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Nick Tappoli
Roman
von
Jakob Christoph Heer
61.–70. Tausend
Stuttgart und Berlin
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
1922
Alle Rechte,
insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Für die Vereinigten Staaten von Amerika:
Copyright, 1920, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin
Vorwort
Vor etlichen Jahren überreichte mir eine inzwischen verstorbene Zürcher Dame in zwei Heften ihre Lebensbeschreibung wie die ihres Mannes, der ihr bereits im Tod vorangegangen war. Die alte, aber stets noch lebhafte »Frau Nick Tappoli« äußerte dabei die Hoffnung, daß mich die bewegten Schicksale, die in den Aufzeichnungen enthalten sind, zur Gestaltung eines Romans anregen möchten. Nun habe ich als Schriftsteller immer das Gefühl gehabt, daß für uns eigentlich nur die Stoffe gut und dankbar sind, die ohne äußeres Dazutun aus der eigenen Seele keimen und wachsen. So ließ der Roman der »Nick Tappoli« auf sich warten, und die Anregerin selber hat also die Erfüllung ihres Wunsches nicht mehr erlebt.
In der langen Öde der Kriegszeit aber, die sich allem friedlich dichterischen Schaffen so furchtbar feindlich erwies, geriet ich wieder einmal über die beiden Manuskripte und suchte in ihrer Bearbeitung Vergessen von den wehen Eindrücken der Weltbegebenheiten. So entstand der Roman doch. Inwieweit nun das Werk das geistige Eigentum der Verstorbenen ist, inwieweit ich den Stoff ausgebaut und gerundet habe, möge vor den Lesern nicht erörtert werden; es genüge die Feststellung, daß ich die etwas merkwürdigen Linien der Handlung getreu aus den Heften der Zürcher Dame übernommen habe und mir nur an ihrer Vereinfachung gelegen sein ließ. Ich machte dabei die alte Erfahrung, daß die Wirklichkeit des Lebens viel freier und willkürlicher mit den Menschenschicksalen spielt, als es die dichterische Phantasie in einer nach künstlerischen Gesichtspunkten aufgebauten Erzählung wagen darf. Der Leser möge es entschuldigen, wenn er Spuren davon auch im Buche noch findet.
Bei dem teilweise Zürcher örtlichen Gepräge des Buches liegt mir noch an der Erklärung, daß ich darin alles, was auf bekannte Lebende oder Verstorbene deuten könnte, nach bestem Wissen und Gewissen ausgemerzt habe. Das beliebte Spiel, die Vorbilder der Gestalten eines Romans auszuforschen, hätte in diesem Fall keinen Sinn und würde nur zu falschen Vermutungen führen.
Möge »Nick Tappoli« aufgenommen werden als das, was das Buch ist: ein mitten aus der Flut des Lebens geschöpftes Beispiel menschlichen Ergehens, ein Zeugnis, wie Kraft und Unvermögen, Irrtum und Erkenntnis uns den Weg bereiten.
J. C. Heer
1
Das Städtchen Eglisau an der Steilhalde des Oberrheins bildet den Zugang zum Rafzerfeld, einem rechtsrheinischen Lappen Schweiz inmitten badischen Gebietes. Nur durch die holzverschalte Brücke, an deren Sprengwerk ein Wald von Stämmen verwendet worden ist, hängt es mit der Landschaft von Zürich zusammen, der es im fünfzehnten Jahrhundert durch friedlichen Kauf einverleibt worden ist. Vom Mittelalter an bis zum Aufkommen der Eisenbahnen hat der Ort auf dem in heller Bläue einherwogenden Strom viele muntere Bilder gesehen: in den Weidlingen, den langen, schmalen Kähnen, die mit großer Sicherheit über Wirbel und Klippen hinweggleiten, die Kaufleute und das fahrende Volk, das von Konstanz her auf die Zurzacher und Basler Messe zog, und auf den Flößen, welche die mächtigen Alpentannen für den Schiffbau nach den Niederlanden führten, allerlei Reisende, die um billiges Geld die Welt sehen wollten. Selten wohl glitt ein Fahrzeug an Eglisau vorüber; ein jedes fast machte kurzen Halt, und die Insassen ließen sich den Rotwein des Städtchens munden, das wie der Vogel in sein Nest mitten in Weinberge hineingebettet liegt.
Als aber hüben und drüben in den Ländern am Rhein Eisenbahnen entstanden, erlosch der Verkehr auf dem Strom allmählich. In den sechziger Jahren lag schon ein Hauch des Stillstandes und der Vergessenheit über dem Städtchen. Mit verwitterten, doch blumenumrankten Lauben schauten seine hochgebauten, einander überragenden Firsten auf das lichte Band des Stromes. Bei der Brücke erhoben sich der stattliche Barockbau der Kirche mit dem in einer roten Zwiebel endigenden Turm und dicht daneben das große, weißgetünchte Pfarrhaus, vor dem der Fluß in Wogen und Strudeln quirlt. An Kirche und Pfarrhaus vorbei windet sich die von Zürich und Schaffhausen führende Straße in mäßiger Steigung durch das Städtchen empor. Da standen ein paar alte Gasthöfe mit kunstreichen Schildern, der »Hirsch« mit einer von Eichensäulen getragenen Laube und die »Krone« mit den gotischen Fensterreihen, auch Bürgerhäuser mit patrizischem Schmuck, Wappen, Namen, weit in die Straße vorspringenden Wasserspeiern, und da und dort ein Kramladen mit bauchigem Fenstergitter. In dieser Gasse und einigen anderen lag noch ein Abglanz reichsstädtischen Wesens über der kleinen Stadt, verlor sich aber weiterhin bald in die Bilder bäuerlicher Behäbigkeit.
Wie bescheiden sich indessen die Schicksale Eglisaus mehr und mehr gestalten, einige Vorzüge blieben ihm doch: die schöne Lage am gewaltigen Wogenzug des jungen Stromes, die fruchtbaren Felder, die prächtigen Wälder an beiden Ufern, vor allem aber der an heißer Halde gewachsene Wein, der die Sommersonne eingefangen hat und im Glas einen milchweißen Stern wirft, und die köstlichen Forellen und Salme, die beim Wasserrad der Schiffsmühle oberhalb der Brücke mit großen Senknetzen aus dem Strom gehoben werden. Wegen dieser Annehmlichkeiten war das Städtchen von jeher ein beliebtes Ziel der von Zürich ausfliegenden Naturfreunde und Feinschmecker, besonders in goldener Herbstzeit, wenn der Duft des Sausers, des gärenden Weinmostes, durch die Gassen wehte und durch die Brücke Tag und Nacht das Schellenklingeln der Weinfuhrwerke ging.
Fast mehr noch als die Gasthöfe wußte Pfarrer Salomon Tappoli, Bürger von Zürich, der damals in Eglisau amtete, von Gästen zu erzählen, ein ebenso leutseliger wie geistreicher Kopf, der dem Leben einen künstlerisch-sonnigen Gehalt abgewann und die Besuche aus seiner Vaterstadt in launiger Geselligkeit um sich scharte.
Zu jener Zeit hatte das Städtchen aber auch noch einen berühmten Messerschmied, Meister Martin Junghans. Wer von ihm geschaffene Werkzeuge besaß, Messer und Scheren, Zirkel und Schublehren, auf denen die Marke »Junghans«, ein fröhliches Gesicht mit Zipfelmütze, eingestempelt war, der durfte sie sehen lassen. Sie waren bester Stahl, sorgfältige Arbeit. Sie lobten den Feinschmied von Eglisau und waren auf den Schweizer wie süddeutschen Märkten vorteilhaft bekannt. Gewiß hätten sie eine noch größere Verbreitung gefunden, wenn Martin ein ebenso gewandter Kaufmann wie Handwerker gewesen wäre und ihren Ruf ausgenützt hätte. Er verlangte jedoch aus angeborener Bescheidenheit für die Werkzeuge nie so viel, wie es der fast eigensinnigen Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit entsprochen hätte, und das Städtchen mit seinen Nachbardörfern war für die Erzeugnisse Meister Martins auch kein genügendes Absatzgebiet. Als Händler selber auf die auswärtigen Märkte zu ziehen, widerstrebte seinem ehrenfesten Wesen, und mit den Wiederverkäufern, welche die Waren wohl rasch und mit Vorteil los wurden, sie aber bei ihm lange schuldig blieben, hatte er manchen redlichen Verdruß.
Warum es Martin Junghans nie recht zu Klingendem brachte, lag aber wohl am meisten an seiner großen Familie. Das vom Vater ererbte stattliche Haus an der Obergasse, eines der ältesten und höchsten des Städtchens, mit geräumiger Werkstatt und kleinem Laden, gewährte ihm und den Seinen zwar reichlich Raum, aber der Tisch war manchmal für den dutzendköpfigen Haushalt etwas knapp. Er bestand aus den Eltern, den beiden Gesellen und acht Kindern. Doch waren gerade diese in ihrer blühenden Gesundheit der Stolz des Schmieds. Unparteiisch teilten sie sich in ein Vierblatt von Knaben und Mädchen, und ebenso unparteiisch schlugen sie zu je vier im Aussehen dem großen, blonden, blauäugigen Vater und wieder zu je vier der kleinen, dunkelhaarigen und schwarzäugigen Mutter nach; ihm vor allem die beiden ältesten Söhne, Friedrich und Ulrich.
Wie es in großen Familien der Fall ist, erzogen sich die Kinder von selber; die Jungen am Beispiel des Vaters, die Mädchen an dem der Mutter, die neben dem Hauswesen eine kleine Landwirtschaft mit Weingarten und Acker besorgte. Gleich hinter dem Haus lagen die Grundstücke, stiegen bergan und verloren sich an der freien Anhöhe. Rechtschaffen müd konnten darin die Glieder werden. Wollte sich aber einmal der Faden der Erziehung nicht von selber geben, sprang ein mutwilliges Böcklein aus Reih' und Glied, so half Vater Martin Junghans nach und züchtigte es. Das geschah selten, aber dann mit treuherzigem Zorn, männlicher Festigkeit, und von der Mutter ließ er sich nicht in den Arm fallen.
Diese betrübliche Vaterpflicht hatte er unlängst an Ulrich, seinem zweiten, bald zwölfjährigen Sohn erfüllt, der sich als Ziel für heimliche Schießübungen die blinden Rundscheiben eines Nachbarhauses ausersehen hatte.
Nun bemerkte er im Wesen des Knaben eine Änderung, die ihm zu denken gab. Der sonst gutgeartete, offene und geschickte Junge, wegen seiner geistigen Lebhaftigkeit beinahe sein Liebling, verschloß sich ihm, der Mutter, den Geschwistern und wurde ein Eingänger und Eigenbrötler. Schwer ließ sich sagen, was er in den Sinnen trug. Hatte der Vater den Buben wegen der paar Scheiben doch zu scharf gestraft? – Meister Martin war darüber nicht ohne innere Unruhe, doch ließ er es gewähren, daß sich der Junge oft bergwärts davonschlich, hinauf in die stillen Felder und Wälder, die sich in breiter Ebene über der Stromhalde ausdehnen. Noch war es ja keine Übeltat, wenn ein Knabe gern allein seiner Wege streifte, und gelegentlich war schon wieder ein Wort mit ihm zu sprechen.
In der Tat war Ulrich über der Züchtigung eine wehe Kränkung ins Gemüt gefahren. In seinem Einsamkeitsdrang vertrieb er sich die Zeit mit allerlei knabenhaften Gedanken über das menschliche Leben, Werden, Sein und Vergehen. In den Adern floß ihm aber das Blut des Vaters, den es nie lange beim bloßen Sinnen litt. Die Hände mußten etwas zu tun haben. Er zertrümmerte alte Baumstrünke, um sie nach ihrem Inhalt zu durchforschen, wühlte in Fuchs- und Dachshöhlen und baute in die Quellenläufe Wasserräder aus Weiden und Schindeln; endlich suchte er dadurch einen Ausweg aus seinem Groll, daß er sich auf eine Erfindung warf, und zwar auf die eines Flugzeuges, was damals noch kein so landläufiger Gedanke war wie in unseren Tagen.
Als Werkstätte diente ihm eine Hütte, die sich Holzhauer im Winter zur Zuflucht erbaut hatten. Sie stand durch einen Waldstreifen vor neugierigen Blicken geschützt, vom Städtchen ziemlich entfernt, am Strom. Dahinauf trug er aus einer Bucht Weidenzweige, Binsen und Schilf und flocht sich daraus mit einer Geschicklichkeit, die eines Korbmachers würdig gewesen wäre, zwei Flügel, die, wenn er sie aufstellte, doppelt so hoch wie er selber waren. Der Sattler lieferte ihm um gute Worte und wenig Geld einen alten Gürtel und starken Zwirnfaden, mit denen er die Schwingen zusammenfügte, und lederne Handriemen, die er an die Flügel nähte, damit er sie zu bewegen vermöge.
In tiefer Heimlichkeit war die Maschine fertig geworden. Strahlenden Auges betrachtete er sie und sah sich in seinen Träumen bereits durch die Lüfte schweben. Sein Ehrgeiz war, den Rhein zu überfliegen. Die Eglisauer sollten nun sehen, daß er mehr könne als Schrot in alte Fenster schießen. Vor allem aber wollte er den Vater beschämen, die Erfindung um eine große Summe Geldes verkaufen und ihm den Betrag schenken. Bei diesem Gedanken klopfte ihm das Herz fast zum Zerspringen. –
Eines Sommertags arbeitete er mit Mutter und Geschwister im Weinberg; nun aber die Glocke aus dem Städtchen herauf vier Uhr meldete, durfte die Jugend baden gehen.
Er tat vor der Mutter, als ob auch er diese Absicht hätte, löste sich aber bald aus der Schar der übrigen Knaben und stieg berghinan. Die große Stunde war da, wo er den Wert seiner Erfindung beweisen wollte. Mit jeder Faser seiner Sinne glaubte er daran.
Aus der Waldhütte schleppte er die Flügel an eine Stelle der Stromhalde, an der ihn nicht leicht jemand beobachten konnte, und hielt von einem zerbröckelnden Felskopf Ausschau. Wenn er in den Rhein flöge! Das wäre nicht schlimm. Als vortrefflicher Schwimmer war er in den Wellen daheim. Wie ärgerlich aber! Am Fuß des Abhangs, halb hinter Weidenbäumen verborgen, badete an einer seichten Stelle eine kleine Schar Schulmädchen in weißen Hemden. Zwei davon erkannte er aus der Höhe: seine Schwester Marie und ihre jüngere Freundin, das Pfarrerstöchterlein Nick; denn so dunkle Haarschöpfe wie die beiden hatte sonst niemand im Städtchen. Ihnen über die Köpfe hinwegfliegen? Was entstände für ein Geschrei! – Nein, es war doch klüger, zu warten und den wilden Eifer zu zähmen. Wie eine Ewigkeit erschien ihm die halbe oder ganze Stunde, während der die Mädchen sich noch im Wasser tummelten.
Endlich kleideten sie sich unter den Uferweiden an. Eines die Arme in die des andern gehängt, gingen sie mit lässigem Singsang gegen das Städtchen zurück und ließen auf ihren Rücken die Badhemden in der Sonne trocknen.
Nun war sein Augenblick da.
Mit wildem Herzpochen hängte er sich den Gurt der Flügel über den Nacken und schlüpfte mit den Armen und Händen in die Bänder. Das Gesicht heiß und kühl, die Stirne vor Erregung schweißtriefend, rannte er, die Schwingen hinter sich schleppend in jähem Anlauf über den Felskopf hinaus.
Was half ihm sein verzweifelter Mut? – Es ging ihm wie damals noch allen, die fliegen wollten. Die schöngebauten Flügel machten keinen Schlag. Über den Fels hinab stürzte er auf die mit wenig Gras bewachsene Geröllhalde, hilflos kollerte er mit den Flügeln den Abhang hinunter, dann warf ihn die wachsende Sturzkraft mitten in ein Gebüsch von Schwarzdorn und Brombeerstauden. Sie hielten seinen weiteren Fall auf.
Unbewußt hatte er bei dem Sturz einen Schrei ausgestoßen.
Die heimwärts schreitenden Mädchen blickten sich um, kamen eilends zurückgelaufen und spähten ängstlich in das Gestrüpp. Marie, die Schwester, schrie entsetzt auf: »Mein Gott, du bist es, Uli!«
Es war nicht leicht, dem in die Dornen Gefallenen Hilfe zu bringen; im Kreise stand das Schärchen jammernd um den unglücklichen Flieger, den die Schnallen seiner halbgebrochenen Flügel an jeder Bewegung hinderten, und begriff nicht recht, was vorgefallen war.
Zuerst packte Nick zu. Mit einem Taschenmesserchen begann sie die Ranken und Dornen wegzuschneiden und war dabei so eifrig, daß sie sich selber das blaugetupfte Kleid zerriß und die Arme blutig kratzte.
Einmal begegneten sich die Augen des Hilflosen und die ihrigen, und mitten in den brennenden Schmerzen überraschte er sich bei dem Gedanken: »Wie schön ist die Nick!« Das lag an ihren dunklen Augen und ihren vom Eifer der Arbeit geröteten Wangen.
Übrigens leistete ihr Messerchen so kleine Dienste, daß er ihretwegen noch lange in den Stauden hätte liegen bleiben können; aber der Auflauf der schreienden Mädchen war aus der Ferne von Rebleuten bemerkt worden. Sie eilten herbei und hatten mit ihren kräftigen Hackmessern und Scheren Uli, dem das Blut übers Gesicht lief, bald aus den Dornen und Banden los. Doch errieten sie so wenig wie die Mädchen, auf welche Weise er in diese üble Lage geraten war.
Erst Pfarrer Tappoli, der irgendwo am Strom der Anglerei obgelegen hatte, löste das Rätsel. Obgleich ihn der stöhnend daliegende Knabe dauerte, glitt ihm doch ein Lächeln um den Mund: »Der neue Schneider von Ulm!«
Das verstand nun Ulrich nicht; er merkte aber doch, daß das Wort irgend etwas Närrisches andeutete. Vor Scham vergaß er einen Herzschlag lang seinen Schmerz.
Eine Schulter war ihm verrenkt, ein Fuß gebrochen.
