AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER
DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON
RUDOLF LEONHARD
BAND 7
VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
DER FALL STRAUSS
VON
KARL OTTEN
VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
EINBANDENTWURF
GEORG SALTER
BERLIN
Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
Schächerbitte.
Du ewiger Richter, den die Priester malen,
Gerecht und gnädig dem, der an Dich glaubt –
Auf mein verruchtes, schuldbeladnes Haupt
Entleere restlos Deines Zornes Schale!
Straf hier und dort mich mit der Hölle Qualen!
Hoffnung und Trost bleibt ewig mir geraubt!
Nur eine Bitte, Eine sei erlaubt:
Erbarmungsreich laß Deine Gnade strahlen
Auf ... ach! mein Opfer, dieses teure Wesen,
Das hier erduldet Schmach und Pein und Grauen,
Nur, weil es ahnungslos und voll Vertrauen,
Mich, den Verfehmten, zum Gespons erlesen.
Rein ist ihr Herz, und schuldlos ihre Seele:
Daß sie mich liebte ihre einzige Fehle.
Emil Strauß.
I.
Der Fall der Brüder Strauß ist eigentlich der Sturz nur eines Menschen ... des älteren der beiden Brüder, Emil Strauß, der 1887 geboren, im Jahre 1921 wegen Tötung eines Kriminalwachtmeisters zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
Dieses Urteil war in mehr als einer Hinsicht der Schlußstrich unter ein Leben, das zum größten Teil, über zwölf Jahre hinter Kerkermauern verfaulte und seit den frühesten Tagen der Kindheit im Kampf mit Polizei und Gendarmen lag.
Die kurzen Zwischenakte, hinter denen sich der eiserne Vorhang bald und für immer längere Pausen schloß, waren erfüllt von einer Unzahl der verwegensten Einbrüche, die Berlin je sah.
Seine Taten brachten ihm den Namen eines Ein- und Ausbrecherkönigs ein. Denn mit der gleichen Verwegenheit und Tollkühnheit, mit der er Fassaden erkletterte, über Dächer lief, an Strickleitern abwärts turnte, durchbrach er Ketten, Gitter und Zellenstäbe, um die Freiheit wieder zu erlangen. Drang er in das Allerheiligste der Polizei, das Präsidium und Zuchthaus ein, um seinen Bruder zu befreien. Es gab für seine Energie und kühle Entschlossenheit, in seinem Haß und seiner Liebe keine Hindernisse.
Und immer hatte er auch ein fast unheimliches Glück.
Aus der grenzenlosen Flut der düsteren und traurigen Namen, die die Zeit nach dem Kriege formten und brandmarkten, mit ihren Taten zu der entsetzlichsten machten, die ein Gemeinwesen je erlebte, ragt, von seltsamem Nimbus umflort, dieser „Strauß“ turmhoch und unvergeßlich hervor.
Alle Kaufleute und Juweliere fürchteten ihn wie den Teufel, und die Gewölbe hallten wider vom Schrecken, den er verbreitete.
Die Masse aber nannte ihn voll Respekt und Verehrung, die Bürger lächelten voll verlegener Wut, und die Freigeister verfolgten seine Entwicklung voll Bewunderung.
Trotz allem!
Denn es handelte sich bei seiner Person nicht um einen Verbrecher schlechthin, der eine Funktion ausübt ... als Paradigma bei der Kinderschreckung zu dienen, der Polizei Arbeit und den Besitzenden Schaden zuzufügen. Der aus dem namenlosen, wimmelnden Dunkel der Keller und Kaschemmen im Norden in die goldene Hürde einbricht und dort wie ein Vandale haust. Ein Mensch, der ohne anderes Wissen denn um gute Gelegenheit zum Diebstahl, dahinvegetiert ... arbeitsscheu, frech, gewalttätig und trunksüchtig, wie die meisten dieser Existenzen nur dem Mob angehörig, der giftigen Hefe der großen Städte.
Es handelt sich hier auch nicht um die einzelnen Taten, so kühn und gewaltig sie ... objektiv, der Leistung, nicht der Wirkung nach betrachtet ... sich auch darstellen mögen. Es gab wildere und spannendere, das menschliche Denken und Schaudern mehr aufrüttelnde, erschütternde Verbrechen in dieser dämonischen Zeit, die auch in der eigentlichen Kriminalgeschichte mit Recht eine Sonderstellung einnehmen.
Die Entwicklungsgeschichte seiner Taten fehlt vollkommen.
Einzig das Technische der Einbrüche wirkt durch die sachliche und nüchterne Zweckmäßigkeit. Durch den Mut und das Objekt. Es sind nämlich nie einzelne, mehr oder minder wohlhabende Personen, die er heimsucht, sondern Verbände, Gesellschaften, Warenhäuser, bei denen sich der Verlust auf eine große Anzahl von Besitzern verteilt.
Dann sein Mut! Körperlicher zumeist. Waghalsigkeit.
Aber das wiederholt sich und findet sich auch bei anderen.
Zu anderen Zwecken.
Das Letzte, das schwere Ende, die Tötung des Gegners, war eine Verzweiflungstat der Furcht ... weder Mord noch tiefer verstrickte oder überlegte Triebentladung.
Ohne jede Komplikation in sich reihen sich seine Taten, die Ursachen seiner Berühmtheit, aneinander.
Etwas ganz Anderes und vielleicht Erstmaliges tritt hier klar in Erscheinung: der Typus des bewußten und überlegenen Außenseiters der Gesellschaft.
Die bittere Wahrheit, daß in unserer Mitte ein hochbegabter und gutmütiger, anhänglicher Mensch einem Schicksal unterliegt, das ihm durch unsere Schuld, eben der Gesellschaft, die ihn verstieß und dann verurteilte, aufgezwungen wurde.
Emil Strauß ist der Gentleman-Verbrecher ... durch seine untadeligen Manieren ebenso wie durch seine den gebildeten Durchschnitt bei weitem überragende, fast erschreckende Intelligenz und künstlerische Empfindsamkeit.
Seine Klarheit über die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung in seinem Leben muß jeden modernen Psychologen fortreißen und überzeugen.
Seine Feinde stellen ihm das beste Zeugnis aus.
Die Öffentlichkeit macht aus ihrer Sympathie für ihn kein Hehl.
Und doch ist dieser Mann vor dem Gesetz und der Gesellschaft schuldig!
Da klafft ein großer Riß zwischen Gefühl und Einsicht.
Ein Rätsel starrt uns an.
Das Geheimnis, das diesen Namen umwittert, stammt nicht aus den Verbrechen, mit denen er befleckt ist. Nicht aus den Legenden, die ihn umdichten.
