Die ungleichen Schalen
Fünf einaktige Dramen
von
Jakob Wassermann
S. Fischer, Verlag, Berlin
1912
Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben.
Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.
| [Rasumowsky] | [9] |
| [Gentz und Fanny Elßler] | [59] |
| [Der Turm von Frommetsfelden] | [107] |
| [Lord Hamiltons Bekehrung] | [171] |
| [Hockenjos] | [237] |
Rasumowsky
- Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky
- Rodion, sein Diener
- Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden
- Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie
- Graf Grigorij Orlow
Spielt in Petersburg im Jahre 1763.
Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin, in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der Ausgang zum Flur.
Rittmeister Fedor Chidrowo, ein junger Mann von 23 Jahren, geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant Michael Lassunsky ein, von Rodion geführt, einem alten Kleinrussen.
Lassunsky
(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)
Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß.
Rodion
Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.
Lassunsky
Sag dem Grafen –
Rodion
Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn nicht bei der Morgenandacht zu stören.
Lassunsky
Kerl, die Wichtigkeit –
Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden –
Lassunsky
Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin, dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?
Chidrowo
Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte ebenfalls schon lang.
Lassunsky
Orlow ist auf dem Weg hierher.
Chidrowo
(bestürzt)
Das kann nicht sein.
Lassunsky
Orlow ist auf dem Weg hierher.
Chidrowo
Ist das eine Vermutung?
Lassunsky
Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.
Chidrowo
Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ...
Lassunsky
Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der Kasan-Kathedrale überfallen worden.
Chidrowo
Bei Gottes Güte, was sagst du da!
Lassunsky
Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?
Chidrowo
Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine Ankunft melde. Aber –
Lassunsky
Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus geschleppt.
Chidrowo
Und ihr habt nicht dreingehaut?
Lassunsky
Zwei gegen fünfzig?
Chidrowo
Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.
Lassunsky
Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher.
Und du glaubst –?
Lassunsky
Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger gestreckt stehen.
Chidrowo
Das sollte Orlow wagen?
Lassunsky
Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion!
Rodion
(kommt)
Erlaucht befehlen?
Lassunsky
Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?
Rodion
Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.
Lassunsky
Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.
Chidrowo
Sperr die Tore zu, Alter.
Lassunsky
Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das nach dem Garten.
Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?
Chidrowo
Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)
Lassunsky
(wirft sich in einen Sessel)
Ich bin hin.
Chidrowo
(ungestüm auf und ab gehend)
Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht aufnehmen wird?
Lassunsky
Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen zu haben.
Chidrowo
Das ist böse.
Lassunsky
Bah! wer viel staunt, handelt wenig.
Chidrowo
So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet, nehm ich meinen Abschied.
Lassunsky
Nach Sibirien.
Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.
Lassunsky
Was können wir dagegen tun?
Chidrowo
Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.
Lassunsky
Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.) Horch –! (Beide lauschen.)
Chidrowo
(nähert sich dem Erker)
Nein – nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.) Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht verschließen.
Lassunsky
Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker drehen.
Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge Frau!
Lassunsky
Sie ist verliebt.
Chidrowo
Was ist denn an einem Orlow zu lieben?
Lassunsky
Was wir an ihm hassen.
Chidrowo
Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.
Lassunsky
Er ist schön, und stark wie ein Bär.
Chidrowo
Er hat keine Erziehung.
Lassunsky
Umso weniger ist er gehemmt.
Chidrowo
(leise durch die Zähne)
Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren ermordet hat.
Lassunsky
Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die steckt uns alle in den Sack.
Chidrowo
Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.
Lassunsky
Du bist Soldat und mußt schweigen.
Chidrowo
Schweigen kostet Herzblut.
Lassunsky
Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du’s.
Chidrowo
Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik und eine schlechte. Wie stumpf du bist!
Lassunsky
Stumpf?
Chidrowo
Oder du weißt mehr als du sagen willst.
Lassunsky
Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.
Wie ist’s? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky verhandeln?
Lassunsky
Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna?
Chidrowo
Dies ist mir wohl bekannt, allein – wie hängt das zusammen?
Lassunsky
(sieht sich um)
Schweig, schweig.
Chidrowo
Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub.
