Maria Lazar

DIE VERGIFTUNG

1920
LEIPZIG - E. P. TAL & Co., VERLAG - WIEN

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten.
Copyright 1920 by E. P. Tal & Co., Verlag Leipzig und Wien.

Die Tür

Eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie überall ist, überall ist. Eine Tür –

Nein, eine dunkle Macht, feindlich, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Das schlägt ins Gesicht, dem ganzen Körper entgegen. Eine Schicht, eine dünne, harte Wand.

Und da verloren sich die schmiegsamen Formen ihres Leibes. Das Immerweitertasten ihrer Hände blieb stecken. Sie wurde platt zusammengedrückt zu einer Fläche, einem Ding, aus dem nur der ungeheure Schrecken herausgestiegen war und draußen stehen blieb, verwundert.

Als sie über die Treppe des Alltagshauses ging, trat sie in die Abdrücke der hundert geschäftigen Füße, die täglich hier vorüberliefen.

Wieso war sie überhaupt dahergekommen? Immer daher gekommen und nur da her, daß alles übrige draußen liegen blieb?

Heute drang das Licht blendend durch Steine und die erstarrte Haut ihres Leibes. Von den Blättern troff es, grell und heiß, und duftete nach dem Blut aller, die auf der Straße gingen. Das Blau war zu tief, zusammengedichtet aus trotzigen Kräften.

Ach, die furchtbare Helle. Und in sie hineingelegt die Tür, mit den dunkelbraunen Flecken. Die sich niemals, aber auch niemals einschlagen läßt.

Diese Tür war schon damals gewesen, als sie so klein war, daß sie den Kopf ganz nach hinten legen mußte, um die ersten Stockfenster zu sehen. War es die Tür aus dem Kinderzimmer heraus oder von der Küche in den dunklen Gang, an die sie sich nicht zu hämmern traute, als man sie einmal dort eingesperrt hatte? Die Tür, die sich nie und nie zertrümmern läßt.

Wievielmal schon hatte sie diese Türe geöffnet, mit Händen, die dem eigenen Sieg nicht glauben wollen. Nur ein leichter Druck auf die Klinke – und hatte doch immer den Mut gehabt, zu wissen, daß diese Türe einmal verschlossen sein muß. Jedesmal hatte sie den einen gräßlichen Moment erlebt, der heute Wahrheit geworden war – verschlossen.

Heute, es ist ja gar nicht heute. Das war schon immer, das hat sie ja schon hunderttausendmal erlebt. Tritt man nicht aus der Zeit heraus, wenn dann eine Stunde kommt, die sich einbildet, die erste zu sein. Ein Heute, das ewig ist – ein Schritt aus dem warmen Leben – vielleicht ist ihr deshalb so entsetzlich kalt. Und sie muß die Augen schließen, während das Sonnenlicht des Tages die Wimpern versengt.

Verschlossen – undurchdringlich.

Sie geht durch Straßen, wo die Nachmittagsröte die Mauern frißt. Und weiß: Der breiten Kastanie vor seinem Fenster ist heute ein Ast abgehauen worden. Blendend weiß bietet sich die Wunde der gierigen Sommersonne dar.

Sie kann nie mehr weiter tasten. Steht fest, undurchdringlich – verschlossen.

Ich muß denken, sagte Ruth. Sie nahm den Brief, der in seine Tür geklemmt war und dachte: Ein zu kleines Kouvert. Und warum macht er dem R bei Ruth so einen Schnörkel? Eine wütende Lust überkam sie, den Brief von sich zu werfen, irgendwohin, vielleicht in den Straßengraben. Und dann nie mehr ... Aber sie hielt ihn fest und ging so lange, bis die erste Dämmerung sich mit dem Staub der Großstadt mischte, der in die Höhe stieg, langsam, leise und unerbittlich.

Es schlug neun Uhr vom Kirchturm. Sie dachte: Mutter ist böse, wenn ich zu spät zum Abendessen komme. Und Richard macht seine verwunderten Augen. Ich will sie nicht ärgern. Aber ich bin nur so elend, wie sie gar nicht wissen, daß man sein kann.

Sie spürte den Essensgeruch der aus der Küche quoll, als die Köchin öffnete. Und war gespannt was es gäbe, während ihr die Tränen in die Augen traten, daß sie jetzt daran denken könne.

Sie sah nicht auf Mutter und Bruder, während sie schweigend würgte. Sie hörte nicht die Nörgeleien der Schwester. Sie schluckte eilig große, trockene Bissen hinunter und fragte sich nur: Was habe ich? Sie wußte es nicht mehr.

Aber als sie in ihr Zimmer trat, schrie der Spiegel seinen Namen. Und sie sah ihr Bild darin, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte, bevor sie weggegangen war, heute. Die Bücher auf dem Tisch, die vernachlässigt und zusammengeworfen waren, und die zerrissene Mappe atmeten seinen Duft aus. Und von dem seidengelben Lampenschirm herab träufelten in weichen Farben ihre nächtlichen Gedanken.

Sie öffnete den Brief. Und las verächtlich seine großen Lügen.

Der Spiegel schrie seinen Namen. Sie sah sich drinnen, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte. Wird sie so nie mehr zu ihm gehen.

Aber ja, morgen geht sie zu ihm, ganz so wie sonst. Was hat sie nur heute. Der Brief ist ja so einfach zu verstehen. Warum soll er denn nicht einmal verhindert sein, geschäftlich.

Ruth las den Brief noch einmal. Die lächerliche Schlinge des R und die kriecherische Windung des L in Liebe.

Er lügt. Aber das macht ja nichts, das wußte sie schon immer. Und doch – sie kann nicht mehr.

O Gott, was ist nur geschehen? Was ist mit ihr? Durch das Fenster strahlt die warme Sommernacht, wie eine Fülle leuchtender Versprechungen. Die Welt ist hell. Sie war bis jetzt nur in einer dunklen Stube. Dunkle Stühle, dunkle Flecken an der dunklen Tür. Die Welt ist hell. Ihre Glieder, ihr armer vergessener Körper schreien nach Licht. Sie kniet am Boden. Ihre Zähne beißen in die Tischkante, oh, daß sie nicht aufschluchzt.

Sie will denken. Sie weiß, daß seine Augen durch alle Mauern auf sie sehen. Aber ihre Hand sagt nein, ihr Knie schlägt in trotzigen Stößen auf die Diele.

Ihr Hirn schmerzt vor Sehnsucht nach ihm, ihre Zähne beißen in die Tischkante.

So lange sie denkt, gehört sie ihm. Aber da ist noch etwas an ihr, das nicht denkt. Das treibt, das schlägt, das stößt, das treibt sie zu ...

Er stand vor dem Spiegel mit dem zu dicken Rahmen, der alles verdüsterte und doch so hervorstach, als wolle er es nicht zugeben, daß eine eigentümliche Frechheit von dem bespritzten Glas ausging.

Er stand vor dem Spiegel und sah aufmerksam auf seine schlecht rasierten hageren Backen. Auf die etwas zigeunerhafte Locke, die über die Stirn hing. Sie war nur zu licht, um wild zu sein.

Er stand vor dem Spiegel und versuchte die Regelmäßigkeit seiner schmalen Züge zu genießen, durch die die zu weit nach hinten liegende Stirn durchfuhr, wie ein querer Strich in einer regelmäßigen Zeichnung. Seine Schultern standen zu weit nach hinten, künstlich steif. Sie wollten offen und frei erscheinen. Aber die Augen lagen tief versteckt. Die Pupillen waren nicht in sich abgeschlossen, sie liefen über, ausstrahlend und doch wie verirrt in das Weiße des Auges.