Die Leute banden die beiden zerzausten Weiden- und Schilfflügel zu einer Tragbahre zusammen. Auf den Schwingen, die ihn hätten über den Rhein führen sollen, wurde der tollkühne Junge, der sich jetzt am liebsten in die Erde verkrochen hätte, unter mancherlei Geleit ins Städtchen gebracht. Neben der Bahre lief die schlanke Nick, unbewußt hielt sie die dunklen Lichter in die geängstigten blauen Augen des Verunglückten gerichtet.
Noch vor dem Städtchen kam, was Ulrich am meisten fürchtete: die Begegnung mit dem Vater. Das Gesicht bleich vor Zorn, trat der breitschultrige Schmied mit dem blonden Vollbart an den Knaben heran. Jemand von den Seinen in aller Leute Mund und Gespött! Das war mehr, als Junghans ertrug. Ehe er aber die Lauge seiner Wut ausschütten konnte, erkannte der Pfarrer das herannahende Gewitter, nahm ihn auf die Seite und sprach mit ihm von altem gutem Einvernehmen und davon, daß man einen Bubenstreich nicht gar zu ernst nehmen dürfe; den mißlungenen Flugversuch Ulis um so weniger, als der Junge ja den Versuch nicht aus böser Absicht oder niedriger Denkart, sondern aus einer lebhaften Einbildungskraft unternommen und der Übermut seine Strafe bereits in sich selber gefunden habe.
Meister Martin ließ sich halbwegs beruhigen, beherrschte den Zorn und versetzte nur: »Jetzt wird mein Uli entweder etwas ganz Rechtes oder etwas ganz Schlechtes. Wer solche Jugendstreiche begeht, findet den goldenen Mittelweg nie!«
»In Uli liegt bloß das ganz Rechte. Keine Bange, Meister,« erwiderte der Pfarrer in klingendem Brustton.
Die Männer hatten das alte Haus in der Obergasse erreicht und den Verwundeten in die Stube getragen. Da es nichts mehr zu gaffen gab, zerstreuten sich die Neugierigen. »Wir haben in Eglisau wohl schon manche seltsame Leute erlebt,« plauderten sie, »sogar einmal einen, der den ewigen Umgang studierte und darüber irrsinnig geworden ist; aber einen, der fliegen wollte, doch noch nie.« Ein paar Alte hatten aus den Kalendern noch die Geschichte des Schneiders von Ulm im Gedächtnis. Die lief nun durch das Städtchen. »Albrecht Berblingen hieß er und verfertigte nicht bloß Kleider, sondern auch Kinderwägelchen, sowie künstliche Arme und Füße für Verstümmelte. Am 30. Mai 1811 wollte er mit einer selbsterfundenen Maschine im Beisein vieler Zuschauer von der Stadtmauer in Ulm die Donau überfliegen, fiel aber elendiglich in den Fluß. Der König, der eben in der Stadt weilte, schickte dem Narren zwanzig Louisdors zum Trost, der Schneider jedoch wurde darüber nur noch verrückter. Er ließ sich für ein Wachsfigurenkabinett nachbilden und wurde neben anderen berühmten Persönlichkeiten als Spottgestalt in allen deutschen Städten ausgestellt. Damit brachte er viele Schande über die ehrsame Schneiderzunft und seine gesamte Vaterstadt.« So ging die Erzählung.
Einige sagten: »Die Geschichte des Schneiders ist im Schwabenland geschehen. Bei uns in der Schweiz, wo wir klüger sind, weiß bis auf Uli Junghans jedes Kind, daß man das Fliegen den Vögeln überlassen muß. Wenn wir Eglisauer nun bloß seinetwegen nicht auch in den Kalender kommen!« Die meisten aber waren froh, daß in dem stillen Städtchen wieder einmal etwas geschehen war, worüber man bei der Rebenarbeit ausgiebig sprechen, sich sittlich entrüsten und eine Familie bemitleiden konnte. »Der unglückliche Meister Martin! Was wird der noch an seinem zweiten Buben erleben! Und es sind doch rechtschaffene Leute, der Schmied und sein Weib.« –
In der Kammer lag Ulrich während der schönen Sommerszeit. Über das Ende des Schragens lief auf einer Holzrolle ein Seil, das ihm durch ein freihängendes Steingewicht den gebrochenen Fuß streckte, und von der Decke hing wieder ein Strick, an dessen Handhabe er sich notdürftig emporrichten konnte, doch der zerquetschten Schulter wegen nur unter Schmerzen.
Hie und da sahen Mutter, Geschwister, Verwandte und Bekannte nach ihm, und wer aus dem Städtchen kam, erzählte ihm die Geschichte des Schneiders von Ulm. »Hätte ich um den Albrecht Berblinger früher gewußt,« stöhnte er, »so wäre mir der Gedanke an das Fliegen nie gekommen und ich läge nicht so elend darnieder.« Nein, auf seinem unseligen Abenteuer schwebte nicht einmal der Reiz des noch nie Dagewesenen. Und jetzt hatte er schon so oft von Berblinger gehört, in alten Kalendern sein marktschreierisches Bild gesehen, daß er, wenn man ihm davon sprach, die blauen Augen und den blonden Kopf nur noch trübselig und ergebungsvoll gegen die Wand wendete. Noch mehr als unter der närrischen Geschichte aber litt er unter dem grolligen Benehmen des Vaters, an dem er doch mit der Leidenschaft des jungen Herzens hing.
Meister Junghans ärgerte und schämte sich bis auf die Knochen, daß einer seiner Jungen mit dem Gaukler von Ulm im gleichen Atemzug genannt wurde und wohl den Vergleich sein Leben lang tragen mußte. So ungehalten war er darüber, daß er nie in die Kammer des Dulders trat, sich nur gelegentlich bei der Mutter nach seinem Befinden erkundigte, und auch dann noch in einem Ton, als ob er sich mit der Nachfrage etwas an seiner Mannesehre vergebe.
Unter der zürnenden Art des sonst gutherzigen und gerechten Vaters litt nun die gesamte Familie, Ulrich oft bis zu heißen, heimlichen Tränen.
Da war es ihm ein großer Trost, daß neben manchen ihm gleichgültigen Leuten zuweilen auch die schlanke, schmale Nick Tappoli mit dem bildsaubern Köpfchen an seinem Lager erschien. Nie kam sie mit leeren Händen. Sie brachte ihm ein paar Blumen aus dem Pfarrgarten, Frühäpfel oder Pfirsiche, oder aus dem Fruchttrog weiche, gedörrte Birnen, die von weißem Fruchtzucker überlaufen wie Honig schmeckten. Oft mit seiner Schwester Marie, oft allein saß sie bei ihm und plauderte. Und wenn er einmal in Schmerzen zuckte, blinzelten ihm ihre dunklen Augen ermunternd zu: »Wenn du nicht hättest fliegen wollen, so könnte ich auch nicht so dasitzen, dich bemitleiden und bemuttern. Und das ist mir doch ein großes Vergnügen!«
Nick, das heißblütige Wesen, sah Uli fast so gern wie er sie, und er merkte es mit jubelnder Seele.
2
Nick, die mit ihrem eigentlichen Namen Monika hieß, war das Nesthäkchen des Pfarrhauses, ein hageres, zartes Geschöpf, doch von lachender Frische, mit dunkeln Augen und krausen Locken, noch eckig und zehnjährig kinderhaft in ihren Bewegungen, aber in allem, was sie tat, voll heimlichen Feuers. Fragte man sie, was sie im Leben werden wolle, erwiderte sie mit nachdrücklichem Ernst: »Eine Mutter!«
An dieser Antwort war nun nichts Besonderes. Wie viele kleine Mädchen mögen so denken und reden! Das Besondere war das warme Zugreifen, mit dem Nick den mütterlichen Trieb betätigte. Wenn die Frauen des Städtchens in den sonnenheißen Reben arbeiteten, sammelte sie die kleinen Kinder im Pfarrhof und von der Höhe des Studierzimmers hatte Tappoli Gelegenheit, ihr Pflegerinnentalent zu beobachten und darüber zu lachen. Namentlich aber hatte es ihm ein Streich der Jüngsten angetan.
Jenseits der Rheinbrücke hauste eine Korberfamilie im Blachenwagen. Die Frau kam nieder und zwar mit Zwillingen. In einer Kiste, die der Mann eilig bei einem Krämer geholt hatte, ruhten die beiden Kindlein auf Stroh. Sie sehen, heimlaufen und den Leuten für die Kleinen heimlich das Kopfkissen vom eigenen Bett bringen, war bei Nick eins. Darauf aber kam das schlechte Gewissen. Nick war nun jeden Morgen die erste, die aufstand, machte ihr Bett selbst und ließ sich von der Mutter die feurigen Kohlen unverdienter Lobsprüche auf das Haupt legen. Als aber die Wäsche gewechselt wurde, kam das Verschwinden des Kissens an den Tag. Noch schwieg die Schelmin, bis die Mutter ein armes Weib, das beim Vater vorgesprochen hatte, des Diebstahls verdächtigte. Da beichtete das Kind.
Die Mutter mochte schelten, Tappoli liebte den Schlingel. Gewiß auch die andern Kinder, den Gymnasiasten Dietrich, der dann und wann über Sonntag mit Freunden aus Zürich herüberkam, und Julie, die Erstgeborene, die in der Haushaltung schon eine große Stütze der etwas kränkelnden Mutter bildete; aber er spürte, wie Nick ein seelisch tieferes Leben führte als die beiden.
Sein besonderes Wohlgefallen an der Jüngsten stammte aber noch aus einer anderen Quelle. Ihr Anblick erinnerte ihn stets an seine Vorfahren, um des Glaubens willen vor dreihundert Jahren aus ihrer Heimat vertriebene Locarnesen, die sich durch den Hochwinter der Alpen schlugen und in Zürich eine zweite Heimat fanden. Allmählich hatten sich die Tappoli verdeutscht, sich mit der Stadt aufs innigste verwachsen, ihr manchen Magistraten und Kriegsmann von Ruf, namentlich aber viele Pfarrer gestellt. Er selber liebte Zürich mit warmem Bürgerstolz, doch gefiel ihm, daß irgendein Zug im Wesen Nicks, vor allem der in alemannischen Landen ungewöhnlich feine Gesichtsschnitt, das südliche Blut der Voreltern wieder zur Erscheinung brachte. Das Krausköpfchen zu belauschen, die späte, seltene Blume aus der Stammheimat jenseits der Berge, bildete die besondere Würze seines pfarrherrlichen Stillebens.
Als Nick nun Tag um Tag zu dem seit seinem Unfall immer noch leidenden Ulrich Junghans lief, fragte er sie einmal: »Und hast du über ihm deinen Freund Gerold von Jaberg ganz vergessen?« Sie sperrte die dunkeln Augen groß auf. »Nein, ich gehe und lade ihn ein, daß er am Sonntag wieder einmal zum Tanz kommt!«
Am Sonntagabend durfte sich die Jugend im Pfarrhaus tollen. Der Pfarrer, der einen artigen Verkehr zwischen Knaben und Mädchen für ein Stück Erziehung ansah, setzte sich auf den Tisch, stellte die Beine auf das Brett eines Stuhls, blies auf der Flöte Tanzmelodien, schlug mit dem rechten Fuß den Takt dazu, und die Kinder tanzten nach Herzenslust durch die Stube. Kam Dietrich mit seinen Freunden zu Besuch und fehlte es an ein paar Mädchen, dann rief man aus dem Städtchen Unterstützung herbei, darunter Marie Junghans, die drei Jahre älter, doch nicht viel größer als Nick war. Und nun fand sich auch Gerold von Jaberg, sonst ein schüchterner und zurückhaltender Junge, der sich an seinen Vater zu klammern liebte, seit einiger Zeit in dem harmlosen Kreise heimisch.
Sein Vater, Doktor Bruno von Jaberg, mit dem er sonst auf einem Schlößchen bei Konstanz wohnte, ein reicher und feingebildeter Mann, übte im Gebiet des Oberrheins den Beruf des Altertumsforschers aus. Dabei war ihm Eglisau ein angenehmer Standort mitten in einer Gegend, in der es mancherlei Geschichtliches zu entdecken und nachzuweisen gab: keltische Grabhügel und Lager, die Spuren einer römischen Brücke über den Rhein, auch von Wachttürmen an den Ufern, altalemannische Siedlungen und Schutzwerke und mittelalterliche Reste. Deswegen nahm er, von Gerold begleitet, jeden Sommer ein paar Wochen Quartier im Städtchen. Das Volk, das für seine Forschungen nur mäßiges Verständnis zeigte, betrachtete den Gast, der in der Hand die Doppelhacke und über der Schulter die Sammlerbüchse trug, als einen vornehmen Kauz, um so mehr, weil er und seine Frau getrennt lebten, er am nahen Bodensee, sie irgendwo fern am Meer. Wer aber mit dem leichtergrauten Fünfziger, in dessen Zügen ein leises Leiden stand, näher in Berührung kam, lobte seinen menschenfreundlichen Sinn, sein Verständnis für die bäuerliche Welt, und manche behaupteten, es sei mit dem adeligen Herrn leichter als mit manchem Gemeindepräsidenten oder Säckelmeister zu verkehren. Pfarrer Tappoli hörte ihn gern von seinen Ausgrabungen erzählen, und sie verplauderten beim Wein oft eine Abendstunde miteinander.
So kam es, daß sich auch die Kinder Gerold und Nick gut kannten. Beim Tanz im Pfarrhaus wurde durch sie seine Neugier nach dem Knaben lebendig, der hatte fliegen wollen. Er wünschte ihn zu sehen, und der Vater gab seiner Bitte nach; er kaufte zur Ausrede bei Meister Junghans ein schönes Messer und fragte dann höflich nach Ulrich. Dem Schmied schwoll die Zornader auf der Stirn, am liebsten hätte er ihm geantwortet: »Was geht Sie der dumme Streich Ulis an? Er ist mein Junge!« Es lag aber etwas Zwingendes in der schlichten Vornehmheit des Käufers, und mit verdüstertem Gesicht führte der Schmied ihn und Gerold an das Lager des Leidenden. Ulrich aber sah nur den eigenen Vater, und sein Herz wallte über vor Freude, daß sich der Gekränkte endlich einmal bei ihm blicken ließ.
Jaberg, Vater und Sohn, unterhielten sich eine Weile mit ihm und erbaten sich sogar die Erlaubnis, wieder vorsprechen zu dürfen. Der stille Gerold, der an dem jugendlichen Abenteurer einen besonderen Gefallen fand, kam nun fast so häufig zu Ulrich wie die Nick, und manchmal saß das Dreiblatt stundenlang über prächtigen Knabenbüchern, die er mit sich brachte, beisammen.
Schon konnte Ulrich mit aufgebundenem Arm an einem Stock wieder um das Haus hinken. Da kam der Vater Gerolds wieder zu Meister Junghans. »Aus den Kenntnissen Ihres Sohnes«, begann er, »habe ich gemerkt, daß das Städtchen eine sehr gute Volksschule besitzt. Und da sich die beiden Knaben in ihrer Eigenart so schön ergänzen, will ich Gerold zulieb über Herbst und Winter in Eglisau bleiben, damit er hier mit Ulrich die Schule besuche. Ich selber kann ja hier gerade so gut über meiner Gelehrtenarbeit liegen wie daheim in Kreuzlingen. Was tut ein alleinstehender Alter nicht für seinen einzigen Sohn?«
Meister Junghans merkte wohl, wie viel Anerkennung für seinen Sorgenbuben in der Rede Jabergs lag, doch mißfiel sie ihm völlig. Was sollte Uli, dem er für alle Zukunft eine strenge Zucht zugedacht hatte, gleichsam als Belohnung für die Lächerlichkeit, die er über das Haus gebracht hatte, der Kamerad eines Adeligen werden? Das hieß doch nur, ihm noch mehr Mücken in den Kopf setzen und ihn verderben. Auch regte sich der republikanische Stolz des Schmieds. Wenn man wissen wollte, was von den Edelleuten zu halten ist, brauchte man nur die Schweizer Geschichte zu lesen. Wie hatten sie von jeher das Landvolk gequält! Indessen war im Wesen Jabergs etwas so Untadeliges, daß er seine Bedenken verschwieg. Er konnte es ja doch nicht verhindern, daß der Gelehrte im Städtchen blieb und der Junge die Schule besuchte! Und es handelte sich auch nur um das letzte halbe Volksschuljahr: dann gingen die Wege der Knaben von selber wieder auseinander, mußte der seine den Jungschmiedeschurz anziehen.
Zwischen Ulrich und Gerold waltete nun eine gute Knabenfreundschaft, doch nicht ohne heimliche Schmerzen für jenen.
Er merkte, daß Nick, die während der Krankheit sein Entzücken gewesen war, mehr zu Gerold als zu ihm neigte. Wenn es zwischen Knaben und Mädchen zu einer Schlacht mit Schneeballen kam, lief sie sicher in die Wurfbahn Jabergs, und wenn sie der rücksichtsvolle Junge versehentlich einmal scharf ins Gesicht traf, so heulte sie nicht, sondern lachte ihn bloß mit blitzenden Augen und weißen Zähnen an, eilte kühn auf ihn los, und er war höflich genug, sich von ihren geschwinden Mädchenhänden niederringen und von Kopf zu Fuß mit Schnee einreiben zu lassen.
Das offenbare Einverständnis zwischen den beiden nahm aber Ulrich weniger seinem Freund als Nick übel. Wie flatterhaft sind die Mädchen! Das überlegte er sich oft mit einem Seufzer, mußte sich aber selber zugestehn, daß ihn Gerold in allem übertraf, was einem Knaben in den Augen der Mädchen Wert geben konnte. Der etwas aufgeschossene Junge war einen Zoll größer als er, hatte ein feines Gesicht mit zartroten Wangen, braune, sinnige Augen und war nicht nur durch die guten Kleider, die er trug, sondern auch durch Sitte und Wohlanstand allen Knaben des Städtchens voran. Das stach Nick natürlich in die Augen.
Ulrichs eigene Vorzüge lagen an anderer Stelle: im raschen Begreifen, im eindringlichen Erfassen dessen, was ihnen der Lehrer bot. Da kam ihm der immerhin ansehnlich begabte Gerold nicht gleich, nahm vielmehr oft mit bescheidenem Lächeln seine Hilfe in Anspruch, und gerade dieses bittende Lächeln tat ihm an Jaberg so wohl, daß er für ihn durchs Feuer gegangen wäre und ihm die Freundschaft Nicks mit wehmütigem Verzicht gönnte.
