Anmerkungen zur Transkription

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Das Weihnachtslied.

Das Weihnachtslied.

Eine Erzählung für junge Mädchen

von

Lina Walther.

Gotha.

Friedrich Andreas Perthes.

1887.

Ihren drei Nichten

Elisabeth Moeller

Hanna Pfeifer

und

Anna Moeller

gewidmet

von der

Verfasserin.

Inhalt.

Seite

 1.

Einleitung

  [1]

 2.

Jugendsonnenschein

[16]

 3.

Sturm

[29]

 4.

Not und Sorgen

[44]

 5.

Suschen von drüben

[52]

 6.

Die Urgroßmutter

[82]

 7.

Muß man denn immer im Streit sein auf Erden

[120]

 8.

Schwerer Abschied

[139]

 9.

Bei Werners

[154]

10.

Noch eine neue Schule

[192]

11.

Auf eigenen Füßen

[285]

Schluß

[289]

1.
Einleitung.

Die Adventszeit hatte begonnen. Am Morgen war der erste Schnee gefallen; jetzt erglänzte der Abendhimmel klar und rein; die mit den feinen Krystallen des Rauhreifs geschmückten Zweige hoben sich scharf ab von seinem leuchtenden Hintergrunde; vom nahen Rain herüber hörte man die Stimmen jubelnder Kinder, die zum erstenmal in diesem Jahre auf ihren Handschlitten die rasche, immer aufs neue beginnende Reise machten, vom Hügel zur darunter liegenden Wiese. Am Ende einer Lindenallee, die mit ihren feinen Zweigen ein besonders strahlendes Bild in der lichten Landschaft abgab, wenige Minuten nur von der kleinen Stadt entfernt, öffnete sich jetzt die Thüre eines großen, grauen Hauses, und mit leisem, fröhlichem Geplauder erschienen auf der Schwelle etwa 20 bis 25 jugendliche Gestalten, einige schon jungfräulich erscheinend, andere noch in der Kindheit stehend. Sobald sie die breite Freitreppe verließen, war es, als sei ein Trupp gefangener Vögel in Freiheit gesetzt worden: die älteren wanderten paarweis oder zu dreien plaudernd dahin; die jüngeren versuchten zu schlittern, und hie und da griff eine mit etwas scheuem Seitenblick nach den Fenstern des Hauses wohl auch nach einem Schneeball, eine fröhliche Kanonade zu beginnen. Da hörte man etwas lauter als gewöhnlich eine schlanke Blondine sagen: „Kinder (Kinder ist eine sehr oft gebrauchte Anrede zwischen Backfischen), sie ist reizend!“ Als ob das Signal zum Sammeln geblasen wäre, so flogen jetzt die Köpfe aller größeren Mädchen nach der Seite der Sprecherin; sie stand sofort von einem dichten Kreis umgeben, aus welchem immer wieder die Ausdrücke: „Entzückend! einzig! süß! zu lieb!“ zu hören waren.

„Ja“, rief eine kleine runde Braune, „es giebt nur eine Fräulein Feldwart. O, wie ist sie liebevoll! und so anmutig! Stundenlang kann man ihr mit Spannung zuhören; bei der alten Fräulein Klug wurde ich immer in der ersten Viertelstunde müde!“

„Was weiß sie alles“, rief eine andere, „wie erzählt sie, wie schön singt sie!“

Der Gegenstand dieser Begeisterung war die neue Lehrerin, Martha Feldwart, welche seit Ostern in die Schule der Frau W., für die alte, gebrechlich gewordene Fräulein Klug, eingetreten war.

Jetzt öffnete sich die Hausthüre noch einmal, und die schwärmerisch Verehrte erschien auf der Schwelle, in der Hand den Regenschirm und die Mappe mit den Zeichnungen, Noten und Büchern. Es war eine leichte, schlanke Gestalt, mit einem feinen, ein wenig blassen Gesichte, dessen dunkle Augen in lieblicher Freundlichkeit leuchteten, als die jungen Mädchen sie umdrängten, und von allen Seiten die Bitte ertönte: „Ach, lassen Sie mich Ihren Regenschirm tragen! Ihre Mappe, Fräulein Feldwart!“

„Laßt es mir nur“, sagte sie mit angenehmer, herzlicher Stimme, „ich kann es ja doch nicht allen zugleich geben.“

„Aber jeder ein kleines Stück, bitte, bitte!“ fing der Chor noch einmal an, und die Kühnsten hatten sich schnell in Besitz der fraglichen Gegenstände gesetzt.

„Trugt ihr Fräulein Klug auch immer die Mappe nachhaus?“ fragte Fräulein Feldwart.

Die Kinder blickten sich an mit wunderlichen Gesichtern; endlich sagte eine: „Ach, das hätten wir gar nicht gewagt; sie sah immer so böse aus, Fräulein Feldwart!“

„O“, erwiederte diese ernst, „sie ist gewiß immer recht müde und matt gewesen, die Arme! Wie schwer mag ihr der Unterricht bei ihren Schmerzen in letzter Zeit geworden sein. Nun hört! bis an die Ecke der Schustergasse dürft ihr mir die Sachen tragen, — wenn ihr es durchaus wollt; dann gebt ihr sie mir ohne Widerrede und laßt mich alleine nachhause gehn.“

Wenn Fräulein Feldwart so bestimmt sprach, war ihr nichts abzuhandeln, gar nichts! das wußten die Kinder. Die Schustergasse war schnell erreicht, und mit herzlichem Gruße trennten sich Lehrerin und Schülerinnen.

„Warum wir nicht weiter mitkommen sollen?“ fragte die kleine braune Helene.

„Ich glaube, ich weiß es“, rief die blonde Eva, „es ist von wegen der Klug, die wohnt mit ihr in einem Hause!“

„Hört!“ fing jetzt Agnes mit leuchtenden Augen an, „mir fällt eben etwas zu Schönes ein; sie ist noch so fremd hier; wir müssen ihr zu Weihnachten ein Bäumchen putzen, und jede von uns hängt eine kleine Arbeit daran.“

Begeisterung und Zustimmung von allen Seiten! Welch neuer Stoff zur Unterhaltung! An jeder Straßenecke gab es vor der Trennung noch eine lange Konferenz, und den Müttern wurde zuhause kaum Zeit gelassen, sich nach der ungewöhnlichen Verzögerung des Heimwegs zu erkundigen. Bevor noch das sonst so ersehnte Vesperbrot angerührt wurde, waren sie überschüttet mit den schönen Weihnachtsplänen, und die meisten von ihnen, froh über den beglückenden Einfluß der jungen Lehrerin, boten gerne die Hand zu ihrer Ausführung.

Indessen hatte Martha Feldwart das bescheidene Haus erreicht und die beiden Treppen erstiegen, welche zu ihrer einfachen Wohnung führten. Angenehm überrascht blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen; das Feuer im Ofen brannte schon und verbreitete eine behagliche Wärme; der Kaffeetisch war gedeckt, und die kleine Kanne stand in der Ofenröhre. „Die gute Fräulein Klug!“ rief die Eintretende gerührt, „da hat sie ’mal wieder alles für mich gethan, trotz ihrer steifen Glieder!“ Kaum hatte sie Hut und Mantel abgelegt, da eilte sie den Korridor entlang zum Stübchen der alten Kollegin, ihr Gruß und Dank für ihre Mühe und Sorgfalt zu bringen.

Es war eine krumme, gebeugte Gestalt mit einem Angesichte voller Runzeln und Falten, die dort im Lehnstuhl ruhte, und da sie viel an Gliederschmerzen litt, trugen ihre Züge einen leidensvollen, grämlichen Ausdruck; aber aus den Augen leuchtete es doch freundlich, als sie ihrer jungen Nachfolgerin die welke Hand entgegenstreckte: „Ich bin ja froh, Fräulein Marthchen, wenn ich noch ’mal was thun darf“, erwiderte sie auf Marthas warmen Dank.

„Sie sollten herüber kommen und den Kaffee mit trinken!“ bat diese.

„Lassen Sie mich, liebes Kind! ich habe eben eine Lage gefunden, in welcher ich es ohne Schmerzen aushalten kann, und Sie müssen ja doch dann Hefte korrigieren; da können Sie keine Gesellschaft gebrauchen.“

„Ich sehe aber nachher noch einmal herein und helfe Ihnen ins Bett; das darf ich doch?“

„Gewiß“, lächelte die Alte, und die Jüngere kehrte in ihr ungemein sauberes, gemütliches Zimmer zurück.

„Ich will mir doch morgen Wolle mitbringen zu einem Tuch für sie“, sagte sie leise.

Schöne Adventszeit! Das Christkind ist nicht weit; seine Liebe dringt durch Paläste und Hütten, seine dienstbaren Geisterchen gehen von Haus zu Haus, von Herz zu Herz, erwecken Liebesgedanken, entzünden zu Liebesthaten: groß und klein, und alt und jung. Gar so schnell eilten Tage und Stunden dahin für alle die emsig schaffenden Hände; der Christabend erschien, bevor man sich dessen versah. Es war kein freundlicher Tag mit strahlendem Sonnenschein über der weißgekleideten Erde. Vom Morgen an tanzte der Schnee durch die Luft in so dichten Flocken, daß man kaum wenige Schritte weit sehen konnte; der Wirbelwind jagte ihn, schlug ihn an die Fensterscheiben, und trieb ihn den mühsam dahinschreitenden, vermummten Gestalten ins Gesicht, welche ihre letzten Weihnachtsbesorgungen machen wollten; er warf an den Straßenecken Schneeberge auf, als wollte er allen Verkehr hindern und hemmen; er entführte die leinenen Wände der Buden auf dem Weihnachtsmarkte, und dort an der Ecke, wo sie seiner Gewalt am meisten ausgesetzt waren, stürzten mit großem Krachen zwei Honigkuchenbuden um; der Besitzer schimpfte und rieb sich die Glieder, die etwas getroffen worden waren. Mit großem Hallo! und Heisa! eilte die Straßenjugend herbei, wühlte im Schnee und suchte verunglückte Honigkuchenmänner, Pfeffernüsse und Bonbons darunter hervorzuziehen. Der Mann wehrte, seine Frau drohte, aber es war ja Weihnachten! Ein sehr schlimmes Gericht erging nicht über die Eindringlinge, und manches arme Kind hielt in den kalten dunkelroten Händchen mit strahlendem Angesichte ein süßes Beutestück. Auch Martha hatte sich gegen Abend wohl vermummt noch einmal hinausgewagt mit einem Korb am Arme. Ihre Waschfrau war krank gewesen und erst seit wenigen Tagen wieder außer Bett; ihr trug sie etwas Lebensmittel und selbstgestrickte Müffchen und Strümpfe für die Kinder hin; viel konnte sie nicht erübrigen von ihrem kleinen Gehalt, aber es war ja Weihnachten! da mußte sie auch die Freude des Schenkens haben. Sie fand die Familie um ein Tannenbäumchen versammelt, an dem wenige Äpfel und Nüsse hingen und ein paar kleine Lichter brannten. Mit Jubel wurden ihre Gaben empfangen, und die Danksagungen aller folgten ihr, als sie von da den weiteren Weg zum Vespergottesdienst antrat. Es war ein rechtes Kämpfen gegen Sturm und Wetter; aber es war ja Weihnachten! Von rechts und links, aus kleinen Gassen und breiten Straßen eilten mit fliegenden Mänteln und Kleidern alte und junge Gestalten herbei, und als die kleine Kirche mit den lichtübersäeten, liliengeschmückten Weihnachtsbäumen die Wanderer in ihren Friedenshafen aufnahm, als ihnen entgegenklang: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit; das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit, und dieses Welt- und Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht“; — da verstärkte der Gegensatz von drinnen und draußen das selige Gefühl, beim Christkind geborgen zu sein vor allem Weh und allem Leid des Lebens. Auch in Marthas empfängliches Herz drang der Strahl der Weihnachtssonne, auch sie empfand tief das: „Siehe, ich verkündige Euch große Freude!“ und erhoben und erquickt trat sie den Rückweg an. Er war weit leichter als der Hinweg; denn, als hätte auch der Sturm die Nähe dessen gefühlt, dem Wind und Meer gehorsam sind: es war ganz stille geworden draußen. Der Mond war durch die Schneewolken hindurchgebrochen; in seinem milden Lichte glänzten festlich die weißen Straßen und Dächer; hin und wieder ward jetzt ein Fenster hell und die Lichter des Christbaumes warfen ihren Schein hinaus auf die Straße. „Es ist doch schade, daß ich mir kein Weihnachtsbäumchen geschmückt habe“, dachte Martha als sie die enge, wohlbekannte Treppe hinaufstieg. Sie zündete ihre Lampe an und wollte eben das vollendete Tuch für die alte Nachbarin aus der Kommode nehmen, da hörte sie Flüstern und Schritte auf der Treppe; sie öffnete die Thüre, um zu leuchten, aber der Schein einer Laterne glänzte ihr entgegen, eine kleine weiße Hand schloß energisch die Thüre und eine liebliche junge Stimme sprach: „Ruhig drin geblieben, sonst bläst Ihnen das Christkind die Augen aus!“ Dann erklang, von wohlbekannten Stimmen gesungen, ihr Lieblingsvers:

„Fröhlich soll mein Herze springen

Dieser Zeit, da vor Freud’

Alle Engel singen;

Hört, hört wie in vollen Choren

Alle Luft laute ruft:

Christus ist geboren!“

Dann öffnete sich die Thüre, und welcher Anblick war schöner? Der grüne zierliche Baum mit brennenden Lichtern, goldenen Sternen und lieblichen Rosen, oder die hellen Augen, die von der Kälte geröteten Wangen und strahlenden Gesichter ihrer heißgeliebten Kinder? Die Thränen stiegen der Überraschten in die Augen; sie wußte selbst nicht, was ihr Herz jetzt am meisten bewegte; die himmlische oder die irdische Weihnachtsfreude, und sie konnte anfangs gar nichts weiter sagen, als: „Meine Kinder! meine lieben Kinder!“ und eine der zarten Mädchengestalten nach der andern in ihre Arme und an ihr Herz ziehen. Aber diese wünschten jetzt noch etwas anderes. Martha sollte auch die Arbeiten ihrer fleißigen Hände bewundern und sich über jedes der kleinen Geschenke einzeln freuen. Sie that es so gerne, aber mitten in dem fröhlichen Betrachten durchzuckte sie der Gedanke: „Ach, meine Klug! meine arme Klug!“ und die Kinder wußten nicht, warum sie auf einmal so still und nachdenklich zwischen ihnen stand und ein so wehmütiger Schatten über das Angesicht flog, dessen wechselnden Ausdruck ihre kindliche Liebe sonst so wohl verstand.