Lassunsky
Nicht um die Wände handelt sich’s. (Steht auf.) Aber er! Er! Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene, nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich) jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen will!
Chidrowo
Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch. Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.
Lassunsky
(kummervoll)
Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen, ich weiß es.
Chidrowo
Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen?
Lassunsky
Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht, dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was dann geschieht? Mich jammert’s, Fedor Alexandrowitsch, und ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind machtlos.
Chidrowo
Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen: Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.
(aufmerksam)
Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen würde ... Da steckt was dahinter.
Chidrowo
Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja zugetragen hat?
Lassunsky
Kein Sterbenswort.
Chidrowo
Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume ... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit entrückt. (Besinnt sich.) So war’s ...
Lassunsky
Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt sich in einen Tag.
Chidrowo
So war’s ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.) Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden. Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich. Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter den Hufen verschwunden, eh’ man’s denkt, zerrissen, zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.
Lassunsky
O Menschheit!
Chidrowo
Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt. Ganz stille wird’s auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten.
Lassunsky
Und Orlow? hat er geantwortet?
Chidrowo
Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und bleich seinen Weg zu Fuß fort.
Lassunsky
Rätselhaft.
Chidrowo
So hat mir’s der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows Seite ritt.
Was war der Zweck solcher Tat?
Chidrowo
Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei Grigorjewitsch.
Lassunsky
Das dünkt mich unwahrscheinlich.
Chidrowo
Wie ... unwahrscheinlich –?
Lassunsky
Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan.
Chidrowo
Hohn ist’s, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier wollte noch ein Opfer haben.
Lassunsky
Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?
Chidrowo
Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord?
Lassunsky
Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.
Chidrowo
So seid ihr alle, lammsherzig und matt.
Acht’ auf deine Worte.
Chidrowo
Acht’ du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!
Lassunsky
Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch –
Chidrowo
(wild)
Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht schlecht von mir.
(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer Verbeugung.)
Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?
Chidrowo
(finster)
Üble Neuigkeiten, Erlaucht.
Rasumowsky
Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind Sie hier, zu so früher Stunde?
Chidrowo
Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.
Lassunsky
Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten überfallen worden.
Rasumowsky
Hat Rußland keinen Zaren mehr?
Chidrowo
Es hat eine Zarin.
Rasumowsky
Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?
Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer Erlaucht geschickt.
Rasumowsky
Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?
Lassunsky
Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.
Rasumowsky
(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt die Bibel auf seinen Schoß)
Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter Geheimnissen regiert wird.
Lassunsky
Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.
Rasumowsky
Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser schamlose Gedanke gekommen?
Lassunsky
Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.
Chidrowo
Die Narren!
Rasumowsky
Und was sagte die Kaiserin dazu?
Lassunsky
Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt, daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.
Chidrowo
Das hat die Kaiserin gesagt?
Lassunsky
Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der Kasan-Kathedrale geschah es dann –
(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)
Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.)
Rasumowsky
(steht auf)
Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)
Lassunsky
Ja, Erlaucht.
Rasumowsky
So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der Kaiserin zuwidergehandelt hat –? (Man hört heftiges Klopfen am Tor.)
Chidrowo
Sie begehren Einlaß.
Rasumowsky
(erstaunt)
Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War’s denn nicht auch für euch geöffnet?
Lassunsky
(zögernd)
Ich habe die Tore schließen lassen.
Rasumowsky
Die Tore meines Hauses?
Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu machen.
Rasumowsky
Die Tore meines Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere?
Chidrowo
Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen von unten.)
Rasumowsky
Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt werde.
Lassunsky
(flehend)
Erlaucht –
Rasumowsky
Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?
Lassunsky
(geht schweigend ab –)
Chidrowo
(verschränkt die Arme; vor sich hin)
Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden lassen.
Lassunsky
(kommt zurück)
Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.
Rasumowsky
Ich bin bereit.
Chidrowo
(noch leiser als oben)
Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
Lassunsky
Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.
Rasumowsky
(wie mit sich selber redend)
In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen, was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt. (Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug eines Richters sein und handeln – wie ich muß. (Mit der früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!
Lassunsky
(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen gelegt hatte)
Erlaucht –?