So kam der Frühling. Wasserreich und blau strömte der Rhein, der im Winter klein und grün dahingeflossen war.
Da lud Doktor von Jaberg die Knaben zu einem Ausflug ins Rafzerfeld ein. Es war ein Tag in Blau und Gold, der Himmel hoch. Er führte sie hinaus durch die grünenden Felder, über denen die Lerchen schmetterten, auf den letzten Hügelzug des Schweizerlandes, von dem drei alte, sturmzerzauste Föhren hinein ins badische Gelände grüßen. In der Nähe war der Heidenbühl, eine von den andern leicht abgetrennte Kuppe, aus deren Namen und Form der Forscher eine alte Grabstätte erkannt hatte, die er gelegentlich mit ein paar Arbeitern untersuchen wollte. »Ich vermute, es sind große Steinkammern darin, in denen unsere Urahnen ihre Häuptlinge mit Wehr und Waffen begraben haben,« erklärte er. »Wie Wohnhäuser haben sie die letzten Stätten der Toten eingerichtet und ihnen am Jahrtag des Dahinscheidens Wildbret an den Hügel gelegt, Honigbier in Schalen gegossen, damit sie sich erquicken, und Feuer angezündet, damit sich ihre Seelen wärmen können. Auch Blumen haben sie ihnen gebracht. Also besaßen schon die längst vergangenen Heiden feine Herzen und feines Gemüt.«
Während der Doktor so sprach, begegnete er dem verlorenen Blick Ulis und spürte wohl, wie sich die Einbildungskraft des Knaben an seinen Worten entzündete. Als sie vom Heidenbühl gegen das Dorf Wil hinunterschritten, das mit breiten Dächern aus einem Obstbaumwald hervorschaute, fragte er: »Was für einen Lebensweg willst du einmal einschlagen?« »Es wird mir nichts übrig bleiben, als bei meinem Vater Schmied zu werden,« erwiderte Ulrich etwas bedrückt. »Wenn du aber die Wahl hättest?« fragte Jaberg. »So würde ich studieren,« blitzte es aus der Seele des Jungen, »und Geschichtskundiger werden wie Sie!« Dafür hatte Jaberg nur ein Lächeln.
Am andern Tag trat er wieder einmal in die Werkstatt und Stube des Meisters Junghans. »Ich gedenke Gerold durch das Gymnasium von Konstanz laufen zu lassen, und da ich den günstigen Einfluß sehe, den Ihr talentvoller Ulrich auf ihn ausübt, so würde ich mich freuen, wenn auch er diesen Bildungsgang genießen dürfte. Sind Sie einverstanden, Meister Junghans, so übernehme ich auch für Ulrich die Gymnasialbildungskosten. Er soll auf meinem Schlößchen leben und gerade wie Gerold behandelt sein.«
Der Vorschlag war für Vater Junghans eine volle Überraschung, verlegen fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Es ging ihm gegen den Handwerkerstolz, daß einer seiner Söhne und damit er selbst eine Wohltat aus fremder Hand und namentlich von einem adeligen Herrn annehmen sollte. Das Anerbieten schien ihm für den Unnützen, dem er das Flugabenteuer immer noch nicht recht verziehen hatte, des Guten zu viel. Und er achtete auch nicht groß darauf, wie die Augen Ulrichs baten und flehten.
Er verlangte ein paar Tage Bedenkzeit. »Es ist eine Sache, die man nicht übers Knie brechen kann.«
Als Jaberg gegangen war, wandte er sich an die Mutter: »Was braucht Uli als künftiger Schmied Gymnasialbildung! Ich fürchte, die Schule verdirbt ihn bloß für die Arbeit.«
»Ist es denn nötig, daß alle unsere vier Buben wieder Schmiede werden? Genügt es nicht, daß du Friedrich nach Winterthur in die Lehre gegeben hast?« ereiferte sich die Mutter. »Gibt es denn wirklich ohne Handwerk kein Glück in der Welt, und beleidigen wir nicht Gottes Vorsehung, wenn wir Uli ein Tor verschließen, das sich ihm ohne unser Dazutun aufgeschlossen hat?« Die zarte, schwarzhaarige Frau wehrte sich für die Jugendrechte des Knaben wie eine Löwin für ihr Junges, und Meister Junghans, der sonst sein Wort als unanfechtbar und unwiderruflich betrachtete, fand an ihren kampfbereiten Augen Wohlgefallen. »Du kleines Weib, was verstehst denn du von den Dingen der Welt! Uli hat mich nun einmmal durch seinen Flug in die Brombeerstauden erschreckt.« Die tapfere Frau rief den Pfarrer zum Bundesgenossen auf, und Tappoli, der sich an allem freute, was der Spießbürgerlichkeit und dem staubigen Alltag zuwiderlief, brachte Ulrich auf das Konstanzer Gymnasium.
So nahm die törichte Fliegerei für den Knaben doch noch ein gutes Ende.
3
Ulrich wohnte mit Gerold und dessen Vater in dem Schlößchen, das mit vier großen Pappeln vor dem Giebel auf der Höhe von Kreuzlingen steht und über Konstanz, den Bodensee und den Rhein hinausblickt. Jeden Morgen wanderten die Freunde mit ihren Büchern hinab in die Stadt. Gerold, der wohl wegen des Adelstitels, aber auch wegen seines liebenswürdigen Wesens von den Mitschülern viel umworben war, hielt mit niemand treuere Freundschaft als mit dem Gespielen von Eglisau, der, aus härterem Stoff geschaffen, die größere geistige Spannkraft besaß und in seinen Gedanken tiefer grub. Der junge, weichgeartete Edelmann, der nur durch eine rührende Pflichttreue und hingebenden Fleiß mit dem begabteren Freunde Schritt zu halten vermochte, sah ihn oft mit leistraurigem Lächeln an. »Gott, wär' ich so frisch und stark wie du! Mein Vater hat wohl Recht, wir leiden unter dem alten Blut.«
In der feinen Seele Gerolds wohnte aber noch ein Schmerz, über den er nicht sprach, den Uli jedoch ahnte: das Leid darüber, daß sich die Eltern geschieden hatten. Jedes Jahr zweimal verbrachte er die Ferien bei der Mutter, die auf einem Gute bei Lübeck in ihrer Heimat lebte. Dann kam er jedesmal etwas bedrückt an den Bodensee zurück. Was war es für ein herbes Knabenlos, die Mutter zu entbehren, wenn er beim Vater weilte, den Vater, wenn er bei der Mutter zu Besuch war! Er liebte beide zärtlich. An diesem Zwiespalt lag es wohl, daß aus seinem sonst rüstigen Wesen stets etwas wie ein stummes Leiden sprach.
Desto mehr fühlte Uli sich verpflichtet, Gerold ein herzlicher Kamerad zu sein, und durfte sich getrösten, daß er die Wohltaten, die ihm Doktor von Jaberg in väterlichem Wohlwollen erwies, an den Freund nach bestem Vermögen heimzahle. Er verlebte auf dem Schlößchen zwei schöne Jahre, und als die hellsten Lichter darin erschienen ihm die Wandertage, an denen sie mit Vater Jaberg die Gestade und Städtchen des Bodensees und des Oberrheins durchstreiften. Aus der Wärme seines Wesens und der Fülle seines Wissens plauderte der Gelehrte mit ihnen. »Mir ist der Bodensee ein Heiligtum, ein Urherd menschlicher Kultur, die Stätte, an der sich die frühesten Schicksale Mitteleuropas begeben haben.«
Für seine Studien hätte er sich keinen eifrigeren Schüler wünschen können als Ulrich. Und der Junge nährte nur den einen Wunsch, daß ihm das Leben stets so freundlich gesinnt bleiben möge wie in den Konstanzer Tagen.
Als er sich dabei überraschte, lag ihm aber vom letzten Besuch im Elternhause her schon ein tiefer Kummer in der Brust. Der Vater war an einem hartnäckigen Husten erkrankt, die Backenknochen stachen ihm unheildrohend hervor, er fiel aus den Kleidern, und sein schöner blonder Bart begann bereits zu ergrauen.
Bald besuchte Ulrich die Eltern wieder. Da fand er den Vater, der bis dahin aus lauter Liebe zu den Kindern in den Fragen der Erziehung fast zu streng gewesen war, plötzlich von einer Milde, die ihn erschreckte. In einem Zug tat ihm das veränderte Wesen, die herzliche Güte des Leidenden wohl und weh.
Als er den Eltern gute Nacht bot, hielt ihn die Mutter zurück. »Wir haben mit dir Ernstes zu sprechen, Uli. So sehr wir die Güte des Herrn von Jaberg gegen dich schätzen und uns deiner vortrefflichen Zeugnisse freuen, so kann von deinem Gymnasialbesuch doch nicht weiter die Rede sein. Du mußt in die Werkstatt treten und den Vater entlasten. Wir haben uns lange gegen den Gedanken gesperrt und Friedrich heimrufen wollen, aber sein Meister gibt es nicht zu. Also müssen wir uns an dich halten. Wie schmerzlich es dir sein mag, armer Bub, so kennst du nun deine Pflicht! In einer so großen Familie wie der unsern muß eins dem andern helfen und Opfer bringen. Und du hast ja nicht nur den hellen Kopf für die Studien, sondern auch die ebenso geschickten Hände für die Arbeit. In Gottes Namen füg dich drein.« Der blasse, hüstelnde Vater nickte. »Ja, so ist's leider, Uli. Ich hätt's dir besser gegönnt!«
Dem Knaben verschlug die elterliche Eröffnung die Sprache. Im Bett weinte er still und heiß. Es war ihm unendlich schwer, den Traum aufzugeben, daß er sich ähnlich wie Doktor von Jaberg den Wissenschaften widmen könne und sein Name einmal von den Erfolgen einer gelehrten Laufbahn umglänzt werde. Ihm war, diese Nacht lege seine Jugend in Trümmer, eine blühende Welt, deren Schönheit er erst jetzt begriff, da sie für ihn unterging. Am Morgen jedoch trat er gefaßt vor die Eltern: »Also werde ich Schmied und kehre bloß nach Konstanz zurück, um mich von Gerold und seinem Vater zu verabschieden.«
Die Aussprache mit diesen beiden ging leichter, als er sich gedacht hatte. »Auch bei uns liegen Pläne vor, die tiefer in mein Leben eingreifen,« erzählte ihm Gerold. »Die von meinem Vater kürzlich veröffentlichten ›Wanderstudien aus der Vorgeschichte des Bodensees‹ haben ihm mancherlei Anerkennung eingetragen. So die Einladung der mit reichen Mitteln ausgerüsteten Prähistorischen Gesellschaft in Kopenhagen, daß er zur Heranbildung junger dänischer Forscher in Jütland und auf den benachbarten Inseln ähnliche Untersuchungen alter Kulturreste und Denkmäler veranstalte wie am Bodensee. Der Antrag lockt ihn; es gibt dagegen nur das einzige Bedenken, daß ich mich wegen meines Bildungsganges von ihm trennen muß. Ich habe ihm aber gesagt, daß ich gern wieder eine Weile bei meiner Mutter leben würde. So wird es wohl kommen, vom stillen Gut Mecklenhof aus werde ich das Gymnasium in Lübeck besuchen und meinen Vater, der dem dänischen Ruf folgt, nur noch dann und wann sehen. Ich habe mir über diese Wendung deinetwegen Gedanken gemacht, Ulrich. Ich wollte dich einladen, mit mir in den Norden zu ziehen; doch ein Schweizer Junge würde es dort oben vor Heimweh kaum aushalten. So bitter für uns das Scheiden ist, – das Schicksal, das dich in die Werkstatt zwingt, erleichtert es mir, vom schönen Konstanz hinwegzugehen. Im übrigen werde ich gelegentlich wohl wieder in die Gegend kommen. Und wir bleiben Freunde.«
Herzlich waren auch die Abschiedsworte des Doktors: »Ulrich, wenn du je im Leben Anstoß findest und weißt nicht, wo aus und ein, so wende dich an mich.«
An kühlem, sonnigem Morgen gab Gerold dem Schulgenossen das Geleit über die Höhen am Untersee. Stahlblau lag das Gewässer im Frühlingsfrieden und der unendlichen Stille des weitgespannten Himmels. Zum erstenmal und wohl unter dem Eindruck der bevorstehenden Trennung sprach er ausführlich von seinen Eltern. »Beide sind so herrliche Menschen, daß ich nicht weiß, wen höher stellen, Vater oder Mutter. Sie sind aber zu weit auseinander geraten, als daß sie sich je wieder die Hände reichen könnten. Die Mutter, eine groß und lebhaft begabte Frau, mochte ohne das gesellschaftliche Leben der Städte nicht auskommen. Die schonungsbedürftigen Nerven des Vaters ertrugen es nicht. Darüber entstand unter den Gatten Streit. Die Mutter trotzte und verlebte einen Winter allein bei Freunden in Berlin. Dort lernte sie einen berühmten Sänger kennen; es ereignete sich, was den Vater zur Scheidungsklage bewog. Seither leben sie beide einsam. Und ich, das Kind ihres ersten Jahres, bin das zwischen ihnen hin- und hergeworfene Opfer.«
Gerold schwieg, erst nach einer Weile setzte er hinzu: »Warum ich davon sprach, Ulrich? – Ich meine, du solltest nicht so furchtbar traurig sein über die Wendung in deinem Leben. Du hast doch Eltern, die einig sind!«
Ulrich war es, das Herz Gerolds sei dem seinen noch nie so nahe gewesen wie in dieser Stunde. Sie versprachen sich, wie weit das Leben sie jetzt auch auseinander führe, miteinander einen Briefwechsel zu unterhalten, und unvermerkt waren sie auf ihrer Morgenwanderung über die Höhen nach dem Schlößchen Arenenberg gekommen. Sie plauderten nicht mehr, sondern hielten stille Ausschau über das liebliche Gelände, über die von blauen Wassern eingefaßte Insel Reichenau, die anmutigen Burgenhügel des Hegaus, und der letzte Blick Ulrichs hing an dem aus breiter Ebene ragenden Konstanzer Münster. Er wußte, die Tage, die er im Bannkreis des ehrwürdigen Bauwerks verbracht hatte, würden zu den schönsten seines Lebens zählen.
Von der Reichenau herüber kreuzte der Dampfer, der Augenblick des Abschieds war da. In stummer Erschütterung trennten sich die Freunde.
Die wunderschöne Fahrt rheinab bis nach Schaffhausen und die weite Straße von da nach Eglisau legte Ulrich in düsteren Träumen zurück. Als der Abend über die Giebel hereindämmerte, schlenderte er umschauhaltend die Hauptgasse des Städtchens hinab auf die Rheinbrücke. Die Betglocke läutete. Aus der Kirche traten zwei Mädchen und schauten auf den Strom, das Kind des Mesners, das er stets mit einer plattgedrückten Zwetschge verglich, und neben ihr Nick, die von jeher gern beim Läuten half. Bei ihrem Anblick ging ihm ein Stich durchs Herz, er hätte ihr Grüße von Gerold bestellen können, aber er dachte: »Bah, der Flattervogel!« und ging mit mürrisch-linkischem Gruß vorüber. Er brachte aber das Bild der Zwölfjährigen lange nicht mehr aus dem Sinn, die dunkeln Blitzaugen, die langen Wimpern, das weiche, krause Haar, das sich kaum bändigen ließ, die roten Wänglein und die noch viel rötern Lippen. Er suchte es zu vertreiben, indem er an die vielen hübschen Mädchen dachte, die er in Konstanz gesehen hatte, sein Herz aber schrie: »Schöner als Nick ist keine!«
Um sechs Uhr am andern Tag stand er in einem von Friedrich zurückgelassenen Lederschurz neben dem Altgesellen Thomas und dem jungen Sebastian, einem recht geschickten Arbeiter, doch lockern Vogel, in der Werkstatt.
Er konnte kaum mehr als Lehrjunge gelten. Die selbständige Herstellung eines dreiteiligen Taschenmessers mit Klinge, Säge und Ahle war ihm schon aus den Knabenjahren her ein geläufiges Spiel. Nur ein paar Schläge auf dem kleinen Amboß, und von dem im Kohlenfeuer rotglühend gemachten Stahlband fielen bereits Klinge um Klinge, ebenso Ahle um Ahle, Sägeblatt um Sägeblatt, Feder um Feder, Platine um Platine, die Bleche für die Fächer des Messers. Rasch formten sich ihm die Bäckchen, die versilberten Kleinstücke, die das Heft vorn und hinten einfassen, und dieses selbst, aus einem Kuhhorn geschnitten und zwischen Holzzangen geradegepreßt. Der Bohrer quirlte, der Niethammer schlug, – das Messer war zusammengestellt; und was daran noch roh, matt und unvollkommen erschien, das erhielt am surrenden Schleifstein und auf den Schmirgelscheiben jenen Glanz, die Glätte und Feinheit, mit der ein neues Stück in der Auslage lockt.
Nicht minder leicht liefen ihm Sensen und Scheren aller Art aus der Hand; er besaß die spitzen Finger des Vaters, die von selber zweckmäßig und sicher tasteten, griffen, hantierten, und das Gefühl für die Genauigkeit des Schaffens. Die Arbeit aber verrichtete er mit einer solchen Trockenheit und Verbissenheit, daß den andern die Lust zu Gesprächen mit ihm verging. Indessen verstanden sie sein unliebenswürdiges Wesen und trugen es ihm nicht weiter nach. Der Vater freute sich aufrichtig seiner zähen, wenn auch mürrischen Tüchtigkeit und übersah das Gedrückte in seinem Wesen.
