Deutsche
Hand- und Hausbibliothek
Collection Spemann
Die Hallig
oder
die Schiffbrüchigen auf dem Eiland
in der Nordsee
von
J. C. Biernatzki
Mit einer Einleitung von Heinrich Düntzer
Stuttgart
Verlag von W. Spemann
Alle Rechte vorbehalten.
Druck der C. Hoffmann’schen Buchdruckerei in Stuttgart.
Einleitung.
Auf die weder durch Deiche noch durch Dünen geschützten ganz kleinen Eilande an der Westküste Schleswigs, die als Hallige bezeichnet werden, richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit, als man von der furchtbaren Sturmflut des 3. Februar 1825 vernahm, welche Kirchen, Hütten und jedes Besitztum weggeschwemmt und die dem Untergang Entronnenen in solche Not versetzt hatte, daß sie auch in weitern Kreisen zu thatkräftiger Mildthätigkeit antrieb. Als Prediger der nordwestlichsten dieser Halligen, welche von der im Jahre 1634 durch das tobende Meer größtenteils verschlungenen umfangreichen Insel Nordstrand, den Namen Nordstrandischmoor führt, wirkte damals Johann Christof Biernatzki. Er war am 17. Oktober 1795 als Sohn eines Gastwirts in dem holsteinischen Flecken Elmshorn geboren. Von Jugend an schwach und kränklich, von den Blattern stark entstellt, kam er erst spät auf das Altonaer Gymnasium, wo der durch langes Leiden in sich gescheuchte Knabe eine gründliche Vorbildung empfing. Er war hier Zeuge der Leiden des benachbarten Hamburg während des französischen Krieges. Nach Deutschlands Befreiung widmete er sich zu Jena, Halle und Kiel der Theologie und den morgenländischen Sprachen, aber die auf den Hochschulen herrschende, das Herz leer lassende Behandlung des Christentums konnte ihn nicht befriedigen. Seine Seele verlangte nach Erwärmung und Erhebung, die er aus der lebendig aufgefaßten Offenbarung in Gottes Wort und seiner Natur schöpfte. Frischer Natursinn begeisterte ihn, die Schönheit des Deutschen Vaterlandes, (denn als Deutscher fühlte er sich) und die Wunder der Schweiz aufzusuchen. Als er im Jahre 1821 die Prüfung weniger glänzend, als er gehofft, in Glückstadt bestanden, nahm er die ihm angebotene Stelle als Prediger auf der Hallig Nordstrandischmoor an, wie kümmerlich und von aller Welt abgeschnitten auch das Leben der mit Spott oder Mitleid betrachteten „Halligpriester“ sein mochte. Nordstrandischmoor zählte auf seiner kleinen Viertelquadratmeile neun Hütten mit etwa fünfzig Einwohnern, die sich kärglich von der Schafzucht nährten. Die alte Kirche war 1816 von der Flut weggerissen worden, der die Hallig so sehr ausgesetzt war. Bei dem höchst schwachen Einkommen hatte der Priester, wie man die Prediger nannte, auch den Schulunterricht zu besorgen. Alles dies schreckte ihn nicht ab; er wollte als christlicher Prediger auf seine Gemeinde wirken, und eine lenkbarere konnte er nicht finden, da auf der Hallig strengste Sittlichkeit herrschte, dabei aber mußte er auf jede erheiternde Geselligkeit verzichten, da die Bewohner in sich verschlossen, nur dem Bedürfnis des Tages und dem alten Gotte lebten. Gleich in der ersten Zeit riß das aufgeregte Meer die neue Kirche weg und beschädigte das Pfarrhaus, aber gläubig hielt der treue Priester aus. Schon zwei Jahre später führte er in seine bescheidene Wohnung die Geliebte seiner Seele, Henriette de Vries, die ihn mit einer ihm bald wieder entrissenen Tochter beschenkte. Die Geburt einer zweiten erfreute ihn unmittelbar vor der Sturmflut des Jahres 1825, die ihm nur Gattin und Tochter ließ, auch Kirche und Pfarrhaus verschlang, blos der alte goldene Abendmahlskelch von 1549 fand sich wunderbar erhalten.
Für Biernatzki war dieses Unglück die Veranlassung nicht allein zu seiner Versetzung als Prediger der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Friedrichstadt, sondern auch zu seinem ersten Auftreten als Dichter; denn noch in demselben Jahre ließ er sein „religiöses Lehrgedicht, der Glaube“, zum Besten seiner durch die letzte Ueberschwemmung zu Grunde gerichteten Gemeinde erscheinen. Die Teilnahme war so groß, daß noch in demselben Jahre eine zweite Auflage folgte. Ruhte auch Biernatzki’s Muse nicht, die sich gern in reinen Herzenstönen erging, so trat er doch in den nächsten neun Jahren nur bei besondern Gelegenheiten öffentlich auf: das Jahr 1829 brachte das Festgedicht „Der König und sein Volk“, und als der durch den Pariser Julisturm aufgeregte Freiheitsgeist aus Schleswig-Holstein und Dänemark ergriff, suchte er durch eine im Druck erschienene Predigt „Die Pflichten des Bürgers in einer unruhigen Zeit“ christliches Oel auf die brandenden Wogen zu gießen. Bei der allgemeinen Bewegung trieb es ihn, auch die Form des Romans, dessen sittenverderblichen Einfluß er tief bedauerte, in christlicher und sittlicher Wirkung zu verwerten. Zehn Jahre nachdem er seine Hallig verlassen, trat er mit den Erzählungen „Wege zum Glauben oder die Liebe aus der Kindheit“ hervor, deren Absicht die nähere Bezeichnung „Wanderungen auf dem Gebiete der Theologie im Modekleide der Novelle“ entschieden ausspricht. Denselben Nebentitel führt auch die im nächsten Jahre erschienene „Die Hallig“, die schon 1840 zum zweiten, 1852 zum drittenmal aufgelegt, auch ins Englische und Holländische übersetzt wurde. Ihr folgt 1839 die einfach als Novelle bezeichnete, von demselben Geiste durchdrungene, Erzählung „Der brave Knabe oder die Gemeinde in der Zerstreuung“. Im Jahre 1840 wurde Biernatzki auf seinen Wunsch zum Pfarrer von Rüdern in Holstein befördert, aber schon hatte ihn eine schmerzliche Krankheit ergriffen, die ihn, ehe er seine neue Gemeinde übernehmen konnte, am 11. Mai 1840 hinraffte. Seine 1844 gesammelten Schriften brachten auch eine Novelle „Des letzten Matrosen Tagebuch“ und seine zum Teil in Zeitschriften zerstreuten Gedichte. Daß von diesen, wie auch von der Sammlung der Werke, eine neue Auflage sich nötig erwies, deutet auf die Wirkung, welche der frühe hingeschiedene Dichter, auch im Gedränge verschiedenster Richtungen, auf empfängliche Gemüter geübt[1].
In seiner „Hallig“, die uns in den wenigen Monaten vom 9. September 1824 bis zum folgenden 3. Februar eine große Menge von Ereignissen auf dem kleinen, einsamen Eilande zeigt, hat Biernatzki seiner frühern Gemeinde und sich selbst, als Priester und Dichter, ein dauerndes Denkmal gegründet, aber auch zum Besten der armen Halligpriester einen nicht wirkungslosen Mahnruf erlassen. Die gemütliche, in tiefster Seele wurzelnde Liebe der Bewohner von Nordstrandischmoor zur Heimat, ihre still zufriedene Beschränkung, ihr gläubiges Vertrauen auf Gottes Wort als Leitstern in allen Leiden und Nöten tritt lebendig hervor, und wir erschauen, wie gerade die äußern Verhältnisse diesen Charakter immer mächtiger den Halligern aufdrücken mußten, die von aller Welt geschieden, auf dem kleinsten Raum vom Meer beschränkt, auf den Anblick dieses gewaltigen Elementes, einer äußerst kärglichen Natur und der ewigen Himmelsschrift angewiesen, von einem gläubigen, wie sie selbst, in dürftigen Umständen lebenden Priester geleitet, fast nur durch schiffbrüchige Fremde und die geforderten Abgaben mit der Außenwelt verbunden waren. Und auf einem solchen Boden muß die echte Treue wachsen, die sich nur des stillen Genusses freuen will und sich mit allen Wurzelfasern in den einmal liebgewonnenen Zustand einsenkt. Nur eine übermächtige Wirkung kann eine solche Treue wankend machen, wie es Biernatzki auf ergreifende Weise zu schildern weiß, so daß kaum ein leiser Zweifel an diese Möglichkeit aufzusteigen vermag. Unerschütterlicher als die Treue, zeigt sich die Heimatsliebe, der das unnatürliche Verhältnis weichen muß, zu dem der Verlobte, der so viele Jahre lang nach seiner Geliebten sich gesehnt, durch einen wunderlichen Zufall gerade beim Betreten seiner Hallig hingerissen worden. Wenn der Geliebte, den auf der weiten Erde, die er gesehen, nichts abwendig machen konnte, in einem unbewachten Augenblick sich vergißt, so hält das liebende Mädchen unerschütterlich fest an seiner Treue, an seiner reinen Einfalt und Unschuld; in ihrem Herzen ist „Gottes Erdreich“.
Aber der Dichter zeigt uns nicht allein, wie die Hallig auf die Eingeborenen wirkt, der Aufenthalt auf ihr bewirkt auch die Bekehrung eines hochgebildeten fremden Kaufmanns, den Gott hier erkennen läßt, „was uns Not thut“. Dazu müssen freilich andere Umstände und auch der Priester mitwirken, aber alles dies beruht doch im Wesen des der Herrschaft des Meeres unterworfenen Halligs. Hierin wie in der ganzen Erfindung entwickelt Biernatzki großes Geschick. Nicht weniger zeigt die Entwicklung der Seelenzustände einen feinen Beobachter, wenn auch bei einzelnen Zügen die Absichtlichkeit hervortreten mag. Die größte Meisterschaft aber bewährt er in den großartigen Naturschilderungen, beim Schiffbruche und der Rettung nach der Hallig, bei dem schon gleich am Anfang angedeuteten, später so ergreifend in Scene gesetzten Schicklaufe und zuletzt bei der die unglückliche Geschichte von Godber und Maria zu einem bei allem Grausigen doch zu einem beruhigenden Abschluß bringenden Sturmflut.
Neben allem aber tritt die Persönlichkeit Biernatzki’s selbst uns in dem voll ausgeführten Bilde Holds, zu dem er selbst fast alle Züge geliefert hat, höchst verehrungsvoll als Muster eines vom innersten Geiste getriebenen werktätigen christlichen Geistlichen entgegen, das auch diejenigen ansprechen wird, die eine ganz abweichende Ansicht von der Offenbarung und der geistigen Bestimmung des Menschen haben, und seinen Träumen von einer Zeit des Rechtes und der Wahrheit auf Erden eben nur das Recht eines Traumes einräumen. Freilich möchten manche wünschen, daß die Bekehrungsgespräche nicht einen so breiten Raum einnähmen, besonders aber, daß die eigenen Bemerkungen, mit welchen der Dichter zuweilen gleichsam mit dem Finger auf die sittliche Verführung mahnend hindeutet, weggeblieben oder, so viel nötig, in die Darstellung verflochten wären.
Auch aus der ganzen sprachlichen Darstellung weht uns ein dichterisches Gemüt entgegen, das lebendig zu schildern, die rechten Farbentöne zu wählen, durch leicht fließenden, treffenden Ausdruck zu fesseln weiß, so daß nur hier und da etwas Schleppendes, nie etwas Ungehöriges oder die Reinheit der Sprache Trübendes stören möchte. So ist auch der äußern Form nach die „Hallig“ durchaus der Abdruck einer reinen, wolgestimmten Seele.
Heinrich Düntzer.
[1] Eine Gesamtausgabe der Schriften Biernatzki’s ist im Verlag von Ferd. Riehm in Basel erschienen, welche wir allen Freunden des Schriftstellers empfehlen.
I.
Der erste Blick, der auf zum Lichte schaut,
Der erste schwanke Schritt im Staube,
Des Mutternamens erster schwacher Laut:
Giebt’s eine Zeit, die sie dem Herzen raube?
An der Westküste des Herzogtums Schleswig finden sich, umflutet von den Wogen der Nordsee, mehrere Inseln, die als Ueberreste einer zusammenhängenden Landstrecke, welche dem Meere zum Raube geworden ist, den Bewohner des festen Küstenlandes daran erinnern, sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln der Fluten zu erwehren.
Die größeren dieser Eilande sind teils durch Deiche (künstliche Seedämme), teils durch Dünen (natürliche Höhen von Meersand) vor den Wogen geschützt, die, täglich mit Flut und Ebbe kommend und gehend, immer neue Versuche zu machen scheinen, die letzten Brocken ihres großen Raubes in den gierigen Schlund des Meeres hinunterzuziehen. Bei der Ebbe geht die See so weit zurück, daß ein meilenweiter Schlickgrund bloßgelegt wird, der noch in kräuselnden Zügen das Bild der Wogen darstellt, die ihn vor wenigen Stunden überfluteten. Einzelne Rinnen und andere Senkungen werden aber auch dann nicht wasserleer, und besonders winden sich für jene Zeit sichtbar rings um die Inseln die, mit einander und dem zurückgewichenen Ocean zusammenhängenden, sogenannten Tiefen, gleichsam Schlangenarme, mit denen der eine Zeit lang an andern Gestaden kämpfende Riese die nie vergessene Beute umschlungen hält, daß sie nicht einen Augenblick der Hoffnung sich überlasse, von ihm aufgegeben zu sein. Diese Tiefen, welche dem einsamen Wanderer, der auf dem weichen, feinem Fußtritt für eine kurze Zeit überlassenen Meeresgrunde Krabben, Rochen oder einen von dem schnellen Abfluß der Wogen überraschten Seehund sucht, auch bei der hohlsten Ebbe unüberschreitbare Grenzen setzen, verhindern die Verbindung zwischen den Inseln zu Lande selbst dann, wenn sie am scheinbarsten ist. Nur einzelne kleinere Eilande erfreuen sich beim Rückgange des Meeres einer kurzen Gemeinschaft mit einander oder mit dem festen Lande, auch ohne das umständliche Mittel der Schifffahrt; aber wehe dem Wanderer, der zu viel dem trügerischen Riesen vertraute! Dieser kehrt oft mit ungewöhnlicher Schnelligkeit zurück, führet den Nebel mit sich als Bundesgenossen, und der Schlickläufer, so nennt man den, welcher die Ebbe zu größeren Wanderungen benutzt, siehet das heimische Gestade vor seinen Blicken verschwinden, er fühlt die Flut um seine Füße spielen, Entsetzen sträubt sein Haar bei diesem Spiel, er eilt mit Todesangst vorwärts, die schon ganz gefüllten Rinnen versperren seinen Weg, er wendet sich seitwärts, um sie zu umgehen, er verliert dadurch seine Richtung, läuft hin und her, ist gefangen ohne Ausweg, und mit jedem Augenblick kriecht die Flut höher an ihn hinan, sein Geschrei verhallt in der großen, weiten Wasserwüste und wird zuletzt von den ihn überrauschenden Wogen ganz erstickt, die bald seine Leiche bedecken; denn ein tiefflutendes Meer ist da, wo noch vor Kurzem die Fußstapfen des Armen sichtbar waren.
Im Gegensatz der größeren, durch Deiche und Dünen gesicherten Inseln werden die kleineren Eilande Halligen genannt. Eine solche Hallig ist ein flaches Grasfeld, das kaum zwei bis drei Fuß höher liegt, als der Strand der gewöhnlichen Flut des Meeres, und daher, weder durch Kunst noch durch Natur beschützt, sehr oft, und besonders in den Wintermonaten sogar wol zweimal an einem Tage, von der wogenden See überschwemmt wird. Die bedeutendsten dieser Halligen sind noch keine halbe Quadratmeile groß; die kleineren, oft nur von einer Familie bewohnten, kaum ein paar tausend Fuß lang und breit; die kleinsten und unbewohnten dienen nur dazu, ein wenig kurzes und feines Heu zu gewinnen, das aber sehr oft, ehe es geborgen werden kann, von der Flut weggespült wird. Das geborgene Heu wird in Diemen zusammengehäuft, über die ein Flechtwerk von Stroh, an beiden Enden mit Steinen belastet herabhängt, wodurch sie eine solche Festigkeit gewinnen, daß nur mit eisernen Spaten das zum jedesmaligen Gebrauche Nötige abgestochen werden kann, und diese Heuberge an der Seite des Hauses oft noch eine Zuflucht geben, wenn die Mauern vor der Gewalt der Wellen niederbrechen. Auf künstlichen Erderhöhungen oder Werften stehen die einzelnen Wohnungen, die selten mehr Raum auf der sich schräge absenkenden Höhe lassen, als zu einem schmalen Gang um die Hütte erforderlich ist. Daher trifft man denn auch auf fast allen Halligen keinen Fleck Gartenland für ein wenig Gemüse, keinen einzigen Strauch mit einer erquickenden Beere, keinen Baum zu einem Ruheplatz im Schatten. Für solche Genüsse müßte die Werfte größer sein, deren Aufführung und Unterhaltung aber schon, so klein sie ist, mehr Kosten erfordert, als das einfache Gebäude, das darauf steht. Auf der Ebene sproßt der Ueberschwemmungen wegen kein fröhliches Gewächs, keine nährende Frucht. Sie ist eine Wüste, die freilich durch ihr fahles Grün, das noch dazu vielfach von schmutziggrau überschlickten Stellen unterbrochen wird, andeutet, wie das genügsame Schaf hier wol seine spärliche Nahrung finden mag, die aber keineswegs jenen frischen, duftigen Graswuchs kennt, in welchen sich behaglich die fette Kuh hinstreckt, oder über welchem das wiehernde Roß mutwillig hin und her sprengt. Suchst du sprudelnde Quellen, die einen Labetrunk geben könnten, da, wo die Sonnenstrahlen, ohne durch eine buschigte Blätterkrone gebrochen zu werden, auf das matte Grasfeld brennen? Wol findest du vom Wellenschlag zerrissene Ufer; wol tiefe Einbrüche des Meeres, die sich oft in langen Krümmungen weit in’s Land hinein erstrecken, als wollten sie es in noch kleinere Stücke zerteilen, um leichter desselben Herr zu werden; wol viele stehende Lachen, ein Nachlaß der letzten Ueberschwemmung, zur Erinnerung, daß das Land schon halb dem Ocean gehöre und ihm bald ganz zufallen werde: aber Trinkwasser? Auf der Werfte wird ein Behältnis ausgegraben und ringsum mit Grassoden ausgesetzt; dahin mag sich Regenwasser von oben her sammeln oder von den Seiten durchsickern es dient den Schafen zur Tränke und ihren Herren zur Bereitung ihres Thees, obwol es von dem mit Meersalzteilen durchdrungenen Boden den widerlichsten Geschmack angenommen hat, der es für den nicht daran Gewöhnten ungenießbar macht. Vielleicht bringt auch gar einmal ein Boot ein Tönnchen Wasser mit vom festen Lande, und in Zeiten der Dürre kann solche Zufuhr zur dringendsten Notwendigkeit werden. Eine Freude hat doch wol der Halligbewohner: das muntere Treiben eines täglichen und reichen Fischfangs? Nein, nicht einmal den schönen Anblick eines in hellen, grünlichen Wellen flutenden Meeres hat er; ein widriges, trübes Gelb in Grau ist die gewöhnliche Farbe der Gewässer um ihn her, und vor dem Aufenthalt in einer Meeresstrecke, die bei der Ebbe stundenweit ihren Schlammboden aufdeckt, hüten sich die Fische und überlassen gern dem Seehund und der häßlichen Roche allein das wenig einladende Gebiet. Und dies Meer, das die Halligen umgiebt und so oft überwogt, und das auf seinen verschiedenen Punkten nach den Namen der im Lauf der Jahrhunderte darin begrabenen Landstellen und ihrer Eigner bezeichnet wird, dies an Gaben so arme und an Raub so reiche Meer ist noch dazu fortwährend ein Räuber, der bald mit langsamer, still untergrabender Macht, bald mit wildstürmender Gewalt ein Stück Land nach dem andern von dem Eilande abbricht, so daß der Halligbewohner schon die Jahre zählen kann, wann den Hütten und den Heerden der letzte Raum genommen sein wird.
