit an. Achelis (a. a. O. S. 68) macht in dieser Beziehung auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über Wiederkehr derselben Vergehen, über den wahren Zusammenhang von Moral und wirtschaftlichen Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also auch, insofern die Liebe als geschichtliche und soziologische Erscheinung in Betracht kommt, nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig wiederkehrenden Formen und Typen des Geschehens.
Die Liebe als eine soziale Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft, erscheint wesentlich in den beiden Formen der Ehe und der Prostitution.
Eduard Westermarck, Professor an der Universität in Helsingfors, hat das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der menschlichen Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den besten kulturhistorischen und soziologischen Werken eines Buckle, Tylor, F. A. Lange u. a. ebenbürtig an die Seite zu stellen.[20] Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise mit der gediegensten wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die überall wiederkehrende primitive soziologische Form und das soziologische Endziel der Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von Bachofen, Mc.-Lennan, Morgan, Lubbock, Bastian, Lippert, Kohler, Post vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen Ungebundenheit, der sogenannten Promiscuität für immer ein Ende. Die „Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46–130) gehört zu den glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten Einfluss ausüben.
Nach Westermarck kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel und ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der Jungen und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit aller Wahrscheinlichkeit bezeichnet Westermarck die menschliche Ehe als ein von den affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe. Ferner weist er nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden Völkerschaften die geschlechtlichen Beziehungen sich am wenigsten der Promiscuität nähern. Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, dass mit dem Fortschreiten der Kultur die ausserehelichen Beziehungen der Geschlechter zugenommen haben. Demgemäss hat in Europa die Zahl der Ehelosen eine Zunahme, das Durchschnittsalter der Eheschliessung eine Hinaufschraubung erfahren.
Allerdings ist die Lebenslänglichkeit der Ehe durchaus nicht ganz allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied geben. Bei sehr vielen anderen jedoch — auch solchen auf niedrigster Stufe — bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor, dass dem Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im allgemeinen nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechts stetig zu.
Während die Ehe als die eminent soziale Form der Liebe zu betrachten ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben gekleidet hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut antisoziale Erscheinung die Prostitution bezeichnet werden. Man nennt sie, wie bekannt, ein „notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande der modernen Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution existiert noch nicht. Das grosse achtbändige Werk von Dufour[21] enthält zwar eine grosse Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich unübersichtlich zusammengestellt. Zudem verliert auch diese Zusammenstellung jeden Wert durch den gänzlichen Mangel der genauen Quellennachweise. Nur aus einer gleichmässig die Ergebnisse der Soziologie, Hygiene und Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen Darstellung der Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über die Ursache und die Abhilfe dieses sozialen Uebels gewinnen lassen. Besonders Bebel’s Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hat manche unrichtigen Anschauungen über die Ursachen der Prostitution verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die wirtschaftliche Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt. Demgegenüber sei nur auf die gediegene, aus langjähriger Erfahrung hervorgegangene Arbeit über Prostitution von G. Behrend[22] hingewiesen, der ganz andere Ursachen derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer fast stets erworbenen Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass man meist die veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen Ursachen ansieht. Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben Behrend ist B. Tarnowsky[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen Ergebnissen wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die Armut die nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch A. Hegar hat den Versuch gemacht, Bebels Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des „geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]
Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl Lombroso unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften Zusammenhange zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert, dass die „Donna delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo nato“, des „geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass daher die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der „geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch Lombrosos wertvolle Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von Prostitution und Verbrechen.
Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen Recht spiegelt sich vor allem in der sogenannten Frauenfrage wieder. Nimmt man, wie wir gesehen haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft und als das soziologische Endziel der Liebe, so ist eine allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die völlige Aufhebung aller gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst. Denn die Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich trotz glänzender Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen Verschiedenheiten von Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das Zugeständnis grösserer Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten an die Frauen wohl vereinbar, besonders angesichts des grossen Ueberschusses der Zahl derselben über diejenige der Männer, sowie der späten Heiraten der letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“ ist für uns in dem einen Satze beschlossen: Die Frau ist die gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige Gefährtin des Mannes.
Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen, den Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe und ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen. Für Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und Rudeck hat Recht, wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten Kultur“ bezeichnet, deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu wiederspiegelt wie auf geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische Beurteilung geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist, ist eine längst bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine kritische Untersuchung gewisse Normen feststellen können, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechts entwickelt sich auch eine Ethik des Sexuallebens. So führt Westermarck in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ den stringenten Nachweis, dass das Schamgefühl etwas sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung ist.
Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen zwischen Liebe und Religion. G. Herman, dessen Buch wir oben erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion auf sexueller Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse Mystik mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der „Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch schlimmer, und es liegt etwas Wahres in Nietzsches Ausspruch[27]: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: — er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten erotischen Epidemien sind religiösen Ursprungs.
Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern gewissermassen nationale Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der Sprache. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch die betreffenden Worte sichtbar. Abel hat in einer höchst schätzbaren Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen linguistischen Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache.
Die Sprache führt uns zur Dichtung. Die Werke der Literatur bieten uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial für eine historische Psychologie der Liebe. Sie bietet, wie Stein (a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke und zu jeder Zeit gewesen ist.
Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die materielle Kultur einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die grössten Wirkungen aus.
So ist die Liebe als geschichtliche Erscheinung unendlich reich an Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen lassen als sie die rein physische Liebe erkennen lässt. Untersuchen wir daher
3. Die Liebe als metaphysisches Problem.
Dass der menschlichen Liebe eine höhere Bedeutung innewohnt, leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige innere Wesen der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt —
Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.
Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?
Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, Arthur Schopenhauer und Eduard von Hartmann haben die gleiche metaphysische Betrachtung über die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele Nachbeter fand. A. Schopenhauer[29] erblickt die Bedeutung der Liebe in der Erfüllung der Zwecke der Gattung, welche in der Reihenfolge und dem endlosen Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die sämtlichen Liebeshändel der gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen Menschengeschlechts ernstliche meditatio compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae generationes“. Dabei verlarvt sich aber der Gattungszweck, indem er in der Gestalt der Geschlechtsliebe eingeht in den persönlichen Zweck der Individuen und erscheint als deren höchstes Glück, als der Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten Form, in den überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das unerschöpfliche Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und dramatischen, als der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros spielt seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die Liebenden die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres persönlichen Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn. Es ist ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung und Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens zum Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und ruhigen Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen, und das Verbrechen die Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)
Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert prachtvoll E. v. Hartmann[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal das Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit auch desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht seine Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur ihr Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“
Wer, wie wir, den Begriff der Liebe evolutionistisch fasst, kann eine solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist richtig, dass das rein Physische der Liebe mehr Unlust als Lust mit sich bringt durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen wie Schaum. Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer Entwickelung, deren Ende gerade dem Individuum die grösste Seligkeit verheisst. Die physische Liebe ist nur der als solcher notwendige Durchgangspunkt zu dem wirklichen Endziele, der platonischen Liebe. Das metaphysische Endziel der Liebe ist die Erkenntnis, die vollendete Freiheit. „Und Adam erkannte Eva“ heisst es tiefsinnig in der Bibel!
