Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche Ausdrücke, Groß- und Kleinschreibung, usw. wurden nicht verändert, wenn die Verständlichkeit der Passage dadurch nicht beeinträchtigt wird. Dies gilt insbesondere auch für ins Deutsche übertragene fremdsprachliche Ausdrücke, die teilweise lediglich phonetische Übertragungen darstellen. Die ‚[Verbesserungen]‘ am Ende des Buches wurden vom Bearbeiter bereits in den Text eingearbeitet.
Die Ergebnisse der Additionen in den Tabellen sind möglicherweise nicht in allen Fällen korrekt; da die Angaben aber nicht nachvollzogen werden können, wurden alle Zahlen aus dem Original ohne Korrektur übernommen.
Die Verwendung von Frakturschrift in den Überschriften erscheint rein willkürlich und dient augenscheinlich ausschließlich dekorativen Zwecken. Zur Darstellung von Frakturschrift wurde die Schriftart ‚Old English Text MT‘ verwendet. Sollte diese auf dem verwendeten Lesegerät nicht zur Verfügung stehen, wird ersatzweise eine serifenlose Standardschrift angezeigt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
SCHILDERUNGEN
DES
TREIBENS IM LEBEN UND HANDEL
IN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND HAVANA.
GEZEICHNET
AUF REISEN IN DEN JAHREN 1838 UND 1839
VON
JULIUS RIES.
BERLIN, 1840.
Auf Kosten und im Selbstverlage des Verfassers.
Burg-Straße No. 17.
Aufgeschnittene und beschmutzte Exemplare werden nicht zurückgenommen.
Vorrede.
Vorreden werden gewöhnlich geschrieben, um böse Nachreden von Seiten der Leser zu verhüten. Indeß wird dieser Zweck hierdurch selten, oder auch nie erreicht; und wozu auch? Werden ja doch des allgütigen Schöpfers Werke auf das allerheftigste getadelt, wie soll also ein menschliches Werk dem Tadel entgehen. Der Verfasser unterfängt sich nicht, dem Publikum etwas Untadelhaftes bieten zu wollen, deshalb wollte er auch alles Vorreden unterlassen, da er ohnedies im Buche selbst hinreichend auf Zweck und Endziel desselben aufmerksam gemacht hat. Nicht also um Kritiker sanfter zu stimmen, sondern zur vorläufigen Orientirung der Leser, und um sich gegen Mißdeutungen zu schützen, erlaubt er sich einige Bemerkungen.
Die erste ist die, daß er hier nichts mittheilt, als was er selbst erfahren, oder was er durch einiges Nachdenken gefunden hat; das Büchermachen aus andern Büchern, wie es auch bei Reisebeschreibungen gebräuchlich ist, will er Andern überlassen. Als Kaufmann hat er vorzugsweise für praktische Kaufleute geschrieben, hofft jedoch, daß Manches in seinem Buche auch von Andern nicht uninteressant dürfte gefunden werden. Systematische Ordnung hielt er in solchen Mittheilungen für überflüssig, er hat die Beobachtungen und Betrachtungen, wie sie sich ihm theils auf der Reise, theils von selbst darboten, dem Leser vorgelegt; wenn er daher im Verlauf der Erzählung auf einen Gegenstand zurückkommt, so geschieht es nur dann, wenn die frühere Bekanntschaft mit dem Gegenstande durch die spätere bedeutend vermehrt und wirklich ergänzt wird.
Die zweite Bemerkung betrifft die Betrügerei der Commissionaire, mit deren Enthüllung ein ziemlicher Theil dieses Buches sich beschäftigt. Möchte es dem Verfasser gelungen sein, einen tüchtigen Stich in dieses Wespennest zu thun, denn eine böse Gattung von Wespen sind die von demselben bezeichneten, die schon manchen Bienenstock um ihren Honig gebracht haben. Daß der Verfasser nicht alle Commissionaire zu jenem Wespengeschlecht zählt, wird wohl jedem Vernünftigen von selbst einleuchten. Auch die Johann und Cosmus von Medici, so wie die Fuggers in Augsburg, waren einst Commissionaire, aber zugleich was für treffliche, hochgesinnte Männer! Auch die Rothschild’s sind durch den höchsten Grad der Rechtlichkeit zu der hohen Stellung gelangt, die sie jetzt einnehmen. Daß der Verfasser ähnliche Commissionaire, wenn sie auch nicht so angesehen und reich sind, nicht in seinen Tadel einschließt, versteht sich von selbst. Daß er aber die Mysterien jenes Wespengeschlechts schonungslos zur Publicität bringt, so jedoch, daß er alles Gesagte mit schriftlichen Documenten belegen kann, dafür wird der Verfasser wohl keinerlei Entschuldigung bedürfen, er glaubt vielmehr, auf den Dank einsichtiger Geschäftsleute rechnen zu dürfen, und dies um so mehr, da er hauptsächlich, um diesen zu nützen, seine Erfahrungen mittheilte.
Selten erscheinen praktische Kaufleute in der Reihe der Autoren, denn haben sie gute Geschäfte gemacht, so haben sie Gründe, dies nicht der Welt bekannt zu machen, im umgekehrten Falle schämen oder scheuen sie sich wohl gar. Der Verfasser hat sich von jenen zwei Ursachen der Verheimlichung nie beherrschen lassen, und da er als Kaufmann nicht länger zu praktiziren gesonnen ist, weil kaufmännische Geschäfte jetzt nichts Erfreuendes darbieten, so wünscht er, daß die zum Nutzen für angehende Kaufleute gestreute Saat gesegnet aufgehen möge.
Julius Ries.
Inhalts-Verzeichniß.
| Einleitung. | [Seite 1] |
| Ursache und Zweck der Reise. — Die Hamburger Pavillons. — Das Huller Dampfschiff und der Redacteur der Huller Times. — Die Seekrankheit als Schönheitsmittel. — Eine Flüchtige aus London und der Konstabler. — Die Reisegesellschaft. — Der Schauspiel-Director W. — Ein derber Italiener als Nebenbuhler von Lablache. — Die Reise auf Paquet- und Dampfschiffen. — Sturz des Verf. von der Cajütentreppe. — Ueble Lage desselben als Kranker in einem Schiff. — Ankunft in New-York. — Quarantaine-Revision. | |
| New-York. | [S. 15] |
| Beverley-House. — Fortdauernde Krankheit des Verfassers. — Englands Handel und Fabrikation im Verfall. — Wucher beim Pfandleihen. — Boarding- oder Kosthäuser. — Lebensweise in diesen. — Wein und Weinpreise in Amerika. — Gutsbesitzer und deren Hornvieh. — Beschreibung von Broad-Way. — Oeffentliche Anständigkeit und Sittlichkeit der Amerikaner. — Caffé de mille Colonnes. — Das Stadt-Hospital. — Chatham. — Waaren-Auktionen. — Nothwendigkeit einer baldigen Handelskrisis. — Musquitos. — Theater, und List, um volle Häuser zu gewinnen. — Militairische Ordre. — Einrichtung des Packhofs. — Glück des New-Yorker Brandunglücks für die Fabrikwelt. — Tabelle über die Fabrikation in den V. S. — Industrie-Ausstellung. — Prächtige Feuerspritzen. — Deutsche Kirchen und Prediger. — Behr, der mecklenburger Wollhändler. | |
| ZweiteAbtheilung. Havana. | |
| Reise nach Havana, Oertlichkeit und Einrichtung daselbst. | [S. 45] |
| Abreise nach Havana auf dem Paquet Norma. — Paßverlegenheit. — Champagner. — Permitts, oder Erlaubnißscheine zum Anlanden. — Logis. — Der Verfasser miethet eine Kammer, welche wegen der vielen, in derselben sich aufhaltenden Thierarten mit Noah’s Arche zu vergleichen wäre. — Place des Armes. — Oeffentliche Promenade der Havaneserinnen. — Havana’s Straßen, Volanten, Gefahr auf den Straßen durch diese. — Ladendiener für Damen, und deren Art beim Einkaufen. — Häusliche Einrichtung und Sclaven-Einkauf hierzu. — Havanesische Kochkunst. — Mahlzeiten und Sclaven-Bedienung hierbei. — Vergnügungen der Sclaven am Weihnachts-Feste. | |
| Ueber die Handels- und Geschäfts-Verhältnisse in Havana. | [S. 59] |
| Der deutsche Commissionair M. — Waarenunkunde der Commissionaire; ihre Lebensweise. — Die Mercadere. — Importation auf Cuba. — Europäische Facturen sind für die Commissionaire überflüssig. — Detailleurs, Hausirer und Lotterie in Havana. — Geldmangel, hoher Zinsfuß und Waaren-Ueberfluß. — Vorschlag, um dies Uebel für den europäischen Handel nach Westindien zu heben. — Ein Beispiel von der Verfahrungsweise der Commissionaire beim Abrechnen mit Europäern. — Merkwürdig wohlfeiler Waarenverkauf. — Der übermäßige Gewinn beim Sclavengeschäft. — Import des Mehls auf Cuba. — Procedur des Verfassers gegen die schlauen Commissionaire. — Advokaten, Prokuratoren, Stempelpapier, lange und theure Prozesse. — Der Verfasser muß Sclavenhändler werden. — Unverschämtheit der Commissionaire in Anrechnung der Kosten. — Der Commissionair M. will, daß der Verfasser einen um das doppelte erhöhten Zoll bezahle. — Des Verfassers Prozeß. — Edles Betragen der Spanier und des englischen Consuls hierbei. — Wuth und Schlauheit der Gegner. — Bemühungen des Verfassers, die Zoll-Defraudationen von Seiten seines Commissionairs zu ermitteln. — Humanität und Gefälligkeit des Gouverneurs hierbei. — Hinhaltendes Verfahren der Zollbeamten gegen dieses Unternehmen. — Der Betrug kömmt endlich bestimmt zu Tage. — Revenuen der Insel Cuba. — Ueber die Veruntreuung, und Straflosigkeit solches Betrugs. — Der Verfasser überreicht dem Gouverneur einen Aufsatz über Verbesserung der Douanen. — Specificirte Rechnungen und Nachweisungen über die von Moyer und Dakin erpreßten Summen. — Unkosten von Waarensendungen nach Vera-Cruz. — Forellen und französische grüne Erbsen in Havana aufgewärmt, à 1½ Piaster eine Portion. — Contrast der Franzosen und Deutschen in Havana. — Ueber Meta-Geschäfte nach- und von Westindien. — Ueber die niedrigen Preise der Colonial-Waaren in Europa. — Verkehr in Havana mit den V. S. — Wechselgeschäfte. — Einfuhr von Mehl, Rindfleisch, Fettwaaren etc. etc. | |
| Ueber die Feste und Vergnügungen der Havaneser. | [S. 107] |
| Der Carneval. — Fortuna. — Austern und Backenbärte. — Rekrutirung der Weinflaschen in den Restaurationen. — Sonderbare Anwendung der Suppenlöffel in Havana. — Was verstehen die Havaneser unter gutes Essen? — Chirurgische? Operation einer Negerköchin. — Das Stiergefecht. — Die Stadt Redler, das Wachs-, Honig- und Melasse-Geschäft daselbst. — Prozessionen. — Der Havanesische Kaiser Napoleon. — Die italienische Oper, des Verfassers Wirthin im Zorn, wegen dessen Gleichgültigkeit dafür. — Redouten. — Bal-masque romantique und Redoute romantique. — Der Redouten-Saal, die Masquen-Ordnung und die Masquerade in der Orangen-Allee. — Der Sclaven-Carneval. — Ueber die Sittlichkeit der Spanier. — Der nach Havana verpflanzte Appellations-Gerichtshof und das Reichspettschaft hierzu. — Abendgesellschaften in Havana und die Priesterinnen der Venus. — Illumination nach der Form europäischer Straßenbeleuchtung. — Satirischer Aufzug. — Das Osterfest. — Sehr schöne spanische Sünderinnen. — Der Charfreitag und die Prozessionen an diesem Tage. — Deutsche und englische Commissionaire wetteifern im richtigen Abtragen der Zollgefälle. — Etwas über die Behandlung der Tabacksblätter. — Die Hökerläden in Havana. — Des Verfassers Abreise nach New-Orleans. — Dessen Betrachtungen über die Reisegesellschaft, und über die Entfernung vom mexikanischen Golf bis zum Obi in Asien. | |
| DritteAbtheilung. UeberdieVereinigtenStaaten. | |
| New-Orleans. | [S. 138] |
| Kauf eines Bull-dogs für einen Bologneser. — Hotels. — Gebäude in New-Orleans. — Börse. — Abreise nach Louisville. — Das Tabacks-Kauen. — Fahrt auf dem Mississippi, Schönheit dieses Flusses. — Die Feuersgefahr bei Dampfschifffahrten. — Die Live-presserver-Uebersicht der Quantität Holz, die auf den Fahrten verbraucht wird. — Die Urwälder in den V. S. — Vergleiche der Bewohner am Mississippi und Obi in Asien. — Tabelle über die Production der Baumwolle in den V. S. — Einrichtung auf amerikanischen Dampfschiffen, Lebensweise, Uebelstände beim Schlafengehen, beim Ankleiden des Morgens, beim Waschen u. s. w. — Fruchtbare Kraft des Mississippi-Wassers. — Ankunft in Louisville. — Lage der Städte. — Cincinnati, die deutschen Waarenhändler und das Speditions-Geschäft daselbst. — Die deutschen Auswanderer und deren Commissionaire. — Pittsburg. — Besuch der Glasfabrik. — Das Gefängniß, Schiffe, snag-boats, Baumwollspinnerei, Brücken, Tuchfabrikation, Canalböte, Treckschuten und Gefahr bei den Brücken. — Inzwischen-Reise über sehr hohe Gebirge auf Eisenbahnen. — Der Fluß Susquehannah. — Eisenbahnfahrt von Harrisburg bis Philadelphia. — Einrichtung dieser Dampfwagen. — Fleiß der Deutschen bei Philadelphia. — Ankunft in dieser Stadt. — Gebäude, Wasserwerk etc. — Reise nach New-York. — Rückblick auf die Neger. | |
| VierteAbtheilung. | |
| Ueber das Treiben im englischen und amerikanischen Handel. | [S. 174] |
| Fest der Gründung der Unabhängigkeit. — Parade und Festzug. — Amerikanische Bankgebäude. — Englands Lage in der merkantilischen Welt. — Ursachen, warum England für reich gehalten wird. — Entstehung der Banken in England. — Englands Welthandel. — Ein Tagelöhner als Theilnehmer am Welthandel durch Hülfe der Banken. — Zustand des Waarengeschäfts in New-York. — Ueber Amerika’s Handelsbilanz. — Tabelle über Ein- und Ausfuhr und Revenuen. — Wozu werden diese verwendet? — Arbeit des Congresses in dieser Hinsicht. — Rußland und Preußens Verfahren als Vergleiche hierbei. — Rußlands Fabriken. — Der Zollverband, und Preußens Cassen-Anweisungen. — Czar Wassilrewitsch, Peter der Große, und der Kaiserin Catharine Verfahren beim Bankwesen. — Was sind amerikanische Banken? | |
| Oertlichkeiten von New-York, Volkscharakter, Abreise und Ankunft in Hamburg. | [S. 203] |
| Besuch des Criminal-Gerichtshofs. — Der Uhrenhändler. — Die Lage der deutschen Auswanderer — deren Commissionair Wolff. — Nothwendigkeit des Praktischen in Amerika. — Das Praktische im Müßiggange. — Spazierfahrt nach Staten-Island. — Der sanfte Polizeibeamte. — Die Loafer. — Der Prediger Försch. — Die Bierkneipe Shadow. — Der Castle-Garden. — Die Badeanstalt. — Theaterbesuch. — Ueber die Fortschritte der Seiltänzerkunst. — Vergnügen in New-York. — Anzahl und Macht der Journale. — Charakter der Amerikaner. — Ueber die Geldbegierde derselben. — Nothwendigkeit einer Unterscheidung der verschiedenen Nationen. — Licht und Schatten des Reisens in Amerika. — Besuch des Redakteurs. — The Morning Herald. — Sonderbarer Irrthum in Bezug auf des Verfassers Person. — Festliche Abreise auf der Brittish Queen. — Herrliche Einrichtung und Bewirthung. — Beschwerlichkeit der Zoll-Revision in London. — Reise nach Hamburg auf der Caledonia. — Ankunft daselbst. — Ueber die Dampfschifffahrt zwischen London und Hamburg. — Hannover zum Zollverbande. | |
Einleitung.
Reisen ist, wie Viele sagen, eine angenehme Sache, weshalb sehr Viele darnach streben. Was man gern thut, dazu findet man denn auch bald Gründe. Demnach wird sich der Leser auch nicht wundern, wenn der Entschluß, eine Reise nach den Vereinigten Staaten und West-Indien zu unternehmen, mir eben keine große Mühe kostete. Ich hatte zwar keinen Spleen zu vertreiben, wie die Engländer, wenn sie auf Reisen gehen; auch waren es gerade nicht Geschäfts-Angelegenheiten, die meine Anwesenheit dort nothwendig machten; und noch weniger verdiene ich es, zu den unruhigen Köpfen gezählt zu werden, denen überall die Welt zu enge ist. Indeß das kaufmännische Geschäftsleben hat ohne Ausnahme etwas Einförmiges, und langweilet am Ende. Waarenhändler (wozu ich nun leider bestimmt war) entdecken jene Mängel weit geschwinder, als Banquiers, Fabrikanten etc. etc. Wie! dachte ich eines Abends, als ich mich in meiner wohleingerichteten Wohnung in mein sehr comfortables Bett niederlegte, sollst du hier sauer werden? Kannst du nicht auf Reisen das Leben besser genießen? Nicht auch dich besser belehren, und Andern nützlicher seyn, als wenn du hier den alten Schlendrian immer von Neuem durcharbeitest? Mußt du denn stehen bleiben auf der Stelle, wohin der Zufall dich geworfen hat? — — Diese und andere Gedanken, die mich oft aufgeregt hatten, gingen mir jetzt so sehr im Kopfe herum, daß ich noch vor dem Einschlafen den Entschluß faßte, baldmöglichst nach dem neuen Welttheil abzureisen.
Mit demselben Gedanken erwachte ich den andern Morgen, und sogleich hätte ich in den Wagen springen mögen. Ich gratulirte mir selbst zu meinem glücklichen Entschluß, und um mir alle Bedenklichkeiten und Rückwege abzuschneiden, theilte ich sofort mehreren Bekannten meinen Entschluß als unumstößlich mit. Nachdem ich mich auf diese Weise selbst gebunden hatte, fühlte ich mich leichter, und heiterer, und eilte jetzt mit raschen Schritten zur Beendigung meiner Angelegenheiten in Berlin. Es währte gar nicht lange und ich saß in der Schnellpost, bot der Königsstraße, der Schloßfreiheit, Berlin und Charlottenburg ein fröhliches Lebewohl, und näherte mich meinem guten altbefreundeten Hamburg. Meine zahlreichen Freunde daselbst wunderten sich nicht wenig, als sie meinen festen Entschluß vernahmen, und meinten, sie würden mich wohl in einigen Monaten von London zurückkommen sehen. Ungefähr acht Tage blieb ich bei denselben, und fand die alten bekannten Müßiggänger (deren Anzahl hier nicht geringer als in Berlin ist) noch in ihrer alten Arbeit (die Zeit todtschlagen) begriffen, d. h. in Hamburg vom Frühstück bis zum Mittagsessen in den Pavillons, vom Mittagsessen bis zum Theater in den Pavillons, und nach dem Theater bis um Mitternacht in den Pavillons zubringen. Nachdem ich sie hinlänglich angestaunt, und mich über ihre Virtuosität im Müßiggang mehr als jemals zuvor gewundert hatte, befiel mich dennoch die Furcht, davon angesteckt zu werden, und beschloß daher, zur Vermeidung dieser Krankheit, mich dem ersten besten Dampfschiff zur Ueberfahrt nach England zu übergeben.
Durch Güte der hamburger Bootsknechte, und unter Mitwirkung einer hinreichenden Anzahl holsteinischer Zweidrittelstücke (Gulden) befand ich mich bald in der Cajüte des Huller-Dampfschiffs Rob-Roy, ein „höchst bequemes, elegantes, auch überaus rasches Schiff,“ wie die Huller Times meint. Allein mir kommt es so vor, als sei der Redacteur dieses Blattes sehr oft verhältnißmäßig rascher in seinen Urtheilen, wie jenes Dampfschiff auf seinen Fahrten, denn es bewegte sich so langsam fort, daß ich über alle Erwartung spät, und in England viel zu spät ankam, um meine Reise, wie ich berechnet hatte, in der Great Western nach New-York fortsetzen zu können. Sollten die Maschinen vielleicht irrthümlicher Weise den Herrn Redacteur der Times im Schiff vermuthet haben, und, um demselben Zeit zum Nachdenken zu geben, in mäßiger Bewegung geblieben sein? In diesem Falle wäre es für die Passagiere höchst wünschenswerth, daß der Herr Redacteur die Maschinen jenes Schiffs kaufen und sie in seinem Arbeitszimmer aufstellen möchte. — Mir blieb jetzt nichts Anderes übrig, als mit einem noch weit langsameren Dampfschiff von Hull nach London zu reisen, um von dort meine Reise in einem Paquetboot fortzusetzen.
Die Reise nach London bot wenig Bemerkenswerthes dar, die Gesellschaft — inclusive der vielen Schafe die von Hull nach London zur Schlachtbank geführt wurden, — bot auch keinen Stoff zur Unterhaltung dar, und ich behielt Zeit, über die Ausführung meines Reisezweckes nachzudenken, welcher hauptsächlich darauf hinausging, mich der europäischen merkantilischen Welt durch mein Wirken in der neuen Welt eben so nützlich zu machen, als ich, meinen geringen Kräften nach, durch Anordnung beim Expediren ausländischer Waaren an ausländische Kaufleute auf den Meßplätzen für die deutschen Zollverband-Staaten geworden war. Die Zeit verstrich rasch; bald sah ich Londons Zollhaus vor mir, und bald darauf fand ich mich in London wegen der Fortsetzung meiner Reise beschäftigt.
„Für 43 L. Sterl.“ sagte Jemand, „können Sie auf dem Königlichen Post-Paquet die Ueberfahrt nach Havanna mitmachen, wobei Sie jedoch für Bett und Proviant selbst sorgen müssen.“ Für die Planke erschien mir der Preis zu hoch; ich ging deshalb nach den West-Indischen Docks, woselbst ich das Paquetschiff Quebeck segelfertig antraf. Der dienstfertige Capitain forderte 36 L. 15 Sh. inclusive der Lebensmittel, und gab mir nur eine Stunde Bedenkzeit, wenn ich das letzte vorräthige Bett haben wollte. Sofort schloß ich den Handel, und zahlte 16 L. Sterl. à Conto. Die Abreise erfolgte zur bestimmten Stunde, und ein Dampfschiff stand bereit, unser Schiff in’s Schlepptau zu nehmen und es nach Gravesand hinüber zu bringen. Das Wetter war ausgezeichnet schön, was nicht wenig dazu beitrug, mich zu erheitern, denn meine Gemüthsstimmung war durch Verhältnisse, die ich bald an einem andern Ort zu erzählen Gelegenheit haben werde, fürchterlich, jedoch, wie schon bemerkt, keineswegs durch den Spleen. Außer der Cajüten-Gesellschaft waren noch etwa 130 bis 150 Auswanderer meine Reisegefährten. Um den vom Capitain mir zugetheilten Schlaf-Cameraden kennen zu lernen, ging ich jetzt die steile Cajüten-Treppe hinunter. Wie erstaunte ich, als ich das bedungene Bett anderweitig vermiethet, und mich in ein weit kleineres Gemach, nahe der Treppe, verwiesen fand. Der mir zugetheilte Schlaf-Camerad war ein schmutziger Schottländer, der auf eine nicht sehr ergötzliche Weise ein Falset und durch die Nase sprach; er hatte schon acht Tage vor der Abreise am Bord logirt, und das bessere Bett eingenommen. Ich wollte mich beim Capitain beschweren, allein — er war in London, und mir blieb daher nichts übrig, als den Schottländer im Diskant als meinen Schlaf-Cameraden aufzunehmen. Er war in jeder Hinsicht schmutzig, ja der schmutzigste aller Schmutzigen, welche ich auf meinen vielen Reisen kennen gelernt habe.
Bis nach Gravesand begleiteten uns viele Spekulanten mit Proviant allerlei Art; sie fanden, wie es mir schien, ihre Rechnung, indem sie Vieles an die Auswanderer absetzten. Von Gravesand kamen wir nach einer Fahrt von drei Tagen vor Portsmouth an. Der Capitain, der sich einfand, lud sämmtliche Passagiere ein, mit ihm Portsmouth zu besuchen, da wir vor unserer Abfahrt erst bessern Wind abwarten müßten. Nur eine Dame verließ das Schiff, eine Dame, die aus keinem andern Grunde nach Portsmouth mitgereist war, als um durch eine Seekrankheit — der Leser rathe — ihre Schönheit zu restauriren. O Schönheit! Welche Macht übt nur der Gedanke an dich über das schöne Geschlecht aus! Wenn dieses seltsame Schönheitsmittel die erwartete Wirkung nicht verfehlt, so kann die Dame Londons Venus geworden sein, und es dürfte in Folge dessen vielleicht sehr bald an Schiffen für Geschäftsreisende fehlen, denn sie bekam in der That von der Seekrankheit eine gute Dosis, und befand sich während der ganzen Reise in einem beklagenswerthen Zustande.
Schon warten wir bereits vier Tage auf bessern Wind; der Capitain versorgt sein Schiff mit Proviant jeder Art. Unter und mit den vielen Schafen, die derselbe an Bord schickte, erschien auch ein — Constabler, mit dem Auftrage, eine aus London entflohene Ehegattin, welche aus des Gemahls Geldkiste 40 L. Sterl. mitgenommen hatte, in dessen Arme zurückzuführen. Der Capitain stellte es dem Polizeidiener frei, jeden der Passagiere nach Belieben zu arretiren. Eine herrliche Finanz-Operation für den Paquetboots-Verein, indem die Passagiere sammt und sonders ihre Passage bezahlt hatten. Der Beamte kann die gesuchte Person, ungeachtet er von derselben bis zum Kutter begleitet wird, nicht vorfinden; sie sagt ihm ein herzliches Lebewohl und vielleicht noch im Stillen mit Don Juan: „Sagen Sie Ihrer Behörde, daß sie in Zukunft nicht solchen Esel schicke.“
Noch ein kleines Abenteuer will ich erzählen, um den Lesern, die in einen ähnlichen Fall kommen, Vorsicht zu empfehlen. Es war bereits der zehnte Tag, daß wir London verlassen hatten; meine Geduld war bald erschöpft, ich nahm daher jetzt die Einladung des Capitains an, mit ihm und noch einigen anderen Passagieren nach Portsmouth zu fahren. Ich kaufte daselbst mehreres ein, da ich aber Portsmouth langweilig finde, und in keinem von allen Wirthshäusern ein Bett für mich finden kann, so beschließe ich, auf das Schiff, welches etwa vier Seemeilen entfernt lag, zurückzukehren. Es ist sehr finster, das Meer tobt, und bald bin ich von den Wellen durchnäßt.
Wir fahren in der Dunkelheit immer fort, können jedoch das Schiff nicht finden; über eine Stunde müssen die braven Bootsleute suchen, ehe wir es finden. Und nun wieder eine neue Verlegenheit! Das kleine Boot wird dermaßen von den Wellen geworfen, daß mir das Erklimmen der Strickleiter unmöglich wird. Wir rufen, wir schreien um Beistand, Niemand hört uns. Erst nach einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung gelang es mir, hinauf zu kommen. Die Passagiere waren nicht wenig überrascht, als sie mich in dieser Dunkelheit ankommen sahen. Der mitreisende Dr. Morgan besonders machte mich auf die bei dieser Fahrt stattgefundene dreifache Gefahr aufmerksam, der ich mich ausgesetzt hatte: 1. Bei diesen tobenden Wellen in einem kleinen Boot zu fahren; 2. hinsichtlich der Mordlust von Seiten der Bootsknechte, welche schon, um zehn Schilling Sterling zu erbeuten, Reisende ins Meer gestürzt haben; 3. die Gefahr beim Ersteigen des Schiffs. Ich dankte nach dieser Auseinandersetzung meinem Schöpfer im Stillen, der Gefahr entwischt zu sein, kleidete mich um, und ließ mir vom Steward ein Glas heißen Punsch zubereiten, ein bei solchen Gelegenheiten willkommener nützlicher Freund.
Am folgenden Morgen, nachdem wir noch mehreres frisches Wasser eingenommen hatten, gingen wir unter Segel. Jetzt nun, da wir endlich mit günstigem Winde auf dem Meere sind, wird es Zeit sein, die Reisegesellschaft etwas näher zu betrachten. Wenn ich sage, daß sämmtliche Mitreisende, mit Ausnahme eines Italieners, Engländer waren, so werden die geehrten Leser schon den Mangel an Unterhaltungs-Stoff begreiflich finden.
Die Krone der Gesellschaft war der Director des National-Theaters in New-York, der eben mit neuangeworbenen Subjekten (zu welchen auch der Italiener gehörte) zurückkehrte. Es war ein sehr unterrichteter Mann und höchst angenehmer Gesellschafter — jedoch nur dann, wenn er nicht an sein Unternehmen dachte. Er klagte sehr häufig über unruhige Nächte, und zeigte mir sogar eines Morgens eine Masse von Contracten, die er mit den engagirten Mitgliedern abgeschlossen hatte, mit den Worten: „solcher Packen kann wohl zu unruhigen Nächten beitragen.“ Seine beiden Söhne (die er bei sich hatte) waren so eben aus der Schule entlassen worden; der älteste, obgleich ohne Stimme, zeigte viel Neigung für Gesang, und suchte mit einem verstimmten Instrumente die Mängel seiner eigenen Stimme zu bemänteln; er gefiel daher sich selbst weit mehr, wie den mitreisenden Frauen. Beide, der ältere und der jüngere Sohn, waren Günstlinge eines jungen Mädchens, der Tochter eines Malers. In pecuniärer Beziehung wurde von den Schauspielern und den übrigen ein Zucker-Fabrikant verehrt, der früher in Amerika gewohnt hatte, jenes Land aber vor etwa 30 Jahren, um der Strafe wegen einer begangenen Schmuggelei zu entgehen, bei Nacht und Nebel verlassen mußte. Sein in Amerika wohnender Sohn hatte Gnade für ihn ausgewirkt, und er kehrte jetzt mit seinem Hab und Gut zurück; auch hatte er mehrere deutsche Arbeiter, denen er in der Fabrik Arbeit zu geben versprach, auf ihre eigenen Kosten zum Mitreisen bewogen. Dieser Mann dünkte sich ein Krösus zu sein, wofür ich ihn jedoch, auch in Hinsicht seines Verstandes, nicht passiren lassen konnte. Um sich bei der Gesellschaft in Respect zu setzen, mußte der Thee oder Caffee in aller Frühe für ihn in seinem silbernen Geräthe aufgetragen werden, und er lud auch wohl den einen oder andern aus der Gesellschaft zum Frühstück ein, welches die großen Kosten für ihn verursachte, daß die Getränke aus seinen silbernen Geschirren, jedoch in die dem Schiff Quebeck zugehörigen Tassen, auf Unkosten des Capitains — flossen. Er war angewiesen, seinen eigenen Wein zu trinken und hatte eine Sorte Teneriffa-Wein, dem Grüneberger an Säure gleich. Unter dem Namen weißer Madeira offerirte er hin und wieder ein Glas einem aus der Gesellschaft. Auch mir wurde diese Ehre zu Theil, und als er mein Urtheil über die Qualität forderte, worauf ich freimüthig erwiederte, daß ich diesen nicht für die beste Sorte von Teneriffa-Weinen halte, so soll er, wie der Director mir erzählte, mich für wahnsinnig erklärt haben. Einer von seinen Arbeitern mußte als Aufwärter für die besten Bissen aus den Schüsseln sorgen. Fiel diese Auswahl nicht aus, wie der Herr Zucker-Fabrikant es erwartet hatte, so war der Aufwärter angewiesen, die Schüssel dem Vorschneider wegzunehmen, und sie seinem Herrn vorzusetzen.
Der bereits erwähnte Maler war zu der Zeit der Krönung der Königin nach London gereist, um ein treffendes Bild derselben für Amerika zu gewinnen, und hatte, wie er behauptete, seinen Zweck über Erwarten erreicht. Die Königin, versicherte er, habe die Gnade gehabt, seiner Tochter den Purpur zum Anlegen herzugeben. Die Königin sei stets zugegen gewesen, um die sitzende Tochter auf ihre (der Königin) eigenthümlichen Attitüden aufmerksam zu machen — wodurch er denn das korrekteste Bild zu erzeugen im Stande war. Der Herr Maler leerte übrigens, wie alle Genies und Künstler, sein Gläschen, so oft er es gefüllt vor sich stehen sah; daß es unter diesen Umständen wenig volle Flaschen gab, ist leicht zu ermessen.
Der Italiener B... war seit dem Jahre 1811 erster Buffo bei der italienischen Oper in London gewesen, er verläßt die alte Welt aus Verzweiflung, weil sein Talent durch Lablache in Schatten gestellt war. „Meine Superiorität“ sprach er „ist anerkannt; durch Madame Catalani anerkannt; sagte doch die große Sängerin im Jahre 1816 zu mir: Herr B... Sie sind der erste Figaro, und werden es stets sein!“ Seiner Ungestalt ungeachtet, (denn seine Figur war die eines Schlächters, oder Brauerknechts) wollte er, dem Ausspruch jener gefeierten Künstlerin zufolge, ein niedlicher Figaro sein. In allem dünkte er sich vollkommen: wenn er Whist spielte und, seines schlechten Spiels wegen, verlor, so offerirte er seinen Gegnern eine Parthie um eine sehr hohe Summe, und triumphirte, wenn es nicht acceptirt wurde, mit den Worten: „Sie fürchten mich, weil sie meine Superiorität kennen.“ Standen mehrere des Abends in Mäntel gehüllt auf dem Verdeck, so warf er auch rasch den seinigen über, stellte sich jenen gegenüber, und sagte leise zu mir: „Nun sehen Sie meine Stellung im Mantel, im Vergleich zu den gegenüberstehenden Philistern!“ Die See fürchtete er dermaßen, daß er jede Nacht auf dem Verdeck zubrachte, um bei entstehender Gefahr der Erste im Rettungsboot sein zu können. Sehr spaßhaft war er in den Morgenstunden gekleidet. Man denke sich eine ungeheure Figur in einem sehr langen und weiten, vielfarbig-türkischen Schlafrock, durch einen sehr breiten Gürtel am Unterleibe befestiget; ferner drei von den grellfarbigsten seidenen Tüchern, nachlässig als Halsbinden mit den langen Zipfeln auf der Brust hängend, den Kopf mit einem schwarz-seidenen Baret bedeckt; ferner an jedem seiner dicken Finger zwei oder drei Ringe von Edelstein, Granaten etc., deren Glanz jedoch durch den Glanz des Fetts, welches gewöhnlich an seinen Fingern klebte, sehr verdunkelt wurde. Er bediente sich nie des Messers und der Gabel, und da es keine Servietten gab, so folgte er dem Beispiel der Bären und säuberte seine Finger im Munde. Es war nichts Seltenes, daß er sich eine ovale Schüssel mit 8 bis 10 Cotelettes vorsetzen ließ, und zum Frühstück allein verzehrte. Nach beendigtem Frühstück ging er sogleich zu Bett. Im Trinken dagegen suchte mein Schlaf-Camerad, der schmutzige Schottländer, alles Mögliche zu leisten, wahrscheinlich, weil er früher in den Vereinigten Staaten, woselbst er ein Detail-Geschäft führte, hierin nicht viel gethan haben mochte. Da der Wein im Passagiergelde mit einbegriffen ist, so war er zu jeder Tageszeit zum Trinken bereit, und schien, wo möglich, für einige Jahre voraus trinken zu wollen.
Ein ähnliches Subjekt, wie jener Schottländer, war ein Mützenhändler, der mit einem Lager seiner Waaren nach Canada eilte; weil die Bewohner jener Kolonie sich auf die Köpfe stellten, glaubte er, ein bedeutendes Geschäft dort machen zu können; wenn er indeß im Handel eben so dumm war, als in der Conversation, so dürfte er wohl ohne Mützen, aber auch ohne Schuhe nach Europa zurückkehren.
Ein junger Amerikaner, Sohn eines Gutsbesitzers, kehrte von seinen Reisen in Europa zurück. Er hatte, wie er versicherte, in Zeit von drei Monaten einen großen Theil Frankreichs, die Niederlande und den Rhein bereist; er brachte als Documente dafür Französische Handschuhe, Brüsseler Kanten und ein Faß Laubenheimer mit, und schlief fast den ganzen Tag auf seinen Lorbeeren.
Ein für das National-Theater engagirter Violinspieler reiste mit seiner unpäßlichen, starken brannt- und portweinsüchtigen Frau und einem allerliebsten muntern Knaben, der sich so an mich attachirt hatte, daß er fast nicht von meiner Seite kam. — Ein Staatsbeamter aus Canada kehrte mit Depeschen für Lord Durham zurück. Mit Ausnahme der recht liebenswürdigen Tochter des Malers, bestand das weibliche Personal aus Frauen von Schiffs-Capitainen, die, in jüngern Jahren von England entführt, jetzt nach 20 Jahren einmal ihre Verwandten besucht hatten; der Zahn der Zeit, welcher Alles erreicht, hatte auch an ihnen bedeutend genagt.
Von dem Dr. und dessen Bruder, einem Schiffs-Capitain, ist nicht viel zu sagen, als daß der Letztere von seinem heftigen Wein- und Branntwein-Durst nur dadurch geheilt werden konnte, daß unser Schiffs-Capitain Geld dafür forderte. Dieser selbst war ein nicht sehr gebildeter, aber erträglicher Mensch, äußerst lustig, so daß es oft Scenen gab, und so lachlustig, daß er wohl dreißigmal lachte, ehe er einmal sprach.
Dieses waren die Häupter und Matadore unserer Gesellschaft, die ich dem geneigten, nicht auf der See gereisten Leser nur darum so ausführlich beschrieben habe, damit er wisse, was er auf einem Schiffe zu erwarten habe. Wer gern a son aise, und comfortable lebt, muß an keine Seereise denken. Hiervon sind freilich die Dampfschiffe Brittish Queen und Great Western ausgenommen, allein hier ist die Feuersgefahr, welche durch das beständige Heizen, und die dadurch verursachte Gluth in den Schornsteinen entstehet, für jeden Beobachter abschreckend, und realisirt sich weit häufiger, als das Zerspringen des Kessels oder andere Unglücksfälle auf der See.
