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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen
Heft
10 bis 12

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XII

Inhalt: [Erziehung zum heimatlichen Menschen][Der Eliasfriedhof in Dresden][Volkstümliche Kinderpoesie in Oschatz][In der Dorfschenke][Weihnachtsdörfer][In der Landesgemeinde][Die Birkgutlinde][Die Jagd auf den Eisvogel][Eiszeitliche Gletscherschrammen beim Teufelsstein (Pließkowitz, Oberlausitz)][Weihnachten im Landesmuseum für Sächsische Volkskunst][Das frühere Vorkommen von Auer- und Birkwild in Sachsen][Zur Geschichte der Starmeste][Ein Heimatschützer im fernen Osten][Luftbild und Heimatschutz]

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Dresden 1923

Dresden, im März 1924

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Der monatliche Beitrag für 1924 beträgt 1 Mark und kann bei Minderbemittelten und wirtschaftlich Schwachen bis auf 50 Pfennig ermäßigt werden.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

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am 7. und 8. April

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Band XII, Heft 10/12

1923

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 31. Dezember 1923

Erziehung zum heimatlichen Menschen

Von Friedrich Sieber, Löbau

Naer Oostland willen wy ryden,
Naer Oostland willen wy mêe,
Al over die groene Heiden,
Frisch over die Heiden,
Daer isser een betere stêe.

Das war das Wanderlied der unbändigen Bauerngeschlechter, starkknochig und mutgeschwellt, die ihre niederländische Heimat verließen, Saale und Elbe, die alte Slawenlinie überschritten, um sich auf jungfräulichem Kolonialgrunde niederzulassen. Die Ferne lockte: Daer isser een betere stêe! Wie oft hat die gleißende Ferne Ahnengeschlechter betört! Germanen überschritten den Rhein, stürzten wie Alpenströme ins glühende Südland. Staufenkaiser träumten von Weltherrschaft unter den Palmen Siziliens. Ritter pilgerten in langen Zügen zu Weihestätten. Bauerngeschlechter aller Gaue erbrachen die Gründe des Ostens. Dann tauchte das Wunderland auf aus den westlichen Meeren. Sein alles verheißender Blick, Unermeßlichkeit und Reichtum der Gefilde schufen es zu dem Lande, in dem alle Träume ihre Verwirklichung finden konnten. Noch heute gleißt es für viele wie Zaubergold ... Und solange sich Berge wölben, Ebenen im Glanze sich dehnen, Meere und Stürme brausen, wird immer der Drang zur Ferne Menschen von der Scholle reißen, in fremde Räume wehen.

Diese Wander- und Abenteuerlust, die in der Heimat nimmer befriedigt wird, hat ein Gegenbild im Reiche des Geistes. Aber Geist ist leichter als Stoff, breit und leicht fließen seine Ströme von Land zu Land. Wie eine Senke für diese Geistesströme lag unser Vaterland im Erdenrund. Jahrhundertelang strömte aus fast allen Richtungen der Rose fremden Volkes Geist in die Gründe unsers Wesens. Herrisches Rom, farbfrohes und klingendes Italien, griechische Größe, gallische Glätte, englische Gefühlsseligkeit und Sinnenobjektivität, magisches Leuchten des Orients: Ströme, Bäche und glucksendes Rinnsal. Aber unsers Volkes Quellen am Grunde schwiegen nicht, sie schleuderten ihre Kraft. Wir lachen der Forscher, die in der Geschichte deutschen Wesens nur fremde Einflüsse erkennen, keinen Blick haben für die Fülle des Köstlichen, das uns, nur uns eigen ist. Aber diese Überschätzung des Fremdländischen ist von verheerenden Wirkungen gewesen in unserm Erziehungswesen. Der Deutsche des sechzehnten Jahrhunderts wurde auf unsern höheren Schulen zum Ciceronianer erzogen, der des siebzehnten Jahrhunderts zum homme du monde, zum galant homme, der des ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhunderts durch griechisches Menschentum zum Menschen schlechthin. Ein Glück nur, daß in der Auffassung all dieser fremden Werte mehr Eigenes lag als die Urheber vermuteten. Das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert brachten immer neue Wertgruppen, die forderten, Erziehungsziel zu werden, alle möglichen gegeneinander abgetönten Schularten wollten diese mannigfachen Werte in ihre Zöglinge hineinbilden.

Und inmitten dieses Wertechaos, in dem wir noch stehen, Erziehung zum heimatlichen Menschen? Klingt das nicht zu einfach, zu schlicht, andern hochtrabenden Bildungszielen gegenüber? Spukt es nicht noch in unserm Blute: Was nahe ist, »ist nicht weit her?« Sollten klassische Antiquitäten nicht wertvoller sein? Und dann: Wird sich die Geistesbewegung, die sich gegenwärtig der Heimat zuwendet und die durch den verlorenen Krieg lebenskräftig wurde, nicht in kurzer Zeit zu Tode gelaufen haben? Was dann, wenn alle noch erreichbaren Überlieferungen registriert, die gefährdeten Denkmale geschützt und gesichert sind? Weht in den Heimatzeitschriften nicht oft enge, stickige Luft, fast wie in Großmütterchens Stübchen? Glaubt man, durch die frömmelnde Liebe für das Allzukleine und frommes Augenaufschlagen beim Aussprechen des Wortes Heimat einen besonders wertvollen Menschen zu erziehen? Und was wird uns die Heimat sein, wenn wir die Ferne wieder haben?

