Henriette Goldschmidt
Ihr Leben und ihr Schaffen
Dargestellt von
Josephine Siebe
und
Dr. Johannes Prüfer
Oberstudiendirektor
Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.
Henriette Goldschmidt
im Schillerjahr 1859
Inhalt.
| Seite | |||
| Zur Einführung von Josephine Siebe | [V] | ||
| Henriette Goldschmidts Leben von Josephine Siebe | |||
| 1. Jugend | [3] | ||
| 2. Die Bewegung der vierziger Jahre | [16] | ||
| 3. Die ersten Ehejahre in Warschau | [27] | ||
| 4. Die ersten Jahre in Leipzig | [36] | ||
| 5. Schaffensjahre | [45] | ||
| 6. Ausklang | [65] | ||
| Henriette Goldschmidts Schaffen von Dr. Johannes Prüfer | |||
| 1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit | |||
| a) Anfänge der Frauenbewegung | [75] | ||
| b) Friedrich Fröbel | [93] | ||
| 2. Ihr Wirken für die Kindergartensache | |||
| a) Petition an die deutschen Regierungen | [111] | ||
| b) Streitschrift gegen K. O. Beetz | [119] | ||
| 3. Ihre Reform der Frauenbildung | |||
| a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung | [137] | ||
| b) Allgemeine Frauenbildung | [146] | ||
| Die Nachwirkung und Fortentwicklung ihrer Ideen in der Leipziger Hochschule für Frauen von Dr. Johannes Prüfer | [170] | ||
Zur Einführung.
Als der Allgemeine Deutsche Frauenverein, schon mitten in den Wirren des Weltkrieges, seine Fünfzigjahrfeier in Leipzig beging, saß unter den Ehrengästen auch eine kleine alte Dame. Silberweiße Löckchen – die Haartracht einer vergangenen Zeit – umrahmten die Schläfen, und unter dem schwarzen Spitzentuch blickten die großen, klugen Augen klar und gütig auf das Treiben umher, anteilnehmend und doch schon von der Warte des hohen Alters aus das Leben überschauend. Es klangen große, mutige Worte in den Saal hinein; Worte von Erreichtem und zu Erhoffendem, auch Worte von deutschem Siege, deutscher Kraft, und vielleicht war in dem übervollen Saal niemand so tief, fast prophetisch klar von der Angst um das Vaterland erschüttert, das Land, das sie seit ihrer Kindheit mit Bewußtsein liebte, wie die alte Frau Henriette Goldschmidt. Sie, die einst in der frühesten Jugend des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit ihren, ihr längst in die unbekannten Weiten vorangegangenen Genossinnen, Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, öffentlich für die Rechte der Frauen aufgetreten war, hörte nun, wie im Krieg laut der Ruf nach der Mithilfe der Frauen ertönte. Aus den wenigen von einst waren viele geworden, eine gewaltige Masse, und die alte Frau sah Erreichtes, sah die Frauen, sich ihrer Bestimmung bewußt, auf ihrem Posten stehen, sie sah aber auch das um die Jahrhundertwende aufgerichtete Ideal eines Frauenweltbundes in Scherben am Boden liegen. Würde sich die kraftvolle Hand finden, die Zerbrochenes, Zertrümmertes wieder zusammenfügte?
Es gehört heute weniger Mut dazu, rechts oder links den steilen Gipfel zu besteigen und Kampfrufe über die Masse hinauszuschreien, als ihn vor mehr als einem halben Jahrhundert Henriette Goldschmidt aufbringen mußte, die aus dem wohlumhegten Frieden des Hauses hinaustrat und zuerst die Frage stellte: „Wir haben Väter der Stadt, wo bleiben die Mütter?“
Damals von der Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen Leben zu sprechen war eine Tat; die Frauen aber, die zuerst diese Tat ausführten, hatten im Grunde wohl viel weniger das stolze Bewußtsein auf einer hohen Lebenswarte zu stehen, wie es dann viele ihrer Nachfolgerinnen bei geringeren Leistungen aufgebracht haben. Sie begannen ihr Werk, weil ihr innerstes Fühlen und Erkennen sie dazu trieb, sie standen im Bann einer großen, sie erfüllenden Idee, und so wurden sie Pionierinnen in jener unbewußten Sicherheit, die das Kind leicht auf einer lose schwankenden Brücke über den Abgrund schreiten läßt.
Eine solche Pionierin, die bei aller Kraft des Wollens, unverrückt ein hohes Ziel vor Augen, doch immer jene Kindlichkeit des Wesens wahrte, die sie Abgründe nicht sehen ließ, war Henriette Goldschmidt. Sie blieb bis über das biblische Alter hinaus eine Kämpferin und wurde dann mehr und mehr die weise, gütige Lebensüberwinderin, die noch mit zitternder Hand nach Lessing das Wort niederschrieb: „Müßte, so lange ich das leibliche Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines inneren Auges sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen großen Wert auf den Verlust des ersten legen.“
Die Schwere des hohen Alters machte sich auch ihr fühlbar. Das Leben rauschte immer lauter, drängender an ihr vorbei; fremde Melodien tönten auf, die Menschen redeten nicht mehr die Sprache ihrer Jugend, und der Geist von Weimar wurde in Deutschland von anderen Stimmen übergellt, aber Henriette Goldschmidt fand doch immer in der anmutigen Beweglichkeit ihres Geistes die Kraft, Verbindungswege herzustellen, sie fand das weise Lächeln des „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Bis zuletzt aber blieb ihr auch das ungeteilte Interesse an dem Werk ihres Lebens, dem Leipziger Verein für Familien- und Volkserziehung und seinen Anstalten. Und bis zur letzten Bewußtseinsstunde zehrte an ihr tief die trauernde Sorge um das Vaterland.
Das Leben dieser Frau ist von einer seltenen Geschlossenheit; es geht die ganz klare Linie folgerichtiger Entwicklung hindurch; es gibt keine Brüche, kein sprunghaftes Hinundher in ihren Anschauungen, keine Seitenpfade und Irrwege. Wir begegnen in diesem Leben nicht unbegreiflichen Verwirrungen des Gefühlslebens, es quellen nicht plötzlich aus dunklem Unterbewußtsein seltsame Lebensäußerungen und Empfindungen auf, und schon das junge Mädchen findet ganz klar den Weg heraus aus der Verstrickung, in die es sein Familiensinn für kurze Zeit hineingetrieben hatte.
Wollte jemand diesen Lebensweg bildlich darstellen, er müßte die lange gerade bergansteigende Landstraße wählen, ohne Seitenwege und Biegungen, Baumschatten und Sonnenflecke darüber und in der Ferne das hohe, helle, klare Ziel: die geistige Befreiung der Frauen, die Erziehung der Frau zum tätig bewußten Glied der Volksfamilie, die innerliche Versöhnung dieser Volksfamilie und das Überbrücken sozialer Unterschiede durch den Einfluß und die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben.
Ehrenbezeigungen, wie Ordensverleihungen vermochten die überzeugte Demokratin, die alte Achtundvierzigerin nicht zu beeinflussen und den Weg des neuen Deutschland ging sie innerlich nicht mit, und vielleicht sah sie gerade darum von Anfang, von der Stunde an, da England in den Weltkrieg gegen Deutschland eintrat, so klar, daß Deutschland unterliegen würde. Bei allem Siegesjubel der ersten Zeit blieb immer ihr Wort: „Ach, ich will mich ja so gern irren!“
Bei der großen Schärfe ihres Verstandes, ihrem philosophischen Erkennen des Lebens war Henriette Goldschmidt immer die Frau voll Anmut und Kindlichkeit, sie besaß eine Grazie des Geistes, die immer ohne Schärfe das richtige Wort fand. Sie sah aber daher auch das Dunkle, Lauernde am Wege nicht; ein Ja war ihr ein Ja, ein Nein ein Nein, und sie hat es nie verstanden, daß im Handumdrehen aus Neinsagern Jasager werden konnten. Und wohl darum ist sie auch mitunter verkannt worden, auch von ihren Mitarbeiterinnen in der Frauenbewegung; ihr unverrückbares Zielsehen wurde nicht immer gewürdigt. Sie suchte immer die Einheit in der Mannigfaltigkeit, nach der Lehre ihres Meisters Friedrich Fröbel. Sie aber war selbst eine Einheit.
Leider sind die Aufzeichnungen, die Frau Henriette Goldschmidt hinterlassen hat, nur lückenhaft. Sie hatte nie das Gefühl der Verpflichtung, über jeden Lebensabschnitt der Nachwelt gewissermaßen Rechenschaft abzulegen. Sie lebte dem Tag und seiner Arbeit, lebte mit großer Leidenschaft ihrem Ziel, und die Vergangenheit war ihr goldenes Buch, das sie selbst, dank ihres glänzenden Gedächtnisses, zu jeder Stunde aufschlagen konnte, sich heiter daran freuend oder nachdenklich darüber sinnend. Selbst schrieb sie darüber: „Ich bin häufig von älteren und jüngeren Freunden, denen ich im geselligen Beisammensein Einzelheiten aus meinem Leben mitteilte, gebeten worden, meine Lebensgeschichte zu schreiben, doch konnte ich mich nicht dazu entschließen. In den Jahren lebensvoller Betätigung war es nicht nur der Mangel an Zeit, es war vielmehr der Mangel an Selbstbewußtsein. Durch meine öffentliche Wirksamkeit sind biographische Notizen in Zeitungen und Zeitschriften gelangt, so daß ich es für überflüssig hielt, meine Persönlichkeit noch öffentlich vorzustellen.“
Über manche Zeit ihres Lebens, so ihre Anteilnahme an der deutschen Frauenbewegung, sind schon Niederschriften vorhanden, und es ist nicht der Zweck dieses kurzen Lebens- und Arbeitsbildes, zu schnell Festgelegtem vielleicht, eine neue Beleuchtung zu geben, vielmehr soll hier das ganz eigene persönliche Wirken Henriette Goldschmidts, besonders, wie sie neben ihrer Pionierarbeit in der deutschen Frauenbewegung sich ihren eigenen Wirkungskreis schuf, in den zwei Abschnitten „Leben“ und „Schaffen“ dargestellt werden.
Aus Niedergeschriebenem, Erzähltem, Erinnerungen, geführten Gesprächen und flüchtig hingeworfenen Worten ist dieses kurze Lebensbild gewoben. Es zeigt nicht die modernen grellen Linien derzeitiger Gewebe, der Hauch der vergangenen, der wirklich guten alten Zeit ruht über diesem Leben, denn seine Wurzeln hingen noch in der klassischen Zeit. Der Geist von Weimar war es, der dieser Frau die Kraft und den Aufschwung gab, sich selbst zu einer Persönlichkeit von ganz eigenartigem Gepräge zu entwickeln. Dem Geist von Weimar blieb sie ihr Leben lang treu, von ihm wich sie nicht um eines Halmes Breite ab, und so lebte sie ihr inneres und in seiner Einfachheit auch ihr äußeres Leben in dem Lichte, das uns von Weimar gekommen ist.