Die Unterhaltung war, wie man sich leicht denken kann, sehr mittelmäßig. Das Haupt-Thema der Unterhaltung war, wie immer, die Vorzüge, der Reichthum, das Vielwissen der Engländer. Nur der Schauspiel-Director und ich banden wohl miteinander an, und da setzte es von beiden Seiten Hiebe; ohne ihn und den Staatsbeamten aus Canada wäre mir die Reise noch viel langweiliger gewesen. Der Wind war uns ganz entgegen, so daß wir mehrere hundert Meilen außer den Cours geriethen, und näher bei New-Foundland ankamen, als bei New-York. Wir erreichten jetzt die Bank, etwa 1100 Seemeilen von New-York.
Da die Vorräthe unsres Proviants sich ihrem Ende näherten, und die Portionen kleiner wurden, so war es uns sehr erwünscht, daß wir auf eine von den vielen hier stationirten Fischer-Briggs trafen, von welcher unser Capitain sechzig sehr große Fische für 2½ Dollar erhandelte. Nach der Erzählung der Schiffer, die sie abholten, hatte jene Brigg in einer Zeit von 6 Wochen, von New-York hierher segelnd, gegen 10,000 von den großen Fischen gefangen. Uebrigens hatte ich wenig Genuß von diesem Einkauf, da ich durch folgendes unglückliche Ereigniß auf das Krankenlager geworfen wurde. Der kleine, liebe Knabe des Musikers, den ich auf seinen dringenden Wunsch auf das Bett im Rauchzimmer gebracht hatte, war dort eingeschlafen; denn die portweinkranke Mutter desselben bat mich, ihr Söhnchen herabzutragen, da sie selbst nicht dazu im Stande sei. Nun sind aber diese Cajüten-Treppen äußerst steil, und schon im trockenen Zustande zum Herabsteigen gefährlich; jetzt war sie durch den Nebel noch schlüpfriger geworden; mit Einem Worte, ich stürzte trotz aller Vorsicht die Treppe hinunter, wendete mich aber im Fallen so, daß der Knabe keinen Schaden litt, ich selbst hatte eine Rippe gebrochen. —
Der Dr. Morgan wollte mich mit einem Glas heißen Brandy und Water kuriren, welches ich nicht annahm; ich ersuchte ihn öfters und dringend, mir zur Ader zu lassen, welches er seinerseits abschlug. Man denke sich meinen Zustand! Der Steward hatte, um einem Anderen gefällig zu sein, mein Kopfkissen, und eine meiner Matratzen jenem überliefert und ich mußte nun, einem Sträfling gleich, auf Latten liegen, was der gebrochenen Rippe nicht besonders behagte. Die Schmerzen wurden immer heftiger; — der schmutzige Schottländer schlief ruhig unter mir auf seinem guten Bette. Erst beim Frühstück kam meine Lage zur Sprache; der Arzt überzeugte sich jetzt von meinem bedenklichen Zustande, er berathschlagte mit den Andern, und es wurde beschlossen, daß der Diener des Zucker-Fabrikanten sein Zimmer, das er für sich allein hatte, für mich räumen, und dafür mein Bett nehmen sollte — welcher Beschluß dann am Abend endlich durchgesetzt wurde.
Liegen konnte und durfte ich nicht, es wurden daher alle Reisebeutel zu einer — freilich harten — Rückenlehne angewendet, an welche ich, da das Schiff auf längere Zeit auf eine ungestüme Weise von den Wellen geworfen wurde, fortdauernd sehr aufrecht anstieß. Mein Zustand wurde immer schlimmer; Fieber, Kopfweh, und Husten, mit dem stärksten Auswurf begleitet, nahmen stündlich zu. Die sonderbarste Theilnahme hierbei zeigte der Mützenhändler, um Abbitte zu thun, wegen einer ungerechten Behauptung, er wolle das Wissen und Vermögen aller Deutschen in den zwei Taschen seiner Pantalons forttragen; er verlangte, daß ich ihm die Hand reiche und zugleich verspreche, ich wolle keinen Haß gegen ihn mit ins Grab nehmen — was ich denn auch that und ihn beruhigte. — Der kleine Knabe saß fast immer bei mir, und erkundigte sich stets nach meinem Befinden. — Das Krankenlager ist freilich unter allen Umständen eine — unangenehme Gegend, wie der Berliner Trinkkünstler, Herr Drucker, sagt; doppelt und zehnfach wird es dies, wenn der Schlaf, der doch sonst von Zeit zu Zeit die Schmerzen etwas weniger fühlbar macht, durch Sing- und Musik-Proben ganz verscheucht wird, wie es hier der Fall war, so daß ich mich keine Viertelstunde der Ruhe erfreuen durfte.
Am neunten Tage trat für meine Krankheit eine glückliche Krisis durch einen heftigen Schweiß ein. Am folgenden Tage kamen wir bei New-York an; ein Dampfschiff hörte ich, soll von der Stadt kommen, um die Passagiere abzuholen. Welch einen erfreulichen Eindruck dies auf mich machte, vermag ich nicht zu beschreiben. Ich hörte das Hinauf- und auch Hinabsteigen der Passagiere (indem die Treppe über meinem Lager sich befand) sehr deutlich, und jetzt auf einmal einen Fall und allgemeines Wehklagen. Mit großer Mühe erhob ich mich von meinem Lager, und siehe da! der jüngste Sohn des Schauspiel-Directors war es, dem ein ähnliches Schicksal, wie mich, getroffen zu haben schien. Der Vater raufte sich die Haare, die Frauen wurden ohnmächtig; der Gefallene indessen trank aufs zierlichste ein Glas Brandy mit Wasser aus. Unterdessen war das Dampfschiff herangekommen und bald — waren die Meisten fort. Der Knabe befand sich noch an demselben Abend wieder gesund.
Das Schiff Quebeck wurde nach der Abfahrt des Capitains wie gewöhnlich von Lootsen geführt und zwar glücklicher Weise mit großer Vorsicht; fast alle anderen Schiffe wurden in jener Nacht entmastet, und gegen 30 große Schiffe fanden wir am folgenden Morgen auf den Strand getrieben. Der Capitain, der um Mittag mit einem Steuer-Beamten zur Revision unserer Effecten auf einem Dampfschiffe ankam, erzählte, daß er die letzte Nacht in den größten Sorgen, fast schlaflos zugebracht habe. Ehe wir nach New-York abfahren, muß ich noch die Revision durch den Quarantaine-Arzt erwähnen, die auf folgende Weise geschieht. Sämmtliche Personen auf einem Haufen versammelt, werden mit einer Barriere von Tauen umgeben; einzeln werden sie jetzt von dem Doctor und seinem Gehülfen aus dem Haufen gelassen, der Arzt sieht jeden genau an, und im Fall, daß Jemand den Kopf hängen läßt, wird kommandirt: Kopf in die Höhe! Und eben so muß Jeder die Stirn beim Gehülfen passiren. Die Quarantaine-Anstalt ist in den V. S. ganz vortrefflich, aber freilich für das Land von großer Bedeutung. Der Steuerbeamte revidirte alle Gegenstände mit großer Loyalität und fand nichts Verdächtiges, als einige blecherne Kochgeschirre bei dem schmutzigen Schottländer, worüber man sich jedoch verständigte.
New-York.
Das Wetter war herrlich, so schön, wie es in Deutschland nur im Monat Juni sein mag. Nach Verlauf von etwa einer Stunde langten wir in New-York an. Hier findet man nicht wie in England, oder Hamburg am Ufer eine Menge dienstbarer Geister zum Fortschaffen der Sachen. Zwar standen mehrere einspännige Karren am Ufer des Stroms, aber Niemand meldete sich; keiner von diesen freien Menschen will sich gern zum Diener hergeben, sie wollen besonders aufgefordert sein zu einer Dienstleistung.
Auf Anrathen einer der Frauen der Schiffs-Capitaine kehrte ich in Beverley-House (broadway) ein; ein Zimmer konnte mir vorläufig nicht angewiesen werden, weil alle besetzt waren. Das Erste, was mir auffiel, war das Signal zum Mittagsessen, welches auf einer rauhen Metall-Platte mit einem solchen Getöse gegeben wurde, daß alle meine Nerven erzitterten. Bald war auch denn auf dem Hausflur ein Publicum versammelt, welches man für eine Börsenversammlung hätte ansehen können. Die Speise-Charte war brillant, obgleich nicht für mich, denn etwas Suppe war Alles, was ich genießen konnte, wofür jedoch der Wirth 1½ Piaster einstrich. (Ein Piaster beträgt in unserm Gelde 43 Silbergroschen.) Sogleich nach Tische suchte ich meinen Correspondenten Herrn P... auf, der bereits ein Zimmer für mich gemiethet hatte, und der auch so gefällig war, mir bald einen Arzt zuzuschicken. Dieser Arzt, ein Deutscher, ein theilnehmender junger Mann, fand mich, was ich freilich selbst am besten fühlte, ernsthaft krank. Ein Aderlaß gleich nach dem Fall, behauptete er, würde von den meisten Leiden mich befreit haben. Jetzt aber nahm Husten und Auswurf mit jedem Tage zu, so daß ich die Gestalt einer Mumie bekam, und mit jedem Tage meinem Grabe näher zu rücken schien. Ich gebrauchte Medicamente auf Medicamente, ohne sonderliche Besserung. Ein sehr warmes Bad, welches ich eines Tages auf mein eigenes Risico nahm, that mir wesentliche Dienste, ich wurde durch fortgesetztes Baden mit jedem Tage besser, konnte jedoch den Husten nicht los werden. „Sie müssen das Klima verändern“ sagte zuletzt der Arzt zu mir, „sonst fürchte ich das Schlimmste für Sie; in Havana, das glauben Sie mir, werden Sie bald von Ihrem Uebel befreit sein.“ Gern hätte ich seinen Rath sogleich befolgt, allein das Wetter und andere zufällige Umstände verzögerten die Abreise. Mit regem Geist sah ich meine gewohnte Thätigkeit gefesselt, indessen war mir mein einsames Zimmer doch tausend Mal lieber, als die Schiffs-Cajüte auf dem Quebeck, wo ich zudem beständig die Lobpreisungen der Engländer von Engländern anhören mußte. Ich hatte jetzt Zeit, meine Betrachtungen über diesen Gegenstand zusammenzufassen, und das Resultat war folgendes:
Die Engländer sind das reichste Volk — an Eigendünkel sowohl, wie an Geld; sie halten sich wegen des letztern für das klügste, vornehmste, erste Volk auf dem Erdball. Es ist wahr, sie sind im Technischen am weitesten, aber warum? weil Frankreich und Deutschland, mit andern Dingen beschäftigt, sich wenig um die praktische Technik bekümmert haben. Lasset diese, wie es jetzt geschieht, auch allmählig hieran Theil nehmen, und wir wollen sehen, wie lange sie die ersten bleiben. Die von Napoleon den Engländern beigebrachte Wunde ist nach meiner Ueberzeugung unheilbar. Wie sehr sie auch prahlen, so büßen sie doch jeden Tag mehr von ihrem Handel ein; ihr Gewicht in der politischen, so wie in der Fabrikwelt, wird immer geringer, und wird, wenn wir 30 - 40 Jahre Frieden behalten, immer mehr sinken, indem Preußen, vermöge Dinte, Feder und Papier zerstörender für das englische Volk gewirkt hat, als Napoleon mit allem Geschütz zu wirken vermochte. Großbrittanien, und alle englischen Colonieen zusammengenommen erfreuen sich einer nicht viel geringern Bevölkerung als die des großen russischen Reichs; dieses bestehet aber durch sich selbst, in Hinsicht auf Ackerbau, Fabrikation, und Handel; England aber will für sämmtliche Bewohner der Welt (wovon dessen eigene Bevölkerung noch nicht den 1⁄50 Theil ausmacht) fabriciren und Handel treiben, obgleich die andern Völker dazu doch meistens eben so fähig sind, welches die Engländer nicht begreifen können. Ist das nicht absurd? Wird das nicht immer mehr aufhören? England kann eben so wohl wie Rußland durch Ackerbau und Fabrikation für sich bestehen. Man versetze Leute von den Spinn- und Webestühlen an den Pflug und die Egge, damit für die enorme Anzahl des englischen Volkes das allernöthigste Product, Korn — in hinreichender Menge erzeugt wird; und die Wunde, welche (wie jetzt Handel und Gewerbe sich gestellt haben) unheilbar scheint, weniger fühlbar werde für die Armen und Hungrigen in den vereinigten drei Königreichen. So gut wie die vielen Joint Stock-Banks, und Banking Compagnieen zur Ausdehnung des Fabrikgeschäfts in England dienten, in demselben Grad müssen sie jetzt den Untergang vieler Fabriken (nachdem in allen Ländern fabricirt wird) herbeiführen, wenn die Bank von England fortfahren sollte, jeden von jenen Banken gerirten Wechsel für 3½ Procent Zinsen zu discontiren. Denn die Fabrikanten fertigen, ohne die Consumtion zu berechnen, ungeheure Massen von Waaren an, und die Amerikanischen Waarenhändler kaufen sie mit demselben Leichtsinn, ohne zuvor über die Möglichkeit des Absatzes nachzudenken. Die Bank von England mußte daher unbedingt zu denselben Maßregeln schreiten, welche der Präsident der V. S., um das Land gegen eine Ueberschwemmung von englischen Manufactur-Waaren zu schützen, adoptirte, d. h. den Credit für Fabrikanten einschränken. Für welches von beiden Ländern diese Maßregeln schädlicher sich zeigen werden, davon wird später die Rede sein, wenn wir mehrere Thatsachen genau kennen gelernt haben.
Von England nur will ich noch bemerken, daß seine Reßourcen, die hauptsächlich in Fabriken und Maschinen liegen, immer mehr versiegen. In den frühern Zeiten lieferte für England eine Tonne Kohlen, wenn sie zur Fabrikation verbraucht wurde, einen Klumpen Goldes; es war daher nicht fühlbar, wenn damals (wie jetzt) Bedürfnisse an Holz, Flachs, Hanf, Wolle, Talg, Pottasche, Häute, Taback, Korn, Weine, Borsten, Wachs, Oele, Lumpen etc. mit baarem Gelde bezahlt wurden, indem die ausgegangenen Summen unbedingt wieder eingehen mußten. Allein jetzt, da jedes Land mehr und mehr für seine Manufactur- und Fabrik-Bedürfnisse selbst sorgt, England dagegen alle oben angeführten Artikel einführen und baar bezahlen muß, jetzt muß wohl die Regierung, welche die ganze Baarschaft der vereinigten Königreiche auf nicht mehr als höchstens drei und zwanzig Millionen Pfund berechnen kann, dem Abfluß des baaren Geldes aus dem Lande entgegenarbeiten, wenn die Nation nicht das Schicksal aller früheren Handelsnationen — d. h. baldigen Untergang theilen soll. Daher ist die von der englischen Bank (Bank of England) ergriffene Maßregel zu loben, der übermäßigen Fabrikation wird hierdurch Einhalt gethan, und alle Fabrikanten in allen Ländern werden sich bei dieser Maßregel besser befinden, weil der Waarenüberfluß dadurch aufhören wird, und Verkäufe zu bessern Preisen gemacht werden können.
Diese und andere Bemerkungen schrieb ich während der kalten und nassen Tage nieder, da ich das Zimmer hüten mußte. Meine Abreise nach Westindien wurde verzögert, indem das Schiff Norma, womit ich fahren wollte, noch nicht geladen hatte. Während dieser Zeit hatte ich eine Angelegenheit mit Amerikanischen Advokaten, die der Leser bei dieser Gelegenheit genau kennen lernen wird. Ich suchte auf Empfehlung meines Freundes P... einen Advokaten, Herrn J...... auf, damit er mir in den Besitz von 180 L. St. verhelfen möchte, welche mir ein New-Yorker Handlungshaus M.... und H..... bei einer Abrechnung gekürzt hatte. Der Advokat findet nach Durchsicht meiner Papiere meine Forderung rechtmäßig, lehnt es jedoch ab, etwas gegen diese Leute, deren Anwalt er sei, zu unternehmen, verspricht dagegen, die Zahlung in Güte für mich auszuwirken, und mir binnen zwei Tagen darüber zu berichten. Indessen der Bericht erfolgt nicht, und ich muß mich nach einem andern Advokaten umsehen. In den Zeitungen finde ich, daß ein gewisser L.... bei einer Prozeßsache gegen eine Versicherungs-Gesellschaft sich tüchtig und trefflich gezeigt hat; ich begebe mich sogleich zu ihm. Der Doctor, dessen Aeusseres einen gewandten und denkenden Rechtsgelehrten verrieth, gab mir sogleich nach meiner Eröffnung die Papiere zurück, da er der Anwalt meiner Opponenten sei. Nachdem ich meine Verwunderung bezeigt hatte, daß mich das Schicksal treffe, nur zu Anwalten meiner Gegner zu kommen, und ihm das Ergebniß der Conferenz mit dem Advokaten J...... mitgetheilt hatte, fand er sich bereit, sich meiner Sache anzunehmen, nur mußte ich zuvor die Correspondenz, und alle Documente, welche in deutscher Sprache geschrieben waren, ins Englische übersetzen. Da meine physischen Kräfte zu dieser Arbeit nicht hinreichten, so ersuchte ich meinen Arzt, mir einen jungen Menschen zu recommandiren. Dieser war denn auch so gütig, mir einen solchen zuzuschicken, der die Arbeit in kurzer Zeit beendete. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß man in New-York mit Regenschirmen sehr vorsichtig sein müsse, denn der junge Mann, dem ich den meinigen ganz neuen von 1 L. St. — Werth geborgt hatte, brachte mir denselben nicht wieder, und als ich hierüber dem Arzt mein Befremden äußerte, entgegnete derselbe: „Regenschirme haben in diesem Lande keine Eigenthümer, jeder hilft sich mit diesem Artikel so gut wie er kann, aus der Verlegenheit, Sie werden ihn ohne Zweifel nie wieder bekommen.“
Die Deutschen stehen hier in keiner Achtung, und so weit meine Erfahrung reicht, glaube ich auch nicht, daß der größere Theil dieselbe besonders verdiene; ich wenigstens bin von dreien, mit denen ich in Berührung kam, betrogen worden. —
Noch muß ich der Artigkeit des Theater-Directors erwähnen, der mich zum Mittags-Essen einlud und mir einen bequemen Sitz in der Directions-Loge, auch bei außerordentlichen Vorstellungen, anbot — was ich jedoch ablehnte.
Meine Gesundheit stellt sich allmählig wieder ein, ich kann an der Gesellschaft im Hause Theil nehmen, fand mich aber bewogen, aus meinem bisherigen Logis auszuziehen, da ich für vieles Geld erbärmlich und ohne Bequemlichkeit logirte. Bald finde ich auch eine weit wohlfeilere und comfortable Wohnung bei der Frau eines französischen Buchhändlers. Hier finde ich eine Gesellschaft von 15 Personen, bestehend aus Deutschen, Franzosen und Schweizern.
Beim Abziehen aus dem frühern Logis wurde ich noch recht tüchtig geprellt, und konnte nicht einmal alle Stücke meiner Wäsche zurückerhalten, diese Schuld war nur der Dienerschaft beizumessen, welche in diesem Lande miserable ist. Die weiße Dienerschaft besteht größtentheils aus Vagabonden die aus Europa herüber gekommen sind, weshalb die meisten hier Ansässigen sich der schwarzen bedienen. Die Deutschen der untern Stände, welche herüber kommen, werden entweder Ackerbauer oder Lumpen- und Knochen-Einsammler; zum Dienen will sich kein Einziger verstehen, weshalb sie verachtet sind und zur Ehre Deutschlands nicht Deutsche, sondern Holländer genannt werden.
So viele Gebrechen es in diesem Lande in Hinsicht der Dienerschaft giebt, eben so groß sind die des Logirens. Die Miethen sind enorm theuer, nach dem Zinsfuße reguliren sich natürlich dieselben. Es ist gar nichts Seltenes, daß die Pfandleiher hier 12–15 Procent pro Monat nehmen. In einem der hiesigen Blätter las ich eine Verhandlung vor einem Gerichtshofe, die neulich hier statt gefunden hatte. Ein Ausländer hatte einen Diamant-Ring und eine Uhr mit Perlen zu 15 Procent monatlich versetzt und reklamirte solche, weil sie ein theures Erbgut von einem Verwandten seien, von dem Pfandleiher, welcher die Rückgabe verweigerte, weil der stipulirte Termin der Auslösung verstrichen war. Der Kläger wurde abgewiesen. Nach unsern Gesetzen würde ein solcher unerhörter Wucher bestraft, allein in diesem Lande heißt es: Jeder kann den Werth seines Geldes selbst feststellen, und wenn sich ein Narr findet, der für einen Solitair ein Stück Silber im Werth eines Piasters kaufen will, so kann er es immerhin thun, die Gesetze können nichts dagegen einwenden.
Jeder Hauseigenthümer ist daher Wucherer, und schlägt nach dem Maaßstabe des Zinsfußes die Miethe an; so bezahlt jeder enorme Miethen, und aus diesem Grunde giebt es hier sehr wenige Haushaltungen. Die meisten Familien leben in Boarding Houses (Pensions), die eigentlich nichts mehr und nichts weniger sind als Gasthöfe; es giebt deren ungemein viele. Die Deutschen nennen sie Kosthäuser, auch findet man in den Straßen, an vielen Häusern Aushängeschilder mit der Aufschrift: deutsche Kosthäuser; vorzüglich findet man diese in den Straßen, wo sich die ärmere Klasse der Deutschen aufhält. Mit Ausnahme sehr weniger Kaufleute und Banquiers ersten Ranges wohnt jeder Geschäftsmann hier in einem solchen Boarding-Haus. Der Preis wird pro Woche bestimmt, die Mahlzeiten sind folgende: ein Frühstück, bestehend aus Thee, Caffee, Fisch-, Fleisch-, Eier- und Mehlspeisen; ein Mittags-Essen nach englischer, französischer, oder deutscher Weise, am Abend kalte Küche (Ueberreste von Mittag) und Desert, Thee; der Preis regulirt sich nach dem Zimmer, fängt von sieben Piaster pro Woche an, und steigt bis 20 pro Kopf. Um 7 Uhr des Morgens giebt eine Glocke das Signal zum Aufstehen, um 8 Uhr verkündet dieselbe, daß das Frühstück aufgetragen ist; um 4 Uhr hört man sie das Mittags-Essen, um 7 Uhr Abends die Theezeit verkünden. Von dieser Zeit an bleiben die Herren und Damen in dem gut decorirten und beleuchteten Saal zusammen. Unter den Damen findet man hier sehr gute Schachspielerinnen, die mit ihren in französischen Glacé-Handschuhen verschleierten Fingern so geschickt zu manövriren verstehen, daß ihre männlichen Gegner bald matt sind.
Zwei oder dreimal wöchentlich wird nach der Musik eines Piano getanzt. Man findet verschiedene Klassen von Boarding-Häusern, sehr lustige, und auch sehr solide.
Die jährliche Miethe für solche Häuser ist von 6 bis 10,000 Piaster; bringt man nun noch Silberzeug, Mobilien, Domestiken, und die höchst brillante Beleuchtung in Anschlag, so muß man sich wundern, daß sie bestehen können. Hinsichtlich der Weinpreise sind diese Häuser (ersten Ranges) alle übereinstimmend; weniger als 1 Piaster verdient Niemand an einer Flasche, wohl aber mehr, weshalb Jeder, der sich hier einmiethet, in Kenntniß gesetzt wird, daß er sich gegen Bezahlung von funfzig Cens (etwa 18 Ggr.) pro Flasche seinen eigenen Wein halten könne (hierbei ist indeß Gefahr).
Der Amerikaner ist kein Weinkenner, Madeira ist sein Lieblingswein und von dieser Sorte giebt es denn hin und wieder einen Kenner. Der theuerste Wein ist der beliebteste, und es würde kein Gastwirth eine Flasche unter 1½ Piaster anbringen können. Aster-House, das erste Hotel in New-York, verkauft den besten Madeira für 12 Piaster. Der Eigenthümer dieses Hauses ist als armer Kürschner-Geselle eingewandert, und soll jetzt über ein Vermögen von 10 Millionen Piaster commandiren (?)
New-York ist in den Monaten August, September und October am besuchtesten, denn die Reichen aus dem südlichen Amerika kommen um diese Zeit hierher, um sich gegen die Fieber zu schützen, und kehren erst im November nach Hause; es ist daher in diesen Monaten sehr schwierig, ein Unterkommen zu finden. Hinsichtlich des Bodens ist Amerika ein Land von ungeheuern Ressourcen (wovon später mehr), die Gutsbesitzer sind diejenigen, welche so zu sagen, das Geld zum Fenster hinaus werfen. Der Boden ist ergiebig, die Erzeugnisse finden stets Abnehmer; wer etwas Vermögen hat, kauft sich Land, und befindet sich alsdann wohl. Das Arbeitslohn wird hier stets hoch sein, weil jeder Arbeitsmann, sobald er sich ein kleines Vermögen erspart hat, sofort Gutsbesitzer wird. Ich fand in einem öffentlichen Blatte folgenden Artikel:
„Als Beweis, wie hoch man den Werth des Hornviehs von Durham in diesem Bezirk schätzt, sei nur dieses angeführt. Samuel Smith verkaufte in dieser Woche mehrere seiner Kühe: eine säugende Kuh nebst dem Kalbe würde mit 2000 Piaster (etwa 3000 Rthlr) eine zweite mit 1350, andere für 1200 und 1000 Piaster verkauft; er verkaufte von seinen Kühen für den Werth von 20 bis 30,000 Piaster.“ Welcher Preis für einen Gutsbesitzer, selbst wenn man auch den geringen Werth des Geldes in den V. S. in Anschlag bringt! In demselben Grade, als die Umstände der Gutsbesitzer brillant sind, eben so morsch scheinen mir die des Handelsstandes zu sein. Als es noch wenige Commissionaire hier gab, und die Europäer es beinahe für unmöglich hielten, jene zu kontrolliren, da erwarben sie viel Geld, denn sie ließen ihren Freunden etwa die Hälfte des Ertrags von den an sie consignirten Waaren zukommen, und jene mußten mit dem, was ihnen zuerkannt wurde, zufrieden sein. Wie haben aber die Verhältnisse sich jetzt gestaltet! Man denke sich einen Bezirk von der Größe der Stadt Leipzig, welcher nichts als 4–5 Etagen hohe Speicher enthält, die mit englischen, französischen und deutschen Fabrikwaaren jeder Art überfüllt sind. Viele Tausende stehen hier stets zum Ein- und Verkaufe bereit; zu dem ersteren findet sich jede Minute Gelegenheit, denn jeden Tag langen doch mit Manufacturen beladene Schiffe an, welche theils von europäischen Kaufleuten auf Speculation, zum Theil aber auch von New-Yorker Kaufleuten bestellt worden sind, und daher so rasch wie möglich verborgt werden müssen, um von den Borgern schriftliche Versprechungen dafür zu erhalten, welche die Banken gegen gedruckte Bank-Versprechungen discontiren.
Obgleich ich hinsichtlich des Betriebs solcher Art bereits viele Erfahrungen gesammelt habe, so will ich doch noch näher in das Specielle eindringen, um später für unsere europäischen Kaufleute desto belehrender sein und erweislich machen zu können, daß jedes Geschäft von Europa in der neuen Welt durch Commissionaire besorgt, nur allein für Letztere von Nutzen sein muß.
Vier Wochen hatte ich jetzt (den 30sten September) größtentheils auf dem Krankenlager zugebracht. Ein freundlicher Sommerabend, wie wir ihn wohl in Deutschland im Juni haben, zog mich aus meiner Wohnung; kein Wölkchen trübte den Horizont, der Mond verbreitete ein herrliches Licht über Broad-Way, die Hauptstraße New-Yorks; ich war so entzückt, als ich auf die Straße heraustrat und dies alles empfand, daß ich hätte weinen mögen. Ich muß zuvor bemerken, daß diese Straße, vielleicht nur um ⅓ länger und ¼ breiter als die Leipziger Straße in Berlin, etwas sehr Eigenthümliches und Anziehendes hat. In dieser Straße befinden sich alle Hotels, Boarding- und Caffee-Häuser, alle Kaufmanns- und Conditor-Läden von ungeheurer Tiefe, welche sämmtlich sehr brillante Gasbeleuchtung haben. Wer ein Geschäft von Bedeutung machen will, muß einen Laden in Broad-Way haben. Die Miethen sind daher in dieser Straße enorm hoch, ein Chemist (Droguist) unter der Firma Rushton et Aspiewald soll, wie mir versichert worden ist, 7000 Piaster jährlich bezahlen; allein in Soda-Wasser (welches ein Lieblings-Getränk der Amerikaner und Amerikanerinnen ist) 20,000 verdienen. (?)
Bemerkenswerth ist es, daß, obgleich es in den Wochentagen 500 Omnibus und einige 100 andere Miethswagen giebt, am Sonntag doch kein einziger in den Straßen anzutreffen ist; Alles, die beau monde und die ganze Stadt ist in Bewegung — aber zu Fuße; ich möchte behaupten, daß die Anzahl der an jenem Abend sich in Broad-Way bewegenden Personen sehr wenig der beim Einzug der Kaiserin von Rußland in Berlin versammelten Menge nachgab. Weder Polizei noch Constabler wurden bemerkt, und doch war die Sittlichkeit, wie ich sie in keiner Stadt angetroffen habe. Frauenzimmer ohne männliche Begleitung, gehen, ohne die Aufmerksamkeit des Mannes rege zu machen, mit der größten Sicherheit — ein großer Contrast gegen die Ungeschliffenheit der Europäer, besonders der Engländer, welche sans façons die Frauen, den Hunden gleich, in den Straßen herumzausen (hierbei ist jedoch nur von den untern Ständen die Rede, denen der Sonntag allein zu einer ungestümen Erholung angewiesen ist). Auch der Amerikaner der untern Klasse unterfängt sich nicht, den Anstand gegen Frauenzimmer zu verletzen; selbst das verworfenste behandelt er mit Schonung, weshalb denn auch dieser Theil der weiblichen Bevölkerung sehr zurückgezogen und unbemerkbar ist. Man sieht hier in den Straßen eben so wenig öffentliche Dirnen als einen Betrunkenen. Wohlgekleidet in sehr reiner Wäsche ziehet Jung und Alt mit brennender Cigarr ruhig durch die Straße und man glaubt sich eher in einer Kirche als auf der Straße zu befinden. Während ich durch Broad-Way schlendere, lese ich auf einem Schilde: Rochés Café de mille colonnes, mit großer Schrift; das ist eine französische Windbeutelei dachte ich, und so fand ich es auch. Ich trete ein und befinde mich in einem Zimmer von 20 Fuß Länge, und 15 Fuß Breite; die beiden Wände haben an jeder Seite 15 Säulen, und zwischen jedem Paar von Säulen finden sich Spiegelgläser, welche denn freilich in brillanter Gasbeleuchtung die Säulen vervielfachen. Weiterhin finde ich in New-York-Garden ein ziemlich enges, von Oel-Lampen und altmodischen Laternen erleuchtetes, nicht besonders comfortables Local.
Die Franzosen deren es in New-York 12–15000 giebt, beschäftigen sich mit Allem, und verdienen viel Geld. Die Wirthe der Restaurationen, Conditoreien und Caffee-Häuser sind größtentheils aus Frankreich, und werden vorzugsweise besucht. Die Preise, welche sie festgesetzt haben, übersteigen die bei uns um das Dreifache. Eine kleine Tasse Caffee, der in der Regel sauer schmeckt, kostet ⅛ Piaster, und eben so viel kostet die geringste Kleinigkeit. Eine meiner nächsten Wanderungen führte mich nach Chatham-Street, das Judenviertel, ungefähr so wie die Elb-Straße in Hamburg und die Reetzen-Gasse in Berlin, jedoch im großartigsten Stil, etwa ¼ deutsche Meile lang, von beiden Seiten mit Kleiderläden, Kram-, Galanterie- und aller Arten Waaren-Läden angefüllt. Juden von allen Nationen sind in dieser Straße anzutreffen. Alle Waaren, welche im Lande gestohlen oder aufgeschwindelt sind, werden in Chatham abgesetzt, und wer wohlfeil kaufen will, gehet hieher. Die Ladenherren, obgleich sie von Posen oder Schermeisel abstammen, haben Namen angenommen, wodurch ihre Geburts-Länder nicht verrathen werden, z. B. King, Christalli, etc. etc. etc. Hierbei muß ich ein Verhör im Polizei-Amte, welches heute statt fand, anführen. Seit mehreren Wochen war die Polizei bemüht gewesen, Diebstählen, die seit einiger Zeit durch Einbrüche in Waarenläger verübt worden waren, auf die Spur zu kommen. Dies gelang endlich und der Dieb wurde eingezogen. Als er gefragt wurde, für wie viel Werth er die Zeit hindurch aus jenem Laden entwendet habe, erwiederte er: für circa 15,000 Piaster, von welchen jedoch noch für etwa 1500 Piaster unverkauft da lägen, weil der gewöhnliche Abnehmer, Mr. King in Chatham, sie zu kaufen verweigert und ihm eröffnet habe, er besitze von dergleichen Waaren jetzt zu viel Vorrath, er werde jetzt nur wollene oder seidene Waaren für baares Geld kaufen, worauf denn, wie natürlich, Mr. Kings Locale unter polizeiliche Aufsicht gestellt und er selbst eingezogen worden ist. Diebereien werden hier sehr hart bestraft, Mordthaten hingegen mit weniger Strenge als in Europa instruirt, weshalb sehr viele Mörder der verdienten Strafe entgehen. Das Treiben in Chatham ist großartig; jüdische Actionaire halten ihre Verkäufe auf einem Karren, worauf sich die zu verkaufenden Gegenstände befinden (über diese Straße später ein Mehreres).
Als ich von Chatham zurückkehrte, fand ich in meinem Logis ein Schreiben von einem jungen Berliner vor, für welchen ich von seinen dortigen Verwandten einen Brief mitgebracht hatte. In jenem Schreiben wurde ich ersucht, ihn doch im Stadt-Hospitale, wohin er wegen eines Armbruchs gebracht worden sei, zu besuchen. Ich war um so begieriger, diese Anstalt kennen zu lernen, da sie mir früher, bei meinem Kranksein, von unserm Schiffs-Capitain empfohlen worden war. Nach dessen Schilderung erwartete ich etwas dem Hamburger Krankenhause oder der Berliner Charité Aehnliches; die Fonds, erzählte er, müßten beträchtlich sein, da jeder Capitain der in New-York ankommenden Schiffe für jeden Reisenden 1½ Piaster und für jeden Matrosen 1 Piaster zu diesem Fonds einliefern müsse, und die Einkünfte dieser Art werden nur zur Bequemlichkeit der Kranken verwendet; es sei in ganz New-York kein Haus, was in Betreff der Pflege, Reinlichkeit und Aufwartung etwas Aehnliches zu leisten im Stande sei. Ob ich Recht oder Unrecht gehabt, den Rath des Capitains unbefolgt zu lassen, war mir sehr interessant zu erfahren.
Die Apotheke dieser Anstalt, welche ich passirte, fand ich geregelter als die sogenannten Droguist-Shops, da sich in derselben nicht, wie in den letztern, Spielkarten, Wachslichte, Zahnbürsten, Cigarren etc. sondern nichts als Medicamente befanden. Das Zimmer Nro. 10, in welchem der Kranke lag, wurde mir geöffnet. Es war von ziemlicher Breite; an jeder Seite befanden sich 5–6 Lager, aber keins derselben war eine Bettstelle, es waren Bretter, auf welchen sich ein mit wenigem Stroh gefüllter Sack, ein sehr dünnes Kopfkissen, und eine sehr dünne wollene Decke befand. Da indessen der Brodherr dieses jungen Mannes für die meisten Chirurgen New-Yorks die Instrumente verfertigt, so hatte man dem Patienten vorzugsweise ein kleines Kissen, auf welchem der gebrochene Arm ruhte, hergegeben. In den klinischen Anstalten zu Berlin, und Deutschland überhaupt, liegen doch die Patienten auf Betten und nicht auf Stroh. Am meisten wunderte ich mich, diese Jämmerlichkeit in einem Lande anzutreffen, in welchem man das Geld sonst wegwirft für lumpige Kleinigkeiten. Wie pries ich mich glücklich, daß ich nicht hierher gerathen war! Unterdessen wurde während meiner Anwesenheit das Essen aufgetragen, und zwar auf einen in der Mitte des Zimmers befindlichen langen Tisch, an dessen beiden Seiten sich Bänke ohne Rückenlehne befanden; jeder der Patienten erhielt eine Schale voll Suppe, und eine Portion gekochtes Rindfleisch mit einem Stück Brod. Dem kranken Landsmanne wurde seine Portion auf den Fensterkopf neben seinem Lager mit einer ungewöhnlichen Gefühllosigkeit hingesetzt. Mittlerweile kam der Oberarzt, gefolgt von 8–9 sehr jungen Unterärzten, oder vielleicht Studenten, welche ihm die Krankheit der Patienten vortrugen; zuletzt sagte er: „nun will ich das deutsche Gesicht sehen!“ Die jungen Chirurgen zeigten ihm flüchtig die Stellen des doppelten Armbruchs, „schon gut!“ sagte er, und hiermit zogen sie ab. „Ach Gott!“ rief der Kranke aus, „wie gleichgültig wird ein Ausländer in diesem Lande behandelt: so ist es vom ersten Augenblick an gewesen, als ich hierher gebracht wurde, und drei volle Stunden ohne Hülfe blieb, und so bleibt es immer.“ Welcher Deutsche im Auslande auch sonst wenig an sein theures Vaterland denkt, der vermißt es sicherlich, wenn er krank wird; diese Erfahrung habe ich auch oft an mir selbst gemacht; nirgends, in keinem Lande, in keiner Stadt habe ich die deutsche Herzlichkeit gefunden. Wir wollen sehen, junger Mann, dachte ich, als ich den Kranken verließ, ob du sechs Jahre, wie du dir vorgenommen, hier aushalten wirst!
Ich ging jetzt nach dem Platze Wall (nach der Straße dieses Namens), um mehreren Wein-, Colonial- und andern Waaren-Auctionen beizuwohnen. Da stehen die Auctions-Commissarien auf den Fässern, Säcken u. s. w. und jeder derselben hat seine Anzahl von Kauflustigen um sich; sie rufen die gebotenen Preise wohl funfzig Mal mit einer erstaunlichen Schnelligkeit und Unverständlichkeit aus, so daß ihre Mäuler in einer wirbelnden Bewegung bleiben; nur dann weiß man, daß der Zuschlag nicht mehr fern ist, wenn sie going rufen; beim zweiten going ist der gebotene Preis vernehmbar, jedoch nur für die in der englischen Sprache sehr geübten. Täglich giebt es in New-York hunderte von Auctionen; rothe Flaggen, an welchen Cataloge baumeln, sind die Zeichen, daß im Hause, oder auf dem Platze, wo sie wehen, Auctionen statt finden. Es soll, so ist mir versichert worden, hier Auctions-Commissarien geben, die ein jährliches Einkommen von 200,000 Piaster haben.
