Anmerkungen zur Transkription

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Die Glücklichen.

Novelle

von

Marie Bernhard.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.


Nachdruck verboten.


1.

Die Glücklichen – so hatte Fräulein Rosa Hesse das junge Ehepaar getauft, welches, in Begleitung eines kleinen Töchterchens und einer ältlichen Dienerin, vor einigen Tagen seinen Einzug in das Pensionat Klinger gehalten hatte. Fräulein Rosa Hesse war der Schöngeist des Pensionats, sie hatte vor zwei Jahren eine Novelle in einem Familienjournal dritten Ranges erscheinen lassen, sie war in ihren Kreisen daheim in Frankfurt an der Oder als Gelegenheitsdichterin bekannt, sie las alles, wie sie mit besonderer Betonung zu versichern liebte … alles … und verschloß sich keiner Richtung in der Litteratur, weder der naturalistischen, noch der symbolistischen, denn Einseitigkeit war ihr ein Greuel.

Das Pensionat Klinger war bereits etwas zusammengeschmolzen, als das junge Ehepaar daselbst eintrat. Es war ein unfreundlicher, regnerischer Sommer gewesen. Klagen überall … aus der Schweiz – vom Salzkammergut her, wo der berüchtigte »Schnürlregen« tagaus tagein herabgoß – Klagen vom Ostseestrande und aus dem Engadin … Klagen endlich auch aus dem lieblichen Gebirgsnest in Süd-Bayern, in welchem man durch schönes Wetter sonst arg verwöhnt war.

Ein so reizendes Stück Erde! Tief gelegen – hoch gelegen, wie man's eben nehmen wollte, denn die zierlichen, wie aus der Spielzeugschachtel genommenen Häuschen kletterten hier waghalsig die Berge empor, versteckten sich dort eigenwillig unter breitästigen Obstbäumen tief drunten im Thal. Aber die Sonne fand sie alle und übergoß sie mit breiten Strahlenfluten hellen Goldes, und der Bergwind, wie er frisch und kühl vom Gebirge herunterfuhr, strich darüber hin – und ringsumher griffen die Berge wie die Glieder einer gewaltigen Kette ineinander … einige grün, dicht bewaldet, die anderen kahl und schroff, hoch oben nur mit kümmerlichem Fichtenwuchs bestanden, und etwelche unter ihnen stolz zu den Wolken aufragend, ewigen Schnee auf dem Haupt, und in den Falten des Obergewandes blauschimmerndes Gletschereis!

Das Klingersche Pensionat lag auf einer mäßigen Höhe, wie von einer willfährigen Hand gerade dort hingeschoben, um den schärfsten Blick, die weiteste Umschau halten zu können … ein solid gebautes Haus, mit Reben umklettert, mit hübschen Altanen, da und dort und mit einem Garten, der in Terrassen zu den hinter dem Hause gelegenen Bergen aufstieg. Das Haus genoß eines guten Rufes seit Jahren schon, man war vortrefflich dort aufgehoben, man erhielt für gutes Geld gute Speisen und wurde sehr aufmerksam bedient. Heuer war der Besuch mäßig gewesen, der andauernde Regen hatte die Leute zurückgehalten.

Jetzt aber, gegen das Ende des August, da die Abende schon länger wurden und der Sommer sich dem Ende zuneigte, schien die Natur sich zu schämen ob all' der Unbill, die sie der armen Menschheit angethan. Nun wurde es lau und wohlig, nicht mehr schnob der Wind mit höhnischem Pfeifen von den Höhen herab – die Gebirgshäupter zogen langsam die Schleier nieder und sahen leuchtend ins Thal, goldfunkelnd strömte der Sonnenschein über das gesegnete Stückchen Erde, und es gab ein Aufatmen überall: Gottlob, wir haben den Sommer geschenkt bekommen!

In das Pensionat flogen Briefe von nah und fern, gleich weißen Friedenstauben – die späten Sommergäste meldeten sich. Viele hatten das Vertrauen verloren und wagten sich nicht mehr aus den Städten heraus, aber wer den Mut gehabt hatte, bereute es sicher nicht, denn die köstliche Bergnatur lachte vom hellen Morgen bis zum Abend in ungetrübter Herrlichkeit!

Fräulein Rosa Hesse war sich anfänglich etwas verwaist vorgekommen. Ja, ja, das alte Ehepaar aus Westpreußen war gemütlich und gut, die zwei jungen Mädchen aus Dresden mit ihrem schwerhörigen Onkel schienen gut erzogen und legten ihr nichts in den Weg – aber war denn das ein Publikum für sie, den Schöngeist, oder ließ sich irgend etwas Romantisches, Anziehendes über diese Leute denken, die so ganz harmlos in den Tag hineinlebten, ihre Ausflüge besprachen, aßen, tranken und von höheren Interessen nicht den Schimmer besaßen?

Da war noch eine ältliche Dame aus Stettin in Pommern, die hatte ein feines, stilles Gesicht und kluge Augen … vielleicht hatte sie allerlei erlebt – aber sie ließ schwer an sich kommen. Sie schien leidend zu sein, suchte die Einsamkeit, grüßte sehr höflich, sprach mit sympathischer Stimme dann und wann ein paar Worte, die auch nichts besonderes sagten, und zog sich nach den Mahlzeiten sehr bald in ihr Zimmer zurück. Ein junger Handelsbeflissener, der mit den beiden älteren Herren zuweilen Skat spielte, und ein jüdischer Kaufmann aus Tarnopol vervollständigten die Gesellschaft – Fräulein Hesse ließ oft ihre Blicke mit stillem Seufzen über diese Tafelrunde gleiten und hielt sich mit Resignation an die ausgezeichnete Kost des Pensionates, obgleich materielle Dinge für ihre höher veranlagte Natur sonst wenig in Betracht kamen!

Da erschien wie eine Erlösung das junge Ehepaar.

Doktor Schott und Frau aus Augsburg, sagte das Fremdenbuch … aber Fräulein Rosas Inneres sagte viel mehr, ihre schlummernde Phantasie wurde wach und hob die Flügel – endlich, endlich Menschen, bei deren Anblick sich etwas denken ließ!

In der That, man brauchte kein Schöngeist und kein Enthusiast zu sein, um an diesen beiden ausgesuchten Exemplaren sein Wohlgefallen zu haben.

Die Frau, eine vornehme, zarte Erscheinung, lichtblond, wundervoll gebaut, mit köstlichen grauen, schwarzbewimperten Augen und einer Haut, wie weißer matter Samt – der Mann eine imposante Gestalt, gerade und stolz gewachsen, gleich einer Gebirgstanne, der dunkle Kopf mit dem schmal auslaufenden schwarzen Bart an einen Spanier mahnend.

»Er ist doch eigentlich eine Schönheit!« äußerte Fräulein Hesse zu der ältlichen Dame aus Stettin. Warum sie »eigentlich« hinzufügte, erklärte sie nicht näher, aber zwei Minuten später konnte man sie zu den jungen Mädchen aus Dresden wiederum sagen hören: »Die Frau ist entzückend – und er ist doch eigentlich eine Schönheit!«

Daß Fräulein Hesse den glühenden Wunsch im Busen trug, den Objekten ihrer Bewunderung näher zu treten, wird ihr niemand verargen. Sie stellte sich bei Tisch in aller Form vor und legte in Blick und Ton eine gewisse Ehrfurcht, wie sie, ihrer Meinung nach, zwei von der Natur so offenbar bevorzugten Wesen zukam … aber Herr und Frau Doktor Schott erwiesen sich als ziemlich zurückhaltend; sie gaben höflich Rede und Antwort, indes in knapper Form, sie schienen nicht gesonnen, sofort Bekanntschaften anzuknüpfen.

»Ich wette, die junge Frau stammt aus adligem Geschlecht!« bemerkte Fräulein Hesse zu den jungen Dresdenerinnen, mit denen sie sich nachmittags im Garten erging. »Solch' eine Art, den Kopf hoch zu tragen und vornehm von oben herab zu grüßen, hat nur der feudale alte Adel. Glauben Sie es mir, ich habe den Blick dafür!«

»Hast du das Medaillon gesehen, Helene, das sie um den Hals trägt?« fragte das ältere Fräulein die Schwester. »Brillanten mit Türkisen – himmlisch!«

»Gott, und dies ganz schlichte weiße Wollkleid, wie ihr das steht, und was für Spitzen das hatte!«

»Reich müssen sie sein – und dazu bloß so schlichtweg Doktor Schott!«

»Was für ein Doktor, möchte ich wissen!«

»Das kleine Mädchen heißt Erna!«

»Süßer Name und neuerdings sehr in Aufnahme gekommen! Oberst von Stahls Töchterchen heißt auch Erna!«

»Wenn wir etwas Näheres wissen wollen, müssen wir das Kindermädchen ausfragen. Diskret natürlich und so recht zutraulich, das ist für solche Leute das richtige!«

»Ach, Fräulein Hesse, wenn Sie das thäten!«

»Gewiß thue ich das! Mit allen Schichten der Bevölkerung den richtigen Ton treffen – verstehen Sie, mit allen – das ist das Siegel, welches eine umfassende Weltkenntnis uns aufdrückt – das ist das Geheimnis, das uns lehrt, in die Tiefen der menschlichen Natur zu dringen! Was mich treibt, ist nicht gemeine Neugier – nie dürfen Sie dies von mir denken! – es ist vielmehr der Drang, mich höher gearteten Wesen zu gesellen, sie zu erforschen und in ihrem Umgang meinem Dasein diejenige Abrundung zu verleihen, nach welcher der wahrhaft gebildete Mensch unablässig zu streben hat!«

Mit dieser wohlklingenden Sentenz verabschiedete sich Fräulein Hesse von ihren Begleiterinnen. Sie wäre wenig erbaut gewesen, hätte sie gehört, wie die jüngere Schwester zur älteren lachend sagte: »Ist doch 'ne verdrehte Schraube! Na, mir soll's recht sein, wenn sie etwas herausbekommt!« – Leider bekam sie nichts heraus.

Das Kindermädchen, eine ältere Person von stillem ernsten Aussehen, saß gegen Abend, während das junge Ehepaar einen weiteren Spaziergang unternahm, mit einem Strickzeug im Garten, die kleine Erna lud geschäftig Sand und Steinchen in einen buntgemalten Puppenwagen und blickte kaum auf, als Fräulein Hesse sie anredete: »Mein süßes kleines Mädchen, wie heißt du denn?«

»Erna Schott!«

Das dunkle Lockenköpfchen des Kindes wich unter der Berührung der fremden Hand, die schmeichelnd darüber hinstrich, zurück, die großen Augen blickten nicht ermutigend. Erna war sehr hübsch, eher dem Vater, als der Mutter ähnlich, und höchst zierlich und elegant gekleidet.

»Und kannst du mir auch sagen, wie alt du bist?«

»Drei Jahr und acht Monate!«

»Sieh, sieh, was du alles weißt! Und Doktor ist dein Papa?«

»Ja!«

»Ihr Herr ist wohl Arzt?« fragte Fräulein Hesse jetzt die Dienerin.

»Arzt ist Herr Doktor auch!« Die Person sah nicht auf und strickte emsig weiter.

»Mein Papa kann alles!« warf die Kleine selbstbewußt ein.

Fräulein Rosa lächelte wohlwollend.

»Du hast den Papa also sehr lieb?«

Erna warf mit einem Ruck den Kopf in die Höhe und sah die hartnäckige Fragestellerin mit einem merkwürdig erstaunten Blick an.