Henriette Goldschmidts Leben
1. Jugend.
Zwischen dem Weimar des Jahres 1825 und dem deutsch-polnischen Städtchen Krotoschin von damals, welche ungeheure, geistige Entfernung! In der kleinen Provinzstadt spürten wohl nur wenige den Hauch des Geistes von Weimar; es war ein richtiges Philisternestchen, in dem am 23. November 1825 Henriette Benas als sechstes Kind eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde. Das wohlhabende Haus, in dem sie aufwuchs, war durch die kühle Strenge der unmütterlichen zweiten Frau des Vaters der hellen Wärme einer echten Heimstätte beraubt worden. Es ist bezeichnend für die geistige Wertung des Fraueneinflusses in damaliger Zeit, daß der geistig hochstehende Vater, von dem die Tochter sagte, er hätte seinen Kindern „die Anregung für die Auffassung der Lebensverhältnisse über das ewig Gestrige hinaus gegeben“, die zweite Frau wählte, weil sie nicht lesen und schreiben konnte, seinen fünf mutterlosen Kindern also eine fürsorgliche Mutter sein würde, deren Geist nicht durch überflüssige Lektüre abgelenkt werden würde. Trotz ihrer Unbildung besaß die Frau aber eine gewisse Würde des Wesens, sie war sich ihrer Stellung als Hausfrau bewußt, und der Haushalt mit allen seinen Verzweigungen nahm, nicht immer zur Freude der Kinder, ihr ganzes Denken in Anspruch, und sie verlangte dies gleichfalls von den heranwachsenden Töchtern. Henriette schrieb später von dem Einfluß der Stiefmutter: „Leider war unsere Stiefmutter keine mütterliche Natur, und wie alle Vorurteile genährt und gestaltet werden durch die Gedankenlosigkeit der Menschen, so wurde auch dies schwierige Verhältnis der Stiefmutter durch liebevolle Verwandte und Freunde für uns Kinder unnötig bedrückend gemacht. Es entwickelten sich nach und nach alle die Unstimmigkeiten, die in solchem Verhältnis gang und gäbe sind. Ich kann nicht behaupten, daß ich im Verkehr mit meiner Stiefmutter mich als prädestiniert für eine Schülerin Fröbels betrachten kann, doch hatte das Mißverhältnis einen Kampf in mir erzeugt, der mein Wesen, vielleicht mein Leben hätte vernichten können.“
Von ihren Vorfahren wußte Henriette Goldschmidt-Benas nicht allzuviel; an ihre eigne Mutter erinnert sie sich nicht mehr, sie war etwas über fünf Jahre alt bei deren Tode. Den tiefsten Eindruck hat auf ihr Kindergemüt das Schicksal ihres Großvaters gemacht. Sie schrieb von ihm: „Vor meinem geistigen Auge steht mein Großvater so, wie er aus den Erzählungen seiner Frau und seiner Kinder hervortrat. Ich selbst lernte ihn infolge seines frühen Todes nicht kennen. Er war in Krotoschin geboren, wurde, wie es damals üblich war, mit achtzehn Jahren verheiratet und entschloß sich, seine Heimat, Frau und Kind zu verlassen, um sich eine umfassendere Bildung zu verschaffen; seine einzigen Vorkenntnisse waren die des hebräischen Schrifttums. Er wandte sich zuerst nach Berlin an Moses Mendelssohn, den bekannten Philosophen ..... Mein Großvater suchte ihn auf und erhielt durch seine gütige Vermittlung die Stelle eines Hauslehrers in Fridericia in Dänemark. Im Hause eines begüterten Glaubensgenossen, namens Rée, wurde er Lehrer des Hebräischen und blieb mehrere Jahre in dessen Hause. Er nahm teil an dem wissenschaftlichen Unterricht seiner Schüler und hatte somit Gelegenheit, sich ein gründliches Wissen anzueignen. Ja, bei einem Besuche des Königs von Dänemark in Fridericia erhielt er den Auftrag von der dortigen jüdischen Gemeinde, den König in französischer Sprache zu begrüßen. Daß es ihm schwer fiel, das Land und die Verhältnisse, die ihn zum Manne gereift hatten, zu verlassen, ist begreiflich, aber seine Frau war nicht zu bewegen, von Krotoschin fortzugehen, und so mußte er sich entschließen, in seine ihm fremd gewordene Heimat zurückzukehren.“
Dieser Großvater, der in seinen letzten Lebensjahren immer weiß gekleidet ging, stand seiner Frau wie ein höheres Wesen vor Augen, und die Ehrfurcht vor der Weisheit des Mannes ging auch auf die Enkelkinder über. Die Großmutter selbst mit ihrer liebevollen Güte lebte noch lebendig in der Erinnerung der Enkelin. Von den Kindern blieb nur der Vater Henriettes in Krotoschin. Henriette war Art von seiner Art, war es innerlich und wohl auch äußerlich, denn noch in späteren Lebensjahren erinnerten die Greisin selbst manche ihrer Bewegungen an den Vater. Dieser, ein sehr lebhafter, fortschrittlich gesinnter Mann, pflegte manchmal zu sagen, wenn seine Kinder allzu leidenschaftlich in politischen Fragen Partei nahmen: „Ich habe doch sonderbare Kinder!“
Daß er selbst in seiner Art Vorbild der Kinder war und erheblich in seinem Wesen von dem seiner Mitbürger abstach, kam ihm dabei kaum zum Bewußtsein. Seine Tochter schildert ihn im Anschluß an den aus Kaufleuten bestehenden jüdischen Teil der Bevölkerung Krotoschins:
„Meinem Vater sagte der Kleinkram des dortigen Geschäftslebens wenig zu, er konnte sich nicht beschränken, an den zwei Markttagen der Woche von den Bauern Getreide zu kaufen und an den Müller zu liefern, er trat in Beziehung zu Geschäftshäusern in Stettin, Berlin und Hamburg. So waren seine Unternehmungen als Kaufmann großzügiger Natur. Da seine Jugend in den Anfang des 19. Jahrhunderts fiel, erlebte er die Befreiungskriege mit, und sein Sinn blieb stets der Geschichte und den politischen Erscheinungen der Gegenwart zugewendet. So verfolgte er, der überaus beschäftigte Kaufmann, mit wärmster Anteilnahme und lebhaftestem Interesse die innere Bewegung der vierziger Jahre, die auf allen Gebieten des Geisteslebens die Gemüter ergriff.“
Neben dem Vater, der Stiefmutter und den Geschwistern (vier waren zwischen ihr und der zehn Jahre älteren Schwester noch im frühesten Kindesalter gestorben), mit denen die junge Henriette innige Liebe verband, waren es noch einzelne Gestalten, die schattenhaft in der Erinnerung der alten Frau auftauchten. Vor allem war es eine Tante Ninon, an die sie sich lebhaft erinnerte. Diese Tante Ninon hatte offenbar ein großes schauspielerisches Talent besessen, sie wußte ganze Rollen auswendig, mimte sie den Kindern vor und fesselte die kleine Schar auch immer wieder durch phantastische Erzählungen von einer Reise nach – Breslau. Dann lebte noch ein greiser Onkel in der Erinnerung der alten Frau fort, der noch mit etwa neunzig Jahren zu sagen pflegte, wenn jemand vom Tode sprach: „Zu was brauche ich mich zu sputen auf das, was mir so gewiß ist.“
Ganz frühe Kindheitserinnerungen knüpften sich noch an einen Brand, bei dem eine Anzahl Häuser vernichtet wurde, und der ihrem Vater, der sie selbst aus seinem gefährdeten Hause trug, beinahe Freude bereitete, da er in seinem Optimismus bereits an Stelle der engen, ungesunden, winkeligen Quartiere neue helle Heimstätten erstehen sah.
Sonst hatten sich ihr die frühen Kindheitserinnerungen durch ihr reiches späteres Erleben ziemlich verwischt; lebhaft gedachte sie noch eines Gartens, in dem die Kinder für wenige Pfennige so viel Beerenobst essen durften, wie sie wollten, und dabei manchmal des Guten etwas zuviel taten. Es ist bezeichnend für das Kindheitserinnern, daß diese beiden zeitlich auseinanderliegenden, ganz verschiedenen Tatsachen den stärksten Eindruck hinterlassen haben.
Die Schule vermittelte der jungen Henriette nur geringe Bildungswerte, sie war aber dennoch die Ursache, daß die Greisin, schon fast neunzig Jahre alt, einige kurze Aufzeichnungen machte. Zur Eröffnung der Hochschule für Frauen in Leipzig 1911 sandte nämlich der Direktor der Töchterschule in Krotoschin einen Glückwunsch, verbunden mit einer Einladung zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum der Schule, zu deren ersten Schülerinnen die junge Henriette gehört hatte. Sie schrieb davon später nieder:
„Dieser Rückblick auf die lange hinter mir liegende Vergangenheit brachte mir den Weg zum Bewußtsein, den ich zurückgelegt. Nur einem inneren Drange folgend, bin ich von der kleinen Stadt in der Provinz Posen in die deutsche Kulturwelt hineingewachsen. Ohne einen anderen Unterricht als den dürftigen einer Elementarschule und den Besuch eines Jahreskursus in einer, aus einer Klasse bestehenden Töchterschule, bin ich zur Gründung einer Hochschule für Frauen gelangt in einer der anerkanntesten Kulturstädte des Vaterlandes.
Mit vierzehn Jahren hatte ich meine Schulzeit beendet. Eine große Bereicherung hat sie mir nicht gebracht, dennoch ist sie natürlich nicht ohne Einfluß auf meine innere Entwicklung gewesen, brachte sie mich doch in Beziehung zu Mitschülerinnen aus einem anderen, als dem gewohnten Lebenskreise. Zum erstenmal trat ich Töchtern aus dem deutschen Beamten- und Offizierstand nahe, empfand zum ersten Male, daß diese sich in bevorzugter Stellung den jüdischen Mitschülerinnen, also auch mir gegenüber zu befinden glaubten, und es kam zu kleinen Zwistigkeiten zwischen uns. Einen Streit hatte ich mit einer adeligen Majorstochter, die das vertrauliche Du, das wir fast alle untereinander gebrauchten, auch bei mir anwendete, sich aber berechtigt fühlte, sich von mir den gleichen Gebrauch ihr gegenüber zu verbitten. Ich war darüber derartig entrüstet, daß ich den Eintritt des Lehrers überhörte, so daß er Zeuge des Streites wurde. Zur Ehre dieses Lehrers sei erwähnt, daß er sich meiner, der Herausgeforderten, annahm und das junge Fräulein von Soundso in seine Schranken zurückwies. So jung ich damals war, so hatte ich doch in einer Zeit und in Verhältnissen, in denen es als selbstverständlich galt, die Juden nach Belieben zu behandeln, so viel Persönlichkeitsgefühl, um gegen solche mich beleidigende Behandlungsweise gewappnet zu sein!“
Das starke Gerechtigkeitsgefühl, das leidenschaftliche Temperament rissen die junge Henriette auch manchmal zu unbedachten Äußerungen hin. An den Wortlaut des Streites mit einer Mitschülerin aus einer anderen Gesellschaftsschicht erinnerte sie sich nicht mehr genau. An eine Szene aber dachte die Greisin noch mit heiterem Lachen. Der Lehrer wandelte in der Klasse auf und ab, und stieß von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus und jedesmal sagte er, vor Henriette Benas stehenbleibend, dumpf: „Wem gelten diese Seufzer? Dir, Benas, gelten sie!“ Die Szene machte einen tiefen Eindruck auf die junge Henriette, noch schluchzend trat sie mit der Freundin den Heimweg an und sagte zu dieser, auch einem Jettchen: „Du wirst sehen, daß ich nie mehr im Leben lachen werde.“ Sie hat dann freilich das gute herzbefreiende Lachen wieder gelernt, hat es bis in ihr Alter sich bewahrt und pflegte später lobend von einem Menschen zu sagen: „Er hat so ein gutes Lachen.“
Übrigens blieb sie mit dieser Freundin bis zu deren Tode in tiefster Zuneigung verbunden, und als sich die alten Damen, so um die Wende ihres achtzigsten Lebensjahres herum, endlich einmal wiedersahen, da standen die kleine Stadt, das ganze Leben von damals vor beiden auf, und herüber und hinüber tönte die Frage. „Jettchen, weißt du noch? – Jettchen denkst du noch an unseren sächsischen Klavierlehrer, der immer verlangte, ich sollte mit mehr „Gefiehl“ spielen.“ Jettchen hin, Jettchen her, es war die gute alte Biedermeierzeit, die vor beiden aufstand.