Die Mutter blickte tiefer in Ulrichs Seele. Als er an einem Regensonntag gelangweilt in der Stube saß, fragte sie: »Warum langst du denn nie mehr zu deinen Gymnasialbüchern? Du könntest doch für dich selber manches daraus lernen!« »Ich habe sie auf der Esse verbrannt,« erwiderte er finster. Da wußte sie, wie es um ihn stand. Sie lächelte ihm aber zu: »So furchtbar traurig solltest du nun doch nicht sein. Wie sind der Vater und ich deiner Hilfe froh! Wenn wir schon fast nicht wissen, woher das Geld nehmen, haben wir doch den Plan, daß er zur Heilung seines Hustens etliche Wochen in die Berge gehen soll. Das dürfen wir nur wagen, weil du dich so tapfer in die Stränge stellst!«
Und als der Vater dann verreiste, lief das Geschäft auch ohne ihn. –
Im Hochsommer überraschte Gerold von Jaberg den Schmied mit seinem Besuch. »Jung Siegfried war ein stolzer Knab'!« rief er dem Freunde zu, der vom Feuer der Esse umsprüht, von Qualm und Dampf umwirbelt vor einem Steinbecken stand, in dem er ein paar weißglühende Eisen kühlte. »Ich kann dir die Hand nicht reichen,« erwiderte Ulrich, »aber in einer Viertelstunde bin ich zu deiner Verfügung.« Er warf sich in den Sonntagsstaat und versäumte Gerold zu Ehren ein paar Stunden der Arbeit. Sie schwärmten hinaus nach den drei einsamen Föhren der Grenze und dem Heidenbühl und blickten von dort miteinander ins Hochgebirge, das Gipfel an Gipfel, Haupt an Haupt, ein geheimnisvoll leuchtender Silberkranz im fernen Süden stand.
Gerold erzählte ihm, daß sein Vater nun tatsächlich nach Dänemark und er selber in die Gegend von Lübeck übersiedeln werde und sie schon morgen abzureisen gedächten. In einem ländlichen Gasthaus hielten die Freunde Einkehr, und so lieb nun dieser letzte Besuch Gerolds gedacht war, merkte Ulrich doch, wie die Augen des jungen, schönheitssinnigen Edelmannes verlegen und mißbilligend auf seinen Werkhänden ruhten, auf den vom Feuer und kalten Wasser herrührenden Rissen, aus denen sich der Ruß auch mit Seife und Bürste nicht entfernen ließ. Er war zu stolz, sich zu entschuldigen, wurde aber über den Blicken Gerolds selber verlegen und fühlte, wie ihre Wege nicht nur nach den äußeren Schicksalen, sondern auch nach der seelischen Entwicklung auseinanderliefen: der seine hinein in die derbe Arbeit, derjenige Gerolds in die geistige Verfeinerung. Fast still legten sie den Weg ins Städtchen zurück.
So kam, von keinem gewollt, das Ende der schönen Knabenfreundschaft, und ein paar Briefe, die sie später noch wechselten, waren nur der Ausklang der gemeinsamen Jahre.
4
Ulrich vergaß nie, daß er Gymnasiast gewesen war, und die Mitgesellen, gegen die er allmählich freundlicher wurde, achteten seine Bildung, Thomas namentlich. Der nun zu einem alten Männchen verschrumpfte Hagestolz hatte in jungen Jahren so viel von deutschen und österreichischen Landen gesehen, daß er eine Menge Mundarten durcheinander sprach. Sogar hinüber nach England in die Fabrikstädte Manchester und Birmingham war er gekommen und zwei Jahre in Paris in einer Werkstatt für chirurgische Instrumente tätig gewesen. Wie wenn er dem Meisterssohn Trost bringen sollte, erzählte er ihm oft von den Aufenthalten in der weiten Welt und ließ dabei den halbverlorenen Blick in wiedererwachtem jugendlichem Glanz aufleuchten. Ulrich merkte aus den Reden des Alten wohl, daß es etwas ganz besonders Schönes um die Wanderjahre eines Handwerksburschen sein müsse. Auf die Zeit, da er selber Länder und Völker sehen würde, freute er sich tiefinnerlich, und der Gedanke daran leuchtete über dem Beruf, den er hatte unfreiwillig ergreifen müssen, wie ein Stern, der einen nächtlichen Wanderer hinein ins Morgenrot führt.
Der Vater war aus den Bergen zurückgekehrt, braungesengt von der Sonne und in guter Gesundheit. Am Abend umjubelte ihn die Kinderschar, und am Morgen ging er kräftig ans Werk. In die Wiedersehensfreude aber mischten sich bald die sorgenvollen Gespräche der Eltern, wie das Geld, das der Genesungsaufenthalt gekostet hatte, ersetzt und auf Martini der Zins für eine Schuld bezahlt werden solle, die von altersher auf dem Haus lastete.
In großer Verlegenheit richtete der Vater einen Brief an Hans Bütschi, einen durch eine Fuhrhalterei reich gewordenen Verwandten in Zürich, und betraute den Sohn mit der Aufgabe, ihm das Darlehensgesuch zu überbringen.
Für Ulrich ein saurer Gang durch den trüben Vorwintermorgen! Doch nahm ihn der derbe Fuhrhalter freundlich auf, gab ihm, nachdem er den Brief durchgelesen hatte, ohne Zögern den gewünschten Betrag, sagte ihm einiges Artige über seinen Wuchs und seine Erscheinung, zeigte ihm den Stall voll starker Zugpferde und hielt ihn zum Mittagessen fest. Ulrich wurde um ihn heimisch und freute sich schon, seines heiklen Auftrages so leicht ledig geworden zu sein. Bei Tisch aber machte die sonst ansprechende Frau, die von dem Darlehen erfahren haben mochte, ein böses Gesicht. Vielleicht glaubte der Mann ihr ein Zugeständnis schuldig zu sein, denn er wandte nun das Blatt und führte anzügliche Redensarten über den Meister Martin. Im Grund sei es doch bedenklich, wenn ein Handwerker in den Vierzigen wegen eines Zinses noch das Entgegenkommen anderer bedürfe. Wiewohl er ihn als geschickten und fleißigen Mann gelten lasse, trage Vetter Martin doch Scheuleder neben den Augen. Wäre Ulrichs Vater wirklich klug, hätte er sein Geschäft schon vor zwanzig Jahren von Eglisau nach Zürich verlegt. Da gediehen jetzt in Martins Beruf Leute von jenseits der Grenze prächtig und schlügen ihn mit minderer, aber auf den Schein geschaffener Ware auf allen Märkten.
Ulrich saß wie auf glühenden Kohlen. Trotz seinem Hunger würgte er die guten Bissen hinunter, und am liebsten hätte er dem Verwandten das Geld zurückgegeben; aber er dachte an die Not der Eltern und schwieg in tiefer Beklemmung.
»Dein Vater hat halt auch schon bei seiner Heirat einen Fehler gemacht,« fuhr Bütschi fort. »Ein Geschäftsmann kann nicht einfach sagen: Die gefällt mir! Er muß auf ein Weib sehen, das einen Einsatz in den Betrieb bringt. Was hat aber deine Mutter beigestoßen? – Sei du einmal gescheiter, Uli!«
Da stürzten dem starken Jungen plötzlich die Tränen hervor. Das Eßgeschirr von sich abstoßend, erwiderte er mit leidenschaftlicher Glut: »Nein, auf meine Mutter lasse ich nichts kommen. Auch der Vater nicht. Wißt ihr, was er von der Mutter spricht? Wenn von Eglisau den Rhein hinunter bis nach Basel ein schönes Mädchen neben dem andern stände und er könnte sich aus ihnen sein Weib wählen, so würde er doch nicht rasten und nicht ruhen, bis er aus den Tausenden heraus wieder sein schwarzhaariges treues Bethli gefunden hätte. So hat mein Vater die Mutter lieb, und er hat Recht: er hätte auf Erden kein besseres Weib finden können!«
Die Frau des Fuhrhalters sah ihren Gast, der seine Eltern so männiglich verteidigte, groß an. Er senkte aber den Kopf nicht. Während auf seinen Wangen zwei klare Tropfen perlten, hielten seine treuherzigen blauen Augen den ihrigen Stand, sie wandte den Blick ihrem Manne zu und sagte mit hochrotem Gesicht: »Der Uli gefällt mir!« Bütschi lenkte nun auch ein. Was er gesprochen habe, sei nicht bös gemeint, sondern nur eine Lebensbetrachtung, die ihm unglücklicherweise von selber gekommen sei, als er von der Not des ihm sonst lieben Vetters gehört habe.
Umsonst aber versuchte das Ehepaar, Ulrich wieder in eine gute Stimmung zu bringen; den weiten Weg vorschützend, drängte er zum Aufbruch. Die Fuhrhaltersfrau, die jetzt eine große Zuneigung für ihn bekundete, zwang ihm noch ein mit viel Fleisch besetztes Schinkenbein und einen gewaltigen Bissen Brot als Zehrung auf. Als ihn aber die Verwandten unter der Haustür mit vielen Grüßen an die Eltern verabschiedet hatten, warf er Bein und Brot dem großen Hofhunde hin, der vor dem Pferdestall im Stroh lag. So wütete die Empörung über die den Eltern zugefügte Schmach in seiner jungen Seele.
Er schlug nicht gleich den Heimweg ein, sondern besah sich die Stadt, in der er schon als ganz kleiner Bub einmal gewesen war und seither nicht wieder. Ihre lebensvollen Bilder beruhigten ihn, mit bereitem Herzen nahm er ihre Eindrücke in sich auf. Unter den Bögen beim Rathaus fand er sich vor einem schönen Messer- und Instrumentenladen. Da suchte er zu erfahren, ob die Waren besser seien als die seines Vaters. Auf Ehre, sie waren schlechter gearbeitet! Aber vielleicht hatte der Fuhrhalter doch Recht, es einen Fehler des Vaters zu nennen, daß er aus lauter Heimatliebe mit seinem Geschäft in dem kleinen Städtchen am Rhein geblieben sei. Der Gedanke kam ihm zwar wie eine Versündigung am Elternhaus vor, aber er verließ ihn nicht wieder.
Zürcher Kantonsschüler mit bunten Kappen gingen an ihm vorbei. Nein, nicht nach ihnen spähen! Wozu das Leid um die Schule neu erwachen lassen? Sie mußte ja ein begrabener Traum bleiben.
Die Stadt regte ihn so an, daß er an den Heimweg erst dachte, als ihn die einfallende Abendkälte und die rötlich aufflammenden Lichter dazu vermahnten.
Schon war er über den nächsten Hügel gelaufen. Da pustete aus dem Tunnel hervor ein Eisenbahnzug, die Lokomotive mit glühenden Augen, die Wagen mit hellerleuchteten Fenstern. Er begann sich den wunderbaren Bau einer Lokomotive zu überlegen. Was war Stephenson für ein Genie gewesen! Er kam sich selber lächerlich vor, daß er sich an die unendlich schwerere Erfinderaufgabe einer Flugmaschine herangewagt hatte, an die geheimnisvollen Flügel, nach denen sich die Menschheit seit Jahrtausenden umsonst sehnte. Mit Recht lag noch der stille Spott der Heimat auf ihm. Und doch! Nachdem sich ihm der Weg eines Altertumsforschers verschlossen hatte, winkten ihm, dem jungen Mechaniker, vielleicht in der Linie des Erfindertalentes Erfolg, Ehren und Geld.
Geld! – Unter dem Eindruck der Rede Bütschis, der über den Vater geringschätzig herfahren zu dürfen geglaubt hatte, schrie sein Herz zum erstenmal nach dem harten, klingenden Metall. Das Geld besaß ja die unheimliche Macht, seinen Besitzer vor den Ungerechtigkeiten und Bosheiten der Welt zu schützen, ihm vor ihr Ansehen und Ehre zu geben, selbst wenn er sie wesenshalber nicht verdiente.
Je tiefer er in die Nebel und in die Stille der Winternacht hineinschritt, desto stärker erhitzte sich die Einbildungskraft des einsamen Wanderers. In der Überspannung seiner Seele sah er nicht einmal, wie in den ländlichen Wohnungen allmählich die Lichter erloschen. Im Schweiße des Angesichts lief er. Seine Gedanken waren bei dem Wort des Fuhrhalters: »Sei du einmal gescheiter, Uli!« Zum erstenmal in seinem Leben dachte er mit bewegter Seele über die Liebe, das Heiraten und die Ehe nach. Je mehr er darüber grübelte, desto geheimnisvoller, wunderbarer und heiliger erschien ihm die von der Natur gesetzte Bestimmung des Menschen, daß er in zarter Sehnsucht sich eine Gesellin suchen muß und nicht Ruhe und Frieden findet, bis er mit derjenigen herzeinig ist, nach der seine Sinne wund und selig trachten. Nein, das war gewiß nicht der Zweck der Liebe, daß der Mann durch das Weib ein Betriebskapital in das Geschäft erhalte; der Zweck lag unendlich tiefer, so tief verborgen, daß kein menschliches Denken hinabzudringen vermochte in den Willen der Natur. Sie hatte wohl die Liebe geschaffen, damit immer diejenigen Menschen zusammenkommen, die miteinander schöne, edle und begabte Kinder erschaffen können, und damit sich das Menschengeschlecht vervollkommne, bis auf Erden nur noch herrliche Geschöpfe wandeln, jedes verschieden vom andern, jedes aber auch Gottes Ebenbild. Der Gedanke gefiel ihm, und wie eine lichte Wahrheit umstrahlte es seine Seele: Die Liebe steht höher als Geld und kann mit ihm nicht gemessen werden; und wer sie dennoch mit Geld messen will, wie der Fuhrhalter, der ist wie ein Gottesleugner und tritt das Heiligste des Lebens mit Füßen.
Nein, gescheiter als sein Vater wollte er in Liebesdingen nicht sein, sondern sich ein Weib wählen, daß auch er einmal freudig bekennen könne: »Und wenn die schönsten Jungfrauen von Eglisau bis Basel in einer Reihe ständen, so rastete und ruhte ich nicht, bis ich aus den Tausenden wieder mein Bethli fände.« Eine weite Sehnsucht erfüllte seine Brust, und prüfend dachte er an alle Mädchen, die er kannte. An der stets stolzer werdenden Monika Tappoli wollte er in seinen Gedanken vorübergehen. Sie stand aber wie lebendig vor seinen Augen: mit fast überschlankem Leib, erdbeerfrischen Lippen, zwei Nasenflügeln, denen man immer ansah, was sie dachte, und lachenden, dunklen Augen. In ihre krausen Locken brauchte sie nur eine Mohnblume zu stecken, dann war sie hold wie das Märchen aus dem Wald.
Als er sich einmal den Schweiß aus der Stirne wischte, fiel es ihm ein, daß er nach den Stunden, die er gegangen war, daheim sein mußte, und merkte, daß er vor lauter Lebensüberlegung durch den Nebel in die Irre gegangen war. Er lief bis in das nächste Dorf. So weit er die Umrisse zu erkennen vermochte, kam es ihm bekannt vor: vielleicht hatte er es einmal auf einem seiner Knabenstreifzüge gesehen; er wußte aber doch nicht, wo er war. Sich verschnaufend spähte er die Straße auf und nieder, aber niemand schritt daher. Schweren Herzens entschloß er sich, durch Rufe die Leute in einem der Häuser zu wecken.
»Was steht denn zu nachtschlafender Zeit noch für ein Maulaffe unten?« rief der Bauer, von dem er nur die weiße Zipfelmütze sah, ärgerlich aus dem obern Stockwerk hinab. »Ich bin verirrt und möchte bloß gerne wissen, wie das Dorf heißt,« gab Ulrich zurück. »Glattfelden, du Narr, schon mehr als tausend Jahre!« rief der Bauer hinab und schlug das Fenster zu.
Doch der verspätete Wanderer wußte jetzt Bescheid. Quer über den Berg, und in einer Stunde war er daheim. Als seine erschöpften Schritte durch die hohle Brücke hallten, schlug es auf der Kirche Mitternacht. Ihm aber war, er habe auf seinem einsamen Heimweg im Nebel ein Jahr durchlebt, sehe klarer in sein Schicksal und fasse mit seinen Füßen erst recht festen Grund in der Erde, über die er nun doch bald fünfzehn Jahre gewandelt war.
In der Stube der Eltern brannte noch Licht. Sehnsüchtig erwarteten sie ihn und hatten keine Ahnung, was für wunderschöne, hohe und tiefe Gedanken ihm Weggesellschaft geleistet hatten. Von den abschätzigen Äußerungen des Verwandten über sie beide verriet er ihnen kein Wort, sondern überließ sie der reinen Freude, daß sie für kurze Zeit einer drückenden Sorge freigeworden waren.
Im Winter konnten die Eltern Hans Bütschi das Geld zurückbezahlen. Der Vater brachte es ihm selber in die Stadt. In der Meinung, Ulrich habe daheim seine anzüglichen Redensarten verraten, entschuldigte sich der Fuhrhalter bei Meister Martin wegen seiner damaligen üblen Laune. So kam der Vater hinter das Geheimnis, das Ulrich für sich hatte behalten wollen. Als er zurückgekehrt war, sprach er mit ihm darüber. »Vor allem bin ich froh, daß du der Mutter nichts von der Beleidigung verraten hast.« Und von der Stunde an schenkte er dem Jungen sein volles Vertrauen, behandelte ihn wie einen Erwachsenen, und wenn er in Stube oder Werkstatt etwas zu beraten hatte, duldete er es, daß der Sohn sein bescheidenes Wort in das der Eltern hineinwarf.
5
Schon war wieder ein Jahr vorübergegangen. An der Rheinhalde weinten die Schosse der frischgeschnittenen Reben und schwellten die Weidenkätzchen.
Da gehörte Ulrich Junghans zu den Armbrustschützen des Städtchens, einer Gesellschaft halbwüchsiger Jugend, die in der Sonntagsfrühe auf einer Wiese am Stromufer mit Bogen und Pfeil in eine Lehmscheibe schoß. Als das »Absenden« kam, das Preisschießen, wurde ihm die beste Gabe zuteil, das von Pfarrer Tappoli gestiftete, schön eingebundene Buch »Lienhard und Gertrud«. Die es ihm vom Gabentisch reichte, war Nick, und ein leises, wohlgefälliges Lächeln spielte ihr dabei um den Mund. Auch wurde er von der Gesellschaft, unter Übergehung einiger reicher Bauernburschen, zum Säckelmeister gewählt. Das Amt war eine jugendliche Ehre, an der sich nicht am wenigsten die Eltern erfreuten. Sie bewies, daß ihm das Städtchen den törichten Flug in die Brombeerstauden verziehen hatte und Zutrauen in seine Redlichkeit setzte.