Wir geben diesen Zweiflern in einem recht: Das Bild der Heimat als Ziel einer bewußten Erziehung harrt noch in wesentlichen Punkten der schöpferischen Ausformung. Es ist offenkundig, daß der Begriff der Heimat in vielen Köpfen und Herzen nur ein unsicher zerfließender Gefühlskomplex ist. Die Gefühle, die den Begriff umwuchern, bergen mehr Altersschwingungen als blutvolle Jugend, grenzen mitunter an Greisensentimentalität oder an gönnerhaftes amerikanisches Heimgedenken. Erziehung zu diesen unbedeutenden Rührseligkeiten ist nicht Erziehung zum heimatlichen Menschen. Wir weisen diese Einstellungen zurück als Rückstände einer satten Vorkriegszeit. Heute umlagern die Wälle gefallener Brüder den heiligen Boden. Ihre großen Gestalten fordern tiefstes Erfassen der dunklen Kräfte, die in brauner Erde drängen.

Die Heimat bringt dem Menschen zwei Urerlebnisse: die Urerlebnisse Landschaft und Mensch. Beide Erlebnisse fordern, wenn sie wirksam sein sollen, als Grundlage ein entwickeltes Ichbewußtsein. Diese innere Voraussetzung ist in ausgeprägter Form erst im jugendlichen Menschen vorhanden. Das Kind lebt vegetativ in ungelöster Einheit mit Dingen und Wesen. Damit ist nicht gesagt, daß Erziehung zum heimatlichen Menschen nicht bereits im Kindesalter einsetzen müßte. Sie kann in außerordentlicher Weise den Seelengrund für spätere Erlebnisse lockern. Wir meinen nur, daß die entscheidenden Erlebnisse Landschaft und Mensch, die ein Leben lang wirksam sein können, erst im Alter des Jugendlichen möglich sind.

Mit der Entwicklung zur Geschlechtsreife löst sich der junge Mensch allmählich aus seinem vegetativen Zustande. Sein Selbstbewußtsein erwacht. Er empfindet Dinge und Menschen bewußt als sich gegenüberstehend. Das Abrücken des Ich vom Ding löst starke innere Erregungen und Spannungen aus. Das Ich wird zum dunklen Born, aus dem Stimmungen und übersteigerte Gefühlszustände hervorbrechen. In dieser Erregtheit entdeckt der Jugendliche die Landschaft. Sie liegt wie eine wuchtige, vorweltliche Bilderschrift vor ihm, zahlreicher Deutungen und Umgestaltungen fähig. Gerade infolge dieser Vieldeutigkeit ist keine andre gehaltschwere Objektivität so geeignet, jugendliches Seelenleben aufzufangen, wie Landschaft. Unter den Kulturgebieten ist nur Musik von ähnlicher Wirkung. Geben wir darum dem Jugendlichen reichste Gelegenheit zum Landschaftserlebnis! Sein innerer Überschwang strömt über die Erdgebilde hin, tönt sie mit seinen Farben, haucht dem Starren Leben ein. Der jugendliche Mensch ist Schöpfer der Landschaft, darum vergewaltigt er sie auch. Sie muß jeder Stimmungsbewegung wie ein Schatten folgen. Aber trotz aller Jugendwillkür ist für Heimaterziehung ein Wesentliches erreicht: die Landschaft ist ein Lebewesen geworden, sie birgt Seele in sich. Nun steigen Berge und Wälder erlebnisbewimpelt auf, nun furchen sich Täler wie Seelengründe.

In der Weiterentwicklung der Seele sinken die übersteigerten Jugendspannungen meist in sich zusammen. Es waren künstlich hochgetriebene Affekte, hervorgerufen durch das erstmalige Erleben der Objektivität. Die Gegenstellung von Subjekt und Objekt wird zur Alltagsgewohnheit. Die subjektivierende, umgestaltende Kraft des Jugendlichen erlahmt. Aber die einmal von ihm beseelte Landschaft wird für ihn unvergänglichen Reiz behalten. Sorgen wir nun dafür, daß der junge Mensch nicht im harten Arbeitsrhythmus zermalmt, nicht in endlosen Straßenzügen vermauert wird, daß er vielmehr in enger Berührung mit der Erde bleibt, dann vermag sich in der Landschaft wundervolles Eigenleben zu entwickeln. Denn Landschaft ist nicht nur Schöpfung des Menschen, sie ist ein Eigenwesen. Drohende und lächelnde Gesichter bedecken die Erde. In steil aufragenden Gebärden und im anmutigen Hügeltanze wogt die Unerschöpfliche dahin. Und immer strahlt uns das Gesicht der Heimat. Aber wie wir in den Zügen eines Bekannten nur dann zu lesen verstehen, wenn wir uns in sein Wesen versenken, so ist es mit dem Bilde der Heimat. Nur im liebenden Verstehen wird sie sich uns offenbaren.