„Liebe Kinder“, sagte Martha endlich: „Wollt ihr mich nun ganz, ganz glücklich machen?“ Aller Augen hingen voll Spannung an ihren Lippen. „Seht, neben mir wohnt Fräulein Klug. Die hat nicht nur euch, sondern schon vor euch, euere Mütter unterrichtet und hat viel, viel mehr Anspruch auf euere Dankbarkeit als ich. Nichtwahr, wir tragen ihr das Weihnachtsbäumchen hinüber? Was gar nicht für sie paßt, das nehme ich mir herunter; aber die warmen Müffchen und den Ohrenwärmer und einiges andere, das lassen wir hängen; ist’s euch so recht?“ Ach nein! es war ihnen gar nicht recht; sie sahen recht niedergeschlagen und traurig aus. „Sie sorgt für mich, wie eine Mutter, und (hier wurde Marthas Stimme unsicher) ich werde auch ’mal alt und kränklich sein.“

Da wurde es unruhig in den jungen Herzen und Gewissen, und als die blonde Eva schüchtern sagte: „Ja, wenn es Ihnen so die meiste Freude macht, Fräulein Feldwart“, da stimmten die andern getröstet ein.

Die Jugend ist elastisch; die Kinder halfen nun selbst auswählen, was hier bleiben und was hinüber gebracht werden sollte, und gingen gern auf Marthas Wunsch ein, daß vor Fräulein Klugs Thüre nicht nur der erste Vers des schönen Weihnachtsliedes, sondern auch der siebente und der neunte gesungen werden sollte. Das wurde denn auch sehr schön ausgeführt; denn Marthas klare, sichere Stimme leitete den Gesang. „Faßt ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.“ Das war der Schluß. Drinnen war es ganz still geblieben. Leise klopfte Martha und öffnete vorsichtig; da stand Fräulein Klug mitten im Zimmer, hielt sich an die Lehne ihres Stuhles; gewaltiger Kampf war in ihren Zügen, aber mit finster abweisendem Blicke sah sie auf die Kinder und den geschmückten Baum. Es fühlten in diesem Augenblick alle, Martha am tiefsten, daß sie der Einsamen ein zweifelhaftes Glück bereiteten, und keines konnte sogleich eine passende Anrede finden.

Fräulein Klug zeigte mit ihren dünnen Fingern auf Martha: „Sie hat es euch gesagt, und der Baum ist für sie, und in euere Gedanken ist das nicht gekommen!“

Die arme Martha wurde blaß und rot und kämpfte mit den Thränen; konnte denn, was der heiße Wunsch ihres Herzens ihr schneller eingegeben hatte, als sie sonst Entschlüsse zu fassen pflegte, wirklich so schlimm sein in seiner Wirkung? Wie schwer ist es, in solchen Lagen das befreiende Wort zu finden! Mitunter lehrt es die Liebe.

Evas Auge hatte fest an dem Gesicht der geliebten Lehrerin gehangen; jetzt zog tiefes Rot über ihre Wangen, sie trat zu Fräulein Klug, und sagte mit inniger Stimme: „Es war freilich sehr schlimm, liebes Fräulein, daß es uns erst gesagt werden mußte, wir wissen aber jetzt, daß wir sehr undankbar gewesen sind! Bitte, vergeben Sie es uns am heiligen Weihnachtsabend und nehmen Sie unser Bäumchen freundlich an, von uns oder von Fräulein Feldwart, von wem Sie es lieber wollen.“

Da ging eine große Bewegung über das alte Gesicht: „Nein, Kinder! das Bäumchen, das habt ihr für Martha geputzt; das soll ihr Stübchen schmücken in den Feiertagen; ich komme schon hinüber und sehe es mir an; aber singt mir dann das schöne Lied noch einmal; das wird mir wohlthun.“

Der milde Ton ermutigte die Kinder, sie wurden jetzt ganz eifrig im Zureden: „Aber die Honigkuchen müssen Sie nehmen; meine Mutter hat sie selbst gebacken, und Fräulein Feldwart hat die andere Hälfte!“

„Und die Müffchen!“

„Und die warmen Handschuhe!“

Das alte Herz war erweicht; dies und jenes nützliche Stück blieb in ihren Händen; teils konnte sie den bittenden Kinderaugen nicht widerstehen, teils nahm sie es ihrer jungen Gefährtin zuliebe. Nun ward das schöne Lied noch einmal gesungen, das alte Fräulein gab ernst aber freundlich jedem Kinde die Hand; der Tannenbaum wurde wieder in Marthas Zimmer getragen; dann eilte das junge Voll nachhause, dem eigenen Weihnachtsbaum und der Bescherung der Eltern entgegen.

Martha aber ging mit ihrem Tuche noch einmal zu ihrer alten Freundin hinein. Als sie es ihr um die Schultern legte, fiel aus dem jungen Auge eine Thräne auf die alte runzelige Hand. Sie sprachen beide nicht; Martha setzte sich auf einen Schemel der Alten zu Füßen; diese legte ihre Hand auf den reichen braunen Scheitel und erst nach einer Weile sagte sie: „Ich war recht schlecht; es war ja so natürlich, und Sie meinten es so gut, Marthchen! Aber es ist auch schwer, wenn man einmal jung war und tüchtig und geliebt, und nach und nach fühlt man, daß die Kräfte schwinden, und daß man seinen Platz nicht mehr ausfüllen kann! Wenn man dann beiseite geschoben wird und vergessen, da giebt es einen harten Kampf um Demut und Geduld und um Liebe! Gott schenke Ihnen ein leichteres Los, mein liebes Kind!“

Marthas Herz war zu voll zum reden; der Mond schien ins Zimmer; sie saßen beide eine Viertelstunde still in seinem milden Lichte; da hörte Martha die alte Freundin leise sagen: „Faßt ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.“ Sie merkte, daß ihre Seele dahingegangen war, wo man des Menschentrostes gern entbehrt und am liebsten allein ist; so ging sie hinüber in ihr Stübchen.

Die Lichter am Tannenbaum brannten noch; sie waren aber sehr kurz geworden; mitunter entzündeten sich einzelne Tannennadeln und sandten ihren einzigen, lieben Weihnachtsduft durch das Zimmer. Wem bringt dieser Duft nicht die süßesten Bilder aus seiner Jugendzeit mit? Martha saß mit gefalteten Händen, ihr Herz war bewegt. Süße und schmerzliche Gedanken zogen durch ihre Seele; die Erinnerungen ihres ganzen Lebens gingen an ihrem inneren Auge vorüber. Die Gedanken haben schnellere Flügel als Wolken und Winde; eine kurze halbe Stunde genügte für die Reise durch ihr Leben. Wir, meine liebe junge Leserin, gebrauchen längere Zeit, wenn wir sie auf derselben begleiten wollen, und ich bitte dich dazu um deine freundliche Aufmerksamkeit und um ein wenig Geduld.

2.
Jugendsonnenschein.

Im Herzen einer deutschen Residenzstadt lag das stattliche Haus des Kommerzienrat Feldwart. Es erschien nicht als Palast, sondern als geräumiges Wohnhaus; es war von außen nicht überladen mit Schmuck, aber geschmackvoll und harmonisch in seinen Formen. Hinter den hohen hellen Spiegelscheiben fielen reiche Gardinen herab, dazwischen erblickte man prächtige, ausländische Gewächse mit ihrem mannigfachen Grün, und wer den Hausflur betrat, dem sagte die feine Mosaikarbeit des Fußbodens, die köstlichen bronzenen Flurlampen, von Statuetten gehalten, der weiche Teppich, der die Stufen der Treppe bedeckte, das stilvolle Geländer aus Schmiedeeisen und die schweren, eichenen, polierten Thüren an beiden Seiten, daß er sich im Hause des Reichtums befand. Dies schöne Haus ward bewohnt von dem wohlwollend aber ernst aussehenden Hausherrn, seiner etwas starken aber elegant und vornehm erscheinenden Frau, und Martha, der einzigen Tochter beider, dem schönen, fröhlichen und klugen Mädchen, das noch nicht lange aus den Kinderschuhen herausgetreten war, und, wie man es zu nennen pflegt, diesen Winter in die Welt eingeführt werden sollte. Ja, wollte denn Martha wirklich in die Welt? War sie ein Weltkind, das nur am Irdischen Freude fand? O nein! Marthas Seele war jedem höheren geistigen Interesse offen; die Eltern hatten sich bemüht, ihr die besten Lehrer zu geben, die wertvollsten Bücher in ihre Hände zu legen; wo es etwas Nützliches und Gutes zu hören gab, da mußte Martha dabei sein, und als die Zeit ihrer Einsegnung gekommen war, war sie einem treuen Seelsorger anvertraut worden; dem war es, da sein eigenes Herz in aufrichtiger Liebe zu Gott und dem Heilande brannte, leicht geworden, in dem empfänglichen Kinderherzen die gleiche Flamme anzufachen. Martha ging, auch nachdem sie den Unterricht verlassen hatte, gern und freudig zur Kirche; sie las andächtig in Gottes Wort und ihren schönen Erbauungsbüchern, sie sang mit Begeisterung fromme, geistliche Lieder und hob mit kindlichem Sinne morgens und abends ihre Hände betend auf. Aber Martha ging auch eben so gern ins Konzert und Theater, Martha zog sich auch gern hübsch an und hatte Geschmack darin, schnell auszuwählen, was für sie paßte; denn stundenlanges Beschäftigen mit Toilettengegenständen war ihre Sache eben nicht; Martha tanzte auch gerne. Es war so sehr der natürliche Ausdruck der Jugendkraft und Jugendlust, wenn sie nach dem Rhythmus der Musik durch den glattgebohnten Saal flog, und es brauchte zu ihrem Vergnügen gar kein Ball zu sein; wenn die Mutter einen Walzer spielte, nahm sie ihr kleines, weißes Seidenhündchen auf den Arm und tanzte fast mit noch größerer Lust durch das Zimmer, wie in der größten Gesellschaft.

Sie mußte auch in ihrer Art fleißig sein, denn ihre Zeit war sehr besetzt; es gab noch französische und englische Stunde; einen italienischen Abend, Klavier- und Singunterricht, Gesangverein, Vorlesungen, Lesekränzchen, Proben und Konzerte — jeden Tag etwas anderes. Dazu kam eine angenehme Geselligkeit. Langeweile kannte sie nicht; es war ihr nur zuweilen, als ob dies vielerlei sie abhielte, das einzelne so gründlich zu treiben, wie sie es gerne gethan hätte; aber Gott hatte ihr einen klaren Kopf, gute Anlagen und frische Kräfte gegeben, und so schwamm sie doch eigentlich in den Wellen dieser verschiedenen Eindrücke wie ein Fischlein im Wasser oder ein Vogel in der Luft, mit glücklichem Herzen und fröhlichem Angesichte; brauchten ihr doch all die Arbeiten und Mühen des alltäglichen Lebens, die man zusammen Wirtschaft nennt, keine Sorge zu machen; die ruhten sicher in den Händen einer wohlgeschulten Dienerschaft und waren in den behaglichen Wohnzimmern, in denen sich Martha bewegte, nur wenig zu merken. Der einzige Wunsch, der ihrem jungen Herzen unerfüllt geblieben, war der: o, hätte ich doch Geschwister! Sie hatte Bekannte, viele Bekannte; sie nannte sie Freundinnen; aber sie hatte ein Gefühl davon, die wahre Freundschaft müßte noch anders, noch tiefer und reicher sein. O, dachte sie oft: eine Schwester, ein Bruder wäre mehr als sie alle!