Er stand vor dem Spiegel und der zusammengepreßte Mund, mit den dunklen, schmalen Zähnen erkannte alle Schwächen der kraftlos weichen Hände, die sich auf den Rücken legten, während die Schultern sich nach hinten streckten, gewaltsam, künstlich.

Als Ruth zur Tür hereinkam, saß er vor dem Pianino und spielte eine Beethoven-Sonate. Er trat ihr entgegen mit beiden ausgestreckten Händen. – Du kommst spät, sagte er liebenswürdig spöttisch. Aber seine Augen blickten böse in eine Ecke des Zimmers.

Ruth erschrak. Wie immer legte sich der süßlichherbe Geruch der Räume, den sie nie wo anders getroffen hatte, betäubend um ihre Stirn. Sie lachte dann: Ja, denk nur, wieso, ich bin einen verkehrten Weg gegangen.

– Du hast nicht kommen wollen, sagte er langsam und schwer.

Alles stand still. Das Zimmer stand still, jeder Stuhl, selbst die Uhr, die sonst immer zu laut schnarrte. Etwas lebte nicht mehr, es war etwas gestorben, jetzt, in dieser Minute, etwas Furchtbares war ausgesprochen worden.

Ruth dachte: Weinen können. Sie sah die hochmütigen Globen auf dem Wandregal, die alle staubig waren. Und die sattgelben Minerale auf dem unordentlichen Schreibtisch.

Er rückte ihr den Stuhl zurecht, wie immer. Immer denselben Stuhl.

– Aber was sagst du denn da? lachte Ruth. Es war ihr schlankes frohes Kinderlachen, das so seltsam hinaufkletterte über die grau verschossenen Wände, die zu hoch waren.

– Mein Kind, sagte er, mit überschlagenen Beinen und fremden Augen, ich habe dich seit drei Wochen nicht gesehen und heute kommst du zu spät.

– Du mußt mir erzählen, stöhnte Ruth, alles was da war, alles was du erlebt hast, was du gearbeitet hast.

– Ruth, sagte er. Und sie haßte ihn. Spürte den Schnörkel in der Schlinge des R.

Sie sah seine weißen, kraftlosen Hände. Wußte, daß sie diese Hände niemals vermissen könne. Seine Krawatte war zerschlissen.

Eine heiße Welle stieg in ihr empor, würgte die Kehle. Aber sie war so müde. Hilf mir, sagte sie.

Vor ihr war eine große, schwere Wage. Eine Schale war voll eiserner Gewichte, schwer und kalt. Die andere leer, ganz leer und hoch oben, mutterseelenallein.

Die ganze Welt war aus dem Gleichgewicht durch diese Wage. Und durch die Disharmonie seiner Bewegungen. So wie er jetzt die Zigarre zum Munde führte.

– Du kannst mich eben nicht mehr aushalten, sagte er langsam. Nein, er wußte nichts, er konnte ihr nicht helfen.

Er erzählte ihr von seinem neuesten chemischen Experiment. Und sah sie an, als wäre sie eine schillernde Phiole.

Ihr Gehirn wollte mitarbeiten, aber wieder wehrten sich ihre Hände, ihre Knie, ihr Blut dagegen.

Die Nacht war hereingebrochen.

Du, sagte Ruth plötzlich, als er ihr seine letzten Tage schilderte, wie er sich elend in Gasthäusern herumgetrieben. Hör’ auf. Ihre Stimme klang hart und hell. Sie sprang auf und nahm seine Hand. Und ein grenzenloses Mitleid, ein Schmerz, der sich selber zerbrach, lähmten ihren Atem. – Jetzt geh ich und komme nicht mehr. Deine Tür war verschlossen, letztesmal. Sie war immer verschlossen. Lüg nicht! Vielleicht weißt du es nicht. Ach, diese Kälte herinnen. Und ich liebe dich. Hörst du mich nicht. Das ganze Zimmer hört mich ja. Die Bäume draußen hören mich. So hör mich.

– Ich höre, mein Kind, sagte er und sie stampfte mit dem Fuß, weil er mein Kind sagte.

– Du weißt, daß ich seit zwei Jahren für dich gelebt habe, fuhr sie fort und ihre Stimme überschlug sich. Aber ich sage dir, ich spüre eine Erschöpfung, eine Gefahr, ich bin zu voll von dir, ich kann dich nicht mehr ertragen. O, was tust du mit mir.

– Wohin willst du, sagte er und nahm einen Zug aus seiner Zigarre.

– Fort, schrie Ruth. Was bin ich dir? Eine Phiole mehr für deine Experimente.

– Törichtes Kind, sprach er und seine Stimme war schwarz in der lauen Nacht. Fort – du kannst nicht mehr fort. Du warst die Phiole für mein kostbarstes Experiment. In dir habe ich mich selber experimentiert.

In diesem Augenblick sah Ruth vor sich auf dem Schreibtisch ein schmales, scharf geschliffenes Messer liegen.

– Wohin willst du, fragte er und vertrat ihr den Weg zur Türe. Du Kleine, die du die ganze Last eines verbrauchten Lebens in dir trägst.

Ruth roch Blut. Oder waren das seine Chemikalien.

– Nein, sagte sie. Und ging hinaus ohne ihm die Hand zu geben.

Im Stiegenhaus brannte grellrot elektrisches Licht. Und die Straße lärmte.

Der Kleiderkasten

Ruth erwachte. Durch das Fenster stieß peinigend laut Licht. Es kam von drüben, von der fahlgelben Hofmauer, zerbrochen und unverschämt schrill. Es saugte die Menschen aus ihren Betten, aus ihren Häusern, ihren Gewohnheiten. Und weil heute Sonntag war, liefen sie alle hinaus. In eine Freiheit, die zu hell war. Daß die großen grünen Blätter schon verdeckt lagen von Staub und zu viel erlebt haben. Wie das schmerzt. Und alle schreien. Irgendwo wird Bier ausgeschenkt.

Dasselbe Licht kroch über die Gegenstände ihres Zimmers, die sonst dunkel waren. Sie traten heraus aus sich selbst, aus ihrem farblosen Dasein und jede Kontur wurde scharf und kam weit hervor.

Es war nicht zum Aushalten. Ruth sprang auf. Sie ließ die Jalousie herunter und war erleichtert, als die Eisenstangen auf dem Fensterbrett aufschlugen. Dann legte sie sich wieder in das zerwühlte Bett, obendrauf, den Kopf weit nach hinten.

Vor ihr stand der Kirschholzkasten. Der liebe, lichte, gerade Kirschholzkasten.

Tisch und Stühle und vor allem das dunkle Bücherbrett trugen noch sein Gepräge. Sie waren immer nur dagewesen, um zu warten, daß sie zu ihm gehe. Und wenn sie wieder kam, waren sie voll Warten für das nächstemal. Und nur voll Warten.

Aber der lichte Kirschholzkasten war schon früher dagewesen. Sie sah starr auf ihn mit halbgeschlossenen Lidern. Um die anderen nicht zu sehen.

Der Kasten hatte etwas vom lieben Gott. Ganz bestimmt. Von dem lieben Gott, vor dem man die Hände faltet, um zu ihm zu beten. Der einen weißen Bart hat. Und man braucht nur brav zu sein und es kann einem gar nichts geschehen. Er schmeckt nach Zuckerlämmchen, die zu Ostern verkauft werden. Und auch ein bißchen verstaubt.

Dieser liebe, breitlinige Kasten war einmal groß, so groß, daß man nicht bis zum Schlüssel reichen konnte. Und alles war darin, was man nur brauchte.