Es giebt in New-York Importeurs, welche ihre Waaren nur per Auction absetzen, indem die Commissarien gegen Abzug von sieben Procent Zinsen pro Anno und 2½ Procent Provision, sofort den Belauf auszahlen. Da das Creditgeben in diesem Lande sehr riskant ist, so ist diese Verkaufsweise die sicherste. Der Gewinn ist natürlich sehr gering, ja häufig ist sogar Verlust damit verbunden. Jedoch gegen den letztern kann man sich einigermaßen dadurch sichern, daß man die Auctionen nur in der Frühjahrs- oder Herbst-Season, wenn sich alle Käufer aus dem Innern in New-York eingefunden haben, statt finden läßt. Der solide Handel wird freilich dadurch zu Grabe gebracht; denn in der Voraussetzung, daß die Land-Krämer, von den Zwischenhändlern kaufen werden, haben diese ihre Waaren-Läger gepfropft voll, und sind den Importeurs dafür alles schuldig; ist nun auch der eine oder der andere von den Land-Krämern wirklich gesonnen, seinen Bedarf von einem Zwischenhändler zu erstehen, so wird er durch die rothen Fahnen, die in den Gewölben der Commissarien, zwischen denen der Kaufleute aushängen, abgezogen. Er geräth in ein den Commissarien zugehöriges Lokal, und wird gesättigt. Die Folge ist, daß die Zwischenhändler ihre Vorräthe per Auction zu verkaufen gezwungen sind.
Siehet man die Waarenmassen, die in den Stadttheilen liegen, in welchen das Waarengeschäft betrieben wird (welche Massen unstreitig bedeutender sind, als die auf allen Meßplätzen Deutschlands zusammengenommen) sieht man die hohen Häuser von den Böden bis zu den Kellern hinab vollgepfropft von Waaren jeder Art, so muß man erstaunen und kann die Frage nicht unterdrücken: Wie, wann und wo soll dieses Alles verbraucht werden? Man kann sich keine Idee von der Größe des Fabrications-Wesens in Europa machen, wenn man nicht in New-York gewesen ist, und die Waaren-Vorräthe daselbst gesehen hat; ich gestehe, daß ich von Furcht und Schrecken ergriffen wurde, als ich mich orientirt hatte. Der Gedanke, mich von meinen Waaren sobald und so gut wie möglich los zu machen, gelangte nach jenem Augenblick bei mir zur völligen Reife. Meines Erachtens geht man im Waarenfache einer fürchterlichen Zeit entgegen; es dürfte in einigen Jahren eine weit gefährlichere Krisis eintreten, als diejenige war, die wir vor zwei Jahren erlebten. Amerika hat zu viel Ressourcen, um nicht fortwährend groß zu bleiben; wenn selbst die große Hälfte der Waaren-Händler untergehen müßte, wird Amerika nichts von seiner Größe eingebüßt haben. Die Regierung ist sehr vernünftig, sie hält den Waaren-Händlern die Zügel kurz; durch die hohen Preise, welche der europäische Fabrikant für die prima Materie hergiebt, verliert er oft das ganze Arbeitslohn, und vielleicht noch mehr. Dieses war vor zwei Jahren der Fall, und dieser Fall wird wiederum, noch ehe zwei Jahre vergangen sind, eintreten. Daß es der americanischen Regierung nur darum zu thun ist, den Ackerbau, und nicht die Fabriken zu begünstigen, beweist sie dadurch klar und deutlich, daß sie jedem Kaufmann den Zoll für seine eingehenden Waaren auf sechs Monate creditirt; thäte sie dieses nicht, so würden weit weniger Waaren eingeführt werden, indem die Summen für Zollgefälle von vielen Importeurs nicht ohne Mühe würden angeschafft werden können, und ein großer Theil derselben vom Importiren würde abstehen müssen, wodurch die in Amerika fabricirten Waaren bessern Absatz finden würden. Allein die Regierung denkt, Ackerbau ist einträglicher als Fabriken, und denkt, so lange europäische Fabrikanten das Arbeitslohn verlieren wollen, sehr richtig (hierüber weiterhin ein Mehreres).
Nach dem, was ich hier im Geschäft wahrgenommen habe, muß jede zwei, spätestens drei Jahre eine allgemeine Stockung im Zahlen eintreten, und die nächste dürfte die furchtbarste von allen bisherigen werden, da England jetzt nicht im Stande ist, wie vor zwei Jahren, eine Baarsendung von 2 Millionen L. Sterl. zum Stützen der für die englischen Fabrikanten unentbehrlichen americanischen Banken zu machen. Am deutlichsten kann der Schwindel bemerkt werden, wenn man sich während der Börsenzeit unter den Stock-Jobbers und Broakers umsieht. Unter den letztern findet man Subjecte, welche 60,000 Piaster Courtage jährlich verdienen; sie arbeiten darauf hin, einen Wirrwarr zu Stande zu bringen. Der Handelsstand hier ist das größte Kunstwerk der menschlichen Gesellschaft. Jeder handelt, und wie handelt er? Im Großen. Man sieht Kram-Läden von der Länge, oder besser Tiefe eines kleinen Exerzier-Platzes; in solchen Läden liegen vielleicht für 60,000 Piaster Waaren, von denen nicht ein einziger Cens (der hundertste Theil eines Dollars) bezahlt ist. Ist der Mann durch gute Lösung in Stand gesetzt, einem Theil seiner Verpflichtungen nachzukommen, nun, so geschieht es; ist dies aber nicht der Fall, so stellt er für sich den größten Theil in Sicherheit, läßt seine Creditoren zu sich kommen, und ersucht diese, das Nachgebliebene für ihre Schuld zu empfangen. Die Handlungsbücher sind vielleicht schon einige Tage vorher den Flammen überliefert worden, und kömmt einer von den Creditoren auf den Einfall, nach den Büchern zu fragen, so kann der sich auf die Antwort gefaßt machen: „das ist mein Geheimniß, deshalb werde ich sie Ihnen nicht zeigen.“
Das Wetter fand ich hier im Anfang October noch den Sommertagen in Deutschland gleich; es war sehr heiß und man wird von den Musquitos, welche unsere Mücken auch hier an Bosheit weit übertreffen, ungemein geplagt. Dieses Ungeziefer findet sich hier erst im September mit aller Kraft ein, und man darf sich vor Eintritt eines Frostes, im November, keine Ruhe versprechen. Es ist jedoch ein Leichtes, sich von ihnen im Schlafzimmer zu befreien: man schließt nämlich vor dem Anzünden der Lichter die Fenster, und macht mit dem brennenden Lichte Jagd auf sie. Bevor ich dies that, hatte ich in der Nacht wenig Ruhe, und mehrere meiner Tischgenossen adoptirten meine Kriegsweise.
Noch muß ich einiges von den Straßen New-Yorks bemerken; ich fand, daß die Straße Broad-Way viele Aehnlichkeit mit dem Newski Perspective in St. Petersburg hat; jedoch hat die erstere, außer dem ihr zugehörigen freien Platze (Park-place) viel Eigenthümliches; der freie Platz gewährt des Abends bei der Gasbeleuchtung einen herrlichen Anblick, da sich auf demselben mehrere öffentliche Gebäude, nämlich das Rathhaus, Theater, Museum etc. befinden. Die Nebenstraßen von Broad-Way laufen parallel und in grader Linie, wie die der großen Friedrichsstraße in Berlin, jedoch sind die Häuser in derselben nicht so schön. Das Eigenthümliche besteht besonders darin, daß man, da New-York eine Insel ist, an jedem Ende der Straße die Masten von großen Schiffen wahrnimmt, was einen höchst angenehmen Eindruck macht — besonders nach Untergang der Sonne, wenn so viele Masten der großen Schiffe mit den vielen Tauen, durch welche man die herrliche Abendröthe erblickt, einem Walde gleich, sich dem Auge darbieten. An Vergnügungen kann es in einer so reichen Stadt nicht fehlen. Der Yankee (Amerikaner der V. S.) ist, was den Lebensgenuß betrifft, mit dem Wiener zu vergleichen; er ist für das Materielle; kein Preis ist ihm zu hoch, wenn der Gegenstand reellen Genuß verspricht. Ein Hauptvergnügen ist ihm das Kegelspiel, wobei die Damen mit den Herrn wetteifern; man findet viele Keller (den Hamburgischen ähnlich), woselbst Restaurationen und Kegelbahnen eingerichtet sind, und Erfrischungen aller Art gereicht werden. Die Austern sind hier, obgleich um sehr vieles größer als die holsteinischen, die allerfeinsten und schmackhaftesten, die ich genossen habe; sie werden in allen Kegelbahn-Kellern zubereitet, und für einen nicht übertriebenen Preis gereicht: ½ Dutzend kostet etwa 4 Ggr., wozu man noch eine ziemliche Quantität Kohl-Sallat, Butter, Brod, und Zwiebacke bekommt. Schäferstunden sind nach der Versicherung eines meiner Freunde, die theuersten Genüsse in dieser Stadt, die Schäferinnen, entweder aus England, oder Töchter der aus Irland als Arbeitsleute Eingewanderten, sind die einzigen von allen englischen Erzeugnissen, wie mein Freund meint, die sich im Preise halten; 10–15 Piaster ist der fixe Preis für eine Schäferstunde. Für wenig bemittelte aber kräftige Männer sollen die couleurten Frauen ein vortreffliches Surrogat sein, man sieht diese in heller Kleidung mit seidenen Schnupftüchern in der Hand, sehr anständig umherziehen. Damen von Stande bedienen sich der weißen Tücher, die sie stets in den Händen tragen.
Die Theater werden hier sehr besucht, und mein Reisegefährte, der Director W....., machte gute Geschäfte. Das Personal ist von London (woselbst jeder amerikanische Schauspiel-Director eine Anwerbungs-Anstalt erhält), und die angeworbenen Mitglieder finden gute Rechnung, so lange die Direction Rechnung dabei findet. Das Entrée ist 1 Piaster, fürs Parterre ½ Piaster. Von Ausländern, die in New-York sonst den dritten Theil der Bevölkerung ausmachen, werden die Theater im Allgemeinen wenig besucht. Der Yankee ist nicht Kunstkenner genug, um über die Poesie und mimische Darstellung des Dramas richtig zu urtheilen, daher denn die Directoren, um ein großes Publikum von Yankees für sich zu gewinnen, ein leichtes Spiel haben. Die für Gastrollen engagirten Subjecte langen von England successive an, denn jeder derselben ist für 8, 10 bis 12 Rollen, d. h. Vorstellungen, und zwar, je nachdem er unter den Künstlern einen Rang einnimmt, für die Hälfte oder ⅔ der Einnahme engagirt, und tritt daher nur in zwei, höchstens drei seiner vorzüglichsten Rollen auf. Jetzt liest man auf den Theaterzetteln von 2 Yard (2 Ellen) Länge, die am Eingange in den Straßen an den Häusern und großen Hotels auf Bretter geklebt sind, die Londoner Theater-Kritiken der Times, des Examiner, Courier etc. etc. wörtlich abgedruckt, in Beziehung auf die Rolle des Gastes; das Haus wird demnach am ersten Abend gefüllt und nun liest man am folgenden Morgen in allen Morgenblättern, wie gedrückt voll das Haus gewesen, mit welchem Applaus der berühmte Gast empfangen und begleitet worden sei. Die natürlichste Folge ist, daß Alles sich beeilt, das Wunderkind in der Kunst zu sehen, und somit sind denn auch die Schauspielhäuser in den übrigen Städten der V. S., wohin die Wunderkinder reisen, jeden Abend gefüllt.
Es herrscht über die Geringfügigkeit der Militairmacht der V. S. ein bedeutender Irrthum, den ich vorläufig bloß durch die Copie, oder vielmehr Uebersetzung einer Ordre, die mir irrthümlicherweise zugestellt wurde, widerlegen will. Sie ist folgende:
125stes Regiment, 45ste Brigade, 28ste Division N. G. S. Infanterie.
Unter dem Adler liest man in einem Bande:
Ex pluribus unum.
Zweite Compagnie.
Ordre.
Hauptstadt New-York den 1. Octbr. 1838.
Hiermit wird Ihnen angezeigt, daß Sie in Person auf dem Compagnie-Paradeplatz Broad-Way- und Biberstraße, equipirt und armirt, wie es die Gesetze vorschreiben, um 2 Uhr am Montag den 8. d. M. zur Compagnie-Parade, und zur Regiments-Parade am Freitag den 12. um 9 Uhr Vormittags, so wie auch zur Inspection der Revue am Montag den 15. Vormittags um 8 Uhr erscheinen sollen.
In Ordre. Wellstood, Capitain.
Welsh, Sergeant.
NB. Es ist erforderlich, daß Sie in weißen Pantalons erscheinen. Kein Stellvertreter wird gestattet.
Es sei mir erlaubt, wieder zu merkantilischen Dingen überzugehen, womit ich mich am liebsten beschäftige. Die Einrichtung des hiesigen Packhofs fand ich in jeder Beziehung tadelhaft, und gar nicht zu vergleichen mit den europäischen Einrichtungen, besonders denen des deutschen Zollverbandes. Die Importation ist in New-York enorm. Es giebt Tage, an welchen 15 und mehr mit Stückgütern beladene Schiffe ankommen, und zwar Kasten von 6–800, oder wohl gar tausend Tonnen Größe. Die Procedur hierbei ist nun folgende.
Einen Packhof, auf welchem die vom Schiffe gebrachten Güter aufbewahrt werden, giebt es nicht; im Mittelpunkt der Geschäftswelt ist ein interimistisches Packhofs-Gebäude, denn das durch den Brand zerstörte ist noch nicht wieder aufgebaut, und dasjenige, was jetzt gebaut und bald fertig sein wird, wird zwar, da das Material aus Italienischem Marmor besteht, ein Prachtgebäude geben, ist jedoch nur für das bei diesem Institut angestellte Personal bestimmt. Für die Güter, welche zur Revision gestellt, oder auch zur Niederlage declarirt werden, sind in verschiedenen Straßen Separat-Gebäude, von keinem besondern Umfange, durch Schilder mit der Aufschrift: Public-Store bezeichnet. Sobald die mit Güter beladenen Schiffe einen günstigen Platz zum Ausladen gefunden haben, was oft sehr schwer hält, so melden sich die Interessenten beim Ober-Inspector (hier zu Lande Collecter genannt), und produziren deren Connecemente und eine Factura, auf welcher der Inhalt und Werth jedes Ballens genau aufgeführt sein muß. Von diesem werden nun diejenigen Colly’s, welche zur Revision gestellt werden sollen, bestimmt. Der Eigentümer erhält jetzt vom Collecter ein Permitt (Erlaubnißschein), die zur Revision bestimmten Colly’s nach dem Public-Store zu bringen, damit sie revidirt werden können. Mit diesem Permitt begiebt er sich nach dem Schiff mit der Hoffnung, die Colly’s jetzt zu erhalten. Allein der Schiffer versichert ihm, daß dieselben in der Mitte, oder wohl gar auf dem Boden liegen, und da sich noch Niemand mit einem Permitt über die obersten Güter gemeldet habe, wohl noch 8–10 Tage verstreichen dürften, ehe er die geforderten Colly’s werde haben können. Unter diesen Umständen muß man so lange warten; ich selbst hatte dieses Schicksal und erlitt hierdurch einen Verlust von 3–400 Piaster, denn die Waaren gingen im Preise um 20 Procent herunter, wie es häufig der Fall ist, wenn viele Schiffe zugleich ankommen. Die Zollerhebung ist von derselben Art wie in England; die Revisoren verfahren jedoch sehr oft eigenmächtig, indem sie nicht Waarenkenner genug sind. Früher ist viel geschmuggelt worden, bei dem jetzigen Collecter aber ist dies, wie man sagt, ganz unmöglich, weshalb man jetzt (im Jahre 1838) der Meinung ist, daß an den mehrsten englischen Waaren, besonders an den Tüchern (welche unter dem Namen Flanell eingeführt wurden), das halbe Capital verloren geht. Man hört allgemein Klagen über die Strenge des Collecters, und die Engländer klagen am meisten, da es ihnen früher ein Leichtes war, 50 oder wohl hundert Ballen feiner Tuche für Flanelle hereinzuschmuggeln. Im Einverständniß mit dem alten Inspector wurden früher nur die Ballen, welche Flanelle in sich begriffen, aber keinesweges diejenigen, welche Tuche enthielten, revidirt, und hiermit soll sich, wie man sagt, der alte Inspector, welcher von seinem Dienst in Gnaden entlassen worden ist, ein Vermögen von 100,000 Piastern gesammelt haben.
Bei den gegenwärtig (in der letzten Hälfte des Octobers 1838) statt findenden Wahlen für den im December zusammenkommenden Congreß in Washington ergiebt es sich deutlich, wie sehr der größere Theil der Handelswelt darauf hinarbeitet, den frühern Schwindel wieder einzuführen, der durch die Vorsicht des Präsidenten so ziemlich beseitigt wurde. Das Manufactur-Waarengeschäft, welches, wie schon früher bemerkt, die Hauptbranche ist, und mit welchem sich mehrere Millionen beschäftigen, weiter auszudehnen, ist der Wunsch Vieler. Obgleich die Handels-Bilanz Manchem brillant scheint, so könnte diese in der Wirklichkeit brillant sein, wenn es genug Fabrikanten gäbe, um den Bedarf für die Bewohner des Landes zu erzeugen; indessen es fehlt noch immer an Arbeitern jeder Art, und da die Regierung vernünftiger Weise dem Ackerbau mehr Aufmerksamkeit schenkt, als dem Fabrikwesen, so ist es natürlich, daß der größere Theil der Einwanderer zum ersten Zweck verwendet wird. Die Regierung sieht wohl ein, daß der Werth nicht in der Prima-Materie, sondern zum großen Theil im Arbeitslohn steckt, und überläßt es lediglich den Waarenhändlern, die Handels-Bilanz zurecht zu setzen. — „Wir müssen eine National-Bank haben!“ ist das Geschrei der Waarenhändler, „denn nur diese kann uns in Stand setzen, unser Geschäft auszudehnen; haben wir eine solche Bank, so sind wir im Stande, die doppelte, drei- oder vierfache Quantität Waaren von Europa einzuführen.“ Die Regierung muß vernünftiger Weise einem solchen Etablissement entgegen sein, weil die Actionaire sammt und sonders nicht im Stande sind, eine Bank auf solchen soliden Fuß, wie die Hamburger oder Bank of England, zu errichten. Wer Grundstücke besitzt, will Actionair werden, ohne daran zu denken, daß die Grundstücke um das Zehnfache über den Werth bezahlt worden sind, und demzufolge dem etwanigen Inhaber der Noten (von der zu errichtenden National-Bank) nicht die mindeste Sicherheit gewähren würden. So lange mithin nicht so viel nobles Metall vorhanden ist, den Inhabern von Banknoten damit zu begegnen, so ist jedes Etablissement gefährlich, und aus diesem Grunde widersetzt sich die Regierung dem Etablissement einer National-Bank, welche zu nichts Anderem führen würde, als das Land mit den Fabrik-Erzeugnissen Europa’s dermaßen zu überschwemmen, daß schon in Zeit von Einem Jahre das ganze Gebäude zusammenfallen würde, welches ohne National-Bank vielleicht noch zwei Jahre stehen kann.
Daß der im Jahre 1835 hier stattgefundene Brand zum großen Glück der Fabrikwelt war, bin ich jetzt überzeugt. Ohne diesen würden jetzt alle Waaren, statt daß sie seitdem nur etwa um 25 bis 30 Procent im Preise gesunken sind, um das Doppelte herunter gegangen sein. Feuersbrünste, wie der hiesige war, sind bei dem jetzigen Fabrikations-System, ähnlich wie der Krieg in andern Verhältnissen, ein nothwendiges Uebel, und alle zwei Jahre erforderlich. Die Assekuranz-Compagnieen würden hierbei freilich die Leidenden sein; sie würden indessen nur immer einen geringen Theil von dem viele Jahre hindurch Gewonnenen zurückgeben. Viele der hiesigen Compagnieen haben, trotz des ungeheuern Brandes, von welchem nur derjenige einen Begriff haben kann, der den Platz kennt, das Volle des versicherten Quantums, und einige unbedeutende Compagnieen 75 Procent desselben bezahlt.
Sieht man die Waaren-Massen in allen Städten der V. S., so gelangt man zur Ueberzeugung, daß die Art und Weise, wie jetzt fabricirt wird, den Wohlstand sehr Weniger befördern, aber den Untergang sehr Vieler herbeiführen muß, indem 31⁄32 aller Geschäfte Creditgeschäfte sind, und dennoch mit einem sehr unbedeutenden Gewinn abgeschlossen werden. Jeder drängt sich zum Verkauf, und Jedem werden ohne Bedenken Waaren verkauft und abgeliefert. Sieht man des Commissionairs Verkaufrechnungen über die an diesen zum Verkauf überschickte Waaren, so findet man, daß er sie auf 8 Monate Zeit verkauft hat, wobei er 2½ Procent für die Garantie aufführt, und mehrere, oder wohl gar die meisten der Commissionaire befinden sich in der Lage, die garantirte Summe nicht bezahlen zu können, wenn sie dieselbe nicht bezahlt erhalten, wie dies im Jahre 1837 der Fall war. Die übermäßige Production, die immerwährenden Modenveränderungen, dazu der immerwährende Geldmangel in den V. S., dies alles muß nachtheilig auf die Waaren-Vorräthe einwirken, Bankerotte herbeiführen, und zerstörende Resultate für Commissionaire erzeugen.
Kein Land ist in dieser Hinsicht gefährlicher als Amerika, weil die handelnde Welt kein reelles Vermögen besitzt, und Jeder sich nur so lange halten kann, als sich Alle halten; stockt ein kleiner Theil in der Gesellschaft, so stockt nicht lange darauf ein größerer, und bald das Ganze.
Besucht man die Ausstellung der Industrie-Erzeugnisse, so wird man bemerken, daß, wenn die Regierung es wollte, die V. S. vielleicht in einem Zeitraum von etwa 15–20 Jahren Manufactur-Waaren jeder Art exportiren, und mit jeder Nation zu koncurriren im Stande sein würden. Folgende Tabelle enthält über die Fabrikation der V. S. die interessantesten Data.
Wenn mithin bis jetzt nur etwa 200,000 Menschen in den Fabriken beschäftigt sind, und etwa 140 Millionen Piaster Capital dazu verwendet wird, so kann es doch nicht fehlen, daß im Verlauf von 10 Jahren die Fabriken um das Doppelte und vielleicht Dreifache anwachsen würden, wenn die Regierung hülfreiche Hand leisten wollte. (Hierüber später ein Mehreres.)
Die Ausstellung (Mechanical Fair) kann für den Deutschen nicht viel Interesse haben, denn es zeigt sich offenbar, daß das ganze Fabrik-System sich noch in der Entwickelung befindet, wie dies auch aus der mitgetheilten Tabelle zu ersehen ist. Das Auffallendste unter allen aufgestellten Gegenständen, waren mehrere Feuerspritzen, mit einer Eleganz gearbeitet wie man sie selten an Staatswagen findet. Die Lackirung, die Malerei, die Broncen an jeder derselben müssen, meines Erachtens, wenigstens 1000 Rthlr. gekostet haben. Als ich einen anwesenden Freund fragte, ob diese Spritzen wirklich zum Löschen dienen sollten, oder nur als Kunstwerke zur Schau aufgestellt waren, erwiederte er mir, man habe hier noch elegantere als diese und erklärte mir die Ursache hiervon auf folgende Weise: „Wir Bürger,“ fing er an, „sind sammt und sonders dienstpflichtig: wer nicht Militair sein will, muß Feuermann sein. Bei Feuersbrünsten hat er den Dienst bei der Spritze zu versehen. Diese Feuerleute sind, wie das Militair, in Compagnieen eingetheilt, und so wie sich die Soldaten armiren und montiren müssen, so haben die Feuermänner für die Anschaffung ihrer Spritze Sorge zu tragen, und diese wetteifern nun, eben so die elegantesten Spritzen zu besitzen, wie Jene, die schönste Uniform zu haben.“ Auffallend ist es, daß die Deutschen, deren es hier 45,000 giebt, zu den vorzüglichsten bei den Feuerlöschungs-Anstalten gezählt werden.
Am Sonntage, vor meiner Abreise nach Havana, besuchte ich die deutsche Kirche, deren Prediger von allen anwesenden Deutschen vergöttert wurde; ich ging mit der gespanntesten Erwartung ungefähr eine halbe deutsche Meile weit und finde in demselben — einen Demagogen, der an der Gottheit zweifelt; die Predigt war durchaus verworren, so daß mir der Prediger selbst nicht bei gesunder Vernunft zu sein schien. Nichts destoweniger hatten sich zwei Partheien, eine für, die andere gegen ihn gebildet, die beim Ausgang der Kirche über den Werth und Unwerth des Predigers in Streit geriethen. Sehr oft tritt hierbei der Fall ein, daß, wenn gewöhnliche Beweise nicht fruchten wollen, mit den Fäusten gegeneinander argumentirt wird. Dieser Fall soll erst kürzlich bei der Predigt eines Predigers E.., angeblich der Sohn eines deutschen Bischofs, vorgekommen sein, welcher allen Hader damit geendet hat, daß er sich bald nachher auf- und davon gemacht und zugleich zum Ueberfluß einiges Silbergeschirr aus der Kirche auf die Reise nach Ostindien mitgenommen hat.
Heute vor meiner Abreise hatte ich auch noch Gelegenheit, in dem Kaffeehause eines Italieners den vormaligen Wüthrich des deutschen Wollgeschäfts, den famösen Behr aus Mecklenburg zu sprechen. Obgleich seine Kleidung reinlich war, so verrieth sie doch, daß er nicht mehr so recht in der Wolle saß. Er kannte mich nicht, erinnerte sich jedoch bald meiner, als ich ihm meine Karte gab.
Zweite Abtheilung.
Havana.
Reise nach Havana, Oertlichkeit und Einrichtung daselbst.
Am 8ten November trat ich meine Reise nach Havana an; es war jetzt hier so kalt, daß das Eis in den Straßen wohl 1 Zoll stark gefroren war, und wir auf der Norma, einem beliebten Paquetboot zwischen New-York und Havana, worauf keine Oefen sind, tüchtig froren. Die Gesellschaft bestand aus etwa 25 Personen, worunter einige sehr häßliche Nichten des frühern Präsidenten der V. S., die Frau eines Generals, der Secretair des französischen Consuls, ein deutscher Arzt, ein in Matanzas etablirter, aus Hamburg stammender Kaufmann, Trunkenbold erster Klasse, der Sohn eines der ersten Geld-Aristokraten in Hamburg; ein in kaufmännischen Geschäften ohne die geringsten Kenntnisse in Havana etablirtes junges Bürschchen u. A. waren. Ich rathe jedem geehrten Leser, der diese Reise macht, sich mit einem besondern Passe zu versehen, welches ich unglücklicher Weise vergessen hatte; auch hatte ich meinen preußischen Gouvernements-Paß nicht von dem spanischen Consul in New-York visiren lassen. Als der Capitain und die andern Reisegefährten dies erfuhren, meinte man, dies sei sehr schlimm, um so mehr, da das preußische Cabinet mit der Königin von Spanien nicht in freundschaftlichen Verhältnissen stehe. Der Secretair des französischen Consuls erzählte, daß 21 Franzosen, welche ohne Pässe angekommen wären, nach Frankreich zurückgewiesen worden seien, und auch wirklich hätten zurückreisen müssen, wenn der Consul nicht sich für die Herbeischaffung der Pässe verbürgt hätte; — ich indeß — behielt guten Muth, im Vertrauen, daß ich mich durch meinen Paß sowohl als durch angesehene Häuser in Havana würde legitimiren können; Einige glaubten sogar, ich würde als Arrestant behandelt werden. Nur ein junger Mensch, der Bruder eines Advokaten in Havana, sagte mir heimlich, daß er den Beamten kenne und für Alles sorgen wolle, was ich zunächst mit Dank annahm. Einmal, in einer Nacht, war die Gesellschaft sehr allarmirt, wir fuhren nämlich zwischen Felsen, an einer Stelle, welche von den Schiffern The hole in the Wall (das Loch in der Wand) genannt wird und waren in großer Gefahr, auf einen Felsen zu gerathen; allein der Capitain fand in der tiefsten Dunkelheit die Passage und am nächsten Morgen hatten wir das Fort von Havana vor Augen. Noch muß ich eines Zuges des jungen deutschen Arztes erwähnen; er war der Sohn eines Leipziger Professors, hatte aber wegen zu großer Gedankenfreiheit sein Vaterland verlassen müssen, und kam jetzt von New-Orleans, wo er gewesen war, um sich mit der Heilung des gelben Fiebers vertraut zu machen. Nur das muß ich an dem jungen Manne tadeln, daß er sich keines Patienten anders, als nachdem er nachdrücklich von demselben ersucht worden war, annahm. Er konnte, wie er selbst sagte, keinen Betrug leiden; dies zeigte sich hier bei unserer Fahrt ebenfalls bei einer eigenen Gelegenheit. Es ist auf allen für Reisende eingerichteten Paquetschiffen die Anordnung getroffen, daß an den Sonn- und Donnerstagen Champagner gratis zum Mittagsessen gereicht wird. Der Schiffs-Eigenthümer denkt auf wohlfeilen Proviant, und rechnet auf unkundige Trinker, und zwar auf solche, welche, wie es größtentheils der Fall ist, den Werth des Champagners nach dem Mußiren beurtheilen, und kein Wunder, daß unser Schiff mit dergleichen mußirendem Stoff versehen war. Meister in der Zubereitung solcher Getränke sind die Amerikaner; besonders verstehen sie, aus den Aepfeln einen mußirenden Cyder zu bereiten, der von Nichtkennern für Champagner getrunken werden muß — er wird jedoch vom Fabrikanten unter dem Namen Champagner-Cyder verkauft. Solcher Champagner-Cyder wurde an den erwähnten Tagen reichlich aufgetischt, und wurde denn auch allgemein mit Wohlgefallen für Champagner genossen; ich meinerseits schmeckte denselben beim ersten Glase heraus, und ließ es bei demselben bewenden. An einem der letzten Tage machte ich meinen Landsmann darauf aufmerksam, und ersuchte ihn, das Geheimniß bis zum Landungstage zu bewahren. „Stören wir die Illusion nicht,“ sagte ich zu ihm, „bis wir landen; dann wollen wir mit den Hamburgern, welche sich die ersten Champagnerkenner zu sein dünken, und die letzten Flaschen den ersteren stets vorzogen, unsern rechten Spaß haben, und dieselbe necken.“ Er versprach, meiner Bitte Gehör zu geben; allein als am andern Mittage sämmtliche Tischgenossen wieder den Champagner priesen, versicherte der Doctor, das, was sie tränken, sei nichts als Aepfel-Cyder; Keiner wollte weiter trinken, man ging unzufrieden von Tisch und meine so wie des Capitains Freude war verdorben. Als ich ihm darüber Vorwürfe machte, erwiederte er: ich hasse jeden Betrug, und es ist ein wahrer Betrug, Cyder für Champagner aufgesetzt zu bekommen.
Das Schiff lag vor Anker. Der Platz-Major, unter Begleitung eines Militair-Commando’s, langte auf einer Galeere zum Empfang der Pässe an. Mir ging es hierbei ganz glücklich; als der Dolmetscher den Inhalt meines Passes vortragen wollte, legte der Capitain denselben zusammen und sagte „schon gut!“ Es durfte indeß noch keiner von den Passagieren das Schiff verlassen; selbst der hohe Staatsbeamte mußte die schriftliche Erlaubniß von Seiten des Gouverneurs abwarten. Nur erst, nachdem sich ein in Havana Etablirter für den Ankommenden verbürgt hat, wird demselben die schriftliche Erlaubniß zum Landen gegeben. Der Gouverneur hat die Stunde von 12–1 Uhr zum Unterzeichnen dieser sogenannten Permitts festgestellt, weshalb Schiffe, welche des Nachmittags ankommen, bis zum folgenden Tage warten müssen.
Diese Maßregel soll dazu dienen, das Land von Vagabonden frei zu halten. Die Meisten und Unterrichteten zeigen ihre Ankunft in früher absegelnden Schiffen an, und finden das Permitt beim Einlaufen vor. Auch ich hatte zwei Briefe nach der Stadt befördert, hatte aber durch die Schuld meines Correspondenten M... noch einige Weitläuftigkeiten, indem ich nämlich kein Permitt fand, und auch der Capitain, der sogleich nach Havana hinübergefahren war, mir keins mitbrachte, weil, wie er sagte, mein Paß in Unordnung sei. Ich faßte jetzt den Entschluß, selbst an’s Land zu fahren, und die Kraft des goldenen Spruches von Wieland: „Ein goldener Schlüssel öffnet jedes Schloß“ zu versuchen. Rasch griff ich in die Tasche und zeigte dem spanischen Don-Soldat, der auf Posten stand, einige Silberlinge, ohne etwas zu sagen; der Don verstand meine Silbertöne, und sagte in spanischer Sprache, wie mir gedolmetscht wurde: fahren Sie in Gottes Namen, kommen Sie jedoch nicht später als 8 Uhr morgen früh zurück, denn um 8 Uhr ist die Ablösung und meinem Nachfolger muß ich Sie überliefern. Mit andern Personen fuhr ich jetzt nach Havana über, und wir langten vor einem Boarding-Hause ohne Namen an. Eine eben so bejahrte, als beredsame Wirthin kam sofort herbei und gab mir sowohl auf Englisch, wie auf Französisch zu verstehen, daß ich dasjenige Zimmer, welches mir angewiesen wurde, in welchem sich eine Feldbettstelle, in der Form eines deutschen Stickrahmens mit einer dünnen Kattundecke, ferner ein ganz ordinairer Waschtisch und zwei hölzerne Schemel befanden — für nicht mehr, aber auch nicht weniger als 17 Piaster inclusive des Mittagessens und des Frühstücks pro Woche haben könnte. Nachdem ich diese erfreulichen Bedingungen mit philosophischer Ruhe vernommen und meine Sachen abgelegt hatte, eilte ich, meinen Correspondenten, den Consulvertreter M..., an den ich mich bereits früher wegen des Permitts gewendet hatte, aufzusuchen. Ihn und seine sämmtlichen Commis fand ich, wie es hier bei der Hitze üblich ist, im tiefsten Negligé bei Tische. Entrée und Speisesaal bilden ein mit Zugwind versehenes Ganze. Beim Caffee sagte M... zu mir, ich würde wohl daran gethan haben, meine Ankunft einige Wochen vorher anzuzeigen, damit ich alles Nöthige, Logis u. s. w. in Ordnung angetroffen hätte. Da ich dieses gethan zu haben mir bewußt war, so wußte ich, woran ich mit diesem Helden war. Wegen des Permitts versprach er, das Nöthige zu besorgen, und am andern Tage um die Mittagszeit, nachdem ich vorher meinem Versprechen gemäß, zu dem Don-Soldat zurückgekehrt war, erhielt ich denn auch endlich die schriftliche Erlaubnis Sr. Exzellenz, versehen mit 7 Unterschriften. Meine Sachen ließ ich am andern Tage Vormittags abholen, weil das Steueramt nur bis 12 Uhr expedirt; die Revision war nach preußischer Weise, d. h. sehr liberal; mein geringes Gepäck passirte ohne viele Umstände. Zum Fortschaffen desselben muß man hier drei Neger bezahlen, wo man in Europa nur eine Person gebraucht. Als ich nach meinem Logis zurückkam, trat mir ein Don-Soldat entgegen mit der Aufforderung, ihm sofort zum Capitain de Place zu folgen. Nachdem ich rasch meine Toilette gemacht, wobei der Soldat sich vor der Thür meines Zimmers befand, führte mich dieser zum Capitain, einem überaus artigen Manne, welcher, nachdem er mein Permitt gesehen hatte, mich um Verzeihung bat, und meinte, es müsse hier ein Irrthum in der Person stattgefunden haben; allein ich habe Ursache zu glauben, daß einer von meinen Reisegefährten eine Anzeige gegen mich gemacht hat.
Vor allem Uebrigen, dachte ich, als die Paß-Verlegenheit beseitigt war, ein Logis für mich zu miethen, weil die Ausgabe von 100 Piaster pro Monat für ein schlechtes Zimmer und eben so schlechte Kost mir zu theuer schien, und 100 Piaster kann man vollkommen die Ausgaben in einem solchen Boarding-Hause anschlagen. Es wurden mir von mehreren Bekannten Logis in Vorschlag gebracht, die ich sofort besah, und mit Pferdeställen zu vergleichen nicht umhin konnte; für Möbel und Bedienung sollte ich überall noch besonders sorgen. Zuletzt miethete ich eins was mir besonders empfohlen wurde, bei einer sehr braven Frau, die von Geburt eine Französin war, worin sich, wie in jedem Hause in Havana, Ratten, Mäuse, Scorpione, Cucerachas (große Würmer) aufhalten, und war dies Gemach in Hinsicht der vielen Thierarten mit Noah’s Arche zu vergleichen. In meiner Wirthin sowohl, als in ihren beiden Söhnen fand ich treffliche Leute, bei denen ich mich ungemein wohl befand, und mich von meinen körperlichen Leiden und den Widerwärtigkeiten der Handelskrisis merklich erholte.
Es ist so manches über Havana, seine Sitten und Verhältnisse geschrieben worden, auch der Herr von Humboldt berührt dieses Capitel in seinen berühmten Werken; allein was den Handel betrifft, so hätte in keinem Falle dieser ausgezeichnete Mann, dem übrigens auch wohl die praktische Erfahrung in Handelssachen abging, hierüber etwas sagen können, was jetzt noch genügte, da jetzt die Handelsverhältnisse sich ganz anders gestaltet haben, und wenn es noch um das Jahr 1802 etwa drei Häuser gab, die sich mit dem Handel nach Europa beschäftigten, so giebt es deren jetzt vielleicht 300. Es wird nicht ohne allgemeines Interesse sein, nachzuweisen, in wie fern die jetzt stattfindende überaus große Concurrenz vortheilhaft oder nachtheilig für diese Insel und die europäischen Kaufleute ist. Meine gesammelten Erfahrungen werde ich ohne Scheu niederschreiben, meine Behauptungen klar und bestimmt aufstellen und beweisen, und endlich auch solche Vorschläge zur Verbesserung des Handels zu machen mich bemühen, welche mir, als praktischem Kaufmann, ausführbar scheinen. Zuvor werde ich jedoch Einiges über den Ort, über die Lebensweise der Bewohner etc. bemerken.