Noch schöner fügte es sich im Winter, am Bächtoldstag, dem zweiten Januar, an dessen Abend sich die Jungen und Mädchen je nach Neigung und Freundschaft zusammenfinden und einander bei allerlei Spielen die ersten Zeichen der Neigung geben. In der alten geräumigen Stube des Kirchenpflegers und Ehegaumers Jakob Angst waren er und Nick mit einem Dutzend anderer jungen Leute zusammen und saßen eben bei dem Pfänderspiel »Fischlein in den Teich«. Ob es nun aus Zerstreutheit, Übermut oder Absicht geschah, – die sonst hurtige Monika ließ sich von allen am häufigsten fangen und wurde Ulrich, der den Schlingenkünsten des Fischers entging, einen Kuß schuldig. Rot und verlegen wandte sie sich zu ihm hin: »Wenn es wenigstens nicht in der Stube sein müßte!« »Dann gehen wir in den Flur hinaus,« erwiderte er; »aber den Kuß will ich.«
Sie seufzte, folgte ihm unter dem Lachen der andern, und kaum war die Türe hinter ihr zu, küßte sie ihn voll lieblicher Verwirrung, doch mit zusammengepreßten Lippen und flüchtig. Vor Enttäuschung zog er das Gesicht finster. Da stotterte sie: »Uli, ich will ehrlich sein, aber mach die Augen zu.« Er gehorchte, und sie gab ihm mit warmem Mund einen treuherzigen, süßen Kuß. Nun wußte er nicht, wie es kam, er erwiderte ihn und spürte, wie ihre Lippen dabei einen Herzschlag lang leisdurstig an den seinen hingen. »Komm,« drängte sie und mit hochroten Gesichtern traten sie wieder in die Stube. Dann und wann aber glitten ihre Augen noch mit vergnügtem Blinzeln zu ihm hinüber.
Er wußte kaum mehr, was um ihn vorging. Nachdem Nick durch die Magd des Pfarrhauses abgeholt worden war, ging auch er heim, schloß vor Seligkeit kein Auge und spürte immer noch ihren Mund auf dem seinen. Das wonnige Gefühl verließ ihn den ganzen Winter nicht wieder. Eltern und Geschwister wunderten sich über die Güte und Verträglichkeit des Jungen, der vorher oft ein schwer zu behandelnder Groller gewesen war. Besonders lieb begegnete er der Schwester Marie. Vielleicht weil ihm das Herz überfloß, vielleicht weil er hoffte, daß sie ihm eine Brücke hinüber zu Nick schlage, vertraute er ihr sein Erlebnis und seine Liebe.
Sie aber antwortete ihm: »Uli, du tust mir leid. Ein Kuß aus einem Pfänderspiel verpflichtet zu nichts, und ich verwundere mich deines Mutes, die Gedanken zu Nick zu erheben. Wohl gebärden sich der Pfarrer und seine Familie gegen uns, als gehörten sie völlig zum Städtchen, heimlich sind sie aber doch stolze Zürcher Bürger, die sich für besser halten als das Landvolk. So liegt es ihnen nun einmal im Blut. Noch ein Jahr, dann kommt Monika in eine welsche Schule, nachher als Fräulein zu Verwandten in Zürich, ins Theater und auf Bälle. Da wird sich der Zünfter oder der junge Pfarrer, der sie heimführt, schon finden. Die Gedanken von Nick weg, Uli, damit es dir nicht das Herz bricht, wenn es kommt, wie ich dir darlege.«
So Marie, und keiner glaubte er mehr als ihr. Die Schwester war selber ein feines, gescheites Mädchen und besaß die gleiche schlicht überzeugende Art wie die Mutter. Er ließ den Kopf hängen.
Das Leben hatte aber für ihn stets wieder einen Trost. Und jetzt war er schon Konfirmand. Ein strenggläubiger Pfarrer hätte wohl keine Freude an ihm gehabt, denn wie von selber war er durch sein religiöses Nachdenken in mancherlei Widersprüche hineingeraten. Zum Glück für den Zweifler aber war Tappoli einer der milden Pfarrherrn, die den Nachdruck weniger auf die dogmatischen Lehrsätze als auf den dichterischen und sittlichen Feingehalt des Christentums legen. Da vermochte ihm auch Ulrich zu folgen. Als Tappoli im Laufe des Unterrichts auf seine Lieblingsgestalt in der Entwicklung der christlichen Religion, den Apostel Paulus, zu sprechen kam und dem verdorbenen, schlemmenden Rom die Märtyrerkraft des Urchristentums gegenüberstellte, erlebte Ulrich bei ihm wahre Weihestunden innerer Erhöhung. Es empörte ihn, daß es unter den Mitkonfirmanden einige Lümmel gab, die während der Stunden Tappolis, der in der Zucht kein Meister war, zotige Verse unter den Bänken umherboten. Mit der Kraft des jungen Schmieds schuf er aus eigener Machtvollkommenheit Ruhe in den Reihen, und Tappoli spürte seinen guten Einfluß auf die übrigen. Als sie sich einmal unter der Kirchentür begegneten, gab er ihm einen dankbaren Blick. »Es ist doch jammerschad', daß du nicht deinen Gymnasialstudien hast leben können, ich hätt's dir so sehr gegönnt.« Da schlug das Herz Ulis in Feuer und Flammen für den Pfarrer, und seine Gedanken spielten aufs neue um Nick.
Nun war er feierlich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen.
Er trat aus der Bogenschützengesellschaft aus und wurde Mitglied des Rhein-Fahrvereins, der unter der Führung militärisch ausgebildeter Pontoniere die Lust und Freude an der Rheinschiffahrt pflegte. Jeden Abend probte er mit den andern, meist gesundkräftigem Bauernblut, in den langen, schmalen Kähnen die Fahrt über die Klippen, Sturzwellen und Wirbel des Stromes, der gerade ober- und unterhalb der Brücke aufgeregt über etliche nur beim kleinsten Wasserstand im Winter dem Auge sichtbare Querriffe dahinfloß. Es war eine Unterhaltung des Städtchens, fast die einzige, daß Jung und Alt, namentlich aber die weibliche Jugend, aus den Fenstern der Brücke oder den grünumrankten Lauben der Häuser den Spielen der braunen Gesellen in lebhafter Neugier zuschauten. Leise oder laute Ausrufe der Angst, des Beifalls und der Bewunderung begleiteten ihre Geschicklichkeit und Kühnheit. Denn ungefährlich waren die Übungen nicht, und in traurigem Gedenken stand, daß die »krumme Röhre«, ein starker Wirbel unterhalb der Brücke, einmal drei Jünglinge verschlungen hatte, einen Gekenterten und zwei, die ihm zur Rettung in die Tiefe nachsprangen. Seither waren die Wasserratten etwas vorsichtiger, aber im Übermut der Jugend kam es doch hie und da vor, daß sich einer über die Kante des Bootes schleudern ließ und in den Fluten versank. Atemlose Spannung! Dann tauchte er ein gut Stück weiter unten im Strom wieder auf, schüttelte sich und schwamm ans Ufer. So auch Ulrich. Aus einem Wirbel emporschnellend landete er unmittelbar vor Monika, die mit ein paar Gespielinnen aus den Fenstern des Pfarrhauses auf die Übenden schaute. Ihre dunkeln Sterne blitzten ihn an, und ihr kleiner, roter Mund schalt: »Das tust du nicht wieder, Uli! Herrgott, kannst du einen in Schrecken jagen.« Er lachte: »Und wenn mich jetzt der Rhein behalten hätte? Was dann?« Da rief sie unwillig: »Geh, du Häßlicher!«
Nun war er selig überzeugt, daß sie ihn liebe. Mit den andern trieb er die Schiffe zum Ufer, im weichen Mondlicht der Sommernacht ruhten die Burschen, in den angebundenen Weidlingen sitzend, von der Arbeit aus, und mit doppelter Lust warf er seine metallene, bildsame Stimme in ihre Heimatlieder und ließ sie über den beglänzten Strom und die dunkelragenden Umrisse des Städtchens klingen.
Stets hatte er bei seiner Arbeit etwas Schönes zu denken, jeden Tag war er seines Lebens froh. Um so mehr, da es auch den Eltern gut ging. Friedrich, der Älteste, hatte die Lehrjahre bei Meister Benninger in Winterthur hinter sich und stand als gutbezahlter, geachteter Arbeiter in einem Atelier in Zürich. Alle vierzehn Tage kam er, ein hoch- und straffgewachsener junger Mann mit blauen Augen und blondem Schnurrbart, zu Fuß aus der Stadt ins Elternhaus auf Besuch und blieb vom Samstag spät bis zum Montag im Morgengrauen daheim. Jedesmal brachte er dem Vater den Rest des Zahltages, der ihm über das Kostgeld hinaus geblieben war, wie eine selbstverständliche Schuld. So faßte auch Meister Martin die Beiträge Friedrichs zu den Kosten des Haushaltes auf, aber nicht knauserig schob er ihm jedesmal ein hübsches Sackgeld zurück und gab auch Uli das übliche Zweifrankenstück.
Die Sonntagsmorgenspaziergänge mit dem ältern Bruder, der ebenso klar, doch nüchterner als er in die Welt blickte, waren für ihn stets ein schönes Erlebnis, ebenso der Mittagstisch, den die stille Mutter zu Ehren der tapfern Söhne merkbar reichlicher als früher deckte. Am Nachmittag liebte es Meister Martin, mit ihnen unter die Leute zu gehen und in einer Gartenwirtschaft Einkehr zu halten. Friedrich wußte, daß er die bescheidene Zeche zu bezahlen hatte; nicht etwa, weil der Vater geizig gewesen wäre, sondern weil es ihm wie eine freundliche Lebensquittung erschien, daß er sich schon von einem seiner Söhne konnte bewirten lassen. Am Abend setzten sich Vater und Mutter unter die achtköpfige blühende Kinderschar, die blonden und schwarzen, sie stimmte Lied um Lied an, und wenn die hellen Gesänge verklungen waren, legte Meister Martin den Arm über die Schulter der kleinen Frau mit den glücklichen, schweigsamen Augen und sagte: »Man kann weit laufen, bis man eine so zufriedene und einträchtige Familie findet. Wir haben es uns aber auch sauer werden lassen.«
Die Eltern rühmten ihr Glück nie vor anderen, sie hätten befürchtet, es damit zu verscherzen; aber im stillen flüsterten sie heimlich von Wohlfahrt und Gedeihen.
Da brachte der Herbst eine unerwartete Veränderung in die Familie. Durch das Städtchen schwälte der Duft des jungen Weines, Fuhrwerk um Fuhrwerk kam von Schaffhausen, Hallau und dem Rafzerfeld her und führte in grünbemalten Fässern, aus deren Spundloch Georginen- und Asternsträuße ragten, den Sauser durch die Brücke. Tag und Nacht hörte das Pferdegeklingel nicht auf, und auch das Städtchen wimmelte von Käufern, meist Gastwirten aus Zürich, die seine wohlgeratene Traubenernte begehrten.
Die Geldkatze aus Otterfell über den Leib, trat einer auch zu Meister Martin herein. »Ich bin Jakob Weriker, der Meisenwirt von Zürich, und hätte mit Euch, wenn Ihr wollt, zwei Geschäfte. Das eine betrifft die paar Saum[1] Wein, die Ihr zu verkaufen habt, sie würden mir zur Vervollständigung einer Ladung dienen, das andere Euere älteste Tochter.« Meister Martin zog das Käppchen und machte ein bedenkliches Gesicht, nicht wegen des Weines, den zu veräußern er bereit war, sondern wegen Marie. »Ja, was soll's denn mit dem Kind?« fragte er. »Darf ich die Tochter sehen?« erwiderte Weriker. »Ihr werdet vom Zunfthaus zur Meise in Zürich noch nie etwas Nachteiliges gehört haben.«
[1] Altes Maß, anderthalb Hektoliter.
»Nein, gewiß nicht,« versetzte Junghans, »ich weiß, daß es die Einkehr der Ratsherren und der vornehmen Leute in der Stadt ist.«
»Also,« lächelte der Wirt.
Sein Auftreten gefiel Meister Martin, es spiegelte sich darin Wohlhabenheit, Selbstbewußtsein, aber auch ehrbare Zuverlässigkeit. Neugierig, was nun folgen würde, rief Junghans Marie herbei.
Sie kam, grüßte den Wirt anstandsvoll und so bescheiden, als hätte sie noch nie in einem Spiegel gesehen, wie ihr das Gesicht hübsch aus den glatten, schlichtgescheitelten Haaren hervorleuchtete. Die braunen Rehaugen fragten ängstlich und neugierig, was denn wohl der Fremde von ihr wolle. Er fragte sie manches aus ihrem jungen Leben, und sie gab kurze, klare Antworten. Weriker fand ein wachsendes Gefallen an ihrer ebenso gescheiten wie treuherzigen Art. Auf seinen Wunsch trat auch die Mutter herzu, und in großer Spannung saß das Ehepaar dem stattlichen Zunftwirt gegenüber.
»Ja, lieber Meister und Frau,« hob er an, »Eure Marie hätte ich gern als Aufwärterin in die Meise.«
»Niemals!« fuhr Meister Martin empor. »Niemals!« wiederholte Frau Elisabeth wie ein Echo. »Nein, wir geben kein Kind in ein Gasthaus. Bemüht Euch nicht weiter.« In ihren Gesichtern stand die Entrüstung über das Ansinnen.
»Ich war auf diese Ablehnung gefaßt,« erwiderte Weriker unbeirrt. »Herr Pfarrer Tappoli, der nie nach Zürich kommt, ohne in die Meise zu schauen, hat mir zuerst den Namen Eurer Tochter genannt, aber mich auch auf Euren Widerstand vorbereitet. Doch wollte ich das Mädchen einmal sehen. Nun hat ihr Eindruck meine Erwartung übertroffen. Eure Marie ist gerade das, was ich bedarf: ein gesundes, rechtschaffenes Wesen, rasch von Verständnis, anmutig, doch nicht auffallend von Gesicht. Das brave, einsichtige Landmädchen, das in ein Zunfthaus taugt.«
»Wenn wir aber nicht wollen!« grollte Meister Martin. »Zu jedem Handel müssen doch zwei sein.« »Darüber jetzt ein Wort,« versetzte Weriker ruhig und zäh. »Es gibt genug reiche Bauern und Müller, die mir noch ein stattliches Geld zahlen würden, wenn ich ihre Töchter nur in meine Stuben aufnähme, aber daraus habe ich mir nie ein Geschäft gemacht, sondern stets die Mädchen gewählt, wie sie sich für mein Haus eignen. Warum würden Bauern und Müller noch gerne Geld bezahlen? Meine Frau und ich halten unsere Aufwärterinnen wie eigene Töchter. Im Umgang mit unsern Gästen erlernen sie Lebensart, erwerben sich gute Formen und hören auch manches Ernste, was sie bildet. Liebeleien gestatten wir aber nur, wenn wir überzeugt sind, das Mädchen finde dabei sein Glück. Das ist der alte Ruf der Meise. In den vielen Jahren, da ich auf der Zunft sitze, ist noch jede zu einer guten Heirat gelangt und hat, wenn sie aus dem Haus trat, bereits eine schöne Aussteuer besessen. Die besorgen unsere Stammgäste, die grundsätzlich kein Trinkgeld geben, statt dessen aber für die aufwartende Tochter ein Sparkassenheft führen. Und so sage ich bloß: Stellt Euch der Marie nicht in den Weg für ihr künftiges Glück, denkt an die reichen Bauern.«
Junghans und seine Frau blickten sich fragend an. Der Vorschlag Werikers ließ sich doch hören.
»Also überlegt's Euch, Meister und Frau,« versetzte er selbstsicher. »Ich fahre jetzt nach Schaffhausen und Hallau, dann komme ich wieder und bitte um Eure Antwort. Die Angelegenheit drängt etwas, die Tochter, die durch Marie ersetzt werden soll, will heim, sie ist mit einem angesehenen Handelsmann verlobt.« Als er gegangen war, setzte sich das Ehepaar ratlos an den Tisch, Meister Martin das Kinn in der Hand. Marie aber glänzten die Augen auf und blühten die Wangen. »Ja, Vater, ja, Mutter, ich will! Mir schien es schon lange ein Unrecht, daß ich Euch nicht verdienen helfe. Quält Euch nicht mit Befürchtungen. Ich weiß, was ich Euch schuldig bin.« Und mehr als ihr Mund sprach ihr braunes, lieblich ernstes Gesicht, das leichtsinniger Gedanken nicht fähig war.
Meister Martin besprach sich mit Pfarrer Tappoli und nahm den Weg nach der Stadt unter die Füße. Als er am Abend todmüde heimkam, erzählte er: »Für Marie und uns ist wirklich das Glück zum Dach hereingefallen, daß sie auf dem Zunfthaus dienen darf.«
Sie fand dort ihr Brot.
Ulrich aber sah in der Ferne schon die Zeit seiner Wanderschaft vor sich und freute sich darauf, ohne recht zu wissen warum. Er durchstreifte, allerdings nur auf der Karte, die Länder Europas, Osten und Westen, Norden und Süden, fuhr bald den Rhein oder die Donau hinab, oder zog über den Gotthard nach Italien, oder über den Jura nach Frankreich hinein. Oft sprach der Vater mit ihm andeutungsweise, dann offener und klarer über die sittlichen Gefahren der Wanderschaft, über Weggefährten, Herbergen, Gesellenleben und die Versuchungen durch junges Weibsvolk. Obgleich sich Ulrich für einen gescheiten jungen Mann hielt, gestand er sich, daß er doch eigentlich von den verführerischen und schlechten Dingen draußen in der Welt noch wenig wisse.
Das bekräftigte ihm auch Thomas, der alle deutschen Mundarten durcheinander sprach. »Das Schlechtest aber, was Gott erschaffen hat, das soan's schon d'Weibsleut. Himmi Sakrament, Donnerwetter! Läus' haben ist nichts, aber so' nen weibischen Anhang, den man nimmi losbringt. Schön und liab soans z'erst, aber nahi? – Wenn du der Simson wärst, du kimmst net dagegen an. Die luderige Delila hat dir halt's Haar abg'schnitten, wie's schon in der Bibel steht, die Katz hat si an dei Buckel krallt, und du kannst kratzen und schreien, es hilft dir nichts. Und du bist grad einer, Uli, auf den's Weibsvolk losgeht wie d'Schnackenmucken auf das frische Blut.«
Den jungen künftigen Wandersmann überlief eine Gänsehaut. Wenn er sich aber ruhiger Überlegung hingab, war ihm, er brauche nicht vor den Künsten der Weibsbilder zu bangen. Versuchte ihn eine, so würde er an Nick Tappoli denken, und die andere könnte mit ihrem Zauber gehen.
