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Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden
Mitteilungen
Heft
5 bis 6
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XIII
Inhalt: [Weinberghäuser in der Lößnitz und den Meißner Bergen] – [Herrensitze der Lößnitz] – [Die Lößnitz und die Dresdner Heide] – [Der Untergang des Weinbaus] – [Die Rotalge Hildenbrandia rivularis (Liebm.) Bréb., ein ausgestorbenes (?) Naturdenkmal Sachsens] – [Vom neuen Weinbau]
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Dresden 1924
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Mit deutschem Gruß
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Band XIII, Heft 5/6
1924
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 1. Juni 1924
Weinberghäuser in der Lößnitz und den Meißner Bergen
Von Reg.-Baurat Dr. Paul Goldhardt
Wenn wir von den Elbhöhen unterhalb Dresdens, etwa vom Standpunkte des Spitzhauses, ins weite lichte Land hinausblicken und, die tektonischen Massen der herüber- und hinübergrüßenden stolzen Ufer abwägend, das Bild des breit und majestätisch dahinziehenden Elbstromes in uns aufnehmen, werden die zu unseren Füßen sich ausbreitenden Niederungen gar bald unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Welch ein unübersehbares Häusermeer! Kauert sich doch von Dresden bis nahe an Meißen, zwischen Gärten und Alleen eingebettet, ein Häuschen neben das andere; kleine Giebelfenster blitzen unter roten und dunkelblauen Dächern auf, in nicht endenwollender Zahl sind menschliche Siedlungen und Arbeitsstätten zwischen Strom und Berg verstreut.
Vor solcher Übervölkerung der heimatlichen Erde erschrickt man, und leise mischt sich die ständig mit uns wandelnde Sorge um das Los unseres gequälten Volkes in die fröhliche Wanderstimmung. Und doch, wer die trauten heimatlichen Täler und Höhen ins Herz geschlossen hat, den werden die üppigen Gärten und die von weiter Sicht so simpel daliegenden und in der Nähe gesehen so kompliziert auf die modernen Bedürfnisse der Menschen eingestellten Siedlungen auch mit Zuversicht erfüllen, denn sie versinnbildlichen ihm mit eindringlicher Macht die unüberwindliche Kraft des Volkes, die auch durch jahrzehntelange Unterdrückung hindurch zum Lichte strebt. Sind doch all diese Gehöfte und Werkstätten innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Erdboden geschossen und haben eine vollkommene Umwertung der Landschaft hervorgerufen.
Der Wanderer, der gegen Anfang oder um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts die Elbhöhen erstieg, konnte noch landschaftliche Bildungen von vollendeter Reinheit und Lieblichkeit bewundern, von denen der heutige Zustand kaum noch einen matten Abglanz widerspiegelt. Wem ständen, wenn er sich jener Zeiten erinnert, nicht Ludwig Richtersche Radierungen vor Augen, auf denen die Poesie der Weinkultur verherrlicht wurde? Sie sind für immer dahin, jene anmutigen Zeiten der Bergeinsamkeit, die Tage farbenreicher ländlicher Feste, der wandernden Gesellen und versonnenen Zecher.
Und nur unsre Phantasie kann uns von der Unberührtheit der damaligen Lößnitzberge eine Vorstellung geben, als dort noch ein weiter großer Garten Gottes war, umzäunt und durchschnitten von tausend Steinmäuerchen und Treppchen, die sich bergab und bergauf zwischen saftigem Weinlaub, knorrigen Nußbäumen und uralten Linden dahinzogen, als dieses ganze sonnige Berg- und Hügelland samt der vorgelagerten breiten Talsohle, über und über in Grün getaucht, noch frei war von städtischen Ansiedlungen, und als dieses ewige Grün nur an ganz wenigen Stellen und wohlberechnet durchsetzt war von den fröhlichen roten Ziegeldächern und weißen Mauerflächen der kleinen Winzerhäuschen und Weingüter. Uns bleibt, wenn wir jene alten schönen Zeiten neuerleben wollen, nichts übrig, als sehenden Auges umherzuschweifen und den alten trauten Zeugen einer verklungenen Kultur nachzuforschen. Mit der Freude des Entdeckers werden wir zwischen Rebstöcken, abgebrochenen Alleen und verfallenen Mäuerchen diese malerischen Häuschen eins nach dem anderen auffinden und mit steigendem Entzücken feststellen, welch große künstlerische Einheit sie umfaßt, wie immer und immer wieder das trauliche Walmdach wiederkehrt, wie hinsichtlich der Stellung des Häuschens zur Straße und zum Weinberg und der künstlerischen Verflechtung von Haus, Garten und Berg überall dieselbe ordnende Hand tätig gewesen zu sein scheint. Stand doch das Winzerhaus wie das vornehme Landhaus immer unten im Tal und überließ das sonnige Berggelände dem Rebstock, der sich bis zum Bergkamm hinaufzog. Dort aber an höchster Stelle entstanden allerliebste Wachthäuschen, denn zur Zeit der reifenden Trauben war dort Aufsicht geboten. Welche anmutige Lösungen fanden unsere Vorfahren hierfür, welche entzückenden Türmchen und Pavillons krönen allerorts die Weinbergsgrundstücke und erzählen von der fröhlichen Schaffenslust der Bewohner und von ihrem feinen und natürlichen Gefühl für bauliche Aufgaben!
Wenden wir uns kurz dem geschichtlichen Ursprung und Werdegang der Weinbergsbauten in der Lößnitz zu, so ist zunächst festzustellen, daß aus der Zeit vor 1550 nichts Bemerkenswertes erhalten ist, und daß die überwiegende Zahl der baulichen Anlagen vom Anfang des achtzehnten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts errichtet wurde. Da aber die Rebenkultur in den Elbbergen viel älteren Ursprungs ist, glaubt man sie doch, auf gewisse Urkunden fußend, bis ins zwölfte Jahrhundert, also in die Zeit der Neubesiedlung des Landes durch die Deutschen, zurückverfolgen zu können, so scheint die Geschichte des sächsischen Weinbaues nun schon dreiviertel Jahrtausend mit der Entwicklung unserer engeren Heimat verknüpft zu sein. Im frühen Mittelalter, als Sorben und Deutsche um den fruchtbaren Boden gerungen haben, wurde der Weinbau von den Klöstern und Kirchenfürsten gefördert, und gewiß war Meißen auch der Ausgangspunkt dieser wichtigen Kulturerscheinung, deuten doch gewisse altüberlieferte Orts- und Gebäudebezeichnungen, so z. B. die der Bischofspresse in Zitzschewig, auf diese Tatsache hin. Jahrhundertelang war die kleine Rebenstadt das Herz des Landes, bis sie infolge von dessen politischer Umbildung das Zepter an Dresden abtreten mußte. Der Weinbau aber hat indessen nicht aufgehört, im Wirtschaftsleben des Landes eine große Rolle zu spielen, und wir können annehmen, daß die Rebenkultur im Verlaufe der Jahrhunderte von ausschlaggebender Bedeutung für die landschaftliche Gestaltung des Elbgebirges und für sein bauliches Bild gewesen ist.
Von Dresden aus übernahmen dann die weltlichen Fürsten die Fürsorge für den Weinbau, höfische und städtische Kultur ist es, die von jetzt ab im Gefolge des Weinbaues in die Berge vordringt. Es sind die reichsten und schönsten Blätter der sächsischen Kulturgeschichte, die sich uns nun eröffnen, die Zeit des farbenprächtigen Barockes, jener wundervollen Stilgebundenheit, die dem gesamten Leben der damaligen Zeit Glanz und Weihe verlieh. August der Starke und seine schönheitstrunkene Zeit! Die Strenge des Hofzeremoniells löste ein um so freieres, ungebundeneres Landleben aus; erschöpft von den gesundheitraubenden Hoffesten und überdrüssig des Staubes der bewegten Stadt, bestiegen die zierlichen Perückendamen und höflichen Kavaliere die breiten Staatskutschen, und hinaus in die weinumrankten Berghäuschen ging die fröhliche Fahrt, anmutigen Schäferspielen und neuen Intrigen entgegen. Und nun beginnt ein herzerquickender Wetteifer der baulustigen Stadtherren, immer schönere Weingüter zu ersinnen, immer lieblichere Gebilde aus Stein und Dachwerk zwischen malerischen Bergtreppen und schnurgeraden Alleen hervorzuzaubern. Freilich die Namen der Künstler sind verschollen. Sei es drum, war doch das ganze schönheitsgierige Jahrhundert kunstbegabt, war doch jeder ein Meister. Waren auch viele der damals entstandenen Weinbergshäuser kleineren Umfanges und von bescheidenem Äußeren, so erscheinen sie uns, die wir der baulichen Verwilderung der letzten Jahrzehnte müde sind und gierig dem Schatz unserer guten alten einheimischen Kunst nachforschen, doch alle wie Zeugen aus einer besseren Zeit, in der anständige künstlerische Durchbildung des Hauses noch eine selbstverständliche Forderung war.
Als Auftakte der Lößnitzbaukunst sind in erster Linie das launige mit reicher den Wein verherrlichender Plastik geschmückte Portal im Garten der Hellerschänke, sodann das an der Baumwiese gelegene Fachwerkhaus ([Abb. 1]) zu nennen. Es soll der Gräfin Cosel als Zuflucht gedient haben und zeigt im Innern noch einige Reste reicherer Raumdurchbildung, worauf ja schon der prächtige Fachwerkserker, der in unserer Gegend selten vorkommt, hindeutet. Zu diesen auf die Lößnitz vorbereitenden Bauwerken gehört aber auch der gut umrissene Gasthof »Pfeifer« in Wahnsdorf und das alte Weingut am Wilden Mann, Döbelner Straße 108 ([Abb. 2]).
Abb. 1 Fachwerkhaus an der Baumwiese
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Inzwischen gelangen wir in die Oberlößnitz und stoßen an der Wettinstraße auf ein rechtes Märchenhaus: das Kiauhaus ([Abb. 3]), versteckt hinter einem dichten Schleier knorriger und hochaufstrebender Zweige und gemütlich umgürtet von einer breit geschwungenen Steinmauer. Sollen wir die Entstehung dieses seltsamen Baumindividuums dem Zufall zuschreiben oder hat feiner Gestaltungssinn diese wundervolle Einheit zwischen Menschenwerk und Naturgebilde geschaffen? Man kann wohl nur letzteres annehmen.
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 2 Weingut in Dresden, Döbelner Straße
Noch schlichter und ländlicher wirkt Haus Breitig in der Kronprinzstraße mit seinem dunklen Fachwerk und hellen Putzfeldern, es steht so fest verankert mit dem Boden und innig angeschmiegt an die Naturumgebung ([Abb. 4]).
Aufnahme von J. Pfeiffer, Oberlößnitz
Abb. 3 Kiauhaus, Oberlößnitz, Wettinstraße
Abb. 4 Haus Breitig, Oberlößnitz, Kronprinzstraße
An der Ecke der Nizza- und Sophienstraße treffen wir auf einen besonders rassigen Bau, ([Abb. 5]), ohne jede schmückende Zierat ist er in strenger Gesetzmäßigkeit aufgebaut, das obere Geschoß ist kräftig zurückgesetzt und mittels breiter Dachschräge mit dem Unterbau verbunden.
Abb. 5 Haus Ecke Nizza- und Sophienstraße, Oberlößnitz
Wem daran gelegen ist, zunächst die architektonisch reicher behandelten Bauten aufzusuchen, dem wird man empfehlen, in allererster Linie das reizende kleine Bennoschlößchen zu besichtigen ([Abb. 6]). Es liegt noch weiter ab vom Bergfuß an der mittleren Bergstraße und ist einer der ältesten Zeugen der hier behandelten Hausgattung. Da die Weinpresse später angebaut wurde, ist es nicht ganz sicher, ob das aus der Zeit um 1600 stammende Häuschen schon von seiner Errichtung an als Weinbergshaus gedient hat, es ist dies aber anzunehmen. Bewundernswert ist der trotz bescheidener Größe mit Renaissanceformen ausdrucksvoll gegliederte Gesamtumriß, nebenbei erwähnt ein Beweis dafür, daß Bauwerke kleineren Umfangs nicht immer auf reichere Formen verzichten müssen. Im Innern freilich erinnert wenig mehr an alte Lebensfreude und Weinlaunigkeit.
Aufnahme von J. Pfeiffer, Oberlößnitz
Abb. 6 Bennoschlößchen, Oberlößnitz
Abb. 7 Haus in der Bennostraße, Oberlößnitz
Das auf [Abb. 7] gezeigte Haus in der Bennostraße zeichnet sich durch gute Stellung in der Straße und durch einen interessanten Dachgiebel aus, wie wenig an Zutaten bedurfte es doch, diesen schlichten Häusern Eigenart und Reiz zu verleihen.