Havana ist an und für sich klein, obgleich es gegen 120,000 Einwohner zählt. Für die Passagiere ist der Place des Armes, welchen Platz er gleich nach der Landung am Werft betritt, höchst überraschend und anziehend; ein Viereck, auf welchem sich drei prächtige Gebäude, das Haus der Gouverneurs, der Intendantur, das Palais eines Großen und eine Kaserne im großartigsten Stil gebaut, präsentiren. In der Mitte ist ein Platz von der Größe des Lustgartens zu Berlin, und ähnlich wie dieser arrangirt. Vier kleine Fontainen und das Monnument Ferdinand’s befinden sich in den kleinern mit Gußeisen eingefaßten Quarrées, in welchen blühende oder fruchttragende Orangen-, Cedern- und Palmbäume majestätisch prangen. Zur Bequemlichkeit der Spaziergänger sind die Wege mit Quadratsteinen von Granit belegt. Die Promenade auf diesem Platz ist jeden Abend von 8–9 Uhr, wenn das Musik-Corps der Garnison, welches ausgezeichnet brav ist, die Retraite bläst, und zugleich die gewähltesten Stücke spielt. Die Damen erscheinen alsdann in Ballkleidern, jedoch ohne Kopfbekleidung und Handschuhe, die hier nicht Gang und gebe sind; Blumen, Perlen und dergl. dient den hiesigen Damen zum Kopfputz; die ältesten Frauen tragen nichts auf dem Kopfe, nur bei großer Kälte wird ein chinesischer Shawl über den Kopf genommen. Damen ersten Ranges verbleiben in den Volanten. Von diesem schönen Platz, durch welchen jeder Ankommende eine sehr vortheilhafte Meinung von Havana bekommt, gehe ich zu den vier Hauptstraßen über, sie heißen: Orili, Obispo, Lamperillia und Obra Pia, haben 16–18 Fuß Breite und sind mit schmalen, etwa 20 Zoll breiten, sehr fehlerhaften, zum Beinbrechen eingerichteten Trottoirs versehen. Man muß sich daher sehr vorsehen, auf diesen Trottoirs nicht auszugleiten, oder von einer vorübergehenden Volante gerädert zu werden. Die Volante ist ein zweirädriges Cabriolet mit einem Pferde, oder auch Maulthier bespannt, die gewöhnlich von einem Neger geleitet werden. Man muß daher mit sehr großer Vorsicht in den Straßen gehen, indem die Achsen dieser Cabriolets 6 Fuß in der Breite messen, und die Räder eine Höhe desselben Maßes erreichen, welche des Umwerfens wegen in der Art angebracht sind, daß der Raum an den obern Theilen auf 7 Fuß anzunehmen ist. Begegnen sich daher zwei solcher Volanten in den 16 Fuß breiten Straßen, so bleibt für den Fußgänger äußerst wenig Raum übrig; ein Rad muß nothwendig über das Trottoir gehen, wobei es nicht selten an den Röcken der Vorübergehenden gereinigt wird. Dazu kommt, daß die Neger darauf los fahren, ohne die Fußgänger anzurufen und Vorsicht zu empfehlen.
Die Straßen sind ungepflastert und daher oft, besonders nach starkem Regen, nicht zu passiren, indem das Wasser 6–8 Zoll hoch steht: welcher Umstand den Wäscherinnen nicht minder als den Volanten eine gute Erndte verschafft, denn es ist in Havana allgemein Sitte, in weißen Pantalons, feinen weißen Strümpfen, und Schuhen mit umgewendeten Sohlen umherzugehen. Bei großem Schmutz müssen diese 3–4 Mal täglich gewechselt werden. Es ist nichts Seltenes, daß Commis von Comptoiren 15 Piaster Waschgeld pro Monat bezahlen; ein junger Mann versicherte mir, daß er im Sommer täglich dreimal die Wäsche wechsele, und wohl 7 Dutzend Pantalons besitze. Die Kutscher der Volanten sind oft so mechant, daß sie im Vorbeifahren vorsätzlich den Vorübergehenden die weißen Pantalons beschmutzen, damit diese einsteigen und nach Hause fahren müssen, um auf’s neue Toilette zu machen. Man bezahlt für eine Tour etwa acht Groschen Courant, bei schlechtem Wetter oft das Doppelte.
Für die ankommenden Schiffer ist hier die Art und Weise des Abladens weit angenehmer als in New-York; es wird ihnen hier sogleich nach ihrer Ankunft ein bestimmter Platz dazu angewiesen, wogegen sie in New-York vielleicht 10 Tage warten müssen. Da indessen die Räume für die Waaren, die zur Niederlage gebracht werden, zu klein für die Importation sind, die Zollbeamten aber auch nur bis 12 Uhr Vormittags arbeiten, so ist es gar nichts Seltenes, daß die Empfänger von Gütern vier Wochen und noch länger warten müssen.
Das Weihnachtsfest begann hier ohne besondere Zurüstungen und Festlichkeiten; am sogenannten heiligen Abend sah ich nichts Ungewöhnliches in der Stadt vorgehen. Nur die Schiffer kündigten das Fest dadurch an, daß sie alle vom Werft in den Strom hinauslegten. Die bedeutenden spanischen Handlungshäuser schließen ihr Geschäft bis zum zweiten Januar und besuchen ihre Freunde auf dem Lande. (Es giebt hier nichts als Sommertage.) Man fährt von einer Plantage zur andern, und findet überall Schmausereien und Bälle. Die Commis machen es eben so; sie fahren auf der Eisenbahn, oder auch auf Dampfschiffen zu ihren Bekannten. Die Gastfreundschaft ist hier größer, als ich sie irgendwo gefunden habe, indeß sind auch solche Parthieen in der Regel sehr kostspielig, indem man an dem National Hazardspiele Theil nehmen muß, welches, wie alle dergleichen Spiele, für Pointeurs nachtheilig ist, man jedoch Theil daran zu nehmen nicht gut verweigern kann, weil jeder Spanier gern spielt, und als Wirth es einigermaßen erwartet, daß die Geladenen sich nicht davon ausschließen werden. Ein junger Deutscher versicherte mir, bei einem sehr gemäßigten Spiele 8 Unzen (à 17 Piaster die Unze) verloren zu haben. Mit dem 24. December hören alle Geschäfte auf, selbst der Packhof bleibt von diesem Tage an bis zum 2. Februar geschlossen — sehr hart für Geschäftsleute.
Das Weihnachtsfest wurde von Mitternacht an aus allen Kräften mit allen Glocken verkündet. Es regnete in Strömen, und dennoch zogen die Menschen zu jener Zeit in Massen nach der Kirche. Junge Leute von allen Religionen verfehlten nicht, den Messen und — noch etwas Anderem — beizuwohnen. Da ich indeß in meinem Leben von den Leipziger und Frankfurter Messen zu viel Genuß gehabt habe, so blieb ich von diesen Messen zurück, und legte mich in meiner Arche zu Bette.
Am Nachmittage des Weihnachtstages begab ich mich nach dem sogenannten Passeo de Tacon, einer von dem vorigen Gouverneur in großem Stil angelegten Promenade, welche, wenn die darauf gepflanzten Orangen-, Ceder-, Cocus-, Palm- und Brodbäume in Zeit von 50 Jahren etwa einmal Schatten für die Spaziergänger darbieten werden, zu den ersten Promenaden auf der Erde gerechnet werden dürfte. In derselben fand ich mehrere 100 Volanten, die, wie in St. Petersburg bei großen Schlittenfahrten in der Butterwoche, in der größten Ordnung fahren. Lanciers bilden eine Barriere zwischen den Hin- und Zurückfahrenden. Die Damen sitzen en deux oder auch en trois in Ball-Anzügen in den Volanten, wo sie ihre sehr schönen Füße, welche in den allerschönsten seidenen Strümpfen und Atlas-Schuhen ihr Obdach haben, so vortheilhaft präsentiren, daß die Vorübergehenden über diesen reizenden Theil des weiblichen Körpers ein vortheilhaftes Urtheil auszudrücken sich nicht enthalten können. Ich muß gestehen, daß ich die schönsten Füße, und die geschmackvollste Chaussirung hier antraf, denn was man in Paris und London nur hin und wieder sieht, das findet man hier im Allgemeinen. Dies ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß die hiesigen Damen wenig oder gar nicht stehen oder gehen; in ihren Wohnungen sitzen sie stets und wenn sie durch Geschäfte aus dem Hause gerufen werden, so fahren sie in ihren eigenen Volanten, die jede Frau zu ihrer Disposition hat. Alle Einkäufe werden in den Volanten gemacht; die Laden-Diener müssen die Artikel, nach welchen die Käuferinnen fragen, an den Wagen bringen, man beordert, das Nöthige zu schicken, und fährt dann nach einem Conditor-Laden, um Gefrornes zu genießen (ebenfalls im Wagen). Aus diesem Grunde hat Jeder, der einen offenen Laden besitzt, eine Masse von Dienern nöthig, welche, wenn das Wetter die Damen vom Ausfahren abhält, den Orgelpfeifen gleich, hinter den Ladentischen stehen. Da die Damen hier zu Lande das Abdingen nicht so verstehen, wie die Berliner Damen, so weiß der Verkäufer es so einzurichten, daß dieselben den Lohn für jene Masse von Dienern mit bezahlen müssen. — Als ich gegen 8 Uhr von meinem Spaziergang durch die herrliche Allee von Orangen etc. zurückkehrte, dachte ich an meine guten Berliner, und wünschte, daß sie meinen Genuß auf diesem Spaziergange mit mir theilen könnten, ohne daß sie nöthig hätten, sich, wie ich, diesen Winter hier aufzuhalten, denn ein immerwährender Sommer muß dem Menschen, welcher den Wechsel in allen Dingen fordert, am Ende lästig werden, und dieses war mit mir der Fall.
Obgleich ich schon einiges von den häuslichen Einrichtungen in Havana berührt habe, so erscheint mir doch dieser Gegenstand wichtig und interessant genug, um etwas ausführlicher darüber zu sein. Das Erste, woran Jemand denkt, der sich hier etablirt, ist der Ankauf von Sclaven. Viele Leser werden hierin etwas Widriges, und Ungerechtes erblicken, daß man einen Menschen als Sache behandelt und ihm die Freiheit nimmt, zu der er geboren ist. Allein, da hier keine Dienstboten zu miethen sind, und man dienende Leute nicht gut entbehren kann, so muß man schon zum Ankauf von Sclaven, d. h. der Neger schreiten, die hier wie ein Bündel Schwefelhölzer d. h. mit derselben Gleichgültigkeit gekauft und verkauft werden. Sie sind zu jeder Zeit zu haben, da es sehr viele Kaufleute giebt, die auf diesen Artikel spekuliren und immerwährend ein wohlassortirtes Lager von 6–800 besitzen. Der Preis eines Sclaven ist 400 bis 450 Piaster en detail und etwa 360, wenn man en gros kauft. Ueber den Handel en gros werde ich weiter unten ausführlicher sprechen.
Hat man Sclaven, so sieht man sich nach einem Hause um, welches monatsweise vermiethet wird und zwar zu 100 bis 500 Piaster; ein Haus von dem erstern Preise ist sehr unbedeutend, und eins von dem letztern nicht das ausgezeichnetste. Das Ameublement ist im Durchschnitt höchst mittelmäßig und mit dem in Europa in gar keinen Vergleich zu stellen.
Die Hauptrolle in demselben spielen die Armstühle, statt der vier Füße mit zwei Untergestellen, wie in Europa die Wiegen, versehen, wovon sechs bis acht vor den großen nur mit eisernen Gittern, ohne Glas, umgebenen Fenstern zum Empfang der Gäste bereit stehen. Die Damen sitzen Abends auf denselben und schaukeln sich, um von den Vorübergehenden bewundert werden zu können. Die Zimmer sind entweder durch hängende Lampen erleuchtet, oder dieselben stehen auf einem Tische in der Mitte des Zimmers. Ein oder zwei Volanten müssen in den Vorhäusern zum Zeichen der Wohlhabenheit des Eigenthümers, und zur Unbequemlichkeit der Eintretenden dastehen; hin und wieder bemerkt man auch eine Volante im Gesellschaftszimmer in der Nähe des Piano. An der Thür muß ein Portier im weißen recht feinen Hemde sitzen, und seinen Cigarr rauchen, wenn das Haus einen vollkommenen Anstrich von Anständigkeit haben soll; die Portiers sind gewöhnlich Spanier. Oft sieht man im Vorbeigehen die ganze Damengesellschaft auf ihren Schaukelstühlen oder am Fortepiano mit brennenden Cigarren. Die Köche sind in der Regel freie Menschen und werden für ihr Metier sehr gut besoldet. Hier ist, wie es sich von selbst versteht, nur von Häusern erster Klasse die Rede. In der Mittelklasse sucht man gewöhnlich einen Sclaven zum Koch abzurichten, was sehr leicht ist, denn die Hauptkunst besteht hier darin, die Fricassées in Oel schwimmend auf den Tisch zu schicken, die Fleischspeisen zu Brei zu kochen oder zu braten, und mit tüchtig viel Knoblauch und Zwiebeln zu würzen. Die Bedienung bei Tische geschieht durch Sclaven, welche wie die Hunde dressirt sind, und beständig auf die Gäste aufmerken. Da steht Einer mit der vollen Flasche in der Hand, um das leere Glas sofort zu füllen; dort steht ein Zweiter, die Hände über die Brust gefaltet, er sieht den Gast scharf an, um seine Befehle entgegen zu nehmen; ein Dritter paßt mit reinen Tellern, Gabeln und Messern auf den Dienst. Bei Leuten untern Ranges ist es eben so, nur unterscheiden sich die Sclaven im Anzuge und es gilt von diesen, was der große Kant in seiner Anthropologie von den Polen bemerkt, daß nämlich bei den Großen in Polen man von Silber speise, und die Bedienung ohne Schuhe und Strümpfe aufwarte, wozu in Havana oft noch zerrissene Kleider kommen. Dem Eingebornen ist solche Schwäche nachzusehen, aber die Ausländer, die Deutschen sollten hier dasselbe thun, was sie in den V. S. thun müssen, d. h. sich ihre Diener von Europa mitbringen. Doch was giebt es in Westindien für Deutsche? daß sich Gott erbarmen möge! Größtentheils solche, welche sich in Bremen mit Tabacks-Krämerei beschäftigt haben.
Haushaltungen kosten hier sehr viel; die Frauen in denselben bekümmern sich um nichts, jeder einzelne Sclave um das, was ihm übergeben ist; der Einkäufer von Proviant sorgt hauptsächlich für Knoblauch, das Lieblings-Gewürz der Spanier. Die Anzahl der Gerichte ist hier sehr bedeutend, aber die Schüsseln von geringem Umfange, und der Inhalt derselben ist wegen der ungeheuern Oeldecke schwer zu ermitteln. Es wird sehr rasch gegessen, Caffee getrunken, ein Cigarr geraucht, wenig gesprochen und man entfernt sich. Hinsichtlich des Essens befinden sich die Sclaven hier außerordentlich wohl, da sie Alles in Ueberfluß haben und daher mit ihrem Schicksal in Havana nicht selten zufriedener sind, als mit dem vorigen in Afrika. Die Neger, welche in gallonirten Jacken und Schuhen ohne Strümpfe, an deren Stelle sie große Cürassier-Schäfte von gebranntem Leder, auf deren Stülpen sich Silberstifte in Unzahl befinden, mit Schnüren über den Beinen befestigen, dünken sich Groß-Moguls zu sein, wenn sie mit großen silbernen Sporen und Schnallen, durch welche letztere jene Schäfte unter den Knieen befestigt sind, ihren Gebieter vom Pferde herab kutschiren. Alles, was man in Europa an den Wagen und Geschirren in Gürtlerarbeit von Bronce bemerkt, wird hier meistens vom besten Silber verfertigt, und alles dies ist für Leute ersten Ranges, an welche sich die deutschen Commissionaire auf Unkosten der europäischen Geschäfts-Freunde anreihen, unbedingt nothwendig.
Den zweiten Festtag wendete ich dazu an, mich mit den Vergnügungen der Sclaven bekannt zu machen; ich durchstrich die entlegensten Theile der Stadt, um die Belustigungs-Oerter dieser unsern Gefühlen nach unglücklichen Menschen aufzufinden. Indeß giebt es freilich nur wenige Herren, die nicht ihre Sclaven, einige Stunden der Ruhe abgerechnet, ununterbrochen im Joche halten. Ich folgte dem Zuge einer Masse von jungen Negern und langte in ihrer Mitte unter den Wällen der Festungswerke an. Mehrere Trommeln und verworrenes Geschrei, welches die Unglücklichen Gesang nennen, zogen mich zu den Häusern, wo die Belustigung stattfand, und ich sah eine junge Negerin die Königin des Balles machen und tanzen, nach der Trommel und dem Geschrei der zuschauenden Neger; Arme und Körper bewegten sich nach dem Takte, und sie gefiel ungemein; diesen Ball hatte, wie ich hörte, ein Cigarren-Fabrikant veranstaltet, der seine Arbeit wegen Mangel an Taback auf 14 Tage einstellte.
Die Erfahrung, welche ich in Hinsicht des Handels hier machte, war für mich höchst traurig; ich werde Alles ziemlich ausführlich erzählen, damit der kaufmännische Leser auf seiner Hut sei und nicht ein ähnliches Schicksal erleide.
Ueber die
Handels- und Geschäfts-Verhältnisse
in
Havana.
Mein Correspondent, der Herr M... aus Bremen, war gleich bei meiner Ankunft sehr gesprächig und zuvorkommend. Da es hier üblich ist, den ankommenden Geschäftsfreunden seinen Tisch zu offeriren, so verfehlte auch Hr. M... nicht, mir zu eröffnen, daß ich an seinem Tisch ein Couvert für mich bereit finden würde. Ich habe indessen nie da gefrühstückt, und ging höchstens ein paar mal die Woche zum Mittagessen hin und zwar lediglich, weil mir das Essen in der ersten Restauration la belle Europe zuwider war. Die Bedienung der Restauration nämlich erscheint mit brennenden Cigarren im Munde und Pantoffeln über den nackten Füßen. Wenn etwas von der Asche des Cigarrs auf den Teller fällt, so wissen die Aufwärter dieselbe sehr gewandt fortzunehmen, und dies möchte noch hingehen; aber nichts Seltenes ist es auch, daß sie, wenn sie Bratfische oder Pudding bringen, vor dem Ueberreichen sich von der Wärme dieser Speisen überzeugen, und mit dem Tabackssaft an den Fingern dieselben betasten. Daher nahm ich zuweilen, obgleich mit einem innerlichen Widerwillen, den Platz ein, den M... an seinem Tische für mich bestimmt hatte. Die ganze Gesellschaft war gewöhnlich im Negligé, was auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck machte. Die Unterhaltung war eben so trocken und kraftlos wie die Braten, beides nicht für einen deutschen Geist und Magen. Ich merkte bald, daß M... sich für mich intressirte, in der Hoffnung, große Geschäfte mit mir zu machen; daß dies von keiner großen Dauer sein würde, war leicht vorauszusehen, und zeigte sich bald aufs Deutlichste.
Als er eines Nachmittages über Zucker-Spekulationen zu sprechen anfing, und mir zuredete, daß ich eine im Belauf von 40,000 Piaster zu unternehmen nicht säumen möchte, und gute Rechnung finden würde, erwiederte ich ihm: In meinen Jahren ist der Kaufmann, der etwas Vernunft besitzt, nie so ambitiöse, sich über seine eigene Kräfte erheben zu wollen; wenigstens denke ich so, und werde mich daher nie in unabsehbare und unberechenbare Spekulationen einlassen. Meine Antwort mißfiel ihm sichtlich, und er entgegnete: „freilich wird man bedenklich, wenn man alt wird.“ Er brach jetzt ab, indessen bemerkte ich von nun an eine Gleichgültigkeit und Kälte, die sich in der Folge noch vermehrte, als er sah, daß ich mich selbst um den Verkauf meiner Waaren zu bekümmern anfing. Ich zeigte nämlich die Proben von einigen meiner Artikel in einem Handlungshause, und der Chef desselben, ein gewandter Geschäftsmann (Pole), sagte zu mir: „diese Waaren verkaufe ich Ihnen, sobald wir etwas von Mexico erfahren; ich habe einen Mann, der für 150,000 Piaster kaufen wird, er will jedoch zuvor das Paquet von Vera-Cruz abwarten.“ Auf sein Anrathen ließ ich die Proben bei ihm liegen. Mit Proben von einem andern Artikel begab ich mich nach dem Comptoir eines Amerikanischen Hauses, und erfuhr, daß diese Waare knapp (rar) und folglich gesucht sei; ich acceptirte den vorgeschlagenen Preis und verkaufte diese Waare sogleich. Als ich nun dem M... sagte, daß ich die Waare, von welcher er mir gesagt hätte, daß sie gar nichts werth sei, weil es keine Käufer dafür gebe, verkauft hätte, und ihm auftrug, sie dorthin zu expediren, so ergrimmte er gänzlich; auf alle meine Fragen wurde mir wenig oder gar keine Antwort ertheilt, kurz er wollte mir jetzt über Nichts Rede stehen. Aufgebracht über dies Verfahren, stellte ich ihn endlich förmlich über sein Betragen gegen mich zur Rede und erhielt zur Antwort, daß ihm meine Geschäfte nicht conveniren könnten, indem er nicht gewohnt sei, daß Leute, welche Waaren bei ihm in Commission hätten, sich selbst um den Verkauf bemühten, und Proben herumzeigten. „Wir wollen das jetzige Geschäft abwickeln,“ setzte er hinzu, „und an kein neues denken; überdies sind Sie mir fremd, da Sie kein Empfehlungsschreiben aus Europa an mein Haus mitgebracht haben.“ Ich entgegnete: „fremd kann ich Ihnen unmöglich sein, da ich eine bedeutende Parthie Waare bei Ihnen liegen und schon mehrere Jahre mit Ihrem Hause in Verbindung gestanden habe. Daß ich dieses Geschäft mit Ihnen abwickele, ist freilich nothwendig.“ — Hier muß ich eine Bemerkung einschalten. Es scheint nämlich in dieser Stadt eine Convention unter den Commissionairen zu sein, daß sie keine Geschäfte, welche bereits einem andern Hause übertragen gewesen sind, übernehmen. Es verhält sich also mit diesen, wie mit den Karrenschiebern in Holland. Diesen durfte man nichts zum Fortschaffen übergeben, ohne vorher aufs bestimmteste mit ihnen accordirt zu haben, denn hatte derselbe die Sachen eine kurze Strecke gekarrt, so forderte er seinen Preis, und verweigerte man ihm diesen, so warf er das sämmtliche Gepäck von der Karre herunter, und man mußte sich dann der Willkühr eines andern Karrenschiebers unterwerfen. „Da ich also das Geschäft mit Ihnen abwickeln muß,“ fuhr ich fort: „so bin ich Ihnen für Ihr gefälliges Anerbieten sehr verbunden; daß ich übrigens die Proben selbst vorgezeigt, können Sie mir um so weniger übel nehmen, da Sie mir den Artikel als unverkäuflich schilderten, welchen ich selbst sofort verkaufte; da mir ferner Ihr Verkäufer, wenn ich ihm Käufer für einen oder den andern Artikel nenne, erwiedert: Sie wollen doch wohl nicht, daß ich zum Käufer hingehen soll, um die Waaren anzubieten? Wird er hieher kommen, um die Waaren zu kaufen, so werde ich mich bemühen, etc.“ — Hierauf erwiederte M... „Nun gut! Wir wollen es abwickeln,“ und ich verließ ihn. Ich mußte ihm alle Proben zustellen, die jetzt ruhig liegen blieben. Wären meine Waaren in den Händen eines andern Commissionairs gewesen, so würden sie sicherlich nach der Einnahme des Forts von Vera-Cruz verkauft worden sein, aber so blieben sie leider unverkauft; nachdem die Nachricht von der Niederlage der Republikaner von Vera-Cruz eintraf, war an das Verkaufen derselben nicht mehr zu denken.
Das Waarengeschäft ist in ganz Westindien das schlechteste von allen Geschäften, besonders für die Europäer, welche es durch Commissionaire betreiben zu lassen für gut erachten, die entweder Tabacks- und Käse-Verkäufer in Hamburg und Bremen, oder auch Händler fertiger Wäsche gewesen sind, denen es daher an Waarenkenntniß gänzlich mangelt. Junge Leute, die zum Schreiben in Comptoirs, oder bei Lotterie-Collecten in Hamburg 5 Jahre als Lehrbursche gearbeitet haben, werden als Verkäufer engagirt, bekommen, da sie sich der Gefahr des gelben Fiebers aussetzen, große, ja enorme Salaire, und die Vollmacht, über das im Schweiße des Angesichts erworbene Eigenthum der in Europa wohnenden Kaufleute oder Fabrikanten frei zu schalten und zu walten. Der Commissionair will verkaufen, um seine großen Ausgaben für den Lohn der Leute, Miethen und luxuriöse Lebensweise zu decken. Zehn Procent wird für die Verkäufe, Garantie und das Remittiren in Rechnung gestellt; rechnet man aber das Angehängte hinzu (worüber ich später ausführlicher abhandeln werde), so sind es wohl 15 Procent, die in Rechnung gebracht werden. In den Comptoirs und demzufolge in den Caffeehäusern wimmelt es stets von jungen Comptoir-Bedienten, diesen Blutegeln für die europäischen Kaufleute, die nach Westindien Handel treiben. Es wird mit dem Gelde geworfen, die feinsten Weine werden getrunken, Landparthieen, die 50–80 Piaster kosten, werden unternommen, und wer bezahlt Alles dies? Antwort: wir armen Europäer. Wir erhalten nicht nur die Equipagen, die Sclaven, die Maitressen der Principale, sondern wir müssen auch Sorge dafür tragen, daß die Handlungsdiener sich Reitpferde halten, jeden Abend die italienische Oper oder das Theater de Tacon à 1½ Piaster Entrée etc. und nach Beendigung derselben ihre Mädchen mit fünf Piastern in der Hand besuchen können. Wer dies Alles gesehen und die Art und Weise der Verkäufe beobachtet hat, dem vergeht ohne Zweifel die Lust, Geschäfte hieher zu machen. Man hat nur nöthig, mit den Käufern, Mercader genannt, in Berührung zu kommen und deren Schlauheit in Benutzung der schwachen Seiten der braven Commissionaire zu bemerken; wer dieses vermag, in dem wird der letzte Funken zu Geschäften aufs Gerathewohl erlöschen. Ich halte es für Pflicht und Schuldigkeit, die Handelswelt auf das Risico beim westindischen Handel aufmerksam zu machen, und werde deshalb (wie schon früher bemerkt) frei und ohne Furcht niederschreiben, was ich erlebt habe; kann Jemand meine Urtheile widerlegen, so werde ich es mit Dank annehmen, jedoch hierzu dürfte schwerlich Einer gefunden werden.
Die Insel Cuba, mit einer Bevölkerung von 800,000 Menschen,[A] unter denen 620,000 Neger und 180,000 Weiße, importirt jährlich für 20,000,000 Piaster, mithin im Durchschnitt für 25 Piaster auf jeden Kopf. Da indessen mit Gewißheit anzunehmen ist, daß die Durchschnitts-Consumtion sich nicht höher als auf 12 Piaster beläuft, so ist der Import auf Cuba noch einmal so hoch, als er sein sollte und wirkt nachtheilig auf die Preise. (Die V. S., mit einer Bevölkerung von 13 Millionen Weißen und 3,000,000 Schwarzen, importiren nur für 140 Millionen Piaster, von welchen noch etwa für 10 Millionen nach andern Staaten, Texas u. s. w. ausgeführt wird). Sämmtliche Waaren werden hingegen in Havana eingeführt und auch daselbst gelöscht, den Waaren-Einkäufern ist mithin hierdurch eine genaue Uebersicht von den Beständen gereicht, und können demnach beurtheilen, ob sie theuer, oder zu wohlfeilen Preisen einzukaufen haben, welches in den V. S. nicht der Fall ist, da es außer dem New-Yorker Hafen viele andere Städte giebt, in welchen Waaren direct importirt und nach dem Innern weiter versendet werden.
Die hiesigen eigentlichen Kaufleute und Waarenhändler en gros, Mercadere genannt, werden es, wie mir scheint, noch einmal dahin bringen, daß Commissionaire für Rechnung ihrer auswärtigen Freunde, deren Waaren sie kaufen, und gewöhnlich erst nach 6–8 Monaten, wenn sie zahlungsfähig sind, bezahlen, daß die Commissionaire, sage ich, für jedes Colly beim Empfang eine gewisse Summe baar ihnen einhändigen müssen, damit sie ihre Miethen und ihren Lohn bezahlen können. Es hat wirklich etwas Komisches, wenn man die Verkäufe in den hiesigen Commissionshäusern mit ansieht, wie diese Mercadere von den Verkäufern schmeichelnd und tändelnd tractirt werden; obgleich Jeder der Hereintretenden gesonnen ist, nicht mehr als höchstens die Hälfte des Fabrikpreises zu offeriren und die Zahlung innerhalb 8 Monaten zu versprechen, so wird er dennoch von den Verkäufern behandelt, als wisse dieser, der Mercader sei gesonnen, für die vorgezeigten Waaren einen ansehnlichen Gewinn und baare Zahlung zu gestatten; und nun die Procedur beim Verkauf! sie ist folgende. In kleinen Handschreiben berichtet der Commissionair den Mercaderen, daß er an diesen bestimmten Tagen im Auftrag eines auswärtigen Hauses eine Parthie Manufactur-Waaren verkaufen müsse, und ersucht diese, sich am Vormittag einzufinden, um die Waaren anzusehen und ein Gebot darauf zu machen. Die Eingeladenen erscheinen, und nehmen eins der geschriebenen Verzeichnisse, worauf diese deutlich specificirt sind, zur Hand, bemerken, nachdem sie die Waaren durchgesehen, auf denselben den Preis, den sie in Bausch und Bogen für seidene-, wollene-, baumwollene-, kurz alle Waarensorten durcheinander geben wollen, fügen ihre Unterschrift bei, legen dies auf den Tisch nieder und gehen weg. Daß die Käufer meistens unter sich einverstanden sind, versteht sich von selbst. Dem, der das größte Gebot gethan hat, schickt nun der Commissionair die Waaren zu; die Hälfte des Factura-Preises muß wenigstens geboten worden sein, wenn der Commissionair sich zum Verkauf geneigt fühlen soll; ist nur 45 Procent geboten, so wird weiter nicht Rücksicht auf ihn genommen. Bei Leinwand findet die Ausnahme statt, daß der Commissionair nur auf 15, höchstens 20 Procent unter den Fabrikpreisen eingeht. Die Käufer sind in der Regel nicht dringend mit ihrem Einkauf, da sie in derselben Woche vielleicht zehn dergleichen Einladungen von andern Commissionairs zu erwarten haben. Sie kennen die Bestände, den Bedarf, und wissen, daß für die ankommenden Waaren, durch Fortschaffung der alten, Platz werden muß, eben so gut, als daß der Commissionair rasch verkaufen muß und möchte, um die Waaren, worauf er 10 Procent für Provision verdient, selbst zu verkaufen und nicht durch Andere verkauft zu wissen, denn wie leicht könnte die Ordre zur Auslieferung von Europa eintreffen! Alles dies trägt dazu bei, daß die Käufer nie auf den selbstbestimmten Preis etwas zulegen und sich des Zuschlags für gewärtig halten. Die letztere Furcht aber wirkt am meisten. Es kommt daher nicht selten vor, daß hiesige Commissionaire, wenn sie sich im Auftrage eines Europäers zum Empfang der Waaren melden, die Antwort erhalten: die Waare ist schon verkauft, und die Abrechnung, welche bereits ausgefertigt ist, geht mit erster Gelegenheit ab.
Wie die Verkäufe hier betrieben werden, ist mithin eine Factura überflüssig, und man kann sich in Europa der Mühe überheben, dergleichen, anzufertigen, da sich kein Commissionair daran hält, es vielmehr den Käufern überläßt, die Preise festzustellen.
Detailleurs giebt es hier in Unzahl, d. h. unbedeutende Krämer-Läden, welche hier Magazin genannt werden, nicht aber bedeutende, wie in den V. S. und in Europa. So klein indeß wie sie sind, so vielfältig sind die Artikel, die man in denselben antrifft; von Allen liegen einige Stücke da, aber Leinwand spielt die Hauptrolle. Deshalb müssen auch viele Diener gehalten werden; vier ist die geringste Anzahl. Die Detailleurs kaufen nichts von den importirenden Kaufleuten, aus dem Grunde, weil sie ganz von den Mercaders abhängig sind, und alle Waaren von ihnen entnehmen müssen — bei Gefahr, ihres Credits verlustig zu gehen. Sie stehen unter starker Controlle, und die Preise sind in allen Läden so ziemlich gleich.
Hausirer giebt es in Masse; man sieht sie hier beim größten Schmutz in den entlegensten Straßen der Stadt, Männer und Weiber von allen Nationen, vorzüglich aber Neger; sie sind eben so zudringlich wie die Collecteurs der hiesigen Lotterie, welche jede drei Wochen gezogen wird und 144 Gewinne und 23,856 Nieten enthält. In Lumpen gehüllt, ohne Strümpfe und Schuhe, sieht man diese Collecteurs umherlaufen, wobei sie ihre Viertel-Loose à 1 Piaster ausschreien, wie Gemüseweiber bei uns. Sie sichern der Regierung eine Revenue von 25,000 Piaster pro Monat; sie kaufen eine Anzahl Loose auf Speculation, und bestimmen die Preise, je nachdem sie Liebhaber dafür finden. Viele Abnehmer finden sie unter den Sclaven, welche nach ihrer Freiheit streben, die sie nur gegen Erlegung der für sie bezahlten Summe erlangen können. Jedoch auch der Spanier, so wie jeder Ausländer spielt mit Leidenschaft; oft wird der doppelte Werth für ein Loos bezahlt, wenn die Ziehung ihren Anfang nimmt. Hat der Collecteur sein Loos verkauft, so bekümmert er sich nicht mehr um dasselbe. Sobald die Ziehung, welche nur ¼ Stunde dauert, vorüber ist, werden gleich wieder Loose zur folgenden ausgeboten, und wirklich verkauft. Einmal im Jahre, am Geburtstage der Regentin, kostet das Loos acht Piaster, und dann ist der größte Gewinn 40,000, der zweite 8000 Piaster; alle übrigen sind unbedeutend; der Monarch erhält zum Geburtstag aus der Lotterie-Casse 50,000 Piaster.
Zu allen bemerkten Uebelständen im Handel der Commissionaire kömmt nun noch, daß sowohl der größte Theil der Mercadere als die Commissionaire keine Kenntnisse im Waarenfach haben. Um sich gegen Verlust zu schützen, bieten daher die ersteren ungeheuer wenig; oft bietet Jemand 100 Piaster für eine Parthie Waaren; die ein Anderer für 700 Piaster kauft, dennoch haben die Mercadere mehr Kenntnisse als die Commissionaire, und diese glauben den Versicherungen der Käufer Alles. Sind diese daher einig, so wird ihnen ein Artikel, der jenem neu ist, für so viel wie nichts nachgeworfen. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Ich hatte einen Stoff, für Mäntel passend, an einen Commissionair geschickt und ausdrücklich bemerkt, daß ich wenigstens den Factura-Preis haben müsse. Als ich die Verkaufs-Nota über diese Waaren erhielt, sah ich sie für den halben Factura-Werth verkauft. Um mich zu überzeugen, ob ich selbst die Waare nicht besser verkaufen könnte, schickte ich an ein anderes Haus eine ähnliche Parthie, mit der Ordre, bis zu meiner Ankunft mit dem Verkauf zu warten. Als ich angekommen war, erzählte mir dieser Commissionair, daß derselbe Käufer, der im vorigen Jahre von einem andern Hause dieselbe Waare gekauft habe, auch diese Parthie, jedoch nur zu demselben Preise kaufen wolle, weil er diesen Artikel nur zu Kartuschen an das Gouvernement verkaufen könne. Um diesen unkundigen Commissionair einigermassen vom Holzwege abzuführen, entschloß ich mich die Läden von fertigen Kleidern zu durchstreichen, und überzeugte mich bald, daß derselbe Stoff auch hier zu Mänteln verbraucht werde. Als ich dies dem Commissionair erzählte, wollte er es nicht glauben, behauptete vielmehr, daß dieser Stoff nur zu Kartuschen zu gebrauchen sei. Auf solche Weise verlieren wir armen Europäer durch Unkunde der Commissionaire unser Vermögen, während die Mercadere mit diesem (indem dieselbe den langen Credit genießen) 300 Procent verdienen.
„Macht keine Geschäfte nach andern Welttheilen, besonders nach Westindien!“ so möchte ich meinen handelnden Landsleuten zurufen. Aber die Königliche Seehandlung, höre ich Viele sagen, macht überseeische Geschäfte, warum sollten wir, als gelernte Kaufleute, dieselben nicht mit eben so viel Nutzen, wie jenes Institut treiben können? Hierauf entgegne ich: ist es denn so gewiß, daß jenes Institut bei diesen Geschäften Gewinn hat? Antwort: Nein! Hierbei fällt mir ein, was einst der denkwürdige Minister Maaßen bei einer Unterredung mir sagte: Der Staat muß zuweilen, ohne eine Miene zu verzucken, eine Million Thaler verlieren; obgleich dies sehr viel für unsern Staat ist, so ist es dennoch nicht viel, wenn eine hohe Nothwendigkeit es gebietet. Wir wollen ein Beispiel anführen. Die Seehandlung hat Schiffe, Eins derselben liegt in Havana, S.... et Comp. sind die Agenten; sie können dieses Schiff nicht mit Ballast zurückschicken, um so mehr, da die Zucker-Erndte vor der Thür ist. Beladen Sie es mit Zucker! Schreibt die Deputation der Königl. Seehandlung an ihren Agenten in Havana; sie denkt, unsere Raffinerieen brauchen rohes Material und werden sicher vorzugsweise von dem Institut kaufen. Man kauft, man trassirt, der Zucker wird verschifft. Die Havanesischen Häuser bemerken es und sprechen: die S... et Comp. kaufen 4000 Kisten; es muß in Deutschland etwas Bedeutendes vorgehen; wir müssen für unsere Freunde in Europa sorgen! Und warum sollten sie nicht für diese sorgen, da sie sich doch zugleich selbst dabei versorgen? Somit kaufen auch alle diese für Rechnung der Europäer Zucker, welcher nun in Havana im Preise steigt, schicken diesen so rasch als möglich ab, damit ihre Ladungen vor denen der Seehandlung in Hamburg eintreffen mögen; sie trassiren 2 Monat Sicht für den Belauf und melden den Verkauf der in Commission gehabten Leinwand etc., wodurch zwar Verlust entstanden sei, welcher jedoch durch den höchst vortheilhaften Einkauf des Zuckers bald um das Doppelte ersetzt werden müsse. Ihre Zucker-Sendungen langen nun wirklich vor denen der Königl. Seehandlung an; um jene Entnehmungen zu decken, werden sie jetzt per Auction verkauft, weil sie verkauft werden müssen, und siehe da! das Provenue ist 3 Piaster pro Kiste unter dem Einkaufspreis. Hat die Deputation der Seehandlung dieses voraussehen können? Oder wird diese den Nachtheil der Spekulation fühlen? Nein! Wohl aber fühlen den Nachtheil und Schaden die europäischen Kaufleute, und zwar doppelt, weil sie auf zwei Seiten verlieren, wogegen die Havaneser Commissionaire die zweifach Gewinnenden sind.
