Anmerkungen zur Transkription

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Der Uebel größtes...

Meisters
Buch-Roman

Eine Sammlung hervorragend
schöner Romane aus der Feder
angesehener, bekannter Autoren

Einundvierzigster Band: Der Uebel größtes ..

Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.

Der
Uebel größtes ..

Roman von
Käte Lubowski.

Einundvierzigster Band des Buch-Romans

Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.

Copyright 1919
by Oskar Meister, Werdau.

Alle Rechte vorbehalten.

1.

Um die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen.

Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum.

„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem, scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“

Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“

Ein leichtes Seufzen ertönte.

„Schon wieder? – Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen, daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an der Gesundheit..“

„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“

„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte Traum?“

„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen.. singen..“

„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“

„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt – oder vor diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine Witzchen auch lachen kann, singen? – Verlangen Sie das von mir?“

„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“

Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten sich auf die Hände der Präsidentin.

„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich Empfohlenen vorgezogen hätten?“

„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute Menschenkennerin zu sein..“

„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“

„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“

„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“

„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. – Sie waren auf den Wunsch eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem Tode in andere Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er, ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten Sie mir nicht. Das Andere – die harten Enttäuschungen, die Sie in dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“

„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“

„Ich habe es gewußt! – Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen, die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“

Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.

„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“

„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung, anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife auch das voll.“

„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten könnte.“

Frau Melchers lächelte leise.

„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz offen zu mir sein.. und mich weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“

„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“

Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen, daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.

„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie sollen etwas wissen, was Sie – vielleicht längst geahnt haben. – Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte, verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“

„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“

„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht darf neue Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. – Die nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen Sie, wie ich das meine?“

Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau. Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des Glückes.

Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.

„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch jenes Eiltempo? – Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann.. sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“

Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.

„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend. Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht vielleicht der höchste Genuß?“

Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.

„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. – Aber jetzt muß ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“

Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem kleinen neuerbauten Theater entgegen.

„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.

Die Präsidentin schüttelte den Kopf.

„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“

Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?

„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“

Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen, als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des jungen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben, um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. – Sie wartete umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus:

Kam ein armes Kind von fern

Zigeuner brachten es eben

Traurig bleich... seine Glieder beben....

Das riß die Geduld der Gütigen.

„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde, so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der Ausdruck einer großen Hilflosigkeit.

„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß – ich vergaß meine Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“

„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“

Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt. Alle Plätze ohne Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde, vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt, zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er Frauenschönheit über allem Andern.

Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an:

„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“

„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“

„Zu toll geflirtet?“

„Ist das hier überhaupt möglich?“

„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen, der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“

Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark betont.

Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh, endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben:

„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den Wilhelm singen!“

Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit allerliebster Wichtigkeit ein:

„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir uns einen halben Monat lang gefreut haben – der Gast – hat vor einer Stunde einen bösen Unfall gehabt.“

Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen wollen.

„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen.

„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die praktischen Mütter.

„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“

Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten.

„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“

„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so sehr ich auch in ihm drang.“

Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried.

„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“

Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der Wangen.

„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das plötzliche Mißgeschick war so groß – daß... ich oben... nicht.. früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu.

„Schon gut, Eva. – Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den heutigen Abend, nicht wahr?“

„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“

„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette befreit?“

„Noch nicht...“

„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. – Später. – Erst muß ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze zweite Hälfte des Tages..“

„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll.

„Was soll er mir, Kind? – Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. – Sie dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn nach Herzenslust. – Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“

Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der Präsidentin.

Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr.

„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete unter ihnen sein.“

„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“

„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir auf. – Wirklich..“

„Sie sind ein großes Kind..“

„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können, wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“

„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“

„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. – Was mir einen Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“

„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“

„Nein – nein, es ist etwas anderes..“

„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie frei.“

Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort überhoben – das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war. – –

„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“ fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte.