Der Vater Feldwart war oft sehr versunken in seine Geschäfte, die Mutter eine stille, bequeme Dame; da war ihr der Wunsch nach jugendlicher Gesellschaft nicht zu verdenken und siehe, seit einigen Jahren war auch diese ins Haus gekommen und hatte ihr einen großen Zuwachs an Lebensfreude mitgebracht. Der Vater hatte einen einzigen Jugendfreund gehabt, einen Doktor Kraus; der war Arzt in einem Provinzialstädtchen und lebte dort, seit Gott ihm seine Frau genommen, ganz der Erziehung seines einzigen Sohnes Siegfried. So lange er rüstig war, hatte er sich jedes Jahr einige Wochen frei gemacht und sich an irgendeinem schönen Ort im Gebirge, bald im Harz, bald im Thüringer Wald, bald im Schwarzwald, mit der Feldwartschen Familie zur Sommerfrische vereinigt, und dies war für beide Freunde, sowie für ihre wilden fröhlichen Kinder stets eine ersehnte und genußreiche Zeit; der schlank aufgeschossene Siegfried war dann der Ritter der kleinen Martha, und da er um 6 Jahre älter war als sie, galt er als ihr Beschützer auf allen Wegen. Aber schon seit Jahren hatte Herr Kraus nicht mehr reisen können; ein schweres inneres Leiden fesselte ihn zuerst ans Haus, dann an sein Lager, und niemand wußte besser als er, daß es ihn seinem Ende entgegen führte. Sein Freund Feldwart hatte ihn auf seinem Schmerzenslager noch einmal besucht und ihm das Versprechen gegeben, sich nach seinem Tode des verwaisten Sohnes anzunehmen. Als nun das erwartete Ende eintrat, erhielt Herr Feldwart mit der Todesnachricht zugleich ein Schreiben des Entschlafenen, welches die Pläne und Wünsche desselben für die fernere Laufbahn seines Siegfried enthielt. Ein Bruder des Doktor war als junger Mann nach Amerika gegangen und hatte dort in Missouri verschiedene landwirtschaftliche Etablissements und Fabriken angelegt. Er war ein sehr begüterter Mann, und da er unverheiratet geblieben war, wünschte er dringend, daß Siegfried zu ihm kommen, ihm in seiner Thätigkeit beistehen und schließlich sein Erbe werden möge. Für den jugendlichen Siegfried, so ungern er sich von seinem Vater trennte, hatte die Aussicht auf dies fremde Land und die unbekannten Verhältnisse etwas Verlockendes; Herr Kraus fühlte, daß seine Lebenszeit bald verflossen sein würde, er konnte Siegfried nur ein kleines Erbe hinterlassen; so machte er nur die Bedingung, daß dieser erst seine Ausbildung in Deutschland vollenden, einen praktischen Kursus in der Landwirtschaft durchmachen, seiner Militärpflicht genügen und einige Jahre in der Hauptstadt Kollegien über Physik, Chemie und andere dahin einschlagende Wissenschaften hören sollte. Die praktische Landwirtschaft hatte er noch beim Leben seines Vaters erlernt; seit dem Tode desselben war er in B., und wenn er auch nicht bei Feldwarts wohnte, brachte er doch fast alle seine freie Zeit daselbst zu; und wie er sich mit Martha als Kind gejagt hatte und mit ihr über den Graben gesprungen war, so teilte er nun gern ihre ernsteren Beschäftigungen, las mit ihr gute englische und deutsche Bücher, begleitete ihre liebliche Singstimme auf dem Klavier, oder mit seinem kräftigen, gut geschulten Baß. Die Eltern wurden es kaum gewahr, daß aus den Kindern Leute geworden waren, und sie selbst hatten bis dahin einen so geschwisterlichen Ton, wenn sie zu einander sprachen, daß sowohl die Dienerschaft des Hauses, als auch die Freunde desselben den unbefangenen Verkehr durchaus natürlich fanden.

Seit dem Frühjahr hatte Siegfried seine Studien vollendet, machte sein Militärjahr durch und kam nach dem Manöver als braungebrannter, wohlbestallter Unteroffizier bei Feldwarts an. Martha empfing ihn höchst fröhlich. Wenn ihm auch das Dienstjahr weniger freie Zeit ließ, — einige Mußestunden gab es immer, und sie hatte ihm soviel mitzuteilen — soviel neue Bücher, soviel schöne Lieder, die sie nun mit ihm zusammen einstudieren wollte. Auch Frau Feldwart war ganz die Alte; aber nicht ohne Grund hingen ihre Augen zuweilen mit Besorgnis an den welken, eingefallenen Zügen und matten Augen ihres Mannes. Er klagte nicht viel; er mochte nicht einmal leiden, daß man über seinen Zustand sprach. Der Arzt sagte: „Er hat angegriffene Nerven, er muß ins Seebad!“

Der Kranke lächelte grämlich: „Ich werde alt, das ist alles!“

Martha hatte noch nichts Schweres erlebt; sie tröstete sich: Es wird schon wieder anders werden! Für jetzt kam die schöne Adventszeit, brachte Arbeit für ihre Hände und freundliche Beschäftigung für ihre Gedanken; wenn Siegfried Kraus kam, hatte sie ihm immer allerlei neue Pläne mitzuteilen oder kleine Aufträge zu geben.

„Sehen Sie nur, Siegfried!“ sagte sie eines Abends, „Mama hat mir nun wirklich die schöne Rokoko-Kommode von der Urgroßmutter geschenkt, die ich so lange schon gern haben wollte; ich habe all meine kleinen Überraschungen eingeräumt. Dabei habe ich noch eine Menge Briefe, Papiere und Stammbuchblätter gefunden; auch auf ganz gelbem Papier ein Weihnachtslied; das können wir gleich zusammen einüben!“

Wann hätte jemals Siegfried „Nein!“ gesagt, wenn sie um etwas bat? Das Lied wurde zweistimmig gesungen und klang gar rein, frisch und andächtig von den jungen Stimmen. Am heiligen Abend kam Siegfried zeitig; Frau Feldwart hatte noch in der Bescherstube zu thun, der Kommerzienrat im Geschäft.

„Wie werde ich übers Jahr Weihnachten feiern“, fragte Siegfried ernst.

Marthas Herz wurde ganz schwer, und in ihren Augen standen Thränen. Sie hatte die Trennung nur immer in weiter Ferne gesehn, hatte vielleicht auch heimlich gehofft, es sollte noch etwas dazwischen kommen; nun war sie so nah! Es kam ihr vor, als wären auf einmal alle Blumen in ihrem Garten verhagelt; sie konnte sich gar kein Leben mehr denken ohne Siegfried. Aber am heiligen Weihnachtsabend durfte man doch nicht weinen. „Kommen Sie, Siegfried!“ sagte sie, „ehe die Eltern fertig sind zur Christvesper, können wir noch einmal Urgroßmutterchens Lied singen!“

Sie sangen:

„Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht,

Die uns das höchste Gut gebracht,

Dich Gottessohn, dich Königskind,

Das man im Stall und Kripplein find’t.

„Daß ich empfinge Kindesrecht,

Wohnst du wie ein geringer Knecht,

D’rum will ich gern gering und klein,

Herr, dir zu Lieb’ und Ehren sein.

„Dein war des Himmels Herrlichkeit,

Aller Welt Schätze weit und breit,

Du wurdest arm, daß ich würd’ reich,

Nun gilt mir arm und reich sein gleich!

„Du kamst aus lichtem Himmelssaal

Und gingst für mich durchs dunkle Thal;

Ich bin zum Leid nun auch bereit,

Da du es durch dein Leid geweiht.

„Für mich, mein Lebensfürst und Gott,

Gabst du dich hin in Todesnot,

Daß ich dem Tod verfall’nes Kind,

Durch dich das ew’ge Leben find’t.

„Ich kniee an dein Kripplein hin

Und fasse nicht das Wunder d’rin,

Und bitte dich, o Herr, verleih

Daß dies mein Bitten ernstlich sei.

„Du giebst dich mir, Herr Christ! ich hab’

Nur mich als arme Gegengab’,

So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,

Und mach aus mir, was dir gefällt.“

Die Eltern standen schon in der Thüre, als der letzte Ton verklang; die Mutter war zum Ausgehen angekleidet, Herr Feldwart hatte Thränen in den Augen: „Ich will lieber hier bleiben“, sagte er, „ich habe etwas Kopfweh!“

Martha war schnell in ihren hübschen Winteranzug gehüllt. Siegfried ging mit den Damen zur Kirche. Aus der nächsten Hausthüre trat Frau Geh.-Rat D., und schloß sich ihnen an. Man hatte erst eine Droschke nehmen wollen, aber die Sterne glänzten so freundlich, die Winterluft wehte frisch, und es war noch zeitig; da ließen sich die älteren Damen gern bereden, den Weg zu Fuße zurückzulegen. Sie gingen voraus, Siegfried und Martha hinter ihnen; der Weg führte eine ganze Strecke weit am Rande des Parkes hin; hier war es verhältnismäßig still und einsam.

„Martha“, sagte Siegfried, „wir haben’s nun so oft gesungen; ‚Nun will ich gern gering und klein, Herr, dir zu Lieb und Ehren sein‘, und: ‚Nun gilt mir arm und reich sein gleich‘; ich möchte wissen, ob das so ganz und gar Ihr Ernst ist!“

„Natürlich“, sagte sie, und schlug die Augen zuversichtlich zu ihm auf.

Das war ja gewiß; sie hatte in ehrlicher Begeisterung das Lied mit ihm gesungen, aber: was dachte sie sich wohl unter: arm sein? Was man gar nicht kennt, das fürchtet man nicht. Statt Sammet und Seide Wolle tragen, statt Kaviarsemmeln nur Butterbrot essen; in einer recht reizenden rosenumrankten Hütte wohnen — warum denn nicht? Es fragte sich nur, mit wem?

„Sehen Sie, Martha“, fuhr er fort (sie begegneten jetzt einer Schar lärmender junger Leute, und er legte ihren Arm in den seinigen): „Sehen Sie, den ganzen Tag ist mir so weh gewesen bei dem Gedanken, daß ich so weit von Ihnen fort soll, als könnte ich das gar nicht ertragen. Wenn Sie wirklich möchten klein und arm sein, vielleicht brauchten wir uns nicht zu trennen; vielleicht könnte ich die liebe kleine Hand in meiner behalten ein ganzes Leben lang.“

Wie glückselig blitzten Marthas Augen auf; aber es war nur ein rascher Blitz, ein tiefer Schreck verscheuchte den leuchtenden Ausdruck: „Aber Siegfried! meine Eltern, und Amerika!“

„Darüber sein Sie ruhig, Martha, ich denke, es soll gehen ohne den Oheim in Missouri.“

Martha dachte nach: „Sie meinen, der Vater könnte uns hier ein Gut kaufen?“

„Nein, Martha, das nicht! Das wäre sehr unbescheiden gedacht und ganz gegen meine Ehre. Wissen Sie, ich denke es mir so: Ein kleines Vermögen besitze ich selbst; jetzt ist die Pacht vom Rosenhof frei; ich besah das Gut neulich, als unser Regiment in der Nähe rastete; die Verhältnisse sind sehr günstig; wenn mir Ihr Vater mit einem mäßigen Vorschuß und seinem Kredit helfen wollte, daß ich es übernehmen könnte, und wir fingen dann recht klein und fleißig an, und wenn wir leidlich gute Jahre hätten, zahlten wir es nach und nach ab; das sollte doch wohl gehen!“

„Rosenhof!“ herrlicher Name! „Gutsfrau sein, und seine Gutsfrau!“ entzückender Gedanke! Sie sah sich schon im rosa Satinmorgenrock mit frisurenbesetzter Schleppe, feinem Morgenhäubchen, weißer gestickter Batistschürze, den blanken Fülllöffel in der Hand zwischen lauter weißen, rahmbedeckten Milchsatten stehen, und als er fragte: „Nun Marthchen, wie ist es, willst du es mit mir wagen?“ da sah sie ihn glückselig an und drückte leise seine Hand; sie konnte auch weiter nichts sagen, denn die Kirche war erreicht, und der volle Orgelton klang ihnen entgegen.

Ob die beiden heute Abend sehr, sehr andächtig waren? Glücklich und hoffnungsvoll waren sie und trugen auch dem lieben Gott immer wieder ihren Herzensdank und ihre stillen Wünsche vor; aber die echte rechte Weihnachtsfreude war heute nicht in ihren Herzen. Auf dem Heimwege gesellten sich Bekannte zu ihnen, da konnten sie wenig reden. Nur bat Martha: „Sage heute Abend dem Vater noch nichts; er kann niemals schlafen, wenn er sich abends aufregt; komme lieber morgen nach der Kirche“.

Sie kamen nachhause; der Weihnachtsbaum beleuchtete reiche, köstliche Gaben, vier strahlende Augen und zwei glückselige Herzen. Morgen, morgen sollte es offenbar werden, was heute geknüpft war! Kein Zweifel trübte ihre Freude; wußten sie sich doch beide gleich geliebt von dem Elternpaar. So schön, so schön war es bisher gewesen, nun sollte es noch viel, viel schöner sein. Kam denn in dieser Nacht kein dunkler Traum, um die beiden, die bisher im Maiensonnenschein gewandelt waren, vorzubereiten auf das erste schwere Gewitter?