Heimat als kosmisches Gebilde ist allen kosmischen Einflüssen unterworfen. Sie lächelt, lockt und schreckt wie die unfaßbaren Kräfte, die uns umbrausen, wie die Welten, die über uns schwingen. Die Seele, die so wandelbare Gebärden erfassen will, muß spannkräftig sein, und wenn sie es nicht ist, muß sie Spannweite erwerben. Wir berühren hier die schöpferische Linie, an der Landschaft zur tiefen Bildungsmacht wird. Landschaft weckt noch schlummernde Seelenkräfte, lockt sie, Objektives zu umarmen und in der Umarmung zu gestalten. Landschafterfassung bedeutet darum auf subjektiver Seite Wesensausprägung. Nur an der innern Schwungweite des Einzelmenschen findet Landschafterfassung ihre Grenze. So kommt es, daß in Landschaften, die schon oft künstlerisch gestaltet wurden, immer neue Wesenszüge aufbrechen können, wenn sie in der Gegenpolarität ursprünglicher Menschen stehen. So kommt es aber auch, daß innerlich dürftige Menschen Landschaft nicht anders sehen als die Herde eine Weide. So kommt es, daß vor jedem neuen Menschengeschlecht Landschaft und Heimat keusch im Morgenlichte liegen wie am ersten Schöpfungstage. Wir wollen Heimat und uns gewinnen!

Ist aber dadurch, daß Seelenentwicklung an Landschaft gebunden wird, etwas Wesentliches und Notwendiges erreicht? Wir geben dadurch der Seele ihr Blut wieder: die Sinnlichkeit. Betrachten wir uns vorurteilslos den Seeleninhalt, den die sogenannte »Bildung« heute überwiegend übermittelt. Es sind oft leichtfertig nachgesprochene Buchurteile, buchstabenentsprungene Begriffsschatten ohne Erdverankerung. Und ein so von aller Sinnlichkeit losgelöstes Begriffssystem schwebt leicht wie Rauch in den Lüften, trägt nicht das Korrektiv der Anschauung in sich, kann sich darum zu den verschiedensten Gebilden zusammenziehen, und alle meinen, etwas Rechtes zu bedeuten. Mit geschickt zusammengesetzten Begriffen läßt sich alles beweisen und alles leugnen. Auf dieser Scheingrundlage des Begriffs ruht ein wesentlicher Teil des Geisteslebens der Gegenwart. Darum auch das verwirrende Bild, das sich uns darbietet. Erziehung durch Landschaft wird uns aus diesem Schattenreich erlösen. Unsre Sprache wird wieder dem Urborn der Sinnlichkeit entsteigen. Unsre Empfindungen und Vorstellungen werden von starken körperhaften Gefühlen begleitet sein. Denken und Phantasie wölben geformte Gebilde wie Bergketten. Unsre Seelen durchbraust der Atemschlag von Sturm, Regen und Sonne. Wir wachsen wieder aus der Erde. Die Mutter hat uns wieder, wir ruhen ihr im Schoß. Und mit uns wiegen sich Steine, Bäume und Tiere: Geschöpfe wie wir. Erziehung zum heimatlichen Menschen durch Landschaft bedeutet uns Wiedergewinnung der Erde.

Als zweites grundlegendes Erlebnis, das die Heimat übermittelt, nannten wir das Urerlebnis Mensch. Der Mensch stellt sich uns dar in einer geschichtlichen Reihe, die in die Tiefen der Vergangenheit führt, und in einer weitausgebreiteten Fläche, die in der Gegenwart liegt. Wie die räumliche, so öffnet sich auch die zeitliche Ferne erst im Alter des Jugendlichen. Wertvolle vorbereitende Übungen, Vergangenheit zu erschließen, können und müssen bereits im Kindheitsalter vorgenommen werden, aber wir betonen noch einmal, nachhaltende erziehliche Wirkungen sind erst in einem späteren Alter möglich. Die Heimat bildet den Ausgangspunkt für unsre Wandrung in die Vergangenheit. Aber die Altertümer, die in den Häusern verstreut liegen, die Denkmale, die ehrwürdig in Dorf und Stadt, in Wald, Feld und Heide aufragen, die lustigen und weinenden Überlieferungen, die echt und verzerrt in der Volkssprache strömen, sollen uns nicht zum blassen historischen Wissen werden. Unser Streben muß es sein, den Blutschlag zu erfühlen, der in ihnen pulst, die Seele fühlsam wieder zu gewinnen, aus der sie als geformter Inhalt heraustraten. Die Seelenform unsrer Ahnen muß von uns auf Grund der Äußerungen, die sie hinterließen, lebendig nachempfunden werden. Nur eine so eindringende und einfühlende Betrachtung der Denkmale kann in uns das Bewußtsein wecken, historisch verwurzelt zu sein. Unsre Seele erkennt sich als schöpferische Kraft wieder in denen, die vor uns waren. Gerade wir Menschen schnellebiger und hochdifferenzierter Zeiten, in denen die Bande der Familie, der Sippe, der Landsmannschaft, die Bande der primitiven Gemeinschaftsformen, gelockert sind, leben eintägig, historisch unbelastet dahin, weil alle unsre Energien vom gierigen Heute verschlungen werden. Historische Bindung aber stößt nicht nur Perspektiven in die Vergangenheit auf, sondern auch in die Zukunft. Wir fühlen uns eingeordnet in ungeheures und unaufhaltsames Geschehen. Dieses Empfinden gibt allem unsern Tun Weihe und Würde, es steigert unser Verantwortungsgefühl.

