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Land und Leute

Monographien
zur Erdkunde

Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde

In Verbindung mit Anderen
herausgegeben von A. Scobel

13

Der Schwarzwald

1911
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing

Titel der Buchserie

Der Schwarzwald

von

Ludwig Neumann

Mit 180 Textabbildungen, darunter 4 Kunstbeilagen
nach Gemälden von Hans Busse
und einer farbigen Karte.

Zweite Auflage

1911
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing

Buchtitel

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

Inhalt.

Seite

[Verzeichnis der Abbildungen]

I.

Einleitung

[1]

II.

Orographische und geologische Übersicht

[6]

III.

Klima und Bewässerung

[20]

IV.

Pflanzengeographisches

[27]

V.

Die Bevölkerung des Schwarzwaldes

[36]

[Der südliche Schwarzwald.]

VI.

Die östlichen Zugänge und der Südrand

[48]

VII.

Das südwestliche Vorland von Basel bis Freiburg

[60]

VIII.

Von der Donau zur Dreisam

[72]

IX.

Freiburg im Breisgau

[82]

X.

Über Berg und Tal im südlichen Schwarzwald

[92]

[Der mittlere Schwarzwald.]

XI.

Die westlichen Vorhöhen zwischen Freiburg und Offenburg

[108]

XII.

Die Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Donaueschingen

[112]

XIII.

Die Höhenwelt des mittleren Schwarzwaldes

[120]

[Der nördliche Schwarzwald.]

XIV.

Der Westrand von Offenburg bis Baden

[124]

XV.

Murg- und Kinzigtal von Rastatt bis Hausach

[134]

XVI.

Auf den Höhen des nördlichen Schwarzwaldes

[141]

[Der östliche Schwarzwald.]

XVII.

Die Umrandung des Gebietes

[150]

XVIII.

Kreuz und quer durch den östlichen Schwarzwald

[162]

Literatur

[171]

Register

[174]

[Karte des Schwarzwaldes]

Verzeichnis der Abbildungen.

Abb. Seite
1. Der Triberger Wasserfall. [Farbiges Titelbild.]
2. Geologisches Profil durch den nördlichen Schwarzwald vom Rhein über Offenburg nach Freudenstadt [2]
3. Geologisches Profil durch den südlichen Schwarzwald von Breisach bis Schaffhausen [3]
4. Moräne im Löffeltal bei Hinterzarten [5]
5. Lößlandschaft bei Kenzingen [6]
6. Verschneite Schwarzwaldhöfe [7]
7. Verschneite Schwarzwaldhäuser [8]
8. Sägemühle im Winter [9]
9. Schneewächten am Feldberg [10]
10. Schwarzwaldtannen im Winter [11]
11. Weinlese im Immental bei Freiburg [12]
12. Feldbestellung im Schwarzwald [13]
13. Holzschleifen im Zastler Tal [14]
14. Einzelhof im Zastler Tal [15]
15. Bau eines Kohlenmeilers im Zastler Tal [16]
16. Holzschlitten im Walde. Zastler Tal [17]
17. Köhlerhütte [18]
18. Holzsägemühle im Löffelschmiedental [19]
19. Strohflechterin im Herrgottswinkel [20]
20. Schwarzwälder Glasarbeiten [21]
21. Einzige Darstellung des alten Schwarzwälder Hausierers. Krug vom Jahre 1806 [22]
22. Alte Schwarzwalduhr vom Jahre 1670 [22]
23. Schwarzwälder Uhrmacher [23]
24. Stickereien vom Schwarzwald [24]
25. Männertracht des neunzehnten Jahrhunderts [25]
26. Alte Frauentracht im Hohen Schwarzwald [25]
27. Frauentracht im Hohen Schwarzwald [25]
28. Bauernhäuser des siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts; der Rauferhof (bei Lenzkirch) vom Jahre 1686 [26]
29. Wollspinnerinnen im Herrgottswinkel [27]
30. Waldkapelle [28]
31. Grabkreuze [29]
32. Viadukt bei Fützen [30]
33. Waldshut [31]
34. Hotzenhaus in Bergalingen [32]
35. Kindertracht des Hotzenwaldes [33]
36. Hotzenhof in Hottingen [33]
37. Laufenburg [35]
38. Säckingen [37]
39. Isteiner Klotz [38]
40. Badenweiler [39]
41. Marzell im Kandertal [40]
42. Der Belchen [41]
43. St. Trudpert [41]
44. Inneres von St. Trudpert [42]
45. Scharfenstein [43]
46. An der Schützenbrücke in Donaueschingen [44]
47. Die Donauquelle [45]
48. Die Brigachquelle mit Schwarzwaldhaus. Farbiges Einschaltbild [zw. 46/47]
49. Gutachbrücke bei Kappel-Neustadt [47]
50. Lothenbachklamm bei Bad Boll [48]
51. Die Wutachschlucht [49]
52. Frauentracht von Neustadt [50]
53. Der Titisee [51]
54. Titisee-Moräne [52]
55. Oberer Anfang des Höllentals, in die Moränen-Landschaft eingeschnitten [53]
56. Eingang ins Ravennatal [54]
57. Der Hirschsprung im Höllental [55]
58. Terrassen am Ausgang des Höllentals [56]
59. Haus im Engetobel beim Hirschsprung [57]
60. Auf der Wallfahrt. Giersberg bei Kirchzarten [58]
61. Freiburg, vom Schloßberg aus gesehen [59]
62. Inneres des Freiburger Münsters [60]
63. Das Münster in Freiburg vom Schloßberg aus gesehen [61]
64. Das Kaufhaus in Freiburg [62]
65. Rathaus in Freiburg [63]
66. Die Kaiserstraße mit dem Martinstor in Freiburg [64]
67. Mädchen aus dem Haslachtal bei Lenzkirch [65]
68. Zipfelhof im Bärental, mit dem Feldberg [65]
69. Der Feldberger Hof im Winter [66]
70. Bismarckdenkmal auf dem Feldberg [67]
71. Im tiefen Schnee [68]
72. Kartrichter am Feldberg und Zastler-Loch mit Zastler-Hütte [69]
73. Am Zeiger [70]
74. Der Feldsee [71]
75. Das Herzogenhorn im Nebelmeer [72]
76. Bauernhaus in Bernau [73]
77. Bauernhof im Schlechttal bei Schweigmatt [73]
78. Kurhaus Wehrawald bei Todtmoos [74]
79. Todtmoos [75]
80. Im Wehratal [76]
81. Partie in der Haseler Höhe (Erdmannshöhle) [77]
82. Straßentunnel im Albtal [78]
83. St. Blasien [79]
84. Bauernhaus im Schwarzatal bei Schluchsee [80]
85. Rothaus [81]
86. Moräne Seebruck am Schluchsee [82]
87. Heuernte im Tal [83]
88. Partie im Schlüchttal [84]
89. Der Schlüchtsee [85]
90. Am Schwedenfelsen im Schlüchttal [86]
91. Todtnauberger Wasserfall [87]
92. Schönau im Wiesental mit Blick auf den Belchen [88]
93. Stutz bei Schönau. Im Hintergrunde der Belchen [89]
94. Zell im Wiesental [90]
95. Breisgauerin [91]
96. Markgräflerinnen [91]
97. Hebelhaus in Hausen [92]
98. Lörrach [92]
99. Schloß Rötteln [93]
100. Eingang von Schloß Rötteln [93]
101. Belchenhaus [94]
102. Spinnstube im Kapplertal bei Freiburg [95]
103. Bei Horben [96]
104. Haldenwirtshaus am Schauinsland im Winter [97]
105. Der Feldberg, vom Schauinsland aus gesehen. Farbiges Einschaltbild [zw. 98/99]
106. Schellenmarkt an der Biereck [99]
107. Alte Kuhglocke [100]
108. Zähringer Burg [101]
109. Die Hochburg [102]
110. Steinschleiferei in Waldkirch [103]
111. Polieren der Achate in Waldkirch [104]
112. Waldkirch [105]
113. Frauentracht im Elztal [106]
114. Frauentracht im Elztal [106]
115. Mädchen aus dem Elztal [107]
116. Offenburg, Straßenbild [107]
117. Frauentracht im Gutachtal [108]
118. Straßenbild in Triberg [109]
119. Triberg [111]
120. Hornberg [113]
121. Brauttracht von St. Georgen [114]
122. St. Peter [115]
123. Holzschlitten im Winter [117]
124. Zweribachfall [118]
125. Festgang der Frauen in die Kirche; Bleibach [119]
126. Frauentracht von Schonach [120]
127. Frauentracht von Schonach [121]
128. Furtwangen [122]
129. Bad Sulzbach [123]
130. Peterstal [125]
131. Bauernbursch aus dem Renchtal [126]
132. Partie bei Griesbach im Wilden Renchtal [127]
133. Bad Griesbach [128]
134. Das Edelfrauengrab [129]
135. Turenne-Denkmal bei Sasbach [130]
136. Bühl [131]
137. Gertelbachfälle [132]
138. Oberbühlertal [133]
139. Die Trinkhalle in Baden-Baden [134]
140. Baden-Baden von der Stourdsakapelle aus gesehen [135]
141. Baden-Baden. In der Lichtentaler Allee [136]
142. Friedrichsbad in Baden-Baden [137]
143. Das alte Schloß Hohenbaden [138]
144. Fischkultur bei Baden-Baden [139]
145. Gernsbach [139]
146. Forbach im Murgtal [140]
147. Freudenstadt [140]
148. Im Rauhmünzachtal [141]
149. Die Schenkenburg im Kinzigtal [142]
150. Alpirsbach [143]
151. Bauernhof im Kinzigtal [144]
152. Wolfach [145]
153. Hochzeitszug im Schapbachtal [146]
154. Der Glaswaldsee [147]
155. Rippoldsau [148]
156. Der Kniebis [148]
157. Allerheiligen [149]
158. Der Wildsee [150]
159. Der Mummelsee [151]
160. Hornisgrinde. Hirtenstein, über dem Mummelsee [152]
161. Kurhaus Hundseck [153]
162. Herrenwies [153]
163. Turm auf dem Mehliskopf [154]
164. Herrenwieser See [155]
165. Wildberg [156]
166. Nagold [157]
167. Zavelstein [158]
168. Teinach. Auf der Höhe das Städtchen Zavelstein [159]
169. Calw [160]
170. Hirsau [161]
171. Der Wild- oder Hornsee. Farbiges Einschaltbild [zw. 162/163]
172. Partie am Stadtsee von Liebenzell [163]
173. Pforzheim, vom Römerweg gesehen [163]
174. Kaiser Wilhelm-Turm auf dem Hohloh [164]
175. Enzklösterle [165]
176. König Karls-Bad in Wildbad [166]
177. Wildbad [167]
178. Herrenalb [168]
179. Neuenbürg [169]
180. Frauenalb [170]

Abb. 1. Der Triberger Wasserfall. Gemälde von Hans Busse. (Zu [Seite 116].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Der Schwarzwald.

I. Einleitung.

Es war eine wunderbar helle Vollmondnacht im Anfang der sechziger Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts. Der Postwagen, der am Vormittag die Bodenseegegend verlassen hatte und zwischen den Hegauer Vulkankegeln hin, dann über die Höhen des Jura der jungen Donau entgegen gefahren war, hatte die kleine Fürstenberger Residenz, in deren Nähe die Flüßchen Brigach und Brege sich zum großen Weltstrom vereinigen, längst hinter sich, und langsam ging’s nun über die einsame Hochfläche hin, bergauf, bergab die Straße entlang, die seit alters den Hauptverkehr vermittelt vom Schwabenlande zum Breisgau. Im Innern des Wagens lehnte ein kleiner Junge verschlafen an der Seite seiner Mutter. Von Zeit zu Zeit fragte er halb erwachend: „Sind wir noch nicht im Höllental?“ Aber gar oft mußte er vertröstet werden, bis es endlich flott die scharfen Kehren der Steige hinabging, und bis dann die steilen Talwände sich so nahe rückten, daß neben dem rauschenden Bach für die Straße künstlich Raum geschaffen worden war. Nun sah ich — denn ich war der Knabe — zum ersten Male im Leben einen Kohlenmeiler ([Abb. 15]), dessen brenzliger Geruch durch die geöffnete Fensterlücke in den Wagen hinein drang; nun starrte ich, völlig erwacht und vor Spannung auf den Anblick des oft geschilderten Bildes lebhaft erregt, auf die Felstürme des Hirschsprung, die, vom schwanken Mondlicht magisch erhellt, mir riesengroß bis in den Himmel aufzuragen schienen. Die kindliche Phantasie bevölkerte ängstlich das alte Gemäuer des Falkenstein mit ritterlichen Wegelagerern, von denen mir erzählt worden war, und ich empfand eine wohltuende Beruhigung, als mit dem Morgengrauen die enge Schlucht der „Hölle“ sich zum „Himmelreich“ des breiten Dreisamtales lichtete, und als ich nicht allzulang hernach die gute Stadt Freiburg erreicht sah.

So bin ich aus dem alten schwäbischen Reichsstädtchen, in welchem meine Wiege gestanden war, in den Schwarzwald gelangt. Fast fünf Jahrzehnte sind seither verflossen. Doch ich bin im Schwarzwald geblieben. Und wenn ich den Blick von meinem Arbeitstisch erhebe, so schauen die grünen Berge freundlich zum Fenster herein und zeigen mir das schöne Stück Welt, das meine Heimat geworden. Wer weiß, vielleicht steht es im Buche des Schicksals geschrieben, daß auch die wenigen Jahre, die mir noch beschieden sein können, sich hier abspielen sollen. Ein Unglück wäre das gerade nicht; denn daß unser südwestdeutsches Gebirge mit seiner Umrandung ein schöner Fleck Erde sei, auf dem es sich leben läßt, das hat noch niemand bestritten. So begreift es sich, daß ähnlich wie bei der stammverwandten alemannischen Bevölkerung der unfernen Schweiz auch im Leben des Schwarzwälders die Empfindung, vielleicht darf man sogar sagen die Krankheit des Heimwehes eine gar große Rolle spielt. Wie anders wäre es sonst zu deuten, daß trotz aller Wanderlust, trotz allen Dranges in die Weite, der Sohn des Gebirges keinen erhebenderen Gedanken kennt, als aus jeder Ferne zurückzukehren auf die stille, weite Höhe, oder zum Ufer des murmelnden Baches, wo das Haus der Kindheit stand? Wie mancher Uhrmacher des alten Schlages hat Jahrzehnte seines Lebens in irgendeiner der europäischen Hauptstädte zugebracht, in Paris oder London, in Petersburg oder Moskau; und in seinen alten Tagen kehrt er heim, um die Luft zu atmen, welche einst das Kind eingesogen, um die Stätten alter Erinnerungen statt in sehnsuchtsvoller Vorstellung leibhaftig um sich zu sehen, und um begraben zu werden an der Seite der Väter.