»Nun, meine Kleine?«

Das Kind blieb die Antwort schuldig und neigte sich wieder tief über den Puppenwagen, in den es mit beiden Händchen losen Sand füllte.

»Ist das kleine Mädchen immer so scheu?« wandte sich die Erforscherin der menschlichen Natur neuerdings an die Dienerin.

»Erna ist wenig an den Verkehr mit Fremden gewöhnt – Herr Doktor wünscht das auch nicht für sie!«

Das war deutlich! Fräulein Hesse war nah daran, sich zu entrüsten – schließlich – es war eben eine ungebildete Person, was konnte sie da verlangen!

»Ihre Herrschaft bleibt längere Zeit hier?«

»Ich weiß nicht!«

»Die gnädige Frau will vielleicht die Soolbäder hier gebrauchen.«

»Ich weiß nicht!«

»Adieu, mein Kind!« sagte Fräulein Hesse in hoffnungslosem Ton.

»Adieu!« sprach die Kleine in den Sandwagen hinein.

»Mach' einen Knicks, Erna, und sag' der Dame hübsch artig Lebewohl!« gebot die Wärterin.

Die Kleine gehorchte sofort. Sie richtete sich auf, wischte sich rasch entschlossen das sandige Händchen am Kleide ab und reichte es mit einem tiefen Knicks und einem artigen »Grüß Gott!« der Dame hinauf.

»Wir werden noch die besten Freunde werden, nicht wahr, mein Herzchen?«

Wieder flog ein langer, messender Blick zu Fräulein Rosa empor, dann schüttelte Erna stumm, aber nachdrücklich den Kopf.

»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Zum Wiedersehen, meine Liebe!«

»Guten Abend!«

So endete Fräulein Rosa Hesses Versuch, in die untere Schicht der menschlichen Bevölkerung einzudringen.

»Es ist offenbar, die Leute isolieren sich absichtlich!« äußerte sie zwei Tage später gegen die beiden jungen Dresdenerinnen. »Diese endlosen Promenaden – diese großen Bergbesteigungen! Und bei Tisch so ganz miteinander beschäftigt, so total unzugänglich für alle anderen. Es muß ein ideales Glück sein, das sie so vollständig hinnimmt, ein Zustand völligen Ineinanderaufgehens – genau, wie es in dem Gedicht heißt: Vom ersten Kuß bis in den Tod sich nur von Liebe sagen! – Reich, schön, gesund, sich gegenseitig anbetend … beneidenswert! Die Glücklichen!«

»Ach Gott, ja!« seufzte Fräulein Helene noch. »Die Glücklichen.«

Fortan trug das junge Ehepaar diese Bezeichnung. Selbst der schwerhörige Onkel und das alte Ehepaar aus Westpreußen gewöhnten sich daran, die beiden so zu nennen.

»Sind die Glücklichen schon zurückgekommen?« »Haben Sie die Glücklichen heute bereits gesehen?« »Die Glücklichen wollen morgen früh nach der Klamm gehen!« So ging es in dem kleinen Kreise von Mund zu Mund – nur die alte Dame aus Stettin machte eine Ausnahme. Als ihr eine der jungen Mädchen kurzweg von »den Glücklichen« sprach, sah sie sie mit ihren klugen Augen an und sagte: »Sie meinen Doktor Schott und seine Frau? Ja, denen sind viele Bedingungen zu dem, was man im Leben Glück zu nennen gewöhnt ist, gegeben!«

Fräulein Charlotte Hartwig – so hieß das ältliche Fräulein – wohnte in einem Seitenflügel der Villa Klingen, nur durch einen schmalen Korridor von den Zimmern »der Glücklichen« getrennt. Man kam wenig miteinander in Berührung. Eine zufällige Begegnung – ein höflicher Gruß, hier wie dort – eine gelegentliche Bemerkung über das herrliche Wetter, über diesen oder jenen Ausflug, den man unternommen – das blieben die einzigen Beziehungen der neuen Nachbarschaft. Fräulein Hartwig sah das Ehepaar mit Interesse an, sie fand beide schön und anziehend – sich aber darum an sie heranzudrängen, das fiel ihr nicht ein.

Bei Tisch war der Doktor nicht so schweigsam, wie seine schöne Frau. Er thaute allmählich auf, es ergab sich, daß er weite Reisen gemacht hatte und in anschaulicher Weise darüber zu reden wußte. Zuweilen hielt er einen förmlichen Vortrag, dem die ganze Tischgesellschaft voll Andacht lauschte – er nahm jede Unterbrechung auch sichtlich sehr übel auf, und hatte eine Art, Einwürfe, die ihm hier und da gemacht wurden, zurückzuweisen, die, bei aller Verbindlichkeit, etwas mitleidig herablassendes hatte, als habe er Kinder vor sich, denen man ein eigenes Urteil nicht zutrauen dürfe, die man eben reden lasse, um sie nicht zu kränken.

Für seine schöne Frau war er voll Aufmerksamkeit. Nie vergaß er, für sie zu sorgen, ihr das schönste Obst auszusuchen, ihr Weinglas zu füllen, sorgsam Thür oder Fenster zu schließen, damit ihr kein Luftzug nahe käme. Es war ein italienischer Händler mit hübschen alten Schmucksachen im Renaissancestil am Ort erschienen, die Damen hatten insgesamt die reizenden Sachen bewundert – Doktor Schott kaufte, ohne zu feilschen, den schönsten und teuersten Schmuck, den der Italiener besaß, für seine Frau, und diese erschien am folgenden Tage damit. Sie trug immer weiße Kleider von klarem oder dichtem Stoff und eine schwarzseidene breite Schärpe um die schlanke Taille geknüpft; es sah aus wie Halbtrauer. Sehr häufig fand sie neben ihrem Teller einen kleinen Strauß der schönsten, auserlesensten Rosen, den der zärtliche Gatte für sie bestimmt hatte. Er selbst befestigte dann diese Blumen in ihrem Gürtel – fast schien es, als sei es ihr nicht lieb, das schlichte schwarz und weiß ihrer Toilette mit Farben zu beleben.

Die Dichterin Rosa Hesse schwärmte für Doktor Schott. In ihren Augen war er das Ideal eines Mannes – schön und stolz und klug – und sein ausgeprägtes Selbstbewußtsein gehörte zu ihm, es kleidete ihn gut. Er mußte so sein, fand sie – wenn ein Mann das Recht besaß, Selbstgefühl zur Schau zu tragen, dann war er es! Glückselig die Frau, die ihn sich errungen hatte, die die Wonne genoß, von ihm geliebt, beschützt und verwöhnt zu werden! Ob sie sich dieses Glückes in seinem vollen Umfang bewußt war – ob sie es ganz zu schätzen wußte, das erschien Fräulein Hesse leider zweifelhaft. Ein solcher Mann mußte, nach ihrem Dafürhalten, von seiner Gattin bedingungslos auf den Knieen angebetet werden … aber ob Frau Doktor Schott dies that? – Dem Anschein nach that sie es nicht, allein dies konnte nur weibliche Zurückhaltung, zarte Scheu sein! Fräulein Hesse indessen meinte, tiefer zu blicken: es wollte sie bedünken, als ob diese Frau diesen Mann nicht ganz verstand! – Sie war ein reizendes Geschöpf, das stand fest, das hatte wohl auch Doktor Schott, bei seinem ausgeprägten Kunst- und Schönheitssinn, bewogen, sie sich zur Lebensgefährtin zu wählen … allein, ob ihr Geist ihm genügte, ob ihre Seele der seinigen einigermaßen ebenbürtig war – das erschien der feinen Beobachterin mehr als zweifelhaft. Um den interessanten Mann in etwas zu entschädigen, gab Fräulein Hesse sein dankbarstes Publikum ab, sie lauschte seinen Worten, wie einem Orakel, sie saß mit vorgeneigtem Haupt und leuchtenden Augen da, wenn er sprach, bemüht, auch nicht einen Laut, der von seinen Lippen fiel, zu verlieren – sie rief entrüstet: »St!« oder »Bitte, bitte!« sobald jemand aus der Tischgesellschaft auch nur mit einem halblaut gesprochenen Wort den Redefluß des Doktors unterbrach – und sie erlebte die Genugthuung, daß der Gegenstand dieses unermüdlichen Kultus nicht unempfindlich dagegen blieb, sondern meistens das Wort an sie richtete, wodurch ihre schwärmerische Verehrung noch beträchtlich gesteigert wurde.

»Die Glücklichen« machten erstaunlich zahlreiche und weite Ausflüge. Oft sah man sie schon beim frühen Morgen das Haus verlassen, den Doktor im praktischen Touristenanzug, die junge Frau in der kleidsamen südbayrischen Landestracht, so reizend lieblich und fremdartig darin anzusehen, daß die im Pensionat Klinger anwesenden Herren jedesmal eifrig aus Thür und Fenstern sahen, um früh am Tage schon ihre Augenweide zu genießen. Häufig wurde es Abend, die Dunkelheit brach herein, bis die beiden zurückkehrten, der Mann stattlich und elastisch wie am Morgen, seine junge Frau blaß und müde, sichtlich von den Strapazen einer solchen Bergwanderung angegriffen. Das hinderte das Paar indessen nicht, schon am folgenden Tage um sechs Uhr wieder auf- und davonzugehen und oft in einer einzigen Tour einen Weg zu machen, den andere in mehrfachen Absätzen zurückzulegen pflegten. »Ich kenne keine Ermüdung!« erwiderte Doktor Schott eines Mittags – es drohte stark mit Regen – auf Fräulein Hesses feurige Bewunderung seiner »phänomenalen Kraft« – und als jemand aus der Gesellschaft sich erlaubte, zu fragen: »Und Ihre Frau Gemahlin? Kennt auch sie keine Müdigkeit?« erfolgte mit souveränem Lächeln die Antwort: »Das ist leider noch zuweilen der Fall, muß aber überwunden werden. Ein normal gesunder Mensch hat über solche Schwäche Herr zu werden, und ich bin überzeugt, es wird hier mit der Zeit gelingen. Nicht wahr, liebe Melitta?«

Ein eigentümliches Lächeln glitt einen Augenblick schattenhaft über das Antlitz der blonden Frau. »Vielleicht!« antwortete sie leise und wandte sich dann sofort ihrer Nachbarin zu, die sie bat, ihr ein wenig Wasser ins Weinglas zu gießen.

»Das ist eine ganz heilsame Maßregel für Ihre Patienten, Herr Doktor!« bemerkte der alte Herr aus Westpreußen behaglich, erhielt aber ein abweisendes: »Ich praktiziere nicht!« als Antwort, so daß er ganz betroffen verstummte.

Es war gar nicht herauszubringen, was Doktor Schott eigentlich betrieb. Die übrigen Herren sprachen unbefangen von ihrem Beruf, dessen Licht- und Schattenseiten … er allein beobachtete Schweigen. Wofür hatte er den Doktortitel erworben? »Arzt ist mein Herr auch!« hatte das Kindermädchen gesagt – was sollte das bedeuten? Daß er sich auf seine medizinischen Kenntnisse viel zugut that, wußten alle, es war oft im Lauf des Gespräches hervorgetreten – an der Universität war er gleichfalls nicht, er hatte eine dahinzielende Frage mit einem kurzen »Nein!« beantwortet … was also trieb er? Was that er?