6
Im Pfarrhaus aber war tiefe Sorge eingekehrt.
Im Vorfrühling hatte Tappoli seinen Amtsbruder in Rafz, der einer auswärtigen Beerdigung beiwohnte, vertreten müssen. Regen, Schnee, Graupeln und jagender Sturm überraschten ihn auf dem Weg nach dem entlegenen Dorf, in durchnäßten Kleidern predigte er und kam schlotternd und fiebernd wieder heim. Lungenentzündung! Nach einigen Wochen gab sie sich. Da fuhr der kaum Genesene trotz der Bitten der Seinen zum Sechseläuten nach Zürich, das ihm von jeher am Herzen gelegen hatte. Dort tafelte er, die rote türkische Mütze auf dem Kopf, mit seiner lieben Kämbelzunft[2] bis in den Morgen hinein und hielt ihr eine ausgezeichnet schöne Rede, kam aber wieder schwer erkrankt in das Städtchen zurück. Als er der Familie Junghans einen Gruß von Marie ausrichten wollte, der es gut gehe, hatte er einen Ohnmachtsanfall. Wohl erholte er sich davon, mußte aber einen Vikar bestellen.
[2] Zunft zum Kamel, ursprünglich Handelszunft.
Nur bei einer Hochzeit im Maien waltete er noch einmal selber des Amtes. Der Bräutigam war Doktor Felix Hartmann von Eglisau, der es in Magdeburg als Arzt zu großem Ansehen gebracht hatte, die Braut eine geborene polnische Gräfin Livia Schimanoska.
Da es sich um so vornehme Gäste handelte, die zudem im Pfarrhaus einen Imbiß einnehmen sollten, war auch Nick mit heißer Seele bei der Begebenheit. Schon festlich geschmückt drängten sie und Julie die Gesichter an die Fenster, um die Wagen aus der Brücke anfahren und das Paar die mit Teppichen belegte Treppe hinauf in die reich mit Blumen geschmückte Kirche gehen zu sehen. Besonders auf die junge Frau setzten sie große Erwartungen, auf die Gräfin, die einen Fürsten hätte heiraten sollen, aber mit dem Arzt entflohen war und nun in der Fremde, verlassen von den Ihrigen, den großen Schritt des Lebens unternahm.
Zu ihrem Leidwesen dauerte der Hochzeitsbesuch im Pfarrhaus nur eine Stunde. Dann erhoben sich die Gäste und warfen sich in Reisekleider. Nick aber war es, an diesem Tag habe sie die Romantik, das Märchen des Lebens berührt, und lange noch sannen und spannen ihre Gedanken um die schöne Begebenheit. Ein paar Jährchen noch, dann würde auch sie den Myrtenkranz und den zarten Schleier tragen und dem größten Geheimnis des Lebens entgegengehen. Sie durchmusterte die Reihe der jungen Männer, die ihr gefielen, und stieß auf die Gestalt des Messerschmiedes Ulrich Junghans; ihre Sinne aber standen auf einem Mann, der geachtet in der breiten Öffentlichkeit wirkte, und ihre Hoffnungen auf das Glück der Welt waren nicht klein.
Zunächst jedoch hauste im Pfarrhof die Sorge. Der Vater wurde stets kränker und brachte den Vikar nicht mehr los, der ihm viel Verdruß bereitete.
Ferdinand Bürsteler war ein sonderbarer und unfertiger Heiliger, seine fleischige Gestalt erinnerte jedermann daran, daß er der Sohn eines reichen Metzgermeisters vom Lande war, und wie sehr er sich bestrebte, geistliche Würde zu zeigen, blieb etwas Unstimmiges in seiner Kleidung und seinem Benehmen gegen die Menschen. Er suchte sich durch einen freundlichen Verkehr mit der Jungmannschaft des Städtchens beliebt zu machen und gab sich so volkstümlich wie sie. Sie aber verlor dadurch den wünschbaren Abstand gegen ihn, ja die Frechern stellten sich mit ihm ohne weiteres auf das vertrauliche Du. Er spürte zwar das Ungehörige darin, war aber in seiner bodenlosen Gutmütigkeit nicht wehrhaft genug, sie von sich abzuschütteln. Besser als unter dem richtigen Namen kannte man ihn im Städtchen unter dem Spottwort »Ferdi Wiederum«, denn er pflegte in seinen Predigten die Pausen des Gedächtnisses mit der Wendung »Wiederum sage ich euch« auszufüllen, im nämlichen Gottesdienst ein dutzendmal. Überhaupt die Predigten! Mit einförmiger, dröhnender Stimme trug er sie vor, legte das Pathos dahin, wo es nicht hingehörte, und schlug mit der Faust dann und wann auf das Kanzelbrett. Jedermann im Städtchen lachte über den derben »Ferdi«. Aus dem Gelächter wurde aber eine schlecht versteckte Feindseligkeit, und würdige Männer sagten es ihm ins Gesicht, daß er gescheiter hinter die Fleischerbank seines Vaters als auf die Kanzel treten würde.
Die Not wegen des Vikars war im Pfarrhause groß, plötzlich wuchs sie zur Verzweiflung an.
Die Pfarrerin trat an das Lager ihres Mannes und meldete ihm unsicher: »Draußen steht ein junges Paar und will deinen Segen erbitten – der Vikar und Julia!«
»Was sagst du?« fuhr der Abgezehrte empor, und seine Augen loderten mit letzter Kraft.
Sie erbleichte über seinen Zorn, nahm seine Hand und flüsterte: »Leider Gott, du Lieber, es muß sein. Sie lieben sich, – ich fürchte, ein Einspruch käme schon zu spät.«
»Das ist ja ein Nagel zu meinem Sarg!« ächzte er und sank trostlos auf das Lager zurück. »Zu spät!«
Tage vergingen. Ehe er das Paar zu sich herantreten ließ, mußte Bürsteler seinen Vater zu Hilfe rufen. Der dicke, gutmütige Metzgermeister kam mit reichen Geschenken für die Braut und die Schwiegermutter. Indem er die Bewegung des Geldzählens machte, sagte er, wenn Ferdinand sich nicht für das geistliche Amt eigne, so ständen ihm, dem einzigen Sohne, noch genug andere Wege offen, durch die Welt zu kommen. Er brachte zuerst die Pfarrerin auf seine Seite, und in einem Gefühl grenzenloser Demütigung gab der durch die Krankheit widerstandsunfähig gewordene Tappoli die öffentliche Verlobung zu.
Nun aber war er ein völlig gebrochener Mann. Umsonst suchte ihm die Gattin die Vorteile der Verbindung auseinanderzusetzen. »Nicht einmal eine Aussteuer beansprucht Vater Bürsteler, er schafft sie der Julia selber an. Das ist in unsern Verhältnissen eine große Wohltat.« Es war ein Wesenszug der stillen Frau, um deren Gesundheit es selber nicht am besten stand, daß sie nichts so sehr wie den Frieden des Hauses schätzte. Seinetwillen wollte sie manchmal Dinge unter einen Hut bringen, die sich stets so fremd blieben wie der feine Pfarrer und der derbe Vikar. Sie suchte auch Nick mit der Verlobung zu versöhnen, aber das heftige Mädchen bebte vor Empörung. Die Geschenke des künftigen Schwagers wies sie mit verletzendem Stolz zurück und lebte nur noch ihrem sterbenden Vater.
»Jetzt halte du, Monika, den Namen der Tappoli höher in Ehren als deine Schwester, sonst wüßte ich selbst im Jenseits meines Leides kein Ende,« flüsterte er in einem seiner lichten Augenblicke.
»Ja, Vater – ja – ja – ja!« stammelte sie inbrünstig und umklammerte seine hager gewordenen Hände mit leidenschaftlicher Kraft.
Nach ein paar Tagen kam der Todeskampf über ihn.
Es war ein Sturm- und Schneetag, als man Pfarrer Tappoli beerdigte. Der unwillkommene Schwiegersohn hielt eine leidliche Rede auf ihn, dann stieg ein alter weißbärtiger Dekan auf die Kanzel und sprach besser.
Unter der Menge Leidtragender, der gesamten Gemeinde, die im Schneegestöber auf dem Kirchhof stand, befand sich auch Ulrich, der tief um seinen Religionslehrer trauerte. Seine Augen waren auf Monika gerichtet. Im langen, schwarzen Trauergewand erschien sie ihm noch schlanker als sonst, in ihrem Gesicht, das keine Farbe mehr hatte, stand ein tränenloser, wie zu Marmor erstarrter Schmerz, der neben dem heftigen Weinen und Schluchzen der übrigen Familienangehörigen erschütternd wirkte. Ulrich durfte in dieser leidvollen Stunde nicht daran denken, daß er sie liebe, nur weinen hätte er mögen vor Mitleid mit ihr.
Ferdinand Bürsteler, der durch den Tod des Pfarrers vom Vikar zum Verweser vorgerückt war, namentlich aber seine Braut und die verwitwete Pfarrerin hofften, daß er zum ständigen Geistlichen des Städtchens ernannt werde und sie ungestört im lieben Haus bleiben dürften, durch das noch der feine Geist des Verstorbenen ging. Damit sich der Ruf Ferdinands im Städtchen bessere und die Bürger etwas Achtung vor ihm bekämen, nahmen ihn Braut und Mutter in eine strenge Erziehung. Sie kamen aber mit ihren wohlmeinenden Bestrebungen zu spät. Die Kirchenpflege richtete eine Zuschrift an ihn, sein Entlassungsgesuch, das er in Wahrheit gar nicht eingereicht hatte, sei genehmigt, und legte dazu ein Zeugnis über seine Tätigkeit im Städtchen, das nach dem Grundsatz gehalten war, man solle dem fliehenden Feind goldene Brücken bauen. Mochte eine andere Gemeinde sehen, wie sie mit ihm fertig würde.
Als er sich vom ersten Staunen darüber erholt hatte, nahm er es nicht mehr schwer und begriff nicht, daß Julia und die Mutter heiße Tränen über das höhnische Benehmen der Pflege vergossen, merkte aber, daß die blasse Nick über diese Wendung hochaufatmete. Am liebsten hätte er die junge, feine Schwägerin auf den Händen getragen, aber da gab es nichts zu drehen und zu deuten, sie war, wenn auch verhalten, seine unversöhnliche Feindin.
Eine Kalesche führte Bürsteler mit seiner Braut aus dem Städtchen ins liebliche Oberland, wo sein Vater wohnte, und hinter ihnen öffnete Monika die Fenster des Hauses, um die Vorfrühlingswinde durch die Räume strömen zu lassen.
»Du bist boshaft,« schalt die Mutter. »Alle Achtung vor Ferdi! Er hat ganz im stillen die vielen alten Bücherrechnungen des Vaters bezahlt. Woher hätten wir das Geld genommen?«
Die betroffene Nick spürte, wie die Armut ins Haus zog und sie durch den vorzeitigen Tod des Vaters selber ein Vöglein auf dem Ast geworden war. Die Unbesorgtheit des Vaters in Gelddingen, die kleine Besoldung, der viele Besuch! Daran lag's! Ausgeträumt war der Plan eines Bildungsjahres im Welschland; die kleine Vermögenshinterlassenschaft reichte nur, um Dietrich durch die begonnenen Studien zu bringen. Sie und die Mutter aber mußten froh sein, wenn sie als Kostgeberinnen eines künftigen Verwesers im alten Heim bleiben durften. Nur dieses nicht räumen müssen!
Im Städtchen wußte man, wie es um die verwaisten Pfarrersleute stand. Die Kirchenpflege kam, zu Ehren des verstorbenen Tappoli, den stillen Wünschen der Witwe entgegen und richtete wieder eine Verweserei ein. Dabei dachte sie auch rücksichtsvoll an Nick. Obwohl sie noch etwas zu jung war, hätte man sie im Städtchen gern als Pfarrersfrau gesehen; man hoffte, einem kommenden Verweser werde es von selber einfallen, dem schönen, gescheiten Mädchen die Hand zu reichen.
Leider wußte Nick der Behörde für die gute Absicht wenig Dank. Als sie durch die Mutter Wind davon bekam, lächelte sie stolz: »Die Kirchenpflege verheiratet mich nicht, das besorge ich schon selber.« »Nick, Nick! Hochmut kommt vor dem Fall,« schmälte die niedergedrückte Frau, die oft ihre Not mit dem siebzehnjährigen Trotzkopf hatte. –
Die Pfarrerin war zur Hochzeit Ferdinands und Julias in dessen Heimat gefahren, Monika mit der Begründung zurückgeblieben, daß jemand zu Hause sein müsse, wenn allenfalls ein neuer Verweser einrücke.
Und er kam – Glorian Rollenbuz! In der brennenden Sonne des Mittags trat er im Winterüberzieher, ein blaues, wollenes Tuch um den Hals, fast ärmlich, ins Pfarrhaus. Der Unterton jedes seiner Worte flehte: »Verzeihen Sie mir tausendmal, daß ich auch auf der Welt bin.« Das nicht mehr junge Männchen mit dem ausgedorrten, pergamentenen Gesicht mutete Nick sogleich komisch an. Als er den dunkeln Filz ablegte, erschien darunter eine dicke, schwarze Mütze, ähnlich der Beulenkappe, die man kleinen Kindern aufsetzt, damit sie sich im Fall nicht verletzen. Er bat um Entschuldigung, daß er sie wegen seiner reizbaren Kopfnerven nicht ablege, der größte Feind seiner Geistesarbeit sei die Luft. Im Vorbeigehen zeigte sie ihm die schöne Bibliothek ihres Vaters, aber er sagte, vor Bedauern zitternd, die Klassiker seien ihm zu modern, er lese überhaupt nur Schriften, die vor der Erfindung der Buchdruckerkunst entstanden seien. Allmählich merkte Nick, daß er im Haupt- oder Nebenberuf Privatgelehrter war.
Als die Mutter von der Hochzeit ihrer Ältesten heimkehrte, war sie überrascht, Monika so hellauf zu finden.
»Ach, wenn du unsere Heuschrecke siehst,« lachte die Tochter, »so vergeht auch dir jede Traurigkeit! Ich glaube, Gott hat uns den Verweser eigens ins Haus geschickt, damit ich wieder fröhlich sein lerne.«
Das Herz der Pfarrerin war aber noch von der Hochzeit voll und mußte sich selber zuerst entladen, ehe sie Anteil an Glorian Rollenbuz faßte: »Und denke dir, Nick, jetzt ist das Paar auf seiner Hochzeitsreise unterwegs nach Paris. Julia in Paris! So weit bringst du es mit deinem Stolz im Leben nicht!«
»Lieber aufs Altjungfernried als mit Ferdinand nach Honolulu!« spottete Nick.
Die Mutter wandte sich von ihr ab und warf durch die Türspalte einen neugierigen Blick nach dem Verweser.
In dem Polsterstuhl, in dem schon ihr seliger Mann seine Predigten studiert hatte, saß das Männchen und hatte das Tageslicht durch eine über das Fenster gezogene Wolldecke abgeblendet. Auf seinem Kopf ruhte die dicke Mütze, über die Stirn war ein großer grüner Lichtschirm, vor die Augen eine mächtige Hornbrille gespannt – dies eben gab ihm das Heuschreckenhafte, von dem Nick gesprochen. Um den Hals hatte er das blaue Wolltuch geschlungen, der Rest seiner Leiblichkeit steckte in einem alten Schlafrock und Schlurfpantoffeln. Auf dem Boden lagen an die hundert Kartonschachteln alphabetisch geordnet, in allen Fächern staken etliche beschriebene Zettel.
Mit einem Seufzer schloß Frau Tappoli die Tür. Ihr war der luft- und sonnenscheue Sonderling zuwider, Nick aber mußte etwas an dem stillverrückten Menschen finden. Sie war geradezu seine Freundin. Dankbar weihte er sie in seine gelehrte Tätigkeit ein, für die er sich Pergamente und Folianten aus mancherlei Ländern kommen ließ. Das Werk, an dem er arbeitete, trug die Überschrift »Die Grundzüge des Ökumenischen Konzils«. Zehn Jahre schon beschäftigte es ihn angestrengt, bereits war es auf fünf Bände angewachsen, er rechnete aber auf noch zehn Jahre und noch fünf Bände, bis die »Grundlinien«, seine Lebensarbeit, vollendet seien, und seufzte dazu: »Wenn es die Kopfnerven nur aushalten!«
»Werden die Bände aber auch gekauft werden?« fragte Nick, seinen Gelehrtenfleiß bewundernd und in leisem Mitleid. »Gekauft? – Wohin denken Sie?« erwiderte er, nicht ohne Selbstbewußtsein. »Ich bin keiner jener armseligen Schriftsteller, die ihre Bücher gern in vielen Händen wüßten. Die ›Grundlinien‹ sind nur für Bibliotheken bestimmt, und ihre Veröffentlichung kostet ein Heidengeld. Dafür haben wir aber in Basel unsere Familienstiftung Rollenbuz.«
Hatte Nick vermutet, daß Herr Glorian heimlich ein armer Schlucker sei, so belehrten sie seine Mitteilungen über die Stiftung vom Gegenteil. Schelmisch fragte sie: »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, ohne daß Sie böse werden? Sie sind mit den Kleidern etwas schäbig dran. Wenn wir aus der Stiftung neue kauften und Ihren gesamten alten Plunder ins Armenhaus verschenkten!« »Liebes Fräulein,« erwiderte er, »diese Dinge liegen tief unter meiner Art. Wenn aber Sie an die Stiftung schreiben wollten?« »Das will ich!« rief sie; »aber werden Sie mir hinaus durch die frische Luft zu einem Schneider oder Schuhmacher folgen?« »Nein, das geht nicht,« stotterte er, »die Luft, die Kopfnerven!« und blickte sie hilflos an wie ein Kind. »Dann könnte ich ja die Handwerker hieher rufen,« meinte sie.
»Fräulein Tappoli, Wohltäterin!« rief er. »Gott hat Sie erleuchtet.« Und Glorian Rollenbuz kam zu neuen Kleidern.