Platos und Hegels Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit erleuchtet. Ganz richtig bemerkt Wigand[31], dass die platonische Liebe der natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt ist, sondern die Liebe zum sinnlichen und körperlichen Schönen ist die Leiter und die Leiterin zur Liebe und Erkenntnis alles unsichtbaren Schönen und Guten in Natur- und Menschenwelt, in Kunst und Wissenschaft von Stufe zu Stufe bis zur letzten Sprosse dieser Leiter, zur Anschauung der Allgesetzlichkeit, des Absoluten.
Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen, welche die göttliche Diotima im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte, die ewig und unvergänglich sind.
„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die Liebe zu legen oder von einem anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem einzelnen Schönen beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien zu allen schönen Gestalten und von den schönen Gestalten zu den schönen Sitten und Handlungsweisen, und von den schönen Sitten zu den schönen Kenntnissen, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als eben von jenem Schönen selbst die Kenntnis ist, und man also zuletzt jenes selbst, was schon ist, erkenne. Und an dieser Stelle des Lebens, lieber Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut.“ (Platons Symposion 210, 11.)
Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt sich zu höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen physischer und geistiger Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder wahren und echten Liebe wurzelt.[32]
Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses Sachverhaltes sagt Schopenhauer in den „Paränesen und Maximen“: „Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen und scheinbaren.“
Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische Methode Hegels, des „Weltphilosophen“, wie ihn C. L. Michelet nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.
Für Hegel ist auch der Begriff der Gattung evolutionistisch.[33] Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. Es ist die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden Generation lebt die Gattung wirklich.
In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat, in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr die Individuen dieser Generation.
Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. Das Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es auch nicht weiter. In dem beständigen Flusse der Generationen, in dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter wird die Gattung nicht wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein. Das einzelne Individuum vergeht wirklich, und die Gattung, da sie nur in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der Individuen erscheint, hört nicht auf zu vergehen. So wird vermöge des blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt und verwirklicht.
Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen.
Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen Welt Regel und Selbstzweck.
Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck der Gattung wie der des Individuums.
Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der Individuen, als das wahrhaft Allgemeine. Es gibt nur eine Form, die das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: der Begriff. Es gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff zu erzeugen: das Denken. In dem begreifenden Denken allein wird das Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
Hier also erscheinen die Begriffe Erzeugen und Erkennen in einem Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits Plato erkannt hat, wenn er Sokrates das Erkennen ein Erzeugen nennen lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das erzeugende Denken ist unsere wahrhaft allgemeine Tätigkeit, unsere wirkliche Gattung, die in uns entbunden und frei wird in demselben Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen Lebenszwecken.
So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis niemals die Wärme des Gefühls fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]
I.
Das Zeitalter des Marquis de Sade.
Der Marquis de Sade, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen seltsamen, dem Namen nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis de Sade schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher unterblieben ist, so lange nicht die äusseren Bedingungen, das Milieu erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen ausübte. Denn es ist „jedesmal von entscheidender Bedeutung, aus welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die individual-psychologische, sondern nur die sozial-psychologische Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit Sades führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den Marquis de Sade durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des gesellschaftlichen Lebens und insbesondere der stetigen Wechselwirkung des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft ist diese Hypothese zum Range einer wissenschaftlich beglaubigten Tatsache erhoben. Hier ist in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie Selbstbestimmung entscheidend, sondern gewohnheitsgemässe Anpassung, das Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen, ohne dass der Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils organische Entwickelungen ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken Hegels, das ist Hegels Lehre vom objektiven Geist, aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des Begriffs“. Hegel, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen der Schopenhauer-Hartmann’schen und Nietzsche’schen Philosophie wird die Sonne Hegel’schen Geistes über der Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. Hegel, nicht Schopenhauer, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“.
So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem Abschnitt die Fäden aufsuchen, welche den subjektiven Geist des Marquis de Sade mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu untersuchen, was Sade von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, sondern wir erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit, aus allen innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.
1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich.
Sade nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, 261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem verderbten Jahrhundert tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse dieser Epoche hat Hegel gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, — ein Reich des Unrechts, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses Unrecht wird“. Sind nicht Sades Werke ein getreuer Spiegel dieser Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht schamloses Unrecht?
Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen frivolen Zeitaltern, deren Wesen ein bedeutender Schüler Hegels, Kuno Fischer, in vollendeter Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. Fichte nannte es einst die vollendete Sündhaftigkeit. „In allen grossen Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene zweite war die vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus, diese letzte ist die vollendete Sündhaftigkeit des Königtums.
Der Genuss à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war in Frankreich der Egoismus so gross wie unter dem ancien régime und während der Revolution. Der Minister Saint-Fond, eine getreue Kopie eines Ministers unter Ludwig XV. sagt (Juliette II, 37): „Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an, wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte, dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu füttern“. Diese Aeusserung findet Sade charakteristisch für das ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung. Adolf Schmidt, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus authentischen, zeitgenössischen Dokumenten schöpft, sagt darüber[40]: „Das war der scharf ausgeprägte Egoismus, die Selbstsucht und Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“. Ebenso spricht der berühmte Mercier, der Cicerone Schopenhauers bei dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41]. Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.
Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber in der geschlechtlichen Lust. Das achtzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust. Moreau[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig.
„Wollust! das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben die besten Kenner dieser Zeit, Edmond und Jules de Goncourt.[43] Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element, seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen Gnade in dem Dufte des Genusses.“
Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist die Systematisierung der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst.
Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen, welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis de Sade aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit Sades die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich zusammensetzen.
2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert.
