JOSEPH AUG. LUX

DIE MODERNE WOHNUNG
UND IHRE AUSSTATTUNG

MIT 173 BILDERN UND 8 FARBIGEN TAFELN NACH WERKEN UND ENTWÜRFEN VON MODERNEN ARCHITEKTEN UND IHREN SCHULEN

1905
WIENER VERLAG
WIEN UND LEIPZIG

DRUCK VON W. SCHLENKER, WIEN, IX., WÄHRINGERSTRASSE 26.


MEINER FRAU.


INHALT.

Seite
[Tradition und Moderne] 1
[„Schmücke Dein Heim“] 17
[Die Ästhetik der Miethswohnung] 25
[Wände und Decke, Vorhänge und Teppiche] 31
[Lichtkörper und Heizkörper] 39
[Vorzimmer und Dienerzimmer] 44
[Die Küche] 50
[Ästhetik des Eßtisches] 55
[Das Speisezimmer] 64
[Der Salon] 69
[Wie man Bilder hängt] 77
[Das Porträt im Wohnraum] 84
[Plastik im Zimmer] 94
[Junggesellenheim und Herrenzimmer] 100
[Das Musikzimmer] 112
[Schlafzimmer und Bad] 121
[Das Kinderzimmer] 136
[Das Spielzeug] 144
[Das Mädchenzimmer] 151
[Blumen am Fenster] 158
[Blumenkörbe] 163
[Die Offizierswohnung] 165
[Die Arbeiterwohnung] 169

Tradition und Moderne.

Ein verblühtes Lächeln von Liebenswürdigkeit und lebensfrohem Behagen ist an den Dingen der Biedermeierzeit abzulesen. Zu den hellgelben Kirschholzmöbeln, oder nachgedunkelten Mahagonimöbeln, zu der unerdenklichen Fülle von Formen, Schränken und Tischen aller Art, Damenschreibtischen und Nähtischen, stummen Aufwärtern und Kommoden, zu den großblumigen Möbelbezügen und den hellen Gardinen, den Blumen am Fenster und den gestickten Glockenzügen, zu all der gefühlsseligen Geburtstagslyrik, welche den Proben des häuslichen Kunstfleißes von den Schlummerkissen bis zu des Hausvaters Samtkäppchen oder Samtpantoffeln, eingewebt war, gehören die Locken an der Schläfe, unter den bebänderten Florentinerhüten hervorquellend, die weißen duftigen Tüllkleider oder schwere Seide in abgetönten sentimentalen Farben, heliotrop, dunkellila, altrosa und schwarz. Schwind’s Frauengestalten mag man sich dabei gerne vorstellen. Der spätgeborene Enkel blickt mit einer gewissen affektierten, halb spöttischen, halb gönnerhaften Überlegenheit, hinter der sich nur allzuoft eine unbefriedigte Sehnsucht verbirgt, auf jene großelterlichen Tage zurück, in denen sich das Bürgertum auf seine Art auslebte, und zu jener Einheit der Lebensäußerungen gelangte, welche die Bezeichnung Stil verdient. Eine spätere Zeit hat diesen Stil »Biedermeier« getauft. In diesem Worte verdichtet sich für uns die Vorstellung einer vollkommen durchgebildeten bodenständigen Kultur, die in ungebrochener Linie von den gewöhnlichen Tageserscheinungen bis zu den Gipfelpunkten, welche die Namen Grillparzer, Schubert, Schwind bezeichnen, emporsteigt. Und ein sonnenhaftes Lächeln umspielt heute alle Lippen, welche dieses Wort nennen. Man war nicht immer so freundlich gesinnt. Die jüngst verwichene Zeit, welche dem Kultus der historischen Stile frönte, hat in das Wort Biedermeier jenes Maß von unsäglicher Verachtung hineingelegt, welche der Kosmopolit, auch der vermeintliche, für das Spießbürgertum immer bereit hat. Das Wort war eigentlich nur gemünzt als Bettelpfennig für alles Lächerliche, Gezierte, Hausbackene, Philisterhafte, das man, wenn man durchaus will, der Schmachtlockenzeit anmerken konnte. Aber die Zeiten haben sich gründlich geändert und der Kosmopolitismus, der in allen Stilepochen lebte und einen wahren Unrat von Geschmacklosigkeit und Widersinnigkeit aufhäufte, hat einen gräßlichen Katzenjammer hinterlassen. Wir suchen heute alle volkstümlichen Kunstlelemente auf, die wurzelhaft sind, sofern sie nicht in den letzten fünfzig Jahren mit Stumpf und Stil ausgerottet wurden. Wir knüpfen dort wieder an, um uns durch ihr Vorbild zu stärken, damit auch wir zu Formen gelangen, in denen unser Volk und unsere Zeit lebt und die vom gewöhnlichsten Alltag bis zu den ergreifendsten Äußerungen festlicher Weihe nur eine ungebrochene Linie aufweist.

Panneau von Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.

Möbel um 1820.
Schloß Wetzdorf.

Interieur um 1800.
Schloß Wetzdorf.

Schreibzimmer der Gräfin Molly Zichy-Ferraris Wien 1830 nach einem Gemälde von Albert Schindler.

Empfangszimmer in einem Wiener Bürgerhause um 1840.

Interieur um 1810 aus Schloß Wetzdorf.

Und wie es oft erging, was anfänglich Schimpfwort war, ward späterhin Ehrentitel. Biedermeiers Ehrenrettung kann nicht schlagender dokumentiert werden, als durch den liebevollen Eifer, der das alte Gerümpel vom Speicher, wohin es jahrzehntelang verbannt war, wieder herunterholt und in den schönsten Zimmern aufstellt. Das ist gewiß ein rührender, herzerfreuender Vorgang, wenn sie wirklich alter Familienbesitz, wenn sie also echt sind. Zwar werden solche Zimmer, die vollständig mit altem Hausrat angefüllt sind, den Eindruck eines Museums machen, aber ein solches Familienmuseum, mit dem sich viele freundliche Erinnerungen verknüpfen, wird immer ein besonderer Schatz sein. Weit über den persönlichen Wert hinaus, besitzen sie die Kraft eines lehrreichen Beispiels, welches für den Ausbau unserer häuslichen Kultur in großem Sinne vorbildlich ist. Sie sind die Vorläufer des modernen Möbels. Mit ihrer bezwingenden Einfachheit und Anspruchslosigkeit waren die Räume geeignet, die Geberden und Bewegungen jener gemüt- und geistvollen Menschen maßvoll aufzunehmen, die Stimme des Geistes und Herzens austönen zu lassen, ohne sie durch den Unrat der Geschmacklosigkeit, durch die Wirrnis von Schnörkel und Stilbrocken, in denen babylonisch die Sprachen aller Völker und Zeiten ertönen, zu beschämen und lächerlich zu machen. Aus allen Winkeln jener Interieurs, zwischen dem ernsten, einfachen Hausrat, hinter den weißen Gardinen und zwischen den Blumen am Fenster winkt der genius loci freundlich hervor, und es ist kein Stuhl und kein Schrank, kein Gegenstand des Gebrauches, der nicht den Geist der Vorfahren trüge, ihre Taten, ihre Ideale, das Wesen ihrer Persönlichkeit und ihr Gedächtnis überlieferte. So erscheint uns Späteren das großväterische, anspruchslose Biedermeierzimmer als das traute Heim von Menschen, denen die Heimat nicht nur ein Wort oder Begriff war, sondern der gesetzmäßige künstlerische Ausdruck der Persönlichkeit in den Gegenständen der Häuslichkeit. Die Interieurs früherer Epochen, die der Biedermeierzeit vorausgehen, besitzen keine solche Vorbildlichkeit. Auch nicht das Empire Möbel, in dem die große Historie des barocken Zeitalters ausklingt. Denn die Voraussetzungen, die jene historischen Formen geschaffen haben, sind von den heutigen grundverschieden. Hof und Kirche herrschten auch in Kunst und Kunstgewerbe. Aber es ist für die Einheit jener Kultur bezeichnend, daß die überladenen Formen, in welchen das Machtbewußtsein der weltlichen und geistlichen Herrschaft adäquaten Ausdruck fand, in einem Grade volkstümlich wurden, daß sie schließlich bis in den einfachsten Haushalt eindrangen, als Abglanz absolutistischer und sacerdotaler Herrlichkeit. Die Armut der barocken Originalschöpfungen, die nicht über die Repräsentationsräume hinausgingen und das persönliche oder private Leben in einem Zustand der grenzenlosen Verlassenheit beließen, ist noch wenig beachtet. Dem Parvenu am Ende des Jahrhunderts erging es wie den Kindern mit dem Märchenkönig: »Wie wohnten doch die Könige schön!« ruft er in den Prunksälen eines alten Barockschlosses aus, »so möchte ich es auch haben!« Und alsbald hat er eine stilgerechte Einrichtung, alles in billigster, banalster Nachahmung. Das Um und Auf der barocken Interieurs bestand aus Stühlen und Tischen, aus dem Paradebett und dem Sofa. Im Übrigen wohnten auch die Fürsten in einem denkbar schlechten Zustand und entbehrten alle Bequemlichkeit, die heutzutage jedem gewöhnlichen Sterblichen eine selbstverständliche und unentbehrliche Sache ist. Wer die prunkenden Barockpaläste durchwandert, die von den alten Adelsgeschlechtern noch bewohnt werden, findet am Ende der überladenen Prunksäle, gewöhnlich im Obergeschoß, einige einfache, mit bürgerlicher Behaglichkeit, meistens im Empire- oder Biedermeierstil eingerichtete Gemächer. Das ist die eigentliche Wohnung des Fürsten. Es liegt eine feine Ironie in dieser Erscheinung, daß der Fürst, um der niederdrückenden Wucht seiner Repräsentationspflichten zu entgehen, seine Zuflucht zur bürgerlichen Schlichtheit und Bequemlichkeit nimmt, während der Parvenu des 19. Jahrhunderts all sein Behagen hingibt für das bischen Talmiglanz einer »stilgerechten« Wohnung. In der Tat mußte der ganze Reigen historischer Stile in atemloser Hetze wiederkehren, ehe man wieder zu dem vernünftigen Standpunkte zurückfand, auf dem bereits unsere Großeltern standen. Die ganze Barocke hat nicht eine Form übriggelassen, die für die heutige Kultur brauchbar wäre. Sie bedeutet einen Abschluß. Die Revolution hat sie samt dem ganzen absolutistischen Königtum hinweggefegt. Ein strammer militärischer Zug geht durch die nächsten Jahrzehnte. Der kaiserliche Stil trägt den Bedürfnissen der Zeit Rechnung, aber Empire ist noch sehr aristokratisch. Mit dem Glanz der Napoleonzeit verschwand auch der Empire-Stil; aus dem Kosmopolitismus und seinem politischen Katzenjammer flüchtete man ins alte romantische Land, Uhland, Eichendorff, Schubert weckten die schwärmerische Liebe zur Natur, und ein Einschlag des ländlichen Elements, wohl auch schon damals der Einfluß Englands in Modedingen, führte zu den biederben, quadratischen und zylindrischen Formen des Biedermeier-Möbels, an dem Reminiszenzen aus dem Barock- und Empire-Stil als dekorative Details hängen blieben. Das Bürgertum schafft die Formen, die es braucht. Es will nicht glänzen, nicht präsentieren, sondern bequem und behaglich leben. Es erfüllt seine Forderungen mit strenger Sachlichkeit und zugleich mit einem Erfindungsreichtum, der erstaunlich ist. Unsere Möbeltypen wurden damals geschaffen. Und es bewahrt meistens eine Feinsinnigkeit, von der wir uns nicht immer einen richtigen Begriff gebildet haben. Es ist die Zeit Adalbert Stifters. Er ist der vollgiltige Repräsentant seiner Zeit. Biedermeier im besten Sinne. Er erschließt uns die Interieurs seiner Zeit, und die Interieurs seiner Traumwelt, und läßt uns alles miterleben, was wir beim Betreten eines Altwiener Raumes heute noch nachzuempfinden vermögen. Alle Räume dieser Art sind schwer zugänglicher Privatbesitz, nur mehr spärlich in Vollständigkeit erhalten, meistens als Trödelgut verschleudert, da und dort ein Stück. Die Museen die im Banne der Kunstgeschichte stehen, hielten sich zu vornehm, diese Dinge zu sammeln, und auch die Lebensart unserer Großeltern zu zeigen.

Glasfenster von Prof. Kolo Moser.

Fenster von Arch. Georg Winkler.

Tür mit Portière von Architekt
Max Benirschke, Düsseldorf.

Nun wird die Frage laut, was wir mit diesen verjährten Dingen, die so freundlich zu uns sprechen, anfangen sollen. Sie nachahmen? Das hieße ein altes Laster, das wir beim Haupttor hinaustreiben, durch ein Hinterpförtchen wieder hineinlassen und den Zirkel der Stilhetze mit diesem letzten Glied schließen. Wie von allem Vergangenen, trennt uns auch vom Biedermeier eine tiefe Kluft. Dennoch sind diese Dinge wertvoll durch das Beispiel, das sie lehren. Sie lehren, wie die Menschen von damals sichs bequem und gemütlich nach ihrer Art einrichteten, und solcherart zu Ausdrucksformen gelangten, die organisch aus dem Leben und seinen Forderungen hervorgegangen waren, vielleicht hie und da ein bischen unbeholfen und schwerfällig, im ganzen aber unbekümmert, treuherzig und bieder. Sie lehren, daß wir es auch so machen müssen. Der Lebende behält Recht. Viele Dinge sind konstruktiv so vollkommen, daß man sie fast unverändert aufnehmen könnte, wenn nicht unsere Zeit doch wieder ihre eigene Art hätte, sich auszuprägen. Was uns von Biedermeier trennt, sechzig, achtzig Jahre einer technischen, sozialen, wirtschaftlichen, künstlerischen Entwicklung müssen durchgreifende Veränderung des Lebensbildes herbeiführen. Schämen wir uns der Gegenwart nicht. Während vor dem Hause das Automobil, das Fahrrad, die elektrischen Bahnen vorbeirasen, können wir im Innern des Hauses, wo wir alle technischen Vorteile auszunützen suchen, vom Telephon bis zu den elektrischen Glühkörpern, nicht den historischen Biedermeier spielen. Das hieße, da wir uns eben altdeutsch gefühlt haben, eine Rolle mit der anderen vertauschen. Wohl aber können wir Biedermeier im modernsten Sinne sein, indem wir uns treu zu dem bekennen, was unserer Zeit gemäß ist, so wie es unsere Großväter für ihre Zeit getan haben. Dann wird sich von selbst ein gewisser verwandtschaftlicher Zug mit den vergangenen Dingen der Heimat herausstellen, wie denn überhaupt alles Echte, aus wirklichem Bedürfnis Herausgeborene, trotz großer zeitlicher Trennung verwandter ist, als man denkt. Denn immer ist der Mensch das Maß der Dinge. Auch die Motive aus alter Kultur wecken in unserem modernen Gefühl ein Echo.