3.
Sturm.

Der Kommerzienrat Feldwart saß in seinem Lehnstuhl, als Siegfried gegen Mittag bei ihm eintrat; zum erstenmal fiel diesem die bleiche, tonlose Farbe und die Schlaffheit der Züge seines väterlichen Freundes auf. Müde öffnete derselbe die halb geschlossenen Augen, aber als er Siegfried erkannte, flog ein freundliches Lächeln über das welke Gesicht: „Tritt näher, lieber Siegfried, du störst mich nicht!“

Siegfried trat näher, er nahm auch auf einen Augenblick den ihm gebotenen Stuhl; aber als er von seiner Liebe zu Martha anfing zu sprechen, da stand er vor dem Vater, eine schöne, kräftige jugendliche Gestalt, die wohl geeignet schien, ein zartes Mädchen zu stützen.

Herr Feldwart mochte Ähnliches denken; er sah ihn mit wehmütigem Wohlgefallen an, als sein warmes Herz die Worte rasch und fließend über die Lippen trieb, aber er unterbrach ihn bald mit demselben Schreckensruf, wie gestern die Tochter: „Aber Siegfried: Amerika!“

„Herr Feldwart“, sagte dieser, „ich denke, wenn Sie mir nur ein wenig mit Rat und That beistehen wollen, so wird es ohne den Oheim in Missouri gehen!“

„Kindskopf!“ rief der alte Herr ungeduldig, schob seinen Stuhl zurück, ging einigemal mit großen Schritten heftig durchs Zimmer und blieb dann vor Siegfried stehen, „Kindskopf! willst du deine ganze Zukunft einem Mädchen opfern, das noch ein Kind ist und noch gar nicht weiß, was es thun oder lassen soll? Da wird nichts daraus, mein Lieber!“

„Ich denke, Martha weiß, daß sie mich lieb hat, das ist mir genug. O bitte, hören Sie mich an, Herr Feldwart; der Oheim in Missouri schrieb seit meines Vaters Tode nicht wieder; er wollte mich damals bestimmen, sogleich zu ihm zu kommen; ich schlug ihm das ab, vielleicht mit etwas kurzen Worten. Er wird sich indessen andere Hilfe gesucht haben, und es widersteht mir, hinüber zu gehen und mich ihm anzubieten, gewissermaßen in der Absicht, ihn zu beerben; ich kann dies erwarten und möchte mir weit lieber hier durch meine eigene Thätigkeit eine Existenz gründen.“

„Sehr großartig“, sagte der Kommerzienrat ein wenig ironisch, „und wie, wenn ich fragen darf?“

Da kam denn wieder Rosenhof zutage.

„Verstehen Sie mich nicht falsch; ich möchte keinerlei Ansprüche an Ihre Hilfe machen; aber Martha und ich lieben uns sehr. Wenn Sie mir mit einem kleinen Vorschuß und Ihrem Kredit helfen wollten, könnte ich das Gut übernehmen. Martha und ich würden sehr fleißig und sparsam sein und es nach und nach abtragen; Sie wissen, ich bin kein schlechter, leichtsinniger Wirt, und ich habe das Meinige gelernt, und Martha will mir gerne dabei helfen.“

„Ist auch ganz dafür erzogen, versteht recht viel von der Wirtschaft“, fuhr der Vater auf.

Er hatte während Siegfrieds Worten das Zimmer ruhelos durchmessen; dennoch war dem Jüngling der Wechsel der Farbe auf seinem Gesichte, der Ausdruck von Kampf und Qual in seinen Zügen nicht entgangen. Jetzt standen sie sich gegenüber.

Herr Feldwart war totenbleich aber ernst und gefaßt: „Ich kann Ihnen nicht helfen, Siegfried! und ich werde es nicht thun, auch nicht mit einem einzigen Pfennig; das Beste ist, ihr seht euch gar nicht wieder!“

„Das ist nicht Ihr Ernst, das können Sie nicht wollen?“

„Siegfried, du weißt, was ich deinem Vater versprochen habe; du weißt, wie ich dich lieb gehabt habe diese ganze Zeit; Gott weiß, daß es mir schwer wird! ich kann es dir auch nicht erklären, später wirst du es einmal verstehen: Siegfried, dies ist mein letztes Wort! Ich werde niemals, niemals meine Erlaubnis zu deiner Verheiratung mit Martha geben; ich werde dir keinen Heller vorstrecken zur Übernahme von Rosenhof; wenn du mich nicht töten oder um meinen Verstand bringen willst (der Arme sah aus, als sei dies sehr leicht möglich), so verlasse jetzt das Haus, sieh Martha nicht wieder, lege das Weltmeer zwischen dich und sie, da wirst du ruhiger werden.“

„Und Martha?“ fragte Siegfried tonlos.

„Martha“, sprach der Kommerzienrat, und es klang wie Schluchzen in seiner Stimme, „Martha ist jung, es geht nicht anders, Siegfried!“

Siegfried liebte, aber Siegfried war auch stolz; er wandte sich und ging zur Thüre, und der Vater, hingesunken in den Lehnstuhl, bleich und zitternd, hörte ihn die Treppe hinunterstürmen und das Haus verlassen.

Martha saß indessen mit heißen Wangen neben der Mutter, der sie ihr süßes Geheimnis anvertraut hatte; sie lauschten beide auf des Vaters Ruf; auch die Mutter zweifelte nicht an der glücklichsten Lösung; jetzt kamen eilige Schritte über den Korridor; Martha flog auf, wie sie glaubte dem Geliebten entgegen. Er stürmte vorüber. Sie hörten die Hausthüre sich öffnen und schließen, sie sahen ihn fortstürmen, ohne sich umzusehn: „Ach Mutter, liebe Mutter, was ist das?“

Frau Feldwart war eben so bestürzt als Martha. Als eine halbe Stunde lang in des Vaters Zimmer kein Ton zu hören war, ging sie leise zu ihm hinein. Martha saß mit angehaltenem Atem; es schien ihr eine Ewigkeit vergangen zu sein, bevor die Mutter zurückkam. Sie sah blaß und verweint aus, setzte sich neben Martha, nahm ihre Hände und sagte: „Mein gutes, armes Kind, du mußt dich darein finden; dein Vater hat dem Siegfried nein gesagt. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es gar nicht; aber er muß sehr ernsthafte Gründe haben; er ist selbst so erschüttert, ich fürchte, es wird ihm schaden.“

Martha starrte die Mutter an und schüttelte ganz langsam den Kopf: „Es kann ja nicht sein, es kann ja gar nicht sein!“

Sie saßen eine Weile starr und stumm.

„Martha“, sagte die Mutter nach einiger Zeit, „versprich mir eins: sei jetzt ruhig und quäle den Vater nicht; ich fürchte, es steht nicht zum besten um seine Gesundheit; ihr seid beide noch jung, Siegfried hat dich sehr lieb. Wenn die Hindernisse, welche zwischen euch liegen, überwunden werden können, so überwindet er sie mit der Zeit; es ist irgendetwas dabei, was ich nicht begreife. — Hörst du, Martha? füge dich und quäle den armen Vater in diesen Tagen nicht!“

Martha versprach es unter heißen Thränen. Der Gedanke, Siegfried werde alles versuchen, ihre Hand zu erlangen, war ihr tröstlich. Das Wiedersehn mit dem Vater erschütterte beide sehr; er drückte sie immer wieder ans Herz: „Mein armes Kind, es geht ja nicht anders! Martha, sei ruhig! mach mir das Herz nicht noch schwerer!“ Er sah so unsäglich elend aus, daß Martha wirklich den Versuch machte, sich äußerlich zu bezwingen. Langsam und trübe schlich die Festwoche dahin; die geplanten Vergnügungen wurden abgesagt mit dem Bemerken, daß Herr Feldwart unwohl sei. Die Freunde, welche ins Haus kamen, fanden Frau Feldwart nur etwas ernster als sonst, und Martha ließ sich nicht sehen.

Mit den Neujahrskarten kam ein Brief von Siegfried:

„Meine liebe Martha!

„Da mich Dein Vater abgewiesen hat, ohne mir auch nur die geringste Hoffnung zu lassen, so eile ich nun dahin, wo ich sicher glaube, mir so viel zu erwerben, daß ich, so Gott will, später mit größerem Rechte vor ihn hintreten und meinen Wünschen Geltung verschaffen kann. Bis dahin behüte Dich Gott: ich will kein Versprechen und gebe Dir keins, aber, daß ich Dich fort und fort lieben werde wie heute — das weiß ich! Der Vater meines Freundes und Kameraden, General W., war mir behilflich, meine hiesigen Verpflichtungen schnell zu lösen, und wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich bereits auf dem Wege nach Bremen, wo ich mich einschiffen will nach meiner neuen Heimat. Sei tapfer und hoffe, meine liebe Martha, wie Dein betrübter, treuer Siegfried Kraus.“

Einen Augenblick war sie glücklich; es war ja ein Lebenszeichen von ihm; im andern wurde es ihr klar: er war ja fort, weit fort! Wie lange würde sie ihn nun nicht sehen, vielleicht nicht einmal von ihm hören; es war ihr, als wäre ihr ganzes Jugendglück, aller Sonnenschein und jede Hoffnung ihres Lebens mit ihm eingeschifft und zöge von ihr fort in unabsehbare Ferne. Sie weinte — weinte, als sollte ihr das Herz brechen. Dann bezwang sie sich, so lange sie bei den Eltern war; aber abends in ihrem sonst so trauten Stübchen, da brach der Schmerz aufs neue aus. Sie wollte sich Trost suchen, sie holte ihre Bibel, aber die Worte verschwammen vor ihren umflorten Augen; sie dachte des Weihnachtsliedes: „Ich bin zum Leid nun auch bereit, da du es durch dein Leid geweiht!“ Aber dies Leid war ja zu schwer, an solche Trübsal hatte sie dabei nicht gedacht. Sie suchte ihr Lager; vor acht Tagen war sie so glückselig eingeschlafen; konnte man denn in einer Woche so unglücklich werden? Das Kopfkissen war naß von ihren Thränen, und Mitternacht war lange, lange vorüber, da erst trat mit leichtem, leisen Schritte der Schlummerengel ins Zimmer und deckte sie und ihren heißen Schmerz mit seinem kühlen, weichen Flügel zu.

Als Martha am andern Morgen erwachte, drang schon das Morgenlicht durch die halbgeöffneten Jalousieen. Wie schwer ist das Erwachen, wenn über Nacht das ganze Leben eine andere Gestalt angenommen hat. Langsam und mechanisch kleidete sie sich an zu einem Leben ohne ihn und ohne Freude. Daß es unten im Hofe unruhiger war als sonst, hörte sie anfangs nicht, und als sie es wahrnahm, schob sie es auf die vorgerückte Tageszeit. Ihr Zimmerchen lag nach dem Hofe heraus; an der gegenüber liegenden Seite desselben zogen sich die Comptoirräume hin. Als sie die Fenster öffnete, fiel ihr eine hohe, kräftige Männergestalt in die Augen, welche mit eiligem Schritt ins Geschäftslokal trat: „Onkel Konsul, so früh am Morgen?“ Der erste Buchhalter lief mit Briefen hin und her; einige der jungen Kaufleute, die sonst um diese Zeit fest im Comptoir saßen, standen im eifrigsten Gespräche mitten im Hof; das Bild war ganz anders, als sie es sonst zu sehen gewohnt war, eine unbestimmte Sorge stieg in ihrem Herzen auf, und sie eilte ins Frühstückszimmer. Hier war keine Veränderung zu bemerken, als daß die Mutter sie mißmutiger als gewöhnlich begrüßte.

„Es ist heute ein ungemütliches Frühstücken“, sagte sie. „Der Vater ist schon seit einer Stunde fort; er hat nicht einmal seine Tasse Kaffee ausgetrunken, und nun kommst du so spät! Ich dachte schon, du kämest gar nicht mehr.“

„Ich schlief so spät ein“, sagte Martha betrübt, „und beim Papa ist schon Onkel Konsul zum Besuch.“

„Onkel Konsul? Was muß der wollen? Der kommt ja sonst doch nicht so früh!“

Konsul M. war ein Vetter der Frau Feldwart und der nächste Freund ihres Mannes. Sie sollten nicht lange auf die Erklärung warten, schon nach einer halben Stunde erschien der Erwähnte mit ganz ungewöhnlich ernstem, feierlichem Gesichte, schnitt die Begrüßung seiner Cousine kurz ab, setzte sich zu den Damen und sagte: „Ich habe euch leider eine sehr ernste Mitteilung zu machen, ihr Lieben.“

„Ist Papa krank?“ rief Martha und eilte zur Thür.

„Nein, Martha, bleib! Er ist sehr angegriffen, aber krank ist er bis jetzt nicht. Ihr versteht nichts von Geschäften, aber das wißt ihr, daß in London zwei große Handelshäuser gefallen sind. Es waren Häuser, mit denen Feldwart in fortwährender Verbindung stand, und es trafen ihn infolge davon Verluste auf Verluste. Doch hatte er bis gestern immer noch einige Hoffnung, daß er sie ausgleichen und seine Handlung retten könne. Ein Brief am heutigen Morgen zeigt ihm den Fall einer Firma in Hamburg an, mit welcher er noch viel enger verbunden war. Es ist nun keine Hoffnung mehr, daß er sich halten kann, und er schickte zu mir, daß ich ihm helfen soll, alle die schlimmen Schritte zu thun, welche nötig sind bei der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit.“

Frau Feldwart saß auf ihrem Stuhle und starrte den Sprecher an, als könnte sie nicht fassen, was er sagte.