„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen einsamen dunklen Winkel und träume..“

„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? – Das Abendessen werde ich heute auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich wieder ganz frisch.“

Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde?

Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders.

„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen. Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem Gefühl einer Mutter lieb habe?“

Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen.

„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell.

„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr müde..“

Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie, zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als riefe sie eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter, als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen nicht länger zu ertragen vermochte.

„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. – „Wenn sie es mir aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern sie etwas nicht billigt.“

Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen. Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen. Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke, schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen. Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen, der ihr entgegenlief.

„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“

Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin behandelte.

„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr Geheimrat,“ sagte sie frisch.

„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut.

„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“

„Habe ich das etwa behauptet? – Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“

„Sie ist ganz einsam in der Welt.“

„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die Geschichte natürlich verschlimmert.“

„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“

„Sie? – Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. – Also... es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt. – Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen. In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“

Eva von Ostrieds Lippen bebten.

„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert.

„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde sie selbst am meisten betrüben. – Sie kann sich natürlich auch noch längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht gewaltig....“ –

Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer. Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf sie ein.

Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.

Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.

Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste untersagen würde?

In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In diesem Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm stehen zu bleiben.

„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit ihren feinen, klaren Schriftzeichen.

„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“

Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt, ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche, wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte:

Hollah, mein werter Herr

Mögt Ihr uns nicht erst sagen

Wer ist das arme Kind

Des Antlitz scheint zu klagen.

Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf. Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin.

„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“

Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle Erwägungen zu spät geworden. Aus der kleinen Seitentür trat in diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger Erregtheit auf sie zu.

„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen. Es wird erhaben werden.“

Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen, von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler zu werden verspreche.

Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte. Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge, die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum nächsten Morgen.

Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen gesunder, kraftvoller Jugend. Fräulein Messing, die Inhaberin der Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen Verbindungstür hinüber.

„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht wahr Frau Präsident?“

Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch, bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur Antwort:

„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine Anstrengung bedeutet?“

Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte sie dieselbe und sagte triumphierend:

„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in herzlicher Mitfreude.“

Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb.

„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“

Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die Hände zusammen.

„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will ich gern berichten. – Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch. Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile – das „wie“ ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben – einen herrlichen Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im Namen Aller überreicht hat.“

Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:

„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“

Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte – war auch wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen, nicht nur als Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft quälte.

Gewiß – sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte. Immerhin – würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte, daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen, die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen, um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel, um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung, sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.

Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte, erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge Geschöpf!

Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von dem Glanz einer überwältigenden Freude. Fräulein Messings überstürzte Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse, hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von welcher außer ihr bisher – Gottlob – nur der Andere etwas wußte, mit grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin klang ungewohnt hart an ihr Ohr:

„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“

Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und stammelte etwas.

„Es ist mir schwer genug geworden – aber ich konnte.. nicht anders,“ sollte es heißen.

„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“

„Ja – das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich, der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. – Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu nehmen ist.“

Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe.

„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche, längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“

Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei.

„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“

„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon kommen konnte.“

„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten. Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer Verhältnisse.“

„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“

„Nein, das tat ich wirklich nicht. – Ich sagte nur, daß ich bei ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon glaube.“

„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“

„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu übernehmen.“

„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“

„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen, daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich einfach hin und sang ihm die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“

„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“

„Ich weiß es nicht! – Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor – der alte Jarne – die neidische Philine... Mein Widerspruch verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“

„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie mich hintergingen?“

„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten Erfolges hat es mir verbittert..“

„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“

„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich mußte an irgend eine Strafe denken.“

„Die ich über Sie verhängen würde?“

„Nein – an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern davon sprechen.“

„Um mich zu versöhnen, Eva?“

„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“

Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel.

„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“

Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte.

„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie.

Die Präsidentin erschrak.

„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf.

