Anmerkungen zur Transkription
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Original-Bucheinband
Karl Bienenstein
Der Einzige auf der weiten Welt
Der Einzige auf
der weiten Welt
Ein Menschenleben
von
Karl Bienenstein
Dritte bis fünfte Auflage
Verlag von Adolf Bonz & Comp. in Stuttgart
1922
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
Emil Sulzbach,
dem feinsinnigen Komponisten, dem
tiefen Menschen und edlen Freunde
zugeeignet.
Inhaltsverzeichnis.
| Kapitel | I. | [7] |
| „ | II. | [23] |
| „ | III. | [36] |
| „ | IV. | [54] |
| „ | V. | [71] |
| „ | VI. | [86] |
| „ | VII. | [109] |
| „ | VIII. | [126] |
| „ | IX. | [157] |
| „ | X. | [171] |
| „ | XI. | [192] |
| „ | XII. | [205] |
| „ | XIII. | [233] |
| „ | XIV. | [250] |
| „ | XV. | [272] |
| „ | XVI. | [285] |
I.
Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der weiten Welt!
Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und selig, denn was sie sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht, sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß, daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem, was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude, die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!
O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich, an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig. Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt, bin ich gegangen und ich habe geweint wie ihr, ich habe getobt, ich habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.
Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.
Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten, verschwommenen Eindruck, etwa so, wie von einem Bild, das in einer dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt geworden und lebte doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt, daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.
Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen; im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder.
Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze flehend: „Franzl, mach die Augen auf! – Ich bitt dich, Franzl, mach die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! – hörst nit! – Franzl!“
Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich, wie ich in meinem ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam ich in der Mühle an.
Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen: „Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“
Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen, ich schluchzte nur, aber ohne eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube.
Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah! Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins – zwei; eins – zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flüstern, dann ein Raunen wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger Angst.
Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen.
Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben der Mühle, in die mich Marie führte.
Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit. Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“
Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater haben s’ erschossen.“
Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben erwacht.
Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für ihn beten, Heinerle!“
Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen. Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes, erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen.
Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat, er wird’s auch wieder recht machen.“
Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“
Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte.
Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie, „wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz machen; weißt, er schaut jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“
Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn, rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu, während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden könnte, darin Friede und Ruhe wohnt.
Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein und nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf. Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen Vater das Totenglöcklein.
Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden, Amen.“
Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so, daß ich aufs neue zu weinen anhub.
Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun.
„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“
So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und hielt uns auseinander.
Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst, Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich, das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“
Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet.
Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte, denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah, sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit Ruhe lassen.“
Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte.
Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der üblichen Totenwacht eingefunden hatten.
Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes, Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges, das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten, die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten, nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie die der Kirche, wo der liebe Gott in dem goldenen Tabernakel wohnt. Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die Knie beugten.
In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt.
Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien, kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war.
Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber sanft abwehrte.
Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der Heinerle, gelt?“
„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen kämpfend.
„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die Hand!“
„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“
Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt wurde.
„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu, „aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen. Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns haben!“
Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen.
II.
Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu ihnen führt.
Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan. Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes.
Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut in Nähe und Ferne. In schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein, weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht und schön, göttlich schön.
Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt.
Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben.
Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein.
Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des Vaters zu räumen hätte.
Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich, hören Sie mich doch zu Ende. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“
Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben.
„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon bei der Leiche so gut zu mir!“
„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri, die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“
Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine Mutter gespannt aufhorchen.
„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn getroffen.“
Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den Oberforstverwalter an.
Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus gekommen.“
Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater.
„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“
Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht begreifen. Von dieser Stunde – sie hat mir’s oft gesagt – ist in ihr etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit.
Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der Oberforstverwalter draußen war, auf mich zustürzte, mich umschlang und mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die geringste Schuld! O Gott!“
Man hatte ihr Trost und Glauben genommen.
Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald wohl fühlten.
Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus; doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte.
Nur eines war, was mich mit heimlichem Kummer erfüllte: ich kam jetzt nur äußerst selten zum Marieli in die Mühle. Meine Mutter war wohl wie früher jeden Sonntagnachmittag bei der Müllerin und auch abends fand sie oft Zeit, auf ein Stündchen zu der alten, treuen Freundin zu gehen, mich aber ließ Heri nicht los und mein ganzes Zusammensein mit dem Marieli beschränkte sich auf die paar Minuten, die wir auf dem Schulwege zusammenkamen. Doch waren da immer auch noch ein paar andere Kinder dabei und wir mußten das, was wir uns gerne gesagt hätten, in die Brust zurückdämmen. Nur die Hand reichten wir uns und so schritten wir dahin in stiller Seligkeit.