Und sicherlich ist der Schwarzwald der Liebe und Anhänglichkeit wert, die seine Söhne für ihn hegen; gar wohl begreift es sich auch, daß Jahr für Jahr Hunderte von Fremden, nicht nur etwa aus minder von der Natur begünstigten Gebieten unseres großen Vaterlandes, vielmehr auch solche aus allen Teilen der Welt in den bedeutenderen Orten im und am Gebirge sich dauernd niederlassen; sind doch nicht umsonst z. B. Baden-Baden und Freiburg nach der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung fast internationale Städte geworden, in denen neben den Einheimischen Deutsche aus allen Gauen des Reiches, Balten, Niederländer, Engländer, Amerikaner usw. in großer Zahl wohnen. Sieht man aber erst die vielen Tausende und Abertausende, die in den Monaten der sommerlichen Wanderlust und Erholungszeit unser Gebirge auf bequemen Wegen durchstreifen oder seine zahlreichen vortrefflichen Kurorte bevölkern, und die seiner Schönheit nicht satt werden können und nicht nur in unserem geliebten Deutsch, sondern auch in den Lauten aller europäischen Kultur- und Halbkultursprachen das Lob des Schwarzwaldes singen, so darf man sie als ebenso viele Zeugen dafür gelten lassen, daß die Landschaft, die auf den folgenden Blättern geschildert werden soll, des eigenartig Reizvollen gar mancherlei besitzen muß.

Worin liegt nun diese Eigenart?

Blick vom Feldberg.

Zur Beantwortung dieser Frage mag es sich empfehlen, daß wir uns in Gedanken auf des Gebirges höchste Kuppe versetzen, auf den fast 1500 m hohen Feldberg, dessen Scheitel den Friedrich-Luisenturm trägt, so genannt, weil er 1856 zum Gedächtnis an die Vermählung des damaligen Landesherrn, Großherzog Friedrich I. von Baden, mit der Prinzessin Luise von Preußen, der Tochter des nachmaligen Kaisers Wilhelm I., errichtet worden ist. Bald wird das Gemäuer des Turmes, der über ein halbes Jahrhundert den scharfen Stürmen dieser Höhe getrotzt hat und allmählich etwas hinfällig geworden ist, einem stolzen Neubau Platz gemacht haben.

Abb. 2. Geologisches Profil durch den nördlichen Schwarzwald vom Rhein über Offenburg nach Freudenstadt.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu [Seite 8].)

Von dieser Hochwarte aus sehen wir zu Füßen ringsum und hinaus bis zum fernsten Horizont eine herrliche Welt ausgebreitet. Will es das Glück, so wird unser freudig strahlendes Auge aber immer wieder hingezogen in die Richtung nach Osten und Süden, wo von der trotzig und dunkel sich auftürmenden Kalkwand der Zugspitze bis zum blendend weiß schimmernden Schneedom des Montblanc, also auf eine Länge von rund 350 km ununterbrochen, als mächtiges, zusammenhängendes Ganze die Ketten der Alpen aufragen, so scharf und deutlich am Horizont sich abhebend, daß — natürlich günstigste Beleuchtung vorausgesetzt, wie sie nicht gerade immer zu treffen ist — jede Spitze, jeder Felsgrat, jedes Eisfeld unterschieden werden kann in all den Faltenzügen des Allgäu und Rhätikon, der Säntis- und Glärnischgruppe, des Tödi- und Gotthardgebietes, der Vierwaldstätter und Berner Alpen, um nur einige wenige Namen herauszugreifen. Davor ziehen sich, wenn wir den Blick in entgegengesetzter Richtung zurücklaufen lassen, von der Gegend des Neuenburger Sees ab die nach oben fast geradlinig abschneidenden, mauerartigen Ketten des Schweizer Jura, auch eines gefalteten Gebirges, das im Nordosten in die massigen Erhebungen des ungefalteten Plattenjura in Schwaben übergeht, dessen Gebirgstafeln sich verfolgen lassen bis in die Gegend des Hohenzollern. Aus einer Lücke des Jurazuges ragen die Vulkankegel des Hegaues auf und weisen uns die Richtung nach dem Schwäbischen Meer.

Im Westen breitet sich lang hingestreckt und tief eingesenkt die Oberrheinische Ebene aus, durchzogen von dem silberglänzenden Bande des mächtigen Stromes. Aus der Tiefebene, deren Boden von den Geschiebemassen des fließenden Wassers gebildet wird, erhebt sich inselartig das kleine vulkanische Kaiserstuhlgebirge. Und jenseits des Rheines sehen wir das Gesichtsfeld durch das Massengebirge des Wasgenwaldes begrenzt, das an Höhe dem Schwarzwald beinahe gleichkommt. Im Südwesten nähert es sich dem Schweizer Jura bis auf eine kleine Entfernung. Die Lücke zwischen beiden ist die Burgundische Pforte, ein zu allen Zeiten bedeutsamer Völkerweg, den heute die Festung Belfort beherrscht. Durch diese geschichtlich hochwichtige Niederung schweift der Blick noch weit hinüber in französisches Land.

Abb. 3. Geologisches Profil durch den südlichen Schwarzwald von Breisach bis Schaffhausen.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu [Seite 8].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Innerhalb dieses interessanten Rahmens, der Falten-, Tafel-, Massen- und Vulkangebirge sowie eine Schwemmlandebene umschließt, erhebt sich nun, dem Beschauer unmittelbar nahe gerückt, die den Vogesen ähnliche Masse des Schwarzwaldes selbst. Welche Fülle der Formen und welcher Reichtum in der Einzelgestaltung vom Größten bis zum Kleinsten! Die breiten, sanftgeböschten Rücken der höchsten Erhebungen in allernächster Nähe sind kahl, einförmiges Weidefeld. Wo das Gefälle steiler wird, wo die windgeschützteren Flanken des Berges sich in die Täler hinabsenken, da sehen wir den herrlichsten Wald zu unsern Füßen. Die hintersten Talböden sind meist nischenartig wie Alpenkare in den Gesteinskörper hineingearbeitet, vielfach von schroffen Felswänden umrahmt, teilweise von Seen ausgefüllt, deren Abdämmung vom geübten Auge leichthin als Moränenbildungen erkannt werden. Erscheint so die jetzige Oberfläche der alten Gebirgsmasse von eiszeitlichen Wirkungen wesentlich beeinflußt, so zeigen uns die tiefen, oft schluchtartigen und schwer zugänglichen Rinnsale der nahen Bäche und weitum die vielverzweigten Talläufe aufs deutlichste die zerstörende und durch die Zerstörung neu gestaltende Wirkung des fließenden Wassers auf seine Unterlage. So können wir von unserm Standpunkte aus wertvolle Einblicke gewinnen in die Wirkungsweise der Kräfte, welche das Relief der Gebirge modellieren und ihre Vielgestaltigkeit hervorzaubern. Nicht ohne Recht hat einst Melchior Neumayr, der zu früh verstorbene Wiener Geologe, betont, daß kaum ein anderer Aussichtspunkt so geeignet sei zur ersten Einführung ins Studium und Verständnis der physischen Geographie und Geologie als der Feldberg im Schwarzwald.

Die Eigenart des Schwarzwaldes.

Doch, wir wollen nicht Wissenschaft treiben, wir wollen die Eigenart unseres Gebirges dem Laien verständlich zu machen suchen und uns bemühen, ihm zum freudigen Genuß der landschaftlichen Schönheit des Schwarzwaldes zu verhelfen. Lassen wir darum nochmals die Augen umherschweifen. Aus den freundlichen Tälern grüßen, von saftig grünen Wiesen und goldgelben Ackerfluren umkränzt, anmutig gelegene Gehöfte und Ortschaften herauf; gut gebaute Straßen und Bergpfade, die gelegentlich im dichten Wald verschwinden und dann beim Heraustreten ins Freie sich wieder weithin verfolgen lassen, geben uns eine Vorstellung davon, wie groß das Verkehrsbedürfnis der dicht angesiedelten Bevölkerung, und wie wohl erschlossen für jeden Verkehr das an sich verkehrsfeindliche Gebirge ist. Zwischen den Tälern ragen Bergketten auf, eine hinter der anderen, auf denen wir auch noch fast überall die Spuren menschlicher Arbeit wahrnehmen, sei es im herrlich gepflegten Hochwalde mit seinen stolz ragenden Edeltannen, sei es im freien Weidefeld mit seinen Rinderherden, die sich um einen Brunnen mit mächtigem Wasserreichtum oder um eine „Viehhütte“ lagern oder ihre Bewegung durch den Klang ihrer Glocken weithin verraten. Da und dort steigt zum tiefblauen Himmel der weiße Rauch eines Hirtenfeuers auf, über dem das einfache Mahl der sommerlichen Bergbewohner bereitet wird. Über den Hochflächen erheben sich Berge mannigfachster Gestalt, doch überwiegt die sanft gerundete Kuppe. Die Siedlungen bleiben hinsichtlich ihrer oberen Verbreitungsgrenze nur unwesentlich hinter den beherrschenden Gipfeln zurück. Da schaut ein Einzelhof unter seinem mächtigen, altersgrauen Strohdach hervor, dort streckt eine Dorfkirche oder eine einsame Kapelle ihren schlanken Turm zum Himmel auf, kurz, das Bild ist trotz der Höhe unseres Standpunktes nicht etwa menschenfremd, es überwiegt nicht, wie beim Rundblick von einer Hochzinne der Alpenwelt, das Anorganische. Im Gegenteil. Dem aufmerksamen Auge ist alles ringsum belebt, belebt nicht nur von den gegenwärtigen Bewohnern der Landschaft und den überall erkennbaren Zeichen ihrer Tätigkeit, sondern durchgeistigt von dem Walten einer vielhundertjährigen Geschichte, es ist eine herrliche Kulturwelt, über die unser Blick hier oben schweift. Gleichwie die Farben des vor uns ausgebreiteten Bildes sich abtönen vom gesättigten Dunkelgrün der nächsten Wälder durch alle Abstufungen von Grün durch Blau bis zum verhauchenden Grauviolett der weitesten Fernen, so dringt unser geistiges Auge von dem klaren Lichte der Gegenwart rückwärts zu immer weiter abliegenden Zeiten, in denen auch schon Menschen hier oben lebten und arbeiteten und sich, wenn auch nicht so sicher und dauernd wie heute, des Lichtes freuten. Lange ist es her, seit der düstere Urwald, der einst fast die ganze Fläche bedeckte und dem Gebirge den Namen gab, gerodet, seit der erste Felssteig auf die Höhen angelegt wurde. Und was haben die Bewohner des um uns ausgebreiteten Landes seit langen Jahrhunderten erlebt und geduldet, wie waren sie wirtschaftlich bedrängt, was für Elend ist über sie hereingebrochen in den Zeiten des Krieges! Wie lange hat es gewährt, bis sie sich sicher fühlen konnten in ihrem Besitz, bis mit der allmählich sich festigenden äußeren Stellung auch eine höhere Auffassung des Lebens und seiner Zwecke in die bescheidenen Häuser der Wälderleute seinen Einzug halten konnte, so daß diese aus der früheren Weltabgeschiedenheit hervortraten, an allen Betätigungen menschlichen Schaffens sich beteiligen lernten, in ansehnlicher Zahl hinauszogen in alle Welt und für die Daheimgebliebenen das wurden, was man vergleichsweise Sauerteig nennen möchte, so daß im Verlauf weniger Generationen die Schwarzwaldbevölkerung sich heraufarbeiten konnte zu einem der vorgeschrittensten und in jeder Hinsicht tüchtigsten unter den deutschen Stämmen. Auf Schritt und Tritt verraten sich unserem aufmerksamen Auge tausendfältig die Spuren der geordneten, behäbigen Lebensführung des Schwarzwälders und seines bescheidenen Wohlstandes.

Abb. 4. Moräne im Löffeltal bei Hinterzarten. (Zu [Seite 11].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Land und Leute.

Nirgends mehr schreckt das Düster undurchdringlichen Waldes; alles, was uns auch auf abgelegenen Pfaden vor Augen tritt, atmet Sicherheit, Behagen, Ordnung und Kultur. Dabei nirgends etwas von Aufdringlichkeit, von Protzigkeit. Die gut gearteten Menschen, ihre Bauwerke und Wege, ihr Schmuck und die Äußerungen ihres Vergnügens, alles ist der freundlichen Natur sinnvoll angepaßt. Nichts erscheint gekünstelt oder als Ergebnis plumper Effekthascherei. In allen Dingen finden wir eine wohltuende Harmonie zwischen den Bildern der Schöpfung und ihrer Belebung durch den Menschen. Und darum ist der Schwarzwald so schön, darum bereitet das Scheiden von ihm den Einheimischen so herben Schmerz, darum zieht er so viele an, die sich in unserer in allen Stücken aufs Große gerichteten Gegenwart noch den Sinn für Schlichtheit bewahrt haben. Das letztere sei hier allerdings nicht so gemeint, als ob etwa der Schwarzwaldreisende auf das verzichten müßte, was man Komfort nennt. Im Gegenteil!

Abb. 5. Lößlandschaft bei Kenzingen.
Nach einer Photographie von Prof. Dr. P. Paulcke in Freiburg.
(Zu [Seite 20].)