Es ist lediglich das schmerzvolle Leben, der Werde- und Sterbegang dieses einsamen und abseitigen Menschen, das, im Zusammenhang gesehen, wie tragische Energie wirkt, die sich entladen muß, unheilvoll, den Träger selbst langsam, aber unaufhaltsam zerstörend.
Der Sinn ist wohl der Kampf Eines, der sich entrechtet und getreten fühlt und nun kämpft gegen das fürchterliche Schemen Gesellschaft, das ihn unglücklich und ungläubig werden ließ.
II.
Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn.
Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung, Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht. Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern auch der Zeit herbeiführen.
Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten, vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen.
Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe, Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei, sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ... wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie. Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen.
Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen.
Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche, dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht.
Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal mit der Polizei in Konflikt geriet!
Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben, aber sie existieren.
Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den tausendmal reuigen Sünder als die Tat.
Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt. Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen, des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung einen Sprung zeigt.
Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle Bedenken zerstreut.
Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn unmöglich macht.
Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme, entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit. Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren.
Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die Ausgeschlossenen.
Die Macht der Gruppe ist Tabu.
Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine kontinuierliche soziale Kraft.
Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen Gesellschaft?
Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist wiederum der Schrecken der Oberen.
Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt.
Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen, Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß, Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand.
Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit.
Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in der Seele des Nachdrängenden.
III.
Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten, liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt erschien.
Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater, Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen müssen.
Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher, gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am fremden Leben bedeuten.
Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen, Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen gelangte?
Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener, stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu können, wer man in Wahrheit ist!
Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren.
Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft.
Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben, nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen Jugend, unwiderruflich vorüber war.
Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner, menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen Leibe verspürt werden.
Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte, Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit verneint.
Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen, verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen. Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und wiederum drei Jahre Kerker.
Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen Haß zu knien.
Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen, ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem blutet.
Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit, andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte.
Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.
Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der Rache doch einen Sinn hatte.
Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht leben kann.
Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz. Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen, Hilflosen stecken.
Er kennt keine Menschen.
Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war, unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer Jungen zu.
Unzugänglich.
Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt.
Angebetet von dem jüngeren Bruder.
Finster. Verschlossen.
Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn für ihn durchs Feuer.
Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch geborenen und unerzogenen auszeichnet.
IV.
In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn.
Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte. Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt der nackten Tatsachen trennte und verheerte.
Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt, sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und Triebhaftigkeit.
Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt.
Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung. Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann.
Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und dreifach härter treffen würde.
Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens werden sollten.
„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden.
Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher Groß-Berlins zu sein.
Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten, die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden.
Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen, sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen.
Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen, müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine entschieden bessere Meinung von mir.
Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben.
Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen.
Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen und verarbeitet worden ist.
Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln.
Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner Schulaufgaben zu erledigen.
Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren, ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ. Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem ärgsten Widersacher nicht wünscht ...
Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde, in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...
Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ... Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Straßendirne.
In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...
Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken. Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...
Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.
Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!
Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig, daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt, sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.
Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen. Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in Dienst zu gehn.
Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe, und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach der Großstadt zurück.
In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich 1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer Zeit hinter Schloß und Riegel saß.
Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin, ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt, wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge? Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner Worte ...
Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre, Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe, zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.
Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis, sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!
Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“
V.
Natürlich war es Strauß nicht ohne weiteres möglich, diese Rede glatt und ruhig von der Leber weg vorzutragen.
Der Staatsanwalt unterbrach ihn immer wieder und forderte ihn auf, zur Sache, zum Bericht seiner Taten und deren Erklärung zu kommen. Man wollte von ihm andere Töne, eine Entschuldigung, Argumente konkreter Natur hören, die sich praktisch verwerten ließen ... sei es für oder wider ihn.
Aber der Angeklagte ließ sich nicht beirren. Mit der Hartnäckigkeit des Monomanen, von einer Idee besessen und ganz gebannt und überzeugt brachte er seinen Vortrag zu Ende.
Natürlich fanden der Ankläger wie auch die Richter an dieser seltsamen Verteidigungsrede, voller Selbstbewußtsein und wissenschaftlicher Analyse, genügend Momente, die reizten und ärgerten. Niemand konnte sich diese Verstiegenheit der Diktion, dieses buchmäßige und weltfremde Wissen anders denn mit Heuchelei erklären. Und man machte aus dieser Überzeugung keineswegs ein Hehl.
„In dem einen Jahr, das er in Untersuchungshaft saß, hatte der Angeklagte hinreichend Zeit, sich diese Phrasen zurechtzulegen, und bei seiner Schlauheit und Verstocktheit nimmt es nicht wunder, daß er diese Apologie seiner Moral ohne mit der Wimper zu zucken, ohne ein Wort des Bedauerns über die Lippen bringt. Seine grenzenlose Eitelkeit läßt ihn die Realität, daß er als Angeklagter hier steht, vergessen.
Vor allem aber muß man sich wundern, daß er es fertig bringt, wo doch seine Verbrechen klar zutage liegen, von ihm selbst eingestanden wurden, immer wieder die Schuld auf andere zu wälzen. Nirgendwo die Erkenntnis, daß er selbst der am meisten Schuldige.
Immer wieder diese häßlichen Verdächtigungen fremder Personen, vor allem aber der eigenen Familie. Längst vergangene und vergessene Erlebnisse der Kindheit, die gewiß bitter gewesen sein mögen, als Entschuldigung für Verbrechen heranziehn zu wollen, die man als gereifter, welterfahrener Mann begangen hat, übersteigt die Fassungskraft eines jeden, selbst wenn er noch so sehr alle Milderungsgründe suchen und erkennen möchte.
Das ist nichts weiter als eine pseudowissenschaftliche Objektivität, die sich mit dem moralischen Begriff der Heuchelei deckt.“
So ungefähr lauteten die Argumente der Gegner, der Richter und Reporter.
Es war natürlich nicht anders zu erwarten.
Denn diese Rede, die in Wirklichkeit wie die Vorlesung eines Arztes über erbliche Belastung und infantile und sexuelle Bindung klang, enthielt keinerlei Erklärung im gemeinverständlichen Sinne der Gerichtsverhandlungen, wo man an Tränen und Verzweiflungsausbrüche, seien sie auch noch so einstudiert, gewöhnt ist. Oder an das dumpfe, resignierte Verstummen unter der Macht der Tatsachen, gegen die der schwache und zermürbte Mensch, wie er weiß, doch nicht aufkommen wird.
All das fehlt in dieser Verteidigungsrede des Emil Strauß, die als ein Kuriosum die Runde durch alle Zeitungen machte.