In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten und bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie gleichsam der wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die Genusssucht und die Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg sensualistisch und materialistisch gerichtet. Sehr drastisch lässt Sade die Dubois sagen (Justine I, 122): „Das Element der Philosophie ist der Geschlechtsgenuss!“ Die Philosophie spielt in den Werken Sades eine grosse Rolle. Sehr häufig kehrt der Ausspruch wieder: „Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der Fackel der Philosophie entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.). Einen sehr grossen Teil der Bücher Sades nehmen langatmige philosophische Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu würdigen haben. Dabei verfährt Sade sehr eklektisch und unkritisch. Er nennt z. B. in einem Atem Spinoza, Vanini und Holbach, den Verfasser des „Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann Buffon (Philosophie dans le Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des starren Materialismus macht. Die Namen von Voltaire (Juliette I, 88) und Montesquieu (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch nicht fehlen. Montesquieu ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An Rousseaus Ideen klingt der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein im natürlichen Zustande, sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen sie sich“ (Juliette IV, 242). Den grössten Einfluss scheint La Mettrie auf Sade ausgeübt zu haben. Wenigstens erscheint uns das philosophische System des Marquis de Sade, wenn man den eklektischen Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit Vorliebe Gedanken La Mettries zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die Legitimation und Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der philosophischen Analyse. Hierbei wird La Mettrie ausdrücklich erwähnt (Juliette III, 211). Als Philosoph ist entschieden La Mettrie den Ideen Sades am nächsten gekommen.
Montesquieu und Voltaire hatten die sensualistische Philosophie Lockes in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus Pierre Bayles die Philosophie dem christlichen Glauben als das Höhere und Wahrere entgegengestellt hatte. Während bei den englischen Philosophen, sowie bei Voltaire und Montesquieu die sensualistischen Anschauungen nur theoretisch entwickelt wurden, der Sensualismus wesentlich Erkenntnislehre blieb, machten sich bald Bestrebungen geltend, den Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, den Materialismus, auf das praktische Gebiet zu übertragen. Die Erkenntnis ist eine Funktion der Sinne. Die Grundlage der Moral ist das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist nur die Bewegung, die aus sich selbst alle Dinge hervorbringt und keines Schöpfers bedarf. Freier Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der Gottesbegriff sind daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine Seele gibt es nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der Anbetung der Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre Befriedigung findet. Aus diesen vorzüglich von La Mettrie und Holbach formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie des 18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen Kirche und Religion, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen Individuums. Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle Lebensverhältnisse angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese umzugestalten, wie im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution war vor allem ein Werk der Philosophen; und das hat man schon frühzeitig erkannt. So sagt Barruel, ein fanatischer Verteidiger des ancien régime[44]: „Diese Revolution wurde seit langer Zeit von Menschen geplant, welche unter dem Namen von Philosophen sich in die Rolle geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es gab daher politische und religiöse Philosophen. Der Hauptrepräsentant der politischen Philosophie ist Mirabeau, der leidenschaftliche Anwalt des dritten Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si vous voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la France). Wie sehr der Atheismus eines La Mettrie und Holbach[45] ins Volk gedrungen war, beweist folgender von Dutard erzählte wirkliche Vorfall[46]: Drei Priester kehrten von einer traurigen Amtsverrichtung zurück. Der Vordere stiess mit dem silbernen Kreuz an einem beladenen Lastträger, der mit einem unbeladenen Kameraden daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene, „du da, pack dich mit deinem Kreuz.“ — „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist ja der gute Gott!“ — „Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt keinen guten Gott mehr!“ — Man schritt daher konsequenterweise zu praktischer Ausführung dessen, was der Marquis de Sade als Einer von Vielen in seinen Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung der verhassten Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November 1793 sagt Cloots, dass die Religion das grösste Hindernis der Glückseligkeit sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen anderen Herrn als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die Vernunft müsse alle Menschen vereinigen. — Feierlich schwor am 7. November 1793 im Schosse des Konventes der Bischof Gobel mit einem Häuflein seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum ab. Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch in Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes mit dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur sinnlichen Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert und die Gottheit zu einer Vielheit von menschlichen Göttinnen oder Gottweibern gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der bei Sade oft abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches ist, sondern jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich dieses ganze atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss hinausläuft, der in der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche Dimensionen annahm. Die „Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, d. h. die Philosophie, hatte ihn längst verherrlicht. So erwähnt Sade (Juliette IV, 198) La Mettries Schrift „Sur la volupté“, womit wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint ist. Hier entwickelt La Mettrie die Regeln für den Genuss der physischen Liebe, die er als das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist, wobei er die Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt erklärt.
Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische, religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, Kirche und konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch der Marquis de Sade zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir gehen daher über zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse in Staat, Kirche, Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke des Marquis de Sade beizutragen vermögen.
3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert.
Die Jugend des Marquis de Sade gehört der Regierungszeit Ludwigs XV. an, sein Mannesalter der Zeit Ludwigs XVI. Er war 34 Jahre alt, als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache Laws unter dem Regenten ihren Anfang nahm, unter Ludwig XV. zu dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter Ludwig XVI. zur Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema nicht näher berühren. Die Genusssucht und die geschlechtlichen Ausschweifungen des Königtums werden besonders von Sade gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit. „Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt Moreau mit Recht[48]. Das von den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft Ludwigs XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden Goncourts, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie Moreau sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr genügen. Er schuf sich in seinem berühmten Hirschpark das Vorbild aller geheimen Bordelle, die auch in den Werken des Marquis de Sade eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein König unterhält ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht alles, was Sade in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem ganz anderen, milderen Lichte? — Ueber den Hirschpark existiert ein Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs genannten Stadtviertel von der Marquise de Pompadour für den König eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine gewisse Bertrand, der Lieferant von jungen Mädchen hiess Lebel. Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach dem Tode der Pompadour wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]). Nach einer anderen Darstellung musste schon die Pompadour, da „sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war, unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, dazu entstand der sogenannte Hirschgarten (Parc-aux-Cerfs), diese Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind, so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also 1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren „selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis de Sade an diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was Moreau nach dem „Journal de Barbier“, nach Sismondi u. a. über jene eigentümliche Verknüpfung von Religion und Wollust berichtet, welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung, streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck brachte“.[57] Ludwig XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, La Ferté. Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter Ludwig XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als Ludwig XVI., 9 Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr La Ferté vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und fragte dann: „Wer sind Sie?“ — „Sire, ich heisse La Ferté.“ - „Was wollen Sie von mir?“ — „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät entgegenzunehmen.“ — „Weshalb?“ - „Weil — weil ich der Intendant — der Menus —“ „Was heisst Menus?“ — „Sire, es sind die Menus-Plaisirs Eurer Majestät“. — „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der König den Rücken zu und ging.[58] Ludwig XV. hatte aber an seinen eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
Ludwig XVI. und seine Gemahlin Marie Antoinette sind persönlich von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des Königs, der Graf von Artois in der Tat ein berüchtigter Wüstling war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen Leichtfertigkeiten und Unklugheiten Marie Antoinettes verdächtige und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die angebliche Liebschaft zwischen Marie Antoinette und ihrem Schwager d’Artois (späteren König Karl X.). Die Königin wird hier in den obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf d’Artois war allerdings ein Hauptteilnehmer an den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, ebenso wie der Herzog von Orléans, Philippe Egalité. Auf den berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf von Artois eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf von Artois, der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) erzählt Rétif de la Bretonne, dass im Faubourg Saint-Antoine ein Bordell existierte, welches der Herzog von Orléans, der Graf von Artois und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen Infamien hin, welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden.“ Dort wurden jene Bestialitäten begangen, welche Sade schildert.[63] Als die Gemahlin des Grafen d’Artois 1775 in Paris einzog, wurde sie von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine öffentliche geworden war:
Célébrons tous à Paris
Un vaillant enfant de France;
Au moment qu’il entre en danse —,
Zeste, il vous a fait un fils!