Nicht leicht wird man in anderen Gauen auf höchster Höhe oder fern vom belebenden Schienenstrang und von der großen Heerstraße, im abgelegensten Dorfe oder Weiler so gute Unterkunft finden wie im Schwarzwald, wo kein verständiger Wunsch an Quartier oder Verpflegung unerfüllt zu bleiben braucht. Vom großen Hotel ersten Ranges der Städte, Bade- und Luftkurorte bis zum bescheidensten, aber sauberen, urbehaglichen und billigen Bauerngasthaus finden sich alle Übergänge, so daß jeder Geschmack Befriedigung finden kann.

II. Orographische und geologische Übersicht.

Wasgenwald und Schwarzwald.

U

m den Schwarzwald als Gebirgsindividuum verstehen zu können, muß er im Zusammenhang mit seiner Umgebung betrachtet werden. Und da ist nun vor allen Dingen die sich lebhaft aufdrängende Wahrnehmung von Belang, daß unser Gebirge im Wasgenwald jenseits des Rheines eine Art von Spiegelbild besitzt mit einer auffallend großen Anzahl von übereinstimmenden Zügen, die jedem aufmerksamen Beobachter den Gedanken an einen inneren Zusammenhang der beiden Erhebungssysteme nahelegen. Von Basel, das 243 m hoch liegt, bis gegen Mainz (82 m) hinab bildet die im Mittel 30 km breite Rheinebene auf eine Länge von 300 km die Symmetrieachse für ihre beiderseitigen Randgebirge. Im Westen steigen die Vogesen aus der Burgundischen Pforte (350 m) rasch zu ihren höchsten Gipfeln an und erreichen im Gebweiler Belchen eine Höhe von 1423 m. Weiter nach Norden nimmt die Höhenentwicklung allmählich ab, der Paß von Zabern senkt sich bis zu 404 m, und jenseits desselben steigt dann der Kalmitgipfel der pfälzischen Hart wieder bis auf 683 m an. Die genannten Gebirge fallen gegen die Rheinebene im Osten ziemlich unvermittelt ab, während sie nach der entgegengesetzten Richtung im Lothringer Stufenlande einen allmählichen Abfall aufweisen, der sich in treppenförmigen Absätzen verfolgen läßt bis zum Rande des Pariser Beckens.

Ganz entsprechend steigt vom oberen Rheintale zwischen Waldshut und Basel der Schwarzwald in kurzem Abstande zu seiner beherrschenden Kuppe, dem Feldberg (1493 m) auf, vermindert nach Norden seine Gipfel- und Kammhöhe mehr und mehr, bis das Gebirge nördlich auf der Wasserscheide zwischen Pfinz und Enz an der Straße von Karlsruhe nach Pforzheim sich auf 374 m herab senkt, um jenseits dieser Eintiefung, einer der wichtigsten ihresgleichen im Kraichgauer Hügellande, wieder zum Odenwald anzusteigen und hier im Katzenbuckel eine Höhe von 626 m zu erreichen. Auch diese rechtsrheinischen Erhebungen weisen ihren Steilabfall dem großen Strome zu und zeigen auf der ihm abgewandten Seite ein wesentlich schwächeres, ebenfalls stufenförmiges Gefälle in die Terrassen- und Hügelländer Schwabens im Süden, Frankens im Norden.

Abb. 6. Verschneite Schwarzwaldhöfe.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 22].)

Nach dieser auffälligen und klar übersehbaren Symmetrie der Oberflächenformen erscheint das ganze südwestliche Deutschland nebst dem im Westen angrenzenden Frankreich, also das Gebiet von der Maas bis zum Fichtelgebirge, von der Burgundischen Pforte bis zum Taunus als eine orographische Einheit, innerhalb welcher nunmehr der Schwarzwald nur als Glied dieses größeren Ganzen, des „Südwest-deutschen Beckens“, zu betrachten ist. Noch inniger als hinsichtlich der Höhenverhältnisse treten uns diese Zusammenhänge vor Augen, wenn wir sie geologisch zu ergründen suchen.

Geologischer Bau.

Jede geologische Karte des Gebietes läßt erkennen, daß der Schwarzwald wie der Wasgenwald im südlichen Gebirgsteile je einen großen, im allgemeinen südnördlich gerichteten Urgebirgskern aufweist, der im Norden unter immer weiter sich ausbreitenden Buntsandsteindecken verschwindet, wie auch die von der Rheinebene sich abwendenden Außenseiten der beiden Gebirge nach Schwaben und Lothringen zu eine starke Verbreitung des Buntsandsteins zeigen. Auf dessen fast ebene Hochflächen legen sich der Altersreihenfolge nach die jüngeren Sedimente des Muschelkalks und des Keupers, endlich die des Jura in der Weise auf, daß man von den Höhen des linksrheinischen Gebirges westwärts, des rechtsrheinischen ostwärts schreitend immer auf jüngeres Gestein stößt, während man abwärts steigt; nur der rechtsrheinische Jurazug ragt wieder in höheres Niveau auf. Auch die dem Rheine zugekehrten Innenseiten der Zwillingsgebirge sind auf lange Erstreckung hin von den genannten Sedimentbildungen in der Reihenfolge ihres Alters derart begleitet, daß man mit der fortschreitenden Entfernung von den Gebirgskernen stets auf jüngere Formationen stößt. Zumeist bilden aber hier diese Sedimentgesteine nur schmale, vielfach zerrissene und unterbrochene Streifen von Vorhöhen des eigentlichen Gebirges, die im nördlichen Schwarzwald sogar so gut wie gänzlich fehlen (s. Profil, [Abb. 2] u. [3]).

Das Grundgebirge des jetzigen südwestdeutschen Beckens und seiner weiteren Umgebung stellt sich als der heute vielfach in Einzelschollen zerrissene Rest eines alten Gebirges dar, das sich hauptsächlich aus Gneisen aufbaut, die aber gar mannigfach von Graniten und verwandten Gesteinen durchbrochen sind.

Abb. 7. Verschneite Schwarzwaldhäuser.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 22].)

Vom Paläozoikum bis zum Tertiär.

Paläozoische Schiefer, Silur, Devon bis herauf zur Kohlenformation und dem Rotliegenden der Permformation, zeigen sich stark gestört und erscheinen als ein altes, von Südwest nach Nordost streichendes Faltensystem, dessen Erhebung in die späteren Zeiten des Paläozoikums fällt und dem der Name „Variskisches Gebirge“ beigelegt worden ist. Auf dem Rotliegenden, das noch gefaltet ist, liegen diskordant, aber unter sich wieder parallel, die Sedimente der Trias, nämlich des Buntsandsteins, Muschelkalks und Keupers, sowie die der jurassischen Bildungen Lias, Dogger, Malm, die in einer langen Zeit ruhiger Ablagerung teils festländischer, überwiegend aber mariner Natur das alte Gebirge unter sich begruben. Kreide- und ältere Tertiärschichten fehlen vollständig, das Land hat während der Zeit ihrer Bildung inselartig aus den umgebenden Meeren aufgeragt.

Abb. 8. Sägemühle im Winter.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 22].)

Das mittlere Tertiär stellt sich, wie der erwähnte Abschnitt der paläozoischen Zeit, als eine Periode großartiger Gebirgsbildung dar, der wir in unseren Gegenden nicht nur die Entstehung des Faltengebirges der Alpen, sondern vor allen Dingen die Ausgestaltung des südwestdeutschen Beckens zu seinen heutigen Formen verdanken. Hier senkten sich im Gegensatz zu den Alpen, deren Entstehung wir auf die Wirkung mächtigen Seitendruckes zurückführen müssen, längs weithin verlaufender Verwerfungslinien einzelne Schollen in die Tiefe, andere blieben stehen oder erfuhren sogar eine Hebung. Die hauptsächlichsten dieser Spalten, welche für die jetzige Konfiguration unserer Landschaft maßgebend sind, verlaufen von Südsüdwest nach Nordnordost. In der Achse des Insellandes entstand die gewaltige Grabenversenkung der jetzigen Oberrheinischen Tiefebene, deren Boden lange Zeit vom Meere überflutet war und sich erst später sehr allmählich mit ungeheueren Mengen von Flußgeschieben bedeckte, die ihm durch die Wasserläufe der umrandenden Höhen, beziehungsweise durch den Rhein zugeführt wurden. An den vom Graben abgewandten Außenseiten der früher einheitlichen Landmasse aber sanken die Schollen weniger tief als in dem Graben selbst, doch so, daß das Ausmaß des Absinkens mit der Entfernung von den Gebirgskernen Wasgenwald und Schwarzwald immer bedeutender wurde.

Abb. 9. Schneewächten am Feldberg. (Zu [Seite 25].)

Entstehung des Reliefs.

Auf diese Weise entstanden die durch die spätere Arbeit des spülenden und fließenden Wassers in ihrem Relief immerhin noch reich gegliederten Stufenländer von Lothringen und Schwaben, auf dieselbe Weise die schmalen Zonen von Schichtgesteinen in der Vorhöhenreihe zwischen der Rheinebene und den höheren Gebirgen. Sehr tief gehende Querverwerfungen von im allgemeinen westöstlicher Richtung wurden die Veranlassung zu den Einsenkungen von Zabern und im Kraichgau, während weiter nördlich, in der Hart und im Odenwalde, das Absinken wieder in geringerem Maße stattfand. In dem Netz der Verwerfungsspalten dürfen wir die ersten Voraussetzungen für die Anlage der jetzigen Flußsysteme erblicken, zu deren weiterer Ausgestaltung freilich das fließende Wasser selbst das meiste beigetragen hat.

Die Abtragung, Denudation, setzt, wie wir überall wahrnehmen können, aus klimatischen Gründen stets um so wirksamer ein, je höher ihre Angriffsfläche liegt. So erklärt es sich, daß die Kämme und Gipfel unserer südwestdeutschen Schollengebirge da, wo das Absinken in der Tertiärzeit am geringsten war, also im Süden, von ihren alten Decken sedimentärer Gesteine allmählich entblößt wurden und nun das Grundgebirge zutage treten lassen, während jene Sedimente in den tieferen Lagen der umgebenden Stufenlandschaften noch erhalten sind. Vielerorts sind Grundgebirge wie ältere Sedimente in weiter Ausdehnung von diluvialen, insbesondere von eiszeitlichen Bildungen überdeckt ([Abb. 4]), die uns zeigen, daß unsere Landschaften in jüngerer geologischer Vergangenheit auch die Wirkungen glazialer Kräfte über sich haben ergehen lassen. Wir werden mehrfach Gelegenheit haben, die von der Eiszeit modellierten Züge im Antlitze des Schwarzwaldes wieder zu erkennen.

Abgrenzung des Gebirges.

Soll nun unser Gebirge, das nach seiner Entstehung als Massen- oder Schollengebirge zu bezeichnen ist, gegen seine mit ihm durch gemeinschaftliche Geschichte eng verwandten Nachbargebiete abgegrenzt werden, so ist das im Süden und Westen, ja auch im Norden nicht schwer. Denn hier fallen die orographischen Gesichtspunkte der Höhenentwicklung, die wir zur naturgemäßen Umgrenzung benutzen können, mit den geologischen Kriterien gut zusammen.

Im Süden bildet von der Einmündung der Wutach ab auf eine Länge von mehr als 60 km der Rhein, zu dessen rechtem Ufer das Gebirge abfällt, die Grenze des Schwarzwaldes gegen den Schweizer Jura, der jenseits des Stromes ebenso unmittelbar ansteigt. Von Basel bis in die Gegend von Durlach bei Karlsruhe (116 m) ragt der Schwarzwald längs einer scharf hervortretenden, etwa 200 km langen Linie, die von Südsüdwest nach Nordnordost verläuft, aus den Flußgeschieben der Rheinebene auf; im Norden folgt unsere Grenze der schon erwähnten Eintiefung der Pfinztalfurche, welche bei 374 m verlassen wird, um sich nach Pforzheim an der Enz (247 m) hinabzusenken. Dieser nur etwa 25 km lange Nordrand fällt annähernd mit der Grenze des waldreichen Buntsandsteins gegen die Ackerböden des Muschelkalks zusammen und bildet so eine auch dem Laienauge auffällige Scheide des vom Walde benannten Höhengebietes gegen das fruchtreiche, niedrige Hügelland im Kraichgau.

Abb. 10. Schwarzwaldtannen im Winter.
Nach einer Photographie von Dr. W. Paulcke in Freiburg. (Zu [Seite 28].)

Begrenzung und Fläche.

Wollte man, wie das oft vorgeschlagen worden ist, den Ostrand des Gebirges zwischen Pforzheim und dem Rhein bei Waldshut nach dem gleichen Gesichtspunkt bestimmen und demnach möglichst an die Grenze von Buntsandstein gegen Muschelkalk legen, so würde die so zu gewinnende Linie orographisch an vielen Stellen gar nicht hervortreten. Sie erscheint daher in strenger Durchführung unpassend für unsere Zwecke. Besser und plastisch durchaus wirkungsvoll ist dagegen die im folgenden gezeichnete Grenze, welche durchweg Tallinien folgt, also geeignet ist, die Erhebungen, die im Westen als geschlossene Gebirgsmasse aufragen, von den niedrigern Stufenländern des Ostens zu trennen. Freilich fällt diese den Talrinnen folgende Linie nicht streng mit geologischen Formationsgrenzen zusammen, doch läßt sie in der Hauptsache die echten Schwarzwaldhöhen des Buntsandsteins westlich, und jenseits ziemlich schmaler Muschelkalk- und Keuperbänder den Jura im Osten liegen. Sie verläuft von Pforzheim dem Flüßchen Nagold entlang bis zum Städtchen gleichen Namens (452 m), überschreitet die Wasserscheide zum Neckar bei Hochdorf (511 m), senkt sich hinab nach Horb (391 m), folgt dem Neckar bis zu seiner Quelle (700 m) in der Nähe von Schwenningen und verläuft weiter über einförmige Hochflächen, auf denen sie die Rhein-Donau-Wasserscheide zum erstenmal trifft, bis nach Donaueschingen (676 m), von wo sie, immer in südlicher Richtung weiter ziehend, die Wasserscheide der Donau gegen den Rhein bei etwa 780 m wieder überschreitet und bald danach das östliche Knie der Wutach bei Achdorf (540 m) erreicht, um schließlich diesem Fluß zu folgen bis zum Rhein (319 m) oberhalb Waldshut.

Dieser rund 190 km lange Ostrand des Schwarzwaldes liegt durchweg höher als die Süd-, West- und Nordgrenze des Gebirges; man kann ihm eine Mittelhöhe von 400 m zuschreiben, während die entsprechenden Werte im Süden 270, im Westen 150, im Norden 190 m betragen.

Abb. 11. Weinlese im Immental bei Freiburg.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 32].)

Abb. 12. Feldbestellung im Schwarzwald. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 29].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

In diesen Grenzen bedeckt unser Gebirge eine Fläche von 7860 qkm, von denen 6060 qkm oder 77% auf Baden, 1800 qkm oder 23% auf Württemberg fallen. Kleine Schweizer Gebietsteile bei Basel und hohenzollerische bei Horb sind dabei nicht besonders ausgeschieden. Zum Rheingebiet gehören 7350 qkm oder mehr als 93%, zum Donaugebiet 510 qkm oder weniger als 7% des Schwarzwaldareals. In der Luftlinie gemessen ist die größte Südnordausdehnung des Gebirges zwischen Säckingen und Durlach 166 km, der größte Westostabstand von Müllheim bis Achdorf 67 km, die mittlere Breite etwa 47 km; die Breite nimmt von Süd nach Nord fast stetig ab. —

Einteilung des Gebirges.

Zum Zwecke der Orientierung hat der Volksmund längst einen südlichen und nördlichen Gebirgsteil unterschieden und beide durch das Kinzigtal voneinander getrennt, ohne daß man sich aber genauere Rechenschaft darüber gegeben hätte, welches für beide Hälften die ihr Wesen bedingenden charakteristischen Merkmale seien. Geeigneter erscheint die Vierteilung in einen südlichen, mittleren, nördlichen und östlichen Schwarzwald. Erscheint die erstgenannte Teilgruppe als die Landschaft der vom Feldberg nach allen Seiten strahlenförmig auslaufenden Kämme und ihrer Verzweigungen, so haben wir in der zweiten neben einem niederen westlichen Vorlande in der Umgebung des Hünersedels zwei parallele Hauptkämme von südnördlicher Richtung und daran anschließend eine zum Donaugebiet abfallende Hochfläche; der nördliche Schwarzwald kann als das weitere Gebiet des von Süd nach Nord verlaufenden Hornisgrindenkammes definiert werden, der östliche endlich ist das überwiegend aus Buntsandstein, weiter südlich auch aus Muschelkalk aufgebaute, den Höhenunterschieden nach wenig gegliederte Hochland zwischen Pforzheim und Donaueschingen: in der Hauptsache der württembergische Schwarzwald.

Abb. 13. Holzschleifen im Zastler Tal.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 44].)

Abb. 14. Einzelhof im Zastler Tal. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 43] u.[46].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Der östliche Schwarzwald läßt sich gegen die westlichen Gruppen des Gebirges leicht abgrenzen durch das Tal der Untern Murg von Rastatt bis Freudenstadt, das der obern Kinzig von da bis Schiltach, des Schiltachflüßchens bis zu seiner Quelle am Ruppertsberg und der Brigach von hier bis Donaueschingen. Die das ganze Gebirge quer durchbrechende Kinzig trennt auf der Strecke Schiltach-Offenburg den nördlichen vom mittleren, das Tal der Dreisam, des Rot- und Höllenbachs und der oberen Wutach auf der Strecke Freiburg-Hinterzarten-Achdorf den mittleren vom südlichen Schwarzwald.

Orographischer Aufbau.

Wie überaus verschieden diese vier Gruppen sich in ihrem orographischen Aufbau verhalten, mögen folgende Zahlen veranschaulichen:

Schwarzwald

Südlicher

Mittlerer

Nördlicher

Östlicher

Summa

Fläche qkm

2250  

2010  

1350  

2250  

7860  

Höchster
Gipfel, m

1493  

1241  

1164  

 988  

1493  

Mittlere
Kammhöhe, m

 855  

 790  

 725  

 655  

 770  

Prozente
der
Fläche

unter
200 m

   4,6

   8,4

   2,4

   3,3

200–400
m

  16,2

  19,9

  20,9

  14,4

  17,5

400–600
m

  19,9

  17,2

  27,1

  26,4

  22,3

600–800
m

  23,1

  20,9

  26,6

  50,3

  30,9

800–1000
m

  26,8

  28,7

  15,9

   6,5

  19,6

1000–1200
m

  12,2

   8,6

   1,1

   5,9

über 1200
m

   1,8

   0,1

   0,5

Abb. 15. Bau eines Kohlenmeilers im Zastler Tal.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 44].)

Deutlich tritt aus dieser Zusammenstellung der Hochebenencharakter des östlichen Schwarzwaldes hervor, bei dem mehr als die Hälfte des Areals der Höhenstufe von 600 zu 800 m angehört, während über letzterer Höhe nur noch 6,5 Prozent der Fläche aufragen. Ganz anders liegen die Verhältnisse in den drei anderen Gruppen, in denen von Nord nach Süd immer mehr die Höhenentwicklung zunimmt hinsichtlich der Kämme wie der beherrschenden Gipfel. Im mittleren Schwarzwalde läßt außerdem das starke Vorwiegen der Höhenstufe zwischen 800 und 1000 m den weit verbreiteten Hochflächencharakter dieses Gebietes gut erkennen. Einzelheiten des Gebirgsaufbaues genauer zu schildern, wird im folgenden sich reichlich Gelegenheit bieten.

Abb. 16. Holzschlitten im Walde. Zastler Tal; obere Enden der Holzriesen.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 44].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Die Gesteine und ihre Formen.

Von der Gesamtfläche des Schwarzwaldes werden etwa 24% von Gneis, 18% von Granit, 31% von Buntsandstein, 16% von Muschelkalk eingenommen. Der Rest verteilt sich mit rund 2% auf paläozoische Schiefer und 9% auf alle anderen Bildungen, also abgesehen von den vereinzelt auftretenden Porphyren auf jüngere Sedimente. Die Gneismassen nehmen die Hauptteile der westlichen Schwarzwaldgruppen ein, kommen aber in kleineren Bezirken auch sonst vor. Zumeist geben sie bei der Verwitterung fruchtbare Lehmböden, auch sind sie reich an Erzgängen, die einst einen lebhaften Bergbau auf Bleiglanz, Silber, Zinkblende, Kupferkies usw. ermöglichten, sowie an Mineralquellen. Der Granit bildet, abgesehen von kleineren Vorkommnissen, die Massive von Oberkirch und Triberg und hat seine weiteste Verbreitung zwischen Kandern, Säckingen und Villingen. Verwittert läßt er die lockereren Teile durch das Wasser an den Bergabhängen in die Tiefe führen, wo sie zu wertvollem Ackerboden werden, während oben mageres Erdreich zurückbleibt, das an den Vorhöhen dem Rebbau, im eigentlichen Gebirge dem Walde günstig ist. Auf der Neigung des Granites zur Zerklüftung beruht das Vorhandensein wertvoller Thermen, so der von Baden-Baden.

Abb. 17. Köhlerhütte.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 44].)

Abb. 18. Holzsägemühle im Löffelschmiedental. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 44].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Boden und Bodenformen.

Gegenüber den meist rundlichen Kuppenformen im Gneis- und Granitgebiet neigt der Porphyr, der zu verschiedenen Zeiten der Erdgeschichte da und dort im Schwarzwalde als Eruptivmasse zutage trat, zur Bildung von schroffen Felswänden und von steil aufragenden Kegelspitzen, die sich vielerorts im Landschaftsbilde ganz bestimmt hervorheben. Der Buntsandstein bildet eine im Norden bis zu 400 m mächtige Decke über dem Grundgebirge; die meisten seiner Schichten liefern bei der Verwitterung lockeren Schutt und Sand — trefflichsten Waldboden —, in welchem die Trümmer festerer Horizonte als große Blöcke in sogenannten Felsmeeren regellos angehäuft liegen bleiben. Den Muschelkalk finden wir, abgesehen vom Ostrand des Gebirges, längs der Rheinebene in kleineren Schollen, und im Süden, am Dinkelberg zwischen Säckingen und Basel, in ansehnlicher Verbreitung. Seine Mergel geben fruchtbare Lehmböden, er ist der Spender von Gips und Steinsalz. Keuper, Jura und Tertiärbildungen treten, wie schon erwähnt, nur in geringer Verbreitung auf, diluviale Kiese, Sande und Tone füllen die Rheinebene und die meist weiten Mündungstrichter der westlichen Schwarzwaldtäler. Die höheren Gebirgsteile weisen in ziemlich weiter Ausdehnung typisch ausgebildete Grundmoräne und Endmoränen mit gekritzten Geschieben und erratischen Blöcken, Moränenseen sowie fluvioglaziale Terrassen auf; wir werden diese interessanten Eiszeitspuren noch da und dort genauer kennen lernen. Der Löß endlich bedeckt teilweise in großer Mächtigkeit den Fuß des Gebirges, besonders am Rande der Rheinebene ([Abb. 5]); das Vorhandensein dieser durch das Wehen trockener Winde bedingten Bildung ist ein Beweis dafür, daß zwischen den Hauptperioden der Eiszeit und nach ihrem Ende in unseren Gegenden Steppenklima herrschte. Im Löß finden wir die Überreste der großen diluvialen Säuger, aber auch des Ren, und daneben die ältesten Menschenspuren der Rheinebene und ihrer Umrandung. Heute sind die Lößböden als wertvolle Rebgelände und Ackerböden von allerhöchster Bedeutung.

Abb. 19. Strohflechterin im Herrgottswinkel.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 44].)

III. Klima und Bewässerung.

Wind und Wärme.

D

ie Ausdehnung des Schwarzwaldes ist zu gering, als daß der Unterschied der geographischen Breite zwischen den südlichen und nördlichen Gebirgsteilen einen Gegensatz der klimatischen Verhältnisse bedingen könnte. Ebenso vermag die schmale Ostwestausdehnung sich nicht in dem Sinne wirksam zu machen, daß etwa aus ihr heraus eine kontinentale Seite des Gebirges einer ozeanischen sich gegenüberstellen ließe. Und doch sind Ost- und Westseite klimatisch grundverschieden. Die Ursache hiervon liegt aber durchaus in der Lage der Gebirgserhebung zu den Hauptwindrichtungen. Diese wehen nördlich der Alpen entweder von Südwest und West oder von Nordost, und ihnen stellt sich in jedem Falle der Schwarzwald mit seiner vorherrschend meridionalen Richtung in den Weg, so daß dem Westgehänge überwiegend warme und wasserdampfreiche Luftströmungen zufließen, der Ostseite aber trockene, die besonders in den kälteren Jahreszeiten sich durch empfindlich niedere Temperaturen auszeichnen. Dem Westen bleiben diese rauhen Kontinentalwinde zu allermeist erspart, und entsprechend ist dem Osten der Zugang der milden Westwinde versperrt. Verschärft wird dieser Gegensatz noch ganz wesentlich durch den Umstand, daß, wie wir sahen, der Ostrand des Gebirges viel höher gelegen ist als der Westrand, welcher über der klimatisch meistbegünstigten Landschaft Deutschlands, der Oberrheinischen Tiefebene, ansteigt.

Abb. 20. Schwarzwälder Glasarbeiten. Aus der Sammlung Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 45].)

Wärmeverhältnisse.

Was die Wärmeverhältnisse betrifft, so ist unser Gebiet, das der ausgedehnten Übergangprovinz Europas vom ozeanischen zum Landklima angehört, rund um 4° C wärmer, als es der Durchschnittstemperatur seiner Breitenlage entspricht. Aus langjährigen Beobachtungen ergeben sich als Normaltemperaturen der einzelnen Höhenstufen des Schwarzwaldes:

Meereshöhe

Mitteltemperatur ° C

m

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Jahr

 200

 1,5

10,4

19,4

10,4

10,5

 400

 0,9

 9,2

18,2

 9,5

 9,5

 600

 0,3

 8,0

17,0

 8,6

 8,5

 800

–0,4

 6,8

15,8

 7,7

 7,5

1000

–1,0

 5,6

14,6

 6,8

 6,5

1200

–1,7

 4,4

13,4

 5,9

 5,5

Diese Zusammenstellung zeigt vor allem die mit der Höhe zunehmende Bevorzugung des Herbstes vor dem Frühling, welch letzterer im eigentlichen Gebirge wegen der späten Schneeschmelze wesentlich kühler ist als der Herbst, der sich häufig mit schönen Sonnenscheintagen aufs angenehmste bis tief in den November hinein geltend macht.

Von diesen Normalwerten ergeben sich im einzelnen je nach den Lageverhältnissen bedeutende Abweichungen. So ist z. B. Villingen (708 m) auf der Ostseite des Schwarzwaldes im Verhältnis zu seiner Höhenlage in den vier Jahreszeiten nach obiger Reihenfolge und im Jahr zu kalt um 1.8–0.7–0.5–0.9–1.0°, Freiburg am Westfuß (272 m) zu warm um 0.9–0.7–1.0–1.0–0.9°. Nicht leicht könnte der Gegensatz zwischen dem östlichen und westlichen Schwarzwald deutlicher vor Augen geführt werden.

Abb. 21. Einzige Darstellung des alten Schwarzwälder
Hausierers. Krug vom Jahre 1806 in der Schwarzwaldsammlung
der Stadt Freiburg. Nach einer Photographie von M. Ferrars
in Freiburg. (Zu [Seite 45].)

Abb. 22. Alte Schwarzwalduhr vom Jahre 1670.
Aus der Schwarzwaldsammlung der Stadt Freiburg.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg.
(Zu [Seite 45].)

Im äußersten Falle steigt die Wärme in Karlsruhe, am Rande der Rheinebene, auf 37 ° C, in Villingen auf 32°, in dem 1004 m hoch und nach allen Seiten frei gelegenen Höhenschwand auf 29°, während die entsprechenden niedersten Werte -27, -33, -23° C sind. Gegenüber der hohen Sommerwärme in der Rheinebene und der exzessiven Winterkälte auf der östlichen Hochebene erweist sich hiernach der eigentliche hohe Schwarzwald als eine Landschaft, in welcher die Wärmegegensätze nicht allzu schroff sind.

Temperaturumkehr.

Der Winter ist auf den Höhen mehr durch seine langdauernde Schneedecke ([Abb. 6], [7] und [8]) und die hierdurch bedingte Schwierigkeit des Verkehrs lästig als durch übermäßige Kälte. Die freien Höhen erfreuen sich viel häufiger, als man das in den Niederungen ahnt, der winterlichen Temperaturumkehr, bei welcher es in höheren Lagen wärmer ist als in niedrigeren, besonders in muldenartigen Eintiefungen von größerer räumlicher Ausdehnung, wo sich bei hohem Luftdruck und dauernder Windstille die kalten, schweren Luftmassen ungestört ansammeln und nur schwierig einen Abfluß verschaffen können.

Abb. 23. Schwarzwälder Uhrmacher.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 45].)

An den sanften Böschungen der frei aufragenden Erhebungen strömt die kalte, schwere Luft fast unmerklich langsam ab und gelangt mit beinahe unveränderter Temperatur in die Tiefen. Zu ihrem Ersatz sinken die oberen Luftschichten rasch vertikal abwärts, wobei sie sich stark verdichten, erwärmen und gleichzeitig ihre relative Feuchtigkeit ganz wesentlich vermindern. Daher haben wir oben ansehnliche Luftwärme, die unter dem herrlichsten blauen Himmel tagsüber durch die Wirkung der Strahlungswärme am Boden noch bedeutend gesteigert wird; gleichzeitig erfreuen wir uns der entzückendsten Klarheit der Luft, die uns die wunderbarsten Fernsichten gestattet. Unten in den Niederungen dagegen herrscht gleichzeitig meist grimmige Kälte unter bleierner Nebeldecke, die bei den Bewohnern der Tallandschaften meist nicht ahnen läßt, daß weiter oben der Winter so gut wie wirkungslos ist. Dieses Hochdruckswetter mit Temperaturumkehr ist in unserer Gegend erst seit dem strengen Winter 1879/80 allgemeiner bekannt geworden. Wie in solchem Falle die Wetterlage sich gestaltet, mag ein Beispiel veranschaulichen. Die mittlere Tagestemperatur war 1898 am

16. Januar: in Höchenschwand +3,9°, in Karlsruhe -2,0°
17. +2,7°, -3,3°
18. +1,9°, -3,8°
19. +2,7°, -3,9°
20. +3,9°, -0,6°

Der Unterschied steigt also bis auf 6,6° an. Noch bezeichnender ist folgende Zusammenstellung aus dem Jahre 1888:

Monatsmittel
des Dezember, ° C

18. Dezember

Normal

1888

Größte
Wärme,
° C

Niedrigste
relative
Feuchtigkeit

Todtnauberg, 1022 m

–1,4

+3,3

+11,1

25%

Schopfheim, 385 m

–0,9

–0,4

+ 1,9

74%

Karlsruhe, 127 m

+0,8

+0,2

– 2,5

78%

In neuerer Zeit hat sich nicht zum wenigsten auch unter der Einwirkung der Wärmeumkehr ein lebhafter Winterhöhensport, besonders der des Schneeschuhlaufens, mächtig entwickelt, und die früher monatelang vereinsamten Berggasthäuser haben jetzt vom Dezember zum März vielfach mehr Besuch als vor zwei Jahrzehnten noch im Juli und August.

Abb. 24. Stickereien vom Schwarzwald. Aus der Sammlung Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Niederschläge.

Die Niederschlagsmenge im Schwarzwald und seiner Umgebung nimmt wie überall mit dem Ansteigen nach oben bedeutend zu. Sinkt sie im Wind- und Regenschatten der Vogesen und des Hartgebirges in der Rheinebene, z. B. in der Gegend von Colmar und im Kaiserstuhlgebirge, auf rund 500 mm im Jahre herab, so wächst sie unter dem Einfluß der vorherrschenden Südwest- und Westwinde mit der Annäherung an das Gebirge auf 800 und 900 mm und nimmt in der Umgebung der höchsten Gipfel um so rascher zu, je steiler und unmittelbarer sich diese aus der Ebene erheben. So haben wir in der Höhenregion des südlichen Gebirgsteiles 1800 mm und mehr, in der Hornisgrindengegend über 1600 mm jährliche Niederschlagsmenge, im mittleren Schwarzwald aber nur etwas über 1400 mm; an der Ostabdachung, im Gebiete stärkerer und häufigerer Ostwinde, sinkt die Regenmenge wieder rasch auf 700 mm und weniger herab. Von diesem Mittelwerte stellen sich gelegentlich starke Abweichungen ein. So hatte der Feldberg 1892: 2523, 1891 aber nur 1584 mm. Etwa die Hälfte aller Tage des Jahres bringen Niederschlag. Die Hauptmenge desselben fällt in den wärmeren Jahreszeiten, während der Winter als relativ trocken bezeichnet werden kann. Im Zusammenhang mit dem im Winter ziemlich häufigen Hochdruckswetter erklärt sich hieraus auch, daß das schönste Zeichen klarer Luft, die Alpenfernsicht, im Sommer an 13, im Frühling an 22, im Herbst an 28, im Winter endlich an 41% aller Tage erwartet werden darf.

Abb. 25. Männertracht des
neunzehnten Jahrhunderts.

Abb. 26. Alte Frauentracht im
Hohen Schwarzwald.

Abb. 27. Frauentracht im Hohen
Schwarzwald.

Aus der Sammlung Spiegelhalter. Nach Photographien von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Regen und Schnee.

Umfaßt die Zeit vom ersten bis zum letzten Schneefall eines Winters am Rand der Rheinebene im Mittel 140 Tage, so steigt sie am Feldberg auf 246 Tage an (22. September bis 26. Mai), und die Schneedecke, welche da oben bis 2,6 m mächtig wird und an steilen Gehängen ganz prachtvolle Wächten bildet ([Abb. 9]), dauert natürlich mit Unterbrechungen im Herbst und Frühwinter rund 200 Tage; in karartigen Nischen des hohen Gebirges, die der Sonnenstrahlung unzugänglich sind, schmilzt der letzte Schnee manchmal erst Ende Juli.

Die Bewässerung.

Die so stark schwankende Niederschlagsmenge ist in Verbindung mit der geologisch bedingten Veränderlichkeit in der Durchlässigkeit des Bodens eine der bestimmendsten Ursachen für die Menge und räumliche Verteilung des fließenden Wassers. So erklärt es sich, daß die Flußdichte, d. h. die Länge der Wasserläufe, auf die Flächeneinheit bezogen, am Westabhange des Schwarzwaldes viermal so groß ist als am Ostabhang. Der abtragenden und zerstörenden Wirkung des fließenden wie des abspülenden Wassers ist also auf der dem Rhein zugekehrten Seite des Gebirges ein viel größerer Spielraum gewährt, woraus es sich wesentlich mit erklärt, daß diese Westseite reicher gegliedert und in ihrem Relief mannigfaltiger gestaltet ist als die Ostseite. Daß viele Wasserläufe der Westseite ihre Quellregion an den Ostabhang der Haupterhebungen vorgeschoben haben und ihre Täler im Oberlauf als Durchbruchstäler erscheinen lassen, ist mit auf diese Ursache zurückzuführen. Auf diese Weise wird der scheinbar unregelmäßige Verlauf der hauptsächlichsten Wasserscheiden, das Überspringen derselben von einem Kammstück auf ein anderes verständlich. Am interessantesten in dieser Hinsicht ist der Anteil des Schwarzwaldes an der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau oder Nordsee und Mittelmeer.

Abb. 28. Bauernhäuser des siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts.
In der Mitte der Rauferhof (bei Lenzkirch) vom Jahre 1686.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Während die Wutach vom Feldberg erst weit nach Osten fließt, um dann bei Achdorf nach Südwesten umzubiegen, und während auch die Nebenflüsse der Kinzig, nämlich Gutach und Schiltach, ihre Quellgebiete östlich von bedeutenden Hauptkämmen des mittleren Schwarzwaldes liegen haben, drängt sich zwischen diese Flußsysteme das der Donau stark nach Westen, so daß die vorgeschobensten Punkte, von denen das Wasser dem Schwarzen Meer zueilt, vom Rand der Rheinebene keine zwanzig Kilometer entfernt liegen. Eigentlichen Gebirgskämmen von ansehnlicher Höhe folgt diese Wasserscheide nur auf der ziemlich kurze Strecke vom Höchst bei Neustadt bis zur Sommerau über Triberg, vorher und nachher ist sie mancherorts kaum nachweisbar, so unmerklich zieht sie über einförmige Hochflächen von verschwindend kleiner Neigung.

IV. Pflanzengeographisches.

A

ls ursprüngliche Vegetationsform des Schwarzwaldes im großen und ganzen ist für die Zeit, in welcher der Mensch zuerst anfing, die natürlichen Verhältnisse des Gebietes zu beeinflussen, ebenso wie im übrigen nordalpinen Europa der Wald zu betrachten. Aber selbstverständlich ist heutzutage, nachdem zahlreiche Generationen von Bewohnern über unsere Landscholle hingegangen sind, die Dichte und Art der Bewaldung im einzelnen nicht nur von der Höhe, Bodenform und Bodenbeschaffenheit, vom Klima und der Bewässerung abhängig, sondern auch von der Dauer und Intensität der menschlichen Besiedlung. Wenn nun in Baden 37% und in Württemberg 31% der Landesfläche bewaldet erscheinen, so sind das schon recht hohe Werte. Unser Gebirge ist aber noch wesentlich besser daran.

Sind doch von dem Buntsandsteingebiet seines Nordens und Ostens 60 bis 65% der Fläche bewaldet, am Westabhang und im Zentrum 40 bis 45%, während in der Muschelkalkzone des Ostens die Waldfläche auf 35 bis 25% des Areals herabsinkt. Den Verwitterungsböden des Buntsandsteins mit der, wie oben angegeben, stärksten Waldbedeckung kommen die des Granites mit etwa 50%, des Gneises mit rund 45% noch ziemlich nahe; alle anderen Bodenarten bleiben hinter diesen Anteilwerten mehr oder weniger stark zurück.

Abb. 29. Wollspinnerinnen im Herrgottswinkel.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Der Wald.

Im Osten mit seinen breiten und die Talauen meist nur wenig überragenden Höhenzügen sind im allgemeinen nur diese waldbedeckt, während sich am Wasser weite Feld- und Wiesenfluren ausdehnen. Im höheren Schwarzwald steigen die Waldungen vom Rande des Rheintales ab an den Vorhügelreihen, den Talwänden und Berglehnen, vielfach durch Auenland unterbrochen, zu den Wasserscheiden hinauf, deren höchste Kuppen im Süden von etwa 1350 m ab über die Baumgrenze aufragen, während flache Hochmoore gelegentlich noch die Krummholzkiefer (Legföhre) gedeihen lassen.

Abb. 30. Waldkapelle.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Im Gebiet dichterer Bevölkerung ist der Wald zu den obersten Hängen hinaufgedrängt; wo tief und eng gefurchte Täler vorherrschen, da deckt er alle felsfreien Stellen der Gehänge bis zum Bachufer und überläßt den Menschen die Hochebene zu Anbau und Siedlung. Steilheit, Bewässerung und Exposition der Böschungen bedingen im kleinen die mannigfachsten Verschiedenheiten in Lage und Ausdehnung der Gebirgswaldungen.

Zu 75% ist der Schwarzwald mit Nadelholz, zu 25% mit Laubholz bestockt, doch so, daß mehr als die Hälfte des Ganzen als Mischwald bezeichnet werden muß. Esche, Ahorn, Ulme, Pappel, Birke, Akazie treten kaum waldbildend auf, die zahme Kastanie bildet an den milden Vorhügeln des Westfußes ab und zu kleinere Komplexe und reift köstliche Früchte, die Erle bewaldet nasse Talböden, die Eiche kommt in der Vorhügelzone gelegentlich waldbildend vor, häufiger aber tritt sie, besonders im mittleren und nördlichen Gebirgsteile bis zu einer Höhe von 700 m als Schälwald und in den Reutefeldern auf, die in mehrjährigen Perioden durch Abbrennen vorübergehend dem Anbau von Getreide dienstbar gemacht werden. Der verbreitetste Laubholzbaum ist in reinen wie gemischten Beständen die Buche, die an vielen Orten bis zur Baumgrenze, ja gelegentlich sogar höher aufsteigt als das Nadelholz, freilich nur noch verkümmert und von den Südweststürmen windschief nach Nordosten gebogen.

Am Nadelwald ([Abb. 10]) beteiligen sich abgesehen von der Lärche und Weymutkiefer und außer der Legföhre der sumpfigen Hochmoore zu allermeist die Fichte oder Rottanne, dann die Edel- oder Weißtanne, endlich die Kiefer. Die Fichte steigt im ganzen Gebiet bis über 1200 m und zwergartig bis zur Baumgrenze auf, die Weißtanne ist besonders in den westlichen Gebirgsteilen, die Kiefer auf dem Buntsandstein häufig.

Bedeutung des Waldes.

Indem der Wald an den Gehängen überall den Boden befestigt und so die Entblößung des nackten Felsgesteines verhindert, indem er die Schneeschmelze reguliert, die Quellbildung und den Wasserablauf möglichst gleichmäßig auf alle Zeiten des Jahres verteilt und so die Hochwassergefahr vermindert, ist er, ganz abgesehen von dem Bargewinn einer rationellen Holzwirtschaft, die in Baden jährlich mehr als zwanzig Millionen Mark ergibt, von unberechenbarster Bedeutung. Die ausgedehntesten Waldungen besitzen der Staat, einzelne Städte, wie Freiburg, Baden und Villingen, ferner zahlreiche kleinere Gemeinden, viele Stiftungen und Großgrundbesitzer, wie z. B. der Fürst von Fürstenberg, sowie endlich die schon seit dem achtzehnten Jahrhundert bestehende Murgschifferschaftsgesellschaft (s. [unten]). Die Waldkultur und Holzverarbeitung jeglicher Art beschäftigt viele Kräfte. Sägemühlen gehören im Schwarzwalde zu den meist charakteristischen Erscheinungen. Die einst viel geübte Flößerei hat beinahe ganz aufgehört, seit das dichte Straßennetz und die Eisenbahnen die ihr einst gestellte Aufgabe erfüllen.

Was der Wald im Landschaftsbild bedeutet, was er Tausenden von Erholungsbedürftigen und Frieden Suchenden an Erquickung, Trost und Erhebung spendet, das empfinden wir alle dankerfüllt. Was er gerade ob dieses zunächst freilich nur psychologisch zu messenden Wertes für die moderne Welt geworden ist, das spielt allerdings auch in unserem neuzeitlichen Wirtschaftsleben mit seiner hochentwickelten Fremdenindustrie eine hochwichtigte Rolle.

Abb. 31. Grabkreuze.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Viehzucht und Ackerbau.

Mit der zunehmenden Besiedlung ist natürlich seit Jahrhunderten vom ursprünglichen Waldareal ein gut Teil gerodet worden; die Orts- und Flurnamen Rütte und Reute und ihre Verbindungen, ebenso Schwand, Schwende, Schweine deuten an sehr vielen Stellen auf die einst bei weitem größere Waldverbreitung hin. Wo auf den Höhen der Ackerbau ([Abb. 12]) nicht mehr lohnt und regelmäßige Wiesenwässerung undurchführbar ist, da dehnen sich weitum grüne, im Frühsommer blumengeschmückte Weideflächen aus, die, solange es die Jahreszeit erlaubt, großen Viehherden als Tummelplatz dienen. Der regelmäßige Ackerbau ragt bis zu 1000 m Meereshöhe auf, ja an manchen Stellen finden sich in der Umgebung der am weitesten nach oben vorgeschobenen Bauernhöfe und Tagelöhnerhäuschen noch bei 1200 m spärliche Hafer- und Kartoffeläcker. Daß aber in solchen Höhen der ausschließliche Feldbau nicht mehr lohnt, ist selbstverständlich; daher spielt auf dem Schwarzwalde die Viehzucht, gestützt auf großen Weide- und Wiesenbesitz, eine viel wichtigere Rolle, und neben ihr die Waldarbeit und Industrie, ohne welche viele Existenzen durch die Kargheit der Natur schwer gefährdet wären.

Viele Bergweiden, auch Wiesen und Ackerland manches allzu rauh gelegenen Bauerngutes sind seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vom Staate angekauft und aufgeforstet worden, so daß wir inmitten eines dicht bevölkerten Gebietes, das im allgemeinen den Boden immer intensiver auszunutzen gezwungen ist, die Waldfläche stetig sich vergrößern sehen. Um etwa 14% ist sie gegenüber dem Bestand von 1850 gewachsen, ein Umstand, der von manchem als wirtschaftlich unerfreulich hingestellt wird, der aber zweifelsohne als eine Verbesserung gelten muß, wenn man die dürftigen Zustände erwägt, unter welchen die durch die Aufforstung zu Orts- und Berufsänderung veranlaßten Bergbewohner einst gelebt haben.

Neben dem nicht sehr ausgedehnten Getreidebau — eigentlicher Großgrundbesitz fehlt fast ganz — ist die Anpflanzung von Kartoffeln im Schwarzwalde wichtig, Handelsgewächse (Tabak, Zichorie, Raps) haben nur in den tiefgelegenen, milden Tälern des Westens Bedeutung; dagegen ist der Obstbau von Belang. Unter dem Steinobst kommt den Kirschen ein ganz besonders hoher Wert zu; zahlreiche Gemeinden gewinnen durch großartigen Versand von frischen Kirschen, aber auch Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen usw., alljährlich viele tausend Mark, ganz abgesehen von der Edelbrauerei des berühmten Schwarzwälder Kirschen- und Zwetschgenwassers. Der herrliche Nußbaum ist einer der verbreitetsten Charakterbäume, und daß die Edelkastanie da und dort noch fast waldbildend auftritt, ist schon erwähnt worden.

Abb. 32. Viadukt bei Fützen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 52].)

Abb. 33. Waldshut. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 53].)

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Den Waldbewohnern geben die massenhaft verbreiteten Heidelbeeren und die auf rauhere Höhen beschränkten Preißelbeeren erfreuliche, von Jahr zu Jahr wachsende Einnahmen; aus der großen Erdbeerkultur in Staufenberg bei Gernsbach im Murgtal kommen während des Sommers viele Eisenbahnwagen voll der köstlichen Früchte zur Versendung nach allen Richtungen.

Weinbau.

Von unschätzbarer Bedeutung für das Wirtschafts- und Kulturleben des Schwarzwaldes ist der Weinbau ([Abb. 11]). Bis über 400 m hoch steigt von Süden und Westen her die edle Rebe aufwärts; sie wird sorgfältig gepflegt und gibt zwar schwankende, aber im Durchschnitt doch lohnende Ernten. Das Rheintal von Waldshut bis Basel, das Markgräflerland von hier bis Staufen, die Gegend von Freiburg, das Glottertal, das untere Kinzigtal, die Offenburger Gegend, die Landschaft von Bühl, sie alle geben zum Teil ganz vortreffliche Weinsorten. Markgräfler, Glottertäler, Durbacher, Klingelberger, Mauerwein, Affentaler und manche andere sind mit Recht weitum berühmt als freundliche Tröster im Ernst des Lebens und als bewährte Sorgenbrecher.

Abb. 34. Hotzenhaus in Bergalingen.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 54].)

Die Flora.

Den vielen Freunden der scientia amabilis mag es erwünscht sein, einiges wenige über das Vorkommen seltener oder besonders interessanter Kinder Floras zusammengestellt zu finden. Man unterscheidet im Schwarzwalde bis zu 850 m, an welcher Höhenlinie von unten her der Kirschbaum und von oben her das Bergwohlverleih (Arnica) ihre Grenzen finden, eine untere Bergregion, bis zu 1300 m, wenig unter der Baumgrenze, eine obere und darüber die Voralpen- oder die subalpine Region, welche nur noch den Feldbergstock und die Belchenkuppe umfaßt.

Florengebiete.

Während Nadelholzwälder auf trockenem Sandboden meistens fast frei von Unterholz und Krautpflanzen sind, findet sich am Boden feuchter Wälder eine um so üppigere Vegetation. Adenostyles albifrons (Alpendost) und Mulgedium alpinum (Alpenmilchlattich) finden sich hier häufig mit dem blauen und gelben Eisenhut (Aconitum), mit dem Wald- und Alpenfrauenfarn (Athyrium filix femina und alpestre), den Schildfarnarten Aspidium spinulosum, lobatum und Braunii, alle häufig zu wahren Riesenexemplaren entwickelt. Dazwischen bildet der große, mit den Bächen in die Täler hinabsteigende Ranunculus aconitifolius (eisenhutblätteriger Hahnenfuß) eine willkommene Abwechslung.

Zwischen Felsblöcken beherbergen feuchte, moosige Waldstellen an schönen Orchideen gelegentlich Listera cordata (herzblätteriges Zweiblatt) und Coralliorrhiza innata (eingewachsene Korallenwurz). Ähnliche Standorte liebt Trientalis europæa (Siebenstrahl); in Gesellschaft von Maianthemum bifolium (Schattenblümchen) finden sich mehrere Pirola-Arten (Wintergrün), darunter Pirola uniflora. Dem Feldberg ist eigen Streptopus amplexifolius (stengelumfassender Knotenfuß), während Empetrum nigrum (Almenrausch) im südlichen Schwarzwald nur am Belchen vorkommt, im nördlichen dagegen häufiger ist.

Abb. 35. Kindertracht des Hotzenwaldes.
Nach einer Photographie von M. Ferrars
in Freiburg. (Zu [Seite 54].)

Auf Bergwiesen und Weiden herrscht in der Blütenzeit strahlende Farbenpracht. Da duftet im Juni und Juli die leuchtend gelbe Arnica montana (Bergwohlverleih), wir finden die großblütige Glockenblume (Campanula Scheuchzeri), das Bärkraut (Meum athamanticum, seltener Meum mutellina), ferner das Leinblatt (Thesium montanum und alpinum).

Abb. 36. Hotzenhof in Hottingen. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 54].)

An Orchideen gehören hierher Gymnadenia albida (Nacktdrüse) und von der Platanthera (Waldhyazinthe) die Arten montana und bifolia. Dazu kommt noch die Kugelorchis (Orchis globosa), sowie auf feuchten Bergwiesen nicht allzu selten Geum rivale (Ufernelkenwurz) und Trollius europæus (Trollblume).

Florenregionen.

Wir sind hiermit in die obere Bergregion eingetreten, in welcher Höhenstufe die Schwarzwälder Hochmoore liegen, im Süden seltener, im Norden und Nordosten auf den fast ebenen Buntsandsteinbänken ausgedehnter. Die Legföhre oder Latsche (Pinus pumilio) findet sich in der Feldberg-Umgebung nur am Schluchsee, während sie an der Hornisgrinde, auf dem Holoh usw. häufig auftritt. Allgemeiner kommt die Hackenkiefer (Pinus uncinata) vor. Als Leitgewächs der Moorlandschaften kann das Wollgras (Eriophorum vaginatum, seltener alpinum) gelten. Auf Torfmoos- (Sphagnum-) Polstern haben sich verschiedene Arten des insektenfressenden Sonnentaues angesiedelt, so Drosera rotundifolia, anglica, intermedia und Bastarde unter ihnen. Dazwischen liegen die fadenförmigen Stengel der Moosbeere (Vaccinium oxycoccos), und von Bärlapparten kriecht das seltene Lycopodium inundatum am Boden hin. Sumpffettblatt (Sedum villosum), Sumpfheide (Andromeda polifolia) sind selten, während das Fettkraut (Pinguicula vulgaris) häufiger ist. Trockenere Stellen lieben die Sumpfheidelbeere (Vaccinum uliginosum) und das Heidekraut (Calluna vulgaris). Riedgräser (Carices) kommen reichlich vor, und Erwähnung verdienen hier noch Comarum palustre (Sumpffingerkraut), Phyteuma nigrum (schwarze Rapunzel), Parnassia palustris (Sumpfherzblatt), Menyanthes trifoliata (dreiblätteriger Fieberklee).

Die subalpine Schwarzwaldflora, deren seltene Vertreter zumeist an abgelegenen, schwer zugänglichen Stellen der höchsten Bergregion nur mühsam gefunden werden können, ist das Lieblingskind unserer Botaniker. Ganz vereinzelte Vorkommnisse sind meist nur wenigen Auserwählten bekannt, und ihre Standorte werden ebenso geheim gehalten wie einige künstliche Hegungen von Alpenrosen, alpinen Steinbrecharten und anderen dem Mittelgebirge an sich fremden Gästen, die von Freunden solcher Versuchspflanzungen aus den nahen Schweizerbergen gebracht worden sind.

Auf den höchsten kahlen Gebirgskämmen bildet Borstengras (Nardus) eine dünne Bodendecke, von Geröllschutt, Heidelbeerbüschen und Heidekraut unterbrochen. Gnaphalium supinum (Ruhrkraut), findet sich nur, und zwar selten auf dem Feldberg. Weiterhin mögen Saxifraga aizoon und stellaris (Steinbrech), Primula auricula (Aurikel), von Kryptogamen der Schildfarn (Aspidium montanum und lonchitis), das Zwergbärläppchen (Selaginella selaginoides), der Alpenbärlapp (Lycopodium alpinum) als besonders interessant genannt werden, ebenso das Goldfingerkraut (Potentilla aurea) und der bei den Viehhütten verbreitete Alpenampfer (Rumex alpinus). Der gelbe Enzian (Gentiana lutea), der Türkenbund (Lilium martagon), die Bergflockenblume (Centaurea montana), die dornenlose Rosa alpina, seltene Hieracium- und Crepis-Arten (Habichtskraut, Pippau) erregen unser Interesse nicht minder als der Alpenlattich (Homogyne alpina), die Gänseblümchenaster (Aster bellidiastrum) und am Rande der erst im Hochsommer schmelzenden Schneefelder das Alpenglöckchen (Soldanella alpina). Schließlich mögen noch Erwähnung finden Sweertia perennis (ausdauernder Tarant), Bartschia alpina, Campanula pusilla, Alchemilla alpina (Alpenfrauenmantel), Allium victoriale (Siegwurz), Silene rupestris (Felsenleinkraut).

Abb. 37. Laufenburg. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 55].)

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Diese so interessante Reliktenflora aus der Eiszeit weist auf einstige Beziehungen zu den Florengebieten der Alpen hin, und es erscheint auch wohl begreiflich, daß sie viel Gemeinschaftliches mit den Hochvogesen hat. Manche Einzelheit ist aber doch nicht aufgeklärt. Warum fehlt z. B. die Soldanella in den Vogesen, und warum sind die hier ansehnlich verbreiteten Arten Anemone alpina und narcissiflora, Viola alpestris, Androsace carnea dem Schwarzwalde fremd? Vielleicht ist es berechtigt, die Vogesen noch lange nach ihrer orographischen Trennung vom Schwarzwalde als im floristischen Ausstrahlungsgebiet der Pyrenäen gelegen anzunehmen, während für unser Gebirge die Annahme einer derartigen Verbindung nicht zulässig erscheint. Wie dem auch sei — der Wanderer, der auf unsern Höhen nicht achtlos Fuß vor Fuß setzt, wird viel Befriedigung daran finden, wenn er seinen Blick nicht nur in die Ferne schweifen läßt, sondern auch dem Nächsten, was sein Auge trifft, den zarten Kindern Floras, freundliche Aufmerksamkeit schenkt, und das um so mehr, als er unter ihnen wirklich seltene und in ihrer eigenartigen Verbreitung höchst beachtenswerte Erscheinungen treffen kann, wenn er nur mit dem nötigen Eifer und einigem Geschicke sucht und gelegentlich sich das Abweichen von den gebahnten Wegen der Allgemeinheit nicht verdrießen läßt.

V. Die Bevölkerung des Schwarzwaldes.

Bevölkerung bis zur Römerzeit.

D

ie Ortslagen prähistorischer Fundstätten gestatten ziemlich sichere Schlüsse über die Besiedlungsgeschichte des Schwarzwaldes. Aus der älteren Steinzeit stammen die im Löß der Rheinebene bei Munzingen, im Keßlersloch bei Schaffhausen und am Schweizersbild ebendaselbst gefundenen, zum Teil unveränderten, zum Teil bearbeiteten Renknochen und -geweihe, sowie Steinwerkzeuge, Tonscherben und Holzkohlen. Neben diesen zeitlich ersten Spuren des menschlichen Daseins nahe dem Schwarzwaldrande sind die zahlreicheren Reste aus der jüngeren Steinzeit und der älteren Metallzeit bedeutungsvoll, die aus den Pfahlbauten nicht nur des Bodensees, sondern auch aus denen der Baar auf uns gekommen sind, jener Hochfläche an der jungen Donau, deren ausgedehnte Ried- und Moorbildungen für Pfahlbauniederlassungen gut geeignet erscheinen mußten. Waffen, Geräte und Schmucksachen derselben Art wie in den Pfahlbauten, aber fern von solchen gefunden, z. B. bei Unadingen im Westen von Donaueschingen, bei Istein unfern Basel, bei Ettlingen in der Karlsruher Gegend, sind beweiskräftig für die Auffassung, daß die jüngere Steinzeit den Schwarzwaldrand besiedelt sah, und zwar von einem Volke mit nicht zu verachtendem Kulturbesitz. Welcher Rasse dasselbe angehörte, wird nicht mit Bestimmtheit zu sagen sein, und auf Hypothesen einzugehen, ist hier nicht der Ort.

Die vorrömische Metallzeit, die wir aus Ringwällen, Hochäckern, Urnenfeldern, Flach- und Hügelgräbern kennen, läßt uns in der geographischen Verbreitung ihrer nicht seltenen Spuren den Fuß und die Vorhöhenzone des Gebirges fast in seiner ganzen Grenzlänge verhältnismäßig dicht besiedelt erscheinen; wir finden die Bewohner dieser Zeit, die wir als Kelten bezeichnen, vergleichsweise hoch entwickelt nach der Art, wie sie Ackerbau, Viehzucht, Gewerbe, Handel und Verkehr trieben. Beim Eindringen der Römer sehen wir die Kelten zum größten Teil durch jene Germanen vertrieben, die unter Ariovist durch Cäsar vom linken auf das rechte Rheinufer zurückgedrängt worden waren, aber bald nachher mit Marbod nach Nordosten abzogen, um der drohenden römischen Vergewaltigung zu entrinnen.

So war, als die Römer anfingen, sich häuslich im Lande einzurichten, dessen Bewohnerzahl sehr gering. Doch bestand damals schon der Gegensatz zwischen einer kleinen, brünetten, schwarzhaarigen, dunkeläugigen Rasse und einer großen, blonden hellhäutigen, blauäugigen. In der ersteren erkennen wir unschwer die verscheuchten Keltenreste, die soweit als möglich in die Täler des Gebirges eingedrungen waren und so den Grundstock zur späteren eigentlichen Schwarzwaldbevölkerung abgeben konnten, in der anderen die Germanen.

Abb. 38. Säckingen. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 55].)

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Römische Reste in großer Zahl geben Kunde von den zum Teil glanzvollen Niederlassungen der südlichen Eroberer, die bis ins vierte Jahrhundert hinein in unseren Gebieten weilten. Längs der Heerstraße von Vindonissa (Windisch) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar, die den Rhein bei Zurzach überschritt, dann im oberen Rheintal von Waldshut bis Basel, am westlichen Gebirgsrande von hier bis Ettlingen und Pforzheim haben wir an Straßen, Brücken, Befestigungen, Militärstationen, Kultusstätten, Bädern, Ziegeleien, Villen eine so große Menge, daß wir uns von der römischen Machtentfaltung und Kultur im Oberrheingebiet ein deutliches Bild machen können. Das Gebirge hieß Silva Abnoba und war der Diana Abnoba geweiht; einer ihrer Altäre steht im wohlerhaltenen Römerbade zu Badenweiler, das an Glanz den Thermen von Aquae Aureliae (Baden-Baden) wohl nur wenig nachgestanden hat.

Alemannen und Franken.

Das innere, höhere Gebirge war von den Römern nicht besetzt, vielmehr ist erst die nachrömische, alemannische Besiedlung der Ausgangspunkt der heutigen Volksverteilung geworden. Des Frankenkönigs Chlodwig Sieg zwang 496 die Alemannen, sich auf das Gebiet im Süden der Murg und Oos zu beschränken und die fränkische Hoheit anzuerkennen. Bis zur heutigen Stunde wirkt jene Katastrophe mit ihren Folgen nach; im Norden von Baden und Rastatt, im „Unterlande“, herrscht die fränkische Mundart, im Süden, dem „Oberlande“, die alemannische, die durch den trefflichen Johann Peter Hebel, einen Sohn des Schwarzwälder Wiesentals, in die Literatur eingeführt wurde und vom nördlichen Schwarzwalde ab über den Rhein hinüber durch die ganze deutsche Schweiz bis zum Fuße des Monte Rosa gesprochen wird, freilich mit mancherlei, nur dem vertrauten Ohre merkbaren Abänderungen. Die Schwaben im Osten des Gebirges sind mit ihren westlichen Nachbarn, den Alemannen, als eine größere ethnographische Einheit aufzufassen, deren Glieder sich eigentlich nur mundartlich unterscheiden.

Abb. 39. Isteiner Klotz.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 64].)

Aus der Zeit der Frankenherrschaft stammt die Einteilung in Gaue: Pfinzgau, Ortenau, Breisgau, Albgau, Klettgau, Baar; Siedlungen und Kultur jener Tage kennen wir aus den fränkisch-alemannischen Reihengräbern, die in der Baar, auf den Randhöhen des südöstlichen und südlichen Schwarzwaldes und in der westlichen Vorhügelzone weit verbreitet sind. Doch auch in dieser Periode war der hohe Schwarzwald noch unbewohnt. Interessant ist, daß unter 100 Schädeln der entsprechenden Gräberfunde 69 reine Langköpfe (Germanen), 9 Rundköpfe (Kelten) und 22 Misch- oder Übergangsformen gefunden werden, während das heutige Geschlecht nur noch 16% Lang-, dagegen 32% Rundköpfe und 52% Zwischenstufen aufweist. Der Schwarzwald erscheint hiernach als Ausstrahlungspunkt von keltischen Rundköpfen, deren Träger seit der Periode der Reihengräber sich stark vermehrten, aus dem Gebirge heraustraten und sich mit den langköpfigen Germanen, den jüngeren Ansiedlern, vermischten.

Abb. 40. Badenweiler. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 66].)

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Besiedlung im Mittelalter.

In die Zeit gegen das Ende der fränkisch-alemannischen Reihengräberperiode fällt die Einführung und Ausbreitung des Christentums auf Schwarzwälder Boden und mit ihr die Errichtung zahlreicher Klöster, zumeist nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia. Zunächst spielte sich diese Kolonisation noch in den schon bis zu gewissem Grad besiedelten Randzonen ab, dann aber bald, nämlich vom zehnten Jahrhundert an, auf neugerodetem Waldlande, so in St. Trudpert im Münstertal, in St. Blasien an der oberen Alb. Nach dem Jahre 1000 folgten in bisher völlig unbewohnten Einöden St. Georgen, St. Peter, St. Märgen, Friedenweiler, St. Ulrich. Der Klostergründung folgte die Urbarmachung und Besiedlung weiter Flächen, deren Waldesdickicht sich nun rasch lichtete und im Verhältnis zur Rauheit des Klimas und zur anfänglich noch recht geringen Wegsamkeit fast nur allzuviele bäuerliche Niederlassungen auf den Grundstücken der Klöster entstehen sah. Der gelehrte Fürstabt Gerbert von St. Blasien hat nicht unrecht, wenn er in seiner Historia nigræ silvæ (1783 bis 1788) den Schwarzwald eine Colonia Sancti Benedicti nennt. In der Tat muß ein großer Teil des hohen Schwarzwaldes als junges Kolonialland angesehen werden, das erst vor neunhundert und weniger Jahren besiedelt worden ist, und zwar mit dem Überschuß von Menschenmaterial, welches sich in den leichter zugänglichen, seit alter Zeit bewohnten Tälern fand. So erklärt sich auch die starke Vermehrung der dunklen keltischen Rasse, von der vorhin die Rede war.

Abb. 41. Marzell im Kandertal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 68].)

Abb. 42. Der Belchen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)

Abb. 43. St. Trudpert.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)

Volksverteilung.

In späteren Zeiten sind durch die Bedürfnisse der Waldarbeiter, Glasbläser usw. gelegentlich wohl noch da und dort kleinere Orte neu entstanden, aber im großen und ganzen hat sich die Volksverteilung seit lange nur noch der Zahl nach verschoben, aber nicht mehr hinsichtlich des Bildes ihrer geographischen Ausbreitung. In bezug auf diese geographische Verteilung der Schwarzwaldbevölkerung muß vor allen Dingen eines Verwunderung erregen, nämlich ihr weites Vorrücken nach oben. Während in den Vogesen das höchstgelegene Dorf, Altweiler, sich zwischen 800 und 900 m ausbreitet, zieht sich Hofsgrund im Schwarzwald bis gegen 1150 m hinauf, und abgesehen von dem das ganze Jahr bewohnten Touristenhaus des Feldberger Hofes mit 1278 m ist der Rinkenhof in dessen Nähe mit 1200 m Meereshöhe die höchstgelegene alte Siedlung des Gebirges. Im Gegensatz zu den Vogesen mit ihrem ausgeprägt schmalen, steilabfallenden, darum auch verkehrsfeindlichen Hauptkamm neigt der Schwarzwald weithin zur Hochflächenbildung; er setzt hiernach dem Verkehr wie der Bewohnbarkeit nach seiner orographischen Gestaltung keine allzugroßen Hindernisse in den Weg. Längst ist er darum zu einem straßenreichen Durchgangsland geworden, und wie sich die Volkszahl zur Höhenlage der Wohnsitze verhält, ist aus folgender Zusammenstellung ersichtlich:

Einwohner
überhaupt
in Proz. auf 1 qkm
unter 200 m  17000   4,5 300
 200–400 m 221000  56,4 165
 400–600 m  60000  16,0  43
 600–800 m  41000  11,0  37
 800–1000 m  40000  10,7  37
1000–1200 m   5000   1,4  13
Summa 374200 100,0  69

Diese einer Untersuchung aus dem Jahre 1892 entnommenen Angaben beziehen sich nur auf den badischen Schwarzwald; entsprechende Zahlen für den württembergischen Gebirgsanteil würden die höheren Stufen noch schwerer ins Gewicht fallen lassen.

Abb. 44. Inneres von St. Trudpert.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)

Siedlungsverhältnisse.


Leicht wird den zahlreichen Bewohnern des hohen Schwarzwaldes der Kampf ums Dasein nicht, und er ist es auch niemals gewesen. Schon früh machten sich die Folgen der zu dichten Besiedlung, wie sie von den Klöstern nach und nach durchgeführt worden war, in zu geringem Ausmaß der bäuerlichen Lehen unangenehm fühlbar, und manche schwere Katastrophe im Wirtschaftsleben führte allmählich zur Einführung des Anerbenrechtes, das sich zum Hofgüterrecht ausbildete, wonach im Interesse der Erhaltung des Besitzes und um die zu weitgehende Parzellierung zu verhindern, der bäuerliche Hof ([Abb. 14]) vom Vater auf den jüngsten Sohn oder die älteste Tochter übergeht, während die übrigen Geschwister mit Abfindungsgeldern sich begnügen müssen. Sie werden Knechte, Mägde, Tagelöhner, heiraten auf andere Höfe oder wenden sich der Industrie zu, und diese hat auf dem Schwarzwalde längst eine ruhmvolle Heimstätte erworben. Ohne sie wäre seine heutige dichte Bevölkerung undenkbar. Hinsichtlich des Erwerbslebens der Schwarzwälder mag daran erinnert werden, daß neben dem naturgemäß längst nicht mehr genügend ergiebigen Ackerbau — Brotfrucht wird überall gekauft — die Viehhaltung eine hohe Bedeutung erlangt hat. Milch, Butter und Käse geben sichere Einnahmen, deren Wertschätzung die Schwarzwälder Viehzucht durchweg auf eine mustergültige, weitum anerkannte Höhe brachte, die zu erhalten die Organe des Staates, der Kreise und Gemeinden aufs lebhafteste bemüht sind.

Die Jagd kann zumeist als eine gute bezeichnet werden. Sie erstreckt sich auf Rot- und Damwild, Rehe, Hasen, auch Füchse, Dachse, Marder, Wildschweine, Fischottern, auf Auer- und Birkhähne, Fasanen, Rebhühner, Enten usw. Die Fischerei gewinnt im Oberrhein den vielbegehrten Lachs, die vielen Gebirgsbäche mit ihrem beweglichen reinen Wasser beherbergen die muntere Bachforelle, wohl den köstlichsten aller Fische, dessen Erhaltung durch die Wirksamkeit mehrerer Fischzuchtanstalten gewährleistet wird.

Abb. 45. Scharfenstein.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)

Der Schwarzwälder Bergbau spielte früher eine wichtige Rolle. Mancherlei Gänge im Urgestein, gern an dessen Verwerfungsspalten geknüpft, spendeten Kupfererze, z. B. im Kinziggebiet, silberhaltigen Bleiglanz an sehr vielen Orten, so bei Badenweiler, Sulzburg, im Wiesen- und Münstertal, bei Freudenstadt; Eisenerze verschiedener Art wurden einst abgebaut bei Pforzheim und Kandern, an der Oberen Alb und im Wutachtal; Kobalt gab es im Kinzigquellgebiet, Nickel bei St. Blasien usw. Eisenschmelzen bestanden in ansehnlicher Zahl, doch gingen sie seit etwa fünfzig Jahren alle ein bis auf die von Friedrichstal und Christophstal bei Freudenstadt. Am Erzkasten (Schauinsland) bei Freiburg, der von seinen alten Gruben den Namen hat, ist seit kurzem ein in großem Stil betriebenes Erzwerk auf Zinkblende und silberhaltigen Bleiglanz wieder eröffnet worden. Steinkohle (Anthrazit) lieferte bis zur jüngsten Zeit in bescheidenem Umfang das einzige Kohlenbergwerk Badens bei Berghaupten (Offenburg). Salz spendet in reichem Maß die Saline Dürrheim im Muschelkalk bei Villingen.

Abb. 46. An der Schützenbrücke in Donaueschingen.
Nach einer Photographie von H. Schönbucher in Donaueschingen. (Zu [Seite 72].)

Nicht hoch genug kann der Wert des Schwarzwaldes an Mineralquellen und Thermen angeschlagen werden. Seit den Römerzeiten haben sie Erholungsbedürftige von allen Seiten angezogen und durch die Geheilten ihren Ruhm und den der landschaftlichen Schönheit ihrer Umgebung nach allen Richtungen der Windrose getragen. Ihnen verdankt unser Gebirge zweifellos die ältesten Anregungen, die allmählich zur Entwicklung der jetzt so blühenden Fremdenindustrie führten und heute Hunderttausende anziehen, sei es in den Zaubergarten des Weltbades, das unserem Lande den Namen gab, sei es in irgendein anderes der kleineren, aber um so anheimelnderen Bäder im stillen Waldesfrieden ihrer lauschigen Landschaft.

Daß schon früh die Knappheit der natürlichen Lebensbedingungen den Schwarzwälder zu gewerblicher Tätigkeit zwang, ist bereits angedeutet worden. Waldarbeit, Holzflößerei, Kohlenbrennen ([Abb. 13], [15], [16], [17]), Harzgewinnung, Betrieb von Sägemühlen mit dem typischen oberschlächtigen Wasserrad ([Abb. 18]), Küblerei und Verfertigung kleiner Holzgeräte allerart, auch Strohflechterei ([Abb. 19]), das waren die nächstliegenden Beschäftigungen von alters her. Das Flößen, Brennen und Harzen ist fast völlig verschwunden, die vielbesungenen kleinen Sägewerke am rauschenden Wildbach sind an vielen Orten von großen fabrikmäßig betriebenen Schneidemühlen abgelöst worden, zu denen sich leider nur allzu häufig Zellstoffabriken gesellt haben. Die „Holzschneflerei“ wird immer noch viel geübt, besonders in Bernau und überhaupt in der weiteren Umgebung von St. Blasien. Mit der Zeit entstand die Industrie der Zunderbereitung und Bürstenherstellung, hauptsächlich am Südfuße des Feldberges, dazu kommen Blechlöffelschmieden, an die das „Löffeltal“ bei Hinterzarten schon durch seinen Namen gar deutlich erinnert, ferner Glasbläsereien — der Ortsname „Glashütten“ ist stark verbreitet ([Abb. 20]) —, Granatschleifereien u. a. m. Am berühmtesten ist aber die Schwarzwälder Uhrenmacherei geworden.

Der Glashändler Lorenz Frey brachte 1683 eine Holzuhr von der Wanderschaft nach Hause, und seither entstand aus kleinsten, ärmlichsten Anfängen auf den Höhen von Waldau und Umgebung eine Hausindustrie, die sich durch ihren überall hin tätigen Hausierhandel ([Abb. 21]) seit etwa 1750 Weltruhm verschaffte. Jetzt sind an Stelle der Holzwerke ([Abb. 22]) längst die feinsten Präzisionsuhren getreten. Die Hausindustrie ([Abb. 23]) ist mehr und mehr in den Dienst großer Fabriken getreten. Das Gebiet der Uhrmacher dehnt sich von Triberg und Schramberg bis nach Neustadt und Lenzkirch aus, beschäftigt Tausende von fleißigen Händen und setzt dem Werte nach alljährlich viele Millionen Mark um. Aus den Spieluhren entwickelten sich die Orchestrions, die heute in großer Zahl von den stillen Schwarzwaldhöhen ihren Weg in die weite Welt, besonders nach Rußland und Amerika einschlagen; auch die Herstellung von physikalischen, besonders elektrischen Apparaten und anderen Erzeugnissen der Feinmechanik ist hoch entwickelt.

Abb. 47. Die Donauquelle.
Nach einer Photographie von H. Schönbucher in Donaueschingen. (Zu [Seite 72].)

Seit dem achtzehnten Jahrhundert hat man die bedeutenden Wasserkräfte, die in den Schwarzwaldbächen und -flüssen mit ihrem starken Gefälle aufgespeichert sind, dem Gewerbe dienstbar zu machen angefangen; es entstanden zahlreiche Spinnereien und Webereien für Baumwolle und Seide, die in der Gegenwart sich zumeist zu sehr bedeutenden Betrieben ausgestaltet haben. Dazu kommen noch alle erdenklichen anderen Industrien, die auch nur annähernd aufzuzählen hier nicht der Ort ist. Nehmen wir endlich die hochentwickelte Gold- und Silberwarenherstellung in Pforzheim und Umgebung, so sehen wir, daß die Schwarzwaldbevölkerung es gut verstanden hat, sich Erwerbsquellen vieler Art zu erschließen, die es ermöglichen, auf an sich nicht allzu ergiebigen Heimstätten in auskömmlicher Weise zu leben. Daß diese Industriebetriebe nicht auf wenige städtische Hauptpunkte sich zusammenhäufen, sondern vielfach als Hausindustrie in denkbar größter Auflockerung über weite Gebiete des Gebirges ausgebreitet sind, daß sehr viele Kleinbauern einzelne ihrer Familienangehörigen in der Fabrik tätig sein lassen, während anderseits die eigentliche Arbeiterbevölkerung gern nach Erwerb von Grundbesitz strebt, wenn es auch nur ein kleines Stückchen Garten oder Ackerfeld ist, all das hat von unserem Schwarzwalde die sozialen Schädigungen einseitig gesteigerten Industriegebietes bis zu gewissem Grad fern gehalten. Möchte das für alle Zeit so bleiben!

Tracht. Wohnung. Sitten.

Tritt uns die Schwarzwälder Bevölkerung in körperlicher Kraft und geistiger Gesundheit gegenüber, so zeigt auch ihre Kleidung und Wohnung die Freude an Schmuck und Farbenpracht, den Sinn für Behäbigkeit. Noch werden in vielen Gegenden, von den Frauen mehr als von den Männern, besonders an Sonn- und Feiertagen, sowie bei festlichen Anlässen, malerische Trachten getragen, deren Herstellung viele Kräfte beschäftigt ([Abb. 24]) und deren Erhaltung sich neuerdings rührige Vereine zur Aufgabe machten ([Abb. 25], [26], [27]). Die Volkstrachten sind nicht überall schön, aber in ihrer von Tal zu Tal wechselnden Eigenart erregen sie das Interesse des Beschauers. Als Ausdruck eines gesunden Bauernstolzes und einer verständig konservativen Gesinnung haben sie eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, ja man darf wohl sagen, einen gewissen moralischen Wert. Freilich erscheint die da und dort versuchte Wiedereinführung der untergegangenen Volkstracht völlig als nutzloses Bemühen. Nennenswerten Erfolg hat sie selbstverständlich auch nirgends gehabt.

Das alte, echte Schwarzwaldhaus ([Abb. 14], [28] u. [48]), das leider aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr als Neubau entsteht, gewährt einen überraschend stattlichen Anblick. Unter dem gewaltigen, weit vorspringenden Stroh- oder Schindeldach glänzen die zahlreichen kleinen Fenster des wettergebräunten Holzbaues freundlich hervor, die in der guten Jahreszeit nie eines reichen Blumenschmuckes entbehren. Ein gedeckter Gang mit dem Brunnen führt meist einer Hausflucht entlang, das obere Stockwerk hat eine Holzgalerie. Gern wird das Haus so an die Berglehne gebaut, daß man von der Rückseite unmittelbar in die große Scheune unter dem Dach einfahren kann. Als Nebengebäude gesellen sich oft noch eine Säge- oder Mahlmühle, ein Backhaus und bei den stolzen Einzelhöfen eine kleine Kapelle bei. In der geräumigen Wohnstube fehlt niemals der gewaltige Kachelofen als wonniger Wärmespender, mit der Ofenbank, auf der es sich so gut sitzen und plaudern läßt, und mit der „Kunst“, einer Wärmeanlage, die mit dem Küchenherd in Verbindung steht; es fehlt auch nie das immer mit Blumen eingefaßte Kruzifix in der Kante zwischen den zwei Fensterwänden. Es ist das der „Herrgottswinkel“, unter welchem der von Bänken und Stühlen umstellte, große Tisch seinen Platz findet ([Abb. 29]). Auch in den hellen und blanken Gaststuben der Bauernwirtshäuser fehlt der Herrgottswinkel nicht leicht. Der Schwarzwälder ist eben streng religiös und trotz eines hohen Grades von Tüchtigkeit fürs praktische Leben, vielfach darf man sagen auch von Aufgeklärtheit, spielt sich das Dasein des einzelnen wie der Familie und der Landgemeinde in den altüberlieferten Sitten und Gebräuchen ab, wie sie das Kirchenjahr und seine Feste in bestimmte Regeln gebracht haben, von denen nicht abgewichen wird ([Abb. 30], [31]). Und zwar besteht hierin zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung kaum ein Unterschied.

Abb. 48. Die Brigachquelle mit Schwarzwaldhaus. Gemälde von Hans Busse. (Zu [Seite 72] u. [123].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Zum weitaus größten Teile herrscht in unserm Gebiet der Katholizismus, evangelisch sind in der Hauptsache nur die Landschaften der früheren Markgrafschaft Baden-Durlach und die altwürttembergischen Lande, aber diese Gebiete machen zusammengenommen viel weniger aus, als die der seit 1803 mediatisierten Fürstentümer, Herrschaften allerart, Bistümer, Abteien, freien Reichsstädte und der einst vorderösterreichischen Lande, besonders im Breisgau. Wie die politischen Verhältnisse früher waren, mag aus dem Hinweis hervorgehen, daß noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf dem 60 km langen Weg von Freiburg nach Basel zehn Grenzen zu überschreiten waren zwischen mehrfach wechselnden Parzellen österreichischen und badischen Gebietes, zwischen Ortschaften unter bischöflich baslerischer, unter reichsritterschaftlicher und unter der Hoheit des Deutschordens; anderswo sah es auch nicht viel besser aus.

Abb. 49. Gutachbrücke bei Kappel-Neustadt.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 76].)

Sitten und Volkscharakter.

Von diesen Zuständen, die wir ja in Thüringen noch erhalten sehen, ist im Volksbewußtsein kaum noch da und dort eine Spur übriggeblieben. Höchstens, daß die Bewohner der einstigen Markgrafschaft Baden, des Markgräflerlandes, von den Nachbarn als „Altbadische“ bezeichnet werden, und daß die altbadischen, protestantischen Frauen in der Tracht von ihren katholischen Freundinnen im Breisgau sich etwas unterscheiden, besonders hinsichtlich der Form der Flügelhaube und im Tragen des Spitzenbrusttuches. Sonst aber ist der Schwarzwälder, ohne sich darüber Sorge zu machen, unter welchem Herrn seine Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren einst standen, gut badisch beziehungsweise württembergisch, was ihn nicht hindert, von Herzen ein guter Deutscher zu sein. Wenn auch durch politisch verschieden gefärbte Brillengläser, so schaut er doch lieber arbeitsfreudig und zuversichtlich in die Zukunft als weltschmerzlich in eine Vergangenheit, die ihm in allen Stücken das Leben schwerer gemacht hat, als er es heute lebt. Sicherlich wird er, was auch die rasch umgestaltende Zeit bringen mag, stets den Kopf oben behalten und immer einer der tüchtigsten unter seinen deutschen Stammesbrüdern sein und bleiben.

Der südliche Schwarzwald.

VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand.

U

nter der Konstanzer Brücke entströmt dem Schwäbischen Meer der smaragdgrüne Rheinstrom, so schön und rein wie nur irgendeiner seinesgleichen. Wer sich ihm auf dem Schaffhauser Dampfschiff anvertraut, dem bietet sich bei der Fahrt eine ungeahnte Fülle prächtiger Landschaftsbilder. Aus der Spiegelfläche des Untersees winkt das liebliche Eiland der Reichenau mit seinen Erinnerungen an alte Kultur, und das reiche Grün der Rebgelände und Obstgärten, die satte Farbenpracht der Blumenbeete vor den Wohnstätten des Inselvölkchens zaubert uns die Erinnerung herauf an Rudimann den Kellermeister, an Heribald und seine Gäste, an die Gesandtschaft des Kämmerers Spazzo und alle die lebenswahren Gestalten, denen Scheffel in seinem Ekkehard eine so wohlverdiente Auferstehung bereitet hat. Über der Insel grüßt der trotzige Hohentwiel herüber und trägt auch seinerseits dazu bei, uns auf ein Viertelstündchen hinüberdämmern zu lassen in luftige Träume im Rundbogenstil.

Am schweizerischen Ufer haben wir den Arenenberg Napoleonischen Andenkens, darüber auf steiler Höhe das Schlößchen Salenstein, weiter unten engt sich der Fluß wieder in eine schmale Rinne ein, und zu beiden Seiten wechselt in rascher Folge ein malerisch freundliches Bild mit dem andern, bis man am Fuß des fernsichtgesegneten Burgberges von Hohenklingen, an dem der feurige „Beerliwein“ wächst, das alte Stein am Rhein, ein malerisches Nürnberg im kleinen, erreicht.

Abb. 50. Lothenbachklamm bei Bad Boll.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 76].)