Doch glücklich die Hallig, wenn hiemit ihr Bild vollständig gezeichnet wäre! Aber es bleibt noch eine furchtbare Seite übrig. Zur Gewohnheit sind die Ueberschwemmungen geworden, die, alles flache Land überwogend, an die Werfte hinaufsteigen und an die Mauern und Fenster der Hütten mit ihrem weißen Schaum anschlagen. Da blicken denn diese Wohnungen aus der weiten, umrollenden Wasserfülle nur noch als Strohdächer hervor, von denen man nicht glaubt, daß sie menschliche Wesen bergen, daß Greise, Männer, Frauen und Kinder unterdessen vielleicht ruhig um ihren Theetisch hersitzen und kaum einen flüchtigen Blick auf den umdrängenden Ocean werfen. Manch’ ein fremdes, aus seiner Bahn verschlagenes Schiff segelte schon in solchen Zeiten bei nächtlicher Weile über eine Hallig weg und die erstaunten Seeleute glaubten sich von Zauberei umgeben, wenn sie auf einmal neben sich ein freundliches Kerzenlicht durch die hellen Fenster einer Stube schimmern sahen, die halb von den Wellen bedeckt, keinen andern Grund als diese Wellen zu haben schien. Aber es bricht der Sturm zugleich mit der Flut auf das bange Eiland ein. Die Wasser steigen gegen zwanzig Fuß über ihren gewöhnlichen Stand hinauf. Die Wogen dehnen sich zu Berg und Thal, und das Meer sendet in immer neuen, langen Zügen seine volle, breite Gewalt gegen die einzelnen Werften, um sie aus seiner Bahn wegzuschieben. Der Erdhügel, der nur eine Zeit lang zitternd widerstand, giebt nach; bei den unausgesetzten Angriffen bricht ein Stück nach dem andern ab und schießt hinunter. Die Pfosten des Hauses, welche die Vorsicht eben so tief in die Werfte hineinsenkte, als sie darüber hervorstehen, werden dadurch entblößt; das Meer faßt sie, rüttelt sie. Der erschreckte Bewohner des Hauses rettet erst seine besten Schafe hinauf auf den Boden, dann sieht er selbst nach; und hohe Zeit war es! Denn schon stürzen die Mauern, und nur noch einzelne Ständer halten den schwankenden Dachboden, die letzte Zuflucht. Mit furchtbarem Siegesübermut schalten nun die Wogen in dem untern Teil des Hauses, sie werfen Schränke, Kisten, Betten, Wiegen mit wildem Spiel durch einander, schlagen sich immer freieren Durchgang, um Alles hinauszureißen auf den weitern Tummelplatz ihrer unbändigen Kraft, und der Stützpunkte des Daches werden immer weniger, des Daches, dessen Niedersturz rettungslos einer noch vor wenigen Stunden in häuslicher Geschäftigkeit mit einander wirkenden, oder im sanften Arm des Schlummers neben einander ruhenden Familie ein schäumendes Grab bereitet. Aengstlich lauscht das Ohr, ob nicht das Brausen des Sturmes abnehme; ängstlich pocht das Herz bei jeder Erschütterung; immer enger drängen die Unglücklichen sich zusammen. In der Finsternis sieht Keiner das entsetzenbleiche Antlitz des Andern; im Donnergeroll der tobenden Wogen verhallt das bange Gestöhn; aber Jeder kann an seiner eigenen Qual die marternde Angst seiner Lieben ermessen. Der Mann preßt das Weib, die Mutter ihre Kinder mit verzweiflungsvoller Todesgewißheit an sich; die Bretter unter ihren Füßen werden von der drängenden Flut gehoben; aus allen Fugen quellen die Wasser auf; das Dach wird durchlöchert vom Wogensturz; ein irrer Mondstrahl dringt durch die zerrissenen Wolken, fällt hinein auf die Jammerscene, die, von seinem bleichen, zuckenden Lichte beleuchtet, in all’ ihrer Furchtbarkeit erscheint und die angstverzerrten Gesichter einander spiegelt. Da kracht ein Balken. Ein furchtbarer Schreckruf! Noch eine martervolle Minute! Noch eine! Der Dachboden senkt sich nach einer Seite; ein neuer Flutenberg schäumt herauf, und im Sturmgeheul verhallt der letzte Todesschrei. Die triumphierenden Wogen schleudern sich einander Trümmer und Leichen zu.
Dennoch liebt der Halligbewohner seine Heimat; liebt sie über Alles, und der aus der Sturmflut Gerettete baut sich nirgends sonst wieder an, als auf dem Fleck, wo er Alles verlor, und wo er in Kurzem wieder Alles, und sein Leben mit, verlieren kann.
Wir bewundern den Sohn der afrikanischen Wüste, der sein Zelt aufschlägt unter der Glut einer versengenden Sonne, in der Mitte einer unübersehlichen, brennenden Sandstrecke. Er hat doch ein weites Gebiet, das er nach allen Richtungen hin auf seinem flüchtigen Renner durchstreift. Er hat doch seine Oasen, diese Inseln des Sandmeeres, wo er im Schatten der Palme die Quellen sprudeln hört und Lieder singt zur Ehre der Wüste, oder den wunderreichen Erzählungen eines vielgereisten Karawanenführers horcht. Die Heimat, die er liebt, ist doch nicht ohne Abwechslung, sein Leben nicht ohne Veränderung. Er schleppt sich nicht hin in steter Einförmigkeit des Daseins, findet doch Raum für seine Kraft, und hat doch Fernen, denen der Reiz der Neuheit nicht ganz fehlt. Der Halligbewohner übersieht mit einem Blick alle seine nahen Grenzen, sein Thun und Treiben ist dasselbe einen Tag wie den andern, außer daß eine seltene Fahrt ihn zum Verkauf der Wolle seiner Schafe nach dem festen Lande führt; und er fühlt sich bei seiner Abgeschiedenheit vom Menschenverkehr fremd unter Fremden, sobald er seine Scholle im Meere notgedrungen einmal verlassen hat. Alle seine Freuden und Genüsse bleiben wie seine Arbeiten in einem kleinen Umfang beschränkt, ohne lebhaften Reiz, ohne die Spannung einer Ungewöhnliches erwartenden Aussicht. Ein bei der geringen Zahl der Bewohner oft erst nach Jahren auf der Hallig wiederkehrender Hochzeitstanz gehört zu seinen höchsten Vergnügungen.
Die Gefahren selbst, denen der Halligbewohner ausgesetzt ist, entbehren den einzigen Reiz, den die Gefahr haben kann, den Gegenkampf. Mag der Sand der Wüste, vom Sturm aufgewirbelt in die Wolken, als sollte das Gewölbe des Himmels auch eine Sahara werden, daherjagen und Zeltdörfer und Karavanenzüge in sein heißes, erstickendes Bett begraben: die Möglichkeit der Flucht ist doch gegeben, und die Menschen versuchen auf Rossen und Kamelen mit dem Sandsturm in die Wette zu jagen; und oft gelingt es ihnen, dem drohenden Verderben zu entgehen. Der Halligbewohner hat seinen Feind rund um sich; erhebt der sich in seiner schauervollen Macht, so muß er, hülfloser als ein Kind auf dem Wege des tobenden Stieres, sich diesem Gewaltherrscher hingeben und zitternd erwarten, ob er mitleidig schonend vorüberziehe oder in blinder Wut alles niederwälze; er muß Leben oder Tod als ein willenloses Schlachtopfer annehmen, ohne Hand oder Fuß zur völlig unmöglichen, weder Gegenwehr noch Flucht zu regen. Verstand und Kraft sind ihm unnütz; nur Ergebung ist sein Loos in dem vollen Bewußtsein seiner Ohnmacht.
Und nicht etwa die Unbekanntschaft mit den Vorzügen anderer Länder ist es, was dem Halligbewohner seine Heimat lieb macht. Nein, er hat die fruchtbarsten, reichsten Strecken vor seinen Augen. Hinter den Deichen des festen Landes in seiner Nähe ist ein Boden, der seinen Bewohnern einen Ueberfluß bietet wie wenige Länder der Erde ihn haben. Da reift das schwere Korn; da streckt sich der breite Stier in den duftigsten Klee; da erheben sich große und schöne Bauernhöfe, deren Bewohner, mit allen Genüssen des Lebens vertraut und im Gefühl ihrer Wichtigkeit, mit Stolz sich Bauern nennen. Oft auch, und früher noch mehr als jetzt, führt den Halligbewohner in seiner Jugend und Mannheit der Dienst auf Schiffen in ferne Lande. Durch seine Genügsamkeit und Rechtlichkeit auch in der Fremde schwingt er sich zum Schiffsherrn auf; die reichsten Handelsplätze, die herrlichsten Gegenden werden ihm bekannt wie die eigene Heimat. Aber er hat Alles gesehen, Alles verglichen, und — Alles vergessen. Er kehrt mit seinem Ersparten heim zu seinem geliebten Eilande, heim zu diesem trostlosen Boden, zu diesem gefahrvollsten Fleck der Erde, zu dieser Oede voll Entbehrung und Entsagung, und dankt Gott, daß seine Hallig noch nicht weggespült ist; und kaum hat er sich da wieder eingerichtet, so ist er in seinem Wesen und seinen Neigungen wie Einer, der nie die Welt sah.
Es ist auch nicht die Freiheit, die dem Halligbewohner seine kleine Heimat, wie dem Mauren die Wüste, zum Paradiese macht. Er fühlt vielmehr den Druck der Civilisation mit Abgaben, Zöllen und dergleichen, und benutzt dagegen wenig von ihren Vorteilen: von Sicherheit des Eigentums, — ihn schützt ja schon genug seine Armut und seine Wogengrenze — von allgemeinem Verkehr, — zu ihm führt keine gebahnte Straße, — von vermehrten Kenntnissen, — zu ihm verirrt sich selten eine andere Schrift als Bibel und Gesangbuch, — von heiteren Künsten, — die Kunst dringt nicht zu seinen Hütten. Nicht einmal die Geselligkeit, die er haben könnte, gilt ihm etwas. Er ist meistenteils wenig gesprächig, lebt gern auf seiner Werfte für sich, und obwohl sein Prediger oder Priester, wie er ihn nennt, von ihm sehr geehrt wird, so gelingt diesem doch nicht leicht, es zu einer herzlichen Gemeinschaft zu bringen; da er, besonders bei dem weiblichen Geschlecht, außer im Religiösen, den völligen Mangel eines Anknüpfungspunktes an seine Bildung erkennen muß, und seine hochdeutsche Sprache ihn der friesisch sprechenden Gemeinde entfremdet. Nur auf diesen Eilanden hat nämlich das Friesische, das dem Englischen nahe verwandt ist, und worauf der deutsche Sprachforscher mehr, als bisher, sein Augenmerk richten sollte, noch fast seine ganze Eigentümlichkeit sich bewahrt, während es auf den Küsten des festen Landes schon nahe daran ist, in ein bloßes Gemisch auszuarten.
Eine dieser Halligen, von welchen wir im Obigen ein allgemeines und der Wahrheit getreues Bild zu zeichnen versucht haben, ist der Ort der nachfolgenden Handlung. Sie war damals, im Sommer des Jahres 1824, von ungefähr fünfzig Menschen in neun Hütten, auf sechs über die Fläche einer kleinen Viertelmeile zerstreuten Werften bewohnt, welche sich durch Schafzucht kärglich, aber für die geringen Bedürfnisse ausreichend, nährten. Eine, wenig vor den andern Wohnungen ausgezeichnete, neue Kirche, nachdem 1816 die alte, und 1821 wieder eine eben aufgebaute vom Meere weggerissen war, diente den gottesdienstlichen Versammlungen der frommen Gemeinde.
II.
Das schlanke Schiff mit seinen weißen Schwingen
Durchschäumt die Wogen, strebt hinauf, hinab;
Auf Abgrunds Tiefen muß es vorwärts ringen:
„Der Weg zum Hafen führt ja über’s Grab.“
Es war ein stiller, heiterer Nachmittag am 9. September 1824; der klare Himmel spiegelte sich in der glatten Flut des Meeres, das eben nur durch solchen Wiederschein sich heute schöner als sonst malte, so rein und deutlich ab, daß selbst das duftigste Wölkchen, das einen leisen Schatten auf seine Klarheit geworfen hätte, auch auf dem Gegenbilde sichtbar geworden wäre; aber weder Wolkenstreifen noch kräuselnde Wellen trübten das lichte Blau.
Maria saß mit ihrer Mutter, einer betagten Witwe, in der kleinen, niedrigen Stube ihrer Wohnung beim Spinnrade. Die höchste Reinlichkeit und die blau und rot gemalten Wände und Fensterbänke, die mit blankem Messing gezierte Lade, die den Hausschatz von Leinenzeug, Feierkleidern und seidenen Tüchern enthielt und zugleich in einem Schiebfach einzelne Kleinodien an goldenen Ringen und Ketten barg, die der Halligbewohner so sehr liebt, gaben dem Ganzen ein freundliches Ansehen, wozu die mit vielfarbigen Malereien geschmückten Thüren der Wandbetten besonders beizutragen bestimmt schienen. Freilich waren die mit losen Kissen belegten Stühle und der Tisch, der durch seine Größe den Raum der Stube sehr beengte, nur von ungefärbtem Holze und verdankten ihre Politur allein dem beständigen Gebrauch und der fleißig reinigenden und glättenden Hand. Selten unterbrach ein einzelnes Wort aus dem Munde der fleißigen Spinnerinnen die Stille, welche nur von den schnurrenden Rädern mit ihrer eintönigen Geschäftigkeit belebt wurde. Eben so still saß der weiße Schäferhund auf der Fensterbank und blickte mit seinen hellen und klugen Augen durch die kleinen, in Blei gefaßten Scheiben unverwandt auf das Meer hinaus, ohne daß sich doch dort irgend Etwas gewahren ließ, das seine Aufmerksamkeit so rege erhalten konnte.
Doch auch Maria warf zuweilen, wenn ihre Arbeit es erlaubte, einen Blick auf die See. Denn nach neunjähriger Abwesenheit sollte endlich in diesen Wochen Godber wiederkehren, der nach weiten Seereisen zuletzt von Hamburg aus geschrieben, wie er sich ein kleines Kapital erworben, um seine väterliche Stelle auszulösen, und nun sich sehne, zu seiner Hallig und zu seiner Maria zurückzukommen. Ihm war sie schon, nach der Gewohnheit des Landes, seit ihrer frühesten Kindheit verlobt und hatte ihm still und treu eine Liebe bewahrt, die freilich von jener ungeduldigen Leidenschaftlichkeit, welche Viele ihrer Zeitgenossinnen als eine notwendige Eigenschaft der Liebe zu betrachten scheinen, weit entfernt war, die aber nichtsdestoweniger durch ihre Tiefe und Innigkeit sich mit dem ganzen Dasein Maria’s verschmolz, jede andere, auch nur flüchtige Neigung gänzlich ausschloß und allen Gedanken und Empfindungen der Jungfrau die bestimmteste und entschiedenste Richtung auf ihre Pflichten als die Braut und künftige Gattin Godber’s schon längst gegeben hatte und erhielt. Wohl kam in den Briefen Godber’s Manches vor, das weit über die Fassungskraft seiner einfach erzogenen Braut hinaus war, und sie konnte sich einer heimlichen Scheu vor ihm, der so Vieles gesehen und gelernt haben müßte, da er so überklug zu schreiben verstände, nicht immer ganz erwehren; aber er hatte doch auch wieder des Glückes gedacht, wenn er nun die Welt gleichsam hinter sich abschlösse und allein für seine Hallig und seine Maria lebe, um all’ das bunte und wirre Wesen und Treiben, das ihn ganz anwidere, auf dem kleinen, friedlichen Raume, an der Seite einer geliebten, gleichgesinnten Gattin zu vergessen. In solchen Aeußerungen fand ihr Herz sich heimatlich. Sie zauberten ihr ein Morgenrot lieblicher Hoffnungen herauf, vor dem sie die ihr fremde Färbung anderer Stellen seiner Briefe leicht übersah.
„Heute muß er kommen,“ sprach sie zu ihrer Mutter, „mir ahnet so etwas.“
Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre Schwestern alle auf jenen Eilanden, wußte nichts von einer Liebe, die untreu macht den nächsten, bescheidenen Pflichten des Berufs.
„Heute möchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen,“ meinte die Mutter, „denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hörst du nicht, wie die Möven schreien?“
„Mutter,“ rief Maria, „das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so fleißig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, fröhliches Herz gegeben, daß ich weiß, Er thut es nicht.“
„Was thut er nicht?“ fragte die Mutter.
„Er läßt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er läßt nur die Winde los, daß sie die Segel straffer füllen und ihn recht schnell heimtragen zu mir — zu uns.“
„Er mache es nach seinem Wohlgefallen,“ sagte andächtig jene. „Was Gott thut, das ist wohlgethan! — Komm, der Spitz ist schon vom Fenster gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. Laß uns die Schafe eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht.“
Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es durch seine Beobachtung der gewöhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur seinen reizbaren Nerven merkliche Veränderung der Luft, die Witterung von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprüngen vor ihnen voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Stößen die ersten Boten des Sturmes über die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken langsam wieder herab, als seien sie zu träge, um sich zum Kampf zu erheben. In Südwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewölke hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe eine Viertelstunde lang weder in der Höhe, noch in der Breite wuchs, sondern gleichsam nur als Vorwacht über die See hinlugte. Plötzlich rauschte ein neuer stärkerer Luftstrom daher, der aber mit noch unsicherem Fuß über das Meer wandelte, so daß nur hier und da eine einzelne Welle vor ihm aufschäumte; und Alles ward wieder still. Nun aber, wie gehoben von einer nachdrängenden Macht, tauchten schwarze Wolkenmassen empor und verhüllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller und heftiger folgten die Windstöße einander, immer unruhiger schüttelten die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das düstere, schwere Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer weiter und weiter über den noch lichten Himmel streiften, und deren mächtige Schatten über den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf ihm gebahnten Straßen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Höhe herab, daß sie, vor Grimm schäumend, gleich stürzenden Gebirgen niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch höher sich zu erheben; und immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit dumpfem Rauschen.
Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das bereits über das Land hinausgetreten war und die einzelnen Hütten durch seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug höher auf, einen weißen Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren. „Ein Schiff, Mutter!“ rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie aber anfangs mit ihren vom Alter geschwächten Augen nichts entdecken konnte. Aber näher und näher kam es; erst wie ein weißer Fittig, der einer verspäteten Möve anzugehören schien, die bald einen Ausweg durch das dunkle, drückende Gewölbe über ihr zu suchen bemüht war, bald in die verschlingenden Wellen untertauchte. Allmählig entfalteten sich die Formen von Segeltüchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich konnte man den ganzen schönen Bau beobachten, wie er jetzt, völlig auf eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den flüchtigen Kuß den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der leichte Kiel mit seinen glatten Wänden und seinen schlanken Masten, mit seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und seiner vom Meeresgruß dunkler gefärbten Segelfülle aus dem Ocean hervor und wiederholte stets auf’s Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers verfolgend.
„Sie haben einen guten Steuermann,“ sagte die Mutter; und: „Godber!“ tönte es leise von Maria’s Lippen nach.