Er war wieder nicht der Pfarrer, den das Städtchen bedurfte. Über seine Predigten ließ sich nicht urteilen. Der Stubenhocker sprach mit einer Flüsterstimme, die niemand verstand. Die Kirchenpflege trug aber doch Bedenken, ihn so einfach wegzuschicken wie Ferdinand Bürsteler. Sein Lebenswandel war einwandfrei, und sie wollte das Städtchen vor den Nachbargemeinden nicht in den Ruf bringen, daß es unverträglich gegen die Geistlichen sei. Wie weit ein Pfarrstreit führen konnte, dafür gab es ein Beispiel nicht fern vom Rhein. In jenem Ort hatten sich die Bürger wegen der Wahl eines Geistlichen so entzweit, daß sie ihrer Meinung über ihn auch sichtbaren Ausdruck gaben. Diejenigen, die sich seiner freuten, steckten rotangestrichene Pfähle zu ihren Reben, die Gegner aber, zum Zeichen der Trauer, schwarze. Von ferne sah man aus den Farben des Weinbergs, wie sich jeder einzelne Bürger zum Geistlichen stellte. Ein solches Kalenderstücklein durfte sich in Eglisau nicht ereignen, und man fand sich mit Glorian ab.
Es kam aber drei Sonntage nacheinander vor, daß niemand seiner unverständlichen Stimme lauschte als Frau Tappoli, Monika, der Vorsänger und der Küster. Da betrübte er sich selber, und nachdem er ein halbes Jahr lang die Leute aus der Kirche gepredigt hatte, nahm er freiwilligen Abschied von dem Städtchen. Nick tat es schier leid um den Sonderling.
Und wiederum erschien ein Verweser. Der sang aber so laut und falsch, daß sich der Vorsänger beleidigt von den Gottesdiensten zurückzog. Nick rettete den Gemeindegesang, indem sie den jungen Geistlichen bat, sich auf das Predigen zu beschränken, und führte mit ihrer hellen Stimme selber die Kirchenlieder an.
Im Verkehr mit den mancherlei Verwesern erweiterte sie ihre jugendliche Menschenkenntnis, und in der Bemutterung der Käuze, deren jeder an einer anderen menschlichen Unvollkommenheit litt, überwand sie die herbe Trauer um den zu früh verstorbenen Vater.
7
Mehr als ein Jahr war seit dem Tode Tappolis vergangen. Schon roch es in der Luft wieder nach Frühling. Der Rhein wälzte die mächtigen Fluten der Schneeschmelze daher, entwurzeltes Strauchwerk und gebrochene Bäume.
Da kam Marie wieder einmal ins Vaterhaus. Streng an ihre Stelle gebunden, war sie ein seltener Gast; aber jedesmal, wenn sie erschien, schaute ihr Lenzsonne aus den Augen, sah man ihr an, daß es ihr auf dem Zunfthause gut ging. Sie brachte dem Vater Erspartes: »Die paar Goldstücke stammen von Hochzeiten und anderen Gesellschaften.« Er nahm das Geld befriedigt hin, sagte aber: »Wenn du einmal heiratest, Marie, so gebe ich es dir wieder. Ich führe über jeden Franken Buch, und keines soll zu kurz kommen.« »Wie magst du vom Heiraten reden!« lachte sie auf. »Mir ist wohl genug!«
Ulrich weidete sich an dem frischen Bild der Schwester, und als sie wieder gegangen war, fehlte sie ihm an allen Ecken und Enden.
Nachdem er seine Spaziergänge durch die Welt lange nur auf der Landkarte gemacht hatte, rückte nun seine Wanderzeit heran. Da ergriff auch der Vater das Wort zu seinen Plänen. »Ich meine halt, zuerst solltest du dich nach Deutschland wenden. Als junger Guckindiewelt bist du dort wenigstens unter einem ehrlichen Volk, und tüchtige Feinschmiede gibt es fast in jeder Stadt. Ich will dir nur einen nennen, Melchior Finkler in Nürnberg, neben dem ich auf meiner eigenen Wanderschaft in Köln über ein Jahr gearbeitet habe. Er ist ein goldlauterer Mann und sein Atelier, wie ich genügend weiß, berühmt. Wenn ich mich deinetwegen an ihn wendete?«
Dem Zwanzigjährigen wollte es nicht gefallen, daß ihn der Vater auch noch in der Fremde zu gängeln versuchte; doch war ja Nürnberg eine altschöne Stadt und kein Winkel, aus dem er, wenn er wollte, nicht rasch wieder in die Welt hinaus gelangte. Um dem Vater die gute Laune nicht zu verderben, ließ er ihn an Meister Finkler schreiben.
Die achtungsvolle Antwort des Nürnberger Schmiedes lautete, daß ihm der Sohn seines lieben früheren Freundes jederzeit willkommen sei, daß er ihm schöne Arbeit zuweisen und ihn nach Vermögen im Handwerk fördern werde. Damit war die Stadt an der Pegnitz sein nächstes Ziel geworden, und mit dem Vater kam er überein, daß der erste Mai der Aufbruchtag sein solle.
Als die jugendfrohe Gesellschaft des Rhein-Fahrvereins, der seine Übungen auf dem Strom schon wieder aufgenommen hatte, von dem bevorstehenden Auszug Ulrichs in die Fremde vernahm, wollte sie ihren Obmann und zweiten Oberfahrer nicht aus der Heimat wandern lassen, ohne ihm ein Abschiedsfest zu bereiten. Sie verabredeten zu seinen Ehren auf den letzten Sonntag im April eine Stromfahrt mit bekränzten Schiffen, die vom Rheinfall bis zum Städtchen Kaiserstuhl ging. Jeder sollte dazu seine Herzallerliebste einladen oder sonst ein Mädchen, das ihm wohlgefiel. Führte man die Kähne in der Nacht zum Rheinfall, so konnte man sie bald nach Sonnenaufgang in den Strom lassen, erreichte Kaiserstuhl gegen Mittag und hielt dort in der Krone gemeinsame Mahlzeit; nachher tanzte man ein paar Stunden mit den Mädchen, und die Bauernburschen kamen und holten Leute wie Boote, die wegen der starken Strömung nicht auf dem Fluß selber zurückgeschafft werden konnten, wieder nach Eglisau zurück.
Das war der Plan des ländlichen Festes. Ulrich tat es wohl, daß ihn sein lieber Verein mit einer so schönen Ehrung bedachte. Was aber das Mädchen betraf, das er einladen wollte, gab's keine Wahl. Nick Tappoli! Sie sah dann doch, wie geachtet er unter der Jungmannschaft war.
Sie hatten sich schon lange nicht mehr begegnet, und wenn er sich ihr Bild vorstellen wollte, so sah er sie stets in dunkelm, langem Trauerkleid, das Gesicht umwallt von einem schwarzen Schleier wie am Beerdigungstag ihres Vaters, blaß und versteinert im Schmerz, fremd und heilig. Die Erinnerung beklemmte ihn. Er hatte das Gefühl, es richte sich eine unsichtbare Schranke zwischen ihm und ihr empor. Er fühlte aber die Notwendigkeit, über die Wünsche seines Herzens mit ihr zu sprechen, bevor er auf die Wanderschaft ging. Doch erschien es ihm leichter, durch einen feurigen Ring zu laufen, als sie aufzusuchen und von der Leber weg mit ihr zu reden. Nun gab ihm die Fahrt den Vorwand, er besiegte das zaghafte Herz und warf sich am Abend in das neue, teure Kleid, das ihm in Nürnberg als Sonntagsstaat dienen sollte.
»Wohin, Gehasi?« fragte die Mutter mit einer biblischen Wendung. »Zu Nick Tappoli!« »Ei tausend, Uli, du nimmst aber das Ziel hoch!« Sie betrachtete ihren großen, stattlichen Jungen mit herzinnigem Wohlgefallen; es schien ihr kein schlechtes Zeichen für seine Zukunft zu sein, daß er als Gesponsin für die Fahrt gleich das angesehenste Mädchen begehrte. Über seine Keckheit verwundert, rief sie ihm unter der Türe nach: »Mit Glück, Uli!«
Vor dem im Dämmerlicht stehenden Pfarrhause fiel Ulrich aber der Mut doch fast in die Schuhe, seine feste Hand zitterte ein wenig, als er die Glocke zog. Aus dem Oberstock steckte Nick selber den Krauskopf heraus. »Sie sind es, Herr Junghans!« Er fühlte sich etwas befremdet von der Anrede. Warum hatte sie nicht gesprochen: »Du bist es, Uli?« Nun aber kam sie mit leuchtenden Augen die Treppe herunter und streckte ihm freimütig die Hand entgegen. »Sie bringen mir gewiß Neuigkeiten von Marie. Wie geht es ihr?« damit führte sie ihn in die gemütliche Stube hinauf, um deren Fenster sich eine Asklepia mit dunkelgrünen Blättern und großen, roten Blumenglocken rankte.
»Von Marie weiß ich nichts Neues,« stotterte er. »Ich komme in eigener Angelegenheit zu Ihnen, Fräulein Tappoli. Der Fahrverein …« »Ja, der soll zu Ihren Ehren eine schöne Frühlingsfahrt planen –« nahm sie ihm lebhaft das Wort aus dem Munde.
Da trat gerade die Pfarrerin herein, die wie die Tochter in einfachem Schwarz ging, und ihre Gegenwart kam Ulrich eben recht. Er brachte sein Anliegen vor.
Die überraschte Nick wechselte mit der Mutter einen Blick; der Wunsch, an der Fahrt teilzunehmen, stand ihr im Gesicht. Unbedenklich antwortete die Pfarrerin: »Wie bald müssen wir vielleicht das Städtchen verlassen, und es ist kaum zu denken, wie wir an einem Ort leben, an dem wir den Rhein nicht mehr sehen. Nimm also die freundliche Einladung des Herrn Junghans nur an, so wirst du eine schöne Erinnerung an den Strom deiner Jugend mehr haben.«
Da freuten sich Ulrich und Nick, die Frau Pfarrer aber ging und ließ sie allein.
»Ich habe eben das Zimmer für einen Verweser gerichtet,« plauderte Nick. »Was ist unser Haus für ein Taubenschlag geworden! Jetzt hat aber die Kirchenpflege beim Antistes Vorstellung erhoben, wie das religiöse Leben der Gemeinde gelitten habe. Der würdige Vorsteher der Landeskirche hat der Behörde nun schon auf nächsten Sonntag einen Geistlichen in Aussicht gestellt, von dem er des Lobes voll ist. Der Verweser heißt John Wildholz, es ist ein in Indien geborener Schweizer.«
»Wenn der unsere leere Kirche sieht!« versetzte Ulrich. »Und am nächsten Sonntag wird sie wegen unseres Ausfluges noch leerer sein als sonst.«
»Gott, wie freue ich mich auf die Fahrt!« jubelte Nick. Sie zerlegte ihm mit leichter Hand einen Lederapfel. »Nicht wahr, die Früchte haben sich wundervoll erhalten?« Ihr Gespräch trug nun doch das Gepräge schöner Kameradschaftlichkeit. Auch von ihm war das Gefühl der Enge gewichen. Nach einer Weile kam ihm aber zu Sinn, sein Besuch habe lang genug gedauert, und er wollte aufbrechen. Sie jedoch hielt ihn zurück und fragte ihn mancherlei wegen seiner Wanderpläne. »Was hat es ein junger Mann so schön,« rief sie, »und ich Ärmste muß einen schrulligen Verweser nach dem andern hüten!« Als er ging, leuchtete sie ihm mit einer Kerze bis unter die Haustüre und drückte ihm mit einem lieblichen Lächeln die Hand. Da zuckte die seine in der ihren.
Er mochte noch nicht auf seine Kammer gehen. Glückselig stand er am Rhein. Leis sang der Strom sein Lied, und über den dunkeln Giebeln wandelten die Frühlingssterne. Er trat auf die Brücke und lehnte sich in ein Fenster der Holzverschalung. Was sein erregtes Blut wünschte, rauschten die Wellen: »Sie liebt dich! Sie wird dir kein Nein geben, wenn du sie um ihre Hand fragst. Und wenn sie ihr Ja spricht, so wirst du nicht drei Jahre in der Fremde bleiben. Nur zwei! Nein, auch das wäre noch zu lang. Nur eines!« – »Nick – Nick,« rauschten und sangen die Wellen. »Monika Tappoli – Monika Tappoli!« Er hatte diesen Abend mit ihr einen guten Anfang gemacht, und ein ebenso gutes Ende dazu würde sich finden. In seliger Spannung brachte er die Woche hin.
Auch Nick lebte in der Vorfreude der Fahrt und rüstete dafür ein weißes Wollkleid. Durch ihre Freude zuckte aber eine kleine Unruhe, die Frage, ob wohl Ulrich Junghans sie liebe. Seine suchenden Augen, das Zucken seiner Hand beim Abschiede ließen es vermuten. Wenn ja, – wie sich dann zu ihm stellen? In der Freundschaft mit der treuherzigen Marie war allerdings stets eine Neigung für den Bruder einhergelaufen, aber von einer Neigung zu einer Lebensliebe war doch noch ein weiter Schritt. Ihr hatte für die Zukunft stets etwas Studiertes vorgeschwebt, oder etwas Stadtzürcherisches wie der Sohn eines Seidenindustriellen, der ihr bei der schönen Hochzeit gegenübergesessen. Auch hatte sie ihrem Vater ja versprochen, daß sie den Namen Tappoli hoch in Ehren halten und nicht billig hingeben werde.
Sie wurde aus sich selber nicht klug, sie sagte sich: »Um mich ernstlich zu verlieben, bin ich noch zu jung; hoffentlich ist Uli auch nur aus Freundschaft zu mir gekommen und denkt selber nicht daran, sich über die Wanderjahre hinaus an eine Liebe in der Heimat zu binden.« Damit wollte sie ihre Sorge hinter sich werfen.
Da kam aber der junge Bauer Rudolf Heller, der zweite Obmann des Vereins, zu ihr ins Pfarrhaus und teilte ihr mit, die Gesellschaft habe beschlossen, dem um den Verein recht verdienten Ulrich Junghans zum Abschied einen Gedenkring zu stiften. »Wir freuen uns so sehr, Fräulein Tappoli,« fuhr Heller fort, »daß Sie bei der Fahrt sind. Wir möchten Sie bitten, Uli den Ring in unserm Namen zu überreichen. Es sieht vornehmer und feierlicher aus, wenn es statt unsereinem ein junges Fräulein tut; und ich bin kein Sprecher.«
Das Blut stieg ihr in die Wangen, der Anreiz des Erlebens ging ihr durch die Seele, und nachdem Heller genug den Hut vor ihr gedreht und um den Dienst gebettelt hatte, übernahm sie das kleine Amt.
Nun mußte sie aber erst recht wieder an Ulrich denken. Noch nie hatte die Gesellschaft einem Mitgliede einen Ring oder sonst ein Andenken geschenkt. Es mußte doch etwas Besonderes an dem jungen Schmied sein. Nun ja! Seit der Verein bestand, war kein so guter Geist, so viel schöner Wille und Eintracht unter den Mitgliedern gewesen wie während des ganzen Jahres, in dem er die Obmannschaft geführt hatte. Darum die Fahrt, dafür der Ring! Wenn er doch nicht nur ein Schmied wäre! Dann wäre ihr gewiß keiner als Freier willkommener als er. –
Der Samstag vor der Fahrt war gekommen, ein herrlicher Frühlingstag. Weiche Lüfte hatten an den Halden des Rheins die Obstblüte geweckt, und die Natur bot bereits ein maienhaftes Bild. Die Mädchen suchten in Feld und Wald Blumen, flochten sie im Schulhaus zu Kränzen und waren eben im Begriff, sie um die drei langen Kähne zu winden, die ein Stück oberhalb der Brücke am Ufer lagen.
Da kam ein Fremder vom Städtchen her, eine hohe Gestalt in schwarzem Kleid, ließ die blaudunkeln Augen forschend durch die Gesellschaft gehen und trat auf Nick zu: »Ich irre mich wohl nicht, daß ich Fräulein Tappoli vor mir habe. Darf ich mich vorstellen? Ich bin John Wildholz, der neue Verweser, und habe von der Frau Pfarrer gehört, daß Sie hier mit den Vorbereitungen für ein Fest beschäftigt sind.« Dunkle Locken umgaben das wuchtige Haupt, sein Blicken und Lächeln hatte etwas ungemein Reines und Hohes.
In die Gestalt Monikas, die sich sonst nicht überraschen ließ, kam etwas Linkisches, und sie mußte die passende Antwort suchen.
Der Mann mit dem leisen skeptischen Zug im Gesicht und den glänzenden, geheimnisvoll tiefen Augen erschien ihr wie ein höheres Wesen. Den andern Mädchen ging es ebenso, die Arbeit stand ihnen zwischen den Fingern still, und von der einen zur nächsten flüsterte sich's: »Der neue Verweser! Was für eine vornehme Gestalt!«
Er bat Monika, ihm ihre Gespielen vorzustellen, die ja seine künftigen Pfarrkinder seien, und hatte für jede ein wohlabgewogenes Wort. »Nun aber lassen Sie sich von mir nicht weiter stören! Ich mache jetzt gern einen Spaziergang den Rhein entlang.«
»Wir sind fertig,« erklärte ihm Nick. »Wenn es Ihnen angenehm ist, begleite ich Sie.«
Dankbar nahm er an. »Der Oberrhein ist mir doch von den vielen Naturbildern, die ich kenne, eines der liebsten,« plauderte er. »Seine Klarheit und Durchsichtigkeit und der gewaltige Wogendrang haben mir schon, als ich noch ein Knabe war, einen unvergeßlichen Eindruck gemacht. Was wird Ihnen morgen für eine prachtvolle Fahrt beschieden sein!«
»Sie aber werden, fürchte ich, gerade wegen des Festes vor einer ziemlich leeren Kirche predigen müssen,« versetzte Nick.