Es war gegen Abend desselben Tages. Ein starkes Gewitter hatte sich am frühen Nachmittag entladen, jetzt aber war die Luft prächtig gekühlt, ein lauer Rosenduft schwamm durch die klaren Lüfte, silberweiß umrissen zeichneten sich die Schneehäupter der höchsten Berge vom reinen Himmelsblau ab, und die schrägen Sonnenstrahlen umspannen die stolzen Gebirgsriesen mit einer flimmernden Glorie. Wie ein leuchtendes Netz zogen sich tausende von blitzenden Regenperlen über die weiten Grasflächen, und wenn die Sonne darauf hinspielte, zuckte es buntfunkelnd wie Diamantenpracht drüber weg.

»Schau, bitte, Mutterle, schau her, wie das goldig schön ist!« bat ein helles Kinderstimmchen draußen, und Fräulein Charlotte Hartwig öffnete leise das Fenster in ihrem Zimmer, bog sich hinter der Gardine hervor und spähte hinaus.

Das Kind, in seinem weißen kurzen Röckchen wie ein großer Schmetterling anzusehen, stand unten auf dem hellen Kiesweg und deutete mit den Händchen nach der flimmernden Pracht der tropfenübersäeten, sonnenbeschienenen Grasfläche. Wenige Schritte entfernt, dicht unter Fräulein Hartwigs Fenster, so daß diese sie deutlich sehen konnte, lehnte die junge Frau in einem weit zurückgehenden Sessel, die Hände mit einer weißen Stickerei lässig im Schoß, das Köpfchen aufwärts gewendet. Offenbar hatte sie es gar nicht gehört, daß die Kleine sie anrief. Sie hatte geweint. Noch hingen schwere Tropfen an den dichten dunkeln Wimpern, die sich so schön von dem Blondhaar abhoben, um die süßen Lippen bebte es, und schwere Atemzüge hoben die Brust. Die dunkelumschatteten Augen sahen mit einem ergreifenden Ausdruck schmerzlicher Sehnsucht nach oben. Dort badeten die Berge ihre Häupter in flammendem Abendrot, es troff wie fließendes Gold von den Schneekanten, drüber stand der Himmel wie in hellem Feuer … ein glorreich schöner Sonnenuntergang, der den Tag wie triumphierend abschloß. Und dazu die schöne Frau mit der tiefen, tiefen Trauer im Gesicht, mit den schweren Thränen an den Wimpern – diesen Thränen, die sich jetzt eben loslösten und auf die ineinandergelegten Hände herabfielen.

Fräulein Hartwig zog sich leise vom Fenster zurück. Sie nickte vor sich hin, wie jemand, der eine gehabte Ahnung bestätigt findet.

»Schaust du denn nimmer all' die schönen bunten Perlen an, Mutterle, und da ganz hoch droben das viele Gold?« fragte wieder das helle Kinderstimmchen unten.

»Ja, Erna, ja, Mama sieht alles, und es ist wunderschön!« antwortete die junge Frau in gepreßtem Ton, als schnürte ihr ein Leid das Herz zusammen.

»Und du weinst auch nicht wegen Erna – gelt?«

»Nein, meine Kleine, du bist heut' gut und artig gewesen!«

Eine Weile blieb es still unten im Garten. Dann knisterte der Kies unter einem festen Männertritt, und eine sonore Stimme sagte: »Guten Abend, Litta. Wie, ganz allein? Und Thränen? Das ist doch wirklich kindisch – geradezu kindisch von dir! Als ob das Weinen einen anderen Zweck hätte, als den, dir deine schönen, gesunden Augen gründlich zu verderben!«

»Zuweilen erleichtert es das Herz!«

»Das ist eine Phrase, mein Kind, nichts weiter, als eine althergebrachte thörichte Phrase – du denkst dir doch entschieden selbst nichts dabei, gesteh' einmal offen! Wann wird doch die Zeit kommen, da es mir gelungen ist, dich zu einer wahren Philosophin zu erziehen, die sich unbefangen des Gegebenen freut und es aufgiebt, um Verlorenes zu trauern?«

»Vielleicht niemals!«

»Wenn du fortfährst, in diesem sentimentalen und weinerlichen Ton zu mir zu sprechen, müssen wir unser Gespräch abbrechen!« Die Stimme des Mannes wurde hart und kalt. »Ich meine, du müßtest mir Dank wissen und einsehen lernen, daß ich dein Bestes wünsche. Du hast normale Geistesgaben, die zu entwickeln mir ein Genuß sein würde, aber das Gefühlsleben überwuchert alles andere bei dir in einer Weise, daß es mir faktisch oft unmöglich ist, mit vernünftigen Begriffen dir gegenüber zu operieren. Was ich sagen wollte … deine Thränen haben mich auf einen total anderen Gedankengang geführt … ich komme dich abholen. Das ganze Haus ist wie ausgestorben, alle sind zum Spaziergang fort – es ist prächtig draußen. Ich habe meinen alten Universitätsfreund Rothe zufällig auf meiner Wanderung getroffen, er ist seit heute früh mit Frau, Bruder und Schwiegereltern hier – der alte Kerl freute sich wie ein Spitz, mich zu sehen. Wir haben im »schwarzen Lamm« ein fideles Beisammensein verabredet, werden eine Bowle aufsetzen – es wird urgemütlich sein! Unser Abendessen hier im Pensionat habe ich schon bei der Hauswirtin abbestellt – Friederike wird Erna allein abfüttern. Ich habe alles vorgesorgt – du hast einfach deinen Hut zu nehmen und mitzukommen!«

Es trat eine Pause ein. Dann kam die weiche Stimme der jungen Frau schüchtern wieder.

»Es ist mir so leid, Udo, dir nicht den Willen thun zu können – du weißt ja, ich füge mich immer sonst … immer! Aber diesmal heute – bitte, geh' allein! Ich kann heute nicht unter fremden Menschen sein – kann auch nicht lachen und froh erscheinen; es wäre eine erbärmliche Komödie. Du hättest es bedenken können – du weißt recht gut, daß heute der Tag ist, an dem« – – – sie konnte nicht weitersprechen.

Doktor Schott bohrte mit dem Stock so heftig in den Boden, daß der Kies umherstob.

»Natürlich weiß ich es – und glaubst du, ich hätte nicht daran gedacht? Es fiel mir sogar ein, während Rothe mich aufforderte, zum »schwarzen Lamm« zu kommen. Absichtlich habe ich auch für dich zugesagt – ich habe es mir fest vorgesetzt, es soll endlich einmal bei dir aufhören mit dieser ewigen Gefühlsschwelgerei!«

»Ein seltsamer Name für die tiefste und naturgemäß berechtigteste Empfindung!«

»Der einzig richtige Name! Naturgemäß berechtigt, sagst du? Durchaus nicht! Unser Verhältnis zu Siegmund war genau dasselbe, und siehst du mich etwa, gleich dir, in diesen haltlosen Schmerz versinken? Hätte die Natur dies vorgeschrieben, ich würde es zugestehen – so kann ich nur sagen: es ist ein individuelles Gefühl, das jeder von uns hegt –«

»Und wenn du deiner Individualität Berechtigung zugestehst, warum nicht der meinen?«

»Laß mich ausreden, Melitta, du weißt, ich kann es nicht vertragen, unterbrochen zu werden! Individualität! Du meine Zeit!« Die Stimme des Mannes nahm wieder den Ton herablassender Milde an, wie wenn er ein unvernünftiges Kind zurechtzuweisen hätte, »du bist ja eine Frau – noch dazu eine junge und schöne Frau – du stehst nicht im Kampf mit dem Dasein, wie leider heute so viele deines Geschlechtes. Ich habe dich gewählt, jung und bildungsfähig, wie du warst, ich sorge für dich, ich war und bin redlich bestrebt, deinem Wesen diejenige Form zu geben, die ich als richtige erkannt – ein Streben, in welchem deine bisherige Erziehung mir leider nicht im geringsten vorgearbeitet hatte – wie kann da von Individualität deinerseits die Rede sein? Eine Frau, die, wie du, so jung in die Hände eines Mannes gerät, wie ich, hat durch ihn allein ihr Gepräge zu empfangen, und sollte es dankbar empfinden, wenn er sich unermüdlich dieser Aufgabe hingiebt, obgleich die Resultate ungleich geringer sind, als sich vor Jahren annehmen ließ. – Und jetzt genug davon. Erna, geh' zu Friederike hinein, sie soll dir dein Abendbrot geben.«

»Aber Mama hat doch erlaubt, ich darf noch dableiben, bis –«

»Noch ein Wort des Widerspruchs, und du gehst ohne Abendessen ins Bett. Ich denke, du weißt, wem du zu gehorchen hast. Küß' deiner Mutter die Hand und geh'!«

Wieder eine kurze Stille, dann wurde das bekümmerte, thränenschwere Stimmchen des Kindes laut, das, nach einem aus tiefster Brust hervorgeholten Seufzer: »Gut' Nacht, Mutterle!« sagte.

»Gute Nacht, mein Herzenskind, schlaf' süß!«

»Kommst du auch noch an mein Bett beten, gelt?«

»Gewiß, Liebling – nun lauf' schnell zu Friederike!«

»Also doch noch! Trotz meines Verbots! Wie oft habe ich dir gesagt: ich wünsche nicht, daß mein Kind mit solchen Faseleien großgezogen wird! Gebete! Das sind Dinge, die ihm das Hirn umnebeln, es untüchtig fürs Leben machen, jeden klaren Begriff verwirren. Mein Kind soll einen gesunden Verstand haben. – Du aber untergräbst ihn geflissentlich, wenn du ihn mit Vorstellungen nährst, die mit dem realen Leben kein Jota zu thun haben!«

»Müssen wir all' diese Dinge hier im Garten verhandeln? Es könnte uns doch jemand hören –«

»Unnötig, mich darum zu warnen! Ich sagte es dir schon zuvor: das ganze Haus ist wie ausgestorben, sie sind bei dem herrlichen Wetter alle noch zum Spaziergang hinaus, die Wirtin hat es mir selbst gesagt – sie soll das Abendessen deshalb später auftragen. Morgen früh um fünf gehen wir mit Rothes zur Wendel-Alp hinauf, rüste nur dein Bergkostüm. Möchtest du dich jetzt fertig machen, und mit mir kommen?«

»Verzeih' mir, Udo – – nein! Ich muß wiederholen: ich bin es nicht imstande, heute unter fremden Menschen zu sein und ein fröhliches Gesicht zu zeigen!« Die Stimme Frau Melittas klang bei aller Sanftmut fest und sicher.