Ruth bäumte sich auf. Der liebe Gott war tot. In dem lichten Kirschholzkasten hing eine Menge dunkler Stoffe. Die rochen alle ein wenig nach fremden Chemikalien, süßlich herb. Stundenlang war sie gesessen, den Kopf in diesen Kleidern vergraben, um den geheimnisvollen Duft einzusaugen. Nein, sie wird den Kasten nie mehr aufsperren können.

Sie betrachtete mißtrauisch ihre braunen Kinderhände. Mit den kurzen Fingern, die noch niemals etwas sein wollten und noch niemals etwas festgehalten hatten, immer nur alles fragend betastet. Rochen sie nicht in ihrem Innern, ganz drinnen in der Handfläche, aus den Poren heraus nach ihm? Sie dachte an das Versinken in seinen großen, zu weißen Händen und ihr wurde übel. Ihre widerspenstig flockigen Haare rochen ja auch nach dort – ist sie denn ganz von ihm durchzogen, vergiftet –

Sie wird ein Bad nehmen. Und sich die Haare waschen mit sehr viel Seife. Das wird nützen. Und die Möbel heute gut abstauben, mit einem neuen Staubtuch.

O Gott, wenn sie nicht auf den Kasten sieht, sieht sie überall ihn, nein, nicht ihn und auch nicht seine Augen, nur seinen Blick. Der dunkel ist und wie ein Band sich um ihre Glieder legt. Den sie nicht versteht und nie verstanden hat, weil er aus einem Land kommt, das sie nicht kennt. Dessen Unkörperlichkeit sie verzweifeln ließ und dem sie nun entflieht, von heute an.

Es ist merkwürdig, dachte Ruth, daß ich die ganze Nacht geschlafen habe. Es ist überhaupt merkwürdig, daß man bei einem großen Unglück doch ganz bleibt, wie sonst. Nur alles andere wird anders.

Und wieder sieht sie auf den hellen freundlichen Kasten. Und vergleicht ihn mit dem lieben Gott. Sie möchte die Hände falten, ganz wie damals. Und kann es nicht mehr. Und fürchtet sich, ganz wie damals.

Denn da ist sie wieder, die alte Kinderangst, über die sie schon hinweggegangen zu sein glaubte mit hochmütig erwachsenem Schritt. Die Angst, die die Nacht fürchtet und die blasse Frühlingsdämmerung. Die sich krümmt unter der Eintönigkeit des Mittags. Die Angst, die auf der Schulbank hockt neben dem patzenschwarzen Tintenfaß, den strengen Scheitel der Lehrerin streift, die nach zerkauten Federstielen schmeckt und liniertem Papier, die Angst, die aufschreit in einsamen Nächten und keinen Ausweg findet durch den fest verschlossenen Mund. Die von Leichenzügen träumt und alle Pest und Hungersnot der Jugendbüchereien durchlebt hat.

Wer ist sie heute? Was war sie seit der Zeit, als sie in kurzen Röcken über die Gassen lief und das Zopfband verlor? Ist sie bestohlen, beraubt?

Nein, Ruth wußte es, sie war mißhandelt worden. Eine zarte Hülle blieb übrig, die leben wollte. Und was war in ihr? Was roch wie die lebendig gewordene Wissenschaft? Was klebte an ihren Händen, in ihren Haaren, in ihren Kleidern? Was füllte den lieben, alten Kasten?

Da wird sie sich einer furchtbaren Gefahr bewußt: Leer werden. Leer – was heißt das, was ist das? Leer – das sind die Augen in Totenschädeln.

Sie will nach der goldenen Fülle greifen. Und das Licht kann nicht herein und dahinter steht das Nichts, das Leere.

Leer – das heißt ihn verlieren, ihn verloren haben. Und die Wucht seiner Schmerzen, die Qualen seiner Einsamkeit.

Hoch aufgerichtet steht sie vor dem Bett. Sie sieht an sich herunter. Bis zu den schlanken, braunen Knöcheln. Und haßt sich.

Leer – das ist das Stück vom Fenster hinab bis zu dem harten Pflaster. Worauf die Menschen ihren grünen Schleim spucken und das die Hunde beschmutzen.

Frei sein und leer sein und weniger als elend sein –

– Fräulein Ruth sollen zum Frühstück kommen. – Ruth sah das große überkräftige Stubenmädchen mit der hohen vergnügten Stimme. Und wußte: heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der vom letztenmal oder auch ein anderer.

– Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. – Ich komme, antwortete sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war.

Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein.

Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mädchen gut aufgeräumt habe. Sie ließ keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war, als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber daß es anders war als alle anderen, daß es ihr eigen war und nur durchtränkt von der kindhaften Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten, daß ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der sich selbst nicht anerkennen will.

Mutter küßte Ruth, wie man ein Stück Eigentum küßt oder ein Stück von sich selbst. Und Ruth fühlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz klein werden und wollte weinen.

Mutter frühstückte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch sitzen zu bleiben. Sie mußte immer rasch noch etwas anderes tun.

Mutter war groß. Aber nicht groß genug für das, was sie der Welt zeigen wollte. Deshalb schien sie fast klein.

Und auch ihre Wohnung war groß. Aber zu klein, um sich vor allen zurückziehen zu können. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen Räume eng und drückend.

Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt, empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein.

Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hände fassen zu können, ganz, ganz fest. Wie gut war es, daß Mutter immer so alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles sagen –

Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter sprechen.

Und Martha war Mutters Tochter. Martha war häßlich und verbittert. Wenn sie die Tür aufmachte, war das Zimmer voll Lärm. Da konnte Ruth von so etwas doch nie zu Mutter sprechen.

Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nicht eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.

Mutter war so klug, daß sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wünsche und Vorurteile. Aber sie sah sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wußte so wenig von ihrer eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, daß sie selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die ihr enges, tiefes Dasein bildeten.

In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres väterlichen Hauses sprachen mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein großer Faltenwurf war. Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber ihre Mutter war träge.

Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wäre auch nicht so nötig gewesen, nur hätte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu suchen. Denn nur dann hätte sie sich entwickeln können.

Aber sie zerschnitt sich alle Möglichkeit weiterzukommen, indem sie in früher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden wäre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen hätte. Denn er liebte die Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem Frühlingstag ein blühendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte ihn ein in Räume, die von ihren Atemzügen übersättigt waren. Daß seine weiche Menschlichkeit zur Seite treten mußte und sein säurenscharfer Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre. Als seine große Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine Stunde vor seinem Tod erzählte er das Märchen vom Schneewittchen. Denn er hatte immer Königstöchter geliebt, die eigentlich kleine Mädchen waren und in rote Äpfel bissen. Die ein bißchen Puppentheater an sich hatten.

Ruth hatte Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles war, weil Mutters große, vielgliedrige Hände auf ihren Augen gelegen waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte.

Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei geführt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes Geschäftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen großen Sack voll großer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem vergessen gütigen Lächeln, mit dem Christus das Brot an die Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend saß er an seinem Schreibtisch und Mutter schalt mit der Köchin. Ruth ging in das dunkle Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und küßte, küßte das weiche, kalte Tuch. Später sagte Richard: – Gib mir davon. – Sie hielt den Sack fest zu. – Du bist geizig, sagte Richard. – Gib! – Sie preßte den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerriß das Papier. Aber sie kämpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen. Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter.

Am Abend sagte Mutter: – Warum bist du noch nicht angezogen. In einer Stunde müssen wir im Theater sein.

Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm herausströmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in die furchtsame Haut.

Und sie weiß, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen wieder bei ihm.

– Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht fast durch die Zimmer. Sie betastet die Stühle mit den verbogenen Füßen, die überflüssigen Vasen, den Samt der Vorhänge. Überall war Mutter. Und noch Richards Bücher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber Ruth war nirgends.

Da überfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick um ihren Hals legte und würgte ...

Mutter kam von Lohengrin und war entzückt, wie immer. Sie liebte derbe Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer kräftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde.

Richard war zufrieden, wie nach einer gut überstandenen Prüfung. Und Martha jammerte, daß ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur ganz verwundert.

Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in das schläferige Weiß des Linnens und wünschte sich klein zu sein und Fieber zu haben.

Mutter sagte: – Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so blaß? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen Roman.

Richard meinte gähnend: – Möchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast verfallen lassen. So was Dummes.

Ruth wußte nur: – Wenn ich den Kasten aufmachen muß, werde ich wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der stürzt über mich, der erdrückt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Straße. Mein Körper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande.

Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer.

Nach zwei Tagen sagte das Stubenmädchen: – Wenn Fräulein Ruth nicht den Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen.

Die Schande.

Und Mutter sagte: – Wenn du den Schlüssel verloren hast, lasse ich den Schlosser holen.

Die Schande.

Sie weinte heraus: – Ich will nicht.

– Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter.

Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: – Geh, mach dich nur nicht interessant.

Oh, die entsetzliche Schande.

Und sie wird sich zwingen lassen.

Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklärt es ihm, ihm, zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er versteht es, er weiß es, er weiß ja alles. Wie kommt es nur, daß er ihr so ähnlich ist. Oder sie ihm –

Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Möbel ihres Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wäscht sich dann die Hände mit kochend heißem Wasser.

Am nächsten Abend sagte die Mutter: – Wenn du dir morgen nicht ein anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den Schlosser. Also überleg es dir.

Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht hinunter und fühlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat, die so nobel ist, wenn Gäste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich hier und schau auf eine staubige Straße, wo doch draußen die vielen Felder sind mit den endlosen Schienen – in die Ferne gleiten – und warum –

– Ich muß jetzt Bett machen, sagte das Stubenmädchen und zündete das grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre kräftigen Arme, die fast aus der Bluse quollen, ihre übermütig starken Hüften, ihre brennend heißen Wangen. – Hören sie, Agnes, sagte sie heiser und ging ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein, Sie müssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich im Konzert war, aber so sagen Sie doch. – Nein, sagte Agnes, mehr verblüfft als verlegen. – Aber eines, Agnes, müssen Sie mir noch sagen. War es schön, unten jetzt, meine ich, war das schön – Oh Gott, sagte Agnes, nein, das ist nichts für Sie, Fräulein. – Hören Sie, Agnes, und Ruth kämpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe Agnes, ich habe meinen Kastenschlüssel verloren. Mama ist sehr böse. Nehmen Sie das Küchenmesser, das große, und machen Sie mir den Kasten auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider hängen Sie über Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen, und zeitlich früh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es gleich –

– Ich verstehe schon, Fräulein Ruth, sagte Agnes mit blödem Lachen.

Die Mutter

Ich liebe Mutter, dachte Ruth. Kein Mensch weiß, wie groß sie ist und stolz. Es ist schade, daß das niemand weiß. Aber ich kann es ja auch nicht vertragen, daß sie die Türen zuwirft und durch die Zimmer läuft. Daß sie mit dem Mädchen schreit.

Sie flüchtete in Gärten. In kleine, engbrüstige Vorstadtgärten mit zerrauften Büschen und wackligen Bänken. Mit großen Sandhaufen voll schmutziger Kinder.

Sie ging hin, weil sie dort noch niemals, niemals gewesen war. Und saß brutheiße Sommernachmittage durch und versuchte nur an Mutter zu denken und ihn zu vergessen.

Denn noch immer verfolgte sie sein Blick wie ein dunkles Band, das so weich war, wie das Innere seiner Hand, so daß man nichts wünscht, als sich hineinlegen zu können und nichts mehr weiß von Steinen und Bergen. Wie im Sand vor dem Meer.

Als sie einmal so saß, den Kopf in den Händen, mitten unter Proletarierfrauen und Ladenmädchen, setzte sich jemand ganz nahe neben sie. Sie fühlte nur immer den Blick, das Band, wie es sich um ihre Stirne legte und alle Nerven, den Rücken hinunter strich. Jemand sagte zu ihr: – Fräulein, gestatten, daß ich mich zu Ihnen setze. Neben ihr war ein Commis voyageur mit aufgewirbelten Schnurrbartspitzchen und rot geblümter Krawatte. Noch empfand sie den weichen Abgrund, der zu tief war, um zu duften und sah sich doch hier unter kleinen Leuten, im kleinen täglichen Leben, rundherum der graue Spielsand. Sie lachte ihrem Nachbarn ins Gesicht, laut und plötzlich, daß er zurückfuhr. Dann ging sie. Hinter ihr schimpften die Proletarierfrauen.

Sie mußte immer von zuhause weggehen. Denn, wenn sie zuhause war, liebte sie Mutter nicht und das war doch schon ganz unmöglich.

Mutter sagte zu Richard: – Man sollte doch sehen, wo das Kind sich herumtreibt. Sonst dachte sie nicht weiter an Ruth. Nur in der Nacht wachte sie manchmal auf und wurde unruhig. Sie meinte, das käme von ihren angegriffenen Nerven und nahm Schlafpulver.

Daß etwas ihr Fremdes in Ruth vorging, wußte sie. Soweit sie überhaupt wissen konnte, was sie nicht wissen wollte. Und sie wollte nichts wissen, was sie nicht seit ihrem zwölften Jahr kannte und besaß. Das beleidigte sie schon durch seine bloße Existenz.

Für sie war Ruth das Kind. Das etwas verträumte Kind, das sie unbedingt liebte, weil es ihr Kind war, das sie bemitleidete, weil es das Kind ihres Mannes war. Und das sie deshalb schützen zu müssen glaubte.

Solange Ruth klein war, sagte sie mit Stolz zu allen Verwandten: – Das Kind wird ganz wie ich. Und Ruth war fast ebenso angesehen im Hause wie Richard. Aber mit zehn Jahren enttäuschte sie ihre Mutter zum erstenmal. Von da an immer wieder.

Sie ging mit Mutter an einem naßkalten Novembertag durch die Stadt, Einkäufe machen. Sie war traurig, weil alle Leute in den Geschäften unfreundlich waren, die Herren dicke Tröpfchen im Bart hatten und die Damen in zu kleinen Schuhen gingen, die sicher weh taten. Weil sie eine erfrorene Nase hatte und einen häßlichen Hut. Deshalb dachte sie an ein Schloß im Hochsommer und zerbrach sich den Kopf, wie sie dort Rosensträucher und Marmorbrunnen verteilen sollte. Da kam ein Bettler. Er war so wie alle anderen Bettler auf der Welt. Die selbe verkrüppelte Demut, die Geschäfte macht und ihre Krücken schwingt. Schamloses Elend. Mutter sagte: – Gib ihm zwei Kreuzer. – Nein, erwiderte das Kind, ich mag nicht. – Was, rief die Mutter entsetzt, warum? Oh, du bist schlecht. – Ja, sagte sie, ich bin nicht gut, ich kann alle Bettler nicht leiden.

Damals war Mutter sehr böse. Und Ruth sagte zuhause: – Wenn ich alle Bettler wirklich gern hätte, müßten sie zu mir kommen, aber ganz. Und ich möchte ihnen nie Kreuzer schenken, aber ich mag sie gar nicht. – Da schlug Mutter sie und Richard und Martha waren voll Verachtung.

Denn man mußte gut sein zuhause. Das war wie ein Dogma. Richard schenkte jedem Bettler etwas und Martha nähte Puppenkleider für Armeleutekinder.

Als Ruth zwölf Jahre alt war, sagte sie lächelnd zu ihren Freundinnen: – Natürlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht nichts aus.

Als sie vierzehn Jahre alt war, erklärte sie: – Unsere Möbel sind häßlich. – Ich lüge oft, nicht gern aber doch oft. – Wenn ich ganz arm wäre, würde ich sicher einbrechen.

Da wußte man in der Familie: das Kind ist dumm. Man muß sie zum Schweigen bringen, sonst macht es nichts.

Und Ruth glaubte, daß sie dumm sei. Nur kränkte es sie gar nicht. Sie konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie war. Höchstens, daß sie sich wünschte, strähnenglatte blonde Haare zu haben und eine griechische Nase.

Hier aber war die erste große Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn Mutter fühlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung.

Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den möchte ich auf der Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich könnte mich wahnsinnig in ihn verlieben. – Aber schämst du dich nicht, rief die Mutter.

Mutter schämte sich immer. Weil sie einen so unmäßigen Stolz in sich trug. Was dieser Stolz wollte, wußte sie eigentlich selbst nicht, er hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die man in den Achtzigerjahren baute, deren Größe etwas Leeres und Zugiges an sich hat. Und die nie auszufüllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden können.

Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm geblieben in der Fülle ihrer zügellos reichen Empfindungen.

Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war plötzlich ganz wer anderer als am Tage, so daß sie ihre eigenen Bewegungen mit süßem Mitleid und verborgener Zärtlichkeit beobachtete, dann war es genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwährend irrte und die sie doch so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Säugling zuschaute, wie er sinnlos mit den winzigen Füßen in die Luft strampelt.

Mutters Reserve der Menschheit gegenüber war nur etwas rein gedankliches, äußerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen.

Ihre dunkelsehnigen Arme hätten Erdarbeit leisten sollen. Ihr kräftiger Körper brauchte Bergluft. So daß er fast hinfällig scheinen konnte in den Zimmern der Großstadt.

Mutter hatte sich nicht erziehen können und deshalb ihre eigenen Kinder nicht, weil die ihr zu ähnlich waren. Aber sie hatte einen jüngeren Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen.

Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie die wildeste Tänzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe.

Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein wenig, so daß man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt hätte. Aber bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht und als Narr behandelt. Und lächelte dann demütig. Ruth ging an ihm vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden.

Mutters Kommode war das interessanteste Stück im ganzen Haus. Zweimal im Jahr wurde sie „groß“ aufgeräumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen, nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schön die einzelnen Päckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte. Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe Lawendelgeruch erweckte in ihr eine müde Erinnerung an Geheimnisse, die sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte.

An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter Gustav und Ruth zum großen Aufräumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren, die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden, sondern schläfrig nach hinten lagen. Als Mutter die großen Schubladen aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im Zorn sagte sie: – Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die Hemdärmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf dem Sprung, Mutters Wünsche zu erfüllen. Er knüpfte alle die braunen, grauen, gelben, weißen Päckchen auf und schichtete ihren Inhalt sorgfältig auf dem Boden hin. Ruth rührte sich nicht und sagte plötzlich zu Mutter: – Ich möchte Seidenpapier kaufen, weißes und einfärbige Bänder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. – Was fällt dir ein, das wäre viel zu teuer. –

Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und wühlte wie sonst in alten Photographien hochschöpfiger Damen und befrackter Herren mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie.

Gustav pfiff. Er pfiff wunderschön.

Ruth durchstöberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der gräßlichen Leere des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar unmöglich war, daß die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes barg als dieses öde Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die Schäferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der Urgroßmutter.

Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines überspannten Gymnasiasten und schloß mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber Ruth fand ihn so überflüssig aufzuheben, wie Großvaters Brautbriefe an Großmutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst.

Denn da war noch mehr in dieser Kommode. Mutter log. Sie, Ruth, wußte es. Da drinnen lag ein zerbrochenes Schicksal, ein Ruin, ein Kampf gegen den Irrsinn. Mit dunklen Blicken sah Ruth auf den grauen Scheitel der Mutter, wie sie eben vor ihr kniete. Sie fühlte ein kaltes, entsetzliches Alter in ihren jungen Händen, das alles wußte, das man nicht mehr täuschen konnte. Und ihr Mund war greisenhaft erbittert.

Mutter staubte soeben eine graue Pappschachtel ab, die mit einem goldenen Bändchen zusammengebunden war, als das Dienstmädchen sie rief. – Das laß stehen, sagte sie zu Ruth und ging hinaus. Ruth warf sich auf die Schachtel. Gustav kehrte ihr den Rücken zu. Sie streifte das Band los, schob den Deckel weg, seine Schrift – und der große Schnörkel bei „Liebe“. Eine dunkle Tür tat sich auf. Sie bekam einen brennenden Schlag auf die Hand. Und da wurde es licht, schreiend licht, grell, schmerzhaft ...

Mutter schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Und nahm die Briefe und ging hinaus, wutentstellt.

– Onkel Gustav, sagte Ruth ruhig und ernst und totenblaß. Von wem waren diese Briefe?

Gustav zitterte am ganzen Leib: – Warum machst du solche Sachen, wenn Mutter es verbietet. Von wem die Briefe sind. Ich weiß es wirklich nicht, wirklich nicht.

– Onkel Gustav, wiederholte Ruth und trat ganz nahe zu ihm hin. Du weißt das alles. Aber wenn du es nicht sagen willst, wenn du dich nicht traust, so werde ich es sagen: in diesen Menschen war Mutter verliebt.

Ihre Stimme klang wie höhnende Beleidigung in dem dämmernden Zimmer. Die Worte fielen abgehackt in das Dunkle und Mutters Rechenbücher lagen auf dem Schreibtisch im hintersten Winkel.

– Danach habe ich dich nicht fragen wollen. Aber eines mußt du mir sagen, wann war es, du? – und sie kniete neben ihm und krallte die Finger ein in seinen willenlosen Arm – wann? war ich damals schon groß, wie alt, ein kleines Kind? sag, du mußt!

– Du warst ganz klein, eben zur Welt gekommen.

Ruth sah vor sich einen Horizont, der in gerader Richtung in die Höhe steigt. Wo es nicht rechts gibt, nicht links, nur das Oben. Und das Oben, der Blick, das Band, das glatte, weiche Band.

– Weiter, sagte sie hart – und früher?

– Er sagte dein Schicksal voraus aus den Sternen, erzählte Gustav, der ins Schwätzen kam, – als Mutter dich erwartete. Deshalb ist er auch so viel zu euch gekommen.

Ruth empfand in sich eine graue, steinschwere Halle, die sich selbst erdrücken wollte und nur getragen wurde durch ihre entsetzliche, hohe Leere. Wo verschnörkelte Stühle an den Wänden standen, ganz vereinzelt und wo etwas von ihr war, ein Hauch, ehe sie selbst noch war, und wo er war, voll und ganz, nur daß man ihn nicht sehen konnte. Diese Halle, die sie aus den frühen, angstvollen Dämmerstunden kannte.

– Wann ging er weg, fragte sie kurz. – Bald darauf. Er nahm ein Teil von der Erfindung deines Vaters und verwendete sie für seine Zwecke. Er hat viel damit erreicht. Aber natürlich wollte ihn dein Vater nicht mehr sehen. Er ist übrigens von selbst nicht gekommen und –

– Schweig, unterbrach sie ihn. Sie fühlte sich umgeben von lauter schwarzen, weichen Bändern und Spagatschnüren, die alle ineinander übergingen. Fesseln, Fesseln.

Und aus ungeheurer Tiefe heraus quillt dunkel empor eine formlose Masse. Die sie nicht modeln darf.

Sie ist machtlos.

– Ruth, bat Gustav erschrocken, wenn Mutter davon erfährt. Nein, das tust du mir nicht an. Nicht wahr, gewiß nicht. Überdies, das was du von verliebt sagst, ist natürlich dummes Zeug. Mutter war sehr gekränkt. Er war doch ein Freund von ihr. Auch von deinem Vater. Und er war jünger als sie. Und überhaupt, deine Mutter war nie verliebt, überhaupt nicht. Wie du nur so etwas sagen kannst. Du bist wirklich ein Fratz –

– Und du ein Esel. – Glühende Zornestränen standen in ihren Augen.

Sie trat an das Fenster. Unten wurden die ersten Gaslaternen angezündet. Sie stöhnte: was kann ich Mutter geben, was kann ich ihr schenken, alles schenken, meiner lieben, armen Mutter, Mutter, Mutter –

Zum Abendessen kam Mutter mit verweinten Augen. Ruths Hände wurden eiskalt. Und eine harte Wut überkam sie. Sie haßte alle Weinenden. Nie konnte Mutter ihr das zeigen. Nein, pfui, das war eine Schande, nein.

– Was hast du Mutter wieder geärgert, zankte Richard über den Tisch hinüber.

– O nichts, erwiderte sie achselzuckend. Wenn Mama so empfindlich ist – ich kann nichts dafür.

Sie ging in den nächsten Tagen, in den nächsten Monaten an ihrer Mutter vorbei, ohne sie zu sehen. Aber in den Nächten erlebte sie alle ihre Schmerzen hundertfach wieder. Sie vergaß die eigene Sehnsucht vor der Sehnsucht, an der Mutter litt, die eigenen Qualen vor Mutters Qualen und ihren großen Zorn vor Mutters unsäglichem Schmerz, der ja so nicht zum Ausdenken furchtbar sein mußte, weil er nicht wagte sich zu erkennen, sich einzugestehen, weil Mutter täglich über den Rechenbüchern saß und die Liebe zu ihren Kindern für ihren einzig würdigen Lebenstrieb erklärte. Und der doch so an der Oberfläche war, daß Mutter es sie sehen ließ, als sie weinte. Nein, deshalb mußte sie Mutter bei Tag ausweichen. Und wieder in die kleinen Vorstadtgärten fliehen.

Zuhause aber wurde sie unerträglich.

Als Mutter einmal einem Gast bei Tisch eine glänzende Schilderung Großvaters gab, der ein Kavalier war vom Scheitel bis zur Sohle, nur von Geld habe er freilich wenig verstanden, warf Ruth ein: – er muß ein roher, betrunkener Mensch gewesen sein. Daß er seine Bedienten geprügelt hat, finde ich ekelhaft und ich ärgere mich noch heute darüber, daß er das ganze Vermögen verspielt hat. Es ist doch gräßlich unintelligent, wenn einem fremde Pferde mehr wert sind als die eigenen Kinder.

Und Ruth sagte, wenn Mutter Hexenglauben und Wahrsagerwesen als Schwindel und Unsinn verdammte: – Ich glaube bestimmt an alles Übernatürliche – obwohl sie überhaupt nichts glaubte und ihr Leben nahm, wie der Tag es hinstreute, mit einem Grauen, das zu tief war, um über sich selber nachzudenken.

Und Ruth sagte: – Ich gehe in die Kirche, nicht weil ich muß, sondern damit die Leute sehen, daß wir auch Christen sind. – Dabei ging sie überhaupt nie zur Kirche.

In diesen Tagen konnte sie nichts essen als altes Brot und harte, unzerbeißbare Dinge, an denen sie sich die Kiefer wund riß. Ein fortwährendes Übelsein drückte ihr den Magen leer. Und die große Bosheit, die in ihr war, würgte die Kehle, zerfraß die Haut und zehrte an den braunen Kinderhänden.

Sie wußte nicht, ob diese Bosheit etwas ihr eigenes war. Oder ob sie sie mitgebracht hatte aus dem Zimmer mit der braunen Holztür. Oder ob es die Bosheit des Schicksals war, das sie zwang, Sprachrohr zu sein für ein unterdrücktes Leben, unterdrückte Sehnsucht und unterdrückte Kraft. Nur Sprachrohr oder war noch etwas in ihr, das ihr die Augen offen hielt mit großen, weichen, weißen Händen. Daß sie nicht einmal blinzeln konnte und nur die heißen Tränen brennen fühlte.

Sie ließ von dem müden Druck der Spätsommernächte den Kopf in ihr kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht denken zu müssen. Sie sehnte sich maßlos nach einer Bonne, die sie als dreijähriges Kind gepflegt hatte und täglich vor dem Einschlafen an ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein könnte, wäre alles besser. Sie wußte nicht mehr, wie das Mädchen ausgesehen hatte, aber sie erinnerte sich an eine kühle, behutsame Hand und weiße Mullgardinen vor dem Fenster.

Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hörte, sagte sie halblaut in das heißgehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft – ich liebe ihn – er hat Vater bestohlen – ich liebe ihn – er hat uns gemordet – ich liebe ihn – er hat unsere Zimmer trüb und drückend gemacht und unser Leben mißtrauisch und eng – ich liebe ihn – er sucht das Böse, weil das Licht ihn verlassen hat – ich liebe ihn – ich habe ihn immer geliebt – ich liebe –

So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet, wehrlose Wut.

Onkel Gustav

Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu müssen. Er spielte Geige. Um ein klein wenig schlechter, als man spielen muß, um ein helles Leben zu haben. Er malte. Und es hätte nur eines Funkens Kraft, eines Fußtritts Persönlichkeit bedurft und er wäre ein großer Künstler geworden. So war er klein, sogar sehr klein.

Ein Sprung und er hätte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er nie. Und so blieb er hoch oben hängen, über dem Abgrund. Und die von unten lachten ihn aus.

Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine rührend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu großen Augen, die seine träge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten.

Sein Vater behandelte ihn wie einen überempfindlichen Rassehund. Die Mutter liebte seine glänzenden Locken. Und die große Schwester stürzte sich auf ihn in zügelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu dürfen über einen andern, während ihre fordernden Finger sich krümmten unter der Zuchtrute des väterlichen Hauses.

Onkel Gustavs zarte, etwas bräunliche Haut hatte einen leicht verwelkten Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermüdeter Rosen. Und lähmte.

Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch üppiger Garten gewesen. Und alles wurde verspielt.

Gustav wußte nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der Schwester. Sein Zuhause war ein Königschloß, Vater der König, Mutter die Königin, ganz wie im Kindermärchen. Und die große Schwester erklärte ihm die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So daß überall spitze Ecken waren und Anhängsel. Doch das konnte er nicht wissen.

Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tönen, die nicht zu Ende kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere, immer im Kreis.

Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte. Die Schwester erklärte, er sei ein Künstler und die Prüfer gehören gehenkt.

Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der groß und stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau. Bis er mit derselben nachlässigen Gebärde die Schulbücher über den Tisch warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine ebenso tolle Zusammensetzung französischer Gassenhauer pfeifen konnte. Dann verließ er ihn. Er galt für sehr interessant. Und kam bei allen Prüfungen durch.

Alte Damen hatten ein unverschämtes Bedürfnis, sich Gustavs anzunehmen. Der Kondukteur der Straßenbahn behandelte ihn mitleidig lächelnd, weil er ihm zu viel Trinkgeld gab.

Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu nahe gehen dürfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er den großen Jagdhunden seines Vaters „Sie“. Später sprach er nicht mehr mit den Hunden. Er wußte, daß sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben führen. Was ihm versagt war. Das wußte er nicht. Sie saßen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er schrieb, neben ihm, wenn er aß, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen. Er konnte nichts dagegen machen.

Junge Frauen liebten ihn plötzlich und stürmisch. Ja, sie verehrten ihn sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz.

Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wußte die Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glücklich. Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch verflogen war. Das wußte er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklärte wutsprühend, er brauche keine Prüfungen, er käme in die Fabrik ihres Vaters, er sei geboren, Massen zu lenken, so wie er unlängst mit dem Werkführer gesprochen ...

Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen, leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwärmen. Denn er hatte ein gläubiges Herz.

So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem Vater stand. Sie war überflutet von einer weißgelben Märzsonne. Und draußen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu großen Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und die dunklen Eichenmöbel ganz verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war so glücklich, daß er vergaß, um was es sich handelte.

Dann war er drei Wochen verlobt. Länger ließ es die Schwester nicht zu. Denn sie wußte ja, daß er ein großer Künstler werden würde. Und da glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete später einen Ofenröhrenfabrikanten.

Gustav konnte nicht über die Straße gehen, ohne daß sich ein blondes Mädel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wußte er nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich der strengen Moral der Schwester fügen. Während er sich das überlegte, verschwand das blonde Mädel.

Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht, sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklärter Liebling. Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris.

Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele Geld fort. Er wußte nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine eigene Liegestatt für seinen großen Terrier. Schrieb eine rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter Märtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen seine Feinde, schickte ihn zu großen Herren betteln. Schrieb Gesuche für ihn. Er empfand ihre Geschäftigkeit angenehm um sich herumspülen, wie lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Schoß. Nach jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lächelnd nachhause. Seine dunkle, schmutzige Straße beleuchteten grellrote, kalte Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen.

– Du mußt nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie klagte und in verzweifelt großen Schritten durch das Zimmer jagte, – nein, schau, eigentlich sind wir – er sagte immer wir – stark im Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Fürsten und solche Leute. Man arrangiert ein Wohltätigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann überhaupt niemand anderer für die Dirigentenstelle in Betracht kommen. Setze ich dann erst meine Kompositionen durch – du wirst schon sehen. Überdies habe ich die größten Aussichten, daß meine Feuilletons gedruckt werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf. Wart’ nur, nächstens bring ich dir die Zeitung.

Eines Abends kam er bleich vor Erregung: – Ich bin an einem technischen Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht näher sagen. Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan.

Drei Monate später hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die Schwester war böse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das Gymnasium gemacht?

Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern, kaltem Rauch. Er mußte täglich eine halbe Stunde in der Früh in die Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging durch eine gerade, lange Straße voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er fürchtete sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er fürchtete sich vor seinen Schülern, die ihn verachteten, weil er mit ihnen höflich war.

In der Stadt hieß es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz modernes, verrücktes. Er bekam vier Liebesbriefe von höheren Töchtern. Die er sorgfältig aufhob in der bewußten Lade.

Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnürt und hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte ihm täglich das Frühstück. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen, nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfältig ausführte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der Bluse heraus guckte färbige Unterwäsche.

Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie überhaupt nichts zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, daß sie so eine weiße Haut hat. Wie ein frisch enthülltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schläft ... Und dann sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als er fort ging und schlaftrunken über die dunklen Stiegen taumelte, rief ihm die Direktorsfrau nach: – Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie Sie heißen, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! – Er fühlte einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nächsten Morgen eilte er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkäufe machen ... vielleicht ...

Er erzählte den Jungen von der griechischen Kunst, daß selbst die Dümmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang über das Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er merkte nicht, daß der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte.

Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er saß in einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Möbeln und loderndem Kamin. Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten, abgerundet im Schnee. Sie saß vor ihm mit einer Handarbeit, weiß und überreif, wie eine süße, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblüten. Und ihr Haar war schwarz und zu glatt nach hinten gelegt.

– Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht hätte, – es kam ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt hätte, er wurde dunkelrot und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres großzügigen Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Möbelstück, ob es brauchbar wäre. Und er dachte: nein, die hält mich nicht für groß, nein, die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glühendem Haß an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so ganz, wie sie ist.

Und aus dem grauweißen Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrückte Entbehrung und uneingestandene Wünsche. Der bleiche Widerschein ihres Körpers und Mandelduft. Das Gefängnisgitter ihres Kinderbettes und der Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav wußte alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich und wieder aufwachen und bluten unter seinen Händen.

– Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme war wie Schläge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig.

Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging.

Er traf sie das nächstemal Anfang Mai in der Dämmerung auf dem Friedhof. Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte Zypressen und fühlte sich so seltsam unbehelligt.

Die Blätter dufteten nach dem Sich-schon-geöffnet-haben. Die Erde auf den offenen Gräbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd und licht, wie ein ganz weites und reiches Ährenfeld in der Julisonne. Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er küßte ihre Hand, langsam und vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Blätter waren grün und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen, knabenhaft lockigen Kopf und küßte ihn. Große leuchtende Rakete. Und jeder ging seines Weges.

Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet, daß ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frühstück nicht brachte. Er war ein unanständiger Mensch. Und der Hund machte alles schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen.

In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden geführt. Sein verrücktes Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte. Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine genügenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich. Das war unverschämt. Er beantwortete einen Backfischbrief höflich und herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Empörung stieg. Er wurde hinausgeworfen.

Als er seine kleine Stube räumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange mit großen Tränen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen über gleichgültige Dächer und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ruß deckte nur eine weiße üppige Blässe, ein unendliches Ährenfeld weit, weit dahinter im Winde.

Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle saß das Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit niemandem, er haßte niemanden, er sorgte nur für das Essen seines Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weißen Hintergrund.

Es war unmöglich abzureisen. Es war unmöglich zu bleiben.

Und er sah sie nicht mehr.

Da traf er einen erwachsenen Schüler auf der Straße, der ihn grüßte. Einen großen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So mußte er reisen.

Und er sah sie nicht mehr.

Er saß in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und wichtigen Kleinbürgern. Unten fror man entsetzlich in den Füßen und oben fraß sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel aller der ungepflegten Münder in sich hatte.

Gustav fühlte sich hier wieder groß. Er wußte, daß alle die Leute um ihn herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fühlte sein Schicksal unbändig schwer und mächtig vorne auf den Schienen liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darüber hin.

Eine süße Wollust betäubte ihn. Sein Vater mußte einmal eine sehr schöne Frau geliebt haben. Und er schlief ein.

Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner Schwester ging und sich von ihr auszanken ließ mit harten Worten. Deren Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete.

Er verstand nicht, sich zu ernähren. Und auch nicht, zu verhungern. So ließ er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr, als Mutters Bruder, ein höheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und Martha wurden sehr herablassend.

Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mädchenköpfe, Blumenstücke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer hingen immer abwechselnd sechs Stück an der nackten Wand. Nicht mehr und nicht weniger. Mit Reißnägeln befestigt.

Er ging in das Geschäft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden Verkäuferin. Dann kaufte er ein weißes Kaninchen auf grasgrünem Hintergrund. Obwohl er selbst es häßlich fand.

Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkäuferin, hatte zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zähne, die übereinander lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer.

Er zeichnete Ansichtskarten für das Geschäft. Eines Abends, als sie ihm zusah, küßte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte, sie seien verlobt und ihr häuslicher Herd werde ein Paradies sein, wie keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glücklich.

Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war.

Er war glücklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strümpfe auf den Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Gräsern stand. Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu laut.

Sie hätten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung nicht doch zu zeitlich Mutter verraten hätte. Sie zog ihn vor das Grab seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht anzutun. An sein väterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh vor ihr. Sie ließ nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie lauerte des Abends auf ihn vor der Haustür. Es kam zu häßlichen Szenen zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich fragte, ob man denn so schreien könne, ohne betrunken zu sein.

Und Mutter siegte. Mutter war die Stärkere. Mutter war sehr stark.

Er aber schrieb, als alles endgültig vorüber war, seinen ersten und einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewiß gesund. Es war vielleicht ein wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde.

Das war vor einigen Jahren. Seither führte man Gustav nicht in das Zimmer, wenn Gäste da waren.

Ruth ging an einem staubigen Spätsommerabend durch den großen, öffentlichen Park. Die Blätter hingen welk an den Bäumen, zu kraftlos, um sich abzubröckeln. Und zogen alle Säfte nach unten. Während graue Dämmerung die Wipfel drückte.

Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saßen in langen Alleen Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenüber. Das saß schon dort seit Mai und nichts hatte sich geändert.

Vom Kaffeehaus herüber spielte die Kapelle Ouvertüren und Operettenlieder. Eintönig und zu rasch. Alles war hier so langsam und müde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies lag verstreut noch weit im grauen Gras.

Ruth dachte daran, daß sie möglichst spät nach Hause kommen wollte. Daß sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Daß sie ihren neuen Koh-i-noor verloren hatte.

Ihre Sohlen spürten, daß sie bei jedem Schritt in dem zerwühlten Sand etwas hinter sich ließen, das dunkel war und weich und wenn man ganz hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus trübgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch lebte, obwohl sie ohne Verständnis gespielt worden war.

– Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. – Guten Abend, Ruth, bist du auch hier. – Der große Terrier preßte sich dicht an seinen rechten Fuß.

Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fußspitze in dem bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: – Weiß Gott, wer da heute schon ausgespuckt hat!

Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs Schulter.

Sie dachte, es sei doch langweilig hier zu sitzen mit Onkel Gustav und was wohl Richard dazu sagen möchte.

Da sagte Onkel Gustav leise: – Sie werden böse sein, wenn du zu spät zum Abendessen kommst.

– Ach was, jetzt bleib ich hier. Was mir schon daran liegt. – Das solltest du nicht tun, Ruth, sagte Onkel Gustav mit sanfter, fast demütiger Stimme. – Warum kränkst du Mutter in letzter Zeit so viel?

Ruth ärgerte sich rasend über diese, seine Stimme. – Was soll ich tun, sagte sie hart, mir alles gefallen lassen, so wie du?

Onkel Gustav schwieg. Dann murmelte er: – Du hast recht. Und dann wieder, nach einer Pause. – Nimm dich in acht!

Sie schämte sich für ihre Worte. Und flüsterte nur: – Aber du.

– Ich, Ruth, – und sie spürte sein Lächeln durch die Dunkelheit, daß ihr war, als könne sie nie wieder froh werden. – Nein, mit mir ist nichts mehr zu machen. Du mußt jetzt nichts andres sagen, Ruth, nein wirklich nicht. Nicht heute. Vielleicht bei Tage, wenn wir uns auf der Straße treffen oder wenn ich bei euch bin und Richard ist unverschämt mit mir. Dann weiß ich auch nicht, was ich jetzt weiß, denn ich bin sehr schwach.

– Aber so reiß dich doch los, schrie Ruth, daß der Terrier erschrocken auffuhr.

Die Gebüsche hinter ihnen waren näher gekrochen. Legten sich ihnen fast auf den Rücken mit all der toten Hitze, die sie den Sommer durch verschluckt hatten. Ganz nahe. Und schwer.

– Du mußt acht geben! wiederholte Onkel Gustav dumpf. Und ihr war, als sähe sie dicht neben sich, in einem alten verblichenen Spiegel, ihr eigenes Bild. Kaltes Grauen machte die Finger steif.

– Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie mehr herausziehen. Manchmal glaub’ ich, es gibt irgendwo um mich herum ein Fenster, wenn ich da durchsehen könnte, ich sähe alles richtig. Aber Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mußte alles durch ihr Fenster sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch etwas Verzeichnetes. Du mußt achtgeben, Ruth! Wie du mir da entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so ähnlich geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus.

– Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb.

Es war ganz dunkel geworden. Und die nächsten Bäume in der Allee standen wie wachende Ungeheuer, riesengroß, verworren, unankämpfbar.

– Ich fürchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die Menschen drüben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt und unschädlich. Wenn sie jetzt hieherkämen, sie wären wie die Räuber im Wald, Verbrecher –

Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hörbar: – Die Blätter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mörder. Aber unsere Nächsten – hörst du, Ruth, hörst du, – unsere Nächsten, das sind unsere nächsten Mörder. Doch das darfst du Mutter niemals sagen!

Mittagessen

Bevor man zu Tische ging, rückte Mutter alle Teller noch einmal zurecht und die Stühle mit den ledergepreßten Lehnen. Dann stand alles schief.

Ruth haßte unaufgeräumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer, weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen übel. Sie konnte nie das Frühstück essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich: mach’ es gut, mach’ es rein, mach’ es hell. Aber der Widerwille ihrer braunen Kinderfinger, die sich weiche Öle wünschten, hinderte sie an jedem Handgriff. Wenn das Mädchen dann aufgeräumt hatte, fand sie alles kalt, leer und fremd. Mutter sagte: – Warum hilfst du nie mit? – Sie gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung „den letzten Anstrich“, wie sie es nannte. Und dann – nun dann stand eben alles schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe. Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den hohen Räumen – tastend und auch schon verzeichnet.

Wie hatte Onkel Gustav gesagt: – nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter – vor Onkel Gustav – dunklen Zimmern – dämmernden Spätsommergärten – vor ihrem eigenen flüchtenden Spiegelbild – vor wem?

Was war geschehen? Mutter rückte heute die Teller zurecht. Die große Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den langen Zeiger auf fünf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer. Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie las – genau wie immer.

Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, bürgerlich grüne Hängelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlöffel neben den geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfährt, wie ein Blitz, wie ein Schrecken, wie eine Erlösung in dieses Wie-immer.

Und sie hatte es ja nie gewußt. Sie saß dort an dem großen Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war klein und zart und viel zu jung – ganz wie immer. Sie hatte es nie gewußt.

Als Kind hatte sie geweint in der Frühlingsdämmerung. Und sich geekelt, wenn Mutter beim Essen über die schlechte Köchin gejammert hatte. Aber dann kam das große, das einzige Gefühl. Noch lag der Druck der grauen Alltäglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch darüber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging, ließ sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein Rahmen geworden, der sich fest und unwillkürlich krampfhaft um das seine schloß, zärtlich, ohne nachdenken zu müssen, kostbar verantwortungslos.

Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und wühlt, denkt, denkt, denkt. Aus müdem Halbdunkel herausgerissen, sieht sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. Höhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen –

Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es und denkt das durch, ganz durch ...

Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief.

Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen.

Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen, weil sie Mutters Kind ist.

Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn von und dann etwas mit „-berg“. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.

Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und wurde mit Aufmerksamkeit angehört.