»Ich bin nicht so ehrgeizig, daß ich gleich am ersten Sonntag ein volles Gotteshaus erwarte,« antwortete er schlicht. »Ich will zufrieden sein, wenn ich mir nach und nach das Vertrauen der Gemeinde erwerbe.«
Sie gab ihm einen bewundernden Seitenblick. »Also schon in Ihren Knabenjahren waren Sie an unserm Rhein? Ich vermutete, Sie seien erst vor kurzer Zeit aus Indien in die Schweiz zurückgekehrt.«
»Nein, doch nicht,« erwiderte er. »Ich habe in Zürich und Basel studiert. Und vorher war ich schon mit zwölf und mit siebzehn Jahren in der Heimat, beide Male etliche Monate, und kam schon damals mit der Mutter an den Oberrhein. Sie liebte ihn, wie ihr Geburtsland überhaupt. Auf der letzten Rückfahrt nach Indien sprachen meine Eltern davon, sich nach einiger Zeit endgültig in die Schweiz zurückzuziehen und uns Söhnen die Leitung des blühenden Kaufmannsgeschäftes in Kalkutta zu überlassen. Gott hat es anders gefügt. Zwei Tagreisen vor unserm Ziel geriet unser Dampfer in einen Wirbelsturm, bei rabenschwarzer Nacht ging er unter. Als am Morgen ein anderes Schiff die Unglücksstätte absuchte und die Überlebenden sammelte, waren die Eltern und ein sechsjähriges Schwesterchen Opfer des Unglücks geworden. Wir drei Brüder fanden uns an schwimmenden Schiffsteilen klebend wieder und erreichten Kalkutta. Meine seelische Erschütterung über den Verlust der Eltern aber war so groß, daß man mich gesundheitshalber bei einem Missionar, einem Schweizer namens Eberhard, unterbrachte. Im Verkehr mit ihm beschloß ich, selbst Geistlicher zu werden, und zwar im Dienst der armen, ungebildeten Hindus. Als blutjunger Prediger zog ich durch die weiten Landschaften, fiel aber in den Reisdörfern der Malaria anheim. Da gab es nur eine Rettung: die Schweiz! So bin ich im Vaterland Pfarrer geworden.«
Still ging Nick neben dem Erzähler und lauschte seiner warmen Rede. Dann und wann suchte ihr Blick seine von einer herrlichen Stirne überragten Augen, die, wenn er in sich versonnen ging, einen leis schwermütigen Ausdruck annahmen, sich aber, wenn er das Wort ergriff, in helles Feuer verwandelten. Nein, er war kein Fremder, nach Art und Seele stand er fest auf dem heimatlichen Boden; aber das ferne, fremde Land hatte ihm doch etwas Besonderes gegeben, einen geheimen Zauber des Wesens, der ihn hoch über all die bisherigen Verweser des Städtchens stellte.
Auf einem weiten Umweg durch Felder und Wälder erreichten sie das Pfarrhaus wieder.
Aus den Fenstern schaute schon Frau Tappoli nach ihnen aus. »Nick, nun rasch zu Nacht gegessen und zur Ruh gegangen!« ermahnte sie die Tochter. »Um zwei Uhr mußt du schon wieder aus den Federn sein, und es wäre zu töricht, wenn du dir den morgigen Tag im vorhinein durch zu wenig Schlaf verdürbest.«
Die Hand Nicks ruhte zum Gutenachtgruß in derjenigen des neuen Gastes, er wünschte ihr herzlich Glück zu der Fahrt, und ein Strahl seiner dunkeln Augen traf sie.
Schlafen! – Ja, die Mutter hatte schon Recht! Aber Nick sah stets das zwingende Leuchten in den Augen des neuen Verwesers, stets hörte sie seine weiche, biegsame Stimme. Bis an den Morgen hätte sie am liebsten seiner Erzählung gelauscht, sogar die Rheinfahrt leicht dahingegeben, wenn sie dafür ihn hätte predigen hören, – als ob nicht noch genug Sonntage kämen, wo ihr dieser Genuß beschieden sein würde.
Stunde um Stunde hörte sie schlagen, sie dachte nur an ihn und nicht mehr an Junghans. Ihr war, sie sei erst am Einschlafen. Da kam die Mutter an die Türe und rief gedämpft: »Nick, aufstehen! Es ist höchste Zeit!«
Eine Weile später schlüpfte Nick aus dem Pfarrhause. Da stand draußen schon Ulrich, erwartete sie und erkundigte sich, ob sie einen genügend dicken Mantel und ein warmes Kopftuch für den kühlen Morgen bei sich habe.
Seine Stimme klang ausgeruht, frisch und unternehmungsfroh.
8
Etliche mit je zwei Pferden bespannte Leiterwagen führten die Gesellschaft und die Kähne durch die Nacht. Ulrich versuchte ein harmloses Geplauder mit der neben ihm sitzenden Nick. Sie blieb aber einsilbig. Er schob es auf den zu kurzen Schlaf und schwieg rücksichtsvoll. Ihr war es eine Wohltat. Fröstelnd wand sie sich tiefer in ihren warmen Mantel und spann an ihrem nächtlichen Traum weiter. Wie ist das Menschenherz sonderbar! Wir leben Jahre mit andern, wir glauben sie zu lieben. Da tritt ein bisher Unbekannter hervor und ist uns in einer Stunde so viel, daß die bisherigen wie Schatten versinken. Ist es nicht ein schlechtes Herz, das dieser Umwandlung fähig ist? –
Aus ihrem Halbschlummer weckte sie ein Lied.
»Wie herrlich strahlt der Morgenstern!
O, welch ein Glanz geht auf vom Herrn,
Wer wollte sein nicht achten!«
sangen Burschen und Mädchen.
Nick schaute in ein überwältigend schönes Bild. In funkelndem Glanze hob sich der Tagstern über eine dunkle Waldwand empor. Sieghaft schwebte er durch das Morgenrot, in dessen Widerschein die Erde wie ein blühendes, glühendes Mohnfeld von unendlicher Weite erschien. Eine Wegbiegung! Unter den Blicken lag der Rhein, wie ein Strom rotbrennender Rosen.
Jetzt waren sie am Rheinfall angekommen. Im Frühlicht bot er ein eigenartig sanftes Schauspiel. Es war, wie wenn Scharen weißer Schwestern in sanften Flügen nieder- und aufwärts reigten, eine leis die andre ziehend, alle geheimnisvoll verkettet und verbunden. Nur das Knattern, Brausen und Donnern verriet die ungeheure Wucht der Wogen. Der erste Sonnenstrahl fiel auf den Sturz und spannte einen Regenbogenschimmer darüber hin.
Beim Inselschlößchen Wörth wurden die Weidlinge von den Wagen ins Wasser gesetzt. Die Burschen steckten ihre Fahnen darauf, und die Mädchen ordneten die Blumengewinde. Etwas steif stand Nick daneben, sie hätte nicht zugreifen können, und in der scharfen Kühle bebten ihr die Zähne. Wo blieb Junghans? – Da holte er sie in das Schlößchen zu einem Frühstück, dampfendem Kaffee und heißer Milch. »Er hat doch stets die besten Einfälle!« riefen die andern Mädchen. In der Wirtschaft entstand ein Sturm um den Morgenimbiß. Er aber bemühte sich weiter um Nick, ließ sich von einem Knecht Decke und Wärmflasche reichen, schenkte ihm für den kleinen Dienst freigebig ein neues Frankenstück und hüllte sie auf ihrem Sitz im Kahn vom Scheitel bis zu den Füßen in das linde, dicke Tuch, daß ihr nur das Gesicht aus dem Rahmen schaute wie einer Nonne.
Dankbar stieg in ihr ein Gefühl molligen Umsorgt- und Geborgenseins auf. Von all den Burschen war der frische, treuherzige Ulrich derjenige, der am aufmerksamsten und umsichtigsten zu seiner Begleiterin sah. Und sie hatte die ganze Nacht, den ganzen Morgen nur an John Wildholz gedacht! Was war der ihr aber gerade noch über den Weg gekommen vor der Fahrt, auf die sie sich so sehr gefreut hatte? Ohne seine Dazwischenkunft wäre sie mit sich selber herzeinig geworden und mit Ulrich, über dessen Liebe in ihr kein Zweifel mehr obwaltete. Wie wäre sie für immer geschützt und geborgen bei dem treuen starken Manne, sie, die fast mittellose Waise, die vielleicht bald vom Rhein ziehen mußte und nicht wußte wohin.
Starke Arme trieben die wogenden Kähne hinaus in den Strom. Nick saß zuhinterst, im dritten, neben ihr stand Ulrich und überwachte und leitete die Ausfahrt.
Nun hatten die Boote die Mitte erreicht, tanzten flußab, und wie ein weißes Donnerwetter verschwand hinter ihnen der Rheinfall. Um die Wasser flimmerte das junge Buchenlaub der Stromhalden. Ein Heimatlied ertönte aus frischen Kehlen. Wohltätig breitete die höher steigende Sonne ihre Strahlen über die Flut, Kopftücher fielen, Mäntel verschwanden, helle Sommerkleider wurden sichtbar, Strohhüte mit breiten Rändern wiegten sich auf den blonden und braunen Scheiteln der Mädchen, fröhlicher wurden die Gesichter, heller das Gespräch und Lachen. Auch Nick schlüpfte aus Decke und Mantel wie der Schmetterling aus der Puppe. Sie trug einen schöngeschwungenen Strohhut und ein Kleid mit einem schmiegsamen Mousseline-Einsatz, der ihren schlanken Hals und Nacken auf das zarteste umgab. Sieghaft hatte sie die Beklemmungen des Frühmorgens überwunden, und wenn Ulrich sie auf ein Naturbild aufmerksam machte, hatte sie dafür ein dankbares, zustimmendes Lächeln.
Aus dem Grund der tiefblauen Flut tönte ein siedendes Geräusch, das Wandern des Kieses, da und dort glitten die Boote über silberne Wirbel, die mannigfaltig gekrümmt in die Tiefe hinabstiegen, in mächtigen Schwällen drängten die Wasser wieder empor, brodelten und schlugen weiße Wellen. Geheimnisvoll war das Tierleben mit leisen und lauten Tönen lebendig. Aus den hellen Buchenschlägen am Ufer riefen die Sänger des Waldes, in lichten Gruppen alter Eichen hatten die geselligen Reiher ihre Nester gebaut, und mißbilligend schauten sie auf den Einbruch der Menschen in ihr stilles Reich. Am Rande fischte der Storch, Schwärme von Wildenten ließen die Weidlinge dicht an sich herankommen, stoben mit erschrecktem Schnattern empor und flüchteten in Zickzackreihen stromabwärts. Am Himmel kreiste der Weih und warf seine Stimme in die Stille der Landschaft, als riefe er: »Ich bin der König.« Eisvögel schwirrten wie blaue Lichter in der Sonne, weiß- oder gelbbäuchige Bachstelzen wippten auf den Ufersteinen. Da und dort sprangen kleine Fische aus der Flut: hinter ihnen jagte der Hecht, glänzte weiß auf und schnappte die ermüdete Beute, ein Bild des ewigen Kampfes im Strom. Still aber im Frühlingsfrieden lagen die Uferlandschaften und atmeten den Hauch der Menschenferne. Bald links, bald rechts stellte sich ein einsames Gehöft auf die Halde, und wo der Uferrand flach war, sah man die Umrisse und Giebel altertümlicher Bauerndörfer. Aus ihren Kaminen stieg der blaue Rauch in die Luft, und von fernher zitterten Glockentöne. Dann nahmen hohe Stromhalden den Blick wieder gefangen, in Einsamkeit wallte der Fluß.
Ein Freudenruf ging von Boot zu Boot, wie von selber begann die Gesellschaft das Lied zu singen: »Unsere Berge lugen ins Land!«
Der Rhein hatte sich unbemerkt nach Süden gewandt, den herrlichen Schneebergen entgegen, von denen er kam. In überirdischer, leuchtender Schönheit schwebten sie mit ihren Silberschildern herein in den Rahmen der grünen Ufer, über dem Strom standen sie, als würde er in sie hineinfließen. Sie zogen sich in leiser Bewegung bald rechts-, bald linkshin wieder hinter die Ufer zurück und gaben im Flußausschnitt andern glänzenden Schneegestalten Raum, bald den Häuptern des Glarner Hochgebirgs, bald den Alpen des Vierwaldstätter Sees und dem Urirotstock mit seiner fern herüberstrahlenden Firnwanne. Wieder waren es die Glarner Alpen, wieder die Berge des Gotthards. Nun aber leuchteten die Spitzen des Berner Oberlandes, Wetter- und Finsteraarhorn, Jungfrau, Mönch und Eiger zwischen die Waldborde herein, je nur eine Spitze auf einmal, jede aber wie ein Traum der schönheitsdurstigen Weltseele. Und selber ein Wunder der Schöpfung wallte der Rhein in die unendliche Pracht.
Nick war hingerissen. Wenn jetzt nur niemand spricht, nur niemand mich stört, daß ich die Bilder für mein ganzes Leben erfassen kann! Lange ließ Ulrich die Träumerin gewähren und hielt stumm Ausschau über die Schiffe. Als er ihr aber wieder die blauen Augen zuwandte, brach sie selber das Schweigen. Sie sagte begeistert: »Wie kann ich Ihnen danken, Herr Junghans, daß ich durch Ihre freundliche Einladung so viel Unvergeßliches sehen darf.« Er überlegte einen Augenblick, ein mutiges Lächeln spielte um seinen Mund. »Ich bin ja so glücklich, daß Sie meiner Bitte gefolgt sind. Aber Nick, wir wollen doch zum Du unserer Jugend zurückkehren. Alle Burschen und Mädchen hier sind unter sich Freunde und brauchen gegeneinander das Du. Nur wir nicht!« Ja, das hatte sie auch schon bemerkt. Sie wurde rot und streckte ihm die Hand hin: »Also – Uli!« Auf dem Gesicht stand ihm die Freude.
Von den fernen Schneebergen überleuchtet entfaltete sich eine neue Landschaft. Auf schmaler Landzunge erhob sich ein altersgraues, hölzernes Kirchlein, um das sich die Wellen sänftigten wie Tiere, die sich zu Füßen ihres Herrn legen. Dahinter ragten aus Baumkronen eine alte Abtei und die Doppeltürme eines Münsters. Es war ein Bild, als sei hier ein Jahrtausend stillgestanden. In mancherlei Windungen, wie wenn er den alten Mönchstraum liebkosen wollte, wand sich der Rhein um die Stätte, rechtshin, linkshin, und seine Wellen sangen ein Lied wie das Gebet jenes irischen Glaubensboten, der im Schilf kniend die Weisung des Engels empfing, hier dem Evangelium einen Acker zu bereiten. – Doch was war das? Aus einem der vergitterten Fenster der Abtei reckte ein altes Weib, die grauen Haare aufgelöst, erregt die Hände und rief unverständliche, häßlich klingende Worte auf das junge Volk in den Kähnen hinab.
»Die Abtei ist jetzt ein Irrenhaus,« erklärte Ulrich gedämpft. Sie sahen noch mehr der unglücklichen Gestalten, die das Schicksal zerbrochen hatte, und fuhren still und stiller vorüber und verbargen die Scheu des Frohen vor dem Gram stumm in der Seele. Erst nach einer Weile versetzte Monika aus tiefem Nachdenken: »Vielleicht waren sie einst so glücklich wie wir!« Ein Schatten lag über ihrem Gesicht.
Nun aber glitten die Boote von der Stätte des Grauens hinweg, ein langgestreckter Bergrücken verschlang die Bilder der Alpen, ein niedriges Fischerdorf, umsponnen von Netzen, kam und ging. Wolken von Schwalben schwirrten über dem Strom und verdunkelten ihn fast, durch grüne Auen trippelte von der Linken ein Fluß daher und begrub seine eigenen kleinen Wasser in den großen des Rheins.
Frohes Leben waltete in den Schiffen. Da und dort wurde von den Paaren Zwischenimbiß gehalten, und jedes tauschte, was es besaß, freudig mit den Nachbarn. Nick und Uli ließen sich ein paar Äpfel aus dem Pfarrgarten munden. »Findest du nicht auch, daß unsere Leute sehr artig und lieb zusammen sind?« plauderte er. »Nie habe ich unsere Jugend so wohlgetan beisammen gesehen,« bestätigte sie; »es soll ein wenig dein Verdienst sein.«
Er tat, als überhörte er ihr Wort, und spähte nach vorn. Die Weidlinge wogten in eine Waldschlucht hinein. Linkshin verrieten weiße Wellen verborgene Felsen im Strom. Nun war er ganz Fahrer. »Anziehen!« rief er den Leuten seines Bootes zu. Unter ihren kräftigen Ruderschlägen überholte er eilig das mittlere, erreichte mit dem Schnabel des seinen das vorderste, und mit kühnem Sprung setzte er vom einen ins andere hinüber.
»Rechts – rechts – rechts!« ertönte sein rascher, ruhiger Befehl, und nun war er selber mit stämmigen Armen an einem der Ruder. Wohl tanzten und klatschten die Schiffe in dem Gewild, aber sie vermieden die gefährlichste Strecke der weißen Schäume, und nach etlichen Augenblicken des Herzklopfens sahen die Mädchen die gefährlichen Riffe und sausenden Strudel hinter den Kähnen liegen. Sanfter fuhren die Boote auf den sich glättenden Wellen und ordneten sich wieder in der gewohnten Reihenfolge. Ulrich wischte sich den Schweiß von der Stirne und kehrte zu Monika zurück. »Wir haben die Jüngsten ins erste Schiff gestellt,« erklärte er, »es sind schon tapfere Burschen, aber in den Gliedern doch noch nicht zäh genug, um durchzuhalten. Darum bin ich vorgefahren.«
Nick schaute ihn groß und freundlich an. Was war er für ein mutiger, besonnener Mensch, selber noch jung und doch in seinem Obmannamt der Überlegene, dem die Ältern wie die Jüngern gehorchten, – ein Schmied und Schiffer, der nicht nur daheim in der Werkstatt den Mann stellte, sondern gewiß auch im Leben sein eigenes Schicksal und das seiner Nächsten kräftig und glücklich durch die Wogen führte!
Noch sann sie. Da wogten die Weidlinge aus dem engen Waldtal hinaus, heimatlich wurde die Gegend, aus dem sonnigen Rebgelände winkte das Städtchen, und die gesamte Gesellschaft sang das Lied: »Wenn weit in den Landen wir zogen umher!« Im Nu schossen die Schiffe an den ersten Häusern vorüber und der Brücke entgegen, aus deren Öffnungen so viele Köpfe und Hände grüßten, als die Räume zu fassen vermochten. Weiße Tüchlein wehten, Päckchen, die an ausgeworfenen Schnüren bereit gehalten waren, fielen in die Kähne und schütteten einen Segen von Bretzeln und anderm Gebäck unter das junge Volk. Wie Pfeile schossen die Kähne zwischen den Jochen der Brücke hindurch, und es wiederholten sich von der andern Seite der mächtigen Bretterröhre die Grüße und Gaben.