»Sagte ich dir nicht, ich hätte es Rothes versprochen, daß du mit mir kämest?«

»Ja, du hast es gesagt, aber du hättest dies in meinem Namen nicht versprechen dürfen. Entschuldige mich bei deinen Freunden, sage, mir sei nicht wohl! –«

»Das würde eine Lüge sein!«

»Doch nicht! Mir thut der Kopf weh vom Weinen!«

»Darf ich um deinen Puls bitten? – Völlig normal! Dies Kopfweh kenne ich – es hat seinen Sitz im Eigensinn!«

»Ich kann dich nicht hindern, das anzunehmen!« sagte die junge Frau müde. »Nenne es also Eigensinn; mit dir kommen kann ich nicht!«

»Melitta!«

»Ich kann nicht! Soll ich vor diesen fremden Leuten in Thränen ausbrechen?«

»Fremden Leuten! Rothe ist einer meiner ältesten Freunde!«

»Ich habe ihn nie gesehen!«

»Er freut sich, deine Bekanntschaft zu machen, er hat in Nürnberg durch Erlers viel von dir gehört. Genügt es dir nicht, daß ich den Mann kenne und schätze? Fühlst du dich nicht identisch mit mir? Sind wir nicht eins?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Du scheinst in der That in einer unqualifizierbaren Laune zu sein. Es ist dir also ganz gleichgültig, wenn ich allein dorthin gehe?«

»Es ist mir am liebsten, heute allein zu bleiben!«

»Es ist dir ganz gleichgültig, daß ich mich vor diesen Leuten blamiere?«

»Ich glaube nicht, daß jemand es so auffassen könnte, wenn du bittest, deine Frau zu entschuldigen, sie fühle sich nicht wohl.«

»Einerlei! Ich fasse es so auf. Du weißt, ich bin es nicht gewöhnt, mit mir scherzen zu lassen!«

»Ich war nie weniger zum Scherzen aufgelegt, als jetzt!«

»Dein letztes Wort also: Du weigerst dich, mit mir zu kommen?«

»Ja!«

Wieder spritzten die kleinen, scharfkantigen Kiesel über den Gartenweg. Gleich darauf fiel unten dröhnend eine Thür ins Schloß, und ungestüme rasche Schritte liefen die Treppe empor.

Fräulein Charlotte Hartwig stand immer noch neben dem geöffneten Fenster. Sie hatte Bange gehabt, es zu schließen – wie unsagbar peinlich hätte es der jungen Frau sein müssen, bei diesem Gespräch einen Zeugen zu wissen, und gerade weil Fräulein Charlotte aufgeregt war, hätte sie eine unvorsichtige Bewegung leicht verraten können. Mit einem tiefen Aufatmen trat sie in die Tiefe des Zimmers zurück – da hörte sie schon wieder die laute, herrische Stimme des Mannes in ihrer unmittelbaren Nähe, und jetzt wollte sie lauschen. Sie schlich bis zu ihrer Thür und drückte sie vorsichtig auf.

Jenseits des schmalen Korridors lag das Stübchen, in welchem das Kind mit seiner Wärterin schlief. Auch wenn die leichte Thür, die dort hineinführte, fest verschlossen gewesen wäre, hätte man jedes Wort verstehen können.

»Erna hat geweint, sie will ohne Mama nicht essen!« berichtete Friederike in dem gleichmäßigen, sachlichen Ton, dem man niemals anhörte, ob und für wen sie etwa Partei ergriff.

»Du weißt, Erna, daß Papa kein unartiges Kind duldet. Wirst du auf der Stelle essen?«

Die Kleine fing laut an zu schluchzen.

»Hör' auf zu weinen – augenblicklich!«

Das Schluchzen wurde noch lauter.

»Wirst du auf der Stelle essen?« Das dumpfe Geräusch eines Schlages folgte auf diese Worte.

Das Kinderstimmchen erhob ein lautes, klägliches Geschrei, und die dumpfen Schläge kamen ununterbrochen dazwischen. Fräulein Charlotte fing an zu zittern und trat von der Thür zurück.

Jetzt flog ein leichter Schritt die Treppe herauf – und nun eine bittende, angstvolle Stimme: »Udo, Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«

Die Mahnung schien nicht zu helfen. Das laute Jammern des Kindes dauerte noch eine Weile fort – jetzt hatte sich das alte Fräulein in die entfernteste Ecke ihres Zimmers geflüchtet und hielt sich mit den flachen Händen die Ohren zu.

Endlich und endlich Stille. Dann das Knarren der Treppe unter den festen Männertritten – unten das Zuwerfen der Hausthür. Die unfreiwillige Lauscherin richtete sich auf und sah sich im Zimmer um, als ob sie geträumt habe; darauf schlich sie vorsichtig zum Fenster und hakte es ein.

Und nun, ihrem Gefühl nach gesichert, seufzte sie beklommen auf und ließ die Hände erschöpft heruntersinken. Im Geist sah sie Fräulein Rosa Hesse vor sich und hörte sie begeistert das Los dieser beiden beneidenswerten Menschen preisen: »Ich bitte Sie – so jung, so schön, gesund und reich, so begabt – wie könnte ihnen etwas fehlen? Was auf der weiten Welt bliebe ihnen zu wünschen?«

Die alte Dame nickte kummervoll vor sich hin.

»Die arme, schöne Frau, das arme süße Kind, wie viel werden sie noch leiden müssen! Und hier nennt man sie ›die Glücklichen!‹« – – –


2.

Der folgende Tag war ein Sonntag. In der Nacht war ein heftiges Gewitter losgebrochen – völlig unerwartet, wie das im Gebirge zu kommen pflegt. Abends hatten noch die Sterne geschienen, und das ganze Haus hatte auf andauernd gutes Wetter gehofft – da kam aufs neue der böse Südwestwind auf, der tags zuvor das Gewitter gebracht, und er führte ein zweites Unwetter mit sich, schlimmer als das erste. Es tobte in den Lüften, es riß an Thüren und Fensterläden, es heulte um das Haus, als wäre die Hölle losgelassen – und dann fuhr sausend ein Blitz nieder, der den nachtschwarzen Himmel spaltete und eine stolze, alte Buche in der Nähe des Hauses niederschlug, daß sie mit einem dumpfen Krachen zu Boden stürzte. Unmittelbar darauf setzte der Donner ein mit einem schweren, betäubenden Schütten, dem ein langer, langer Nachhall folgte. Und die Berge ringsum nahmen das Getöse auf und gaben es weiter und schickten es wieder zurück, bis neuer Donner einsetzte, so daß es klang, als nehme das zornige Brüllen in den Lüften überhaupt kein Ende.

Im Klingerschen Pensionat war alles auf den Füßen. Einige hatten sich unten im Speisezimmer zusammengefunden, sie hatten ganz regelrecht Toilette gemacht, saßen mit blassen, verstörten Gesichtern beisammen und bemühten sich, einer den andern zu trösten … es müsse doch bald nachlassen – und strenge Herren regierten bekanntlich nicht lange – und wie das Gewitter so schnell habe wiederkommen können, nachdem die Luft sich doch so schön gekühlt habe … und was der Tröstungen und Vermutungen mehr waren.

Die meisten waren in ihren Zimmern geblieben. So Fräulein Charlotte Hartwig. Sie hatte sich die Lampe angezündet und saß auf dem Sofa, ihr war unbehaglich zu Mute, obgleich jede Furcht ihr fern lag; ein Gewitter verstörte ihr allemal die Nerven. Der Boden unter ihren Füßen zitterte, und die Fenster klirrten heftig unter den unausgesetzten Donnerschlägen.

Im Hause hörte man Thüren zuschlagen, ein eiliges treppauf, treppab – jenseits des kleinen Korridors erhob sich ein verängstigtes Kinderstimmchen in hellem Weinen, verstummte aber sehr bald. Im Geist hörte Fräulein Charlotte die junge Frau bitten: »Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«

Das alte Fräulein schüttelte wehmütig den Kopf. Zu ihrer Erholung war sie hierher geschickt worden, und jetzt regte sie sich um fremder Leute willen so auf! Ihr Beruhigungsmittel, ihr Talisman sollte ihr helfen! – Sie öffnete die Tischschublade und holte ein flaches, schwarzes Lederkästchen daraus hervor; ein Druck mit dem Finger ließ die Feder springen – das Bildnis eines sehr ernst und sehr klug aussehenden Mannes kam zum Vorschein. Das war ihr Bruder, ihr Arzt, ihr bester Freund auf der Welt, der Sonnenschein ihres ganzen Lebens.

»Du!« murmelte sie vor sich hin. »Du!« – Zärtlich, wie eine Braut musterte sie das kleine Bild. »Wärest du sehr unzufrieden mit mir? Würdest du mich schelten? Scheinbar ja – aber eben auch nur so! Denn du hast ja selbst ein Herz, und ein so weiches, mitfühlendes dazu, wenn du dich auch auf alle Weise bemühst, es zu verstecken. Hätt' ich dich nur hier! Ohne dich ist's ja doch nur ein halbes Leben – aber freilich – du hast mich hierhergeschickt, damit ich mich erhole! Da heißt es gehorchen! Erholen wir uns also nach Kräften!«

Ein halb wehmütiges, halb humorvolles Lächeln spielte um ihre Lippen, wie sie dem Bilde zunickte, wie einem lebenden Menschen, und es dann sorgsam verschloß. Draußen war eine kurze Pause in den Donnerschlägen eingetreten – dafür raste der Sturm jetzt um das Haus, als wolle er es vom Erdboden wegfegen. Wieder kamen von drüben her ein paar vereinzelte Klagelaute, die bald verstummten. Charlotte sah im Geist das Kind zitternd und verängstigt in seinem Bette und die schöne Mutter darüber hingebeugt, bemüht, das kleine Geschöpf vor der Strenge des Vaters zu schützen. Mit einem Seufzer der Ungeduld darüber, daß die rebellischen Gedanken sich so wenig zügeln ließen, nahm sie ein Buch zur Hand und versuchte, zu lesen. –

»Schauen gnä' Fräul'n eben 'mal bloß die Sonn' an, was die für goldiges G'sicht macht und wie's lachen kann … recht, als thät's sich was ausschämen!« sagte Resi, das rosige Zimmermädel, am folgenden Morgen, als sie Fräulein Hartwig das Kaffeebrett ins Zimmer trug. »Dös is a Graus g'west bei die Nacht! So hab'n mir alle Glieder 'zittert!« Resi stellte das sehr ausdrucksvoll dar. »Die Annamirl und die Zenzl haben g'weint! Und jetzt schaut der Himmel wunderblau, und die Sonn' lacht, und kein Wind und kein nix! Aber die Weg schwimmen wassernaß, und von die Bäum' und Sträuch' tropft's alleweg! Wissen gnä' Fläul'n« – – hier trat Resi zwei Schritt näher und machte sich allerlei unnötige Hantierungen beim Kaffeegeschirr – »unser Herr Doktor Schott – nein – aber – der ist schon ein Wunderlicher! Hat er nicht heut' in der Fruha wollen für G'walt auf die Wendel-Alp aufsteigen – nach dem grauslichen Wetter und wo alles schwimmt – und hat nicht eher Ruh gegeben, als bis die fremde Herrschaft vom »schwarzen Lamm« herschickt hat, sie wollten auch nimmer auf die Alp, die Weg' sei'n zu schlecht nach dem Gewitter!«

»Ja aber, Resi, woher wissen Sie denn das alles?«

»I hab' halt 'horcht!« erklärte Resi lachend, mit vollster Unbefangenheit. »Mir müssen halt auch in d' Fruha heraus, und i hab' droben z'schaff'n g'habt, und da hat er in einsfort g'sagt: Ich will aber! Und ich will! Und sie hat einmal g'sagt: Ich thu's nimmer! Und wie er d'rauf ganz rabbiat worden ist, da hat's eben gar nix mehr g'sagt – nicht an einz'gs Wörtl! Und all' die Fremden von »schwarzen Lamm,« die kommen heut' hier zu uns speisen, und i muß 's Frühstück richten!«

»Da müssen Sie sich tummeln, Resi!«

»Wird schon wahr sein! Aber die Annamirl und die Zenzl soll'n halt auch was schaffen, zum Nixtum is ka einz'ger Mensch da!«

Mit dieser nützlichen Sentenz empfahl sich das Mädchen. Fräulein Hartwig lag es schwer in den Gliedern und im Kopf nach der schlecht verbrachten Nacht, sie beschloß darum, einen Spaziergang zu machen – die frische Luft sollte ihr wohlthun.