Der große Weise von Weimar lebte noch, als die junge Henriette zum ersten bewußten Leben erwachte, doch seine Sonne stand nicht über ihrer Jugend, ihr kam der Glanz von seinem frühe dahingegangenen Freund, von Schiller. Dieser verklärte ihr Leben, und der Glanz blieb hell, verblich nicht bis zu ihrer Todesstunde; Schiller war und blieb „ihr“ Dichter. Als sie mit 94 Jahren einen Unfall erlitt und sich in ihrer Wohnung eine schwere Kopfverletzung zuzog, die mehrfach genäht werden mußte, fürchtete der treue Arzt nach der Aufregung und dem großen Blutverlust Fieber. Ihre im Hause wohnende jüngere Freundin übernahm die Nachtwache, und als sie an das Bett der Kranken trat, sah diese mit großem tiefen, aus schönen Weiten kommenden Blick zu ihr auf und sagte: „Mein Kind, eben habe ich mir die Ideale von Schiller vorgesagt, wie schön sind sie doch!“
Die junge Henriette lernte ihren Schiller nicht durch Literaturunterricht kennen, sie las, sie erlebte ihn. Als Elfjährige fand sie den Weg zu ihm. Da die Mutter Lesen abends bei Licht für überflüssig hielt, saß sie im Mondenschein auf dem kleinen engen Haushof und las mit klopfendem Herzen, das Buch dicht vor die Augen haltend. Sie trank des Dichters Worte in sich hinein, und sie war Johanna, sie war Maria Stuart, sie lebte und litt mit den Gestalten seiner Werke und einmal ergriff sie sogar im Eifer eine Stange, die auf dem Hofe stand, und rief mit lauter Stimme über den Hof: Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften!
Ein so großes Verstehen der Werke unsrer schöpferischen Pädagogen sie später als Henriette Goldschmidt zeigte, und so viel sie in ihrer Arbeit der Jugend diente, auch einer unserer besten von den älteren Jugendschriftstellerinnen, Emma Wuttke-Biller freundschaftlich nahe trat, so hielt sie doch lange Schillers Werke für die geeignetsten Jugendschriften. Sie fand, die Jugend, die Schiller besaß, brauche keine anderen Bücher. Ihren drei Stiefsöhnen las sie in Krankheitstagen besonders gern Schiller vor, und der eine, damals zehnjährig, fragte sie einmal: „Mutter, warum ist es denn Unrecht, daß Don Carlos seine Mutter liebt, ich liebe dich doch auch!“ Die Begeisterung für Schiller fand auch bei den Geschwistern Widerhall, besonders wurde die fünf Jahre jüngere Schwester Ulrike bald die vertrauteste Freundin der jungen Henriette. Das hochbegabte Mädchen teilte ihre geistigen Interessen frühe, während die anderen Schwestern etwas außerhalb standen, die älteste hatte sehr frühe geheiratet, eine andere Schwester aber war schon als Kind schwer krank. Mit dem Bruder dagegen waren die Schwestern innig vertraut, dennoch fand er sich manchmal zurückgesetzt, und den Vorzug, der einzige Sohn im Hause zu sein, nicht recht gewürdigt. Er klagte dann wohl: „Ich bin doch euer einziger Bruder, den ihr habt.“
In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten, als die älteste Schwester, noch nicht dreißigjährig, während einer Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin darüber: „Meine Schwester hinterließ drei Kinder, deren jüngstes noch bei der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschüttert, tiefer und nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschöpfen gestattet. Mir, der nunmehr ältesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten zu, während für den Haushalt des Schwagers eine ältere Verwandte eintrat. Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste Lösung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschluß seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschloß er sich zu verzichten und trat in das Geschäft meines Vaters ein. Wir lebten in gutem geschwisterlichem Verhältnis miteinander und als er nach Ablauf des Trauerjahres mit meinem Vater über die Verbindung mit mir sprach, sagte dieser: „Sie können ja mit meiner Tochter über die Verbindung selbst reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander.“
Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, daß mein Gefühl für die Kinder sich nicht auf den Vater übertragen ließ. Und so kämpfte ich in jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel später erkannte. Es war ein Kampf des unbewußten Gefühlslebens, das sich zu behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines Lebens könnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der für die Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte.“
Die bald sich zeigende Eifersucht des Schwagers, der die junge, ungewöhnlich reizvolle Schwägerin mißtrauisch überwachte, war der tiefste Grund dieser immer mehr wachsenden Abwehr. Die junge Henriette fühlte, von ihrem inneren Leben sollte Besitz ergriffen werden, und sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen; sie spürte es, nur der Mann, der ihrer eigenen Natur gerecht wurde, der ihr den Eigenwert ihres inneren Menschen ließ, konnte der sein, dem sie sich einmal zu eigen gab. So hatte sie schon mehrfach Bewerber abgewiesen und so fand sie auch hier den Mut des Neinsagens in diesem schweren seelischen Konflikt. Sie selbst bekannte: „Ihn zu überstehen half mir die revolutionäre Bewegung der vierziger Jahre, das Jahr 1848.“
2. Die Bewegung der vierziger Jahre.
In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewöhnliches, von seinen Töchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl der Spaziergänge gerade nicht groß war, gingen die beiden Mädchen Henriette und Ulrike beinahe täglich die Landstraße entlang, die nach Zduny führte. Den Reiz der großen Weite, die dem freien Blicke keine Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden Schwestern fanden daher ihren täglichen Weg einförmig genug. Die junge Ulrike rief da manchmal verzagt: „Und von hier aus soll man eine Weltanschauung bekommen?“
Sie gab damit einer Sehnsucht Ausdruck, die über das allgemeine Mädchensehnen jener Tage weit hinausging. Aber in den Schwestern war damals doch schon eine Weltanschauung im Werden, sie bildete sich an der Bewegung der vierziger Jahre. In dem väterlichen Hause wurden viel politische Gespräche geführt, und Henriette schrieb davon später nieder: „Das Jahr 1848 fand uns nicht unvorbereitet für die Erkenntnis seiner Bedeutung. Bereits im Jahre 1847 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Patent vom 3. Februar erlassen, durch welches die sonst einzeln tagenden Landtage als vereinigter Landtag nach Berlin berufen wurden. Einige Rechte wurden eingeräumt, die ihm einen parlamentarischen Charakter geben sollten. Die Veröffentlichung der Reden der Abgeordneten war von weittragenden Folgen. In Krotoschin, das keine Zeitung besaß, wurde die Breslauer Zeitung jeden Abend von der Post geholt und am anderen Morgen vom Vater am Familientische vorgelesen. Wir hörten mit die Reden der damaligen Abgeordneten Vincke, Beckerath, Hansemann u. a., und Begeisterung erfüllte uns für die Redner. Die Verhandlungen betrafen meist Fragen, die außerhalb der Sphäre unseres Verständnisses lagen – aber die Art der Behandlung erhob sie in das Gebiet des allgemein Menschlichen, das auch politischen Fragen nicht fehlt.
Das Hauptinteresse erregten natürlich die Verhandlungen über die Emanzipation der Juden. Das war eine Menschheitsfrage, die den Herzpunkt unseres Fühlens und Denkens bezeichnete. Diese Frage wurde von den freisinnigen Abgeordneten, losgelöst vom konfessionellen, nationalen Standpunkt, von dem ehemals noch ungekannten, neuesten Standpunkt, rein menschlich behandelt. Vincke, der damals das Wort prägte: Von einem christlichen Staat dürfte man nicht reden, das hieße ein Haus bauen wollen und die Steine dazu vom Mond holen. – Beckerath, der in schmerzlichem Mitgefühl die Ungerechtigkeit schilderte, die die Juden seit Jahrhunderten erlitten, – es waren unauslöschliche Eindrücke, die diese Redner uns gaben. Das war im Jahre 1847! In demselben Jahr lasen wir täglich einige Stunden „Die Weltgeschichte von Rotteck und Welcker“ ohne zu ahnen, wie bald die Stimmen der Geschichte, der Zeit, in der wir lebten, sich vernehmen lassen würden.“
In diese Zeit fiel eine Reise, die die junge Henriette als Begleiterin ihres Vaters unternahm, die erste Strecke wurde im eignen Wagen zurückgelegt, dann stiegen die Reisenden in die Postkutsche. Ein junger Mann stieg in Schmiedeberg in Schlesien zu ihnen, und während der Vater schlief, begann zwischen den beiden jungen Menschen ein seltsames Wechselgespräch. Sie redeten nicht von der Sommernacht draußen, nicht von dem, was sonst wohl junge Menschen zusammen plaudern, von dem Schreiben sprachen sie, das Georg Herwegh an den König Friedrich Wilhelm IV. gerichtet hatte nach dem Verbot seiner Schriften. Von dem, der die Gedichte eines Lebendigen geschrieben, sprachen sie beide, von ihm, der alle nach Freiheit sehnsüchtigen Herzen entflammt hatte. Draußen verging die Sommernacht, der Vater schlief ruhig weiter, aber den jungen Menschen schlugen die Herzen heiß. Der Mann kannte die Gedichte auswendig, und da erlebte die junge Henriette wieder einen Dichter ganz tief im Herzen, sie rief endlich aus: „Hätte ich doch die Gedichte!“ und ihr Reisegefährte, glücklich, ihr diesen Wunsch erfüllen zu können, legte ein schmales Bändchen in ihre Hand. Davon schrieb noch später die Greisin: „Ich darf wohl sagen der ‚Lebendige‘, dessen Wirkung auf seine Zeitgenossen eine wahrhaft lebenerweckende war, hat kaum eine so bewegt, als mein junges, nach Freiheit begehrendes Mädchenherz. Der Funken, der so schnell zündete, hat während meines langen Lebens seine leuchtende und wärmende Kraft bewahrt. Noch wenn ich nach Jahrzehnten mit meinem Manne durch Thüringens Wälder zog, marschierten wir nach dem Rhythmus des Herweghschen Liedes:
„Eure Tannen, eure Eichen
Habt die grünen Fragezeichen
Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
Nein, sie soll nicht untergehen!
Doch ihr fröhlich Auferstehen
kostet eine Höllenfahrt!“
Ja, noch viel später, als sie die 90 schon überschritten hatte, konnte die Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.
Und der junge Reisegefährte?
In den Erinnerungen heißt es von ihm: „Mein Reisegefährte war Julius Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war, die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der später als der „rote Behrens“ bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der preußischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fünfziger Jahren in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in vollem Gange, so daß er in sehr gedrückter Stimmung war und den Entschluß gefaßt hatte, nach Australien zu gehen, den er später auch ausgeführt hat. Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaßen entsetzt über meine Bekanntschaft mit dem „roten Behrens“, die allerdings eine Aufregung nach sich zog. Man hatte nämlich bei ihm, dem politisch Geächteten, eine Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich auf eine Erkundigung eines Berichterstatters über die Verhältnisse der Provinz Posen für die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte.“
Mit den „Gedichten eines Lebendigen“ als Reiseergebnis kehrte die junge Henriette nach Krotoschin zurück. In dem kleinen Nest waren es mehr oder weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. „Mein Vater,“ schrieb Henriette Goldschmidt, „empfand den Segen der Kultur, den die preußische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848 ausbrach, fühlte er sich als preußischer Bürger, ja – wir müssen im Geist jener Zeit sagen, als preußischer Untertan.“ Daß dies nicht buchstäblich zu nehmen ist, sehen wir daraus, daß er sich einen Majestätsbeleidigungsprozeß zuzog.