Rasumowsky
Wie geht es meiner Nichte Sofia?
Lassunsky
Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.
Rasumowsky
Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)
Rodion
(reißt die Türe auf, feierlich)
Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.
Orlow
(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden Offiziere scheint er zu übersehen.)
Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf Alexei?
Chidrowo
(kaum hörbar)
Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
Rasumowsky
Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im gelben Zimmer zu warten.
Lassunsky
Wir wollen keinesfalls stören.
Rasumowsky
Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen gefällig ist.
Chidrowo
Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach rechts.)
Rasumowsky
Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel aus der Hand.)
Orlow
(setzt sich gleichfalls)
Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle, Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.
Rasumowsky
(bedächtig)
Wieder zu heiraten.
Orlow
Zar Peter ist tot.
Rasumowsky
Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.
Orlow
Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.
Rasumowsky
Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.
Orlow
Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen, Erlaucht.
Rasumowsky
Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow? Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.
Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!
Rasumowsky
Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was sich außerhalb dieser Schwelle begibt.
Orlow
So dacht ich mir’s, Erlaucht, und nur mit frommen Empfindungen bin ich genaht.
Rasumowsky
Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr. Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich an ihr ist.
Orlow
(geschmeidig und beredt)
Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs. Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich gewachsen ist.
Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.
Orlow
Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin, meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll, nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt hat?
Rasumowsky
Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.
Orlow
(schwärmerisch)
O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank meines armen Herzens.
Rasumowsky
Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.
Orlow
Doch scheint mir’s so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter, Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe –
Rasumowsky
(unterbricht hastig)
Ich weiß, ich weiß ...
Orlow
Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die Schwierigkeit meiner Sendung.
Rasumowsky
Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie gutheißt.
Orlow
Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den Fürsten das Regieren erschweren.
Rasumowsky
Und Ihre Mission ist also –
Orlow
Der Plan war, den Großkanzler zu schicken –
Rasumowsky
(nickt)
Auch dies ist mir bekannt.
Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des Kanzlers, und – ich habe ihn gefangen setzen lassen.
Rasumowsky
Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow, doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.
Orlow
Und so bin ich gekommen – (zaudert.)
Rasumowsky
Gekommen –?
Orlow
(leise, als schäme er sich)
Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth Petrowna zu bitten.
Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch einer privaten Aktion werden kann?
Orlow
Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht. Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis jedes Kind um sie weiß.
Rasumowsky
Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.
Orlow
Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.
Rasumowsky
Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals stattgefunden?
(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)
So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.
Rasumowsky
Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente besitze –? Wie, Graf Orlow?
Orlow
(düster)
Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.
Rasumowsky
Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?
Orlow
Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte. Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück der Kaiserin.
Rasumowsky
Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.
Orlow
So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...
Rasumowsky
Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow, daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil winkt.
Orlow
Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener werden, wenn es mißlingt.
Rasumowsky
Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?
Orlow
Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.
Rasumowsky
Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann! Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei unschuldig Zertretene wehren mir’s.
Orlow
Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.
Rasumowsky
Blut von Kindern?
Orlow
Macht löscht den Makel aus.
Rasumowsky
(betroffen)
Furchtbares Wort!
Orlow
(erkennt seinen Fehler, einlenkend)
Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude; ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab ich nicht Buße getan vor allem Volk?
Rasumowsky
Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.
Orlow
(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen Beredtsamkeit)
Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer nicht vergessen.
Rasumowsky
Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn? oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre werden läßt an meinem Vorsatz.
Orlow
Ich danke Ihnen, Erlaucht.
Rasumowsky
(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere herauszieht)
Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam durch.)
Orlow
(der sich am Ziel glaubt)
Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)
Rasumowsky
(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)
Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)
Orlow
(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)
Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch –!
Rasumowsky
(erschrocken)
Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!
Orlow
(fast mit Wildheit, drohend)
Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!
(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)
Die Augen ... die Augen ...
Orlow
(springt empor)
Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich ertrag’s nicht länger.
Rasumowsky
(kopfschüttelnd)
Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir spricht.
Orlow
Genug gesäuselt.
Rasumowsky
Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell überdrüssig der Verstellung?
Orlow
Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu lassen?
Rasumowsky
Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.