Doch wir werden uns nicht in knechtischer Ehrfurcht vor überlieferter Vergangenheit beugen. In uns lodern andre Lebensgluten wie in unsern Ahnen, unbändigere Stoffmassen wollen von uns gestaltend bezwungen werden. Darum wird bewußtes Einordnen in die Ahnenreihe nicht unser Selbst erlöschen, sondern zum höchsten Tun steigern. Erdgebunden durch unsre Erziehung in der Landschaft, blutgebunden in unvergänglicher Ahnenreihe, wenden wir uns zum Heute und zum Morgen. Da stehen die Menschen neben uns nicht mehr als Verkörperungen feindlicher Mächte, die uns durch Neid und Mißgunst schädigen, durch Stumpfheit zerreiben wollen, wehmütig erkennen wir sie als Splitter eines zerschlagenen Gemeinschaftsringes. Erziehung in der Heimat bringt uns das so lebensnotwendige Gemeinschaftserlebnis, das wir alle nur einen kurzen Augusttraum hindurch erleben durften. Der heimatliche Mensch wird, und sei es durch große persönliche Opfer, den Weg zum Herzen seiner Volksgenossen wiederfinden. Dann werden sich Hände spannen von Landschaft zu Landschaft, von Heimat zu Heimat, und die Glutenmassen können sich noch einmal ausformen zum schwingenden Gestirne Volk. Durch Erd- und Blutbindung der Heimat zur tiefen Volksgemeinschaft, das ist uns Erziehung zum heimatlichen Menschen.

Der Mensch, der im braunen Boden wurzelt und bewußt in das Schicksal eines Volkes verflochten ist, vermag ohne Schaden in räumliche und geistige Fernen einzudringen. Er ist der Feind alles ziellosen Flatterns und naschenden Herumschweifens, er ist in sich ruhende Einheit. Er trägt in sich einen Kraftpunkt, um den fremde Massen sich lagern, er wird, wenn er die Geistigkeit dazu besitzt, die höchsten Werte fremder Völker im langsamen Wachstum durchdringen wie ein sich dehnender Baum, Ring an Ring seinem Wesen ansetzend. Dann ist Geistigkeit kein schwerkraftloses Begriffssystem mehr, sondern durchbluteter Wuchs. Verantwortungsbewußt steht der heimatliche Mensch Volk und Erde gegenüber. In Ehrfurcht wird er den Leib des Volkes und der Erde pflegen, ein Hochbild seiner Heimat und seines Volkes liebend gestalten. Die Heimat ist dem heimatlichen Menschen Wurzel- und Wipfelpunkt aller Werte.

Der Eliasfriedhof in Dresden

Wir müssen ihn schützen und schätzen

Von Gertraud Enderlein

Melancholisch heben verwitterte Akazien ihre Äste über die weißen Mauern. Lebensbäume schieben sich, schmale schwarze Schatten, dazwischen. Drinnen trug man sie zu Grabe, die sich in der engen alten Stadt ihres tätigen Lebens gefreut hatten. Draußen lärmen, uneingedenk des großen Vergangenen, die Menschen von heute.

Pestkirchhof war der Eliasfriedhof. Man legte ihn 1690 an, als, nach furchtbaren Seuchejahren, die Totenacker der Stadt nicht mehr ausreichten. Damals war er noch der »weite«: ganz außerhalb der Stadt vor dem Ziegelschlage gelegen. Ein Vierteljahrhundert bettete man die Toten der Armen hinein. Dann fingen auch die Begüterten an, sich Grüfte hier draußen zu bauen. Die Ratsgruft entstand. Viele vornehme Dresdner Geschlechter, Adelshäuser, Bürgerfamilien ließen ihre Angehörigen hier unter prunkvollen Monumenten bestatten. Damals bekam der Eliasfriedhof das künstlerische Gesicht.

Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts klang das Wort des Geistlichen über bekränzten Särgen, klang Grabgesang. Dann war seine letzte dunkle Kammer vergeben, und man bettete die Toten weiter hinaus, in neue Gottesäcker. Die wachsende Stadt aber fraß die Idylle, die um diesen Friedhof war, fraß Wiesen und Äcker. Straßen entstanden mit festen Häuserreihen, häßliche Straßen mit Alltagsgesichtern rund um das grüne Geviert. Damals wurde der Friedhof Historie. Seine Hügel, die niemand mehr pflegte, sanken ein. Seine edlen Rosen verwilderten. Roter Rost, wie edle Bronze zu schauen, legte sich über die barocken Ornamente der eisernen Gruftgitter. Die neue Schönheit, die romantische des Kirchhofs war da.

Vergessen schien er. Aber er hatte doch seine Freunde; eine kleine Gemeinde. Wenn der Flieder sich in lila und weißen Flämmchen über den trauernden Sandsteingenien entzündete und die Rosen dunkel in den Büschen wurden, kamen die Maler. Manchmal gingen auch gelehrte Leute, die sich etwa über die Grabstätte der Gustel von Blasewitz oder des Hofkapellmeisters Naumann unterrichten wollten, durch das blumige Gras. Und alte Frauen saßen dann und wann auf besonnten Steinen, horchten auf das Flöten der Amseln, die im dichten Gezweig der Akazien wie in einem Paradiese lebten, und beschauten die gelben Kresseglocken, die neben geborstenen Sockeln zum Lichte drängten.