C’est un vi..... c’est un vi.....
C’est un vigoureux mari!
La moitié que nous voyons,
On dirait qu’elle n’y touche,
Mais en nuptiale couche
A des talents non moins bons.
Le beau con.... le beau con...
Ah! le beau concert, dit-on.
Pour chanter les deux époux
En riant Bacchus s’avance;
Déjà dans la cuve immense,
S’entassent ses raisins doux.
Allons fou.... allons fou.....
Allons, allons fouler tous.[64]
Sade nennt (Juliette IV, 16) Marie Antoinette „la première putain de France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu beschimpfen (Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82), wie er überhaupt gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass hegt (Jul. IV, 16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette V, 340). Darüber hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der Erde vertilgen, welche die Völker berauben, und mochte eine „république universelle“ begründen. (Jul. V, 119).
4. Adel und Geistlichkeit.
Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis de Sade die Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten neben dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller Orden, Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und atheistische Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime zieht vor unserem Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich eigentlich nur einen einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils aus dem Adel sich rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde Offizier, der zweite Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich aus Mangel an Mitgift nicht verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die Begünstigung des Adels von Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert unerhörte Dimensionen angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- und militärischen Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. Mit 18 bis 20 Jahren erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne von der militärischen Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre Jugend in Luxus und Sinnengenuss mit Weibern.“[66]
Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das Institut der Abbés ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die man überall fand und die nichts war.“[67] Mercier[68] erzählt, dass Paris voll von Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der Kirche dienten noch dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, und nur unnütze Dinge und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine unwichtige Rolle als „Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. spielten. Auch waren sie in allen Bordellen zu Hause, obgleich früher jede Kourtisane, die den Besuch eines Abbé anzeigte, 50 Francs bekam. Das hatte aber unter Ludwig XVI. aufgehört. Eine köstliche Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts entwirft der berühmte Gastronom Brillat-Savarin[69]: „Wenn eine adlige Familie viele Söhne hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam anfänglich einfache Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung hinreichten, später wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er mehr Fähigkeit zum geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus der Abbés. Aber es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge Leute traten in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer — durch eine leichte Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines Benefiziaten und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde, Geliebten und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! — Die Abbés waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig, Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, sind fette Betbrüder geworden.“ Sade hat diesen Typus im Abbé Chabert (Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer Tochter gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten Manuels über die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später sehen werden.
Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der „Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in Brillat-Savarin einen liebevollen Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft gefunden, sich selbst den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist hübsche Männer. Sie trugen den Degen senkrecht, den Kopf hoch, die Nase im Winde, das Bein steif; sie waren Spieler, Verführer, Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge einer Modedame. Zu Anfang der Revolutionskriege gingen die meisten Ritter zur Armee, andere wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der Menge. Die wenigen Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck erkennen. Aber sie sind mager und können nur mühsam gehen. Sie haben die Gicht.“[70]
Die Vertreter des Klerus sind in Sades Romanen die Verüber der allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt Sade die Schandtaten, die Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden Ranges ins rechte Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten Schimpfworten. Und er hat Grund dazu. Gerade bei der Erörterung der Lasterhaftigkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden wir uns stets auf authentische historische Dokumente stützen. Nicht wir reden, sondern der Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der Polizei reden und geben Sade Recht, dessen Werke bekanntlich auf den Index gesetzt wurden, wohl weniger wegen ihrer Obscönität als wegen ihres antiklerikalen Inhaltes.
So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und die übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. Die Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches sind die einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! Wer verführt und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die Priester! Wer ist der grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! Urheber der Bürgerkriege? Die Priester! Wer vergiftet uns beständig mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns bis aufs Letzte? Arbeitet am meisten an der Vernichtung des Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am meisten mit Verbrechen und Infamien? Welche sind die gefährlichsten und grausamsten Menschen? Und wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der Erde zu beseitigen? Wir verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle Schmerzen Frankreichs sind das Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). Zahllos sind die Orgien und Ausschweifungen, welche von Geistlichen in den Romanen Sades veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen Typen sind vertreten. Der Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der „sanguinaire“ u. s. w. Wir erwähnen nur die schauerlichen Orgien im Karmeliterkloster (Jul. III, 143), beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, 234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I, 238), in den Katakomben des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und Nonnen (Jul. I, 96) beim Papst Pius V. und den Kardinälen Albani und Bernis in Rom (Jul. IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und Gotteslästerer, Sade lässt sogar — ein Unikum in seinen Werken — im vierten Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des Kardinals Bernis vorlesen (S. 162–169). Wir gehen dazu über, aus den Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis de Sade nicht Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so schimpflicher Weise blosstellt.
5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen.
Pierre Manuel hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de Paris dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein photographisch getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt Paris vor dem Ausbruche der grossen Revolution genannt werden darf. Adolf Schmidt, einer der besten Kenner der französischen Geschichte im 18. Jahrhundert, welcher selbst in seinen „Tableaux de la Révolution Française“ ähnliche Berichte wie Manuel zusammengestellt hat, bezeichnet das Buch von Manuel als eine der zuverlässigsten Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]
Manuel hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen Worten über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): „Ich will die wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare enthüllen, welche selbst die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden Menschen in die Hölle verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst nicht sie entehren. Denn der keusche Mensch ist derjenige, welcher bei seiner Frau schläft.“ Kann die Unsittlichkeit des Zölibats besser und würdiger charakterisiert werden, als Manuel es mit diesen Worten getan hat?
Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer Vorgesetzten. Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.
Franziskaner (S. 295–297): 12. Februar 1760. Der Bruder François Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.
2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora, sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.
Bernhardiner (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux, Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque. Kommissar Mutel u. s. w.
Karmeliter (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom Maubert-Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde „qu’il prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable Martin, Kommissar Duruiman u. s. w.
Dominikaner (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre im Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. Kommissar Mutel u. s. w.
Kapuziner (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.
9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und Joseph Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle beide im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten, da sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.
Rekollekten (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni 1763. Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche ihn geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.
1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin seit 7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.