Jetzt machte das Schiff eine neue Wendung, die es glücklich durch zwei einander beinahe berührende Untiefen hindurchbrachte, und trat aus dem schäumenden Schwall der brandenden Wogen eben siegesfroh in die dunklere Flut hinein.
„Steuer in Lee!“ kreischte die Mutter, als könnte sie mit ihrem im Sturm verhallenden Kommando das Schiff regieren; aber links drehte es sich und jeden Augenblick erwarteten die ängstlichen Zuschauer, daß es nun an die ihnen bekannte gefahrvolle Stelle kommen würde, wo es bei der geringsten Abweichung zur Linken oder zur Rechten auf den dort zu beiden Seiten der Tiefe mehr als anderswo erhöhten, jetzt freilich auch von der Flut überdeckten Grund stoßen mußte. Doch plötzlich fielen alle schon lange gerefften Segel gänzlich von den Masten ab, daß diese mit ihren nackten Spieren verdorrten Fichten glichen, durch die die Wucht des Sturmes unschädlich hinstreift, und das schwankende Schiff bewegte sich langsam in einem Halbkreis herum, so daß das Boogspriet nun gegen den Wind stand, nachdem es so lange die Richtung mit dem Winde angedeutet.
„Sie haben Anker geworfen;“ rief Maria erfreut, und die alte kundige Witwe bemerkte:
„Wenn sie, wie ich glaube, nach Husum wollen, so können sie nun wieder mit der eintretenden Ebbe in den rechten Kurs kommen, von dem sie vor dem Sturm zu weit nach Norden abgetrieben sind.“
Von ihrer Furcht für die Seefahrer befreit, gingen die Beiden in ihre Wohnung. So lange die Tageshelle es erlaubte, warf Maria noch manchen Blick aus dem Hinterstübchen zu dem Schiffe hinüber, das bei nun eingetretener Ebbe ruhig auf seinem Platze liegen blieb, ohne daß man vom Lande aus irgend eine Bewegung auf demselben bemerken konnte. Als die Abenddämmerung die Aussicht hinderte, spann sie wieder ungestörter an der Seite ihrer Mutter fort, wobei zwischen den Beiden Manches über die Aussteuer und künftige Einrichtung verhandelt wurde. Denn auch die Mutter war durch Maria’s Zuversicht allmählig mit dem Gedanken vertraut geworden, daß Godber auf dem Schiffe sei. Mit freundlichen Hoffnungen gingen sie dann, später als sonst, zur Ruhe; jedoch nicht eher, als bis sie andächtig mit einander mit folgendem kurzen, kunstlosen Versgebet sich dem Schutze des Höchsten empfohlen:
In Sturm und Wellenbraus
Behüte Gott, mein Leben
Und um mein schwaches Haus
Laß Deine Engel schweben,
Daß sich die wilden Wogen scheu’n
Wie Lämmer vor dem starken Leu’n.
Doch hast Du andern Sinn,
Naht mir ein jähes Ende:
So nimm mich gnädig hin
In Deine Vaterhände;
Und Todesflut und Christi Blut
Mach’ es mit meinen Sünden gut.
III.
Das Meer ist hier und dort
Wie’s woget und wie’s weht,
Gehorsam seinem Wort,
Ein See Genezareth.
Wenden wir uns nun zu dem Schiffe, das, von des Ankers Zahn gehalten, sich auf seiner gewählten Stelle von den Wellen schaukeln ließ, um das Aufhören des Sturmes zu erwarten. Godber war wirklich, wie Maria es geahnt hatte und wie die kundige Führung des Schiffes in diesen Gewässern es erwarten ließ, auf demselben als Steuermann, und außer ihm befanden sich der Kapitän und vier Matrosen am Bord, nebst drei Passagieren: Herr Mander, Kaufmann aus Hamburg, zugleich Eigentümer der Ladung, und seine schon erwachsenen Kinder, ein Sohn: Oswald, und eine Tochter: Idalia. Nicht um der Geschäfte willen, sondern allein den Bitten seiner Kinder zu Gefallen, die von einer Seetour sich das größte Vergnügen versprochen, hatte Mander die Reise unternommen.
Die Hoffnung des Kapitäns, auf die, von der Mutter Maria’s angegebene Weise seinen Kurs wieder zu gewinnen, wurde getäuscht. Denn als nach einigen Stunden die Ebbe wieder eintrat, lief das Wasser wegen des fortdauernden Südwestwindes mit so geringer Strömung ab, daß es nicht möglich war, mit Hülfe derselben das Schiff gegen den Wind aufzuarbeiten, wodurch auch die Absicht Godber’s, der gerade jenen Ankerplatz vorgeschlagen, weil der Zug der abfließenden Wasser dort sonst besonders stark trieb, vereitelt wurde. Nun trat der gefährliche Uebelstand ein, daß das Schiff, auf seiner Stelle notgedrungen gefesselt, bei der Ebbezeit mit seinem Boden manchen schweren Stoß gegen den Meeresgrund auszuhalten hatte. Als darauf, nach Verlauf einiger erwartungsvoller Stunden, die Flut wiederkehrte, und mit ihr der Sturm in noch größerer Wut ausbrach, zeigte es sich bald, daß einige von jenen Stößen gelöste Fugen Wasser sogen. Jetzt galt es, einen entscheidenden Entschluß zu fassen, da auch die Dunkelheit der Nacht die Gefahr noch vermehrte. Die angefangene Beratung zwischen Kapitän und Steuermann wurde wider ihren Willen nur zu schnell beendigt. Ein furchtbarer Stoß, der das Schiff in allen seinen Teilen erschütterte, als sollte es auf einmal ganz aus einander gehen, deutete auf einen unerwarteten Fall.
„Die Ankerkette ist gebrochen!“ Dieser Schreckensruf gab die Lösung des Rätsels. „Die Taue auch?“ schrie der Kapitän. Diese, viel schwächer, aber lenksamer und dehnbarer, als die eiserne Gliederreihe, hielten freilich für den Augenblick noch an zwei kleinen Ankern, es war aber zu erwarten, daß der nächste Windstoß auch diesen letzten Halt nehmen würde. „Alle Segel auf! alle Lappen bei! die Anker gekappt!“ war nun, nach schneller Uebereinkunft der Sachverständigen, das nächste Kommando; und, die ganze Wucht des Sturmes in seine weiten Fittige fassend, die schäumenden Wogen wie ein leichtes Schneegewölk auseinander stäubend, flog das Schiff dem Strande zu. Ueber diesen waren freilich die Wellen auch schon wieder mit der Flut hinübergegangen; aber der so ganz kundige Mann am Steuer würde, obwohl die Dunkelheit die Werften nicht mehr deutlich erkennen ließ, ihn nicht verfehlt haben. Allein zu viel war den Masten zugemutet. Sie bogen sich, als hätten sie noch ganz die zähe, elastische Kraft, mit der sie früher auf den Bergen der Heimat die Gewalt der Stürme täuschten; sie strebten vorwärts, als wollten sie den schweren Leib des Schiffes weit hinter sich lassen; doch schon kündeten immer hellere verdächtige Laute eine Ueberspannung ihrer Kräfte. Der Ruf: „Alle Beile, alle Messer zur Hand!“ führte die Matrosen auf ihre Posten, wo sie in ängstlicher Erwartung, mit gehobenem Arm horchten auf das nächste Kommando. „Krach! Krach!“ ging es plötzlich, Sturmgeheul und Wogengebraus übertönend, durch alle Teile des Schiffes, und die ganze volle Takelage schmetterte schräge auf das Vorderende nieder und tauchte seitwärts in die Wogen hinab, daß die untern, gebrochenen Enden der Masten sich aufwärts kehrten. „Kappt! Um Gotteswillen, kappt, kappt!“ gellte die Stimme des Kapitäns den Matrosen zu, die, obgleich vom Sturz der Masten das Schiff im ersten Augenblick so tief in die Flut hineingedrückt wurde, als sollte es nie wieder aus dem Abgrund sich erheben, mit bewundernswürdiger Gewandtheit, getrieben von dem Bewußtsein, daß ihr Leben von der schnellen und sichern Ausführung abhinge, dem Befehl volle Genüge leisteten. Da schwankte denn in dem nächsten Momente das ganze Segelwerk, das eben noch mit seinen vollen, weiten Schwingen und den kühnen Masten so stolz sich zu heben und so anmutig sich zu neigen wußte, eine wirre und schlaffe Masse auf der dunklen Oberfläche des Meeres dahin, und das völlig seines besten Schmuckes und seines führenden Zuges beraubte Schiff ward, ein willenloser Spielball der gewaltigen Wogen, hin und her geschleudert. Es war aus einem scheinbar belebten Wesen voll Zier, Mut und Stärke, zu einem stumpfen, toten Holze, zu einem lecken Wrack geworden.
In dieser Lage mußten die, deren Leben nun in offenbarer Gefahr schwebte, einen Entschluß fassen. Sollten sie erwarten, wie der Kampf enden würde, den Sturm und Flut um das entmastete Schiff führten, das diese, immer unaufhaltsamer eindringend, in ihre Tiefe zu ziehen suchte, jener, es immer gewaltsamer vor sich herschleudernd, auf Untiefen zu zertrümmern drohte? Sollten sie es für möglich halten, mit dem leichten Boote, da die Schaluppe an ihrem Platze, am Fuß des großen Mastes, vom Sturz desselben zerschmettert war, die Küste zu erreichen und auf der überschwemmten Hallig in der Finsterniß an eine Werfte zu gelangen? Die Reisenden forderten dringend diesen Versuch. Jede Aenderung war ihnen eine Lebenshoffnung; auf dem Schiffe zu bleiben, schien ihnen der gewisseste Tod. Dem Kapitän erlaubte es sein Pflichtgefühl nicht, so lange noch eine Planke zusammenhielte, seinen Posten zu verlassen. Er wollte aber auch seinen Passagieren nicht widerstreben, und überließ es daher seinem Steuermann, wenn dieser die Möglichkeit der Rettung auf dem Boote für wahrscheinlicher halte, als auf dem rasierten und noch dazu lecken Schiffe, Jene an’s Land zu bringen. Godber, vertrauend auf seine genaue Kenntnis des Fahrwassers und der Hallig, verstand sich dazu, und ihm schlossen sich zwei Matrosen an, die, gleichwie die Andern an aller Rettung verzweifelnd, dennoch es vorzogen, einen letzten Kampf um ihr Leben zu wagen und kämpfend unterzugehen, als sich auf dem Wrack unthätig und kraftlos dem Verderben hinzugeben. Konnte bisher noch eine Hoffnung da sein, das Schiff auf die eine oder die andere Weise vom gänzlichen Untergang zu retten, so mußte diese, so schon auf das schwächste Vielleicht gestützt, völlig wegfallen in dem Augenblick, da Godber, der allein mit dieser See voll Strömungen und voll Untiefen Vertraute, dasselbe verließ. Ihm selbst flog dieser Gedanke durch den Sinn. Schon wollte er von dem übernommenen Rettungsversuch zurücktreten; aber die flehend bittende Idalia stand vor ihm, und — jede andere Bedenklichkeit mußte schweigen. Die Heckjolle wurde daher vom Spiegel des Schiffes in’s Meer gelassen, von den drei Seeleuten mit Leichtigkeit bestiegen, und mit erfahrener Gewandtheit an die Leeseite herumgebracht. Aber es bedurfte einer vollen halben Stunde, um die Andern nur erst in’s Boot hinein zu bringen; denn das leichte Fahrzeug flog bald auf dem schäumenden Kamm einer Welle weit vom Schiffe ab, bald wieder, der niederrauschenden Woge nach, mit solchem Schwung auf dasselbe zu, als sollte es im nächsten Augenblick daran zerschellen. Daher mußten die Passagiere nach mancherlei Versuchen, die eben so oft die Furcht, als der Mangel an Gewandtheit vergeblich machte, zuletzt an Seilen heruntergelassen werden, und schwebend, von den am Schiffe brandenden Wogen überschäumt, erwarten, bis das Boot wieder unter ihnen war. Wurden sie dann auch nur eine halbe Minute zu spät niedergelassen, so tanzte das Boot schon wieder fern von ihnen auf den schwindelnden Höhen eines Wasserberges, oder war in den Hohlen ihrem Blick entzogen, und sie tauchten in die Salzflut unter. Mander und Oswald, deren Hoffnung, sich auf der Jolle zu retten, bei dieser nicht erwarteten Schwierigkeit, sie nur zu besteigen, gänzlich dahin war, fügten sich doch willenlos allen Anordnungen. Idalia, erschreckt durch solche Vorkehrungen, weigerte sich lange, ihrem Vater und Bruder zu folgen, und die Ungeduld, die ihr Zaudern erregte, war wohl eine Mitursache, daß, als sie sich endlich entschlossen hatte, das Seil, welches sie so lange halten sollte, bis das Boot sie aufgenommen, den Händen der Matrosen auf dem Schiffe entglitt und sie in’s Meer hinabstürzte. Godber aber, der kein Auge von ihr gewandt, sprang sogleich in die brausenden Wogen nach und hielt sie mit starkem Arm empor. Doch auch der fertigste Schwimmer würde einem solchen tobenden Meer keine Beute entrissen haben. Glücklicher Weise gelang es den Leuten im Boote, das Ende des Seils zu fassen, welches um Idalia’s Schultern gegürtet war, und so wurden Beide an Bord gezogen.
Bei diesem Aufenthalt und dieser alle Sinne in Anspruch nehmenden Thätigkeit war es nicht leicht, die rechte Richtung nach dem kleinen Fleck Landes, von dessen Auffinden ihre einzige Hoffnung abhing, wieder zu gewinnen. Nur Godber, dem die Lage der Häuser auf der nahen Hallig genau bekannt war, und der während des Tages fast keinen Blick von der lieben Heimat gewandt hatte, vermochte in der trüben Finsterniß, die Alles einhüllte, an einzelnen ihm allein bemerkbaren, dunkleren Flecken sich zu vergewissern, welche Richtung einzuschlagen sei. Ein gegenseitiges: Lebewohl! und: Behüt’ euch Gott! riefen sich die Abfahrenden und Zurückbleibenden noch zu, und bald hatte sie die dunkle Nacht und die wogende See so weit von einander geschieden, daß kein Zusammentreffen, wenn es auch versucht worden wäre, mehr möglich war. Mander saß mit Oswald und Idalia platt auf dem Boden des Bootes, und diese drei schreckten nur dann und wann in die Höhe, wenn eine aufbrandende Woge ihren Schaumwall über das Boot hinschleuderte und es in die Tiefe hinunterzuschwemmen drohte. Die Matrosen ruderten, obwohl hoffnungslos, doch mit ruhiger, gleichmäßiger Anstrengung, als ob keine Todesgefahr sie umgebe. Godber führte mit kraftvollem Arm das Steuer, in künstlichen Wendungen dem Abbruch der niederstürzenden Flutmassen auslenkend, und den am wenigsten gefährlichen Weg durch die wogenden Thäler und auf den schwankenden Höhen mit dem Scharfsinn und der Erfahrung eines auf den Wellen großgewiegten Seemanns für sein schwaches Fahrzeug suchend. Dabei beachtete er mit durchdringenden Augen sorgsam die Ferne, wenn eine Welle, die das Boot emportrug, eine weitere Aussicht als von Woge zu Woge möglich machte. Aber die Finsterniß lagerte sich immer dichter und undurchdringlicher über das tobende Meer hin, und nur an dem kürzeren Schlag der Wellen unterschied er nach zwei Stunden der angestrengtesten Arbeit seiner Ruderer und der ungeduldigsten Aufmerksamkeit von seiner Seite, daß das Boot auf das überschwemmte Land der Hallig gekommen sei. Ein unter dem Wasser verborgener Pfahl oder Ueberrest einer alten Werfte konnte jetzt den Nachen kentern und Allen Verderben bringen. Mit dem gespanntesten Blick forschte Godber daher nach beiden Seiten hin, ob nicht ein Streif hohler gehender Wogen ihm einen schmalen Seearm bezeichne, von dem er wußte, daß er sich an dieser Seite des Landes weit in dasselbe hinstrecke. Gott schärfte seinen Blick und leitete sein Steuer. Er fand jene Einfahrt, wo dem minder Kundigen Alles ein Wogenschwall zu sein schien. Nun forderte er den jungen Mander auf, das Steuer zu nehmen. Dieser aber war gänzlich von Todesangst erstarrt und aller Kraft des Handelns völlig beraubt, daß er bei dem Anruf regungslos sitzen blieb. Williger fand Godber den Vater, der wenigstens halb bewußtlos sich zum Steuer hinsetzte, aber auch wohl ohne Nachhülfe der Matrosen, die mit ihren Rudern zur Lenkung der Jolle beitrugen, wenig geleistet haben würde, die schnell auf einander folgenden Befehle Godber’s, der sich auf das Vorderende des Nachens mit einem langen Handstock gestellt hatte, rasch in’s Werk zu setzen. Da Niemand auf dem Boote Kunde hatte von der Einfahrt, in welcher es sich nun fortbewegte, sondern Alle meinten, noch die tiefe See um sich zu haben, so verstand auch Keiner den Zweck der Anordnungen Godber’s, seiner bald rechts bald links gebietenden Befehle; aber der alte Mander gehorchte wie ein Sklave, der sich kein eigenes Denken und Wollen erlauben darf, die Matrosen als Leute, die gewohnt sind, ihr eigenes Urteil ganz dem strengsten Gehorsam unterzuordnen. Auf diese Weise ging es bald mit dem Winde, bald hart an dem Winde noch anderthalb Stunden fort, ohne daß sie darum eine bedeutende Strecke vorwärts gekommen wären, denn die oft so plötzlichen Wendungen brachten immer einige störende Verwirrung in den Gang des Bootes, und die Kräfte der Ruderer waren beinahe erschöpft. Da führte eine neue kurze Wendung das Fahrzeug wieder in eine andere Richtung, und als ob sie plötzlich fast ganz aus dem Bereich des Windes herausgekommen wären, hörten sie nur noch sein Sausen, fühlten es aber nicht mehr, und die Wogen, deren Rauschen noch beinahe lauter als vorher an ihr Ohr schlug, spielten doch viel ruhiger um den Nachen. An dieser Stelle konnte der kleine Anker wohl halten, den sie auf Godber’s Befehl sogleich auswarfen und die Ruder einlegten.
Staunend über die rätselhafte Veränderung ihrer Lage, blickten die seeerfahrenen Matrosen und der alte Mander, während seine Kinder sich erst allmälig aus ihrer starren Angst erhoben, in die Nacht hinaus; aber Alles um sie her war so schwarz verhüllt, daß sie kaum sich einander, viel weniger irgend Etwas außerhalb des Bootes erkennen konnten, und fragend wandten sich Alle an Godber. Er allein, der sie so wunderbar geführt, mußte Auskunft geben können. „Wir sind zur Stelle!“ rief dieser, sprang auf Idalia zu, löste das Seil, mit dem sie noch immer umgürtet war, von ihren Schultern, schlang das eine Ende um seinen Leib, band das andere Ende in einem Ring der Jolle fest, lehnte seine Stange schräge aus von dem Boot und sprang mit einem mächtigen Satz in die Finsternis und in die Wogen hinein. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Allen. Dann standen sie einige Minuten lang in stummer Erwartung, wie dies ihnen ganz zwecklos dünkende Wagestück Godber’s enden werde. Schon gaben sie ihn verloren, und damit sank wieder jede Hoffnung, aus dem Schrecken dieser Nacht gerettet zu werden. Plötzlich schallte ein lautes Halloh! Halloh! wie aus den Wolken her über sie hin. Die Matrosen antworteten unwillkürlich dem ihnen gewohnten Ruf, obwohl sie nicht begreifen konnten, woher die Stimme so nahe, und doch wieder so hoch von oben her, als ob ein Riese neben ihnen stände. Vergebens strengten sie ihre Blicke an; ihr sonst so scharfes Auge für alle Gegenstände auf dem Meere sah Nichts, als die undurchdringlichste Nacht. Wieder gingen einige Minuten der gespanntesten Erwartung vorüber. Siehe, da glänzte plötzlich ein freundliches Licht durch die Fenster einer friedlichen Wohnung dicht über ihnen auf sie herab, und nach dem ersten regungslosen Erstaunen begrüßten die Matrosen dessen Erscheinen mit einem jubelnden Hurrah! während die Andern mit Thränen der Freude einander in die Arme sanken. Die ganze Lage der Dinge war jetzt klar. Der Nachen ankerte neben einer bis zur halben Höhe von den Fluten bedeckten Werfte und ward durch dieselbe und die darauf stehende Wohnung vor dem Winde geschützt, während noch rings umher der Sturm in gleicher Stärke auf den Wellen tobte und scheinbar noch wilder brauste, indem die an der Werfte vorbei brandenden Wogen eine kleine Strecke hinter dem Boote gegen einander aufwirbelten. Das eine Ende des Seils, das Godber mit hinaufgenommen, hatte er schon an den Thürpfosten befestigt, zog daran das Fahrzeug so nahe wie möglich zu sich und bildete damit zugleich eine ausreichende Handhabe für die Aufsteigenden, so daß in wenigen Augenblicken sich alle in dem sichern Schutz des Hauses befanden.