Der Anlaß war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich Wilhelm IV. an Stelle des März-Ministeriums berufen wollte. Er tat es leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwägen, war seine Sache nicht.“ Der Prozeß verlief ergebnislos im Sande, übrigens nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen über Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals die Frauen keinerlei öffentliche Rechte hatten, mußten sie schon die Unterschriften von Männern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzählt: „Da wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom Fenster aus alle vorübergehenden Männer herein und baten sie, die Petition zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen Männerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie aber sagte: Ihr könnt sie selbst scheuern, ich habe für solche Sachen keine Bedienung.“ Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies Opfer für ihre politische Meinung zu bringen. „Wir schürzten unsere Röcke und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat man auch Gliederschmerzen.“
Die jungen Revolutionärinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in dem tollen Jahr, sie übten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von ihrem Gerechtigkeitsgefühl getrieben; auch davon erzählte die Greisin, immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der für Recht und Freiheit begeisterten Jugend: „Es gab in der Provinz Posen Aufstand und auch in Krotoschin rückte Militär ein. So kam es, daß preußische Offiziere auch in jüdische Familien einquartiert wurden und sich ein gemütlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegründet und diese veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preußischen Offiziere. Diese sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergnügen in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Töchtern des Hauses tanzen zu dürfen. Das war eine große Verlegenheit für die guten Kinder, denn sie schämten sich zu gestehen, daß sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten. Wir hörten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource hätte in einer Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Möglichkeit, daß Juden zu den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekämen. Wir hörten nun, daß der Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden ausgesprochen hätte. Obgleich die Sache mich persönlich gar nicht berührte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, kränkte meine junge Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine große Schlafmütze wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: ‚Die Schlafmütze und den Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu begrüßen!‘
Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner Beurteilung das gleiche Gefühl wie seine Töchter, ähnliche Empörung für eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit, die damals über Deutschland dahinzog, wurde leicht ein törichter Mädchenstreich vergessen.“
Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwühlenden Eindruck, den diese Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht, heißt es in ihren Erinnerungen: „Wie mächtig das Jahr 1848 die Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausübte. Kein späteres Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche Erschütterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der Überzeugung, daß die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit ihre Entstehung verdankt.“
Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fünfziger Jahre trat ein. Fast gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie, gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen über. Sie fühlten sich dort fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel größeren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch, die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. „In Posen habe ich mich“, erzählt Henriette Goldschmidt, „zum erstenmal an freiwilliger sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen Verein zu gründen für ‚Frauen und Jungfrauen‘, die sich armer Kinder nach den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen, ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen überhaupt Schutz und Pflege angedeihen lassen.“ Die junge Henriette interessierte sich lebhaft für diese Gründung, nicht ahnend, daß sie damit etwas tat, das mit ihrer späteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. „Zuerst sollten eine Anzahl junger Damen Mitglieder für diesen Verein werben“, schreibt sie. „Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mädchens dieser Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bändern zusammengebunden waren, die sich leicht lösten. So mußte bald meine Begleiterin stehenbleiben, um wieder zu binden, bald mußte sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen hatte. Ob dieses öfteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte: Warum können wir nicht, wie die Männer mit Gummieinsatz die Schuhe festhalten?
Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: ‚Was Sie für Ideen haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!‘ Ich erwiderte lachend, daß diese ja schon gewesen sei.“ Doch hat sie später bei dem Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken müssen!
Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger Jahren gesäte Saat reifen konnte, trat erst noch eine große Veränderung in ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche Fremde, sie, die Freiheitssehnsüchtige, kam in Europas unfreiestes Land, nach Rußland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder, die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.
3. Die ersten Ehejahre in Warschau.
Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt. Diesmal brauchte es keiner schweren Überlegung, sie fühlte rasch heraus, dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten beglückenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es später oft nannte, nach Halbasien führte.
Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer kinderreichen, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Auch seine Studien erstreckten sich zuerst wie die des Großvaters auf das Hebräische, doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschränkten Mittel reichten nicht zu einer Postfahrt aus. Kümmerlich genug mußte er sich durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der jüdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge Henriette seine Schülerin, und von diesem Lehrer hörte sie auch die erste Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr dürftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen Sitzplatz, damit sie in dem überfüllten Saal geschützt blieb. Die Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der Vetter, ein gereifter Mann, vor sie trat – er hatte in Breslau weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine Frau verloren – gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es schreckte sie nicht, daß sie gleich die schwere und verantwortungsvolle Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der älteste zehn Jahre alt war[1].
Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag, zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: „Meine Erzväter sind Schiller, Lessing und Goethe.“
Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: „Wenn auch der Kultus im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip, der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung erklärt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfüllt von dem, was der deutsche Geist gezeitigt hat, und begeistert von den Idealen, die der deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Väter heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religiöse Idee Monotheismus.“
In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrückbare Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mußte es später die Greisin, die von jeher allen Auswüchsen des Judentums ganz fern stand, tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung einfach nicht verstehen. Zu einer jüngeren Freundin sagte sie einmal, es war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung über die Gründe, die zum Antisemitismus führen können, ganz still und feierlich wie ein Gebet das Goethesche Wort:
Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
ruht im Frieden seiner Hände.
Nur an eines Mannes Seite, der so vollkommen die gleiche Einstellung zur Welt hatte, konnte Henriette Benas das Leben in Warschau ertragen. Sie schrieb: „An unserem Verlobungstage sagte mein Bräutigam zu mir, wenn ich nicht die Hoffnung hegte, nach Deutschland zurückzukehren, würde ich nicht dein Schicksal an das meine gekettet haben! Die Bedeutung dieses Ausspruches habe ich erst während meines Aufenthaltes in Warschau erkannt!“
Es war noch das Rußland unter dem Zaren Nikolaus I., von dem man in Deutschland sang:
Gott schütz’ uns vor dem Frankenkind
Und vor dem Zaren, deinem Schwager.
Zaristische Tyrannei und in dies Land ein junges Weib, in dessen Herzen die Lieder der vierziger Jahre bluteten. Sie sang wohl mit heller Stimme in ihrer Stube Herweghsche Lieder, innerlich noch ganz in dieser großen Bewegung lebend.
Als sie mit ihrem Gatten die russische Grenze passierte und beide sahen, wie ein Beamter einfach ganze Seiten eines Buches schwarz überstempelte, sagte der Mann leise zu seiner jungen Frau: „Wenn die wüßten, welche Bibliothek ich in dir über die Grenze bringe!“ Sie berichtet über ihren ersten Eindruck in Warschau: „Ich kam aus der Hauptstadt der polnischen Provinz Posen, die Preußen einverleibt war; so ganz fremdartig hätten mich die Verhältnisse nicht berühren sollen, und doch war mir alles so fremd und unheimlich. Zunächst in Rücksicht auf die jüdische Bevölkerung, die unter einem besonderen Drucke lebte. Die preußische Regierung war bestrebt, die Kultivierung des Landes und aller seiner Bewohner im Sinne des fortgeschrittenen Geistes seines Staats- und Volkslebens zu beeinflussen. So war es mir in dem großen glänzenden Warschau, als wäre ich in einem Traumlande; ich fühlte mich um Hunderte von Jahren in einen gewesenen Zustand versetzt. Unheimlich war es mir bei jeder Berührung mit den äußeren Verhältnissen zumute, und am liebsten würde ich mit Mann und Kindern zurückgewandert sein und wäre es auch nach Krotoschin gewesen.“
Aber Mann und Kinder bildeten bald das unlösbare Band, das die junge Frau in der Fremde hielt. Die drei Kinder, drei begabte gutartige Knaben, schlossen sich bald mit großer Liebe an die lebhafte geistvolle zweite Mutter an. Eine kleine Geschichte zeigt, wie innig dieses Verhältnis war; der jüngste Sohn Benno, den die Neunzigjährige noch „mein Bennochen“ nannte, trug noch Kleidchen, als ihm Henriette Goldschmidt Mutter wurde. Bald darauf aber sollte er in Höslein gehen, die älteren Brüder spöttelten schon über das „Mädchen“, da sagte die junge Stiefmutter einmal: „Ach, es gefällt mir gar nicht, daß du nun auch schon ein großer Junge in Hosen sein wirst“, und der Kleine antwortete treuherzig: „Wenn’s dir lieber ist, Mamachen, kann ich ja noch ein Mädchen bleiben.“
Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Söhne brauchte die junge Frau aber auch. Im Hause saß ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen, liebenswürdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten Volkserzählungen heißt, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie erschwerte ihr das Leben in dem düsteren Hause der engen Gasse, und draußen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefängnis. Die Prügelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen Rußland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die düstere Wohnung hinein.
Glücklicherweise gab es ein schönes geistiges Miteinander der Gatten; in Dr. Goldschmidts Bücherei standen die deutschen Klassiker, stand manch verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich und an manchem Abend ertönten hinter fest verschlossenen Fenstern die deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke gelesen und alles in allem, trotz den schweren äußeren Verhältnissen, brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. „Einen Höllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein harmonisch schönes Leben. Daß aber diese Mischung den Wunsch in mir rege erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden konnte, war natürlich.“
Noch die Greisin hegte eine Abneigung gegen Warschau, und als einmal jemand die Schönheit der Stadt rühmte, sagte sie mit leisem Lächeln: „Sie haben aber nicht unter Nikolaus I. gegenüber dem Gefängnis gewohnt.“ Dieser Eindruck blieb ihr unauslöschlich, und immer sagte sie, längst vor dem grauenvollen Schicksal Rußlands: Man müßte dies Land zerschlagen, ein solches Riesenland unter einem Herrscher ist eine Unnatur. Sie müßten dort jedesmal ein Genie, einen Titanen als Herrscher haben, wenn es einigermaßen erträglich sein sollte. Und sie führte oft das bittere Wort ihres Mannes an: „Es ist furchtbar, in einem Lande zu leben, in dem man sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann!“
Nach reichlich fünfjährigem Aufenthalte schlug der Familie die Stunde der Erlösung. In den Erinnerungen heißt es: „Und wie ein Wunder erschien es mir, als nach fünf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte. Es war das bedeutendste, folgenreichste Ereignis meines Lebens, als er den Entschluß faßte, die Stellung eines Predigers bei der israelitischen Gemeinde in Leipzig zu übernehmen. Als wir die Grenze überschritten hatten, das unter dem zaristischen Drucke seufzende Land hinter uns liegen sahen, war es mir, als hörte ich das erste Bundeswort am Sinai: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Lande der Knechtschaft, in ein freies Land!‘“
4. Die ersten Jahre in Leipzig.
Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres Atmen; Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz, den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘ erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“
1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag. Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah, echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall. Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden; sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen wie dem Vers:
„Schillers Glocke, Schillers Locke,
Schillers Faust und Schillers Tell“ –
Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am 10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit, Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung spottet.
Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer, die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘ der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.
Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:
‚Lächle nur, du Mann im Leichenhemde –
Die Freiheit naht – des Frühlings Herrlichkeit –
sie ist dein Zaubermädchen aus der Fremde‘.“
Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes, sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr doch das große tiefe Erleben. –
Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war 1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859 symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden, der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“
Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat. Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer, sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt. Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren, bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist die Stadt der Humanität.‘
Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung, recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir: ‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“
Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat lieben.
Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt; losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar; aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte, eine tiefe Erbauung.
„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei. Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.
Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor Wuttke hatte die Festrede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an, in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte. Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur, war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später las sie die Schriften Friedrich Fröbels, lernte aus seinen Erziehungsideen und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.
5. Schaffensjahre.
Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der Mutterschaft.
Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte, Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen dieses Bruderkrieges.
Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl, daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben sind wir Frauen da.‘“
Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten, aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes, daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).
Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).
Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte. So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen, die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den Streit anhören.“
Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens. Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat, dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten, fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“
Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach „Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit zu leisten.
In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb, fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun, die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.
Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift: „Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören, ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht, daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan, ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte – ‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.
Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht erfüllte mich für das große Geheimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr ‚Es werde‘ der Welt verkündet.“
Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Fröbels Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Fröbelsche Wort von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten müsse. Sie ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf für die Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer vertieften Durchbildung der Frauen aller Stände zu ihrem mütterlichen Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung, sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf gründet, weil sich der erziehliche Einfluß der Frau durchaus nicht allein auf die Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.
In dieser Zeit ihrer Beschäftigung mit Friedrich Fröbels Schriften las Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle einlud, die sich für die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin, meinte in eine große Versammlung zu kommen und fand nur wenige Kindergärtnerinnen, die sich in Klagen über die Schwierigkeit ihres Berufes ergingen. Das war der Anstoß, der Henriette Goldschmidt veranlaßte, den Verein für „Familien- und Volkserziehung“ in Leipzig zu gründen; am 10. Dezember 1871 fand die Gründung mit etwa 150 Mitgliedern statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten Volks-Kindergarten in der Querstraße eröffnen. Der Aufbau des Vereins vom Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.
Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Gründung sich nicht abseits von ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch nicht; die damals beinahe fünfzigjährige Frau stand auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verständnisvolle Gefährtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Söhne nahm sie echt mütterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die „Viktoria-Fortbildungsschule“ ins Leben rief, verband sie mehr als schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende Freundschaft war es.
Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vorträge, so sechs unter dem Titel: „Ideen über weibliche Erziehung“, die sie später, als sie die 80 schon überschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: „Was ich von Fröbel lernte und lehrte.“ Sie erteilte in dem bald darauf gegründeten Seminar für Kindergärtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen für den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen zierlichen Frau zugute, daß sie eine eisenfeste Gesundheit besaß. Sie erzählte, daß sie um vier Uhr früh schon aufgestanden sei, um für sich zu arbeiten – am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vorträge, da sie selbst keinen Schreibtisch besaß. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem Manne nach einem reichen Arbeitstag fünf Stunden hintereinander vorzulesen.
Bei der Arbeit an ihren Vorträgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und mehr die Lücken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Fleiß strebte sie, diese auszufüllen. Sie studierte – sie las nicht nur die großen Pädagogen, vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen zu erweitern, ihr außerordentliches Gedächtnis kam ihr zur Hilfe, sie schrieb ganze Bücher voll von Aussprüchen nieder, schrieb oft ihre eigenen Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte, die man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, aus der man lernen soll: „Zunächst muß man Geschichte lernen, später erst in einem Alter, wo man Geschichte kennt, läßt sich aus ihr lernen.“ Oder sie stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: „Hat es Sinn, die Kraft zu rühmen und im Gefühl der Schwäche mit sich zufrieden zu sein?“
Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin für andere war. Ihr Geist ging weite Wege, aber sie wußte auch das Schöne zu genießen, das sich ihr darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich genommene Arbeitsverpflichtung zu versäumen. Sie erzählte, daß sie einmal auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fühlte, sich selbst Vorwürfe gemacht habe über die unbeschreibliche Freude, die sie beim Anblick der großen Natur ergriff. Überhaupt war es die große Natur, deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, für das Idyll hätte sie nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glänzende Sprache sie immer wieder begeisterte.
Das schönste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in späteren Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber auch unter für sie äußerlich ungünstigen Umständen, bedrückt durch eine lange Krankheit einer Enkelin. Den stärksten Eindruck als Stadt hinterließ ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Gräber Heines und Börnes zu sehen. Sie schreibt über den Besuch des Père la Chaise und Börnes Grab: „Nun aber noch einen Weg zu den ‚Träumen meiner Jugend‘: ‚Börnes Grab, gesegnet seist du mir!‘ Ein wundervolles Reliefbrustbild mit einem so schönen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder schmückt seine Grabstätte. Wie gut, daß ich nicht früher meinen Baedeker gelesen, als auf dem P. la Chaise. Meine Nichte, die eigentlich eine preußische Obertribunalratstochter und kein Judenmädchen aus Krotoschin ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in sich aufgenommen, daß sie auch mit mir die ganze Bedeutung fühlte, die für mich in dem Anblick dieser Grabstätte lag. Schon des Morgens sagte sie: Wir nehmen ein Bukett für Börne mit, – und als sie ein sehr schönes von Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem großen Papier ohne die bei uns so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen, brachte, sagte sie: Tante, schreib’ doch was hinein. – Ich schrieb etwas von der Verbrüderung des französischen und deutschen Volkes, die er geträumt und die doch zur Wahrheit werden müsse – und als ich an seinem Grabe stand, da sah ich unter einer Büste, die von David d’Angers herrührt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die Freiheit vereinigt. – So stand’s im Baedeker und so hatte ich es dem Künstler nachgefühlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in schönen Frauengestalten, sind neben der französischen die Namen der französischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais – neben der deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. – Ich wollte in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein gewöhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschäftigt war, trat heran und legte es hin: C’etait un poète allemand – je le sais – il nous a tant aimé. –“
Henriette Goldschmidts Reisewünsche blieben aber in der Hauptsache unerfüllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palästina und Amerika zu sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht hin; die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung lebte (ihr Vater hatte den größten Teil seines Vermögens verloren), und die Großzügigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit für ihre Ziele dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen an sich blieb ihr stets ein Genuß, sie scheute auch im hohen Alter die Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal für einige Sommerwochen nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermüdung fühlte, beweist ein Wort, das die beinahe 79jährige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Köln heimkehrte. Sie war die Nacht über gefahren – nicht etwa im Schlafwagen – hatte in Köln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus dem Zuge stieg: „So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend.“
Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgetreten war – Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr 1902 – gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschließlich ihren Anstalten zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Tätigkeit, sah die von ihr gegründeten Anstalten damals in den festen, sicheren Händen von Dr. Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine große Arbeitswelle, in die sich Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer stürzte.
Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun käme das Alter, als sie plötzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen konnte, die Gründung einer Hochschule für Frauen – ähnlich, nur erweitert, wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte – mit der Tendenz „dem mütterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu geben,“ erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfügung, und, obwohl schon im fünfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal so ruhelos und zielbewußt zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr. Johannes Prüfer einen tatkräftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am 29. Okt. 1911 die Hochschule eröffnet werden. – Es war erreichte Lebenshöhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.
Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, daß in ihrer Arbeitsweise auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem für ihre Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen; sie lebte nur – war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der Verein für Familien- und Volkserziehung – den Zielen, die sie sich gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus sorgsam bereitgehaltenen Gefäßen trinken, sondern an die Tiefen der Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in Besprechungen bei Fragen, die ihr für das Ganze belanglos erschienen, rücksichtslos zur Tagesordnung über, aber sie war doch keine Natur, die nur Jasager wollte, im Gegenteil würdigte sie ein freies Neinsagen. Sie schätzte einen logisch begründeten Widerspruch sehr, gab viel jüngeren Menschen nach, wenn sie die Gegengründe einsehen konnte, und besaß die Größe, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jüngeren Freundin, ja selbst ihrem Hausmädchen gegenüber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verständigung zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser große Zug ihres Charakters war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab, was man als „weises Darüberstehen“ bezeichnen kann.
Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gespräch etwas gab. Ihre Briefe trugen bis zuletzt das persönliche Gepräge ihres Geistes, die Anmut im Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die Frauen der Romantik erinnerte.
Innere Treue, die man nicht mit äußerlichem Darandenken verwechseln muß, gehörte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie auch im tiefsten Grunde den führenden Geistern treu, denen sie, wie sie erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehörte besonders Friedrich Fröbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der Frauenbewegung: sie verstehen die „alte Fröbeltante“ nicht, und sie hatte damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den Fröbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Fröbelschen System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein Talent zur Kindergärtnerin, hätte es nie werden können. Verstanden hat sie darin Berta von Mahrenholtz-Bülow, die Henriette Goldschmidt den Apostel Fröbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.
Berta von Mahrenholtz-Bülow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit Friedrich Fröbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit über Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Fröbel zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort gesagt: „Der Mann wird ein ‚alter Narr‘ von den Leuten genannt! Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen bespöttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmäler errichtet.“
Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nähere Verhältnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vorträgen und in der Schrift: „Berta von Mahrenholtz-Bülow, Leben und Wirken“ (Hamburg 1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengänge der beiden Frauen zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: „Mit der Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknüpft, was die Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwürde.“ Henriette Goldschmidt aber prägte sich als Leitwort für ihre Arbeit: „Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.“ Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte zuletzt ganz ihr Tun, und sie überwand in der festen Zuversicht, den richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemütsrichtung entsprach.
6. Ausklang.
Auch dunkle Schatten sind über den Lebensweg von Henriette Goldschmidt geglitten; der Vater verlor einen großen Teil des Vermögens, eine Schwester war immer leidend, 1889 starb ihr Mann, Dr. Goldschmidt, nach langem Leiden, treu von ihr gepflegt. Eine wirklich glückliche Ehe riß damit auseinander, und nach einigen Jahren erlebte die vereinsamte Frau den großen Schmerz, den ältesten, geliebten Stiefsohn Julius ganz plötzlich zu verlieren. Auch die geliebte Schwester und Gesinnungsgenossin Ulrike starb vor ihr. Sie stand aber damals noch mitten in der Arbeit, und die Arbeit trug sie immer wieder aus dem Leidenstal empor.
Bei einem Alter, wie es Henriette Goldschmidt erreicht hat, bei dieser Intensivität des Lebens fragt man sich unwillkürlich, wann begann diese Frau die hohe Altersgrenze zu überschreiten, wann konnte man von wirklichem Altwerden sprechen? Denkt man dieser Frage nach, so kommt wohl allen denen, die sie wirklich genau gekannt haben, und das sind zuletzt nur wenige gewesen, die Antwort: Bei Ausbruch des Weltkrieges. Nicht erst, als die Entbehrungen des Krieges begannen, sondern in den ersten Augusttagen von 1914. Für Henriette Goldschmidt brach da das hohe Ideal der Völkerversöhnung, an das sie, eine überzeugte Pazifistin, stets geglaubt hatte, zusammen. Sie sah nicht mehr eine friedlich fortschreitende Entwicklung aller Völker vor sich, sie sah die gewaltsame Zertrümmerung eines hohen Standbildes.
Von da an wurde sie alt.
Sie leitete noch eine Weile den Verein für Familien- und Volkserziehung, dann legte sie den Vorsitz nieder. Wohl wohnte sie noch weiter den Sitzungen des Vorstandes bei, zeigte bis zuletzt Interesse an allen Anstalten, aber es war doch ein langsames, vielleicht nur den Eingeweihten spürbares Sichloslösen von ihrer Lebensarbeit.
Dazu kam Kummer in der Familie. Die Tragik des hohen Alters, das Überleben einer jüngeren Generation blieb auch ihr nicht erspart. Ihr zweiter Sohn starb, liebe Freunde gingen dahin. Ihren neunzigsten Geburtstag beging sie aber doch noch in einem großen Freundeskreis. Ihr jüngster Sohn, Enkelkinder und vor allem die geliebten Nichten kamen, ihre Pflegetochter Julia, die Tochter ihres Bruders, und die Töchter ihrer Schwester Ulrike, von denen die ältere, Margarete Henschke, die von ihrer Mutter gegründete Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin weiterführt. An diesem Tage war es wirklich, wie es ein Künstler gesagt hatte: „Es kann in wenigen Stunden in diesem Gesicht ein Unterschied von vierzig Jahren sich zeigen.“
Mit der ihr eignen geistvollen Anmut beantwortete sie die Glückwünsche der zahlreichen Abordnungen. Von früh bis abends war es ein Kommen und Gehen, sie erfuhr tiefste Liebe, ebenso Anerkennung von Behörden und Vereinen, es war wirklich noch einmal, trotz des Krieges, ein Tag voll Sonne in ihrem Leben. Selbst die greise Großherzogin von Baden sandte ihre Glückwünsche.