Pfeiler von Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.

Pfeiler v. Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.

Nicht von oben her wird heute der Stil diktiert, sondern von unten her. Die heutigen Produktions-Verhältnisse, die Entwicklung der Technik, der Industrie haben die neuen sozialen Grundlagen geschaffen, aus denen die moderne Formensprache hervorgegangen ist. Welche Umwälzung hat z. B. das neue Beleuchtungswesen auf dem Gebiete der Metallindustrie hervorgerufen! Die Erfindung der Elektrizität allein hat zu Beleuchtungskörpern geführt, deren Formen aus keiner Tradition geholt werden konnten. So geht es auch mit den anderen Gebrauchsdingen. Das Auswachsen der Städte zu Weltstädten hat zu neuen, bis dahin nie gekannten Lebensformen geführt. Durch das Zusammendrängen so vieler Menschen an einem Ort und den dadurch bedingten raschen Austausch und Verbrauch der Güter, hat das Leben eine außerordentliche künstliche Steigerung erfahren und den Typus des Stadtmenschen verschärft. Aus diesen Verhältnissen ist eine spezifisch moderne Aufgabe erstanden, nämlich die: inmitten des rasselnden Getriebes der Fabriken, des Straßen- und Geschäftsverkehres den Zustand der Wohnlichkeit herzustellen, Räume zu schaffen, welche die Urbanität der Sitten und Lebensgewohnheiten verkörpern, und als friedliche Inseln inmitten des hastigen Welttreibens das Gefühl der Heimat wachhalten. In der Tat, die moderne Stadtwohnung ist unser jüngstes Problem. Früher kannte man es nicht. Denn wie wir oben gesehen haben, waren die Wohnungen der Bürger zuerst von den Ausstrahlungen des Hofes und des kirchlichen Hochgefühls bestimmt und später von den wechselnden allgemeinen Zeitideen des Kosmopolitismus, der Romantik und noch vor einem Jahrzehnt von der Renaissance-Illusion, vom Kultus der historischen Stile. Weltstädte im gegenwärtigen Sinne sind ein sehr junges Erzeugnis. Sie haben die Wohnungsfrage neu geschaffen. Der Kern dieser Frage ist Benützbarkeit, Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit. Dazu ist die Ausnützung aller modernen Hilfsmittel, aller technischen Errungenschaften Bedingung, die zu neuen Lösungen führt. Gerade die praktischen Forderungen des Lebens geben fruchtbare Anregungen zu neuen Schönheitsmöglichkeiten, die im Wesen der Dinge liegen. Auf diesem Wege gelangen wir zu dem lange gesuchten volkstümlichen Stil, welcher der Ausdruck unserer heutigen allgemeinen Lebensformen ist.

Portière von Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.

Schablone für Wandmalerei von
Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.

Die Forderungen, welche die heutige Zeit an die Zweckkunst stellt, sind in allen Kulturländern dieselben. Aus den Übereinstimmungen ergibt sich der Zeitstil, dessen wesentliche Merkmale heute sind: Zurückgehen auf die konstruktiven Elemente, in denen das eherne Gesetz der Zweckmäßigkeit wirksam ist, sinnfällige Ausnützung der Materialwerte, welche hier die zusammenfassende Kraft des Eisens, dort die Weichheit der Fichte, die zähe Wucht der Eiche etc. sichtbar macht und aus ihren natürlichen Eigenschaften neue dekorative Werte zieht. Die unmittelbare Anknüpfung an die Natur, an die funktionellen Bedürfnisse und Gewohnheiten des Menschen schließt grundsätzlich die Wiederholung gebrauchter historischer Formen aus und eröffnet ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten, die eine lebendige organische Beziehung zu unserem Wesen unterhalten. In diesem engen Anschluß an die natürlichen Forderungen liegt also das Gemeinsame der heutigen angewandten Kunst, aber zugleich auch das Differenzierende. Die Lebenserfordernisse, soweit sie in den Gebrauchsdingen des Alltags, in den Gegenständen der Häuslichkeit zum Ausdruck kommen, sind allgemeiner Natur, wenngleich sie überall eine andere Sprache sprechen, einen anderen Dialekt. So spüren wir bald in der allgemeinen Kultur die persönliche, in den typischen Formen die Individualität, im Zeitstil den Geist der Heimat, den genius loci. In England, in Deutschland und bei uns wird nach den allgemeinen Grundsätzen gearbeitet, allerdings überall mit anderen Ergebnissen. Daran ist die Ortstümlichkeit schuld, die Heimatkultur, die als Obertöne im modernen Schaffen leise mitschwingen und die lokale Färbung erzeugen. Das wird schließlich niemand leugnen: wir alle haben von England gelernt. Das hatte England dem Kontinent voraus, es besaß von altersher eine ununterbrochene bürgerliche Tradition und die großen Neuerer in Kunst und Kunstgewerbe fanden von vorneherein einen Boden vor, auf dem ein gut Gedeihen war. Denn die altenglische Sitte, daß jeder Bürger sein Haus allein bewohnt, kommt den Absichten der modernen Kunst hilfreich entgegen. Das ererbte Gut volkstümlicher Sitten und Anschauungen einerseits, die immense Vorarbeit einzelner leuchtender Geister, vor allem Dante Rosetti, John Ruskin und William Morris, sind die Grundlagen der Künstler, die wir heute am Werke sehen.

Teppich von Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.

Läufer von Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.

Immer mehr richten sich die Blicke auf Wien. Dort ist ein neues Künstlergeschlecht, das zum größtenteil aus der Wagnerschule hervorgegangen ist, aufgestanden und hat mit selten gesehener Eintracht und Geschlossenheit die moderne Raumkunst geschaffen. Künstlerisch und wahlverwandtschaftlich steht es der Gruppe Mackintosh am nächsten. Es hat den Vorzug der größten Frische und Natürlichkeit. Bei aller strengen künstlerischen Konsequenz geht ein liebenswürdiger Wienerzug durch das ganze Schaffen dieser Künstler, die zur Sezession gehören oder sich zu ihren Anschauungen bekennen. Sie haben sich bereits das Ausland erobert. Heute verlangt man schon den »Wiener Stil«. Josef Olbrich hat ihm eine Insel im Ausland geschaffen. Prof. Josef Hoffmann ist sicherlich die stärkste und konsequenteste Kraft unter den Neuen. Prof. Kolo Moser schafft Werke von fast femininer Grazie. Vornehm und zweckvoll sind Leopold Bauers Schöpfungen. Was die Schulen von Prof. Hoffmann, K. Moser, A. Roller, Baron Mirbach, A. Böhm auf allen Gebieten des Kunstgewerbes und der häuslichen Kunst leisten, wird bahnbrechend wirken. Zahlreiche Schüler sind erfolgreich im Auslande tätig. Unter diesen verdient Max Benirschke in Düsseldorf besondere Erwähnung. Die Architekten und Kleinkunst gehen hier Hand in Hand und erreichen solcherart die bewundernswerte Einheit eines Stils, der unmittelbar aus dem Leben quillt und für das Leben schafft. Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung wird solcherart, ob sie nun einfachen oder leichten Verhältnissen entspricht, den Stempel einer vornehmen Kultur tragen, die Wesenszüge einer geschmackvollen, gebildeten, modernen Persönlichkeit.

Diverse Läufer aus Bast von Architekt Hans Vollmer,
ausgef. Prag-Rudniker Korbwarenfabrikation.

Läufer aus Bast.
Prag-Rudniker Korbwarenfabrikation.


Schmücke dein Heim!

Wohnräume spiegeln immer den Geist ihrer Bewohner. Gleichviel, ob sie mit reichen oder geringen Mitteln ausgestattet sind. So werden sie zu Verrätern, und der überflüssige Aufwand, der sogenannte Luxus, der vielfach für Geschmack genommen wird, offenbart nur zu oft, was er eben zu verhüllen strebt: die Geschmacklosigkeit. Das ist eine kapriziöse Geschichte: Geschmack ist nicht immer für Geld zu haben. Auch nicht für viel Geld. Die ärmste Hütte kann reicher sein als der prunkende Palast. Denn Seelenadel kann auch unter dem fadenscheinigen Kleid und unter dem rauhen Bauernkittel wohnen. Sicherlich wird er auf die Umgebung ausstrahlen, auf die nächste häusliche Umgebung, und dort im Stillen wirken. Ganz unauffällig, groben Sinnen nicht wahrnehmbar. Das »Seelische« ist es, was an den Wohnräumen interessiert, das, was menschlich an ihnen ist. Nicht wie sie eingerichtet, ob kostbar, ob ärmlich. Wenn ich in einem weissgetünchten Bauernhaus sorglich gepflegte Blumen am Fenster sehe, möchte ich am liebsten verweilen. Wie man bei lieben, guten Menschen verweilt. Die kahlste Stube, darin Reinlichkeit herrscht und ein paar Topfgewächse stehen oder ein Blütenzweig im Glas, birgt einen Strahl von Schönheit wie heimliches Licht.

Möbelstoffe von Backhausen & Söhne, Wien,
nach Entwürfen von Arch. Fr. Dietl und Max Benirschke.

Möbelstoffe von Backhausen & Söhne, Wien,
nach Entwürfen von Prof. Joseph Hoffmann, Max Benirschke und Leopold Bauer.

Möbelstoff von Prof. Joseph Hoffmann,
ausgeführt von Backhausen & Söhne, Wien.

Bordüre von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.

Flächenmuster von Architekt
Max Benirschke, Düsseldorf.

Allein das Zeugnis, das die Wohnungen für die persönliche Kultur der Besitzer ablegen, ist nur in seltenen Fällen ein günstiges. Ich habe die Wohnungen aller Stände gesehen und vor allem des Mittelstandes, der den Hauptteil der Stadtbevölkerung ausmacht, und ich habe fast durchwegs nur Variationen eines Themas gefunden, das nichts Erquickendes bot. Auf die falsche Note des erborgten Luxus, der den Schein höher stellt als das Sein, ist heute noch das meiste gestimmt. Auf jeder Schwelle, die ich überschritt, hatte ich die Empfindung, als schallte mir eine widerliche Reklamestimme entgegen: »Schmücke Dein Heim!« Den traulichen Blumenflor, der uns die lebendige Natur, den Frühling in die Stube zaubert, fand ich ersetzt durch die künstliche Palme, eine erbärmliche Karikatur, die ihre starren Blätterfinger verzweiflungsvoll nach allen Richtungen ausstreckt in der offenbaren Absicht, das Makartbouquet traurigen Angedenkens an Geschmackswidrigkeit zu übertrumpfen. Das beleidigte Auge, das sich von diesem unwürdigen Anblick weg zum Fenster wendet, begegnet dort einer neuen Schmach. Wohlfeile, klägliche Imitationen der Glasmalerei hängen an den Scheiben und wehren dem spärlichen Tageslicht in den engen, düsteren Gassen den Zutritt in die dämmerigen Stadtwohnungen. Resigniert lasse ich mich auf die ach, so wohlbekannte Ripsgarnitur nieder. Doch es könnte auch eine Plüschgarnitur sein oder eine solche aus Halbseidendamast. Denn ich sehe sie nicht. Sie ist über und über bedeckt mit Milieux und Schutzdeckerln aller Art, welche die »züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder« in den langen Jahren des heiligen Ehestandes gestickt und gehäkelt hat. Als ich mich wieder erhebe, habe ich die Proben des häuslichen Kunstfleisses auf meinem Rücken hängen. Die verlegene Miene der Hausfrau steigert meine eigene Verlegenheit, als ich inne werde, dass die ausgenähten Lappen das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und nicht nur das Heim »schmücken«, sondern auch als cache-misère die Blössen der verschossenen und zerschlissenen Garnitur sorgsam verhüllen sollen. Ich bücke mich rasch, um die verstreuten Fetzen aufzulesen, aber da hätte ich beinahe das Unglück gehabt, von der nahen Konsole das Gelump des unnützen Kleinkrams, jene »Kunstgegenstände« und Geschenkartikel, die wir aus den Schaufenstern der Kronenbazare kennen, die niedlichen Schweinchen, Figürchen, Tellerchen aus Glas und Porzellan, die für wenig Geld viel Geschrei machen, herabzuwerfen und damit das Odium eines ungefügen Barbaren auf mich zu lenken. Ich brauche kaum zu sagen, dass mich die erlogene Eleganz verstimmte, dass mich die Enge drückte und dass die beständige Gefahr, ein Unglück anzurichten, mein Benehmen unfrei und linkisch machte. Aber ich fand es nirgends besser. Durchwegs Räume mit mehr oder weniger Luxus, die unseren Geist und unseren Leib fesseln, die nicht geeignet sind, unsere Bewegungen und Geberden maßvoll aufzunehmen, die, angefüllt mit dem Unrat der Geschmacklosigkeit und einer babylonischen Wirrnis von Stilbrocken und Schnörkeln, den Sinn für Einfachheit, Wahrhaftigkeit und Echtheit ertöten. Ich nehme keinen Becher zur Hand, ohne den Leib eines Mönchleins oder Gnomen zu umschliessen, jeder Zigarrenabschneider wird mit dem Kopf Bismarck’s oder Moltke’s maskiert, jedes Gefäss ist überladen mit Blattwerk und Guirlanden, die Wände sind angefüllt mit schlechten Bildern, Fächern, japanischen Schirmen und Photographien.

Glasluster für elektr. Licht von Arch. Leopold Bauer.

Beleuchtungskörper von
Architekt Max Benirschke.