Das that sie denn auch. Wie einen labenden Trank atmete die Menschenbrust diesen stählenden Hauch ein, der von den reinen Höhen herabwehte – von dort herab, wo die Bergesgipfel gleich getriebenem Silber standen und das Gletschereis im Sonnenstrahl bläulich funkelte. Unten aber diese Pracht auf Bäumen und Büschen! Das waren doch zahllose Wassertropfen nur, die auf den Blättern lagen und beim leisesten Anrühren wie kleine Bäche niederrieselten, aber die Sonne machte Millionen der köstlichsten Juwelen daraus, wob feenhafte Spitzenschleier um die Astkronen und ließ ganze Kaskaden aus Diamanten von den sanft bewegten Zweigen sprühen.

Auf der letzten Terrasse des Gartens, da, wo er bereits auffällig zu steigen und sich an das Gebirge zu schließen begann, war es immer einsam. Charlotte klomm den von Regen durchweichten Weg nicht ohne Mühe aufwärts, sie wußte eine Bank hier in der Nähe, auf der wollte sie rasten. Ein kleines Buch hielt sie in der einen Hand, in dem wollte sie lesen – Lessings »Nathan der Weise.« Tief und rasch atmend kam sie endlich an ihr Ziel. Über ihrem Haupt wölbten einige prachtvolle Buchen die schönen Wipfel zu einer natürlichen Schattenlaube – ein paar Vögel schwatzten droben eifrig miteinander und warfen zuweilen beim Weiterhüpfen von Zweig zu Zweig einen Perlenregen von Tropfen herunter – vom Thal klangen die Kirchenglocken herauf, ernst und volltönig, es klang immer, als riefen sie: »Kommt zu Gott! Kommt zu Gott!«

Fräulein Charlotte nickte, als habe sie jemanden, der sie angeredet, Antwort zu geben, und schlug ihren Lessing auf.

Seitwärts im Gebüsch raschelte es, leuchtete rot auf zwischen den biegsamen Zweigen – ein kleines Menschenkind kam auf flinken Füßen näher – stutzte – blieb stehen – dann, von Fräulein Hartwigs Lächeln ermutigt, trippelte es bis zu ihren Knieen heran.

»Bist du hier ganz allein – gelt?«

»Ja, mein kleines Mädchen. Und du? Deine Friederike ist wohl mit dir?«

»Nein – Mama! Ich bin vorausgelaufen. Kannst du meine Mama sehen? Da oben steht sie!«

Das deutende Fingerchen wies auf einen mäßigen Felsvorsprung. Dort stand eine einzelne Frauengestalt, regungslos, den Blick in die Weite gerichtet – wie losgelöst von Welt und Menschen, wie schwebend über der grünen Tiefe zu ihren Füßen.

»Ruf' deine Mama nicht an, mein Kind! Sie könnte sich erschrecken und fallen. Wir wollen warten, bis sie von selbst aufmerkt und hierherkommt!«

»Ja, wir wollen warten!« wiederholte die Kleine altklug. Sie lehnte ihr zartes Körperchen zutraulich gegen Charlottes Kniee und sah ihr unverwandt mit forschenden, großen Augen ins Gesicht. Dies Gesicht war weder jung noch schön, aber dem Kinde mußte es gefallen, es lächelte und ließ sich willig von der sanften Hand des alten Fräuleins das krause, dunkle Köpfchen streicheln.

»Erna!« klang eine weiche Frauenstimme von oben. »Wo bist du? Erna!«

»Hier unten auf der Bank, Mutterle, bei Tante – – ja, wie heißt denn du?«

»Charlotte, mein Kind!«

»Bei Tante Charlotte. Komm' doch auch!«

Die helle Gestalt auf dem Felsen wandte sich und klomm langsam herab. Im Näherschreiten erkannte sie Fräulein Hartwig und lächelte ihr freundlich zu.

»Grüß' Gott! Sie genießen auch den köstlichen Morgen!«

»Und mit Entzücken; das ist eine schöne Entschädigung für das Unwetter in der Nacht. Sie werden wenig Schlaf gehabt haben, Frau Doktor, ich hörte die Kleine weinen –«

»Ach, das bissel!« unterbrach Erna beinahe geringschätzig. »Ich kann ganz viel anders schreien noch, aber Papa« – –

Frau Melitta legte ihre Hand auf das Plaudermäulchen, »du darfst Blumen suchen gehen, Herzblatt, aber nicht zu weit fortlaufen – immer so, daß Mama dich sehen kann. Wenn Sie gestatten, Fräulein Hartwig, setze ich mich zu Ihnen. Störe ich Sie bei Ihrer Lektüre?«

»Ich hatte noch nicht angefangen. Es wird Sie vielleicht befremden, daß ich am Sonntagmorgen kein Andachtsbuch in der Hand habe, aber, sehen Sie – der Inhalt dieses Buches – das ist nun so meine Andacht!«

Fräulein Charlotte schlug die erste Seite auf, und die junge Frau las über dem Titel in einer festen Handschrift die Worte: »Seiner lieben Charlotte zum Andenken an den 11. Oktober 1866. Walter.«

»Er ist mein einziger Bruder,« – eine schwache Röte trat in die feinen, welken Züge, und die Augen glänzten plötzlich auf. »Am 11. Oktober 1866 lasen wir zum erstenmal »Nathan der Weise« zusammen. Er war noch Gymnasiast damals und sehr jung – den Jahren nach hätte er kaum Verständnis für dies Hohelied der Toleranz haben können. Aber ich war immer sehr stolz auf seine Begabung und fand ihn seinen Altersgenossen weit voraus – wirklich, er war es auch! Und ich konnte kaum erwarten, zu sehen, welchen Eindruck mein Nathan auf ihn machen würde. Ich muß immer »mein« Nathan sagen, er ist für Kopf und Herz so ganz mein Eigentum geworden.«

»Nun – und weiter? Entsprach der Eindruck Ihren Erwartungen?«

»Sie müssen verzeihen, gnädige Frau – es kann Sie unmöglich interessieren – in Stettin wissen es alle meine Bekannten: mein Bruder ist ein gefährliches Thema für mich; ich kann nicht zu Ende kommen, und je älter ich werde, desto mehr verschlimmert sich das!«

Das liebreizende junge Gesicht neben Fräulein Hartwig lächelte.

»Ich gehöre aber nicht in Ihren Stettiner Bekanntenkreis hinein, und ich möchte gern mehr hören. Wir schließen uns nicht näher an die Hausgenossen an, schon weil wir so viel Bergtouren unternehmen –« dies klang ein wenig verlegen – »aber zu Ihnen hab' ich sehr bald, hab' ich gleich in den ersten Tagen einen stillen Zug gespürt, und es wollte mir scheinen, wenn es nicht anmaßend klingt, als wäre das gegenseitig!«

»Sie sind ein süßes, herziges Wesen, Frau Doktor, ich glaube, es wird mir so gehen, wie allen, die Sie nur sehen: man kann gar nicht umhin, sich für Sie zu interessieren, Sie reizend zu finden … nein, nein, Sie dürfen nicht denken, daß ich Ihnen schmeicheln will! Das ist nicht mein Fehler – wahrhaftig nicht! –«

»Wir wollen aber nicht von mir sprechen. Sie sollen mir von Ihrem Bruder erzählen. Sie haben ihn wohl erzogen?«

»Ja – von seinem sechsten Jahre ab. Ich bin so sehr viel älter als er; mir sind drei Geschwister, die zwischen ihm und mir standen, jung weggestorben. Diesen Kleinen nahm ich so für mein Spielzeug, und die Mutter, die damals schon sehr leidend war, ließ das geschehen – es kam nicht viel vernünftiges dabei heraus. Da kam eine Choleraepidemie und nahm uns in drei Tagen beide Eltern fort, und Vermögen war keines da, das wußte ich, denn meine Mutter war arm gewesen, und die Privatlehrer – mein Vater war einer! – haben niemals Schätze sammeln können. Was hatte ich nun gelernt, was konnte ich thun? Allerlei und doch nichts Rechtes, es war so viel halbes Wesen dabei, wie das so oft bei höheren Töchtern ist – und damals war mit den Mädchenschulen nicht viel zu machen, und an Examen dachte kaum ein Mensch. Eine Stelle in irgend einem reichen Haushalt hätte sich am Ende für mich gefunden, aber dann hätte ich mich von dem kleinen Jungen trennen müssen – und wohin mit ihm? Ich mußte das Leben jetzt ernst nehmen, an die Zukunft denken und auch den kleinen Bruder anders anfassen als bis dahin – mit dem Spielzeug war es für mich vorbei! Also nahm ich nun in Gottes Namen alles an, was sich mir irgend bot, ich gab Klavierstunden, ich stickte für Fremde, ich unterrichtete ein paar kleine Mädchen im Lesen und Schreiben – es wurde alles damals schlecht bezahlt, und es wollte und wollte nicht reichen! Mein Vater war ein vielseitig gebildeter Mann gewesen, er hatte sich viel um mich bekümmert und mir Geschmack für allerlei geistige Nahrung beigebracht, von der ich jetzt so gut wie nichts mehr zu kosten bekam. Es ist sehr, sehr schwer, gute Lektüre, anregende Unterhaltung und jeden, auch den bescheidensten, Kunstgenuß zu entbehren – Sie sind sicher im Wohlleben aufgewachsen und werden das kaum verstehen können –«

Die junge Frau schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht im Wohlleben aufgewachsen!« sagte sie leise – dann, mit einer leichten Handbewegung, wie um etwas Überflüssiges beiseite zu thun: »Ich bitte – weiter!«

»Ja, und so wäre ich denn oft verzagt, wer weiß, gar zusammengebrochen, ohne den kleinen Bruder. Ein Geschöpf, das auf uns angewiesen ist! Ein Wesen, dem wir alles sein müssen, das ohne uns nicht bestehen kann! Sie sind Frau und Mutter, Sie werden mich begreifen können –«

Ein schwerer, nachdenklicher Blick aus den schönen, grauen Augen wanderte dort hinüber, wo das kleine Mädchen im Grase bei den Blumen kniete.

»Und er war so hilflos, so ganz allein nur für mich da, wie ich für ihn, wir hatten gar keine Verwandten. Ins Waisenhaus hätte er müssen, wäre ich nicht gewesen. Ich frage mich heute oft: war er wirklich so ganz anders als Kinder seines Alters sonst, oder kam er nur mir so vor? Er war ein fleißiges, ein, ich möchte sagen, rechtschaffenes Kind. Nie aß er unbekümmert das auf, was ich ihm vorlegte – er beobachtete, ob auch ich genug hatte, dann erst langte er zu. In der Schule entwickelte er einen stillen Ehrgeiz, er hatte sich's von mir angewöhnt, schon als kleiner Junge, zu sagen: Ich muß vorwärts! Und vorwärts kam er. Gott, wenn ich an die stillen Winterabende zurückdenke – draußen ein Schneesturm und pfeifender Wind, und wir beide in unserem niedrigen Stübchen bei der kleinen Lampe, ich mit meiner Weißstickerei, er mit seinem Cornelius Nepos, den er laut lernte – und ich lernte mit!«

Das alte Fräulein sah mit feuchten Augen zu den sonnenbeschienenen Schneebergen hinauf.

