Anmerkungen zur Transkription
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Ich fand ihn am Fenster stehen und dem abziehenden Volk nachsehen ([4. Kap.])
Der Schulmeister und sein Sohn
Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege von
K. H. Caspari
Neunzehnte Auflage
:: Mit acht Bildern ::
1913
Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart
Gedruckt in Stuttgart
bei J. F. Steinkopf
Inhaltsübersicht.
| Seite | |
| Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen | [7] |
| Zweites Kapitel. Der Sohn | [10] |
| Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk | [14] |
| Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber | [21] |
| Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach | [26] |
| Sechstes Kapitel. Die Warnung | [33] |
| Siebtes Kapitel. Der Torwart | [37] |
| Achtes Kapitel. Der Überfall | [41] |
| Neuntes Kapitel. Die Plünderung | [46] |
| Zehntes Kapitel. Die Entdeckung | [50] |
| Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht | [56] |
| Zwölftes Kapitel. Die Flucht | [63] |
| Dreizehntes Kapitel. Die Pest | [69] |
| Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr | [79] |
| Fünfzehntes Kapitel. Der Brief | [83] |
| Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) | [87] |
| Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) | [91] |
| Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) | [98] |
| Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) | [104] |
| Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) | [112] |
| Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß) | [124] |
| Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod | [136] |
| Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht | [141] |
| Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß | [147] |
Vorrede zur ersten Auflage.
Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft die alten Kirchenbücher gewährt, — einen wohltuenden Blick in das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit.
Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten Schuldiener, Udalrikus Gast, geführte Kirchenbuch durchlesen, der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, — und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift — aus einer sehr interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte zusammenzustellen gesucht.
Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse, da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende Sprache der modernen Zeit ferne zu halten.
Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und — Gottes Segen.
Eschau bei Aschaffenburg, den 30. Mai 1851.
Der Verfasser.
Motto:
Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot,
Doch innen schwarzer Farbe, — finster wie der Tod.
Walther von der Vogelweide.
Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt.
Was ihnen der König des Himmels gegeben,
Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.
Chr. Fr. Richter.
Erstes Kapitel.
Des Autors Stand und Herkommen.
Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm genügen.
1. Tim. 6, 6.
Seit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind.
Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß auch ich, Udalricus Gast von Sommerhausen im Frankenland, mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer Schuldiener, der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der, welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem Gott, der da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, — das, lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest, und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht verhalten, und lauten soll es:
Soli Deo Gloria!
Dem Herrn allein die Ehre!
Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende, Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, — doch läßt sich nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur ein weniges zum besseren Verständnis.
Mein nun in Gott ruhender Vater, Paulus Gast, war seines Handwerks ein Schneider drüben in Winterhausen. Mein Mütterlein hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen, dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich zu einem Schulmeister. Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines Schuldieners betraut worden.
Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit: mein alter Vater und Margareta Späthin, der ich nun meine Hand vor dem Altare Gottes geben konnte, — mein Herz hatte ich ihr schon seit zehn Jahren gegeben. — Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn schaut von Angesicht zu Angesicht.
Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen.
Das Städtlein Sommerhausen liegt im gesegneten Frankenlande. Es führt billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube scheint. Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, dagegen viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, wenn die Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren vielen Türmen, wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch ein stattlicher Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der Main, der vom Bayreuther Lande herunterkommt und hier die Grenze macht zwischen den beiden Flecken Sommerhausen und Winterhausen. — Gott segne dich, liebes Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und Kindeskind. Hier bin ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter Hoffnung an mein Tagewerk gegangen, hier hab ich des Tages Last und Hitze getragen, hier will ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte Stunde schlagen hören und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft zum Feierabend, mein Gröschlein zu empfangen. Das walte Gott!
Zweites Kapitel.
Der Sohn.
Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!
Psalm 127, 3.
Am 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren. Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ — In der heiligen Taufe ward es vertreten von Valentin Orplich, dem Bäcken, der ihm den Namen Valentin beilegte. Ich hab’s nicht unterlassen, auf dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß er einen rechten, christlichen „Valentinus“ aus ihm machen wolle, einen Helden, stark und streitbar wider diese Welt und alle Feinde seiner Seligkeit.
In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den Knaben aufgezogen, soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist. Gewollt wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in der Einfältigkeit ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen finden konnte, ist mir treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß der Herr nicht umsonst sage: „Die frühe mich suchen, werden mich finden.“ Es ist das Herz der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das liebliche, hehre Bild des Herrn Christus noch leichtlich sich prägen läßt. Später kann solches nicht mehr geschehen, oder aber — es braucht heißer Trübsale, das Herz wieder weich zu machen.
Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter, vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude, wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er, wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger Jahre, als der leidige Krieg uns ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.
Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein tapferes Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur Naturgaben, die ein Kind noch lange nicht geschickt machen zum Himmelreich, obwohl sie vor Menschen es zieren. Wohin ist Absolom gekommen mit seiner lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem hochherzigen Wesen? — zum schweren Fall! Ein Mensch mit solchen Eigenschaften ist wie ein Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln seine Fahrt beginnt. Wenn’s unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s einen stattlichen Lauf in den Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm in die Segel fährt, wird’s um so schneller zerscheitert. Der rechte Fahrwind aber ist der Geist des Herrn. Ich hätte das wohl wissen können, aber wo ist der Vater, dem’s nicht süß eingeht, wenn alle Welt sein Kind als ein liebwertes lobt und preiset?
Anno 1626, am heiligen Pfingstfest, ist mein Valentin das erstemal zu Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle miteinander auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine Seele schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, — den Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei, nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren Bruder so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre. Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der andern Kinder ins Gotteshaus.
Es waren ihrer gerade zwölf in diesem Jahre, die ihr erstes Nachtmahl feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das Sakrament empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich mich einer großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den Kirchenstühlen stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im Städtlein Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen im eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne Zeit, die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg gebracht hatte.
Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ — Ist doch auch unter den Zwölfen, die der Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht, ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in Nacht und Finsternis?
So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe sie, wie dir’s gefällt, — in die Höhe oder in die Tiefe, durch die grüne Aue oder durchs finstere Tal, — nur führe sie so, daß keines von dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“
Er hat’s getan, — ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Drittes Kapitel.
Valentin beim Handwerk.
Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt,
Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! —
Seit sie eingeritten in unseren Toren
Mit Schulterstück und rostigen Sporen,
Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren!
Altenglische Ballade.
Eine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne werden sollte, — doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut, ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen werde, aber — der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s.
Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der Heimsuchung über die evangelische Kirche gekommen, und auch bei uns, in Limpurgischen Landen, sah es bereits aus, als wenn der Leuchter des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell gebrannt, wieder von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In Markt-Einersheim, Possenheim und Hellmizheim hatte das Würzburger Domkapitel die evangelischen Kirchen geschlossen, und die Seelsorger hatten sich auf den Speckfeld geflüchtet, wo sie sonntäglich ihre Gemeinden unter großen Anfechtungen versammelten und ermahnten, um des Herrn willen das Unrecht zu ertragen, aber dabei fest zu beharren im wahren Glauben. Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die Kirchgänger vom streifenden Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf den Turm in Iphofen gesetzt wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich loskaufen mußten.
In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist, und wehe — dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen, drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen.
Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? — Ich nicht! Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt, daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann findest, glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen Menschen gefunden.
So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu Valentin Orplich, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm: „Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘ — Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ — Drauf war er’s zufrieden, und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei, den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, — ‚im Schatten des Vaters,‘ sagt man, ‚wird der Sohn groß!‘
So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Geschäft ihm in die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer, doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.
In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen, welcher der Venusberg heißt. Dort brächten sie in heidnischen Greueln und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den Berg nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag des Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander und ein Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande und blase wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, werde alsbald wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind dahinten, frage nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern wolle sofort dem Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem Spielmann immer auch ein Warner da, der treue Eckart genannt, der bäte und flehte, dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei zeitlich und ewig um die geschehen, welche sich verlocken ließen; aber nur wenige gäben ihm Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, führe den ganzen Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören müßten, um des Teufels Feste zu feiern.
Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann mit der wundersamen, verlockenden Weise ist der listige Versucher, der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und die rechte Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem Heil ihn abzuführen. Der getreue Eckart aber ist Gottes Wort und das Gewissen, die dem Menschen die Wahrheit verraten und sein Los ihm voraussagen, wenn er sich von dem Versucher betören lassen will, — aber bei den meisten leider umsonst.
In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze Zechgesellschaft in der unteren Schenke, — die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind. Da war im zweiundzwanziger Jahr Michel Hamsterloch, der Kornwucherer, — der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der Jäger von Erlach, der hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war des Schenkwirts Rosamund, das liebliche Mägdlein, — das hörte das süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen, doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)
Aber auch das vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund, daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von Zeit zu Zeit den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und die Gemeinde den Seelsorger, — der Tunichtgut achtet sich berufen, die Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt, will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat. Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder nüchtern wird und zur Vernunft kommt.
Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚Bet und arbeit, so hilft Gott allezeit‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen, und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde; die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚dummen Jakob‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen Mann verstanden. — Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.
Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht eigentlich über ihn zu klagen, aber so oft ich ein Näheres über seine Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter, er gefällt mir nicht mehr, — er ist unlustig geworden und Ihr werdet sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang, mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.
Viertes Kapitel.
Valentin der Schreiber.
Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los,
Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben,
Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß,
Da meint er sein Glück zu heben.
Er gräbt und schaufelt so lang er lebt,
Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.
Schiller.
Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen Valentin aufzuwecken, — da hörte ich Stimmen auf der Gasse und Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen wird, und das also anhebt:
1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1],
Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,
Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,
Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.
Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen. Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.
Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen — schlechter könne es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.
Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle, wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der Amtskeller habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen, sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem Gewissen einen andern Beruf ergreife — wir sollen dann gewiß unsere Freude an ihm erleben.
Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst ein gutmütiger, freundlicher Mann war, — doch aber bei so bewandten Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn, wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn, denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch, der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden. Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich Ehre von ihm haben.“
Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet: Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die Ehre und der Amtskeller galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. — Um auf schlimme Wege ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die sollte er auch bald genug finden.
[1] Das Lied ist von J. W. Zinkgref im Jahre 1624 gedichtet und seine übrigen Verse heißen:
2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!
Schlagt ritterlich darein! — Eu’r Leben unverdrossen
Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch
Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!
3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,
Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,
Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,
Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.
4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,
Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme
Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut
Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.
5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe,
Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,
An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein,
Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.
6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden
Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten,
Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier,
Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.
7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben,
Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben:
Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin,
Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.
Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses Liedes ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied aus dem Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „Kein besser Leben ist auf dieser Welt zu denken“ usw.
Fünftes Kapitel.
Der Jäger von Erlach.
Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.
Ps. 147, 10. 11.
In Erlach hatte die Seinsheimische Herrschaft seit einem halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig, hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.
Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend, und als Veit Geißendörfer, der Torwart, ihm solches verwies, weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte, der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! — Der Torwart meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.
Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand, der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König Gustav Adolf von Schweden mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten, und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, — da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“
Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel, die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte, wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden. Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde nichts dawider haben, — er war aber mittlerweile weit weg an den Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet, gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich an sie, wie es seine Art war, — mit einem Male aber schaut ihm der eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt: „Heißt Ihr nicht Franz Sorawitz, und habt unter dem Friedländer gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? — Das sollt Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein. Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.
Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte, welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der gesprochen hätte wie ein Mann! — Für was habt ihr denn Mauern und Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt? — Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen. Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!“
Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre. In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon, um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die schlimmen Gäste zu erwarten.
Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein. Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.
Da kam von ungefähr Klaus Mündlein mit einem Karren Holz rechts den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war, und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger, was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.
Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten, auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.
Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen. Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub, die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen. Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte: „Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“
Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger, hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.
In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. — Das war es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als Hans Ebeling, der Türmer, der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „Nun lob, mein’ Seel’, den Herren,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter vorübergezogen war.
In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren ([5. Kap.])
Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten, hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du gesagt hast!“
Sechstes Kapitel.
Die Warnung.
Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide
Und redet frech die Sprache Kanaans.
Der Alchymist.
Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen, denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen, das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten, wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet! Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden seinerzeit, — wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen Trost aber haben wir jetzt?“
Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich wolle? er könne mich nicht verstehen.
Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum krank, todkrank, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum, daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald — bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du, unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind wir wiederum bekümmert, und diesmal haben wir keinen Trost!“ Ich sprach noch viel, wie mir’s die väterliche Liebe, mein bekümmerte Herz und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden.
Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen, daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe, wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen, auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein Vorgesetzter, — den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.
Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn wiewohl der Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche, die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind geredet.
Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten Veit, der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten, ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht, antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz- oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für einen wüsten Gesellen, — nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei, und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn, dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer!“
Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes, dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken, der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten Veit Geißendörfer, des Wächters auf dem untern Tor.
Siebtes Kapitel.
Der Torwart.
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,
So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,
Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.
Am 10. Sonntag post trinitatis anno 1632 hatte der Amtskeller nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf dem Speckfeld an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.
Unser hochbetagter Pfarrherr, M. Hieronymus Theodoricus, hatte am Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt, von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten, damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. Gesungen hatten wir: „Es ist gewißlich an der Zeit,“ und als ich die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie das Gesangbuch, — ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm entgegen!“ Das ist ein lutherisch Dies irae, das kein Menschenkind sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.
Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die betrübte Zeit, kam Veit Geißendörfer, der Wächter auf dem untern Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit dem seligen Schenk Konrad von Limburg gegen den Erbfeind der Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen. — Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir dann fröhlich miteinander verplaudert.
Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen — und das war ein Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume verhielt es sich also:
Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen. Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt; alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt: „Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit werde einschlagen müssen.
Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen, doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat. So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit Joseph: ‚Träume kommen von Gott!‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm, und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl, vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr sterben.‘ Glaubest du das?“ — „Das glaube ich,“ sagte der Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und drüben singen auf dem Gottesacker:
Sein Trübsal, Jammer und Elend,
Ist kommen zu einem seligen End’.
Er hat getragen Christi Joch,
Ist gestorben und lebet doch.“
Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. — „Laßt Euch das nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott Euch und mir für den Streit auf Erden — ehrlichen Kampf und seligen Tod!“ — „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und ging von dannen.
Achtes Kapitel.
Der Überfall.
Sein Jammer, Trübsal und Elend
Ist kommen zu einem seligen End’.
Er hat getragen Christi Joch,
Ist gestorben und lebet doch!
Am folgenden Tage feierte mein Kollege Johannes Fentsch drüben in Winterhausen seine silberne Hochzeit. Mein Johannes, den er aus der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden, um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde. Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.
Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich ging er damals mir zur Seite, als wir seinen Udalricus, sein einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice, Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo man sagen müsse: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!
Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte, blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, — über dem Tal aber und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu, das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.
In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen, sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem Hans Mündlein und seinem Sohn Klaus einen guten Morgen bieten wollte, die heute die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten. — Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam, fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.
Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert, was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, — siehe, da kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.
Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.
„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte, das Tor zuzumachen, — aber die beiden Kroaten waren auch schon da und mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.
Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier Nikol Paradeiser und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. — Der Alte ließ sich nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“ jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.
Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft, Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei, ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch, schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja, Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“ worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.
Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben, sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg nach Lindelbach liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der Veit schon auf ihn gewartet. — Ich führte ihn schnell nach Hause, fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die Soldaten vorbeijagen sehen, — der Valentin war nicht daheim, sondern eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen nach zum gräflichen Schlosse.
Neuntes Kapitel.
Die Plünderung.
Mit leichter Müh’ gewonnen — lustig nun zu Pferd.
Shakespeares Heinrich IV.
Auf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten. „Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht, wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ — Der Amtskeller bat um Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme: „Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er hätt’ es Euch auch getan!“ — „Herr Amtskeller,“ rief ich über das Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“
Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die Pferde und war im Nu wieder davon.
Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten, schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen, da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid, den alten Mann beschuldigt zu haben. — Es war aber offenbar, daß sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart, von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles dieses war ihnen nur zu gut gelungen.
Seine Mutter kniete neben dem Leichnam und schluchzte heftig ([10. Kap.])
Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit — Gott sei’s geklagt! — etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen, könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt, als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt. Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst müsse kein Gott im Himmel sein!
Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „Verrat“ lief es mir eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, — aber ich sah ihn nirgends.
Zehntes Kapitel.
Die Entdeckung.
Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,
Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz
Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.
Thompsons Jahreszeiten.
Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen, und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.
Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen, an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten, weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand, das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf seine schluchzende Mutter.
Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter, oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen, oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.
Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt. Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines gewaltsamen Todes gestorben, — sonst schien er zu schlafen. Seine Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt, stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.
Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende und wie er sterbend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte klagen helfen.
Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem Johannes durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört worden; — da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen und zu Boden sinken wollte.
Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten, wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne ihn wohl, er habe ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern sei eilends nach Hause gegangen.
Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann gleich bekannt vorgekommen, — er habe nur nicht recht gewußt, wo er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.
Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Botschaft ihm gebracht wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen, wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht verdient um dich und deine Kinder!“
Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward, hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich rechtfertigen solle.
Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.
Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)
Elftes Kapitel.
Ein Gottesgericht.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,
Da bleibt kein Gottloser nicht,
Summa: Gott liebt alle Frommen,
Doch wer bös’ ist, muß umkommen.
P. Gerhardt.
Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,
So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,
Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Ach, das war kein Kleines! — Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege getan haben, so weiß ich’s nicht, — ich wenigstens konnte dieses Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen, wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich, du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte ich mich an, daß ich nicht streng genug, und dann wieder, daß ich nicht lind und gütig genug gegen ihn gewesen, und warf mich bald auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin, der sich grausam in mein Herz bohrte.
Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen, mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie konnte nicht einmal weinen. Endlich, als es auf Mitternacht zuging, sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war, fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend, meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, — er sei mit einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen: „Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen, während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr ausgestreckt habe.
In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok, und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ Als nun die Morgenröte anbrach, war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.
Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, — es kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr meinen Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort. Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft anzuweisen, — ich aber ging in die Schule.
Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher steigen sie in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem Gott, dessen Wahrzeichen lautet: Holdselig den Freunden, erschrecklich den Feinden!
Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, — dort fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren war, wie ich hörte, der Meister von Sulzdorf. Er erzählte: es seien heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend, mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn nur mit einem Finger anzurühren! — Das habe er nun getan, und die Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, — dann setzte er sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte.
Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von Goßmannsdorf gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen, um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch, wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe, habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach Kleinochsenfurt ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.
Mittlerweile hat Georg Ebert, der Schmied, mit einem Stecken des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können. Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.
Wie dem auch sein mochte, — hier hatte Gott gerichtet und sein Wort erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“
Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden, wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft, — es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt die Stätte zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis zum großen Tage des Gerichts.
Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin, ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden. Ps. 37.
Zwölftes Kapitel.
Die Flucht.
Was bringt Frieden? Lauter Freud.
Was bringt Kriegen? Lauter Leid.
Was bringt Frieden? Wein und Brot.
Was bringt Kriegen? Hungersnot.
Was bringt Frieden? Mut und Gut.
Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut.
Was bringt Frieden? Fröhlichkeit.
Was bringt Kriegen? Herzeleid.
Friede kommet aus dem Himmel,
Aus der Höll das Kriegsgetümmel.
Alter Spruch.
Bis hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt, über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller hinüberführen.
Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, — aber dem ist nicht so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weisheit und Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist der beste!
Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut, sondern auch, — das weiß Gott! — unser Blut und unsere Tränen hängen an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in den Hütten seiner Väter wohnen.
Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend, dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634 hereinbrachen.
Unser Nachbar, der Schreiner, brachte ein Kreuz ([13. Kap.])
Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige Schlacht bei Nördlingen, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben das Dörflein Lindelbach geplündert, den Kelch aus der Kirche geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der König Gustavus Adolphus noch lebte, hatte die schwedische Armee den Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde: der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen, betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte freundlich für die empfangene Bewirtung. Das kaiserliche Volk aber trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen, verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen.
Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu dem Reiterregiment des Grafen Piccolomini gehörend, im hiesigen Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße, dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften, daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein, daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen, welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte, aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer, die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen, die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten, die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das nackte Leben.
Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem Kaiser Ferdinandus an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre, daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen, sich über den Main in den Gau zu flüchten, andere aber, darunter auch wir, hofften in Kitzingen und in den benachbarten Orten ein Unterkommen zu finden.
Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27. Psalm vor: Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet, so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu besuchen.
Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des Allmächtigen, als aber Hans Ebeling, der Türmer, anhub zu singen:
Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein’n Dank dazu haben,
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr’, Kind und Weib.
Laß fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben, —
da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und getröstet fühlte.
Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der Amtskeller trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte: darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, — denn er ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.
Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging mit den Meinen nach Kitzingen, wo Gott einem alten Mann, den ich nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat Sebastian Popp geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt. Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!
Dreizehntes Kapitel.
Die Pest.
Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott,
Heut wetzt er das Messer,
Es schneidet schon besser,
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssen’s erleiden,
Hüte dich, schön’s Blümelein.
Altes Lied.
Nach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den Heimweg.
Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen, das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem fremden Volk in den Häusern lägen, der alte Merten Geuder, der Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot mit ihnen, — das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß die Männer die Wahrheit gesprochen.
Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen, die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens, wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr da, in welchem nicht ein Toter lag.
Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist. Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun nicht mehr hungern und dürsten, es wird auch nicht mehr auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze, denn das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen! Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe entbundenen Seele galt.
Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man der Worte gedenken: Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen. Wenn man es mit ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war, wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei, sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut, wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in eine große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.
Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:
„Eßt Bibernell,
Sterbt ihr nicht so schnell!“
Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.
Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal, aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei gut von Natur, die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.
Der Herr hatte beschlossen, daß mein Haus auch leer werden sollte: an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter, Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward, hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker Stimme: „Valentin! Valentin! Mein Sohn, mein Sohn!“ rief. Als es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend:
„Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,