Die freundlichen Hausgötter der Gastlichkeit und Geselligkeit pflegen nicht in Räumen zu wohnen, wo die Persönlichkeit sich im Widerspruch zur häuslichen Umgebung befindet und wo selbst die Inwohner Fremdlinge sind. Fremdlinge im eigenen Heim. An einem Herde ist nicht gut rasten, wo unaufhörliche Dissonanzen herrschen. Die Talmi-Eleganz unserer bürgerlichen Wohnungen, die unter der Devise »Schmücke dein Heim!« stehen, all die billige Effekthascherei, all der anscheinende Komfort, der keiner ist, weil er nur des Scheines wegen da ist, und nur Plage macht, ohne für etwas gut und nützlich zu sein, mit einem Wort: das Großtun, das ist die unaufhörliche Dissonanz. Wer mit feiner Witterung begabt ist, spürt das schon an der Türschwelle. Und all die Nichtigkeiten, die nur da sind, um über den wahren Zustand zu täuschen, werden zu den schreiendsten Anklägern. Kann man wirklich von dem »Geist« oder »Charakter« solcher Wohnräume auf das Wesen der Menschen zurückschliessen und den einzelnen verantwortlich machen? Man bedenke: ein Zahnarzt glaubt es sich schuldig, einen Empfangssalon à la Louis XV. zu besitzen. Die Sache muss möglichst billig sein, darum ist auch das Schlechteste gut genug. Aber immerhin, man sieht doch, dass man auch wer ist! Vor einem ernsten Urteil wird der Zahnarzt kaum als geschmackvoller oder auch nur als gebildeter Mann bestehen. Aber seine Entschuldigung ist, dass es den Leuten gefällt, und die Masse gibt Richtung. Im Grossen wie im Kleinen. Sie macht die Mode. Und sei diese noch so absurd, ihrer suggestiven Kraft wird sich der Einzelne, der Durchschnittliche, kaum entziehen. Man spricht vom Zeitstil und von Kulturströmung, die eine Epoche charakterisiert. Der Einzelne folgt dann seinem Herdeninstinkt. So mag man, wenn man nachsichtig sein will, den ganzen Skandal von Lüge und Täuschung, von schäbiger Eleganz und erlogener Vornehmheit, der in Geschmackdingen seit gut dreissig Jahren herrscht, jener unpersönlichen Abstraktion, die man Zeitgeist nennt, zuschreiben.

Aber schließlich müssen es doch wieder die Einzelnen sein, die eine Wendung anbahnen. Im richtigen Verstande müsste der marktschreierische Imperativ »Schmücke dein Heim«! einen Widerwillen erzeugen, der zum tüchtigen Kehraus führt. Die Schmucklosigkeit wäre zunächst der grösste Schmuck, die Befreiung von dem angepriesenen putzmachenden Tand. Man brauchte nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende, echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem Gedeihen zu gewinnen, und eine Revolution ist eingeleitet. Zuerst würden die schweren, verdunkelnden Stoffgardinen fallen, um wieder Licht und Luft in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müssten den echten Blumen, so wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makartsche Atelierstil Mode wurde, unsere Blumen verdrängt haben. So nun aber das clair-obscur jener romantischen Rembrandt-Stimmung vor der Tageshelle gewichen ist, entpuppt sich die Lächerlichkeit des Stimmung machenden Krimskrams an den Gesimsen, all der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können, der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die sich als dürftiger Gschnas vor dem hellen Tage schämen, als nicht minder die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nur sehen darf man ihn nicht!

Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich, und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet- und nagelfest ist. Vom Hundertsten käme man ins Tausendste. Vom Fenster zu den Wänden und den Bildern, und von diesen zu den Möbeln, bis ins Kleinste herab. Es ist fast unabweislich, in allen Einzelheiten des Wohnraumes die neue Wohnungsästhetik zu erhärten. Der Ausgangspunkt dieser neuen Ästhetik aber ist, dass wir allen sogenannten Luxus aus unseren Häusern fortschaffen und zur Aufrichtigkeit und Einfachheit zurückkehren, wenn wir wollen, dass die Kunst wieder im Hause beginne. Epochen mit hochentwickelter volkstümlicher Kultur haben gezeigt, daß die Kunst immer vom Hause ausgeht und von hier aus auch das äußere Leben ergreift. Darum muß unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir nicht die goldene Regel verletzen, die uns William Morris gegeben: »Behalten Sie nichts in ihrem Heim, wovon Sie nicht wissen, daß es nützlich ist, wovon Sie nicht glauben, daß es schön ist!«

Die obere Partie einer Sitzecke mit elektrischen
Beleuchtungskörpern von Arch. Max Benirschke.


Die Ästhetik der Mietswohnung.

Daß die Hausarchitektur im Zeichen des Umschwunges steht, wird niemand mehr leugnen. Die Architektur, die schwerfälligste aller Künste, folgt dem neuen Zug freilich zuletzt, denn sie hat nicht nur das größte Trägheitsmoment, das Schwergewicht der Gewohnheit, sondern auch die Gewissenlosigkeit des Bauspekulantentums und die Gleichgiltigkeit des Publikums zu überwinden. Das leichtbewegliche Kunstgewerbe, das heute führend vorangeht, konnte viel schneller das Feld erobern, und man kann sagen, daß die Schwenkung, die auch im Hausbau zu spüren ist, vom Kunstgewerbe veranlaßt, ja fast erzwungen worden ist. Denn das Kunstgewerbe verlangt einen festen Stützpunkt, eine Führung, einen Halt, und diesen kann nur die Architektur geben. Im Einzelwohnhaus ist da und dort dieser ursächliche Zusammenhang von Architektur und Handwerk, von Raum und Möbel, zwar schon hergestellt oder doch angebahnt, aber im Miethaus der Stadt, also in der Stadtwohnung, deren ästhetische Durchbildung doch eine der nächstliegenden Aufgaben ist, sind wir nicht immer so glücklich daran. Wie notwendig es ist, dass Kunstgewerbe und Hausbau Hand in Hand gehen, und wie eines ohne das andere nicht bestehen kann, will ich an einem typischen Fall nachweisen, der auf hunderte von Beispielen paßt, die sich in der Stadt von Tag zu Tag mehren. Jemand war des im Mittelstande eingebürgerten Atelierstils, des Markartbouquets, der künstlichen Palme und der verpöbelten Renaissancemöbel überdrüssig, er entfernte die Stoffgardinen, um wieder Luft und Licht in den dämmerigen Raum zu lassen, Zimmerpflanzen ziehen zu können und Freundlichkeit zu verbreiten. Aber die braunen Möbel vertragen die Helligkeit nicht, ihre Häßlichkeit und Unzweckmäßigkeit, die Erbärmlichkeit des ganzen unechten Luxus wurde mit einem Male unerträglich und sie wurden ersetzt durch jene gefälligen neuen Möbel, deren Wesen Einfachheit und Natürlichkeit ist, und die in dem sogenannten Biedermeiermöbel unserer Groß- und Urgroßeltern vorgebildet waren, die also gewiß nichts Fremdartiges, sondern etwas durchaus Heimatliches, Bodenständiges, Trautes waren. Aber es nützt nicht, daß man den neuen Wein in die alten Schläuche füllte. Das Mißverhältnis zwischen Raum und Möbel trat dann erst grell zutage. Die Möbel waren gewiß zwecklich formal gebildet, aber die Zimmer! Das Raumausmaß war groß genug und dennoch konnte man nichts unterbringen. An ein geschmackvolles Stellen der Möbel war nicht zu denken. Daran waren die Türen und Fenster schuld. Denn es gehört schon einmal zu dem eingebürgerten Begriff von einer Stadtwohnung, daß ein Zimmer zwei Fenster haben muß. Die Fensterwand geht natürlich fast verloren, denn links und rechts bleibt kein nennenswertes Stück Wand, und es erübrigt nur noch der Pfeiler, der einen dunklen Schatten mitten ins Zimmer wirft. Die Beleuchtung wird dadurch noch schlechter, daß die Fenster das Hauptlicht nicht von oben her geben, sondern von den untern Flügeln, so daß nur der Fußboden vor dem Fenster die Helle empfängt, was für das Auge das denkbar ungünstigste ist. Die einfachste und natürlichste Lösung wäre nun die, ein einziges etwas breiteres in der Mitte anzubringen, wobei nicht nur eine ausgezeichnete Belichtung erzielt werden kann, sondern auch links und rechts tiefe Ecken gewonnen werden, die es gestatten, gewisse Möbelstücke, das Sofa zum Beispiel, quer anzuordnen, oder die Nische so auszubauen, daß das Gefühl der Geschlossenheit und Geborgenheit erhöht wird. Viel ist auf diese Weise gewonnen, aber noch lange nicht alles. Denn da sind noch die Türen, die unseligen großen Flügeltüren, deren manches Zimmer drei besitzt, und die von jeder Wand ein erhebliches Stück wegnehmen. Man behalf sich früher mit einer Draperie, um sie wenigstens dekorativ zu gestalten, was im Wohnraum einen nichts weniger als sympatischen theatralischen Eindruck macht. Aber immer noch besser als die nackten, überflüssig hohen und breiten Palasttüren mit dem widersinnigen braunen Anstrich und der ebenso widersinnigen künstlichen Maserung. Daß der Raum auch geräumig werde, günstige Raumverhältnisse besitze, hängt also nicht allein vom Fenster, sondern auch von der Lage und Größe der Türen ab. Das sind die zwei Angelpunkte, um die sich die neue und vernünftige Raumgestaltung dreht. Noch ist dadurch fast gar nicht der Grundriß tangirt, noch ist fast keine Forderung an den Erfindungsgeist der Architektur gestellt, sondern erst ganz einfach eine gewisse Empfindungsfeinheit verlangt, ein Mitgefühl für die Menschen, die in den Räumen wohnen, und darinnen die Möglichkeit finden sollen, ihr Leben behaglich zu gestalten. Es ist ja wahr, die meisten Menschen verlangten die bisherigen Wohnungen gar nicht besser, sie haben nicht das Bedürfnis, ihre Umgebung künstlerisch gestaltet zu sehen, aber das hindert nicht, daß der Architekt, wofern er ein Künstler ist, den früher oder später ja doch eintretenden künstlerischen Bedürfnissen vorarbeiten und dergestalt die Prämissen einer höheren Kultur schaffen soll. Für diese Kulturarbeit ist der Architekt einer der wichtigsten Faktoren, und man kann sagen, ohne ihn kann nichts geschehen. Aber die Empfindungsfeinheit, die von dem künstlerischen Architekten (der andere kommt nicht in Betracht) verlangt werden muß, wird bei dieser Tat nicht stehen bleiben. Er wird die bürgerlichen Menschen nicht allein von dem überflüssigen und daher schädlichen und geschmackverderbenden Luxus, der sich in den billigen albernen Ziraten oberhalb der Tür und in den rein äußerlichen nur auf die Außenerscheinung berechneten Zutaten an den Fenstern äußert, befreien, sondern er wird auch sein Auge auf die Wände, den Boden und die Decke, endlich auf den Anstrich der Holzteile richten, er wird die Teile nicht der Obsorge des Zimmermalers und Anstreichers überlassen, die in Geschmacksdingen auf dem tiefsten Niveau stehen; er wird vielmehr auch hier seinen Einfluß geltend machen und damit das niedere Handwerk wieder heben. Denn alle Handwerkskünste sind Bestandteile der Architektur. Es hat sich gezeigt, daß die braunen Tür- und Fensterteile, die rote, grüne oder sonst irgendwie schmutzigfarbene Ausmalung mit den so hässlichen Dessins jedes anständige Möbel umbringen. Nun ist die Farbenempfindung bei der großstädtischen Menschheit ein verlorenes Gut. Jeder Bauer im Gebirge ist uns darin überlegen. Weil aber jede ästhetische Frage im Kern eine praktische ist, so läßt sich dieser Sache vielleicht von der hygienischen Seite beikommen. Warum sind die dunklen Schmutzfarben unserer Wände so beliebt? Es ist schon gesagt worden. Weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Überdies ist das wiederholte Neuausmalen oder Tapezieren für den kleinen Mann zu kostspielig. Einer solchen kulturwidrigen Vornehmtuerei auf Kosten der Reinheit und Hygiene soll in unseren Häusern nicht Vorschub geleistet werden. Man fragt sich oft, warum unsere Wohnungen nichts Weißes enthalten. Warum hat man Wände und Decke nicht im einfachen Weiß, mit einem schönen Fries, so daß man sie um billiges Geld jährlich einmal frisch tünchen kann? Die Leute vor 80 Jahren, die noch eine feine Kultur besaßen, haben Fenster und Türen weiß gestrichen. Sie hatten auch weiße Gardinen und Topfpflanzen. Die Bauern in vielen deutschen Gegenden haben das noch. Und wie traut sind solche Räume! diesen Sinn für Reinlichkeit und Helligkeit muß man wiederbeleben, sonst ist nicht vorwärts zu kommen. Altwien besaß hübsche im Bogen ausgebauchte Fenster, die mit Geschick wieder verwertet werden können. Dabei ist Bedacht zu nehmen, daß im Fenster Blumen gezogen werden können, denn die allmählig wiedererwachende Blumenfreude ist ein wichtiger Kulturfaktor und ein erfreuliches Symptom der Rückkehr zur Natürlichkeit und Echtheit. Der Architekt muß alle diese halbbewußten Regungen mit feinen Sinnen erfassen und verwerten. Es gehört viel Liebe und Geduld und Menschenfreundlichkeit dazu, aber ohne diese Eigenschaften ist in der Kunst nichts zu machen. Nur das Mitgefühl, das Mitleben kann Formen schaffen, die nichts Äußerliches sind, wie die Stuckherrlichkeit moderner Zinskasernen, sondern etwas, das von innen nach außen gewachsen ist, und unsere bisherigen Hundelöcher wieder in menschenwürdige Wohnungen umwandelt. Auf diesem Wege dürften sich auch die notwendigen Grundrißänderungen ergeben. Die Badezimmer, die heute schon bei kleineren Wohnungen zu finden sind, sollten als Annex des Schlafraumes ausgestaltet werden. Denn es ist widersinnig und gesundheitsgefährlich, aus dem Baderaum durch das gewöhnlich sehr kalte Vorzimmer in den Schlafraum und umgekehrt gehen zu müssen. Diese und noch viele Änderungen können geschehen, ohne daß die Ertragsfähigkeit des Hauses nur im mindesten herabgesetzt wird. Daß wir trotzdem das moderne Mietshaus noch nicht haben, ist vielmehr eine Folge der herrschenden Teilnahmslosigkeit der Bauherrn und des Publikums, das noch nicht gelernt hat, Bedürfnisse zu haben. Die Mitarbeiterschaft von dieser Seite her ist freilich nicht zu entbehren.

Elektr. Beleuchtungskörper v.
Professor Joseph Hoffmann.

Ofen von Arch. Georg Winkler.

Kamin von Architekt Max Benirschke.

Kaminwand von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.

Heizkörper-Verkleidung von Professor Joseph Hoffmann.

Fries und elektr. Beleuchtungskörper
von A. Sumestberger.

Wandfries von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.


Wände und Decke, Vorhänge und Teppiche.