Wenn ich bei Heri war, kam ich aus der Unruhe nie heraus. Sie war so lebhaft, wußte immer Neues, fand an keinem Spiele lange Gefallen, ihre Sprache war so ganz anders als die meine, geschmeidiger, gewandter; ich kam mir neben ihr immer so ungeschickt, so plump vor und doch mußte ich ihr folgen. Sie brauchte mich nur mit ihren dunklen Augen anzustrahlen, ihre feine, immer etwas zuckende Hand in die meine zu legen und ich war wie in einem Bann.
Aus Marielis Wesen aber strömte eine unendlich süße Ruhe auf mich aus; wenn ich ihre Hand in der meinen hielt, dann fühlte ich mich geborgen und sicher. Die ganze Welt hätte um mich stürzen können und ich hätte nur gelächelt. Was konnte mir geschehen, solange diese milden blauen Augen neben mir schimmerten, solange ich den leisen Druck dieser zarten treuen Hand fühlte!
Und einstmals kam es dem Marieli doch über die Lippen, was ich schon so lange aus dem stillen, traurigen Blick ihrer Augen gelesen hatte: „Heinerle, warum kommst denn jetzt garnit mehr zu mir?“
„Ja weißt du, sie laßt mich halt garnit aus und wenn ich von der Schul heimkomme, da wartet sie schon auf mich und da muß ich mit ihr spielen und lernen und die Mutter sagt auch immer, ich muß der Heri folgen, weil wir halt arm sind und ihr Vater hat uns so viel Gutes getan. Aber“ – jäh erfaßte mich die Erbitterung, so geknebelt worden zu sein – „das sag ich dir, Marieli, jetzt tu ich’s nimmer. Ich mag sie eh garnit, die Heri, weil sie mich so oft auslacht und weil man garnit ordentlich spielen kann mit ihr. Alleweil will sie was anderes, als ich. Ich hab dich viel lieber, Marieli!“
Bei diesen letzten Worten hob das Marieli seine blauen Augen zu mir auf und ein Jubel lag darin, der mich ganz stolz machte. Hochauf flammte mein knabenhafter Mut und ich rief: „Jawohl, Marieli, dich hab ich viel lieber und jetzt folg ich der Heri nimmer. Wenn ich will, komm ich jetzt alleweil zu dir, sie soll allein spielen.“
Es war auf dem Heimweg von der Schule, wo wir so sprachen. Ein Spätsommertag war es. Der Himmel war tiefblau und wundersam klar hoben sich die Berge zu ihm auf. Jede Runse, jede Felszacke war aufs deutlichste zu sehen. An der Seite des Weges am Waldessaum hingen in dem dunklen Laube der Sträucher die feuerroten Fruchttrauben der Berberitzen und das Marieli und ich setzten uns unter einen dieser Sträucher, brachen uns eine Traube, eines steckte dem anderen eine der herbsauren Beeren nach der anderen in den Mund und wir suchten uns unter fröhlichem Lachen darin zu überbieten, die dem Geschmack der Beeren entsprechenden Gesichter zu schneiden.
Da kam rasches Pferdegetrappel die Straße vom Dorfe daher und im nächsten Augenblicke bog um die Waldecke der Wagen des Oberforstverwalters. Auf dem Bocke neben dem Kutscher saß Heri, die Zügel in den Händen.
Mein erster Gedanke war, mich hinter einem Strauche zu verstecken; aber sie hatte mich schon gesehen und ehe ich noch fliehen konnte, hielt auch schon der Wagen, in dessen Fond die Frau Oberforstverwalter saß.
„Mama, da ist der Heinerle! Nicht wahr wir nehmen ihn gleich mit?“
„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer weiß, will er?“
Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz aufschwoll und mit gesenktem Haupt – sie anzublicken wagte ich nicht, denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen – sagte ich: „Ich geh mit dem Marieli!“
Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich.
„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein Machtwort sprechen.
Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche lassen will.“
„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich zum Wagen führen.
Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender. Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob – ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei, meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel jubelndes Glück drinnen, daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis.
Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in der Stimme: „Heini!“
Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz: „Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“
Ich wußte nichts zu sagen, ich nickte nur. Vor meinen Augen blühte etwas empor, eine große, leuchtende Blume, aus deren Kelch es in den abendlich dämmernden Park floß wie Mondlicht, alles verklärend und wundersam verschönend.
Als ich aber dann im Bette lag, da konnte ich nicht Ruhe finden. Erst ferne, ganz, ganz ferne tauchte Marielis sanftes Gesichtchen mit den milden blauen Augen auf, dann kam es immer näher und näher und die Augen sahen mich so vorwurfsvoll und traurig an, daß es mir in schneidendem Schmerz durch die Seele ging, und da brach ich plötzlich in krampfhaftes Schluchzen aus.
„Was hast du denn, Heinerle?“ rief meine Mutter und kam besorgt an mein Bett.
Aber ich konnte nicht antworten, ich wußte ja eigentlich selbst nicht, warum ich weinte. Mitleid mit Marieli war wohl dabei, aber die Hauptsache war doch etwas ganz anderes, etwas, für das mir der Name fehlte und das mich gerade deswegen, weil es so dunkel und unfaßbar in meinem Leben stand, ängstigte.
Die Mutter aber stand neben mir und streichelte in einemfort mein Haar und fragte und fragte, und ich zerquälte mir den heißen Kopf nach einer Antwort.
„Hast du vielleicht an den Vater gedacht?“ kam es ihr dann auf einmal in den Sinn.
Das war ein Ausweg für mich und ich nickte. Da zog mich die Mutter fest an sich, ich spürte ihren zuckenden Mund auf meinem Scheitel und dann fielen auf meine Stirne schwere, heiße Tropfen nieder.
Lange saß die Mutter auf meinem Bette und hielt mich weinend im Arme. Der Uhrenschlag ging durchs Zimmer, einsam und schwer, durch das offene Fenster glänzten die Sterne aus dem dunkelsamtblauen Himmel herein und die Nacht raunte draußen im Garten und in den Wäldern hinter dem Schloß einmal lauter, dann wieder leiser, und leise, ganz leise klang dazwischen das Klappern der Mühle und das Plaudern des Baches.
III.
Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum Leben, Lieben und Leiden erwacht.
Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird.
Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfeln ist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel. Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht.
Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie.
Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, was da ist, diese Wege geht, mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen.
Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren, die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr stilles reines Kinderherz entgegentrug, – ich mußte wieder zu Heri zurück.
Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles lernen konnte, was es da noch zu lernen gab!
„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher war ich mit dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle.
„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch zeitlebens“ – sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne, friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte – „ein zufriedener, glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist, genug sein.“
Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der Höhe, auf der z. B. Heris Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt, deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen, einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte teilnehmen lassen sollen.
Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben, wie es mein Vater geführt hatte, hatte seinen Reiz und sein Glück, aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.
Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein, das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen, studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.
Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht, wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte Bitte wollte ich nicht tun.
Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch, der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache und Wirkung tritt.
Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen, in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“
Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte: „Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre nicht mehr beisammen sein sollen?“
Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen Augenblick stillstehen.
„Du – du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.
„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“
„Und du freust dich darauf?“
„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir, lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“
Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als sie endlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und ich gehe auch mit in die Stadt!“
Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du denn dort?“
„Studieren!“
„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“
Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht, aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät, wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch Geld genug!“
Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“
Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte: „Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Eltern haben mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich, wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht nachlassen. Ich setz’ es durch!“
Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten.
Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden.
Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter, sondern auch mir die Hand. Letzteres hatte sie noch nie getan und ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als Erwachsener.
Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes tun, nämlich Tee kochen.
„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie, „such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“
So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den Garten hinaus.
Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme. An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden, und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel wehen.
Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich auf die Laube zu.
Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar nicht gehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog.
Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht verantworten konnte.
So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und er klang zu leise und heiser.
Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du, Marieli!“
Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen.
Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“
Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise: „Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“
Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so dasaß mit ihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine überströmte.
So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut.
„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen.
„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“
„Du und deine Mutter?“
„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da nehmen sie mich auch gleich mit.“
Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da nahm ich sie in heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’ dich, nicht weinen!“
Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie.
Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt. Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus meinem Leben zu schaffen sei.
Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken.
„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile.
„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ – ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu – „wenn’s mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“
In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch oder wenigstens einen Teil desselben belauscht.
Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen.
Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei, und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“
Ich trat einen Schritt auf ihn zu und drohte ihn an: „Du!“
Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er: „Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“
Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden.
Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt.
„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die Augen senkte.
Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und dann sah sie mich an, so eigen, so fremd und doch so vertraut, wie mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe.
Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich voneinander verabschiedeten.
Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten.
Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe.
Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang, der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen Morgenstunden die Rehe und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken, als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen zwischen zwei Reisen.
Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.
Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.
„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“
Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all der bange Abschiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.
Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini, sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst. Gelt, du versprichst es uns?“
Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.
Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“
Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“
Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“
Und da hob ich die Augen gegen Himmel und sprach laut und fest: „Ja, Vater, ich werd’ alleweil recht brav sein!“
„So ist’s recht, Heini! und jetzt beten wir noch miteinander einen Vaterunser.“
Laut hub meine Mutter das Gebet an und ich sprach es mit und dann schlugen wir das Kreuz und erhoben uns langsam.
In der Höhe des Grabhügels war an dem Kreuze ein kleiner Blechkessel mit Weihwasser angebracht, über dem ein vollständig abgewelkter Strauß von Kornblumen steckte. In diesen Kessel tauchte nun die Mutter die Finger und zeichnete mir dann drei Kreuze auf die Stirne. Darauf wandte sie sich nochmal zum Grabe und wie in einem Selbstgespräche sagte sie: „Bhüt dich Gott, Franzl! Schau auf unser Kind, du kannst es. Laß ihn nit unglücklich werden!“
Schweigend verließen wir den Friedhof. Als wir die rostige Gitterpforte hinter uns hatten, sah ich nochmals zurück und da hatte sich auf die weißlackierte Blechtafel des Grabkreuzes, die den Namen des Vaters trug, soeben die Sonne gelegt und es war mir, als lächle mir von dort das liebe Gesicht des Vaters zu. So stark war dieser Eindruck, daß ich leise zurückwinkte und mit gestärktem Mute ging ich weiter.
Zu Hause gab es noch allerlei zu packen und die Mutter begleitete jedes Stück, das sie in den großen Holzkoffer legte, mit guten Lehren, Ermahnungen, Gebrauchsanweisungen und von all dem Aufmerken und den Aufregungen des Tages war ich schließlich so müde geworden, daß ich wie ein Stück Holz ins Bett fiel und auch sofort einschlief. Und kein Traum störte diesen Schlaf.
IV.
Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben, das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu.
Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu erzählen, daß der Frühling gekommen sei.
Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die Tauwasser gehen.
Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große, schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges, der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.
Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen, liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier, in dem heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.
Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.
Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.
Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken, hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben. Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte, strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog. Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den Altersgenossen sei.
Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll aus dem Halbschatten der Kreuzgänge, daß ich mir oft wie in einer fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es, als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen und raunten leise ihre Gebete.
Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und darunter „Gedichte“ stehen würde.
An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter entschlug.
Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen herum, die den Lauf des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen, als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der Au entlang zur Stadt führte.
Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.
Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner meiner Kameraden, auch Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter zusammen kam.
So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun alle ihre Schönheit willig zeigten.
Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel, den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen, ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.
Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt es in blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand doch ein unendliches Lustgefühl.
So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.
Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können. Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät. Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher, und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war, zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.
Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.
Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.
So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.
Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.
In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees, und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen, dem Strom.
Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:
Der Himmel so blau und die Welt so weit!
So weit und so schön mein Heimatland!
Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!
Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,
Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,
Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!
Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.
Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich, denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage erzählte, wo ich gewesen – den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich allerdings – und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub, Heini!“
Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.
„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten Vormittag im Garten trafen.
„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre. Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren Bergen!“
Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch: „Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“
Sie sah mich fragend an.
Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“
„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem Staunen.
Ich nickte stolz bejahend.
„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“
Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.
„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben hingst?“
Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich, dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.
Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.
Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.
Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt habe, das Heri so tief erregen konnte.
So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.
Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“
Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise: „Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“
„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“
„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte: „Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“
Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend, ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des Lebenssturmes gefahren war.
Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht im hellen Rosenlicht der Freude.
„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn die ganzen Tage?“
„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da droben ist’s schön!“
Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.
Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen Kraxlerei, gelt?“
„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.
„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit haben, die kommen auf allerhand Sachen, die einem, der sich plagen muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein können.“
„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“
Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“
„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“
„Über alle!“
„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn nun das Marieli zurecht.
Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“
Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.
„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du dabei sein können?“
Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:
„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“
Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon was dran an dem, was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts mehr sagen?“
Da mußte ich denn beichten.
„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn man klettern kann und schwindelfrei ist, ist wirklich nichts dran.“
„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“
„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“
„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“
„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja sowieso sterben!“