Offiziell, leider, wurde der Eliasfriedhof, als man – um den Zugang zur Pestalozzistraße zu öffnen – einen Querweg durch seine Gräberreihen zog. Entschleiert war nun seine Schönheit den Vielzuvielen. Menschen, die innerlich sehr fern von solchen ernsten und tiefen Dingen waren, sahen neugierig durch den Zaun. In Zeiten, da man glaubte, sich an allem Erreichbaren ungestraft bereichern zu können, drangen die Halbwüchsigen, die Kinder in Scharen in den stillen Garten, plünderten den Flieder und die Rosen. Böser Unfug wurde von wilden Jungen auf dieser einst geweihten Erde getrieben.

Die Kirchhofsaufsicht, die allein nicht mehr Herr wurde über die Friedensstörer, hat Schilder anbringen lassen: »Einwohner, schützt eure Anlagen!« Mittlerweile hat aber der geschändete Garten eine Art Selbstschutz begonnen. Eine Hecke, riesengroß, wächst um die Gräber. Brombeerranken wehren mit spitzen Dornen die Eindringlinge, Efeu und hohe Farnkräuter bilden einen Vorhang vor den steinernen Engeln. Über die Wege wuchern Kletten, lange Ruten der Holunderbüsche. Irrgarten ist der Eliasfriedhof, vor allem in seinem östlichen Teil. Er macht es jetzt selbst seinen Freunden schwer, sich mit ihm zu beschäftigen.

***

Wahrheit ist es: wir haben mitten in unsrer Stadt ein Stück Geschichte, Kunstgeschichte, Romantik, wie nirgends sonst in Deutschland. Zwei Jahrhunderte Dresden liegen eingesargt unter dem Efeu. Aller Zünfte Vertreter, Leute aus allen Rats- und Gelehrtenstuben der Stadt wurden hier begraben. Der bekannte Rechtskonsulent, der Sänger, der Soldat, der Kapitän, der viele Meere befuhr und den letzten Hafen dann hier am Ziegelschlage fand. Und jedem widmeten die Hinterbliebenen das ganz persönliche Mal, die Inschrift, die, zart und herzlich, für keinen anderen sonst Beziehung und Geltung hatte. Diese Menschen, denen alle Kunst noch so nahe war, verwendeten gern große Summen darauf, die letzte Stätte ihres Lieben würdig auszugestalten. Bei ersten Meistern bestellten sie das kostbare Bildwerk und baten den berühmten Dichter um ein gutes Wort auf den Sockel. So haben viele Permoserschüler den Kirchhof ausgeschmückt, schuf Kirchner, der Realist, dessen Schlaf ein mächtiger Saturn hier hütet, seine wuchtigen Male für dies Totenland. Jene Menschen alter Tage wußten aber auch, wie schön der blühende schattige Baum den Friedhof macht. Die Akazie pflanzten sie, die im Mai die Gräber mit schwer duftenden Blüten beschneite, die Birke, die im Herbst auf einen gebeugten Engel gelbseidige Blätter niederweht.

Wahrheit ist es zum andern: Dies alles ist in mancherlei Gefahr. Man spricht und sprach so oft schon von Säkularisation, befand es seltsam und rückständig, daß so ein kleiner nutzloser Gottesacker überhaupt noch da wäre, auf kostbarem Grund und Boden inmitten der Stadt. Zu befürchten steht, daß eines Tages der Friedhof mit Beil und Hacke schnell und barsch beseitigt wird. Noch mehr: wird nicht die Natur selbst das besorgen, womit die Menschen bis heute zögerten? Zoll um Zoll versinken die Steine. Von Urnen und Säulen fällt Stück um Stück. Wind und Wetter verwischen die Inschriften. Wird man in Kürze noch lesen können, was Gottfried Körner seinem Freunde Naumann auf den Denkstein dichtete? Da und dort brechen die Dächer der Grüfte ein, nieder auf zerfallende Särge.

Nicht berührt sei hier die Frage nach dem Eigentumsrecht über den Friedhof: wen die Schuld an seinem künftigen Schicksal treffe. Erwogen nur sei, wie er, wie all sein unschätzbarer Wert für die Menschen von heute – verständnisvolle Menschen – gerettet werden kann. Zu fordern wäre einmal, daß der Eliasfriedhof offiziell unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt mit verzeichnet würde. Jedes Führerbuch müßte von ihm wissen und seine Besonderheiten vermerken. Der Strom der Fremden, nach so manchen schönen Zielen gelenkt, müßte auch durch seine Gräberreihen geführt werden; wieviele würden, gefaßt vom melancholischen Reiz dieser Stätte, stärkste Eindrücke mit heimnehmen! Zu fördern wäre, daß ernste Veranstaltungen, häufiger noch als bisher, den alten Friedhof sich zum Rahmen wählten. Man hat, mit viel Glück, Johannisfestfeiern, gelegentliche Abendgottesdienste hier einzubürgern versucht, und neulich hielt, feierlich zwischen den gesunkenen Malen, ein Pfadfinderführer mit seinen Jungen eine Andacht. Vor soviel Reinem, Gutem würde ganz von selbst dann alles laute Wesen, würden die bösen Geister des brutal Zerstörenden weichen. Aufgerufen seien die Lehrer, die jetzt schon manchmal mit ihren Kindern kamen, seien Heimat-, Künstlervereine, sich des alten Friedhofs anzunehmen und wenigstens die Erinnerung an ihn für spätere Zeiten zu retten. Noch gibt es so viele merkwürdige und beziehungsreiche Inschriften berühmter Grabstätten, leicht zu lesen und zu merken, die niemand bisher aufzeichnete, viele Steine und Säulen, idyllisch zwischen den grünen Büschen, die bisher keines Malers Stift und Pinsel, keine photographische Platte festhielt. Vielleicht auch fände sich mancher Kunstfertige und Geschickte, der es vermöchte, Sinkendes neu zu befestigen, verblichenen Glanz behutsam zu erneuern!