Aber dann senkten sich die schwarzen Schatten tiefer. Das Schicksal Deutschlands, die lange Dauer des Krieges bedrückte sie tief. Nicht die Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, lasteten auf ihr, sie sah des Vaterlandes Zukunft dunkel verhüllt, sagte oft: „Es sind zu viele gegen uns.“ Oft sagte sie auch: „Wenn alle diese ungezählten Millionen, diese angesammelte Kraft für den Ausbau sozialer Einrichtungen verwendet werden würde, wie glücklich könnten viele, viele leben!“
Und dann kam die trübe Wendung in Deutschlands Schicksal. Und kurz vor dem Ausbruch der Revolution erlebte die alte gütige Frau noch den herbsten Schmerz, der ihr werden konnte, sie verlor die geliebte Pflegetochter Frau Dr. Julia Kalbfleisch an der Grippe.
In den ersten Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht war es wie ein Aufbäumen der alten Kraft gegen das unbarmherzige Schicksal; es lohte im Schmerz noch einmal das alte Feuer der Jugend auf, dann wurde Henriette Goldschmidt still und gelassen. Und die Revolution, die wenige Tage später ausbrach, zog sie wieder, wie vielfach große politische Ereignisse es getan, von ihrem Ich ab, und noch einmal war es das große Weltgeschehen, das sie in tiefster Seele erschütterte.
Aber der Glanz von Achtundvierzig lag für sie nicht auf den trüben Novembertagen von 1918, die Deutschland, die das von ihr so heiß geliebte Vaterland der Willkür der Feinde preisgaben. Ihr waren diese Tage keine Erhebung, denn sie sah in ihnen keinen Fortschritt, sie verstand ihre Ursachen, aber sie erblickte keinen Aufschwung.
Und als sie sah, wie langsam so vieles verworfen wurde, das mit innerster Hingabe in freiwilliger selbstloser Arbeit aufgebaut worden war, ergriff sie Angst um den Bestand ihres Lebenswerkes. Da war es ihr eine trostreiche Freude, daß gerade in dem Revolutionswinter es dem Verein für Familien- und Volkserziehung gelang, in einem eignen Hause ein Kindertagesheim zu eröffnen, das ihren Namen trug. Sie sah darin ein Vorwärtsschreiten; den Grundstock hatte eine Sammlung zu ihrem 90. Geburtstag ergeben, Freunde hatten weiter geholfen, so konnte denn in dem trüben Winter 1918/19 das Heim für neunzig Kinder seine Pforten auftun.
Auch die Freude ward ihr noch zuteil, daß die Leitung der Anstalt, die am stärksten ihre persönliche Prägung trug, der Fröbel-Frauenschule, wenn auch nur für wenige Jahre in die Hände ihrer Lieblingsschülerin, Marie Luise Schumacher, überging.
An Sonntagnachmittagen sammelten sich um ihren Tisch noch immer liebe Freunde, die Tochter ihres Bruders wohnte zu ihrer Freude in Leipzig, ein Freund aus alter Zeit saß noch allsonntäglich in dem behaglichen altmodischen Zimmer; im Hause lebten noch immer Menschen, die sich ihr zugehörig fühlten. Das Haus, es heißt jetzt „Henriette-Goldschmidt-Haus“, in der Weststraße in Leipzig, gehörte dem Verein, und sie war, wie sie früher scherzend sagte, lange Jahre in der schwierigen Stellung, Mieterin und zugleich Hauswirtin zu sein. Eine alte treue Hausmannsfrau hatte einmal gesagt: „Bei uns ist alles wie eine Familie“. So war es auch, die kleine weißlockige Frau war des Hauses Seele und Mittelpunkt.
Kurz vor ihrem 94. Geburtstag erlitt Henriette Goldschmidt einen schweren Unfall in ihrer Wohnung, sie erholte sich aber überraschend schnell und verlebte das Weihnachtsfest, zu dem wieder die Nichten aus Berlin gekommen waren, heiterer als im vergangenen Jahre. Es war eine große Sonnensehnsucht in der alten Frau lebendig. Wie oft stand sie am Fenster neben ihrem Schreibtisch und sah still in die sinkende Sonne, still und feierlich sah sie den Glanz am Himmel kommen und vergehen.
Ein sonniger Januartag lockte sie zum erstenmal wieder ins Freie, und sie war über den Spaziergang und die helle Schöne an dem Tag fast kindlich froh. Doch schon in der Nacht stellte sich Fieber ein, und wenige Tage später, in der ersten Frühe des 30. Januar 1920, starb Henriette Goldschmidt, starb ein großer, gütiger, warmherziger Mensch.
Ein sanftes, fast heiteres Hinübergehen war es in die unbekannte Weite, in ihren Krankheitstagen, die schmerzlos waren, ließ sie sich noch Börne vorlesen und besprach noch die politischen Ereignisse des Tages.
Es war eine seltene Lebensvollendung. An ihrem Sarg sprach als letzte ihre Lieblingsschülerin das Goethewort, das sie besonders liebte und wenige Tage vorher selbst ausgesprochen hatte, und das in dem Einklang steht zu ihrem ganzen Wesen, wie sie ihn in allen Erscheinungen des Lebens zu finden suchte:
„Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
die Sonne stand zum Gruße der Planeten
bist alsobald und fort und fort gediehen
nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
so sagten schon Sybillen, so Propheten;
und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“
Henriette Goldschmidts Schaffen
1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit.
a) Anfänge der Frauenbewegung.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte in der deutschen Frauenwelt eine Bewegung ein, die im Jahre 1865 zur Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ führte. Außer Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt hat wohl kaum eine andere der damaligen Frauen von Anfang an die hohe Bedeutung der neuen Bewegung für unsere Gesamtkultur so scharf erkannt wie Henriette Goldschmidt. Kaum eine andere aber hat sich auch so begeistert in den Dienst der neuen Ideen gestellt wie sie.
Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfüllte, ein Gedanke, den der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ auch mit in sein Programm aufgenommen hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und immer wieder zum Ausdruck brachte, nämlich der: Die Arbeit ist die Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist daher Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse müssen beseitigt werden, die dem im Wege stehen. – Also in vollem Umfange die schaffende Mitarbeit der Frau an unserem Kulturleben zu ermöglichen, das ist das hohe Ziel, das ihr vorschwebte.
Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die Rechte zu verschaffen, die die Voraussetzungen für diese Mitarbeit sind, die Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr temperamentvoller Vortrag über „Rechte und Pflichten der Frauen in Gemeinde und Staat“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht „weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur Mittel zum Zweck, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee der Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit.
Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies schon im Titel zum Ausdruck brachte. „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie seitdem oft und gern wiederholt hat: „Wir haben wohl Väter der Stadt, wo aber sind die Mütter?“
„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte[2], „Wo sind die Mütter? Hier ist der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung.“
Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. Was ist Kultur? – Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit schlummern, sich im Leben darstellen, das Leben erhöhen und veredeln.
Das spezifisch Weibliche nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt, erblickt Henriette Goldschmidt in dem Pflegesinn, in dem mütterlichen Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine Eigenart zum Bewußtsein zu bringen, ist die nächstliegende Pflicht der Führerinnen. Und dann Freiheit für die Betätigung dieses Instinkts! Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist an ihn geglaubt hat.
Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in historisches Geschehen. Aber den Glauben hatte sie an eine bessere – ferne Zukunft.
Wie sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „Die Frauenfrage innerhalb der modernen Kulturentwicklung,“ die Henriette Goldschmidt am 27. September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:
„Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt, so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde, als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie wäre es zu erklären, als aus einem inneren Gesetze, das uns oft gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.
So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist, gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse bestimmt. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen:
Die Natur hat für alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie sollen wir als Menschen nicht in einem höheren Sinne einer Fortentwickelung bedürfen! Und die Geschichte belehrt uns, daß wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese Entwickelung ist abhängig von der Kultur der Zeit, des Volkes und von tausend unberechenbaren Einflüssen. Ist es auch unmöglich, selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurückführen, das sich im Laufe der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken Kulturvölker heißt das Gesetz moderner Kulturentwickelung: „Das Recht der Persönlichkeit nach individueller Freiheit.“
In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der Gemeinde, im Staate die Würde seiner Persönlichkeit. Der Einzelne hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien- und Volksgenossenschaft.
In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert und Gepräge verlieh, der Staat, dem jeder Bürger seine Persönlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das Volk und sein Verhältnis zu Gott, die religiöse Idee, die dem Einzelnen zur idealen, ihn erfüllenden Lebensaufgabe wurde. Aus diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht gegen Volk und Staat und Gott, eine Familie zu begründen, und mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je stärker das Volksbewußtsein war. Erst in den späteren Zeiten des kaiserlichen Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrömischen Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.
Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der alten Welt. War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-, Volks- und Staatsganzen eine Persönlichkeit, wie sollte die Frau sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken können? Im Familienverband waltete ja überdies noch sichtbarer als im Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und naturbestimmt für die Ehe, für die Familie dachte man sich nicht nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der Verpflichtung zur Heirat, zur Begründung einer Familie richtete sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet gebliebene Männer waren in allen antiken Kulturstaaten festgestellt.
Wurde demnach das eheliche Verhältnis als ein Pflichtverhältnis aufgefaßt, so ergab es sich von selbst, daß die Neigung eine untergeordnete Rolle spielte, ja, fast gar nicht in Betracht kam. Während – und ich erlaube mir, diesen Punkt ganz besonders Ihrer Beachtung zu empfehlen – während unsere Dichtungen es fast ausschließlich mit den Konflikten des Herzens in Rücksicht auf die Gattenwahl zu tun haben, erzählen uns die Dichtungen des so hoch kultivierten griechischen Volkes wenig oder nichts von einem Konflikt des in unserer Zeit so eigenwillig gewordenen Herzens der Jugend gegen die von den Eltern oder Vormündern bestimmte Gattenwahl. Die griechischen Tragödien, diese Meister- und Musterwerke, haben es mit den erschütterndsten Kämpfen innerhalb der Familie, nicht mit dem Liebesleben und -leiden jugendlicher Gemüter zu tun. In unserer Zeit hat die Ehe nicht das Zwingende eines Natur-, Staats- oder Religionsgesetzes, sie wird nicht im Interesse einer zu gründenden Familie geschlossen, sie soll ein freies Bündnis zweier Menschen in Liebe sein, durch nichts bestimmt als durch die eigene freie Entschließung.
Wir sehen, durch welche Gegensätze wir uns durchkämpfen müssen. Aus der idealen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter, aus der freien Entfaltung des Gemütslebens, wie sie das Altertum nicht kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt für die Ehe, war namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die Notwendigkeit anerkannt, daß die Familie der verlassenen Waise, der verwitweten Frau die Existenz verbürgte. Der Pater familias im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit, hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.
Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist der bestimmende Mittelpunkt für einen größeren Familienkreis. Sein Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mündig gewordenen Söhne und Töchter. Und nur wenige Väter sind selbst in der Lage, über ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu versorgen.
Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die oft selbstgewählte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit, von der andern die Unmöglichkeit, in den gegebenen Familienverhältnissen Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden.
Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits vollbrachten an Kühnheit und Gefahr vergleichen ließe; sie schließt die gefährlichste Freiheit in sich, die Freiheit des Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht auf die Ehe den Einzelnen überläßt, so ist wenigstens das letztere eine Freiheit, die sich über die Naturgesetze erhebt. Und es wird nicht mehr als eine Kühnheit erscheinen, die Formen für die gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die absolute Gültigkeit von Naturgesetzen beanspruchen können.
Hier sehen wir den Keim der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man es prinzipiell zugegeben, daß die Gattenwahl sowie der Verzicht auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhänge, so können tausend Fälle eintreten, wo diese Gattenwahl unmöglich ist. „Sie hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden,“ sie hat sich in dem Erwählten getäuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.
Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich vorzüglich gegen unser Geschlecht.
Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf eigene Existenz dem Manne in höherem Grade zuteil werden lassen, als die antike Kultur.
Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, unsere Kultur hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als gewährt.
Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten, ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft, und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den Frauen im Hause genommen.“
Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so lange, bis man zu der Meinung kam, die Frau sei zu einer wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt. Das Wort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich nicht auf die Frau.
Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende, einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre Persönlichkeit soweit ausdehnen können, daß sie in geselligen Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen, in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu erfüllen? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine gefährliche Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. Wie aber soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen? Man faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit, über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, zum Egoismus, wenn die Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?
Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten, von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so wird man sich nicht wundern, daß die Ehelosigkeit in den höheren, gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen. – So teile ich aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren 1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der Ehestandskandidaten vorhanden.
In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet, für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.
Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten. Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen, das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre 1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund 700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand: Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben, dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde, einsame Frau!
Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst gestellt, und die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören. Denn ist es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen entgegentritt, zu entrollen?
Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen, kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß es eine bestätigte Tatsache ist: „Der größte Teil dieses elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter Erziehung.“
Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen aufgeben müssen. Wir sind in Übereinstimmung mit unserem Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in Anspruch nehmen. Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein? Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung, so ist das Recht auf menschenwürdige Existenz gewiß das Urrecht jedes in Gottes Ebenbilde geschaffenen Wesens. Menschenwürdig ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu gebrauchen, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen willen, um der Gesamtheit willen.
Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende, hier sind alle gleich bedürftig.“
Die Lösung der Frauenfrage ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur möglich durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung. Es war daher kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von Resolutionen, mit der Gründung eines Frauenbildungsvereins, der es für seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt), Fortbildungsschulen für Mädchen zu errichten.“ Jeder, der die Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.
Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen: die Schaffung eines dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts adäquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer Kultur führenden Frauenbildungswesens. Vieler Jahrhunderte hatte es bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen. Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt vorschwebte: die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte.
Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:
„Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des Lebens. Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend – die Frau!“
b) Friedrich Fröbel.
Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –
Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.
Friedrich Fröbel war nicht nur der Gründer der Kindergärten, als den ihn die Welt fast ausschließlich kennt, sondern er war ein Pädagog ganz großen Stils, ein Kulturpädagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei dem Wort „Pädagog“ immer nur an „Lehrer“, und sie meinen, ein „großer Pädagog“ sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Fröbel nicht. Sein Blick war auf Höheres gerichtet.
Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen. Unter Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu verstehen, sondern es heißt hier soviel wie Menschentum. Es ist das Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Kräfte und Fähigkeiten, die im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind. Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden gemeinsam war.
Es drängt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles Menschentum, alle Menschenleistung ist eine Äußerung dieses Geistigen. Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die Menschheit ist Ursprung und Schöpfer der Kultur – wie die Gottheit Ursprung und Schöpfer der Natur und der Menschheit ist. Menschheit und Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.
Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der Schöpferwille und die Schöpferkraft, der Drang und die Fähigkeit, sich (d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse Gestalt zu geben. Stoff an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst überlassen, ist Chaos, erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Geist wird sie zum Kosmos.
Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer höher. „Alles Innere wird von dem Innern an dem Äußern und durch das Äußere erkannt. Das Wesen, der Geist, das Göttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt an seinen, an ihren Äußerungen“ (Fröbel).
Die Entwicklung der Menschheit hängt also davon ab, daß sie sich ungehemmt und frei entfalten, darstellen, objektivieren kann.
Dazu gehört dreierlei:
Erstens muß sie sich in ihrem innersten Wesen rein erhalten. Das geschieht, wenn sie sich stets ihres göttlichen Ursprungs bewußt bleibt. Darum setzt Fröbel an den Anfang seiner „Menschenerziehung“ (1826) das tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit zitieren konnte: „In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es sprach und spricht sich im Äußern, in der Natur, wie im Innern, in dem Geiste, und in dem beides Einenden, in dem Leben, immer gleich klar und gleich bestimmt dem aus, den entweder von dem Gemüte und Glauben aus die Notwendigkeit erfüllt, durchdringt und belebt, daß es gar nicht anders sein kann, oder dem, dessen klares ruhiges Geistesauge in dem Äußern und durch das Äußere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das Äußere mit Notwendigkeit und Sicherheit hervorgehen sieht. Diesem allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare, lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde. Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie – die Einheit selbst – entweder durch Glauben oder durch Schauen lebendig, gleich er- und umfassend erkannt, so daß sie auch von einem still achtsamen menschlichen Gemüte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.
Diese Einheit ist Gott.
Alles ist hervorgegangen aus dem Göttlichen, aus Gott, und durch das Göttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller Dinge.
In allem ruht, wirkt, herrscht Göttliches, Gott.
Alles ruht, lebt, besteht in dem Göttlichen, in Gott und durch dasselbe, durch Gott.
Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt.
Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das Wesen jedes Dinges.
Die Bestimmung und der Beruf aller Dinge ist: ihr Wesen, so ihr Göttliches, und so das Göttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am Äußerlichen und durch Vergängliches kundzutun, zu offenbaren.“ –
Zweitens muß sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung bewußt werden. Darin erblickt Fröbel die besondere Bestimmung, den besonderen Beruf des Menschlichen. Die übrigen Geschöpfe entfalten ihr Wesen nur einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewußtsein tun. Dadurch erhebt er sich über alle anderen Kreaturen. Dadurch nähert er sich der Gottheit.
Drittens braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu können: Stoff, Gelegenheit, Möglichkeit zur Betätigung. Das Bewußtsein ihres göttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein genügt noch nicht zur Höherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und Entwicklung. Arbeit muß dazukommen, Arbeit und Schaffen am Materiellen, am „Äußeren“. Dadurch gewinnt die Arbeit bei Fröbel einen ganz neuen Sinn. Sie ist nicht mehr wie im „Alten Testament“ Strafe für die im Paradies begangene menschliche Sünde („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“), sie ist auch nicht nur unangenehme Notwendigkeit zur Erhaltung des Körpers (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist Mittel zur Entfaltung des Geistigen. Sie ist der stärkste und unentbehrlichste Kulturfaktor überhaupt. „Erniedrigend ist der Wahn“, hat Fröbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt, „erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur darum, seinen Körper, seine Hülle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider zu erwerben; nein – der Mensch schafft ursprünglich nur darum, damit das in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte und er so sein eigenes göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe.“
Mit diesem weiten Blick tritt nun Fröbel an das Erziehungsproblem heran. Erziehung kann ihm – nach dem Vorangegangenen – nichts anderes sein als:
1. Hinlenken des Blickes der Menschen auf den ewigen Ursprung alles Seins und Pflegen des Gefühls des inneren Verbundenseins mit dem Göttlichen,
2. Anregen und Hinführen zur Selbstbesinnung über das Wesen und die Bestimmung des Menschen, und
3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu produktiver Arbeit.
Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die überhaupt erst Kultur möglich machen.
Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“ in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner Kulturleistung, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.
Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!
Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst (oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen, gleichsam auf die Menschheit im Menschen an. Wenn je ein Pädagog, so betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit sub specie aeternitatis.
Am reinsten und noch völlig „unverletzt“ tritt uns die Menschheit im Kinde, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an, daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das kann nur geschehen durch angemessene bewußte Pflege. Darum ist die früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird seine Bestimmung nicht erfüllen.
Es gilt also die Menschheit zu pflegen in den Kindern. Das ist das erste und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.
Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben nur ein – Pflegen.
Das Bild des Gärtners schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß es also sein Wesen (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine Schützlinge – pflegen.
Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es in der ersten Erziehung. Hier gilt es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu pflegen, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen – oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: Kindergärtnerinnen. Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“ Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut, muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt. Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren und jungen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten, Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln, auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“
Was wir also brauchen für unsere Kleinen, ist gleichsam ein Garten der Kindheit, in dem die jungen Geschöpfe heranwachsen können, gepflegt und behütet von treuen Gärtnerinnen. Was wir brauchen, sind Kindergärten, d. h. Stätten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend sich entfalten, an denen sie ihr Göttliches – die Menschheit – „darleben“ können.
Wie kann das geschehen?
Der tiefste Wesenszug der Gottheit – und daher auch der Menschheit – ist, wie oben bereits erwähnt, der Schöpferwille, der Gestaltungsdrang. Im frühen Kindesalter äußert sich dieser als Tätigkeits- und Beschäftigungstrieb. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung und Tätigkeit so stark wie in diesen frühen Jahren. Schon der alte Pädagog Comenius hatte das erkannt und in seinem „Informatorium der Mutter Schul“ (1632) geschrieben: „Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anlaß geben, daß sie immer etwas zu tun haben. Laß sie Ameislein werden, welche immer herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen“ usw.
Die bewußte Pflege dieses stärksten aller kindlichen Triebe, des Tätigkeits- und Beschäftigungstriebes war für Fröbel der Anfang wahrer Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in der Kindheit. „Menschheitspflege und Kindheitspflege,“ schrieb er einmal „wohnen in einem Tempel.“
Fröbel begnügte sich nun aber nicht damit, die Pflege des Tätigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie der Tätigkeitstrieb gepflegt werden könne, er wollte den Kindern Material in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und äußeren Kräfte entfalten würden. So schuf er:
1. seine „Mutter- und Koselieder. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege des Kindheitlebens. Ein Familienbuch“ (1844). Mit 50 großen Kupfern von Friedrich Unger[3];
2. seine Gabenreihe (Ball – Kugel, Würfel, Walze – Baukästen) mit den dazu gehörigen „Anleitungen“ (für die Erwachsenen);
3. seine zahlreichen sonstigen Beschäftigungen (Legetäfelchen, Flecht- und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnähblätter u. dgl.).
Es würde zu weit führen, im einzelnen zu zeigen, wie Fröbel sich diese neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen Maßnahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den Geist, in dem das Ganze aufgefaßt und ausgeübt wurde.
Und da setzte er seine ganze Hoffnung auf die Frauenwelt.
In dem mütterlichen Instinkt, in dem angeborenen Pflegesinn des Weibes sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege. „Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn,“ schreibt er einmal, „überhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemüt trennt nur der Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in das Frauenherz und -gemüt, in den echten Frauensinn gelegt.“
Freilich, diese Einigung von Kindheit und Frauenleben, die früher wohl bestand, ist durch die Riesengewalt äußerer Verhältnisse und die wirtschaftlichen Nöte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht bewußt waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben. Aber die unnatürliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu geführt, daß allmählich das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von „Kinderleben und Frauensinn“ erwacht ist und das Streben, diese natürliche Einheit wieder herzustellen. „Der ersten Kindheitpflege muß das Frauenleben wieder ganz zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege muß allgemein wieder geeint, weibliches Gemüt und sinnige Kinderbeachtung muß wieder ein Einiges werden.“ (Fröbel.)
Was das weibliche Geschlecht bisher rein instinktiv getan, nur seinem Naturtriebe folgend – also im Grunde passiv –, das soll und wird es in Zukunft bewußt ausüben, aus höherer Einsicht, aus eigenem Willen – also im Grunde aktiv. Dadurch wird das bisherige natürliche Tun der Frau zur Kulturleistung. Denn alles natürliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle Kulturleistung aber auf dem Bewußtsein und dem Willen des Menschen.
Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur möglich, wenn es zuvor seine „menschheitspflegende Bestimmung“ erkannt, d. h. wenn es im einzelnen Kinde nicht mehr nur das seelisch-körperliche Einzelwesen erblickt – was das Kind natürlich zunächst ist – sondern darüber hinaus in jedem Kinde das ewig Geistige, die Menschheit (in dem oben dargelegten Sinne) und damit Göttliches ahnt.