Abb. 8 Haus Sorgenfrei, Oberlößnitz
Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Ein charakteristischer Vertreter der Lößnitzbaukunst aber ist »Sorgenfrei«, an der Schulstraße gelegen, in den Jahren 1786 bis 1789 herrschaftlich und breit angelegt ([Abb. 8]). Das Hauptwohnhaus, von stattlicher Baumallee zugänglich und mit breitem mittleren Dachaufbau im Stil des Empire, Fruchtgehängen, Vasen und Türmchen, alles in allem eine bauliche Erscheinung von soviel Anmut und Fröhlichkeit und soviel bodenständiger Eigenart, daß man sich nur mit wahrer Freude an seinen reizenden Eindruck erinnert. Man lernt aus solchen Werken, daß man Bauten nicht erzeichnen, sondern plastisch erfassen soll, wir sind freilich heute weit entfernt von der Naivität, die hierzu erforderlich ist.
Aufnahme von Architekt Rometsch, Oberlößnitz
Abb. 9 Haus »in der Sonne«, Oberlößnitz, des Architekten Dr. Hammitzsch
An der Bergstraße aber, also am Fuß und Anfang des Berges, finden wir eine ganze Reihe von kleineren Weinbergshäusern im Glanze der warmen Sonne und zwischen schönen alten Laubbäumen eingebettet. Vorüber am breit gelagerten Haus eines Sanitätsrates, mit barockem Dach und schönem Erker, dessen oberer Abschluß nicht mehr ganz »stimmt«, an dem »Haus in der Sonne«, des Architekten Dr. Hammitzsch ([Abb. 9]), mit achteckigem Mittelteil und schlichter Verbretterung – der kräftige gelbe Putz leuchtet warm darunter auf zwischen der steil auf das Haus zulaufenden Baumallee – und dem schlichten und doch so behaglich zwischen hohen Parkbäumen eingebetteten Haus Lorenz ([Abb. 10]), gelangen wir zu dem am Ende der Straße aufragenden Turmhaus oder Meinholdschen Weinberg mit interessantem, beschieferten Eckturm, dessen alter Eingang leider vermauert wurde, und auf dessen Turmspitze als Wetterfahne eine weibliche Figur, eine Traube in der Hand haltend, aufgestellt ist ([Abb. 11]).
Abb. 10 Haus Lorenz, Oberlößnitz, an der Bergstraße
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Dort aber an der Wegwende finden wir die prächtige Hoflößnitz, gruppiert um einen behäbigen Binnenhof und bestehend aus dem Mitte des siebzehnten Jahrhunderts errichteten Wohngebäude mit überaus reich ausgemalten Obergeschoßsälen und den hufeisenförmig gelagerten Wirtschaftsgebäuden, in denen nun eine gemütliche Weinstube eingerichtet ist, die in Sommershitze zum kühlen Trunk und bei Schneetreiben zum behaglichen Verweilen am breiten Kachelofen einlädt. Hier ist noch gut träumen vom ruhigen Glück vergangener Tage und der Beschaulichkeit der Vorfahren; freilich ihre Nöte hatten diese auch, und gar oft wird es ihnen nicht viel besser zumute gewesen sein als uns heute. Die Erinnerung an die Vergangenheit wird besonders lebhaft wachgerufen, kommen einem doch die Festlichkeiten in den Sinn, die hier veranstaltet wurden, wenn der Hof nach den Anstrengungen der Regierungsgeschäfte herauskam und ein fröhliches Treiben in der Hoflößnitz einsetzte ([Abb. 12]).
Abb. 11 Turmhaus, Oberlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Und dann unter Benutzung einer langen, steilen Steintreppe hinauf zur Bergeshöhe, zum »Spitzhaus«, einst von eindrucksvollen Umrißlinien mit kühn geschwungener Dachhaube, jetzt freilich durch wenig glückliche Anbauten aus dem Jahre 1901 um den architektonischen Wert betrogen, aber doch hervorragend auf dem Bergrücken gelegen und weithin ins Tal grüßend. Auch dieses Bauwerk dient heute in seinem vergrößerten Umfang als Gaststätte.
Abb. 12 Hoflößnitz, Oberlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Nicht minder reich an wertvollen Baudenkmälern als die Oberlößnitz ist die Niederlößnitz, den Besucher erwartet hier eine Reihe hervorragender Baujuwele voll intimster Reize. Gleich eingangs liegt das »Grundhof« genannte malerische Grundstück an der Paradiesstraße ([Abb. 13]–[15]), das um 1700 vom Bruder August des Starken für die Gräfin Neidschütz errichtet wurde, eine Bauanlage, die in einfachsten Formen, mit allseitigem Walmdach, warmem gelben Putz und fröhlichem weißen Holzwerk unter malerisch emporrankendem Schlingbewuchs geradezu bestrickend wirkt, freilich auch mit vieler Liebe vom Architekten Rometsch baulich instandgesetzt und ausgebaut wurde. In einem interessanten 1801 entstandenen, wegen seines Dachreiters »Turmhaus« genannten Nebengebäude hat sich der Genannte ein feinsinniges Atelier ganz im Stile des Hauses eingerichtet, im vorderen Teil des Parkes aber ein neues Wohnhaus errichtet, das sich vorbildlich an die Wesensart des alten Landsitzes anlehnt und doch ganz selbständig erfunden ist.
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 13 Grundhof, Niederlößnitz
Wandern wir, der Oberen Bergstraße folgend, flußabwärts weiter, so gelangen wir zum Minkwitzschen Weinberg, ebenfalls mit prächtigem Park hinter hohen Steinmauern, das Wohngebäude freilich durch neuere Umbauten in seiner Wirkung beeinträchtigt. Um so auffälliger tritt das auf dem Bergrücken malerisch liegende Lusthaus in die Erscheinung, turmartig aus zwei übereinanderliegenden Räumen mit steilem Zeltdach und Dachreiterchen aufgebaut, ist es vorbildlich in die Umrißlinie des Berges eingefügt; trotz seiner geringen Größe wirkt es beherrschend. Auch bei diesem kleinen Bauwerk müssen wir die Treffsicherheit bewundern, mit der Bergmasse und Architektur zu einem Ganzen verschmolzen wurden ([Abb. 16]).
Aufnahme von Architekt Rometsch, Grundhof
Abb. 14 »Turmhaus« im Grundhof Niederlößnitz
Im Zuge der Mittleren Bergstraße stoßen wir ferner auf das Weinbergsgrundstück Friedstein, und zwar zunächst auf das infolge neuerer Umbauten etwas verbildete »Altfriedstein« (1740), seine einstigen vorzüglichen Bauformen sind noch deutlich erkennbar ([Abb. 17]). Unbegreiflicher Unverstand hat jedoch das Grundstück durch die Anlage einer neuen Straße entzweigerissen und eine unerfreuliche Eckunterbrechung des Herrenhauses zur Folge gehabt, auch ist durch den Straßenbau eine schöne Futtermauer mit Bogenblenden und Brunnenwerk (1790), die im herrschaftlichen Garten lagen, auf die Straße geraten. Auch Friedstein hatte sein »Lusthaus«, hoch oben auf dem Berg, es wurde 1771 bis 1772 vom Kaufmann Ehrlich erbaut, damals »Denkmal der Wohltätigkeit«, jetzt »Friedsteinburg« auch »Mätressenhügel« genannt. Es ist trotz seiner Schlichtheit von großer architektonischer Schönheit und zeichnet sich durch einen mittleren achteckigen Mansardenbau zwischen einfachen Seitenflügeln sowie durch ringsumlaufende breite balusterbewehrte Terrassen mit hohen Sandsteinsockeln aus. Wie [Abbildung 18] zeigt, ist dieses den Namen einer Burg ganz und gar nicht verdienende Lusthäuschen anmutig und majestätisch auf den Gipfel des Berges gestellt. Es versetzt uns mehr denn alle übrigen Lößnitzbauten mit zwingender Macht in die alten Zeiten, denn es zeigt sich uns noch im unveränderten Zustand, und der leise beginnende Verfall berührt dem Besucher seltsam das Herz: wieviel Menschenglück und -harm mag dieses »Lusthäuschen« und die es umgürtenden Gärtchen und Rosenhecken und die gekrümmten Steinbänke unter den diskreten Laubdächern gesehen und miterlebt haben? Es bestehen Pläne, auch dieses Dornröschen aus langem Schlafe zu erwecken, hoffen wir, daß dabei mit feinsinniger Hand das künstlerische Erbe der Großväter angetreten wird, dann wäre es nur zu begrüßen, wenn neues pulsierendes Leben in die verlassenen Räume einzieht[1].
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 15 Turmhaus im Grundhof, Niederlößnitz
Aufnahme von Architekt Rometsch, Niederlößnitz
Abb. 16 Minkwitzsches Weinberghaus, Niederlößnitz
Zum ehemaligen Weinbergsgrundstück Friedstein gehört aber auch das am Berghang errichtete, jetzt als Pfarrtöchterheim dienende »Neufriedstein« mit vornehmem klassizistischen Säulenvorbau und vorgelagerter Terrasse unter gestutzten Bäumen und anschließendem, von kunstvollen Treppen zugänglichen Ziergarten am Bergabhang.
Abb. 17 Altfriedstein, Niederlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Biegen wir, ins Tal zurückgekehrt, in die Friedrichstraße ein, so treffen wir dort (Haus Nr. 24) auf einen zwar anspruchslosen, aber um so anmutigeren Vertreter der Weinbergshäuser, einen Putzbau mit fein abgewogenen Gliederungen von ausgesprochen bürgerlicher Behäbigkeit mit breit ausladendem, geschwungenen Straßengiebel vor dem schönumrissenen Walmdach ([Abb. 19]).
Abb. 18 Mätressenhügel, Niederlößnitz
nach Zeichnung von Regierungsbaumeister Nicolaus, Dresden
Wir sind nun bereits in den Bereich des ausgedehnten, »Wackerbarths Ruhe« genannten Weinberggrundstücks gelangt, über das im vorliegenden Heft eingehend berichtet wird. Wenngleich die ursprüngliche Bauharmonie infolge früherer Umbauten nicht völlig wiederhergestellt werden konnte, so bewundern wir doch an diesem stattlichsten aller Lößnitzbauten die großzügige Regie, durch die das gesamte Grundstück in eine künstlerische Einheit gebracht wurde, die hervorragende Achsenwirkung zwischen Herrenhaus, Kapelle und terrassenförmigem Ziergarten und die einzigartige Anordnung des Jakobsturmes auf der Höhe, der als plastische Lösung einfach hervorragend ist; sein Schöpfer war Baumeister, Bildner und Maler zugleich.
Aufnahme von Architekt Rometsch, Niederlößnitz
Abb. 19 Haus an der Friedrichstraße mit dem Jakobsturm, Niederlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Abb. 20 Talkenberger Hof, Neu-Coswig
Wenn auch mit dem Wackerbarthschen Grundstücke die Zahl der architektonisch reicheren Weinbergbauten im allgemeinen abschließt, so treffen wir doch stromabwärts wandernd im Tal und an den Höhen eine weitere große Zahl reizvoller Gebäude an, die jedes für sich eigenartig und malerisch in die Landschaft eingebettet sind und doch allenthalben einheitliches Gepräge zeigen. Als besonders malerische Vertreter dieser Hausgattung sei hier nur der Talkenberger Hof in Neu-Coswig ([Abb. 20]) und ein Haus in Oberspaar ([Abb. 22]) angeführt. Friedliche Beschaulichkeit atmet das alte Gemäuer, breite ausdrucksvolle Putz- und Dachflächen, breit gelagerte Fenster- und Türöffnungen, Verzicht auf den Ausbau des Daches, das sind die Hauptrezepte des baulichen Gestaltens. Je mehr wir durch eigene Beobachtung den Gründen der harmonischen Wirkung solcher Gebäude nachspüren, um so eher wird es uns gelingen, die verlorene Bautradition in unserem Volke wiederherzustellen, die innere gefühlsmäßige Erfassung der Bauaufgabe, das war es, was uns in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen war.
Abb. 21 Spaargebirge bei Meißen. Deutsche Bosel (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Abb. 22 Weinbergshaus, Oberspaar (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Und noch ein Blick auf die Weinbergshäuser des Meißner Landes! Wer kennt nicht diese Zeugen liebenswürdiger Heimatkunst, die zu fröhlicher Einkehr einladenden Weinschankgüter auf der Bosel und im Spaargebirge, allen voran die Deutsche und die Römische Bosel, das von Hagensche Weingut und den Meißner Ratsweinberg mit seinen malerisch in die Bergfalten gefügten Bauten? ([Abb. 21.]) Wer erinnert sich nicht gemütlicher Dämmerstunden beim Schieler und weltverlorener Träumereien unter dem Blätterdach alter knorriger Baumgestalten? Weitab von Tanztee und Geschäftsfieber haltet Einkehr an solchen Stätten, und Ihr werdet den Wiederschein der friedlichen Lebenskultur verklungener Tage in Euch erleben und den vielgepriesenen Fortschritt der neuen Zeit nur skeptisch beurteilen. Vom gegenüberliegenden Elbufer grüßen herüber die Burgen Scharfenberg und Siebeneichen, diese stolzen und ehrwürdigen Zeugen nationaler Geschichte und deutscher Baukunst und rufen uns dunkle Sagen und bunte Geschehnisse ins Gedächtnis. Dort fanden in noch schlimmeren Zeiten als den unseren Vertreter des geistigen Deutschlands gastfreundliche Aufnahme. Werden der Heimat die Tage innerer Erneuerung wiederkehren, wird das fratzenhafte Gesicht des heutigen Lebens wieder edleren Zügen weichen?