Volkstümliche Kinderpoesie in Oschatz

Von Studienrat Emil Zeißig in Oschatz

Die Volkskunde erblickt im Kinderspiel ein Stück Volksleben, in der Kinderpoesie ein Reis der Volkspoesie. Daher ging schon oftmals von den in mehreren deutschen Ländern bestehenden »Vereinen für Volkskunde« die Anregung aus, volkstümliche Kinderreime aller Art ausfindig zu machen, die sich wie Volkslieder von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht forterben. Die Verse stammen, wie Hermann Dunger (Dresden), der Sammler der »Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Vogtlande« meint, »zum Teil aus alter Zeit. Daher sind sie für die Kulturgeschichte von hohem Werte. Sie sind eine Quelle für die Kenntnis des Götterglaubens unsrer heimischen Vorfahren; uralte Gebräuche spiegeln sich darin noch ab, wie in den Wundersagen, den Blumenorakeln, den Ringelreihen, in denen wir Reste altheidnischer Tänze zu Ehren der Götter zu erkennen haben«. In verschiedenen Gegenden Deutschlands hat man die Kinderdichtungen zusammengesucht.

Zweitens schenkt die deutsche Sprachwissenschaft den Kindersprüchen Beachtung. Der Leipziger Sprachforscher Rudolf Hildebrand, der im Volkstümlichen den gesunden Boden auch für alle höhere Bildung fand, erkannte in den Kinderreimen einen köstlichen Schatz unsrer deutschen Volkspoesie. Er hat solche Reime (z. B. in der »Zeitschrift für deutschen Unterricht«) für seine Wissenschaft fruchtbar gemacht und daraus geradezu die Grundlagen echt deutscher Metrik und Rhythmik abgeleitet. Auch andren Vertretern des Deutschen wurde ein unscheinbares Verslein oft der Ausgangspunkt zu einer weit über Jahrhunderte hinreichenden sprachgeschichtlichen Untersuchung.

Endlich interessiert sich die Schule für die Kinderdichtungen. Sie strebt ja dahin, das kindliche Denken und Fühlen, Wollen und Handeln günstig zu beeinflussen. Die Lehrer müssen deshalb die Kinder vielfach beobachten, studieren. Das Innenleben des Menschen äußert sich nicht zum geringsten Teil im Sprechen, dessen Ausbildung und Pflege ja auch im Pflichtenkreise der Schule liegt. Das Kinderstudium[1] führt also unmittelbar zur Erkundigung des Sprachlebens. Wer fleißig auf die Kindersprache achtet, dem fällt unter anderm bald eine Menge altüberkommenes und in allen deutschen Gauen verbreitetes Volksgut in Form von Versen auf. Besonders seit 1910 haben mich (weniger volkskundliche und sprachwissenschaftliche Gründe als) schulische Zwecke veranlaßt, diejenigen Reime zu sammeln, die die Kinder der Oschatzer Seminarschule im Munde führten. Nicht wenige Abcschützen vermochten sechs und mehr solcher Verse vorzutragen. Vor allem bei dem Spiel, dem eigentlichen Lebenselement der Kinder, ergab sich mit der Zeit eine erkleckliche Zahl Reime. Manche Verse habe ich Kindern auf der Straße und Wiese abgelauscht. Nicht jedes Jahr waren dieselben »poetischen Gebilde« zu vernehmen. Auch hier gibts ein Kommen und Gehen.

Diejenigen Verse, die ich Jahr für Jahr seit 1910 in Oschatz vorfand, sollen so, wie ich sie gehört habe, hier geboten werden. Rohes, Anrüchiges bleibt unberücksichtigt. Die mundartlichen Ausdrücke sind meist im Hochdeutsch gegeben. Es mögen sich auch die Oschatzer Kinder und Erwachsenen im Reimschmieden ein wenig versucht haben, denn in manchen Straßen und Stadtteilen waren gewisse Verse nach Wortlaut und Länge verschieden, was die in Klammern eingefügten Worte zum Ausdruck bringen.

Wie schon gesagt, sind viele der ermittelten Kinderreime auch in anderen Gegenden unter der Jugend heimisch, wenn auch in abweichender Ausdrucksweise. Schon die Mundart führt zu sprachlichen Verschiedenheiten.