Aehnlich wie die Havaneser in Zucker-Spekulationen mit der Seehandlung wetteifern, ähnlich machen es die Bremer und Hamburger, wenn sie jenes Institut auf Fabrik-Erzeugnisse eingehen sehen. Allein dieses hat sehr viele und gute Mittel, und außerdem, wie mir der Herr Minister Rother schriftlich versicherte, lauter erprobte Commissionaire; den spekulirenden Kaufleuten fehlt es aber an beiden. — Daher, sollte jedes Geschäft nach und von Westindien von Niemanden, als von ganz Reichen unternommen werden.
In Westindien können die kaufmännischen Geschäfte schon deswegen nicht gedeihen, weil, das Geld zu viel Werth hat, d. h. weil es im Verhältniß der Erzeugnisse und der Importation in zu geringer Quantität vorhanden ist. Wo der Zinsfuß auf 21–24 Procent steht, wie es in dem allergrößten Theil Westindiens der Fall ist, da muß der Spekulationsgeist dem Wucher unterliegen. Der beste, stets begehrte Artikel ist baares Geld, Fabrikwaaren der Allerschlechteste. Es klingt sehr lächerlich, wenn man die hiesigen Commissionaire von dem überaus großen Bedarf der Waaren in Havana erzählen hört; daß dies nur Kunstgriffe zur Aufmunterung europäischer Kaufleute sind, liegt am Tage, denn für 800,000 Menschen, unter welchen ⅔ stets im Hemde und leinenen Patalons umherlaufen, langen jährlich über 100 Schiffe, vielleicht gar 150 mit Manufactur-Waaren an. Man sehe die im Königl. Packhofe zur Niederlage gebrachten Waaren-Vorräthe an, und man wird die Hände über’m Kopf zusammenschlagen und fragen: „was sollen diese Vorräthe in einem Lande, was kaum die Hälfte der Bevölkerung Londons hat?“ Anderwärts ausgeführt wird hiervon nichts, denn das Wenige, was zuweilen nach Mexico verkauft wird, ist so gering, daß es nicht in Betracht kommt. Die Commissionaire aber antworten: Unsere Vorräthe, die der Mercadere, und die im Königl. Packhofe (Depot) werden bald verbraucht sein, wenn die Havaneser und Havaneserinnen nur Ernst gebrauchen, jeden Tag ein neues Kleid anziehen und am Abend diese neue Robe fortwerfen zu wollen, wie es oft der Fall ist. Dieses ist das Lied, welches die Herren mit ihren Commis täglich im Chor singen, wenn ein Europäer angelangt ist. Indeß es sind der im Jahre 1838 übrig und unverbraucht gebliebenen Waaren so viele, daß sicherlich für jeden Bewohner der Insel Cuba täglich zwei Kleider gemacht werden müßten, wenn sie in zwei Jahren verkauft werden sollten.
Um eine Krankheit zu heilen, die zwar schon tief Wurzel geschlagen hat, jedoch keinesweges unheilbar ist, wäre Folgendes zu thun nöthig. Für Krankheiten, die aus Ueppigkeit entstehen, werden nicht selten Hunger-Kuren angewendet; so auch müßten die Havaneser Mercadere ausgehungert werden, damit sie nicht ganz das Vermögen der europäischen Kaufleute verschlingen. Mein Vorschlag wäre daher dieser. Kaufleute und Fabrikanten, welche nach Westindien Geschäfte treiben, errichten auf Actien eine Westindische Compagnie, d. h. sie etabliren Depots in Hamburg und Bremen, in welchen sie für den Actien-Belauf Waaren niederlegen und nur zu den festgestellten Preisen, durch die dabei angestellten Verkäufer verkaufen lassen; diese Compagnie muß zugleich mit einem baaren Fonds versehen sein, um Fabrikanten nöthigenfalls gegen das übliche Disconto die Hälfte des Werths ihrer Waaren vorzuschießen. So wie es jetzt in Westindien einige Commissionaire giebt, welche für ihre eigene Rechnung Leinwand aus Europa committiren, so würden sie durch diese Maßregel, wenn sie keine Consignationen erhielten, um nicht stille zu sitzen, für eigene Rechnung Waaren committiren müssen. Der Verkauf für eigene Rechnung würde ihnen besonders dadurch erleichtert werden, daß sie 12½ Procent für Provision, Del credere, Miethen etc. allein verdienen, die der Europäer bezahlen muß, und welche im Durchschnitt den Verlust auf Consignationen ausmachen und welcher im Ganzen genommen nicht übermäßig ist. Waarenbegehr in Westindien würde den Absatz in den Depots befördern, und es würden nicht nur bessere Preise behauptet werden, der Eigenthümer würde durch diese Maßregel auch zu jeder Zeit über sein Eigenthum disponiren können, wogegen er jetzt sehr oft zwei Jahre hindurch, wegen des Schicksals seines Eigenthums in Zweifel ist, und nach Ablauf dieser Frist wohl gar noch Abrechnungen empfängt, nach welchen ihm für 2000 Rthlr. 25,000 Cigarren zukommen.
Indem ich mir vorbehalte, auf die Art und Weise des Verfahrens der hiesigen deutschen Commissionaire zurückzukommen, will ich, ehe ich zu andern Gegenständen übergehe, Einiges über die Grundsätze vieler unter denselben bei Anfertigung von Abrechnungen mit Europäern berichten, was mir von einem nach Europa zurückkehrenden glaubwürdigen jungen Manne mitgetheilt worden ist.
Eine Unterredung des Herrn G. mit dessen Diener.
Herr G. Machen Sie die Verkaufsrechnungen für die Herren B. und L.
Diener. Es ist bereits geschehen, Abrechnungen für Beide sind fertig.
Herr G. Wie ist die für B?
Diener. Es bleiben 25 Procent reiner Gewinn.
Herr G. (Mit Erstaunen) 25 Procent? Aendern Sie dieselbe; 25 Procent ist zu viel, der Mann kann sich mit 8 Procent begnügen; — und des Ls. Rechnung?
Diener. Der arme Teufel verliert 11 Procent.
Herr G. Aendern Sie auch diese; lassen Sie ihn 18 Procent verlieren, denn 7 Procent mehr oder weniger kann für den Mann keinen wesentlichen Unterschied machen.
Mein Commissionair M... macht es indessen keinesweges wie Herr G.; er steht im Ruf eines reichen, daher großen Mannes, der dergleichen Abrechnungen nicht selbst macht, es vielmehr seinen Commis überläßt; sein Hauptgeschäft ist das mit — Fleisch! Die Leser würden ihn jedoch unrichtig beurtheilen, wenn sie ihn für einen Shylok halten wollten. Keinesweges! Mit Kleinigkeiten giebt sich derselbe nicht ab; er erhält von Montevideo Ladungen des benannten Artikels, den er centnerweise abzusetzen versteht. Genug! Er ist Einer von den Commissionairen, von denen man sagen könnte: Man kann sein Fleisch durch ihn los werden! er ist ein vortrefflicher Mann, der nicht, wie Shylok selbst tranchirt, sondern tranchiren läßt. Er ist von seinen Abnehmern geschätzt, weil er nicht wie die meisten, die das animalische Geschäft treiben, es mit den Käufern verdirbt. Waaren, welche verkauft sind, werden, wenn sogar der Verkauf schriftlich abgeschlossen wäre, als unverkauft angesehen, wenn es dem Käufer einfällt, einen Abzug zu fordern. Besteht der Europäer auf Erfüllung des schriftlichen Contracts, so erwiedert der Herr Fleisch-Inhaber: Hier ist der Contract, prozessiren Sie mit dem Käufer, ich tranchire, wie Sie wissen, nie selbst etc. Ergo! ich wiederhole, für Europäer können überseeische Geschäfte nie vortheilhaft ausfallen, weil die Commissionaire im glücklichsten Fall 12½ Procent haben müssen, und bei der starken Concurrenz nicht zu erwarten ist, daß zwei Procent verdient werden können. In früheren Zeiten, als es nur wenige Häuser hier gab, welche hin und wieder eine Consignation erhielten, traf es sich zuweilen, daß an einem Artikel 25 Procent verdient wurden, wovon der Commissionair großmüthigerweise seinem europäischen Freund den ⅛ Theil zufließen ließ. Aber solche Fälle können jetzt nicht wieder vorkommen. Die Waarensendungen müssen wenigstens um die Hälfte vermindert werden. Die europäischen Kaufleute würden sehr wohl daran thun, ihre Waaren, wenn sie auf diese zu sehen überdrüssig sind, in einen abgelegenen Raum eine Zeitlang zu verschließen. Besser diese in Europa unter eigenem Schloß und Riegel, als in Havana, oder sonst wo in den Räumen der Bremer zu haben, wodurch der ganze Belauf aufgerieben wird. Der Denkwürdigkeit wegen will ich aufzählen, was ich selbst von europäischen Waaren für den Betrag von 98 Piaster einem Mercader habe verkaufen und überliefern sehen; es waren folgende: 6½ Dutzend Toiletten und Arbeitskästchen für Damen; 300 Dutzend Mund-Harmonika’s mit Elfenbein-Fourniren; 200 Dutzend Blumen-Guirlanden, für Negerinnen berechnet; viele Dutzend Rosen, Windsor-Seife und Seifenpuder, nebst mehreren Dutzend von wohlriechenden Oelen und Wassern in geschliffenen Gläsern.
Auf die letztern Artikel setzte der Käufer gar keinen Werth, und schenkte Mehrern der Anwesenden 1 Dutzend Seifen, und mehrere Flaschen von den wohlriechenden Oelen und Wassern, auch ich wurde auf diese Weise beschenkt, und dürfte vielleicht ein größeres Capital erlangt haben, als der Eigenthümer obiger Waaren, nach Abzug der Steuer-Provision, Del credere etc. erhalten wird.
So lange der Sclavenhandel in Westindien mit so gutem Erfolg, wie bisher wird betrieben werden, darf sich Niemand von allen Spekulanten ein besseres Schicksal versprechen, als derjenige hatte, dessen Waaren, wie vorhergehend gezeigt, für 98 Piaster verkauft worden sind. Wer denkt wohl daran, sein baares Geld auszuthun, um Waaren, welche der Mode und Conjunctur unterworfen sind, anzukaufen, wenn er sein Capital, im Handel mit Menschen ausgethan, in einem Jahr doubliren kann? In diesem Artikel giebt es zu viele Spekulanten. Ich sah 720 Sclaven im Total-Werth von 275,400 Piaster in einem Zeitraum von 2 Stunden verkaufen, und einen großen Theil davon wiederum en Detail mit einem Gewinne von 8–10 Unzen absetzen. Dem Rindvieh gleich, werden diese Unglücklichen alsdann vom Marktplatz nach der Käufer-Wohnung gebracht. So lange also der Handel mit Menschen solchen bedeutenden Gewinn abwirft, wird der hohe Zinsfuß stattfinden, und das Fabrikwaaren-Geschäft kein Gedeihen finden, weil stündlich zum Discontiren solcher Wechsel, welche aus den Geschäften mit Menschen entsprungen sind, bedeutende Summen gesucht werden. wofür sehr hohe Zinsen gestattet werden können, da 8–10 Unzen Gold pro Kopf gewonnen werden. Die meisten Sclaven werden jetzt zur Anlegung von Zucker-Plantagen benutzt, indem diese gegen jede Executions-Gewalt geschützt und unantastbar sind. Man hat Beispiele, daß Caffee-Plantagen in dem Augenblick, als sie subhastirt werden sollten, in Zucker-Plantagen umgeschaffen wurden und ihrem Umsturz entgingen. Epidemische Krankheiten machen, wie es damals bei der Cholera war, die reichsten Sclavenbesitzer zu Bettlern.
Der Getraidebau ist von der Regierung untersagt. Alles für Cuba erforderliche Mehl wird von den V. S. in Fässern von 165 Pfund Gewicht jedes Faß eingeführt. Der Einfuhrzoll war stets 9½ Piaster pro Fäßchen, seit dem Kriege in Spanien ist er 10½, der aber erst 6–8 Monate nach Empfang des Mehls erlegt wird. Für den Belauf des Zolles sind die Empfänger verbunden, Pagarées (Wechsel) auszustellen. Man kann mit Gewißheit sagen, daß im Durchschnitt an jedem Faß Mehl zwei Piaster verloren werden. Indeß verstehen es die Verkäufer, sich, da das Mehl pro Cassa verkauft wird, beim Placiren dieser Gelder durch hohe Zinsen und durch Schmuggelei für jenen erlittenen Verlust zu erholen! indem sie 2–3 Procent Zinsen pro Monat nehmen, welches, wenn die Hälfte des Mehls geschmuggelt ist, und dies ist gewöhnlich der Fall, einen guten Gewinn erzeugt.
Nach dem bisher Erzählten und Dargestellten, wird sich der geneigte Leser nicht wundern, wenn ich mein Vorhaben, mehrere westindische Inseln zu besuchen, um Geschäfte und Gewerbe daselbst zu prüfen, wieder aufgab. Mit großen Erwartungen war ich hierher gereist und wiederholt war ich zum Reisen aufgefordert worden, „um den Geschmack des Landes kennen zu lernen.“ Doch worin besteht hier der Geschmack? In nichts Anderem, als die Waaren für die Hälfte des Fabrikpreises zu bekommen: wird doch von den Negerinnen nur buntes Zeug verbraucht; die Damen aber sitzen stets in weißen und knieen in schwarzen Kleidern. Die Mercaders sind, wie schon angeführt, ganz einig und bieten für die allerneuesten Gegenstände nie mehr, als die Hälfte des Fabrikpreises, in der Ueberzeugung, daß sie, wenn nicht jetzt, doch später den Artikel erhalten. Ob derselbe alt oder neu ist, darum kümmern sie sich nicht sehr, denn dem Publikum erscheint jeder Artikel in ihren Läden neu; wenn er auch wirklich ganz veraltet ist. Europäische Spekulanten irren daher bedeutend, wenn sie ihre in Commission geschickten Waaren als veraltet betrachten und für die Hälfte des Werthes verkaufen lassen; sie würden besser daran thun, dieselbe nach Europa zurückgehen zu lassen, wie es in der letzten Zeit auch Mehrere wirklich gethan haben; sie würden hierdurch den kenntnißlosen Commissionair des Urtheils überheben; „diese Waaren sind über den doppelten Werth facturirt gewesen!“ denn dies glaubt derselbe, wenn der Europäer, aus Furcht, daß seine Waare veraltet und werthlos sei, die Ordre giebt, sie mit Verlust des halben Werthes zu verkaufen.
Meine Verhältnisse hierselbst waren von der Art, daß ich mir wenig Erfreuliches versprechen durfte; ich beabsichtigte ja, mein Eigenthum zu vertheidigen, d. h., die Commissionaire, mit denen ich nun einmal in Verbindung war und bleiben mußte, zu kontrolliren. Daß diese meine Absicht nicht lange verborgen bleiben konnte, ist leicht zu erachten und daß sie die Laune derselben verderben und sie gegen mich aufbringen mußte, ist eben so einleuchtend. Herren und Diener, Neger und Trabanten, Alle, ausgenommen die Spanier, welche meistens brav sind, wurden meine Feinde und begegneten mir mit einer Gleichgültigkeit, die mir freilich auch sehr gleichgültig war. Einer meiner Commissionaire, der Sohn eines sehr reichen Mannes, welchen sein Vater in der Absicht in Havana etablirt hatte, um aus anderer Leute Leder Riemen zu schneiden, ohne Zweifel aber besser gethan hätte, ihn zu Hause zu behalten, um ihn zum Riemenschneider für sich und seine ledernen Geldsäcke auszubilden, war mein größter Feind, weil ich ihm in einem Schreiben erklärte, daß ich nicht mit 25,000 Cigarren für eine mir schuldige Summe von 2000 Rthlr. zufrieden sei und daß ich, trotz seiner schriftlichen Anzeige, über diesen Gegenstand nicht mehr correspondiren zu wollen, — „weil sonst seine Geduld ausrisse“ — mich der Correspondenz durch die Behörde nicht enthalten würde.
Ein sehr achtungswerther Spanier, dem ich meine Lage im Verhältniß zu den hiesigen Deutschen mittheilte, schlug mir vor, mich einem einflußreichen Advokaten, Namens A.s zu empfehlen, was ich mit Freuden annahm. Der Advokat bezeigte viel Theilnahme, erklärte sich bereit, mir zu dienen und fand das Benehmen des Commissionairs „abscheulich.“
Hierbei ist zu bemerken, daß die Advokaten hierselbst nichts thun als instruiren; die Geschäfte in den Gerichtshöfen besorgen die Prokuratoren, die sich deshalb in den Morgenstunden bei den einflußreichen Advokaten einfinden und um Beschäftigung nachsuchen. Dieser Umstand trägt sehr dazu bei, die Prozesse in die Länge zu ziehen, denn die Prokuratoren verständigen sich oft sehr bald mit den Beklagten, wovon der beste gerechteste Advokat nichts wissen kann. Aus demselben Grunde und weil jedes Blatt Papier in Prozeß-Angelegenheiten gestempelt sein muß, werden die Prozeßkosten sehr hoch; es giebt Prozesse, zu welchen für 10,000 Piaster Papier verbraucht wird.
Die Vollmacht, welche ich mir zunächst von einem Notar mußte anfertigen lassen, kostete mir 17 Piaster, das Uebersetzen der Briefe u. s. w. ins Spanische 1 Unze; Herr A.s übernahm sie mit Freuden und meinte, in Zeit von 4 Wochen sollte ich meinem Ziel recht nahe sein.
Meine Prozedur wurde bald stadtkundig und der Haß der Deutschen nahm so zu, daß Wenige nur noch mit mir zu sprechen wagten. Obgleich ich mir hieraus wenig machte, so konnte ich doch nicht umhin, meine Lage unangenehm zu finden. Da stand ich ganz allein in einem fremden Lande, der Sprache unkundig, mit einer Parthie Waaren, die ich verkaufen wollte und keiner von allen Commissionairen wollte etwas mit denselben zu thun haben. Ich suchte Käufer und fand solche, jedoch wiederholt zerschlugen sich die Verkäufe, wenn die Waaren abgeliefert werden sollten. Welcher böse Dämon hierbei sein Wesen trieb, war mir zu ermitteln stets unmöglich. Einst hatte ich einen Handel mit einem Mexikaner und zwar mit einem sehr fühlbaren Verlust abgeschlossen. Als er mit mir nach dem Depot zum Empfang gekommen war und die Kattune in den Kisten, die geöffnet werden mußten, von gewöhnlicher Breite erblickte, trat er vom Handel zurück, weil er (vorgeblich) dieselbe Waare von doppelter Breite für 14 Sgr. pro Staab gekauft hätte.
Jetzt suchte ich einen Sclavenhändler auf, welche gewöhnlich viel Waare kaufen und offerirte ihm Artikel, indem ich ihm die Proben vorwies, aber er bot so wenig darauf, daß ich die Hoffnung aufgab, mit ihm einen Handel abschließen zu können; Ein spanischer Don-Mäkler M...m, der, wie Viele, dies Metier unerlaubter Weise treibt, weil er die Summe von 2000 Piastern, die hierfür zu bezahlen sind, nicht anschaffen kann, hatte mir auf den Dienst gepaßt. Er meldet sich bei mir, fordert Proben — und versichert mir, daß ein großer Theil meines Vorraths bald durch ihn abgesetzt sein solle. Proben aus den im Depot befindlichen Kisten zu nehmen, ist eine schwere Aufgabe, indessen es war mir daran gelegen, die Kosten dieser Prozedur kennen zu lernen und siehe da! ich mache dasselbe für etwa 15 Sgr., wofür die braven Commissionaire 6 Piaster in Rechnung zu stellen sich nicht schämten. Dieser Vorfall bringt mich zum Entschluß, eine Parthie Cigarren selbst zu verschiffen und was ergiebt sich? Daß ich diese Verschiffung mit einem Kosten-Aufwand von 2 Piastern besorge, während daß der Fleisch-Inhaber M... dafür 24 Piaster und 4 Realen berechnet hatte. Zwei große Geister wurden hierbei durch meinen Heroismus in Erstaunen gesetzt: 1stens der Don-Mäkler, weil ich mich nach dem Depot auf meinen eigenen und nicht auf Esels- oder Maulthier-Füßen hinschaffte und die Proben unterm Arm tragend mitbrachte — was in Havana, wie der Mäkler meint, noch nicht vorgekommen ist. Der Fleisch-Inhaber war wegen der in Rechnung gestellten 24 Piaster mit sich selbst in Uneinigkeit und meinte, da er nicht selbst tranchire, daß ich mich mit diesem kleinen Anliegen an seinen Commis wenden müsse. Dies geschah und ein vom Fleisch-Inhaber wohlgenährter korpulenter Commis ertheilte mir die Antwort, daß jener, in Berücksichtigung meiner Gegenwart, die mit vielen Strapazen verbunden sei, die Hälfte der 24 Piaster erlassen wolle — als besondere Gnadenbezeugung, wobei keine Umänderung der Rechnung stattfinden könne.
Unterdessen hatte der Don-Mäkler, ungeachtet meines Verbots, die Proben dem Sclavenhändler gezeigt und mit ihm einen Handel abgeschlossen, ohne mir den Namen des Käufers zu nennen. Ich erfuhr ihn erst, als ich von ihm in einem Schreiben die Baarzahlung ausdrücklich bemerkt zu wissen wünschte. Da erfuhr ich denn, daß ich für den Werth von 2000 Piastern auf verschiedenen Sclaven-Schiffen Actien an Zahlungsstatt annehmen müsse; ich sollte also Sclavenhändler werden. Ich hatte ungemein vielen Verdruß, sowohl mit dem Käufer als dem Mäkler, willigte indeß zuletzt ein, nachdem ich jene Actien mit einem Verlust von 10 Procent verkauft hatte; — unmittelbar nachdem ich das Geld empfangen hatte, nahm ein englisches Kriegsschiff Besitz von einem der Schiffe, woran ich eine Actie hatte.
Kaum war dies Ungewitter vorübergezogen, als sich ein zweites über mir zusammenzog. Ich erhalte nämlich von M... die Anzeige, daß der Käufer, der auf die früher erwähnten Mantel-Stoffe reflektirte, jetzt gänzlich renoncire und daß überdies der Handel sehr nachtheilig für mich ausfallen würde, indem die Douane jetzt nicht wie sonst, einen Realen, sondern zwei Realen Zoll pro Vara dafür fordere. Diese Nachricht erzeugte in mir den Gedanken, daß der Fleisch-Inhaber mich tranchiren wolle; ich schnitt sofort eine Probe von einem der Stücke jenes Stoffs, ließ für den Collecter der Douane durch den Advokaten A.. eine Supplik anfertigen, in welcher vorgestellt war, wie durch ein Versehen meines vorigen Commissionairs für wollene Waaren ein Zoll von seidenen bezahlt worden sei — welcher Zoll von den letztern beinahe noch einmal so hoch ist, als der von den ersteren; — ich hoffe, der Herr Intendant werde den Befehl ertheilen, für diese Waaren, welche im Tarif aufzuführen man vergessen habe, den Zoll von Filleilas und nicht den für seidene Waaren zu erheben.
Der Collecter zeigte sich zur Abänderung geneigt und forderte, daß ich an die Intendantur, unter Beifügung dieser Probe, eine schriftliche Auseinandersetzung einreichen solle, bemerkte jedoch sofort, daß ich den Zoll für die erste Parthie, die durch den Commissionair als seidene Waaren versteuert worden seien, nicht zurück erhalten könne.
Wie aus den Wolken gefallen, stand ich beim Eintritt in das nächste Zimmer, als ich des M.. Expedienten dort fand und zwar, als sei er der Ober-Inspector, meinem Gesuche entgegentretend. „Diese Waare ist für dasjenige eingegangen, wofür Sie den Zoll bezahlen müssen und bezahlen werden; abgeändert kann hierbei nichts werden.“ Entrüstet über diese Bosheit, begab ich mich sogleich nach dem Comptoir des Herrn M.., um durch den Waaren-Aufseher, der mir versichert hatte, diese Parthie sei für Filleilas eingegangen und koste nur einen Realen Zoll, die Wahrheit zu erhärten. Aber welche Antwort erhielt ich? „Nun! wenn sie als etwas anderes als Filleilas eingegangen ist, so werden Sie sich dem unterwerfen müssen!“ — Ich ließ die Supplik dem Intendanten übergeben und nach einigen Tagen erhielt ich durch einen der Estimateurs den Bescheid: „Sie haben zwei Realen als Zoll für diese Waaren zu erlegen, indessen soll es Ihnen freistehen, dieselbe zollfrei auszuführen.“
Aufgebracht hierüber und über vieles Andere, beschloß ich, unverzüglich meine Rechnung mit Herrn M... zu schließen und sah mich zu diesem Zwecke nach einem Vermittler um. Ein Schottländer, Namens Dakin, schien mir die geeignetste Person hierzu, da er, wie ich erfahren hatte, früher mit jenem in ähnlichen Verhältnissen, wie ich, gewesen war. Allein hier kam ich aus dem Regen in die Traufe; er versprach mir — ein Zug von Redlichkeit! — das Beste für mich bei dieser Auseinandersetzung zu thun. Er that auch wirklich so viel, daß ich in Folge seines Vielthuns über meine Kräfte viel für M... thun und viel Geld einbüßen mußte. Ich mußte ihm nämlich eine Bescheinigung ausstellen, mit seiner Abrechnung vollkommen zufrieden zu sein, ungeachtet daß ich in einer Abrechnung etwa 50 Procent für mein Capital und in den andern mehr oder weniger zurückerhielt, um meine Waaren und Gelder, welche er (M...) nicht unter andern Bedingungen ausliefern wollte, zur freien Disposition zu haben. Außerdem fand ich in seiner Rechnung Summen für Provision von 5 Procent, für Waaren, die ich selbst verkauft und wobei er gar nichts zu thun gehabt hatte, so wie auch Summen für Negerlohn, die mir eine volle Ladung Neger hätten zugesichert. Allein — ich mußte mich fügen. Einen Prozeß in Havana, dachte ich, magst du der Erfahrung wegen haben, Einer ist aber auch genug.
Die Bescheinigung wurde also, wie M... verlangte, ausgefertigt und ich hatte einen funkelnagelneuen Commissionair, der, wie ich mich bald überzeugte, in den Mysterien des Commissions-Geschäfts aufs genaueste eingeweiht war. Wie ist dies möglich in so kurzer Zeit? werden die geehrten Leser fragen. Ein gewisser, für Westindien unentbehrlicher Herr K.. verfertigte in der Art des sogenannten faulen Rechenknechts ein Hülfsbüchlein für Commissionaire, so wie auch Preis-Courante für Europäer; dieser höchst brauch- und unbrauchbare Mann sorgt also dafür, daß selbst die jüngsten und in Geschäften unerfahrensten nicht dermaßen zu Grunde gehen, wie er wiederholt zu Grunde gegangen ist.
Mit meinem Dakin hatte ich es mithin jetzt zu thun. Zunächst erhielt er von M... die schriftliche Ordre, die Waaren, welche für meine Rechnung im Packhofe lagerten, in Empfang zu nehmen. Bald bemerkte ich jetzt, daß die Mantelstoffe zum Theil als Filleilas zum Theil als Ginghams einpassirt waren, benachrichtigte Dakin hiervon und sagte: „nun dürfen Sie nur einen Realen als Zoll bezahlen;“ er indeß hatte die Sache anders geleitet. Am folgenden Morgen begegnete er mir und sprach: ich muß Ihnen eine gute Nachricht mittheilen, der Douanier hat Ihre Mantelstoffe für das passiren lassen, was sie sind, nämlich für Filleilas à einen Realen Zoll; ich habe demselben jedoch 102 Piaster (6 Unzen) versprochen, weil er sie der falschen Declaration des M... wegen hätte confisciren können. — Geben Sie, erwiederte ich, dem Douanier für Ihre Rechnung so viele Unzen, wie Sie wollen, aber nichts für die meinige, denn die Waaren sind für Filleilas eingegangen und müssen auch dafür passiren. — Ich werde ihm geben, so viel ich versprach, sagte er im Fortgehen, weil ich den Mann in meinem Geschäfte brauchen muß, und somit fand ich auch wirklich in der Rechnung: Allowance to guard for reduction of duty and excuse of fines 102 Piaster (d. h. Geschenk dem Zollbeamten für Nachlaß auf Steuer und Niederschlagung der Strafe.) In Europa würde sich wohl schwerlich Jemand diese Frechheit erlauben.
Glücklicherweise sah ich mich bald in Stand gesetzt, mich des Dakins zu debarrassiren. Zufällig traf ich nämlich den Mercader, der auf die Mantelzeuge reflektirte. Wie erstaunte ich, als er mir erzählte, daß er stets darauf reflektirt hätte, von M... aber nie etwas bestimmtes habe erfahren können. Ich verkaufte die Parthie und befreite mich von Dakins. Die Rechnung, die ich jetzt von diesem Dilettanten in der commissionärischen Kunst erhielt, wich um kein Haar breit von denjenigen der frühern Commissionaire ab; sogar drei Piaster für Volanten-Lohn seiner Diener fanden sich darin. Als ich denselben wegen aller Prellereien zur Rede stellte, da ergriff er ein Federmesser und drohte, mich damit zu durchbohren.
Nachdem ich mehrere von meinen unverkauft gebliebenen Waaren nach New-York expedirt hatte, — worauf ich später zurückkommen werde, hätte ich unterdessen von Havana abreisen können, wäre nicht — mein Prozeß gewesen. Schon waren drei volle Monate verstrichen und noch immer kam es mir so vor, als sei gar nichts geschehen, obgleich der Herr Advokat mich immer so vertröstete, als ob ich innerhalb acht Tagen am Ziele sein würde. Endlich entschloß ich mich, einen andern Weg einzuschlagen, auf welchem der geübte Forscher nicht ganz unbefriedigt abzieht und siehe da! es gelang mir; ich erfuhr, daß in der Sache noch gar nichts geschehen, daß noch nicht einmal mein und meines Gegners Name genannt worden sei. Im Zorn lief ich sogleich, als ich dies gewiß wußte, zu Herrn A.., überhäufte ihn mit Vorwürfen und er überzeugte sich sehr bald, daß sein Herr Procurator mit dem meines Gegners in gutem Einverständnisse sein müsse.
Hierbei kann ich zu bemerken nicht unterlassen, daß ich unterdessen mehrere edle Spanier zu meinen Freunden gewonnen hatte, die sich meiner annahmen. Auch des englischen Consul muß ich rühmlichst erwähnen; von meiner ersten Ankunft an behandelte er mich mit der größten Aufmerksamkeit und Auszeichnung und lud mich sogar zu sich ein, obgleich ich keine weitere Empfehlung hatte, als seinen Namen von einem seiner Jugendfreunde in Hamburg auf einem Zettelchen geschrieben, zu präsentiren. Von Spaniern also wurde ich jetzt in Allem unterstützt. Ueberhaupt ist mein Rath, daß Jeder, der Geschäfte auf Havana treiben will oder muß, sich nur an Spanier wendet, man gewahrt in ihren Comptoirs zwar nicht Legionen von Commis in Pantoffeln und Negligée, allein man bemerkt bald, daß die wenigen Arbeiter viel und gut arbeiten.
Nach der Weisung eines Kaufmannes und Beisitzers im Gerichte verfuhr ich jetzt. Ich ließ mir sofort von meinem Advokaten eine Klage niederschreiben, trug sie auf die Gerichtsstube des Friedensrichters und erlegte die Sporteln. Einige Tage darauf erhielt ich die Vorladung, vor dem Friedensrichter zu erscheinen. Am bestimmten Tage fand ich mich ein; allein, da ich nicht hinreichend Spanisch verstand, so wurde mir bedeutet, daß ich meinen Anwalt zur Seite haben müsse. Ich ging zu demselben, aber er wollte sich bei der großen Hitze nicht dazu verstehen, mich zu begleiten und expedirte einige Zeilen an den Friedensrichter. Dieser indeß wollte nichts von diesen schriftlichen Vorschlägen wissen und bestand auf dessen persönlicher Erscheinung. Durch viele Vorstellungen und Bitten, mir von der süßen Insel durch seinen Beistand los zu helfen, gelang es mir endlich, ihn zum Mitgehen zu bewegen — ein hierselbst nie in der Advokatenwelt vorgekommener Fall, da diese, wie schon bemerkt, nie selbst in den Gerichtshöfen auftreten. Beim Hingehen eröffnete mir der brave Advokat, daß er sich auf die Entscheidung von guten oder Schiedsmännern nur unter einer Bedingung einlassen würde und zwar der folgenden: daß die Schiedsmänner aus den Assessoren des Gerichts erwählt würden. Er änderte jedoch nach einer langen Unterredung mit dem Friedensrichter seine Ansicht, wendete sich zu mir und sagte: „ich habe genehmigt, daß hiesige Kaufleute, Einer für jede der Partheien den Streit schlichten sollen; Sie haben mithin ohne Weiteres zu bestimmen, wem Sie die Sache übertragen wollen.“ Ich wählte den englischen Consul und mein Gegner auch. Es ward sogleich ein Protokoll von dieser Verhandlung ausgefertigt und beigefügt, daß die Partheien sich gutwillig dem Ausspruche, wie er auch ausfallen möge, unterwerfen müßten und nur alsdann die Hülfe des Gerichtshofs, gegen Bezahlung von 500 Piaster an die andere Parthei, in Anspruch nehmen dürften. Mein Gegner und ich unterzeichneten dies Protokoll, welches einige Piaster kostete und es wurde zugleich festgestellt, daß die Entscheidung von Seiten des Richters in spätestens 14 Tagen erfolgen müsse.
Nach Ablauf dieser Frist wurde mir das vom Consul abgefaßte Urtheil zugeschickt. Es verrieth einen feinen kaufmännischen Takt und bewies, daß der Consul über die Sache nachgedacht hatte, was in diesem Lande, der großen Hitze wegen, etwas Seltenes ist. Das Urtheil fiel so aus, wie sie in der Regel ausfallen, d. h. die Forderung wird compensirt, da jeder Schiedsrichter in ähnliche Verhältnisse gerathen kann und gern das Vergeltungs-Recht auf keine schlimme Art für sich ausgeübt wissen mag. Mir also wurde die Hälfte meiner Forderung aus den darin angeführten Gründen zuerkannt und ich wurde verurtheilt, eine Parthie Cigarren, woran mein Gegner ohne Zweifel tüchtig verdiente, zu nehmen, wobei mir freigestellt wurde, daß ich dieselben, wenn ich sie des hohen Preises wegen nicht sollte verkaufen können, für meinen eigenen Gebrauch verwenden dürfte — und der Consul war der Meinung, daß diese mir munden würden, weil das Theure in der Regel gut schmeckt.
Meine Gegner fragten mich zu wiederholten Malen, ob ich mit dem Urtheil zufrieden sei, wahrscheinlich auf ein verfängliches Wort lauernd. Vorsichtiger Weise aber bezeigte ich nicht allein meine Zufriedenheit mit demselben, sondern pries auch die Gerechtigkeitsliebe des Consuls. Ich wurde auf den folgenden Morgen zu meinen Gegnern beschieden, um die Sache zu ordnen. Dort versprachen sie mir denn auch, sofort die mir zuerkannte Summe zu zahlen. Als sie mir die englisch abgefaßten Quittungen zur Unterschrift vorlegten, verstand ich mich hierzu, wenn ich die auf meine Waaren für Zölle bezahlte Summen durch Quittung würde bewiesen sehen haben, — was zu fordern mir zufolge des schiedsrichterlichen Urtheils frei stand. Gleich einem Leoparden sprang der eine Chef, der übrigens eher einem Burschen als einem Kaufmann ähnlich sieht, auf mich zu und schrie: „Sie sind mit dem Urtheil nicht zufrieden?“ Im Gegentheil, erwiederte ich mit der größten Ruhe, ich bin ganz zufrieden. „Nein!“ erwiederte jener, „machen Sie, daß Sie von hier fortkommen,“ und ruft Portier, Neger und eine Menge dienstbarer Geister herbei. Allein, wie ich war, mußte ich mich schon zur Retraite entschließen. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß meine Gegner beim Gericht auf die Auszahlung der 500 Piaster von meiner Seite angetragen hätten, weil ich, wie es ihr Commis bezeugen wolle, mit dem Urtheil nicht zufrieden sei. — Indeß Herr A.. fertigte mir ein Schreiben aus, welches ich auf der Gerichtsstube abgab und der Erfolg war, daß ich nach einigen Tagen die mir zuerkannte Summe durch einen braven Spanier Franzisco Guyri et Comp. ausbezahlt erhielt und daß meine Gegner die durch ihren Starrsinn entstandenen Kosten allein tragen mußten.
Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß es noch honette, brave Advokaten in den Welt giebt. Als ich nach Beendigung der Angelegenheit bei dem Advokaten Herrn A.. für seine Arbeit und Mühe liquidiren wollte, weigerte er sich, etwas anzunehmen. „Sie,“ sagte er, „haben genug verloren, ich darf nach meinem Gefühle Nichts nehmen. Schicken Sie mir, nachdem Sie wieder in Berlin angekommen sind, das allgemeine Landrecht und ich werde mich für die geringe Mühe belohnt wissen.“ — Auch einige Silbergeschirre, die ich ihm überreichen wollte, verweigerte er anzunehmen.