Hier mit der gutmütigsten Gastfreiheit aufgenommen und mit dem geschäftigsten Eifer erquickt, gewannen sie Zeit, ihrem frohen Erretter den freudigsten Dank darzubringen, den die Matrosen mit einem warmen, festen Händedruck und einem: „Du bist ein braver Steuermann!“ kurz und bündig abmachten. Der alte Mander sagte ebenfalls nur wenige Worte und saß dann stumm und sinnend da. Oswald konnte nicht Redensarten genug finden, um seine Dankbarkeit auszusprechen, dabei war er lustig wie ein Kind, lachte und scherzte über die geliehenen Kleider, in die sie angethan waren, und die freilich nicht eben im Modeschnitt anpaßten, aber doch eine behagliche Wärme den Durchnäßten bereiteten. Idalia, die sich im Nebenzimmer umgekleidet, trat jetzt herein, und während Oswald sie jubelnd umfaßte und sich totlachen wollte über ihren Anzug, in welchem, wie er meinte, sie notwendig auf dem nächsten Maskenball in Hamburg Furore machen müsse, starrte Godber sie als eine Erscheinung an, die mit dem seligsten Entzücken alle seine Nerven durchbebte. Sie war eine Jungfrau seiner Heimat. Dies glattgescheitelte Haar, von der kleinen Haube nur ein wenig bedeckt, dieses grüne Mieder mit seinen kurzen Aermeln, dieses nachlässig in einen Knoten geschlungene Tuch von bunter Seide, dieser gestreifte Rock, der nicht so lang war, die blauen Strümpfe zu verbergen, dieser Anzug hatte die prunksüchtige Großstädterin zu einer bescheidenen Erbin seines Stammes umgeschaffen. Aber diese hohe, weiße Stirn, diese glänzend braunen sprechenden Augen, diese feinen Gesichtszüge und die zartgeröteten Lippen und Wangen, diese lieblich gerundeten Arme mit der kleinen zierlichen Hand: nein! sie war das himmlische Bild einer irdischen Tochter der Hallig. Er war noch verloren in ihrem Anblick, als Idalia sich endlich frei machte von den Spässen ihres Bruders und nun, von ihrem lebendigen Gefühl hingerissen, Alles um sich her vergessend, auf Godber zueilte, mit dem leidenschaftlichsten Ungestüm sich an seine Brust warf und ihn mit ihren Thränen und ihren Küssen bedeckte. Er war ihr ja nachgesprungen in die grausige Tiefe; er hatte durch seine kluge und kühne Führung sie und ihren Vater und Bruder gerettet! Wie konnte sie daran denken, daß die ungehemmte Aufwallung ihrer Dankbarkeit die Grenzen überschritt? Wie konnte sie, die nie gewohnt war, ihre Lebhaftigkeit nur aus Rücksichten auf Andere in das Geleis des Gewöhnlichen zu zwingen, in diesem Augenblick zurückhaltender sein, als das Gefühl ihres Herzens sprach? Einen Geist, wie der ihre war, der jeden Funken der Empfindung sogleich zur hellen Flamme anfachte, hatten die Stunden der Schrecknis auf die furchtbarste Höhe der Angst gesteigert, und so mußte ihn auch die Freude der Errettung Alles überwältigend fortreißen. In den süßesten Tönen, die kaum zu Worten wurden, und die sich in immer von Neuem wieder hervorbrechende Thränenströme auflösten, dankte sie Godber für ihr Leben; und so oft ein Gedanke ihr den Tod in den tobenden Fluthen wieder vormalte, dem sie entgangen, schauderte sie vor dem Schreckensbilde zusammen und klammerte sich fester um den Hals des Retters, als sollte er sie noch einmal aus der grauenvollen Tiefe ziehen. Und Godber — da stand der männlich schöne Jüngling mit bebendem Entzücken, wie Einer, dem plötzlich die Pforte eines neuen, nie geahnten, seligen Daseins aufgethan ist. Ach! der Hoffnungsstern der armen Maria war untergegangen in der Stunde, in welcher endlich ihr langersehnter Verlobter den heimischen Boden betrat.
IV.
Bringst Du zur Heimat wieder
Die alte Lieb’ und Treu’,
Dann laß Dich fröhlich nieder,
Es grüßt Dich Alles wieder
Mit alter Lieb’ und Treu’.
Am andern Morgen war der Himmel klar und heiter. Hinter dem Deiche des festen Landes tauchte eben die Morgensonne empor und warf neugierig ihr Strahlenauge über die Halligen hin, um nach den Verwüstungen der vergangenen Nacht zu sehen und zu fragen, ob noch Wesen übrig geblieben, die ihres Lichtes sich freuten. Das Meer floß still und friedlich in seiner gewohnten Bahn und schien den Menschen, in deren Ohr noch das Wogengebrause der letzten Stunden nachklang, lächelnd zu sagen: Ihr habt nur geträumt!
Godber, welcher trotz der Anstrengung, zu der ihn die im vorigen Kapitel beschriebenen Gefahren genötigt hatten, wenig Ruhe fand, trat vor die Thüre der freundlichen Wohnung. Die verschiedenartigsten Gefühle bestürmten sein Herz. Da lag vor ihm der Boden seiner Hallig, nach dem er an den blühenden Küsten Italiens, auf den reichen Fluren Hollands mit solchem Heimweh sich gesehnt; der Boden, auf dem er allein sich glücklich fühlen konnte, von dem sich jetzt wieder loszureißen ihm eine Unmöglichkeit gewesen wäre. Für diese Heimat hatte er in der Fremde gestrebt und gedarbt; der Gedanke an sie hatte ihn gespornt zur unermüdlichsten Thätigkeit, zum willigsten Gehorsam, zum ängstlichsten Eifer in Erfüllung aller seiner Pflichten; hatte ihn ferngehalten von allen Vergnügungen seines Standes, ihn rastlos gemahnt zum sparsamsten Haushalt. Jeder neue Beitrag zu seinem kleinen baaren Schatz, den er stets bei sich getragen und daher auch jetzt gerettet, war immer der Anfang eines lieben frohen Traumes von der Wiederkehr gewesen, dem er sich an solchen Tagen oft Stunden lang in der Einsamkeit hingegeben. Nur seine Begierde, sich zu unterrichten, sein Streben nach einer Bildung über seinen Stand hinaus, konnte ihn verführen, seinen Schatz zuweilen für diesen Zweck anzugreifen; aber er darbte dann auch nur desto sorglicher, um solche Ausgaben bald wieder zu ersetzen. Nun hatte er es erreicht. Dort stand seine väterliche Wohnung. Schauer des Entzückens rieselten durch sein Gebein; Thränen der Freude brannten auf seinen Wangen. Wer, selbst nicht Halligbewohner, diesen nackten Fleck, auf dem das spärliche Gras von der letzten Ueberschwemmung her noch in schlammigter Glätte niederlag, mit seinen tief ausgefurchten und zerlöcherten Werften angesehen und dazu noch der vergangenen Nacht gedacht hätte, die alle Lebendigen auf dieser Scholle im Meere dem Wellentode so nahe gebracht, der würde nie geahnet haben, daß diese Heimat des Jünglings Freudenthränen hervorgerufen. Aber Godber hatte um dieses Anblicks willen neun Jahre hindurch ein Leben voll Anstrengungen und Gefahren, voll Entbehrungen und Entsagungen ertragen; und hätte er zwanzig Jahre so geduldet und gelitten, ihn würde die Wiederkehr auf diese Flur damit nicht zu theuer erkauft dünken.
Und doch, ganz rein war seine Freude nicht. Er konnte sein Kniee nicht beugen vor dem Gott, der ihn gnädiglich behütet und heimgeführt zu dem Lande seiner Väter. Hätte er es doch gethan! Vielleicht würde er dann ganz sein altes Herz wiedergefunden haben. Es wären die eitlen Träume von ihm gewichen. Das Gelübde der Treue wäre der frommen Maria bewahrt und Idalia’s verführerisches Bild hätte seinen Zauber verloren.
In jedes Menschen Leben tauchen wohl solche Zauberbilder auf, die ihm die innere Klarheit trüben und den hellen Blick rauben für die nächste Pflicht; die, wenn sie nicht bloße Träume der Phantasie sind, sondern vielmehr durch außerordentliche Lagen und Verhältnisse hervorgerufen wurden, ihm als Bestimmungen seines Geschicks erscheinen. Sie gaukeln um seine Seele wie ladende Boten eines Genusses, von dem ihn nur kleinliche Rücksichten und Mangel an Selbstvertrauen bisher zurückhielten, und der ihm gewiß ist, wenn er es nur wagen will, sich in seiner Kraft zu erheben. Sie malen ihm eine Zukunft vor, gegen die Alles, was ihm ruhiges Beharren in dem gewöhnlichen Gleise, treues Festhalten früherer Grundsätze, williger Gehorsam unter dem seither dafür gehaltenen Gesetz Gottes zu bieten vermag, matt und farblos, ja seiner unwürdig vorkommt. Es ist ihm zu Mute wie Einem, der nur den Fuß vorwärts zu setzen braucht, um einer langen Knechtschaft zu entfliehen, um in ein Paradies einzutreten, dessen Pforte er nur zu lange schon sich selbst eigensinnig verschloß. Er fragt sich, warum er nicht die schwachen Riegel, Pflicht und Gewissen, ganz zurückschieben solle? Ja, es will ihn bedünken, als seien die Riegel nur ein Ammentraum, dem er entwachsen, oder als habe er jetzt erst in Wahrheit erkannt, was Pflicht und Gewissen eigentlich von ihm fordern. In solchen Zeiten hat der Mensch in sich selber Nichts, was ihm einen Halt geben oder zum Wegweiser dienen könnte. Er hat gleichsam den gewohnten Boden unter seinen Füßen verloren, auf dem er sonst mit Sicherheit auftrat; ihm ist das Ziel seines ganzen früheren Lebens verrückt und seine Gedanken und Empfindungen sind doch noch nicht heimisch geworden in der neuen Aussicht. Darum hat er keine andere Hülfe, als die von Oben kommt. Er richte sein Sinnen und Denken hinauf zu der festen Burg des klaren Rechtes; er hafte mit Blick und Herz an dem ewigen Worte des Richters der Lebendigen und der Toten; er lasse die Welt mit ihren Träumen einen Augenblick hinter sich und versenke mit voller Hingebung sich in das Anschauen Dessen, der die fromme Brust durch Seinen heiligen Geist zu einer Stätte der Gemeinschaft erwählet des Himmels und der Erden. Und dieser Geist wird ihm die Erleuchtung bringen, deren er bedarf. Die Nebelgestalten werden von ihm gewichen sein, wenn er wieder zurückschaut auf seinen Pfad. Er wird sie erkennen als Schatten einer im Hintergrunde lauernden Sünde und nun klar seinen Weg wissen und ihn mit Zuversicht wandeln.
Aber Godber betete nicht, und sein Auge und seine Seele verfinsterten sich, als sein Blick flüchtig auf Maria’s Wohnung hinstreifte. Es ergriff ihn ein Gefühl wie Gewissensangst; aber er scheute sich vor einer klaren Rechenschaft vor sich selbst und ward froh, als die Erinnerung an das im Sturm verlassene Wrack und die darauf gebliebenen Leute alle andern Gedanken verdrängte. Rasch wandte er seine forschenden Blicke nach dem westlichen Ende der Hallig und — da lag das Schiff gekentert nicht weit vom Strande. Er eilte geflügelten Schrittes darauf zu. Sein Weg aber führte ihn an Maria’s Wohnung vorüber, und es wurde ihm unheimlich um’s Herz, als er in die Nähe derselben kam; sein Blut flog rascher in den Adern und färbte seine Wangen röter. Er trat unwillkürlich leiser auf, als fürchtete er, die Verlobte mit dem Geräusch seiner Tritte aus einem Hoffnungstraume zu wecken und in die zu seiner Freude noch geschlossene Thür zu rufen. Wie er vorbei war, fiel ein Stein von seiner Brust, ohne daß er bedachte, wie wenig mit einer solchen kurzen Frist gewonnen sei. Jetzt fesselte wieder das Wrack seine ganze Aufmerksamkeit, und bald hatte er das Ufer erreicht. Doch vergebens strengte er seine Augen an, er sah keine menschliche Gestalt. Er watete so weit als möglich auf den Schlick hinaus, ließ sein schallendes „Halloh“ ertönen; Niemand antwortete. Stumm und unbeweglich lag der jetzt so formlose Bau vor ihm, den früher, als er noch in seiner Schöne mit entfalteten Schwingen die Wogen rauschend durchschnitt, laute und fröhliche Thätigkeit belebte. Godber mußte sich, nach wiederholten Versuchen, einen Gegenlaut hervorzurufen, von dem unglücklichen Schicksal seiner früheren Gefährten überzeugen. Es drängte sich ihm die Vorstellung auf, ob es ihm nicht besser gewesen wäre, in den Wellen, gleichwie sie, begraben worden zu sein, als mit dem Bewußtsein einer doppelten Untreue zu leben: gegen ein Schiff, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen war, und das er, wie jeder Seemann das seine, gleich einer Braut geliebt hatte, und gegen die Verlobte seiner frühesten Jugend. Lange starrte er mit trübem Sinnen vor sich hin, bis beim Rückblick auf die Begebenheiten der vergangenen Nacht Idalia’s Bild vor ihn hintrat und alle seine Gedanken und Empfindungen allein auf sich zog. Es ergriff ihn eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu sehen. Er klagte sich an, ihren Morgengruß nicht erst erwartet zu haben und lenkte seine Schritte eilig zurück.
Achtlos wäre er an der Wohnung seiner Verlobten vorübergegangen, aber — da öffnete sich die Thür; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen „Godber, Godber, bist du da!“ ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch entgegenstreckte. Hätte er sie an seine Brust gezogen, sie würde seinen Kuß ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Daß er es nicht that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeußerung der Liebe, als die größere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen Landes in solchen Verhältnissen sie zuläßt, war die Tochter der Hallig gewöhnt. Wußte sie doch, daß er ihr treu geblieben sei; und wenn er es auch nicht geschrieben hätte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der Untreue unter den in früher Kindheit schon Verlobten eben so unerhört ist, als unter Gatten.
„Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum; denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne ankern sahen? — Wo ist denn das Schiff geblieben?“ Mit diesen Worten sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnsüchtiger Hoffnung hingeblickt hatte.
„Da!“ sagte Godber und streckte seine Hand seitwärts aus nach dem Wrack.
„Herr Gott!“ schrie Maria auf und wäre nun fast an die Brust des Geliebten gesunken. „So kämpftest Du mit dem Tode, während ich so ruhig von Dir träumte! Wir hörten wenig vom Winde in der Vorderstube und meinten, der Sturm habe längst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl, daß wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich hätte gern dabei gewacht. Sie aber meinte, es könnte die in dieser Gegend fremden Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewiß wissen wollte, daß Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet! Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie hätte ich geweint, wenn Du umgekommen wärest. Gewiß, ich wäre auch gestorben!“ und dabei deckte sie die Augen mit ihrer Schürze und weinte vor Angst und vor Freude.
Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thränen des Mädchens fielen wie glühende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein früheres volles Gefühl für sie wieder zurück. Er umfing sie mit seinen Armen, preßte sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia’s Bild ganz aus seinem Herzen verschwunden. Aber Maria riß sich schnell von ihm los und rief:
„Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in’s Haus. Der Thee soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet?“
Diese Frage führte Godber’s Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er fiel wieder in seinen frühern Kaltsinn gegen Maria zurück und sprach hastig und in abgebrochenen Sätzen:
„Es sind noch Andere gerettet. — Leb’ wohl! — für jetzt! — Ich muß Bescheid bringen wegen des Schiffes.“
„Warte doch!“ entgegnete Maria. „Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. Laß’ mich nur erst der Mutter Nachricht bringen.“
Damit sprang sie fröhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war.
Sie gingen nun mit einander. Er mit trüben Sinnen und einsilbigen Lippen; sie mit leuchtenden Augen und mit einer muntern, ihr sonst ganz ungewöhnlichen Geschwätzigkeit. Sie hatte ihm ja so Viel zu erzählen, wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, wie sie bei allen Arbeiten seiner gedacht, wie fleißig sie gesponnen für die Aussteuer, und sie rechnete ihm dabei jedes einzelne Stück des künftigen Haushalts vor, das sie teils von der lieben Mutter mitbekomme, teils selbst verfertigt habe. Godber war zu Mute, als ob ein ängstlicher Traum ihn immer fester umwob und sein Herz einschnürte; sie aber erzählte weiter, wie sie so oft den lieben Gott gebeten, ihn glücklich heimzuführen; mit welcher Zuversicht sie auf die Erhörung ihres Gebetes vertraut; mit welcher Inbrunst sie nun dem Vater im Himmel danken wolle für Seine Güte und Barmherzigkeit, der aber nicht böse werden müsse, wenn sie jetzt vor lauter Fröhlichkeit noch nicht zu einem rechten vollen Dankgebet kommen könne. Wenn sie so mit kindlich frommer Herzlichkeit bald mit Gott sprach, bald mit Godber von dem ersten gemeinsamen Kirchgang, dann fiel es ihm wie Felsenlasten auf die Brust und wie Bleigewicht in seine Füße; er mußte still stehen und Atem schöpfen und seine Kniee drohten einzusinken. Maria bemerkte es; aber die wahre Ursache nicht ahnend, faßte sie ihn mit der zärtlichsten Besorgnis am Arm und schalt, daß er die Erquickung in ihrem Hause verschmäht. Er sei ja noch so angegriffen und es sei unverantwortlich, daß er sich nicht erst gehörig ausgeruht; aber:
„Warte nur,“ fügte sie hinzu, „nun sollst Du auch in den ersten vierzehn Tagen nicht vom bequemen Lehnstuhl aufstehen. Ich will Dich pflegen wie ein Schoßkind. In des seligen Vaters Schafpelz mit seiner wollenen Nachtmütze über den Ohren sollst Du wohl wieder warm werden.“
„Nein, es ist abscheulich, wie Du Deine Gesundheit durch Deine trotzige Weigerung, bei uns einzukehren, auf’s Spiel gesetzt hast!“ sagte sie im Ernst zürnend und halb weinend, als sie zu dem schmalen Balken kamen, der, über den dort noch 16 Fuß breiten Seearm gelegt, freilich nur einem auf solchem Schwindelpfad geübten Halligbewohner ein Steg heißen konnte, da er, um die Schafe zu hindern, nur die scharfe Kante dem Fuße darbot. Maria war wie im Tanze hinübergehüpft; Godber folgte ihr nur langsam und schwankend nach.