Abb. 23 Batzdorfer Totenhäuschen bei Meißen (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Wer ließe sich nicht ergreifen von der eindrucksvollen Sprache uralter Kultur, wie sie in [Abb. 23] zu uns redet? Auch dieses »Batzdorfer Lusthaus« verdankt wohl seine Entstehung der Weinkultur, steht es doch dicht an Weinbergsfeldern auf dem linksseitigen Elbufer zwischen Scharfenberg und Siebeneichen, sagenumwoben und geheimnisvoll, »Totenhäuschen« nennt es auch der Volksmund. Nur seines weltversunkenen Eindrucks halber so benannt? Oder weiß das graue Gemäuer von menschlicher Tragik mehr zu raunen als uns überliefert wurde?
Abb. 24 Crassoscher Weinberg, Meißen
(Aus dem Heimatschutzarchiv)
Doch weiter im Zuge der Elbe ins rechtselbige Meißen selbst. Hier steht nahe der alten Steinbrücke von der Niederung gesehen kühn in das Blau des Himmels ragend ein kleines Bauwerk von eindrucksvollem Äußern ([Abb. 24]). Auf glattem, würfelförmigen Geschoßbau ruhen reichgeschwungene Renaissancegiebel derben Profils. Zum ehemaligen Crassoschen Weinberg gehört das Häuschen und wurde um 1600 errichtet, es entbehrt nicht des für Meißen so charakteristischen reichgeschmückten Portals mit den seitlichen Sitzplätzen.
Abb. 25 Rittergut Proschwitz, Weinbergshaus (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Wer je auf schmuckem Elbschiff von Meißen stromabwärts fuhr, wird sich bestimmt des reizenden Lusthauses des Proschwitzer Rittergutes erinnern. Märchenhaft grüßt es vom rechten Bergufer herab, stolz in den Horizont gestellt, traulich mit zeltartiger Mansarde gleich einer Haube bedeckt und behäbig überwölbt von einem mächtigen Blätterdach: eine wahre Lust von einem Haus und dekorativ die Landschaft beherrschend wie selten eins. Unser Bildchen ([Abb. 25]) zeigt uns das Haus allerdings vom Berge aus gesehen und ohne den Weinberg, der sich terrassenförmig zum Elbufer hinabsenkt. Noch ist die Heimat reich an Stimmungswerten, die oft im Schlichten am stärksten auf uns einwirken und einstürmen. Daß von Künstlerhand oft versucht worden ist, im Bilde die eigenartige Stellung des Gebäudchens in der Landschaft zu verwerten, kann nicht wundernehmen, es sei hier nur an die glückliche Radierung des Meißner Malers Barth erinnert.
Abb. 26 Weinbergshaus Seußlitz (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Unsere leider allzu beschränkte Bilderreihe beschließt als letzter Ausklang der Weinbergsherrlichkeit ein Winzerhäuschen, das oberhalb des prächtigen barocken Seußlitzer Schlosses erbaut wurde ([Abb. 26]). Wie bei einem guten Werk der Baukunst schließen sich die immer wiederholten Horizontalen der malerischen Steinmauern mit dem Rhythmus der sie durchkreuzenden vertikalen Weinstöcke und der steileinschneidenden Bergtreppe zu einer wohlabgewogenen Gesamtbildwirkung zusammen, und fast will es uns scheinen, als ob alle diese Mauerschichtungen zu nichts anderm ersonnen wurden, als auf den einen stolzen Trumpf auf Bergeshöhe, das Häuschen mit dem elegant geschwungenen Dach, feinsinnig vorzubereiten, steht es doch wie ein Ausrufezeichen in den Himmel gereckt und als wollte es sagen, freut Euch mit mir, noch ist Lust und Leben, trotz grimmiger Feinde und allen Wehleides, das Euch bedrückt!
Fußnote:
[1] Die inzwischen erfolgte Erneuerung hat leider unseren auf sie gesetzten Hoffnungen nicht entsprochen.
Herrensitze der Lößnitz
Von Oberstaatsarchivar Dr. Hans Beschorner
Manch guter Dresdner, der in seinem Leben oft nach der Lößnitz hinausgekommen ist und auf diesem schönen Fleckchen Erde Bescheid zu wissen glaubt, kennt zwar den Russen, die Meierei, das Bilzsche Lustbad, den Pfeifer, die Friedensburg und die Sektkellerei, aber die Hoflößnitz und Wackerbarths Ruhe sind ihm fremd; allenfalls weiß er von ihnen durch Hörensagen, mehr nicht. Und doch sind beide nicht nur landschaftlich und künstlerisch von großem Reize, sondern auch Marksteine der kulturgeschichtlichen Entwicklung des ganzen Lößnitzgebietes. Erstere liegt in seiner Mitte unterhalb des weithin sichtbaren Spitzhauses, das leider bei dem Umbau im Anfang unseres Jahrhunderts seine bezeichnende Gestalt eingebüßt hat, auf einem Bergabsatze rechter Hand am Eingange zum Lößnitzgrunde, letztere zwischen Kötzschenbroda und Zitzschewig, also ganz im Westen der Lößnitz, überragt von dem sogenannten Jakobstein, 1743 von dem Hofböttchermeister Jakob Krause auf dem Weinberge »der Fliegenwedel« erbaut und 1799 mit Wackerbarths Ruhe vereinigt. Das auf einem Felsenvorsprung äußerst geschickt in die Landschaft hineingestellte und auch in seinen Formen fein empfundene Tempelchen (s. [Abbildung 1]) kann sich mit den anderen berühmten Aussichtspunkten der Nachbarschaft getrost messen, dem Hohen Hause (durch Gerhart Hauptmanns »Jungfern vom Bischofsberg« besonders bekannt), der Wettinshöhe, der Mätressen- oder Friedsteinburg (die ersten Namen noch weniger verdient, als letzteren, da das luftige Häuschen in den Teuerungsjahren 1771/72 von dem biederen Kaufmann Ehrich als »Denkmal der Wohltätigkeit« erbaut wurde), der Friedensburg oberhalb der alten »Lezenitzberge«, die ihren Namen allmählich der ganzen Gegend liehen, der Sängerhöhe, der Sennhütte, dem Paradies, dem Pfeifer, dem Spitzhaus und der Wilhelmshöhe. Wohl von keinem hat man einen umfassenderen Blick auf die Elbniederung und die Hänge des Erzgebirges von der Sächsischen Schweiz bis nach Meißen und darüber hinaus. Großartig! Entzückend aber der Blick auf die Lößnitzortschaften, die, nach Osten hin von dem türmereichen Dresden begrenzt, eine einzige Gartenstadt bilden. Eine Perle darin Wackerbarths Ruhe, das sich von dem Jakobsturm aus dem Beschauer so darbietet, wie die [Abbildung 2] zeigt. Nach der Dresden–Meißner Straße zu dehnen sich herrliche Parkanlagen: in der Mitte große, ruhige Rasenflächen, rechts und links davon schattige alte Baumbestände und zwei prächtige Alleen (s. [Abbildungen 9] und [10]). Hinter dem Herrenhause aber steigt, in mehrere Terrassen gegliedert, ein mit zugespitzten Buchsbäumen, Rosenhecken und Putten geschmückter Garten in französischem Geschmack empor. Er wird von zwei je vierzig Meter langen und zehn Meter breiten Wirtschaftsgebäuden eingefaßt. Das rechte enthält die Weinpresse und den schönen, tiefen Keller. Das linke diente einst als Küchengebäude. Dahinter, nach Zitzschewig zu, liegt, lauschig in Obstanlagen gebettet, das sogenannte Traiteurgebäude, das im vorigen Jahrhunderte lange Zeit ein beliebter Ausflugspunkt der Dresdner war. Die Krönung der französischen Gartenanlage bildet das Belvedere, wegen seiner Gestalt im Volk allgemein als »Kapelle« bekannt, in Wahrheit aber als Stätte ländlichen Genießens und ausruhenden Schauens gedacht (s. die [Abbildung 3]). Der heitere Bau, dem nur die allerdings von Anbeginn vorhandene Blechuhr nicht recht steht, leitet zu den ausgedehnten Weinbergterrassen über, die heute wieder mit dreißigtausend Stöcken bestanden sind und manchen edlen Tropfen liefern (s. [Abbildung 4]).
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Abb. 1 Der Jakobsturm
Lange war das Grundstück bös verwildert. Auch hatten ihm ungeschickte Umbauten schwer geschadet und seinen Charakter verwischt. Glücklicherweise setzte sein jetziger Besitzer seinen Ehrgeiz hinein, dem Ganzen einigermaßen wieder sein ursprüngliches Aussehen zu geben (s. [Abbildung 5] und [6]) und die Innenräume vornehm auszugestalten (s. [Abbildung 7] und [8]). Denken wir uns den auf vier Säulen ruhenden Balkonvorbau über dem Haupteingange, die beiden kleinen Eckanbauten und die Mansarde mit dreieckigem Giebel weg, so haben wir das Haus ungefähr so wieder vor uns, wie es der Generalfeldmarschall Reichsgraf August Christoph von Wackerbarth 1727 bis 1729 schuf. Dieser hervorragende Mann, der August dem Starken über dreißig Jahre lang als Hofmann, Verwaltungsbeamter, Staatsmann und Soldat ausgezeichnete Dienste leistete, war auch Baumeister von Beruf. Seit 1748 betraute ihn deshalb auch sein königlicher Herr und Gönner mit dem wichtigen Amt eines Generalintendanten der Zivil- und Militärgebäude. Dadurch aber gewinnt die Vermutung an Wahrscheinlichkeit, daß er selbst die Pläne zu seinem Alterssitze entwarf, in Gemeinschaft mit seinem Lieblingsarchitekten Johann Christoph Knöfel (1686 bis 1752, seit 1730 Oberlandbaumeister), dem er auch die Ausführung anvertraut haben mag. Beide zusammen schufen etwas Ganzes, in seiner Art Einzigartiges. Was der alte Wackerbarth damit bezweckte, hat er selbst in der Inschrift zusammengefaßt, die er 1729 an der Aufmauerung unter dem Belvedere anbringen ließ:
»Der Weinberg, den Du siehst, heißt Wackerbarthens Ruh.
Kein Fluch drückt diesen Ort, tritt leiser nur herzu.
Hier wiedmet er sich selbst, den Rest von seinen Jahren,
Entbürdet von den Hof-, Welt-, Staats- und Kriegs-Gefahren.
Hier ist es, wo von Neid und Anlauff er befreyt,
Zwar seinen Tod nicht sucht, jedoch ihn auch nicht scheut.«
Abb. 2 Wackerbarths Ruhe Blick auf das Herrenhaus vom Jakobstein
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Wackerbarthens Ruh! Ausruhen wollte hier der viel geplagte Hof-, Welt-, Staats- und Kriegsmann, dem Neide und der Mißgunst, die ihn so viel verfolgt hatten, aus dem Wege gehen. Daß »kein Fluch den Ort drückt«, bezieht sich offenbar auf das Gerede, das die Entstehung von Wackerbarths Ruhe mit der Ermordung des Dresdner Pastors Hahn durch den Trabanten Franz Laubler 1726 und der Hinrichtung des in die Sache mit verwickelten Kanoniers Gottfried Mittag in Verbindung brachte.