Martha sprang auf: „Mein Vater! mein lieber Vater! ich muß zu ihm!“

In diesem Augenblick trat er herein, von seinem alten Kutscher geführt — ein Bild des Jammers! Der alte Johann setzte ihn in seinen Lehnstuhl und einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein; eine tiefe Ohnmacht umschleierte seine Sinne; unter Marthas Bemühungen kam er wieder zu sich. Sie kniete neben ihm und stützte seinen Kopf, als er allmählich sich seiner Umgebung bewußt wurde. Er sah sie schmerzlich an: „Mein Kind, mein armes Kind! verstehst du es nun? ich durfte ihn ja nicht mit hineinziehen; ich versprach seinem Vater, für ihn zu sorgen.“

Ja, sie verstand alles; aber ihr ganzes Herz bebte jetzt nur im Mitgefühl mit dem Vater, der in wenigen Stunden ein Greis geworden war. Er fing jetzt an zu weinen, zu weinen wie ein Kind. Martha hatte ihn noch nie weinen sehen. Sie netzte seine Schläfen mit wohlriechendem Wasser, sie holte Wein vom Frühstückstische und nötigte ihn zu trinken. Arme Martha! Ein wenig Beruhigung für sein Herz wäre die beste Medizin gewesen. Die Mutter konnte ihm diese nicht geben, sie saß noch immer stumm und rang die Hände; aber sein Freund trat zu ihm und sagte: „Feldwart, willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du mir Vollmacht geben, mit deinen Gläubigern zu unterhandeln und Verträge abzuschließen?“

„Ja, M., ich danke dir tausendmal!“

Die gerichtliche Vollmacht wurde noch an demselben Morgen ausgestellt, und es zeigte sich bald, daß dies gut war, denn es stellte sich beim Kommerzienrat ein schlummerartiger, fieberhafter Zustand ein; er mußte zu Bett gebracht werden und fing an zu phantasieren. Martha verlebte acht schwere und sorgenvolle Tage und Nächte an seinem Lager, nur unterstützt von dem treuen, alten Johann. Frau Feldwart ging ab und zu, ordnete auch wohl dieses und jenes an; aber es schien, als sei in dem furchtbaren Augenblicke, da die Stütze des Reichtums in ihrer Hand zerbrach, alle Ruhe und Haltung von ihr gewichen. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, stand hier einmal am Fenster und dort einmal und starrte ins Leere; sie sah keinen Zielpunkt für ihre Augen, keinen Stab, an dem sie sich halten und aufrichten konnte. „Arm, arm, ganz arm!“ hörte man sie immer wieder sagen.

Es war der Vermittelung und Fürsorge des Konsuls zu danken, daß für jetzt noch die Wirtschaft im alten Gange blieb.

Am neunten Tage saß Martha des Morgens an ihres Vaters Bett, als er die Augen matt aufschlug: „Wo ist die Mutter?“

Sie trat im selben Augenblick herein.

Einen Augenblick sah der Kranke beide freundlich an, dann ging eine Erschütterung über sein Gesicht: noch ein leiser Seufzer, ein Zittern, und er war aller Angst und Not entrückt. Aber für die Seinen begann sie in doppelter Weise. Bis zum Begräbnis gelang es dem Konsul, die Ruhe um die beiden Trauernden zu erhalten; sie waren sehr verschieden, diese beiden! Bei der Mutter mischte sich die Angst vor der drückenden Lage, welcher sie entgegenging, so sehr mit der Trauer über den Verlust ihres Gatten, daß all’ ihre Klagen mit Bitterkeit gemischt waren und sie zu einer reinen, wohlthuenden Empfindung ihres Schmerzes gar nicht kommen konnte, noch viel weniger zu dem Entschluß, irgendeinen Plan für ihre Zukunft zu entwerfen. Martha fühlte, wenn sie an ihren zärtlich geliebten Vater dachte, eine solche Beruhigung, ihn aller Not entrückt zu wissen, daß ihre Thränen oft recht sanft und lind flossen; sie fühlte auch Mut für die Zukunft, sie hatte den ernstlichen Willen, ihrer verzagten Mutter das Leben nicht schwer, sondern leicht zu machen, zu tragen, zu arbeiten, so viel sie konnte, aber freilich: über das Wie? war sie ganz im unklaren; hier hoffte sie ganz auf den Beistand des Onkel Konsul, und dieser wurde ihnen ja auch nach Möglichkeit zuteil. Kaum war das Begräbnis seines Freundes vorüber, als er bei den betrübten Frauen eintrat, um ihnen ihre Verhältnisse klar darzulegen und über ihre nächste Zukunft zu beraten. Das Vermögen der Frau Feldwart war ganz mit im Geschäft gewesen und nicht zu retten. Aber der Verstorbene hatte in sehr hoher Achtung bei seinen Berufsgenossen gestanden; so kam den Bemühungen seines Freundes von allen Seiten viel guter Wille entgegen, und es wurde dadurch möglich, nach dem Vergleich mit den Gläubigern eine kleine Summe zu erübrigen, von welcher die Witwe, mit einer Leibrente, welche sie besaß, notdürftig leben konnte; auch wurde ihr auf demselben Wege so viel an Hausrat und Wäsche zugestanden, als sie zur ersten Einrichtung notwendig brauchte.

Das war ja klar, daß die Verwaisten sich einen kleineren und billigeren Wohnort suchen mußten. Frau Feldwart war auf einem großen Gute erzogen in der Nähe der nicht ganz unbedeutenden Kreisstadt H., die freundlich zwischen Feldern, Wiesen und baumreichen Gärten lag. Konsul M. kannte dort einen älteren Beamten, dem er den Auftrag gab, eine bescheidene Wohnung zu mieten, auch dort am Orte ein Mädchen zu besorgen, da bei der ganzen bisherigen Lebensweise der Frauen nicht zu hoffen war, daß sie sich ohne ein solches behelfen könnten. Es kam denn auch bald die Nachricht, daß beides geschehen sei. So wurde mit des alten, betrübten Johanns Hilfe und unter Leitung des Onkels Konsul der Möbelwagen gepackt, und die Frauen durften abreisen, bevor das schöne Haus mit seiner trauten, prächtigen Einrichtung unter den Hammer kam.

Konsul M. brachte seine Verwandten zur Bahn; Frau Feldwart sah starr, bleich und unglücklich aus, sie hatte in den letzten Tagen kaum ein Wort gesprochen; Martha hing weinend an des Vetters Halse. Nun saßen sie im Coupé, langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Mutter schloß die Augen, während Marthas umflorte Blicke jeden lieben, bekannten Gegenstand gleichsam noch einmal mit Liebe umfaßten, bevor sie sich von ihm losrissen. Dort entschwanden die Straßen, in denen sie so fröhlich gewandelt war; da in der Ferne die Linden, unter deren Schatten der Vater schlummerte; hier die Bäume, unter denen Er, ach, vor so kurzen Wochen, ihr gesagt, daß er sie liebe; er wußte nicht, daß sie ins Elend zog; ihn trugen jetzt die Meereswellen hinaus, weit hinaus, einer glänzenden Zukunft entgegen! Wenn er es gewußt hätte, wie es um ihren Vater stand — er wäre nicht gegangen! Er durfte es niemals, niemals erfahren; er mußte dort im fernen Westen glücklich werden. Und sie? ach, sie kam sich vor wie ein losgerissenes Blatt, ratlos, kraftlos, willenlos vom Sturm der Zukunft entgegengetrieben. Hilfesuchend falteten sich ihre Hände und unwillkürlich kamen ihr die Worte auf die Lippen, die sie zuletzt mit ihm gesungen:

„So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,

Und mach’ aus mir, was dir gefällt.“

4.
Not und Sorgen.

Johann war abgereist, nachdem unter Marthas Leitung und mit seiner treuen Hilfe die kleine Wohnung in möglichst behaglichen Stand gebracht war. Er hatte noch Holz und Kohlen herbeigeschafft, hatte dem Mädchen sämtliche Wirtschaftsgeräte, Eimer, Besen und Bürsten mit den eindringlichsten Ermahnungen übergeben, und dann mit tausend Segenswünschen und heißen Thränen von seiner Herrschaft Abschied genommen. Mutter und Tochter saßen in der freundlichen, behaglich durchwärmten Wohnstube und überblickten ihr neues Reich; Martha nicht ohne das befriedigende Gefühl, durch ihren Geschmack ein so nettes Ganze geschaffen zu haben; die Mutter immer noch traurig und still. Die Wohnung lag in einem Hinterhause; aber nur die Fenster von Küche und Speisekammer öffneten sich nach dem nicht ganz kleinen und völlig sauberen Hof; die beiden Wohnstuben boten die freundlichste Aussicht auf einen reich mit Bäumen bepflanzten, jetzt freilich unter weißer Schneedecke ruhenden Grasgarten, und dicht hinter demselben floß ein klarer Bach durch Ellerngebüsch, welches das dahinter liegende Feld zum Teil verdeckte.

„Ist es nicht ganz nett, liebe Mama?“ fragte Martha sanft.

„Es ist ja gut so“, sagte diese in einem so gleichgültigen, traurigen Tone, daß es Martha schwer wurde, die Thränen niederzukämpfen.

Freilich: Vergleiche durfte man ja nicht anstellen mit den Räumen, die noch vor so kurzer Zeit sie umfangen hatten. Die Zimmer waren niedrig, die Fensterscheiben klein; es fehlte die Fülle herrlicher Blumen und Blattpflanzen, es fehlten die weichen, dicken Teppiche am Fußboden, die schweren, sammetnen Übergardinen, die reichen Tischdecken, reizenden Statuetten und Kronleuchter; außer einigen Familienphotographieen war die Wand nur von einem einzigen Bilde geschmückt, einem guten Kupferstich der Sixtinischen Madonna, welchen Herr Feldwart seiner Frau zu ihrem letzten Geburtstage geschenkt und Onkel Konsul für sie aus dem Zusammensturz gerettet hatte; aber es war durch Johanns Aufmerksamkeit doch auch noch einiges Freundliche mit hergekommen, das wohl imstande war, die Umgebung heimisch zu machen. In seinem gewöhnlichen Messingbauer hing über Marthas Nähtisch ihr kleiner, lieber Kanarienvogel; um die Bilder ihrer Eltern schlang sich, neu aufgebunden, der selbstgezogene Epheu, und unter dem Tische lag auf seinem alten Polster Ajax, das weiße Seidenhündchen. Er schlug jetzt an, man hörte die Küchenthür gehen.

„Mama“, sagte Martha, „Thekla wird jetzt hereinkommen; möchtest du ihr nicht Bescheid sagen?“

„Ich kann nicht, thue du das, Martha!“

Thekla erschien. Es war ein hübsches, gutgewachsenes Mädchen mit lebhaften Augen und gewandten Bewegungen, und jedenfalls älter als Martha. Diese stand ihr schüchtern gegenüber. Ach, sie war sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit nur zu sehr bewußt; ihre Fragen nach den Leistungen der Gemieteten kamen nur zögernd über ihre Lippen; die Antwort desto frischer und dreister aus Theklas Munde: „Ja, ich kann alles, reinmachen, kochen und waschen.“

Dies klang tröstlich; zuerst sollte sie einholen, was nötig war.

„Bringen Sie Brot, Butter, Suppenfleisch und irgendeinen hübschen Braten; bekommen Sie kein Geflügel, so nehmen Sie Filet!“

„Wie viel denn, Fräulein?“

„Ach, Sie werden ja sehen, ein Stück, das für uns paßt.“

Thekla erinnerte noch an einige dringende Bedürfnisse; es wurde eine lange, lange Liste, und als das Mädchen fort war, fühlte Martha erschrocken, wie leer ihr Beutelchen geworden war.

„Mama“, begann sie nach einer Weile schüchtern, „müßten wir nicht doch einmal berechnen, wie viel wir eigentlich jede Woche ausgeben dürfen?“

Frau Feldwart hielt sich den Kopf: „Ich kann gar nichts; rechne du!“

Sie hatte ihrem großen Haushalte in ihrer Weise pünktlich und ordentlich vorgestanden, aber sie hatte stets über sehr große Summen zu verfügen gehabt; sie konnte es sich gar nicht denken, wie es möglich zu machen sei, mit so wenigem auszukommen; dazu war das Unglück so unerwartet über sie hereingebrochen; ihre Leibes- und Seelenkräfte waren wie gelähmt.

„Hier im Buche steht alles“, sagte sie.

Martha nahm das Buch und rechnete, rechnete, bis ihr der Kopf heiß war, aber ach, sie kam zu keinem Resultat. Wenn sie nur hätte teilen dürfen in 12 Monate oder 52 Wochen; aber da war so vieles, das kam nur einmal im Jahre.