Zu den schweren geschnitzten Kassetten-Decken altdeutscher Stuben passte dunkles Getäfel der Wände und die Ledertapete. Wo man sie heute noch im Bürgerhause vorfindet, ist sie nicht dem modernen Gefühl, sondern einer posthumen Butzenscheibenromantik, die noch immer nicht ausgestorben ist, entsprungen. Wie es noch Wotansenkel im schwarzen Salonrock gibt, die wie die alten Deutschen »immer noch eins trinken«, so gibt es eine große Kategorie, die in ihrer Gefühlsweise bei Hans Sachs stecken geblieben ist und Räume liebt, »wo selbst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht«. Die Sache gehört ins Museum, wo man sie billig bewundern mag. Im Alltag und im grellen Licht der Gegenwart sind solche abgestorbenen Lebensformen immer von Übel. Abgesehen davon, daß in Mietswohnungen eine solche pompöse Sache nur auf den Schein berechnet sein kann und eine Lüge ist, weil in solchen Wohnungen, wo wir eigentlich immer auf dem Sprung stehen, nichts von Ewigkeitsdauer geschafft werden kann, außer was sich leicht fortschaffen, auf einem Möbelwagen verpacken und in einer neuen Wohnung ebenso leicht und gefällig wieder aufstellen läßt. Auf ein gewisses Nomadentum ist unser Leben in Mietswohnungen gestellt. Aus ökonomischen, sozialen und hygienischen Gründen ergibt sich die neue Ästhetik, die für unsere Wohnung glatten und weißen Verputz an Wänden und Decke verlangt, die je nach Geschmack mit schablonirter Malerei oder Tapete bedeckt wurden. Damit war aber zugleich ein freier Spielraum für die gefährlichsten Ausschweifungen der künstlerischen Phantasie unserer Tapezierer- und Zimmermalerjünglinge gegeben. »Vernunft ward Unsinn, Wohltat Plage.« Das Ungeheuerlichste, Wahnwitzigste ward Mode, wenn es unter der Flagge einer falschen »Sezession« segelte. Auch diese Modekrankheit mußte überstanden werden und schließlich setzte sich die Arbeit ernster und tüchtig vorwärts strebender Künstler beim Publikum durch. Große Firmen der Tapeten-, Teppich- und Textilbranche suchen die Entwürfe solcher Künstler zu erwerben und Geschmackvolles in den Handel zu bringen. Heute spürt man im großen Publikum schon ein erfreuliches Bestreben nach vornehmer Einfachheit, das nur des Entgegenkommens künstlerischer und industrieller Kreise bedarf, um zu einer allgemeinen Niveauerhöhung des Geschmacks zu führen. Man zieht es vor, die Wände und Decke entweder einfach zu weißen oder färbig zu streichen und einen hübschen Fries aufzusetzen oder mit entsprechender Tapete zu bekleiden. Bei der Wahl der Farbe wird Bedacht genommen, daß zur Farbe der Möbel die Wände und Decke einen komplementären Gegensatz bilden, der die Möbelstücke hervorhebt und mit diesen, was die farbige Erscheinung betrifft, ein harmonisches Ganzes darstellt. Dem Dessin von Tapeten oder schablonierten Wänden steht man mit Recht mißtrauisch gegenüber, weil es sehr viel Takt erfordert, das Rechte zu finden, das diskret genug ist, als Hintergrund von Möbel und Bildern nicht unruhig und anspruchsvoll zu wirken und die Harmonie zu stören. Im allgemeinen gilt auch für die gemusterten Wandflächen die Regel, daß sie in Farbe und Zeichnung als bloße Fläche und Untergrund, der für sich allein keine Geltung beanspruchen darf, zu wirken hat. Daß man die hellen Farben vorzieht, ist in dem modernen hygienischen Bedürfnisse begründet, das nach Licht und Luft heischt, die in der Stadt kostbare Güter sind. Aus diesem Grunde hat man die Stoffgardinen durch Vorhänge aus leichtem dünnen Zeug ersetzt, indischer Seide oder Leinen mit Aufnäharbeit, daran sich der Kunstfleiß der Hausfrau zeigen mag. Für Aufnäharbeit geben die Leistungen moderner Künstler und Kunstschulen glänzende Vorbilder. Man wählt natürlich auch für diese leichten Vorhänge helle Farben, entweder weißes Leinen, oder, wenn es sich um durchsichtige Gaze oder indische Seide handelt, auch orange Farbe, die einen goldenen Schein ins Zimmer legt. Die Vorhänge hängen in geraden, schlichten Linien herab, sind seitlich zu ziehen und laufen in Ringen offen an einer Messingstange.

Decke mit Schnürlarbeit von Mizzi Ebers
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Decke mit Schnürlarbeit von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Perlenstickerei auf Leinen von Minka Podhayska
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Perlenstickerei auf Tüll mit Applikation von Minka Podhayska
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Auch der Teppich ist auf diese anheimelnde einfach vornehme Gesamtwirkung gestimmt. Es ist aber durchaus nicht »stilwidrig«, in einem solchen Raum einen echten Perserteppich aufzubreiten. Überhaupt was ist Stil? Wenn irgend ein antikisierender in Holz geschnitzter Fries, bald auf Schränken und Betten aufgetragen und auseinandergezerrt und dann wieder auf Nachtkästchen schmal zusammengedrängt wird, so nennt man das im Möbelhändlerverstande »stilgerecht«. Wenn aber jemand in seiner Wohnung heterogene Dinge zusammenträgt, die ihrer Entstehung nach, räumlich und zeitlich, sehr getrennt sein mögen, aber durchaus echt sind, so ergibt sich vermöge dieser Echtheit eine gewisse Einheit und diese Einheit kann man füglich Stil, vielleicht den einzig wahren und naturgemäßen Stil nennen. Darum beleidigt es unser Empfinden nicht, wenn wir in der neuen Wohnungs-Ausstattung einen echten Perser und an den Wänden gar echte Gobelins vorfinden. Die orientalischen Teppiche haben schöne geometrische Muster und die liegen uns ästhetisch wahrhaft näher, als alle plumpen Pflanzenstilisierungen, die man in der wohlfeilen Teppichfabrikation antrifft. Überdies hat die Moderne auch passende Teppiche geschaffen, die in ruhigen Farben gehalten sind, eine strenge geometrische Zeichnung oder irgend eine phantasievolle Linienführung aufweisen und die Stimmung solcher Räume harmonisch abschließen, Teppiche von Kolo Moser, Josef Hoffmann, Josef Olbrich, Leopold Bauer, Peter Behrens, Max Benirschke u. v. a.

Decke mit Kreuzstich von Elisabeth Toffler
(Kunstschule für Frauen u. Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Decke mit Bändchenarbeit von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen u. Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Vitrage mit Stilstich von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Die weiblichen Handarbeiten, die in diesem Zusammenhange erwähnt werden müssen, bedürfen gleichfalls einer künstlerischen Reform. Hier sollte eigentlich der Ausgangspunkt der häuslichen Kunstpflege sein. Leider hat auf diesem Gebiete die Schablone jede Regung von Selbständigkeit und Geschmack erstickt. Die Arbeit ist zu einer ermüdenden, tötlich langweiligen Übung, zum bloßen mechanischen Ausnähen von allerlei Lappen herabgesunken und rechtfertigt die Verachtung, mit der die radikal Gesinnten die geistlose Beschäftigung ablehnen. Trotzdem sind sie nicht zu entbehren. Sie werden wieder ein Segen sein, wenn die rein mechanische Handarbeit zur künstlerischen Arbeit geadelt ist, was der Fall sein wird, wenn die »handarbeitenden« Frauen die Muster, die sie ausführen, selbst entwerfen auf Grund klarer Kenntnis der Technik, des Materials und des Zweckes.

Leinentischläufer mit Knoten und Stilstich von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).


Lichtkörper und Heizkörper.

Wartezimmer von Arch. Hans Stubner.

Die moderne Lichtquelle, Elektrizität, hat zu Beleuchtungskörpern geführt, deren Form keinem Vorbild entlehnt werden konnte, sondern aus der Natur der Sache geschöpft werden mußte. Hier kann man die lehrreiche Wahrnehmung machen, daß solchen rein sachlichen Lösungen ein großer dekorativer Reiz innewohnt. Glühlampen an Leitungsdrähten in wohlgemessenen Abständen von der Decke herabhängend, können durch ihre Anordnung allein höchst erfreulich wirken. Hier bedarf es keines weiteren Ornaments. Würde ein solches hinzutreten, so dürfte es leicht störend empfunden werden. Die Tatsache, daß aus rein sachlichen Lösungen die glücklichsten dekorativen Wirkungen abzuleiten sind, ließe sich an allen bisher üblichen Beleuchtungskörpern demonstrieren, an denen wir leider gewohnt sind, ein Übermaß der unsinnigsten Ornamente zu sehen. Eine sachlich gelöste Petroleumlampe, die durch zweckmäßige Form allein edel wirkt, gehört, wenn sie wirklich vorkommt, zu den größten Seltenheiten. Für den Künstler ist hier noch immer ein Feld offen. Für Gasbeleuchtung sind moderne Beleuchtungskörper geschaffen worden, aus Metall und Opalscentglas, die formal zu den Schönsten gehören, das wir in diesem Genre besitzen. Dagegen kommt es vor, daß den Kerzenweibchen oder ehemaligen Kerzenlustern elektrische Glühlampen aufgesetzt werden, die auf imitierten Kerzenschäften stehen und solcherart den Anschein einer wirklichen Kerzenbeleuchtung erwecken. Es können immer Fälle vorkommen, bei Festessen z. B., wo man sich lieber der edelsten Lichtquelle, der Kerze selbst bedient, die wie kein anderes Beleuchtungsmaterial geeignet ist, Festweihe und feierlichen Glanz zu verbreiten. Dann aber sollen es wirkliche Kerzen sein. Aufrichtigkeit und ehrliches Bekennen, also hier Materialbekennen, sind Grundlage jedes gesunden Geschmacks. An elektrischen Tischglocken, Tastern, Lichtträgern und Leuchtern hat die neue Zeit viel geschaffen. Aber auch hier ist vor einer gewissen Überkunst zu warnen. Rein sachliche und geschmackvolle Lösungen sind selten. Es muß dahin gestellt bleiben, ob es ein glücklicher Gedanke ist, mit dem Zweckbegriff eine figurale Darstellung zu verbinden, die mit der Sache eigentlich nichts zu tun hat. Wir sehen Leuchter in Gestalt von Lichtträgerinnen, weibliche Gestalten, die Kerzen tragen, bald schwer belastet, bald mit geschlossenen Augen hinschreitend, als Symbol der Nacht, dann emporschwebend wie die züngelnde Flamme oder hingekauert, den Kerzenschaft wie eine Säule umklammernd. Der Plastiker lebt sich nur aus, wenn er an den Gebrauchsgegenständen, die er formt, seine figuralen Ideen verkörpern kann. Unzählige Symbole leitet seine Phantasie aus dem Lichtmotiv ab und umrankt es mit dem üppigen Gespinnst seiner Formerfindung. Diesen Dingen gegenüber, die ja zum Teil auch wirkliche Schönheit offenbaren, ist der Standpunkt fernzuhalten, daß ein sehr gebildeter und disziplinirter Geschmack die streng sachlichen Formen an allen Gebrauchsdingen vorzieht, damit die eigentlichen Kunstwerke, die sich im Raum befinden, zu jener unbestrittenen Geltung kommen können, die ihnen zukommt.

Warteraum von Arch. Alois Hollmann.

Halle von Arch. Alois Hollmann.

Vorzimmer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

In Bezug auf die Heizkörper ist ähnliches zu sagen. Frühere Zeitalter, die u. zw. Renaissance vor allem, hat Öfen gehabt, an denen die Freude am Ornament wahre Orgien feierte. Jeder Kachel trug ein anderes Ornament, eine andere figurale Darstellung, eine andere Farbengebung. Das ganze war ein Wunderbau wie der babylonische Turm. Im Zeitalter des Barock, Rokoko und Empire begegnet man weiß glasirten Öfen in geschwungenen Linien, oder Obeliskenformen, die ein Postament für plastische Gruppen vorstellten. Später kam die Hafnerkunst gänzlich auf den Hund. Heute kann man dem Ofen und der Holz- und Kohlenheizung nicht mehr das Wort reden. Eine neue Beheizungsart stellt sich vor: die Zentralheizung durch erwärmtes Wasser oder Luft und die Gasheizung. Gaskamine wendet man in Wohnungen sehr vorteilhaft an; man kann sich des von der gerippten, blinkenden Metallfläche wiederstrahlten Feuerscheins erfreuen, ein Hochgenuß für romantische Gemüter, die nach der anheimelnden Poesie der »Fireside« der offenen Kamine, eine unbezähmbare Sehnsucht empfinden. Sie können am Gaskamin ihrer Sehnsucht fröhnen, ohne die Schattenseiten der begehrten Dinge zu empfinden. Denn diese Einrichtungen sind technisch vorzüglich. Aber sie sind vom ästhetischen Standpunkt aus unerträglich. Sie sind gewöhnlich mit den heillosesten Stilschnörkeln verbrämt. Da hilft nur Eines: Man gibt ihm eine hölzerne Umhüllung, weiß oder sonstwie lackiert, mit einem Gesimse für kleine Kunstwerke versehen und mit Sitzgelegenheiten rechts und links. Wir haben damit in unserer Stadtwohnung die gemütlichste und traulichste Einrichtung gewonnen, wie man sie sonst nur in einem englischen Hause zu finden gewohnt ist.

Vorzimmer von Arch. Karl Sumetsberger.


Vorzimmer und Dienerzimmer.