Die verweigerte Vorlegung der Quittung von Seiten der verurtheilten Gegner und der Vorfall mit den Mantelstoffen, mit dem Fleisch-Inhaber und dem Schottländer Dakins brachten einen Gedanken in mir zur Reife, mit welchem ich lange schwanger gegangen war, nämlich diese Herren durch eine genaue Nachsuchung in den Douanen-Büchern zu kontrolliren. Ich theilte meinen Vorsatz einem jungen Spanier mit und dieser meinte, daß ich dasselbe jetzt, da der Intendant zufolge eines Befehls von Madrid verabschiedet sei und der Gouverneur selbst dessen Geschäft vorstehe, vielleicht werde auszuführen im Stande sein, obgleich ich viele Schwierigkeiten dabei finden dürfte. „Mein Rath,“ setzte der junge Mann hinzu, „wäre dieser: daß Sie, im Falle Sie ihren Endzweck bei diesem Unternehmen erreichten und, woran ich nach dem, was sich zugetragen hat, nicht zweifle, Sie die Diebereien gegen die Krone und Sie selbst entdeckten, daß Sie alsdann für sich selbst Nutzen davon zögen, ohne das Gouvernement darauf aufmerksam zu machen. Denn sehen Sie, die Krone wird bestohlen, sie weiß dieses, weiß aber auch zugleich, daß das nicht zu ändern ist. Der Regierung ist es sehr wohl bekannt, daß diese Insel eine jährliche Revenue von 100 Millionen Francs abwirft, wovon ein guter Theil für die Armee und Salaire an die Beamten verbraucht, und vielleicht 11–12 Millionen veruntreut werden. Nimmt man indeß an, daß etwa 5 Millionen Piaster in Golde von diesen jährlichen Einkünften nach dem Mutterlande ausgeschifft werden, so bleibt es für uns Alle nicht wünschenswerth, daß jene 11–12 Millionen ebenfalls dahin geschickt werden, weil wir unter diesen Umständen bald ohne Geld wären. — Wenden Sie daher den Erfolg Ihrer Nachsuchung für sich an, da ohnedies jede etwanige Publicität Sie verhaßt machen würde.“
Noch an demselben Tage nach dieser Unterredung begab ich mich des Abends um 7 Uhr zum Gouverneur, der Jedem ohne Ausnahme, mit oder ohne Fußbekleidung, Gehör giebt, um ihm eine, jene Sache betreffendes schriftliches Gesuch zu überreichen. Der Gouverneur erschien sehr bald in Civilkleidern und so anspruchslos, daß ich beim Vorbeigehen nicht den hohen Staatsbeamten in ihm erkannte, bis mir der Adjutant sagte: „c’est le Gouverneur.“ Ich näherte mich jetzt der Thür des Gemachs, in welchem er die Supplikanten sprach und mußte die Ruhe und Gelassenheit bewundern, mit welcher er wohl eine halbe Stunde einem alten geschwätzigen Weibe, die für ihren Sohn ein Gesuch anbrachte, sein Ohr lieh. Mit vieler Artigkeit bat er sie endlich, zu enden, indem er, auf uns übrige zeigend, noch mehrere hören müsse. Nachdem sie und noch eine zweite Dame abgezogen war, kam ich heran, überreichte mein bescheidenes schriftliches Gesuch mit der ergebenen Bitte, wegen dieser Behelligung mich zu entschuldigen. Der Gouverneur las das Schreiben durch, versicherte mir, daß er sich nicht im Geringsten dadurch behelligt fühle; es sei seine Schuldigkeit, einen Jeden und insbesondere Ausländer zu hören und zugleich erlaubte er mir, wann und zu welcher Zeit ich wolle, wiederzukommen. „Gehen Sie in etwa 3–4 Tagen zum General-Secretair der Intendantur; ich werde die angemessenen Befehle ertheilen, daß Sie Alles, was Sie wünschen, in der kürzesten Zeitfrist erhalten sollen.“ Hierauf verabschiedete ich mich. Welcher Contrast im Betragen dieses Cubaschen Königs und jenes von Bremen stammenden Commissionairs!
Nach vier Tagen ging ich zum Secretair R...; des Gouverneurs Befehl an den Collecter der hiesigen Douane wurde mir vorgelegt und angedeutet, daß ich in zwei Tagen in diesem Bureau um nähern Bescheid nachfragen könne. Ich ging hin, aber vergebens, und so 10 Tage lang. Ich beschwerte mich stark, lehnte aber ab, selbst zum Collecter zu gehen, weil ich es nur mit dem Gouverneur zu thun haben wollte. Endlich wurde von der Intendantur aus hingeschickt und ich erhielt den Bescheid, des Gouverneurs Befehlen in Betreff meines Gesuchs könne nicht so bald nachgekommen werden, da der zu dieser Arbeit unbedingt erforderliche Beamte sich auf dem Krankenlager befinde. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als den Gouverneur wiederum anzugehen. Es geschah; der Gouverneur empfing mich höchst artig. „Wie weit sind Sie mit Ihren Nachforschungen gekommen?“ — Ich befinde mich noch am Anfange; — man giebt vor, daß der Beamte, welcher Ihrem Willen gemäß die Papiere für mich ausfertigen soll, krank sei. — „Sonderbar! kommen Sie morgen Vormittag um 11 Uhr hierher.“ Als ich am andern Morgen wiederkam, sagte er zu mir: „der Secretair R. hat die bestimmteste Ordre von mir, was er thun soll; melden Sie sich bei ihm, damit er das Weitere für Sie besorgt.“ Dies that ich sofort. Sämmtliche Expedienten standen bald als sie mich kommen sahen, am Tische des ersten Secretairs R. und dieser sagte zu den übrigen: „Ich kann mir das Benehmen des Collecters gar nicht erklären und weiß fürwahr nicht, was ich thun soll. Geben Sie dem Herrn Ries,“ meinte einer der Secretaire, „einen offenen Befehl im Namen des Gouverneurs, daß ihm das nachgesuchte Papier unverzüglich ausgefertigt werde.“ Ohne Zögern folgte der Secretair diesem Rathe. Ich empfing den Befehl und lief, wie eine Katze vom Taubenschlag, zum Collecter, den ich an seinem Arbeitstische sehr beschäftigt fand. Eingedenk des Gebotes: Du sollst das Alter ehren, wartete ich, bis Alle sich entfernt hatten, weil ich voraussetzte, daß ein solcher offener ernsthafter Befehl, aus der Feder eines jungen Secretairs geflossen, dem ergrauten Staatsdiener nicht erfreulich sein würde.
Ich überreichte demselben jetzt meine unversiegelte Depesche; er las sie und las sie wieder wohl zehnmal, beguckte sie von allen Seiten, obgleich auf dem winzigen Blättchen nur wenige Worte geschrieben standen. „Ich weiß nichts von Ihrer Eingabe,“ fing er endlich an. Sie ist hier, entgegnete ich, denn ich weiß, daß sie von der Intendantur schon vor 14 Tagen hierher geschickt worden ist. Der Collecter rief jetzt einem seiner, am nächsten Tische stehenden Secretaire zu: „wissen Sie etwas von des Herrn J. Ri—es (so wird mein Name im Spanischen ausgesprochen) Eingabe?“ Der Secretair mußte unsere kurze Unterredung, da er so ganz in der Nähe stand, mit angehört haben, fragte aber ganz fremd: „Ri—es? — Kommen Sie, ich will mich erkundigen.“ Er führte mich in das Nebenzimmer und nach eingezogener Erkundigung wurde mir gesagt, daß der Expedient, dem die Anfertigung übertragen worden, krank sei, indessen das Papier solle bis zum andern Vormittage um 11 Uhr in dem Bureau der Intendantur ausgeliefert sein. Ich ging jetzt nach der Intendantur zurück, um dem Secretair R. Bericht abzustatten, der mich dann auch auf den folgenden Morgen beschied und hoffte, daß der Bescheid eingehen werde. Am andern Morgen erfuhr ich nun, daß der Bescheid da sei, aber nicht der erwartete. Der Herr Collecter berichtet nämlich, daß, da die Bücher nach dem Archive geschafft wären, nur der Archivist über das Geforderte Bericht erstatten könne. Meinem Verlangen gemäß, wurde mir dies auf einem Billet niedergeschrieben, mit welchem ich mich sofort zum Gouverneur begab.
„So muß ich also dem Archivisten den Befehl ertheilen, Ihnen den Auszug anzufertigen,“ sagte der gutmüthige Gouverneur; „gehen Sie morgen früh, aber nicht vor 12 Uhr zum Secretair R., Sie werden dort meinen Befehl für den Archivisten finden.“ — Ich fand denselben in der That zur festgesetzten Zeit und der Secretair R. war so gefällig, denselben durch einen Beamten aus seinem Bureau nach dem Archiv zu befördern und ich folgte nach. Der Chef des Archivs sprach sehr geläufig französisch und englisch und bemerkte lächelnd, er könne mir im Voraus sagen, daß ich mehr bezahlt haben werde, als die Commissionaire nach den im Archiv befindlichen Büchern bezahlt hätten; er, der früher einmal auch Kaufmann gewesen, wisse, wie es zugehe. Er versprach, das Papier am folgenden Morgen in Ordnung zu haben. Er forderte zugleich von mir, daß ich ihm einen genauen Auszug von den Monaten und Tagen, an welchen die Schiffe, die ich in meinem Verzeichnisse namhaft gemacht hatte, in Havana eingelaufen seien, welches er aus den Büchern nicht ersehen zu können vorgab. Obgleich ich dieses nach der Art und Weise, wie die Bücher in Havana auf der Douane geführt werden, für eine leere Entschuldigung anzusehen berechtigt war, so versprach ich ihm doch, mich der Besorgung unterziehen zu wollen. Anfänglich schien mir die Aufgabe sehr schwer, indeß fand ich bald einen sichern und leichten Weg hierzu. Ich ging nämlich nach der Lonja (Börse) und machte aus den daselbst liegenden Büchern, welche über die Ankunft aller Schiffe sprechen, einen genauen Auszug, den ich schon nach Verlauf von einer halben Stunde nach dem Archiv bringen konnte, worauf der Archivist wiederholt mir den Auszug am folgenden Morgen für ganz gewiß versprach.
Es vergingen indeß wohl 14 Tage und jeden Tag erzählte mir der Archivist etwas Anderes, warum er es nicht möglich machen könne. Als ich zuletzt sehr dringend ward und mit Beschwerdeführung beim Gouverneur drohte, sagte er mir: „Ich kann wenige von den durch M... für Sie eingeführten Waaren weder in den Büchern noch in den Manifesten finden.“ So wurde ich noch länger als acht Tage hingezogen, bis endlich der Archivist, da er meine Geduld erschöpft glaubte, mir eröffnete: „Sie finden die geforderten Papiere beim Gouverneur, ich habe sie heute dorthin befördert.“ Ich wendete mich jetzt an diesen, aber er wußte von nichts. Nach einigen Tagen nun endlich wurden sie mir in der Intendantur überreicht. Das Resultat war komisch, für mich freilich traurig, weil Herr M... beinahe Alles, was er mir für Zölle angesetzt hat, worüber dessen mir übergebene Rechnungen sprechen, nicht bezahlt hat, und ist das Original dieses Instruments beim Verfasser einzusehen.
Jedes Forschen, welches nicht aus Neugierde, sondern aus Wißbegierde entspringt, ist ein eben so mühseliges als undankbares Geschäft; es erfordert immer einige Selbst-Aufopferung, wird jedoch selten, obgleich es das Beste der menschlichen Gesellschaft zum Gegenstand hat, nach seiner löblichen Absicht gewürdigt. — Was die Leser auch von meinen Nachforschungen denken mögen, so habe ich selbst doch das ruhige Bewußtsein, daß ich die kaufmännische Gesellschaft gegen Diebereien in Westindien zu schützen beabsichtigte.
Aus dem Bericht des Ober-Tribunals, der eigenhändig vom Gouverneur unterzeichnet wurde, ergab sich also aufs bestimmteste, daß der mit dem Buchstaben M... bis jetzt von mir bezeichnete Commissionair Moyer in Havana sehr viele von meinen Waaren eingeschmuggelt hat, „indem die Collys,“ wie der Bericht lautet, „weder in den Schiffer-Manifesten, noch in den Büchern zu finden seien.“ Erwäge nur der Leser, was den höchsten Staatsbeamten Cuba’s bewog, diesen offenbaren Betrug ganz zu übersehen! Ist er vielleicht in Hinsicht der Zollbeamten mit Friedrich dem Großen einverstanden, der bei einem ähnlichen Gesuch äußerte: „ein schlechtes Pferd ist dasjenige, welches an einer mit Hafer gefüllten Krippe steht und nicht frißt!“ Wir wollen dem Leser die oben angeführten Bemerkungen des jungen Spaniers ins Gedächtniß zurückrufen, denn von den veruntreuten 11–12 Millionen Francs bleibt doch ohne Zweifel ein großer Theil an den Händen der Douaniers kleben.
Wie sollte der Gouverneur und wie durfte er handeln, wenn er nicht die ganze Maschine ins Stocken bringen wollte? Den Moyer zur Verantwortung ziehen, hieß nichts anderes als das ganze Personal des Packhofs in Anklage-Zustand versetzen, und was dann? Wo Leute hernehmen zum Betrieb des Packhofs-Geschäfts. Ich zweifle nicht, daß der Gouverneur, dem die ganze Regierung in Cuba obliegt, dem von Madrid aus die strengsten Instructionen zur Abschaffung von Mißbräuchen ertheilt worden sind, nach Lesung jenes Berichts den Nutzen für die Regierung daraus gezogen hat und gewiß sehr bald etwas thun wird. Dies darf ich wohl aus seinem Benehmen folgern. Nachdem er nämlich einen schriftlichen Aufsatz über Vereinfachung und Verbesserung der Douanen von mir verlangt und ich seinen Wunsch erfüllt hatte, fand dieser Aufsatz in seinem Hute Platz, wohin, wie mir gesagt wurde, alle schriftlichen Eingaben kommen, welche seine besondere Aufmerksamkeit rege machen.
Eilf bis zwölf Millionen, sagte der junge Spanier, werden jährlich veruntreut. Sehr viel! Unglaublich! dürfte mancher Leser denken. Wogegen ich behaupte: nicht viel! wenn man hiermit die Diebereien vergleicht, welche sich die dortigen Commissionaire gegen ihre europäischen Handelsverbündeten erlauben. Zur nähern Beleuchtung dieser Behauptung will ich die Mantelstoffe zum Thema nehmen und klar beweisen, wie viel die beiden Commissionaire Moyer und Dakin dabei geschluckt haben.
| Piaster | Realen | |
|
Moyer nimmt von mir eine Summe von wofür er angeblich 2 Procent vom Werth Strafzoll erlegen mußte, weil die darüber sprechende Factura zu spät eintraf.[B] | 50 | 2 |
| Dakin nimmt für dieselbe Waare an Kriegssteuer | 34 | – |
| Für Geschenk an den Douanier wegen Erlassung der Strafe, wie früher erwähnt | 102 | – |
| Für Steuer à 1 Real pro Vara | 138 | 1 |
| Für die Provision | 42 | 1 |
| Für andere Packhofsgebühren (wie billig!) | 19 | 3½ |
| Ich zahlte mithin für eine Parthie Waaren, wofür ich 1241 Piaster ausgezahlt erhielt, wie nebenstehend | 485 | 7½ |
obgleich die Commissionaire gemäß der Bescheinigung des Ober-Tribunals gar nichts bezahlt hatten, und somit floß diese ganze Summe in die Tasche der Commissionaire. Dies beweist mithin meine frühere Behauptung, daß man mit Zurechnung der Spesen von Europa bei Sendungen nach Westindien stets auf 50 Procent Unkosten gefaßt sein muß.
Jetzt bleibt mir noch zu beweisen übrig, wie hoch sich die von Moyer in Rechnung gestellten Zölle belaufen und wie viel er nach der Bescheinigung des Tribunals davon für sich erbeutet hat.
| Piaster | Realen | |
| Was er mir berechnete, beläuft sich auf nicht mehr und nicht weniger, gemäß dessen eigenhändig unterzeichneten Rechnungen | 291 | 3½ |
| Und wie viel hat er nach der Bescheinigung des Tribunals für jene benannte Summe bezahlt? Auch nicht mehr und nicht weniger als | 58 | 4½ |
| Er kürzte mithin die Revenuen der Regierung um | 232 | 8 |
Es ist jetzt noch meine Schuldigkeit, zu beweisen, daß es nicht allein in Havana, nein! daß es, wie ich behauptet habe, in ganz Westindien in dieser Hinsicht nicht besser ist. Zu diesem Endzweck und zur Einsicht für jeden nach der neuen Welt Handelslustigen will ich eine Verkaufs-Rechnung über 450 Stück Kattun nach Mexico über Vera-Cruz im Belauf von 4500 Piaster des wirklichen Verkauf-Preises liefern. Sie ist wie folgt:
¾ Vara breite Kattune.
Nach diesen klaren Aufstellungen werden es die geehrten Leser natürlich finden, daß mein Haß gegen die hiesigen Commissionaire einen guten Grund hatte und nach dieser Erfahrung noch stärker wurde, so daß ich ihnen ohne Rückhalt sagte: „ihr seid Diebe!“ Hierüber wurde ich von Mehreren zur Rede gestellt, besonders aber von einem in Bordeaux geborenen Deutschen, dem Compagnon eines angesehenen Spaniers und einem Schottländer N.. Der Erstere meinte, der Europäische Kaufmann könne nichts dagegen haben, wenn sich die hiesigen beim Zollamte Vortheile zu verschaffen wissen und Jener sei nicht berechtigt, Ansprüche auf einen Theil der ersparten Summe zu machen, weil das hiesige Haus das Risico des Verlustes habe und den Werth der Waaren nöthigenfalls dem Europäer ersetzen müßte. Meine Erwiederung war, daß der Europäer unter den jetzigen Umständen, d. h. wenn Alles glücklich geht, nie mehr als die Hälfte vom Werth seiner Güter zurückerhält, daß er aber, wenn die Waaren fortgenommen würden, ganz gewiß gar nichts erhalten würde.
Der Schottländer N.. meinte, daß ich diese Behauptung in Hinsicht der Deutschen, aber nicht der Engländer hätte aufstellen sollen, weil die Deutschen ohne Ausnahme mehr Neigung für das Metier der Schmuggelei hätten, als irgend eine andere Nation. Er drohte, auf meinen Reisepaß Beschlag zu legen, versicherte mir, daß ich in den ersten 12 Jahren nicht von der Insel fortkommen würde, er habe bereits die Unterschriften mehrerer Kaufleute gesammelt, um ein Gesuch zu diesem Endzweck einzureichen. Ich nannte ihm Mehrere, an die er sich hauptsächlich mit gutem Erfolge wenden könnte und blieb ganz ruhig dabei, da der Gouverneur meine Meinung theilte und auf meiner Seite war. Sehr bald erhielt ich denn auch meinen preußischen Cabinets-Paß aus den Händen des Gouverneurs, von ihm selbst visirt und gratis (er kostet sonst 6–8 Piaster). — Meine Bekanntschaft mit dem Gouverneur war bald stadtkundig geworden; die Deutschen zogen jetzt andere Saiten auf und fingen an, mich mit mehr Artigkeit zu behandeln, woran mir eigentlich wenig gelegen war.
Früher aber hatten sich die Commis in der Restauration belle Europe zurückgezogen, wobei der Wirth natürlich sehr viel verlor, denn alle seine theuren Sächelchen, als da war: saurer Moselwein, welcher von den deutschen Commis als Schloß-Johannisberger getrunken und bezahlt wurde, seine von Frankreich eingegangenen Forellen und grünen Erbsen, welche letztere in Havana nur aufgewärmt wurden und wovon die kleinste Portion, so wie auch von den Forellen 1½ bis 2 Piaster kostete: alle diese schönen Dinge sahen jetzt nach dem Ausbleiben der Deutschen ihrem Untergang entgegen. Mit diesen Erbsen wird nicht selten Jemand angeführt, was auch mir passirte, — ein Vorfall, den ich des Scherzes halber erzählen will.
Als ich nämlich eines Tages in der genannten Restauration zum Mittagsessen kam, fand ich keinen Platz und war schon im Begriff, fortzugehen, als mich ein Commis einer meiner Commissionaire zum Bleiben aufforderte; sie rückten zusammen und ich setzte mich. Er beorderte eben grüne Erbsen als Gemüse für sich und fragte mich, ob er auch für mich dieses vortreffliche Gericht bestellen solle. Ich ersuchte ihn darum, in der Meinung, daß es eingeborene Havaneser wären, da die gewöhnlichen Gemüse hier stets auf den Märkten angetroffen werden. Wie erstaunte ich, als mir die Rechnung gereicht wurde und ich diese in Frankreich vor vielleicht vier Jahren zubereiteten Erbsen mit 1½ Piaster aufgeführt fand. Anfänglich glaubte ich, daß die jungen Leute, die sich, wie alle Deutsche, wegen meiner eingezogenen ökonomischen Lebensweise moquirten, den Aufwärter zu einem Scherz bewogen hätten. „Nein, nein!“ fiel einer der Leckermäuler ein, als ich dies äußerte, „kein Scherz! diese in Frankreich zubereitete Délices kostet so viel, und wir finden es so billig, daß wir sie jeden Abend als Souper genießen“ — wobei er einen langen Sermon über die chemische Processe beim Einkochen u. s. w. anknüpfte. Ich erwiederte ihm kurz, daß Commis, deren Herren 25,000 Cigarren für 2000 Thlr. an Zahlungsstatt geben, freilich 1½ Piaster für drei Löffel voll grüner Erbsen auszugeben im Stande seien, ein ehrlichdenkender Deutscher aber könne dies nicht. Er erwiederte, diese Behauptung sollte ich auf der Gerichtsstube verantworten; ich aber bezahlte 1½ Piaster für ein aufgewärmtes Gemüse, welches ich frisch für ein Real hätte genießen können und ging weg.
Auf solche Weise werfen die Deutschen mit dem Gelde um sich, was wir europäische Deutsche verlieren, weshalb man mit Recht sagen kann: hier ist des Deutschen Feind der Deutsche. Sie sind in keiner Hinsicht mit andern Nationen, am wenigsten aber mit den dortigen Franzosen zu vergleichen, welche ihre Landsleute ohne Ausnahme mit Herzlichkeit empfangen, bei jeder Gelegenheit ihnen thätig zur Hand gehen und die bedrängten unterstützen. Man hat Beispiele, daß Franzosen, welche sich auf Waarenspekulationen nach Westindien eingelassen hatten und dadurch fast ruinirt wurden, sich durch Hülfe ihrer dort etablirten Landsleute wieder erholten, indem diese Artikel von ihnen kauften, wobei sie bedeutend verloren, um jene aus der Noth zu befreien, oder um ihnen zur Rückkehr nach dem Vaterlande behülflich zu sein. In Legionen sieht man die Franzosen in Westindien herumziehen, die Alle in der Absicht hinkommen, ihr Glück zu machen. Niemand will dort weniger als 40,000 Piaster ärndten.
Welch ein Contrast bildet dies Benehmen mit dem der Deutschen daselbst; da ist nichts von Herzlichkeit und Patriotismus zu finden; Geld! ist das Losungswort und die Parole bei ihren Manövern und bei allem ihrem Thun und Treiben. Deshalb werden denn auch alle Artikel, in welchen die deutschen Fabrikanten Meister sind, den dort umherschwärmenden englischen Reisenden zum Copiren gegeben. „Mischen Sie die Waare mit Baumwolle,“ sprechen sie, „machen Sie dieselbe schmäler, auch allenfalls von kürzerem Maaße, nur copiren Sie treu die Appretur und das Zeichen; für das Uebrige werden wir sorgen.“ Der Reisende kennt seine Pappenheimer; er weiß, daß die Commissionaire in Havana weniger Kenntnisse im Waarenfache besitzen, als die Leipziger oder Berliner Dienstmädchen, und versichert ihnen daher, wenn sein Prinzipal die bestellte Quantität doppelt schickt, diese Parthie sei das Non plus Ultra! „Sehen Sie,“ sagt er, „Alles dieses hier, was Sie in dem Zeuge sehen, ist von leinenem Garn gemacht“ und der Commissionair — was kann er auch bei seiner Unwissenheit anders thun? — schenkt ihm Glauben. Das Höchste, was er noch thut, ist, daß er seine Legion bepantoffelter Commis und cigarrenrauchender Portiers, Neger und Trabanten herbeiruft, damit sie sich von der Vortrefflichkeit der englischen Copieen überzeugen und den herrlichen Einfall ihres Herrn und Meisters bewundern. Indeß, was ist der Erfolg? Die Havaneser kaufen diese Creasse, Platillien etc., die aus einem durch Maschinen zerstampften Flachse, mit Baumwolle vermischt, verfertigt sind, natürlicher Weise zu einem viel geringern Preise, als die deutschen Waaren derselben Art verkauft werden können, und die letztern bleiben liegen. Erst im Gebrauch bemerkt der Käufer, daß er hintergangen worden ist, indem die gepriesenen wohlfeilen englischen Stoffe über alles Erwarten rasch zerrissen sind. Unterdeß haben die Commissionaire ihren Endzweck erreicht: sie haben eine doppelte Quantität Waaren in Commission erhalten, sie verdienen die doppelte Summe von Provision und können demzufolge doppelte Portionen von den in Frankreich präparirten grünen Erbsen und von den theuern Forellen u. s. w. essen.
Einst hatte ich Gelegenheit, einem Commissionair, und zwar einem sehr erprobten, zu widerlegen, da er sich wegen der Nachlässigkeit der deutschen Fabrikanten beschwerte, welche, wie er meinte, nicht mit der Zeit fortgingen und von Engländern sich vordrängen ließen; ich bewies ihm, daß alle deutschen Leinen den englischen vorzuziehen seien, weil der von der Natur im Flachs erzeugte Faden nicht zerstampft, sondern unversehrt in den Stoff eingewebt wird u. s. w.
Wenn ich den geneigten Leser mit der weitläuftigen Erzählung meiner eigenen Angelegenheiten so lange hingehalten und vielleicht ermüdet habe, so bitte ich um Verzeihung und glaube, einige Ansprüche auf dieselbe zu haben. Da Behauptungen Beweise erfordern und diese nur dann als triftig gelten können, wenn sie sich auf bestimmte Erfahrungen stützen, so mußte ich diese ausführlich mittheilen. Es wird mich nicht gereuen, dieselben auf meine Unkosten theuer erworben und bezahlt zu haben, wenn die Saat, die ich hier zum Nutzen des europäischen Handels ausstreue, auch wirklich aufgeht und Früchte trägt. Zum Beschluß will ich, ehe ich zu Gegenständen anderer Art übergehe, Einiges über Meta-Geschäfte von dort auf Europa anführen, ein Gegenstand, der besondere Berücksichtigung verdient.
Meta-Geschäfte nenne ich solche, bei welchen gewöhnlich drei Unternehmer interessirt sind, nämlich: ein Schiffseigenthümer, ein hamburger, bremer etc. Kaufmann, und endlich ein havanesischer Commissionair. Diese contrahirenden Personen verbinden sich mit der Ueberzeugung, daß Einer über den Andern so viel Vortheile als möglich erringen wird. Der Schiffseigenthümer liegt in Havana und kann für sein Schiff nur Fracht à 2 L. Sterl. pro Tonne finden, und doch möchte er 3 L. Sterl. 10 Sh. bis 3 L. Sterl. 15 Sh. bedingen. Wie wäre es, spricht er jetzt, wenn ich mein Schiff mit Caffee oder Zucker für den letztern Frachtpreis belüde? Ein Commissionair findet sich hierzu bereit, wenn der Rheder den dritten Theil der Ladung für seine Rechnung auf Gewinn oder Verlust übernehmen will, was dieser annimmt. — Der Commissionair schafft die Quantität zum Beladen an und findet vielleicht unterdessen Einige, die zu dieser enorm hohen Fracht beiladen, wodurch denn natürlich schon ein Gewinn für die drei Interessenten entsteht. Für den Commissionair, der unter der Firma Spanische Regierung Europäer et Comp. dieses Geschäft entrirt, muß unbedingt ein gewisser Gewinn bei solchen Geschäften erzeugt werden, denn er hat Provision für den Einkauf, den Rabatt, welchen die mit Maulthieren zum Anfahren der Güter beschäftigten Fuhrleute ihm erlauben (indem er nämlich das Fuhrlohn ganz in Rechnung stellt); er hat ferner die Sporteln, welche er sich beim Ausgangs-Zoll zu verschaffen weiß, so wie auch die Provision und anderen Sporteln auf die Waaren, die er für die europäischen verkauften Waaren, welche durch den Antheil dieser Ladung bezahlt werden, sich zu machen verstand, und endlich die Provision auf die Waaren, welche nach dem Verkauf des Zuckers an Zahlungsstatt nach Havana befördert werden. Der Europäer hingegen entschädigt sich durch Provisionen für die eingegangenen Colonial- und ausgehenden Manufactur-Waaren. Somit muß sich Einer auf Unkosten des Andern zufriedenstellen. Gern möchte ich einmal die Abrechnung von einem solchen Geschäft sehen, um die Erfahrung zu machen, wie viel den deutschen Fabrikanten von ihrem Capital, welches sie den Bremern oder Hamburgern in Waaren gegen Vorschuß zum Versenden nach Havana übergeben haben, übrig bleibt!
Manche sind der irrigen Meinung, Waaren von Westindien seien Retouren, und deshalb müsse man daran verlieren. Wenn es jeder Europäer dem westindischen Commissionair zur Pflicht machte, keine anderen Retouren als Wechsel auf London oder Paris zu überschicken, so würden keine Colonial-Waaren zu einem so niedrigen Preise herabsinken, als man täglich erfährt. Tauschhandel findet in ganz Westindien nicht statt; es können demzufolge keine anderen Retouren als baares Geld existiren. Colonial-Waaren müssen stets für baares Geld eingekauft werden und selbst, wenn sie Jemand mit Salomonischer Weisheit einkaufte, so müßte er, glaube ich, daran verlieren: ich habe in diesem Punkte eine Erfahrung an einer Parthie Caffee gemacht, auf welche ich in Havana verdienen konnte, in Europa hingegen verlieren soll.
Die Nordamerikaner sind, meiner Ueberzeugung nach, die einzigen, welche Geschäfte von Westindien nach ihren Staaten mit Nutzen betreiben können, weil beide so nahe Nachbarn sind und jene häufig ihre Einkäufe mit einem hübschen Gewinn realisirt haben, während ähnliche, zu derselben Zeit auf Europa unternommene Spekulationen noch erst am Anfange stehen und die Schiffs-Capitaine dorthin noch kaum zur Hälfte mit dem Einladen fertig sind.
Sieht man hierselbst die Anzahl von Geschäftsleuten, insbesondere von Einkäufern aus den V. S., die tagtäglich in Massen ankommen, so muß es jedem Unbefangenen bald klar werden, daß die Preise von allen hiesigen Erzeugnissen sehr hoch sein müssen, und auf Europa nicht Rechnung geben können. Der amerikanische Einkäufer bedient sich wohlweislich der amerikanischen oder spanischen Commissionaire, mit denen er jedoch vor dem Abschluß hinsichtlich der Provision eine Uebereinkunft trifft und sehr selten mehr als 1¼ Procent accordirt. Fragt man den Deutschen, warum er nicht auch so billig arbeite, so erhält man zur Antwort: „weil wir nicht, den Creolen gleich, Hülsenfrüchte essen und Catalonische Weine trinken wollen.“ Der Verkehr mit den V. S. ist in Havana so bedeutend, daß jede Woche aus jedem Hafen derselben ein bis zwei, ein- und eben so viele von Havana auslaufen.
Für Havana allein brachten diese Schiffe im abgewichenen Jahre 125–130,000 Fässer Mehl, d. h. so viele erlegten den Zoll; man kann eine bedeutende Anzahl geschmuggelter hinzunehmen; die Einfuhr auf Matanzes und St. Jago ist mir unbekannt. Dessenungeachtet fehlte es einmal während meiner Anwesenheit in Havana wegen der widrigen Winde, welche die Schiffe am Einlaufen verhinderten, dermaßen an Mehl, daß keiner von den Bäckern mehrere Tage hindurch Brod zum Verkauf hatte und man zu den Schiffs-Zwiebacken seine Zuflucht nehmen mußte. Ein Schiff, welches in dieser bedrängten Zeit einlief, machte einen Preis von 32 Piaster pro Faß, der sich jedoch nur einige Tage behauptete, denn unmittelbar darauf kam so vieles Mehl an, daß die Preise in wenigen Tagen von 32 Piaster auf 18 herabsanken. Rindfleisch wird auf Cuba nur von Montevideo, in Friedenszeiten aber auch von Buenos-Ayres eingeführt; es langen etwa 100 Ladungen an. Es wird dort gesalzen und in der Sonne getrocknet, riecht nicht angenehm und ist nicht allein für den Neger bestimmt, sondern auch für den Ausländer; ist mir selbst doch sehr oft in den Restaurationen ein daraus zubereitetes Steak gereicht worden, allein mir kam es stets ungenießbar vor.
Bei dieser Gelegenheit will ich dem geneigten Leser zur Uebersicht eine kleine Tabelle von den wichtigsten, aus den V. S. in Havana eingeführten Lebensmitteln vorlegen; merkwürdig ist hierbei die Quantität flüssiger Fettwaaren.
| 389796 | Arrobas | Reis, | die Arroba à | 25 | Pfund | 9,744900 |
| 12498 | – | Butter | – | 25 | – | ,312450 |
| 261097 | – | Schweineschmalz oder | 6,527425 | |||
| 101842 | Pfund | Oel in Fässern | ,101842 | |||
| 248392 | Flaschen dito à 2 Pfund | ,496784 | ||||
Diese Quantitäten sind es, die den gesetzlichen Zoll erlegt haben; außerdem kommt noch in Betracht die Quantität Butter, welche Capitaine für ihre eigene Rechnung mitbringen, womit sie den Zoll zu umgehen wissen, so wie auch die Quantität Rindsfett von den auf Cuba geschlachteten Thieren, welche den Fettwaaren angereiht zu werden verdienen.
Geht schon aus diesem kleinen Verzeichniß die Wichtigkeit Cubas für die V. S. hervor, so stellt sich dieselbe doch noch mehr heraus, wenn man auch folgende Artikel hinzurechnet, die auf Cuba, wegen Mangel an Menschen nicht verfertigt werden, nämlich: das Holz, aus welchem die 750,000 Kisten zum Verpacken des auf Cuba erzeugten Zuckers gemacht werden, wofür der Producent dieses Artikels 3½ Piaster für jede vom Käufer wieder erhält; ferner die Masse Schweinefleisch, Lichter, Aepfel-Champagner, Knoblauch und Zwiebeln, von welchen ganze Ladungen anlangen; Stühle, Bänke, Tische, kurz Alles, was in den Häusern nöthig ist. Für alles dieses fließen den Amerikanern von Cuba ungeheure Summen zu, welche jedoch sehr oft nicht zureichen, den Belauf der von den Amerikanern aus Cuba bezogenen Artikel, als: Tabacke, Cigarren, Caffee, Melasse, Branntweine, Zucker, Früchte etc. zu decken. Es giebt sehr oft in Havana so viele Wechsel auf alle Handelsplätze in den V. S., daß den Käufern oder Abnehmern freiwillig eine Prämie von 3, zuweilen gar 4½ Procent angeboten wird. Bei diesen Umständen und bei solchen Gelegenheiten könnten die deutschen Commissionaire freilich sehr zum Nutzen ihrer Freunde in Europa agiren, wenn sie nämlich statt Colonial-Waaren Wechsel auf New-York für dieselben kaufen wollten und von dort auf London Wechsel anschaffen ließen. Allein dies geschieht nie; jeder deutsche Commissionair, welchem Credit in London zu Gebote steht, schickt seinem europäischen Freunde seine von ihm selbst auf London gezogenen Wechsel als Rimessen und berechnet die in Havana statt findende Prämie, welche gewöhnlich mehrere Procente höher, wie die in New-York ist. Es ist demnach mit Gewißheit anzunehmen, daß der deutsche Commissionair in Havana neben den 2½ Procent, welche er für die Anschaffung von Rimessen dem Europäer in Rechnung stellt, durch jene Operation noch 3–4 Procent verdient.
Ueber die
Feste und Vergnügungen
der
Havaneser.
„Heute nimmt der Carneval seinen Anfang!“ sagte meine Wirthin, als ich eines Morgens aus meiner Arche in ihr Zimmer trat, um mich zu einem Spaziergange an der Seeküste wegzubegeben; „heute,“ fuhr sie fort, indem sie eben Caffee schlürfte,[C] „müssen Sie sich einmal ganz dem Vergnügen hingeben, denn bis jetzt haben Sie wenig oder gar nicht gelebt.“ Während dessen vernimmt sie das Ausschreien von Lotterie-Loosen durch einen hausirenden Collecteur. Wie der Blitz war sie zur Hausthür hin, welche zugleich die Thüre ihres Visiten-Zimmers ausmachte, mit der einen Hand dieselbe öffnend, mit der andern die Tasse Caffee haltend, „vielleicht — ja“ aussprechend, um ihr Schärflein zu diesen Regierungs-Revenuen beizusteuern. Die Nummern der Loose wurden sorgfältig durchgesehen und gemustert und ein Viertel-Loos in Gemeinschaft mit einem zufällig anwesenden jungen Franzosen gekauft. Von derselben Nummer hatte der Collecteur noch ein anderes Viertel, welches zu nehmen sie mich persuadiren wollte; da ich indessen diese Lotterie, wegen der unverhältnißmäßigen Anzahl der Nieten zu den Gewinnen haßte, so schlug ich es ab. Zufällig kaufte es der zum Frühstück nach Hause gehende Sohn meiner Wirthin und sonderbar genug, daß dieselbe Nummer in wenigen Tagen die höchste Prämie von 25,000 Piaster erhielt. Es wäre freilich ein erfreuender Carneval für meine Finanzen gewesen, sagte ich, als mir die Liste und das Loos beim Frühstück gezeigt wurde, allein sein Sie überzeugt, daß, wäre ich Inhaber dieses Looses gewesen, Sie nichts gewonnen hätten, weil Fortuna die einzige im Frauengeschlecht ist, welche mir, da mein eiserner Fleiß ihren Gnadenbezeugungen stets getrotzt hat, stets entgegen trat und mich zum Hasser des schönen Geschlechts hätte machen können, wenn ich es nicht wegen der so vielen guten Eigenschaften so tief verehrte. Und dennoch ein Hagestolz? fragt vielleicht eine geehrte Leserin. Ja, meine Schöne, würde ich antworten, Hagestolz und zwar aus dem Grunde, weil ich täglich neue Bekanntschaften unter Ihrem Geschlecht und täglich bessere Eigenschaften zu entdecken Glück und Gelegenheit hatte, so daß ich die vollkommenste Frau aufzufinden mich entschloß und bei diesem Suchen ergraut bin, wodurch mir denn nur Ansprüche auf Ihren Geist, aber keine auf Ihre Herzen übrig geblieben sind.
Als ich beim Fortgehen vom Hause über die Worte der Wirthin reflektirte, daß ich mich dem Vergnügen hingeben müsse, dachte ich bei mir selbst: worin kann und soll denn ein Mann in deinem Alter Vergnügen finden? Sollst du noch mehr thun, als anständig leben und dich kleiden? was allein schon in Havana Einem schwer wird. — Aber es ist ja Carneval, dachte ich; du mußt also versuchen, auf die in diesem Lande übliche Weise das Geld todtzuschlagen.
Zuerst also beschloß ich, von meiner Gewohnheit abzuweichen und ein großes Frühstück einzunehmen. Du mußt deinem Gaumen den Carneval durch Austern kund thun, dachte ich und ging demzufolge nach einem mit Zugwinde versehenen Lokale. Durch die Dienstfertigkeit der cigarrenrauchenden Marqueurs stand bald eine Portion Austern auf meinem Tisch, an welchem sich mehrere junge Herren in derselben Absicht befanden. Ich beguckte diese so wie die mir vorgesetzten Austern und, sonderbar genug! es erging mir mit den Austern nicht besser, wie mit den Herren; eben so wenig als ich wegen der großen Backenbärte die Gesichter der letztern zu beurtheilen im Stande war, eben so wenig wollte es mir gelingen, die wirklichen Austern aus dem Bart und aus den Schalen herauszufinden. — Ich bezahlte ¾ Piaster für dieses frugale große en miniature aufgetragene Frühstück und dies war gut — für? — den Wirth.