Die Miete, ja, das stand hier: 300 Mark; Kohlen hatte Johann gekauft: 20 Ctr. Kohlen 17 Mark, 1 Meter Holz 7 Mk. 50 Pf.; aber was konnte ihr das helfen? Hatte sie denn eine Ahnung, wie lange diese Portion reichen würde? Dies arme Kind fühlte tief ihre Unzulänglichkeit. Ach, es war gewiß noch vieles auszugeben, an das sie jetzt gar nicht dachte; also mit dem Einteilen ging es heute noch nicht! Sie versuchte es auf eine andere Weise; sie überlegte: „Wie kann ich sparen? Natürlich, Gesellschaften geben wir jetzt nicht; Schmuck, Bilder, Noten, Bücher dürfen wir nicht anschaffen; aber sonst haben wir zuhause doch einfach gelebt: es gab nach der Suppe nur zwei Gerichte und ein Dessert. Ein Gericht werden wir wohl streichen müssen, vielleicht auch das Dessert; aber ihren Tischwein muß Mama natürlich behalten; wenn ich nur eine Ahnung hätte, was die einzelnen Sachen kosten! Wenn mir doch nur Mama etwas helfen wollte; ach, es ist so schwer, so schwer! Mein Siegfried, mein armer, lieber Papa, ich habe nicht einmal so viel Ruhe, an euch zu denken!“

Sie hatte ja den besten und treuesten Willen, ihre Schuldigkeit zu thun und trotz ihrer doppelten Trauer einen reichen Springquell jugendlicher Frische und Thatkraft in ihrem Herzen. Aber wie sehr wurde derselbe auch in Anspruch genommen! Thekla zeigte wohl am ersten Morgen, daß ihr die Hausarbeit nicht völlig fremd war, auch brannte nach langen, vergeblichen Bemühungen endlich das Feuer in Stube und Küche. Aber nun sollte gekocht werden! Ach, da wurde es klar, daß weder Fräulein noch Mädchen auch nur den entferntesten Begriff von dieser Kunst hatten.

„Aber Thekla, Sie sagten doch, Sie könnten kochen, sieden und braten!“

„Nun ja, Fräulein, für uns zuhause; da kommt alles zusammen in einen Topf, der wird morgens in die heiße Asche gesetzt, da kocht sich’s ganz alleine. Aber hier, da ist noch nicht einmal ein Aschenloch, nur ein Ofen, da verstehe ich nichts von!“

Da war guter Rat teuer. Wenn nur Martha irgendjemanden hätte fragen können! Halt! eine Freundin ihrer Mutter hatte ihr einmal das Kochbuch von Henriette Davidis geschenkt; das fand sie endlich nach langem Suchen und studierte darin Bouillonsuppe und Lendenbraten. Aber es ist mit der Kochkunst eine eigene Sache; wo alle Erfahrung und Anschauung fehlt, gerät es auch nach dem besten Buche nur mangelhaft, und wer all’ die kleinen, nötigen Handgriffe nicht übte, dem geht die Arbeit sehr langsam von statten. Das Feuer meldete sich verdrießlich, weil eine Hand darüber kam, die es noch niemals geschürt hatte; der Ofen rauchte, weil eine Klappe geschlossen war, die geöffnet sein wollte; und als nach langen, schweren Mühen nichts weniger als pünktlich das Mittagsbrot auf den Tisch kam, schmeckte es jedenfalls ganz anders als in B., und Frau Feldwart, die ohnehin wenig Appetit hatte, legte verdrießlich ihren Löffel hin und schaute mit entsetzten Blicken auf die große Menge Suppe und den noch größeren Braten, welche eine sehr unliebsame Wiederholung auf morgen versprachen.

„Wir haben heute wirklich zu viel gekocht“, dachte Martha. Sie wollte ja gern den Kopf oben behalten und sah es als ihre Aufgabe an, der Mutter eine Stütze zu sein; hätte ihr ein erfahrenes und treues Mädchen zur Seite gestanden, so würde sie vielleicht die Schwierigkeiten überwunden haben. Aber ach! von ihrer Hauswirtin aufmerksam gemacht, mußte sie bald entdecken, daß Thekla kein redliches Mädchen war, und als einmal in der Nacht Frau Feldwart nach Kaffee verlangte und Thekla geweckt werden sollte, um Feuer zu machen, zeigte es sich, daß sie zum Tanze gegangen war und das Haus offen gelassen hatte. Hiervon mußte Frau Feldwart erfahren.

„Sie darf nicht bei uns bleiben“, sagte sie, „schon um des Hauswirts willen dürfen wir sie nicht behalten.“

Martha sah dies ein; sie fühlte, daß sie nicht die Erfahrung besaß, welche dazu gehört hätte, das Mädchen auf besseren Weg zu bringen, und so ging am anderen Morgen Thekla, und Martha sah ihr halb mitleidig, halb schmerzlich bewegt nach mit dem demütigenden Gedanken: „Ich konnte ihr gar nichts sein; ach, ich taste ja auch noch im Dunkeln umher, und Gott mag geben, daß ich meinen Weg finde. Es ist eigentlich gut, wir können ohne sie sparsamer sein!“

Es zeigte sich bald, wie nötig das war; Martha hatte gar nicht gedacht, daß zum Leben so viel Bedürfnisse gehörten; das Geld verschwand unter ihren Händen. Sie wollte sich bei der Mutter Rat und Anweisung holen, aber die war innerlich wie gebrochen und schüttelte nur den Kopf: „Thu, was du willst!“ Ach, da kamen für die Tochter auch recht mutlose, dunkle Stunden. Nein, arm und reich sein galt ihr gar nicht gleich! In der Phantasie war das recht schön, in der Wirklichkeit um so bitterer.

5.
Suschen von drüben.

Sie mußte sich nun ermannen und die Arbeit allein angreifen. Herr Reinhold, ihr Wirt, hatte ihr versprochen, Erkundigungen nach einem Mädchen oder einer Aufwärterin einzuziehen, aber sie auch darauf vorbereitet, daß es einige Tage dauern könne, bevor sich Hilfe fände.

„Es schadet auch nichts, Fräulein! Der Laufbursche holt Ihnen Kohlen und Wasser und kann auch in der Stadt was mit besorgen.“

Das war nun recht dankenswert, aber dennoch blieb eine große Sorgenlast auf Marthas Herzen, und sie stand recht traurig in der Küche und musterte die Reste vom vergangenen Tage, ob sich vielleicht ein Mittagsbrot daraus zusammensetzen ließe; da klopfte es an die Küchenthür, und als Martha dieselbe öffnete, erschien in ihrem Rahmen ein Frauenkopf, braun gebrannt von der Sonne, mit hundert kleinen Fältchen gezeichnet; das weiße Haar schimmerte nur wenig hervor unter einem neuen, karrierten Kopftuche, das, am Hinterkopfe regelrecht gebunden, in zwei gleichen, glatten Zipfeln nach beiden Seiten abstand, und mitten aus den freundlichen Zügen leuchtete ein ungemein helles, strahlendes Augenpaar die verwunderte Martha an: „Ach, ist’s denn möglich? nein, gar nicht verändert, noch ganz und gar wie sonst, mein liebes, liebes Fräulein!“

Marthas Verwunderung stieg: „Wen suchen Sie denn eigentlich, liebe Frau?“

„Aber, mein Fräulein Riekchen, oder meine liebe Frau Feldwart, kennen Sie mich denn nicht? Es sind ja nun wohl schon ein- oder zweiundzwanzig Jahre, daß wir nicht zusammengekommen sind; aber Ihre alte Trude, die sollten Sie denn doch wohl nicht vergessen haben.“ Martha fing an zu begreifen. Trude! den Namen hatte sie von ihrer Mutter oft nennen hören; sie lächelte: „Ja, was vor zweiundzwanzig Jahren war, kann ich freilich nicht wissen; ich werde im Sommer erst achtzehn. Sehe ich vielleicht aus wie meine Mutter damals aussah?“

Nun war das Lachen an der Alten.

„Ach freilich, freilich, Kind, accurat so! Wo dachte ich auch hin? Und die Sprache, wie Sie sich ’rumdrehen und alles! Sehen Sie, gleich wie ich aus der Schule kam, wurde ich bei ihr Kindermädchen; ich habe sie auf meinen Armen groß getragen, dann nachher war ich Zimmermädchen auf dem Gute. Als sie zum erstenmal zu Gottes Tische ging, da habe ich ihr das schwarze Kleid angezogen und an ihrem Hochzeitstage Kranz und Schleier gesteckt; ach, was war sie eine schöne Braut! All’ die Jahre daher habe ich mich gesehnt, sie einmal wiederzusehen. Nun sagte mir neulich der alte Herr, der die Wohnung hier gemietet hat, daß der Herr Vater tot ist und daß sie hierhergezogen ist, weil es ihr schlecht geht. Na, dachte ich, da mußt du hin, Trude, da mußt du hin! Ach, nicht wahr, Fräulein, ich darf mit meiner alten Herrschaft sprechen?“

Es wurde der Martha feucht in den Augen und weich um das Herz; sie war sich eben noch so grenzenlos verlassen vorgekommen, setzt sah sie wieder ein wenig Licht und Hilfe. Sie ging hinein zur Mutter: „Mama, deine alte Trude ist da; nicht wahr, du läßt sie hereinkommen? sie würde sonst zu traurig sein.“

Frau Feldwart sah erst sehr erschrocken aus; aber all’ ihre Jugenderinnerungen wurden lebendig; Trudens Güte und Treue spielte darin eine große Rolle. Nein, die konnte sie nicht abweisen — sie nickte still und traurig mit dem Kopfe.

Trude setzte ihre Kiepe in der Küche nieder, breitete sorgsam ihren dunkelblauen Mantel darüber und trat ins Zimmer. Frau Feldwart wollte ihr entgegengehen.

„Ne, bleiben Se sitzen, bleiben Se ruhig sitzen, mein liebes Fräulein Riekchen, und nehmen Sie es nicht für ungut, daß ich komme. Ich hörte, daß der liebe Gott Sie so geprüft hat, und da mußte ich doch ’mal nach Ihnen sehen. Wenn Sie als kleine Krabbe zu mir geweint kamen, da konnte ich Sie wohl leichte trösten, und jetzt mag das ja schwer sein; aber unsereiner kann doch sagen, daß man Anteil nimmt, und solche alte Bekannte, wie wir sind, die sprechen sich doch gern ’mal aus.“

Frau Feldwart reichte der Alten die Hand und winkte ihr, sich zu setzen: „Ja, Trude, wir sind sehr unglücklich geworden.“

„Nu, meine liebe Frau Feldwarten: welche der Herr lieb hat, die züchtiget er; ich habe es auch erfahren. Ich habe einen Mann und zwei Söhne begraben, und habe mich durchschlagen müssen mit drei schwachen, kleinen Mädchen; da weiß ich wohl, wie Ihnen das zu Sinne ist.“

„Ach, Trude, es ist zu schwer: mein Mann tot und alles mit ihm zusammengebrochen; nun in Armut sitzen und nicht wissen, wovon man am andern Tage leben soll, und das arme Kind, die Martha, ach Gott, ach Gott!“

Es waren die ersten Worte der Klage, die über Frau Feldwarts Lippen kamen, so lange sie hier war; es waren die ersten Thränen, die jetzt über ihre Wangen stürzten seit ihres Mannes Tode; sie kamen nun wie ein unaufhaltsamer, nicht endenwollender Strom. Trude stand leise auf, nahm den Kopf ihrer ehemaligen Herrin in ihren Arm, wie sie es gethan hatte, als dieselbe noch ein Kind war, und strich mit ihrer welken Hand sanft über das ergrauende Haar.

„Ja, weinen Se nur, weinen Se nur, Frau Feldwarten — immer zu! Die Thränen hat uns der liebe Gott gegeben; die fließen ab aus dem Herzen, wenn es zu voll wird, daß es nicht bricht, und glauben Sie nur, der liebe Gott hilft schon durch. Der Reichtum hat seine Freuden und seine Lasten, und die Armut hat ihre Freuden und ihre Lasten; die Hauptsache ist, daß der liebe Gott mit seiner barmherzigen Hand immer dazwischen ist; hat doch der Heiland auch nicht im Schlosse gewohnt, sondern im Stalle; ich meine, da ist’s noch lange nicht so fein gewesen wie hier in der Stube.“

Martha war hereingekommen, das Wort traf sie tief! Die Alte sah, daß die Thränen ihres Pflegekindes sanfter flossen — sie stand auf.

„Darf ich denn ’mal wieder kommen, Frau Feldwart?“

„Ach, Trude, komme ja, so oft du kannst; aber wo wohnst du denn eigentlich und was treibst du?“

„Ach, mir geht’s jetzt ganz gut; zwei von meinen Töchtern sind verheiratet, die älteste ist in recht guten Verhältnissen, die jüngste dient auf dem Amte, und mir hat der Herr Amtmann das Häuschen beim Thore gegeben, wo sonst der alte Boten-Ferdinand wohnte; ich thue die Botengänge nach L. und nach hier; ich bin glücklich auf meine alten Tage.“

Frau Feldwart sah hinaus; der Februarsturm peitschte den Regen gegen die Scheiben.