Nicht jeder Leser wird von der Kinderpoesie nach Inhalt und Form erbaut sein. In vielen Fällen mag der Zwang nach den Regeln: »Reim dich, oder ich freß dich« und »Reimt sichs nicht, so paßt es doch« maßgebend gewesen sein. Die ungereimtesten Dinge müssen sich eben reimen. Jedoch die Schuljugend allerorten findet größtes Wohlgefallen an bloßen Worten und Reimspielereien, am Mischmasch zusammengewürfelter Personen und Dinge, an tollen Gedankenverbindungen und logischen Flohsprüngen, nicht zuletzt am Schelmischen und Derben. Die Verse sind für die Kinderwelt weniger Gedanken- als Ohrenweide, ein unbewußter Genuß an Rhythmus und Reim. Sie enthalten ja auch mitunter wunderliche Wortbildungen, lose aneinandergereihte Laute, die sich überhaupt nicht erklären lassen, die aber für die Knäblein und Mägdlein ein Hauptspaß sind.

Meine Zusammenstellung betrifft 1. Abzählreime, 2. Liedertexte, hauptsächlich für Spiele, und 3. Scherz- (Neck- und Spott-) Verse.

I. Abzählreime, die meistens zur Ermittlung des Haschers dienen.

1.

Jene, diene (titsche) tatschen,

Eine ins Gesichte (oder: auf die Backe) klatschen.

Eine noch dazu, und die kriegst du.

Kürzere Form:

Jene, diene, dinn,

Und du mußt (auch noch: ohne Widerrede) sinn.

2.

Auf einem See, See, See,

Da schwamm ein Reh, Reh, Reh,

Und auch ein Pferd, Pferd, Pferd,

Das schwamm verkehrt, kehrt, kehrt.

Jene, diene (sch)wapp, (sch)wapp, (sch)wapp,

Und du schiebst ab, ab, ab.

Einfache Weise:

Auf einem See, da schwamm ein Reh,

Jene, diene, wapp, und du bist ab.

3.

Eine kleine Kaffeebohne reiste nach Amerika.

Amerika war zugeschlossen,

Schlüssel, der war abgebrochen.

Wie heißt du?

Wen das Wort »du« trifft, der gibt seinen Knaben- oder Mädchennamen an, und der Abzählreim heißt nun beispielsweise weiter:

Wilhelm (oder: Lotte) wollte Locken haben,

Mußt er (oder: sie) erst den Papa fragen,

Papa sagte: »Nein.« Fing er (sie) an zu wein (oder: schrein)

Mama sagte: »Ja.« War die Freude (wieder) da.

4.

Ich und du, Müllers Kuh

Bäckers Esel, der bist du.

5.

Eine kleine Piepmaus ging ums Rathaus,

Wollte sich was kaufen, hatte sich verlaufen.

I, a, u, raus bist du.

Du bist nicht raus, sondern du.

6.

Wir machen nicht (oder: keinen) großen Mist,

Und du bist –.

7.

Auf ein’ Klavier, da steht ein Glas Bier.

Wer das trinkt, der stinkt.

8.

1 2 3 4 5 6 7,

Meine Mutter kochte (oder: schnitt die) Rüben.

Meine Mutter schnitt den Speck,

Kam die Katz (oder: Maus), und fraß ihn weg.

Erste Nebenform:

1 2 3 4 5 6 7,

Eine alte Frau kocht Rüben,

Eine alte Frau schnitt Speck,

Und du bist weg.

Zweite Nebenform:

1 2 3 4 5 6 7,

Geht nur nicht in meine Rüben

Sucht nur nicht die besten (oder: größten) raus

Sonst komm ich mit der Knute (oder: Rute, Stock, Peitsche) raus.

9.

1 2 3 4 5,

Strick mir ein Paar Strümpf,

Nicht zu groß und nicht zu klein,

Sonst mußt du der Haschmann sein.

10.

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13,

Wie hoch steht der Weizen?

So hoch wie ein Bauernhaus.

Zuckermännel, Zuckermännel (oder: Zuckernuttel), du bist raus.

Öfters heißt es von Zeile zwei ab:

Wie hoch steht das Taubenhaus?

Guckt die Mutter Maria raus.

I, a, u, raus bist du.

Andre sagen von Zeile zwei ab:

Wie hoch steht das Bauernhaus?

Da guckten drei schöne Mädchen raus.

Die erste spielt mit Kreide,

Die zweite spielt mit Seide,

Die dritte schließt den Himmel auf,

Da guckt Maria und Joseph raus.

11.

Eine kleine Dickmadam fuhr in einer Eisenbahn.

Eisenbahne krachte, Dickmadame lachte,

Lachte, bis der Schutzmann kam

Und sie mit zur Wache nahm.

Ix ax ennen, du kannst rennen.

12.

1 2 3 4 5 6 7,

In der Straße Nummer sieben

Wackelt das Haus, piept die Maus.

Hüpft der Frosch (oder: Floh) zum Fenster raus.

I, a, u, raus bist du.

Du bist nicht raus, sondern du.

Mitunter wurde von Zeile vier ab vorgebracht:

Hüpft der Frosch zum Fenster raus,

Hüpft er auf den Stein,

Bricht er das Bein.

Hüpft er auf die Brück,

Bricht er das Genick.

Hüpft er auf den Dreck,

Patsch, war er weg.

13.

In der Lonnewitzer Straße kam der Wurstelmann gesaust.

Warum kam er denn gesaust?

Weil er Würste hat gemaust.

Ix ax ennen, und du kannst rennen.

14.

6 mal 6 ist 36.

Ist der Mann auch noch so fleißig,

Ist die Frau sehr liederlich,

Geht die (ganze) Wirtschaft hinter sich.

I, a, u, raus bist du.