»Da sind Sie wohl mit der Zeit eine sehr gelehrte Dame geworden?« fragte Frau Doktor Schott lächelnd.

»Ich habe viel vergessen seitdem! Damals aber – ja, da konnte ich meinen Horaz brav übersetzen, und wenn mein Walter aus der Ilias vorlas, dann hab' ich alles gut verstanden! Das waren Zeiten! Arm, wie wir waren … das waren doch Zeiten!«

»Und der Eindruck des Nathan?«

»O – großartig, sage ich Ihnen! Wie die Erzählung von den drei Ringen kam – das Gesicht vergeß ich mein Lebtag nicht! Und dann Nathans Gespräch mit dem Klosterbruder – Sie erinnern sich – da haben wir beide geweint, nur daß er sich schämte, es zu zeigen, und ich nicht! Wie ich nur Ihnen all' das so erzählen kann! Es muß Ihr Gesicht sein, das mir's vom ersten Tage angethan hat.« –

»Und ich freue mich dessen! Aber von dem Bruder will ich alles wissen, liebes Fräulein Hartwig! Jemand, der eines andern sympathischen Menschen ganzer Lebensinhalt ist, soll mich doch wohl interessieren dürfen!«

»Ganzer Lebensinhalt! Damit haben Sie es getroffen! Das ist das Wort! Als er ein Knabe war, habe ich das nicht so gefühlt, obgleich er mir immer mehr ins Herz wuchs. Es ist doch erst allmählich so gekommen, als ich aufhörte, immer nur die Gebende, er der Nehmende zu sein! Jetzt, seit Jahren schon, ist es umgekehrt: er giebt, und ich nehme, und muß immer nur abwehren, nicht zuviel nehmen zu müssen!«

»Was ist aus ihm geworden? Hat er studiert?«

»Ja, er ist Arzt geworden! Die Studienjahre waren wohl schwer – pekuniär, meine ich – aber dann … seine Professoren haben sich alle für ihn interessiert, und wie ist er fleißig gewesen! Unvernünftig fleißig, sage ich Ihnen, Frau Doktor! Ich habe immer nur zu mahnen und zu bitten gehabt. Die Examina natürlich glanzvoll, die Dissertation Aufsehen erregend – ich bei alledem wie im Fieber … nicht, daß ich einen Augenblick am günstigen Ausgang zweifelte, aber nun war doch die Entscheidung über das ganze Schicksal da – der Beruf, das wichtigste für einen Mann – und ich hatte mich die ganze Zeit zuvor etwas überangestrengt, die Nerven spannten aus. Ich setzte all meine Kräfte ein, um ja nicht krank zu werden – es half mir nichts, ich wurde doch krank, aber mein junger Doktor der Medizin hat mich kuriert!«

»Und jetzt, nicht wahr, ist er ein gesuchter und geachteter Arzt in Stettin?«

»Sehr gesucht und sehr geachtet – zu sehr, möchte ich sagen. Schon Professor – und nun die große Praxis! Wenn ich so zurückdenke und sehe mich jetzt um! Wir haben eine schöne große Wohnung mit Garten, in dem das chemische Laboratorium steht – und prächtig alles eingerichtet – viel zu viel Bedienung nur, aber er läßt es ja nicht anders! Ich soll absolut gar nichts thun, muß leben wie eine Prinzessin. Und jetzt hat er mich hierher geschickt, ganz diktatorisch, nur Arzt, nicht Bruder! Mein nervöses Kopfleiden brauche Gebirgsluft und damit Punktum. Mein Gott, ja, das Kopfleiden habe ich, und ich fürchte, ich muß es auch behalten bis an mein seliges Ende – was ist denn an mir alten Person noch viel herumzudoktern? Wenn er es aber für notwendig hält – ich müßte nach China gehen, wenn er es für gut ansähe … ja, solch einen eisernen Willen hat er!«

»Sieht er Ihnen ähnlich?«

»Walter – mir? Ach, Gott bewahre, er sieht viel besser aus als ich! Das heißt, sie lachen mich oft in Stettin aus und sagen, hübsch könnte man ihn doch nicht nennen! Nun, ich weiß nicht! Soll denn ein Mann mit solch' großer, guter Figur, mit solchem bedeutenden Gesicht nicht hübsch sein? Es ist wahr, um die Schläfen herum wird er schon grau, und er ist kaum vierzig Jahre alt! Ich habe mein weißes Haar freilich noch früher bekommen – das war im Jahr siebzig, als er, kaum von der Schulbank herunter, als Freiwilliger in den französischen Krieg mitging – gar nicht zu halten, all' meine Angst und mein Flehen half nichts! Ich hab' ihn ja wieder bekommen, Gott sei ewig dafür gedankt, aber aus der Sorge um ihn werde ich zeitlebens nicht herauskommen! Er ist jetzt auch angegriffen – kein Wunder bei seiner Thätigkeit und den fachwissenschaftlichen Arbeiten, die er noch übernimmt – und doch ist er dies Jahr nur vier Wochen in Norderney gewesen, das ist die ganze Sommerfrische, die er sich gegönnt hat! Wie hab' ich ihn gebeten, mich von hier abzuholen, ein paar Wochen noch hier zu verweilen! »Vielleicht!« sagte er, aber das kenne ich schon! Steckt er erst einmal wieder in seiner Arbeit, dann läßt sie ihn sobald nicht mehr los!«

»Und er hat nie daran gedacht, Ihnen eine junge Schwägerin ins Haus zu bringen?«

»Ob er daran gedacht hat, kann ich nicht sagen, er ist sehr zurückhaltend in der Beziehung … gethan hat er's wenigstens nicht. Ach, und ich wäre so glücklich! Denn was ist eine alte Schwester gegen eine junge Frau! Er lacht, wenn ich das zu ihm sage, er behauptet immer, wir wären ein höchst passendes Paar und sehr glücklich verheiratet. Ich quäle ihn jetzt nicht mehr damit – wissen Sie, liebste Frau Doktor, vierzig Jahre sind bei einem Mann doch schon ein bedenkliches Alter! Ab und zu frag' ich ihn wohl noch einmal: »Walter, gefällt dir denn die und die nicht?« Dann nickt er ganz vergnügt und sagt: »Gewiß – sehr gut –« aber wenn ich ihn dann bedeutsam ansehe, lacht er mich aus und sagt: »Lottchen, heiraten ist nicht!« Er geht auch immer seltener zu Gesellschaften, obgleich er oft eingeladen wird. – So nach und nach such' ich mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß das so bleibt, wie es ist, wenn's mir auch bitter leid thut – auch um die Neffen und Nichten, die ich haben könnte! Ich habe solch' kleine Geschöpfe zu lieb, und mein Bruder ist ein vollständiger Kindernarr, er ist ja auch ein berühmter Kinderarzt, kein ernstlicher Fall von Kinderkrankheit, da man ihn nicht zu Rat zieht, und wie viele von den süßen kleinen Wesen hat er schon gerettet und von den Eltern überschwänglichen Dank geerntet!«

Fräulein Charlotte, die, von dem Gegenstand fortgerissen, immer eifriger und fließender gesprochen hatte, bemerkte hier zu ihrem Staunen, daß sich die schönen Augen ihrer Zuhörerin bei ihren letzten Worten mit plötzlichen schweren Thränen gefüllt hatten. Das alte Fräulein hielt bestürzt inne – sie hätte sich gern entschuldigt, wußte aber nicht recht, wofür. Frau Melitta legte ihr leise die Hand auf den Arm.

»Nichts – bitte beachten Sie das nicht! Ich danke Ihnen, daß Sie mir von Ihrem Leben erzählten – ich könnte Sie beneiden – schwer und sorgenvoll, wie es vielfach gewesen ist! Es war doch Leben, und Sie haben ein schönes Ziel erreicht! Ich hoffe, wir haben uns nicht zum letztenmal so eingehend unterhalten. Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen! Erna! Komm' zu mir, mein Kind, wir müssen gehen!«

Die Kleine kam herbeigesprungen, beide Fäustchen voll Blumen, wahllos abgerissen, die meisten mit zu kurzen Stielen. Sie legte ein Sträußchen in Fräulein Hartwigs, das andere in ihrer Mutter Schoß.

»Da!« sagte sie mit einem frohen Aufatmen. »Eins für Mutterle, eins für Tante!«

»Vielen Dank, kleine Erna!« Charlotte zog das Kind an sich und küßte es. »Pflückst du denn aber für deinen Papa kein Sträußchen?«

Das Kind schüttelte so energisch sein Köpfchen, daß ihm die dunklen Locken um die Stirn tanzten.

»Nie! Der mag das nimmer! Hat die Blumen nicht lieb. Gelt, Mama, jetzt kommt der Papa bald heim von dem Ding, was er trinken gegangen ist?«

Die beiden Damen lachten.

»Mein Mann ist zum Frühschoppen gegangen zu einem Universitätsfreund, den er gestern hier zufällig getroffen hat. Erna kann das Wort nicht behalten!«

»Schmeckt das schön – der Frühschoppen? So wie Schokolade mit Schlagsahne?«

»Ganz anders, Herzblatt. Jetzt komm' aber, die fremden Onkel und Tanten wollen alle zum Frühstück zu uns herüberkommen, und wir müssen uns noch schön machen. – Papa will das so!«

»Eins von meinen weißen gestickten Kleidern und die große rosa Schleife, gelt?«

»Ja, ja, du kleines Fragezeichen. Sag' Tante adieu!«

Erna stellte sich auf die Fußspitzen und hob beide Ärmchen zu Charlotte empor, um sich küssen zu lassen.

»Adieu, mein süßes Kind! Auf baldiges Wiedersehen!«

»Du kommst auch zum Frühstück, gelt?«

»Gewiß, komme ich!«

Es war dem alten Fräulein warm geworden bei den Erzählungen von ihrem Bruder, bei der herzlichen Teilnahme der schönen Frau und der Zutraulichkeit des Kindes. Sie blieb noch eine kleine Weile auf ihrer Bank sitzen, den zusammengeklappten »Nathan« auf den Knieen, und ließ ihre Augen gerührt und entzückt über die schöne Gebirgswelt, inmitten deren sie sich befand, hinwandern. Es war ihr so dankbar und glücklich zu Mut, das Leben war so schön, die Natur so köstlich – und wie gut waren die Menschen! Hätte sie noch ihren Walter hier – aber nein, das wäre zuviel Glück gewesen!

Langsam stand sie endlich auf und stieg abwärts. Sie hatte beschlossen, sonntägliche Toilette zu machen und sich ihr Frühstück im Speisesaal an einem Seitentischchen servieren zu lassen; es war doch kein Unrecht, wenn sie ihre Beobachtungen zu machen wünschte – die reizende Frau, die so viel von Walter hören gewollt, hatte sich ihr förmlich ins Herz gestohlen.

Als Fräulein Charlotte eine knappe halbe Stunde später den Speisesaal betrat, waren die Fremden angekommen: Doktor Schotts Freund, Landrat Rothe, ein kleiner, runder, beweglicher Herr, ein wenig kahl bereits, ein vergnügliches, blondbärtiges Gesicht mit lustig zwinkernden Augen – die Gattin hatte ein unbedeutendes Allerweltsgesicht, und ihre Eltern waren zwei behäbige, spießbürgerliche Provinzler, brav und bieder ohne Zweifel, aber ohne eine Spur von Interesse zu erregen. Rothe der jüngere war entschieden die repräsentabelste Figur von allen: fast so groß wie Doktor Schott – stramme Haltung, der man den Militär augenblicklich ansah, ein gescheites, etwas spöttisch dreinblickendes Augenpaar, Hände und Bart sorgfältig gepflegt. Der Frühschoppen schien auf Leutnant Rothe nicht ohne Einfluß geblieben zu sein, ebensowenig auf Doktor Schott, dessen Stirn gerötet war und in dessen Augen ein eigenes Flackern glimmte – oder kam es Fräulein Hartwig nur so vor? – Ihr geräuschloses Eintreten wurde von niemand beachtet, alle standen in lebhaftem Gespräch bei einander. Resi hatte den Tisch aufs einladendste gedeckt und schleppte jetzt eben ein umfangreiches Tablett mit Flaschen und Gläsern heran.