Der erste Schritt, den wir in eine Wohnung tun, belehrt uns gewöhnlich, wessen Geistes dieses Heim ist. Der Vorraum, den wir zuerst betreten, ist schon für alle anderen Räume bezeichnend. Die Persönlichkeit färbt überall ab. Ein Haus, dessen Neben- und Nutzräume nicht in Ordnung sind, wird auch nicht ein einziges Gemach besitzen, das volles Behagen gewährt. Umgekehrt wird sich ein ordnender und liebenswürdiger Hausgeist auch bis auf die äußerste Schwelle bemerkbar machen. Praktisch betrachtet, hat ein Vorzimmer zwei Aufgaben zu erfüllen. Es dient als Warteraum für den Besuch, der sich melden läßt, um nicht unvermittelt in die Gemächer zu treten. Der angemeldete Besuch benützt den Augenblick, Hut und Überkleider abzulegen und mit einem prüfenden Blick in den Spiegel sich über die Ordnungsmäßigkeit seiner Toilette zu versichern. Demnach ergeben sich als unerläßliche Möbelstücke: eine Kleiderablage für Röcke, Hüte, Stöcke und Schirme, ein Wandspiegel, der gewöhnlich damit in Verbindung steht, einige Sitzgelegenheiten, am besten einfache Stühle und ein Tischchen mit Lade. Die Hausfrau erkennt eine weitere Aufgabe des Vorzimmers darin, daß sie es zur Aufnahme ihrer eigenen Kleiderschränke einrichtet. Denn bei den heutigen beschränkten Raumverhältnissen in Mietshäusern und den neuen Raumgestaltungsprinzipien sucht man derartige große Wandschränke aus den Wohnzimmern zu bannen und ins Vorzimmer zu verlegen. So mag man denn an allen Wänden gleichförmige Schränke finden, die aus einem Stück, jedoch in viele Teile zerlegbar, bestehen können. Man wird aber gut tun, die ganze Wandhöhe bis zum Plafond schrankartig abzubauen und die oberen Fächer, die Separattüren ober der Kopfhöhe haben, zur Aufnahme von allerlei Schachteln und sonstigen Effekten, wenig benützten Kleidern u. s. w. zu verwenden, denn in einem Haushalt werden leicht alle Fächer und Schränke zu wenig, um zu beherbergen, was sich im Laufe der Zeit ansammelt. Es kann aber auch, um nicht eine Wand für die Kleiderablage mit Spiegelteil opfern zu müssen, eine solche Kleiderablage und der Spiegel vorne an einem oder mehreren der Schränke angebracht, der Spiegel in eine der Schranktüren eingelassen, die Kleiderhaken neben den Schranktüren befestigt und solcherart alle vier Wände mit Schränken abgebaut werden. Selbstverständlich wird man weiches Holz zu diesem Zweck verwenden und in einer Farbe, am besten weiß, lackieren oder streichen. Als Bodenbelag findet man vielfach Matten, die mit einfachem Muster von Künstlern entworfen, durch die Prag-Rudniker Korbwarenfabrikation stark in den Handel gebracht werden und sich vortrefflich bewähren. Ein solcherart ausgestatteter Vorraum besitzt alle Vornehmheit und Anspruchslosigkeit, deren er bedarf, wenn er den Besucher auf die gastlichen Haupträume vorbereiten will. Unterordnung in den Hauptgedanken der Wohnungsausstattung ist hier Gesetz. Im Vorraum pflegt man gute Bilder und sonstige Kunstwerke nicht unterzubringen; schlechte soll man aus Geschmacksgründen noch weniger hinstellen, weil der Raum keine Trödelkammer sein soll und da leicht eine geringschätzige Meinung von den Inwohnern erwecken kann. Aber es ist keineswegs Grundsatz, daß aus den Vorräumen Kunstwerke, wie Bilder und Plastik, verbannt sein sollen, im Gegenteil, wenn das Haus weitläufig genug ist, und das Vorzimmer, wie es heute geschieht, mehr den Charakter einer »Hall« empfängt, fänden sie auch hier ausgezeichnet Platz und trügen von dem Geist und der Vorliebe der Bewohner freundliche Spuren über die Schwelle ihrer inneren Wohnräume hinaus und dem Besucher einladend entgegen. Wir mögen uns da nur einmal Goethe’s Beispiel vor Augen führen und sein Haus in Weimar rekonstruieren, wie es anfangs des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat. Ohne glänzend zu sein, war alles höchst edel und einfach; auch deuteten verschiedene an der Treppe stehende Abgüsse antiker Statuen auf Goethe’s besondere Neigung zur bildenden Kunst und dem griechischen Altertum. Der Vorraum in der I. Etage trug die Zeichen »Salve« als freundliches Willkommen und einer der zwei Vorräume, wo man zu warten genötigt war, war durch ein rotes Kanapee und Stühle von gleicher Farbe überaus heiter möbliert; zur Seite stand ein Flügel und an den Wänden sah man Handzeichnungen verschiedener Art und Größe.

Kleiderablage von Architekt Max Benirschke.

Kleiderschrank v. Arch. G. Winkler.

Vorraum mit Sitzgelegenheit in der Fensterecke von Arch. Max Benirschke.

HOLZ. WEISS LACKIERT.
WAND MIT BLAU SCHABLONIERTER
STOFFBESPANNUNG
OBERE WAND: GRAUER RAUHER
PUTZ MIT GRAUEN KACHELN
OBER DEN THÜREN STUCKRELIEFS
MIT THEILWEISER KACHELVERZIERUNG

Vorraum mit Treppe von Arch. Max Benirschke.

Dienstbotenzimmer von Architekt Prof. Josef Hoffmann.

Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

So bei Goethe. Freilich zwischen dem Alt-Weimarer Hause Sr. Exzellenz und einer modernen Stadtwohnung, ist ein Unterschied.

Zu jenen Räumen, für die man im Allgemeinen auch das Schlechteste für gut genug hält, gehören die Dienerzimmer. Es ist ein trauriges Zeichen schlechter sozialer Begriffe und unzureichender menschlicher Einsicht, wenn man in einem Hause die Dienstleute, denen man doch Treue und Anhänglichkeit zum Gesetz macht, schlecht versorgt findet. Im Dienstverhältnis gibt es nach beiden Seiten hin Pflichten und Rechte und kein Teil, weder Dienstgeber noch Dienstnehmer, dürfte dem anderen etwas schuldig bleiben. Für menschenwürdige Zustände im Hinblick auf das Dienstpersonal zu sorgen, ist auch eine der ersten Pflichten der Hausfrau, wenn sie nicht Recht behalten sollte, daß sie wirklich »bezahlte Feinde« im Hause habe. Guter Geschmack heißt hier wie überall Reinlichkeit und Zweckdienlichkeit. Massiv eiserne Betten (Hohlräume sind immer Aufenthalt unausrottbarer Ungeziefer), einfache Möbel aus weichem Holz in irgend einer Farbe gestrichen, Tisch, Stuhl, Schrank und Waschgelegenheit möblieren den Raum vollständig und können ihn zugleich recht wohnlich machen. Wenn für das persönliche Wohl der Dienstleute in mustergiltiger Weise gesorgt ist, ist das immer eine Ehre für die Hausfrau.


Die Küche.

In einem Lobliede an die Küche meint Gilles Corrozet (1534), daß es eine schöne Sache sei um ein geschmücktes Haus, um eine behagliche Stube, um den wohlbestellten Speicher und Keller, daß aber ein Haus trotzdem nichts Erquickliches böte, wenn man nicht auch eine gute Küche sehe, die gute Küche, wo die freundlichen Götter Diana, Ceres und Bachus ihre gesegneten Gaben niederlegen, wo der freundliche, Zufriedenheit und Wohlbehagen spendende Hausgeist im Winkel am Herde tront und leibliche Stärkung und Mehrung der Daseinsfreude verheißungsvoll winken.

Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Der gute Corrozet ist ein praktischer Idealist; wer auf guten Tisch hält, (und wer tut das nicht) muß vor allem auf gute Küche halten, und darum gibt er seinen Zeitgenossen eine umständliche, in zierliche Reime geflochtene Darstellung einer ganzen Kücheneinrichtung, in der er auch nicht »die Lichtschneutzen« vergißt und daraus man leicht ersehen kann, welche hervorragende Wichtigkeit die Küche im damaligen Haushalt besaß. Sie ist die Urzelle des Hauses, aus der die anderen Räume erst nach und nach hervorgegangen sind. Noch im XVIII. Jahrhundert vollzog sich auf den seigneuralen Gütern Frankreichs das Leben vorzugsweise in der Küche, während die übrigen Gemächer des Hauses als bloße Repräsentationsräume nur gelegentlich benützt wurden.

Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Sicherlich ist die Küche der am frühesten und am vollkommensten ausgebildete Teil des Hauses gewesen. Über deren Einrichtung läßt uns auch die »Nürnberger Haushälterin« nicht im Zweifel, die im Jahre 1716 über das deutsche Bürgerhaus schrieb: »Von einer wohlgebauten Küche wird vornehmlich gefordert, daß sie nicht allzuweit von der Esstube entfernt seye, damit nicht im Winter das Essen, wenn es weit getragen werden muß, kalt auf den Tisch gebracht werde.« Man darf sich hierbei wohl nicht eine Stadtwohnung mit gedrängten Räumen vorstellen, sondern ein weitläufiges altdeutsches Bürgerhaus, wo möglicherweise die Küche, wie in den heutigen Landhäusern und Villen, im Untergeschoß gelegen war. Daher die Mahnung der »Nürnberger Haushalterin«, die zu ihrer Zeit die vortreffliche Einrichtung von Speiseaufzügen nicht gekannt haben dürfte.

Porzellanservice von Frl. Jutta Sicka.

Porzellanservice von Frl. Jutta Sicka.

Gegenüber den alten Küchen, so vollkommen sie auch mit Gerätschaften versehen sein mochten, haben die heutigen, von modernen Architekten eingerichteten Küchen entschieden bedeutende Vorzüge aufzuweisen. Das Gebot der Zweckmäßigkeit und sanitäre Rücksichten erfordern, daß die Küchen hell seien, in modernen Landhäusern legt man daher die Fenster breit und ziemlich hoch an, selbst wenn dies nicht durch die tiefe Lage des Raumes im Souterrain erforderlich sein sollte, damit die Wandflächen für die Kücheneinrichtung gut ausgenützt werden können. Unter diesen Fenstern befinden sich in der Regel die Schränke mit möglichst viel Laden und Stellagen, die mit Glastüren verschlossen sind. In der Mitte der Wand, unterhalb der Fenster finden wir häufig den Anrichtetisch, in seinen Unterteilen als Schrank ausgenützt und von einem Gesims mit verschließbaren Fächern gekrönt. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der Herd. Im Gegensatz zur Küche von einst, die man erst dann für schön erachtete, wenn das blitzblanke Messing- und Kupfergeschirr, die bunten Töpfe aus Steingut und Porzellan, die Zinn- und Blechgefäße an Wänden und offenen Stellagen zum Entzücken der Hausfrau prangend ausgestellt waren, liebt man es heute, jegliches Küchenrequisit in den Schränken abzuschließen und hat damit vollkommen recht. Denn so kann das Geschirr von Staub und Fliegenunrat frei gehalten werden und man erspart ein Übermaß von Reinigungsarbeit. Nur das Kupfergeschirr läßt man frei hängen. Eine solche Küche sieht aber auch appetitlich genug aus, namentlich, wenn die Wände weiß verkachelt sind, wie das neuestens oft der Fall ist. Bis zu einer gewissen Höhe wenigstens sollen die Wände verkachelt sein, soweit eben spritzendes Wasser reicht. An Stelle der Kacheln werden auch dünne Marmorplatten verwendet und zwar nur weiße, weil es aus begreiflichen Gründen Grundsatz ist, daß weiß vorherrsche. Darum werden sämtliche Holzgegenstände, also die ganze Kücheneinrichtung weiß lackiert, wobei man den Vorteil hat, durch einfaches Abwaschen jeden Schmutz leicht zu entfernen. Daß man auf weiß jede Unreinlichkeit sofort sieht, ist nur ein Vorzug, denn sie soll nirgends und am allerwenigsten in der Küche geduldet werden. Will man durchaus ein Ornament, so soll es nur ein Flachornament sein, aufschablonirt und sparsam angewendet. Jede Schnitzerei ist zu verpönen, sie wirkt nur als Staubfänger. Im Übrigen hat man Bedacht auf gradlinige einfache Formen ohne Gesimse, und auf einfache ungeteilte Holzflächen, die durch bloßes Abwischen rein gehalten werden können. Die Küchenmöbel sollen mit ihrer Fläche bis auf den Fußboden herabgehen und auf diesem ohne Füße fest aufstehen, damit sich unterhalb der Schränke keine unkontrollierbaren Schmutzwinkel bilden können. Dagegen tut man gut, die Stuhl- und Tischflächen, die oft gerieben werden müssen, überhaupt nicht zu streichen, sondern bloß fein gehobelt im ursprünglichen Holzton stehen zu lassen, und so einzurichten, daß sie abnehmbar sind. Auf diese Art können sie am besten gewaschen und gerieben werden, wovon das Holz bald ein blühweißes Aussehen bekommt. In Bezug auf den Fußboden hat man auch zu bedenken, daß in Küchen immer Wasser verschüttet wird, und daß er mit Wasser abgeschwemmt und solcherart leicht gereinigt werden soll. Darum wird man den Steinboden dem bisherigen Brettelboden vorziehen. Der Steinboden aber bedeutet einen Angriff auf die Gesundheit der Köchinnen, die ohnehin meistens gichtisch sind. Da bietet denn das Xylolith einen Ausweg. Xylolith ist ein Kunststein, der auf Holz aufgetragen wird, nicht so hart wie Naturstein ist, aber sonst alle seine Vorzüge aufweist und noch mehr. Er ist nämlich schon in allen Farben zu haben und man kann ihn nach seinem persönlichen Geschmack wählen. Zu dem blinkenden Weiß der Wände passt sehr gut ein roter oder blauer Xylolithboden.

Theeservice aus Silber von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Die Französin des XVIII. Jahrhunderts mußte ihr Paradebett haben, die deutsche Frau ihre Prunkküche. Das kennzeichnet zur Genüge den Unterschied zweier Nationen. Heute existiert beides nicht mehr. Vieles wird heute fertig ins Haus gebracht, was einst im Hause erzeugt werden mußte. Selbst der Kohlenherd ist in Gefahr verdrängt zu werden. Gas und Elektrizität, Centralversorgung, spielen eine immer größere Rolle.

Wenn auch die Küche heute nicht so umfangreich ist, wie die altdeutschen Küchen waren, so bildet sie doch noch immer eine Macht im Hause, von der das Glück im Heimwesen zum großen Teil abhängt. An ihr sieht man, was die Hausfrau ist oder was sie nicht ist. Es gibt Köchinnen, die einen Dienstort verlassen, wenn ihre Werkstätte, die Küche, nicht der Würde und Bedeutung des Raumes entsprechend ausgerüstet ist. Die schlechtesten Köchinnen sind das sicherlich nicht.

Vasen von Prof. Moser, ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.


Ästhetik des Eßtisches.