Abb. 3 Wackerbarths Ruhe Das Belvedere
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Abb. 4 Weinberge von Wackerbarths Ruhe
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Die Inschrift ist heute nicht mehr da. An ihrer Stelle stehen die Worte: »Menschengeschlechter, die ziehen vorüber wie die Schatten vor der Sonne.« Sie stammen von dem Großgroßneffen des Generalfeldmarschalls: August Ludwig von Wackerbarth, der das Grundstück 1809 von dem Bankherrn Christian Friedrich Freiherrn von Gregory kaufte. 1733, nach dem Tode des Generalfeldmarschalls, hatte es zunächst sein Adoptivsohn Graf Joseph Anton Gabaleon von Wackerbarth-Salmour besessen, der bekannte Mithelfer des Prinzen Friedrich Christian bei Beseitigung der Brühlschen Mißwirtschaft. Nach dessen Tode, 1761, aber hatte es oft seine Besitzer gewechselt. 1764 bis 1776 gehörte es der gräflich Rexschen Familie, 1776 bis 1789 der Gräfin Hohenthal, geborene von Rex, 1789 bis 1798 einem Kaufmann Hetzer aus Leipzig, von dem es an den genannten Freiherrn von Gregory überging. Der »Rauhgraf«, wie sich August Ludwig von Wackerbarth gern, aber ohne jede Berechtigung nannte, und damit sein Sonderlingswesen traf, übernahm den alten Wackerbarthschen Familienbesitz dem Rate folgend, den ihm seine Großmutter auf dem Sterbebette gegeben hatte. Er verband große Hoffnungen damit. Hier dachte er sein Leben zu genießen inmitten seiner auf weiten Reisen gesammelten Kunstschätze (namentlich Bilder), in eifriger schriftstellerischer Tätigkeit und in anregendem Verkehre mit geistig hochstehenden Menschen. Er brachte aber sich selbst um den ruhigen Genuß durch sein verschrobenes Wesen und seine Zügellosigkeit. Trotz seines großen Reichtums von Haus aus immer in Geldnöten, die namentlich durch die wahnwitzige Verfolgung einer in die Hunderte von Millionen gehenden Schuldforderung an die Rechtsnachfolger der Herzöge von Lauenburg hervorgerufen waren und 1811 sogar zum offenen Konkurs führten, mußte er seine geliebte Wackerbarths Ruhe zeitweise verkaufen oder vermieten. 1816 bis 1823 war sie infolgedessen Knabenerziehungsanstalt unter dem bekannten Jugendschriftsteller Carl Lang und seinem Schwiegersohn Dr. Carl Vogel (dem Vater des Afrikaforschers Eduard Vogel und der Schriftstellerin Elise Polko) und von 1835 ab Privat-Irrenanstalt, erst unter Dr. Bräunlich, dann unter Dr. Matthiae, der die Anstalt 1864 nach dem Lindenhof in Neu-Coswig verlegte (seit 1888 in Dr. Piersons Händen). Durch seine kostspieligen Liebhabereien, seinen Leichtsinn in Geldsachen, seine blinde Vertrauensseligkeit an den Bettelstab gebracht, starb dieser Sonderling mit dem goldenen Herzen, aber eisernen Starrsinn 1850 in der Nähe von Wackerbarths Ruhe.
Abb. 5 Wackerbarths Ruhe Blick auf das Herrenhaus vom Park aus
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Nun folgten wieder bis zum Jahre 1916, wo die ganze ausgedehnte Besitzung mit dem Haupthause, dem Belvedere, den zwei Wirtschaftsgebäuden, dem Traiteur, dem Böhmeschen Winzerhause und dem Jakobstein durch den heutigen kunstsinnigen Eigentümer zusammengekauft wurde, fortwährende Besitzwechsel. Sie trugen die Schuld daran, daß das Grundstück noch mehr herunterkam, als dies schon unter dem bedauernswerten Rauhgrafen der Fall gewesen war. Von der einstigen ländlichen Pracht, wie sie der Generalfeldmarschall, auch im Innern des Hauses, geschaffen hatte, war nicht mehr viel zu spüren. Zur Zeit ihres Schöpfers war Wackerbarths Ruhe zweifellos der schönste Familiensitz in der Lößnitz. In ihr spiegelte sich klar die Zeit August des Starken wieder mit ihrer Genußfreudigkeit und ihrem künstlerischen Geschmack.
Abb. 6 Wackerbarths Ruhe Blick auf das Herrenhaus vom Belvedere aus
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 7 Der Gartensaal in Wackerbarths Ruhe
Wieviel einfacher dagegen, deshalb aber in ihrer Eigenart nicht minder anziehend wirkt die Hoflößnitz, die sich Johann Georg I. 1650 von seinem Landbaumeister Ezechiel Eckhart bauen ließ. Mitten in die sonnigen Weinberge ist das einfache Fachwerkhaus mit hohem Walmdach gesetzt, das 1913 auf Veranlassung des leider nur kurze Zeit bestehenden Hoflößnitzvereins stilgerecht wiederhergestellt wurde und dabei auch zum größten Leidwesen mancher Lößnitzer und Lößnitzfreunde das erst 1899 aufgesetzte stilwidrige Blechtürmchen auf dem Dach und unten herum die störenden Balustraden verlor (vergleiche hierüber Högg in diesen Mitteilungen III, 1913, Seite 64 bis 66). Parkanlagen fehlten. Nur Weinberge und zwei Höfe gehörten dazu, der sogenannte Holzhof an der Grundstraße und oben der Herrenhof, von der Bergverwalterwohnung, dem geräumigen Preßgebäude (mit schönem Keller) und Schuppen nach dem Lößnitzgrunde zu flankiert (s. [Abbildungen 6] und [7]). Auf diesem Hofe, der später mehrfach, wenn auch nicht in der von August dem Starken geplanten großartigen Weise, umgestaltet und 1747 bis 1750 durch die große, von Pöpelmann entworfene dreihundertfünfundzwanzigstufige Treppe mit dem Spitzhause verbunden wurde, fanden die Aufzüge und ländlichen Lustbarkeiten (Ringelrennen mit dem Wassermännchen, Bauer-, Damen-Rennen, Hahneschlagen, Pferderennen nach der Gans, Sack-, Bettelmanns-, Schießkockeltanz und andere Tänze) statt, wenn der Hof, namentlich zur Weinlese, anwesend war und sich von dem fröhlichen Winzervölkchen huldigen ließ, wie dies unter anderem in den Dresdner Geschichtsblättern XIII (1904), Seite 209 bis 226, 239 bis 247, dazu noch XVIII (1909), Seite 30 bis 35, und in der Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung 1905 Nummer 142 und 143, Seite 565 bis 567 und 569 f., nach zeitgenössischen Quellen geschildert ist. Daselbst und in den »Bau- und Kunstdenkmälern des Königreichs Sachsen« XXVI (1904), Seite 136 bis 149, lese man auch die Beschreibung des Inneren nach, wie es sich heute noch dem Auge darbietet und aus alten Sachverzeichnissen vervollständigen läßt.
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 8 Der Speisesaal in Wackerbarths Ruhe
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 9 Teilbild aus dem Park von Wackerbarths Ruhe
Nachdem wir einen flüchtigen Blick in die gewölbten Räume des Erdgeschosses geworfen haben, zur Linken in die sogenannte Tafelstube, zur Rechten in die Marschall- oder Bacchusstube, die für das herrschaftliche Gefolge bestimmt waren, steigen wir in dem helmgekrönten Treppenturme, der, nach der Hofseite zu angebaut, das Haus nur wenig überragt, die einst mit Geweihen reich ausgestattete, ziemlich enge Treppe empor und betreten im ersten Stock durch die niedrige, mit grellen Ornamenten ziemlich auffallend bemalte Türe den Festsaal (siehe [Abbildung 13]). Welche Farbenfreudigkeit lacht uns hier entgegen! Welche Fülle verschiedenartigster Bilder, die in die Decke und in die Wände dicht nebeneinander eingelassen sind, stürmt von allen Seiten auf uns ein! In erster Linie wird unsere Aufmerksamkeit gefesselt durch die Decke, die durch buntbemalte Balken und Leisten in achtzig quadratmetergroße Felder geteilt ist. Jedes Feld zeigt eine prächtig in Öl gemalte Vogeldarstellung, lauter brasilianische Arten. Wie mögen Johann Georg II. und seine Zeitgenossen über diese bis dahin in Europa ganz unbekannten Vertreter der südamerikanischen Vogelwelt gestaunt haben! Nicht anders als wir werden sie sich weidlich über alle die schwierigen Namen, die auszusprechen meist eine besondere Zungenfertigkeit erfordert, belustigt haben, über den Guirapotiapirangaiuparaba, den Guiraacangatara und wie sie sonst alle heißen. Ein holländischer Maler, Albert Eyckhaut aus Amersfoort, der an der niederländischen Forschungsreise des Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen 1636 bis 1644 nach Brasilien im Auftrage der Westindischen Kompagnie teilnahm und 1653 bis 1655 in Dresden als Hofmaler wirkte, schuf die Bilder nach seinen aus der Neuen Welt mitgebrachten Skizzen. Von einem der anderen damaligen Hofmaler, etwa Centurio Wiebel oder Christian Schiebling, mag der bildnerische Schmuck der Wände stammen, der nicht auf der künstlerischen Höhe der Eyckhautschen Vogelbilder steht, aber doch auch seinem Zwecke vollauf genügt: erheiternd und unterhaltend zu wirken. In den heute leeren Rahmen über dem etwa in Schulterhöhe ringsum laufenden Simse waren fünfzig Fürstenbildnisse eingelassen, die der Hof 1889 bei der Veräußerung des Grundstücks in eines seiner Schlösser bringen ließ. Unter dem Simse aber sind die wichtigsten Herrschertugenden durch Frauengestalten versinnbildlicht: die Güte, die Wachsamkeit, die Tapferkeit usw. Die übrigen kleineren Bilder, die sich in buntem Gemisch über die Wände verteilen, predigen in teils ernster, meistenteils aber drolliger Weise Lebensart und Lebensklugheit. Christus auf Golgatha ist als »Ziel des Lebens« (Scopus vitae meae Christus) bezeichnet. Eine Landschaft mit Weinberg und Kornfeld erinnert daran, daß »die Obrigkeit so nötig ist als Wein und Brot«. Ein Mann, der ein Pferd am Schwanze zieht und dafür mit einem tüchtigen Huftritte bedacht wird, erhält die gute Lehre »Gehe ja vorsichtig und behutsam mit denen umb, so große Macht und gewaldt haben«, während ein weinbekränzter Bacchus auf einer Tonne, der einem auf ihn zuspringendem Flügelpferde zutrinkt, sagen will »Der Wein zwinget manchem oft mehr Stärke und Weisheit ein, als er kann und vermag« (siehe die beiden letztgenannten Bilder auf [Abbildung 13] über und unter dem Fenster. Die auf dem Simse stehenden eingerahmten Blätter aus dem Werke über den Wettinfestzug von 1889 denke man sich weg. Sie stören den Gesamteindruck).
Aufnahme aus dem Heimatschutzarchiv
Abb. 10 Die Lindenallee in Wackerbarths Ruhe
Diese wenigen Proben mögen genügen. Man gehe selbst hin, schaue, lese und freue sich! Die Gemeinde Oberlößnitz, die das Schlößchen von dem erwähnten Hoflößnitzverein übernahm, gestattet gern die Besichtigung. Hat man sich aber an der seltsamen Pracht des Saales, dessen Fenster einst wie alle andern dieses ersten Stocks, mit grünen Vorhängen versehen waren, über dessen steinernem Estrich weiche Teppiche lagen und dessen übrige Einrichtung aus zwei langen, grün überzognen Tafeln, vierunddreißig Lehnstühlen, einer Standuhr und kleinerem Hausrate bestand, satt gesehn, so versäume man nicht, auch die vier Nebenräume, deren Ausstattung zu der des Hauptraums stimmte, zu besichtigen. Durch die erste Türe rechts gelangen wir in einen kleinen, von zwei Seiten durch Fenster erhellten Raum, der einst dem Kurfürsten als Schlafzimmer diente. Auch hier überall unmittelbar in die Decken und Wände eingelassene Bilder, durch buntbemalte Leisten, Simse, Pilaster und dergleichen mehr miteinander verbunden als voneinander getrennt. Die in des Kurfürsten Schlafzimmer stellen allerhand Seegetier und Seeungeheuer dar oder Meerjungfrauen, die mit solchen Ungetümen im Kampfe liegen. Leider sind sie nicht mehr vollzählig; es fehlen z. B. alle bildlichen Darstellungen oberhalb des Simses. Ähnlich liegen die Verhältnisse in dem anstoßenden Wohnzimmer des Kurfürsten. Diana und ihre neun Jagdgefährtinnen unterhalb des Simses sind noch erhalten. Dagegen sind die Schildereien über dem Simse samt und sonders verschwunden. Wir wissen nur aus alten Sachverzeichnissen noch, was sie darstellten: Landschaften, Schlachten, Fruchtstücke, Tiere, die Festung Königstein. Besonders beachtenswert ist auch in diesem Raume die Decke. Sie zeigt außergewöhnliche Jagdbeuten Johann Georgs I. aus den Jahren 1625 bis 1652, meist mit genauer Angabe von Größe, Gewicht, Tag und Ort der Erlegung (vgl. das Nähere in den »Bau- und Kunstdenkmälern« a. a. O.).
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 11 Die Hoflößnitz vom Weinberg aus gesehen
Abb. 12 Die Hoflößnitz
nach dem Titelbilde zu J. P. Knohllen Kleinem Vinicultur-Büchlein 1667
Diese beiden Zimmer des Kurfürsten, die heute weiter keinen gerade behaglichen Eindruck machen, waren einst sehr wohnlich eingerichtet. Weiche, blaugelbe Teppiche bedeckten den Boden. Für Tische mit kostbaren Tischdecken und lederbeschlagene Stühle war reichlich gesorgt. Schöne silberne Leuchter standen auf den Tischen und hingen an den Wänden. Auch waren zwischen den Gemälden zierliche Rehköpfchen in Menge befestigt. Namentlich konnte man sich in dem Schlafzimmer wohl fühlen. Schwere, grüne, geblümte Damastvorhänge mit Spitzen und silbernen Fransen wehrten dem eindringenden Tageslichte. Das mit weichen Polstern, Kissen und Decken verschwenderisch ausgestattete Bett stand unter einem ebenfalls aus grünem Damast hergestellten Betthimmel. Alles, was der Kurfürst zu seiner Bequemlichkeit brauchte, war da: ein Waschtisch mit dem nötigen Geschirr, ein Schreibtischchen mit eigenartigem Schreibzeug und Abreißkalender, ein Fernrohr, damit er gleich früh beim Aufstehen die herrliche Aussicht aus seinen Fenstern genießen konnte, usw. Ja, selbst ein gründamastener Schlafrock mit silbernen Besätzen und Knöpfen nebst dazu passender Nachtmütze fehlten nicht! Zum Überflusse stand noch in dem Raume, gewissermaßen unter persönlicher Aufsicht des Kurfürsten, ein Glasschrank mit allerhand Kunstwerken, die heute zum Teil im Grünen Gewölbe aufbewahrt werden: aus Holz, Elfenbein und Edelmetallen gebildete Winzer und Winzerinnen, ein silbernes Fäßlein mit dem Bacchus darauf, Schalen, Gläser und Krüge der verschiedensten Arten.