Als sie in das Haus eintraten, fanden sie Alle um den großen Tisch beim Frühstück, dessen ganzer Aufsatz freilich nur in Thee mit Schwarzbrot, Butter und Schafskäse bestand. Idalia trug noch die Kleidung der Hallig; doch hatte sie mit erfinderischem Sinn und geschmackvoller Auswahl dem Anzug, ohne Nachteil seiner Eigentümlichkeit, manchen ihm früher fehlenden gewinnenden Reiz gegeben. Ihr Haar, obwohl von der Stirn weggescheitelt, war doch nur in so weit unter die kleine Haube aufgebunden, daß noch mehrere Locken über die Schultern hinfielen. Sie hatte auch aus dem Schmuckkästchen der Familie, dessen reiche Fülle ihre Erwartungen bei weitem übertraf, die lange goldene Kette geborgt, die jetzt von ihrer Brust glänzte, als oben weit und nach unten zu immer kürzer geschnürtes Band das Mieder zusammenhaltend, nach der Weise, wie beim Brautputz solche Ketten auf den Halligen getragen werden. Die großen, ebenfalls goldenen Medaillons, die sonst wohl noch darüber hängen, hatte sie mit besserm Geschmack unbenutzt gelassen. Bei Godber’s Eintritt stand sie rasch auf und trat mit dem unwiderstehlichsten Liebreiz in allen ihren Zügen ihm entgegen, nicht mehr mit der Alles vergessenden Leidenschaftlichkeit von gestern, sondern mit einem Lächeln, in welchem das Bewußtsein sich auszudrücken schien, daß sie ihm gefallen müsse. Man würde aber Idalia Unrecht thun, wenn man ihr Benehmen gegen Godber als leere Gefallsucht auslegen wollte. Nein, ungewohnt, die Verhältnisse zu beachten, oder die Folgen zu bedenken, wo ihre Neigung sprach, gab sie sich auch jetzt ihrem Gefühle ganz hin; und dies Gefühl war mehr als Dankbarkeit gegen den Retter ihres Lebens, es war, wenn nicht volle, zu jeder Aufopferung fähige Liebe, doch eine Aufwallung von Liebe mit allen Ansprüchen, welche die wahre Liebe auf den geliebten Gegenstand macht. Sie wollte gefallen, um sich des Jünglings Herz zu gewinnen, für den so Viel in ihrem Herzen sprach; und fern war sie dem Gedanken, ihn nur als Sklaven ihrer Laune an den Triumphwagen ihrer Reize zu fesseln, obwohl ihr ganzes Benehmen von einer Absichtlichkeit geleitet wurde, zu welcher sonst nur eine Kokette und nie eine wahrhaft Liebende fähig ist. Godber hing mit stummem Entzücken an dem Anblick der lieblichen Erscheinung. Festgebannt auf der Stelle, wo er stand, sah er sie mit einem Blicke auf sich zuschweben, der alle Tiefen seiner Seele durchdrang. Wie sie nun seine Hand faßte, sie an ihre Brust drückte und mit schmelzenden Tönen und dem traulichen Du fragte: „Godber, mein Retter, wie konntest Du uns so früh verlassen ohne meinen Dank für den Morgen zu erwarten, den ich ohne Dich nie gesehen?“ Da wäre er fast ihr zu Füßen gesunken, und Idalia feierte den vollständigsten Sieg, der ihr, wie das zufriedene Lächeln um ihre Lippen verkündete, auch nicht unbemerkt blieb. An ihrer Seite mußte er sich niedersetzen, während Maria, scheu und verlegen und plötzlich verstummt in der Nähe der Fremden, ihr gegenüber kaum sich zu setzen wagte und nur halbe Blicke zu Idalia aufrichtete, deren zarte Schönheit und deren ihr wohl bekannte und doch wieder fremdartige Tracht ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konnte sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren, das mehr war, als bloße Befremdung über die ungewöhnliche Erscheinung und über das zutrauliche Benehmen der Fremden gegen Godber. Sie mußte unwillkürlich die bei weicher Fülle schlanken Formen und die blendenden Reize Idalia’s mit dem eignen, von der Sonne gebräunten Antlitz, den von anstrengender Arbeit zeugenden Armen und Händen und der gedrungenen, nur Rührigkeit und Gewandtheit versprechenden, aber keineswegs in stolzer Hoheit imponirenden Gestalt vergleichen. Sie, unter den Halligmädchen leicht die Schönste, stellte sich in ihrer Bescheidenheit tief unter die Fremde, tiefer wohl noch, als sie wirklich zu stehen verdiente. Was Godber’s kalte Erwiderung auf die Aeußerungen ihrer Freude beim Wiedersehen nicht zu wecken vermocht hatte, das drängte beim Anblick der Fremden sich ihr auf: Zweifel an des Verlobten Treue. Und nicht Idalia’s Benehmen gegen Godber war es allein, das solchen Stachel in ihr Herz drückte, sondern die Eifersucht der Liebe, die auch dem einfachsten Mädchen einen nicht leicht zu täuschenden Scharfblick leiht, wenn sie mit dem Geliebten in der Nähe eines andern weiblichen Wesens weilt, würde ihr, auch ohne die Zutraulichkeit der Fremden gegen den Jüngling, manche ihr unwillkommene Bemerkung aufgedrungen haben. Maria’s Herz sollte bald ganz gebrochen werden.
„Wer ist das liebe Mädchen?“ fragte Idalia mit dem freundlichsten Tone, der aber mit einem scharfen, forschenden Blicke auf Godber begleitet war, als wüßte sie schon, wie viel ihr an der Antwort gelegen sei.
Maria errötete tief, sah aber doch dabei mit einem gewissen Trotz zu der Fremden auf. Godber erglühte noch tiefer; sein Auge senkte sich zu Boden, und seine Stimme zitterte, als er erst nach einer Pause antwortete: Maria Nommens. — Er schien noch etwas hinzusetzen zu wollen, aber — er schwieg. Maria horchte noch eine tötliche Minute lang, aber — er schwieg. Da sank sie bleich in sich zusammen, preßte die Hand auf’s Herz, in welchem alle Pulse stockten, und sah und hörte nun nichts weiter. Daß er nicht hatte hinzusetzen können oder wollen: meine Braut! das war für sie genug zur Entscheidung ihres Geschicks. Mit diesem seinem Schweigen war das Glück ihres Lebens vernichtet. Sie wußte nun, daß sie ihn verloren. Idalia ahnete wohl etwas von den Verhältnissen. Ihr konnte die Bewegung Beider nicht entgehen; aber die Freude, Godber für sich gewonnen zu haben, überwog fast ganz ihr Mitleid mit der armen Maria. Auch Godber fühlte, wie er durch das Verschweigen seines Verhältnisses zu Maria schon Alles gesagt habe, und dachte gar nicht daran, wie ja möglicherweise sie gar keine Bedeutung auf dies Verstummen gelegt habe. Er wagte es nicht, aufzusehen und saß in der peinlichsten Unruhe da, woraus er erst durch die Frage Mander’s: „ob er nichts von dem Schiffe gesehen?“ zu seiner Freude gerissen wurde. Er erzählte nun, indem er aufsprang, mit einer Hast und mit einer Teilnahme, die mit seinem bisherigen Stillschweigen über diesen Gegenstand gar nicht zu vereinigen war, was er gesehen und wie die Zurückgebliebenen wohl ihren Tod in den Wellen gefunden hätten.
Alle beschlossen jetzt nach dem Wrack hinzuwandern. Maria folgte allein und langsam nach. Sie sah nur noch, wie an dem oben bezeichneten Steg Idalia vor dem Schwindel erregenden Uebergang zurückbebte und nach mehreren vergeblichen Versuchen, von Godbers Hand geführt, hinüberzugehen, zuletzt ihren Arm um seinen Nacken schlang, und so, von ihm getragen, das jenseitige Ufer erreichte. Nun flossen ihre Thränen ungehemmt. Sie dachte nicht mehr daran, den Andern zu folgen, sondern wankte, bei ihrer Wohnung angekommen, die Werfte hinauf und warf sich laut weinend auf ihren Sitz nieder.
Maria blieb mit ihrem Schmerz allein. Ihre Mutter hatte die Neugierde an den Strand geführt, wo schon fast alle Bewohner der Hallig versammelt waren.
Als Godber sich mit den Freunden dazu gesellte, wurden nach der ersten herzlichen Begrüßung des glücklich Wiedergekehrten Anstalten gemacht, ein Boot über den Schlick hinauszuziehen bis dahin, wo das Wasser tief genug ward, es mit seiner Bemannung zu tragen. Von dieser wurde das halb mit Wasser gefüllte Wrack bestiegen, und auf das Genaueste untersucht. Wie von lebenden Wesen fand man auch von Leichen keine Spur. Wahrscheinlich war beim Kentern des Schiffes der Kapitän mit seinen Leuten durch die Gewalt der Wogen vom Verdeck hinweggerissen, und es stand zu erwarten, daß in einer der nächsten Flutzeiten die Leichen ans Land getrieben werden würden. Einiges Wertvolle wurde sogleich mitgenommen, und Godber vergaß nicht, für Idalia eine Kiste mit Südfrüchten und einen Korb, worin ein paar Bouteillen süßen Weins verpackt waren, beizufügen. Die Bergung der übrigen Ladung, die größtenteils aus Fässern mit Wein und aus Citronenkisten bestand, wurde dadurch vorbereitet, daß mehrere Schiffsseile, um die Stümpfe der Masten und um andere Teile des Wracks geschlungen, mit dem andern Ende am Strande befestigt werden sollten.
Während die Zurückgekommenen Alles berichteten, wie sie Schiff und Ladung gefunden, und Mander, der Vater, dann mit den Leuten um den Berglohn sprach, worüber sie aber zu seiner Verwunderung jede eigentliche Unterhandlung verwarfen und Alles in seinen guten Willen stellten, wobei sie ihm ihre besten Dienste mit einer Herzlichkeit gelobten, die für die Aufrichtigkeit ihrer uneigennützigen Gesinnung sprach, hatte Idalia, mit Hülfe ihres nach einer, wie er sagte, menschlichen Erquickung begierigen Bruders, das Kästchen mit Apfelsinen und eine Flasche Wein geöffnet, aus welcher Oswald sogleich ein paar kräftige Züge that. Darauf schälte sie mit ihren weißen Fingern eine der süßen Früchte ab, teilte sie mit gewandter Kunsterfahrung in zwei Hälften und bot Godber mit dem freundlichsten Dank für seine Aufmerksamkeit die eine Hälfte. Lächelnd schlürfte auch sie dann aus der Flasche und reichte sie ihm mit der Bitte, den labenden Trunk nicht zu verschmähen, wenn er auch dadurch mit ihren Lippen mittelbar in Berührung käme. Des beglückten Jünglings Lippen waren wie festgebannt auf der Stelle, wo ihr Mund gesogen, und erst Idalias Frage: warum er nicht daran gedacht habe, lieber ihren Koffer mit ihren Kleidern mitzubringen? riß ihn aus seiner Begeisterung.
„Ach,“ sagte er, „ich möchte Sie nie in einer andern Kleidung sehen, als in dieser Kleidung meiner Heimat.“
Er errötete selbst vor dem Geständnis, das in diesen Worten lag; Auch Idalia’s Wangen färbten sich höher, und erst nach einer Pause erwiderte sie mit leiser Stimme, indem sie sich voll Anmut zu ihm neigte:
„Ich werde keine andere mehr tragen, so lange es Dir Freude macht. Aber Ihr seid auf diesem Eilande, wie ich glaube, Alle mit einander verwandt oder verschwägert, denn ich habe noch keine andere Anrede gehört, als das liebe Du. Nimmst Du mich nun als ein Mädchen Deiner Hallig an, warum denn mir allein das kalte Sie?“
Ueberraschung und Schauer des Entzückens verschlossen Godber den Mund. Eine Sekunde noch ruhte sein Auge fragend an ihrem Blick; doch der weiche Anhauch einer tiefern Empfindung lag zu deutlich in diesem freundlichen Lächeln, in dieser lieblichen Stimme. Er konnte nicht länger zweifeln an der Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen. Als jetzt die langen, seidnen Wimpern sich niedersenkten, um gleichsam das Auge zu strafen, weil es zu viel verkündet, als die enger angezogenen Lippen die Furcht, mehr zu sagen, und zugleich die Erwartung, wie das Gesagte aufgenommen würde, anzudeuten schienen, da riß es ihn allmächtig hin zu ihren Füßen. Sie aber scheute die Nebenstehenden, und schnell besonnen, obwohl überrascht durch die leidenschaftliche Bewegung des jungen Mannes, ergriff sie seine Hand, und mit einer leichten Wendung von ihm führte sie ihn in seine Schranken zurück. Wer aber konnte es dem Liebetrunkenen wehren, in ihren Händedruck, wie in den Blick, der diesen begleitete, ein antwortendes: „Dein!“ hineinzulegen? Sie rief nun ihren Vater herbei und forderte ihn auf, an der Labung Teil zu nehmen, mit welcher Alicante den Strand einer Hallig bedacht.
Wundern wir uns nicht, daß Idalia die volle Gewißheit ihres Sieges über das Herz des Jünglings, an dem sie schon auf dem Schiffe mit Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihre Reize auf ihn machten, bemerkt hatte, so schnell und mit einem kaum jungfräulichen Entgegenkommen herbeiführte. Es lag ganz in ihrem Charakter, an jenem Hangen und Bangen der ahnenden Liebe keinen Geschmack zu finden. Sie wollte, was sie wünschte, rasch entschieden sehen, ohne das ihr langweilige Schweben zwischen Fürchten und Hoffen, und dazu drängte sie noch die wahrscheinliche Kürze ihres Aufenthalts auf der Hallig, wodurch sie fürchten mußte, nach wenigen Tagen vielleicht auf immer von Godber getrennt zu werden, den sie, so weit ihr selbstisches Gemüt lieben konnte, wirklich liebte! Auch war durch frühzeitige Romanlektüre jenes zarte, scheue Wesen längst abgestreift, das, gleichwie der weiche, duftige Schmelz auf dem Farbengewande der Blume, diese Farben mildert und dadurch verschönt, so den Empfindungen der Jungfrau jenen keuschen Sinn leiht, der mehr ist, als erlernter Anstand, der eben zu ihrem eigentümlichsten Sein gehört und ihr den höchsten Reiz giebt, dessen Nachäffung zur widerlichsten Ziererei wird.
Dieses schöne Erbteil, dieser nie wieder zu gewinnende Dufthauch der jungfräulichen Weiblichkeit geht wenigstens immer Euren Töchtern verloren, sorglose Eltern, die Ihr ihnen ohne Ausnahme fast Alles zu lesen verstattet, was die belletristische Literatur darbietet. Mit Euren Anstandsregeln, mit Euren Klugheitsvorschriften, mit Euren Ehrbegriffen könnt Ihr nur übertünchen, nicht jene Weihe der sich ihrer selbst unbewußten Unschuld wieder neu schaffen, welche das ganze Wesen und Thun wie mit einem Odem aus reineren himmlischen Gefilden beseelt und in welcher die Jungfrau an das Wort des Herrn von den Lilien erinnert: „Ich sage Euch, daß auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen, als derselben eine.“ Mit dem Verlust dieser Mitgabe für’s Leben ist aber nicht allein jene Lieblichkeit verloren, die durch keine noch so blendende Schönheit, von keiner noch so glänzenden Bildung ersetzt werden kann; es ist auch damit zugleich jeder wüsten Leidenschaft ein freier Eingang geöffnet, wodurch so leicht ein Betragen hervorgerufen wird, das aller Eurer guten Lehren spottet und Euer graues Haar mit Schanden in die Grube bringt. Ihr pfleget Eure Blumen und bewahret sie sorgsam vor dem Nachthauch und dem scharfen Mittagsstrahl, und Eure Töchter setzet Ihr durch Romanlektüre in eine Welt hinaus, in welcher die schwüle Stickluft lüsterner Begierden und der helle Brand wilder Leidenschaften fast allein das bewegende Triebrad sind, und welche um so gefährlicher ist, weil sie durch ihre reizende Hülle gefällt und der Phantasie noch immer eine weitere Ausmalung übrig läßt. Die Religion, die allein noch wehren könnte, ist dabei zu einer Blumenkönigin umgewandelt, die, mit heitern Kränzen geschmückt, dem frivolen Spiel freundlich zusieht und nur Liebe, Güte, Milde, Duldung und Nachsicht atmet.
Das Auge der Jungfrau, wie auch des Weibes, sollte überhaupt weniger aufgetan sein für den großen Markt der Leidenschaften in der Welt; sie sollten mehr in harmloser Unbekanntschaft mit dem Irren und Wirren der Menschheit ein ungetrübtes Gefühl für alles Wahre, Gute und Schöne sich in einem stillen, frommen Gemüt bewahren, ohne erst, wie der Mann, sich in scharfem Unterscheiden und Zerlegen zu üben, und im besten Falle mit langsam verharrschenden Narben aus dem Kampfe zurückzukehren. Ihre ganze bescheidene Stellung in der Welt, ihre feinere Körperbildung und ihr ihnen angebornes, zarteres Gefühl, wodurch sie mehr der vor jeder leisen Berührung erbebenden Sinnpflanze, als dem in Stürmen aufwachsenden Baum mit harter Rinde zu gleichen bestimmt sind, weisen sie auf ein Stillleben hin. Dagegen führt, wenn nicht die Wirklichkeit, doch ihre jetzt gewöhnliche Lektüre sie in ein Gebiet, das ihnen besser verschlossen geblieben wäre, und sie werden in Lagen versetzt, die, wenn sie auch nur erträumt sind, dennoch eine glückliche Binde von ihren Augen nehmen, sie zur Unzufriedenheit mit ihrem Loose führen, und eine Frucht der Erkenntnis geben, wie die der Eva nach dem Sündenfalle, wodurch ein Paradies verloren ging.
Fern sei es, bei der Bildung des weiblichen Geschlechts nur an den Herd und die Wiege zu denken; aber gewiß ist jede Bildung desselben, die den Herd und die Wiege unleidlich macht, eine verkehrte. Fern sei jene Oberflächlichkeit, welche nur die Versuche zu schimmern nährt; aber doch möge ihr Geist mehr an den Resultaten der Wissenschaft reifen, als daß er in die Tiefen aller Gründe und Beweise sich verliere. Fern sei jenes Weben und Schweben in bloßen Gefühlen ohne Halt und Kraft; aber doch gehe das feinfühlende Herz dem überlegenden Verstande voran und merke das Falsche und Sündliche eher, als jener es durchschaut, habe den Willen schon dem Wahren, Guten und Schönen zugelenkt, während jener noch das Für und Wider abzuwägen nicht fertig ist. Und über dieser Bildung schwebe, sie mit ihrem milden Lichte durchdringend und verklärend, die Religion als die himmlische Jungfrau, um welche die Ahnung einen duftigen Rosenschleier webt, dessen geheimnisvoller Zauber nicht zur Enthüllung entflammt, sondern nur eine heilige Sehnsucht und Liebe nährt. Nur dem Manne mag, dem Weibe sollte nie die Religion als Theologie erscheinen, als jene strahlende Königin, die ihres Thrones Stufen von den Trümmern des Aberglaubens, Unglaubens und der Zweifelsucht erbaut.
V.
So güterreich,
Und doch so arm;
So künstlich heiß,
Und doch nicht warm;
So überfein,
Und doch so roh;
Genuß und Spiel,
Und nimmer froh;
Nur Glanz und Pracht,
Kein Morgenrot:
Fehlt da zum Schluß
Denn noch der Tod?
Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf der Hallig angestellt, doch schon aus Maria’s Erzählungen kannte, freundlich begrüßte.
Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht geräumig genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mußte. Als nun Godber mit dem Vorschlage hervortrat, seine väterliche Wohnung, die ja ganz unbesetzt sei, mit den notwendigsten Möbeln und Geräten für Alle einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum für die zu bergende Ladung darböte und die Anwesenden auf das Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen, entschied sich Idalia sogleich für die Annahme. Sie sprach unter fröhlichem Händeklatschen laut ihren Jubel darüber aus, dort als regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes häusliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander fand es aber passend, eine ältere und erfahrenere Martha um ihre Mithülfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia, nebst einer bejahrten und verständigen Frau von der Hallig, in Godbers Wohnung ein und die Andern verfügten sich nach ihren verschiedenen Häusern, um dort das Notwendigste für die ersten Bedürfnisse der fremden Familie auszuwählen.
Für diesen Tag war Idalia vollauf beschäftigt, um, so weit es die Umstände erlaubten und die empfangenen Sachen es zuließen, Alles auf das Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mußte hier ein Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerückt werden, und es gehörte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um ihrer Gefährtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden Veränderungen nicht den übernommenen Dienst zu verleiden. Godber lächelte innig vergnügt über diese Geschäftigkeit, und putzte nach Idalia’s einander drängenden Anordnungen an der Reinigung und Ausschmückung der Stuben mit, als gelte es, die Kajüte des Kapitäns für den Empfang vornehmer Gäste zu bereiten. Mander selbst freute sich über dieses früher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, daß der Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt würde, und verglich seine Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput vorwarf: „Sie werden ja immer confuser!“ rasch antwortete: „Nein, ich ordne nur meine Gedanken!“
Es möchte hier Zeit sein, einen nähern Blick auf des jungen Mander’s Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und ärmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens Einfluß hat, und die der Erhebung über die Welt des Genusses nicht fähig sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, daß unser Urteil über ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststände. Vielmehr, obwol beinahe zwei Jahre jünger als seine dreiundzwanzigjährige Schwester, war doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens, sondern wie sie Berechnung und Gefühl also verschmolz, daß auch der erfahrenste Menschenkenner oft schwer hätte unterscheiden können, wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst jene Unterscheidung nicht leicht möglich gewesen wäre, so vereinte sich bei ihm ein Herz, fähig der wärmsten Empfindung für alles wahrhaft Große und Schöne, mit der fast ausschließlichen Richtung seines Lebens auf das sinnliche Gefallen und körperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob er nichts Höheres kenne über des Leibes Wolsein und der Sinne Ergötzung hinaus; nein, er gehörte zu dem Schwarm junger Großstädter, die es Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Bälle und Liebschaften Raum haben. Er war noch zu jung, als daß jene Philosophie, die Ausgeburt eines gefallenen Geistes, der das Gemälde seiner Erniedrigung übertünchen und die Stimme des Gewissens übertäuben wollte, dadurch, daß er für seine Tierheit den Namen System mißbrauchte, in ihm so feste Wurzel gefaßt haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu überwuchern und zu ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jünger zu den Füßen dieser Seelenverkäuferin gewesen, um sich nicht selbst zu überreden, daß er ganz das sei, wofür er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das Ansehen behaupten zu können, ein Meister in der Kunst der Erbärmlichkeit zu sein. Natürlich mußten Stunden im Leben, wie die auf der stürmenden See, ihm seine Blöße zeigen; aber eben darum bemühte er sich nur desto mehr, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen und den Eindruck, den in solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf ihn und Andere gemacht haben könnte, durch eine schnelle Rückkehr in das alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach. Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus dem drohendsten Untergang mehr eine widernatürliche Anspannung seiner Kräfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere überreden mochte, ein Zeugnis seines leichten Sinnes.
Es gehört die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen und Herren, denen im Besitz und Genuß aller Güter des Lebens nur Eines fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt sich die Wahrheit des Wortes Christi: „wer nicht glaubet, ist schon gerichtet!“ Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der Fülle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwünschung wirkt schon die Zeichnung eines ihrer „himmlischen“ Tage auf das Gemüt. Diese stundenlange Toilette mit allen ihren jämmerlichen Künsten und dabei das Entzücken über eine wolgelungene Schleife, über die Zier eines neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel, dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche gegeben oder angenommen, Gespräche in nichtsmeinenden und nichtssagenden Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper, an dem letzten Ball mit einer Zähigkeit haftend, als ob man sich es bewußt wäre, daß darüber hinaus aller Gedankenvorrat erschöpft sei. Glücklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman, oder ein Körnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlösen und das Lob eines interessanten Gesprächs auf die Sprecher zurückspiegeln. Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und Cholera, Volksaufständen und Militärparaden in demselben Gemenge zu reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo die schmelzendsten Töne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, während dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den Staub einer schwindsüchtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte Fünkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das künstlich erregte Blut mit dem künstlichen Eise wieder zu dämpfen. Und dieses Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Glätte und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen, sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und roheste Uebertreter aller göttlichen und menschlichen Gesetze noch ein Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken soll, da muß auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfüllten Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre Leichengerüche zu als Nahrung für Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben entgegen, so wenden sie sich verächtlich ab, als hätten sie Moder und Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit.
So sind sie, wenn auch für den nur obenhin Schauenden mit lieblicher Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne Sehnsucht wieder hinauf zu der grünen, frischen Krone.
Hold mochte, als er später den jungen Mander näher kennen lernte und sich die eigenen in großstädtischen Kreisen gemachten Erfahrungen vergegenwärtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas auffallenden Titel: „Gesichte“ gegeben hat, und woraus wir vielleicht noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem auch folgendes Gesicht:
Ich sah ein kleines Mädchen mit allen Zügen des Hungers auf den bleichen eingefallenen Wangen und mit der Blöße der tiefsten Armut angetan, am Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwölf Jahre sein, aber ihr Körper war klein und schlaff, wie das kränkelnde Gewächs eines Treibhauses. — Und ein Weib, reinlich aber ärmlich gekleidet, am Busen einen lächelnden Säugling und an der Hand einen hüpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mädchens am Wege; sie ließ die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie ging vorüber und schritt über einen Steg auf das Feld zu einem arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schweiß von der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, während der Knabe für ihn die Flasche aus der nahen Quelle füllte. Da sah das Mädchen am Wege hinüber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hälften und trat hin und gab der Hungrigen die eine Hälfte. Sie dankte ihm mit der Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der Blick des Mannes noch einmal über die ganze Gestalt hin und er legte nun auch die andere Hälfte des Brotes in ihren Schooß. Das Mädchen vergaß ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er über den Graben zurückschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand über die Augen, als weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schürze sorgsam den Schweiß von seiner Stirne, und es schien mir auch, daß sie ihn küßte. Da setzte er sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lächelnden Säugling. Eine Karosse fuhr unterdessen vorüber auf dem Wege, und die darinnen wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hörte nur noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme Stück: die Waise.
Da dachte ich: „sie sind schon gerichtet!“
Weiter ging ich und sah nur noch, wie der Mann im Felde freundlich nickte, als ich dem armen Mädchen, schamrot über die geringe Gabe, zwei Silberstücke gab. Wie viel mehr hatte er gegeben! — Immer schöner entfaltete sich die Gegend vor meinem Blicke. Wie ein Garten Gottes lag sie da, gekleidet in Seiner Schöne, erfüllt mit dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, träufelnd von dem Segen Seiner Güte und duftend in dem Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schützender Gebirge, deren freie Gipfel aus der Tannenwaldung sich erhoben, hier das weiche Grün kräuterreicher Weiden, auf denen die gesättigte Kuh ihre breiten Glieder in den Klee streckte, während das mutige Roß im geflügelten Lauf seine Kräfte übte. Tiefer hinab der schlängelnde Strom, dem fremden Segler nach den Gefahren des Oceans eine willkommene Straße und dem Fischer am Ufer eine Quelle genügsamen Reichtums. Weiter ging ich, doch nur bis zu der breitästigen, dichtbelaubten Eiche am grünen Hügel. Da drang es, wie eine Stimme aus der Höhe überwältigend in mein Herz: „Sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist!“ Mein Fuß hatte in diesem Tempel Gottes den Altar gefunden, an welchem Keiner vorübergehen kann, ohne ein Opfer der Bewunderung und des Dankes gegen Den, dessen Werke so groß und so viel, der sie alle weislich geordnet und die Erde erfüllet mit Seinen Gütern! Und es dauerte lange, ehe ich, froh und verklärt, wie Einer, dessen Glaube zum Schauen geworden ist, dem Hause am Fuße des Hügels mich nahte. Mit seinen roten Ziegeln ragte es weit über die schattenlose Anpflanzung ausländischer Sträucher hervor, und in seiner Größe verdeckte es fast ganz das dahinterliegende Dorf. Die Inschrift: „Zum ländlichen Vergnügen,“ prangte in goldenen Buchstaben über der Thür. Auf dem Vorhofe hielten mehrere Karossen, und reichbordirte Livreebediente zechten und lärmten auf der nahen Kegelbahn. Die Gäste drinnen aber vergnügten sich mit lautem Geräusch am Billard, und als ich ein stilles Nebenzimmer suchte, trafen mich die finstern Blicke gestörter Kartenspieler. Vor ihrem unfreundlichen Murren flüchtete ich in eine andere Stube. Hier aber saßen viele Herren und Damen und blätterten in Journalen und Modezeitungen, bis die Abbildung eines Pariser Maskenanzuges alle Blicke auf sich zog, und allerlei sehnsüchtige Ausrufungen und witzige Bemerkungen hervorriefen. Doch störten diese die eine junge Dame nicht, die selbstgefällig eine Arie aus Fra Diavolo am Fortepiano mit heller Stimme sang. Wie sie aber aufstand, drängte sich Alles an sie heran, ihrem entzückenden Gesange und kunstreichen Spiele zu huldigen.
Da kam mir der Garten Gottes rings um dies „ländliche Vergnügen“ her in den Sinn, und ich dachte: „sie sind schon gerichtet!“
Plötzlich rief eine Stimme aus dem Fenster: „Singe Du uns auch einmal etwas vor!“ und als Alle nun sich dahin wandten, blickte auch ich mit auf die Straße. Da stand das Mädchen vom Wege. Sie hatte auf den Gesang gehorcht und wollte sich eben scheu wegschleichen, erschreckt über die Aufmerksamkeit, die sie erregte. Doch der eine Herr zeigte ihr eine Silbermünze und befahl ihr zu bleiben und zu singen; während der Reiter, den ich vom Wege her wieder unter den Gästen erkannte, mit finsteren Augenbrauen und drohender Stimme ihr zurief: „Pack’ Dich, Dirne!“ „Nein, sie soll singen!“ forderten die Uebrigen. Der Reiter aber warf einen Thaler vor sie hin auf die Straße und schrie noch einmal: „Weg mit Dir!“ Da riefen die Andern einen Diener, der ihr den Weg versperren mußte, und wollten sich den köstlichen Spaß nicht nehmen lassen, den Knittelvers irgend eines Gassenliedes von den Lippen der zagenden Unschuld zu hören. „Ich kann nicht singen,“ stammelte ängstlich die Kleine. „So sag’ uns ein Lied her, das Du weißt! Eher darfst Du keinen Finger nach dem Thaler ausstrecken.“ Das Mädchen blickte nach dem Gelde, das zu ihren Füßen lag, dann nach dem Reiter, der sich aber mürrisch vom Fenster weggezogen hatte, und begann endlich mit zitternder Stimme:
Wer nur den lieben Gott läßt walten
Und glaubensvoll — —
Aber bei dem schallenden Gelächter, das diese Worte hervorriefen, schreckte das arme Mädchen zusammen; in ihre Wangen schoß die volle Glut der Scham auf, und wie ein gejagtes Reh floh sie über die Straße hinweg. Den Thaler nahm der Diener zu sich und eilte der Schenkstube wieder zu. Die aber drinnen flehten nach diesem Intermezzo bei der Kunstbegabten um eine Arie aus: Robert der Teufel.
Da dachte ich: „sie sind schon gerichtet!“
Zu eng ward mir es in diesem Hause; und ich wandte meine Schritte auf die Straße durch’s Dorf entlang. In der Nähe einer der letzten Hütten gellten die scheltenden Worte: „Du Bastard, komm mir nicht wieder unter die Augen!“ und eine alte, erboste Bäurin stieß die Kleine vom Wege aus ihrer Thür. Die aber setzte sich auf einen Stein und weinte bitterlich. Ich trat hinzu und suchte sie zu trösten, und fragte dann, ob sie von ihren Eltern das Lied gelernt, das sie vorhin hatte aufsagen wollen. „Von meinen Eltern?“ und dabei blickte sie mich verwundert an; „die Mutter schilt nur immer mit mir. Dem blinden Nachbar habe ich es an der Thür abgehorcht, der singt es alle Abend.“ — „So versprich mir, jeden Tag einen Vers aus diesem Liede für dich herzusagen, bis Du groß bist.“ Sie gab dieses Versprechen gern und weinte nicht mehr. „Hier ist auch der Thaler,“ fuhr ich fort, „als Lohn für dein Aufsagen am Fenster.“ Die Kleine griff hastig nach dem Gelde. „Dank, Dank!“ rief sie, „nun kann ich der Mutter eine Decke kaufen.“ Da erfuhr ich, ihre Mutter sei schwer erkrankt und sie ausgesandt, die Großmutter im Dorfe um eine warme. Decke zu bitten. „Nun kann ich eine Decke kaufen!“ mit diesen Worten blickte sie halb trotzig nach der Hütte ihrer Großmutter auf, die sie eben ausgestoßen. Da sah sie die Alte am Fenster und eilte freudig allen Zwist vergessend auf sie zu, in der hochgeschwungenen Hand ihr den Thaler entgegen haltend. Und diese Freude, wem galt sie? Der Mutter, die immer nur schalt! — „Hör’, Kleine!“ rief ich ihr nach. Und ich fragte: „Hast Du nie Deinen Vater gekannt?“ Das Mädchen blickte schüchtern um sich her, als drohe ihr eine Gefahr; dann neigte sie sich näher zu mir hin und flüsterte leise: „Vater ist reich und vornehm, aber ich darf ihn nicht Vater nennen;“ und noch leiser und mit einer Hastigkeit, als fürchte sie sich vor ihren eigenen Worten, fügte sie hinzu: „Der war’s, der mir den Thaler zuwarf.“
Da dachte ich: „sie sind schon gerichtet!“
VI.
Der Geist mag sich im Werk verkünden,
Das schöpferisch er Dir enthüllt,
Die Macht kann sich ein Zeugnis gründen,
Das mit Bewundrung Dich erfüllt.
Willst Du nach einem Herzen fragen,
Dem Deine Thräne nicht zu klein:
Da muß das Herz an Deinem schlagen,
Muß mit Dir dulden, mit Dir tragen,
Da muß Dein Gott Dir Christus sein.
Am Nachmittag nach eingetretener Ebbe begannen die Versuche zur Bergung der Güter aus dem Schiffe, wobei Mander und Oswald mit beschäftigt waren, Godber aber nicht, indem Idalia rund heraus erklärte, daß sie seine Hülfe nicht entbehren könne, wenn die Herren eine ruhige Nacht wünschten.
Hold war zu Maria’s Wohnung gegangen, um ihr seinen Glückwunsch zu der Wiederkehr ihres Verlobten zu bringen. Wie ganz anders traf er es da, als er erwartet hatte. Maria in Thränen schwimmend, ihre Mutter ängstlich um sie her trippelnd, und bald schmeichelnd tröstend, bald eifrig darein redend von Unverstand und Wunderlichkeit.
„Gott Lob!“ rief diese, als sie Hold erblickte, „Gott Lob! Herr Pastor, daß Sie kommen! Ich weiß nichts mehr mit dem Mädchen anzufangen. Da kommt sie diesen Morgen, deckenhoch springend, vor mein Bett gejubelt: Godber ist da! daß ich alte Frau noch den Schreck in allen Gliedern fühle, und nun sitzt sie, seit ich vom Strande zurückgekommen bin, bis jetzt laut weinend und schluchzend auf diesem Flecke, weil sie sich einbildet, die fremde Stadtdame, die wunderlich genug aussieht in unserer Tracht, habe mit ihren langen Locken ihm den Kopf verrückt. Als ob so ein schiffbrüchiges Milchgesicht das hübscheste und fleißigste Mädchen in der ganzen Hallig so mir nichts dir nichts bei ihrem Verlobten ausstechen könnte.“
Und nun erzählte sie, immer dazwischen wieder sich zu der jammernden Maria wendend, Alles was sie von der Armen nach und nach, obwohl ohne rechten Zusammenhang, erforscht hatte, und das freilich in ihrem Munde und mit den mildernden Deutungen, die sie dem Benehmen Godber’s unterlegte, nicht geeignet war, den Pastor von der Untreue desselben zu überzeugen. Doch war er auch zu sehr davon überrascht und ergriffen, ein Herz trostbedürftig zu finden, dessen Jubel er zu einem freudigen Dankgebet hatte leiten wollen, als daß er nicht mit mehr Ernst, denn sonst wohl, in Maria’s Vorstellungen eingegangen wäre. Er glaubte zugleich zu ihrer Beruhigung besser wirken zu können, wenn er ihrem aufgeregten Gefühle keinen Widerspruch entgegensetzte, und sagte daher:
„Wir wollen einmal annehmen, liebe Maria, daß Deine Liebe zu Godber nicht mehr in seinem Betragen erblickte, als darin lag, daß die natürliche Teilnahme, die er für die durch ihn Gerettete haben muß, weiter geht, als Du wünschen kannst, wird er nicht, wenn der erste lebhafte Eindruck vorüber ist, zu der Treue zurückkehren, die er Dir gelobte? Wird er nicht bald sein Herz wiederfinden, das, wie Du aus seinen Briefen weißt, neun Jahre in der Ferne nur allein für Dich schlug, obwohl ihm gewiß schon manche reizendere Gestalt als diese Fremde entgegentrat?“
Maria schüttelte schweigend den Kopf.
„Wenn auch,“ fuhr Hold fort, „in diesem Augenblick die Zuneigung der jungen Stadtdame für Godber vielleicht über die Grenzen der Freundschaft und Dankbarkeit hinausgeht, ist damit schon eine ernsthafte Liebe gewiß? Willst Du von ihr verlangen, daß sie, aus der drohendsten Todesgefahr durch ihn gerettet, sogleich ihre Gefühle auf das Maß beschränke, das sie in der Zukunft bewahren müssen und werden? Diese lockende Sprache und dies verführerische Benehmen, wodurch sie Dir jetzt so viel Weh bereitet, werden sich früh genug zu einem freundlichen Dank, zu einer besonnenen Berücksichtigung der Verhältnisse zurecht finden, und Godber wird, vorausgesetzt, daß Du sein Betragen an diesem Morgen recht beurteilst, gar bald sich als das thörichte Gängelkind einer flüchtigen Aufregung erkennen.“
Maria antwortete noch immer nicht.
„Aber was reden wir weiter davon,“ schloß des Tröstenden Zuspruch; „ist denn Dein Glaube an Godber’s Liebe nicht fester, als daß ein Augenblick ihn erschüttern kann? Ist Euer Bund nicht geschlossen unter dem Aufschauen auf Den, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche? Und sollte der Gott, der ihn nach neun Jahren aus jeglicher Gefahr zu Dir heimgeführt, nun nicht auch ferner wachen, fördern und helfen zu einem glücklichen Ende? Gieb Deine Zukunft hin in des Herrn Hand; Er wird’s wohl machen nach Seinem weisen und gütigen Rat und Willen! Befiehl Ihm Deine Wege. Er ließ noch Keinen ohne Trost und Hoffen, der ihm vertraute.“
„Amen!“ sagte die Mutter, die ihre Hände andächtig gefaltet hatte; aber Maria konnte nicht Amen sagen, und schluchzte nur noch lauter, bis sie in die Worte ausbrach: „Er hat mein Gebet verworfen und mein Vertrauen nicht angesehen!“
„Kind, frevle nicht!“ rief die Mutter ängstlich, und: „Gott behalt’ ihr die Sünde nicht!“ flehte sie mit emporgehobenen Händen, indem die Thränen ihr von den gefurchten Wangen perlten.