Orlow
Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken. Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das ist’s. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen, den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, – und eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen einer Kaiserin Unterwerfung lesen, – das ist mein Spiel, Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns. Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.
Rasumowsky
(kalt)
So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen, Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.
Orlow
Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.
Rasumowsky
Wie den Teufel in der eigenen Brust.
Orlow
Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich zaudere, verliere ich.
Rasumowsky
Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?
Orlow
Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die Bestimmung.
Rasumowsky
Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.
Orlow
Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!
Rasumowsky
Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.
(hochmütig)
Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.
Rasumowsky
So mag sie bersten.
Orlow
Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.
Rasumowsky
Doch die Zeit wird Sie auffressen.
Orlow
Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen, Alexei Grigorjewitsch.
Rasumowsky
Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus umstellt halten?
Orlow
Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.
Rasumowsky
Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde, das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.
Orlow
Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, – ja. Ich kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.
Rasumowsky
Bis zum Abgrund. – Sie vergessen nur eines, Graf Orlow. Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander schweigend ins Gesicht.)
Orlow
(mit verschränkten Armen)
So also steht es.
Rasumowsky
Ja.
Orlow
(langsam und mit Nachdruck)
Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen, wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.
Rasumowsky
Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und Würden? Für mich?
Orlow
(wie oben)
Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen Knaben ...
Einen Knaben –?
Orlow
Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.
Rasumowsky
(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels, sinkt dann darauf nieder).
Orlow
Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.
Rasumowsky
Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.
Orlow
Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden, die um Iwan wissen ...
Rasumowsky
(dumpf)
Einer zu viel, Graf Orlow.
Orlow
Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht, welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt aufgeklärt.
Rasumowsky
(springt auf)
Das haben Sie getan?
Orlow
Ich habe es getan.
Rasumowsky
(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die Dokumente vor der Brust.)
Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt! Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich, vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles vergeblich!
Orlow
(mit leisem Spott)
Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als wenn der Getäuschte verkommt?
Rasumowsky
(die Worte tief aus seiner Brust ringend)
Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie, doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der Majestät für mich zu erborgen. Sie war auserwählt zu herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen. Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen, woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem, königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt, Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.
Orlow
Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert. Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die Kraft.
Rasumowsky
Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht, und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.
Orlow
Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, – in Ihrer Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.
Rasumowsky
(scheu)
Iwan ... ist ...
Orlow
In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.
Rasumowsky
(mit weiten Augen)
Sie wollen damit sagen: um Iwan ist’s geschehen, wenn ich mich weigere ...
Orlow
Vielleicht ist es das, was ich sagen will.
Rasumowsky
(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die Dokumente hin)
Nehmen Sie, Graf Orlow ...
(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den Papieren).
Rasumowsky
(demütig)
Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf Orlow, nicht deshalb ...
Orlow
(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)
Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.
Rasumowsky
(schmerzvoll)
Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!
Orlow
Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere –?
Rasumowsky
(mit der Hoheit des Grames)
Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie die Dokumente der Kaiserin.
Orlow
(brütend)
Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere) es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen geben, der mich so einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein, nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu’ ich, was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins Feuer.)
(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich etwas wie physischen Schmerz enthält)
Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!
(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und Chidrowo mit bestürzten Mienen.)
Lassunsky
(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)
Was ist geschehen, Erlaucht?
Chidrowo
(tritt vor, zieht den Degen)
Wir werden Sie schützen, Erlaucht.
Rasumowsky
(ohne sie zu beachten)
So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt sich, als ob er bete.)
Lassunsky
(drängend)
Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind krank ...
Rasumowsky
(immer gebückt)
Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!
(reißt sich vom Anblick des Feuers los)
Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der möge zittern!
Rasumowsky
Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist gefallen.
Chidrowo
(fast jubelnd)
Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!
Orlow
(im Abgehen)
Hütet euch!
Rasumowsky
(richtet sich wieder empor)
Ich bin in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht mehr.
(Vorhang)
Gentz und Fanny Elßler
| Friedrich von Gentz, Hofrat | ||
| Felix Graf Reitzenstein | ||
| Fanny Elßler | ||
| Jean | } | |
| Martin | Diener bei Gentz | |
| Franz | ||
| Lieferanten, Geldleute usw. | ||
Spielt in Wien, Herbst 1830
Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer, rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist offen.
Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf Jean, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude will herein, Martin, ein zweiter livrierter Diener, der im Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe von draußen. Martin steht Wache.
Gentzens Stimme
(von rechts)
Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die Schufte sollen Geduld haben.
Jean
(eilig wieder von rechts nach links ab).
Gentzens Stimme
Die geblümte Weste! Die geblümte!
(hinter der Türe links).
Jean
(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).
Martin
(hält die Türklinke).
Stimme Jeans
Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem Herrn Hofrat selber sprechen.
Gentzens Stimme
Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. – Die Ringe, Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.
Franz
(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)
(Gleich darauf)
Gentz
(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen, lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte Weste, Vatermörder, schwarze Binde)
War schon jemand vom Fürsten Metternich da?
Martin
Niemand, Herr Hofrat.
Gentz
(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).
Stimmen der Lieferanten
Küß die Hand, Herr Hofrat! – Wünsch guten Morgen, Herr Hofrat! – Küß die Hand, Euer Gnaden.
Gentzens Stimme
Also, was soll’s – Was belästigt ihr mich?
Stimme des Parfümeurs
Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig Gulden Kölnisch Wasser geliefert.
Stimme des Weinhändlers
Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.
Gentzens Stimme
Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke Jude folgt ihm.)
Jude
Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.
Fort, fort, fort!
Der Schneider
(hat sich schüchtern nachgedrängt)
Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.
Gentz
Keine Konfidenzen! Ich hab’ gern, wenn Lieferanten was liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. – Hat der Gärtner schon was wegen der Rosen gemeldet?
Martin
Nein, Herr Hofrat.
Gentz
Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die Mitte ab.)
Der Schneider
Herr Hofrat! –
Jean
Na, was gibt’s denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut nicht bei Kassa sind.
Der Schneider
Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...
Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld habt’s.
Martin
(verächtlich)
Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.
Jean
Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird gelüftet.
Der Jude
Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab, desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren sich.)
Martin
Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?
Jean
Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.
Martin
Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.
Jean
Zu Mittag kommt s’ mit der Extrapost, die Fanny.
Fahr’n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?
Jean
Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es schon tanzen seh’n am Kärntnertor? Die Leut’ soll’n sich die Haxen abtreten hab’n.
Martin
(düster)
Der Hofrat g’fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit. Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn’s nur keine Mesallianz gibt.
Gentz
(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen, mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)
Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.
Franz
(von links)
Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)
Gentz
(zur Tür)
Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute, warm wie im August.
Graf Reitzenstein
(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord Byron ist)
Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der Brühl zurück ist.
Gentz
Wie, schon zurück?
Graf Reitzenstein
Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim Theatereingang gesehen.
Gentz
Haben Sie mit ihr gesprochen?
Graf Reitzenstein
Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.
Gentz
Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller? Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.
Graf Reitzenstein
Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.
Gentz
Ah, nach Berlin. – Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.
Graf Reitzenstein
Ja. Beine wie ein Narziß.
Wie sah meine Fanny aus?
Graf Reitzenstein
Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie lebt.
Gentz
Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem Conseil berufen hatte.
Graf Reitzenstein
Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz –
Gentz
Die leidige Politik!
Graf Reitzenstein
Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
Gentz
(lacht)
Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen Welt aus, und gekrönte Häupter werden – Publikum.
Graf Reitzenstein
Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken, diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als Schleier um die Seele gehüllt wäre, – und lächelt.
Gentz
Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet so viel Schicksal wie ihre.
Graf Reitzenstein
Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, mitzuatmen, macht glücklich.
Gentz
Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter spricht.
Graf Reitzenstein
Und wenn ich’s wäre?
Gentz
Sie scherzen.
Graf Reitzenstein
Keineswegs.
Gentz
Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
Graf Reitzenstein
Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
Gentz
Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
Graf Reitzenstein
Seh ich aus wie ein Libertin?
Gentz
Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings –
Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und Tod wäre ...
Gentz
Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht, um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde, schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon nicht.«
Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
Gentz
Nur ein junger Mann darf glücklich gewesen sein.