19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie, sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
Minimen (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er auf die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Feuillantiner: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, bei Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des Subpriors Jean Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.
Augustiner (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und der Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.
26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses St.-Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der St.-Louis, rue du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus eigenem Antriebe gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. Ich liess diese sich ausziehen und berührte sie mit der unter dem Mantel verborgenen Hand. Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer Freundin Julie, die mir meine geistlichen Gewänder auszogen und mich als Frau kleideten und schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem Zustande überrascht. Ich erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese Phantasie habe, welche ich aber bis heute nicht befriedigen konnte. Als Beweis der Glaubwürdigkeit unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, welche die genaue Wahrheit enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ Kommissar Mutel, Inspektor Marais.
18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.
Praemonstratenser (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Büsser von Nazareth (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei der Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. Kommissar Mutel u. s. w.
Theatiner (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:
Entre la chair et la chemise
Il faut cacher le bien qu’en fait.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
Coelestiner (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn der Sunamitin auferweckt.
Barmherzige Brüder (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, vor Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
Oratorianer (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder. Kommissar Mutel u. s. w.
Stiftsherren von St.-Geneviève (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar Sirebeau u, s. w.
2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen einer Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von ihm in der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73]
Eremiten (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet. Kommissar Mutel u. s. w.[74]
Christliche Schulen (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich, welche ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden, Kommissar Mutel u. s. w.
Stiftsherren von St.-Antoine (S. 312): 27. September 1765. François Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche eintraten cum pariter victi, femina virque jacent.
Jesuiten (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon, 52 Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte. Kommissar Mutel u s. w.[75]
Dekane, Würdenträger und Domherren (S. 313–315): 3. April 1764. Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien gleicher Ansicht mit Rubens zu sein, welcher nur Schönheiten von 200 Pfund Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w.
14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei der Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat.
3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte.
Pfarrer (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der Lambert, per cuncta cava corporis libidinem recipientem. Kommissar Mutel u. s. w.
22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina latus. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Abbés (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum dritten Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen Brief in Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den Göttern zeigte, und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen zu haben, bis in den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm, einen Schemel bei Hofe haben sollte.
Doktoren der Sorbonne (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin.
23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans bei der Desnoyers. Das war seine dritte These.
Erzieher (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges inierunt benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w.
Auswärtige Priester (S. 319–320): 28. Oktober 1762. François Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. —
Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig. Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen Dokumente geben eine genügende Erklärung und — Rechtfertigung für den Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in Sades Romanen zukommt, und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos von Sade bedacht wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, Unsittlichkeit aber, begangen von Predigern der Sittlichkeit, ist das Verabscheuungwürdigste in dieser frommen Welt, welcher mehr Intelligenz gut täte als Frömmigkeit.
Manuel bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein Bischof in derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass man nicht einmal von einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie viel weniger von seinen geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet aber doch diejenigen des Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir vielleicht ein Vorbild für den Erzbischof von Lyon bei Sade zu suchen haben.[76]
Ausser diesen Berichten Manuels existiert noch ein sehr grosses Werk über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der Bastille gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der Geistlichkeit in zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen über die Auffindung von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der Erzbischof von Paris. Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. Die beiden Bände umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum 7. Juni 1766, sie sollten wahrscheinlich eher „raviver la lubricité caduque du monarque“ als den Interessen der Moral und der Würde des Königs dienen.
In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des Pfarrers von Bagnolet und der Mademoiselle Mimie. In der Autographensammlung von Lucas-Montigny befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von Paris, M. de Inigué an den Polizeiintendanten Le Noir[78]:
Le clerc de Inigué.
Conflans, den 30. Juli 1786.
Mein Herr!
Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris oft eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons wohnt. Wenn es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, die zu erfahren ich sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem Danke verpflichten.
Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und ergebener Diener.
Antoine E. L., Erzbischof von Paris.
Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“
Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] Wir werden in das Bordell der Madame Richard geführt. Sapho (so heisst das junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête der Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade einen doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen mit einer unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt ist, legt ihn um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden Seiten mit Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine Eisenkette, welche sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese durch eine Art von Suspensorium unterstützt werden, das sich in der Mitte dieser Kette befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren besetzt, aber weit geflochten, de manière à ne point empêcher les attouchements de la main sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke wurden ähnliche „Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr schreitet die Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.
Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser Diözese. Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer von ihnen ist ein Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une femme.[80]
Auch durch Gedichte und Bilder wurde die sexuelle Liederlichkeit des Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der Exjesuit Cerutti geleistet, wenn er sagt[81]:
Des mensonges sacrés le commerce sordide
Partout du sacerdoce a grossi le trésor.
Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or.
Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse;
Contemplez les bûchers que Rome canonise;
Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi.
Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]:
On a choisi cinq Evêques paillards,
Tous cinq ronges de vérole et de chancre,
Pour réformer des Moines trop gaillards.
Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?
Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! Wie sie aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse und das zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen Exemplaren hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion anglais“ sah. Auf derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der Erzbischof von Rheims (De la Roche-Aymon) befindet sich vor einer katholischen Kirche neben einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet und einen Hut unter ihrem Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand überreicht sie dem Erzbischof von Arles (de Jumilhac) den Orden vom heiligen Geiste, zieht ihn (den Erzbischof) an sich, streichelt ihn und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht die grösste Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Narbonne (Dillon) auf sich. Der Erzbischof von Toulouse (de Brienne) ist in seinem Amtszimmer und hat zwei Bände der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen mit dem Artikel „Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich überreicht der Erzbischof von Bourges (Phelyppeaux) einer jungen Dame einen Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines Freudenmädchens trägt.
6. Die Jesuiten.
In seinen „persischen Briefen“ lässt Montesquieu den Rica auch eine Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher erklärt. Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen, welche „die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; welche in ihrer Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der Liebe hervorbringen kann, sie nebeneinander stellen, mit einander vergleichen und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich noch, wenn sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der Spiessgesell so vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so nackt hingemalt werden!“[83]
Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18. Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden, die Wollust durch die Religion zu legitimieren, und die eigenen unsittlichen Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu kleiden. Der Jesuit hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen aufzusuchen. In seiner Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde es ihm leicht gemacht, seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu befriedigen, die als „göttliche Eingebungen“ gegen polizeiliche Recherchen zur Genüge geschützt waren.
