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Ferien an der Adria
Bilder aus Süd-Österreich
von
J. C. Heer
4.–8. Tausend
Frauenfeld und Leipzig 1918
Verlag von Huber & Co.
Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich
Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld
Druck von Huber & Co. in Frauenfeld
Vorwort zur dritten Auflage
1887–1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die »Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt, daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit angelegt war.
Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals die Furcht davor über jedermann.
Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur Trümmer.
Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. Inter bellum musae silent. Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich für meinen Erstling immerhin erfreut.
Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten, indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser zufrieden geben.
Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen, die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern – das ist mir mehr Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.
Weihnacht 1917.
J. C. Heer.
[Inhaltsübersicht]
| Seite | ||
| Im Friaul | [1] | |
| Venedig. – Abendfahrt. – Monfalcone. – Meer und Tiefland.– Ein Garten. – Die Piazza grande. – Der Markt. – Lebenund Lieben. – Nord und Süd. – Ein Original. – Sein Hausregiment.– Der Maler. – Die Volksschule. – Am Hafen. –Die Fischer. – Ein Strandgebiet. – Die Malaria. – DieCampagnen. – Der Isonzo. – Die bäuerliche Wirtschaft. –Furlanische Dörfer. – Italiener und Slovenen. – Die Karstlandschaft.– Eine Taubenhöhle. – Verlorene Wasser. | ||
| Österreichisch Nizza | [27] | |
| Eine Wagenfahrt. – Görz. – Völker und Sprachen. – Einmittelalterliches Idyll. – Industrie. – Die Villen. – DerKurort. – Ein Ausflug. – Der Monte Santo. – Wallfahrer.– Lienhard und Gertrud. – Aussicht. – Bohnen in den Schuhen.– Am Isonzo. – In der Ebene. – Gradiska. – Ein Plan. | ||
| Aquileja | [45] | |
| Die Gründung. – Die Blüte. – Leben und Treiben. – DerUntergang. – Alte Lebensfasern. – Fundgegenstände. – EinStall. – Das moderne Aquileja. – Rückblick. – Die ungetreuenFrauen. – Die Erbin. – Eine Auferstehung. – Der Pozzo d'oro.– Ein Wirrsal. – Signore Moschettini. – Das Museum. –Skulpturen. – Grabsteine. – Anticaglien. – Neujahrslampen.– Ziegelinschriften. – Der Campanile. – Die Patriarchen. –Der Dom. – Die Krypta. – Ein urchristliches Taufbecken. –Die Aussicht. | ||
| Lagune von Grado | [73] | |
| Die Düne. – Ebbe und Flut. – Lagunenfahrt. – SäkuläreSenkungen. – Schöne Pläne. – Gradonesische Fischer. – Indolenz.– Ein Asyl. – Das Städtchen Grado. – Badeleben. – Inselgrün.– Die steigende Flut. – Südliche Nacht. | ||
| Im Frühling von Miramare | [87] | |
| Ein Badeort im Sumpfe. – Der kürzeste Strom Europas. –Naturrätsel. – »Es stand in alten Zeiten …« – Duino. –Meerbilder. – Die Dolinen. – Slavische Dörfer. – An derKüste. – Die Gärten von Miramare. – Erzherzog Max. – DasTrauerspiel von Mexiko. – Der Kaiser. – Charlotte von Belgien.– Das Ende. – Ein Gang durchs Schloß. – Auf der Balustrade.– Ave Maria. | ||
| Triest | [106] | |
| An den Quais. – Der Hafen. – Der Leuchtturm. – Ausblick.– Schiffer und Arbeiter. – Der Fischmarkt. – Meerspinnen undMuscheln. – Die Stadt. – Denkmäler. – Die Einwohnerschaft.– Gegensätze. – Antikes. – Winckelmann. – Beim Antiquar. –Das Arsenal. – Der Schiffsbau. – Seeleute. – Ein Maschinist. | ||
| Die Küste von Istrien | [125] | |
| Meerfahrt. – Capo d'Istria. – Pirano. – Das Volksleben. –Schöne Frauen. – Die Salzgärten. – Die Punta Salvore. –Spielende Delphine. – Der Name Istrien. – Der kleine Antiquar.– Parenzo. – Eine Schweiz im Wasser. – Felsen und Riffe. –Rovigno. – Schiffersagen. – Die Bucht von Pola. | ||
| Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn | [143] | |
| Das Seearsenal. – Schiffsmodelle. – Trophäen und Standarten.– Die Magazine. – Die Riesen des Alpenwaldes. – Werftenund Docks. – Das Stadtbild von Pola. – Chidher, der ewigjunge. – Römische Denkmäler. – Die Arena. – Eine Überraschung.– Arme Leutchen. – Im Mondschein. – Aus derSchenke. – Ein Nachtspaziergang. – Sonnenaufgang. – Lapoveretta. – Der Scirocco. – Mal di mare. | ||
| Der Karst und die Grotte von Adelsberg | [163] | |
| Osterfahrt. – Die Karstgewässer. – Äcker und Weiden. – DieBora. – Der Wald. – Aufforstungen. – Adelsberg. – AmGrottentor. – Die Grotte. – Der große Dom. – Der Höhlenfluß.– Die Geschichte der Grotte. – Die Tropfsteinbildungen.– Der Tartarus. – Geheimnisvolle Bildwerke. – FestlichesLeben. – Unerforschte Gänge. – Zum Kalvarienberg. – Andie Sonne. | ||
Im Friaul.
Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche Einladung meines Onkel – Direktor Johannes Heers in Monfalcone – zu einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.
Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien, Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut, geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von Triest.«
Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen; in Lecco, wo die »Promessi sposi« in Liebesträumen gewandelt, fing ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem Markusplatz zu Venedig.
»La mia bella Venezia!« Es war am dritten Tag meines dortigen Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht, und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt der erschlagenen Republik.
Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.
Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen hinaus. »Addio, carissima patria, addio, addio!« schrien die braunen Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche, der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne im Auge.
Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische Doppeladler.
Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie – die Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons. Wagenwechsel – Gepäckrevision – dann sank melancholisch die Nacht herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke, während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz verriet.
Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« – dann »Rubbia-Savogna – Zagrado – Ronchi« und endlich – meine Ungeduld war aufs höchste gestiegen – »Monfalcone«!
Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder, die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs.
Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.
Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt haben.
»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott. Hier ist gute Wanderrast!«
Als ich's rief – oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke – stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen, aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen perlen.
Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen, ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt.
Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber.
Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem sonnigverklärten Blau zurück.
Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende, von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht Jahrhunderte kommen und gehen sah.
Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu Stein verhärtet hat.
Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts zu vergleichen haben.
Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.
Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis, in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen. Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.
Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach leicht und zwangslos in die Seele.
Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten genug vor den Blick des Fremden drängen.
Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen, auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze.
Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während sein ursprünglicher deutscher – Neuenmarkt – in Vergessenheit geriet.
Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit einem daran stoßenden kleinen Park.
Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.
Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering, da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes; doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders nach Wien.
Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben durch.
Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte, allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel; es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste leistet.
Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde.
Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes, wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der Monfalconeser bildet.
Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein Mädchen widersteht den Klängen.
Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt, dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen Gestalten.
Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht, eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.
Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße, die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen.
Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.
Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens. Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen, an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone.
Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt. Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und der Palette.
Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners.
Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein. Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld, kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle Haar.
Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl.
»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal.
»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus einem Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« Zuweilen erwische ich sie aber doch.«
»Wie so denn?«
»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan. Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich nicht.«
»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«
»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten – mein Gott, hätte ich nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer Spekulant ist an ihm verloren gegangen.
Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht. Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer, Netze und Wild.
Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das Sprichwort »Se non è vero, è ben trovato« anwenden mußte, bin ich immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der nördlichen Adria hübsch präpariert.
Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an sich gefesselt hat.
Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die heranwachsende Jugend baut.
Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum. Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten waren.
Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg – und manch ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu verdanken.
Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man kommt, sieht man etwas Neues.
Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der adriatischen Nordküste.
Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß, zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.
Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter, im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite Meergebiete bloß.
Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken, ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die zurückweichende Flut und sammeln ihre »frutti di mare.«
Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken, zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, hineinzugreifen.
Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge, als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.
Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung.
Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt:
»Il mar' è turpido
E la barquetta pendole
E nome tei è tendere
Ch'è amic' sola me.«
Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt, und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart macht, den zukünftigen adriatischen Seemann.
Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.
Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück, da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.
Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die melancholische Poesie der Steppe schwebt.
Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers, aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.
Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und werden zum fortwährenden Fäulnisherd.
Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch, den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.
Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit schleppt, dafür.
In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und keine Beamten sind so verachtet wie die »doganieri«; ich aber, der ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.
Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu den Seealpen.
Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden, endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe ich immer angenehm gefunden.
Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. – Waren es Wolken – waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein.
Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme, von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme schießende Weizen die Felder deckt.
Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.
Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden, an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht.
Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas, wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr 580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.
In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.
Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul – so bezeugt es Herodian, der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts – den Fremden durch eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann geblieben.
Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.
Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter, Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen hat.
Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital, an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran.
Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die Polenta, nicht mehr.
Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben.
Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.
Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und wohltuenden Eindruck.
Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben Bevölkerungszahl.
Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück; denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern ist mit slavischem und deutschem versetzt.
Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten slavischen Wesen.
Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut, ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar und wasserblauen Augen.
Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt, dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet.
Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die Bürgermeister nicht schreiben können.
Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung, grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine Felsenwüste.
Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige Grün in dieser Steinwildnis.
Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man aus den Wundern nicht herauskommt.
Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales.
Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst, dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.
Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine grotta di columbe, eine Taubenhöhle.
Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen. Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals, unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.
In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen Pistolenschuß erschreckt.
Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein Blutbad anrichten.
Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der Adria brechenden kurzen Strom erreichen.
Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser umblühen, mitgenommen.
Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »Cotonificio triestino« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? – Von solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter.
Österreichisch Nizza.
Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«, Montreux das »schweizerische Nizza« ist?
Wo aber ist »österreichisch Nizza?« – Es ist Görz, eine küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat.
Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.
Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.
Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten Gebirgszüge des Karstes sendet.
Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.
Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt, mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz, seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge. Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes, kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten.
Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in Merna die Kunst der Fußbekleidung.
Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an.
Eine Stadt mit 17 000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet, die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu liegen kam.
Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626, daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer mehr befestigt, so daß jetzt 11 000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen stoßen.
Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut.
Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten.
So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne, unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben.
Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte Flitterwochen hielten.
Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein geistlicher Herr – die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut gemacht – löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist G'fahr vorbei.«
Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm, so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.
Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht, eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.
Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt.
Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht. Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt.
Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen.
Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet, hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten, öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.
Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben, die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.
Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort und – was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde – es stellt sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter, der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines südtirolischen Kurortes zurücksteht.
Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben, sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit, und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er eben in der italisierten Stadt vermißt.
Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« realisiere oder nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird jeder ihrer Besucher mit dem Eindruck lieblicher Schönheit verlassen.
Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber steht mir ein Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund hinterhalb Salcano und eine Besteigung des Monte Santo, die ich später einmal unternommen, vor meinem Gedächtnis.
Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und weiter gegen jenen nackten Felsenrücken, auf dem das Kirchenkastell des Monte Santo steht.
Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine Ortschaft von 1400 Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, ansehnlichen Häusern, die sich am linken Ufer des Isonzo aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer Gebirgsklause heraustritt.
Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber noch nicht in die Geschichte eingetreten war, blühte hier um die Wende des Jahrtausends ein Grafengeschlecht, das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von Görz verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist.
Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein.
Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut, beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.
Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645 Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.
Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich nicht gereut.
Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu Kapelle höher hinan.
Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.
Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und auf der Erde hat bleiben müssen.
Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes »Chi va piano, va sano« zu.
Das war der Anfang unserer Unterhaltung – und je länger ich mit ihm redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«
Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein Landsmann sei.
Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!« sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien Institutionen.«
Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab; aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer.
Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio, ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt. Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den tirolischen Alpen angehören.
Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja, die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle, die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der sanft im Horizont erstirbt.
Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn, den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«
Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der dafür kämpft.
»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen; aber für eine Schweizerreise …« Er starrte melancholisch vor sich hin.
Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem Lehrer Abschied nehmen.
»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück Weges begleiten.«
Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe, hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging.
»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu werden.«
Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon verziehen.
Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer. »Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«
Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick hatte den einen dem Blick des andern entzogen.
Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen.
Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß, an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein unterhalb seines Falles.
Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!
Man hat – ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach Görz unternommen, zurück – die interessanten Gebäude der Stadt bald gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält.
Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza. Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte, und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt durch dessen eigene Hand niedergestoßen.
Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe Wippach in den lichten Isonzo.
Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der Abendkühle ein hoher Genuß.
Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der »gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen Landtag hat.
Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.
Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes, weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins südösterreichische und italienische Gebirge.
An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen; allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und Rechten die besten Humusgründe weg.
Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen.
Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.
In einer halben Stunde – in Roncchi – hatten wir den Zirkel unserer Fahrt beendet. Am frühen Abend waren wir wieder in Monfalcone.
Aquileja.
Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter zu Rom früher auf, als sie sonst zu tun pflegten; denn der Fall war ernst: Die Kelten und Illyrier, die bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen, zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der Adria niederzulassen.
Das war die Sorge der Väter zu Rom.
Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen Priestern in den italienischen Osten, und als diese an jenen flachen Strand und Winkel kamen, wo – um mit den jetzigen Namen zu reden – der triestinische aus dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem Ochsen auf einer breiten Landwelle, etwas abseits vom Meer, ein Viereck aus, das ein Quadrat sein sollte und eins war. Da trat P. Scipio Nasica, einer der drei Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester fielen mit heiligen Messern über die Opfertiere her, spritzten das warme, rieselnde Blut auf den umgepflügten Grund, weissagten aus den Eingeweiden, reckten die Hände empor und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen gefischt, über die Gegend, und sein Schatten fiel auf die Priester. Das war nicht gut; denn Störche haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja!
Dreitausend Kolonisten bebauten den ager colonicus um sie her; die Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los gefallen.
Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte, nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein Schlüssel des römischen Reichs.
Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer – denn diese hielten bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde – aber diejenigen unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des antiken Kunstgewerbes.
Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des Römerreichs und unter den neun – die Hauptstadt ausgenommen – die reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben haben.
Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer, gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein.
Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging, hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg, Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche Feste des Reichs.
Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor. Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ager colonicus seine Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert.
Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.
Da kam – fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel – sein Untergang. Es war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.
»Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort,
Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. –
Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort,
Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort.
Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt,
Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat.
Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an.
Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann,
Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt
Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat.
Aquileja, Aquileja wurde so berannt,
Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«
A. Kopisch.
Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün, im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene liegt.
Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht; daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte ich nicht gedacht.
Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen, sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu Tausenden und Tausenden gefunden werden.
Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen, als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte der Gegenwart schmückt.
Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im Bereich des alten Aquileja!
Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.
Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe, jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle, Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja übergegangen.
Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur – ihre Ställe – zu zeigen.
Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere, deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein.
Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben, sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich behaglich den Tod anfüttern.
Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen, schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen – und fort geht's von Monastero.
Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet, wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so treffend sagt,
»Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte –«
findet.
Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der 37 000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; ja sie hat – der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür – eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich.
Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende. Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere durchgeschlagen hatten.
Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.
In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich, ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen, erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig.
Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen ergingen.
Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig!
In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts Venedig, die Tochter Aquilejas.
Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden!
Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor.
Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern, Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre Flügel schlägt.
Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der Pflugschar die Antike.
Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen Geschmeid der Römerin.
Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu ziehen.
Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom pozzo d'oro, dem Goldbrunnen.
»Lange bevor Aquileja unterging«, – so lebt sich im Friaul die Erzählung fort, – »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer, Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen; noch niemand hat ihn entdeckt.«
So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die Klausel des pozzo d'oro das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden sollte.
Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19. Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.
Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli, der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen.
Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner Palast ist aus kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen.
Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen, Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor, Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen, Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial barbarischem Geschmack besessen.
Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen, so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle des römischen Aquileja zu geben vermag.
Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd, weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück, deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu Venedig die Frage auf die Lippen:
»Wo ist das Volk von Königen geblieben,
Das solche Häuser durfte bauen?«
Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger Anticaglien, Nutz- und Schmuckgegenstände des altaquilejensischen Haushalts, haben im Innern des Museums ihre Aufstellung gefunden. Schon die Vorhalle bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit einer prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, Kolumbarien, die zum Teil noch die verbrannten Knochen enthalten, unsere Stimmung auf den Eintritt in die Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern, daß jene schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch Zeus darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. Sie war so kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges Gegenstück der berühmten Dariusschlacht galt, die man auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte.
Avete Caesares! – Der erste Museumssaal ist jenen Steindenkmälern gewidmet, die sich auf die römischen Kaiser und ihre Beamten beziehen, und fesselt besonders mit zwei fast vollständig erhaltenen Marmorstatuen das Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner, kräftiger Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt sich die Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper drapiert; die andere ist das nicht minder schöne Bild des Kaisers Claudius. Man vermutet jedoch des eingesetzten Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula, jenem Tollmenschen »memoriae damnatae«, der vom Jahr 37–41 auf dem römischen Thron gesessen, gegolten, und erst, als dieser in einer Palastrevolution fiel, das Haupt des Claudius erhalten habe.
Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie denn die kolossalen Verhältnisse der in Aquileja gefundenen Marmorbilder ein hervorragendes Charakteristikum derselben bilden. Unter den über lebensgroßen Torsen interessiert besonders deswegen eine nackte, starkbewegte Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen – Puntelli – an die sich der Künstler bei seiner Arbeit hielt, noch zeigt und uns so einen Einblick in die Bildhauertechnik des Altertums gewährt.
Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung von Grabsteinen, die uns bald das Bild der Toten in Relief darbieten, bald mit kürzern und längern Inschriften von ihnen erzählen. So berichtet der eine von Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat ein antiker Salber einem kaiserlichen Haussklaven, dort ein Priester seinem Vorgänger, der 110 Jahre alt geworden war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß dieser die weite Reise aus seiner Heimat einzig deswegen unternommen habe, um Aquileja, die herrliche Stadt, zu sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer Bestattungsgesellschaft begraben wurde.
Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten Saal schauen die lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, der Vater der Götter und Menschen, im Schmuck des langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur, der Gott mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem Helm und Federbusch, Venus, die meergeborne Göttin mit dem Perlendiadem aus großen Medaillons auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein spielt der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche, bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, des meerbeherrschenden Gottes, ist leider nur noch ein Torso. Einem Marmorbild der Venus, die in der Stellung der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der herrlichsten Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das Haupt. Ein allerdings entzückend schöner Venuskopf, der auf einer nahen Säule aufgestellt ist, entschädigt nicht ganz für das fehlende.
Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten Bildern will sich in die Seele des Beschauers schleichen; denn, wenn auch gebrochen, sind sie doch nicht tot, sondern reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit mächtig zu seinem Gemüt.
Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich die Künstlerschaft der antiken Meister noch in den Fragmenten so achtunggebietend offenbart, und treten wir in die Räume, wo die Anticaglien, jene zumeist in den Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art nicht weniger interessant als der Marmorprunk der durchwanderten Gemächer.
Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische Haus. Es sind bronzene Nägel und Nadeln, Griffel, die zum Schreiben auf die Wachstafeln dienten, Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel, und einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung arretinischen Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, die mit ihren zierlichen Reliefs in den Oberflächen gewiß einst den Stolz eines tafelfreudigen Aquilejensers gebildet. Tonplatten, welche in erhobener Arbeit Szenen aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen, schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. Mannigfaltig ist die Ausstellung von Tonlampen, die, selten eines Reliefschmuckes entbehrend, bald zierliche Traghenkel, bald eine Einrichtung zum Aufhängen zeigen und manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet sind.