Du bist nicht raus, sondern du.

Mitunter wurde den Wörtern »hinter sich« noch angefügt:

Wollt die Mama den Kaffee kochen,

Hat die Frau den Topf zerbrochen.

Wollt der Mann den Zwieback holen,

Hat die Frau das Geld gestohlen.

15.

Schwarz, weiß, rot,

Und du bist tot.

16.

In einer Kanne Wasser,

In einer Kanne Rum,

Und du bist dumm.

17.

1 2 3, Butter auf das Brot,

Salz auf den Speck, und du bist weg.

18.

1 2 3, in der Ziegelei (oder: Ziegeldeckerei)

Wird ein kleines Kind geboren.

Wie soll es heißen?

Frieda Martha Rumpelkasten.

Wer will mir die Windeln waschen?

Ich oder du? Raus bist du.

19.

1 2 3 4 5 6 7,

Wo ist denn mein Schatz geblieben?

Ist nicht hier, ist nicht da,

Ist in weit Amerika.

I, a, u, raus bist du.

20.

1 2 3, Schieferdeckerei.

Schieferdeckerkompagnie, und du bist ein dummes Vieh.

Warum bist du fortgelaufen und schon wieder da?

Darum mußt du Strafe zahlen (oder: haben) 25 Jahr.

Um was woll’n wir wetten? Um drei (oder zwei) goldne Ketten

Um zwei Flaschen Wein. Wer soll der Haschmann sein?

Manchmal lauteten die letzten zwei Zeilen so:

Wir woll’n wetten um drei goldne Ketten,

Um ein Schöppchen Wein, und du mußt es sein.

21.

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10,

Was willst du sehn?

Sand oder Blut? Du bist dem Herrn Jesus gut.

22.

Auf einem (hohen) Berg, da zankten sich zwei Zwerg

Um einen halben Kloß. Da ging der Geier (oder: Teufel) los.

Hopp drüber weg, hopp drüber naus,

Und du bist raus.

Nebenform:

Auf einem Berg, da kampeln sich zwei Zwerg.

Um eine Lerch; das ist ein Gewärg.

I, a, u, raus bist du.

Du bist nicht raus, sondern du.

23.

1 2 3 4 5 6 7,

Wo sind die Franzosen blieben?

Zu Moskau in dem tiefen Schnee,

Da riefen alle: O weh, o weh!

Wer hilft uns aus dem Schnee?

Ix ax ennen, und du kannst rennen.

24.

Mein Vater wollt ein Rad beschlagen.

Wieviel Nägel braucht er dazu?

Rate, rate du, und schließ die Augen zu.

Das Kind, auf das »zu« kommt, nennt eine beliebige Zahl, die abgezählt wird, um den Hascher zu ermitteln.

25.

Ringel, Ringel, Rosen,

Was singen die Franzosen?

Guten Tag, Mama. Guten Tag, Papa.

Hippelda, huppelda, rassassa.

I, a, u, raus bist du.

26.

1 2 Polizei, 3 4 Osterei (Offizier).

5 6 alte Hex, 7 8 gute Nacht.

9 10 Wiedersehn, 11 12 Herr hilf.

13 14 blaue Schürzen, 15 16 weiß ich nicht.

17 18 kann ich nicht, 19 20 hatten die Soldaten einen Tanzig

I, a, u, raus bist du.

Ältere Kinder schoben nach »Tanzig« folgende Zeilen an:

Der Tanz fing an zu brennen,

Die Soldaten mußten rennen

Ohne Strumpf und ohne Schuh

Immer fest nach Frankreich zu.

In Frankreich war ein wildes Schwein,

Das biß dem Hauptmann sehr ins Bein.

Der Hauptmann schrie: O weh, o weh!

Mir tut das linke Bein so weh!

Da kam der dicke Hampelmann

Und klebt das Bein mit Spucke an.

Mehrere Male war zu hören:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20.

Die Franzosen zogen nach Danzig.

Danzig fing an zu brennen;

Da mußten die Franzosen rennen

Ohne Schuh und ohne Strümpf nach ihrer Heimat zu.

Dort war ein Schwein,

Das biß dem Hauptmann in das Bein.

Da schrie der Hauptmann: O weh, o weh!

Mein linkes Bein, das tut so weh!

Da kam der Doktor Hampelmann

Und klebt es ihm mit Spucke an.

27.

1 2 3 4 5 6 7 8,

Ein Jäger ging auf die Jagd.

Wieviel Hasen schießt er tot?

Das Kind, das das Wort »tot« trifft, gibt irgendeine Zahl an, die zur Entdeckung des Haschers abgezählt wird.

28.

In einem Tintenfäßchen,

Da saß ein Herkuleschen.

Wie sah es aus?

Ein Kind nennt eine Farbe, z. B. grün. Das Weiterzählen folgt nach den Lauten grün.

Ab und zu war noch eine andere Form mit folgendem Wortlaut zu hören:

In einem Tintenfaß,

Da saß ein kleiner Nikolas.

Wie sah er aus? Und du mußt raus.

29.

Ein Soldat will Urlaub haben.

Muß er erst den Hauptmann fragen.

Hauptmann sagte: Nein. Eine Flasche Wein.

Eine Flasche Rum, und du bist dumm.

30.

Auf dem Berge Sinai

Wohnt der Schneider Kikriki.