Die entsprechenden Zimmer auf der andern Seite des Saals waren für die Kurfürstin bestimmt. Die Decken dieser beiden Gemächer sind einheitlich mit pausbäckigen und rundgliederigen Genien bemalt, die Blumen in ihren dicken Händchen halten. Auch die Wände der Schlafstube sind unten herum mit sechzehn Amoretten und allerhand Obst- und Blumenornamenten geziert, während oben herum zwölf Amazonenbrustbilder laufen. Der Wandschmuck des Wohnzimmers spielt, teilweise wenigstens, auf den Namen der ersten Kurfürstinnen an, die hier wohnten oder wohnen sollten. Da nämlich sowohl Johann Georgs I. beide Gattinnen, als auch Johann Georgs II. Gemahlin Sibylla hießen, wählte der Künstler für die Felder über dem Simse die zwölf römischen Sibyllen, während er unten herum neun Künste und Wissenschaften (Arithmetik, Musik usw.) in Putten verkörperte. – Auch diese Zimmer waren natürlich mit Fenstervorhängen, Teppichen und verschiedenartigem Hausrat ausgestattet, wenn auch viel einfacher, als die des Kurfürsten. Hervorgehoben seien ein auf Leinwand gemaltes »Fastnachtsspiel« und ein ebenfalls gemaltes »Königsspiel« (Schachbrett).
Abb. 13 Die Hoflößnitz Eingang zum Festsaal
Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Der beiden prächtigen, vasengekrönten Majolikaöfen in den beiden Wohnzimmern sei noch besonders gedacht. Der weiß-grüne im Zimmer der Kurfürstin zeigt als Verzierung der (weißen) Kacheln Blumen und Fruchtgehänge, der blau-weiße des Kurfürsten (s. [Abbildung 14]) Feuersalamander und Ignis (Feuer) in höchst eigenartiger Darstellung.
Abb. 14 Die Hoflößnitz Ofen im Wohnzimmer des Kurfürsten
Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Müde vom vielen Schauen gönnen wir uns eine kurze Rast unter den alten Kastanien der geräumigen Aussichtsterrasse, die zwischen dem Hoflößnitzer Herrenhause und dem gemütlichen Weinschanke liegt, der sich in einem der alten Hofgebäude eingenistet hat. Zu einem Fläschchen Wein oder wenigstens Schoppen wäre schon der Durst vorhanden. Ob aber auch die nötigen Billionen, ohne die heutzutage niemand an so etwas denken darf? Mag die durstige Kehle dursten! Dafür trinkt das durstige Auge die Schönheit, die der Blick auf die liebliche Lößnitz zu unsern Füßen bietet, in vollen Zügen. Ein andrer Blick wieder, als vom Jakobstein über Wackerbarths Ruhe, die aus der Ferne noch einmal zu uns freundlich herübergrüßt, aber auch bezaubernd schön in seiner Art. Der um die Vervollkommnung des Lößnitzer Weinbaus hochverdiente Johann Paul Knoll, der »erste Winzer der Lößnitz«, dessen Bild in der Schankstube nebenan von der Wand herablächelt, durfte schon mit Recht singen:
»Hier steht das Helden-Hauß, das um und um mit Reben
Sehr lieblich ist umschrenckt. Die überschöne Flur,
Die selbsten angelegt die gütige Natur,
Kann keinem Lande nicht im wenigsten nachgeben.
Churfürst Johann Georg der Erste ließ es heben;
Der andre Churfürst drauff, des Reiches Cynosur,
Macht es zur Hofe-Stadt, damit auch hier die Spur
Zu sehen möchte seyn, wie Er vergnügt kann leben.
Ein Landes-Vater muß nicht stets in Sorgen stehn;
Drum hat er es zur Lust gantz fürstlich ausgezieret;
Die schönste Schilderey hat Er da auffgeführet,
Daß mit den Frembden es mög in die Wette gehn.
Viel schöner noch als schön ist es vor Menschen Sinnen,
Ist aber hier sein Wirth, so ist nichts Schöners drinnen.«
Die Lößnitz und die Dresdner Heide
Von Oskar Merker, Dresden
Wir sind gewöhnt, die Lößnitz stolz das Sächsische Nizza zu nennen – wir können es mit berechtigtem Stolze! Herrliche Bilder des sonnigen Südens werden durch dieses eine Wort lebendig; wir sehen den Blütenreichtum dieses gesegneten Gebietes, seine schier unerschöpfliche Fruchtbarkeit, seine Weinberge, seine Obstgärten, die jedem, der sie einmal in vollem Blütenschmucke gesehen hat, unvergeßlich sein werden. Über diesem glanzvollen Bilde haben wir aber ganz verlernt, gleichzeitig der bescheideneren Bilder der Dresdner Heide zu gedenken. Und doch ist die stolze Lößnitz sehr wohl von der Heide abhängig gewesen – bis in die Gegenwart herein! Daß das vergessen werden konnte, hat seinen Grund wohl vor allem darin, daß die jetzt üblichen »Heidekarten« nur um ein weniges westwärts über die Prießnitz herübergreifen. Die »Grundkarte von Deutschland« dagegen gibt auf Blatt 417, 443 die tatsächlichen Verhältnisse: bis weit nach Westen ist hier das Gebiet der Dresdner Heide zu erkennen, die »Junge Heide« ist mit umfaßt! Ein im Dresdner Hauptstaatsarchiv aufbewahrtes Forstzeichenbuch vom Jahre 1571 umgrenzt durch Nennung der Orte, »so umb die Heyde gelegen,« deren Gebiet: »Nawendorff, Bieschen, Dracha, Rödebeul, Serckewitz, Ketzschenbroda, Wansdorff, Reichenberg, Bocksdorff, Wilschdorff, Renes (Rähnitz), Klotzschen, Lausnitz, Langenbrück« usw. Mathias Oeder hat, etwa im Jahre 1600, ein entsprechendes Kartenbild gezeichnet.
Eine Wechselwirkung zwischen der Lößnitz und der Dresdner Heide ist also wohl ohne weiteres anzunehmen. Einige Streiflichter hierzu!
Bekannt ist, daß die Dresdner Heide eins der Jagdgebiete der sächsischen Fürsten von jeher gewesen ist. Die Wettiner waren bemüht, dieses Gebiet immer mehr abzurunden, seinen Wildbestand auf unvergleichlicher Höhe zu halten. Verzeichnisse der Jagdergebnisse geben überraschende Einblicke, ebenso Berichte, wie der von 1687, in dem wir lesen, daß »bey der Hirschfeist 609 Mann … aus 17 Ämbtern … aufgewarttet« haben, die 19 Mann des Amtes Moritzburg z. B. »vom 13. Julii bis mit den 1. Sept. zusammen 51 Tage …« Die Dörfer, die der Wildbahn angrenzten, waren nicht zu beneiden! Immer und immer wieder klagen sie über entstandenen Wildschaden und bitten um Entschädigung. Oft erreichen sie erst nach langer Zeit, oft nicht einmal ganz ihr Ziel!
Das sind Dinge, die genug bekannt, die aber oft geflissentlich einseitig scharf beleuchtet worden sind! Haben die Bauern der Lößnitzdörfer nicht auch um anderes gebeten, als um Ersatz für erlittenen Wildschaden? Haben sie nicht oft auch Gesuche eingereicht, sich aus der Heide Holz für ihren Hausbau, für Planken um ihre Weinberge, Holz für Weinpfähle holen zu dürfen? Haben sie dies nicht ebenso erhalten, wie die Erlaubnis zum Streurechen, zur Hutung in der Heide? Aber gleich bringt man den Hinweis auf die bäuerlichen Gegenleistungen, die bestanden haben in »Sensen- und Sicheltagen zum Vorwerk Ostra und in Jagddiensten auf Dresdner Heide«. Warum fragt man nicht danach, was jenen im Winter das mangelnde Stroh hätte ersetzen können, wenn sie das Laub der Heide nicht gehabt hätten?! Warum weist man nicht darauf hin, wie unentbehrlich ihrem Vieh vom Frühjahre bis zum späten Herbste diese Hutung in der Heide gewesen ist?!
Ich habe durch eine starke Linie auf der eingangs erwähnten »Grundkarte« (s. [Abb. 1]) all die Gemeinden – ohne Dresden – umschlossen, die in der Heide von jenen Rechten Gebrauch gemacht haben. Oft zum Schaden des Waldes, zum Schmerze der Oberförster, die sehr wohl erkannten, wie schädlich ihrem Walde diese Nutzung war!
Eine Bittschrift vom Jahre 1580 möchte ich hier einfügen – nicht, um Nörglern Stoff zu bieten! Sie betrifft »die Sieben Dorffschafften Kaditz, Serckwitz, Radebeull, Trachau, Pischenn, Muckten vnd V̈bigen«, die, wollten sie ihren Holzbedarf decken, nicht etwa in die nahe Heide, sondern »in den Tarandischen Waldt« ziehen mußten, während »etzliche Dorffschafften vber der Elbe In die Dreßdnische Heide« gewiesen wurden! Noch 1593 ist die Angelegenheit nicht endgültig geregelt, weil »der her Jegermeister durch den Zeitlichen thot von dieser welt abgefordert worden«.
Abb. 1 Grundkarte
[Details]
Geldknappheit ist durchaus keine neuzeitliche Erfindung! Anno 1675 hat ein »Wohlverordtneter Cammer-Juncker, auch Ober Forst u. Wildtmeister … vor eingelieferte Hirsch Wildts und andere Heuthe auch Rehe felle und anders (Wölfe sind mehrfach noch genannt!) noch 496 fl 2 gr an Jägerrechte zu fordern«. Er bittet, wenigstens die Hälfte ihm zu gewähren – die Forderung betraf die Jahre 1670–1675!! Treue Dienste müssen aber doch belohnt werden! Ist kein Geld da, dann eben auf andre Weise! Und so war denn der Kurfürst auf den Gedanken verfallen, sein Waldgebiet dort zu opfern, wo es der Wildbahn nicht schädlich war: er verlieh an Stelle vielleicht sehr dringlicher Gehaltszulagen ein Stück derartigen Heidebodens – als Weinbergsgelände! Die Karte ([Abb. 2]) nennt Namen und Stand der Bedachten: Forstleute und Amtsschreiber, Bürgermeister und Kammerdiener, alle werden fast gleichmäßig bedacht: zwischen vier und sechs Ackern schwankt die Größe der »Neuen Weinbergstede«. Die Karte zeigt übrigens auch, wie der Kurfürst gleichzeitig die Gelegenheit benutzt hat, sein Heidegebiet abzurunden: »Diesen Feldwinkl treten die Zwantzig Personen von Rädebeil vnderthenigst ab! Zu ergäntzung dieser heyden ecken!« lesen wir unter anderem im nordöstlichen Teile der Karte – sie ist umgekehrt orientiert wie unsere Karten! Seit 1627 hat sie geruht – zum ersten Male wird sie hier abgedruckt – im Dresdner Hauptstaatsarchiv fand ich sie (Loc. 38525, Rep. XVIIIa, Dresden 185), eine Zeichnung des Balthasar Zimmermann, des kursächsischen Markscheiders, des Vetters jenes berühmteren Mathias Oeder, dessen Heidekarte von 1600 bereits Erwähnung fand.
Abb. 2 Karte von Balthasar Zimmermann 1627
Zimmermann besaß übrigens auch einen Weinberg in unserem Gebiete – er hatte ja »dem Hause Sachsen langwierige, treue Dienste« genug geleistet! »Mit großen vncosten hatte er den Platz gerodet, mit weinstöcken bestecket vnd eine Mauer von Stein vnd Plancken darumb geführet. Die Soldaten hatten aber (noch dazu im Winter!) die Plancken wegkgeholet vnd verbrandt«. In der Nähe befand sich ein Fleck, den seine Erben 1634 gern gehabt hätten. Des Vaters Haus hatten sie »schulden halber verkauffen müssen, vnd des Weinberges aus ermangelung Tüngers konnten sie nicht mechtig werden«. Auf jenem Heideflecke sollten nun »einbaar Kühe des Sommers über ihre trifft vndt weyde haben«. Der Fleck lag aber innerhalb »der allgemeinen huttung«, der er auch verbleiben soll, das Gesuch muß also abgelehnt werden – 1638 haben es die Erben noch einmal versucht. Jener Heidefleck reichte »bis an die Bohmwiese«, so berichtet der Oberforstmeister Bernstein; Balzer Zimmermanns Erben schreiben: »bis an die Bahnwiese« – und Oeder? Auf seiner Karte steht: »Am Baum«. Ob nun die »Bahnwiese« endlich verschwindet und der »Baumwiese« Platz macht?!