Es war eine geistreiche Dame, die bei einem Diner, das sie für eine große Gesellschaft veranstaltete, folgendermaßen verfuhr: Nach dem Grundsatze, den die Römer schon kannten, daß eine Tischgesellschaft nicht weniger als die Zahl der Grazien und nicht mehr als die Zahl der Musen betragen sollte, verteilte sie die zahlreichen Gäste an ebensoviele Tische als nötig waren, um die gesegnete Zahl herzustellen. Und sie stimmte jeden Tisch auf eine andere Farbe. Sie hatte sich mit den Damen ins Einvernehmen gesetzt, und sie mußten ihre Toilette der Farbe ihres Tisches anpassen. Selbst die Tischtücher mußten Farbe bekennen, und man sah die ganze Skala des Regenbogens vertreten, ja sogar ein schwarzes Tischtuch war vorhanden. Die Blumen wurden dementsprechend gewählt und verteilt. Die geistreiche Dame hatte von ihrer meisterhaften Anordnung eine außerordentliche Wirkung erwartet und die Wirkung war außerordentlich. Sie war nämlich außerordentlich geschmacklos. Sie war so geschmacklos, daß man wirklich sehr geistreich sein muß, um dergleichen einmal begehen zu dürfen. Sie hat es sicherlich nicht wieder getan. Die feine Lehre war daraus zu ziehen, daß für das Gedeck nur eine Farbe existiert, die den Glanz der Frische und der Appetitlichkeit gewährt, das festliche Weiß, als der richtige Grundton, davon sich das Silber, Krystall, Porzellan und die freudigen Farben der Blumen schön und erquicklich abheben und zugleich ein Schmaus für das Auge sind. Die ästhetische Befriedigung ist ein wesentlicher Bestandteil der Tafelfreude. Nebst dem feinen weißen Linnen, das manche Frauen, wie namentlich in früherer Zeit, hüten wie Silber, ist es die Blume, welche dem gedeckten Tisch den Adel künstlerischer Schönheit verleiht. Wie bei allen Dingen, kommt es auch hiebei nicht auf die Kostbarkeit oder Seltenheit der Blumen an, sondern auf die Art, wie sie verwendet werden. Gerade unsere einfachen heimischen Blumen, mit schlichter Treuherzigkeit Bauernblumen genannt, können, klug gebraucht, zu den feinsten Wirkungen gebracht werden, und man erinnere sich nur daran, was Lichtwark über den Löwenzahn als Tischblume sagt. Der vielverachtete Löwenzahn, der den ganzen Tisch auf Gelb stimmt, könnte eine unvergleichliche Tischblume abgeben. Mit gelben Blumen näht die Hausfrau gerne ihren Tischläufer aus, und eine unbewußte Anerkennung liegt darin, daß Gelb auf weißem Tischzeug besonders schön steht. Aber gerade hier ist viel Takt in der Anwendung erforderlich. Streublumen sind sehr beliebt, aber sie sehen alsbald welk aus, verursachen häßliche Flecken und eine krause Unordnung am Tisch, die ihr freundliches Aussehen von früher bald ins Gegenteil verwandelt. Ein Künstler hatte den glücklichen Einfall, die Schnittblumen in kleinen würfelartigen Glasgefäßen, die in regelmäßigen Abständen eine Reihe in der Mitte des Tisches bildeten, aufzustellen, und er hat damit das Rechte getroffen. Heute bekommt man zu diesem Zwecke kleine Glasgefäße mit dreieckiger Basis, die man in beliebiger Weise zu Gruppen mit hoch- und kurzstengeligen Blumen vereinigen kann. Hohe Blumen- und Fruchtaufsätze, welche die einander gegenübersitzenden Personen den Blicken entziehen, haben sich als unzweckmäßig und geschmacklos überlebt.

Tafelaufsatz und Blumengefäße von Baronesse Falcke, ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.

Speisezimmer von der Vereinigung „Wiener Kunst im Hause“.

Entwurf von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.

Speisezimmer von Arch. Alois Hollmann.

Die Reform des Tafelgedeckes beginnt schon bei der Serviette. Sie hat heute noch eine Form, die ihre Gebrauchsart längst überlebt hat. Kein Mensch von Lebensart wird sie heute noch mit einem Zipfel unter dem Kinn in den Kragen stecken. Man legt sie heute einfach über den Schoß. Die zweckentsprechende Form sollte demnach jene sein, welche etwa das Handtuch besitzt: ein längliches Rechteck. Daß die Serviette weich und lind sei, wird zwar in der Theorie immer verlangt, aber die Praxis kennt nur damastene Servietten, die anfangs bocksteif sind und nach längerem Gebrauch abhaaren. Die Zeiten sind wirklich vorüber, wo Linnen dem Silber gleichgestellt war.

Zimmerecke von Arch. Franz Exler.

Über das Glas wäre manches zu sagen. Gewöhnlich sitzt das Glas wie ein Blumenkelch auf hohem dünnen Stengel, was zwar anmutig anzusehen, aber in sehr hohem Maße unpraktisch ist. Erstens wird die Standfestigkeit gering, bei leiser Berührung fällt das Glas um, und zweitens ist der Stengel beim Reinigen allzuleicht abzudrehen. Aber auch dickes Glas ist nicht zu empfehlen, weil nicht gut daraus zu trinken ist. Zwischen Lippe und Flüssigkeit soll sich so wenig Glaswand befinden als immerhin möglich. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich die organische Form des Trinkglases von selbst; es müßte einen starken, feststehenden, starkwandigen Fuß und Stengel haben und müßte gegen den Rand ganz dünn verlaufen, um als angenehmes Glas empfunden zu werden. Handsam soll das Glas sein und mundgerecht. So einfach die Lösung scheint, ich habe ein solides Glas noch nicht gefunden.

Speisezimmer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Dem Glase steht das Porzellan zunächst. Ich weiß, daß die meisten Leute buntbemaltes Geschirr lieben. Es macht zwar nicht viel aus, ob das Geschirr bemalt ist oder einfach weiß, nur ist zu bedenken, daß die Bemalung häufig Schäden des Porzellans verdecken muß. Reliefartiger Dekor am Tellerrand ist im höchsten Grade unzweckmäßig, aber alles Unzweckmäßige ist am häufigsten anzutreffen. Ganz weißes Geschirr ohne bunte Streifen ist sehr vornehm in der Wirkung, aber merkwürdigerweise selten im Gebrauche zu finden.

Standuhr von Arch.
Prof. Joseph Hoffmann.

Standuhr von Arch.
Max Benirschke.

Und nun das Silber. Es ist ja heute noch der Stolz jedes wohlhabenden Hauses, der wohlgehütete Schatz, den man nur zu besonderen Festtagen oder zu Ehren eines Gastes zu verwenden wagt. Die Silberlöffel im Alltag zu gebrauchen, würde der Mehrzahl der Hausfrauen als beispiellose Verschwendung erscheinen. Ich weiß wirklich nicht aus welchem Grunde. Gerade für den Alltagsgebrauch ist echtes Edelmetall wie Silber allein zu verwenden, weil es widerstandsfähiger und sauberer zu halten ist als billiges Zeug, das oftmals erneuert werden muß, immer übel aussieht und zuguterletzt viel höher zu stehen kommt als Silber. Der wahrhaft ökonomische Sinn wird sich immer nur des letzteren bedienen. Gewöhnlich aber ist für die Hausfrau das Silberzeug bloß Gegenstand des platonischen Genusses, ohne weiteren Daseinszweck, als »still im eigenen Glanz zu ruhen«, und als Brautgeschenke gefühlsame Erinnerungen der Hausfrau zu bewahren. Den Kranz so frommer Tugenden aber wollen unsere ungeweihten Hände nicht zerreißen. Sprechen wir lieber von der Form, die das Silberzeug erhalten hat. Die Liebe der Künstler hat sich ja dem Silber in besonderem Maße zugewendet, und gerade in den letzten Jahren ist viel an dem Tafelbesteck probiert worden. Bei der heutigen Art, Messer und Gabel leicht zu halten, hat das Besteck auch jene Leichtigkeit und Zierlichkeit erhalten, die man ihm wünschen mag. Jedermann hat sich schon über die Gabel geärgert, die absolut keine Sauce fassen will. Als aber Oberbaurat Otto Wagner sein Reformbesteck ausstellte, gab es dennoch eine kleine Erschütterung. Man ist die alte Form schon so gewöhnt, daß die wenigsten Menschen einsehen wollen, daß es da noch etwas zu reformieren gibt. Da gab aber eines Tages ein einarmiger General den Anstoß zu einer Revolution. Der wollte eine Gabel, mit der er nicht nur spießen, sondern auch schöpfen und nötigenfalls auch schneiden konnte. Die Gabel wurde gefertigt; sie besaß eine flache löffelartige Form mit drei kurzen Zinken, so daß man damit bequem spießen und zugleich Sauce fassen konnte.

Diese Gabel ist sicherlich der reformierteste Teil des Reformbesteckes. Sie dürfte allgemeine Annahme finden, denn auch von der hygienischen Seite her ist ihr Angenehmes wegen ihrer leichten Reinbarkeit nachzusagen.

In den Ansprüchen, die wir in ästhetischer Hinsicht an den Eßtisch stellen, prägt sich ein guter Teil unserer Erziehung und unserer persönlichen Kultur aus. Die Mahlzeiten sind Feste des Leibes, die bei Homer, der von seinen Helden getreulich berichtet, wann sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben, eine Art fröhlicher Gottesdienst werden. Der Adel der Form kommt später hinzu. Es genügt dem Kulturmenschen nicht, daß das Mahl lecker bereitet sei. Die schöne Form ist nicht zu entbehren. Sie ist das halbe Essen. Die ästhetische Forderung wird geradezu zur körperlichen. Eine gewisse absolute Schönheit des Eßtisches hat sich herausgebildet, die sich mit Einfachheit wohl verträgt und die nur eine Verschiebung hinsichtlich der Kostbarkeit verträgt. Diese ist aber sicherlich zu entbehren. Eine Sehnsucht nach Schönheit geht durch unser Zeitalter. Wenn nichts fruchtet, will man wenigstens »in Schönheit sterben«. Das ist gewiß sehr edel, aber anmutsreicher ist: »in Schönheit leben«. Und dazu gehört: »in Schönheit essen«.


Das Speisezimmer.

Vor Jahren sah es freilich noch anders aus. Wie es in den meisten Wohnungen heute noch aussieht. Altdeutsch war es, oder was man darunter versteht. Der Plüschdekorationsdivan trug die ach so bekannten Dekorationsteller. Die altdeutsche Kredenz war geschnitzt, zwar sehr roh und albern, aber im großen und ganzen trug das Möbel eine Façade wie ein italienischer Palazzo. Säulen waren an jedem Türchen, aber sie hatten nichts zu stützen. Sie waren angeklebt und bewegten sich mit der Tür auf und zu. Ich erzähle das nur, um auf den Widersinn einer solchen Ornamentik, die man an jedem derartigen Möbel finden kann, gebührend aufmerksam zu machen. Die anderen Einrichtungsstücke paßten dazu — insofern waren sie wirklich »stilgerecht«. Der massive Speisetisch hatte unten eine kreuzweise Verspreizung, so daß man nie recht wußte, wie man die eigenen Beine unter dem Tische unterbringen soll. Es war zu wenig Platz, und sie auf die Verspreizung zu stellen, litt die Hausfrau nicht. Die üblichen Speisezimmersesseln standen herum, mit Sitzflächen aus Holz, das figurale Ornamente eingepreßt hatte, so daß man sich nicht niedersetzen konnte, ohne sich einer schönen Marke mitten ins Gesicht zu setzen — herrlich! Natürlich war auch ein Pfeilerspiegel da mit Trumeau, dunkle Vorhänge, um alles in allem die beziehungsreiche, wurstrot- und sauerkrautfarbene Gesamtstimmung zu erzeugen, die seit einer Generation in Speisezimmern so beliebt ist.

Schrank und Wandmalerei von Arch. Max Benirschke.

Buffet von Arch. Max Benirschke.

Schlägt man die Tageszeitungen auf, so findet man spaltenlange Annoncen, darin solche Intérieurs angepriesen werden. Man mag daraus ersehen, daß sie noch immer ein Publikum finden, das diese Mühe und Kosten verlohnt.

Schrank von Arch. Max Benirschke.

Standuhr von Architekt Max Benirschke.

Standuhr v. Arch. Max Benirschke.

Beim Stuhl begann die Revolution. Man verlangte, daß er Bequemlichkeit gewähre, und bestimmte die Sitzhöhe nach dem körperlichen Maß. Eigentlich hat man das auch in Goethes Zeiten getan und vielleicht schon zu Moses Zeiten, aber man hat seit der Zeit, da man fremde Stile kopierte, darauf vergessen. Die Querleisten zwischen den Beinen wurden als lästig empfunden und blieben weg. Dann kam die Lehne in Betracht. Hiebei ist die Atmung zu berücksichtigen. Geht die Lehne im Bogen, so muß sie unter den Schultern abschließen, sonst verursacht sie Atembeklemmungen. Geht sie höher, so schließe sie besser gerade ab. Doch soll sie möglichst niedrig sein, sonst bildet sie ein Hindernis beim Servieren. Von der Stuhlform hängt der Tisch ab. Die richtige Höhe ist bei Speisetischen sehr wichtig. Ausziehtische sind natürlich bevorzugt, wenn sie auf guten Rollen laufen. Die Zarge darf nicht so weit herabreichen, daß sie das Knie des Sitzenden beengt. Die Querstangen sind absolut zu vermeiden. Man hat neuestens den Tischfuß mit gehämmertem Messing umkleidet, darauf man unbekümmert die Füße stellen kann. Buffet, Teetisch, Serviertisch ergänzen das Mobilar. Das Ornament besteht höchstens in eingelegten Linien, im flachen Dekor. Glatte polierte Formen, die anmutige Reflexlichter erzeugen, den Glanz des Silberzeugs, die Weiße des Porzellans widerspiegeln, sind durchaus beliebt. Die Tafelaufsätze sind niedrig, einfach und zweckvoll. Den Hauptschmuck bilden die Blumen, auf der Tafel und am Fenster. Dort hängen keine Stoffgardinen mehr, die Rembrandtstimmung ist dahin, alles ist auf Luft und Licht und Farbe gestimmt, auf helle, freundliche Farben. Durchsichtige Gardinen, seitlich aufzuziehen, hängen in geraden Falten herab. Die Wände sind natürlich auch hell, keine Tapeten, keine Dessinierung. Perlgrau zum Beispiel. Das Möbelwerk gebeizt oder lackiert. Mahagoni ist schön und teuer. Rot gebeiztes Holz tut es auch. Stühle und Tisch in diesem Ton, dagegen die Buffets, die Kaminverkleidung, der Blumenständer etc. weiß lackiert. Das gibt einen schönen Akkord. Unter Kaminverkleidung verstehe ich die Umhüllung des Gaskamins, mit Fächern zur Aufnahme von allerlei Kleinkunst. Für den Bodenbelag findet man heute schon gutes und billiges Zeug in geeigneten Farben, entweder einfärbig oder gestreift oder sonst mit einem ruhigen Linienornament. Wo elektrisches Licht ist, hat man den Vorzug einer gleichmäßig verteilten Deckenbeleuchtung. Auch bei den Beleuchtungskörpern lasse man es nur auf reine Zwecklichkeit ankommen und verschmähe allen ornamentalen und figuralen Kram, der sich in dieser Form immer wieder anpreist. Erst wenn man von jedem Ornament absieht, wird man zu ruhigen, einheitlichen Wirkungen und zu einer stillen und vornehmen Schönheit gelangen. Wenn man einmal so weit sein wird, die Farbe zu würdigen, die ungebrochenen einfachen Farben, nicht die schmutzig aussehenden, dann wird man im Raum glückliche Ergebnisse erzielen, die man nur andeuten kann.