Graf Reitzenstein
Ich kannte mein Gefühl nicht.
Gentz
So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es so?
Graf Reitzenstein
Nicht ganz so.
Gentz
Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit meinen Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings durchschaut?
Graf Reitzenstein
Nein, nein, nein –
Gentz
Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt, wie das in einem alten Haus.
Graf Reitzenstein
Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte, als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.
Gentz
(unterbricht)
Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?
Graf Reitzenstein
Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs – welche Frau von Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben, von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben, hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt, wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit unterwarf Ihnen ihr Herz.
Gentz
Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der punctum saliens? Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?
Graf Reitzenstein
Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.
Gentz
Fannys allzu sicher, meinen Sie?
Graf Reitzenstein
Ja, Fannys allzu sicher.
Gentz
Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?
Graf Reitzenstein
Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann ist.
Gentz
(mehr überlegen als bitter)
Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu – pfeifen die Drosseln.
Graf Reitzenstein
Nein.
Gentz
Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. Sagen Sie’s nur.
Graf Reitzenstein
(wehmütig lächelnd)
Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny – (Er stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn zugeht.)
Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!
Graf Reitzenstein
Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz –
Gentz
(ergreift die Hand des Grafen)
Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste, die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?
Graf Reitzenstein
Ich denke ... warum sollt ich nicht?
Gentz
Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos, durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch Triumphe gleichgültig geworden ist, – nur der kann die Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
Graf Reitzenstein
Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich im Kleinen.
Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht. Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei bleiben wie der Adler.
Graf Reitzenstein
Und doch dachten Sie einst an eine Heirat –
Gentz
Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen, und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich einen Augenblick vor meinem Tod.
Graf Reitzenstein
Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte bewundern und muß doch trauern –
Gentz
Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. Besonders in der Nacht.
Graf Reitzenstein
Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...
Gentz
Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist mein Beruf.
Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.
Gentz
Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran gezweifelt.
Graf Reitzenstein
Nicht um mich handelt sich’s. Es tut mir leid, daß ich mich zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu beargwöhnen –
Gentz
Nicht den geringsten, teurer Felix.
Graf Reitzenstein
– so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft, das ist alles.
Gentz
Nun, Sie machen mich neugierig.
Graf Reitzenstein
Jener Stuhlmüller –
Was ist mit ihm?
Graf Reitzenstein
Fanny liebt ihn.
Gentz
Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.
Graf Reitzenstein
Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander gesehen, und nicht nur heute.
Gentz
Was noch?
Graf Reitzenstein
Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur Selbstvergessenheit.
Gentz
Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich? Felix! Felix!
Graf Reitzenstein
Ich wiederhole: sie ist ein Weib.
Gentz
Komischer Refrain. Mann – Weib. Ist die Natur eine Maschine und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden, damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen kann?
Graf Reitzenstein
Sie beleidigen die Natur, Gentz.
Gentz
Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er nicht auch zugleich für Fanny wäre?
Graf Reitzenstein
Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.
Gentz
Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre ihren Schritt ...
Graf Reitzenstein
Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt verabschiede.
Gentz
(mit leichtem Spott)
Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)
Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute, und um so weniger könnt ich sie vergessen.
Gentz
Ist sie’s? – Ja, sie ist’s.
Graf Reitzenstein
Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis’ ich nach Paris.
Gentz
(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)
Felix!
Jean
(tritt ein, reißt die Türe auf)
Demoiselle Elßler.
Fanny Elßler
(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität, Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine erworbene, anmutige Würde)
Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.
Gentz
(fast erschüttert bei ihrem Anblick)
Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!
Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht’s Ihnen? Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der Luft.
Gentz
Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...
Fanny
(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen Knoten geknüpft ist)
Gemütlich ist’s bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich wieder da bin. Die schönen Rosen!
Gentz
Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können? Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.
Fanny
(streicht ihm über die Stirn)
Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam, Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.
Gentz
Wie steh ich armer Diplomat nun da!
(lächelnd)
Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?
Fanny
(lacht)
Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen, Gentz?
Gentz
Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir, er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch gegen dich bin –
Graf Reitzenstein
Gentz! Gentz!
Fanny
Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout eine diamantene Agraffe kaufen –
Graf Reitzenstein