Schon im 17. Jahrhundert musste Cornelius Jansen gegen die jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der Jesuit Benzi lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas monialium tangere, esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85]. In Konsequenz dieser Vorschriften schändete de la Chaise, der Beichtvater Ludwigs XIV. die Hofdamen und führte dem Könige von England Maitressen zu[86]. Junge Damen in Holland liessen sich von Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso die Hofdamen zu Lissabon unter Nunez.[87] Der Jesuit Herreau lehrte 1642, dass es erlaubt sei, sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies seinen Schülern und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16. Jahrhundert die Damen in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im Jahre 1789 wieder nachgeahmt wurde.[89]
Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der Apologie des Mordes durch Sade in nichts nachgibt, sei auf die Abhandlung ihres Urhebers J. de Mariana[90], sowie auf die berühmten, die ganze Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres provinciales“ von Blaise Pascal verwiesen (Cologne 1657). Auch im 18. Jahrhundert erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern unzüchtige Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So schrieb der letzte Ordensgeneral vor der Aufhebung, Lorenzo Ricci, in einem im Brüsseler Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten sich gegenüber den jungen und — reichen Witwen zu benehmen haben. Sie sollen sich alle mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten Heirat abzuhalten, indem sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben, die Gefahr für ihre Seele u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber trotz alledem die jungen Witwen grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe haben, wenn sie sich in dem Falle befinden: melius est nubere quam uri, dann darf ein kluger und diskreter Pater ihnen seine Dienste gegen die Verlockungen des Fleisches anbieten.[91]
Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten Jean Baptiste Girard und seinem Beichtkind Cathérine Cadière zu Toulon, die im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure Literatur gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild gedient.[93] Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces concernant le Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“ (1731) niedergelegt. Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten Situationen verbildlicht haben; seine Zusammenstellung wird dem Marquis d’Argens, dem Grafen Caylus, sowie Mirabeau zugeschrieben. Auch hat man behauptet, dass der Marquis de Sade zu seiner „Justine“ durch obiges Werk angeregt worden sei.[94]
Der Jesuit Girard hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger in Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet, in welche die schöne und fromme Katharina Cadière, Tochter eines reichen Kaufmanns, eintrat. Es gelang Girard, durch die Anwendung der raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen und dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen. Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste geistige Unzucht führten bald zu schwerer Hysterie des armen Mädchens, in deren Verlaufe Girard dasselbe schwängerte, aber sofort nach jesuitischer Moral durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern wusste. Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem er aber zur allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde.
Dies Urteil veranlasste Voltaire zu dem sarkastischen Ausspruche:
Le P. Girard, rempli de flamme,
D’une fille a fait une femme;
Mais le parlement, plus habile,
D’une femme a fait une fille.
Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière darstellte, die Verse:
Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle:
Ah, Girard est plus heureux qu’elle.
7. Die schwarze Messe.
Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult der sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer „Personifikation des physischen Begattungs-Mysteriums“ als Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft der „metaphysischen Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte, die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen Félicien Rops einen ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch festhaltenden Künstler besessen hat, ist von G. Legué[96] und vor allem von Stanislaus Przybyszewski[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan und Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der Begeisterung und des Rausches.
Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat er geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische Bewegung gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der heilige Phallus mit seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“ Das war die Zeit der naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam das juden-griechische Christentum und predigte die übernatürliche, asketische Vaterschafts-Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam von der Natur los. „Sie zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur, die sich nach aussen in Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie beschützt all’ das, was die Natur ausstossen will, den Schmutz, die Hässlichkeit, die Krankheit, den Krüppel und den Kastrierten“. Aber die Natur lässt sich nicht austreiben. Und so musste auch die Kirche nachgeben und schliesslich den heidnischen Kultus mit dem ihrigen verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der Ceres Libera wurden bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer Ausgelassenheit gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte das Volk zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das Fest des Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) — Reste des Phalluskultus verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten von obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“ Der eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus im südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan den ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der „Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen die christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester, wo sie sie nur auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu obscönsten Zwecken, und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die Parodie des katholischen Kultus. In ihren Zusammenkünften, ihren parodistischen Messen ist bereits der satanistische Sabbat völlig, sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize musste bei der Aufnahme allen katholischen Glauben abschwören, das Kreuz bespeien, der Taufe und der Oelung entsagen“. Trotz der Verfolgungen der Kirche erhielt sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo potest peccare ab umbilico et inferius“ fand besonders unter „unbefriedigten“ Priestern Anhänger. Die Sünde durch die Sünde töten! Das war ihr grosses Prinzip der geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle Weiber, die mit ihm sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h. Maitressen der Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der Flagellantismus, die Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche Hysterie bis aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre Triumphe. Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen geblieben und hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der Neuzeit ist sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die „Adamiten“ oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt versammeln, das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben, die schon 1421 auf einer Insel im Flusse Luschwitz von Johannes Ziska ausgerottet wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des Chrudimer Kreises als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde deshalb gewählt, weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus Marokko kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die „Oneidagemeinde“ oder die den alten Namen der „Perfekti“ wieder erneuernden „Perfektionisten“ im Staate New-York (seit 1831). Noch heute wird der Satans-Kult in Paris gefeiert, wie dies die Werke von Huysmans[99] u. a. schildern.
Berühmt wurde der Prozess der Magdalaine Bavent im 17. Jahrhundert, der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé Guibourg, bei dem Racine, Lord Buckingham und die Marquise de Montespan die schwarze Messe hörten[101].
Der Marquis de Sade bekundet sich in seinen Romanen als einen fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.) wird eine solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert. Ein Mädchen wird als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische festgebunden, mit zum Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt auf einen grossen Tisch gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss wird mit einem Kruzifix geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss die absurdesten Mysterien des Christentums“. Dann wird auf den Nates der Justine eine Messe gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist, ergreift sie der Mönch Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der Hostienaberglauben mit den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.
Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der „Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.
Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum tribadum gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.
Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche eine schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano filiae inseritur.
8. Die Nonnenklöster.
Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen können. Das bei Sade (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster Panthémont in Paris existierte wirklich! „Das grosse Kloster des 18. Jahrhunderts nach dem Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche Erziehungshaus der ‚Filles de France‘, ist das Kloster Panthémont, das Fürstenkloster der rue de Grenelle, wo die Prinzessinnen erzogen wurden, wohin der höchste Adel seine Töchter schickt.“[102] Panthémont war das teuerste aller Klöster. Die gewöhnliche Pension für junge Mädchen betrug 600 Livres, die aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende des Jahrhunderts stieg sie auf 800 bezw. 1000 Livres, welche letztere Summe die mit der Aebtissin speisenden Pensionärinnen zahlen mussten.
Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende Wort: Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter Buchstabe. Die Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten die weltlichen Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen. Aber es fand trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch die Laienschwestern wurden auch die Nonnen über die Ereignisse ausserhalb des Klosters unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben dem Kloster nicht fern, wie auch der Verkehr mit den jesuitischen Beichtvätern und das intime Zusammensein so vieler junger und alter Frauen gewiss die aus früheren Jahrhunderten bekannten sexuellen Verirrungen in Nonnenklöstern nicht haben aufhören lassen. Wenn die Gebrüder Goncourt sich darüber wundern, dass im Kloster Panthémont ein Buch wie die „Confidences d’une jolie femme“ der Mademoiselle d’Albert geschrieben werden konnte, mit seinen wenig moralischen Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die Goncourts in ihrer bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die „gute, alte Zeit“ eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht anerkennen. Freilich haben wir gerade über die französischen Nonnenklöster wenig zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das Kloster Panthémont nur eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.[104] Aber was beweist das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu Tage. Sie war es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur französischen Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar blickenden Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für das ancien régime begeisterten Buckle.[105] Man denke an das früher Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst Tocqueville, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen des 18. Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il compromettait par sa conduite“, was Buckle als besonders bemerkenswert hervorhebt.[106] Was ferner die Goncourts ganz übersehen haben, ist der entscheidende Umstand, dass das Treiben in den Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung in Theaterstücken wurde, wie Lanjons „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der Dragoner und die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die ungeheure Verbreitung der Tribadie in Frankreich im 18. Jahrhundert, die wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der berühmte Roman Diderots „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen der Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]
So dürfen wir Sade schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette III, 56).
Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade gestiegen. Gorani, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen Ausschweifungen der Nonnen von Prato (bei Florenz) hat einen der berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht gezogen. v. Reumont gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern Unordnungen schlimmster Art sich gewissermassen eingenistet, ein Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen, in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess unterwerfen. Zugleich liess er allen Dominikanern die Verbindung mit den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen und im Falle von Ungehorsam den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, Scipione de’ Ricci (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral Lorenzo Ricci) von Potter.[111]
9. Die Frau im 18. Jahrhundert.
Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der Frau. Mit Recht meint Georg Brandes[112], dass die Goncourts, diese so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der „Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der Goncourts über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die Frau.“ Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die allein sichtbare, die Regierung der Mesdames de Prie, de Mailly, de Châteauroux, de Pompadour, du Barry, de Polignac. Im Staat, in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts, einer Du Deffand, Necker, Lespinasse, Geoffrin, im Salon des Grandval, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“ geschaffen.[114]
Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür, dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen Einflusse der Frauen ganz gut eine Verachtung des weiblichen Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei. (Goncourts a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer Quinault, unter den unzüchtigen Reden eines Duclos und Saint-Lambert, berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser Geistestrunkenheit von der Scham sagen: Schöne Tugend! die man mit Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, welche von Helvétius u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und von Buffon in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer Brutalität“[116].
Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. Bernards berühmte Nachäffung des Ovid, die „l’art d’aimer“ predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der Abbé Galiani sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118]
Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse vor. Immer wieder wird von Sade in seinen Romanen betont, wie sehr durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. Mercier erzählt[119], dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. „Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in jener Zeit.[120]
Daraus resultierte eine unerhörte Schamlosigkeit des Weibes. Mit 30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in Sades Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, eine so zart empfindende Seele wie Madame Roland kennt kein Gefühl der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. bei Sade (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre eigenen Reize beschreibt?
Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites maisons der Roués mieteten, um wie die Goncourts sich ausdrücken, „die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in Bordellen ihr Vergnügen suchten. Rétif de la Bretonne glaubte die Gräfin d’Egmont in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123] Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel, ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen: die Du Barry! Tochter eines niedrigen Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das Freudenhaus der Madame Gourdan, von dem später noch die Rede sein wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf Jean Du Barry kennen, an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort „s’encanailler“.[125]
So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet und genährt wurde sie durch die berühmten „Convulsionen“, jene merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang (von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des einst durch seine Askese so berühmten Abbé Paris zum Mittelpunkte. „Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé Bécherand ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine erotische Färbung. Dulaure hat beschrieben, welche Rolle zuletzt die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge „zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste Weise erklärt werden.
Die Hysterie („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame Abricossoff zeigt.[128] Sauvages hielt nicht mit Unrecht für die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige Exzentrizitäten.
Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit, der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität. Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, um zu verderben. Die Typen der Gestalten Sades lebten! Darüber kann kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. „Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer — Liebe aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die „libertinage des passions méchantes.“[132]
Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden Goncourts, dass diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die Goncourts nennen den Herzog von Choiseul, den Marquis de Louvois, den seine Geliebte, Madame de Blot, folternden Grafen de Frise als solche männliche Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein Vorbild für Sades Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, noch bevor Sade, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter Chaumettes Leitung die „theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen der Vernunft“ wie die Maillard, die Moncoro, die Aubry auf sehr irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die „tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen „furies de guillotine“.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreissen sie des Feindes Herz,
wie unser Schiller mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo es heisst:
De ces effrayantes femelles
Les intarissables mamelles
Comme de publiques gamelles,
Offrent à boire à tout passant;
Et la liqueur qui toujours coule,
Et dont l’abominable foule
Avec avidité se saoule,
Ce n’est pas du lait, mais du sang.[134]
Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie sie in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten Einfluss ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand, de facto aber sich geltend machte. Und doch war die Missachtung des Weibes nie so gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten alle geistreichen Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der Frau, das z. B. die junge Gräfin Crigny zur Teilnahme an Sektionen trieb[135], wenn dabei sichtlich das Familienleben zerstört wurde, wenn der Schwerpunkt des weiblichen Wirkens ausserhalb des eignen Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor uns haben, und es wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die wahre Schätzung des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die sogenannte Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern wird.
Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: Montesquieu, Rousseau, Voltaire und Diderot haben die Verachtung des Weibes gepredigt. Man denke nur an Voltaires bitter-sarkastische Aeusserungen über seine treue Freundin Madame Du Châtelet. Das Weib ist nach Rousseau nur zum Vergnügen des Mannes geschaffen worden. Nach Montesquieu hat der Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur Anmut, und Diderot sah in der Frau einzig und allein ein Objekt der Sinnenlust. „So ist die Frau nach Diderot eine Courtisane, nach Montesquieu ein anmutiges Kind, nach Rousseau ein Gegenstand des Vergnügens, nach Voltaire — Nichts.“[136] Als in der Revolution Condorcet und Siéyès für die häusliche und politische Emanzipation der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch die mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18. Jahrhunderts, durch Mirabeau, Danton und Robespierre.“ Und für Napoléon I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei: eine Frau tun zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner der Frau im 18. Jahrhundert, Rétif de la Bretonne, äussert oft in starken Worten seine Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache dieser Verachtung ist klar. Die Ehe ist, wie Westermarck in seinem klassischen Werke zur Evidenz nachgewiesen hat, dasjenige Institut, dem die Menschheit ihre sittliche Vervollkommnung verdankt, sie ist das absolut sittliche Institut. In der Ehe ist das Weib dem Manne ebenbürtig, weil es ihn ergänzt. Ausserhalb der Ehe kann das Weib den Mann nicht ersetzen, wird folglich alsbald minderwertig erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den unleugbaren Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem Wesen scheitern. Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der Verringerung der sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe entgegenbringt. Dies zu sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber nach vollendeter Emanzipation des Weibes bestätigt werden.