Hold sah zu seinem Erstaunen, zu welcher Leidenschaftlichkeit plötzlich Maria’s Liebe gestiegen sei, die während der langen Trennung und bei Godber’s gefahrvollem Leben auf der See so ruhig geblieben war. — Fließt denn nicht auch der kleine Bach der Flur, wie unter des Himmels Stürmen, so im Sonnenschein, gleich ruhig dahin? Von einem rauhen Stein, in seine Bahn geworfen, aber schäumt er heftig auf. — Es konnte hier nicht mehr die Rede davon sein, ob ihre Ansicht falsch oder wahr sei; sondern eine rasche und starke Hülfe that ihrer Seele not. Er faßte daher Maria’s herabgesunkene Rechte und sprach in einem ernsten und ruhigen, aber eindringlichen Tone:
„Wehe den Herzen, die an Gott verzagen, und den Händen, die nicht festhalten! Wir aber schauen auf Jesum Christ, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Er kam, den Frieden zu bringen auf Erden. Er hatte nicht, wo er Sein Haupt hinlegte. Er wurde von Seinen Feinden geschmäht, von Seinen Freunden verraten. Er weinte blutige Thränen auf Gethsemane, trug die wundenvolle Dornenkrone und war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Er hat’s vollbracht! Zu Ihm kommen die Mühseligen und Beladenen und empfangen den Frieden, Seinen Frieden. Was wollen wir weinen und klagen in unserm Leid beim Gedächtnis Seiner Leiden für uns? Was wollen wir weinen und klagen um unser kurzes, vergängliches, irdisches Teil? Haben wir denn nicht mehr empfangen, als die Welt uns nehmen kann? Haben wir nicht Teil an Seinen Segnungen und in diesen den Reichtum der Gottseligkeit, die zu allen Dingen nütze ist und die Verheißung hat dieses und des zukünftigen Lebens? Ich aber hebe meine Augen hinweg von der Welt auf zu der Höhe und frage: was ist der Mensch, o Gott, daß er mehr erbitte, als Deinen Willen, mehr begehre, als Deine Liebe, die sichtbarlich geworden ist auf Erden, und, selbst mit dem bittersten Leid getränkt, freundlich naht dem Herzen voll Gram und spricht: „Sieh mich an und weine nicht! Der Himmel ist Dir offen!“ Die aber der Welt Unruhe und Kümmernis scheidet von Christo und Seiner Liebe, die kreuzigen Ihn auf’s Neue und verderben sich selber. Darum gieb Ihm Dein Herz und bewahre Ihm Deine Treue; und die Stunde in die Du gekommen bist, wird Dich nicht überwinden, sondern durch den Schmerz der irdischen Liebe Deine Liebe zu dem Heiland nur geläutert, erhoben und verkläret werden. Die mit Thränen säen, werden in Freuden ernten!“
Und nun Maria’s Hand in seiner gefalteten erhebend, während sie lautlos in die Knie sank, rief er:
„Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heißt im Himmel und auf Erden, hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen.“
Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre Thränen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und das Auge, in welchem noch die letzte Zähre schwamm, nach Oben richtend, die Hände über die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone:
„Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe!“ Nun gab sie voll Zuversicht ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn Hand zu stellen und nur für sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen in den Tagen ihres Alters.
Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter für seine Tröstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung zurückhaltend, bat noch den Pastor unter der Thür, doch bei Gelegenheit ein ernstes Wörtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich vorgenommen.
Auf dem Heimwege dachte Hold darüber nach, warum die Hinweisung auf Christum augenscheinlich so mächtig auf die Bekümmerte gewirkt. Er glaubte diesen beruhigenden Einfluß nicht allein daraus ableiten zu müssen, daß das Gedächtnis des Herrn in ein höheres Reich einführe, in welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Träume erscheinen, sondern auch darin finden zu dürfen, daß der Friedefürst und Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone erscheint.
Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als eine Entwürdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein kindlich gehorsames Herz sich bewahrte für das Wort des ewigen Vaters. Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedürfnis der schwachen Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der niedern Luftschicht seinen Flügeln allein die Schwungkraft geben kann, mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht von dem: „Wer mich siehet, der siehet den Vater“ ausgehet, wird der Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist sich aufringt, für den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern zu dessen eigentümlichem Wesen und Sein es gehört, so daß er, wenn auch diese Erdenhülle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklärten Leib gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefühl der Andacht den Menschen hinauftragen zu den himmlischen Höhen, und, den blöden Sinn überwältigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wäre, so verliert er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine feste Ruhestätte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und Gefühle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er für die schmerzlichen Gefühle, die ihn bewegen, keinen Anknüpfungspunkt findet und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In Christo sind diese Enden verknüpft. In Ihm sieht der Leidende den friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben Blick den Sieg, der die Welt überwindet, den Frieden, der vom Himmel stammt und zum Himmel führt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum Vater geebnet. Sie ist kein plötzlicher Aufschwung mehr über den Abgrund seines Kummers hinweg, sondern ein allmäliger Uebergang aus den Dornen in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Höhe. Er trägt, indem er mit dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit hinauf und fühlt darum die heilende Hand näher und gewisser. Auch in diesem Sinne ist es wahr: „Niemand kommt zum Vater, denn durch den Sohn!“
Heiland, Deine bangen Schmerzen
Auf der dornenvollen Bahn
Lassen jedem wunden Herzen,
Ein vertrauter Freund, Dich nahn!
Heiland, Deine Siegesfreuden
In der Schmach und in der Pein,
Leuchten auf den Quell der Leiden
Mit des Himmels Wiederschein.
Tau aus ew’gem Lichtgebiete,
Zähren, wie die Erde weint:
Perlen, ihr an einer Blüte,
Trank in einem Kelch vereint;
Abgrund, den die Nacht geboren,
Kreuz, voll Marter und voll Hohn:
Zur Verherrlichung erkoren,
Lebenswiege, Friedensthron!
Ja, die Scheidung ist gefallen,
Und verklärt der Erde Leid.
Aufwärts darf der Seufzer wallen,
Gilt er auch dem Traum der Zeit.
Fand mein Schicksal andre Gleise?
Welche Wandlung ist gescheh’n?
Sieh’, der Freund entführte leise
Hin mich, wo die Palmen weh’n.
VII.
Wie sich Licht und Schatten wende
Wechselnd in der Völker Loos,
Knechtschaft zieht die Freiheit groß,
Unrecht schlägt die eignen Hände.
Als Hold in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Mander und Oswald dort vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken für die bewiesene Fürsorge, teils um zu sehen, ob für ihren Aufenthalt auf der Hallig die Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie ihnen nicht ganz fehlen würde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe, und das Aeußere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des Gärtners auf ihrem ländlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war, diente nicht dazu, ihre Erwartungen höher zu spannen. Einfachheit und Beschränktheit schienen hier die genügsamen Schaffnerinnen gewesen zu sein. Reinlichkeit mußte den Glanz, Nettigkeit die Schönheit, gefällige Anordnung die Fülle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen Stoff so lange als möglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blühten Mutter und Tochter in der Fülle der Gesundheit: und der Eindruck, den das herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht allein durch die angenehmen Züge ihres Gesichtes und ihre gefällige Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frühereren Umgang in höheren Kreisen verratendes Wesen erhöht. Oswald ward dadurch ganz irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte Verdeckung der gewiß erwarteten Verstöße und durch freundliche Herablassung zu den beschränkten Vorstellungen und trivialen Lieblingsgesprächen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er voraussetzte, sehr eng sei, hier großes Lob zu ernten, nun aber bald merkte, daß es für ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den rechten Umgangston für eine unter solchen eigentümlichen Umständen gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schätzen wußte, fand sich davon nicht wenig überrascht bei der ebenfalls von ihm vorgefaßten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder überlästige Höflichkeit zu stoßen. Nach den ersten Begrüßungen suchte er daher mit geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob sie sich in dieser ihrer Lage wohl glücklich fühlen könne?
„Das ist eine Gewissensfrage,“ erwiderte sie lächelnd. „Wir Frauen hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt, wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.“
„So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem Gatten?“
„Ich habe,“ sprach sie, „nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden. Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung, wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an, ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten. Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren Entbehrungen.“
„Aber unbegreiflich ist es mir,“ sagte Oswald, „wie der Pastor sich hier wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?“
„Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.“
„So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt entbehren muß?“ bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.
„Sie meinen,“ lächelte die Pastorin, „weil Ihnen da die Titel arabischer und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.“
„Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,“ sagte Mander, „bei dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt ist.“
„Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,“ entgegnete die Pastorin mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als vor fremde Ohren gehörte, „etwas für die Befriedigung des wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.“
„Wie!“ riefen Mander und Oswald erstaunt, „der Geistliche ist verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?“
„Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintönige Buchstabieren anhöre und dabei einen Blick auf diese Bücher werfe. Aber Hold weiß sich ganz darein zu fügen und geht eben so munter in die Schulstube hinein, wie er aus derselben zurückkehrt. Auf allen Halligen ist übrigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.“
„Aber ich würde mir einen Gehülfen halten,“ sagte Oswald etwas unbedachtsam.
„Dieselbe Ursache,“ erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte und leise errötete, „welche jene Verbindung nötig macht, erspart uns auch den Gedanken an einen Gehülfen für die Schule.“
Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser Unterhaltung befreit, die für sie etwas peinlich geworden war, da Frauen überhaupt noch weniger als Männer dazu geeignet sind, die beschränkte Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als möglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.
Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wußte ihren Dank für Das, was auch er für ihre gastliche Aufnahme auf der Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr danken müßte, daß sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der Welt draußen zu erzählen.
Während nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen Fällen für seine Gäste hat, und was er den größten Teil der Woche hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur genießt, hatten die Männer im raschen Laufe des Gesprächs schon fast die ganze Erde umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf den luftigen Höhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben und den entscheidenden Einfluß einer richtigen Beantwortung auf das Wol und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen Geistes in der seither versuchten Lösung dieser Lebensfragen bewundern, dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lösung gefruchtet.
Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in früheren Zeiten oft die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten Stände und Stämme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt und zugleich für den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch über den Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch immer wieder zu derselben zurück.
Hold sagte, als er dies bemerkte:
„Es ist immer eine ärmliche Zeit, die keinen über die nächste Wand hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brütet einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben, eine jämmerliche Nützlichkeitsprosa aus. Ueber dem täglichen Verkehr, über dem Dichten und Trachten für die Duodezwelt, die für Jeden eine andere ist, muß ein Reich aufgethan sein, das Alle zuläßt, ohne nach Paß und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe groß zieht. Aus diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkürlich hineingeraten, nicht ganz als bloßen Zeitvertreib verwerfen; obwol die Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten gegen einander geübt wird, mir die verächtlichste Mißgeburt ist, die ich kenne.“
„Wie!“ rief Mander voll Erstaunen, „müssen Sie nicht den Staatsmann achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Völker und Länder abwägt; der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu kombinieren weiß und mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen; der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten Stürmen steuert und auf tausend Umwegen glücklich an’s Ziel führt?“
„Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,“ entgegnete Hold; „aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann, oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker sättiget.“
„Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die Leitung des Geschicks der Völker übertragen?“
„Ja wol will ich das,“ erwiderte Hold mit großem Eifer. „Gerechtigkeit und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem Meisterstück der Diplomatie.“
„Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.“
„Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin, der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa’s schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?“
„Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,“ erinnerte Oswald. „Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.“
„Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne, und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher, als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?“
„Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen Napoleon erinnern,“ rief Oswald, „in welchem auch mein Vater mitgestritten hat.“
„Gerade jener Kampf spricht für mich,“ entgegnete Hold. „Es war für die unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer, geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen, das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur. Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein? Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?“
„Sie mögen darin Recht haben,“ erwiderte Mander; „jedoch werden Sie auch zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende Politik entgangen ist.“
„Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist, daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt. Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste Treue vor Augen gehabt hätten.“
„Das möchte ich doch Keinem raten,“ meinte Oswald, „so lange nicht die Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es nie kommen.“
„Und warum sollte es nie dahin kommen?“ antwortete Hold. „Was wahr und recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen. Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich zu machen für die gute Saat. Aus all’ dem Irren und Wirren hienieden wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten übervorteilen, wie Du kannst!“
„Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,“ sagte Mander lächelnd, „nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern! Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren, welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der Schwächern unter ihnen!“
„Und davon,“ entgegnete Hold, „wollten Sie eine Anwendung auf die Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit, die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?“
„Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?“
„Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half zum Aufbau der bessern Zeit.“
„Und doch,“ bemerkte Oswald, „haben die scheinbar verderblichsten Kriege auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.“
„Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.“
Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach ihn hier lächelnd, indem sie sagte: „Die Dünste meines Thees würden auch längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer Natur wären.“
Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gespräch fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene Urteil gegeben, das nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht, und keinen Blick weit über den Anknüpfungspunkt hinüberwagt; doch hörte er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wünsche übrig lassenden, beschränkten Lage nur von Idealen für die Menschheit träumte, und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als nötig war, um Hold im Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche längst entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.
„Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Männer der Wissenschaft die höchste Bedeutung haben müssen.“
„Es giebt nur eine Wissenschaft,“ erwiderte Hold, „von der das wahre Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere fördert in dem Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gott, in der heiligen Lust an Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich trägt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, daß sie eine Gestalt gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.“
„Auf diese Weise,“ bemerkte Mander, „hätten alle Wissenschaften nur eine Aufgabe; während sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz verschiedene Richtungen einschlagen.“
„Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen,“ war Hold’s Antwort. „Die eine Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern Bestrebungen der Wißbegierde sind nur die Träger der Strahlen dieser Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden sie sich in Wüsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber sie werden doch auch ihr Wissen vollständiger entwickeln, klarer durchbilden und fester begründen und dadurch reifen in der Erkenntnis ihres wahren Berufes und in der Zurückführung alles Wissens auf die eine Wissenschaft. Je vollständiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind, desto sicherer werden sie auch zurückgemessen und dienen dann nur als Wegweiser auf den rechten Weg.“
„Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.“
„Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den Brennpunkt der einen göttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein Theologe sein, indem er all’ sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine Hoffnung durchleuchten und durchläutern läßt von der wahren Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott führt. Nur daß der eigentliche Theologe nicht allein, was sein Leben bewegt, sondern die Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten und aller Völker in das Licht und Gericht der göttlichen Weisheit stellt und dadurch an Schärfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der Blinden, zum Lehrer der Ungeübten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum Tröster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgültigen und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche für sich selber das Heil verschmähen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der andern Klasse gehören, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft für sich selbst je fehlen lassen, keine Gelegenheit versäumen, zu reifen in aller Erkenntnis, Tugend und Gottseligkeit.“
„Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden,“ fragte Mander, „auf die wir Alles zurückführen und an der wir Alles prüfen sollen?“
„Sie ist nicht da und kann nicht da sein,“ entgegnete Hold, „wo Irrtum und Täuschung wenigstens möglich sind, in keinem System der Philosophie. Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschöpft werden.“
„Ich möchte mit der Frage des Pilatus,“ sagte Mander, nicht ohne eine schmerzliche Bewegung zu verraten, „Ihnen antworten: was ist Wahrheit?“
„Das Wort Gottes!“ sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises Kopfschütteln des alten Mander und ein fast spottendes Lächeln seines Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhörer befriedigt habe.
Oswald erinnerte jetzt, daß es schon spät geworden sei, und die Gäste schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu wiederholen.
VIII.
Du klagst, daß Deinen Blick umfloren
Die Schatten um der Wahrheit Thron?
Dein eigen Herz hat sie geboren;
Sie sind der Sünde Frucht und Lohn.
Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glücklich gewesen zu sein, als sie jetzt sich fühlte. Diese häusliche Geschäftigkeit, der sie sich mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto größeren, ja zauberischen Reiz für sie, der noch durch das Eigentümliche ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhöht wurde. Die Liebe löste in ihrer Brust, die früher nur Raum hatte für das flatterhafte Wesen eines eitlen Mädchens, alle Ahnungen der wahren Weiblichkeit und den Sinn für die Würde einer Hausfrau. Zugleich wußte sie ja, daß sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedürfnisse und Annehmlichkeiten, die sonst der Hallig fremd waren, für ihren Zustand zu gewinnen; sondern gefiel sich in der Einfachheit und Genügsamkeit ihrer jetzigen Heimat, und machte tausend, fast immer unausführbare Vorschläge, um das Ganze noch mehr in die Form einer Gesner’schen Idylle zu kleiden. Den Rand des sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkränzte sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mühsam hatte am Strande zusammensuchen müssen, weil dieser in jener Gegend auch damit geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mußte jedoch für die verwöhnten Zungen vom festen Lande herübergebracht werden. Den Schatten und die trauliche Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber’s Hülfe ein Zelt von Segeltüchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur zuließ, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie führte auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem Eilande vor allen Herrlichkeiten der großen Stadt rühmte, und so oft sie eine der Eigentümlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit den glänzendsten Lobeserhebungen anpries, fühlte sich Godber enger und enger zu ihr hingezogen und gab sich den schönsten Träumen einer goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit seinem innersten Wesen verwoben, daß er Alles, was Idalia in dieser Hinsicht sagte, nur für natürliche Anerkennung der Wahrheit, für ein Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der Liebe für das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle seine andern Gedanken und Empfindungen weit überwog. Die Erinnerung an Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurück, und kamen auch einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so übte sich Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, daß er Recht behielt. Was konnte er dafür, daß er jetzt erst den Stern gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war? Daß er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit einem Wesen, in welchem sein Denken und Fühlen sich wie in einem verklärenden Spiegel abmalte, so daß er selbst dadurch zu einer nie geahnten Höhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der niedern Sphäre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein müßten, wenn nicht Idalia’s Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust gerührt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.
So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der Verhältnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht. Darum ist es dem Menschen so not, daß er sich halte an dem festen prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt, weder blindlings folgen den von Außen gegebenen Eindrücken, noch es versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bösen Geister auf, als fände der Aberglaube seine Erklärung und Bestätigung, der die Kreuzwege zum Tummelplatz nächtiger Dämonen macht. Sinnlichkeit, Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu führen suchen, und selbst mit dem besten Willen wird seine Prüfung nie eine gerechte Würdigung Dessen sein, was sich für die eine oder andere Seite sagen läßt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch das Erwachen jener bösen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort darauf nicht suchen in sich selbst, als wäre seine Brust eine Wohnung des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wäre, es der Frage nicht bedurft hätte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes, wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des göttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und deuteln läßt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verändern und in Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und Nein, ohne ein Wörtchen darüber, muß allein entscheiden. Ohne einen solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, daß jeder Mensch seine eigene Moral hat, und daß diese Moral noch dazu ein wahrer Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie heute grün sehen, morgen früh für grau halten und umgekehrt. Berufst Du dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger Verlaß darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die darin noch den Vorzug hat, daß sie doch wenigstens die Richtung anzeigt, woher der Wind bläst. Also das klare, lautere, gegebene, nicht erst nach den Umständen und Verhältnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz Gottes sei Dir für Dein Wollen und Thun ein unerschütterlicher Sinai. Vor Seiner Stimme durch die Wolken müssen alle andern Stimmen schweigen; und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich her, sie sind Lüge mehr oder minder, in dem Maße, in welchem sie sich von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lächelt Dir entgegen, wenn Du es nur einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir gefälligere Wahrheit. Schwere Wolken dagegen hängen herab über Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nächsten zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf daß Du das Leben gewinnest! Du sollst Deine unsterbliche Seele beraten, daß sie bestehe vor dem Richter der Lebendigen und der Toten. Für die Folgen da laß Ihn sorgen; sie stehen ja in Seiner, in des gnädigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug; wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar müssen ja auch alle Dinge, sei’s Reichtum oder Armut, Glück oder Unglück, Leben oder Tod, zum Besten dienen dem, der da sagen kann: „Hier bin ich, Herr! Dein Wort war meines Fußes Leuchte!“
Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten „guten Menschen?“ Woher denn bei ihnen diese vielen „unschuldigen Schwächen,“ diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wüste einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den Augen rückt, während sie auf blumigen Pfaden über Thal und Hügel dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich entfernen, daß die Mitgäste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur Asche werden muß, nicht einmal geeignet, die dürre Stätte zu bedecken.
Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklärung unserer Zeit, sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche Wachsfläche verstehen, worin die äußeren Eindrücke allerlei Figuren malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten übereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Götterspruch nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen nur durch glückliche Umstände, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu tobenden Ausbrüchen der Leidenschaften kommen läßt, davor bewahrt bleiben, Diebe und Mörder zu heißen. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust, Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist kein Gesetz da, das schärfer als ein zweischneidig Schwert teilet zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Sünde. Wie im lauen Wasser Wärme und Kälte gemengt sind, so ist auch in unserem selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und bald links führt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein völliges Abirren auf den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die Völker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne das Wort niederleuchtet: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!“ dann freilich wird das weiche Wachs unseres Gesetzes vor den Flammenstrahlen seines Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser gefügiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens hinstreifte, auf daß wir keine Entschuldigung hätten, als wäre uns verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. — Die Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewöhnlich genommen wird, muß aufhören, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebräu von Lebensklugheit, Sorge für den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem Teil natürlicher Gutmütigkeit, die eben so gut Charakterschwäche heißen mag, und einem Teil Erkenntnis des göttlichen Willen, die aber nicht recht weiß, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal aufrüttelt, unstät im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geöffnet ist für das gegebene Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur, wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst nicht! es erlaubt sich kein Urteil über die Umstände und Verhältnisse; sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes über den Fall, der vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die Anläufe böser Neigungen und Begierden, daß es sein Licht und seine Kraft nimmt aus einer Höhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fällt es der Knechtschaft anheim; ist nur ein vielleicht hochmütiger, aber doch williger Diener alles ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, und trägt die Livree seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: „Gieb mir, wo ich stehe!“ dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt überwinde. Es hat sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein leiblich Auge das Licht von Außen her, um zu sehen. Ist denn etwa der inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und Seelenthätigkeiten so getrennt und gespalten, daß jede ihr eigenes Gebiet habe, welches sich frei hält von aller Berührung und Einwirkung der andern? Daß jede schaffet und waltet für sich, ohne von der Bewegung der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also daß, während das Herz sich krümmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, während die Sinnlichkeit der bösen Lust zustrebt, während die Klugheit eigennützig rät, den breiten Weg zu wählen, daß nun das Gewissen, ohne einen Führer außerhalb dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einfluß dieser Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verführerischen Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald übertäubt werden, wenn ihm keine Hülfe von Außen her wird? Wenn lange Gewohnheit leichtsinnig und gleichgültig machte gegen den Weg, den wir wandeln, wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fuß einmal so bequem und natürlich geworden sind, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, andere zu wählen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schläfst? Wird es stille stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von Dir wäre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja, daß Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst überwinden sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht, Antwort von der Frage. — Es muß Etwas außer uns sein, wohin wir schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist über die Nebeldünste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht selbst den Weg malen, den wir für den richtigen halten, sondern auf dem er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fußes Leuchte ist, und ein Licht auf dunklen Wegen. Es muß ein heiliger Wille uns verkündet sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionären Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein Totschläger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz Gottes: Du sollst nicht töten! vergaß, und die eigenen Ansichten und Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht gegen sein Gewissen lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelüstens, das Treiben in zeitlichen Geschäften, der behagliche Genuß des weltlichen Friedens Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel öffnet, keine ernste Frage nach den göttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des göttlichen Gesetzes zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer höheren Welt anschlägt, ist nur ein Nachklang des früher erkannten göttlichen Gesetzes, oder ein Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger, als ein Abglanz der Herrlichkeit des göttlichen Gesetzes. Ein Spiegel ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachäffung dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet sich nach der Munterkeit oder Müdigkeit seiner Glieder, nach der Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch’s Leben ohne Gesetz von Außen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Säumen und kein Wanken, da gilt kein Fürchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen und kein Deuteln zuläßt, das keine Vorwände und Entschuldigungen annimmt, das keine Verführungen und Versuchungen anerkennt, das Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der Kraft, das ganz über unser Klügeln und Mäkeln hinausgehoben ist, werden wir nie die Sünde überwinden, nie wandeln in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas Anderes sein, als ein Merken und Erwägen dieses Wortes; und redeten auch tausend Stimmen dagegen und spräche auch die ganze Welt ihr Anathema aus gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thränen Deines Herzens gegen seine Erfüllung, und gelte es auch den letzten Brosamen unseres irdischen Glückes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen Daseins: laß fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn! und darin beharre bis an’s Ende! Das Reich Gottes muß Dir doch bleiben. Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen. Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit einem Fuße noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten hinzudrängen. Wenn er eben glaubte, daß es mit ihm ruhig auf dem Wege fortwandle, welchen er fortan als den für ihn notwendigen, durch die Fügungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich zu gewöhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: „Laß Dich nicht einen jeglichen Wind führen, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie die unbeständigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemüt und bleibe bei einerlei Rede!“ Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrügen; und so förderte sich auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine wächserne zu machen, und das störrige Roß seines Gewissens in ein folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Höhe wollte ihm zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zügel, an dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Führung gewohnt war, zu leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und — vor das Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem feurigen Schwert.
IX.
Die Stunde kommt, von Gott gesendet,
Das sinnentrunkne Herz wird wach,
Und jedes dunkle Blatt, es wendet
Zurück sich an den hellen Tag.
Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglückten wurden gefunden. Godber hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines großen Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu sehen, ob derselbe sich nicht für ihre Absicht gebrauchen ließe, seiner Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines Schiffsherrn, und später fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Höhlungen des frühern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhestätte gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren.
„Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Särgen,“ sagte Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die nötigen Anordnungen wegen der Beerdigung zu treffen, „nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut, und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen!“
Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, nötigt den Hausvater, auch daran zu denken, daß ein Sarg vorrätig sei. Unter seinem übrigen Gerät darf auch dies memento mori nicht fehlen, so schwer und so ungern man sich auch sonst anderswo daran gewöhnen möchte, tagtäglich mit seinem Blick die enge Bretterkammer zu messen, die für einen unserer Lieben oder für uns selbst bestimmt ist. An Särgen zur notwendig schnellen Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt.
Der fast unerhörte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die außerordentlichen Umstände, welche dies Ereignis herbeigeführt, die besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die ganze Feier des Tages daran zu knüpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die drei Särge vor die Kirchthüre gesetzt, da der innere Raum zu beschränkt war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des Evangeliums für jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11—19, nahm die Frage: „Wo sind aber die Neun?“ als Thema aus dem Schrifttext heraus, und die bloße Ankündigung dieses Themas mußte, so wenig auch nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschütternd wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglückten neben einander, führte die Gedanken zurück auf ihre frühere Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drängte die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wären? „Wo sind aber die Neun?“ für die Fremden war dies Wort genug zu einer unvergeßlichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen der anwesenden Fremden führen wollen, denn in der Beantwortung redete er weit weniger, als Viele seiner Zuhörer erwarten mochten, in Beziehung auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine Anwendungen und vergaß über die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und für sich reden zu hören. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen zurückgeführt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestört durch falsche Zeichnung der Umstände ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wünschen oder Gelübden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. — Nach der Predigt wurden die Särge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gängen getragen, da der Mangel an Trägern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die große Flagge des Schiffs, dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte über die Särge hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die Gruft, entglitt sie seinen zitternden Händen und von dem Fall ihrer Stange dröhnten die Särge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurück.
Doch müssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurückgehen, um Godber’s innere Kämpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung der ertrunkenen Gefährten war über sein Gemüt eine düstere Wolke gezogen, die er mit der größten Anstrengung zu verscheuchen, oder wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Züge im Antlitz seines Kapitäns, als er neben der Leiche desselben am Ufer unter den zerrissenen Grüften stand, schienen ihn zu fragen: „warum hat mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen?“ und als er den Blick verstört zurückwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hören: „warum hast Du Deine Braut verlassen, Godber?“ Da ward es ihm finster vor den Augen, da krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie Hohngelächter in die Ohren: „Du doppelt Meineidiger!“ Er eilte wie vom Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Stätte und stand, ehe er noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wäre diese ihm mit Thränen in den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er würde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut und Bitterkeit gleich erfülltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit ihrem gewöhnlichen holden Lächeln auf ihn zu, mit dem Lächeln, das so oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurückstoßend auf ihn; es widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht ein, daß sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine Trauer über das Geschick der Umgekommenen zeigen könne. Er mußte, anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurückweichen. Er mußte, während er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: „ist dies herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert?“
Idalia trat stolz zurück. Sie war zu sehr an eine allvergessende Huldigung gewöhnt, als daß sie sich hätte entschließen können, ihn teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe für ihn eben so dringend, als Neugierde, sie antreiben, den völlig Verstörten, der sich, mit beiden Händen die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte, um Aufschluß über sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere Ecke, stützte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thräne, mit dem Schnupftuch trocknend, nur dann und wann einen flüchtigen und verstohlenen Blick auf Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen, als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, daß sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, daß es noch Etwas gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen könne gegen die Macht ihrer Reize; daß daher ihr Sieg noch gar nicht so vollständig sei, wie sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer Liebe, die nicht weniger abgöttische Verehrung, als ausschließliche Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den Entschluß, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte freilich nicht so klar über ihre Empfindungen und rechnete auch der Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse.
Godber aber schien völlig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brütete bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kündeten einzelne Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern. Idalia wußte sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche überhört. Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und tröstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander’s emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber’s über das Geschick der schon längst verloren gegebenen Gefährten unbegreiflich, fühlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering dünkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten konnte, so hatte sie das doch wenigstens gewonnen, daß nicht mehr die Eifersucht sich in ihre Betrachtungen über sein Benehmen mischte. Sie mußte mit einem Blick in den Spiegel über sich selbst lächeln, daß sie nur einen Augenblick hatte daran denken können, daß ein Halligmädchen ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft werden; zu ihren Füßen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der Versöhnung reichen; die rechte Versöhnung sollte noch mehrere Tage weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen möge, zu vergessen, wie sein Glück allein von ihrer Liebe abhänge, und wie dieses Glück mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden müsse.
Und das nennen sie Liebe!
Für heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rückkehr machen zu wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu treffen. Hold nannte die Hausväter, die wohl passende Särge haben würden, und Godber ging zu diesen. Als er später wieder zum Pastorat zurückkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun Gelegenheit, ein Wort über Godber’s Verhältnisse zu Maria und Idalia zu reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein Schrei der Verzweiflung klang: „Ich weiß Alles, was Sie sagen wollen!“ ihn unterbrach und aus dem Hause stürzte.
Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rückkehr. Sie weinte jetzt wirklich bittere Thränen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekränkten Liebe darin sah, auch ihre Gefühle zu der Höhe der wahrhaften Liebe steigerten.
Am andern Morgen fehlte Godber beim Frühstück, und es wußte Niemand im Hause, ob er überhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn zuerst wieder, wie er bleich und verstört mit der Trauerfahne an der Werfte vor den Särgen her vorüberschwankte.
Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrücklich jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitän und ihren Gefährten davon zurückweisen ließen. Er wollte allein sein, allein mit den glücklichen Toten und seinem unglücklichen Herzen. Sein Schmerz löste sich in dieser Stille zu Thränen der Wehmut auf. Seine ganze glückliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelübde, das er ihr gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Träume von einer schönen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten unter dem geräuschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nächte am Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Grüße aus der Heimat um den Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an ihm vorüber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und Idalia’s Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese Bande zurückzuführen. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verließ er die Totenkammer, trat leise hinaus in’s Freie; und siehe! die Sterne blickten so freundlich lächelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwärts, übersprang mehrere Gräben, um nicht durch den Umweg über die Stege aufgehalten zu werden. Da blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese späte Stunde. Er meinte, es müsse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg zurück zu seinem Gelübde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes Geräusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer erlaubte ihm, über die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da saß Maria am Bette ihrer Mutter, die Hände gefaltet in den Schoß gelegt und mit den halbgeschlossenen Augen, wie träumend, nach Oben blickend. Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurückpressend in der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend, die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick hätte vergleichen können, als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia’s irdisches Schattenbild vorgekommen wäre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom Schlummer überwältigt ein, und Godber’s Herz klopfte dann hörbar vor Angst, daß sie fallen möchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug, wartete er immer darauf, daß sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit dem Ausruf: „Godber, Godber, bist Du wieder da!“ zu ihm hineilen sollte. War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur schwer geträumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; für Godber waren es Minuten. Der Morgen begann schon zu dämmern; für Godber war es noch Mitternacht. Die Kühle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht, fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingeführt. „Ach!“ dachte er, „gewiß ist die Mutter krank, und du, du allein trägst die Schuld! Du bringst die Mutter in’s Grab, und die Tochter“ — er konnte nicht vollenden — wird ihr nachfolgen! Hinein mußte er, zu ihren Füßen die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thürklinke. Da krähte der Hahn im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie ein ertappter Verbrecher. „Petrus der Verräther!“ murmelte er dumpf in sich hinein, zog die Hand rasch von der Thür hinweg und blickte wild um sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch die erste Röte des Tages. Godber’s hochatmende Brust sog die kalte, schwere Luft mit vollen und raschen Zügen ein. Er fühlte auf einmal alle Bande wieder, in die er sich verwirrt, und stürzte fort. Atemlos kam er in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein rascher Fußtritt stieß an einen der Särge an, dumpf dröhnten die trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu Boden.
Nach dieser Nacht mußte für Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll werden. Die völlige Erschöpfung seiner Körperkräfte trug dazu bei, seiner Phantasie volle Herrschaft über ihn zu geben. Er sah und hörte in Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja Maria für seine glückliche Rückkunft gebetet; hierher gedachte sie den ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wußte ja von seinem Gelübde; alle Blicke kündeten die tiefste Verachtung; alle diese heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann über ihn; alle Tritte lenkten von seiner Nähe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches drängten sich von seinem Blick hinweg und die Töne flohen seinen vergifteten Odem. Bei der Frage Hold’s: „Wo sind aber die Neun?“ grüßten ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: „Die Neun sind wieder beisammen!“ Daß diese Worte der Predigt angehörten, konnte ihm nicht in den Sinn kommen; er sah und hörte nur die Toten, die sich immer näher an ihn herandrängten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine rieselte, während heiße Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er nach dem Schluß der Kirchenfeier in den Leichenzug als Träger der Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer großen, schweren Woge, die vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest um den Stock, daß ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz fühlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto gewisser ward es ihm, daß er, in die Flut geschleudert, die letzte Planke des zertrümmerten Schiffes gefaßt habe. Dreimal hatte er, von den ängstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen müssen, und trat nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen vergebens an, den Abgrund zu seinen Füßen abzusehen. Immer tiefer dehnte sich vor ihm die unergründliche Gruft. Er wäre, wie er sich immer weiter vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestürzt, wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurückgehalten hätten. Da hörte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitäns Weigerung, das ihm anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: „Es ist ein Segen bei der Treue, wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit!“ Dieses Wort schmetterte seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit gebrochenem Herzen: „Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und Ewigkeit!“ Jetzt schon wäre er hingesunken, wenn er sich nicht mit schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den Boden gesteckt war. Hold mußte ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu senken. Er faßte sie krampfhaft an und schwankte wieder vornüber auf das Grab zu. Da standen die drei Särge; aber wie vorher die Tiefe unergründlich schien, so rückten nun die schwarzen Särge dicht vor seine Augen hin. Die Deckel öffneten sich, die Toten rüttelten sich zornig drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurück, und die Flagge fiel aus seinen ohnmächtigen Händen auf die Särge hin.
X.
Es reift in stiller Hütte
In einfach frommer Sitte
Das wunderreiche Herz,
Dem Segen jede Wunde,
Dem Licht die trübste Stunde,
Dem Tau der größte Schmerz.
Maria’s Benehmen in diesen Tagen war ganz der Spiegel ihres gottergebenen Herzens. Sie erfüllte die häuslichen Pflichten, die ihr oblagen, mit demselben Eifer und derselben Ausdauer wie früher. Wer sie nicht, belebt von der Hoffnung einer schönen Zukunft, gekannt hatte, konnte nicht ahnen, welchen Schmerz die Jungfrau, der dies stille, ruhige Wesen angeboren zu sein schien, zu überwinden sich im täglichen Gebet übte, und welcher Kraft sie bedurfte, um fest zu werden in ihrer Erwählung, eine Magd des Herrn zu sein. Gott, der da sorget für die gebrochenen Herzen, und Keinem mehr auflegt, als er tragen kann, erleichterte ihr ihren Kampf durch die Krankheit, welche die Mutter befiel. Und Maria gab, als ob sie es empfunden, daß diese Krankheit ihrer Wunde Heilung bringen sollte, sich mit einer Sorgsamkeit und Aufopferung der Pflege ihrer Mutter hin, daß all’ ihr Sinnen und Denken gleichsam verschlungen ward von diesem ihren neuen Beruf. Aerztliche Hülfe bot die Hallig nicht dar; und auswärts sie zu suchen, überstieg die Vermögenskräfte der Witwe, wenn auch nicht der Wille gefehlt hätte, da Ruhe, Pflege und einige Hausmittel dem Halligbewohner in Krankheitsfällen genug dünken. Hold besuchte die Kranke mehrere Male, und wenn diese zuweilen auf Godber’s Untreue zu sprechen kam, fiel ihr Maria schnell in die Rede und sagte: „Laß das, Mutter. Ich kann Dich ja nun besser pflegen, als wenn ich an ihn dächte.“ Sprach sie mit Hold allein, dann drang wohl noch ein Ton des Schmerzes durch; aber als hätte er nur einen Friedensgruß aus der Höhe von den Lippen des Seelsorgers locken wollen, ging er gleich wieder in die aufrichtige Sprache frommer Ergebung über.
Lächeln aber mußte Hold, als Maria ihm bei einem dieser Besuche ein paar damals vielgelesene Romane mit der Bitte gab, sie dem jungen Herrn zurückzubringen. Er erfuhr nun, daß Oswald, vielleicht nur um eine, seinen Neigungen entsprechende Abwechslung in die Einförmigkeit des Lebens, zu dem er gezwungen war, hineinzubringen, die Bekanntschaft des Mädchens gesucht, den einen Tag der Mutter eine Flasche Wein, den andern Tag der Tochter die Bücher gebracht habe.
„Sie aber,“ meinte diese, „könne eben so wenig aus seinen Reden, wie aus seinen Büchern vernehmen. Ihr werde unheimlich dabei zu Mute; denn das sei eben die Sprache, welche Godber in seinen Briefen auch zuweilen geredet, und die wol die Schuld trage, daß er seine Verlobte nun verachte;“ und unbekannt mit der Blume, die durch ihren Namen die Erinnerung fesseln soll, fügte sie mit dem scharfen Spott eines tiefverwundeten Herzens hinzu:
„Da reden sie von Vergiß mein nicht, als ob man so Etwas abpflücken könne, wie eine Blume, die zum Verwelken bestimmt ist. Kein Wunder, daß sie so leicht vergessen!“