Zimmermanns Karte zeigt noch ein anderes sprachlich so lehrreiches Beispiel: an der »Meisnischen stras« – der alten! – liegt »Schneeweisens Bres«, also die Weinpresse des Schneeweiß! In dem erwähnten Schriftstücke von 1627 wird sie oft zur genaueren Ortsbestimmung benutzt. Das Gelände muß Hofbedienten zugesagt haben; sie bewerben sich darum, »damit den Armen Gesellen zu fortstellung der geringen Heußlichen nahrung vnd beßerer erhaltung der Kleinen Kinderlein solcher vonn den trotzigen Bauern außgeschlagener vbriger Platz (er hatte den Serkowitzern zunächst nicht zugesagt!), der doch sonsten von andernn leuten ausgebeten werden dürffte, gleich andern Dienern vnd Rentherey Schreiben gnedigst bewilliget vnd Erblich eingereumt werden möge. Die Zinß vnd Landsteuer wollen sie Jedesmahl gehorsamblich abstatten …« Für sie, die Ortsfremden, wird nun auf einmal jene Presse zur »Weißen Preße im Zippell genant«! Wozu auch »schneeweiß« – weiß genügt! So mag mancher Name entstanden sein, den wir uns heute nicht mehr erklären können! –
Streiflichter in Verhältnisse, die jahrhundertelang das Leben der Bewohner der Lößnitz ganz wesentlich beeinflußt haben!
Der Untergang des Weinbaus
Von Prof. Dr. A. Naumann
O du weinfrohe Lößnitz! Vor vier Jahrzehnten noch grünten allüberall deine Rebenhöhen, mostvergnügte Menschen jubelten auf deinen gartengeschmückten Straßen, und manch »graue« Züge führten wackere Zecher heimwärts.
Winzerfeste wurden gefeiert, die Tausende natur- und weinbegeisterter Städter in deine gesegneten Gefilde führten. Das berühmteste Winzerfest fand statt am 25. Oktober des Jahres 1840. Es war ein vaterländisches Fest »in Verbindung mit einer Wein- und Traubenausstellung und Musterung,« wie es in der Denkschrift heißt. Das Bild des Winzerzuges ist von Prof. Moritz Retzsch entworfen, und dieses figurenreiche Erinnerungsblatt ([Abbildung 1]) ist noch in gar mancher Weinstube, sogar in farbiger Ausführung[2], als Wandschmuck zu finden.
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Gez. v. M. Retzsch
Lith. v. E. Otte. Gedr. v. E. Böhme.
Abb. 1 Winzerzug
Kein Mensch ahnte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Feind, der, an den Wurzeln der Reben saugend, all dieser Rebenherrlichkeit und Weinfröhlichkeit ein Ende bereiten sollte. Ein winziger Schnabelkerf »die Reblaus« war unter der sommerdurchwärmten Erde an der Arbeit; jahrzehntelang hatte sie sich unbemerkt in das Wurzelwerk des europäischen Weinstockes, unserer Vitis vinifera eingenistet.
Sie senkte ihre Stechborsten tief hinein in das weiche Gewebe der Wurzelspitzen und saugte die Bildungssäfte auf ([Abb. 2f]). Wohl wehrte sich das Wurzelende und suchte durch Anschwellungen und hakige Krümmungen ([Abb. 2h]) den Feind zu überwuchern und zu erdrücken; aber die Vermehrungskraft der Reblaus war zu gewaltig! Die Altläuse ([Abb. 2d]) legten unbefruchtet, als sogenannte Ammen, mehr denn vierzig Eier, denen nach zehn Tagen schon Jungläuse ([Abb. 2c]) entschlüpften, die nach kurzer Saugtätigkeit wiederum unbefruchtet zur Eiablage fähig waren. Bis zu fünf Generationen wuchsen in einem Jahre heran, so daß eine einzige Wurzellaus die Stammutter von etwa dreiundsiebzig Millionen Nachkommen sein konnte. Da eine so ungeheuere Nachkommenschaft am Geburtsstocke nicht genügend Nahrung fand, mußte die jugendliche, ziemlich bewegliche Reblaus neue Nahrungsquellen aufsuchen und dabei unterirdisch einen mühsamen Weg von Rebstock zu Rebstock zurücklegen. Im sächsischen Weinbau war zur Vermehrung der Weinstöcke das sogenannte Senkverfahren üblich: von einem Mutterstock wurden die Reben niedergebogen und in die Erde eingegraben, damit die Zweigspitzen, über der Erde hervorragend, zu neuen Rebstöcken heranwuchsen. Hierdurch wurden für die wandernden Jungläuse von Stock zu Stock bequeme unterirdische Brücken geboten, und wir dürfen in den meisten Fällen die rasche Verheerung der sächsischen Berge auf dieses Senkverfahren zurückführen. – Mit jedem Karstschlag, mit jedem vom Winzerfuße weitergetragenen Erdklümpchen verbreitete sich der tückische Feind über alle Weingelände der Lößnitz, und bald konnte ein Kundiger an dem Gilben des Stockes, an der nachlassenden Wuchskraft der Reben, an dem jährlich geringer werdenden Ertrag herausfühlen, daß dem Weinbau der Lößnitz, ja dem sächsischen Weinbau, eine Katastrophe drohte. Im Jahre 1885 wurde durch einen Gärtner der Lößnitz in den Königlichen Weinbergen daselbst die Reblaus aufgefunden und der sächsischen Regierung darüber pflichtgemäß Bericht erstattet.
Der damalige Garteninspektor Lämmerhirt, als Vertreter des Landes-Obstbauvereins wurde mit Feststellung und Untersuchung des Schädlings betraut, und als die Verseuchung größerer Flächen durch die Reblaus erwiesen war, wurde der Reichsregierung Mitteilung gemacht.
Dieselbe ordnete für Sachsen als Reichskommissar den Oberförster Koch aus Trier ab und verfügte die durch die internationale Konferenz der weinbautreibenden Staaten festgesetzten Bekämpfungsmaßregeln. Es zeigte sich nun, daß die Ausdehnung der Reblausschädigungen in Sachsen bereits einen großen Umfang angenommen hatte; zumal die königlichen Weinberge durften infolge ihres starken Befalles als die Herde der Kalamität betrachtet werden.
Es erregte schon damals großes Erstaunen, daß die Weinbergsinspektoren nicht vorher auf den schon lange bekannten furchtbaren Rebfeind aufmerksam geworden waren. Inwieweit einer oder der andern Behörde, beziehentlich deren Vertretern, entsprechende Vorhalte zu machen wären, ist jetzt eine müßige Frage.
Tatsache war, daß die von Oberförster Koch mit zahlreichen Hilfskräften und kostspieligen Bekämpfungsmitteln (Petroleum, Schwefelkohlenstoff) organisierte Abwehr des Schädlings kaum genügte, um die verseuchten Weinkulturflächen rechts der Elbe einigermaßen gründlich zu untersuchen, geschweige denn zu retten.
Bereits im Jahre 1886 wurde mit dem Kampf gegen den übermächtigen Schädling begonnen.
Woher aber war der Feind zu uns gekommen? War er schon seit Jahrhunderten bei uns heimisch? Fast mußte es so scheinen, wenn wir die Größe der Verheerung ermessen, welche die Reblaus nicht bloß bei uns, nein auch in allen Weinbau treibenden Gebieten Europas[3] angerichtet hatte. Nach allem, was wir bis jetzt nachprüfen konnten, ist dieser Schädling aus Nord-Amerika zu uns gelangt. Im Jahre 1865 wurde in der Provence die Reblaus zuerst auf dem europäischen Kontinent aufgefunden. Sie soll von Amerika aus in Englands große Weintreibereien gelangt und auf diesem Umweg auch in die Freilandkulturen des europäischen Festlandes gekommen sein. Nachdem sie ihren Vernichtungszug in den südlichen Ländern Europas begonnen, gelangte sie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch zu uns nach Deutschland.
Zum Verständnis der zu schildernden Bekämpfungsmaßnahmen diene eine kurze Betrachtung der Lebensweise unseres Schädlings.
Abb. 2 Die Vernichterin des Lößnitzer Weinbaues: die Reblaus (Phylloxera vastatrix) in ihrer Entwicklung
Im Laufe der bereits erwähnten ungeschlechtlich erzeugten Generationen traten, vielleicht infolge besonderer Ernährung, mit Flügelstumpfen begabte Läuse auf, die man auf den schönen Namen »Nymphen« getauft hat ([Abb. 2a]). Aus dieser schon mit einer Art Taille versehenen Form entwickelt sich in warmen Sommern eine geflügelte Laus: Die Reblausfliege ([Abb. 2b]). Diese fliegt bei ruhigem Wetter auf benachbarte Berge und kann, vom Winde getrieben, Kilometerstrecken zurücklegen. Sie landet schließlich auf einem Weinblatt und legt dort wenige Eier von teils runder, teils ovaler Form. Aus diesen erst schlüpfen die eigentlichen »Geschlechtstiere« ([Abb. 2e]); aus den kleinen runden die Männchen, aus den größeren ovalen die Weibchen. Beide entbehren der Saugorgane, sind also bloße Geschlechtsmaschinen, die nur dem Geschäfte der Begattung obliegen. Das befruchtete Weibchen legt ein einziges, etwas dickschaligeres dunkles Winterei.
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 3 Nußbaum in der Hoflößnitz
Es ist kaum anzunehmen, daß es in unseren Breiten oft zur Ablage dieses Eies kommt, da um diese Zeit die bereits herbstlich kühlen Nächte das Aufkommen der Geschlechtstiere in Frage stellen. Wir müssen vielmehr annehmen, daß bei uns eine Verbreitung nur durch Wanderung oder Verschleppung der Wurzelreblaus möglich war[4]. Wir wußten nicht einmal mit Sicherheit, wohin diese Wintereier abgelegt werden, ob an Weinstöcke, an Rebpfähle oder an die Bäume, welche im Weinberge gepflanzt sind. In der Lößnitz waren es meist Pfirsiche und Nußbäume. Ist doch das gute Gedeihen des Nußbaumes ([Abb. 3]) u. a. ein besonderes Kennzeichen guter und warmer Weinlagen; auch die Edelkastanie ([Abb. 4]) deutet auf solche hin.
Ich mußte trotz allen Dunkels, welches über die Ablage des Wintereies herrscht, diese Frage berühren, damit gewisse drakonische Bekämpfungsmaßnahmen, nämlich das Abhauen und Verbrennen der auf infizierten Bergen stehenden Bäume ihre Erklärung finden. Haben doch gerade diese Maßregeln unter der weinbautreibenden Bevölkerung der Lößnitz besonders böses Blut gemacht, und ich erinnere mich noch mancher Tränen und Flüche, die gerade der Vernichtung besonders geliebter Bäume galten. Auch mir hat ebendiese Forderung gar oft meine Pflicht besonders schwer gemacht.
Die Bekämpfungsmaßnahmen haben im Laufe der Jahrzehnte manche Wandlung erfahren, eins aber ist sicher, daß sie eine völlige Vernichtung der Reblaus nicht erreichen konnten!
Es war im Jahre 1886 als ich, an der Dresdner technischen Hochschule Chemie studierend, durch Zeitungsnotizen darauf aufmerksam wurde, daß für die Untersuchung reblaus-verseuchter Gelände Hilfssachverständige gesucht wurden, welche mit der Handhabung der Lupe vertraut und insektenkundig waren. Da ich zum Weiterstudium auf Gelderwerb angewiesen war, machte ich mich eines Tages auf den Weg, mich beim Reichskommissar um die Stellung eines Hilfssachverständigen zu bewerben. Ich kam damals zum erstenmal in die herrlichen Gefilde der Lößnitz und war geradezu entzückt über die harmonische Vereinigung einer jahrhundertealten, anheimelnden, vornehmen Siedlungskultur mit einer herrlichen, durch die grünen Höhen der Weingelände verschönten Natur. In dem Bad-Hotel zu Kötzschenbroda wollte ich mich bei einem Schoppen Schieler nach dem Aufenthalt des Reichskommissar Koch erkundigen. Da sah ich – es war Frühstückszeit – am Nebentisch eine fröhliche Runde, zu welcher, stürmisch begrüßt, ein jovialer alter Herr trat, eben der gesuchte Herr Kommissar. Ich stellte mich ihm vor, brachte dreist meinen Wunsch an, wurde an die frohe Tafelrunde gebeten, und nach etwa einer Viertelstunde nicht allzu strenger Prüfung ward ich unter frohem Gläserklingen wohlbestallter Hilfssachverständiger für Reblausuntersuchungen in der Lößnitz; wohlgemerkt! mit sechs Mark Tagegeld, für mich eine wertvolle Studienbeihilfe. Meine Kollegen waren teils Forststudenten, teils Männer mit landwirtschaftlicher Hochschulbildung, teils Gärtner. Ich habe meine Stellung als Hilfssachverständiger genügend lange bekleidet, um aus eigener Erfahrung erzählen zu können, wie sich Untersuchung und Vernichtung der Weinberge damals vollzog – leider muß ich sagen »Vernichtung der Weinberge«, denn die Bekämpfung des Schädlings gelang bei der in der Lößnitz übermächtig auftretenden und überall verbreiteten Reblaus nicht mehr. Nur wenige Berge waren damals beinahe reblausfrei; es waren die vortrefflich gehaltenen von Nacke und Böhme, die auch noch heute einen Bestand aus jener Zeit – natürlich verjüngt – besitzen.