»Ich habe sie an strenge Pünktlichkeit gewöhnt!« hörte Charlotte, die sich still im Rücken der Gesellschaft niedersetzte, den Doktor in seinem gewohnten diktatorischen Ton sagen. »Und ich bin überzeugt – ah, hier ist sie schon! Du gestattest, liebe Melitta: Herr und Frau Landrat Rothe, Herr und Frau Kommerzienrat Brandt, Herr Leutnant Rothe!«

Der alte Herr stutzte sichtlich, der Landrat setzte sich den Zwicker mit offenkundiger Bewunderung über den zwinkernden Äuglein fest, der Offizier nahm die Hacken zusammen und stellte sich stramm in Positur – Frau Melittas Erscheinung hatte Erfolg.

Aber sie verdiente ihn auch! In dem langschleppenden schwarzen Gewande, dessen Spitzenärmel und herzförmiger Ausschnitt den prachtvoll geformten Hals, die weißen Arme zum Teil frei ließen, leuchtete ihre blonde Schönheit so zart, zu gleicher Zeit so wirkungsvoll hervor, wie ein lichtes Kleinod in dunkler Fassung. Nur ein paar weiße Rosen hatte sie seitwärts am Kleide befestigt – sie war so einfach, und in dieser Einfachheit so einzig schön!

»Ich bin hoch erfreut, meine verehrte gnädige Frau – in der That hoch erfreut!« versicherte der Landrat im glaubwürdigsten Ton, um gleich darauf seinem Freund, dem Doktor, ein humoristisches: »Du Mordskerl du!« zuzuraunen.

Die Stimmung ging in hohen Wogen. Erna mußte ihren Knicks machen, wurde von den Damen nach Gebühr laut bewundert und reizend gefunden, von den Herren mit Kuchen beschenkt und endlich fortgeschickt. Das Gespräch war sehr heiter, der Leutnant sprach beinahe unausgesetzt und verwandte kein Auge von seiner schönen Nachbarin. Der Wein wurde nicht geschont, Resis Flaschen wurden schnell leer.

Als nach einer guten Weile die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete und ein neues Beisammensein verabredet wurde, neigte sich Doktor Schott zu seiner Frau herab, um allem Anschein nach flüsternd mit ihr Rat zu halten. Niemand als Fräulein Charlotte auf ihrem unbeachteten Seitenplatz konnte den heißen verzehrenden Blick sehen, den er auf die schlanke Gestalt, das süße Gesicht richtete. Seine Augen loderten in einem wilden Feuer, während seine Hand sich so fest um die Taille der jungen Frau legte, daß die weißen Rosen unter seinem Griff auf einmal entblätterten. – Und da sah die stille Beobachterin, wie das Gesicht, das eben noch so freundlich gelächelt hatte, blaß wurde bis in die Lippen hinein, wie es die schöne Gestalt gleich einem Schauer überlief und ein Ausdruck mühsam unterdrückten Widerwillens in den Augen erwachte, während Melitta rasch zurücktrat. –

Im Vestibül traf Charlotte auf Fräulein Rosa Hesse, die ihr voller Emphase entgegenrief: »Sie Beneidenswerte haben dabei sein können, und ich habe von nichts gewußt! Sie müssen mir genau, haarklein alles erzählen, wie es war, Sie kommen ja soeben von den Glücklichen!«


3.

Es vergingen ein paar Tage. Sie brachten köstliches, sommerwarmes Wetter und eine ganze Reihe von Ausflügen, die das Ehepaar Schott mit den Fremden unternahm. Rothes waren noch nie hier gewesen, sie wünschten in einem gedrängten Auszug alles schönste und sehenswerteste, was um den reizenden Gebirgsort herumlag, kennen zu lernen, und Doktor Schott machte den Cicerone. »Die Leute haben ein Glück, einen Treffer – es ist zum Beneiden!« äußerte Fräulein Hesse mehr als einmal. »Einen besseren Führer als unseren Doktor kann es überhaupt nicht geben – es muß ein idealer Hochgenuß sein, mit ihm Gebirgstouren zu machen. Wenn er mich nur ein einziges Mal dazu auffordern wollte – mit Wonne ging ich mit ihm!« –

Es war richtig, Doktor Schott kannte die Gegend genau, er wußte die hübschesten Wege, die großartigsten Aussichtspunkte zu finden – aber er wanderte so energisch und so ohne jede Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit seiner Mitmenschen darauf los, daß Rothes Schwiegereltern schon nach zwei Tagen dem »idealen Hochgenuß« entsagten, von ihm geführt zu werden. Sie erklärten, sie wären ältere Leute, die solche Parforcetouren nicht mehr leisten könnten, und wenn es keine Maultiere oder Sänften gäbe, um auf die gepriesenen Berggipfel hinaufzukommen, dann müßten sie ergebenst danken, und sie rieten ihren Kindern unter vier Augen an, das gleiche zu thun, denn mit dem Doktor mitzulaufen, das sei ein Ding der Unmöglichkeit, man könne mindestens eine Lungenentzündung davon haben!

Diese Mahnung zu befolgen, ging aber dem gutmütigen Landrat, der sich dem festen Willen seines Freundes gänzlich untergeordnet hatte, gegen den Strich. Er beschwichtigte seine, gleichfalls zur Opposition geneigte kleine Frau, rieb sich allabendlich die schmerzenden Kniee und Füße mit allerlei Salben und Wässern ein und that früh morgens tapferer, als ihm eigentlich zu Mute war, denn er war ein bequemer Herr, und Strapazen waren ihm sonst ein Greuel. Aber, lieber Himmel, Schott meinte es wirklich so gut und opferte sich auf für sie alle – man konnte ihn doch zum Dank dafür nicht vor den Kopf stoßen und sich obendrein noch von ihm auslachen und verspotten lassen! Und wenn diese zarte, schöne Frau solche Anstrengungen aushalten könne – zum Teufel, dann müßte man das doch auch fertig bringen! – Der Bruder Leutnant sagte kein Wort, der stand jeden Morgen pünktlich um fünf Uhr im tadellosen Kostüm des Salontirolers, den gewaltigen Alpenstock in der Hand, bereit und bewunderte pflichtschuldigst mit Ausrufen, wie: »Erhaben – in der That!« oder: »Einfach großartig!« alles, was ihm gezeigt wurde, obgleich der Sinn für Naturschönheiten nur schwach bei ihm entwickelt war – seine Begabung lag nach einer anderen Seite! Er hatte sich mit dem ersten Blick in Melitta Schott verliebt, er wäre, um in ihrer Gesellschaft sein zu können, blindlings auf den Chimborasso geklettert, wenn selbiger gerade in der Nähe gewesen wäre. Die schöne Blondine munterte ihn zwar mit keinem Wort, mit keinem Blick auf, aber der Leutnant war jetzt gerade so lyrisch und anspruchslos gestimmt und begnügte sich mit ihrer gelassenen Freundlichkeit … er hatte sehr verschiedene Stimmungen in seinem abwechslungsreichen Dasein zu verzeichnen.

Charlotte Hartwig sah jetzt wenig von ihrer jungen Freundin, nur des Abends traf man dann und wann, jedesmal im größeren Kreise, zusammen. Es bestand aber ein stilles Einverständnis zwischen den beiden Damen seit jenem eingehenden Gespräch am Sonntagmorgen. Sie nickten einander stets besonders freundlich zu, tauschten oft Blick und Lächeln, plauderten zusammen, und wenn es nur ein paar Minuten waren, und es focht das alte Fräulein nicht das mindeste an, als sie bemerken mußte, daß Doktor Schott den herzlichen Verkehr seiner Gattin mit ihr offenbar mißbilligte und denselben, sobald es nur irgend thunlich war, unterbrach oder verhinderte. Ihm schienen die klugen, stillen Augen der alten Dame unangenehm zu sein, er fixierte sie ein paarmal von seiner stattlichen Höhe herab mit einem hochmütigen Staunen, als wollte er sie fragen, was sie eigentlich von ihm wünsche – ein Benehmen, das Charlotte keinen Augenblick aus der Fassung brachte. Sie beachtete den imposanten Doktor gar nicht und freute sich nur immer, ihren Liebling zu sehen, den sie von einem Tage zum anderen mit heimlicher Sorge musterte: das süße Gesichtchen sah so blaß und müde aus, und die dunklen Schatten um die Augen vertieften sich – wie konnte denn auch dieser Mann das zarte Geschöpf so rastlos und rücksichtslos abhetzen, sie von einer Gebirgspartie zur anderen jagen, da er doch sehen mußte, daß es sie ersichtlich angriff? Charlottens nervöses Kopfweh hatte nachgelassen, aber in ihrem Gemüt konnte sie nicht zur Ruhe kommen – ihr Walter schrieb auch so kurze Briefchen, herzlich zwar, und immer mit der Mahnung, sie solle sich recht pflegen und um Gottes willen nicht mit dem Gelde sparen – aber von ihm selbst, von seinem Leben stand bitter wenig in den knappen Postkarten zu lesen, und die zärtliche Schwester, das wußte er recht gut, interessierte sich doch für alles, was ihn anging!

Ein herrlicher Vormittag! Die Touristen waren in aller Frühe aufgebrochen, sie hatten heute eine sehr ermüdende Gletscherpartie vor sich und wollten zur Nacht gar nicht heimkehren. Fräulein Charlotte freute sich des köstlichen Wetters und eines vorzüglich geschriebenen Buches, das sie im Garten las: Michelangelos Leben von Herman Grimm, eine anregende, höchst fesselnde Lektüre, in die sich die Dame mit der ihr eigenen »Andacht« vertiefte.

Ein Stückchen von ihr entfernt, gerade unter einem spätblühenden Rosenstrauch, saß Erna mit ihrer Puppe im Arm, von Friederike beaufsichtigt. Das Kind, in dessen Nähe Charlotte sonst schwer zum Lesen kam, weil es die Tante beständig etwas zu fragen hatte, saß heute still da, es plauderte und lachte auch nicht mit seiner Puppe, und der kleine Wagen, den es sonst nicht müde wurde, mit Sand und Steinchen zu füllen, stand leer im Wege.

Fräulein Hartwig sah gerade zufällig von ihrer Lektüre auf, als die Hauswirtin eilig bei der Kleinen vorüberkam, ihr mit einem freundlichen Scherzwort eine schöne, saftige Birne in den Schoß warf und dann rasch weiterging.

Erna hatte nur ein wenig das Köpfchen gehoben, ein leises: »Danke« gesagt und hielt jetzt die verlockende Frucht in der Hand, ohne hineinzubeißen, ohne sie auch nur weiter anzusehen.

Augenblicklich legte Charlotte das Buch hin und war mit wenigen Schritten neben dem Kinde.