Und doch muß man und kann man nur sagen, daß es in Anbetracht der Intelligenz, der Empfindsamkeit dieses seltsamen Menschen, den das Bewußtsein seiner Verbrechen wirklich deprimiert, unglücklich macht, keine andere Möglichkeit für ihn gab, zumal da er von einem unbeugsamen Stolz erfüllt zu sein scheint, der keinerlei Selbsterniedrigung mehr erträgt. Er möchte einmal reinen Tisch machen mit seiner Vergangenheit, sein Gewissen erleichtern, und zwar Auge in Auge mit der Bestie, mit der er gerungen hat sein ganzes Leben lang: mit der Gesellschaft.
Seine Verteidigung ist in Wahrheit eine Anklage, und zwar die Anklage eines Menschen, der um die Zusammenhänge besser Bescheid weiß, tiefer in die Verstrickung des Lebens in Schuld und Verhängnis eingedrungen ist als seine Ankläger. Es ist zugleich die Selbstanalyse eines Geistes, der von diesem tiefen und erschütternden Erlebnis, daß durch seine Hände, wenn auch unbedacht, ein Mensch sein Leben lassen mußte, zu tiefst aufgewühlt, einen neuen Weg vor Augen hat und ihn beschreiten will mit aller Energie, die einem Fanatiker, einem Büßer in Einsamkeit nur innewohnen kann.
Alle Möglichkeiten dieses fruchtbaren und unermüdlichen, verwirrten, gehetzten und zugleich klaren Geistes sind in diesem Vortrag enthalten. Aus abgründiger, stärkstes Medium der Selbsterhaltung gewordener Ironie heraus weiß er, daß es für ihn keine Rettung geben wird vor diesen Menschen, die von Amts wegen berufen sind, zu verurteilen.
Für ihn lag damals schon ein anderes Wissen um die Welt und ihre Zusammenhänge dicht vor Augen. Neues Wissen, neue Weisheit kann man sagen, strömte aus der christlichen Lehre in dieses weite und willige Gefäß. Verkehrte den Inhalt des Widerspenstigen, des Kämpfers um den Sinn der Freiheit, der Gewalt nie weichend, in das Gegenteil: Nachgiebigkeit, Verachten der Materie und der sinnenfälligen Zusammenhänge.
Aus jedem Satze seines Bekenntnisses spricht neben der tiefen, verschlossenen, vergrämten, vergrabenen Reue das Wissen um ein Anderes, Unsagbares, Höheres.
Dieses Wissen ist seine privateste Erfahrung, sein jüngstes Gericht und der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das bedeutet vor allem der isolierte und unmenschliche Ton der gedachten Worte.
Das ganze Elaborat will nichts anderes bedeuten als eine Korrektur am eigenen Leben, eine Erleichterung, eine Enthüllung zu eigenem Nutzen und zugleich eine boshafte, raffinierte ... Strafe am Körper der Justiz, die ihn mit zehn Jahren zum ersten Male brandmarkte, ihm einen Verweis erteilte, der ihn vorbestraft machte.
Von diesen Vorstrafen spricht er ebensowenig wie von seinen Verbrechen, deretwegen er jetzt angeklagt ist. Sie existieren für ihn nicht, nicht in seinem Leben, es sind Verhängnisse, die eine dunkle Macht, von der Gesellschaft entfesselt, gegen ihn mobilmachte.
Vor allem haben sie jeden Sinn in seinem neuen Leben verloren, das anknüpfen möchte an seine Jugend, die er mit der Rede heraufbeschwört. Die aber den großen Riß nicht verbergen kann und will, der seine Seele zerspaltete, als seine Mutter, die tiefe Bindung an alles Gute und Schöne, starb. Mit ihr ertrank alles, was bis dahin noch einen Schimmer von Wärme und Liebe bot in einem ekelhaften, unsauberen und verlogenen Milieu. Dem er zwar überlegen und doch verfallen war, das nicht sein Milieu und doch Gewalt über ihn gewann, dem er nicht entrinnen konnte. Ein gräßlicher Zwiespalt öffnete sich zu Auswegen in Verbrechen, in Diebstähle, Vagabundage und schloß sich immer zugleich mit Kerkermauern.
Die boten zwar Schutz vor den Gefahren, vor der eigenen Schwäche. Man konnte lesen, lernen, Französisch, Englisch, Mathematik, Geschichte, Literatur betreiben. Aber zugleich mit der enorm aufschießenden Erkenntnis, mit der Überfülle des Wissens und dem Glauben an seine Macht quoll auch die Bitternis über das verfehlte Leben empor. Die Sehnsucht nach der Freiheit, nach der Geltung entsprechend den Qualitäten, die man sich selbst in der eifrigen Arbeit an den Büchern bewiesen hatte.
Aber das Wilde, die Empfindsamkeit des Überreizten, des allzu Ausgehungerten nach Leben und Freiheit überwältigt ihn sogleich, sobald die überhitzten Häuser der Großstadt, der Tumult der Millionen ihn umfängt.
Er bricht aus den guten Vorsätzen der Zelle aus. Der Trieb nach Macht, dem der Geschwächte nichts Gleichwertiges an Beharrung entgegenzusetzen hat, reißt ihn hastig und hastiger mit sich fort.
Immer wieder sind es schwere Einbrüche, die ihn aufs neue in den Kerker bringen. Bei all diesen Taten ist das Seltsame, daß er nie Anstrengungen macht, zu entkommen, zu leugnen, sich zu entlasten. Mit einer geradezu Entsetzen erregenden Grausamkeit gegen sich selbst, mit fatalistischer Gelassenheit sagt er trocken und offen die Wahrheit.
Er stiehlt aber er sagt die Wahrheit! Man kann jedes seiner Worte auf die Goldwage legen. Keinerlei Beschönigungsversuche oder Verdrehungen des Sachverhaltes finden sich in seinen Aussagen ... Mann gegen Mann steht er gelassen für seine Taten ein. Dabei ist er sich über die Schonungslosigkeit seiner Gegner vollkommen im klaren. Er gibt sich keinerlei Täuschung hin und findet reichlichen Hohn über die freieste Gerichtsbarkeit der Welt. Wie kaum ein Zweiter hat er sie am eigenen Leibe gespürt, seit der frühesten Kindheit schwingt sie die Geißel über seinem Haupte.
Als unverbesserlicher Einbrecher, dem es zur zweiten Natur geworden scheint, fremdes Eigentum zu rauben, wird im Jahre 1911 zum ersten Male Zuchthaus gegen ihn verordnet. Er war damals vierundzwanzig Jahre alt. Saß die drei Jahre ab. Ohne Klage, ohne einen Verweis. Wird entlassen und begeht sofort einen neuen Einbruch. Wird erwischt und wiederum zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Sitzt auch diese Strafe ab und wird im Jahre 1917 entlassen.