Die Untersuchung der Weinberge auf Reblaus wurde folgendermaßen vorgenommen.
Aufnahme von Preusch, Dresden
Abb. 4 Edelkastanie im Grundstück des Herrn Geheimrat Hilger in Zitzschewig: Haus Kynast
Die Hilfssachverständigen, geführt von einem Sachverständigen, etwa vier bis fünf Herren, begaben sich mit je zwei bis drei Arbeitern (meist Winzern und gelernten Weinbergsarbeitern) in den zu untersuchendem Weinberg, unter Vorzeigen eines vom Ministerium des Innern ausgestellten Ausweises.
Ein allgemeiner Überblick über den Rebbestand ließ schon durch die muldenförmige Abnahme der Wuchskraft und durch Gelbstichigkeit der sonst tiefgrünen Stöcke einen Schluß auf die reblausbefallenen Bergteile zu. Der Beweis des Befalls konnte aber erst dadurch erbracht werden, daß die flach unter der Bodenoberfläche verlaufenden sogenannten Tauwurzeln durch uns mit der Lupe auf Anwesenheit von Reblaus geprüft wurden. Die Arbeiter »schlugen die Stöcke an«, das heißt sie entfernten am Wurzelhals die Erde bis zum Erscheinen der Wurzeln, schnitten letztere ab und reichten sie dem Untersuchenden zu. ([Abb. 5.])
Aufnahme von Joh. Hartmann
Abb. 5 Untersuchung der Weinberge auf Reblaus
Dabei wurde reihenweise vorgerückt und möglichst jeder dritte Stock angeschlagen. Fand sich der Schädling an den hakenförmigen Krümmungen der Wurzeln, den Nodositäten, vor, was leider nur zu oft eintrat – so wurde das von uns durch ein kräftig gerufenes »Laus« verkündet, und ein Arbeiter kalkte den Rebpfahl des befallenen Stockes oben ausgiebig an. Im Umkreis eines infizierten Stockes wurde alsdann jeder Stock untersucht, und bald zeigte eine ganze Anzahl weißer Pfahlspitzen den aufgefundenen Reblausherd an. In diesen Herd wurden noch die scheinbar gesunden Reben im Zwanzigmeter-Umkreis einbezirkt, und das Ganze wurde von einer besonderen Kolonne, die mit pfahl- und drahtbeladenem Wagen ankam, eingedrahtet und mit einer Verbotstafel versehen, welche das Betreten des Herdes, auch den Besitzern, versagte. Die Eindrahter wurden geschmackvoll als »Topfstricker-Kolonne« bezeichnet.
Jeder, welcher den Herd, mochte es dienstlich oder anders begründet sein, betrat, selbst die Herren Ministerialdirektoren waren nicht ausgeschlossen, mußte mit seiner Fußbekleidung in ein Becken mit Petroleum treten – dies wiederholte sich auch beim Verlassen des Herdes. Auf diese Weise sollte die Verschleppung der Reblaus gehindert werden – auch ein sorgfältiges Abbürsten der Oberkleider mußte man darum über sich ergehen lassen. Aus gleichem Grunde wurde auf den Herden sogar eine Nachtwache bezogen, die leider von der Bevölkerung in der ersten Erbitterung tätlich angegriffen wurde. Auch wir Hilfssachverständigen wurden auf dem Heimwege von unserer anstrengenden Tätigkeit (acht Stunden stehen auf geneigtem Gelände!) des öfteren mit Steinwürfen bedacht.
Aufnahme von Joh. Hartmann
Abb. 6 Verbrennen der Reben und Rebpfähle
Welch ungeheuere Verseuchung einzelne Berge aufwiesen mag das Beispiel des von mir untersuchten Weinberges des Kammerherrn Exzellenz von Minckwitz zeigen. Dieser Berg zählte allein über dreitausend infizierte Stöcke. Hierbei fanden sich nicht bloß die Nodositäten an den jungen Wurzeln; auch das alte Wurzelholz zeigte knotige Anschwellungen, sogenannte Tuberositäten ([Abb. 2g]), welche oft honiggelb überzogen waren, da Laus an Laus, Eigelege an Eigelege saß.
Auf die »Topfstricker« folgte die Schätzungskommission. Diese hatte die durch gekalkte Rebpfähle kenntlich gemachten verseuchten Stöcke, und gesondert, die in den Herd einbezogenen gesunden Reben auszuzählen, sowie den Wert der daran befindlichen Trauben abzuschätzen. Die durch die Vernichtung entgangene Traubenernte und die in dem Herde befindlichen »gesunden« Rebstöcke wurden vom Staate den jeweiligen Besitzern oder Pächtern nach besonderen »Bonitätsklassen« vergütet.
Nunmehr trat die Vernichtungskolonne in Tätigkeit.
Wagen fuhren die zur Bodendesinfektion und zum Verbrennen der Rebpflanzen und Rebpfähle nötigen Petroleummengen in Fässern heran, später auch die Schwefelkohlenstoff-Behälter, und es entstand ein oft recht bedeutendes Stofflager in der Nähe des betroffenen Weinbergsgeländes.
Es wurden alsdann im Herde die Rebpfähle gezogen, die Rebstöcke und etwa vorhandenen Bäume herausgehackt, die Zwischenkulturen, meist Erdbeeren, aber auch Gemüse herausgerissen. Alles wurde zu einem Scheiterhaufen geschichtet, der, mit Petroleum besprengt, schließlich entzündet wurde, so daß allenthalben von den Bergen die Rauchsäulen emporstiegen, als Zeichen, daß dort eine hundertjährige Weinkultur mit all ihrem Mühen und Hoffen zu Grabe geleitet wurde ([Abb. 6]).
Aufnahme von Joh. Hartmann
Abb. 7 Bodendesinfektion mit Schwefelkohlenstoff
Dieses Autodafé hat den Herzen der Bewohner und dem Reiz des Landschaftscharakters tiefe Wunden geschlagen.
Der nunmehr von allen Pflanzen geräumte Herd wurde alsdann teils durch Überbrausen, teils durch Eingießen von Petroleum in etwa fünfzig Zentimeter tiefe Löcher desinfiziert. Der später verwendete Schwefelkohlenstoff wurde mit besonderem Apparat dem Boden eingespritzt ([Abb. 7]).
Abb. 8 Verödete Weinberge in Oberlößnitz
Das Petroleum durchdrang leider den Boden nicht gleichmäßig, so daß man eine leicht vergasende Flüssigkeit, welche alle Erdporen gleichmäßig durchdrang, erstrebte. Diese schien im Schwefelkohlenstoff gegeben. Derselbe wirkte aber im Übermaß als Wurzelgift; so daß seine Verwendung außerordentlich vorsichtig gehandhabt werden mußte. Ein sicherer Fortschritt in der Reblausbekämpfung lag in dem Bestreben, die Schwefelkohlenstoffgaben so zu bemessen, daß die ungeheuere Vermehrung der Reblaus geschwächt wurde, ohne dabei das Gedeihen des Stockes zu schädigen. Dieses sogenannte »Kulturalverfahren« hat bei einzelnen Bodenklassen, z. B. in dem Muschelkalkgelände des Unstrutgebietes guten Erfolg gezeigt. Bei uns in Sachsen wurde ihm von Anfang an mit Mißtrauen begegnet, um so mehr, als dadurch die vom Staate gewährte Entschädigung für befallene Stöcke in Wegfall kam. Ich bin der Überzeugung, daß bei geeigneten Versuchen für sächsische Verhältnisse ein brauchbares Kulturalverfahren hätte ausgearbeitet werden können. Die von mir auf Brabschützer Flur, gegenüber der Lößnitz, mit Erlaubnis des Ministeriums ausgeführten Versuche mit Schwefelkohlenstoffemulsionen hatten sehr guten Erfolg. Leider stockten diese Versuche, da im Jahre 1907 von der Reichsregierung das sächsische Weinbaugebiet als unheilbar verseucht erklärt wurde, sodaß die sächsische Regierung die kostspieligen Untersuchungs- und Bekämpfungsarbeiten zum größten Teil einstellte.
Abb. 9 Erdbeerkulturen auf früheren Reblausherden
Trotz sorgfältigster Untersuchung und gründlicher Bekämpfung hatte alljährlich die Reblauskalamität wie ein glimmendes Feuer weiter um sich gefressen, so daß nach einem Jahrzehnt die grünen Rebenhänge verschwanden. Öde, mit Unkraut bestandene Geländewunden starrten uns entgegen ([Abb. 8]), denn erst nach einer vier- bis fünfjährigen Quarantänezeit durften die geräumten Herde wieder bepflanzt werden.
Reben wurden aber auch dann nicht wieder angepflanzt, denn die geschädigten Besitzer hatten Lust und Mut verloren; die alten Winzer mit ihren weinbaulichen Erfahrungen starben ab, – und der Weinbau der Lößnitz schien auf immer begraben zu sein. Erdbeer- und Obstkulturen ([Abb. 9]), oft auch Gemüseflächen erhoben sich zwar an Stelle des grünen Rebenkleides, konnten aber das ursprüngliche, an die schönsten Gegenden des Rheines erinnernde Landschaftsbild mit seinem Rebenzauber nicht wieder schaffen. Immer blieben unschöne Ödstellen, die das früher so liebliche Gelände schändeten.
Erst eine neue Bekämpfungsart unter Verwendung amerikanischer Reben als Wurzelunterlage sollte der landschaftlichen Schönheit der Lößnitz wieder aufhelfen.
Überall sieht man schon auf amerikanischer Unterlage veredelte, üppig gedeihende Neuanlagen, so daß wir hoffen dürfen, allmählich die frühere Anmut der Lößnitz wieder erstehen zu sehen. Von tüchtigen Weinbausachverständigen beraten, beginnt auch die Kellerwirtschaft sich zu heben, so daß bei guten Jahren uns ein trinkbarer Tropfen winkt, ein Tropfen, viel viel besser als sein Ruf. Möchten dann die Sklavenketten, mit denen das Ausland uns fesselt, gefallen sein, so daß wir bei funkelndem heimischen Rebensaft frohen Herzens jubeln können:
Heil dem freien Deutschland, heil unserem Sachsenland!
Fußnoten:
[2] Z. B. Weinstuben von Julius Papperitz, Dresden, Scheffelstraße.
[3] Frankreich: Champagne. Spanien: Barcelona. Schweiz: Zürich und Genf. Italien: Lago Maggiore, Calabrien. Österreich: Steiermark, Niederösterreich, Dalmatien. Ungarn: Tokaier Lagen. Kroatien 13,5%. Rußland: Kaukasus bei Batum. Rumänien: 31%. Serbien. Bulgarien. Türkei. Außerdem Süd-Amerika: Brasilien, Uruguay. Afrika: Kap. Australien.
[4] In den südlichen Ländern wird außer der Wurzelreblaus eine oberirdische Form: die Blattreblaus in kugeligen Blatt- und Rankengallen gefunden.
Die Rotalge Hildenbrandia rivularis (Liebm.) Bréb., ein ausgestorbenes (?) Naturdenkmal Sachsens
In dem 1922 erschienenen Heft 2 Band IX die Beiträge zur Naturdenkmalpflege (herausgegeben von der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen) berichtet A. v. Lingelsheim über diese bemerkenswerte Rotalge des Süßwassers, die in Deutschland nur an wenigen Stellen, so in einigen Bächen des Riesengebirges, im oberen Rhein, in der Werra und Fulda, im Dieksee in Holstein und nach einem Bericht von R. Wollny aus dem Jahre 1886 in einem felsigen Waldbach bei Niederlößnitz in Sachsen vorkommt. Die Alge ist ein Naturdenkmal von hervorragender Bedeutung; abgesehen von ihrem örtlich sehr beschränkten Vorkommen, ist sie »die einzig wirklich rote Süßwasserfloridee«; bei den übrigen herrscht Blaugrün oder Violettgrün vor. Infolgedessen zeigt das Bett der Gebirgsbäche, wo die Alge reichlich vorkommt, prachtvoll bräunlich »blutrote« Überzüge der Gerölle oder der anstehenden Felsen. Ferner aber gleicht sie in Wuchsform, Mikrostruktur und anderen Punkten ihrer nächsten Verwandten, Hildenbrandia rosea Kütz aus dem Atlantischen Ozean, welche in ganz ähnlicher Weise rote, krustige Beläge auf Steinen oder Muscheln bildet. An Hildenbrandia sehen wir somit sehr deutlich, daß bei ihr der Übergang in ein ganz anders geartetes Medium jedenfalls habituell nicht die geringsten umgestaltenden Einflüsse bewirkt hat. Der Geruch der absterbenden Alge gleicht völlig jenem eigenartig dumpfveilchenartigen »Seetanggeruch«, wie er den Bewohnern der Meeresküsten bekannt ist. Unsere Alge selbst ist ferner in den Subtropen (Nordafrika) und Tropen (Niederländisch Indien, Jamaica, Kongogebiet) vertreten.