Durch den vermeinten Austernschmaus war mein Appetit rege geworden, allein er verging mir bald wieder, als ich mich gegen Mittag der belle Europe näherte, als ich im Entree die verschiedenen Gerüche von Lampenöl, Knoblauch u. s. w., womit die Speisen zubereitet worden, einathmete, als ich das Reinigen der Messer und Gabeln von Seiten eines Negers sah. Der Oberkellner war damit beschäftigt, aus den Neigen der in verschiedenen Flaschen vom Abend zuvor übrig gebliebenen Weine, durch Zusammenschütten volle Flaschen zu erzeugen. In Havana nämlich ist es gebräuchlich, daß vor jedem der Couverte eine volle Flasche, d. h. ¾ Flasche steht; es wird jedoch nur so viel dafür bezahlt als daraus getrunken ist und mit den Neigen wird dann der erwähnte Prozeß vorgenommen, denn von ihnen gilt das, was in Wallensteins Lager der Rekrut mit zerrissenen Kleidern spricht:
Stellt mich morgen in Reih’ und Glied dar,
Wer sieht mir’s an, was ich gestern war!
Ich nun bekam auch ein solches Mixtum-Compositum von Catalonischen und Französischen Weinen, ein Steak aus dem Fleisch von Montevideo und gesäuertes,[D] mit Schweineschmalz gebackenes Brod und eine Flasche des allerbesten, vor vielleicht vier Wochen eingesammelten Regenwassers, unfiltrirt: wofür ich etwa 1 Thlr. bezahlte; wieder gut für die belle Europe, von deren Schönheit ich kein Anbeter war.
Nach dem Mittagsessen entschloß ich mich, einen Spanier, der mich zum Caffee eingeladen hatte, aufzusuchen, welches hier, da es keine Wohnungs-Anzeiger giebt, die Namen der Hausbesitzer auch nicht an den Thüren gefunden werden, eine sehr schwierige Aufgabe ist; die Kaufleute haben sogar keine Firma; die Läden haben wie in den deutschen Badeörtern ihre eigene Benennung als: der Hirsch, die blaue Kuh, Columbus etc. Erst nach langem Suchen fand ich meinen Spanier, der mich mit seinen beiden funfzehn- und eilfjährigen Töchtern, die mit ihren brennenden Cigaro’s da saßen, erwarteten. — Als der Caffee servirt wurde, fand ich in den kleinen Unterschalen zu meinem Erstaunen statt der Theelöffel sehr große und schwere Suppenlöffel die mich einigermaßen genirten. Indeß sah ich denn doch, daß die Suppenlöffel, die hier in großen Vorräthen bei den Silberschmieden aufgehäuft liegen, eine Bestimmung haben, denn die Suppen sind in Havana so kompakt, daß sie mit dem Messer verzehrt werden können. — Es wurde viel Caffee getrunken und eben so viel von allen Seiten Cigarren geraucht, wobei ich mich an der Virtuosität der jungen höchst liebenswürdigen Spanierinnen ergötzte, während ich mich, wie jene, in einem von den Schaukelstühlen wiegte. — So wurde der erste Carnevalstag auf eine comfortable Weise todtgeschlagen, bis ich um neun Uhr in meine Arche zurückkehrte.
Um dem Willen meiner Wirthin nach Vermögen nachzukommen, wandte ich am andern Morgen zunächst meine Aufmerksamkeit einem bessern Essen zu, was doch auch mit zu einer vergnüglichen Existenz gehört. Was wir Europäer unter: Gut essen verstehen, das konnte, wie ich aus meinen bisherigen Erfahrungen wußte, nicht gut in Havana möglich gemacht werden. Durften doch selbst bei meinem Commissionair, dem Fleisch-Inhaber, unter den vielen Schüsseln die besten nicht angetastet werden, weil sie für seine außer dem Hause wohnende Maitresse bestimmt waren; den Gästen wurden sie nur gezeigt und dann fortgetragen, wobei es sich glücklich ereignete, daß keine neugierigen Eva’s-Töchter zugegen waren. Ich indeß wünschte nur einen Tisch zu finden, auf welchen genießbare Speisen aufgetragen würden und berieth mich deshalb mit einem Franzosen. Dieser wies mir das Haus einer Französin an, woselbst ich für 30 Piaster pro Monat recht gut und zugleich in angenehmer Gesellschaft diniren und frühstücken könnte.
Ich begab mich nach diesem Hause. Eine der Hauptzierden des Tisches war ein Bocksbraten, incognito, unter dem Namen Mouton in Knoblauchs-Uniform, um nicht verrathen zu werden. Das Dessert bestand aus vielen Kuchenarten und eingemachten Früchten; aus den erstern blies Jeder, bevor er sie genoß, die Ameisen und andere artige Insekten;[E] die Gesellschaft war angenehm, die Dienerschaft zeigte viel Gehorsam und besondere Aufmerksamkeit für die Gäste; man hatte sogar für einige Knaben und Mädchen gesorgt, die, da es gerade sehr heiß war, durch Eventails die Hitze der Mitspeisenden weniger fühlbar zu machen suchten; nur hätte man auch auf reinliche Wäsche und Kleider derselben sehen sollen. Am folgenden Morgen sollte ich erklären, ob ich, wie mein Freund, für die Dauer Abonnent sein wollte. Ich wollte jedoch zuvor zu einer ähnlichen Maßregel schreiten, als wenn ich mit Hauderern reisen wollte; wie ich dann zuerst die Pferde und Wagen mir besah, so wollte ich jetzt die Küche etwas ansehen.
Ueber dieselbe etwas Näheres zu berichten, würde überflüssig sein, wenn die Leser mit der chirurgischen Operation bekannt geworden sind, die ich hier wahrnahm. Ich fand nämlich eine Negerköchin in einer solchen begriffen, indem sie einen etwa dreijährigen Knaben von einer hartnäckigen Obstruction befreien wollte. Da sie jedoch während dieses wichtigen Geschäftes durch das Ueberkochen eines Fricassés zur Kastrolle abgerufen wurde, so legte sie rasch das chirurgische Instrument nieder und lief ohne Weiteres zur Kastrolle, um dort die nöthigen Operationen vorzunehmen. Nachdem ich diese saubere Carnevals-Scene gesehen, beschloß ich sofort, eine für mich befriedigendere Carnevals-Speise aufzusuchen und dies gelang mir denn auch bald in einem Gasthof ohne Zeichen, dessen Wirthin, Madame Henry, eine gefällige Amerikanerin ist. Sie giebt für einen Piaster ein gutes Mittagessen und ausnahmsweise auch von dem für sich ohne Sauerteig und Schweinefett gebackenen Brode. Der Wein nur hatte hier, wie überall in der neuen Welt, chemische Processe zu ertragen gehabt. Hinsichtlich der Küchen-Revisionen dachte ich aber jetzt, wie Gellert in seinen Briefen von den Landkutschen: „Einmal in der Landkutsche gefahren und nie wieder.“
Nachdem ich meinen Magen so ziemlich versorgt wußte, fing ich an, Nahrungsstoffe für den Geist aufzusuchen. Das Erste für die Havaneser in dieser Beziehung ist das Stiergefecht. Das Lokal zum Martern dieser Thiere befindet sich auf der andern Seite des Flusses in einem kleinen Orte, Redler genannt, dessen wohlhabende Bewohner viele Geschäfte mit Wachs und Honig treiben. Um dieses schauderhafte Vergnügen zu genießen, bezahlt man 6 Realen (etwas mehr als 1 Rthlr). Es befanden sich an jenem Tage gegen 2–3000 Zuschauer im Circus, der in Betreff der Baukunst nichts Angenehmes darbietet. Die Stiere befinden sich in den Händen des Gouverneurs, weshalb das Schauspiel erst nach dessen oder seines Deputirten Ankunft seinen Anfang nimmt. Sobald diese hohe Person erschienen ist, tritt der Direktor in alt-spanischem Costüme unter die Loge, aus welcher ihm die Schlüssel des Ankleide-Zimmers der stierkämpfenden Schauspieler herabgeworfen werden; er nimmt dieselben mit einer tiefen Verneigung in Empfang und öffnet sogleich die Thür, um eine der Bestien herauszutreiben. Muthig zeigt sich nun der erste dem in Leinen gekleideten Publikum, (denn unter allen Anwesenden waren nicht 100 in Tuchröcken); dort stehen die Marterer mit den Spießen, die sie den Thieren in die Ohren werfen müssen, damit sie wüthend werden. Im Uebrigen ist die dabei statthabende Musik, welche durch eine ungeheure Trommel, mehrere Posaunen, Trompeten und Becken hervorgebracht und durch Neger geleitet wird, ganz geeignet, die Ochsen zur Wuth zu reizen.
Wird der agirende Ochs nicht in den ersten fünf Minuten rasend, so zischt ein großer Theil des Publikums und drückt sogar sein Mißfallen durch Worte aus, um die hetzenden Diener, welche zu Pferde oder auch zu Fuße mit Spießen, couleurten Fahnen, Tüchern etc. umher rennen, anzutreiben. Diese aber haben ihre Schlupfwinkel und werden oft, wenn sie in dieselben nicht rasch genug zu retiriren wissen, getödtet. Das Pferd eines dieser reitenden Diener wurde an diesem Tage so zugerichtet, daß die Eingeweide desselben wohl ¼ Elle lang heraustraten und es sogleich niederfiel. Die Thiere werden bis zum Niederstürzen gemartert; fallen sie, so tritt ein privilegirter Henkersknecht mit einem langen Spieß heran und beendet das große Werk. Als dies geschehen war, erschien ein Postzug von drei Pferden (in die Länge gespannt) und der getödtete Stier wurde in vollem Trabe, unter Jubelgeschrei und Beifallsklatschen der Anwesenden hinausgezogen. Und sofort wird ein anderes Thier hinausgetrieben, um das Schicksal des erstern zu haben. — Die allermuthigsten werden gewöhnlich erst am Ende auf den Kampfplatz gebracht. Der letzte war auch der glücklichste von allen; trotz aller Mühe, welche man sich gab, ihn zum Stürzen zu bringen, bestand er jede Probe, ja selbst die Feuerprobe; er wurde nämlich in eine mit Feuerwerk gefüllte weibliche Figur hineingetrieben und entkam der Gefahr, und unter Klatschen und Beifallrufen kehrte er in seinen Stall zurück.
Nicht weit von Redler liegt ein kleiner Flecken, wo ein bedeutendes Geschäft mit Melassen, einem Syrup, den man nicht wie in Europa beim Raffiniren, sondern aus dem rohen Zucker gewinnt, getrieben wird. Ueber die Art und Weise, wie das Produkt erzeugt wird, will ich nichts anführen, indem ich voraussetze, daß Herr von Humboldt und andere Gelehrte in ihren Abhandlungen über den Zuckerbau hierüber das Wissenswertheste gesagt haben. Ich langte gerade in jenem Flecken an, als der Inhalt eines Fasses, nach Freiheit strebend, den Boden des Fasses zum Nachgeben gezwungen hatte und frei herauslief. Zwei Neger waren sogleich bei der Hand, die Melasse zu sclavischem Gehorsam zurückzuführen und beschäftigten sich damit, diesen flüssigen Stoff mit ihren schwarzen Händen (weshalb es für das Urtheil des Profanen ungewiß blieb, ob sie schmutzig waren oder nicht) vom Boden aufzuschöpfen und einzugießen. Welch ein erfreuender Anblick, dachte ich, müßte diese Operation für einen Nord-Amerikaner sein, welche beim Caffee oder Thee zum Frühstück einen Pfannkuchen, in solchem Syrup getränkt, zu genießen pflegen.
Von den Prozessionen, die ich hier gesehen, verdient zunächst die am Carneval übliche angeführt zu werden, weil schon die Tendenz derselben sehr lobenswerth ist, nämlich den Kranken und Schwachen, welche an den Carnevals-Freuden Theil zu nehmen verhindert sind, Kunde davon zu geben. Jeder Conditor und Bäcker nämlich hat Brod- und Kuchen-Arten für den Zustand des Kranken, aber auch der Gesunden zubereitet, welche aus ihren Wohnungen der vorüberziehenden Prozession auf großen Präsentir-Tellern gereicht werden und Träger finden sich bald bereit, um sich ihren Magen und den Hospitälern nützlich zu erzeigen. Auch wird von den Spanierinnen Charpie in großen Quantitäten auf eben solchen großen Präsentir-Tellern den bereitwilligen Trägern übergeben.
An demselben Tage bemerkte ich auch das Leichenbegängniß eines Staatsdieners; ganz in prozessionsartigem Zuschnitte lag die Leiche im offenen Sarge in vollem Ornate, mit den dieser Person gewordenen Ehrenzeichen. Eine schlechte Anordnung in solchem heißen Lande! Gern hätte ich auch den Leichenzug eines Havanesischen Kaiser Napoleon mit beigewohnt, ein Kirchendiener nämlich, der wegen der täuschenden Aehnlichkeit mit diesem großen Manne, sich eben so zu kleiden pflegte, wie dieser. In jüngern Jahren soll er auch nach Europa gereist sein, um die feinen Nuancen im Benehmen des Kaisers beobachten und copiren zu können. Ich wurde aber durch Geschäfte abgehalten, der Beerdigung desselben beizuwohnen und kann deshalb darüber nichts Näheres berichten.
Mit großen Lettern prangte heute auf den Theater-Zetteln, die im allergrößten Formate an allen Straßenecken angeklebt waren, Rossini’s beliebte Oper: der Barbier von Sevilla, im Opernhause, nur von italienischen Künstlern ersten Ranges dargestellt, und präcise um sechs Uhr befand ich mich zum ersten Male auf dem Wege nach dem Opernhause. Da aber der liebe Gott die Tabacks-Produzenten unterdessen mit einem lang erflehten Regen erfreut hatte, so war diese Reise nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten auszuführen, indem selbst die Volanten nur mit Mühe durch den Lehm sich durcharbeiteten. Als ich endlich unversehrt anlangte, zeigte mir das Gedränge an der Kasse bald die Unmöglichkeit, eine Einlaßkarte lösen zu können, und schon war ich im Begriff fortzugehen, als mir Jemand eine anbot zu sechs Realen (1 Thlr.). Mein Erstaunen war nicht gering, als ich erfuhr, daß diese sechs Realen bloß für die Erlaubniß ins Haus zu treten bezahlt seien, daß ich, wenn ich einen Sitz haben wolle, noch 1½ Piaster hinzuzulegen hätte, weil jeder einzelne Platz für 51 Piaster auf 24 Vorstellungen abonnirt sei. Da die Logenthüren stets offen bleiben, fiel ein in kurzer Entfernung stehender Deutscher ein, würden Sie wohl daran thun, sich an einer von den Logenthüren aufzuhalten, wenn Ihnen das Stehen nicht zu lästig ist. Diesen Rath befolgte ich und er fand sich auch als der erste vernünftige, der mir während meines Hierseins von einem Deutschen ertheilt wurde.
Die Logen-Abonnenten langten successive an; an jeder Loge befand sich ein gallonirter Neger als Begleiter und Beschützer der Frauen. Dieses letztern Ausdruckes darf ich mich eigentlich nicht bedienen, weil alle Damen ohne Kopfbedeckung erschienen und ich mithin nicht wissen konnte, welche von ihnen unter die Haube gekommen war. Die Sänger waren größtentheils Invaliden, wenn ich sie mit denen der großen Londoner und Berliner Oper vergleiche. Es war kein Rosinchen von französischem oder italienischem Weinstock, nein! es war eine derbe von Malagaschen Trauben erzeugte Rosine, welche dessenungeachtet derb gefiel; ein Nasen-Tenorist; ein mit hölzernem Spiel und ditto Stimme begabter Figaro und alle übrigen Mitwirkenden ließen ihre Arme und Beine für die Hauptsache sorgen. Die Chöre bemühten sich, einen Galamathias zu schreien; der Musik-Direktor, ein Holtér von Geburt, klopfte derb auf und machte es „holter“ recht. Das Orchester war brav, indem es aus Musikern der dortigen Regimenter zusammengesetzt war.
Der Vorstellung und besonders des Stehens überdrüssig, sehnte ich mich jetzt nach einem Sitz, wobei ich gestehen muß, daß, wäre ich vielleicht 20 Jahre jünger gewesen, ich mich wegen der beiden höchst liebenswürdigen Spanierinnen, hinter deren Sitz ich stand, zum ewigen Stehen (NB. diesen Theater-Abend) würde bereit gefunden haben. Ich bemerkte bald, daß der Inhaber des Erfrischungs-Saales vor dem in demselben angebrachten Fenster mit Gittern stand und seinen Cigarr schmauchte; von dort aus aber konnte man durch eine offen stehende Logenthür die Bühne übersehen und jeden Ton deutlich vernehmen. Rasch ließ ich meine schönen Spanierinnen im Stich, eilte nach diesem Saal und bestellte ein Glas Aqua de Panaly[F] und schaute und hörte bis zu Ende des ersten Aktes. Jetzt aber füllte der Saal sich so übermäßig mit Cigarrenrauchern, daß ich mich zum Abzuge entschloß. Ich machte jetzt die Ronde hinter den Logen und stieß jede zwei Schritte auf einen mit blankem Seitengewehr in der Hand postirten Militair. Ich hörte, daß die Mannschaft, die hier den Dienst verrichtet, sich auf eine complette Compagnie belaufe und alle Gewehre scharf geladen seien. Es geschieht dies wegen der Masse von Negern, die hier beisammen sind. Im Parquet bemerkte ich jetzt Niemand, denn Damen gehen nicht hinein und die Herren rauchten alle einen Cigarr im Caffeehause; ich machte während der Pausen eine Promenade auf das italienische Dach. Die mondhelle Nacht bot mir etwas dar, was jeden mit Gefühl für Natur und Kunst begabten Europäer überraschen mußte. Ich war tief ergriffen, als ich auf die im Strome vor Anker liegenden Schiffe (in allen Größen, ja sogar Kriegsschiffe) herabsah und auf der ans Opernhaus angränzenden Promenade die spazierlustige Welt, um sich von der Tageshitze zu erholen, mit brennenden Cigarren umherwandernd, erblickte. — Als ich aus den höhern Regionen dieses schönen Musentempels in die untern Räume zurückkehrte, wo die Diener des Mars walteten, rollte eben der Vorhang zum zweiten Akt herauf. Eingedenk der Gefahr, die ich bei meiner Hieherkunft in Beziehung auf die Volanten zu bekämpfen hatte, welche nach Beendigung der Vorstellung noch größer zu werden versprach, trat ich die Wanderschaft nach meiner Arche an.
Meine Wirthin war, als sie sich durch die mitgebrachte Contre-Marque von meiner Gleichgültigkeit gegen die gepriesene italienische Oper überzeugt hatte, sehr aufgebracht und meinte es sei nun bald Zeit für mich, in mein deutsches Sibirien, Berlin genannt, zurückzukehren. — Auch die Ratten feierten in meiner Arche ihren Carneval, sie ließen mir wenig Ruhe und mußten während der Nacht sehr ausgelassen (trotz unseren deutschen Rheinländern, den Cölnern) gewesen sein, denn als ich mich am andern Morgen von meinem Stickrahmen erhob, waren zwei Fuß aus der Wand zunächst meinem Lager zusammengearbeitet. Dies erzeugte in mir den Gedanken, die Redoute im Theater de Tacon an diesem Abend zu besuchen, um mich ermüdet und des Schlafens gewiß niederzulegen.
Es werden hier stets zwei aufeinander folgende Redouten gegeben; da der Spanier sich in Masken-Anzügen am besten gefällt, so ist es nichts Seltenes, daß an demselben Abend 3–4 statt haben. Also nach der Redoute! dachte ich. Aber ist es nicht eine Sünde gegen das achte Gebot für einen Mann, wie ich, auf die Redoute zu gehen? — Wird doch, tröstete ich mich, die edle Zeit ohne Furcht und fortdauernd von so Vielen getödtet; so tödte denn auch du einmal dieselbe aufs beste. Schon um acht Uhr des Morgens verkündigten die sehr langen und breiten Anschlagezettel, daß an diesem Abend die größte aller Redouten statt finden solle, indem 10,000 Personen sich einfinden würden. Mit Sehnsucht wartete ich auf den Abend, dies Wunder zu sehen, aber meine Freude wurde zu Wasser, denn es fing plötzlich an zu regnen, als sollte eine Sündfluth statt finden. Die Straßen werden unpassirbar und ich entschließe mich, zu Hause zu bleiben. Indeß zur Freude des Unternehmers dachten nur wenige so wie ich; es wimmelte trotz des Morastes in den Straßen von Masken in weißen und farbigen Anzügen; die Wirthe beeilten sich, den zu Fuß wandernden Masken hülfreiche Hand zu leisten; in den unpassirbaren Straßen werden Nothbrücken und Trottoirs von Brettern gelegt und siehe da! der Saal ist noch, wie mir versichert wurde, gepfropft voll gewesen.
Meine Wirthin nahm selbst zwar an keinem Vergnügen mehr Theil, bekümmerte sich aber nichts destoweniger um alle; sie wußte jede Neuigkeit, wußte, wo es Schmausereien und Bälle gegeben hatte und geben würde. Sehr glücklich für Sie, fing sie eines Morgens an, daß der Regen vor einigen Tagen Sie von der Redoute zurückgehalten hat; Sie bekommen übermorgen für Ihr Geld eine weit hübschere zu sehen, eine Redoute romantique nach der Form eines bal masqué romantique, der vor einigen Tagen von einem reichen Spanier zum ersten Male gegeben wurde. Ich wußte in der That nicht, was es mit dieser Romantik des Balles für eine Bedeutung haben solle, und die gute Wirthin fuhr erklärend fort: Sehen Sie! ein reicher Spanier hatte die Absicht, sich zu verheirathen. Nun hatte er die Bekanntschaft sehr vieler Damen; unter diesen aber waren 10–12 gleich schön und liebenswürdig, so daß er unter diesen zu wählen sich nicht entschließen konnte, da er keinen Grund hatte, der einen oder der andern den Vorzug zu geben. Um nun aber nicht, wie jener Esel, der sich nicht zu einer Wahl zwischen mehreren Heuhaufen entschließen konnte, ewig auf derselben Stelle stehen zu bleiben und zu hungern, gerieth er auf folgendes Manöver. Er gesteht frank und frei jeder der Damen sein Unvermögen zur Wahl und eröffnet ihnen dabei seinen Plan: er werde die Damen alle gemeinschaftlich zu einem Balle einladen und die Einladungskarte mit einer Nummer versehen; alle 12 Nummern sollten in ein Glücksrad geworfen und unter Cupido’s und Hymens Schutz tüchtig durchgemischt werden, und Fortuna solle dann beim Herausziehen einer der 12 Nummern für ihn entscheiden, welche von den 10–12 Auserkornen die auserkorenste sein soll. — Da die Spanierinnen hinsichtlich des Verheirathens wie alle Europäerinnen denken, d. h. mit dem Wunsch, sich zu verheirathen, zu Bette gehen und wieder aufstehen, so fand ein solches Unternehmen keine Schwierigkeit und — der junge Mann hat eine recht niedliche und zugleich gute Frau bekommen. Und sehen Sie, fuhr sie fort: auf ähnliche Weise wird die nächste Redoute romantique statt finden, nur mit dem Unterschiede, daß hier eine Frau von Ihnen erhascht werden kann und zwar eine sehr ruhige, friedliebende, nämlich eine leblose mit einer goldenen Kette, (im Werth von vier Dublonen) geschmückte, — Figur. Sehr gut! erwiederte ich, bei einer solchen Heirath riskirt man doch nicht seine häusliche Ruhe; ich werde mich um sie bewerben. — Mit dem Glockenschlage 10 stand ich an der Kasse, legte bescheidener Weise einen Piaster nieder und erhielt mit einem Billet Hoffnung zum Besitz einer der anspruchlosesten Frauen — indessen Fortuna gestattete mir auch hier nicht, Hymens Fessel anzulegen.
Der Saal entsprach übrigens nicht meiner Erwartung, indem man mir oft gesagt hatte, das Carlo-Theater in Neapel sei ein Miniatur-Gebäude gegen dieses de Tacon; ich fand diesen Saal nicht größer als den des neuen Hamburger Schauspielhauses bei Redouten. Das Haus ist durch und durch von Holz, die Beleuchtung sehr schwach, welches wohl dem bedeutenden Verbrauch des Oels bei Zubereitung der Speisen zuzuschreiben ist; man konnte, obgleich die Logen des ersten Ranges in keiner zu großen Entfernung sind, nichts von den in denselben herumschweifenden Masken unterscheiden.
Die Masken-Ordnung ist eine sogenannte zwanglose, d. h. Unordnung. Die Neger ausgenommen, ist Jedem der Zutritt gestattet, mag er in schmutzigen oder reinlichen Hauskleidern erscheinen. Im Saale ist das Cigarrenrauchen erlaubt, weshalb beinahe Alle rauchen. Da der Spanier für Hazard-Spiele und das schöne Geschlecht mehr Neigung hat, als irgend eine andere Nation, so konnte der Unternehmer wohl die Anzahl seiner Besucher vorausbestimmen und auf 12,000 angeben, und so groß war auch wirklich die Anzahl der vertheilten Entréekarten, obgleich höchstens für 3000–3500 Personen Platz im Saale ist. Die, welche keinen Platz im Saale fanden, spazirten in den blühenden Orangen-Alleen und athmeten bessere Düfte als die im Saale.
Die Alleen glichen einem Lustlager; man fand hier Reihen erleuchteter Buden mit Erfrischungen aller Art: da standen in Oel gesottene Ziegenfüße, dort eben so zubereitete kleine Fischchen, die wegen ihrer kleinen niedlichen Gestalt ihren Namen Petit-nets verdienen. Dort bemerkt man Buden mit eingemachten Früchten und Confituren, auf welchen sich Blumenstücke von den vorzüglichsten Ameisen und andern dort einheimischen Insekten, nicht nach dem Leben, sondern nach dem Ableben derselben gebildet hatten. In manchen Buden wurden Milch- und andere Punsch-Sorten geschenkt. Zwischen den Buden lagen die respektiven Köche auf dem durch die Hitze seit einigen Tagen ausgetrockneten Lehmboden hinter dem Feuer von Holzkohlen, und die reich gekleideten Masken sah man lüstern auf die in Oel siedenden Gerichte hinblicken. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich die Anzahl der Menschen, die sich herumtrieben, auf 10 bis 12,000 angebe. Es war ein herrlicher Anblick, in der mondhellen Nacht eine solche Masse lebenslustiger Menschen unter Gesang und Spiel umherschwärmen zu sehen und nicht einen einzigen Betrunkenen zu bemerken. Aecht Spanisch! Jeder und beinahe Jede mit einem brennenden Cigarr im Munde, aber alle nüchtern.
Auch die Negersclaven begehen acht aufeinander folgende Stunden den Carneval. Am heiligen Drei-Königs-Tage, des Vormittags um 10 Uhr, hört man überall Trommelschläge, die Signale, daß der Carneval seinen Anfang nehmen wird. Es gruppiren sich jetzt in allen den Straßen, in welchen jene Signale gegeben worden sind, diejenigen, welche an der aus jener Straße abziehenden Gesellschaft Theil zu nehmen versprochen haben. In jeder dieser Gruppen befindet sich nur ein wohlgestalteter Neger en masque; da sieht man dieselben in Häuten wilder Thiere Ungeheuer vorstellend in der einen Gruppe, oder auf Stelzen; in der andern sieht man Neger, deren Körper bis zum Unterleibe förmlich lackirt sind, auf dem Leibe Tigerflecken und Zebrastreifen nach dem Leben gezeichnet, die Wangen weiß oder roth lackirt, welches einen höchst komischen Effect macht; Andere wiederum erscheinen mit dem Kopfputz eines indianischen Fürsten, indem sie statt der Bekleidung ihren Körper mit den verschiedenartigsten Lumpen englischer Baumwollen-Waaren behängt haben. Jeder solche maskirte Neger wird von einem großen Trupp begleitet, dessen Geschrei und Lärmen mit der Trommel wetteifert; sie ziehen durch alle Straßen und werden von allen Vorübergehenden oder Fahrenden beschenkt. Bei den Spaniern finden an diesem Tage Feten statt: es werden Freunde geladen, welche, sobald sich eine Trommel vernehmen läßt, den Gitterfenstern zueilen, um die vorbeiziehende Gruppe zu sehen. Um sechs Uhr Abends darf sich keiner derselben mehr in den Straßen zeigen, jetzt kehren sie in die Schenken ein, um die empfangenen milden Gaben ihren Gurgeln mildthätig zukommen zu lassen. Vor jeder solcher Schenke befindet sich eine militärische Patrouille mit scharf geladenen Gewehren.
Der Spanier ist in der That ein ganz vortrefflicher, liebenswürdiger Mensch; er besitzt alle geselligen Tugenden, um in dieser Rücksicht als Vorbild für die menschliche Gesellschaft zu dienen. Dies gilt hauptsächlich von dem Gebildeten: er ist artig, zuvorkommend, gastfreundschaftlich und im höchsten Grade genügsam. Man beleidige und reize ihn nicht und man wird in ihm einen Freund und Rathgeber finden. Seine Feinheit im Umgang steht weit über der des Franzosen und dabei ist er inniger und flößt mehr Vertrauen ein; was der Franzose oft aus Politik und Politesse thut, das kommt bei dem Spanier aus dem wirklichen Antriebe seines guten Herzens. — Unter diesen und ähnlichen Reflexionen trat ich die Rückkehr nach meiner Arche an. Ohne Zweifel, dachte ich, als ich durch diese tapfer essenden munteren Leute durchpassirte, werden diese ihre Speisen besser verdauen, als ich meine hiesigen Geschäfte, und im schlimmsten Falle ist für diese Glücklichen eine Hungerkur anwendbarer als für verdorbene Finanzen.
Mit dem Carneval und den Redouten ist’s jetzt vorüber, sagte ich zu meiner Wirthin am folgenden Morgen, als ich die Redoute verdaut hatte. Keineswegs, entgegnete sie, ist dies die letzte Redoute gewesen; in einigen Wochen haben wir zwei ungewöhnliche Festtage und demzufolge noch zwei Redouten zu erwarten. Diese Festtage waren, wie sie mir erklärte, folgende: Bis jetzt befand sich der Appellations-Gerichtshof für alle auf der Insel Cuba vorkommenden Prozeßsachen in Principi, was für Havana, wo es die meisten Prozesse giebt, eben so lästig als kostspielig war und dies um so mehr, da die dortigen Advokaten die Sachen, so lange wie sie nur immer wollten, in die Länge ziehen konnten. In Madrid war jetzt beschlossen worden, daß dieser Appellations-Gerichtshof von jenem Orte hierher verpflanzt werden solle. Zu diesem Endzweck wurde aus jener Residenz ein für dieses neue Gericht bestimmtes, dort angefertigtes neues Reichs-Petschaft hieher geschickt? Dieses sollte nun mit großer Ceremonie nach der Kirche zur Einweihung geschafft, alsdann aber in großer Prozession durch alle Straßen der Stadt getragen werden. Dazu sagte meine Wirthin, sollen Illuminationen, Redouten und vielerlei Vergnügungen zwei Tage ununterbrochen statt finden, und es wird während dieser Zeit keine Arbeit verrichtet, indem diese Anordnung zum Glück der Einwohner Havana’s, von welchen Viele durch jenen Gerichtshof an den Bettelstab gebracht worden sind, gereicht. —
Das Thema der Unterhaltung wurde jetzt das neue, noch nie statt gehabte Fest. Endlich erschien der ersehnte Tag. Um fünf Uhr eines Nachmittags wurde das von Madrid angelangte Reichs-Petschaft in einem mit Edelsteinen verzierten Kasten durch vier hohe Staatsbeamte in Volanten und eine starke militairische Bedeckung nach der Cathedral-Kirche gebracht, und hierauf durch den Donner der Kanonen vom Fort die Ankunft desselben den Einwohnern Havanas kund gethan. — Auch ich besah das lang erwartete und vielbesprochene Kleinod. Der Kasten, in welchem sich das Petschaft befand, stand auf dem Altare und neben demselben lag eine Medaille mit dem Bildniß der kleinen Königin, welches Jedem, der dem Altare sich näherte, durch einen in langer schwarzer Robe als Wache dabeistehenden Staatsbeamten gezeigt wurde. Andere desgleichen saßen und standen in der Nähe, so wie auch Militair zur Bedeckung, und dies ganze Personale mußte die ganze Nacht auf dem Posten bleiben. Die Kirche war höchst brillant erleuchtet, dagegen fand ich die Illumination in der Stadt keinesweges so erheblich, als ich nach dem vielen Gerede davon erwartet hatte. Sie bestand nämlich in nichts anderem, als daß an der Außenseite der Häuser bemittelter Leute eine Glas-Laterne mit einem brennenden Lichte, bei den Vornehmern und Reichern zwei oder vier hingen. Um der Sache einen Anstrich zu geben, hing in der Nähe der Laternen ein Flick von ponceau oder einem gelben seidenen Zeuge, welches gewöhnlich als Zeichen der kirchlichen Procession bei Reichen über den Armlehnen des Balcons baumelte; diesmal aber baumelten dergleichen Flicke, jedoch im verjüngten Maßstabe, neben jeder Laterne.
Die Damen hatten sich an jenem Abend sehr geschmackvoll gekleidet, und saßen wohl eine Stunde früher als gewöhnlich in ihren Schaukelstühlen. In der Regel sind die sechs Fuß hohen Gitterfenster bis 6 Uhr Abends mit einer etwa zwei Ellen langen wollenen Decke bedeckt; diesen Abend wurden sie zur Freude aller Vorübergehenden schon um fünf Uhr weggenommen, damit die schönste der Damen des Hauses sich in Lebensgröße präsentiren und, wo möglich, den Einen und den Andern zur Unterhaltung hineinziehen könne. Dieses ist die Art, wie die Havaneser in der Regel ihre Abendgesellschaften bilden, denn die Herren machen gleich den Damen, um fünf Uhr Toilette, kleiden sich von Kopf bis zu den Füßen ganz um, als ginge es zum Ball und suchen von den Fenstern her ihre Abend-Parthieen auf. Bei diesen ist das Rauchen die Hauptsache; man conversirt über die gleichgültigsten Gegenstände; mit dem Glockenschlag der neunten Stunde zieht man ab, ohne etwas Anderes, als Cigarren genossen zu haben.
Der Priesterinnen der Venus giebt es in Havana eine Unzahl; es ist ihnen unbenommen, in jeder beliebigen Straße zu wohnen, weshalb sie sich denn auch meistens in den Hauptstrassen, und zwar vis à vis oder neben den ersten Männern der Stadt paarweise oder auch en trois einmiethen. Sie sind aufs brillanteste eingerichtet und beobachten dieselben Gebräuche bei den Abendparthieen, wie alle übrigen Damen. Auch sie präsentiren sich, da sie niemals ausgehen, bei eintretender Nacht mit einem brennenden Cigarr im Munde vor ihren hohen Gitterfenstern, wobei jedoch die Ausnahme statt findet, daß sie hier niemals verdeckt sind; auch sie sitzen auf ihren Schaukelstühlen, um schaukellustige Herren anzulocken. Der Spanier genirt sich nicht und die Deutschen ahmen ihm hierin nach; man conversirt erst eine Weile an den Gitter-Fenstern — und dies fällt Niemandem auf. Sehr oft habe ich mich darüber gewundert, noch während der Tageszeit die anständigsten Herren vor den Fenstern solcher Dirnen oder wohl in den Zimmern in Conversation begriffen zu bemerken.
Gegen die zehnte Stunde fing man an, die Laternen einzuziehen und Alles kehrte nach Hause zurück, weil am Morgen früh um sechs Uhr die Procession beginnen sollte. — Am folgenden Morgen schon sehr früh waren alle Straßen dermaßen mit Menschen und Volanten überfüllt, daß ich beinahe nicht durchkommen und zu dem Hause eines Bekannten gelangen konnte. Als ich dort mit vieler Mühe angelangt war, fand ich den sehr geräumigen Balcon, auf welchem mir ein Platz zugesichert war, bereits überfüllt, jedoch erhielt ich noch ein Plätzchen. Erst um etwa neun Uhr wurde durch einige Lanciers in der gedrängten Menschenmasse auf die bescheidenste Weise Platz für die heranziehende Procession gebeten. Den Zug eröffnete der Gouverneur mit einer starken Suite aller Staatsbeamten Cuba’s, sowohl der Militairs als der Civilisten; diesen schlossen sich die Consuln aller Mächte in ihren verschiedenen Uniformen an; dann kam ein höchst brillanter Triumph-Wagen in alt-römischem Stile, bespannt mit sechs arabischen Schimmeln, deren Führer in Ponceau-Sammt und Gold-Stickereien gekleidet waren und ihre Hüte mit Federbüschen geziert hatten und eben so Wagen und Geschirre. Auf diesem Wagen stand der Kasten mit dem Petschafte und daneben lagen die Symbole der Gerechtigkeit, die Waage und das Schwerdt von nobelm Metall. Jetzt folgte die Geistlichkeit sämmtlicher Kirchen auf Cuba in ihren prächtigsten Kirchenkleidern. Sie gewährten einen höchst imponirenden Anblick, der noch dadurch vermehrt wurde, daß die Baldachine, unter welchen sich die aus massivem Silber verfertigten, mit Edelsteinen verzierten Bilder der Mutter Gottes und des Heilandes befanden, von höchst brillant gekleideten Männern getragen und von einer Anzahl reich gekleideter Sänger aus den vielen Kirchen begleitet wurde. Die vielen Infanterie-Regimenter in Havana, ein ausgezeichnetes Militair, bildeten Spaliere in den schmalen Straßen, durch welche der Zug ging, und die Musik-Chöre derselben waren stets in voller Beschäftigung; nur die Cavallerie schloß sich der Procession an. Diese währte beinahe bis zum Mittage, weil keine der Hauptstraßen unberücksichtigt blieb.
Am Abend war es in den Straßen lebhafter als am Abend zuvor, da der Gouverneur an der Außenseite seines Pallastes, der auf einem freien Platze steht, von allen Seiten mit vielfarbigen Glas-Lampen hatte illuminiren lassen, welche letztere an den vielen kleinen Balcons der Fenster angebracht waren; auch war das Bild der jungen Königin in einem roth sammtnen Rahmen, zwischen einem der Fenster angebracht. Alles drängte sich nach dieser Gegend hin, um das Bild der jungen, unschuldigen Königin zu sehen. Das Gedränge war um so größer, da auch für den Gehörsinn durch die treffliche Militair-Musik gesorgt war.
Indeß wurde die Aufmerksamkeit sehr bald von diesem Bilde auf einen andern Gegenstand hingeleitet. An der entgegengesetzten Seite des Pallastes nämlich hatte sich ein Aufzug hingestellt, wie es mir vorkam, eine Satire auf den von diesem Morgen. Auf demselben Wagen befand sich jetzt eine maskirte Dame, die Gerechtigkeit vorstellend und Gedichte ausstreuend. Die Gerechtigkeit wurde diesmal nicht von vier Pferden, vielmehr nur durch zwei kraftlos scheinende Klepper transportirt. Das Gefolge dieses Zuges bestand in etwa hundert Personen, welche ihre ordinair schwarze Roben über die Schultern geworfen und dreieckige, mit Nummern versehene Hüte trugen; die Herolde waren beritten u. trugen spanische National-Kleidung. Die Gerechtigkeit sprach, und versprach, wie mir gesagt wurde, sehr viel; es war, sagte man, die Schülerin eines gewandten dortigen Advokaten. Als der Spaß beendet war, zog dieser Zug nach dem Redouten-Saal; auf der Promenade fanden sich unterdeß viele andere Masken ein. Der Abend war ausgezeichnet schön, dessenungeachtet war um zehn Uhr, als die Musik-Chöre abgingen, Alles vorüber und in einer Viertel-Stunde die ungeheure Menschenmasse verschwunden; jedoch fand ich auf dem Rückwege die Maskenverleiher-Buden in voller Thätigkeit; sie machten, was selten vorkommen mag, eine gute Aerndte — unter Beistand eines Gerichtshofes.