Hier tritt eigentlich der jüngere Bruder, Erich Strauß, zum ersten Male deutlicher in Erscheinung.
Denn jetzt erhält der Kampf des Älteren einen doppelten Sinn. Wie ein Wilder setzt er alles ein, um seinen Bruder, der in der Entwicklung zurückgeblieben, an epileptischen Anfällen leidet, schwerhörig ist, vor dem gleichen Schicksal, dem er selbst verfallen scheint, zu bewahren.
Auch Erich hat sein gerüttelt Maß Strafen hinter sich. Aber es sind wohl zumeist geringere Delikte, wenn auch Diebstähle, die ihn ins Gefängnis brachten. Zusammen wohl zwei bis drei Jahre.
Erich erscheint neben seinem Bruder als der Unbedeutendere, der Ungeistige, und der Gewalt des Fanatikers durchaus hörig.
Aber zugleich ist er auch der Unglücklichere, durchaus bedauernswert, von Natur und durch Verhängnis an die Spuren eines in allem ihm überlegenen Menschen, des Einzigen, den es auf der Welt für ihn gibt, gekettet. Emil war für den Jüngeren Vater, Mutter, Bruder und Gott zugleich. Wußte er sich in Not, saßen ihm die Häscher auf den Fersen, erfand der Ältere den Ausweg. Rettete ihn aus dem Polizeipräsidium, aus dem Zuchthaus. Schwur, ihn zu befreien, und hielt Wort.
Dadurch gewinnt der Kampf, den Emil Strauß im Jahre 1917 begann, ein neues Gesicht.
Er ließ alle Bedenken fallen. Lebte in einer Welt, die keine war. In einem Schema, einem Irrgarten, in dem man Verbrechen rächt, die gestraft werden sollten. Strafen treiben ihn nur noch weiter.
Wie ein Hohn klingt es, wenn man bedenkt, daß er zur Erlangung guter Einbrecherwerkzeuge in das Kriminalmuseum selbst einbricht und sich mit allem versieht, was er zu seinem Erwerb braucht. Aus der Motivierung dieses Einbruches, die er der Polizei gibt, erhellt ohne weiteres, daß er sich seiner Überlegenheit voll bewußt ist und er unterstreicht doppelt die Ironie, die er den Behörden gegenüber immer an den Tag legte. Er sagte nämlich: „Wenn Ihr schon ein so hübsches Museum einrichtet und Reklame dafür macht, müßt ihr auch gestatten, daß wir es auch mal besuchen und uns anschaun.“
Dieser Diebstahl hat ihm die Sympathie der Behörden verscherzt. Diese fühlten sich irgendwie in ihrer Ehre gekränkt und hetzten jetzt mit allen Mitteln hinter ihm her. Es gelang ihnen zunächst, des Schwächeren, des Bruders, habhaft zu werden.
Erich befindet sich im Polizeipräsidium. Steht in Bewachung eines Polizisten auf einem der Korridore. Verhör auf Verhör, alle Fallen vermochten ihn nicht zu fangen. Er wird den Namen, den Aufenthalt seines Bruders nicht nennen und wenn sie ihn in Stücke reißen. Mit dem Instinkt des Blutes, das in ihnen lebendig, hüten sie den Namen ihrer Freunde, als sei es ihr eigener.
Erich wartet.
Da nähern sich Schritte über den hallenden Korridor. Ein hoher Mann in der Uniform eines Justizwachtmeisters tritt an den Häftling und dessen Begleiter heran, weist sich aus, übernimmt den Gefangenen, um ihn zum Untersuchungsgefängnis zu transportieren.
Die beiden verlassen das Präsidium, verlassen die Straße, die Stadt, sie sind wie vom Erdboden verschwunden. Es war niemand anders als Emil, der diesen Geniestreich ausheckte und durchführte.
Einem Hauptmann von Köpenick gelang es, die willenlosen, militärisch subordinierten Seelen einfacher Soldaten im Vertrauen auf die Allmacht der Uniform zu düpieren und ganz Europa in heiterstes Gelächter zu versetzen. Er lief weiter keine Gefahr, als daß er wegen Diebstahls eingelocht wurde. Hatte sonst ein reines Gewissen und Humor.
In diesem Falle aber mußte alles klappen oder alles war verloren. Denn gerade ihn suchten sie. Hinter diesen Türen lauerten seine schlimmsten Feinde. Irgendeine dieser Türen brauchte sich zu öffnen. Irgendein Blick dieser scharfen Augen seine Miene bloß zu streifen ... und beide waren verloren. Da gab es keine Wehr und kein Entrinnen.
Aber das Unmögliche gelang. Alle Berechnungen stimmten. Die Korridore lagen leer und unbewacht, die Menschen, die ihm begegneten, hielten ihn für einen Kollegen und grüßten womöglich. Aus ureigenstem Studium kannte er Schritt und Haltung eines Justizbeamten. Mit ewig geneigtem Kopf, der von Namen und Daten und Zahlen und Terminen raucht, schreitet der so Beamtete hastig und doch schlendernd seines Wegs.
Natürlich hatte er seine Helfer. Denn fragen durfte er nicht. Er mußte wissen, daß um zwölf Uhr mittags da und da der Beamte mit dem Gefangenen Erich Strauß auf den Abtransport warten würde.
Blieb nur das Problem der eigenen Haltung.
Die Uniform stimmte. Die Papiere ebenfalls.
Und seine Nerven hatte er in der Gewalt. Das Bewußtsein seiner Überlegenheit und seiner Mission ließ Zweifeln oder Angstgefühlen, nicht einmal klaren Gedanken über die Möglichkeit des Mißlingens Raum.
Es mußte sein, und so kannte er weder Furcht noch Zaudern. Übernahm ordnungsgemäß seinen geliebten Bruder und entführte ihn.
Allerdings nicht lange.
Denn jetzt setzten die Behörden alles in Bewegung. Es gab einen Kampf um die Ehre, Mann gegen Mann. Wer der Stärkere war.
Natürlich konnten sie diesem Ansturm nicht lange widerstehn. Das Gericht machte ihnen kurzerhand den Prozeß und schickte sie auf zehn Jahre oder mehr nach dem Zuchthaus.
Hier ist nun der Ort, wo eigentlich das Leben des Emil Strauß und seines Bruders, die beide nur ein einziges bilden, mit doppelten und dreifachen Gliedern und Kräften sozusagen, seinem Höhepunkt entgegenreift.