Wir haben also in Hildenbrandia rivularis eine Pflanze vor uns, deren ganz nahe Verwandtschaft zu Meerespflanzen erwiesen ist, ohne daß es bisher gelungen wäre, diesen Zusammenhang aufzuklären. Aus der Beschaffenheit der verschiedenen Standorte hat v. Lingelsheim festgestellt, daß die Rotalge ihrem gewissen Wärmebedürfnis nach dem atlantischen Florenbezirk angehört. Sie stellt weniger Ansprüche an die chemische und optische Reinheit ihres Wohngewässers, vielmehr scheinen »physische Faktoren, wie festes Substrat zur dauernden Fixierung, eine gewisse Stärke der Wasserbewegung, sowie eine genügende Durchlüftung des Wassers« für ihr Leben ausschlaggebend zu sein. Weiter wurde festgestellt, daß die Alge den Schatten liebt und sich an belichteten Stellen auf die Unterseite des Gesteins usw. zurückzieht oder wohl gar abstirbt. Mit Vorliebe bewohnt sie tiefe Gewässer, so kommt sie im Gardasee noch in neunzig Meter Tiefe vor. Sie siedelt sich auf Gestein verschiedener Art an, meidet jedoch kalkhaltigen Boden. Ihre Vermehrung ist noch nicht aufgeklärt, v. Lingelsheim hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sich losgelöste Thallusfäden anderwärts festsetzen und so der Verbreitung dienen.
Vor einiger Zeit durchsuchte ich das in Frage kommende sächsische Gebiet nach Hildenbrandia rivularis. Meine Bemühung war erfolglos und so glaube ich zunächst annehmen zu müssen, daß dieses Naturdenkmal bei uns ausgestorben ist. Ich vermute wohl mit Recht, daß unter dem felsigen Waldbach der »Lößnitzbach« zu verstehen ist. Da seine Quelle im Dippelsdorfer Teiche liegt, kommt das Wasser genügend durchwärmt in die kurze enge Talschlucht, so daß das Wasser den gestellten Ansprüchen genügen würde. Die einst dicht bewaldete, unwegsame Schlucht wird auch den von der Alge bevorzugten Schatten gespendet haben. Die Pflanzenseltenheit wurde im Jahre 1886 festgestellt. Welche Veränderung ist aber seit dieser Zeit im Lößnitzgrunde vorgegangen! Die Erbauung der Eisenbahn und der Promenadenwege brachte eine Lichtung des Tales mit sich. In den letzten Jahren zumal sind die einst bewaldeten Talhänge beim Kurhaus Friedewald völlig kahlgelegt worden. Auch die vielfache Bebauung des Tales mag das Aussterben beschleunigt haben. Beim Kurhaus und bei der Meierei Lößnitzgrund sind Gondelteiche angelegt worden, die der Lößnitzbach durchfließen muß. Selbst wenn sich die Alge im Oberlauf des Baches noch einige Zeit gehalten hätte, würde eine Neubesiedelung des Unterlaufs dadurch unmöglich geworden sein, da die in die Teiche gelangten Thallusfäden unter der Einwirkung des Lichtes und der mangelnden Durchlüftung des Wassers sicher zugrunde gegangen sind. Hildenbrandia rivularis ist also wahrscheinlich ein Opfer der in den letzten Jahrzehnten in den Lößnitzgrund getragenen »Kultur« geworden. Oder sollte die Rotalge doch noch in einem meiner Nachforschung entgangenen unscheinbaren Bächlein des Gebiets ein verstecktes Dasein fristen? Wer hilft suchen? Algen sind botanische Naturdenkmäler, deren Standortgeheimnisse der Öffentlichkeit wohl unbedenklich preisgegeben werden können; sie fallen Pflanzensammlern kaum zum Opfer, was man von anderen Gewächsen leider nicht immer behaupten kann.
v. Lingelsheim vermutet, daß die Rotalge wahrscheinlich auch an anderen Orten noch hin und wieder vorkommt und ein unbemerktes und unbekanntes Dasein fristet. Vielleicht hat auch Sachsen noch einen Standort, nachdem der Lößnitzgrund anscheinend dafür nicht mehr in Frage kommt.
Klengel.
Vom neuen Weinbau
Von Carl Pfeiffer, Hoflößnitz
In den Jahren 1886 bis 1889, teilweise etwa 1892, hat der alte sächsische Weinbau aufgehört irgendeine wirtschaftliche Bedeutung zu haben. Mit dem Reblauskampfe waren wohl auch manche Weinberge aus Mangel an Pflege eingegangen. Fehlende Technik, Führung und erlahmtes Interesse haben nur noch kleine Reste alter Weingärten kleineren Besitzes im Lande zerstreut erhalten lassen. Einige verbleibende Kernpunkte der Orte Kossebaude, Mobschatz, Merbitz, Leuteritz im bäuerlichen Besitz, das alte von Haagensche Stadtgut zu Meißen, die Rote Presse von Langelätze Sörnewitz mit kleinen Resten bäuerlichen Weinbesitzes, der Krassoberg der Stadt Meißen, kleinere Weinflächen der Bauern von Rottewitz, Zadel, Diesbar, Seußlitz und der Schloßweinberg von Seußlitz, wohl noch zwanzig Morgen groß, der Johannisberg des Herrn Nacke am Kroatengrund, Naundorf, der Eckberg des Herrn Böhme, Niederlößnitz, mit wenigen kleinen Nebenliegern haben den Grundstock erhalten, aus dem der neue Weinbau emporgediehen ist.
Die ersten Versuche, den alten Weinbau wieder neu aufleben zu lassen, wurden von den Amtshauptmannschaften Dresden-N. und Großenhain veranlaßt. Amtshauptmann Dr. v. Hübel, der bekannte Förderer des Heimatschutzes, berief die Winzer der Lößnitzorte zu gemeinsamer Arbeit zusammen, der verstorbene Großenhainer Amtshauptmann Dr. Uhlemann tat das gleiche für die Seußlitzer Pflege. Beide Arbeiten begannen im Jahre 1907, und zwar im ersteren Falle durch Anregung der alten Winzer und in Großenhain durch die Anpflanzung der ersten, auf amerikanischen Reben gepfropfter Setzlinge, deren Widerstandsfähigkeit gegen die Reblaus im preußischen Weinbau an der Pfropfanstalt zu Naumburg an der Saale bereits erprobt gewesen ist. Den ersten dieser rekonstruierten Weinberge legte Baumeister Reinhold Bahrmann zu Seußlitz, Amtshauptmannschaft Großenhain, an.
Das erfolgreiche Gedeihen dieser Pfropfreben in Seußlitz veranlaßte den damaligen Vorsitzenden des Landesobstbauvereins (heute Landesverband Sachsen für Obst- und Weinbau, Vorsitzender Forstmeister Timaeus) Geheimen Regierungsrat Dr. Uhlemann, Großenhain, die dem Landesverein angeschlossenen Bezirksobstbauvereine der Lößnitz und Meißen ebenfalls gepfropfte Reben versuchsweise anzupflanzen. Diese Anregung war nun in der Lößnitz, wo Geheimer Regierungsrat Amtshauptmann Dr. von Hübel bereits großes Interesse geweckt hatte, auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Böhmesche Eckberg (heute Dr. Tiedemann) erhielt eine größere Pflanzung dieser Pfropfreben, die Geheimrat Dr. Uhlemann aus der preußischen Pfropfanstalt Naumburg bezogen hatte. Viele Mitglieder des Bezirksobstbauvereins der Lößnitz erhielten gleichfalls einige solcher Reben.
Dieser erste Versuch, unter Gewährung kleiner Staatsmittel, wurde nun ständige Einrichtung. In jedem Frühjahr wurden vom Landesobstbauverein eine Anzahl Pfropfreben aus Naumburg bezogen und an Mitglieder der Bezirksobstbauvereine der Lößnitz und Großenhain kostenlos abgegeben, während sich Meißen noch zurückhielt.
Man hatte mit diesen ersten Rebenbezügen zunächst nur die Anregung und den Kleinversuch im Auge, bis dann 1912 von Dr. Goldschmidt, Niederlößnitz, zirka fünftausend, von Kaufmann Günther, Oberlößnitz, dreitausend Reben in einer Fläche als Weinberg angelegt worden sind.
Abb. 1 Weinberge der Hoflößnitz
Der Bezirksobstbauverein der Lößnitz hatte 1911, um dem steigenden Rebenbedarf zu folgen, in Erwägung gezogen, eine Rebenveredlungsanstalt einzurichten, war aber bei der Regierung mit seiner Vorstellung um Gewährung von Beihilfen abschlägig beschieden worden. Diese Anregung des damaligen Vorsitzenden Ahrends, Niederlößnitz, hatte der Bezirksobstbauverein zu Meißen, unter dem Vorsitz des Amtshauptmanns von Oer, aufgegriffen und sich für Schaffung einer Rebschule staatliche Mittel verschafft, so daß dort 1914 die ersten veredelten Reben verfügbar, aber, da nicht genügend vorgearbeitet worden war, keinen leichten Absatz fanden. In der Lößnitz war inzwischen 1913 auf Anregung von Geheimrat Dr. Uhlemann eine Vereinigung zur Förderung des Weinbaues der Lößnitz und Umgebung mit etwa dreizehn Mitgliedern und dem Weinbergbesitzer Max Böhme als Vorsitzendem gegründet worden, die es sich zur Aufgabe machen wollte, den Weinbau zu fördern. Diese Vereinigung arbeitete sehr rege durch Aufklärung, Neuanpflanzung von Weinbergen, Errichtung einer Rebenveredlungsstation, zu deren Einrichtung auf Anregung des Amtshauptmanns von Dresden-Neustadt, Geheimrat Dr. von Hübel, das Ministerium dreitausend Mark Beihilfe bewilligte. Der Landesobstbauverein trug zu den Kosten der Rebschule jährlich etwa eintausendzweihundert Mark, eine gleiche Summe bewilligte er der Meißner Schule. Die Leitung der Rebschule lag in Händen des Rebschulausschusses unter Vorsitz von Oberingenieur Brückner, Radebeul. Einen nicht unbedeutenden Anteil an der Einrichtung hatte die 1912 gegründete Hoflößnitzgesellschaft, durch Gestellung ihres Gärtners für Durchführung der Veredlungen, kostenlose Benutzung des Hoflößnitzgeländes von zunächst viertausend Quadratmeter und Errichtung der Unterstützungsgestelle für Anzucht der amerikanischen Reben.
Die nun bis dahin geleistete Kleinarbeit hatte besonders bei den alten Lößnitzern, die nun ihren Weinbau wieder haben sollten, sehr befruchtend angeschlagen und auch links der Elbe, in Kossebaude war Vater Tielemann der erste Neuwinzer, nicht minder die Kleinwinzer von Diesbar, Seußlitz. Meißen hielt sich noch zurück. Erst als der Landesobstbauverein den Mangel geeigneter Führung feststellte und 1912 den Weinbaulehrer, der bis dahin zwölf Jahre in dem Hauptweinbaugebiet am Rhein und an der staatlichen Weinbauanstalt zu Oppenheim am Rhein war, nach Sachsen berief, wehte frisches Leben durch den neuen Weinbau.
Der Stadtrat von Meißen begann nach einem vor dem gesamten Kollegium durch den Weinbaulehrer gehaltenen Vortrage mit der Rekonstruktion seiner Weinberge. Es wurde sachgemäße Düngung eingeführt, geringwertige Berglagen durch neuzeitliche Pflanzungen ersetzt und zur Durchführung aller Belange ein Oberwinzer vom Rhein angestellt. Ebenso hat Herr von Harck den neuen Weinbaufachmann herbeigezogen, den Winzern von Diesbar, Seußlitz gute Lehren erteilen lassen, in größeren Rebenschnittkursen einen sachgemäßen Schnitt der Reben eingeführt und so den Ertrag der Weinberge gehoben. Nach wenigen Jahren wirkte sich diese Arbeit so aus, daß z. B. der Bahrmannsche Weinberg seine Erträge von sieben Zentner Trauben im Herbst auf vierundfünfzig Zentner gehoben hat. Mit diesem Zeitpunkte begann auch die Hebung der Kellerwirtschaft, die ihre größten Erfolge im Keller des Herrn Baumeister Bahrmann, Seußlitz, hatte.