„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte ich ihn. Daß er es tun durfte – hat mir das Glücksgefühl nach dem gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie – nie wieder möglich sein wird. – Ich ertrüge es kein zweites Mal.“

„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen Augenblick glaube.“

„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht schützt?“

„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! – Das sind die Fragen eines Kindes.“

„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern – wenn mir später das gleiche geschehen würde.“

Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht in die weichen Hände der Präsidentin.

2.

„Niemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.

Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles. Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die – obschon nahe dem großen Getriebe Berlins – dennoch aller Unrast fern und fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte nichts mehr von Reue oder Empörung.

Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?

War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?

Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch, neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle Bitterkeit.

War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?

„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“ sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“

„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und weise.“

Ein rascher Blick streifte sie.

War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? – Der junge Mund plauderte sorglos weiter.

„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine Karte zugesandt hat..“

„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen Stimme.

Eva wurde rot.

„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“

„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“

„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte alle anderen Bedenken.

„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“

Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die Schönheit des Lebens für sie fesselte. – Unfreudig wandte sie sich nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.

Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb. Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette liege und hohes Fieber habe. – Das beunruhigte sie auch wegen des Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.

Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter, ihr großes Vermögen neben reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares, ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.

Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.

Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete. Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich. Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein Anliegen genannt hatte.

Das war in kurzen Worten geschehen.

„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.

Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem Liebling unmöglich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte, streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.

„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin, Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also – Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich unerfreulich, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“

„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“

„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“

„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“

„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen Maschine, ist bestens besorgt.“

„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen, weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“

Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich Gutes und Liebenswertes.

„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner Vormundschaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“

„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung zusehen.“

„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“

Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.

„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“

„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und unsicher an.

„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. – Der Vater war augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten – oder das, einer geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“

„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“

„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.

„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt: verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon. Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte. – Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“

„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte es kommen, daß Sie sich nicht – war selbst anfangs keine Gegenliebe vorhanden – von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“

Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.

„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge, zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an, erzogen – er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den Kopf verdreht hat – na, dann macht sich so was von selbst. Mein Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams, daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück, das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen auf guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon verstorben. – Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum Sterben hingelegt hatte. – Ein Jahr später schoß sich der schöne, tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern, wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich, bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere. Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.

„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat. Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht wahr?“

„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“

„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht mehr tauglich. – Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen können.“

Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.

„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber entweder gerührt – oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden Respekt nicht bringen. – Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“

Sie verstand ihn wieder.

„Und nun weiter,“ drängte sie.

„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und – weiß Gott – wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende von Malen abgesagt hatte. – Bis dahin wußte ich nicht viel davon, wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand ich zusammen, als mir mein Freund – Hasso von Ostried – die mir unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut vorstellte. – Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott – zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt. Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte – und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie – nie wieder begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. – Denn er, der von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. – Die Jagd – schöne Gäule – auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß das endlich geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. – Sie – Evas Mutter – wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht, wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik und – ich! Das hat sie mir gestanden – drei Tage vor ihrem Tode, der ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“

„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin, als er einen Augenblick schwieg.

„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“

„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“

„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus – jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren dürfen. Ganz zuletzt – wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel vom Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt, „denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst aber – innerlich – empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er – schon jetzt – und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre nicht so ganz genau nähme. Darum – solange Sie Gewalt über sie haben, erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte, – die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat, zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. – Ich selbst dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen – machte mir Schmerzen. – Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse. Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen? Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch – wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark im Jahr erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. – Ich hab’s gut angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache gekauft habe. – Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles ihrer Tochter erzählen? – Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging – hat sie die Feste, die er – wer weiß – aus welchen Mitteln, schließlich wieder veranstaltete, mitgemacht – sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und mitgelacht..“

„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“

„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und hochbegabt,“ murrte er.

„Vielleicht auch glücklich. – Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben waren?“

„Daran habe ich niemals gedacht.“

„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil Sie sich im Zaum hielten. Eine Frau geht nicht dauernd an tiefstem Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last zusammengebrochen.“

Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer auf den Knien.