„Aber bei solchem Wetter gehst du auch? Wirst du da nicht krank?“

Die Alte lachte: „Ach, das wird man alles gewohnt. Sehen Sie, beim Schmied wird die Hand hart, daß er keine Hitze mehr fühlt, und beim Tischler wird die Hand hart, daß ihm der Hobel nicht mehr weh thut, und bei mir da ist nachgerade das ganze alte Fell hart geworden, daß mir Wind und Wetter nichts mehr anhaben kann; man glaubt nicht, was sich alles lernt im Leben.“

Sie ging; Martha begleitete sie, um ihr den Korb mit aufheben zu helfen; sie erzählte ihr das Unglück mit dem Mädchen, und die Alte versprach ebenfalls, ihre Augen und Ohren danach aufzuthun.

„Jetzt aber, Fräulein, jetzt müssen Sie mir noch die Liebe thun und die zwei Paar jungen Tauben annehmen; bei meiner Kathrine sitzen sie über dem Kuhstall, da brüten sie bald.“

Martha dankte herzlich, aber sie faßte die Thierchen mit einem ängstlichen Blick auf Trude.

Diese lachte: „Ach so! das Fräulein hat gewiß noch keine geschlachtet; da will ich die Köpfe nur gleich noch abreißen — so! Nun behüte Sie der liebe Gott, und halten Sie Ihren jungen, hübschen Kopf oben, daß die Mutter keine betrübten Gesichter sieht, es geht alles in der Welt mit der Gotteshilfe.“

Martha war ganz mit ihr einverstanden im tiefsten Innern, besonders was die großen Sorgen des Lebens betraf; wie es jetzt aber weiter gehen sollte mit ihrer Wirtschaft und speziell mit diesen zwei Paar Tauben, das war ihr sehr unklar. Für das Große, meinte sie, da könnte man doch den lieben Gott recht anrufen, aber für solche Lappalien, die man noch dazu durch seine Dummheit verschuldet hat, da erschien es ihr fast, als dürfte sie es nicht. Zunächst, das schien ihr gewiß zu sein, mußten die Tauben gerupft werden; sie setzte sich auf den Rand des Küchentisches dicht ans Fenster und begann die ungewohnte Arbeit. Es ging sehr langsam; sowie sie sich bemühte, etwas schneller vorwärts zu kommen, riß die feine Haut ein; dazu war ihr das Herz so schwer. Was sie schon längst bedrückt hatte, das war ihr heute vor dem leeren Kohlenstalle zur Gewißheit geworden; sie hatte schlecht gewirtschaftet, und ihre Gelder mußten zu Ende sein, bevor dieser Monat zu Ende war; vor dem ersten April war nichts Neues zu erwarten, und sie quälte sich mit dem Gedanken, wie es bis dahin werden sollte; sie hatte sich zusammengenommen diese ganze Zeit; jetzt tropfte langsam eine Thräne nach der anderen herab aus ihren Augen, und sie mußte immer wieder die Arbeit sinken lassen, um diese zu trocknen. Ohne es zu wissen, hatte sie dabei zwei teilnehmende Zuschauerinnen. Der Feldwartschen Küche gegenüber lag die Küche der großen Wohnung im Vorderhause; dort hatte Martha bis gestern neben dem Dienstmädchen nur eine schlanke Dame wirtschaften sehen, und zuweilen bemerkt, daß die Blicke derselben freundlich und teilnehmend auf ihr ruhten. Heute zeigte sich neben der Dame ein junges, behendes Mädchen, ohngefähr in Marthas Alter. Als Martha von ihrer Arbeit aufblickte, sah sie die junge Gestalt am Fenster stehen, und als sie nach einiger Zeit zum zweitenmale hinsah, grüßte dieselbe freundlich, und Martha dankte ihr. Jetzt bemerkte sie, wie Mutter und Tochter — das waren sie sicher — eifrig miteinander sprachen: die Mutter lachte, die Tochter verschwand, und einige Minuten später klingelte es an Feldwarts Korridorthür.

Als Martha öffnete, stand das junge Mädchen mit hocherrötendem, verlegenen Gesichte ihr gegenüber: „Ach, verzeihen Sie, ich bin ja nur das Suschen von drüben.“

Martha wollte ihr die Zimmerthür öffnen.

„Ach bitte, nein! ich kann ja nicht ins Zimmer, so wie ich bin!“ sagte Suschen und lachte, indem sie auf ihren Morgenrock und ihre blaugedruckte Küchenschürze zeigte. Martha dachte, daß die zierliche Gestalt mit dem glatten, blonden Köpfchen, den klaren, blauen Augen und Grübchen in den Wangen an jedem Platze hübsch aussehen müßte, aber Visitenkostüm trug sie freilich nicht.

„Ich wollte, ach, wenn es nicht unbescheiden ist, ich wollte Ihnen Tauben rupfen helfen.“

Martha streckte ihr beide Hände entgegen: „Wie freundlich, wie sehr freundlich ist das! Wenn Sie mir zeigen wollen, wie es am besten anzufangen ist, so werde ich Ihnen sehr, sehr dankbar sein; ich bin noch so gar dumm in solchen Sachen.“

„Und ich“, lachte das Suschen, „bin vorigen Sommer schrecklich klug darin geworden, denn ich war bis vorgestern bei der Tante Pastor in S., die hatte einen großen Taubenschlag; da gab es zu manchen Zeiten mehr Tauben, als uns lieb war: einen Tag Frikassee und den andern Tag Suppe und den dritten Braten. Alt und jung und Kind und Kegel mußte dann rupfen, und als ich vorhin sah, wie Sie sich damit quälten, da konnte ich’s nicht aushalten und lief herüber.“

Während dieser Erklärung waren sie in der Küche angelangt; Suschen sah sich einen Augenblick darin um: „Jetzt müssen wir uns auf zwei Stühle nebeneinander setzen, damit meine Küchenschürze für uns beide ausreicht; Ihr dünnes, weißes Schürzchen taugt dazu nichts, Fräulein Feldwart.“

„Ich heiße Martha“, sagte diese lächelnd.

„Nun also, Martha, kommen Sie und machen Sie mir alles nach.“

Martha sah einige Zeit mit Verwunderung zu, wie die Federn unter Suschens runden Fingern verschwanden, dann ließ sie sich erklären, worauf es ankam, und da sie von Natur nicht ungeschickt war, eiferte sie bald der jungen Gefährtin nach. Als sie nun auch mit schnelleren Bewegungen an die gefährliche Stelle unter dem Flügel kam, gab es freilich noch einmal einen großen Riß, der wurde diesmal aber nicht beweint, sondern herzlich belacht.

„Ich bin so froh, daß ich endlich glücklich hier bin“, sagte Suschen. „Sehen Sie, mein Vater ist Direktor an dem Gymnasium hier, seine Kollegen haben alle nur ganz kleine Kinder, da fürchtete ich mich ordentlich, nachhause zu kommen, denn bei der Tante waren viel junge Mädchen. Mama schrieb mir vor vierzehn Tagen schon, daß Sie hier eingezogen wären, und ich habe die ganze Zeit Pläne geschmiedet, wie ich zu Ihnen gelangen wollte; nun sind die lieben Tauben so gefällig und vermitteln es.“

„Können Sie auch Tauben ausnehmen und zurecht machen?“ fragte Martha zaghaft.

„Freilich“, versicherte Suschen, „soll gleich geschehen: Wann sollen sie denn gegessen werden? Heute doch nicht mehr, sie sind ja noch warm!“

Martha wurde verlegen: „Ich war aber so froh, daß ich etwas zu Mittag hatte!“

„Na“, tröstete Suschen, „es geht am Ende auch. Wenn Sie nur ein wenig Spiritus im Hause haben, brennen wir sie damit ab; die Tante sagt, das thäten sie immer in Karlsbad, wenn die Hähnchen eine Stunde vor dem Essen noch umherliefen. Dann nehmen Sie heute wenigstens nur zwei und kochen sie zur Suppe, und morgen braten Sie die anderen; für zwei Personen reicht das ganz gut.“

Jetzt wollte Martha Feuer unter der großen Platte anbrennen.

„Haben Sie denn keinen Petroleumkocher?“ fragte Suschen. „So ein großes Feuer für zwei Tauben ist doch schade!“

Martha hatte keinen.

„Ich hole so lange unseren herüber, damit Sie nur erst ’mal sehen, wie hübsch das ist, und dann, wenn Sie es erlauben, werde ich die Mama fragen, ob ich nicht hier erst einmal mit fertig kochen darf.“

Martha sprach ihre Freude über diesen Gedanken aus: „Ich will ja alles so gern lernen“, sagte sie, „aber ein wenig Anleitung muß man doch haben.“

Wie gemütlich war es ihr, dieselbe von einer so lieblichen Altersgenossin zu empfangen! Als Suschen weggegangen war, erschien Frau Feldwart in der Küche.

„Wer war bei dir?“

„Das Suschen von drüben.“

„Wer ist das?“

„Ach Mama, hier unser vis à vis; sie hatte gesehen, daß ich nicht Tauben rupfen konnte, da kam sie und zeigte es mir; sie will mir auch kochen helfen.“

Frau Feldwart schüttelte den Kopf. Die schnelle Freundschaft war ihr sehr verwunderlich; aber sie hatte Martha zum erstenmale wieder lachen hören, und ihr Mutterherz lebte noch, wenn es auch jetzt im Banne der Traurigkeit lag.

„Woher hast du die Tauben?“

„Trude hat sie gebracht von ihrer Tochter, die hat einen Taubenschlag.“

Suschen kam jetzt wieder und Frau Feldwart zog sich zurück.

„Ich habe mir etwas ganz Reizendes ausgedacht“, sagte die kleine Nachbarin, „und meine Mama hat nichts dagegen: ich will Ihnen, wenn Sie es erlauben, früh jetzt immer ein wenig helfen; da kommen sie nach und nach in Übung und ich nicht heraus; darf ich das?“

Sie sah Martha so lieblich bittend an, daß diese sie gerührt umarmte.

„Ach, ich kann darüber ja nur ganz glücklich sein, und ich weiß ja ohnehin nicht, wann ich wieder ein Mädchen haben werde.“

„Ach“, sagte Suschen, „ich nähme mir gar keins wieder. Es ist doch zu erwarten, daß wir beide in der ersten Zeit noch allerlei Dummheiten machen; da ist es viel besser, wenn uns niemand dabei zusieht, und dann brauchen wir ja auch viel weniger zu kochen und können es feiner einrichten. Sie werden schon eine Frau finden, die morgens ein paar Stunden kommt und nach Tische noch ’mal; das ist viel billiger als ein Mädchen.“

„Ja, das wäre sehr gut“, sagte Martha, „ich muß mich so erst einwirtschaften. Meine Thränen heute Morgen galten viel weniger den Tauben, als der Angst und dem Kummer, daß ich viel mehr verbraucht habe, als ich eigentlich durfte.“

„Ach, da kann Ihnen gewiß meine Mutter raten; wir sind acht Kinder, da muß sie auch recht sparen, wo sie immer kann.“

Es erhob sich nun noch eine kleine Schwierigkeit. Martha meinte: nur Tauben in der Suppe — das würde ihrer Mutter doch nicht recht sein.

„Gut“, sagte Suschen, „so schneiden wir die Tauben in Viertel, machen eine Frikasseesauce darüber, und braten die Kartoffeln, da haben wir gleich noch einen besonderen Gang für unser Diner.“

Martha staunte Suschens Erfahrungen an. Es war schließlich alles wohlgeraten, und als sich die beiden Köchinnen trennten, geschah es mit einer fröhlichen Umarmung, und beide brachen zugleich in die Worte aus: „Wollen wir uns nicht lieber ‚du‘ nennen?“ Dies wurde mit einem herzlichen Kusse besiegelt, und die Freundschaft war geschlossen. Frau Feldwart war zum erstenmale befriedigt von ihrem Mittagsbrot, von dem sie heute nach des Mädchens Abgang nur wenig erwartet hatte.

Als sie ihre Mittagsruhe hielt, saß Martha still an ihrem Fenster und staunte darüber, daß sie jetzt so fröhlich und getrost war. Sie hatte den lieben Gott heute nicht um seine Hilfe gebeten, weil ihre Anliegen ihr zu klein dazu erschienen; waren ihre unausgesprochenen Seufzer doch vor seinen Thron gekommen? Ach ja! was unsere Herzen unruhig macht, das ist ihm nie zu groß oder zu klein, und wenn er seine Kinder auf sehr rauhe Pfade und durch sehr dunkle Stunden führt, thut er wie eine gute Mutter, die dem Kleinsten Süßigkeiten oder Spielwerk vorhält zu dem ersten schweren Schritte; er läßt mitten durch die dunklen Wolken einen Sonnenstrahl fallen, eine Gebetserhörung ein freundliches Erlebnis, um der Seele zu sagen: „Ich verlasse dich nicht; ich bin dennoch bei dir und halte dich an meiner Hand, wenn du mich auch nicht immer gleich finden kannst.“ An solchen Erfahrungen stärkt sich dann der Mut und das Gottvertrauen, und der Fuß lernt wieder getroste und gewisse Schritte thun. Martha hatte sich von jeher eine echte, rechte Freundin gewünscht; Suschen sah so sehr lieb und treu aus: vielleicht hatte sie in ihr gefunden, was sie suchte.