Der Salon.

Die Hausfrau, der stets die Sorge um ein standesgemäßes Heim am Herzen liegt, steht dieser Frage häufig ratlos gegenüber. Bei den anderen Räumen gibt es keine solchen Schwierigkeiten, deren Einrichtung ergab sich notgedrungen, aus dem Bedürfnisse heraus. Aber beim Salon — das ist etwas anderes. Hier spricht das Bedürfnis nicht so laut; man wohnt nicht darin; man hat ihn gewöhnlich nicht für sich, sondern für die anderen. Also um darin zu repräsentieren. Es gehört zu den Herkömmlichkeiten, daß selbst jede kleinere Wohnung ihren »Salon« hat. Dazu wählt man fast immer das beste und größte Zimmer, die anderen Räume werden ins Hintertreffen gerückt. Ich halte zwar die Gemächer, die meinem persönlichen Dasein dienen, für weitaus wichtiger, aber das gehört nicht hieher. Im Salon kann man zeigen, daß man auch »wer« ist, und das erklärt alles. Also wendet sich die ratlose Hausfrau an ihr Hausblättchen, von dem sie gewöhnlich auch die Kochrezepte bezieht: »Bitte, wie richte ich meinen Salon ein?« und erhält alsogleich probaten Rat in der herkömmlichen Form: »Man nimmt ein paar Stühle verschiedener Form und Größe, mit beliebigem Seidenstoff gepolstert, kleine Tischchen, ein Sopha, Fauteuils etc.« Die Durchschnittssalons der bürgerlichen Wohnungen schmecken alle nach diesem Rezept. Der Möbelhändler liefert den bric-à-brac, den billigen Tand, die Gipsstatuen und all den Kram, der für wenig Geld viel Geschrei machen soll.

Buffet von Arch. Franz Exler.

Buffet von Arch. Hans Stubner.

Dieselbe Öde und Langeweile, den Mangel jeder persönlichen Regung findet man von Haus zu Haus. Was auch die praktischen Ratgeber und Möbelhändler sagen mögen, so richtet man einen Salon nicht ein. Wozu haben wir überhaupt einen Salon? Welche Aufgabe soll er in dem Organismus unseres Hauses erfüllen? Soviel steht fest: In der Form, wie wir ihn meistens finden, bildet er einen toten Raum. Sollte der »Salon« nicht derart zu gestalten sein, daß er auch von dem Leben erfüllt werde, das die anderen Räume beherrscht, daß er nicht bloß einer unzulänglichen Repräsentanz diene, sondern wirklich der Bedeutung gleichkomme, die man ihm auf Kosten der Bequemlichkeit in der bürgerlichen Wohnung einräumt? Die Sache ist der Untersuchung wert.

Speisezimmer von Arch. R. Bräuer.

Schon das Fremdwort »Salon« besagt, daß wir es mit einem Raume zu tun haben, der aus einer fremden Kultur stammt. Die italienische Renaissance veratmet in dem Wort. »Salone«, »großer Saal«, so hieß der große Empfangsraum im italienischen Palazzo. Was wir heute unter dieser Bezeichnung in unseren Durchschnittswohnungen finden, ist freilich eine Farce auf den ursprünglichen Geist eines solchen Raumes. Soll der Salon für unsere Verhältnisse wieder Sinn und Zweck bekommen, dann müssen wir ihn seines anscheinend repräsentativen Charakters, der für die große Mehrzahl ohnehin bedeutungslos ist, entkleiden, und ihm das Gepräge eines persönlich intimen Raumes geben. Nach einer gesunden Auffassung von der Sache hat aber der bürgerliche Salon die Aufgabe, alle Dinge aufzunehmen, welche die Persönlichkeit, ihre Neigungen und ihre Ideale charakterisieren. Jegliches Ding darin müßte von der Persönlichkeit etwas auszusagen haben. Für die gebildete Hausfrau oder den gebildeten Hausherrn wird der Salon recht eigentlich Bibliothek oder Arbeitszimmer sein, wo die Lieblingsbücher stehen und die Studien gepflegt werden, wo an den Wänden in geeigneten, zum Auswechseln gerichteten Rahmen die Kunstblätter hängen, die Sammlungen aufgestellt sind und aus allen Dingen die geistigen Wesenszüge der Bewohner sprechen. Hier, wo man von allen Gegenständen seiner Neigungen umgeben ist, wird man am angenehmsten plaudern, und die Langeweile, dieser tötliche Feind aller Lebensfreude, wird solchen Räumen sicherlich fernbleiben. Die Unterhaltung, die von diesen Gegenständen her Nahrung empfängt, wird leicht und fesselnd sein, weil sie solcherart die Eigenart der Bewohner auf unauffällige und sympathische Weise offenbart, und eine anziehende Neuheit darin besitzt, daß sie sich nicht um die Schwächen des abwesenden lieben Nächsten zu drehen braucht.

Buffet von Arch. Georg Winkler.

Wo diese Auffassung platzgreift, stellen sich die neuen Grundsätze für die zweckmäßige Einrichtung ungerufen ein. Die gute Hausfrau, die bereits gemerkt hat, um was es sich handelt, weiß nun mit einemmal, was sie für ihren Salon braucht. Sie wird Wände und Plafond in einfachen ruhigen Farben halten, vielleicht einfärbig bloß mit einem herumlaufenden Fries, oder sie wird, wenn sie Stofftapeten haben will, zu einem modernen Muster greifen. In Stofftapeten ist auch mehr Farbenfreude und Lebhaftigkeit der Zeichnung statthaft. Sie wird die Möbel so einfach, aber auch so gediegen herstellen lassen als möglich, vielleicht aus Mahagoni oder rotgebeiztem Holz, mit dem sich auch weiße Lackmöbel gut verbinden lassen. Die Möglichkeiten sind nicht auszudenken, der gute Geschmack wird mit allen Mitteln das richtige treffen. Die Anordnung der Möbel wird selbstverständlich von der bisherigen Aufstellung sehr verschieden sein müssen. Man wird in einem solchen intimen Raum Wert darauf legen, eine gemütliche Plauderecke zu besitzen, ein cozy-corner, das eine Ecke des Zimmers füllt, eine halbkreisförmige gepolsterte Sitzgelegenheit enthält, und ein Tischchen davor, wo man behaglich sitzen kann, den ganzen Raum beherrscht und sich dennoch abgeschlossen und geborgen fühlt. Das Fenster, das bei der Art unserer Zimmer leider so wenig Raum an der Wandseite läßt, wird einfach zur unteren Hälfte verkleidet, wenn es sich nicht anders tun läßt. Von diesem Platze aus ergibt sich die geschmackvolle Aufstellung der anderen Möbelstücke, die immer nur nach Maßgabe des persönlichen Bedürfnisses vorhanden sein werden, ganz leicht.

Speisezimmer von Arch. Karl Witzmann.

Speisezimmer von Arch. Max Benirschke.

Man glaube indessen nicht, daß die Sache so brandneu ist, daß man es nicht wagen dürfe, sie aufzunehmen. Bei den Künstlern gehört es zur Überlieferung, die ganz selbstverständlich ist, daß sie ihre Gäste im Arbeitsraum, also in der Werkstatt, im Atelier empfangen. Das Atelier ist zugleich ihr Salon. Darum unterhält man sich bei den Künstlern am besten, weil man von ihrem geistigen Wesen ganz umgeben ist, von allen Dingen, die diese Geistigkeit sichtbar machen. Auf diese Art kann es jedermann halten. Nicht jeder ist Künstler, wird man sagen. Aber jeder Gebildete hat geistige Interessen irgendwelcher Art oder treibt einen geistigen Sport, musiziert, sammelt, liest. Oder sollte ich allzu optimistisch sein? Man gebe einem Salon das Gepräge eines geistigen Sammelpunktes. Wer aber in den neuen, oben dargestellten Grundsätzen eine Festigung durch das Beispiel der altehrwürdigen Tradition braucht, der lese die folgende Schilderung des idealen Zimmers, das sich Adalbert Stifter einrichten wollte, den man in dieser Hinsicht ganz gut als einen Vorläufer der Modernen betrachten kann.

Speisezimmer mit Erker von Arch. Max Benirschke.

Buffet von Arch. Georg Winkler.

»Zwei alte Wünsche meines Herzens stehen auf. Ich möchte eine Wohnung von zwei großen Zimmern haben, mit wohlgebohnten Fußböden, auf denen kein Stäubchen liegt; sanft grüne oder perlgraue Wände, daran neue Geräte, edel massiv, antik einfach, scharfkantig und glänzend; seidene graue Fenstervorhänge, wie matt geschliffenes Glas, in kleine Falten gespannt, und von seitwärts gegen die Mitte zu ziehen. In dem einen der Zimmer wären ungeheuere Fenster, um Lichtmassen hereinzulassen, und mit obigen Vorhängen für trauliche Nachmittagsdämmerung. Rings im Halbkreise stände eine Blumenwildnis, und mitten darin säße ich mit meiner Staffelei und versuchte endlich jene Farben zu erhaschen, die mir eben im Gemüte schweben und nachts durch meine Träume dämmern — ach, jene Wunder, die in Wüsten prangen, über Ozeane schweben und den Gottesdienst der Alpen feiern helfen. An den Wänden hinge ein oder der andere Ruysdael oder ein Claude, ein sanfter Guido und Kindergesichtchen von Murillo. In dieses Paphos und Eldorado ginge ich dann nie anders, als nur mit der unschuldigsten, glänzendsten Seele, um zu malen oder mir sonst dichterische Feste zu geben. Ständen noch etwa zwischen dunkelblättrigen Tropengewächsen ein paar weiße ruhige Marmorbilder alter Zeit, dann wäre freilich des Vergnügens letztes Ziel und Ende erreicht.«


Wie man Bilder hängt.

Im »Turmalin«, einer Geschichte, so dunkel wie der Edelstein, nach dem sie benannt ist, erzählt Adalbert Stifter von einem wunderlichen Manne, der die vier Wände seines Wohn- und Arbeitszimmers vollständig mit Bildnissen berühmter Männer behing. Es war kein Stückchen, auch nur handgroß, das von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen wäre. In der Sache lag System, und sie dürfte zu des seligen Biedermeiers Zeiten Schule gemacht haben. Denn als ich einmal in einem Schlosse zu Gast war, das in jenen Tagen eingerichtet wurde und die ursprüngliche Einrichtung heute noch unverändert besitzt, sah ich ganze Wände mit schmalen, einfachen Goldrahmen dicht behängt, darin Lithographien, ebenfalls Bildnisse berühmter Männer, zumeist der Kriegsgeschichte angehörig, zu sehen waren. Wie ich nachträglich hörte, hatte das Schloß einem berühmten Feldherrn zum Aufenthalte gedient.

Sitzgelegenheit in einem Salon von Architekt Georg Winkler.

Diese Anordnung erscheint mir aus zwei Gründen beachtenswert. Erstens waren es nur bedeutsame Bilder, die als Original-Lithographien einen gewissen Wert besaßen und durch ihren Inhalt ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihrem Besitzer ausdrückten, und zweitens war in dem Arrangement eine klare, dekorative Absicht ausgeprägt.

Ich meine aber durchaus nicht, daß man die Sache nachahmen dürfte. Sie ist nur deshalb sympathisch, weil sich in ihr überhaupt ein Gestaltungsgrundsatz geltend macht. Im Übrigen könnte man sehr viel Gegenteiliges einzuwenden haben, denn eine Sammlung von Kunstblättern gehört doch viel eher in die Mappe, die man nur in musenfreundlichen Stunden dem schönheitsuchenden Auge erschließt, und dann genügt dieses briefmarkenähnliche Aufkleben nicht mehr dem modernen Formsinn. Außerdem möchte ich der Gefahr begegnen, daß man meine Sympathie zugunsten jener wigwamartig mit Trophäen behängten Schauspielerwohnungen auslegt, wo die Wände über und über mit Photographien in protzigen Goldrahmen bepflastert sind, die das liebe Ich, von vorn und hinten gesehen und in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen variiert, möglichst aufdringlich zur Schau stellen. Diesem indianerhaften Zustand möchte ich nicht einmal den Schein eines freundlichen Arguments gönnen.

Einfaches Speisezimmer von Architekt Prof. Joseph Hoffmann.

Kehren wir zu Biedermeier zurück und gestehen wir, daß die alte Ordnung, wo sie noch unverfälscht in den Räumen von anno dazumal vorhanden, recht artig aussieht. Im traurigen Gegensatz zu dieser Art Bilder zu hängen, haben die Durchschnittswohnungen in den heutigen Miethäusern kein Prinzip ausgebildet. Oder doch nur eines: nämlich die Löcher in der Wand zu verdecken. Beim Beziehen einer neuen Wohnung geben diese garstigen Löcher, mit Gyps verschmiert, aus der schmierigen Wandbemalung grell hervorstechend, der ratlosen Hausfrau die einzige und getreulich befolgte Auskunft auf die Frage: »Wie sollen wir die Bilder hängen?«

Einfaches Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Und sind sie glücklich gehängt, gerade dort, wo der göttliche Zufall, der für die Löcher sorgt, sie haben wollte, dann freut sich Groß und Klein über die schöne Wohnung. Ich habe nichts so himmlisch und nichts so verderblich gefunden, als diese Anspruchslosigkeit. Als ich einmal über den ordinären Schund loszog, mit dem gewöhnlich die Wände der Durchschnittswohnung angefüllt werden, schrieb mir eine Dame: »Da haben Sie sich einmal gründlich blamiert! Sie dürften ganz gut wissen, wozu die Bilder gehören! Oder ist es schöner, wenn überall die Löcher hervorschauen? Glauben Sie vielleicht, daß sich jeder Erste Beste einen Böcklin kaufen kann? u. s. w.« Die zeitgemäße Dame, die mir so temperamentvoll widersprach, ahnte wahrscheinlich gar nicht, wie sehr sie mir recht gab. Der Aufschrei war sicher ein Beweis, daß ich den Finger auf eine Wunde gelegt hatte. Ich glaube wahrlich nicht, daß in ein derartiges Milieu ein Böcklin besser passen würde, als etwa eines jener fabriksmäßigen Ölbilder, die der Rahmenhändler als Draufgabe für einen geschmacklosen und lärmenden Goldrahmen liefert. Dagegen ist um dasselbe billige Geld gute und echte Kunst zu haben.