Das Duell zwischen der Intelligenz des Verbrechers und der Intelligenz der Polizei hatte bereits rein persönliche Züge angenommen.
Die Beamten kannten ihre Brüder und die Brüder kannten die einzelnen Jäger und ihre besonderen Fähigkeiten genau. Man gehörte zu einer Familie und setzte sich im Guten oder Bösen auseinander.
Emil Strauß gab den Kampf keineswegs auf. Aber er brauchte Zeit. Er mußte die Wärter in Sicherheit wiegen. Dank seiner Lammsgeduld, seiner guten Manieren hatte er es bald erreicht, daß man ihm weniger scharf auf die Finger sah. Seine ewig gleichbleibende Freundlichkeit hatte etwas Entnervendes, Einschläferndes.
Zwei Jahre hielt er es in Naugard aus.
Dann zersägte er die Gitterstäbe, kletterte über die Mauern. Wenige Stunden später war er wieder in Berlin.
Hier möchte ich eine kurze Charakteristik über Emil Strauß, die wohl auf diese Zeit seines Lebens Bezug hat und die sein Verteidiger, Herr Dr. Carl Loewenthal-Landegg, im „Tagebuch“ veröffentlichte, einflechten. Sie eröffnet eine merkwürdige Perspektive über den Denkprozeß unseres Helden. Offenbar gibt es für ihn oder gab es zumindest so etwas wie das legale Verbrechen oder Notwehr des einzelnen im Kampfe gegen den Staat. Eine Art von Urfehde mag ihm da vorgeschwebt haben. Irgendwo in dem Gefüge der Gesetze mußte es doch eine Masche geben, durch die ein gewandter „Jurist“ entschlüpfen konnte. Mit der höchsten Aggressivität gegen alles, was Gericht und Polizei hieß, scheint er eine subtile Kenntnis der einzelnen Paragraphen und so etwas wie Respekt vor dem Gewerbe des Anklägers zu besitzen. Beide leben von derselben Materie. Es fragt sich nur, wer am ersten dabei zu Grunde geht.
„Vor Jahren sah ich ihn zum ersten Male in meiner Sprechstunde ... Ein eleganter, hoch aufgeschossener Kavalier; tadelloser Gehpelz und modernster Zylinder, den geschmackvollen Spazierstock in der wildlederbekleideten Hand. Er bat mich in ruhigem, vornehmem Tone, seinen Namen verschweigen zu dürfen: nur eines Freundes wegen komme er, der sich infolge eines Konfliktes mit dem Gesetze verbergen müsse.
Ob ich ihm über gewisse Auslieferungsverträge Auskunft geben könne. Ich mußte die Antwort als „Rechts“-Anwalt ablehnen. Aber dann sprachen wir weiter über allerhand Fragen aus dem Strafrecht, und ich bewunderte seine Kenntnisse. Einer vom Fach, dachte ich mir ... vielleicht ein gescheiterter Referendar oder ausgeglittener Assessor. Dem widersprach ein Etwas, über das ich mir im Augenblick nicht klar wurde ...
Das Gespräch und sein Abschied sehr korrekt; nur alles sonderbar zögernd ...
Bald darauf hörte ich von einem der Schwerklienten, daß es Emil Strauß war: ... wieder einmal nach dem Ausbruch und eifrig gesucht ...“
VI.
Dieses Kapitel möchte man überschreiben: Auf dem Gipfel der Macht. Der Beschreibung der Eleganz und guten Manieren dieses Philosophen unter den Einbrechern möchte ich zunächst die etwas tragischere seines Schattenbildes angliedern. Gleichfalls von Herrn Dr. Loewenthal-Landegg entworfen:
„Dann, nicht lange darauf war’s, in einer kleinen Kneipe in NO ...
An einem im Halbdunkel stehenden Tische saß Emil Strauß in einem größeren Kreise gleichaltriger Leute. Wieder fiel mir sein tadelloses Äußere auf und die Ruhe seines Wesens; ein auffallender Kontrast zu der unsteten, wüsten Umgebung. Nichts störte die gediegene Note der Erscheinung ... keine unmögliche Krawatte und kein greller, schreiender Velourhut, wie ihn sonst die Männer vom Brecheisen und Dietrich tragen, wenn sie in Zivil gehen.
Er schien mich sofort zu erkennen. Nur ein kurzes, unmerkliches Nicken sagte mir, daß er auf meine Verschwiegenheit rechnete. Stumm saß er, ohne an den Gesprächen und Zoten der Gefährten teilzunehmen. Allein die beweglichen Augen sprachen und durchforschten jeden der Anwesenden und Kommenden. Sein Glas mit schalem Bier stand unberührt die halbe Nacht. Er nippte nicht einmal daran. Die um ihn behandelten ihn mit eigenartiger Scheu, wie einen Ehrengast, den man achtet.
Später sammelten sie für einen, der „alle“ geworden war, und dessen hungernde Familie. Jeder von den Männern und ihren Bräuten gab etwas. Er aber leerte ohne Besinnen die ganze Brieftasche auf den Haufen, und ehe sie noch etwas dazu sagen konnten und wollten, verschwand er schnell hinaus in die Nacht.“
Hier ist das eigentliche Milieu dieser letzten Verwandlung des vielseitigen und unruhigen Geistes.
Von Freund zu Freund lief er jetzt und sammelte Material. Geht zum Anwalt, um ihn zu konsultieren. Beschreitet gewissermaßen den Rechtsweg wie ein Herr, der zu verlangen hat. Ein Verbannter.
Es gibt keine andere Möglichkeit als die Gewalt.
Ringsum nur Gefahren. Die Häscher sind ihm unablässig auf den Spuren. Aber er kennt weder Müdigkeit noch Furcht.
Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht unbewußt. Jedenfalls mußte er der damaligen Volksstimmung unterliegen. Das Fluidum der Revolution hat gewiß auch seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der Protest am stärksten. Die Tausende kämpften einen allgemeinen Kampf für irgendein Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte, wie Freiheit, Achtstundentag, bessere Löhne, Beteiligung am Umsatz.
Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten in dem Körper des Staates, der im Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft. Aufruhr brüllte durch die endlosen und starren Straßen, gegen das Parlament. Seltsame Gerüchte schwirrten um. Die Unsicherheit des Daseins, das Abenteuer hatte unzählige Menschen der angeborenen Schüchternheit entrissen und sie in den allgemeinen Wirbel geschleudert.
Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg, seine individuelle Revolution durchzukämpfen. Solange der einzige Mensch auf Erden, dem er sich verbunden fühlte, dem er Treue zu halten verpflichtet war, weil er auch ihm Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig war, solange der Bruder im Kerker schmachtete, gab es für ihn keine Ruhe. Langsam reifte in ihm der tollkühne Plan zu seiner Befreiung.
Mit zwei Freunden macht er sich am siebenundzwanzigsten November, abends auf den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus nach Naugard. Gutgekleidete Reisende. Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält Wäsche und Kleider. Eine Strickleiter. Werkzeuge aus dem besten Stahl.
Der eine der Begleiter wußte genau die Zelle, hatte den Plan erläutert.
In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen, in drohende Finsternis gehüllten Zuchthaus.
Das Feld weit und breit mit hohem Schnee bedeckt. Er dämpft jeden Laut, leuchtet genügend, um die Fenster erkennen zu können. Aber es gilt, auch schnell zu handeln, denn jeden Moment kann irgendein Zufall zu Überraschungen schon hier draußen führen.
Eine kurze Beratung, die Fenster werden gezählt. Und schon sausen Schneeballen hinauf, um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren.
Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt er gar nichts. Es wurde nie aufgeklärt, ob Erich von der Befreiung unterrichtet war. Auch die Namen der Begleiter wurden nie entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten dieser Heldentat vollkommen im Dunkel.
Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt in das Haus einzudringen.
Die Strickleiter saust durch die Luft und hakt fest an den Zacken des Gitters. Er steht im wohlbekannten Hof vor dem mächtigen eisernen Tor. Es wird aufgesprengt. Mit einer fabelhaften Präzision und Ruhe muß eine Tür nach der andern seiner Wut und Entschlossenheit weichen. Schließlich steht er vor der Zelle des Bruders. Auch diese Tür wird aufgestemmt.
Jetzt gilt es, zu zweit den gleichen Weg zurückzulegen.
Kein Wärter begegnet ihnen – keine Alarmglocke heult durch das Haus.
Auch dieses Wunder gelingt. Erich wird eingekleidet. Dann marschieren die vier Männer fünf Stunden durch die Nacht zu einem kleinen Bahnhof und gelangen unbehelligt nach Berlin zurück.
Die Morgenblätter sind bereits voll von dieser verwegenen Tat. Die Polizei verdoppelt ihre Anstrengungen. Die Stadt hat die beiden aufgenommen. Verschluckt.
Wenige Tage der Ruhe aber genügen, um den Eifer der beiden zu verdoppeln.
Sie inszenieren den kühnsten ihrer Einbrüche, den verwegensten, den Berlin vielleicht je erlebte. In der Nacht vom zweiten zum dritten Dezember 1919 rauben sie das Seidenhaus der Firma Dressel in der Niederwallstraße zu Berlin aus.
Am Samstag, dem zweiten Dezember, lassen sich die beiden in dem zum gleichen Häuserblock, aber auf der abgekehrten Seite liegenden Gymnasium einsperren. In der Nacht klettern sie über die Dächer der Nachbarhäuser auf das Dach des Warenhauses. Mit einer Strickleiter gelangen sie in die Höhe des Warenlagers. Drücken ein Fenster ein.
Fast vor den Augen der Wächter.
Gelangen in das Innere des Hauses und räumen die dort aufgespeicherten Schätze zusammen. Verschnüren sie zu Ballen.
Auf der Straße warten die Hehler mit Wagen, um die Ware abzutransportieren.
Nicht weniger als sechsmal mußten sie diesen lebensgefährlichen Weg zurücklegen. Klettern, springen, gleiten.
Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu Kempinski, das alte Berliner Weinrestaurant, speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück und vollenden sie am Montag früh. Zwei Nächte und einen Tag hielten sie sich an der Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere hunderttausend Mark. Er selbst löste für die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark, ein herzlich geringer Betrag, zumal da es Papiermark waren. Der eigentliche Wert dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars ausgemacht haben.
Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen Werk dieser Einbruch war. Das Einsteigen in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder. Große Firmen wie Michels und Wertheim waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden emporkletternd, Stoffe im Werte von hunderttausenden geraubt und verschärft. Die Ware wurde nie wieder gefunden. Auch von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen Zug unternahm er gegen einen großen Juwelier in der Passage Friedrichstraße, dessen Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine Spur entdeckt wurde, weder von ihm, noch von den geraubten Kostbarkeiten. Immer fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende von Dollars. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Es gab für sie keine Hindernisse, Abwehrmaßnahmen. Sie kletterten an den Fassaden über Dächer und Mauern, wie andere über Straßen gehn.
Dies war der letzte und größte Einbruch der beiden Einbrecherkönige, deren Namen in aller Munde waren und eine Popularität erlangten, wie kaum ein gleich mutiger und verwegener Abenteurer vordem.
VII.
Hier beginnt nun ein Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen, der für ihn vielleicht die glücklichste Zeit bedeutete. Ihn zugleich aber auch zum ersten Male vor den Ausgang aller Abenteuer früher oder später stellte und um ein Haar in den Abgrund gerissen hätte.
Die Schwierigkeit der Erhellung der einzelnen Phasen seiner Entwicklung liegt vor allem in der vollkommenen Abseitigkeit des Lebens, das Strauß führte. Entweder er war eingesperrt hinter Kerkermauern. Dann schlief sein dunkles Ich. Das Tier, die Haßinstinkte wandelten sich in der Einsamkeit in den starken Trieb nach Bildung. Er studiert Sprachen, Stenographie, Elektrotechnik. Schreibt Gedichte von einer seltsamen Vollendung. Natürlich abhängig von den Dichtern, die er jeweils liest. Sein künstlerisches Empfinden ist allerdings nicht originär. Aber er besitzt angeborenes Formgefühl. Mit artistischer Gewandtheit weiß er sich einzufühlen in Stimmungen und Rhythmen, die ihm geläufig bleiben. Das Wort versagt ihm nie den Dienst. Wenn er will.
Die Tage der Freiheit sind mit wildem Tatendrang ausgefüllt. Es leidet ihn nicht in der Enge der Wohnung. Arbeit kann er als Zuchthäusler und berüchtigter Einbrecher ja doch nicht finden. Niemand würde ihn aufnehmen. Niemand an seine Besserung glauben.
Für Menschliches bleibt da kein Raum. Er führt das Leben eines Einsiedlers. Eines Fanatikers, der nur an seine Pläne denkt. In einer eingebildeten Welt umherrast und ausbricht in die reale und dort Unheil gegen sich und die Mitmenschen anrichtet. Zweifellos unterliegt er ganz starken, unwiderstehlichen Trieben, die sein ganzes Denken absorbieren und jede Erwägung über Gut und Böse lähmen. Insofern fällt er unter die Menschen, vor denen sich die Gesellschaft schützen muß. Auf welche Weise, ist allerdings nachdem einmal der Weg der Strafen beschritten wurde, schwer zu sagen. Das Schicksal wollte, daß Strauß im gleichen Moment, wo seine Tage Menschlichkeit und seine Züge den Ausdruck allgemeiner Verfassung gewinnen, zu Fall kam.
Im Verlauf des großen gegen ihn und seinen Bruder geführten Prozesses sagt er an einer Stelle:
„Wir sind auch in dieser Beziehung Außenseiter und Schwerverbrecher einer Art, wie sie nur selten herumlaufen.
Wir haben nie viele Freunde gehabt, niemals in Kaschemmen verkehrt.“
Hier haben wir einen klaren Einblick in die Verfassung dieses Menschen. Er ist sich seines Wertes wohl bewußt. Schätzt diese Abseitigkeit und frißt zugleich die Wollust der Ausgestoßenen in sich hinein, die als Rache wiederkehrt und sich gegen die Gesellschaft wendet. Sein Stolz verbietet ihm, in die dumpfen Niederungen zu tauchen, in denen die Zunftgenossen zu leben gezwungen sind. Wo sie ihrer menschlichen oder unmenschlichen Leidenschaft nachgehen können und die Tage der Freiheit so verbringen, wie es ihnen paßt. Sie sonnen sich an ihren Erfolgen, berauschen sich an neuen Möglichkeiten und haben jedes Bewußtsein für die Unrichtigkeit ihrer Existenz im Zusammenhang mit der anderen Hälfte der Menschheit verloren.
All diese Heimlichkeiten offizieller und betrachtender Feier fehlen im Leben dieses Einzelfalles. Er gleicht einem Beamten, einer Maschine, die nicht stillstehen kann, ohne wertlos zu werden.
In dieses rauhe Dasein, das von tausend freiwilligen und geliebten und noch mehr unfreiwilligen und gefürchteten Gefahren umlauert ist, tritt als Unterbrechung die rührende Idylle einer großen Liebe.
Aus den Erläuterungen über den Ursprung seiner Laufbahn wissen wir, welcherart sein erstes erotisches Erlebnis war. In der Zeit der stärksten Bindung an seine Mutter und zugleich Hoffnungslosigkeit, je wieder menschliche, selbstverständliche Zärtlichkeit zu finden, überfällt ihn die kalte und brutale Zärtlichkeit einer abgefeimten Dirne, der er wehrlos, aber voll unauslöschlichen Ekels unterliegen muß. Dieses Erlebnis hat er niemals verwinden können, und welche Bedeutung es für ihn haben muß, geht aus der Tatsache hervor, daß der sonst wortkarge und verschlossene Mensch in vollster Öffentlichkeit vor ganz Deutschland gewissermaßen die Worte findet, seine Qual und seinen Ekel hinauszuschleudern.
Zugleich aber bildet diese Wunde, der ständige Reiz, der von ihr ausging, einen Teil seines ewig wachen und kalten Selbstbewußtseins.
Über das erotische Leben dieses Mannes, über seine allzu menschlichen Abenteuer weiß man gar nichts. Er hängt mit verbissener und grandioser Liebe an seinem Bruder und seiner Schwester. Widmet ihnen seine Dienste über den Tod hinweg in einer seltsamen und düsteren Treue, die auf jeden Menschen einen ergreifenden und echten Eindruck macht.
So lebte er bislang.
Dann trat eine Frau in sein Leben und alles wurde anders.
Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus am Alexanderplatz kennen. Nannte sich Vogel und war als Verliebter eigentlich genau so, wie er als Typus in der Geschichte der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben wird. Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still und doch lebendig. Aufopfernd. Las der Freundin jeden Wunsch von den Augen ab. Für Geld hatte er keinerlei Sondergefühle. Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr Kleider und Wäsche. Er war Schlosser und verdiente. Führte auch seinen Bruder ein. Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie das Geheimnis, das sich hinter dem rätselhaften Vogel verbarg.
Als der Vater der Freundin starb, kaufte er ihr Trauerkleider und ging ihr zuliebe auch in Trauer.
Nicht nur die Richter legten ihm diese Rolle übel aus. Fanden seine Zärtlichkeit und die Schonung, die eigentlich aus allen seinen Handlungen sprach, unaufrichtig, seine Freigebigkeit verschwenderisch. In Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male der Hunger nach Leben gepackt. Die Erkenntnis vor der endlichen Fruchtlosigkeit seines Kampfes mochte ihm ganz entfernt und leise dämmern. So klammerte er sich mit allen Fasern seines liebebedürftigen und bisher verschmähten Herzens an dieses Erlebnis und war entschlossen, es bis zum Ende auszukosten.
Dieses Ende sollte bald hereinbrechen.
Im Dezember des Jahres 1919 herrschte geradezu eine Epidemie der Einbrüche und Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht auf den Beinen. Alle Kommandos waren ständig unterwegs. So suchte am neunten Dezember ein Kommando unter Führung des Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den Urhebern eines Raubüberfalles auf einen Geldtransport der Post in der Nähe des Schlesischen Bahnhofes.
Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen über die auffallenden Ausgaben einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der zwei Brüder Vogel wohnten.
Die Gegend war nicht geheuer und der Schluß der Polizei, daß diese Gelder aus unlauterer Quelle stammen müßten, vielleicht aus jenem Raub, lag nahe.
So machten sich also die Beamten auf den Weg zur Guineastraße – fünf an der Zahl.
Frau B. feierte ihren Geburtstag und es ging hoch her. Etwa ein Dutzend Personen war um den Tisch des Hauses versammelt. Es gab Wein, Schnaps, Kuchen und reichlich zu essen und zu trinken.
Die Beamten betraten die Wohnung und erklärten, daß sie eine Hausdurchsuchung abhalten müßten.
Man war einverstanden. Die Personalien der Anwesenden wurden festgestellt, und die Beamten fanden an dem Namen Vogel nichts Verdächtiges. Sie waren ahnungslos und fremd in die Wohnung des Löwen geraten.
Diese Ahnungslosigkeit der Beamten sollte das Verhängnis beider Teile werden.
Es war ein schwerer Fehler der leitenden Stellen der Polizei, daß sie ohne genügende Beobachtung Mannschaften, die den Charakter der Brüder Strauß nicht kannten, gegen diese vorsandten. Sie hätten eruieren müssen, wer diese Brüder Vogel sind. Und dann ausgewählte Beamte, wie das bei der eigentlichen Verhaftung dann auch geschah, auf Streife schicken sollen.
Das ganze Renkontre mit dem tragischen Ausgang ist auf diese Unachtsamkeit zurückzuführen. Es wäre unter den richtigen Voraussetzungen nie zu diesen blutigen Exzessen gekommen. Der Ruf des Beamten mußte den verwirrten Strauß, der doch sofort bemerkte, daß er einen durch seine Unkenntnis gefährlichen Gegner vor sich hatte, als die Drohung mit Schießen erscheinen, so daß psychologisch das Moment der Notwehr gegeben war.
So wurde er das Opfer polizeilicher Unvorsichtigkeit, geriet gewissermaßen in eine unfreiwillig gestellte Falle, der er nicht entrinnen konnte.
Wie man wirklich seiner habhaft werden konnte, ohne viel Aufhebens und vor allem ohne jeden Widerstand, bewies später der Kriminaloberwachtmeister Dettmann.
Die drei Kriminalbeamten begannen mit ihrer Arbeit. Fanden eigentlich nichts. Bis einer auf dem Ofen einen großen Packen Geldscheine liegen sah.
Emil entfernte sich, um eine Leiter zu holen. Erich hatte sich beim Eintritt der Beamten unbemerkt zurückgezogen.
Aber der Beamte behalf sich mit einem Stuhl, holte das Geld und setzte sich an den Tisch, um zu zählen. Zwischendurch fragte er Frau B. nach dem Ursprung einer so großen Summe, die sie als die Erbschaft von ihrem Vater erklärte. Diese Auskunft genügte nicht und er fragte, weshalb denn das Geld oben auf dem Ofen liege. Im allgemeinen pflege man doch einen solch hohen Betrag in der Bank oder an einem sichereren Ort zu verwahren.
Hier mischte sich Emil, der bis jetzt ganz ruhig, äußerlich zumindest, geblieben war, in die Unterhaltung und motivierte dieses Versteck, das nach seinem Dafürhalten durchaus sicher sei. Die Beamten durchsuchten nun weiter die Wohnung, und Emil zog sich einen Augenblick in eine kleine Kammer zurück. Seine Abwesenheit wurde aber von Erdmann bemerkt, der ihn fragte, was er da mache.
Da erscholl das Knacken eines Revolvers, der Beamte sprang auf und schrie: „Hände hoch!“
Niemals hatten die Brüder Strauß bis jetzt irgendeinen Angriff auf das Leben eines Menschen unternommen. Sie waren dafür bekannt, daß sie nie Waffen trugen. Woher kam diese plötzliche Wendung?
In der Verhandlung erzählte Emil etwa folgendes:
„Eines Tages erschien Erich mit zwei Revolvern und übergab sie mir für den Fall, daß wir bei einer unserer Klettertouren abstürzen sollten. Dann wollten wir uns erschießen, um nicht lange in Qualen sterben zu müssen oder als Krüppel herumzulaufen. Nie aber, und das machte ich ihm zur heiligsten Pflicht, darf auf einen Polizisten geschossen werden. Sei es wer immer!“
Diese beiden Revolver lagen ungeladen in der kleinen und finsteren Kammer versteckt.
In irgendeiner Assoziation, die wohl nur aus seiner alkoholisierten Stimmung, aus seinem Erlebnis mit der Frau zu erklären ist, vielleicht auch aus Verzweiflung und trüber Ahnung nahm Emil die eine Waffe und versuchte zu laden.
Dabei schnappte wohl der Hahn und der Ruf des Beamten schreckte ihn auf. Riß ihn in die entsetzliche Wirklichkeit zurück.
Er trat in die Stube und auf das Kommando: „Hände hoch!“ begann er zu schießen. Streckte den Wachtmeister Erdmann nieder. Die beiden andern Polizisten schossen ihrerseits zurück, und plötzlich tauchte auch Erich auf, der sich an dem Gefecht beteiligte und wie wild um sich knallte.
Entsetzt flüchteten die Gäste in wildem Tumult.
Die Polizisten waren sämtlich mehr oder minder schwer verletzt. Die vor der Türe postierten beiden Probanden halfen ihren verwundeten Kameraden.
Emil schnappte einen Teil des Geldes vom Tisch. Er hatte einen leichten Streifschuß erhalten. Die Treppe hinauf ging es und über die nächtlichen Dächer auf gewohnten Pfaden ins Freie.
Aber er hatte auf dem Tisch seine Brieftasche vergessen. Als man sie öffnete, war die Lösung des Rätsels gegeben.
Die Brüder Strauß waren abermals entwischt.
Wenige Tage nach dem Kampfe erlag der wackere Wachtmeister Erdmann seinen schweren Verletzungen. Seinem Kollegen Krumpholz, der einen Kopfschuß erhalten hatte, mußte ein Auge entfernt werden.
Die beiden Brüder erkannten, daß jetzt ihr Leben auf dem Spiele stand. Die ganze furchtbare Gewalt ihres Schicksals stand klar vor ihren Augen. Bislang wußten sie, daß sie auf Gnade zu hoffen hatten, und daß die Polizei bis zu einem gewissen Grade gute Miene zum bösen Spiel machte. Sie in den Grenzen des Erlaubten schonend und menschlich behandelte. All diese Sympathien, auch in der Öffentlichkeit, hatten sie sich verscherzt. Der Ton der Presse, bis jetzt voll heimlicher oder offener romantischer Bewunderung, schlug in grelle Entrüstung zu Schreien nach Sühne und Vergeltung um. Und das mit Recht.
Selbst gesetzt den Fall, die Schüsse waren ein Akt der Notwehr, der Verzweiflung und Verwirrung ... ein kühler und beherrschter Intellekt wie der des älteren Bruders hätte die Gefahr spüren, wittern müssen, der er entgegenstürzte in dem gleichen Augenblick, da er die Waffe berührte.
Die beiden irrten durch Berlin, um einen Unterschlupf zu finden. Wohl selbst ihrer Sache überdrüssig und gewiß, daß sie nicht lange mehr verschnaufen würden.
Den Ermittlungen der Polizei war es gelungen, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Am siebenten Januar 1920 erschien Kriminaloberwachtmeister Dettmann bei der Inhaberin eines Logis im Norden und verlangte Einlaß in eine Hinterkammer, in der zwei Männer unangemeldet wohnen sollten. Ein kurzes Palaver.
„Aufmachen, Emil, hier ist Dettmann ... wir haben Handgranaten.“