Es schien heute der Tag aller Besuche zu sein. Gegen Abend kam die Frau Direktorin selbst und bat Martha, sie bei ihrer Mutter zu melden. Frau Feldwart hatte außer Trude noch niemanden empfangen; aber sie fühlte wohl, daß sie sich nicht ablehnend oder unfreundlich gegen die Mutter verhalten durfte, nachdem die freundliche Hilfe der Tochter dankend angenommen war. Die geselligen Gewohnheiten ihres Lebens machten ihr die Sache leichter, und sie kam der Frau Werner, deren ernstes, teilnehmendes Gesicht sehr vertrauenerweckend aussah, rücksichtsvoll und artig entgegen.

„Verzeihen Sie“, sagte diese mit sanfter Stimme, „daß ich zu Ihnen komme, ohne zu wissen, ob es Ihnen jetzt schon angenehm ist, Besuche zu empfangen; ich wollte nur das Eindringen meines ungeduldigen Kindes entschuldigen und mich überzeugen, ob Ihnen die Pläne der beiden jungen Mädchen nicht lästig oder störend sind. Ich kann mir so sehr denken, wie Ruhe und Stille Ihnen jetzt vor allem wohlthun.“

„O ja“, sagte Frau Feldwart, „für mich haben Sie ja wohl recht, aber für Martha sehe ich es doch sehr gern, wenn sie junge Gesellschaft und etwas Erheiterung hat, und Ihr liebes Töchterchen kam heute in Marthas Ratlosigkeit hinein wie eine gute Fee. Ich kann Ihnen nur von Herzen dankbar sein, wenn Sie erlauben wollen, daß sie meinem armen Kinde ferner mit Rat und That beisteht; Martha ist noch so ganz unbewandert im Häuslichen, und ich“ — Frau Feldwarts Thränen waren heute einmal in Bewegung gebracht, sie flossen jetzt aufs neue — „und ich bin ja ebenso unwissend als sie.“

„Ich glaube es“, sagte Frau Werner sanft, „es ist jetzt ein sehr schwerer Übergang mit all’ dem Kummer im Herzen. Aber diese Dinge sind wirklich nicht so schwierig zu erlernen, als es scheint. Sie sollen sehen: wenn unsere beiden Kinder die Sache zusammen angreifen, haben sie schließlich noch die größte Freude davon. Würden Sie denn Ihrer Martha erlauben, manchmal ein Stündchen zu uns zu kommen? Es ist viel Leben bei uns: acht Kinder, von denen Suschen das älteste ist.“

Frau Feldwart sah etwas bedenklich aus; ihr freundlicher Besuch fuhr fort: „Ich hatte nicht daran gedacht, Ihnen die Gesellschaft Ihres Töchterchens zu entziehen; ich denke mir aber, Sie bedürfen so gut als mein Mann und ich der Mittagsruhe. Während dieser Zeit ist meine unruhige Schar im Sommer auf dem Hof oder im Grasgarten, im Winter in dem großen Hinterzimmer; sie versichern, es sei dies die fröhlichste Stunde des Tages. Da könnte Martha mit vergnügt sein.“

Die Einladung ward angenommen; Frau Werner erbot sich zu allem guten Beistande, falls derselbe gewünscht werde, und Frau Feldwart dankte ihr herzlich, bat aber, ihr noch einige Zeit den Gegenbesuch zu erlassen.

Kaum hatte Martha die gütige Nachbarin hinausbegleitet, als es abermals klingelte. Es war jetzt schon dämmerig, und Martha erschrak fast vor der großen, kraftvollen Frauengestalt, welche den Rahmen der Flurthür fast ausfüllte. Sie zündete schnell die Lampe an, und als ihr Licht das breite, von Güte und Freundlichkeit strahlende Gesicht der Eingetretenen beleuchtete, da konnte von Furcht oder Beklemmung keine Rede mehr sein.

„Ich bin die Warburgerin“, sagte die Riesin. „Die Trude schickt mich, und ich möchte hier Aufwartefrau werden. Sehen Sie, ich habe fünfe; mein Mann geht auf Arbeit in die Fabrik, und ich kann nicht mitgehen, sonst verlottert die Wirtschaft und die armen Würmer verkommen; aber so ein paar Stunden früh und nachmittags, da nimmt sich schon meine alte Nachbarin der Kinder an. Alles kann einer für sieben doch nicht schaffen.“

Die verschiedenen Eindrücke des Tages hatten Frau Feldwart doch so weit aus ihrer Müdigkeit und Niedergeschlagenheit aufgerüttelt, daß sie die Verhandlungen mit der Warburgerin selbst übernahm; man wurde bald handelseinig, und kaum war dies geschehen, so hing mit unfaßbarer Geschwindigkeit der Mantel der eben Gemieteten am Nagel; sie ergriff die Brunneneimer, fragte mit einem Blick auf den Kohlenkasten nach dem Kohlen- und Holzstall, und es war noch keine halbe Stunde vergangen, da war alles Nötige für den andern Morgen vorbereitet. Frau Warburger fragte, ob noch etwas in der Stadt zu bestellen sei, und ging dann, um Mutter und Tochter in einem so befriedigten Zustande zurückzulassen, wie es beide an diesem Morgen noch nicht für möglich gehalten hatten.

Martha sehnte sich zum erstenmale wieder nach einer stillen Beschäftigung; am liebsten hätte sie ein ernstes Lied gesungen, sie wußte aber, daß dies die Mutter jetzt noch nicht ertrug. Sie griff zu einer leichten, angefangenen Häkelei, aber ihre Hände sanken immer wieder nieder, weil ihre Gedanken so weit umherwanderten. Zum erstenmale dachte sie, daß doch wohl Gott in seiner Weisheit sie davor bewahrt habe, jetzt schon zu heiraten und ernstere und reichere Pflichten auf sich zu nehmen, und zwar wehmütig, aber gar nicht unlieblich erschien ihr die Aufgabe, während Siegfried im fernen Lande bemüht war, die Mittel zur Gründung eines häuslichen Herdes zu erwerben, sich hier allmählich ausbilden zu können zu einer tüchtigen und brauchbaren Lebensgefährtin für ihn. Süße Bilder der Zukunft umschwebten sie, aber das Bewußtsein, wie ungewiß, ja wie unwahrscheinlich ihre Verwirklichung sei, wollte ihr Herz wieder in Traurigkeit versenken.

Aber nein! sie hatte ja heute so viel zu danken, sie mußte den Kopf oben behalten. „Ich werde mir jetzt eine Arbeit suchen, die meine Gedanken voll in Anspruch nimmt“, dachte sie, „ich will Suschen zum Andenken an den heutigen Tag etwas malen.“

Als sie sich der Mutter gegenüber mit ihren Zeichengerätschaften eingerichtet hatte, holte sich diese ein Buch zum Lesen, und es war das erste Mal, daß beide gemütlich zusammensaßen in den neuen Räumen. Konnte man doch nun auch dem anderen Morgen mit größerer Ruhe entgegensehen. Die Warburgerin fand sich zum verwundern schnell zurecht. Als die notwendige Arbeit gethan war, scheuerte sie freiwillig noch die Hintertreppe, die von Thekla sehr vernachlässigt worden war. Als sie dann ihre Hände gewaschen und ihren Mantel umgethan hatte, stellte sie sich mit untergeschlagenen Armen noch einmal auf die oberste Stufe, blickte mit einer Art verklärter Zärtlichkeit auf das eben vollendete Werk und sagte: „Ne, was schöneres giebt es doch auf der Welt nicht, wie so ’ne schloh-blütenweiße Treppe!“

Martha hatte sie mit ihren Augen auf Schritt und Tritt begleitet; sie sah, daß sie eine geübte Arbeiterin vor sich hatte, und wollte von ihr lernen. „Welche verschiedenen Lose haben doch die Menschen!“ dachte sie; „es ist eigentlich hart, immer nur zu scheuern, zu fegen und zu putzen!“ Bei Frau Warburgers entzückter Anbetung der gescheuerten Treppe tröstete sie sich: „Es ist am Ende einerlei, was man thut, wenn es nur mit solcher Befriedigung lohnt!“

Zum Kochen kam wieder das Suschen und brachte eine Schüssel Spinat mit: „damit wir auch Gemüse zum Braten haben.“ Als nach Tische die Mutter in der Sofaecke saß, ging Martha zu Direktors, um ihr Versprechen zu halten. Sie wunderte sich, daß nicht ihre Freundin, sondern das Mädchen ihr die Thür öffnete, und sie durch den Korridor zu dem Hinterzimmer brachte. Hier stand sie staunend einem feierlichen, lebenden Bilde gegenüber. Suschens Geschwister waren in einem Halbkreis aufgestellt, der sechszehnjährige Bruder in der Mitte; von da ging es nach beiden Seiten abwärts; an einer Seite saß das Kleinste an der Erde. Jedes Kind hielt ein Schneeglöckchen in der Hand, Suschen stand vor ihnen mit dem Rücken nach der Thür, hielt einen Weidenzweig mit Kätzchen als Taktstock, kommandierte, eins, zwei, drei — und nun ging der Lärm los. Sie sangen:

Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen!

(Die Jungen intonierten: didelum, didelum, didelum),

’s ist gar nicht lange her

(Didelum, didelum, didelum),

Wir brauchen uns nicht erst drauf zu besinnen

(Didelum, didelum, didelum),

Das freut uns desto mehr,

Das freut uns desto mehr.

Hierauf marschierten sie an Martha vorüber, und jedes Kind reichte ihr sein Schneeglöckchen, auch das zweijährige Mariechen wackelte den anderen nach. Martha wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, es war für ihre jetzige Gemütsverfassung etwas viel; aber das Ganze sah so reizend aus, die Kindergesichter strahlten fröhlich, und es war mit so viel Liebe erdacht, daß sie sich doch von Herzen freuen mußte und die kleine Marie und ihr Suschen abwechselnd umarmen. Die anderen wollten aber auch berücksichtigt sein. Da war zuerst der sechszehnjährige Sekundaner Wilhelm, die vierzehnjährige Luise, die zwölfjährigen Zwillinge Arthur und Hans, die achtjährige, schmächtige Anna, der vierjährige Gottfried und die zweijährige Marie. Alle umdrängten sie Martha, eins überschrie das andere, sie waren offenbar aufgeregt durch die Empfangsfeierlichkeit: „Hast du dieses Jahr schon Schneeglöckchen gesehen? Sie sind ganz hinten aus dem Garten, Hans hat sie unterm Schnee hervorgesucht.“ „Kannst du auch singen?“ „Kannst du Post- und Reisespiel?“ „Kannst du Zwickmühle?“ „Sieh ’mal, das ist meine Puppenstube!“ „Haben Sie ‚Die Ahnen‘ schon gelesen, Fräulein Feldwart?“

Sie wußte in der That nicht, wem sie zuerst antworten sollte, ja, zuweilen kamen Momente, wo sie sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte, denn solch ein Trubel war ihr gänzlich ungewohnt. Aber sie fand sich schnell darin zurecht.

„Kommt“, sagte Suschen, „jetzt schlachten wir zuerst Martha zu Ehren die beiden Apfelsinen, die der Vater mitgebracht hat; jeder bekommt ein Viertel und Mariechen ein kleines Biskuit. Dann spielen wir; Luischen soll sagen, was?“

„Ach, ich kann gar nicht spielen“, sagte Luischen, „ich muß mein englisches Gedicht noch ’mal überlernen; das ist heute so schwer.“

„Wir müssen auch arbeiten“, erklärten Hans und Arthur; „die Probe auf unser Exempel paßt nie.“

„Ach“, sagte Martha fröhlich, „da kann ich mich vielleicht dankbar erweisen für den schönen Empfang, und euch ein wenig helfen.“

Es zeigte sich, daß Luischen erst um drei Uhr in die Schule mußte; Martha vertiefte sich also zuerst mit den Zwillingen in die Exempel. Es gelang ihr bald, den wunden Punkt zu finden, und von da aus war die Sache bald berichtigt.

Darauf setzte sie sich zu Luischen: „Nun lies mir ’mal zuerst dein Gedicht. Nein, liebes Luischen, so geht es wirklich nicht, du sprichst noch sehr falsch aus, und mir scheint, daß du an einigen Stellen auch den Sinn nicht recht verstehst, ich will dir jetzt immer Strophe für Strophe vorsagen, du sprichst mir langsam nach, und am Ende jedes Verses übersetzest du, was du gesagt hast.“

Es geschah, und Martha gelang es bald, der etwas flüchtigen Schülerin ihre Aufgabe klar zu machen: sie hatte nun selbst ihre große Freude daran, als dieselbe nach und nach alle Schwierigkeiten überwand.

„Bitte“, sagte Luischen, „nun lies du es noch ’mal ganz; das klingt so hübsch.“

Martha that es. Während ihres Lesens hatte sich leise hinter ihr die Thür geöffnet und Direktor Werners kluger Kopf war in derselben erschienen. Er sah recht wohlgefällig auf die Leserin.

„Das ist ja eine sehr gute Aussprache“, sagte er, als Martha fertig war.

Sie stand errötend auf.