Die Zeit meiner Abreise von hier nähert sich jetzt; indeß will ich doch, ehe ich von Havana mich trenne, noch Einiges bemerken über die Art und Weise, wie das Osterfest hier begangen wird, was für den Charakter eines Volkes etwas Bemerkenswerthes hat.
Am grünen Donnerstage wird durch das Geläute sämmtlicher Glocken die Gefangenschaft des Heilandes angekündigt. Sobald dieses geschehen ist, darf sich kein Pferd oder Maulthier mehr in den Straßen blicken lassen. In Betreff der Esel scheint indeß nichts bestimmt zu sein, da ich während des Festes sehr viele sah, aber keine Pferde, Maulthiere, Volanten, Karren. Man konnte jetzt ruhig und ohne Furcht in den Straßen umherwandern; Ruhe und Stille herrschten in der ganzen Stadt; man athmete Luft und keinen Kalkstaub ein.
Mit Eintritt der Dunkelheit an diesem Donnerstage öffnen sich die Thüren sämmtlicher Kirchen (etwa 17), fast möchte ich behaupten in derselben Minute. Noch nie habe ich eine so brillante Beleuchtung wahrgenommen, als die der Havaneser Kirchen an diesem Abend.
Die Wachslichter brannten in solcher unendlichen Anzahl, daß wohl, wie ich glaube, über 1000 in jeder Kirche verbrannt worden sind; man konnte hier von einer neuen Seite den Fleiß der Bienen bewundern, deren Zucht auf Cuba so sehr im Flore ist. Indeß sah ich mich bald genöthigt, meine Aufmerksamkeit von der schönen Beleuchtung nach einer andern Seite hinzulenken; eine mächtige Anzahl schöner, sehr schöner spanischer Sünderinnen lagen auf den Knieen und baten um Abnehmung der alten Sünden wegen Mangel an Raum zu neuen; hinter ihnen rutschten ihre gallonirten Neger sehr andächtig auf den Knieen. Nachdem jene wohl eine gute Stunde in dieser peinlichen Lage zugebracht hatten, erhoben sie sich insgesammt und gingen nach dem Place des Armes; hier und in den benachbarten Straßen waren eine Menge von Bänken aufgestellt, damit sich die Sünderinnen von ihren Strapazen erholen könnten und bald waren auch alle besetzt. Zur Aussöhnung mit dem Allmächtigen wegen des Vergehens gegen die Neger, welche nach der Meinung jedes Spaniers frei sein müßten, es aber wegen Willkühr derselben nicht sind und auch so bald noch nicht sein werden, wenn es von der Willkühr der Einzelnen abhängt — also zur Ausgleichung dieser Schuld halten die Spanier es für Pflicht, ihre Sclaven während des Osterfestes in den allerfeinsten Kleidungsstücken, mit Diamanten und Perlen geschmückt, auftreten zu lassen, so wie auch mit Confituren und den allerbesten Speisen zu füttern. Besonders sah man viele Negerinnen besser gekleidet und schöner geschmückt, als ihre Gebieterinnen selbst. Bis um 10 Uhr blieb man zusammen und ergötzte sich bei trefflicher Musik.
Am Charfreitage strömte Jung und Alt in schwarzen Anzügen nach den Kirchen, die alle gefüllt waren. Ziegenfüße sowohl als andere Fleischspeisen blieben an diesem Tage unangetastet; nichts als Fastenspeisen! Am Nachmittage war eine sehr große Prozession; die Mutter Gottes und der Heiland wurden mit Trauermusik und einer starken militärischen Escorte durch alle Straßen getragen, jedoch war diesen Abend in keiner von allen Kirchen, die ich besuchte, Gottesdienst. Die Billards waren mit weißen Decken versehen, auf welcher Maschine und Queues ein Kreuz bildeten; sie waren beleuchtet, es durfte aber nicht gespielt werden. Auf dem Place des Armes ging es wie am vorigen Abend zu.
Am Sonnabend sollten die Kirchenglocken und das Abfeuern der Kanonen um 10 Uhr die Auferstehung Christi ankündigen, aber diesmal geschah es zur Bequemlichkeit der Christenheit ½ Stunde früher. Bald wurden auch die zur Hälfte von den Wunden geheilte Maulthiere aus den Ställen gezogen und ihrem alten Joche überliefert; das Getöse der Karren und Volanten begann und die Neger waren wieder um nicht viel besser als in puris naturalibus zu sehen, nur die mit Fleisch hausirenden erschienen in sehr hübsch gestickten schottischen Roben.
Die Thätigkeit beim Steueramte war wieder eingetreten und die segelfertigen Schiffe wurden noch bis zum Mittag expedirt und die deutschen Commissionaire wetteiferten schon wieder mit den Engländern in richtiger Abtragung der Zollgefälle.
Schon lange war es meine Absicht, hierselbst etwas Näheres über die Behandlung der Tabacksblätter zu erfahren, um, wo möglich, manchen meiner Landsleute, die sich mit diesem Artikel beschäftigen, nützlich zu sein. Der Zufall war mir hierbei günstiger, als ich vermuthete; ich lernte einen Tabacksbauer kennen, der, da er mich offen und freimüthig fand, auch seinerseits mir mehrere schätzbare Mittheilungen machte, von welchen ich hier nur diejenige anführen will, welche sich am meisten auf ein abweichendes Verfahren bei der Bereitung bezieht.
„In Betreff des auf allen Tabacksblättern befindlichen Syrups, welcher den eigentlich aromatischen Geruch erzeugt, aber durch viele und anhaltende Regengüsse oft von den Blättern abgeschwemmt wird, bedienen wir uns, wenn dieser Fall eintritt, zur Wiederherstellung desselben folgenden Mittels. Wir nehmen, eine Quantität Tabacks-Stengel von einem vorzüglichen Jahrgange, legen diese in ein wasserdichtes Gefäß und füllen dasselbe alsdann mit Regenwasser, welches so lange darin stehen bleibt, bis sich Würmer darin zeigen. Sobald wir diese sehen, nehmen wir die sehr trockenen, dem Pulver an Trockenheit ähnlichen Blätter, legen sie behutsam auf die Diele, tränken einen großen Schwamm in jenem mit Würmern versehenen Regenwasser und besprengen damit die Blätter; diese nassen Blätter legen wir behutsam über einander, verpacken dieselben, gleich einem Ballen, in Palmblättern.“
Die Zeit meiner Abreise war jetzt herangerückt; ich wollte von hier zunächst nach New-Orleans übersetzen; da ich indeß auf die Abfahrt des Paquet Douglas, mit welchem ich fahren wollte, noch etwas warten mußte, so behielt ich noch Zeit zu manchen Erkundigungen, wovon ich Einiges anführen will. Nichts ist häufiger in Havana als die Hökerläden. Einmal habe ich deren 463 gezählt und hatte nur einen geringen Theil der Stadt durchstrichen; ich schätze die Anzahl derselben auf 3000. Die Höker beschäftigen sich aber auch mit Allem, was zum gewöhnlichen und luxuriösen Leben erforderlich ist: es sind Italiener in optima forma; sie haben Marasquino, aber auch Kartoffeln, Champagner und alle anderen Weine, Schweinefett, Rüben, eingemachte Früchte, Talglichter, Nägel, Bürsten, seidene Tücher, bedeutende Vorräthe von Holzkohlen[G] und französische Delicatessen jeder Art. Als ich mich bei einem derselben genauer nach dem Geschäft erkundigte, sagte er: „wir kaufen Alles, was uns vorkommt, weil wir Alles wieder verkaufen können. Jede Wirthschaft läßt, was sie im Hause braucht, den täglichen Bedarf und nichts weiter, von uns holen: wird ein Licht gebraucht am Abend, so wird es kurz vor Abend geholt. Besonders auch wird dies Verfahren bei Kohlen und fließenden Fettwaaren angewendet, weil die Köche und Köchinnen zu lüstern auf Schweinefett und Oel sind und anderseits zu verschwenderisch mit Kohlen umgehen.“
Also doch auch eine Oekonomie! dachte ich.
Als ich meine Abschieds-Visite beim Gouverneur machte und er sich wie immer sehr gütig gegen mich bewies, erlaubte ich mir, seine Meinung über die spanische Schuld zu erbitten. Der Gouverneur versicherte, er sei überzeugt, daß, sobald der Bürgerkrieg in Spanien beendigt sei, Alles bei Heller und Pfennig bezahlt werden würde. — Beim Abschiede versicherte er mir wohlwollend, daß ihm mein Wohlergehen Freude machen werde.
Endlich befand ich mich auf dem Douglas, um meine langersehnte Rückreise nach Europa über New-Orleans etc. anzutreten. — Mit einem wohlfeilen Reisepaß in der Hand, wartete ich jetzt muthig den Beamten ab, der darauf Acht haben soll, daß nur Wohlhabende hineinkommen und von den dortigen Commissionairen Gebrandschatzte abreisen. Allein Niemand kam und als ich wahrnahm, daß unser Capitain einer in einer Galeere in kurzer Entfernung vorbeipassirenden Person ein Paquet Scripturen zeigte, erkundigte ich mich, was diese Formel zu bedeuten habe, worauf er erwiederte, daß die Pässe der Passagiere sich in diesem Paquet befänden; — nicht immer jedoch gehe die Revision so ab, wie diesesmal und schon mehreremal seien Reisende ohne Pässe von ihm aus dem Schiffe in seiner Galeere mitgenommen worden.
Unterdessen waren wir bei dem Fort von Havana vorbeigefahren und ich freute mich, wie ein Kind, dem Marcipan gereicht wird, diese so zuckerreiche, aber in anderer Hinsicht höchst gepfefferte Stadt im Rücken zu haben — eine Stadt, deren Bewohner hauptsächlich aus Commissionairen, Sclavenhändlern, Wucherern, Spielern, Advokaten und Scribenten besteht. Voller Freude richtete ich meine Blicke nach dem Mexikanischen Golf, der sich bald in unermeßlicher Weite vor uns ausbreitete. Bei diesem Umherschweifen in weiter Entfernung von der Heimath gedachte ich einer früheren Reise nach der entgegengesetzten Richtung hin, wie ich in den verhängnißvollen Jahren 1812–16 den Oby in Sibirien durchschiffte. In welcher enormen Entfernung liegt dies von hier! Wie viele Meilen sind dies wohl? Es fehlte mir an Papier und Feder, um dies zu berechnen, mag’s der Leser selbst in einer müßigen Stunde thun.
Es fahren wohl noch beliebtere Pakete zwischen Havana und New-Orleans, als der Douglas; ich wählte dieses, eingedenk der Unbequemlichkeiten, die ich früher auf der Norma erduldet hatte. Hier konnte man weder ächten noch copirten Champagner erwarten, da das Passagiergeld 10 Piaster weniger kostete; allein in Betreff des Schlafens und Ankleidens versprach ich mir, viel besser daran zu sein, und war es auch in der That, denn ich hatte ein kleines Gemach für mich, und mit der Speisung konnte ebenfalls ein nicht Verwöhnter zufrieden sein.
Die Gesellschaft war nicht sehr geeignet zu einer angenehmen Unterhaltung, denn sie bestand, außer einem Amerikanischen Kaufmann mit seiner Frau, aus lauter nach New-Orleans auf Spekulation reisenden Creolen, französischen und englischen Maschinenbauern und einigen nach der letzten Revolution verwiesenen herumirrenden Polen. Das Paquetboot glich meinem Zimmer in Havana, einer Arche, weil fast jeder Passagier ein Männchen und ein Weibchen von den merkwürdigsten Thierarten Westindiens auf Spekulation nach New-Orleans führte; auch an Ratten fehlte es nicht, die jedoch an dem Bull-dog eines englischen Mechanikus einen erbitterten Verfolger fanden. Ueberdies war das Paquet mit allen Arten Westindischer überreifer oder auch unreifer Früchte beladen, welche, da wir nicht die geschwindeste Ueberfahrt machten, ihrem Verderben immer näher kamen.
Alle diese Spekulanten schienen mehr auf den Einkauf als Verkauf in den V. S. bedacht zu sein und mit Spekulanten solcher Art sind jene Staaten reichlich versehen, indem dieselben dort stündlich Gelegenheit haben, ihre mitgebrachten Comptanten gut anzulegen, weil es daselbst sehr viele Gegenstände giebt, welche rasch geräumt und eben so rasch aus dem Lande fortgeschafft werden müssen und bei Verkäufen nach Westindien die Ermittelung in den V. S. unmöglich bleibt. Spekulanten dieser Art sieht man in Havana häufig, man weiß, daß sie reich sind, aber wodurch sie ihr Vermögen erworben haben, weiß man meistens nicht. Bedenkt man indeß, daß öftere Reisen an einen und denselben Ort zu Bekanntschaften führen, daß es auf der ganzen Welt nicht sehr schwer hält, mit Zollbeamten in freundschaftliche Verhältnisse zu kommen; wirft man ferner einen Blick auf die europäischen Auswanderer nach den V. S., erinnert man sich ihrer frühern Geldgier, die in den V. S., wo es zur Befriedigung der Leidenschaften so viel Gelegenheit giebt, eher sich vermehrt als vermindert: so ist jenes Räthsel auf der Stelle gelöst. Daß aber solche Spekulanten als Ungeziefer und Gift für das solide Geschäft zu betrachten sind, ist keinem Zweifel unterworfen, indem sie auf der einen Seite mit wenigem Gelde Märkte räumen, auf der andern Seite die Verdauungswerkzeuge gesunder Märkte zerstören und für die soliden Kaufleute Verluste herbeiführen.
Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß ich viele Erfahrungen in der merkantilischen Welt durchgemacht und dieselben sorgfältig beachtet habe. Das Resultat derselben ist kein anderes als dieses: der größere Theil der in derselben groß titulirten Kaufleute hat sich nur auf Unkosten anderer Kaufleute auf diese Höhe geschwungen. Komisch klingt es für mich, wenn ich so häufig behaupten höre, in Amerika könne man als Kaufmann sehr bald reich werden; die Leute, die dies sagen, wissen nicht, was sie sprechen. Nur der direkte oder indirekte Fußkünstler, d. h. die Ballettänzer und die Schuster können hier viel Geld verdienen, die letztern noch mehr als die erstern, denn die Yankees wissen das Schuhwerk noch besser, als das Fuß- und Bein-Werk zu beurtheilen, weshalb sie auch, mit Ausnahme der Banquiers, sehr gut gestiefelt sind. — Der rechtlich- und ehrlichdenkende Kaufmann kommt nie so rasch zu Vermögen, als der entgegengesetzt denkende. Es verhält sich hiermit, wie mit dem Hazard-Spiele: man bemerkt an den Banken nur entweder sehr Reiche oder arme Teufel, die gern „viel gewinnen“ wollen. Auf diesen Gegenstand werde ich später zurückkommen und sage nur noch dieses: wer als Aventurier nach der neuen Welt gegangen ist und, wie man oft hört, als ein sehr reicher Mann nach Europa zurückkehrt, der hat sich bei seinem Erwerb nicht sehr mit dem Gewissen berathen. Gäbe es in der neuen Welt weniger Advokaten und bessere wohlfeilere Justiz, so würde mancher von diesen zurückgekehrten Reichen noch in der Reihe der Bettler stehen.
Nach einer Fahrt von sieben Tagen erreichten wir gegen 12 Uhr Mitternachts die Barr, d. h. den Hafen von New-Orleans; es war daher kein Dampfschiff bereit, um uns im Schlepptau nach New-Orleans hinauf zu führen. Der Capitain ließ eine Lampe am Vordertheil des Schiffs aufstecken, um dadurch den Dampfschiffen seine Ankunft anzuzeigen und nach Verlauf einer guten Stunde kam auch eins heran. Wir wurden ins Schlepptau genommen und etwa fünf Meilen weiter gebracht, wo wir ankern mußten, weil das Dampfschiff noch Arbeit an drei andern angekommenen Schiffen hatte. — Als es uns am andern Morgen um neun Uhr mit jenen zusammen weiter schleppte, war es auf halbem Wege so unglücklich, beide Schäfte zu zerbrechen, wodurch es außer Thätigkeit gesetzt wurde. Was nun machen? Die sämmtlichen Passagiere wollten, wegen ihrer Früchte, so rasch als möglich, in New-Orleans ankommen und so erboten sie sich denn selbst, den schweren Dienst des Dampfschiffes zu übernehmen. Eine lange und starke Leine wurde jetzt dieser nicht unbedeutenden Passagiers-Masse gegeben; sie begannen mit gutem Muth und Singen diese harte Arbeit. Die Hitze war drückend, allein die Angst vor dem gänzlichen Faulen der Früchte besiegte die Hitze und machte sie nicht fühlbar. Sie arbeiteten wacker darauf los und nach einer sechsstündigen ununterbrochenen Arbeit erreichten wir ein Dampfschiff derselben Compagnie, welcher dasjenige gehörte, was uns früher gezogen hatte, und dies brachte uns noch an demselben Abend glücklich nach New-Orleans.
Dritte Abtheilung.
Ueber
die Vereinigten Staaten.
New-Orleans und die Reise bis New-York.
Ehe ich die Stadt betrat, amüsirte ich mich noch erst an dem Treiben der Käufer und Verkäufer auf unserm Schiffe, denn viele Einwohner aus New-Orleans waren an Bord gekommen, aber unsere Spekulanten waren so überrascht, daß Anfangs keiner von ihnen verkaufen wollte: weder Früchte noch Vögel oder Hunde waren feil. Nur der englische Mechanikus machte hiervon eine Ausnahme: es hatte sich ein Hunde-Liebhaber aus New-Orleans eingefunden, um einen Bologneser zu kaufen, diesen suchte er zum Kaufen seines Rattenfängers zu überreden und hierzu schien ihm jetzt der Augenblick günstig zu sein, da keiner von den Creolen einen Preis fordern wollte. Er bot das schwerste Geschütz seiner Beredsamkeit dazu auf, den Käufer von der Vortrefflichkeit seines großen Bull-dogs zu überzeugen, und siehe da! es gelang ihm in der That und der Käufer, der ein kleines Schoßhündchen für seine Gemahlin hatte erstehen wollen, überbrachte derselben jetzt einen 12jährigen großen Bull-dog.
In der Stadt quartierte ich mich sofort in einem an der Wasserseite gelegenen Hotel, — es gehörte nicht zu denen der ersten Klasse, welche mehr in die Stadt hinein liegen; ich aber zog dieses vor, weil auf dem Schilde: „öffentliche Bäder“ bemerkt war. Die Rechnung, die mir bei meiner Abreise überreicht wurde, war eben so schwer als der Schmutz, den ich in den Zimmern dieses Hotels antraf.
Eins meiner ersten Geschäfte hierselbst war, zwei Briefe nach Havana zu schreiben, einen an Moyer, den andern an Dakin, in welchen ich die mir abgenommenen Summen reklamirte, und am Schluß erklärte: „Ich habe den Königlich preußischen Consul beordert, die mir von Ihnen zukommende Summe von 1014 Piaster in Empfang zu nehmen. Sollten Sie sich weigern, meinem gerechten Verlangen Genüge zu leisten, so werden Ihnen die Folgen von meinen Demarchen mehr Furcht einflößen, als des Herrn Dakins Drohung mit dem Federmesser und das Herbeirufen der Neger von Ihrer Seite in mir erregt haben u. s. w.“ Auf diesen und noch zwei andere Briefe erhielt ich natürlich keine Antwort.
Auf dem grünen Markt, den ich sogleich am andern Morgen besuchte, fand ich trotz der noch so frühen Jahreszeit (im Mai) Kartoffeln, Artischocken etc. in solchem Ueberfluß und von solcher Größe, wie man sie in Europa oft noch nicht im Monat August antrifft. Sodann begab ich mich nach dem Packhofe, um einen Erlaubnißschein zum Empfang meiner Sachen vom Schiffe zu erlangen. Ich mußte, nachdem ich die rechte Bude im Zollhause erreicht hatte, zuerst die Anzahl der Stücke meines Gepäcks angeben — was auf einen halben Bogen niedergeschrieben wurde; sodann wurde ich zum Collecter geschickt und mußte endlich für die Erlaubniß, als Reisender mein Gepäck nach Hause nehmen zu dürfen, in Summa Summarum 75 Cents (1 Thlr. Courant) bezahlen, wovon der Advokat als Anfertiger der Supplik ⅔; und der Collecter ⅓ erhält. Die Revision durch die auf dem Schiffe stationirten Zollbeamten war nicht nach französischer oder englischer, sondern nach preußischer Weise, d. h. liberal.
Eine schwere Aufgabe war es jetzt, die Sachen vom Schiffe nach dem etwa 60 Schritte entfernten Hotel zu bekommen; ich verweilte wohl eine volle Stunde am Bollwerke, aber von den vorübergehenden Arbeitsleuten hatte keiner zu einer solchen Bagatelle Zeit. Auf dem Bollwerke sah ich Knaben und Mädchen aus der ärmern Klasse beschäftigt, um die beim Ausladen umhergestreuten einzelnen Caffeekörner und Zuckerstückchen aufzulesen, wovon, wie mir ein ebenfalls zusehender Herr bemerkte, morgen ein tüchtiger, gesüßter Caffee mit Wohlgefallen werde verzehrt werden. Sehr viele Familien hierselbst existiren hierdurch und durch das Einsammeln der Baumwolle, welche im Zupfen der Proben niederfällt und liegen bleibt. Glücklicherweise gelang es mir, während dieser Unterredung, einen vorübergehenden Mulatten für den Transport meiner Sachen für etwa 12 Gr. Courant zu dingen.
Unterdessen war die Börsenzeit herangekommen. Ich passirte sehr viele reinliche Straßen, welche den Namen der Hauptstraßen von Paris führen — da New-Orleans ja eine französische Colonie war. Alles sprach hier französisch, auch die Leute aus der niedern Klasse, wie denn z. B. Jemand, den ich um den Weg fragte, mir sagte, daß er das Englische nicht verstehe. Auf meinem Wege nach der sogenannten französischen Börse, welche indeß von der ganzen Kaufmannschaft errichtet worden ist, zog am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich ein freier, mit Bäumen besetzter Platz, auf welchem sich das Rathhaus und die katholische Kirche befinden, zwei Gebäude, die, obgleich unbedeutend, von Außen keinen unangenehmen Anblick gewähren. Außerdem berührte ich auf meiner Tour nach der Börse den Baumwoll-Markt und die sehr bemerkenswerthen Canäle, ferner die Bank-Gebäude, welche eben so leer an Metall sind, als die Taschen vieler Amerikaner überfüllt mit ihren unbezahlt gebliebenen Noten. Die Börse ist ein wahres Pracht-Gebäude, mit einer Kuppel gleich der St. Pauls-Kirche in London. Im Eingang, der von großem Umfang ist, befindet sich ein Buffet, in welchem durch einen französischen Restaurateur alle Erfrischungen von der allerbesten Qualität für einen mäßigen Preis verkauft werden. Tritt man aus diesem Entrée in den zirkelförmigen Saal hinein, so wird man durch die schöne Bauart und die höchst geschmackvolle Einrichtung überrascht. Man bemerkt eine Tribüne für jeden Wechselplatz der alten und neuen Welt, in jeder derselben befindet sich ein Wechsel-Mäkler, um die für diesen Tag durch sie bestimmten Course zu proklamiren, und die ganze Börsenversammlung harrt auf diese Aussprüche, um sie ehrfurchtsvoll entgegenzunehmen. Der ganze obere Theil des Börsen-Gebäudes ist zum Empfang der Reisenden höchst brillant eingerichtet.
Als ich die Börse verlassen hatte, schlenderte ich ohne weitem Plan am Ufer hinunter, um die Schiffe zu mustern und bemerkte, daß sehr Viele mit dem Hinausholen beschäftigt waren. Auf meine Frage, ob alle diese Schiffe in See gingen, wurde erwiedert, daß sie alle diese Schiffe außerhalb der Stadt hinauslegen, woselbst sie beinahe vier volle Monate verbleiben würden. „Die Comptoire“, fuhr der Berichterstatter fort, „so wie überhaupt alle kaufmännischen Geschäfte, werden von dem 16ten Juni ab geschlossen und Jeder, der Geld aufbringen kann, reiset während der Fieber- und Cholera-Zeit nach den nördlichen Staaten und Badeörtern.“ — Auch ich hielt es, nachdem ich alle meine Angelegenheiten und alle Rücksichten erwogen hatte, für gerathener, aufs baldigste von hier abzureisen; sogleich nach Tische erkundigte ich mich nach einem Dampfschiff.
Ich fand, als ich an das Ufer trat, sogleich eins; „Albany nach Louisville“; 35 Piaster ist der Preis, für welchen der Capitain mich mitzunehmen verspricht. In nicht geringer Entfernung lag ein anderes Schiff, Namens Diana, welches ebenfalls an demselben Tage nach Louisville abgehen sollte, jedoch für 40 P. Passagier-Geld. Mein Correspondent empfahl mir das letztere, weil es das rascheste sei. Noch unentschlossen, mit welchem von beiden ich reisen solle, ließ ich meine Sachen auf einem Karren durch einen Mulatten nach dem Ufer bringen; es war ein überaus heißer Morgen; der Mulatte, obwohl ohne Hemd, schwitzte, als wäre er aus dem Wasser gezogen und wird beinahe ohnmächtig, als er eben mit seinem Karren dicht am Schiffe Diana steht. — „So bringe die Sachen nach diesem Schiffe, ich will fünf Piaster mehr bezahlen, um Dich nicht länger zu quälen.“ Er thut es und will mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, allein nach dem, was später sich ereignete, habe ich beinahe Ursache, dankbar zu sein, denn dieser Ohnmacht verdanke ich vielleicht mein Leben. Bei meiner Ankunft in Pittsburg las ich in der Zeitung, daß der Kessel der Albany auf dieser Tour zersprungen sei und viele Passagiere hierdurch ihr Leben eingebüßt hätten.
Unsere Reisegesellschaft bestand nur aus etwa vierzig Personen. Anfänglich hielt ich sie für deutsche Wandersmänner; indeß mein Wahn schwand sehr bald, denn ich bemerkte, daß sie sich dem sehr unschuldigen Vergnügen des Tabackkauens hingaben. Nach einigen Stunden war ich mit ihnen so bekannt, dass ich es wagen konnte, meine Glossen darüber zu machen. Niemand von allen war darüber aufgebracht; von Einigen wurde ich sogar wegen dieser Freimüthigkeit gepriesen. Einer von ihnen meinte: „Sie müssen Nachsicht mit uns Amerikanern haben, wir haben Fehler und diese hat die Jugend stets. Wir sehen es gerne, wenn Deutsche zu uns kommen, weil die Deutschen die bravsten und zugleich ehrlichsten Lehrer für uns sind.“ — „Sie sind sicher und gewiß aus keinem englischen, und wenn dieses wäre, aus keinem Yorkshire-Blut entsprungen?“ entgegnete ich. „Ich freue mich“, war die Antwort, „daß mein Urgroßvater ein Deutscher gewesen ist.“
Die Fahrt auf dem Mississippi gewährte mir viel Vergnügen, seine Ufer sind die schönsten, die ich je gesehen habe, sie nehmen die einzelnen Schönheiten der Main-, Elbe-, Themse- und selbst der Rhein-Ufer — abgerechnet die Weinberge und die steilen Anhöhen mit den Ruinen der Ritterburgen — in sich auf. Erwägt man jedoch die Gefahr, der man sich bei einer solchen Reise auf dem Dampfschiff Preis giebt, so muß man halb wahnsinnig sein, um sie bloß des Vergnügens halber zu unternehmen. Kann nicht jede Stunde, jede Minute das Dampfschiff ein Raub der Flammen werden? Wer über die fortdauernde ungeheure Gluth, welche zur Fortschaffung des Schiffs erforderlich ist, nachdenkt und diese selbst beobachtet und controllirt, wird die Gefahr bald auffinden. Erwiesen ist es, daß von der Zeit an, da es in jeder großen Stadt Schauspielhäuser giebt, in jedem Jahre eins durch Feuer zerstört worden ist. Die Anzahl aller Schauspielhäuser aber verhält sich zu der aller Schiffe etwa wie 1 zu 1000. Nichts destoweniger fürchtet man gewöhnlich beim Antritt einer Seereise mehr die Wellen als die Feuersgefahr. Allein die letztere steht zu der ersteren in keinem Verhältniß, da ein Schiff mit nichts als brennbarem Material ausgerüstet, und folglich durch Feuer weit leichter zerstört werden kann, als alle anderen massiven Häuser, die man doch stündlich in Schutthaufen verwandelt sieht oder hört. Ich verweise den geneigten Leser zur Begründung meiner Behauptung auf Lloyds Liste, in welcher jede Woche durch Feuer zerstörte Segel-Schiffe angezeigt sind. Die Zahl der durch Feuer verunglückten oder durch raschen Beistand noch vom Untergange geretteten Dampfschiffe ist freilich nicht bedeutend, aber wie viele Dampfschiffe existiren auch! und doch kann ich mehrere anführen: ein nahe an der Stadt Lübeck verbranntes russisches; der ganz neuerlich in den V. St., im Werthe von 100,000 Piaster verbrannte Great-Western und zwei durch rasche Hülfe gerettete englische Dampfschiffe, die London, das von Hull nach London fahrende und die Great-Western vor der ersten Abfahrt nach den V. S.
Von der Feuersgefahr überzeugte ich mich auf dieser Reise nach Louisville mehr als je zuvor, indem hier noch einige Umstände dazu kamen. Bei der Nacht ist sie noch größer als am Tage, weil die in dem breiartigen Flußwasser schwimmenden Bäume (snags genannt) während der Nachtzeit von den auf der obersten Decke des Schiffs stehenden Steuermännern nicht gesehen werden können; wenn diese aber durch den starken Strom gegen die Schiffe geworfen werden, so besitzen sie die Kraft, die Maschinerie in Unordnung zu bringen und dadurch das Auffliegen des Schiffs zu verursachen. Es werden nicht nur täglich 60 Klafter von sechs Fuß langem Brennholze verbraucht und dadurch eine ungeheure Gluth in den Oefen fortdauernd erhalten, sondern nebenbei wird durch das Verbrennen von zwei großen Fässern Pech die erforderliche Quantität von Dämpfen zum Durchbringen des Schiffs in dem breiartigen Wasser verbraucht. Wenn nun Jemand die feurigen Funken und Kohlen, gleich einem Feuerregen aus dem Schornstein hervorfliegen sieht, so muß er, und wäre er auch der Muthigste, besonders bei den dunkeln Nächten, in Grübeleien gerathen, und wird sich der Furcht nicht ganz erwehren können.
Jeder der Reisenden hatte daher auch einen Live-preserver bei sich; es sind dies wasserdichte Gürtel, von demselben Stoffe, der zu den Mänteln dieser Art verwendet wird. Auf mehreren der dortigen Dampfschiffe findet sich in jedem der Betten ein solcher. Jeder meiner Reisegefährten hatte seinen Gürtel zur Tages- und Nachtzeit in der Hand und war beschäftigt, Luft hineinzublasen und ihn zu füllen. Nur ich hatte keinen solchen Lebens-Retter mit und ward deshalb von Allen wegen großer Nachlässigkeit getadelt.
Um mir eine Uebersicht von der Quantität Holz zu verschaffen, die jährlich in den Dampfschiffen auf dem Mississippi und Ohio verbraucht wird, erkundigte ich mich genau beim Capitain und den Steuermännern, wie groß die Anzahl der zwischen New-Orleans und den andern Städten fahrender Dampfschiffe sei. Von beiden Theilen wurde dieselbe auf 640–650, und die Anzahl der Reisen auf 15–16 hin und eben so viel zurück bestimmt. Ich beschloß, die Rechnung auf die mäßigste Weise anzulegen und auszuführen. Ich ließ demnach die gesammte Anzahl Schiffe nicht mehr als zehn mal hin und zurück fahren, und gab den Schiffern die unmögliche Hinfahrt von 6½ Tagen Dauer und zur Rückfahrt (mit dem Strome) 3½ Tage. Nach dieser Berechnung wäre für ein jedes der Schiffe 6000 Klafter und für die gesammten auf jenen Strömen fahrenden Schiffe ein Quantum von nicht weniger als 3,900,000 Klafter Brennholz nöthig. Es läßt sich mithin folgern, daß inclusive der übrigen Dampfschifffahrt und Wagen wenigstens 4½–5 Millionen Klafter Holz in den V. S. verbraucht werden. Diesen Verbrauch des Brennmaterials kann nur derjenige, der das Land kennt, wie enorm und gefährlich derselbe auch scheint, als wohlthätig erkennen. Ohne Dampfschiffe wären die V. S. unglücklich, sie sind zur Cultivirung des Landes unbedingt nothwendig, indem die Urwälder vielleicht noch nach einem Jahrhundert in solcher Fülle da stehen werden, als wäre noch kein einziger Stamm aus denselben genommen werden; ich habe die Urwälder im russischen Asien und sonst gesehen, aber sie sind gar nicht mit diesen zu vergleichen.
Der Ertrag des Holzes, welches von den Schiffern für 2½–3 Piaster gekauft wird, sichert den Grundeigenthümern sehr häufig den fürs Land bezahlten Preis, welcher 1¼ höchstens 1½ P. pro Acker beträgt, und oft auch die Unkosten für Urbarmachung desselben. Die Uferbewohner harren stets auf das Signal eines vorbeifahrenden Schiffs und stellen sogar eine Wache ans Ufer, um, sobald mit der großen Schiffs-Glocke das Signal gegeben wird, bereit zu sein; das Holz steht bereits abgemessen da, der Holz-Inspector steigt vom Schiffe, mit dem Maaß-Stocke in seiner Hand und empfängt die 30 Klafter, welche für die ersten 12 Stunden erforderlich sind. Das Herbeibringen dauert nicht lange, aber doch wohl eine volle Stunde. Zu dieser Arbeit werden die Deck-Passagiere gebraucht, denen diese Arbeit bei der Entrichtung des Passagiergeldes zur Bedingung gemacht worden ist. Arbeitslustige bezahlen 5 P. für die Fahrt, Andere 8–10. An Arbeitern kann es daher den Dampfschiffen nie fehlen. Die Arbeiter, welche auf Ruder-Fahrzeugen (mit dem Strom) Baumwolle und Getraide von Natches, St. Denis, New-Madrid, Rom, Louisville und mehreren andern Städten nach New-Orleans geschifft haben, können auf ihren Fahrzeugen nicht gegen den Strom zurückreisen; sie müssen dieselben in New-Orleans verkaufen und begeben sich dann auf die Dampfschiffe.
Die Städte auf der ganzen Tour von New-Orleans bis Pittsburg sind, mit Ausnahme von Cincinnati, höchst unbedeutend; außer den oben bereits angeführten sind noch zu nennen: Point-pleasant, Portsmouth, Warsaw (Warschau), Hannibal und Hamburg, die aber alle nichts besonderes zeigen.
Auf dem Ohio wird es für jene Arbeiter noch leichter, weil die Holz-Eigenthümer die erforderliche Quantität Holz bereits in Barken eingepackt haben, welche, sobald das Signal gegeben worden ist, aufpassen, um das Tau, welches vom Dampfschiff herabgeworfen wird, zu befestigen, worauf sie während der Fahrt das Holz hineinwerfen; die Arbeiter haben also dasselbe nur zu ordnen.
Diese meine Reise auf dem bedeutendsten Flusse Nord-Amerika’s rief mir diejenige Gedächtniß zurück, welche ich vor vielen Jahren auf einem der größten Ströme Asiens, auf dem Obi machte. Der Vergleich, wozu ich unwillkührlich getrieben wurde, fiel, was die Landschaft betrifft, nicht zum Vortheil Asiens aus, was aber die Menschen betrifft, die an den Ufern beider Flüsse leben, so erinnerte ich mich mit Vergnügen der an letzterm Flusse wohnenden Nomaden, der vom Fisch- und Zobelfang lebenden Ostiacken und Tungusen, bei welchen ich einkehrte. Sie wohnen nur in Jurrten, allein dieselbe haben eine bessere Form, ein besseres Aeußere und ein reinlicheres Innere als ich an den Hütten entdeckte, welche von Republikanern, von Besitzern von Baumwoll-Plantagen, Kornfeldern, Heerden und vieler Neger-Sclaven bewohnt werden. Erstaunt war ich, als ich die häusliche Einrichtung und die Lebensweise vieler am Mississippi wohnenden Republikaner sah. In einer kleinen erbärmlichen Hütte residirt eine Familie bedeutenden Umfangs. An der Außenseite derselben befinden sich Hängematten, in welchen man nicht selten 3–4 Kinder in puris naturalibus zusammengepackt liegen sieht, wahrscheinlich damit die hierselbst in den Wäldern einheimischen Insekten an den kleinen Schlafenden ohne große Mühe Durst löschen können. Schon hier überzeugte ich mich, nachdem ich die Cultur dieser Waldbewohner am Mississippi genauer kennen gelernt, daß das gepriesene Glück der Bewohner der V. S. einen großen Theil derselben wenigstens nicht erreicht, da sie sich noch im rohen Natur-Zustande befinden.
Nach diesem überzeugte mich von dem übermäßigen Wachsthum der Baumwolle. Ich hielt immer auch früher die Production der Baumwolle für übermäßig, und die Aeußerungen, die ich mir in dieser Beziehung als kaltblütiger Kaufmann, besonders in Manchester erlaubte, fanden nichts als Widerspruch, es wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich weiße Baumwolle mit zu schwarzen Augen ansehe. Ich suchte jetzt Facta zu sammeln, wonach man diese Sache bestimmt beurtheilen könnte und der Leser mag sich selbst aus denselben überzeugen, ob ich Recht hatte. Wie außerordentlich hat sich die Production der Baumwolle seit den letzten 50 Jahren, als ich in meiner väterlichen Handlung zuerst als Lehrbursche eintrat, vermehrt!
| Im Jahre 1791 erzeugten die V. S. an | Pfund. | |
| Baumwolle | ,188,316 | |
| Im Jahre | 1798 um 7 Jahre später schon | 19,000,000 |
| — | 1802 um 4 Jahre später | 27,500,075 |
| — | 1819 nach 17 Jahren | 87,997,045 |
| — | 1820 nur um 1 Jahr später | 127,860,152 |
| — | 1830 10 Jahre hierauf | 298,459,102 |
| — | 1838 nach 8 Jahren | 639,001,000 |