10. Die Litteratur.
Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst nicht unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer Weise zu einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem ancien régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt in der französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche Fabliaux beweisen, allein erst im 18. Jahrhundert begann man an die Stelle der gesunden, derben Natur und Naivität dieser älteren Produkte der Zotologie Gemälde der Sinnlichkeit zu setzen, deren raffinierte Absichtlichkeit einer erschlafften Gesellschaft zu giftigem Reizmittel diente.“[138] Das 18. Jahrhundert hat den grössten Teil der heute existierenden pornographisches Litteratur hervorgebracht, an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher mehr als alle anderen vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen. Den Löwenanteil an dieser Produktion pornographischer Werke beansprucht die Zeit von 1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle Aubertin als die Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“ bezeichnete, in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur durch eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese Bücher machen den Kultus des Fleisches zu ihrem Hauptthema. Sie kennen nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten Varietäten des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die Dirne ehrbarer als die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich mit obscönen Büchern so beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“ ruft Jules Janin aus[140], „dass sogar Männer wie Voltaire, Rousseau, Diderot, Montesquieu und Mirabeau dem Geschmacke der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz vor und während der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren geistigen Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren pornographische Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet Mercier[141]: „Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und Kupferstiche gleicherweise die Scham und den guten Geschmack verhöhnen. Ueberall verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf Tischkörben, an den Seiten der Brücken, in den Türen der Theater, auf den Boulevards. Das Gift ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten Erzeugnisse der Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und ohne Scheu den öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind gewissermassen privilegierte Zotenhändler; denn jeder Titel, der nicht ein unflätiger ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen. Die Jugend saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte Palais-Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird. Dieses Zentrum aller Lustgenüsse war auch der Hauptmarkt für die obscönen Schriften, welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut von Lustreizen überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der Pariser Damen wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch Bérard eine interessante Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf die ungeheure Verbreitung der Werke des Marquis de Sade wirft: „Ich erinnere mich, dass eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich gebeten hatte, ihr für sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen aufs Land zu besorgen, auf dieser Liste vermerkt hatte: ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘, in welchem Buche sie wahrscheinlich ein pädagogisches Werk vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige Schriften in überreicher Fülle vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und wird auch wohl heute noch der Fall sein. Parent-Duchatelet erfuhr von Peuchet, einem ehemaligen Archivar der Polizeipräfektur, dass Napoleon I. zu Ende seines Konsulats alle derartigen im Besitze von Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen und zu vernichten befahl. Nur ein Exemplar von jedem wurde in der Nationalbibliothek aufbewahrt. Diese Angabe Peuchets ist nach Parent-Duchatelet begründet, dem von dem Bibliothekar Van-Praët das Verzeichnis der Bücher vorgelegt wurde, sowie diese selbst in einem Winkel des Erdgeschosses der Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]
Von obscönen Büchern ist denn auch bei Sade recht häufig die Rede. Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette (S. 96 ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches Claude durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“ eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt darüber: „Man macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne Bilder und Bücher wir dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier des Chartreux“, ein mehr „scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen Abfassung der Verfasser trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben soll.“ — Zweitens die „Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes, der Ausführung nach schlechtes Buch. — Drittens die „Education de Laure“, ein elendes Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust, Mordtaten und „goûts cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“, „das bezaubernde Buch des Marquis d’Argens“ mit den Bildern von Caylus, das einzige von diesen vier Büchern, welches Wollust mit Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden Juliette und Clairwil bei dem Mönche noch zahllose „elende kleine Broschüren, die in den Cafés und Bordellen ausliegen“, zu denen auch die Werke des „nichtigen Mirabeau“ gehören.
Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit diese sie während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang, einer „solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette I, 32). Sade hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner Lektüre hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des Erzbischofs von Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV, 263.)
Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen bibliographischen Werke von Gay[145] und Cohen[146] vermitteln eine weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der wir nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.
In Pierre Joseph Bernard (1708–1775), von Voltaire „Gentil-Bernard“ genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien die „L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung der ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf dem Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind mit einem Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind nur ein Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und die Deutlichkeit der Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen lassen. Bernard erteilte in seinem Gedicht einen ganzen Kursus der raffiniertesten Geschlechtsliebe, in dem er auch das Lesen schlüpfriger Schriftsteller empfahl.[149]
Der jüngere Crébillon (Claude Prosper Jolyot de Crébillon 1707–1777) kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven Schriftstellerei im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften sind charakterisiert durch einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in der Wollust“.[150] Am berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon den Inhalt verkündigt.[151] Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris 1735), „Les amours de Zeo Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746), in denen die Liebesabenteuer des fünfzehnten Ludwig geschildert werden. Ferner „La nuit et le moment“ (Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris 1751), „Les égarements du cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w. In Crébillons Romanen macht sich bereits die Neigung bemerkbar, die gemeinste Sinnlichkeit durch Umkleidung mit einem philosophischen Gewande zu verschönern und zu rechtfertigen.
Jean François Marmontel (1723–1799) hat in seinen „Incas“ den Typus des antiklerikalen Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen Inhalt auf spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen unverkennbar eingewirkt hat.[152]
Die bei Sade von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt im Anschlusse an den Fall Girard (Dirrag) und Cadière (Eradicée) die sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen, schreibt Sade diesen Roman dem Marquis d’Argens und die Bilder dem Grafen Caylus zu, welche Ansicht auch von Gay geteilt wird. Wahrscheinlicher ist aber die vom Abbé Sephe und von Barbier zuerst entdeckte Urheberschaft des Kriegskommissars de Montigni (genannt Lucas-Montigni). Statt Caylus soll Antoine Pesne, der bekannte Hofmaler Friedrichs des Grossen, die obscönen Bilder gezeichnet haben.[154]
André Robert Andréa de Nerciat (1739–1800) war zwei Jahre lang (1780–1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788 an) Vertrauter der Königin Karoline von Neapel. Er schrieb die berüchtigte „Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und als Fortsetzung derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“ (Paris an V). Seine obscönste Schrift ist der „Diable au Corps“ (Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche Schrift eines Doktor „Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der „joyeuse faculté phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der Verfasser im Vorwort versichert.[155]