Einfaches Wohnzimmer v. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Für die Hängung der Bilder ist entscheidend, daß nicht die Wand die Hauptsache und das Bild der bloße hinzutretende Schmuck, sondern daß die Wand bloß Hintergrund und das Bild die Beseelung und Belebung der Fläche ist. Der Kunstfreund, der von diesem Grundsatze ausgeht, wird bei der Hängung seiner Bilder nicht leicht einen Mißgriff tun. Er wird die Wand als Hintergrund behandeln und sie daher so anspruchslos halten, als immerhin möglich. Die beliebten Tapetenblumen können der Bildwirkung immer nur schädlich sein. Er wird seine Wände entweder weißen lassen, was am schönsten ist, oder er wird sie in einfachen, ruhigen Farben halten und sich auf die ruhige Tonwirkung beschränken, die allerdings ein feines Farbengefühl bedingt. Und er wird staunen, welche Macht die sparsam verteilten Originalblätter der Reproduktionskunst auf diesem Hintergrund gewinnen können. Sparsam verteilt und in menschlich dimensionierter Höhe müssen sie gehalten sein, denn sie sollen die Wandflächen gliedern und mit ihrem Inhalt deutlich zu dem Beschauer sprechen.

Hier wäre es am Platze, ein Wort über den Rahmen zu sagen. Der Rahmen hat die Bedeutung einer Grenze, die die Welt des Bildes von der Umgebung abschließt. Er soll das Bild heben und daher selbst einfach und anspruchslos sein. Um das Bild zu heben, hat man außer Gold auch sonstige Farben versucht, die gute Wirkung haben, wobei freilich als Grundsatz zu beachten ist, daß es eine Farbe sei, die im Bilde nicht vorkommt und einen komplementären Gegensatz bildet. Der Form nach werden immer die geraden Leisten am besten sein; vor den verzierten Rahmen, die auf den Namen »Kunsthändler-Rahmen« lauten, ist durchaus zu warnen. Es wird oft die Frage aufgeworfen, ob man den weißen Rand an reproduzierten Blättern stehen lassen soll. Bei Radierungen, die den Plattenrand haben, ist der weiße Rand sicherlich von großer Berechtigung, in allen Fällen aber ist er an und für sich schon ein Rahmen. Man muß sich in diesem Falle begnügen, einen ganz schmalen, einfachen Holzrahmen herumzulegen, der ganz gut weiß sein kann, ja man braucht nur einen schmalen Streifen Papier um den Glasplattenrand umzukleben, um des vorteilhaftesten Aussehens gewiss zu sein.

Einfaches Wohnzimmer von Architekt Prof. Joseph Hoffmann.

Ich denke hiebei immer zuerst an die kleinere Wohnung in den Miethäusern, wo ja die Misère am größten ist und oft mit geringen Mitteln eine gewisse Schönheit erzielt werden könnte. Große Wohnungsverhältnisse, in Einzelwohnhäusern und Villen, wo der Luxus für einen ziemlichen Aufwand, wenn nicht notwendigerweise für Geschmack — o, im Gegenteil! — sorgt, kommen für uns zunächst nur in bedauernder Hinsicht in Betracht, daß sie kaum mehr, wie in früheren Zeiten, das große Wandbild aufweisen, das in Hallen, Loggien etc. seinen rechten Platz fände, und solche Wände, wenn das Bild etwa nach Art der alten Gobelins oder mit dem Geiste eines Puvis de Chavannes gemalt wäre, mit der bezaubernden und ungestörten Harmonie edler Linien und großer einfacher Farbenklänge erfüllen müßte. Solche Heimstätten müssten die eigentliche Pflegestätte des großen Ölbildes und der Wandmalerei sein.

Bücherschrank v. Arch. Georg Winkler.

Tischchen von Architekt Max Benirschke.

Für die Durchschnittswohnung muß die Reproduktionskunst in den meisten Fällen genügen, wenn überhaupt auf Kunst Wert gelegt wird. Wird nach den gegebenen Anhaltspunkten verfahren, dann kann sich an den Wänden eine ungeahnte Schönheit entfalten. Um die Kunstwerke mit größerer Geschlossenheit zu vereinigen, wird in manchen Wohnungen in der Augenhöhe eine Holzverkleidung geführt mit regelmäßigen, rahmenartigen Ausschnitten, darin die Kunstblätter hinter Glas stehen und beliebig je nach dem Inhalt der Mappe ausgewechselt werden können. Der Kunstfreund ist solcherart stets im gegenwärtigen Genuß seiner Sammlung und kann den Turnus wechseln, so oft es ihm beliebt, von der feinen dekorativen Wirkung dieses Arrangements ganz zu schweigen. Ob man nun auf die eine oder andere Art vorgeht, dafür sich immer neue und interessante Gestaltungsmöglichkeiten in unseren modernen Ausstellungen lernen lassen, man wird sich bald auf einem höheren Niveau demselben Ideal nahe finden, das schon unseren Großvätern erstrebenswert schien, man wird nämlich ein ganz bestimmtes Verhältnis zu dem Bilderbesitze mit einer klaren dekorativen Absicht zu verbinden wissen. Diese feine Lehre liegt im dunklen »Turmalin« und in manchem alten Räume, darin die Ahnenstimme lebt.

Die bildmäßig dekorative Verwendung anderer Materialien, wie etwa getriebene Paneele in Messing, Kupfer oder Silber, die Kachelschnitte, Mörtelschnitte, Mosaikbilder, Email und Perlmutter etc., die in die Mauer eingelassen werden, kann nur im eigenen Wohnhaus in Betracht kommen, wo der Kunst ein viel größerer Spielraum gegeben ist.

Salonecke von Arch. Karl Bräuer.


Das Porträt im Wohnraum.

Eine Stadt, die hunderttausend Einwohner hat, kann keine zwei Porträtmaler ernähren. Das gibt zu denken. Im Nebenzimmer hängt das Porträt der Großmutter. Sie sieht aus, wie in ihren besten Jahren, als Frau, da sie schon alle ihre Kinder gehabt hat. Acht an der Zahl. Wie gut sie aussieht! Die dunklen Haare sind in der Mitte gescheitelt und ziehen in schönem Schwung stark in die Schläfen herein. Das blaue Seidenkleid ist tief ausgeschnitten, ein feines Spitzentuch trägt sie darüber. Um den schönen Hals läuft eine neunfache Perlenschnur, vorne von einer großen Brosche zusammengehalten. Sie trägt die großen, aber ungemein fein und leicht gearbeiteten Ohrgehänge aus den Dreißiger- und Vierziger-Jahren und schön gefaßte Ringe: Topas, Amethyst und Chrysopras. Stundenlang könnte man sie ansehen. Wie schön sie ist! Überallhin folgen einem ihre Blicke. Stellt man sich links, rechts, in die Mitte, immer blickt sie einem an mit den braunen, klaren, gütigen Augen. Der Maler ist gar nicht bekannt. Aber das Bild lernt man lieben, und im Bilde die Frau. Bald hat sie einen unverlierbaren Platz in der Seele und lebt mit uns, obzwar sie längst tot ist. Im Leben haben wir sie nie gesehen. Ein Jugendbildnis ist noch da. Da war sie noch Mädchen, trug einen bebänderten Florentinerhut und weiße, duftige Tüllkleider. Ein Pastell, blaß und rührend anzusehen. Ausgebleicht, aber rosig umhaucht, wie verdorrte Rosen. Das war eine kunstfrohe Zeit, Großmutters Jugendtage. Aus allen Familien sind uns von damals Bildnisse überliefert, Ölporträts, Pastelle, Lithographien, Miniaturen, von Daffinger und Genossen auf Elfenbein kunstreich gemalt. Dieselben Personen meistens in den verschiedensten Lebens-Epochen dargestellt, Grillparzer, die Fröhlichs, Schubert, all die Großen ihrer Zeit, noch aus ihren unberühmten Tagen, was das Bemerkenswerte ist. Von den Bildnissen Unberühmter, die nur Familienwert haben, gar nicht zu reden. Diese ganze Kunstblüte ist untergegangen.

Wohnzimmer von Arch. Max Benirschke.

Sitzgelegenheit mit Bücherablage von Architekt Max Benirschke.

Salonschrank von Arch. Max Benirschke.

Auf hunderttausend Einwohner kommen heute keine zwei Porträtmaler. Wie werden wir unseren Enkeln im Gedächtnis bleiben! Wird unser Bild in ihren Seelen leben, gegenwärtig sein, mitwirkend in ihrem Tun und Lassen, geliebt und verehrt wie unsere selige Großmutter? Wir lassen uns photographieren. In einer Anzahl von Jahren ist die Photographie verblaßt, ausgeblasen, unkenntlich, eine Fratze. Vielleicht heben sie die Nachkommen auf, vielleicht! Aber ansehen tut man sie nicht, zeigen noch weniger. Es ist unerquicklich. Name sind wir dann, leerer Schall. Und dann erst wirklich gestorben. Liebe Großmutter, du lebst! Nein, wir lassen uns auch porträtieren. Wir gehen in eine große photographische Anstalt, wo viele junge Maler im Taglohn angestellt sind, und bestellen das »Porträt«. Es ist zwar nur ein photographischer Grund, aber schön angefärbelt. Sehr süß und schmeichelhaft, als ob wir nicht Menschen, sondern Porzellanpüppchen wären. Aber es gefällt den Leuten, und es ist modern. Darum tut es nichts, daß dieser Schund siebzig bis achtzig Gulden kostet. Meistens soll es eine Überraschung sein, ein Geschenk für die Frau des Hauses, für den Ehegatten. O Glück! O Wonne! Alles ist Festfreude. Am Geschenk darf man nicht mackeln, darum wird der kritische Verstand beizeiten totgeschlagen, wofern er überhaupt da war. Zum Schlusse liebt man, was man hat, und sieht nur das sündhafte Geld darin, das es gekostet hat.

Schmuckkästchen von Arch. Max Benirschke.

Für dasselbe Geld bekommt man auch ein gutes Porträt. Man wende sich an die Akademie, an die Kunstvereine, an die jungen, fertigen Künstler. Die gehen mit Feuereifer daran, sie brauchen nicht mehr unwürdige Arbeit tun, Bilderbogen kolorieren, Nikolo und Krampusse für den Christkindlmarkt fabrizieren, um das Leben zu fristen. Alle Porträtmaler hätten auf einmal zu tun. Und in jedem Hause könnten ein paar Bildnisse sein, die einen wahren Familienschatz bilden.

Salon, Sitzecke von Arch. Max Benirschke.

Lackmöbel von Arch. Max Benirschke.

Aber dem steht manches entgegen. Leider zum Teil die jungen und fertigen Künstler selbst. Die sind betört durch das Riesenphantom, das »Künstlerpreis« heißt, den die Künstler von Ruf zu erzielen pflegen. »Warum sollten wir nicht auch — — —?« Kommt man in eine von jungen Künstlern veranstaltete Ausstellung, fällt nichts so sehr auf als die hohen Preise. Es ist ein offenes Geheimnis, daß dieselben Bilder um tatsächliche Kaufbeträge erhandelt werden, die zwergenhaft sind im Vergleiche zu den verlangten Riesensummen. Mehrstellige Künstlerpreise kommen mit dem steigenden Ansehen und Alter von selbst. Während unsere Künstler darben, sind beispielsweise die französischen Maler das Verkaufen gewöhnt. Das machen die billigen Preise.

Und dann die Leute. Die sagen, die Photographie tut denselben Dienst. Das ist nicht wahr. Die Photographie gibt zwar alle Einzelheiten genau wieder, aber rein äußerlich, auf chemisch-mechanische Weise. Darum hat sie immer etwas Mechanisches, Seelenloses. Ich finde es ganz begreiflich, daß Leute die gelungenste Photographie mit den Worten zurückweisen: »Das bin ich nicht!« In den photographischen Ateliers kommt das täglich vor. Nicht wie wir im Auge des leblosen mechanischen Apparates uns darstellen kommt es an, sondern darauf, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Darauf ist unser Empfinden, ja unser ganzes Sein gestellt. Darum kann die Photographie nie die Geltung eines Porträts haben.

Stuhl von Arch. Max Benirschke.

Fauteuil von Arch. Max Benirschke.

Da gibt es Leute, die behaupten, die Bildniskunst sei die niedrigste Gattung der Malerei. Es ist gelegentlich schon geschrieben worden. Es ist gesagt worden, daß es eigentlich recht widerwärtig sein müsse, täglich fremde Augen, Ohren, Nasen zu malen, nichtssagende Gesichter, die dem Maler doch langweilig und gleichgültig sein müssen. Da tut er eben seine Pflicht, schafft treu und fleißig wie ein Handwerker, und was derlei Aussprüche mehr sind.

Ich habe immer eine heimliche Sehnsucht gehabt, Porträtmaler zu sein. Bildniskunst, sie ist der Gipfel der Malerei. Ich habe die ganz klare Empfindung, daß ein Maler, der Künstler ist, nichts malt, was ihm gleichgültig ist, daß er Psycholog genug ist, um in jedem Antlitz einen Schimmer Seele zu entdecken, und daß er den Pinsel nicht eher anrührt, bis er sich über den inneren Menschen klar geworden. Denn das ist seine Kunst, daß er den Menschen nicht wie die Photographie in der äußerlichen Zufälligkeit des Augenblicks darstellt, sondern dessen innere Züge ergreift und den Charakter mit allen seinen Möglichkeiten offenbart. Diese innere Ähnlichkeit ist künstlerisch wichtiger als die bloß äußere. Ihm werden die feinen Linien und Fältchen des Antlitzes, die der ungeschickte Photograph, der schmeicheln will, mit Vorliebe wegretouchiert, besonders kostbar sein, und er wird das Auge, das wir immer zuerst suchen, wie den Weg zur Seele, als wichtigste Offenbarungsquelle behandeln. Das Porträt ist Geschichtsmalerei im höchsten Sinne. Nicht allein für den Maler ist die Sache interessant, auch für den Besteller. Der weiß, der Künstler malt aus innerer Anschauung heraus, also das Bild, das er in seiner Seele von ihm gewonnen hat. Er malt ihn, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Es liegt darin etwas, das uns allen sehr nahe geht. Das Auge des Nächsten ist in Wahrheit unser Wächter. Der einsame Mensch verwildert. Unsere gesellschaftliche Kultur ist auf das fremde Auge gestellt. Sie spitzt sich im Kerne auf die unausgesprochene Frage zu: »Werde ich gefallen?« Das Maßgebendste aber wird sein, wie uns der Künstler mit seinen verfeinerten und verschärften Sinnen auffaßt. Er wird uns mit keiner Wahrheit verschonen. Wir werden in seiner Darstellung nicht aussehen wie im stumpfen Alltag, sondern wie an einem Festtage des Lebens, etwa in seinem höchsten Augenblick, in dem sich unser verborgenstes Wesen zum stärksten Ausdruck sammelt.

Kann das die Photographie leisten?