»Nun, Mäuschen, freust du dich nicht über deine schöne Birne?«

Die Kleine wiegte wie zweifelnd den Kopf hin und her. »Magst du sie haben?« fragte sie zurück.

»Nein, ich dank' dir, Liebchen! Oder wollen wir sie zusammen verspeisen, was meinst du?«

Wieder Kopfschütteln.

»Sieh mich einmal an, Erna!«

Das Kind hob gehorsam sein Gesichtchen empor – es war sehr rot, und die sonst leuchtenden Augen hatten einen stumpfen Blick.

»Friederike, was ist mit dem Kinde? Es sieht ja ganz verändert aus!«

Friederike strickte gleichmäßig an ihrem Strumpf weiter. »Ich finde nicht, gnädiges Fräulein. Erna ist wie immer!«

»Hat sie denn in der Nacht gut geschlafen?«

»Sehr gut!«

»Aber sie scheint keinen Appetit zu haben!«

»Sie wird gestern Abend zu viel gegessen haben!«

Fräulein Hartwig wandte sich kopfschüttelnd von Friederike ab. Sie hatte die gemessene, kaltherzige Art des Mädchens nie gemocht und auch einmal zu der jungen Frau eine Bemerkung darüber gemacht. Diese hatte bekümmert ausgesehen und in gedrücktem Ton erwidert, ihr Mann habe Friederike gemietet, weil sie gute Zeugnisse besitze und ihm geeignet scheine.

»Thut dir etwas weh, Liebling?«

»Die Stirn ein bissel!«

»Willst du zu Tante auf den Schoß?«

Erna nickte und ließ sich willenlos emporheben. Sie lehnte das Köpfchen gegen Fräulein Charlottens Brust und schloß die Augen.

»Das ist doch kein gesunder Zustand bei einem Kinde, wie dies, das sonst lauter Lust und Lachen ist und aus dem Laufen und Springen nicht herauskommt! Wie heiß das Köpfchen sich anfühlt! Was meinst du, Mäuschen, möchtest du denn in dein Bett?«

»Weiß nimmer.«

Charlotte sah sich ratlos um. Gerade kam wieder die Hauswirtin eilfertig aus der Thür.

»Frau Eigener, auf einen Augenblick, bitte! Sagen Sie doch, giebt es hier im Ort einen Arzt?«

»Wir haben schon einen, gnä' Fräul'n, aber der ist jetzt nach München, da haben's ein Kongreß oder wie man's heißt. Vertreter hat er kein' g'funden – bei uns kommt halt selten was von Krankheit!«

»Und wo wäre der nächste Arzt zu finden?«

»Der nächst'? Drei starke Stund'n droben im G'birg. Haben gnä' Fräul'n Schmerzen?«

»Ich nicht – mir will scheinen, die Kleine ist krank!«

»O, die, das herzig' Hascherl! Was hast denn, Mädi, gelt? Wird sich haben 's Magerl bissel überladen – aber wegen dem brauchen gnä' Fräul'n nicht sorgen: der Herr Papa sind ja selber ein Doktor! Und wann er heut' Abend noch nicht da ist – ich koch' halt mein Thee, mein' Wurzenthee, der macht's Herzel wieder g'sund, der hilft für alles, 's ist schon wahr – für alles!«

Diese treuherzige Versicherung sollte sich nicht bewahrheiten. Das Kind war matt und unlustig, weigerte sich, zu essen, gab kaum Antwort, wenn man zu ihm sprach, und zeigte nur Neigung, sich niederzusetzen und den Kopf anzulegen. Ab und zu öffnete es die heißen Augen und sagte kläglich: »Mama!« Von Friederike wollte es nichts wissen, es blieb beinahe den ganzen Tag bei Fräulein Charlotte. Den vielgerühmten Thee, den Frau Eigener selbst heraufbrachte, trank es, auf Charlottens freundliches Zureden, gehorsam aus, aber die kleinen Händchen fühlten sich brennend heiß an, und der Blick blieb trübe.

Am anderen Morgen hatte sich der Zustand wenig geändert. Friederike behauptete, die Kleine habe ganz gut geschlafen, und bestand darauf, sie aufzunehmen und anzukleiden – niemals würde Herr Doktor erlauben, Erna wegen einer solchen Bagatelle im Bett zu halten. Charlotte schüttelte stumm den Kopf dazu, sie wußte sich keinen Rat. Nach ihrer Meinung war das Kind krank und bedurfte des Arztes – vielleicht aber war sie zu ängstlich, und es handelte sich wirklich nur um eine Magenverstimmung, die ihre Zeit ausdauern mußte! – Der schöne, goldene Sommertag schlich so hin. Das alte Fräulein hatte keinen Genuß und keine Ruhe bei ihrem interessanten Buch, sie mußte an das Kind denken. Von ihrem Spaziergang kam sie viel rascher als sonst zurück – die Sorge um das Kind trieb sie heim. Das kleine Geschöpf saß im Garten, den Kopf gegen Friederikes Kniee gelehnt, die Augen geschlossen. Auf Fräulein Hartwigs Frage, warum das Mädchen die Kleine nicht auf den Schoß nehme, hieß es: »Herr Doktor haben das verboten – – das verweichlicht die Kinder!« – Hier wurden die Vorschriften des Herrn buchstäblich befolgt, das sah man zur Genüge. – Als Erna die bekannte Stimme hörte, schlug sie die Augen auf und murmelte wieder sehnsüchtig: »Mama!« Ohne ein Wort weiter an Friederike zu richten, setzte sich Charlotte neben sie auf die Bank, hob das Kind auf ihre Kniee und ließ es sein Köpfchen gegen ihre Schulter legen. Erna seufzte erleichtert auf, klammerte ihre heißen Fingerchen um Fräulein Hartwigs Hand und blieb regungslos sitzen.

So kam endlich der Abend heran, und die Gebirgswanderer stellten sich ein – sichtlich sehr ermüdet und, wie es schien, ziemlich verstimmt. Frau Rothe stützte sich offenbar schwer erschöpft auf ihres Mannes Arm und erklärte, nichts mehr sehen und genießen zu wollen – sie müsse nur Ruhe, endlich Ruhe haben! Diesmal stimmte ihr der Landrat ohne weiteres zu, augenscheinlich that ihm seine Frau leid, und er zeigte sich mit den eigenmächtigen Dispositionen seines Freundes Schott heute nicht so einverstanden wie sonst, denn sein Dank kam kurz und kühl heraus, und sein schwerfälliger hinkender Gang bewies zur Genüge, daß auch ihm die forcierte Fußtour schlecht bekommen war. Der Leutnant – nicht mehr so kokett und adrett anzusehen, wie am gestrigen Morgen – wich nicht von Melittas Seite und fragte immer wieder, ganz leise, damit es Schott nur ja nicht hörte, ob die gnädigste Frau sich auch wirklich wohl fühle – die gnädigste Frau, das wisse er, könne ja außerordentlich viel leisten und habe einen ganz ungewöhnlich starken Willen, eine geradezu bewunderungswürdige Selbstbeherrschung – aber die Gnädige sei so blaß, und das wäre am Ende nur natürlich, denn diese Parforcetour – anders könne man sie in der That nicht nennen – hätte auch robustere Konstitutionen als die einer Dame angreifen können. Immer wieder antwortete die junge Frau, ihr sei ganz wohl, es dürfe sich niemand um ihretwillen beunruhigen – aber sie sprach schließlich ganz mechanisch dasselbe und wartete nur im stillen ungeduldig darauf, daß die Fremden endlich in ihr Hotel gingen – es fiel ihr auf, daß ihr Töchterchen ihr nicht, wie sonst, entgegengesprungen kam – hatte Friederike denn heute ausnahmsweise das Kind so früh zu Bett gebracht?

Doktor Schott stand mit seinem überlegenen Lächeln, sich den Bart streichend, da, er schien an der ganzen übermüdeten Gesellschaft recht seine Freude zu haben. Ihm fehlte nichts, er hielt sich aufrecht, wie immer, die ganze Tour war ihm ein Kinderspiel gewesen. Lächerlich, was das alles für weichliche, entnervte Menschen waren – konnten nicht einmal ein paar Berge ersteigen! Da war er aus anderem Stoff, er kannte keine Nerven, hatte sich von früher Jugend an gehörig abgehärtet und machte sich einfach lustig über die Geschichte von der verschiedenen Beanlagung und körperlichen Differenz des Menschen. Sie sollten nur vernünftig leben, den Körper gehörig stählen, dann würde man schon sehen! Er hatte Medizin studiert und Naturheilkunde – er mußte es doch wahrhaftig wissen! Nun, seine eigene Frau würde er sich allmählich noch zum Genossen heranziehen, sie war auf gutem Wege, das Klagen hatte sie sich schon vollständig abgewöhnt, mit der Zeit würde sich noch die Freudigkeit einfinden, die er vorläufig noch an ihr vermißte!

Er lächelte spöttisch auf das zusammengebrochene landrätliche Paar herab und hatte sein Vergnügen daran, die beiden immer wieder durch eine erneute Frage oder Beantwortung zurückzuhalten, sowie auch seine Frau, der die Ungeduld aus den Augen sah. Der Leutnant war ins Haus gestürzt und kam mit ein paar gefüllten Weingläsern heraus – die Damen müßten sich durchaus vorerst ein wenig stärken, seine Schwägerin habe noch ein Stück zu gehen bis zu ihrem Hotel. Nach dem Doktor sah er sich kein einziges Mal um, während er seinen Labetrunk austeilte; der Mann war in seinen Augen roh und herzlos, ein paar harmlose Leute, die die Gegend nicht kannten, so ohne weiteres in die Berge zu schleppen und dann noch hier zu stehen und spöttische Mienen zu ziehen und so unausstehlich maliziös zu lächeln! –

Endlich verabschiedete man sich voneinander – Melitta hastete die Treppenstufen empor und that, als hörte sie es nicht, daß ihr Mann in zurechtweisendem Ton ihren Namen rief.

In dem kleinen Hausflur trat ihr Charlotte Hartwig entgegen.

»Grüß' Sie Gott, liebste Frau Doktor – wie gut, daß Sie wieder hier sind! Soeben habe ich Ihre Kleine ins Bett gelegt, sie kommt mir schon seit gestern nicht recht frisch vor – nein, nein, Sie dürfen mich nicht so erschrocken ansehen! Friederike meint ja, es sei überhaupt gar nichts, und vielleicht hat sie auch recht, und ich bin zu ängstlich – sehen Sie, es sind nun schon gar zu viele Jahre her, seit ich bei meinem Walter Kinderkrankheiten behandelt habe!«

Die junge Frau hatte gar nicht zu Ende gehört, sie ergriff Fräulein Charlotte bei der Hand und zog sie hinter sich her in das Stübchen, in dem Erna lag. Friederike saß mit dem Strickstrumpf programmmäßig neben dem kleinen Bett und begrüßte ihre Herrin mit pflichtgemäßer Höflichkeit.

»Das gnädige Fräulein hat angeordnet, daß Erna zu Bett soll – ich habe mir nicht erlauben können, dem gnädigen Fräulein zu widersprechen. Erna hat gestern und heute sehr wenig gegessen und nicht viel Lust zum Spielen gezeigt – ich nehme an, sie hat sich den Magen verdorben!«

Melitta beugte sich tief über das Bettchen des Kindes, das in einem unruhigen Halbschlaf lag.

»Der Atem kommt so stoßweise – und wie heiß sie ist – finden Sie nicht?« flüsterte Melitta.