Damit ändert sich die ganze Stellung der Frau zum Kinde und zur Menschheit.
Sie ist nicht nur mehr Hüterin eines Einzelgeschöpfes, sondern Priesterin des Ewigen: sie pflegt Unvergängliches – Göttliches – in ihrem Kinde. Der natürliche Pflegesinn des Weibes – der tiefste Wesenszug ihres Geschlechts – erhält dadurch eine viel umfassendere Bedeutung, ein viel höheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer Kulturnotwendigkeit.
Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung kulturfördernd in großem Stil werden will, muß sie diese ihre tiefste Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist dem weiblichen Geschlecht als Ganzem eine Möglichkeit zur Höherentwicklung „von seinem Wesen aus“ gegeben. Mögen einzelne begabte Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Großes leisten, das weibliche Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner mütterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und den Kulturtaten des männlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen) Gleichwertiges schaffen können.
Die Pflege der Menschheit in der Kindheit, also das Erhalten und Behüten, das Üben und Starkmachen der eigentlichen kulturschaffenden Kraft ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit gleichwertig.
In diesem tiefen und umfassenden Sinne muß das Lieblingswort Henriette Goldschmidts verstanden werden, das sie Fröbel entnommen hat und von dem sie wünschte, daß es in ihrer Anstalt unter ihre Büste gesetzt würde, da es besser als jedes andere zum Ausdruck brächte, was sie erkannt und gewollt habe, das Wort:
„Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven passiven Tätigkeit – als Glied der Menschheit – zu entheben und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen, ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben.“
Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glücklichen Stunde geprägt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum „geflügelten“ geworden ist:
„Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.“
Auch dieses Wort weist in die Zukunft.
Viele verstehen es so, als habe Henriette Goldschmidt einfach konstatieren wollen: Der Erziehungsberuf sei der Kulturberuf der Frau. Nein! Der Erziehungsberuf, wie er von den allermeisten Menschen jetzt noch aufgefaßt und geübt wird, ist noch kein Kulturberuf. Er ist noch eine „instinktive, passive Tätigkeit.“ – Aber er soll ein Kulturberuf, er wird der Kulturberuf der Frau werden.
Henriette Goldschmidt hat dieses Wort zunächst den suchenden und gebildeten Frauen zugerufen, die ihre Kräfte in den Dienst der Kultur stellen möchten, ohne bereits ein klares Ziel für ihre Arbeit zu haben. Denen will sie mit diesen. Wort sagen: Sucht das Ziel nicht draußen, sondern in euch selbst! Erkennt die menschheitpflegende Bestimmung des weiblichen Geschlechts und weiht eure Kräfte einer Arbeit, die euerm innersten Wesen gerecht wird! Die Frau kann „als Glied der Menschheit“ nichts Höheres vollbringen, als ihren Erziehungs- und Pflegeberuf als Kulturberuf aufzufassen und auszuüben.
Freilich, die Frauenwelt wird und kann diesen Weg nur gehen, wenn ihre Führerinnen sich zu diesem Ziel bekennen und wenn sie die Bildung des weiblichen Geschlechts in diesem Sinne gestalten. Friedrich Fröbel bezeichnete am Ende seines Lebens seinen für Marienthal entworfenem Plan einer in dieser Art gedachten Bildungsanstalt für das weibliche Geschlecht als die letzte Konsequenz seines Grundgedankens.
Die Errichtung einer solchen Bildungsstätte war auch für Henriette Goldschmidt die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung, die Synthese ihrer aus der deutschen Frauenbewegung und aus der Fröbelschen Pädagogik entwickelten Ideen.
2. Ihr Wirken für die Kindergartensache.
a) Petition an die deutschen Regierungen.
Fast 50 Jahre hat Henriette Goldschmidt im Dienste der Kindergartensache gestanden. Sie hat zahllose Vorträge über die Idee des Kindergartens gehalten, hat jahrzehntelang intensiv im „Deutschen Fröbelverband“ mitgearbeitet, hat in Leipzig vier große Volkskindergärten geschaffen, die noch heute als städtische Anstalten blühen. Aber über all das soll hier nicht ausführlich gesprochen werden. So verdienstvoll es natürlich war, es unterschied sich doch nicht wesentlich von der gleichen Arbeit geistesverwandter Frauen in anderen Städten. Hier sei nur von dem berichtet, was sie mehr geleistet hat als die andern.
Da ist in erster Linie die Petition des „Bundes deutscher Frauenvereine“ an die deutschen Regierungen zu nennen. Pfingsten 1897 hatte Henriette Goldschmidt auf der Generalversammlung des Bundes den Antrag gestellt, eine Petition an die deutschen Regierungen wegen „Einordnung der Fröbelschen Erziehungs- und Bildungsanstalten (Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen) in das Schulwesen der Gemeinden und des Staates“ zu richten. Der Antrag fand die Zustimmung des Bundes, und die „Erziehungskommission“ wurde beauftragt, die Petition auszuarbeiten. Die eigentliche Arbeit hatte Henriette Goldschmidt zu leisten, die die Vorsitzende dieser Erziehungskommission war. Aus dem Briefwechsel Henriette Goldschmidts mit ihrer Freundin, Frau Jenny Asch in Breslau[4], wissen wir Näheres über die Schwierigkeiten, unter denen diese Petition zustande kam: Einige Mitglieder der Kommission standen der ganzen Sache kühl gegenüber, andere wohnten auswärts (z. B. Eleonore Heerwart in Eisenach, Martha Back in Frankfurt a. M.), der Vorsitzende des „Deutschen Fröbelverbandes“ (Prof. Dr. Eugen Pappenheim in Berlin) war überhaupt gegen die Eingabe. Schließlich blieb Henriette Goldschmidt nichts anderes übrig, als die Petition selbst auszuarbeiten und dann den übrigen Mitgliedern der Kommission zur Billigung zuzuschicken. Im November 1898 sandte dann der Vorstand des „Bundes deutscher Frauenvereine“ die Petition an die Regierungen ab.
Henriette Goldschmidt hatte auf einen raschen Erfolg dieser Eingabe kaum allzu große Hoffnungen gesetzt. Sie wollte damit nur die ganze Angelegenheit überhaupt in Fluß bringen. Daß sich nicht alles, was sie darin forderte, in kurzer Zeit werde verwirklichen lassen, das wußte sie. Wenn die Regierungen nur überhaupt anfingen, der Kindergartensache näher zu treten, das genügte zunächst schon. Zehn Jahre später zeigten sich die ersten Spuren: 1908 im Lehrplan der preußischen Frauenschulen, 1911 in den Prüfungsbestimmungen für Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen. Wenn naturgemäß zwischen 1898 und 1908 auch noch andere maßgebende Persönlichkeiten in dieser Richtung auf das preußische Kultusministerium eingewirkt haben mögen, so ist doch die Tatsache nicht zu leugnen, daß Henriette Goldschmidt den ersten mutigen Schritt in dieser Sache getan hat und daß daher ihre Petition von 1898 ein Markstein in der Geschichte des deutschen Kindergartenwesens bleiben wird.
Damit dieses historisch bedeutsame Schriftstück nicht so schnell der völligen Vergessenheit anheimfällt, sei es nachstehend im Wortlaut wiedergegeben, zumal es auch in Einzelheiten überaus charakteristisch für Henriette Goldschmidt ist:
„Das Gesuch betrifft das für unsere Familien- und Volkserziehung so wichtige Gebiet der Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen.
Beide Anstalten verdanken ihr Entstehen bekanntlich dem jüngsten schöpferischen deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel. Auf die Initiative von Männern und Frauen (Diesterweg, Frau von Mahrenholtz-Bülow, Johanna Goldschmidt u. a. m.), die noch unmittelbar unter dem Einflusse des Meisters standen und von seinen Ideen begeistert waren, ist die Errichtung von Kindergärten und Seminaren zurückzuführen.
Dieser selbstlosen Hingabe und opferwilligen Arbeit für die Realisierung des Fröbelschen Erziehungswerkes folgte eine Privattätigkeit einzelner Personen, die unter eigener Verantwortlichkeit Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen errichteten, ohne eine andere Kontrolle als die ihrer eigenen Gewissenhaftigkeit. Die Folge davon ist, daß Erziehungsstätten, die sich auf die wichtigsten Lebensalter – auf die Kindheit beider Geschlechter und auf das jungfräuliche Alter – beziehen, den Charakter industrieller Unternehmungen angenommen haben. Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen unterliegen bisher dem Gewerbe- und nicht dem Schulgesetze.
Welch eine große Schädigung der Sache dieser Umstand mit sich führt, das kann hier nicht erörtert werden. Hinweisen wollen wir darauf, daß Erziehungsstätten für das erste Kindesalter nur einer früheren, nicht einer niedrigeren Stufe unseres Lebens dienen als die Volksschulen. Wie aber die Errichtung einer Schule ohne Befähigungsnachweis unstatthaft ist, so dürfte mit gleichem Rechte die Gründung eines Kindergartens ohne Befähigungsnachweis unstatthaft sein. Dasselbe, nur in verschärfter Form, gilt für die Errichtung von Seminaren für Kindergärtnerinnen.
Diese Anstalten sind bestimmt, Erzieherinnen zu bilden und haben daher eine Aufgabe zu erfüllen, welche derjenigen der Seminare für Lehrerinnen kaum nachsteht.
Bezieht sich daher unser Gesuch zunächst darauf, daß die genannten Anstalten der Willkür enthoben und einer behördlichen Kontrolle unterworfen werden, so beschränkt es sich nicht darauf.
Es wird im allgemeinen zugegeben, daß die Grundlagen der Charakterbildung im Kinde geschaffen sind, wenn dasselbe in die Volksschule eintritt. Die hochwichtige erzieherische Aufgabe, welche dem vorschulpflichtigen Alter zugewiesen ist, wird zur Stunde lediglich dem Zufall überlassen. – Die weitaus größere Zahl der Eltern hat für die Lösung derselben entweder keine Zeit oder kein Verständnis, oder keine Neigung. Es erscheint demgemäß dringend geboten, die Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes im vorschulpflichtigen Alter von Staats wegen im Interesse des Staates sicherzustellen. Weder Vereine, noch private Unternehmungen sind imstande, eine Aufgabe zu lösen, die sich auf die gesamte Bevölkerung bezieht – sie konnten nur die notwendige Vorarbeit leisten. – Weil aber die Erziehung der Kinder im vorschulpflichtigen Lebensalter für die Zukunft des heranwachsenden Geschlechtes, also für unser Volk und den Staat, von höchster Bedeutung ist, bitten wir eine hohe Regierung, hochdieselbe wolle durch ein besonderes Gesetz oder durch eine Novelle zum Schulgesetze die Frage der Kindergärten einer Regelung unterziehen, und zwar wolle hochdieselbe in dem erbetenen Gesetze anordnen, daß innerhalb eines festzustellenden Zeitraumes jede Gemeinde in Verbindung mit ihrer Volksschule einen oder mehrere Kindergärten zu errichten habe, zu dessen Besuche alle Kinder mindestens zwei Jahre vor ihrem Eintritt in die Volksschule verpflichtet sind. Diese Kindergärten bitten wir den staatlichen Schulaufsichtsbehörden zu unterstellen.
Auch wenn die hohe Regierung nicht für baldigen Erlaß eines derartigen Gesetzes sich entschließen könnte, wird sich hochdieselbe nicht verschweigen dürfen, daß die derzeitige Ausbildung der Kindergärtnerinnen nicht immer der Bedeutung entspricht, welche die erzieherische Tätigkeit erfordert. Wir fühlen uns deshalb verpflichtet, eine hohe Regierung gehorsamst zu bitten: