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Negerleben in Ostafrika.


GRÖSSERES BILD

Negerleben in Ostafrika.

Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise.


Von

Dr. Karl Weule

Professor an der Universität und Direktor des Museums für Völkerkunde in Leipzig.


Mit 196 Abbildungen, darunter 4 bunte Vollbilder, und einer Karte.

Zweite Auflage.

Leipzig:
F. A. Brockhaus.


1909.

Vorwort.

„Ort, Datum, Adresse, kurz, ein Briefkopf — also die üblichen Reisebriefe!“ Gemach, mein Herr oder meine Gnädigste! Schon zwischen Brief und Brief besteht, trotzdem er heute den Charakter des Kunstwerks längst verloren hat, ein Unterschied; um wieviel mehr beim Reisebrief, dessen Form und Inhalt in ungleich höherem Grade durch die Umstände, aus denen heraus er entsteht, bedingt werden. Ehrlich will ich zudem — falls die Briefform nun einmal ein Verbrechen ist — gestehen, daß die Kapitel dieses Buches ihre jetzige Form erst in Leipzig angenommen haben. Meine Reise besaß auf Grund ihrer besonderen Ziele auch einen ganz besonderen Charakter. Ich sollte den Menschen erforschen, sollte in den Sitten und Gebräuchen, den Erzählungen und Mythen die Negerpsyche ergründen. Das bedingte einen unausgesetzten, innigen Verkehr mit den schwarzen Leuten. Masumgumso nennt der Suaheli die Tätigkeit, die ich ein halbes Jahr hindurch getrieben habe; unsere Wörterbücher übersetzen das mit „Unterhaltung“. Das trifft den Sinn meines Masumgumso nur so obenhin; dieses hatte stets den ernsten Hintergrund der wissenschaftlichen Forschung, nicht den des Zeitvertreibs. Maneno, Worte, waren es gleichwohl, aus denen es sich zusammensetzte. Kann nur der Leser eine geeignetere Form der Darstellung nennen als die von mir gewählte, die die gesamten Eindrücke eines bestimmten, soeben zum Abschluß gelangten Zeitraumes noch gänzlich unverwischt, dabei jedoch harmonisch ineinander verarbeitet und wissenschaftlich vollkommen verwertbar wiedergibt, ohne dabei in das trockne Einerlei des Tagebuches zu verfallen?

Meine Ostafrikareise liegt bereits um mehr als ein Jahr zurück; eine Unsumme von Berufsgeschäften hat mich an der sofortigen Herausgabe meiner Eindrücke gehindert. Der drohenden Gefahr des Verblassens dieser Eindrücke bin ich dadurch begegnet, daß ich über die Geschehnisse und Ergebnisse jener Reise genau Buch geführt, ja, wo es die Zeit zuließ, sogar Wortlaut und Tonfall des Masumgumso schriftlich festgehalten habe. Vieles habe ich gleichzeitig an Verwandte und Freunde berichtet, besonders an den trefflichen Alfred Kirchhoff, den ich leider nicht mehr wiedersehen sollte. Bei meiner Rückkehr am letzten Januar 1907 war er bereits schwer krank; am 8. Februar ist er verschieden.

Aus meinen gewissenhaften Aufzeichnungen habe ich das jetzige Buch zu komponieren vermocht, ohne den einzelnen Auftritten im Busch und im Urwald, auf dem Marsch und im Negerdorf Gewalt anzutun, und ohne die Milieustimmung zu verderben. Das ist wichtig, gerade bei jenen einzelnen Bausteinen, aus denen das große Gebäude der Wissenschaft vom Menschen von vielen Mitarbeitern nach und nach errichtet werden soll. Weltbewegende Ereignisse bleiben dem Negerleben im allgemeinen vorenthalten; da macht die Stimmung, aus der das kleine Geschehnis geboren wird, alles. Daß ich sie immer getroffen hätte, möchte ich nicht behaupten; im großen und ganzen wird der Leser indes mit mir zufrieden sein können; mir persönlich steigen jedenfalls beim Lesen meiner Zeilen alle die seltsamen Szenen, deren Zeuge ich gewesen bin, wieder mit einer Deutlichkeit vor das Auge, als hätte ich erst gestern vom dunkeln Weltteil Abschied genommen.

Zum nicht geringen Teil verdanken wir die Anschaulichkeit unseren modernen Forschungsmitteln. Die photographische Kamera ist freilich nicht mehr neu, doch bewährt auch sie sich noch immer, sogar weit besser, will mich dünken, als in der Hand der Reisenden früherer Jahrzehnte. Das bringen die feinen Objektive und die guten Platten mit sich. Auf meine mehr als tausend tadellosen Aufnahmen von Land und Leuten irgendwie stolz zu sein, habe ich darum keinerlei Ursache.

Neuer ist schon der Phonograph, und kaum erst in die exotische Völkerforschung eingeführt der Kinematograph. Die Leistungen der Sprech- und Singmaschine haben den Vorzug, auch den Lesern eines Buches zu Gesicht und zu Gehör gebracht werden zu können; ich habe darum wenigstens eine kleine Auswahl der von mir gesammelten Eingeborenenlieder abgedruckt. Der Kinematographenfilm ist das Demonstrationsmittel des Vortragssaals; zugleich ist er das Archiv der dahinschwindenden Sitten unserer Naturvölker. In dieser Eigenschaft sollte seine Anwendung mit allen Mitteln und in größter Ausdehnung angestrebt werden, solange es noch Zeit ist. Es liegt in der Natur der Sache, daß er seinem eigenen Herrn, der ihn selbst mit den Szenen aus dem Eingeborenenleben bedeckt hat, am meisten erzählt; ihn versetzt er schon beim Aufblitzen des ersten Bildchens in das alte Forschungsgebiet zurück. Der Anschaulichkeit des Buches kommt damit auch er, wenn auch nur indirekt, zugute.

Mein gänzlicher Mangel an musikalischer Bildung hat die Transkription meiner Lieder durch musikalische Freunde bedingt; gern statte ich den Herren Dr. von Hornbostel in Berlin und Dr. Albert Thümmel in Leipzig den wohlverdienten Dank ab.

Nicht geringe Schwierigkeiten bereitet die Wiedergabe gewisser Bantusprachlaute durch unser deutsches Alphabet; am größten sind sie beim Laute „tschi“. So hart wie ihn unsere Sprechweise bedingt, ist der Laut nicht; das „t“ ist kaum hörbar; aus diesem Grunde habe ich vorgezogen, die Silbe nach dem Standardalphabet „chi“ zu schreiben.

Das Buch ist Stückwerk. Natürlich. Wie sollte es dem einzelnen Forscher auch möglich sein, die Gesamtheit der Lebensformen einer ganzen Rasse zu erfassen! Selbst einer Rasse wie der des Negers. Wir nennen den schwarzen Mann Naturvolk; für uns klebt er am Boden, mit dem er bei seiner offenkundigen Ruhelosigkeit gleichwohl nicht verwachsen scheint. Nur scheint; in Wirklichkeit ist er bodenständig wie kaum ein anderer Teil der Menschheit. Afrika ist Sitz und Heimat des Negers seit jeher; in seinen weiten Räumen ist er entstanden; dort ist er physisch zu dem geworden, was er heute ist; dort hat er auch seine Kultur entwickelt. Diese Kultur ist anders als die unsrige; sie ist sicherlich nicht so hoch; doch gewährt auch sie ein ganz bestimmtes, scharf umrissenes Bild. Ob es reizvoll ist, sich in dieses Bild zu vertiefen? Lies dies Buch: es hat in breiten, kräftigen Strichen eine Anzahl Züge jenes Bildes festzuhalten versucht. Nachher magst du selbst urteilen.

Leipzig, 19. September 1908.

K. Weule.

Inhaltsverzeichnis.

Seite
Vorwort [V]
Erstes Kapitel. Die Ausreise [1]
Zweites Kapitel. Die Ziele [15]
Drittes Kapitel. Es kommt anders [30]
Viertes Kapitel. Lehrzeit an der Küste [42]
Fünftes Kapitel. Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke [64]
Sechstes Kapitel. Umschau [87]
Siebentes Kapitel. Einleben ins Volkstum [102]
Achtes Kapitel. Marsch nach Süden. Meine Karawane [136]
Neuntes Kapitel. Bei Matola [170]
Zehntes Kapitel. Mit und unter den Yao [194]
Elftes Kapitel. Weitere Ergebnisse [238]
Zwölftes Kapitel. Rovuma-Idyll und Zug ins Pori [254]
Dreizehntes Kapitel. Unyago überall [283]
Vierzehntes Kapitel. In voller Ernte [297]
Fünfzehntes Kapitel. „Und will sich nimmer erschöpfen und leeren“ [338]
Sechzehntes Kapitel. Schlußzeit in Newala [388]
Siebzehntes Kapitel. Wiederum zum Rovuma [405]
Achtzehntes Kapitel. Die Meisterzeit [429]
Neunzehntes Kapitel. Zur Küste zurück [477]
Zwanzigstes Kapitel. Rückblick [495]
Register [515]

Abbildungen.

Seite
Karl Weule ([Titelbild])
Kap Guardafui [1]
Hafen von Daressalam [2]
Eingeborenentanz in Daressalam [6]
Straße im Eingeborenenviertel von Daressalam [10]
Karte der großen Karawanenstraße. Eingeborenenzeichnung [15]
Dolcefarniente in einem Hofe von Daressalam [19]
Im Europäerviertel von Daressalam [24]
Bucht von Lindi [30]
Dampfer Rufidyi. Eingeborenenzeichnung [32]
Mündungsgebiet des Lukuledi oberhalb Lindi (Separatbild) [33]
Reede von Lindi [37]
Arabische Dhau. Eingeborenenzeichnung [41]
Kettengefangene. Eingeborenenzeichnung [42]
Seliman Mamba [45]
Yao-Frauen von Mtua (Separatbild) [49]
Mädchen aus Lindi [51]
Tanz der Weiber in Daressalam [53]
Alter portugiesischer Turm in Lindi [55]
Unter Palmen [57]
Die Ngoma Liquata. Eingeborenenzeichnung [64]
Makua-Frauen aus dem Lukuledi-Tal (Separatbild) [65]
Mueramann und Yao [67]
Ruinen der Missionsstation Nyangao [71]
Wamuerafrau [76]
Muerajüngling [77]
Muerafrau mit Unterlippenpflock [79]
Lichte Baumgrassteppe mit Barra-barra (Separatbild) [80]
Massassiberge. Eingeborenenzeichnung [87]
Inselberg von Massassi [89]
Unsere Mtandibesteigung. Eingeborenenzeichnung [95]
Buschbrand auf dem Makonde-Plateau (bunte Tafel) [96]
Wanyassa-Jäger mit Hund. Eingeborenenzeichnung [102]
Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe [107]
Lager in Massassi [111]
Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene (Separatbild) [112]
Taubenschlag und Speicher [120]
Marschbereit vor Massassi [123]
Rattenfalle [125]
Antilopenfalle [127]
Perlhuhnfalle [129]
Falle für Großwild [129]
Yaohütte [135]
Meine Karawane auf dem Marsche. Eingeborenenzeichnung [136]
Yao-Gehöft in Chingulungulu (Separatbild) [136]
Lager in Mwiti [142]
Jalousie mit Swastika [147]
Yaohäuptling Nakaam [149]
Hofinneres in Mwiti [155]
Ältere Makondefrau im Festschmuck (Separatbild) [160]
Hüttentypus der Rovuma-Ebene [162]
Hüttengrundriß [162]
Ruhelager und Herd Susas [165]
Yaofrauen mit Nasenpflock [167]
Makuakindergrab [168]
Matolas Gehöft [170]
Matambwefrau mit reichem Narbenschmuck (Separatbild) [176]
Arm-Chronologie [183]
Yaohäuptling Matola [185]
An den Wasserlöchern von Chingulungulu [189]
Makondefrauen von Mahuta (Separatbild) [192]
Pombegelage [194]
Lager in Chingulungulu [195]
Zwei Makuamütter [198]
Frau am Mörser. Eingeborenenzeichnung [206]
Mehlbereitung in einem Eingeborenengehöft (bunte Tafel) [208]
Plauderstündchen [209]
Affenraubzug. Eingeborenenzeichnung [211]
Barde Sulila [215]
Yao-Ngoma in Chingulungulu [223]
„Waldschule“ im Pori bei Chingulungulu (Separatbild) [224]
Yao im Masewekostüm [227]
Yao-Masewe in Mtua [237]
Elefantenherde. Eingeborenenzeichnung [238]
Dorf des Wangonihäuptlings Makachu (Separatbild) [240]
Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti [242]
Feuererzeugung [245]
Fischtrocknen am Rovuma [253]
Freske in Akundonde [254]
Mein Begleiter Nils Knudsen [255]
Zwei Matambwemütter [257]
Bergbaufeld Luisenfelde [263]
Flötenkonzert der Unyago-Knaben (Separatbild) [264]
Der Unglücksvogel Liquiqui. Eingeborenenzeichnung [265]
Yaogräber in Akundonde [267]
Daggara im Walde bei Akundonde [269]
Der Festhüttenring Lisakassa im Walde bei Akundonde [271]
Lachende Schönheiten [275]
Mädchen-Unyago im Wamatambwedorf Mangupa. I. (Separatbild) [280]
Mädchen-Unyago im Wamatambwedorf Mangupa. II. (Separatbild) [280]
Der alte Medulla, sein Pfeifchen anbrennend [281]
Mädchen-Unyago im Makondeweiler Niuchi [283]
Tanz der Frauenmaske Njohowe in Newala [288]
Stelzentänzer bei den Makonde. Eingeborenenzeichnung [292]
Unser Lager in Newala [297]
Der Verfasser im newalenser Winterkostüm [298]
Zwei Gelehrte von Newala [301]
Stelzentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi (Separatbild) [304]
Wasserschöpfende Makondefrauen. Eingeborenenzeichnung [305]
Sandflohverheerungen am menschlichen Fuß [307]
Negerpfad im Makondebusch [313]
Die Urmutter. Holzskulptur eines Makondekünstlers [317]
Der allgemein übliche Türverschluß [321]
Türverschluß bei den Makonde von Jumbe Chauro [322]
Auf der Suche nach dem Schlüsselloch [323]
Gelbgießer beim Schmelzen des Messings [327]
Wanyassa-Töpferei in Massassi (Separatbild) [329]
Makuatöpferei in Newala [334]
Rindenstoffherstellung in Newala [336]
Makua-Masewe in Newala [338]
Makuafrauen [343]
Kindertragart bei den Negermüttern. Eingeborenenzeichnung [345]
Anwendung des Wurfstocks [347]
Anwendung der Wurfschlinge [349]
Beim Naturaspiel [350]
Natura [350]
Kreiselspiel [351]
Ikoma-Tanz beim Mädchen-Unyago in Akuchikomu (Separatbild) [352]
Am Xylophon Mgoromondo [353]
Makondekinder [359]
Negertelephon. Unasikia? Hörst du auch? [360]
Ndio! Jawohl! [361]
Negertelephon [361]
Drei Vegetarier vom Makuastamm [362]
Kakallefestzug beim Unyagoschlußtag [363]
Maskentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi (Separatbild) [368]
Wiedergabe eines Eingeborenenliedes durch den Phonographen (bunte Tafel) [384]
Frau aus dem Makondestamm [385]
Grabbäume an der Boma von Newala [388]
Mehlopfer [397]
Rovumalandschaft (Separatbild) [400]
Knotenschnur [401]
Rast meiner Soldaten in Hendereras Dorf [405]
Ububa-Kranker [411]
Madyaliwa, Saidi und Makachu [415]
Blick von Nchichira auf den Rovuma (bunte Tafel) [417]
Matambwefischer. Eingeborenenzeichnung [421]
Waldverwüstung im Rovumatal [425]
Pfahlbau am Rovuma bei Nchichira [427]
Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom Makondehochland [429]
Der Wali von Mahuta [431]
Mutter und Kind [432]
Mehrstöckige Häuser am Rovuma bei Nchichira (Separatbild) [432]
Yao mit Ziernarben [433]
Makonde mit Ziernarben [434]
Matambwe- und Makuafrau mit Ziernarben [435]
Makuafrauen mit Ziernarben [436]
Makondefrau mit besonders „schönen“ Ziernarben [437]
Ein mißglückter Verschönerungsversuch [438]
Pseudochirurgie [439]
Rückenziernarben einer Makuafrau [440]
Bauchtätowierung eines Makondemannes [441]
Makondemasken [443]
Litotwe [444]
Wangoni-Frauen von Nchichira (Separatbild) [448]
Bwana Pufesa, der Herr Professor. Eingeborenenzeichnung [457]
Diabolospieler auf dem Makondeplateau [458]
Ein afrikanisches Diabolo [459]
Makondefrau im Festgewand [461]
Zwei Wamueragelehrte. Eingeborenenzeichnung [463]
Makondeweiler in der Gegend von Mahuta (Separatbild) [464]
Askari in Interim [467]
Die lichte Baumgrassteppe und ihre Tierwelt. Eingeborenenzeichnung [477]
Wanduwandus Grab [483]
Große Ngoma in der Boma von Mahuta (Separatbild) [488]
Einzugstoilette. Zähneputzen meiner Begleitmannschaft [491]
Der Verfasser im Porikostüm [493]
Der Fels von Aden [495]

[Karte.]

Der Südosten Deutsch-Ostafrikas. Maßstab 1 : 1000000.

Kap Guardafui (s. [S. 27]).

Erstes Kapitel.
Die Ausreise.

Daressalam, am Pfingstsonntag 1906.

An Frau Professor Weule, Leipzig.

Daß ich das schönste Fest des Jahres — denn dafür halte ich Pfingsten im Gegensatz mindestens zur gesamten deutschen Jugend — unter Palmen verleben würde, hätte ich ein halbes Jahr zuvor noch nicht zu ahnen gewagt. Aber es ist so; seit zwei Tagen weile ich in der Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika und damit an einem Fleckchen Erde, dem auch Leute, die weiter und mehr gereist sind als ich, noch manchen Reiz abgewinnen können. Nicht daß die Szenerie an sich etwas Großartiges oder gar Überwältigendes hätte; im Gegenteil, überragende, wuchtige Berge oder stattliche Ströme fehlen gänzlich; auch die weite Fläche des offenen Ozeans trägt unmittelbar nichts zum Bilde bei, denn Daressalam liegt landeinwärts und ohne nennenswerten Ausblick auf das offene Meer. Was den Zauber des hiesigen Landschaftsbildes ausmacht, das ist vielmehr wohl eine der glücklichsten Vereinigungen von blitzendem Wasser, leuchtendem Grün und strahlender Sonne, die man sich denken kann.

Die Einfahrt in den Hafen selbst läßt den Neuling die kommende Schönheit nicht ahnen; ein von Korallenbänken eingeengtes, überaus schmales, durch seine scharfen Biegungen an die Steuermannskunst hohe Anforderungen stellendes Fahrwasser führt auf den Scheitelpunkt einer scheinbar ausgangslosen, flachen Bucht zu. Plötzlich aber gleitet das Schiff über diesen Scheitelpunkt hinaus in einen außerordentlich engen, von steilen, grünen Uferbänken begrenzten Kanal, der sich, noch ehe der Reisende sich von seinem Erstaunen erholt hat, zu einer weitgedehnten, glitzernden, von Schiffen bedeckten Wasserfläche erweitert. Das ist die berühmte Bucht von Daressalam. Daß wir Deutschen einem solchen Hafen zuliebe das alte Karawanenemporium Bagamoyo mit seiner offenen Reede aufgeben und dafür das bis dahin nahezu unbekannte Negerdorf Daressalam zum Vorort der Kolonie machen mußten, versteht man angesichts der offenkundigen Vorzüge dieser Örtlichkeit vollkommen, auch ohne erst jahrelang im Lande geweilt zu haben.

Mombassa und auch Sansibar habe ich ausreichend genießen können; das deutsche Tanga hingegen ist mir auf der Herfahrt versagt geblieben. Meiner alten Begeisterung für alle körperlichen Übungen folgend, habe ich auch an Bord des „Prinzregenten“ geturnt und mir im Golf von Aden den linken Fuß versprungen. Vermutlich ist das Fersenbein verletzt, jedenfalls macht mir jedes Auftreten große Pein. Für eine halbjährige Inland-Expedition mit ihren Märschen und Strapazen eröffnen sich mir damit nette Aussichten. Von den beiden englischen Zentralpunkten stellt Sansibar die Vergangenheit, Mombassa die Gegenwart und noch mehr die Zukunft dar. Zwar ist die Lage Sansibars auf einer der Festlandküste in ausreichendem Abstande vorgelagerten Insel ein Vorzug, den ihr auch die glänzendste Entwicklung aller gegenüberliegenden Festlandstädte niemals wird rauben können, werden doch die Hauptlinien sowohl des wirtschaftlichen wie auch des geistigen Verkehrs von allen diesen Küstenplätzen aus immerdar radial in Sansibar zusammenlaufen; aber unleugbar ist seit der Fertigstellung der Ugandabahn doch Mombassa das eigentliche Einfallstor in das Innere und wird es nach Maßgabe der heute kaum erst angebahnten wirtschaftlichen Erschließung der zentralafrikanischen Landschaften in stets fortschreitendem Grade bilden. Ob unsere leider immer nur erst geplanten großen deutschen Inlandbahnen den bereits gewonnenen großen Vorsprung Mombassas in absehbarer Zeit oder überhaupt jemals werden einholen können, muß die Zukunft lehren. Hoffen wir das Beste!

Hafen von Daressalam.

Mich als alten Geographen, der sich mit Vorliebe und seit langer Zeit mit der Umfassung der Erdoberfläche durch den Menschen beschäftigt hat, haben Mombassa und Sansibar mehr von der geschichtlichen als von der kolonialwirtschaftlichen Seite interessiert. Wie unendlich wenig wissen selbst gebildete, ja gelehrte Kreise von der reichen Erforschungs- und Erschließungsgeschichte und der bunten politischen Vergangenheit dieses Erdenwinkels am Westufer des Indischen Ozeans! Gerade in diesem Jahre feiern des französischen Admirals Guillain grundlegende „Documents sur l’histoire, la géographie et le commerce de l’Afrique orientale“ ihr halbhundertjähriges Jubiläum; diese Tatsache braucht indessen mit einigem Recht bei uns nur dem Spezialisten auf dem Gebiet der Kolonialgeschichte bekannt zu sein. Um so betrübender aber ist es dafür, daß unseres Landsmannes Justus Strandes vortreffliche „Portugiesenzeit von Deutsch- und Englisch-Ostafrika“ von 1899 so überaus wenig in weitere Kreise gedrungen ist. Der großen Menge bei uns gilt Äquatorial-Ostafrika offenbar als ein ebenso jungfräuliches Kolonialgebiet wie Togo, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika, oder auch wie der größere Teil unserer Südseebesitzungen. Daß hier im Osten vor uns und den Engländern sich seit tausend Jahren die Araber als Kolonisatoren in glänzendster Weise betätigt und bewährt haben; daß nach ihnen, im Anschluß und als Folge von Vasco da Gamas großer Indienfahrt ums Kap der Guten Hoffnung von 1498, die Portugiesen eine umfangreiche Strecke der langen Küste besetzt und jahrhundertelang gehalten haben, bis das stärkere und nachhaltigere Arabertum sie wenigstens aus dem nördlichen Teile wieder vertrieben hat — wie wenigen ist das geläufig! Und doch sind diese Vorgänge und diese Kämpfe um Ostafrika eins der interessantesten Kapitel aus der neuzeitlichen Kolonialgeschichte überhaupt, denn in ihnen tritt zum erstenmal das junge, europäische Kulturelement einem kampfgewohnten Gegner des Orients entgegen. Ja, in Wirklichkeit bedeutet jener Kampf um den nordwestlichen Indischen Ozean nichts Geringeres als die Einleitung zu jenem weit größern Ringen, das die weiße Rasse seit vierhundert Jahren um die Oberherrschaft über die Erde schlechthin geführt hat und das sie schon gewonnen glaubte, bis ihr vor wenigen Jahren das unverhoffte Emporsteigen Japans das Trügerische dieses Glaubens und vielleicht auch den Anfang eines ganz neuen Zeitalters zeigte.

Wer nicht bloß hinauszieht, um die äußeren Eindrücke der Gegenwart auf sich einwirken zu lassen, sondern wer es gewohnt ist, hinter den Erscheinungen von heute auch die der Vergangenheit zu sehen, oder wer wie ich den Kulturboden Europas verläßt, um draußen im dunkeln Weltteil einfache Wilde zu studieren mit dem ausgesprochenen Endzweck, an der Hand der gewonnenen Ergebnisse mitzuarbeiten an der großen Aufgabe, den Entwicklungsgang des Menschen selbst wie auch seiner gesamten geistigen Errungenschaften in allen ihren Teilen aufzuhellen, dem bietet unzweifelhaft gerade die Reise nach Deutsch-Ostafrika in reicherem Maße die Gelegenheit zu Aus- und Rückblicken als so manche andere der großen Routen des modernen Weltreiseverkehrs.

Das hebt bereits dicht hinter den Alpen an. Freilich, zu anthropologischen Studien gibt selbst die mäßige Geschwindigkeit des italienischen Schnellzuges keine Gelegenheit. Den ganz unverkennbaren germanischen Einschlag in der norditalienischen Bevölkerung festzustellen, bedarf es eines langsamen Durchwanderns der Po-Ebene. Aber gleichsam als Symbol für die immer und immer wieder erfolgte Übereinanderlagerung neuer Völkerschichten ist mir schon im Etschtal und noch mehr in ganz Nord- und Mittelitalien das Übereinander von nicht weniger als drei Kulturschichten beim Feldbau erschienen. Getreide am Boden, Fruchtbaumwuchs dazwischen ausgespart, Reben darüber — das ist mir, als wenn sich über die alten Italiker und Etrusker die Langobarden und Goten und viele andere Völker gelagert hätten.

Doch auch geographisch hat mir Italien eine große Überraschung gebracht. Ich entsinne mich, daß eine der ersten kartographischen Taten meines Lebens die zeichnerische Wiedergabe der Apennin-Halbinsel gewesen ist. Diese Jugendsünde fällt noch in den Aufenthalt in meinem hannoverschen Heimatsdörfchen. Ein mir zu Weihnachten geschenkter kleiner Stielerscher Schulatlas von 1875 reizte mich zum Kartenzeichnen an. Italien erschien mir als die einfachste Aufgabe; nur das lange Gebirge machte mir Mühe. Richtig habe ich damals denn auch die ganze Halbinsel fast lückenlos mit einer riesigen Raupe nach der Lehmannschen Strichelmanier ausgefüllt. Seitdem war der Apennin in meinem Empfinden mehr und mehr zusammengeschrumpft; aber beim Durchfahren der langen Strecke von Modena bis Neapel ist es mir immer mehr zum Bewußtsein gekommen, daß der hannoversche Dorfjunge mit seinem dumpfen Gefühl doch eigentlich mehr im Recht gewesen ist als der spätere Privatdozent für Erd- und Völkerkunde und der heutige Professor. In der Tat beherrscht das Gebirge die Halbinsel vollkommen; mag man unmittelbar an seinem Fuß dahinfahren oder aber sich weiter von ihm entfernen, stets zwingt das Landschaftsbild zu der Überzeugung, daß der Apennin das starke Rückgrat, alles ihm Anliegende aber nur der mehr als magere Körper der schlanken Halbinselgestalt ist. Die leichte Schneedecke, die zur Zeit meiner Fahrt, im ersten Drittel des Mai, alle Spitzen des Gebirges überzog, während unten alles grünte, war nur noch mehr geeignet, den Eindruck des Wuchtigen und Gewaltigen zu erhöhen.

Eingeborenentanz in Daressalam (s. [S. 43]).

Räumlich ruft Italien samt seinen Meeren uns Söhnen der erdumspannenden Neuzeit den Eindruck der Enge hervor; auch sie ist entschieden begründet durch das Überwiegen des Gebirgscharakters, der die schmale Halbinsel bis auf wenige ebene Stellen erfüllt. Angesichts dieser Engräumigkeit verliert der Gedanke, daß sie nicht in letzter Linie für die alten Römer die Veranlassung gewesen ist, so bald und so nachhaltig den Fuß auf die übrigen Randländer des Mittelmeeres zu setzen, alles Ketzerhafte. Von Neapel bis zum Stromboli und Sizilien ist nur ein Schritt, und von Sizilien nach Karthago hinüber ist es ein noch kleinerer. Unverhältnismäßig geräumig erschien im Mai des Jahres 1906 nur der Golf von Neapel, das vielgepriesene Landschaftswunder der Alten Welt; in den vier oder fünf Tagen, die ich vor meiner Abreise an Bord in Neapel und seiner Umgebung verlebt habe, war die Bucht zu keiner Zeit klar übersehbar, die Fernsicht vielmehr stets durch einen feinen Nebel verschleiert. Das war ein Nachklang des großen Vesuvausbruchs vom April; der andere Grund war die Aschenschicht, die selbst im vesuvfernen Neapel Häuser und Straßen dicht überdeckte und alles grau in grau erscheinen ließ. Zum Neapolitaner paßt diese Farbe schlecht; uns arbeitsame Mitteleuropäer berührt er in seiner rettungslosen Verkommenheit mehr komisch als verletzend; zu seiner sorglosen Faulheit gehört dann aber natürlich auch der ewig heitere und klare Himmel, von dem die Reisebücher erzählen, von dem aber so kurz nach den Schreckenstagen des April nur sehr wenig zu merken war.

Wie kümmerlich es auf den alten Kulturböden des Mittelmeeres um den Waldbestand bestellt ist, wissen wir seit der Sexta; dennoch mutet den Reisenden die süditalische und sizilische Landschaft noch fremdartiger an als die nord- und mittelitalische; sie ist noch waldloser und daher in den Konturen noch schärfer als der etrurische und romanische Apennin und die Abruzzen. Was uns Bewohner der norddeutschen Tiefebene aber am seltsamsten berührt, das sind in der Straße von Messina die sich fast steil in das Innere des Landes verlierenden Flußtäler. Zu dieser Jahreszeit scheinen sie entweder nur wenig Wasser zu führen oder ganz trocken zu liegen, so daß sie den Eindruck breiter Landstraßen hervorzurufen wohl geeignet sind. Aber wie furchtbar muß die Gewalt sein, mit der sich nach starken Regengüssen die von keinem Waldboden zurückgehaltene Wassermasse im Strombett sammelt, um in diesem dem Meere zuzustürzen. Links und rechts von Reggio, Messina gegenüber, fallen stark gewundene Flußbetten in großer Anzahl ins Meer, alle hoch mit Geröll aufgeschüttet; die Brücken aber laufen über sie mit den Abmessungen hochgewölbter Eisenbahnbrücken hinweg.

Die Fahrt durch das östliche Mittelmeer gehört unstreitig zum Reizvollsten, was man sich denken kann; schon das Wellenspiel der prachtvoll blauen Flut ist geeignet, den Sinn für Ort und Zeit selbst während der nur wenige Tage währenden Überfahrt aufzuheben. Nur eine Empfindung ist mir in jenen Tagen stets klarer zum Bewußtsein gekommen. Die dicken Strahlenbündel, die auf den Seeverkehrskarten unserer wirtschaftsgeographischen Atlanten von allen größeren Hafenplätzen ausstrahlen, sind nur zu sehr geeignet, in uns die Vorstellung zu erwecken, daß nun auch in Wirklichkeit und selbst auf hoher See sich Schiff auf Schiff begegnen müsse. Und doch, wie anders ist das Bild: Ich habe den Ärmelkanal, die befahrenste Seestrecke der Erde, eine ganze Reihe von Malen gekreuzt und entsinne mich, kaum mehr als je ein paar Fischerbarken zu Gesicht bekommen zu haben. Hier im Mittelmeer hat der erste Dampfer unseren Kurs im Meridian von Alexandrien gekreuzt; erst unmittelbar vor Port Said und dem Eingang zum Suezkanal hat sich das Bild durch das Zusammentreffen zahlreicher Dampfer belebt. Auffällig unter ihnen war uns Reisenden des „Prinzregenten“ eine Gruppe niedrig gebauter, also wohl englischer Kriegsschiffe, die anscheinend manövrierten. Auch Torpedoboote waren dabei. Sie alle entschwanden sehr bald in der dicken, diesigen Luft, die uns auch hier begleitete. Später, in Port Said, haben wir des Rätsels Lösung erfahren. Auf einem der dort liegenden englischen Panzer wehte die Flagge auf Halbmast; eine Nachfrage ergab, daß vor Damiette an den Nilmündungen in der vergangenen Nacht ein Wirbelsturm gehaust und ein kleines, mit nur neun Mann besetztes Torpedoboot zum Sinken gebracht hatte. Die von uns am Morgen gesichteten Schiffe hatten nach dem verlorenen Boote gesucht. „Geschieht den Engländern gerade recht“, bemerkte bissig eine deutsche Dame. Keiner von uns anderen hat diesen Standpunkt teilen können; schon aus politischen Gründen nicht, denn ein solch winziger Verlust schwächt die englische Riesenflotte nicht im mindesten; aber noch weniger aus rein menschlichen Gründen, denn auch jene neun verlorenen Braven haben doch ihre Mütter, Frauen oder Bräute gehabt.

Über Port Said und den Suezkanal darf ich mich wohl ausschweigen; heute, wo auch von uns Deutschen ein hoher Prozentsatz in dieser Weltecke bewandert ist, darf sich der Gelehrte andere Gebiete der Darstellung vorbehalten. Mit dem Eintritt ins Rote Meer habe ich für meine Person zumal ein mir ganz vertrautes Feld betreten, fast möchte ich sagen, ein mir zu eigen gehöriges. Den trefflichen Friedrich Ratzel deckt nun schon mehrere Jahre die Erde, aber nimmer soll es ihm vergessen sein, daß gerade er es gewesen ist, der die Anregung zu einem Fundamentalwerk gegeben hat, wie es die Helmoltsche Weltgeschichte tatsächlich ist. In diesem universalgeschichtlichen Werk, dem die Kritik fast keinen andern Vorwurf hat machen können, als daß es ein Sammelwerk, d. h. von 30 oder mehr verschiedenen Männern geschrieben worden ist, hat mir die eigenartige Aufgabe obgelegen, die Geschichte der Weltmeere und ihre Bedeutung für die Menschheit zu schreiben. Das war entschieden etwas Neues und Neuartiges, und es ist, das kann ich ruhig zugeben, keine leichte Aufgabe gewesen. Sollte ich dereinst einmal einer Biographie gewürdigt werden, so wird man mir im Kleinen nachrühmen können, was Ratzel angesichts seiner „Politischen Geographie“ im Großen für sich in Anspruch nahm: einen gewissen Mut, wenn auch nur einen literarischen. Leichter und auch angenehmer ist es in der Tat, geographische oder ethnographische Monographien zu schreiben, als programmatische Werke von der Art der „Politischen Geographie“ zu begründen.

Straße im Eingeborenenviertel von Daressalam.

Von den Monographien über die drei Ozeane ist mir nach allgemeinem Urteil diejenige über den Atlantischen Ozean am besten gelungen, aber menschheitsgeschichtlich interessanter ist ganz ohne Zweifel die über den Indischen Ozean. Vor seinen beiden Nachbarn im Osten und im Westen hat er vor allem den Vorzug einer recht langen Einwirkung auf die ihn umgebenden Rassen und Völker voraus; der Stille Ozean hat geschichtliche Völker — geschichtlich im Sinne unserer bisherigen, recht engherzigen und einseitigen Geschichtschreibung gefaßt — nur an seinem Nordwestrande, in Ostasien; die ganze übrige riesige Umrandung ist bis fast auf die Gegenwart geschichtlich tot und leer. Der Atlantische Ozean bietet genau das Gegenbild: seine geschichtliche Dichte ist auf den Nordosten beschränkt; Afrikas Westküste und Amerikas Ostküste sind bis auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika geschichtlich ebenfalls nur in geringfügigster Weise von Belang. Zwischen diesen beiden Zentren aber, dem mittelmeerisch-europäischen Kulturkreis im Westen und dem ostasiatisch-indischen im Osten, hat der Indische Ozean das Bindeglied schon zu Zeiten gebildet, als Atlantic und Pacific noch absolut leere und unbefahrene Wasserwüsten waren. Das gilt indessen nicht für den ganzen Indischen Ozean, sondern nur für seinen Norden und insonderheit für die beiden lang nach dem Okzident hin gestreckten Buchten des Persischen Golfs und des Roten Meeres. Heute, wo wir ganze Kontinente mit Eisenbahnen durchqueren und wo unseren Kanalbauten selbst Bergzüge keine unüberwindlichen Hindernisse entgegenstellen, bilden wir uns ein, daß Landmassen von der Breite des Isthmus von Suez oder der ungleich breitern syrischen Pforte, d. h. des Verbindungswegs zwischen dem Persischen Golf und dem östlichen Mittelmeer, auf den Schiffsverkehr der Alten hätten abschreckend wirken müssen. In gewisser Weise ist das auch der Fall gewesen, denn sonst hätten nicht soundso viel Herrscher des Altertums versucht, den Kanal von Suez schon vor uns zu bauen; aber wo die Technik nicht hinreicht, derartige Hindernisse zu überwinden, und wo gleichzeitig das Bedürfnis für die Kostbarkeiten des Orients so ungeheuer groß ist wie während des Altertums und des Mittelalters, da lernt man sich bescheiden und sucht auf dem Wasserwege soweit zu kommen, wie es irgend geht. Nur diesem Umstande ist die fast lückenlose Benutzung des Roten Meeres in einem mehrtausendjährigen Zeitraum zuzuschreiben; selbst sein gefährliches Fahrwasser und die für die Segelfahrt ganz ungünstigen Windverhältnisse haben an dieser Bedeutung nichts zu ändern vermocht.

Nur eine Periode der Ruhe, ja man möchte sagen eines Dornröschenschlafs, hat dieses Rote Meer durchgemacht. Das ist die Zeit, während welcher der zum Bewußtsein seiner Kraft und seiner Macht gelangte Islam seine schwere Hand auf die Übergangszone zwischen dem Westen und dem Osten zu legen vermocht hat. Mit dem Durchstich der Landenge von Suez ist auch der letzte Schatten dieses alten Hindernisses wie weggeblasen, und wie mit einem Schlage haben das Rote Meer und der Norden des Indischen Ozeans überhaupt den alten Platz im Verkehrsleben der Menschheit in vollstem Maße wieder gewonnen.

Als Reisender an Bord eines modernen Dampfschiffes hat man alle Ursache, auf seine Zeit und ihre Leistungen mit einigem Stolz herabzublicken. Eine alte Definition des Begriffs „Naturvölker“ geht dahin, mit diesem Ausdruck alle diejenigen Menschheitsgruppen zu bezeichnen, die noch von der Natur abhängig sind, noch völlig in ihrem Bann stehen, im Gegensatz zu den Kulturvölkern, die sich von dieser Herrschaft der Natur emanzipiert haben. Ist diese Begriffsbestimmung richtig, so sind wir Europäer in der Tat wenigstens in der Richtung Kulturvölker im höchsten Sinne, daß wir uns hinsichtlich unseres Verkehrswesens von der Natur nicht nur befreit haben, sondern sie fast unumschränkt beherrschen. Welcher andere Zeitraum, welche andere Rasse, welches andere Volk ist je imstande gewesen, sich seine Verkehrswege selbst zu wählen, über die Natur und gegen die Natur, wie wir es hier bei Suez getan haben? Und welches Volk des Altertums oder des Mittelalters hätte je das Recht gehabt, von sich sagen zu können, daß es große Meere, ja ganze Ozeane nach Gefallen brachliegen zu lassen oder durch den Kiel seiner Flotten von neuem zu beleben vermocht hätte, wie wir es mit dem Roten Meer und dem Norden des Indischen Ozeans getan haben?

Für den deutschen Reisenden ist diese Genugtuung des modernen Kulturmenschen um so größer und berechtigter, als er unter den zahlreichen Dampfern, die ihm im Suezkanal und im Roten Meere täglich begegnen, in nicht geringer Zahl auch die heimische Flagge vertreten sieht. Auch der Umstand muß unzweifelhaft zur Stärkung unseres so lange brachliegenden Nationalstolzes beitragen, daß gerade unsere deutschen Schiffe so gern von Angehörigen anderer Nationen und besonders von unsern Vettern von jenseits des Kanals aufgesucht werden. Für mich als Ethnographen war es ungemein interessant, das gegenseitige Verhalten der verschiedenen Nationen an Bord zu studieren. Von diesen kamen allerdings nur die deutsche und die englische ernsthaft in Frage, denn die geringe Zahl von Italienern, Portugiesen usw. zählte numerisch nicht mit. Die englische Reisegesellschaft stand sichtlich noch ganz im Banne der Invasionsfurcht, die ja ihren Ausdruck in zahlreichen Schriften der letzten Jahre gefunden hat; Le Queux’ „Invasion von 1910“ war bei ihr das am meisten gelesene Buch der Schiffsbibliothek, und kaum ein Angehöriger dieses Volkes hat sich mit uns Deutschen unterhalten, ohne nicht schon nach kurzer Zeit die Rede auf dieses Thema zu bringen.

Zu derartigen Unterhaltungen kam es übrigens erst verhältnismäßig spät, vom Beginn der Reise aus gerechnet; man ging im Gegenteil zunächst ziemlich frostig aneinander vorüber. Der Ruhm, diese Verhältnisse zum Bessern und Angenehmern gekehrt zu haben, gebührt seltsamerweise einem höchst unscheinbaren Instrument, das zu meiner anthropologischen Ausrüstung gehört. Im südlichen Roten Meer oder im Westen des Golfs von Aden zückte ich eines Tags, halb aus Langeweile, halb um vergleichende Kraftstudien anzustellen, meinen Collinschen Kraftmesser. Das ist ein aus Stahl geschmiedetes, poliertes Oval, klein genug, um von der Hand, in die man es flach hineinlegt, je nach der Kraftentfaltung mehr oder minder stark zusammengedrückt zu werden. Dabei wird der Druck durch ein Zahnradsystem auf einen Zeiger übertragen, der seinerseits wieder einen zweiten Zeiger an einem Zifferblatt vorbeibewegt. Beim Nachlassen des Drucks schnellt der erste Zeiger in die Ruhelage zurück, während der zweite an seinem Endpunkt stehenbleibt und unbeweglich den Druck in Kilogrammen anzeigt. Der Apparat ist eigentlich ein medizinisches Instrument, doch ist er auch sehr gut geeignet, die Kraftverhältnisse der verschiedenen Rassen miteinander zu vergleichen; vor allem jedoch scheint er berufen zu sein, die fremdesten Menschen in kürzester Zeit einander näher zu bringen. An jenem heißen Morgen hatte ich kaum begonnen, einige Proben meiner Körperkraft abzulegen, als auch schon die ganze englische Herrengesellschaft in dichter Masse um mich versammelt war; Jung- und Altengland witterte einen Sport, für den es ja immer und überall und unter allen Umständen zu haben ist. Zum Lobe Deutschlands muß ich aber gestehen, daß auch unsere Herren rasch und vollzählig zur Stelle waren; ebenso rühmend kann ich sodann vermerken, daß in diesem friedlichen Wettkampf der Nationen wir Deutschen durchaus nicht unterlegen sind, sondern gut abgeschnitten haben. Unser gutes deutsches Turnen scheint demnach als Leibesübung durchaus nicht so minderwertig zu sein, wie es neuerdings von so vielen berufenen und noch mehr unberufenen Seiten hingestellt wird.

Auch in seinem Allgemeinauftreten an Bord steht nach meinen Beobachtungen der Deutsche von heute nicht im mindesten mehr hinter den seebefahreneren anderen Nationen zurück. Freilich schimmert durch die Allüren fast jedes Engländers noch immer der alte Anspruch zart hindurch, der geborene Pächter aller Seeherrschaft im Großen und im Kleinen zu sein. Aber man fängt doch an, uns anzuerkennen, nicht aus heißer Liebe zum germanischen Vetter, sondern einfach weil man muß. Wenn man, um komfortabel zu reisen, auf deutsche Schiffe angewiesen ist und wenn man daheim und draußen mit einer deutschen Handels- und einer deutschen Kriegsflotte zu rechnen hat, von denen die eine so nachhaltig Konkurrenz macht, während sich die andere stetig, wenn auch langsam, vergrößert, so sind das doch alles Momente, die selbst auf den minder gebildeten Angehörigen der britischen Nation ihren Eindruck nicht verfehlen. Nur eins ist gegenwärtig und wohl auch noch für lange Zeit geeignet, uns in den Augen Altenglands mit dem Fluch der Lächerlichkeit zu beladen, und das ist der Sansibar-Vertrag! Niemals werde ich die schadenfrohen Gesichter und nie die spöttisch bedauernden Worte vergessen, mit der wir unglücklichen Zeitgenossen des seligen Caprivi bei der Ansegelung Sansibars bedacht worden sind. Mein Freund Hiram Rhodes aus Liverpool, der ewig Lächelnde und allgemein Beliebte, seiner heitern Lebensauffassung wegen ganz allgemein „der lachende Philosoph“ genannt, war für gewöhnlich nicht im Besitz beißender Ausdrücke, aber in bezug auf die famose politische Transaktion von 1890 entsinne ich mich ganz deutlich, von ihm den Ausdruck: „politische Kinder“ gehört zu haben. Scharf zwar, aber nicht unverdient! Der nach der Besichtigung Daressalams denselben Lippen entströmende andere Ausdruck: „Das ist die schönste Kolonie, die ich je gesehen“, war zwar ein ganz klein wenig mildernder Balsam, aber — Sansibar bekommen wir dadurch doch nicht wieder!

Karte der großen Karawanenstraße mit den Hauptabzweigungen. Zeichnung des Mumambwemannes Sabatele (s. [S. 453]).

Zweites Kapitel.
Die Ziele.

Daressalam, 10. Juni 1906.

Herrn Geheimrat Kirchhoff, Mockau bei Leipzig.

„Was wollen Sie eigentlich in Deutsch-Ostafrika, Herr Professor?“ Wieviel hundert Mal bin ich von dem Augenblick an, als der Plan meiner Expedition feststand, wo ich sie vorbereitete und wo ich auf Eisenbahn und Schiff zu ihrer Durchführung unterwegs gewesen bin, mit dieser Frage behelligt worden! Nicht von dem Mann des Volkes; dem ist unsere Kolonie am Indischen Ozean etwas ebenso Nebelhaftes wie den Alten die ferne Thule; im besten Fall wirft er es mit „Südwest“ oder noch lieber mit Kamerun in einen Topf, ohne sich allerdings auch in diesem Fall darüber klar zu sein, in welchem Quadranten unseres Erdballs die letzteren Kolonien gelegen sind. Für die Popularität der Völkerkunde ist es unzweifelhaft ein sehr bedenkliches Zeichen, daß gerade die Gebildeten, ja selbst manche Gelehrte, über die Aufgaben, die eines Mannes von meinem Schlage da draußen harren, sich auch nicht die geringste Vorstellung zu machen vermögen. Sie, Herr Geheimrat, sind ja selbst ein Dritteljahrhundert hindurch deutscher Universitätsprofessor gewesen und wissen daher, daß ein solcher, und hätte er auch nur ein Atom Ihrer mit Recht berühmten Redegabe, sich keine Gelegenheit vorübergehen läßt, über diese besagten Ziele und Aufgaben ein zünftiges Kolleg zu lesen. Zu Nutz und Frommen von uns beiden und zur Kenntnisnahme für jeden, der es hören mag, will ich daher denn auch Ihnen, der Sie als Bearbeiter der Peschelschen Völkerkunde vollwichtiger Fachmann und Kollege sind, in kurzen Worten wiedergeben, welche Umstände mich hier an die grüne Bucht am Indischen Ozean geführt haben und welche Ideen ein junger, aber, das darf ich wohl kühnlich behaupten, sowohl als Museumsmann wie Dozent nicht ganz erfolgloser Vertreter der modernen Völkerkunde über die Aufgaben und Ziele seines nunmehr beginnenden Forschungsunternehmens hegt.

Es waren, wie auch Sie während Ihrer Tätigkeit in Halle so oft bemerkt haben werden, durchaus nicht die satten Männer, die bisher ein wirklich ernsthaftes Interesse an dieser unserer Wissenschaft und ihren vielen Einzelproblemen genommen haben, sondern fast immer sind es die deutschen Frauen gewesen, die mich während der langen Seefahrt zu kurzen und langen Aussprachen über das Allgemeine und das Besondere zu veranlassen versucht haben. Noch vor wenigen Jahren hätte ich dies Beginnen sicherlich unter der Kategorie „Neugierde“ registriert; heute, wo ich in die Geistesströmungen unserer Zeit einen tiefern Einblick habe tun können, stehe ich keinen Augenblick an, es als Wißbegier zu bezeichnen; ja, vielleicht ist es sogar jener Wissenshunger, über dessen Größe und Allgemeinheit nur der zu urteilen imstande ist, der Gelegenheit gefunden hat, vor den breiten Massen unserer Volkshochschulkurse und ähnlicher Unternehmungen zu sprechen. Die Damen der ersten Schiffsklasse gehören nun zwar für gewöhnlich nicht zu der dort vertretenen sozialen Schicht, doch sind sie immerhin Angehörige des weiblichen Geschlechts und damit bewußt oder unbewußt Vertreterinnen der Frauenfrage überhaupt. Einen schwachen Abglanz des modernen femininen Wissensdurstes auch bei ihnen zu finden, kann demgemäß nicht überraschen.

„Also nach Kondoa-Irangi wollen Sie zunächst, Herr Professor, um von dort Ihre Expedition zu beginnen?“ fragen mich eines Tags, bei der Einfahrt aus dem Golf von Aden in den Indischen Ozean, die interessiertesten der Damen, die Gattin eines in ganz Deutsch-Ostafrika bekannten, tapferen, alten Wissmannkriegers, der jetzt als Fideikommißbesitzer in Usambara ein beschauliches Dasein führt, und die Gattin eines höheren Schutztruppenarztes.

„Freilich hoffe ich auch einmal nach Kondoa-Irangi zu gelangen, meine Damen, aber in Wirklichkeit hat meine Expedition schon lange begonnen“, konnte ich mit einem Lächeln antworten, das Ihnen, Herr Geheimrat, sehr wohl verständlich sein wird, das den beiden Damen aber so lange ein Rätsel blieb, bis ich mich zu folgendem Privatissimum aufschwang.

„Was ich in Deutsch-Ostafrika selbst will, werde ich Ihnen in sehr wenigen Worten auseinandersetzen können. Wir Deutschen haben seit jeher die Fähigkeit gehabt und die Neigung besessen, unsere Haut als Forscher auf allen Gebieten nur zu gern im Dienst oder im Interesse anderer Nationen zu Markte zu tragen; das ist zu einem Teil die Folge unserer frühern unglücklichen politischen Zersplitterung und Schwäche, zum andern ein Ausfluß der uralten germanischen Wanderlust. Rein zu wissenschaftlichen Zwecken, ohne nationalistisch-egoistische Nebengedanken, hat nun der Reichstag schon vor Jahrzehnten einen Fonds ausgeworfen zur wissenschaftlichen Erforschung Afrikas. Das war noch vor dem Beginn unserer kolonialen Ära. Man hätte nun meinen sollen, daß dieser Fonds, der mit seinen rund 200000 Mark für die kurze Spanne eines Jahres eine recht hübsche Summe darstellt, nach unserer Festsetzung in West- und Ostafrika und in der Südsee ohne weiteres ganz oder doch wenigstens zum größten Teil zur systematischen Erforschung und Erschließung dieser unserer Kolonien hätte Verwendung finden sollen. Das ist indessen nicht oder doch nur in recht unsteter und recht ungleicher Weise geschehen, zum großen Schmerz aller deutschen wissenschaftlichen Kreise, die unter diesen Umständen sich nur auf die gelegentlichen Berichte von Offizieren und Beamten, oder auf vereinzelte amtliche oder private Forschungsunternehmen angewiesen sahen.

„Eine lebhaftere Agitation zur Herbeiführung besserer Zustände, d. h. der Verwendung des Afrikafonds in erweitertem Maße zur systematischen Erschließung unserer Schutzgebiete, setzt erst mit dem ersten Kolonialkongreß von 1902 ein. Von allen Wissenszweigen, der Geographie und Geologie, der Anthropologie und Ethnographie, der Zoologie und Botanik, der vergleichenden Rechtswissenschaft wie der Linguistik und der jungen vergleichenden Musikforschung, wurde damals der gleiche Ruf erhoben, mit dem Erfolge, daß wir drei Jahre später, bei dem zweiten Kolonialkongreß im Oktober 1905, schon imstande waren, für die einzelnen Disziplinen die dringendsten Arbeiten und die Hauptforschungsfelder klar zu bezeichnen. Dennoch hätte die Inangriffnahme der Arbeit selbst wohl noch lange gute Wege gehabt, hätten wir nicht in der „Kommission für die landeskundliche Erforschung der deutschen Kolonien“ und ihrem energischen und tatkräftigen Vorsitzenden, unserm trefflichen Leipziger Mitbürger Professor Dr. Hans Meyer, einen Hilfsfaktor bekommen, der die ganze Angelegenheit ohne jedes weitere Federlesen aus dem deutschen Normalzustand endloser Beratungen mit einem Schlage in die Tat umsetzte. Die Herren Dr. Jaeger und Eduard Oehler, die Sie, meine Damen, dort am Ende des Decks lustwandeln sehen, und ich sind die leibhaftigen Belege für diese ungewohnte deutsche Schnelligkeit, denn tatsächlich sind wir die ersten Auserwählten, die im Auftrage jener dem Kolonialamt angegliederten Kommission den alten Traum der deutschen Wissenschaft verwirklichen zu helfen beauftragt sind.

Dolcefarniente in einem Hofe von Daressalam.

„Jene beiden jungen Herren gehen zu rein geographischen Zwecken hinaus; sie sollen das interessante vulkanische Verwerfungs- und Bruchgebiet zwischen dem Kilimandscharo und dem Victoria-Nyansa untersuchen; ich dagegen bin beauftragt, in etwa demselben Gebiet etwas Ordnung in das dortige Völkerchaos zu bringen. Dort, in dem Distrikt um den Manyara- und den Eyassi-See und in der Zone südlich von beiden, wimmelt es nämlich von Völkern und Völkchen, die der Völkerkunde trotz mehr als zwanzigjähriger Bekanntschaft mit ihnen noch recht viele Rätsel aufgeben. Sie als ‚Afrikanerinnen‘ werden ja hoffentlich nicht von dem allgemeinen Entsetzen gepackt wie Ihre Schwestern daheim, wenn afrikanische Orts- und Völkernamen auf Sie herniederprasseln, und so kann ich es wohl wagen, Ihnen zu erzählen, daß es hier u. a. das Volk der Wassandaui gibt, von dem man weiß, daß es in seiner Sprache Schnalzlaute hat wie die Hottentotten und Buschmänner, und von dem man vermutet, daß es der vergessene Rest einer uralten Urrasse ist. Ihnen verwandt sollen die Wanege und Wakindiga sein, beide am Eyassi-See schweifend. Aus der ganzen riesigen Afrikaliteratur, von der ich im Laufe der zwanzig Jahre meiner ernsthaften Beschäftigung mit diesem Erdteile doch immerhin einen bedeutenden Teil kennen gelernt habe, ist mir niemals etwas so spaßhaft erschienen wie der Umstand, daß unsere ganze bisherige Kenntnis dieser Wakindiga tatsächlich auf dem Besitz eines Feldstechers in den Händen des Hauptmanns Werther beruht. Dieser schneidige Reisende, der dieses abflußlose Gebiet zu Anfang und in der Mitte der 1890er Jahre zweimal mit großem Erfolge bereist hat, hat nämlich von der Existenz dieser Stämme zwar gehört, von ihnen selbst aber nichts als mit Hilfe seines Fernglases ein paar Hütten gesehen. Seitdem schleppen sich die bloßen Namen wie ein kostbarer Besitz durch alle die zahllosen kolonialen und völkerkundlichen Schriften, die Jahr für Jahr mit dem Anspruch des Gelesenwerdens auf den Arbeitstisch des Gelehrten und den Schreibtisch des Gebildeten herniederregnen.

„Eine ganze Gruppe ebenfalls noch recht wenig scharf bestimmter Völker stellen dann die Wafiomi, die Wairaku, Wa-Uassi und Wamburru dar, auch die Waburunge; sie alle stehen im Verdacht des Hamitentums, haben zum Teil recht merkwürdige Kulturformen ausgebildet, laufen aber Gefahr, unter dem Ansturm der neuen Verhältnisse ihre Eigenart noch schneller zu verlieren als so manches andere afrikanische Volk. Schon aus diesem Grunde ist ihre systematische Aufnahme nötig, solange es noch Zeit ist.

„Das gleiche gilt auch von einem wirklichen Völkerrest, als welcher die Tatoga oder Wataturu unzweifelhaft aufzufassen sind. Sie sollen eine dem Somali verwandte Sprache reden, leben aber heute über ein so weites Gebiet zerstreut, daß bei ihnen die Gefahr des Verschwindens ihres Volkstums womöglich noch größer ist als bei den anderen. Die letzten der für mich in Frage kommenden Stämme sind schließlich die Wanyaturu, die Wairangi und Wambugwe. Sie alle gehören zu der großen Völkergruppe der Bantu, haben sich aber gleichwohl eine auf ihrer Isolierung beruhende Eigenart des Kulturbesitzes so treu bewahrt, daß auch sie sehr wohl eine Reise lohnen.“

„Und was wollen Sie, Herr Professor, bei allen diesen Stämmen und Stämmchen? Etwa bloß für Ihr Leipziger Museum sammeln, oder hat die Völkerkunde von heute auch noch andere, höhere Ziele?“

„So ein Museum, meine Gnädigste, ist ja in Wirklichkeit, das wird auch der engherzigste Philister zugeben müssen, eine ganz lehrhafte Einrichtung; kann es wenigstens sein, wenn seine Aufgaben und Ziele richtig erfaßt worden sind. Aber wie wollte die Völkerkunde ihren schon an und für sich soviel angefeindeten Rang als Wissenschaft behaupten, wenn sie nichts Höheres und Besseres kennte, als bloß Bogen, Pfeile und Speere und die tausend andern Sachen zusammenzutragen, aus denen sich der Bestand unserer Sammlungen zusammensetzt! Dieses Sammeln und Konservieren stellt vielmehr nur einen, ich möchte sagen, den elementaren Zweig unserer Arbeit dar; es soll uns in den Stand setzen, die äußere, materielle Kultur der Naturvölker auch dann noch vor Augen zu haben, wenn diese Völker selbst längst zivilisiert oder ausgestorben sind. Der andere, höhere Teil ist die Aufnahme des geistigen Kulturbesitzes, also alles dessen, was auch den Stolz unserer eigenen Kultur ausmacht. Dem Laien mag es scheinen, als ob Neger und Indianer, Papuanen und Australier gänzlich bar allen solchen Besitzes seien: wir anderen wissen indessen sehr wohl, daß selbst noch der niedrigste Volksstamm einen bestimmten Kulturbesitz sein eigen nennt. Nach außen mag der zwar armselig erscheinen, in Wirklichkeit ist er ebenso differenziert und aus ebensoviel Einzelheiten zusammengesetzt wie der unsrige. Anfänge der Wirtschaft, Anfänge sozialer und staatlicher Gliederung sind überall vorhanden, und gerade die sozialen Verhältnisse so manchen Wildstammes spiegeln noch heute Züge wider, die vor Jahrtausenden auch unsern Vorfahren eigen gewesen sind. Anfänge der Technik, Waffen und Werkzeuge, Schmuck und Kleidung, Bauwerke und Verkehrsmittel — sie sind längst als ein Gemeingut der Menschheit erkannt worden. Auch die Sprache, Anfänge der Kunst und der Wissenschaft, religiöse Urideen und eine oft recht verwickelte Rechtspflege, alles das gehört ebenfalls zu unserm Forschungsgebiet. Der Grund aber für das eifrige Studium, das wir Kulturvölker auf diese Dinge verwenden, das ist derselbe menschliche Wissensdrang, der uns auch zu den Polen treibt, trotzdem dort keine wirtschaftlichen Werte locken: wir wollen ergründen, welchen Entwicklungsweg unsere eigene hohe Kultur in allen ihren Phasen genommen hat und welches ihre ersten Anfänge gewesen sind.

„Die Völkerkunde dokumentiert sich also im Grunde genommen als Kulturgeschichte, was keinen Einsichtigen überraschen kann. Gleichzeitig ist sie auch eine Geisteswissenschaft im besten Sinne des Wortes, denn auf ihr und ihren Vorarbeiten bauen sich unsere ach so stolzen Geisteswissenschaften im landläufigen Sinne ausnahmslos auf. Gerecht wird sie dem Zweck dadurch, daß die Ethnologie oder vergleichende Völkerkunde alle Lebensäußerungen der Rassen, Völker und Stämme auf ihren psychischen Ausgangspunkt hin untersucht, um auf diesem unendlich mühseligen und langwierigen, doch keineswegs langweiligen Wege zu einer Wissenschaft vom Menschen an sich, um im Bastianschen Sinne zu sprechen, zu gelangen. Das aber können wir nur, wenn wir im Besitz einer möglichst großen Zahl von Einzelbeobachtungen sind; diese wieder können nur auf wissenschaftlichen Reisen gewonnen werden, am besten natürlich durch wissenschaftlich geschulte Kräfte. Sie begreifen demnach, meine Damen, warum und wozu man mich unter diesen Umständen hinausschickt.“

Eine kleine Pause, keine des Entzückens, sondern offensichtlich der Erschöpfung bei meinen beiden Opfern festzustellen, hatte ich nach diesem Erguß, der für jeden andern als den Gewohnheitshörer deutscher Professoren allerdings furchtbar sein mußte, nun doch die heimliche Genugtuung; beide Damen rangen sichtbar nach Luft. Dann aber ermannte sich das weibliche Auditorium mit rascher Entschlossenheit und entgegnete:

„Schön, Herr Professor, das begreifen wir, lassen es auch gelten, ja heißen es sogar gut und wünschen Ihnen jeden Erfolg, in Ihrem Interesse und auch dem Ihrer Wissenschaft. Aber was wir immer noch nicht begriffen haben, das ist, warum und wieso Sie schon jetzt, hier im Angesichte des schlafenden Löwen vom Kap Guardafui, auf Expedition zu sein behaupten; der Boden eines eleganten Passagierdampfers ruft doch im Grunde genommen recht wenig den Eindruck eines völkerkundlichen Forschungsfeldes hervor.“

„Immer Geduld, bitte, meine Damen, die Völkerkunde ist eine Entwicklungswissenschaft, und so müssen Sie auch mir die Gelegenheit, mich selbst zu entwickeln, zugestehen. Entwicklungswissenschaft sind wir insofern, als sowohl der Mensch selbst wie auch seine Kultur sich nach der Höhe und nach der Breite entwickelt hat. Nicht umsonst spricht Friedrich Ratzel immer wieder von einer Tiefe der Menschheit, und eines der interessantesten, allerdings wohl auch schwierigsten Themata der Anthropologie und Ethnographie wird stets die Verbreitungsgeschichte der Menschheit über den Erdball hin bleiben.“

„Nun, wir denken, Asien ist die Wiege der Menschheit, und ex oriente lux sei die Devise, mit der Sie alle marschieren?“

„Das doch wohl nicht, oder besser nicht mehr, meine Gnädigste. Es ist immer bedenklich, eine solche Frage als Unterhaltungsgegenstand anzuschneiden, schon weil man nicht einmal weiß, ob und wann man ihn wird zu Ende führen können; aber da kein anderes Problem die biologischen Wissenschaften in der Gegenwart so stark beschäftigt wie gerade dieses, so will ich Ihnen wenigstens meinen Standpunkt so weit zu skizzieren versuchen, wie es das Ausgangsgebiet unserer Unterhaltung, nämlich die weiteren Ziele meiner Expedition, durchaus erfordert, und wie ich es Ihnen nach meinem Versprechen schuldig bin.

„Die Völkerkunde hat es mit der Heimatfrage des Afrikaners von jeher sehr leicht genommen; das Element, an dessen Wohnsitzen wir schon seit Suez entlang fahren, nämlich die Hamiten, ist von allen Autoren der Anthropologie und Ethnographie ausnahmslos über das Rote Meer von Asien her herübergenommen worden. Ziemlich allgemein hat man sich bezüglich des Zeitpunktes dieser Wanderung mit relativ kurzen Zeitabmessungen begnügt, ja der neueste Autor auf diesem Gebiet afrikanischer Völkerkunde, der durch sein Massai-Buch bekannte Hauptmann Merker, der dieses hochwüchsige Volk übrigens für die Semiten in Anspruch nimmt, will den Zeitpunkt der Wanderung und auch ihren Weg genau berechnen können; er setzt ihn um 5000 Jahre zurück.

Im Europäerviertel von Daressalam.

„Doch auch für die Hauptmasse der Bevölkerung Afrikas, für die Sudan- und Bantuneger, ist die Annahme einer fremden Urheimat ziemlich allgemein; auch diese beiden Gruppen sollen von Nordosten, also aus Asien her, über den Durchgangspaß des Roten Meeres in ihre heutigen Sitze eingedrungen sein.

„Gegen diese letzte Theorie einen energischen Vorstoß zu unternehmen, habe ich mir vor einigen Jahren in der Schrift ‚Zu Friedrich Ratzels Gedächtnis‘ das Vergnügen gemacht. Soweit die ganze Negerfamilie in Betracht kommt, spricht nichts, aber auch absolut nichts dafür, daß ihre Vorfahren jemals anderswo gesessen hätten als in dem Gebiet, das sie im großen und ganzen noch heute innehaben. Kein Zweig der großen Gruppe ist nachweisbar jemals im Besitz irgendwie bemerkenswerter nautischer Kenntnisse gewesen, und keiner hat auch jemals den Fuß aufs hohe Meer gesetzt.

„Aber ist denn das durchaus auch nötig, werden Sie mir einwerfen, wird nicht die ganze Gesellschaft entweder über die Landenge von Suez oder über die schmale Meerenge von Bab el Mandeb gewandert sein? Wir haben die letztere ja erst vor zwei Tagen passiert; sie ist doch so schmal, daß man von einem Ufer das andere deutlich erblicken kann.

„Sehr richtig, meine Damen, aber so einfach ist das Problem denn doch nicht. Für den Menschen beansprucht die moderne Anthropologie ebensolange Zeiträume wie für unsere höhere Tierwelt; den Diluvialmenschen erkennt auch unsere straffste Orthodoxie seit langem an, und an den Tertiärmenschen würde man sich selbst dann gewöhnen müssen, wenn er nicht schon an sich ein logisches Postulat wäre. Mit diesem Herniedersenken des Jugendstadiums unserer Spezies in frühere geologische Perioden wird nun aber das Problem der Herausbildung der Menschenrassen zu einer Aufgabe, die nicht bloß durch Messungen an Schädel und Skelett gelöst werden kann, sondern an der neben der Paläozoologie vor allem auch die Erdgeschichte, also die historische Geologie, tatkräftig mitzuarbeiten haben wird. Soweit ich die Sachlage zu übersehen vermag, werden die in Frage kommenden Wissenschaften sich schließlich wohl auf nur drei Urrassen einigen: die weiße, gelbe und schwarze, die je ihren Herausbildungsherd auf bestimmten alten Dauerkontinenten gehabt haben müssen. Ein solcher Dauerkontinent bestand in der Tat lange geologische Zeiträume hindurch auf der südlichen Halbkugel. Einen großen Rest von ihm stellt das heutige Afrika dar; kleinere hat man in der indonesisch-papuanischen Inselwelt und in Australien zu sehen. Die Verbreitung der schwarzen Rasse von Senegambien im Westen bis Fidji im Osten erklärt sich auf diese Weise spielend.

„Und auch für die großen Gruppen der Mischrassen werden wir nach meiner Ansicht für die Zukunft nicht mehr ohne die Zuhilfenahme geologischer Veränderungen der Erdoberfläche auskommen. Woher leiten wir den Hamiten und was verstehen wir überhaupt unter diesem Begriff, der auffälligerweise eine Völkerzone umschließt, die sich geographisch lückenlos zwischen die weiße und die schwarze Rasse einschiebt? Wie will man des fernern die sogenannten Uralaltaier erklären, jene schwer zu umschreibende Völkermasse zwischen dem mongolischen Urelement im Osten und dem weißen im Westen? Wird man nicht auch hier auf den Gedanken kommen müssen, daß der Anstoß zur Entwicklung beider Gruppen, der Nordafrikaner sowohl wie auch jener Nordasiaten, gegeben wurde durch eine breite und lange Berührung der alten Urrassen, die nach Lage der Dinge, d. h. auf Grund der geologischen Veränderungen sowohl im Südosten des Mittelmeergebietes wie auch im Osten Nordeuropas, nur durch das Zusammenwachsen der vordem durch Meere getrennten, alten Kontinentalkerne geschehen konnte? Tatsächlich sind die Landbrücken an beiden Stellen geologisch sehr jung.

„Derartige Aus- oder richtiger Rückblicke mögen einstweilen noch ketzerhaft oder als vage Hypothesen erscheinen, ohne Zweifel haben sie jedoch das Gute, daß sie uns zur Annahme langer Zeiträume auch für die Entwicklung des Menschengeschlechts zwingen, und das ist ja auch schon ein Fortschritt. Mir persönlich ist es, solange ich mich mit derartigen Fragen berufsmäßig beschäftigen muß, immer recht spaßhaft vorgekommen, daß man für den Menschen die kürzeste Entwicklungszeit annimmt, trotzdem er das höchst gestiegene Lebewesen sein soll. Logischerweise kann man von ihm doch nur gerade das Gegenteil annehmen.“

„Und um alles dieses in Ihrem Haupte zu bewegen, müssen Sie, Herr Professor, erst ins Rote Meer und in den Golf von Aden fahren? Konnten Sie das zu Hause nicht viel bequemer haben?“

„Das freilich, aber keine von Ihnen, meine Damen, wird leugnen können, daß die persönliche Kenntnis des Schauplatzes eines Vorganges, wenn nichts anderes, so doch zum mindesten ein kräftiger Ansporn ist, sich mit jenem Vorgang selbst und seinen Ursachen noch intensiver zu beschäftigen, als man das fern von ihm tun würde. Für mich ist demgemäß die, wie Sie zugeben werden, an sich nicht besonders reizvolle Fahrt durch das Rote Meer die beste Gelegenheit gewesen, mich mit dem Problem der Rassenherausbildung recht nachhaltig zu befassen, und Sie verstehen nunmehr wohl ohne jede Einschränkung, wie recht ich mit der Behauptung hatte, meine Expedition habe schon längst begonnen.“ —

Vielleicht werden Sie mich schelten, Herr Geheimrat, daß ich derartig schwierige Materien an solchem Ort und vor solchem Kreise angeschnitten habe. Sie haben sicher recht damit; andererseits können gerade wir Gelehrten gar nicht genug Gelegenheiten suchen, unsere Weisheit über die Hörsäle der Universitäten hinaus in die weitesten Kreise zu tragen. Wird man auch nicht überall sogleich verstanden, so beginnt doch hier und da ein leises Interesse zu keimen, das hinterher fröhlich wächst und später vielleicht die schönsten Früchte trägt.

Reuevoll will ich Ihnen nunmehr wieder etwas mehr, statt mit grauer Theorie, mit der fröhlichen Wirklichkeit kommen. Vom Kap Guardafui habe ich ein paar recht hübsche Aufnahmen machen können. Von der Nordseite her ist dieses Vorgebirge nur wenig imposant; es hat den Anschein, als ob das Schiff dicht an Land dahinführe; in Wirklichkeit ist man jedoch 5 bis 6 Seemeilen vom Strande ab, und aus diesem Grunde kommt dem Reisenden die stolze Höhe von nahezu 300 Meter gar nicht zum Bewußtsein.

Eindrucksvoller sieht die Landschaft von Süden her aus; zur Rechten des Schiffes steigen hier die Berge in nahezu senkrechter Steilheit zu fast 1000 Meter empor, oft überlagert von einer kompakten Wolkenschicht, die das Gebirge noch stattlicher und gewaltiger erscheinen läßt. Dennoch wendet sich das Auge immer wieder zum Kap Guardafui zurück. Höher als von der Nordseite aus erscheint es zwar auch jetzt nicht, aber es gewährt selbst dem phantasielosesten Reisenden ein Bild, das allen Ostafrikafahrern unter dem Namen des „schlafenden Löwen“ bekannt und geläufig ist. Ich halte im allgemeinen nicht viel von derartigen Personifikationen von Naturgebilden, an dieser Stelle indessen habe auch ich den Eindruck der Naturwahrheit in vollkommenster Weise empfunden. Tief ist das wuchtige, mähnenumwallte Haupt auf den Boden, das ist in diesem Falle der dunkelblau leuchtende Indische Ozean, niedergeduckt; dicht angeschmiegt liegt die rechte Vorderpranke. Leider ist das königliche Auge geschlossen; zu welch herrlicher Symbolik würde dieses unvergleichliche Bild die Phantasie sonst zu begeistern vermögen! Vor dem Phänomen von heute ist deren Flug nur lahm. Ursprünglich wachte der Löwe; er behütete den regen Seeverkehr, den das ausgehende Altertum und das frühe Mittelalter vor seinen Augen aufrecht erhielten; als Phönizier und Himjariten, Griechen und Römer, Araber und Neuperser von Westen aus nach Osten und nach Süden hinaussegelten; als von Osten her zu wiederholten Malen der mittelalterliche Chinese vorstieß bis in die Bucht von Aden und vielleicht gar bis ins Rote Meer. Das war eine Zeit, des Wachthaltens wert! Doch es kam der Islam und es kam der Türke, es kam ferner die Zeit der Umfahrung des fernen Kaps der Guten Hoffnung und damit die Brachlegung der ägyptischen und der syrischen Pforte. In stummes, dumpfes Brüten versank das Rote Meer, versank der Persische Golf. Das hat Jahrhundert um Jahrhundert gedauert, und dabei ist der Löwe müde geworden und sanft entschlafen.

„Aber sollte nicht der neue Riesenverkehr des Suezkanals ihn bereits haben erwecken können oder müssen“, werden Sie mir einwerfen. Darauf muß ich erwidern: „Nein; das Trägheitsgesetz beherrscht die Welt, auch ist der Schlaf dieses alten Ozeanwächters so tief, daß lumpige vierzig Jahre nicht ausreichen, um ihn zu stören; dazu bedarf es anderer Mittel. Und auch dieses kenne ich. An Bord befindet sich ein italienischer Capitano, ein prächtiger, stattlicher Mensch, dem die Abessinier bei Adua leider mit Speerstichen arg zugesetzt haben. Den fragte ich vorhin, warum denn kein Leuchtturm das Fahrwasser am Kap Guardafui verbessere; sie als Herren des Landes hätten doch eigentlich die Pflicht, für so etwas zu sorgen.“

„Das ist richtig, mein Herr, aber haben Sie schon einmal gegen die Völker dieses Osthorns gekämpft?“ war die Gegenfrage. „Was, glauben Sie wohl, würden die Herren Somâl dazu sagen, wenn wir ihnen die beste Gelegenheit zum gewohnten Strandraub nähmen? Ein schwerer Feldzug wäre die einzige Folge schon des bloßen Versuchs, sich dort oben festzusetzen.“

Der Capitano mag mit seinen Worten recht haben; gleichwohl wird sich Italien auf die Dauer nicht der Notwendigkeit entziehen können, der internationalen Verpflichtung eines Leuchtturmbaues an jener exponierten Stelle nachzukommen; schwarz und traurig liegt auch jetzt der Rumpf eines gestrandeten französischen Dampfers, der in dunkler Nacht auf der Nordfahrt zu früh nach Westen umbog, an der Küste. Mit dem Moment aber, wo dieser Leuchtturm seinen Lichtkegel zum erstenmal über die nächtlich dunklen Weiten des umgebenden Meeres hinaussenden wird, da wird der Löwe erwachen. Dann wird auch er fühlen, daß seine Stunde von neuem gekommen ist. Vorbei der tatenlose Dämmerzustand langer Jahrhunderte, vorbei auch für immer das Sackgassentum jenes Roten Meeres, das Orient und Okzident räumlich so nahe rückte und doch so fern voneinander hielt. Freie Durchfahrt, jetzt und immerdar! —

Der Monsun ist eine angenehme Erscheinung, besonders nach dem erschlaffenden Genuß des Roten Meeres und des Golfs von Aden, doch wird auch er auf die Dauer eintönig und langweilig. Das rührt daher, daß die Länge der Seereise die Sehnsucht nach dem Landungshafen immer stärker werden läßt. Mombassa und Sansibar werden deshalb stets mit Jubel begrüßt und im Eiltempo genossen. Für Daressalam ist man schon gemäßigter gestimmt, doch betritt man nichtsdestoweniger auch diese Stadt mit dem leisen Gefühl einer endlichen Erlösung.

Bucht von Lindi.

Drittes Kapitel.
Es kommt anders.

Lindi, Ende Juni 1906.

Frau Professor Weule, Leipzig.

O dieses Afrika! Das Wort aller „alten“ Afrikaner: „In Afrika kommt es erstens anders, und zweitens als man denkt“ ist mir, solange ich es über mich habe ergehen lassen müssen, und das sind viele Jahre, stets als die Quintessenz alles Stumpfsinns erschienen: doch wenn es einem so ergeht wie mir vor kurzem, dann kann man nicht anders als es jedem Opfer ebenfalls resigniert ins Gesicht schleudern.

Also der 11. Juni. Für etwa den 20. hatten die beiden Geographen und ich unsere Abreise von Daressalam nach dem Norden geplant; mit Sack und Pack und den nötigen Mannschaften wollten wir bis Tanga mit dem Dampfer, von Tanga bis Mombo mit der Usambarabahn fahren, um vom Panganital aus den Marsch durch die Massaisteppe auf Kondoa-Irangi anzutreten. Alle Vorbereitungen waren im besten Zuge. Um sie dem Abschluß näher zu bringen, stehe ich eines schönen Morgens in Daressalam in dem Ausrüstungsgeschäft von Traun, Stürken & Devers und feilsche mit jener Beharrlichkeit und Zähigkeit, die man sich nur als Leiter eines ethnographischen Museums aneignen kann. Halb gleichgültig höre ich der Unterhaltung eines der Verkäufer mit einem weißen Schutztruppenunteroffizier zu, als plötzlich der Name Kondoa-Irangi an mein Ohr schlägt. Jetzt höre ich schärfer hin: „Ich denke, Sie fahren morgen mit dem X auf Urlaub nach Deutschland“, sagt der eine. „Hat sich was, morgen nachmittag marschieren wir ab; ich hab’s ja eben schon gesagt, in Iraku ist Aufstand“, erwidert der andere.

Kondoa-Irangi, Iraku — das sind Begriffe, die mich allerdings sehr angehen. Halb instinktiv wirft’s mich zur Tür hinaus auf die von blendendem Sonnenlicht überflutete Straße. Rrrrrr rasselt auch schon das Maultiergespann des Hauptmanns Merker heran: „Halt, Herr Weule, nach Kondoa-Irangi können Sie nicht“, tönt es laut über die Wollköpfe der schwarzen Passanten hinweg in mein nicht gerade freudig berührtes Ohr.

Ich vermag mich sonst im allgemeinen keiner übergroßen Geistesgegenwart zu rühmen, aber in diesem Augenblick muß ich wirklich blitzschnell gedacht haben; denn kaum hatte ich neben Merker Platz genommen, um im schnellsten Tempo zum Gouvernement behufs näherer Aufklärung zu fahren, da hatte ich auch schon die verschiedenen Möglichkeiten eines Ersatzgebietes in Betracht gezogen, für den immerhin doch sehr wahrscheinlichen Fall, daß meine Irangi-Expedition endgültig aufgegeben werden müsse. In Daressalam gab es in jenen für mich kritischen Tagen keinen Kenner der Verhältnisse, der nicht gesagt hätte: „Ach was, der Iraku-Aufstand ist ja gar kein Aufstand; das ist lediglich eine Bagatelle, ein Streit um ein paar Ochsen, sicherlich aber etwas, was sehr bald beigelegt sein wird.“ Gleichwohl mußte ich dem stellvertretenden Gouverneur, dem stets gleich liebenswürdigen Geheimrat Haber, vollkommen recht geben, wenn er mir einwarf, ein Geograph könne jenes Gebiet nach wie vor mit voller Seelenruhe durchstreifen, unbeschadet der vier Kolonnen deutscher schwarzer Schutztruppen, die von Moschi, Mpapua, Kilimatinde und Tabora radial ins abflußlose Gebiet hineinmarschiert seien. Etwas ganz anderes sei es mit einer ethnographischen Expedition, die könne nur in absolut ruhigen und ungestörten Gebieten arbeiten; keins von beiden sei aber dort oben augenblicklich und für absehbare Zeit zu erwarten. Ob ich nicht nach dem Süden wolle, ins Hinterland von Lindi und Mikindani? Das Land da unten sei zwar auch Aufstandsgebiet, aber es habe den Vorzug, den Aufstand beendet zu sehen; vor allem hätten die Wamuera sehr nachhaltige Hiebe bekommen, so daß ihnen und auch den anderen Völkern jenes Gebietes die Lust zu neuen Übergriffen für einige Zeit vergangen sein werde. Zudem sei im Süden verhältnismäßig viel Militär aufmarschiert, sowohl Schutztruppe wie Polizei; starke Posten hielten die strategisch wichtigsten Punkte besetzt, eine ausreichende Leibwache aber oder eine persönliche Schutztruppe wäre mir dort unten ganz sicher, während ich für das Manyaragebiet auf höchstens ein paar Rekruten rechnen dürfe.

Dampfer Rufidyi, nach einer Zeichnung des Suaheli Bakari (s. [S. 450]).

Mündungsgebiet des Lukuledi oberhalb Lindi.


GRÖSSERES BILD

Mein vieljähriges Studium der afrikanischen Völker hat mir zu keiner Zeit bessere Dienste geleistet als jetzt. Aus erklärlichen Gründen war ich über das vorgeschlagene neue Forschungsgebiet nicht so gut unterrichtet wie über das mir so jäh entglittene, aber ich wußte doch immerhin, daß dort eine ganz ähnliche Anhäufung vieler Völkerschaften vorhanden ist wie im Norden; auch konnte ich mit einiger Bestimmtheit beurteilen, in welcher Weise ich meine neue Expedition aufzufassen und durchzuführen haben würde, um sie zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Dennoch habe ich mich wohl gehütet, den neuen Plan schon jetzt in seinen Einzelheiten zu entwerfen und zu durchdenken; dazu wäre im übrigen auch gar keine Zeit mehr gewesen, denn ich mußte eilen, wenn ich nicht wieder Wochen verlieren wollte. Das Einverständnis der Landeskundlichen Kommission und des Kolonialamts war bald eingeholt, meine Lasten waren gepackt, zwei Boys und ein Koch längst gedungen. Zum 19. Juni stand die Fahrt des kleinen Regierungsdampfers „Rufidyi“ nach dem Süden bevor. Schnell ließ ich mich vom Gouvernement mit der einzigen Karte vom Südbezirk, die zur Zeit verwendbar war, „ausstatten“; ebenso rasch hatte mich das trefflich geleitete Zentralmagazin mit zwei Dutzend stämmiger Wanyamwesiträger versehen; andere unumgänglich nötige Besorgungen und Formalitäten waren ebenfalls im Nu erledigt — kurz, eigentlich ehe ich mich versah, befand ich mich an Bord und in der Ausfahrt des Hafens von Daressalam.

Ich habe mich von vornherein keinen Augenblick der Erwartung hingegeben, eine Forschungsreise sei ein Vergnügen, aber die 3¼ Tage, die ich an Bord dieses „Dämpflings“, wie der alte Schutztruppenhauptmann Seyfried den „Rufidyi“ und seinen gleich kleinen Bruder „Rovuma“ spöttisch, aber mit Recht zu nennen pflegt, werden mir auch, selbst wenn es mir im Innern des Landes einmal schlecht gehen sollte, noch lange in Erinnerung bleiben! Das liegt teilweise an einem Mangel an eigener Voraussicht selbst; statt erst noch im Klub von Daressalam vor der Abfahrt gut und reichlich zu frühstücken, habe ich mir von dem schwarzen Schiffskoch einen Kaffee vorsetzen lassen, der in Verbindung mit dem durch und durch „klitschigen“ Schwarzbrot und der recht ranzig schmeckenden Konservenbutter schon auf dem festen Lande ein wirksames Brechmittel gewesen wäre, der aber auf dem im steifen Südwestmonsun wie toll schlingernden und stampfenden Schiffchen das unvermeidliche Unglück sehr schnell hereinbrechen ließ. „Rufidyi“ und „Rovuma“ sind keine eigentlichen Passagierdampfer, sondern sie dienen mehr zur Verteilung der Post über die lange Küste hin und zur Bewältigung kleinerer Frachten. Infolgedessen sind für etwaige Reisende keine Unterkunftsräume vorhanden; man erklimmt im Ausgangshafen die Kommandobrücke und wohnt, ißt, trinkt und schläft auf ihr, bis man ans Ziel kommt. Bei ganz geringer Anzahl geht das noch an; da haben die Feldbetten, ohne die man ja in Ostafrika überhaupt nicht reisen kann, nachts noch eben Platz nebeneinander; wie es aber sein mag, wenn sechs oder acht Herren und dazu vielleicht gar noch eine Dame sich in diesen Raum von der Größe eines mäßigen Zimmers teilen müssen, wage ich mir kaum auszumalen.

Bei meinem eigenen Weh habe ich mich um das Wohl meiner Mannschaft kaum zu kümmern vermocht. Moritz und Kibwana, meine beiden Boys, und Omari, der Koch, sind weitgereiste Gentlemen, die das Schaukeln und Pendeln des „Rufidyi“ mit stoischer Ruhe über sich haben ergehen lassen; doch dafür haben meine Wanyamwesiträger ihre sonst so unverwüstliche Heiterkeit sehr bald eingebüßt. Sie waren alle mit frohem Mut an Bord gegangen, sich ihren in Daressalam zurückbleibenden Stammesbrüdern gegenüber damit brüstend, wie weit sie in die Welt hinaus kämen und was sie alles sehen würden. Wie die 24 sich auf dem unglaublich engen Achterdeck, das ihnen zudem noch von ein paar Pferden streitig gemacht wurde, haben einrichten können, ist mir heute noch ein Rätsel; sie saßen und lagen förmlich übereinander. Bei der Allgemeinheit und Ausdauer, mit der auch diese Braven dem Meeresgott geopfert haben, muß es für alle eine herrliche Überfahrt gewesen sein!

Der alte Erdteil Afrika hat nun einmal etwas Starres, Unbewegliches und Konservatives an sich; das haben wir schon beim Löwen von Guardafui gesehen, wir finden es aber selbst im amtlich geregelten Dampferverkehr von heute noch bestätigt. Die Alten fuhren auf See bekanntlich nur bei Tage; auch die weniger seetüchtigen Naturvölker gehen bei ihren Fahrten abends stets unter Land; wir Europäer halten es dagegen für eine unserer ältesten und zugleich höchsten Errungenschaften, daß wir bei unserer Seefahrt weder auf das Wetter noch auf die Nacht Rücksicht nehmen. Von dieser Regel bilden indessen „Rovuma“ und „Rufidyi“ eine seltene Ausnahme; sie suchen sich bei ihren Fahrten kurz vor Sonnenuntergang einen geschützten Schlupfwinkel und fahren erst am nächsten Morgen beim Tagesgrauen wieder hinaus.

Auf der Fahrt von Daressalam nach Lindi und Mikindani, der sogenannten Südtour, wie sie amtlich heißt, ist der erste Nachthafen Simba Uranga, einer der zahlreichen Mündungsarme des großen Rufidyiflusses. Die Einfahrt in diesen Stromarm ist nicht ohne Reiz; schon von weitem erblickt das Auge in der grünen Mangrovenmauer, die für das ausgedehnte Delta charakteristisch ist, eine Lücke. Durch Bojen im richtigen Fahrwasser gehalten, fährt das kleine Schiff zwar nicht schnell, aber doch stetig auf diese Lücke zu. Sie kommt näher und näher, wird breiter und breiter; links und rechts dehnt sich die weißschäumende Brandung an den endlosen Korallenriffen, die die ganze Äquatorial-Ostküste umsäumen, ins Weite. Plötzlich hat man das Gefühl, dem offenen Meer entflohen und im ruhigen Hafen zu sein. Und, fürwahr, er ist stattlich genug; wohl 600, ja 800 Meter breit fließt der Strom ruhig und majestätisch zwischen den grünen Uferwänden dahin, und fast unabsehbar tief dringt er ins Land hinein. Das Schiff muß, um an seinen vorgeschriebenen Liegeplatz zu kommen, noch etwa eine Stunde stromaufwärts dampfen. Melancholisch grüßt von rechts eine aufgelassene Sägemühle herüber; die stattlichen Gebäude liegen verwaist, die Maschinen rosten; das Ganze ist ein stimmungsvoller Beleg für das Trügerische so mancher mit frohen Hoffnungen begonnenen kolonialen Unternehmung. Im Moment des Sonnenunterganges hört die Schiffsschraube auf zu arbeiten; der Anker rasselt hernieder, der „Rufidyi“ macht dicht am linken Ufer fest. Er wird mit Holz geheizt, und zwar mit Mangroveknüppeln, die hier in den Waldungen des Deltas geschlagen und an dieser Stelle für die Übernahme an Bord aufgestapelt werden. Das geschieht unter der Aufsicht eines Försters, den ich leider nicht zu Gesicht bekomme, da er gerade über Land ist. Beschaulich mag sein Dasein freilich sein, aber beneidenswert wohl kaum; auch mitten auf dem breiten Strom umschwirren uns bald dichte Schwärme von Moskitos. An Land, denke ich, werden sie nicht seltener sein. Da wird der Grünrock es wohl machen müssen wie ich in Daressalam, wo ich mich in meinem Anopheles-Dorado, d. h. meinem zwar von herrlichen Kokospalmen und Mangobäumen überschatteten, dafür aber wenig luftigen und von Moskitos überreich bewohnten Zimmer, vor diesen Mitbewohnern nur dadurch retten konnte, daß ich nach Sonnenuntergang mitsamt meinem Arbeitstisch und meiner Lampe stets unter einem Moskitonetz saß, das von einem Rahmen herab an der Decke hing. Der auf diese Weise geschaffene Arbeitsraum war zwar ungeheuer eng, aber er gab dem Insassen doch das Gefühl der reinsten Freude, nämlich der Schadenfreude. Mochten sich die braven Anopheles draußen auch noch so blutgierig und in noch so dichten Schwärmen an die dichten Maschen des Netzes heften, der intelligente Msungu, der Europäer, war vor ihnen absolut sicher.

Reede von Lindi.

Was für den Ozeandampfer das Deckwaschen in den frühesten Morgenstunden, gerade zur Zeit des schönsten Schlafes ist, das ist für den „Rufidyi“ die Holzübernahme im Simba-Uranga-Fluß und die Ladungsübernahme auf der freien Reede von Kilwa; in beiden Nächten bin ich bei dem unausgesetzten Gepolter der geworfenen Gegenstände und dem ebenso unausgesetzten Gebrüll der Mannschaft nur sehr wenig zum Schlafen gekommen. Der wirklich wunderbare Sonnenuntergang auf dem Simba Uranga war dafür ebensowenig eine Entschädigung wie die wundervoll stimmungsvolle Ausfahrt am nächsten Frühmorgen. Erquickend hätte erst wieder die frische Brise des Monsuns draußen auf dem offenen Meer wirken können; aber kaum hatten wir dieses erreicht, so begann der Meeresgott auch schon wieder sein Opfer zu fordern. Ich weiß nicht, ob und in welcher Weise ein gesundes Nervensystem auf den Heizungsmodus des „Rufidyi“ reagieren wird; uns drei seekranken Passagieren, die wir uns bis Kilwa in die Annehmlichkeiten seiner Kommandobrücke teilten, ist er furchtbar und unerträglich erschienen. Von den beiden Schwesterschiffen hat wenigstens der „Rovuma“ einen guten Magen; der verdaut die etwa 80 Zentimeter lang geschnittenen Mangroveknüppel wie sie in seinen Kessel hineingeworfen werden. Der „Rufidyi“ hingegen ist von zarterer Konstitution; sein Magen nimmt die Nahrung nur in verkleinertem Zustand auf. Kaum erscheint über dem östlichen Horizont der erste Dämmerschein des grauenden Tages, da kracht, von dem nervigen Arm eines muskulösen Baharia geschwungen, der schwere Hammer mit voller Wucht hernieder auf den Stahlkeil, den ein anderer schwarzer Matrose hilfreich mitten auf den ersten dieser Mangroveblöcke gesetzt hat. Schlag auf Schlag erdröhnt; das eisenzähe Holz ächzt und stöhnt; endlich ist der erste Bissen für den gefräßigen Kessel zerkleinert; in hohem Bogen fliegen die einzelnen Stücke in den engen Heizraum. Krach! erdröhnt es auch schon von neuem, daß der ganze Schiffskörper erzittert. Das Spiel wiederholt sich so Stunde um Stunde, den ganzen Tag hindurch, bis zum Abend hin. Erst dann haben die Negerarme Ruhe; dankbar aber begrüßen unsere seekranken Gehirne diesen Moment des Feierabends; denn was in der ersten Stunde noch erträglich erscheint, jener unausgesetzte Rhythmus des dröhnenden Hammers, in den elf anderen steigert er sich zur fürchterlichsten Qual.

Meine schwarze Mannschaft hat sich genau so gegeben, wie Kenner dieser Rasse es mir vorausgesagt hatten. In Daressalam hatte jeder der Siebenundzwanzig sein Poscho auf vier Tage bekommen, d. h. die Mittel und zugleich auch den Auftrag, sich für diese Zeit mit Proviant zu versehen. Schon in Simba Uranga trat der Mnyampara, der Trägerführer, an mich mit dem Ansinnen heran, für ihn und seine dreiundzwanzig Untergebenen neue Vorräte zu kaufen; sie hätten bereits alles aufgegessen. Dieses Mal schützte mich der gänzliche Mangel an verkäuflichen Lebensmitteln in jenem Urwald vor einer abschlägigen Antwort; auch Moritz gegenüber, der „fein“, wie er nun einmal ist, durchaus Fisch haben wollte. Ihn habe ich kühl lächelnd die Treppe hinuntergeworfen. Aber so sind sie, diese Kinder des dunklen Weltteils; sie leben stets nur dem Augenblick und sorgen nicht für die Zukunft, ja nicht einmal für den nächsten Morgen. In Kilwa habe ich richtig noch ein paar Rupien springen lassen müssen, um diese trotz ihrer Seekrankheit nimmersatten Gesellen zur Ruhe zu bringen.

Kilwa — Kilwa Kiwindje genannt zum Unterschied von dem alten, weiter im Süden gelegenen Portugiesen-Emporium Kilwa Kisiwani — ist uns Älteren aus dem Araberaufstande von 1888 in traurigem Angedenken. Damals haben ein paar Angestellte der Deutschostafrikanischen Gesellschaft dort ihr tragisches Ende gefunden, lediglich weil unsere Flotte nicht eingriff. Dieser ist seither mancher schwere Vorwurf darüber gemacht worden. Heute, wo ich die topographischen Verhältnisse des Ortes durch eigenen Augenschein kenne, wird mir jener traurige Vorgang verständlich; die berüchtigten Tiefenverhältnisse der dortigen Küstenregion bringen es mit sich, daß europäische Dampfer draußen in fast unabsehbarer Ferne ankern müssen. Daß die Notzeichen der beiden Unglücklichen damals von unserm Kreuzer aus nicht gesehen worden sind, begreift man bei dem riesigen Abstande, in dem große Schiffe auf der Reede ankern müssen, vollkommen.

Unter normalen Umständen dauert die Fahrt mit dem „Rufidyi“ von Daressalam bis Lindi drei Tage; wir haben sie indessen in dieser wahrlich nicht kurz bemessenen Zeit nicht geschafft. Südlich von Kilwa hört der Schutz auf, den auf der nördlichen Fahrstrecke die große Insel Mafia und die zahllosen kleinen Koralleneilande vor dem Südwind bieten; infolgedessen faßt dieser das kleine Fahrzeug mit noch ganz anderer Kraft als die beiden Tage vorher. Ich bin jetzt der einzige Passagier, habe also genügend Platz, bin aber trotzdem womöglich noch elender als zuvor, denn auch das letzte Genußmittel, das mich vordem noch hatte reizen können, die Apfelsinen, sind gänzlich aufgezehrt. Schon kurz nach Mittag beginnen Kapitän und Steuermann besorgt ihre Karte zu studieren.

„Wann werden wir in Lindi sein?“ frage ich müde und matt aus meinem Liegestuhl heraus.

Eine ausweichende Antwort. Es wird allmählich Spätnachmittag; auf Steuerbord zeigt sich immerfort das gleiche Bild: eine weiße, krause Brandungslinie; dahinter der spezifisch grüne Wall der Mangroven. Kapitän und Steuermann sind noch immer über ihre Karte gebeugt; die Sonne steht nicht mehr weit vom Horizont.

„Ist jener Vorsprung dort etwa das Kap Banura?“ frage ich, in der Meinung, jetzt gleich in die unverkennbare Bucht von Lindi einfahren zu können.

Wiederum eine ausweichende Antwort. Nunmehr wird es mir allmählich klar, daß auch die beiden Schiffslenker mit den Geheimnissen dieser Küstenstrecke noch nicht sehr vertraut sein können; wirklich ist der Kapitän ganz neu, der Steuermann aber fährt nur zum Ersatz für einen Beurlaubten mit. Wir sind, da die Sonne rasch zur Rüste ging, dann in die erste beste geräumige Bucht eingefahren, haben dort eine wundervoll ruhige Nacht verlebt und haben die letzten drei, vier Stunden bis Lindi am vierten Tage ohne weitern Zwischenfall zurückgelegt. Unser Zufluchtshafen war die Mtschingabai; sie war weder den beiden Seebären noch mir bekannt, wohl aber, wie sich nachher herausstellte, den beiden Maschinisten. Nur war es wie immer, wo Deutsche auf engem Raum zusammenleben müssen: beide Parteien lebten in grimmer Fehde, aus welchem Grunde die Herren des Heizraumes es nicht für nötig befunden hatten, die Kollegen von der Kommandobrücke über den Schiffsort aufzuklären.

Die Einfahrt in die Bucht von Lindi hat etwas Feierliches an sich. Hart biegt das Schiff um Kap Banura herum, da weitet sich vor uns plötzlich ein gewaltiges Becken, wohl 15 Kilometer lang und 5 bis 6 Kilometer breit; die umgebenden grünen Bergzüge sind nicht hoch, aber doch stattlich zu nennen und stürzen besonders aus dem Südufer steil zum Meer ab. Der „Rufidyi“ sieht aus wie ein schwarzes Pünktchen auf dieser weiten, silberglänzenden Fläche. Rasch nähert er sich dem Städtchen Lindi selbst. Es liegt unter dichten Kokos- und Kasuarinenhainen malerisch auf einer Landzunge, die gebildet wird durch die abschließende Rückseite der rechtwinkeligen Bucht und das linke Ufer eines scheinbar gewaltigen Stromlaufes, der sich über Lindi hinaus sichtlich noch tief ins Innere fortsetzt. Der Geograph weiß, daß dem nicht so ist, sondern daß diese wohl immer noch 800 bis 1200 Meter breite Wasserfläche das Ästuar des winzigen Lukuledi darstellt. Dieser würde ein solches Bett heute nimmer zu füllen vermögen; was wir als seine Mündung betrachten, ist vielmehr das tief unter das Niveau des Indischen Ozeans gesunkene, ganze Flußtal eines weit ältern Lukuledi. Geologisch sind alle unsere Häfen an dieser Küste gleichen Ursprungs; ob Daressalam, ob Kilwa Kisiwani, Lindi oder Mikindani, sie alle sind vollgelaufene Täler. Afrika mit seiner ungefügen Masse sieht auf der Landkarte langweilig aus, das gebe ich zu; rückt man aber dem Erdteil selbst auf den Leib, so ist er in allen seinen Teilen interessant. Schon an der Küste hebt es an.

Arabische Dhau. Zeichnung des Mwemba-Askari Stamburi (s. [S. 449]).

Kettengefangene, nach einer Zeichnung des Munassajünglings Salim Matola (s. [S. 451]).

Viertes Kapitel.
Lehrzeit an der Küste.

Lindi, 9. Juli 1906.

Afrika ist das Land der Geduldübung. Mit diesem Übelstande haben sich alle Reisenden vor mir abfinden müssen; auch mir scheint er nicht erspart werden zu sollen. Erst beinahe drei Wochen tatenlos in Daressalam, jetzt schon wieder fast ebensolange in einem andern Küstennest; das ist etwas viel, zumal wenn man für seine Reise so wenig Gesamtzeit zur Verfügung hat und wenn gerade die schönste Periode des Jahres, der Anfang der Trockenzeit, unwiederbringlich dahinschwindet.

In Daressalam war der Grund für das lange Hinzögern des Aufbruchs die Seltenheit des Dampferverkehrs an der Küste; hier in Lindi ist es die Abwesenheit des kaiserlichen Bezirksamtmanns und die damit im Zusammenhang stehende Entblößung des Bezirksamts von verfügbaren Polizeitruppen. Ohne Soldaten soll ich nicht gehen; Soldaten sind aber erst dann zu haben, wenn Herr Ewerbeck zurück sein wird; folglich muß ich dessen Rückkehr wohl oder übel abwarten. Aber langweilig ist die Zeit mir weder in Daressalam, noch hier in Lindi geworden. Daressalam mit seinem Volksreichtum und seinen vielen Weißen würde auch schon dem bloßen Touristen genug des Neuen bieten, um wieviel mehr mir, der ich mich, sooft es nur meine Zeit zuließ, im engsten Verkehr mit den Eingeborenen für meine Forschungsaufgabe vorbereitet habe. Ich habe manchen Vor- und Nachmittag in den Hütten und auf den Höfen der Eingeborenen zugebracht und habe auch wunderhübsche Ngomenlieder auf der Phonographenwalze festgelegt, ganz abgesehen von den zahlreichen Liedern, die ich Solosängern verdanke, und den Spielproben, die Angehörige der verschiedensten Völkerstämme vor mir in meinem Moskitoparadies auf dem Deversschen Hof auf ihren Stammesmusikinstrumenten ablegten. An einem Tage hatte das Bezirksamt von Daressalam in entgegenkommendster Weise sogar ein Ngomenfest eigens für meine Aufnahmezwecke veranstaltet. Leider sind meine damaligen kinematographischen Aufnahmen alle verwackelt oder überexponiert, so daß mir lediglich der Trost einiger passabel gelungener photographischer Wiedergaben dieser originellen Tänze und die guten Phonogramme bleiben. Über diese Tänze und ihre Begleitung später mehr.

Hier in Lindi hat mein Aufenthalt nicht so harmlos und friedfertig begonnen, wie ich es erhofft hatte. Kaum einen Tag nach meiner Landung mußte ich schon Zeuge der Hinrichtung eines Aufständischen sein. Angenehm ist eine solche Exekution entschieden selbst für harte Gemüter nicht; wenn sich dann aber zu dem Verlesen des langen Urteils in Deutsch und Suaheli auch noch ein bemerkenswertes Ungeschick in den technischen Vorbereitungen geltend macht, wie das hier der Fall war, so wird die Prozedur sogar für den gleichgültigsten Schwarzen eine Qual. Zwar hatte man an dem starken horizontalen Ast des großen Baumes, an dem in Lindi die Hinrichtungen gewohnheitsmäßig vollzogen werden, zur Vorsicht gleich zwei Schlingen angebracht; aber als der Verurteilte schließlich oben auf der Plattform, von der er den unfreiwilligen Sprung ins Jenseits unternehmen sollte, vor ihnen stand, zeigte es sich, daß beide nicht einmal bis zur Höhe des Halses herunterreichten. Die stoische Ruhe, mit der der Delinquent dann das Heranschleppen einer Leiter und die Verlängerung eines der Stricke abwartete, war für den Negercharakter mit seiner geringen Einschätzung des eigenen Lebens jedenfalls außerordentlich bezeichnend.

Im Gegensatz zu anderen Küstenstädten hält Lindi auch in seinem Innern, was es bei seinem äußern Anblick verspricht. Freilich ist die lange, gewundene Gasse, in der die Inder ihre Läden und Werkstätten haben, ebenso häßlich, wenn auch hie und da nicht ohne malerischen Anstrich, wie die entsprechenden Stadtteile von Mombassa, Tanga und Daressalam, doch liegen die Eingeborenenhütten in den anderen Teilen des weitläufig angelegten Städtchens alle in frisches Grün eingebettet. Im Straßenleben walten gegenwärtig zwei Elemente vor: der Askari und der Kettengefangene; beide stehen in inniger Wechselbeziehung zum soeben beendeten Aufstand. Von der Schutztruppenkompagnie Nr. 3 liegt zwar der bei weitem größte Teil augenblicklich an strategischen Punkten im Innern, in Luagala auf dem Makondeplateau, und in Ruangwa, dem ehemaligen Gebiet des Häuptlings Seliman Mamba, weit hinten im Wamueralande; trotzdem aber bleibt für die Garnison noch genug Khaki übrig, ja, die ockerbraune Farbe unserer Soldatenbluse ist sogar eine ständige Erscheinung im Straßenbilde. Überall in der Umgebung der beiden Bomen, der alten Polizeiboma sowohl wie auch der neueren Schutztruppenkaserne, zeigen sich lange „Ketten“, vor und hinter denen je ein reisiger Krieger als Aufsichtsposten schreitet. Diese Ketten sind, wie der Name sagt, durch Eisenketten aneinander gefesselte Strafgefangene, die in dieser Weise ihre Schuld sühnen. Was ist bei uns daheim im Reichstag über die Barbarei dieser Art von Strafvollzug alles geredet worden, und wie oberflächlich ist die Mehrzahl der Redner sicher über die Psyche und das Rechtsgefühl des Negers unterrichtet gewesen! Immer und immer wieder haben berufene Federn, d. h. Männer, die auf Grund eines langen Aufenthalts im Lande auch das Volk und seinen Charakter kennen, darauf hingewiesen, daß für den Schwarzen ein bloßes Einsperren keine Strafe, sondern eher eine direkte Anerkennung seiner mehr oder minder großen Schandtat sein würde; aber wie wenig hat das genützt! Wir Deutsche müssen nun einmal schablonisieren und selbst so verschieden geartete Rassen wie Weiß und Schwarz über ein und denselben Kamm scheren. Freilich, eine Annehmlichkeit ist das Zusammengekettetsein mit rund einem Dutzend Leidensgenossen unter keinen Umständen, wenngleich die Kette seitlich des Halses durch einen weiten Ring läuft, so daß für den Einzelnen wenigstens eine geringe Bewegungsfreiheit besteht; welche Unzuträglichkeiten bringt allein die ungleiche körperliche Organisation in bezug auf die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse mit sich! Doch zu ihrem Vergnügen werden die Leute ja auch nicht angekettet.

Seliman Mamba.

Besonders schwere oder gesellschaftlich hervorragende Übeltäter scheinen übrigens den Vorzug der Einzelhaft zu genießen. In den Gesprächen der wenigen Europäer, die augenblicklich in Lindi leben, kehrt am häufigsten der Name Seliman Mamba wieder; er hat im Aufstande des Südbezirks so lange die Führung innegehabt, bis man ihn schließlich erwischt hat, und nun harrt er im Lazarett von Lindi der Vollstreckung des jüngst über ihn gesprochenen Urteils. Da er eine ganze Reihe von Menschenleben, auch das von Europäern, auf dem Gewissen hat, so hat er sein Schicksal wohl verdient. Als historische Persönlichkeit, die in den Annalen unserer Kolonie zweifellos lange weiterleben wird, war Seliman Mamba wohl der Verewigung seiner Züge würdig, und darum habe ich ihn eines schönen Tags im Hofe des Lazaretts photographiert. Der Mann war sichtlich leidend und konnte die schwere Kette nur mit größter Anstrengung mit sich tragen. Seine unmittelbar bevorstehende Hinrichtung wird für ihn in jeder Beziehung eine Erlösung sein.

Weitaus erfreulicher als alle diese Einblicke in die Folgen des Aufstandes sind die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit meinen eigenen Leuten und den Suaheli gewesen. Meine Wanyamwesiträger scheinen das tatenlose Stillsitzen nicht vertragen zu können; vom zweiten Tage unseres Aufenthalts in Lindi an belagern sie mich von morgens früh bis abends spät mit der stummen oder auch lauten Bitte, ihnen Beschäftigung zu geben. Das habe ich auch mit vielem Vergnügen getan; die Leute haben zeichnen müssen, soviel sie nur wollten, und haben auch in meinen Phonographentrichter singen dürfen, sooft sich dazu die Gelegenheit bot. Schon jetzt zeigt sich, daß unsere etwas abenteuerliche und vom Meergott durchaus nicht freundlich behandelte Fahrt auf dem „Rufidyi“ wenigstens ein versöhnendes Ergebnis gezeitigt hat: bei meinen Leuten haben sich ihre Leiden und die daraus entsprungene Behandlung seitens der Schiffsmannschaft zu einem Liede verdichtet, das sie jetzt gern und oft, mit viel Ausdauer und auch mit durchaus ansprechender Vortragsart singen. Hier ist es:

[[audio/mpeg]]
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Dem Inhalte nach heißt das etwa folgendermaßen:

„Wir sind Tag und Nacht, bis zum hellen Tage, an Bord gewesen und haben dann Anker geworfen. Die Baharia an Bord, die Matrosen, aber haben gesagt: Ihr Schensi aus dem Innern, ihr werdet euch tot speien. Aber wir sind doch heil nach Lindi gekommen und haben (zu den Baharia) gesagt: Ihr habt Gott verspottet (indem ihr sagtet, wir würden sterben), aber wir sind doch gesund angekommen.“

Diese Sangeslust ist für die Wanyamwesi charakteristisch. Im Laufe meines unfreiwilligen Aufenthaltes habe ich schon manchen Photographierbummel unternommen, bei denen mich meine Leute gar zu gerne begleiten. Dann muß ich die wenigen Gerätschaften, die zu solchem Vorhaben nötig sind, immer auf möglichst viele meiner Braven verteilen, damit nur ja auch jeder etwas zu tragen hat. Es dauert dann niemals sehr lange, bis Pesa mbili, der Mnyampara oder Trägerführer, mit seiner wohlklingenden Stimme zu singen anhebt, worauf dann prompt und in bewunderungswürdigem Takt der Chor einfällt. Auch von diesen kleinen Marschliedern hier eine Probe:

Kabowé kabowé komässó; Namuki kabowé komässó.

Wambunga kabowé komässó, Namuki kabowé komässó.

Ki kabowé komässó. Wamuera kabowé komässó;

Ki kabowé komässó: Wakumbwa kabowé komässó.

Wir schießen, wir schießen mit den Augen; die Namuki schießen wir mit den Augen,

Die Wambunga schießen wir mit den Augen; die Namuki schießen wir mit den Augen,

Krach! Wir schießen mit den Augen; die Wamuera schießen wir mit den Augen;

Krach! Wir schießen mit den Augen; die Wakumbwa schießen wir mit den Augen.

Dem Inhalt dieses Liedes nach zu urteilen, müssen die Wanyamwesi gut deutsch gesinnt sein, denn sie ziehen der Reihe nach gegen alle aufständischen Völker des Südens zu Felde und zerschmettern sie. Die Namuki sind identisch mit den Majimaji, den Aufständischen von 1905/06. Das Vortragstempo ist ein rasendes Parlando, das eine Wiedergabe in Notenschrift unmöglich macht. Der Ausruf „ki“ bezeichnet nach der übereinstimmenden Schilderung Pesa mbilis und der Intelligenteren unter seinen Freunden den Ausdruck der Kraft, mit dem die Rugaruga, die Hilfskrieger, dem verwundeten Feinde den Schädel zerschmettern, und sei es selbst mit dem Stoß oder Schlag der eigenen Ferse. Mit Wucht stampfen die Sänger bei jedem „ki“ den Boden, daß er erzittert; fast glaubt man bei diesem „ki“ das Krachen der Schädel zu hören, so völlig vermögen sich selbst diese friedlichen Söhne des Nordens von Deutsch-Ostafrika in die Greuel des verflossenen Aufstandes hineinzuversetzen. Dieses Trutzlied ist nämlich sicher nicht eigene Komposition meiner Leute; es ist von andern Stammesgenossen übernommen worden, die im letzten Feldzuge Kriegsdienste als Rugaruga geleistet haben und sich nun beschäftigungslos in Lindi herumtreiben. Einige von ihnen habe ich für den Marsch nach Massassi noch als Träger mieten müssen; sie sind in ihrem ganzen Auftreten viel bestimmter, trotziger als meine sanften, großen Kinder von Daressalam, so daß ich froh sein werde, sie nach Erreichung des Zieles wieder loszuwerden. Von ihnen, denke ich, wird das Lied stammen.

Yao-Frauen von Mtua.


GRÖSSERES BILD

Da ich nun einmal bei der Musik bin, will ich auch noch ein übriges tun und ein dem Inhalte nach dem vorigen eng verwandtes Marschlied der Sudanesensoldaten bringen, welches mir der Sol (Feldwebel) Achmed bar Schemba und ein paar Sektionen aus der dritten Schutztruppenkompagnie auf Befehl ihres Kompagnieführers, des trefflichen alten „Afrikaners“ Seyfried, in den Phonographentrichter sangen. Wie aus Erz gegossen, stand der kleine Sol vor der aufnahmebereiten Maschine; die braunen, hageren Krieger aber aus Dar For und den Nebenländern traten hinter ihm an wie auf dem Exerzierplatz: zweigliedrig, genau auf Vordermann. Es war nicht leicht, sie in die zweckentsprechende Keilform umzustellen. Das Lied lautet:

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Nach Aussage der Sänger, die vorwiegend Nubier sind, ist das Lied im Dialekt von Dar For abgefaßt, ihrer Muttersprache. Eine wörtliche Übersetzung ist für mich noch nicht zu erlangen gewesen. Dem Inhalt nach bedeutet der mit beneidenswerter Lungenkraft und bewunderungswürdiger Ausdauer gesungene Text etwa folgendes:

„Wir sind allezeit stark. Der Jumbe ist aufgehängt worden, auf Befehl Gottes. Der Hongo, der Rädelsführer im Aufstand, ist gestorben; auf Befehl Gottes.“

So viel über die Ergebnisse meiner musikalischen Forschung, soweit sie den hier landfremden Elementen der Wanyamwesi und der Nubier angehören. Ob die Ngomenlieder, die ich in Lindi bisher von den Angehörigen einiger Binnenlandstämme, vor allen der Yao, auf der Walze niedergelegt habe, gelungen sein werden, kann ich noch nicht sagen, da, wie ich zu meinem Entsetzen merke, meine Aufnahmewalzen unter der Wirkung der feuchten Wärme anfangen weich zu werden, so daß ich zwar Aufnahmen machen, aber keine Wiedergaben riskieren kann, ohne die ganze Aufnahmeschicht zu gefährden. Schöne Aussichten für die Zukunft!

Psychologisch hochinteressant ist das Verhalten der Naturkinder meinen verschiedenen Apparaten gegenüber. Die photographische Kamera ist, wenigstens an der Küste, nichts Neues und Ungewohntes mehr; mit ihr hat man demgemäß auch weniger Schwierigkeiten, auch zeigen sich die Eingeborenen über die Ergebnisse des Verfahrens nicht merklich erstaunt. Als Übelstand kommt höchstens in Betracht, daß die Angehörigen des weiblichen Geschlechts sich der Aufnahme meist durch schleunigste Flucht zu entziehen wissen. Dem war schon in Daressalam so. Ganz ohne Verständnis hingegen steht das Volk dem Kinematographen gegenüber; er ist eine „Enchini“, eine Maschine, wie so vieles andere auch, was der „Msungu“, der Weiße, mit ins Land bringt; und wenn nun der Weiße eine zierliche Kurbel an dem kleinen schwarzen Kasten dreht und in dumpfem Rhythmus dabei zählt: 21, 22, 21, 22, so heimelt den Schwarzen wohl dieser Rhythmus an, da seine Arbeitslieder im allgemeinen von derselben stumpfsinnigen Einförmigkeit sind, aber was bei dem ganzen Vorgang herauskommen soll, versteht er nicht im mindesten; auch ist es ihm vollkommen gleichgültig.

Mädchen aus Lindi.

Aber der Phonograph, der ist eine Enchini ganz nach dem Herzen des schwarzen Mannes und auch der schwarzen Frau. Es wird für mich immerdar, und sollte ich steinalt werden, eine der nettesten Erinnerungen meines Afrikaaufenthaltes bleiben, wie auf dem Deversschen Hof in Daressalam sich ein paar Angehörige des zarten Geschlechts mit dem Apparat abgefunden haben. Nachdem auf dem hinten im Eingeborenenviertel gelegenen Festplatz die Ngomen der verschiedenen Völkerschaften, hier der Manyema, dort der Wasaramo, drüben irgendeines Küstenklubs, sich in ihren zum Teil scheußlichen, aber durchweg malerischen Kostümen genugsam produziert hatten, war ich an der Spitze eines nach Hunderten zählenden Teils der Tänzer und Tänzerinnen vor mein Zimmer gezogen, um hier auch den gesanglichen Teil festzulegen. Alles war nach Wunsch gegangen; jedesmal aber, wenn ich die Membranen gewechselt und statt des Aufnehmers den Wiedergeber eingeschaltet hatte, und wenn dann der vielgliedrige Gesang in genau demselben Rhythmus und in genau derselben Klangfarbe, mit der er in den geheimnisvollen Trichter hineingesungen worden war, wieder aus ihm hervorquoll — welch grenzenloses und dabei doch freudiges Erstaunen malte sich dann auf den von der Anstrengung des Singens und Tanzens so schweißglänzenden Gesichtern! Ganz unfehlbar fiel in jedem Einzelfall der Chor naiver Seelen ein, um allerdings von den „gebildeteren“ Elementen sehr bald durch spöttisches Gelächter eines Besseren belehrt zu werden.

Doch den schönsten Ausdruck unbefangenen Naturempfindens gaben am Schluß der Aufnahme, nachdem ich mit dem geringen Vorrat von Suaheli-Redensarten, über den ich damals verfügte, meiner Befriedigung über den Verlauf des Nachmittags Ausdruck verliehen hatte, zwei weibliche Wesen wieder, die mir vordem nicht nur durch die Eleganz ihrer Gewandung, sondern mehr noch durch die ungeheure Kraft ihrer Stimmen aufgefallen waren, mit der gerade sie beide in den unmittelbar vor ihnen aufgebauten Trichter hineingesungen hatten. Der dichte Schwarm wich zurück, so daß der Trichter einen Augenblick freistand; in den freien Raum aber trat zuerst die eine der Schönen, machte vor dem Apparat einen tadellosen Hofknix und sprach: „Kwa heri, sauti yangu, lebe wohl, meine Stimme!“ Damit trat sie zurück; die andere schritt herzu, und auch sie wiederholte unter tiefer Verbeugung und mit bezeichnender Handbewegung dieselben Worte. Psychologisch ist der Vorgang deswegen so bemerkenswert, weil er offenkundig zeigt, wie dem Neger das Sinnfälligste auch das Nächstliegende ist; indem beide Frauen ihr Abschiedswort sprechen, hören sie ja noch selbst, daß sie ihre Stimme nicht im mindesten verloren haben; trotzdem gilt sie ihnen, weil sie sie vorher klar und unverkennbar aus dem Trichter haben heraussingen hören, in diesem Augenblick als eingebüßt, und sie nehmen förmlich Abschied von ihr.

Tanz der Weiber in Daressalam (s. [S. 43]).

Über die Ergebnisse meiner auf die Kunstübung der Schwarzen gerichteten Studien will ich lieber später im Zusammenhang berichten, wenn ich auf Grund eines ungleich größern Materials einen breitern psychologischen Einblick in die Künstlerseele des Negers gewonnen haben werde. So viel kann ich indessen jetzt schon sagen, daß auch hier aller Anfang schwer ist, schwer nicht nur für die ausübenden Künstler, sondern mehr noch vielleicht für den Forscher. In Daressalam war die Sache einfacher; mein Boy Kibwana, zu deutsch: der kleine Herr, das Herrchen, ein Jüngling vom Stamme der Wassegedju aus Pangani, der ebensowenig wie der Koch Omari, ein Bondeimann aus dem Norden der Kolonie, jemals einen Bleistift oder ein Stück Papier in der Hand gehabt hatte, war schon zu oft im Dienst von Europäern gewesen, als daß er meinem Auftrage, mir einmal etwas zu zeichnen, z. B. die Kokospalme vor meinem Fenster oder meinen Radiergummi, irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen gewagt hätte; er malte eben drauflos ohne Rücksicht auf den Kunstwert des zu erwartenden Ergebnisses.

Bei meinen Wanyamwesi, mit denen ich, schon um sie zu beschäftigen, in Lindi den Anfang gemacht habe, frommt ein einfacher Befehl nicht viel. Drücke ich einem meiner Getreuen Skizzenbuch und Bleistift in die Hände mit der Aufforderung, etwas zu zeichnen, so ertönt unweigerlich und unter einem verlegenen Lächeln ein verschämtes „Si jui, Bwana, ich kann doch nicht, Herr“. Dann heißt es, den Mann nach seiner Individualität behandeln; man kommt ihm energisch oder auch mit sanfter Bitte; in jedem Fall aber habe ich gefunden, daß es am meisten fruchtet, wenn man die Jünglinge bei ihrem Ehrgeiz faßt: „Ach was, du bist doch ein kluger Kerl, ein mwenyi akili; sieh doch mal her, dein Freund Yuma da drüben, der doch lange nicht so klug ist wie du, was kann der schön zeichnen; hier setz’ dich mal hin und male einmal gleich den Yuma selbst ab.“ Einer derartigen schmeichelhaften Hervorhebung ihrer Verstandeskräfte haben bisher unter meinen Leuten nur ganz wenige widerstanden, die, allen aufmunternden Worten zum Trotz, auch fernerhin dabei blieben, sie könnten’s nun einmal nicht. Den anderen ist es ergangen wie dem Löwen, der Blut geleckt hat: sie sind unersättlich, und wenn ich zwei Dutzend Skizzenbücher mitgebracht hätte, sie würden dauernd alle besetzt sein. Pädagogisch richtiger als das von mir zuerst eingeschlagene Verfahren, dem Neuling die Auswahl des ersten Objekts selbst zu überlassen, ist übrigens das andere, nach dem man den Leuten zunächst einen ihnen ganz vertrauten Gegenstand, eine Wanyamwesihütte, oder ein Huhn, eine Schlange oder etwas Ähnliches zu zeichnen empfiehlt. Dann zeigt sich, daß sie mit einigem Zutrauen zu sich selbst an die Arbeit gehen und daß sie auf ihre Meisterwerke unbändig stolz sind, wenn ihr Herr auch nur das geringste Wort des Lobes äußert. Selbstverständlich würde ich niemals auch nur den Schatten eines Tadels auf die Zeichnungen fallen lassen; es ist ja nicht der Endzweck meiner Forschung, zu kritisieren und zu verbessern, sondern lediglich das künstlerische Vermögen der Rasse zu studieren und die psychologischen Vorgänge beim Werden des Kunstwerks zu ergründen.

Alter portugiesischer Turm in Lindi.

Das letztere erstrebe ich in der Weise, daß jeder meiner Künstler, sobald er sich für ein Bakschischi, ein Künstlerhonorar, reif hält, gehalten ist, mir seine Werke vorzuzeigen. Dann erhebt sich stets ein meist recht langdauerndes, aber für beide Teile doch recht kurzweiliges Schauri. „Was ist das?“ frage ich, indem ich mit der Spitze meines Bleistiftes auf eine der krausen Figuren deute. „Mamba“, ein Krokodil, ertönt es zurück, entweder mit einem leisen Unterton der Entrüstung oder des Erstaunens über den Europäer, der nicht einmal ein Krokodil kennt, oder aber in dem bekannten Ton der leisen Beschämung, daß das Werk so schlecht ausgefallen sei, daß nicht einmal der allwissende Msungu seine Bedeutung zu erkennen vermag. „So, also ein Mamba; schön“, heißt es, und der Stift schreibt das Wort neben die Zeichnung. „Ja,“ fällt nun aber ganz regelmäßig der Künstler ein, „aber es ist ein Mamba von Unyamwesi“, oder aber „von Usagara“, oder „vom Gerengere“, oder welcher geographische Begriff hastig hinzugefügt wird. Unwillkürlich stutzt man und fragt: „Warum? Wieso?“ Und nun kommt eine lange Erzählung: Das sei ein Krokodil, welches er und seine Freunde — folgen deren Namen — damals gesehen hätten, als sie mit dem und dem Europäer auf der Reise von Tabora nach der Küste gewesen seien, und welches beim Übergang über den und den Sumpf oder über den Gerengerefluß ihn auf ein Haar getötet hätte. Bei der Niederschrift der ersten Kommentare achtete ich noch nicht sonderlich auf das stete Anknüpfen an ein bestimmtes Ereignis; jetzt aber, wo ich doch immerhin schon eine Menge Blätter mit Zeichnungen von Einzelobjekten, seien es Tiere, Pflanzen oder Erzeugnisse menschlicher Kulturbetätigungen, und mit ganzen Szenen aus dem Leben Innerafrikas besitze, ist es mir klar geworden, daß der schwarze Künstler überhaupt nicht imstande ist, ein Objekt an sich, sozusagen als Abstraktum, und losgelöst von der Naturumgebung, und zwar einer ganz bestimmten Umgebung, zu zeichnen. Wenn er den Auftrag bekommt, eine Wanyamwesifrau zu zeichnen, so zeichnet er unbedingt seine eigene Frau, oder wenn er keine hat, eine ihm persönlich nahestehende, bekannte; und wenn er eine Wanyamwesihütte zeichnen soll, so verfährt er genau so: er zeichnet seine eigene Hütte oder die seines Nachbars. Ebenso verhält es sich auch mit den Genrebildern. Das sind keine Genrebilder in unserem Sinn, sondern es ist sozusagen Geschichtsmalerei. Ich besitze bereits eine Reihe von Szenen, in denen ein Löwe sich auf ein Rind stürzt, oder eine Hyäne den Menschen angreift, oder wo sonst ein Auftritt aus dem Kampf der höheren Organismen ums Dasein wiedergegeben wird. Stets heißt es dabei: „Hier, das ist ein Löwe, und das ist ein Rind, aber das Rind gehörte meinem Onkel, und es sind ungefähr vier Jahre her, da kam eines Nachts der Löwe und holte es weg. Und das hier, das ist eine Hyäne, und der hier, das ist mein Freund X., der auf dem Marsch von Tabora nach Muansa krank wurde und liegenblieb; und da kam die Hyäne und wollte ihn beißen, aber wir haben sie weggejagt und haben den Freund gerettet.“

Dies sind nur ein paar Stichproben aus der Art meiner Forschungsmethode und aus ihren Ergebnissen. Ich habe die Überzeugung, auf dem richtigen Wege zu sein. Freilich werde ich manchen Fehlschlag erleben und vieles hinzulernen müssen, aber das ist ja eine allgemein menschliche Erfahrung, mit der man sich zudem um so leichter abfinden wird, je tatkräftiger man sich in seine Aufgabe hineinstürzt.

Unter Palmen.

Mein Kraftmesser, der schon auf dem Dampfer im Roten Meer so gute Dienste zur Herstellung freundschaftlicher internationaler Beziehungen getan hat, bewährt auch hier wieder seine Zauberkraft. Weiß ich mit meinen Leuten und ihren Freunden, die sie sich inzwischen in Lindi erworben haben, gar nichts mehr anzufangen, so drücke ich dem wackern Pesa mbili, der natürlich in allem den Vorrang haben muß, das Stahloval in die Hand. Dann drückt er, und mit ihm schaut die ganze dichtgedrängte Schar der schwarzen Kameraden gespannt aufs Zifferblatt nach der Kraftleistung, gleich als verständen sie die geheimnisvollen Zeichen zu deuten, die dort auf dem Messingbogen eingraviert sind. Verkündige ich dann nach einem Blick meinerseits auf die Skala das Ergebnis, selbstverständlich mit der bloßen Zahl und unter Weglassung der Kilogramme, bei denen sich die Naturkinder doch nichts denken könnten, so wird dieses erste Ergebnis mit einem gewissen, aber wohl erklärlichen Gefühl der Unsicherheit entgegengenommen. Man weiß ja noch gar nicht: ist das viel, oder ist das wenig, da noch der Maßstab des Vergleichs fehlt. Erst beim Zweiten werden subjektive Empfindungen ausgelöst; hat er statt der 35 Kilogramm seines Vorgängers deren nur 30 gedrückt, so ergießt sich über ihn schon ein Gelächter milden Spottes; übertrifft er aber den Rivalen, so ist er ein Mwenyi mguvu, ein Starker, dem man Bewunderung zollt, die er mit lächelnder Würde entgegennimmt.

So geht das Spiel reihum; man kann es stundenlang mit den Leuten betreiben, ohne daß sie müde würden. Nur eins fehlt den Intelligenteren unter ihnen; zwar interessiert es sie zu wissen, wer unter ihnen selbst der Stärkste oder Schwächste ist, aber um eine höhere und die eigentliche Vergleichsmöglichkeit mit sich selbst zu gewinnen, möchten sie doch gar zu gerne erfahren, was ihr Herr und Gebieter zu leisten vermag. Selbstverständlich tue ich ihnen zum Schluß den Gefallen und drücke rechts und drücke links. Wenn dann von meinen Lippen das Ergebnis ertönt, an dem ich zu meiner Genugtuung nicht einmal etwas zu mogeln brauche, so erschallt einhellig aus aller Munde ein lautes, bewunderndes „Aah — Bwana kubwa!“, wörtlich: „Aah — du großer Herr“, dem Sinne nach etwa: „Was bist du für ein großer Riese!“

Tatsächlich nehmen wir Europäer, was die Fähigkeit spontaner Kraftentfaltung anlangt, neben dem Neger den Rang von Riesen ein. Ich habe mir die Einzelzahlen der Leute ziemlich genau gemerkt, auch für ihre wiederholten Druckübungen, so daß das Moment der Ungewohntheit und der Ungeübtheit auch bei ihnen ausscheidet; aber wie fallen sie gegen uns ab! Über 35 Kilo rechts und 26 Kilo links ist mit Ausnahme eines einzigen, der 40 und mehr Kilo drückte, niemand hinausgekommen, während ich auch hier in der feuchtwarmen Küstentemperatur nach wie vor 60 und mehr Kilo rechts und 50 und mehr Kilo links erziele. Und dabei sind meine Leute fast alle stramme Berufsträger mit mächtigem Thorax, breiten Schultern und prächtiger Oberarmmuskulatur. Ihnen fehlt eben, worauf ja schon sooft hingewiesen ist, die Fähigkeit, ihre Körperkraft zeitlich zu konzentrieren, während gerade die Wanyamwesi durch ihre fabelhafte Ausdauer förmlich berühmt geworden sind.

Somit bieten die Schwarzen unstreitig ein Gesamtbild dar, dem man gewisse psychologische Reize nicht absprechen kann; aber fast noch interessanter als sie sind mir während meines nunmehr bald anderthalbmonatigen Aufenthalts an der Küste die Weißen erschienen. Daressalam ist groß genug und beherbergt so viele Angehörige unserer Rasse, daß sich dort die Rassengegensätze zwischen Schwarz und Weiß der Beobachtung durch den Neuling leicht entziehen; die Gegensätze aber unter der weißen Bevölkerung selbst gleichen sich auf dem weitgedehnten Raum der großen Siedelung wenigstens bis zu einem bestimmten Grade aus. Das ungleich kleinere Lindi bietet zu keiner der beiden Möglichkeiten den Raum; in der Enge seines Milieus und der Einförmigkeit seines Lebens prallen hier die persönlichen Gegensätze unvermindert und unabgeschwächt aufeinander, und in erschreckender Klarheit kann man gerade in einem solchen Nest die ungeheuer rasche und starke Einwirkung des Tropenaufenthaltes auf das seelische Gleichgewichtsvermögen einer landfremden Rasse studieren. Es ist nicht meines Amtes, auf die zum mindesten kuriosen Auswüchse unseres deutschen Klassen- und Kastengeistes hinzuweisen; wie er selbst hier unter dem halben oder ganzen Dutzend Europäern seine wenig genießbaren Früchte zeitigt; wie das durch die soeben erfolgte Einführung der Zivilverwaltung „entthronte“ Militär über diese Zivilverwaltung lächelt; und wie durch Hinüberspielen des Sachlichen auf das Persönliche schließlich jedes Zusammenleben und, was schlimmer ist, auch jedes Zusammenarbeiten unterbunden werden kann. Dem Neuankömmling, der seine Verwunderung über solche Verhältnisse äußert, sagt man mit einer Gelassenheit, die mit der sonstigen dauernden Gereiztheit merkwürdig kontrastiert: „Ach, was wollen Sie denn; das ist doch nicht bloß hier so; das finden Sie überall.“ So scheint es in der Tat zu sein, nach allem zu urteilen, was ich in diesen lehrreichen Wochen vernommen habe. Ich hoffe indes, daß auch diese unliebsame Erscheinung nur eine von den vielen Kinderkrankheiten ist, die schließlich jedes Kolonialvolk einmal durchzumachen hat.

Völlig verständnislos aber stehe ich dem furchtbaren Jähzorn gegenüber, mit dem jeder auf einen längern Aufenthalt im Lande zurückblickende Weiße behaftet erscheint. Ich versuche einstweilen, ohne Schimpfwörter und ohne Ohrfeigen meinen Weg zu gehen, aber man sagt mir einhellig, ich würde im Laufe der nächsten Monate schon eines Besseren belehrt werden. Jetzt kann ich in der Tat noch nicht beurteilen, ob es wirklich nicht ohne Prügel geht: aber ich hoffe es doch.

Bewunderungswürdig ist bei den tiefen Schatten, die das Bild des Europäerlebens hierzulande verdunkeln, die Virtuosität, mit der sich die Herren wirtschaftlich zu behelfen wissen. Schon in dem Kulturzentrum Daressalam denke ich mir das Ehrenamt eines Messevorstandes nicht ganz leicht, trotzdem es dort Bäcker, Schlächter und Läden aller Art in Hülle und Fülle gibt; aber wie muß in dem entlegenen Küstennest der unglückliche Junggeselle sein Hirn zermartern, um den hungrigen Magen seiner Tischgenossen nicht nur stets etwas Neues, sondern überhaupt etwas bieten zu können! Der deutschen Hausfrau, die bloß über die Straße zu schicken oder gar nur ans Telephon zu treten braucht, mag es, wenn das Schicksal sie an der Seite des Gatten in einen solchen Winkel Afrikas verschlagen hat, zunächst seltsam vorkommen, wenn sie auf sichere Lieferung von Fleisch und Gemüse, von Kartoffeln und Brot überhaupt nicht rechnen kann, sondern sehr bald merkt, wie weitschauend für alle die tausend Kleinigkeiten, die von unserm Wirtschaftsbetrieb unzertrennlich sind, vorgesorgt werden muß. Konserven allein tun es nicht, das verbietet schon der Preis; da heißt es denn auf Tage, ja unter Umständen auf Wochen und Monate im voraus disponieren, und außerdem noch aus den wilden Kräutern, die der schwarze Koch und sein Küchenboy ins Haus schleppen, genießbare Gerichte herstellen. An der Küste sichert der Reichtum der Gewässer an eßbaren Fischen noch immer einige Abwechselung; im Innern fällt auch das weg. Und wenn es dann vorkommt, wie gerade jetzt, daß selbst der Standard- und Charaktervogel Afrikas, das Huhn, und sein Produkt, das Ei, versagen, dann steht es schlimm, und die Fürsorge für eine größere Menschenzahl wird zu einem Problem.

Doch es ist merkwürdig, selbst die hartgesottensten Junggesellen unter den deutschen Herren wissen dieses Problem zu lösen, nicht immer elegant und sicherlich auch nicht immer zur vollkommenen Zufriedenheit kritisch veranlagter Vorgänger im Amte, aber doch so, daß zum mindesten der Neuling des Staunens und der Bewunderung voll ist. Eine Berühmtheit in der ganzen Kolonie ist auf kulinarischem Gebiet seit langem Dr. Franz Stuhlmann, der Begleiter Emin Paschas auf dessen letzter, verhängnisvoller Reise, ein tüchtiger Ethnograph und seit langem der Hüter und Pfleger der afrikanischen Pflanzenwelt, soweit sie in den Dienst des Menschen gestellt werden kann. Stuhlmann steht im Ruf, aus jedem Unkraut am Negerpfad ein wohlschmeckendes Gericht herstellen zu können; er gilt als lebendiges Kochlexikon für die Tropen. Andere haben es noch nicht soweit gebracht, doch erscheint mir noch immer erstaunlich, was z. B. der Hauptmann Seyfried aus den elementarsten Ingredienzien zu schaffen vermag, wie er salzt und pökelt, wie er selbst bei der jetzigen Wärme vollwertige Gelees herzurichten weiß, und wie vielgestaltig stets seine Tafel gedeckt ist.

Mit einem Irrtum der Heimat möchte ich gleich hier endgültig aufräumen. „Herrgott, bei der Hitze kann man doch sicherlich nichts essen“, das ist ein Ausspruch, der uns in Deutschland in Gesprächen über die Tropen auf Schritt und Tritt an die Ohren schlägt. Und doch, wie ganz anders liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit! Zunächst einmal ist die Hitze durchaus nicht so unmenschlich groß, wie man das bei uns so annimmt, wenigstens nicht während der Trockenzeit, wo an der Küste bei Tage stets eine frische Seebrise weht; sodann aber ist der Stoffwechsel in den Tropen ungleich reger als bei uns. So wundert es nicht einmal den Neuling, wenn er sieht, daß die alten „Afrikaner“ schon in aller Frühe ein sehr umfangreiches erstes Frühstück zu sich nehmen, bei dem Fleisch verschiedener Zubereitung, aber auch Früchte keine geringe Rolle spielen. Mittags tut es auch der kleine Beamte dort nicht unter zwei Gängen und Nachtisch, und abends nach dem Dienst folgt dann bei allen Ständen und Berufen eine Mahlzeit, die wir bei uns zulande hier dreist als Festdiner bezeichnen würden. Diese ganze, anscheinend so üppige Lebensweise verdient aber alles andere als Tadel und Mißbilligung; sie ist im Gegenteil physiologisch durchaus berechtigt und notwendig, soll der Körper den nachteiligen Einwirkungen des Klimas auf die Dauer widerstehen. Den Neuankömmling wundert dieser Appetit deswegen nicht, weil er ihn unbewußt teilt. Ich schlage in dieser Beziehung schon in Europa eine ganz gute Klinge, aber was ich hier leiste, würde mich sicherlich zum Schrecken mancher deutschen Hausfrau stempeln.

Nur mit dem Alkohol will es nicht recht. So gern und mit soviel Verständnis ich daheim mein Glas Bier oder mein Glas Wein zu würdigen weiß, und so eifrig wir Reisenden auch noch an Bord den Vorräten des „Prinzregent“ an Münchener und Pilsener zugesetzt haben, seitdem ich an Land bin, habe ich Bier überhaupt nicht mehr, Wein aber nur in ganz geringen Quantitäten getrunken; an das Nationalgetränk der weißen Deutsch-Ostafrikaner aber, Whisky und Soda, habe ich mich noch nicht gewöhnen können. Für Lindi ist diese Enthaltsamkeit verständlich, denn hier gibt’s kein Eis; doch auch in Daressalam, wo die Bierbrauerei von Schultz die ganze Stadt täglich mit Eis versorgt, habe ich den alkoholischen Getränken keinen Geschmack abgewinnen können. Für meine Reise ins Innere gereicht mir dies sehr zum Vorteil, denn ich bin unter diesen Umständen der Mitnahme irgendwelcher Flaschenbatterien überhoben.

Erfreulicherweise nähert sich mein unfreiwilliger Küstenaufenthalt jetzt seinem Ende. Vor wenigen Tagen ist Herr Bezirksamtmann Ewerbeck aus dem Innern zurückgekehrt; er ist liebenswürdigerweise bereit, mit mir schon übermorgen wieder aufzubrechen, um mich mit einem Teil der Polizeikompagnie durch das Aufstandsgebiet der Wamuera bis Massassi zu geleiten. Im mittlern Lukuledital gibt es für ihn noch mancherlei zu tun; die meisten Rädelsführer aus dem Aufstande sind zwar bereits längst gefangen und zieren als „Kette“ die Straßen von Lindi; nach anderen wieder wird noch immer gefahndet. Das wird noch manches Schauri kosten. Von Massassi muß Herr Ewerbeck sofort wieder nach Lindi zurück, um hier die Reichtagsabgeordneten feierlich zu empfangen, die im August auf ihrer vielbesprochenen Studienreise nach Ostafrika auch den Süden der Kolonie auf kurze Zeit besuchen wollen. Möge die koloniale Idee im deutschen Volk durch diesen Besuch der acht Männer immer festeren Fuß fassen, dann soll es an einer Zukunft dieses Landes nicht fehlen!

Mein erster Blick in das Innere war übrigens keineswegs freundlich. Im Laufe des Reitkursus, den Herr Hauptmann Seyfried mir seit einiger Zeit erteilt, sind wir eines Abends auch auf den Kitulo geritten. Es ist ein langgestreckter, ziemlich steiler Höhenzug von 175 Meter Seehöhe, der sich unmittelbar hinter Lindi erhebt und die schmale Sandebene, auf der die Stadt liegt, vom Innern des Landes trennt. Als Wahrzeichen unserer Kultur trägt dieser Kitulo bereits seit Jahren einen Aussichtsturm. Als ich diesen auf einer allerdings etwas gebrechlichen Leiter erstieg, war die Sonne bereits untergegangen, und der ganze Westen, also gerade der Teil des dunklen Kontinents, in den ich in den nächsten Tagen eindringen will, breitete sich als eine dunkle, drohende Masse vor mir aus. Einen Augenblick nur wollte es unheilverkündend in mir aufsteigen, doch rasch besann ich mich auf mein altes Glück, das mich noch niemals verlassen hat. „Ach was, ich zwinge dich doch“, sagte ich halblaut, steckte mir mit philosophischer Ruhe eine neue Zigarre an und erkletterte zum Heimritt den Rücken des mir von der Schutztruppe in liberalster Weise auch für die Expedition zur Verfügung gestellten Maultiers.

Die Ngoma Liquata, wie sie von mir kinematographiert wird. Zeichner der Trägerführer Pesa mbili, ein Mnyamwesi (s. [S. 451]).

Fünftes Kapitel.
Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke.

Massassi, 20. Juli 1906.

Herrn Geheimrat Kirchhoff, Mockau bei Leipzig.

Ihnen, Herr Geheimrat, traue ich zu, zu wissen, wo mein gegenwärtiger Aufenthaltsort auf der Karte zu finden ist, vielen andern im Lande der Dichter und Denker allerdings nicht, denn mit den topographischen Kenntnissen ist es bei uns, das wissen Sie als alter Hochschullehrer noch viel besser denn ich als junger, selbst bei der akademischen Jugend gar schlimm bestellt. Und doch könnte mancher Kolonialinteressent sehr wohl selbst über die Lage eines Ortes wie Massassi unterrichtet sein, denn in seiner Art ist es ein kleines Kulturzentrum. Seit fast einem Dritteljahrhundert wirkt hier die englische Mission, und seit der Niederschlagung des Aufstandes behauptet auch ein schwarzer Gefreiter mit einem Dutzend schwarzer deutscher Soldaten in einer eigens dazu angelegten Boma tapfer das Feld gegen etwaige neue Kriegsgelüste unserer schwarzen Brüder.

Makua-Frauen aus dem Lukuledi-Tal.


GRÖSSERES BILD

Ich habe es vorgezogen, mich bei den Soldaten einzuquartieren; nicht etwa aus unkirchlichem Sinn und aus unfrommem Geiste heraus, sondern weil die beiden Reverends auf der etwa eine Stunde von uns entfernt gelegenen Missionsstation schon bejahrt und der Schonung bedürftig sind. Zudem hat man ihnen die Station während des Aufstandes niedergebrannt, so daß sie augenblicklich in ihrem frühern Kuhstall ein mehr idyllisches als angenehmes Dasein führen. Trotzdem fühlen sich die beiden alten Herren, wie ich mich bei zwei längeren Besuchen überzeugt habe, außerordentlich wohl, und besonders Reverend Carnon, der jüngere von beiden, interessierte sich für den „Emperor and his family“ so lebhaft, als wenn er nicht in einem weltverlassenen Negerdorf, sondern vor den Toren Londons mitten in der Kultur lebte. Nur Mr. Porter läßt etwas nach; er ist aber auch schon hoch in den Siebzig und seit Jahrzehnten im Lande. In früheren Jahren hat gerade der ältere der beiden Missionare sich nachdrücklich mit dem Volkstum seines Missionsgebiets, mit der Volkskunde der Wanyassa, Yao und Makonde beschäftigt, so daß ich bis gestern hoffte, von ihm und seinem regsameren Amtsbruder für meine Studien viel zu profitieren. Aber ich habe eine Enttäuschung erlebt; sooft ich bei dem solennen und durchaus nicht dürftigen Frühstück, das die beiden Geistlichen uns zwei Weltkindern, Herrn Ewerbeck und mir, darboten, auf die Völkerverhältnisse der Umgebung zu sprechen kam, erfuhr das Gespräch unweigerlich eine Ablenkung in dem Sinne, daß man wieder zur „Family“ des deutschen Kaisers zurückkehrte, und vor allen Dingen natürlich zum Emperor selbst. Er muß doch auch den anderen Nationen mächtig imponieren!

Aber Sie, Herr Geheimrat, wollen erklärlicherweise mehr von Afrika und seinen schwarzen Leuten hören als von den weißen Eindringlingen, und seien sie selbst in der friedlichen Gestalt des Missionars gekommen.

Mit meiner Landung in Lindi am 22. Juni war mein Reiseplan im Grunde genommen von selbst gegeben. Wenn man einen Blick auf die Karte Ostafrikas wirft, findet man, daß die äußerste Südostecke bevölkerungsstatistisch sich wie eine Insel aus der völkerleeren Umrandung heraushebt. Wirklich ist auch, wie das der leider zu früh verstorbene Geologe Lieder so treffend geschildert hat, das Gebiet nördlich vom mittleren und zum Teil auch des oberen Rovuma, bis weit über den Umbekuru und bis hoch in das Hinterland von Kilwa hinauf, auf Hunderte von Kilometern hin schweigendes Pori, menschenleere Wildnis, in der heute kein Negerdorf mehr von der friedlichen, dichten Bevölkerung zeugt, die noch Roscher, Livingstone und von der Decken vor nahezu einem halben Jahrhundert in diesen Gebieten vorgefunden haben. Nur ein schmales, der Küste in einiger Entfernung entlang laufendes Band verknüpft diese Völkerinsel mit dem Norden; ein anderes, ungleich schwächeres verbindet es den Rovuma hinauf mit dem Nyassagebiet.

Mueramann und Yao.

In dieser räumlichen Umgrenztheit ist der Südosten, d. h. das Makondeplateau, das nördlich davorliegende Lukuledital und die weite Ebene im Westen jenes Hochlandes, das idealste Arbeitsfeld für einen Mann, der wie ich nur verhältnismäßig wenig Zeit zur Verfügung hat, in dieser beschränkten Zeit aber doch etwas Abgerundetes liefern möchte. Die Wamuera, die eigentlich als erstes Ziel gedacht waren, habe ich zu meinem Kummer einstweilen zurückstellen müssen. Mit dem kaiserlichen Bezirksamtmann Herrn Ewerbeck bin ich am 11. Juli von Lindi abmarschiert. Ngurumahamba, der erste bemerkenswerte Ort an der Lukuledistraße, hat noch ganz Küstencharakter; selbst ein Steinhaus befindet sich dort unter den Suahelihütten. Aber schon am zweiten Marschtage kommt man bei Mtua zu dem Völkerstamm der Yao. Sie stellen den ersten ethnischen Gruß aus dem fernen Innern dar, denn sie sind der äußerste Vorposten auf der großen Wanderung, die dieser tatkräftige Völkerstamm seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus seinen Ursitzen im südöstlichen Nyassagebiet in der Richtung nach der Küste des Indischen Ozeans ausgeführt hat und noch weiter ausführt. In bezug auf die Technik der Völkerwanderungen klammern wir uns immer an das in dieser Allgemeinheit sicherlich nicht richtige Bild, das uns von den frühesten Schuljahren an über die Völkerwanderung par excellence, die große Westbewegung unserer Altvorderen vor anderthalb Jahrtausenden, entworfen wird. Wir denken an Mann und Roß und Wagen, an eine geschlossene dichte Völkerwelle, die sich schwerfällig, aber unwiderstehlich über die Länder dahinwälzt. Hier nichts von alledem. Zwar sind diese Yao von Mtua wanderungstechnisch nicht typisch für ihre Stammesgenossen, denn sie sind vor etwa einem Jahrzehnt durch Hauptmann Engelhardt den Wangoni oben am Ostufer des Nyassa abgejagt und hierher verpflanzt worden; aber sonst vollzieht sich das Eindringen landfremder schwarzer Elemente hier im Süden ganz lautlos, fast unmerklich: ein Trupp, eine Horde, eine Gruppe von Familien, im besten Fall unter der Führung eines Häuptlings, ist eines schönen Tages da, macht sich im Pori an geeignet erscheinender Stelle ein Fleckchen urbar, baut ein paar lustige Hütten, und die Einwanderung ist vollzogen. Mehr oder minder blutige Kämpfe zwischen Autochthonen und Eindringlingen mögen in früherer Zeit wohl vorgekommen oder gar die Regel gewesen sein, heute hört man nichts davon. Ob der Neger toleranter geworden ist, oder ob die feste deutsche Hand, der natürlich jeder Bevölkerungszuwachs nur lieb sein kann, eine Sinnesänderung bewirkt hat, muß ich dahingestellt sein lassen.

In ihrem Äußern unterscheiden sich diese Yao kaum merklich von den Suaheli der Küste; sie sind in genau dasselbe Kanga, den bekannten, in Holland gefertigten Baumwollstoff mit den lebhaften Mustern gekleidet wie die Küstenfrauen, wenn auch nicht so kokett, sauber und modern wie die Mädchen der Modestadt Daressalam, allwo die Modemuster einander rascher jagen denn selbst in Paris; und sie tragen auch alle denselben koketten, kleinen Pflock im linken Nasenflügel wie die Damen der Küste. Ursprünglich indisch, hat dieses „Kipini“, im Kiyao, dem Idiom der Wayao, Chipīni genannt, seinen Siegeszug über die ganze Ostküste Afrikas gehalten, und jetzt ist es im besten Begriff, als Sinnbild höherer Bildung und feinerer Zivilisation auch die fortschrittlichen Stämme des Innern zu erobern. In einfachster Form ein bloßer Zylinder aus Pflanzenmark, wird es je nach dem Reichtum der Trägerin in den besseren Exemplaren aus Ebenholz gefertigt oder gar aus Zinn oder Silber hergestellt. Die Ebenholzpflöckchen sind fast immer in sehr zierlicher, geschmackvoller Weise mit Zinnstiftchen ausgelegt. Nach unseren Begriffen stellt das Chipini zunächst keine Verschönerung des menschlichen Antlitzes dar; hat man sich aber erst einmal an den Anblick gewöhnt, so findet man es doch ganz nett und ansprechend, denn es verleiht dem braunen Gesicht der Trägerin unstreitig etwas Kokettes.

Recht schlimm sieht es im Gegensatz zu der gutbebauten küstennahen Zone im weiteren Hinterlande bei den Wamuera aus. Symptomatisch für das ganze Unheil, welches der von den Negern so kurzsichtig heraufbeschworene Aufstand über diesen Teil Afrikas gebracht hat, ist schon der Zustand von Nyangao. Es ist die Missionsstation der Benediktiner. Patres und Schwestern wirkten hier bis zum Hochsommer 1905 einmütig an der Bekehrung und Unterweisung der Schwarzen. Dann drang das Majimaji-Gift, die Zauberwasser-Idee, auch aufs Rondoplateau und ins mittlere Lukuledital, und ehe die arglosen Glaubensboten sich des nahenden Unheils versahen, war es schon da. Das Missionspersonal ist damals nach hartnäckigem Kampf und unter Verlust einer der Schwestern vertrieben worden, der umfangreiche Gebäudekomplex aber fiel der Zerstörung durch die Aufständischen anheim. Wie Nyangao augenblicklich aussieht, zeigt Ihnen die umstehende Photographie. Jetzt sitzen die drei Väter, die es gewagt haben, auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren — sie sind mir übrigens vom „Prinzregent“ her liebe Bekannte — mitten auf dem Trümmerhaufen einsam in dem ehemaligen Schwesternhause; unverdrossen aber und ungebrochen haben sie ihr so jäh gestörtes Bekehrungswerk von neuem aufgenommen.

Der Majimaji-Aufstand bildet am Lagerfeuer und in den Gesprächen der Neger noch immer den Hauptgegenstand der Unterhaltung, trotzdem der Lindibezirk längst wieder beruhigt ist. Seiner Entstehung nach gehört er zu den interessanteren Erscheinungen der menschlichen Kriegsgeschichte, lehrt doch auch er, wie allgemein und wie rasend schnell selbst große Bruchteile einer ganzen Rasse von einer einmal aufgekommenen abergläubischen Idee ergriffen und zu einer von hoher Begeisterung getragenen Einheit werden können. Soweit man heute bereits ersieht, ist die dem Aufstande zugrunde liegende Idee die Abschüttelung des Jochs der Weißen, das Mittel dazu die Aufrüttelung der gesamten einheimischen Bevölkerung. Ohne „Daua“, ohne ein Zaubermittel, ist diese Aufrüttelung beim Neger nur schwer oder gar nicht zu erzielen. Daher kam auch ganz ohne Frage das Zurückgreifen der Anstifter dieses verhängnisvollen Krieges auf die Zauberwasser-Daua. Über diese sind verschiedene Versionen in Umlauf. Nach der einen wohnte der eigentliche Anstifter an den Panganischnellen des Rufidyiflusses. Er lehrte, er sei ein Abgesandter Gottes, mit dem er durch die Vermittlung einer in den Schnellen wohnenden Schlange verkehre. Diese habe ihm geheißen, allen Männern das heiße Wasser der Quellen bei Kimambarre zu reichen; dann würden sie Kraft und Mut bekommen, die Deutschen in den Ozean zu werfen. Das Wasser aber mache zugleich alle Kämpfer gegen die Kugeln der Europäer unverwundbar.

Die andere Lesart weiß nichts von dieser Schlange und dem heißen Wasser. Nach ihr, die mehr im Norden der Kolonie, in Usagara, in Umlauf ist, veranstalteten die Zauberer überall in den Dörfern zunächst gewaltige Pombegelage. Hatte das Bier dann seine Wirkung getan, so wurden die Dörfler in den Plan des Rädelsführers eingeweiht; sie bekamen ihre Daua, über die nichts Näheres gesagt wird, die aber auch hier die Fähigkeit besitzt, ihren Träger gegen die Kugeln der verhaßten Deutschen unverwundbar zu machen; die Geschosse verwandelten sich einfach in Wasser, wenn sie aus dem Gewehrlauf kämen, hieß es. Die zahlreichen Gefechte haben die Majimajimänner sehr bald eines anderen belehrt; trotzdem ist der Fanatismus dieser Schwarzen, die selbst gegen das vernichtende Feuer der Maschinengewehre, der „Bumbum“, bis auf Speerlänge herangestürmt sind, wahrhaft erstaunlich. —

Ruinen der Missionsstation Nyangao (s. [S. 69]).

Von der Küste bis kurz hinter Nyangao ist die Vegetation wesentlich anders geartet als weiterhin westlich. Den größten Teil des Weges, der Barrabarra, wie er im Trägerjargon heißt, das ist der etwa in Sektionsbreite geschlagene Weg, auf dem sich der Großverkehr über die weiteren Entfernungen hin abspielt, begleitet bis ungefähr Nyangao ein dichter, 3 bis 5 Meter hoher Busch, über den sich vereinzelt stehende, doppelt und dreifach so hohe Bäume erheben. Aus diesem Busch herausgespart sieht der weiße Reisende mehrmals an jedem Tagemarsch zur Linken und zur Rechten des Weges große, freie Stellen. Das ist Kulturboden; er ist kenntlich am Fehlen jeglichen Unterholzes und an den verkohlten Stümpfen der größeren Bäume. Zweifellos sind es alte Dorfstätten. Aber wo sind die Häuser? Und wo sind die Bewohner, die diesen Erdenfleck urbar gemacht haben? Hier finden Sie, Herr Geheimrat, einen typischen Zug aus der Völkergeschichte Afrikas, insonderheit der neueren, wie sie durch die moderne Plantagenwirtschaft und ihr Arbeiterbedürfnis, sodann auch durch die Notwendigkeit des schwarzen Askari inauguriert worden ist. An sich und ursprünglich ist der Neger nicht scheu; im Gegenteil, er ist neugierig und schätzt einen regen Lebensbetrieb. Aber er kann, vulgär gesprochen, nicht vertragen, daß man ihm in die Töpfe guckt. Das geschah nun in der neueren Zeit in mehr als erträglichem Maße. Jede Karawane von Binnenlandnegern, die nach der Küste marschierte, sei es, um ihre Waren, Wachs, Tabak usw. abzusetzen, sei es, um sich beim Weißen als Arbeiter zu verdingen, hielt es für ihr natürliches Recht, sich von den Dorfbewohnern tränken und füttern zu lassen. Doch auch selbst die Karawane eines Weißen ist geeignet, derartige Belästigungen für die Dörfler mit sich zu bringen. Wie oft habe ich es schon jetzt sehen müssen, daß unsere Leute sich bei jedem Halt in die weit auseinanderliegenden Hütten verteilen, um irgendwelche Dienste, und sei es auch nur den Trunk aus dem Schöpflöffel, zu heischen. So gefällig und entgegenkommend der Neger auch sein mag, auf die Dauer paßt ihm diese ewige Störung doch nicht, und deswegen zieht er vor, die alten Hütten abzubrechen und die neuen weitab im dichten Busch zu errichten, durch den nur ganz schmale, kaum auffindbare Pfade führen.

Anthropologisch hätte man sich im Wamueragebiet unter den Indianern wähnen mögen, so kupferrot erstrahlt ihre Haut. Ich hielt diesen starkroten Unterton zunächst für ein besonderes Kennzeichen gerade dieses Stammes, allein ich habe viele Individuen von ganz gleichem Farbenkomplex auch später bei den Makua von Hatia, Nangoo und Chikugwe, vereinzelt auch bei den hiesigen Yao und denen von Mtua und Mtama getroffen. Überhaupt scheint es mir sehr schwer zu sein, hier anthropologisch einwandfrei zu arbeiten; die Typen gehen zu sehr durcheinander und ineinander über, als daß man dem einzelnen seine Stammeszugehörigkeit an der Nase absehen könnte. Sehr wahrscheinlich bestehen aber auch gar keine Stammesunterschiede, denn sie alle: die Wamuera, Wangindo, Wayao, Makonde, Matambwe und Makua gehören der großen Untergruppe der östlichen Bantu an. Das ist ein Grund mehr, von meiner an sich so kostbaren Zeit noch weniger auf die Anthropologie zu verwenden, als ich von Haus aus bereits geplant hatte. Mögen die Herren mit ihren Meßgerätschaften, ihren Zirkeln und Stangen selbst hierher gehen. Für uns Ethnographen gibt es einstweilen Eiligeres zu tun.

Doch ich wollte Ihnen, Herr Geheimrat, erzählen, wie schlecht es den Wamuera augenblicklich ergeht. Wie Sie wissen, hat sich dieser Völkerstamm geschlossen am Majimaji-Aufstande beteiligt; es hat eine ganze Reihe von Gefechten gegeben; schließlich aber haben die schwarzen Krieger und ihre Angehörigen es doch vorgezogen, sich vor den siegreichen Deutschen im Busch zu verbergen. Ein Aufenthalt im Freien während der Regenzeit ohne ausreichendes Obdach ist sicherlich keine Annehmlichkeit; tritt nun, wie hier, noch hinzu, daß die Leute nicht geerntet haben, weil sie am Beginn der Regenzeit nicht haben säen können, so ist Tod und Verderben die unausbleibliche Folge. Jetzt, wo die Haupträdelsführer zumeist gefaßt und in sicherem Gewahrsam an der Küste sind, kommen die Überlebenden langsam wieder aus ihren Verstecken hervor. Aber wie sehen sie aus, die Ärmsten! Mit einer noch dickeren Schmutzkruste bedeckt als gewöhnlich, zum Skelett abgemagert, mit Hautkrankheiten an zahlreichen Stellen des Körpers, entzündeten Augen, und dabei einer Ausdünstung, daß einem schlecht werden möchte! Doch sie erscheinen wenigstens wieder vor den Weißen, was als Zeichen des neugefestigten Zutrauens zu unserer Herrschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.

Einige sehr starke Marschstunden hinter Nyangao passiert man den Herrschersitz des „Sultans“ Hatia. Er ist nach Namen und Zahl der Vierte auf diesem winzigen Makuathrone. Das Grab seines Vorgängers Hatias III. liegt in einer tiefen Höhle auf dem Ungurueberge. Dieser ist, richtiger gesprochen, eine Bergnase, die nach Norden weit aus dem Makondeplateau in die Lukulediniederung vortritt. Man sieht ihn von der Barrabarra aus schon tagelang vorher mit seinem rötlich strahlenden Steilabsturz, den man treffend als das Wahrzeichen des ganzen mittleren Lukuledigebietes bezeichnen darf. Auch in Sage und Mythus der hiesigen Völker spielt der Berg die größte Rolle. Um ihn rankten sich schon vor der Beisetzung Hatias III. die Sagen der Vergangenheit; jetzt aber, wo der tote Negerfürst dort in dunkler, jedem Uneingeweihten verbotener Schlucht von den Taten seines Lebens ausruht, ist der Ungurue im Volksglauben zu einem Heiligtum geworden, auf dem in mondhellen Nächten der verstorbene Herrscher seiner Gruft entsteigt, die Geister seiner Untertanen um sich schart und mit ihnen zur nächtlichen Ngoma antritt.

Hatia IV. war erst unmittelbar vor unserer Ankunft in seine Residenz zurückgekehrt; er hatte an der Küste für einige Zeit Muße gehabt, über seine Beteiligung am Aufstand nachzudenken. Jetzt machte er mir den Eindruck eines völlig gebrochenen Mannes, dem es körperlich ebenso schlecht erging wie seinen Untertanen; er wohnte nicht besser als diese und hatte auch sicherlich ebensowenig zu beißen wie sie. An dem Tage, wo wir für einige Zeit bei Hatia haltmachten, war er doppelt traurig; wenige Stunden vorher hatte ein starker Löwe, der wegen seiner Frechheit im ganzen Lande berühmt ist, aus seiner nächsten Nähe eine Frau geholt; noch sah man die ungeheuren Pranken im Sande abgedrückt, so daß man den Weg des Räubers um die Hütte herum genau verfolgen konnte. Entgegen aller Löwengewohnheit hatte das Tier seine Beute fast am hellen Tage direkt aus der Hütte herausgeholt. Mann, Frau und Kind hatten friedlich in dieser gesessen; da war der schwere Körper des Tieres auf die zunächst sitzende Frau gestürzt. Der Ehemann hatte zwar versucht, die Gattin zu halten, aber er war krank und schwach, und so hatte das Tier spielend gesiegt. Längere Zeit noch hatte man das „nna kufa, nna kufa, ich sterbe, ich sterbe“ der Unglücklichen im Pori verhallen hören. Zu helfen hatte keiner vermocht. Denn einmal besaßen die Leute nach dem Aufstand keine Gewehre, und selbst wenn sie diese gehabt hätten, würde ihnen das Pulver gefehlt haben, dessen Einfuhr seit einiger Zeit gesperrt ist.

Als Rächer wird der Neffe und Erbe Hatias IV. auftreten. Er ist ein hübscher, kohlrabenschwarzer Jüngling mit krausem Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und einem beneidenswert dichten, krausen Haarwuchs auf der Schädeldecke. Mit einem stolzen Gewehr bewaffnet, ist er mit uns von Lindi heraufgekommen, um das Gebiet seines Stammes von der Löwenplage zu befreien. Man kann hier wirklich von einer solchen Plage reden; es heißt, daß der ganze, lange Weg von Nyangao bis Massassi unter vier Löwenpaare aufgeteilt sei, die nichts Besseres zu tun haben, als ihre Wegstrecke nach menschlichen Opfern abzupatroullieren. Selbst die drei Missionare von Nyangao sind vor dem König der Tiere nicht sicher; ist es doch kürzlich passiert, daß Pater Clemens auf einem Spaziergang plötzlich einem großen Löwen gegenüberstand, der ob des Geschehnisses allerdings ebenso verdutzt war wie der Gottesmann.

Daß der Löwe von Hatia sein Opfer sogar aus dem Hausinnern holen konnte, verstehe ich angesichts der Bauart der jetzigen Wamuerahütten recht wohl. Wenn jemand Lust hat, Studien über die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Wohnhauses zu machen, hier könnte er die Anfänge sehen. Es sind schon bessere Bauten, wenn sich zu den Seitenwänden auch noch Giebelteile gesellen; zumeist sind diese Wohnungen nichts mehr und nichts weniger als zwei schräg gegeneinander gelehnte, aus Strohbündeln notdürftig zusammengearbeitete Wände. Es kommt hinzu, daß die Wamuera diese Urhütten, wenn man so sagen darf, wohl oder übel im unberührten Pori haben aufstellen müssen; fehlen ihnen doch nach dem Verlust aller ihrer Habe — ihre Dörfer sind als ihr einziger wertvoller Besitz von unseren Truppen natürlich dem Erdboden gleichgemacht worden — selbst die Werkzeuge zur Urbarmachung der Felder und zum Lichten des Waldes. Freie Plätze scheut der Löwe, im Pori aber fühlt er sich heimisch; er betrachtet es als sein natürliches Jagdrevier und schleicht sich in ihm zum tödlichen Sprunge bis dicht an die Hütten heran.

Eins hätte ich beinahe vergessen, Ihnen zu berichten. Was sind die berühmten Botokuden mit ihren Lippenscheiben gegen die Völker des Südens von Deutsch-Ostafrika! Schon in Lindi hatten die Herren mir den Mund wässerig gemacht mit Erzählungen von dem abenteuerlichen Äußern der Wamuerafrauen. Aber wie weit sind jene Schilderungen hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben! Bilder sagen hier mehr als lange Worte, sie sprechen klarer und verständlicher; schauen Sie, Herr Geheimrat, sich demnach lieber die Typen an, die ich Ihnen gleichzeitig mitsende. Daß das Makondeplateau und seine Umgebung mit zu dem großen Bezirk des Pelēle, der Lippenscheibe, gehört, habe ich bereits seit langer Zeit gewußt, aber eine brauchbare Abbildung hatte ich in der Literatur bis zu meinen eigenen Aufnahmen noch nirgends entdecken können. Es scheint in der Tat so, als wenn meine Vorgänger hier im Lande entweder nicht haben photographieren können, oder aber, als wenn ihre Apparate bereits vor der Erreichung des Pelelegebietes dem Klima zum Opfer gefallen seien!

Muerafrau.

Das Pelele oder, wie es im Kimuera heißt, Itona, ist auf das weibliche Geschlecht beschränkt, bei ihm aber ist es allgemein. Es ist ein Pflock, bei älteren Individuen auch eine wirkliche Scheibe aus schwarzem Ebenholz oder einem hellen, mittels geschlämmter Tonerde schneeweiß gefärbten anderen Holz, die sich in die durchlochte und ausgeweitete Oberlippe zwängt. Selbstverständlich läßt sich nicht sogleich eine talergroße Itona in diesen Körperteil einfügen, sondern man fängt mit einem winzig kleinen Fremdkörper an, um im Laufe langer Jahre das Maximum des Pelele und damit auch den höchsten Grad landesüblicher Schönheit zu erreichen. Die erste Durchlochung der Oberlippe erfolgt schon im frühen Mädchenalter, zwischen dem 7. und 9. Jahre; sie geschieht mit dem ahlenförmig zugespitzten Ende des Rasiermessers. Man versteht die Wunde am Zuheilen zu verhindern, indem man dünne Fremdkörper, einen Strohhalm oder dergleichen, einfügt. Systematisch vergrößert man die Zahl dieser Halme und damit die ursprünglich so enge Öffnung. Später fügt man in sie den spiralförmig zusammengerollten Blattstreifen eines Palmfieders hinein. Der ist elastisch und treibt die Öffnung von selbst auseinander. Schließlich erfolgt die Einfügung des ersten massiven Pflockes. Bei den Wamuera schwankt dessen Durchmesser zwischen der Stärke eines Fingers und dem eines Zweimarkstückes; bei den Makonde hingegen sollen diese Oberlippenscheiben bei älteren Frauen bis zu doppeltem Durchmesser vorkommen. Sie können sich denken, wie gespannt ich auf dieses Volk bin. Überhaupt freue ich mich unbändig auf das Makondeplateau; für unsere Wissenschaft ist es tatsächlich noch eine völlige terra incognita. Was wird dort alles zu finden sein!

Muerajüngling.

Mit der Itona haben die Frauen indessen in der Ausschmückung ihres eigenen Ich noch nicht genug getan; sie ist gleichsam nur die Krönung des ganzen, großen Gebäudes menschlicher Eitelkeit, das zu allen Zeiten und von allen Gliedern der Spezies Homo sapiens aufgerichtet worden ist und immer noch weiter ausgebaut wird, um die eigene Individualität unter allen Umständen aus der Schar der übrigen Stammesgenossen herauszuheben; zum stillen oder ausgesprochenen Neid der eigenen Geschlechtsgenossen, zur Bewunderung für das andere Geschlecht. Zur Itona tritt bei alten Frauen hier und da zunächst ein Unterlippenpflock, Nigulila genannt. Lang und schlank, in ein rundes Knöpfchen auslaufend, ragt er aus der welken Haut hervor; er soll die Aufmerksamkeit von dieser ablenken und den Beschauer vergessen machen, daß für die Trägerin dieses Schmuckes die Tage der Schönheit und der Liebe längst vergangen sind. Ganz allgemein sind dann große Scheiben oder Pflöcke in den aufgeweiteten Ohrläppchen. Weiterhin aber sieht der verwunderte weiße Beschauer das Antlitz dieser Schönen mit auffallenden Gebilden bedeckt. Von ferne gesehen, haben mir diese Frauen den Aufenthalt in einer deutschen Universitätsstadt vorgetäuscht, wie sie sich in einer hoffentlich nie erscheinenden Zukunft darbieten könnte. Als flotter Bursch von Göttingen und Leipzig habe ich zu meiner Zeit auch ausgesehen wie ein wandelndes Beefsteak, wie man bei uns zu sagen pflegt, aber gegen diese prachtvollen, schön breit aufgelaufenen Schmisse der weiblichen Wamueraburschen hätte ich nicht anzukämpfen vermocht; im Zeitalter der Asepsis findet man dergleichen bei uns überhaupt nicht mehr. Kommt man dann dem Trupp der Frauen näher, so lösen sich die Terzen und Quarten zu tausend Einzelheiten auf; lang ziehen sich die Reihen der Narbenkeloide über Stirn und Wange dahin, verlaufen wagrecht oder senkrecht, oder bilden die verschiedensten Figuren. Im einzelnen besteht jedes dieser Muster aus vielen, vielen Hautschnitten, die, einander parallel, meist senkrecht verlaufen. Man hat sie seinerzeit am Verheilen verhindert, indem man sie während der Schorfbildung immer wieder von neuem aufgeschnitten hat. So sind sie im Laufe von Wochen und Monaten zu merkbaren Wulsten geworden, die in ihrer Gesamtheit die ganze Physiognomie in entscheidender Weise beeinflussen.

Muerafrau mit Unterlippenpflock (s. [S. 77]).

Und selbst hiermit ist dem Schönheitsbestreben der Wamuerafrauen noch nicht genug getan. Wenn das Brust und Rücken umhüllende Tuch einmal zur Seite gleitet, sei es durch eine unbeabsichtigte Bewegung der Frau selbst oder durch das Vorrücken des von ihr unzertrennlichen Babys von dem gewöhnlichen Ruhesitz auf dem Rücken der Mutter nach der Hüfte oder gar nach der Vorderseite, so sieht das erstaunte Auge auch diese Körperflächen mit denselben oder ähnlichen Mustern übersät wie das Gesicht. Selbst Gesäß und Oberschenkel sollen von solchen Ziernarben nicht frei sein. O menschliche Eitelkeit, was treibst du doch für Blüten! ruft da der Ethnograph. Wollte er aber hinzufügen: Da sind wir Wasungu doch bessere Menschen, so möchte er sich wohl am besten unterbrechen. Denn zunächst tragen auch unsere Töchter, Frauen und Schwestern noch immer recht hübsche Überlebsel genau der gleichen Sitte in Gestalt ihrer Ohrringe; sodann aber dürfte unser Korsett, soweit es von seiner Trägerin zu dem Zweck angelegt wird, die Vorzüge der Figur zu heben, ebensosehr der Diskussion unterliegen wie die geschilderten Schönheitsmittel der Afrikanerinnen. Ich hebe das Korsett ausdrücklich als problematischen Schmuck hervor, und auch nur so weit, als es unsere Mädchen und Frauen verleitet, durch unvernünftiges Schnüren die inneren Organe zu schädigen und dadurch vielleicht verhängnisvoll auf die Nachkommenschaft einzuwirken. Als Bestandteil unserer europäischen Kleidung halte ich es dagegen nicht nur für berechtigt, sondern sogar für nötig, denn es scheint mir den Zug der mannigfaltigen Gewänder immer noch besser zu verteilen als ein Paar den Hosenträgern der Männer entsprechende Schulterbänder. Ein ganz klein wenig muß ich schließlich sogar meinem Kollegen Max Buchner in München zustimmen, der auch aus ästhetischen Gründen das Korsett verteidigt. Buchner hat seine berühmte Reise zum Muata Jamvo tief unten im Kongobecken gemacht; er hat auch andere Teile Afrikas studiert, die Südsee in den verschiedensten Richtungen durchkreuzt, kurz, einen großen Teil von der Welt unserer heutigen Naturvölker mit eigenen Augen gesehen; ihm steht also wohl ein maßgebendes Urteil zu. Der Münchner Ethnograph meint nun, daß es auch den Negerinnen und den übrigen mehr oder minder unbekleideten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts auf der Erde ganz dienlich sein würde, ihrerseits zu einem unserem Korsett entsprechenden Gerät überzugehen. Er wünscht es für diese Frauen nicht als Kleidungs- und nicht als Schmuckstück, sondern lediglich als Büstenhalter. Und da hat er ganz recht; so anmutig, vielleicht gar schön der schlanke Körper der jugendlichen Negerin mit seinen zarten Formen uns berührt, so widerwärtig wirkt bei den späteren Jahrgängen die durch mehrfache Geburten und das überlang ausgedehnte Stillen der Kinder bewirkte Mißbildung der Brüste. Sie sind wahrlich ein nichts weniger als schöner Anblick, und wenn auch Buchner selbst nicht im mindesten daran denkt, allen Negerinnen, Indianerinnen und Ozeanerinnen als höchstes und mit allen Kräften anzustrebendes Ziel unseren europäischen Frauenpanzer zu wünschen, so ist allen Verfechterinnen unseres viel angefeindeten Korsetts in dem Münchner Gelehrten doch unstreitig ein ausgezeichneter Sekundant erstanden.

In das Leben der Binnenlandstämme habe ich in der kurzen Zeit noch nicht viele, aber doch recht interessante Einblicke zu tun vermocht. Völkerpsychologisch bemerkenswert war mir während des Marsches nach Massassi die Beobachtung, daß überall da, wo die Eingeborenen sich aktiv am Aufstand beteiligt hatten, die Wege in tadelloser Ordnung waren, während im Gebiet unserer Bundesgenossen hohes Gras, ja selbst ganze Büsche die Barrabarra nur schwer passierbar machten. Die Braven und Artigen pochen nun auf ihre Verdienste und sagen sich: „Wir können es uns jetzt einmal eine Zeitlang leisten; uns wird der Mdachi, der Deutsche, so leicht nichts tun, nachdem wir so wacker zu ihm gestanden haben.“ Herr Ewerbeck hat aber trotz alledem den Akiden und den Jumben, den Bezirkschefs und Ortsvorstehern, recht energisch den Standpunkt klargemacht. Diese Organe sind nämlich für die Ordnung innerhalb ihres Bezirks verantwortlich.

Lichte Baumgrassteppe mit Barrabarra in der Gegend von Chingulungulu.


GRÖSSERES BILD

Einen großartigen Anblick gewährt Afrika bei Nacht. Saß man während des Hermarsches im Lager vor seinem Zelt, oder trete ich jetzt abends vor die Tür der Barasa, des Rasthauses, in dem ich meinen Wohnsitz aufgeschlagen habe: wohin auch das Auge schaut, ringsum am Horizont wälzen sich rote Gluten durch die weite Ebene. Das ist das afrikanische Brennen, ein Verfahren, das die Neger schon seit Jahrtausenden geübt haben und welches Ihnen, Herr Geheimrat, als dem ausgezeichneten Kenner der Geographie der Alten, schon seit Ihrer Jugendzeit, wenn auch vielleicht unbewußt, geläufig ist. Sie wissen ja, als der alte Karthager Hanno an der Westküste Afrikas gen Süden fuhr, erschreckte ihn und seine Mannschaften nichts so sehr und nachhaltig als glühende Feuerströme, die nachts von den Küstenbergen zur Ebene niederflossen. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung haben diese Feuerströme absolut nichts mit dem Vulkanismus gemein, wie man sooft behauptet hat, sondern es sind dieselben Brennprozesse gewesen, die von den Bewohnern des schwarzen Erdteils zur Trockenzeit noch jetzt allnächtlich veranstaltet werden.

Über den Nutzen oder Schaden dieses Brennens ist in unserer Kolonialliteratur schon viel geschrieben worden; die einen verurteilen es, weil es den Baumwuchs schädige, die anderen stellen sich auf die Seite der Eingeborenen und sagen: nur dadurch, daß man das dichte, hohe Gras und das Unterholz des afrikanischen Urwaldes in regelmäßigen Zwischenräumen durch Feuer vernichte, könne man des Ungeziefers, das sich sonst zu Myriaden vermehren würde, einigermaßen Herr werden; zudem sei die Asche einstweilen noch das einzige Düngemittel großen Stils. Ich halte mich nicht für berechtigt, den Streit der Meinungen zu entscheiden; mich fesseln viel mehr allabendlich die prachtvollen Leuchteffekte der nahen und fernen Flammenherde, die sich in der dunstigen Atmosphäre in verschiedenster Helle und Farbe widerspiegeln. Für den Reisenden gefährlich ist übrigens keiner dieser Brände; wo die Flamme eine Partie vollkommen trocknen Grases erfaßt, da rauscht sie wohl mit dem Knattern eines lebhaften Kleingewehrfeuers darüber hin; aber sonst und im allgemeinen müssen die Menschen sogar noch durch zielbewußtes Weitertragen des Feuerbrandes nachhelfen. In jedem Fall haben sie Richtung und Ausdehnung des Feuers völlig in der Hand.

Dieses Brennen ist, soweit ich ein Urteil zu fällen berechtigt bin, nur bei der ganz merkwürdigen Vegetationsform möglich, die den größten Teil Afrikas charakterisiert und die auch die große, weite Ebene hier im Westen und Nordwesten des Makondeplateaus in ihrer ganzen Ausdehnung bedeckt. Das ist die „lichte Baumgrassteppe“, wie der Geologe Bornhardt sie treffend genannt hat. In der Tat ist diese Vegetationsform weder ganz Wald, noch ganz Steppe, sie vereinigt vielmehr beides. Denken Sie sich einen besonders stark verwilderten bäuerlichen Obstgarten bei uns daheim im deutschen Vaterlande, wo man leider noch viel zu wenig Gewicht auf diesen Teil des Feldbaues legt, und setzen Sie unter die struppigen, vereinzelt stehenden Apfel-, Birnen- und Zwetschenbäume statt des bescheidenen deutschen Grases dieses zwei, auch drei Meter hohe, fast rohrähnliche afrikanische; untermischen Sie es dann mit einem dornigen, aber ebenfalls nicht sehr dichten Unterholz, und verbinden Sie schließlich die Kronen der nicht übergroßen, d. h. sicherlich nicht über 10 bis 12 Meter hohen Bäume, die trotz aller Varietäten doch ziemlich allgemein den Eindruck unseres Ahorns erwecken, durch ein System luftiger Lianen. Haben Sie das alles getan, so haben Sie, ohne weitere Betätigung Ihrer Phantasie, diese Vegetationsform, die man hier mit dem allgemeinen Namen Pori bezeichnet, während im Norden der Name Myombowald vorwaltet. Während der Regenzeit und unmittelbar nach ihr muß dieses Pori seine unleugbaren Reize haben, ja Ewerbeck und sein Begleiter Knudsen singen für diesen Zeitraum sein Lob in den höchsten Tönen. Jetzt, im Juli hingegen, ist es alles andere als schön; weder imponiert es durch die Zahl und Stattlichkeit seiner Bäume, noch erquickt es durch irgendwelchen Schatten, noch bringt die Eintönigkeit des Geländes Abwechselung in dieses ewige Einerlei, welches den Reisenden gleich hinter Nyangao und nach dem Übergang auf das rechte Lukulediufer begrüßt und welches ihn erst nach mehrwöchigem Marsch hoch oben am oberen Rovuma freigibt. „Das also ist die Üppigkeit der Tropen, und so sieht ein immergrüner Urwald aus“, dachte ich, nachdem ich einen Tag lang diesen Genuß gekostet hatte. Genau wie in bezug auf die angebliche Appetitlosigkeit des Weißen in den Tropen, müssen wir also auch bezüglich der allgemeinen Vorstellungen von der vermeintlichen Üppigkeit Äquatorialafrikas für eine bessere Belehrung unserer Volkskreise sorgen. Sie machen sich sonst von der Zukunft Deutsch-Ostafrikas übertrieben glänzende Vorstellungen.

Geradezu unangenehm wird dieses Pori überall dort, wo die Herren des Landes unmittelbar vorher gebrannt haben. Links und rechts vom Wege nichts als eine dicke, schwarze oder graue Aschenschicht; darüber hingelagert der Leichnam eines vom Sturm gefällten Baumes, der munter weiterglimmt und glüht; über der Erde aber ein nunmehr durch kein Gras mehr behinderter, tiefer Einblick in die vordem so undurchsichtige und undurchdringliche Baumweite. Für den Jäger bedeutet dieser Zustand eine Lust, denn nun kann er das Wild auf weite Entfernungen erspähen; für den Wanderer, zumal den mit einer großen Karawane behafteten, ist er eine Qual. Weniger in der Frühe des Tages; denn dann bindet der starke Taufall die feinen Staubteilchen noch fest zusammen. Steigt die Sonne aber höher, so entwickeln sich starke Luftdifferenzen auf engem Raum; harm- und arglos wandelt man in der glühenden Mittagshitze fürbaß, da wirbelt’s unversehens vor den Füßen auf; eine schwarze Schlange steigt in rasenden Spiralen senkrecht empor, tänzelt in koketten Kurven um den in reinstes Khaki Gekleideten herum und verschwindet dann rasch, mit leisem Kichern, als wollte sie sich über den Fremdling lustig machen, seitwärts hinter den Bäumen. Den schwarzen Begleitern hat die Schlange nichts getan, denn sie sind ja von ihrer Farbe. Doch wie sieht der Expeditionsführer aus! Zwar ist er nicht zum waschechten Neger geworden, doch sieht er einem Mohren immerhin ähnlich; unter diesen Umständen werden die beiden Getreuen, Moritz und Kibwana, im Lager nachher nichts Eiligeres zu tun haben, als dem Herrn das Bad zu bereiten und ihn vom Scheitel bis zur Sohle gründlich abzuseifen. Und „das hat mit ihrem Wehen die Poriwindhose getan!“

Tröstlich ist in diesen kleinen Nöten des Marschlebens der unverwüstliche Frohsinn der Eingeborenen. Im ehemaligen Aufstandsgebiet der Wamuera herrschte wenig Stimmung zu Tanz und Lustbarkeit, dazu erging es den Leuten doch zu schlecht; überall sonst entwickelte sich, sobald unser Lager nur halbwegs eingerichtet war, unter den stets scharenweise herbeigeströmten Landeskindern ein in seinem allgemeinen Verlauf stets gleiches, in seinen Einzelheiten jedoch stets wechselndes Bild. Der Neger muß wohl tanzen. Wie der Deutsche, sobald ihn nur irgend etwas über das Stimmungsniveau des Werkeltags hinaushebt, den unbezwinglichen Drang zum Singen in sich fühlt, so schart sich der Neger bei jeder Gelegenheit zu seiner Ngoma zusammen. Ngoma heißt zunächst nichts anderes als Trommel; in übertragener Bedeutung bezeichnet das Wort jede Festlichkeit, die zum Klang dieser Trommel gefeiert wird. Diese Festlichkeiten haben vor den unseren den unbestreitbaren Vorzug voraus, daß bei ihnen Musik, Tanz und Gesang gleichzeitig ertönen. Die Kapelle trommelt, improvisiert aber auch zuweilen eine Art Schnadahüpfl; der Kreis ringsum bildet den Chor; zum Rhythmus des Gesanges bewegt er sich gleichzeitig um die Kapelle herum. Das ist das gewöhnliche Bild. Es ist bei aller Fremdartigkeit so reizvoll, daß in den Küstenstädten selbst die „ältesten Afrikaner“ es nicht für unter ihrer Würde halten, von Zeit zu Zeit diesem Ausdruck autochthonen Volkstums die Ehre einer wenn auch nur kurzen Anwesenheit angedeihen zu lassen. Andere, weniger angekränkelte Weiße sind bei diesen Volksfesten hingegen förmliche Habitués, die keinen Sonnabend abend — Sonnabend ist der gesetzlich freigegebene Ngomentag — vorübergehen lassen, ohne sich stundenlang in den Dunstkreis der schwitzenden, keuchenden Menge zu stellen.

Außerordentlich ansprechend ist eins dieser Reigenspiele, das von den Frauen aller Gegenden, die ich bisher berührt habe, bei jeder nur denkbaren Gelegenheit ausgeführt wird. Es hat den Namen Liquata, das Händeklatschen. Die Frauen und Mädchen treten zusammen und stellen sich, die Gesichter nach innen, im Kreise auf. Plötzlich fliegen die Arme in die Höhe, der Mund öffnet sich, die Füße zucken zum ersten Takt. Im gleichen Takt und im gleichen Rhythmus setzt nun alles ein, Händeklatschen, Gesang und Tanz. Mit der eigentümlichen Grazie, die alle Bewegungen der Negerin kennzeichnet, bewegt sich der ganze Kreis nach rechts; zuerst erfolgt ein relativ großer Schritt, dem drei merklich kleinere folgen; diesem Rhythmus ist das Händeklatschen nach Intensität und Takt genau angepaßt, desgleichen auch der Gesang, den ich sogleich wiedergeben werde. Plötzlich, bei einem bestimmten Takt, lösen sich aus der Reihe der Tänzerinnen zwei Figuren los; sie tänzeln in die Mitte des Kreises hinein, bewegen sich dort in bestimmten, dem Auge leider nur zu schnell entschwindenden Figuren umeinander herum und treten dann wieder an bestimmte Stellen des Kreises zurück, um im gleichen Augenblick zwei anderen Solotänzerinnen Platz zu machen. So geht das Spiel reihum; unermüdlich, ohne auszusetzen und ohne Abschwächung setzt es sich Stunde um Stunde fort; unbekümmert auch um die Babys, die in dem unvermeidlichen Rucksack auf dem Rücken der Mama alles mitmachen müssen. In dem engen, heißen und oft genug auch schmutzigen Behälter schlafen, wachen und träumen sie, während die Mutter die derbe Mörserkeule schwingt oder den schweren Läufer zur Mehlbereitung über den Reibstein führt; während sie die Felder hackt, das Unkraut jätet und die Ernte einholt; während sie den schweren Tonkrug vom weitentlegenen Quell auf dem Kopf nach Hause trägt, und während sie sich im Tanze wiegt. Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen der Negersprößling über Takt und Rhythmus seines Volkes schon vollkommen im Bilde ist, kaum daß er das Tragtuch und die mütterliche Brust verlassen hat. Fast möchte es allein die Reise nach Ostafrika lohnen, diese winzigen Knirpse von drei und vier Jahren mit absoluter Sicherheit im Reigen der Alten dahinschweben zu sehen.

Und hier der überaus geistvolle Text zum sinnvollen Spiel! Steht man dabei und sieht die Frauenwelt im wiegenden Tanz sich regen, bedient man vielleicht gar den Kinematographen, so achtet man allen vorgefaßten Absichten zum Trotz doch viel zu wenig auf den Wortlaut des Tanzgesangs. Baut man dann nach vollendetem Tanz die Teilnehmerinnen vor dem Phonographentrichter auf, so möchte man schier glauben, man hätte sich verhört, so inhaltlos ist dieser Sang. Ich habe die Liquata an den verschiedensten Stellen aufgenommen, aber niemals ist mehr herausgekommen, als ich hier bieten kann. Hier Text und Tonfall:

ad infinitum wiederholt.
*) Kein reines

, sondern ein zwischen diesem und

, doch näher an

liegender Ton.

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Sie werden zugeben, Herr Geheimrat, übermäßig viel Geist wird in diesem Liede keineswegs vergeudet; allein, das ist ein Zug, der allen Negerliedern hier im Süden eigen ist; selbst die Meister des Gesanges in Afrika, meine Wanyamwesi, liefern in dieser Beziehung nicht übermäßig viel mehr. Hier können wir wirklich und mit Fug und Recht sagen: „Wir Wasungu sind doch bessere Sänger!“

Massassiberge. Nach Zeichnung des Salim Matola (s. [S. 455]).

Sechstes Kapitel.
Umschau.

Massassi, 25. Juli 1906.

Seit reichlich einer Woche bin ich in Massassi. Mein Heim ist eine im reinsten Yaostil gebaute Hütte, die von den Eingeborenen auf Befehl des kaiserlichen Bezirksamts eigens für durchreisende weiße Herren gebaut worden ist. Die Hütte oder, wie man wohl sagen muß, das Haus, denn es ist ein stattlicher Bau von zirka 12 Meter Länge bei 6 Meter Tiefe, liegt außerhalb der Boma, welche den hiesigen Polizeiposten beherbergt. Es ist ein Ovalbau, dessen Dachform aufs täuschendste einem umgekehrten Boote gleicht. Das Material der Wände ist wie überall im Lande Bambus und Holz, das innen und außen sauber mit grauschwarzem Lehm verputzt ist. Im Gegensatz zu den Eingeborenenhäusern hat mein Palais den Vorzug von Fenstern. Das heißt: Fensterscheiben fehlen; kriecht man abends unter sein Moskitonetz in das Tippelskirchsche Feldbett hinein, so schließt man vorher die Luken mit Türen aus derben Bambusstäben. Der Fußboden ist, wie auch in allen Eingeborenenhütten, gestampfter Estrich. Er läßt sich im allgemeinen ziemlich sauber halten, ist aber nicht für die scharfen Kanten europäischer Stiefelabsätze eingerichtet; sie richten in ihm sehr bald erhebliche Verwüstungen an. Das ganze Innere stellt ein ungeteiltes Ganzes dar, das lediglich unterbrochen wird durch die zwei gleichsam in den Brennpunkten der Ellipse stehenden Pfeiler, auf denen das schwere Strohdach ruht. Dieses ragt nach außen und unten hin weit über die Hauswand hinaus, wird an seinem Außenrande von einer weiteren Ellipse von kürzeren Pfeilern getragen und bildet damit jenen schattigen, breiten Umgang um das ganze Haus, der unter dem Namen Barasa ein unumgänglicher Bestandteil jedes ostafrikanischen Wohngebäudes ist. —

Mit dem Namen Massassi bezeichnen die Eingeborenen einen ganzen Bezirk. Er ist geologisch, geographisch, botanisch und ethnographisch gleich interessant. Sehr bald hinter Nyangao, von der Küste aus gerechnet, beginnt die berühmte lichte Baumgrassteppe; gleichzeitig treten die Ränder des Makondeplateaus im Süden und der verschiedenen kleinen Hochländer im Norden des Lukuledi immer weiter zurück. So wandert man Tag um Tag in vollkommen horizontaler Ebene und in gleich einförmiger Vegetation dahin. Das ist nichts weniger als anregend und interessant. Aber was ist das? Eine glänzend graue, riesige Felswand grüßt bei einer Biegung des Weges unverhofft über das endlose Meer dürrer Baumkronen herüber. Man atmet auf und vergißt angesichts des neuen landschaftlichen Reizes alle Müdigkeit. Auch der Schritt der schwerbelasteten Träger wird schneller. Plötzlich hört der Wald, der mit der Annäherung an jenen Fels dichter, grüner und frischer geworden ist, auf; statt der einen steilen Felswand erblickt das Auge nunmehr aber eine ganze lange Reihe solcher Berggipfel, die sich dem Scheine nach quer über unseren Weg hinüberzieht und ihn versperrt. Doch dem ist nicht so, denn hart am Fuß der ersten dieser Kuppen schwenkt auch der Weg nach Südsüdosten ab, um nunmehr die ganze Bergreihe in nächster Nähe zu begleiten. Wo sie endlich zu Ende geht, da ist auch er zu Ende, denn dort liegt, eingebettet in einen förmlichen Kreis von Bergkindern, wie der Neger in seiner Sprache sagen würde, d. h. zwischen niedrigen, nur 100 oder wenige 100 Meter hohen Hügeln, die Militärstation Massassi.

Inselberg von Massassi.

Die Gneiskuppen von Massassi sind in der geologischen Literatur über Afrika hochberühmt; sie sind aber auch etwas Einzigartiges, nicht ihren petrographischen Bestandteilen nach, sondern wegen ihrer enggeschlossenen Reihenform. Orographisch wird dieser ganze Osten Afrikas, in dem ich mich befinde, charakterisiert durch „Inselberge“, wie sie der Geologe Bornhardt nennt. Der Name ist gar treffend; würde sich der Erdteil um etliche hundert Meter senken, oder der Indische Ozean um ebensoviel steigen, so würde das ganze Lukuledital, auch das des Umbekuru und des Rovuma, sicher auch das mancher Flüsse von Portugiesisch-Ostafrika, fernerhin dann die ganze riesige Ebene westlich vom Wamuera- und vom Makondeplateau, einen gewaltigen See bilden. Über dessen Oberfläche würden hier im Westen lediglich diese klobigen, plumpen Gneiskuppen als winzige Inseln hervorragen, während nach der Küste zu die genannten Plateaulandschaften sozusagen die Kontinente auf diesem Stück Erdoberfläche darstellen würden.

Im allgemeinen sind diese Inselberge völlig regellos über das ganze, weite Land zerstreut. Klettere ich auf eine der kleinen Kuppen unmittelbar hinter meinem Wohnhaus, so vermag ich nach Norden, Westen und Süden eine fast unabsehbare Schar dieser merkwürdigen Gebilde zu überblicken. Meist liegen sie einzeln oder in Gruppen angeordnet da; nur eine Anzahl von Tagereisen weiter im Westen häufen sie sich in der Madjedjelandschaft in dichter Scharung zusammen. In unmittelbarster Nähe bildet dann die Massassikette die andere Ausnahme. Der Regellosigkeit der Anordnung entspricht auch eine große Verschiedenheit der Höhe; viele dieser Kuppen sind nur winzige Hügel; andere wieder ragen steil und unvermittelt noch 500 Meter und mehr über die hier bei Massassi schon reichlich 400 Meter hochgelegene Ebene empor. Damit erreichen also die höchsten dieser Berge die Höhen unserer deutschen Mittelgebirge.

Über die Entstehung dieser seltsamen Bergformen habe ich als Nichtgeologe natürlich kein Urteil. Nach Bornhardt, der in seinem großartigen Werke „Zur Oberflächengestaltung und Geologie Deutsch-Ostafrikas“ (Berlin 1900) die erdgeschichtlichen Züge dieses Landschaftsbildes in bewunderungswürdiger Plastik geschildert hat, sind alle diese Inselberge Zeugen eines uralten und niemals unterbrochenen Kampfes zwischen der aufbauenden Tätigkeit des Meeres und der abflachenden, nagenden, grabenden, erniedrigenden Wirkung des fließenden Wassers und der Atmosphärilien. Er sieht diese Gegend zur Primordialzeit als eine ungeheure Ebene lückenlosen Urgneises. In sie gruben die Bäche und Flüsse im Laufe der Zeit ihre Täler, alle in mehr oder weniger gleicher Richtung. Es blieben also nach Ablauf dieses langdauernden Prozesses langgestreckte Bergrücken zwischen jenen einzelnen Tälern stehen. Dann kam aber eine andere Zeit: an die Stelle der Zerstörung trat die der Auflagerung; wo vordem Regen, Quellen, Bäche und Ströme das zerkleinerte und zersetzte Gestein abwärts und meerwärts getragen hatten, flutete jetzt das Meer selbst; es füllte die Täler wieder aus und deckte auch wohl den ganzen, alten Schauplatz mit seinen Sedimenten zu. Diese Sedimente wurden im Laufe weiterer Zeiträume selbst wieder zu hartem Gestein. Und abermals wechselte die Szenerie; wieder lag der Boden trocken, und wieder konnten Wind, Regen und strömendes Wasser ihr Zerstörungswerk beginnen. Aber sie arbeiteten diesmal in anderer Richtung; hatten sie den Detritus vordem nach Norden oder Süden geführt, so schleppten sie ihn diesmal rechtwinkelig dazu nach Osten. Und sie feilten und feilten, trugen die ganze Oberdecke ab und zernagten auch die langen Rücken, die als Reste der ersten Zerstörungsperiode noch übriggeblieben waren. Und als sie schließlich auch dieses Urgestein bis zur Sohle der ersten Täler hinweggenagt hatten, siehe, da zeigte sich, daß als kümmerlicher Rest der alten, stolzen Gneisdecke lediglich diese in den Kreuzungspunkten der beiden Abrasions- und Erosionsrichtungen gelegenen festen Kerne übriggeblieben waren. Das sind eben diese Inselberge. Die Bornhardtsche Theorie ist kühn; auch setzt sie ganz unmeßbare Zeiträume voraus, aber sie ist als der plausibelste von allen Erklärungsversuchen allgemein angenommen worden. In jedem Fall ist sie ein glänzender Beweis der Kombinationsgabe deutscher Gelehrter.

Mit ihrem ungemein steilen Anstieg und der Unmittelbarkeit, mit der diese wuchtigen Steinmassen der Ebene entsteigen, wirken alle diese Berge, wo sie auch immer erscheinen, beherrschend auf die Umgebung ein; wo sie aber so wundervoll geschlossen auftreten wie hier im Mkwera, im Massassi, Mtandi, Chironji, Kitututu, im Mkomahindo, und wie sie alle heißen die großen und die kleinen Erhebungen hier in meinem Gesichtskreis, da sind sie etwas Unvergleichliches und dem Forscher Unvergeßliches. Wird erst einmal die geplante Südbahn das Stromgebiet des Umbekuru durchschneiden, so wird es keinen lohnenderen Ausflugspunkt für unsere Weltreisebureaus geben als die Bergreihe von Massassi!

Auch floristisch kommt der Besucher auf seine Kosten. Weilt man erst im Schatten dieser Berge, so ist die Öde und Eintönigkeit des Pori mit einem Schlage vergessen; Pflanzung reiht sich an Pflanzung, Beet an Beet; Hirsefelder der verschiedensten Varietäten neigen ihre fruchtschweren Kolben und Rispen in dem frischen Morgenwinde, der nach der stickigen, heißen Luft des tagelangen Porimarsches eine wahre Erquickung ist. Bohnen aller Art, Kürbisse und Melonen erfreuen das Auge durch ihr frisches Grün; rechts und links vom Wege breitet der Mhogo, der Maniok, seine sperrigen Zweige. Wo aber alle jene Fruchtpflanzen noch eine Lücke gelassen haben, da klappert die Basi-Erbse in ihrer Schote. Möglich ist diese für den Süden Deutsch-Ostafrikas erstaunliche Fruchtbarkeit nur durch die geologische Beschaffenheit des Bodens. Wohin der Fuß auf der großen Barrabarra getreten ist, und wohin das Auge nördlich und südlich geschaut hat, überall ist lehmiger Sand und sandiger Lehm an der Zusammensetzung der obersten Erdschicht in erster Linie beteiligt; nur an Stellen größerer Wasserwirkung sind hie und da nackte, glatte Gneisfelsen zutage getreten, oder aber die Fußsohle ist knirschend über harte Quarzite dahingewandert. Lediglich wo diese mächtigen Gneiszeugen das Einerlei unterbrechen, da findet das den wirtschaftlichen Wert des Landes prüfende Auge sich in vollem Maß befriedigt. Gneis verwittert leicht und gibt einen guten Boden. Das haben auch die Schwarzen seit langem entdeckt, und wenn sie auch die weniger fruchtbaren Teile ihrer Heimat durchaus nicht verschmähen, so sind diese Zonen um die Gneisinseln doch stets das bevorzugte Ziel autochthoner Besiedelung gewesen. Massassi mit seiner gewaltigen, sich stundenlang hinziehenden Ausdehnung ist ein typisches Beispiel eines solchen wirtschaftlichen Verständnisses.

Bei diesem Zusammenströmen aus aller Welt ist es kein Wunder, wenn die Frage nach der Stammeszugehörigkeit der Massassileute ein wahres Völkerchaos zur Antwort gibt: Makua, Yao, Wangindo, einzelne Makonde, und zu alledem ein großer Prozentsatz von Küstenleuten; das sind die freiwillig hergewanderten Elemente dieses kleinen Kulturzentrums. Zu ihnen allen kommt ein Konglomerat von Stammeselementen des innersten Afrika, das hier unter dem Namen Wanyassa zusammengefaßt wird. Diese Wanyassa sind der lebende Beweis eines menschenfreundlich im höchsten Sinne gedachten Experimentes, das leider nicht in dem Umfange gelungen ist, wie es von jenen Philanthropen erwartet und erhofft wurde. Gerade der Süden des heutigen Deutsch-Ostafrika ist vor Jahrzehnten der Schauplatz des lebhaftesten Sklavenhandels gewesen; durch diese leicht gangbaren, damals noch dichtbevölkerten Gefilde hat sich der von den Arabern Sansibars und der Küste genährte und gepflegte Sklavenhandel mit Vorliebe bewegt. Die Lage von Kilwa Kiwindje an einer Meeresbucht, die so flach ist, daß wohl eine arabische Sklavendhau, nicht aber die Überwachungsschiffe sittenstrenger Mächte dort landen und ankern konnten, ist noch heute eine sprechende Erinnerung an diese dunklen Zeiten der auch sonst nicht übermäßig sonnigen Geschichte Ostafrikas.

Um das Übel an der Wurzel zu fassen und es um so sicherer auszurotten, haben englische Menschenfreunde viele Jahre hindurch die unglücklichen Opfer, die in der Sklavengabel des Weges daherkeuchten, von ihren Glaubensboten, den Missionaren, aufkaufen lassen und als freie Männer angesiedelt. Das ist vor allem im Bannkreis der Gneiskuppen von Massassi geschehen. Die christliche Welt hat die stille Hoffnung gehegt, aus jenen Befreiten dankbare Glaubensgenossen und tüchtige Menschen heranbilden zu können. Doch wenn man das Urteil erfahrener Landeskenner hört, so gehört schon eine bedeutende Dosis von Voreingenommenheit dazu, um in diesen befreiten Bekehrten etwas Besseres zu sehen, als es die übrigen Neger sind. Es ist nun einmal so und wird sich mit keinem Mittel wegleugnen lassen, daß das Christentum dem Schwarzen nicht recht „liegt“, viel weniger jedenfalls als der Islam, der ihm alle seine geliebten Freiheiten anstandslos beläßt.

Ich persönlich habe übrigens von irgendwelchen Nachteilen des Charakters dieser Massassileute bis jetzt nichts gemerkt; wer mit mir in Berührung gekommen ist, hat sich ebenso freundlich benommen wie alle übrigen Landeskinder. An solchen Berührungen hat es trotz der Kürze meines hiesigen Aufenthaltes bisher keineswegs gefehlt; ich habe mich mit aller Energie, der ich fähig bin, in die Arbeit gestürzt und habe die Überzeugung, daß ich bereits einen großen Teil des hiesigen Volkstums mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.

Gleich der Anfang meiner Studien war außerordentlich vielversprechend. Die Missionsstation Massassi liegt eine kleine Stunde weit nord-nordöstlich von uns unmittelbar unter der Steilwand des Mtandi. Dieser Mtandi ist der imposanteste Berg in der ganzen Kette; er steigt nahezu senkrecht gleich hinter den Strohhütten der Mission in einer riesigen Wand in die Höhe, um oben, 940 Meter hoch, in einer flachen Kuppe zu endigen. Herr Bezirksamtmann Ewerbeck und ich hatten schon beim Vorbeireiten am Tage unserer Ankunft in Massassi beschlossen, diesem Mtandi einen Besuch abzustatten, und schon an einem der nächsten Tage haben wir den Plan ausgeführt. Die Sache entbehrte nicht eines gewissen Reizes; schon früh um 4½ Uhr, bei stockdunkler Tropennacht, waren wir beiden Europäer und etwa ein halbes Dutzend unserer Träger und Boys, sowie Ewerbecks Maskatesel und mein altes Maultier marschbereit. So rasch es die Dunkelheit erlaubte, ging der Zug aus der Barrabarra dahin, um in der Höhe des Mtandi links abzuschwenken. Am Fuße des Berges blieben die Reittiere nebst ihren Wärtern zurück; wir andern aber begannen unter Umgehung des Stationsgeländes unsere Kletterübung.

Für meine Afrika-Expedition hatte ich mich mit Tippelskirchschen Tropenschnürstiefeln ausgerüstet. Als ich diese in Lindi den „alten Afrikanern“ zeigte, lachten sie mich aus. Was ich denn mit der einen kümmerlichen Nagelreihe am Sohlenrande hier in Afrika wolle? Gleich solle ich die Dinger zum Bruder Wilhelm senden, einem Laienbruder der Benediktinermission, der sich zu Nutz und Frommen aller Europäer mit der Verbesserung lederner Gehwerkzeuge befasse. Bruder Wilhelm hat denn auch eine ganz herrliche Doppelreihe schwerer Alpennägel an meine Stiefel gesetzt, und ich habe ein Paar von ihnen am ersten Marschtage von Lindi aus getragen, — aber dann nicht mehr! Sie zogen die Füße wie Blei zur Erde, und zudem zeigte sich, daß der schwere Beschlag auf der feinsandigen Barrabarra absolut überflüssig war. Später habe ich zu meinen leichten Leipziger Schnürschuhen gegriffen, die das Marschieren zum Vergnügen machen. Hier auf den scharfen Graten des Mtandi taten mir die so schnöde behandelten Bergstiefel indessen ausgezeichnete Dienste.

Unsere Mtandibesteigung nach der Zeichnung von Juma (s. [S. 96]).

Ich will die Schilderung meiner Gefühle bei jenem Aufstieg lieber übergehen! Es wurde heller und heller; wir kamen höher und höher; aber ein Vergnügen war dieses Kraxeln, einer hinter dem anderen, von Fels zu Fels und von Baum zu Baum wenigstens für uns beiden sehr behäbigen und wohlgenährten Europäer keineswegs. Wir haben uns denn auch damit begnügt, nicht die alleroberste Kuppe zu erreichen, sondern in einem etwas niedrigeren Vorsprung das Ziel unserer Wünsche zu sehen. Dies war verständig, denn von der erwarteten großartigen Aussicht war keine Rede; Nebel in der Höhe, Nebel auch über das ganze weite Land hin, so daß selbst die längste Expositionszeit so gut wie nichts auf meine photographischen Platten brachte.

Dieser sonst so erfolglose Aufstieg hat wenigstens ein hübsches, kleines Denkmal afrikanischer Kunst gezeitigt: eine [zeichnerische Wiedergabe] der kraxelnden Karawane. Umstehend ist sie. Die Steilheit des Berges deutet der schwarze Künstler ganz richtig durch die senkrechte Stellung der Weglinie an. Das Gewirr von Kreisen und Kurven am unteren Ende der Linie stellt die Missionsstation Massassi mit ihren Gebäuden dar: dem Fundament einer Kirche, die, wenn sie jemals fertig werden sollte, sämtliche bekehrten Heiden Afrikas und der umliegenden Erdteile aufzunehmen vermöchte, so riesenhaft sind die Abmessungen; dem ehemaligen Kuhstall, in dem die beiden alten Reverends nach der Zerstörung ihrer schönen, alten Gebäude durch die Majimaji ihre primitive Unterkunft gefunden haben; der Mädchen- und der Knabenschule, beides ein paar große Bambushütten im Eingeborenenstil, und den Wohngebäuden für das schwarze Lehrerpersonal und die Schüler. Das Rankengewirr am obern Ende der Linie stellt den Gipfel des Berges mit seinen Gneisblöcken dar. Die beiden obersten der kraxelnden Männer sind der Kirongosi, der landeskundige Führer, und einer unserer Leute; der dritte ist Herr Ewerbeck, der vierte bin ich. Der kaiserliche Bezirksamtmann ist kenntlich an seinen Achselstücken mit den beiden Hauptmannssternen; sie gehören zum Dienstanzug dieser Beamtenklasse. Von allen Attributen der Weißen imponieren sie den Schwarzen sichtlich am meisten, denn überall, wo z. B. Offiziere auf den in meinem Besitz befindlichen Eingeborenenzeichnungen erscheinen, ist ihr Dienstgrad unweigerlich und stets ganz richtig durch die Sterne angegeben worden. Auch in der Zahl der Chargenwinkel auf den Ärmeln der weißen und der schwarzen Unteroffiziere irren sich die schwarzen Künstler niemals.

Buschbrand auf dem Makonde Plateau.


GRÖSSERES BILD

Was doch eine volle Figur macht! Ewerbeck, Seyfried und ich sind etwa gleichaltrig und verfügen auch über ungefähr dieselben Körperdimensionen. Dieser Umstand muß wohl die Veranlassung gewesen sein, daß die Einwohnerschaft von Lindi und später auch die des Innern mich ohne weiteres ebenfalls zum Hauptmann avancieren ließ; in Lindi war ich einfach der Hoffmani mpya, der neue Hauptmann. Auf dem wiedergegebenen Kunstblatt ist der Beweis für meine Beförderung zu sehen: auch mir hat der Künstler die Achselstücke verliehen. Die Figuren hinter uns beiden Europäern sind belanglos; das ist eben der Rest unserer Begleitung.

Doch nun kommt das psychologisch Seltsame: ich bin zweimal auf dem Bilde; einmal klettere ich mühselig den Berg hinan, das andere Mal stehe ich bereits in stolzer Pose oben und banne mit dem Momentverschluß in der Hand die Gefilde Afrikas auf meine Platte. Der Dreibein oben ist nämlich mein 13 × 18-Apparat; die Zickzacklinien zwischen dem Stativ sind die Verfestigungs-Messingleisten; die lange Schlangenlinie ist der dünne Gummischlauch der Momentauslösung, von der ich allerdings bei dem Nebel keinen Gebrauch machen konnte; der Photograph bin, wie gesagt, ich. Die Männer hinter mir sind meine Leibdiener, denen für gewöhnlich die zerbrechlicheren Teile des Apparates anvertraut werden.

Die zeichnerische Wiedergabe dieser Bergbesteigung ist ein ebenso anspruchsloses Geisteserzeugnis des Negerintellekts wie alle anderen; aber sie ist bei alledem ein sehr wichtiges Dokument für die Anfänge der Kunst im allgemeinen und für die Auffassungsweise des Negers im besonderen. Gerade für den Volksforscher ist auch das Unscheinbarste nicht ohne Bedeutung. Und deswegen fühle ich mich so unendlich glücklich, selbst einmal eine ganze Anzahl von Monaten in einem solchen Milieu hoffentlich recht ungestört und nach Herzenslust arbeiten zu können.

Ihren vorläufigen Abschluß hat unsere Mtandibesteigung in einem solennen Frühstück gefunden, zu dem uns die beiden Reverends freundlichst eingeladen hatten. Der Engländer lebt ja anerkanntermaßen zu Hause ausgezeichnet; doch auch in der Fremde, und sei es im Innern irgendeines Erdteils, weiß er sich zu helfen. Ich gewann denn auch gerade hier den Eindruck, als sei Massassi eine „sehr nahrhafte Gegend“, wie Wilhelm Raabe sagen würde. Nur Sekt gab es heute nicht; den hatte Reverend Carnon uns schon am Vortage kredenzt, und zwar in einem riesigen Wasserkruge. Sektgläser habe er nicht, meinte der freundliche Geistliche. Es ging auch so.

Das Lustigste des ganzen Mtandiunternehmens war indessen der Abschluß. In dichtem Haufen trabte die Schar der Missionszöglinge bei unserem Heimritt neben uns her. Die kleinen Kerle sahen recht kriegerisch aus; alle trugen Bogen und Pfeile und schrien lustig um die Wette. Ich konnte mir zunächst kein klares Bild von dem Sinn des ganzen Tuns machen; zu Hause, d. h. bei unserem Polizeiposten angekommen, verstand ich allerdings sehr bald, daß die Leutchen nichts anderes beabsichtigten, als mir ihre gesamte kriegerische Ausrüstung für meine ethnographische Sammlung zu überlassen! Doch beileibe nicht etwa als hochherziges Geschenk; für Schenken ist der Neger nicht; darin gleicht er unserem Bauer. Im Gegenteil, die jungen Leute verlangten geradezu phantastische Preise für ihre doch eigens für den merkwürdigen Msungu, der allen Negerplunder kauft, gefertigten Schießzeuge. Ich habe später von dem Kram erworben, was mir tauglich schien, habe es im übrigen aber doch für nötig gehalten, die Leerausgehenden vor einer Enttäuschung zu bewahren, indem ich jedem ein paar Kupfermünzen aus meinem berühmten Hellertopf zukommen ließ. Vorher habe ich jedoch erst noch ein ganz nettes Experiment gemacht, mir und meiner Wissenschaft zum Nutzen, der Negerjugend von Massassi aber zur höchsten Lust: die Veranstaltung eines wirklichen und wahrhaftigen Schützenfestes mitten im ernsten Afrika.

Die vergleichende Völkerkunde hat sich seit langem bemüht, alle technischen und geistigen Tätigkeiten des Menschen zu klassifizieren und zu analysieren. So hat der Amerikaner Morse schon vor Jahrzehnten festgestellt, daß die Menschheit, soweit sie mit Bogen schießt oder je geschossen hat, sich ganz bestimmter Spannweisen bedient. Es gibt etwa ein halbes Dutzend verschiedene Arten, die über den Erdball derartig verteilt sind, daß hier und da ganz große Provinzen einer einheitlichen Spannmethode feststellbar sind, während anderswo die schärfsten Unterschiede von Volk zu Volk und von Stamm zu Stamm bestehen.

„Aber, Herr Professor,“ höre ich in diesem Augenblick im Geiste einen meiner Leipziger Hörer einwerfen, „Bogenspannen ist doch Bogenspannen; was sollen denn da für Unterschiede bestehen?“

„Hier, mein Herr,“ antworte ich, „bitte schießen Sie einmal, aber mit Vorsicht; bringen Sie Ihren Nachbar nicht um und sich selbst auch nicht!“ Wie oft schon habe ich während meiner Dozentenzeit dieses Experiment gemacht, und wie übereinstimmend ist jedesmal das Ergebnis gewesen! Man kann tausend gegen eins wetten, daß jeder Deutsche — die Engländer und Belgier nehme ich aus; diese Völker schießen heute sportmäßig und mit Verständnis mit dem Bogen und wissen eine gute Spannweise wohl von einer schlechten zu unterscheiden —, wenn er den Bogen in die Linke genommen hat und mit der Rechten Pfeil und Sehne erfaßt, das untere, mittels der Kerbe auf der Sehne ruhende Pfeilende zwischen Daumen und Zeigefinger ergreift und nunmehr die Sehne erst indirekt mittels des Pfeiles zurückzieht. Das ist dieselbe Methode, mit der wir als Knaben den Flitzbogen gespannt haben. Diese Spannweise ist die denkbar schlechteste. Davon kann sich jeder, der die anderen Methoden ebenfalls beherrscht, bei jedem Schuß überzeugen. Es liegt ja auch nahe, daß der Pfeil den Fingern bei stärkerem Zurückziehen entgleiten muß. Der beste Beweis für die Minderwertigkeit gerade dieser Spannart ist ihre geringe Verbreitung innerhalb desjenigen Teils der Menschheit, der den Bogen noch als wirkliche und wehrhafte Waffe, sei es zum Krieg, sei es zur Jagd, benutzt. Diese Völker und Stämme handhaben ihre Waffen ganz anders. Nur wo der Bogen zu einem Überlebsel geworden ist wie z. B. bei uns, d. h. wo er aus dem Kranz der Manneswehr durch vollkommenere Waffen verdrängt worden ist, und wo er seine ehemalige Berechtigung nur noch als Spielzeug bei dem konservativsten Teil unserer Spezies, beim Kinde, dartut, da ist diese zum wirksamen Schuß gänzlich unbrauchbare Spannweise aus Unkenntnis einer bessern im Gebrauch.

Wäre ich gezwungen, die Missionsjugend von Massassi als Kulturmaßstab zu betrachten, so müßte ich sagen: auch beim Neger ist der Bogen ein Überlebsel, denn von dem ganzen großen Haufen schossen neun Zehntel in derselben Weise wie unsere Knaben. Doch mit einem Unterschiede: wir halten unseren Flitzbogen wagerecht, die Negerknaben hielten ihn senkrecht; der Pfeil lag links vom Bogen und lief zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. Nur das restliche Zehntel schoß mit anderer Spannung; es waren bezeichnenderweise lauter ältere Zöglinge, die also augenscheinlich noch eine bestimmte Dosis altafrikanischen Konservativismus mit in ihr Christentum hinübergerettet hatten.

Bei meinem Preisschießen kam es mir weniger auf die Treffergebnisse an als auf die Beobachtung der Spannmethoden; trotzdem, muß ich sagen, zogen sich die kleinen Schützen ganz gut aus der Affäre. Zwar schossen sie nur auf geringe Entfernungen; auch war mein Ziel nicht gerade klein, bestand es doch aus einer Nummer der „Täglichen Rundschau“, aber die Mehrzahl blieb doch innerhalb der rasch auf diese improvisierte Scheibe gemalten Ringe. Und stolz waren sie auch, die kleinen Schützen; wenn ich einen besonders guten Schuß laut über das Blachfeld hin lobte, blickte der schwarze Held triumphierend im Kreise umher.

„Nun bitte, Herr Professor, die anderen Spannmethoden!“ höre ich wieder meine getreuen Schüler mir zurufen. In Leipzigs Hörsälen muß ich in solchen Fällen natürlich sofort Rede und Antwort stehen. Afrika ist in dieser Beziehung toleranter; hier blüht mir die Freiheit, vom Recht des Forschers Gebrauch zu machen und an der Hand vieler anderen Beobachtungen Material zu sammeln. Ich antworte also mit höflicher Bestimmtheit: „Wenn ich die ganze Ebene nördlich vom Rovuma abgegrast haben werde und dann schließlich auf dem kühlen Makondeplateau die Muße finde, auf meine so vielseitigen Studien zurückzublicken, dann will ich mich ernsthaft bemühen, Ihre Wißbegier auch in dieser Richtung zu befriedigen. Also auf Wiedersehen, meine Herren!“

Wanyassa-Jäger mit Hund. Nach Zeichnung von Salim Matola (s. [S. 452]).

Siebentes Kapitel.
Einleben ins Volkstum.