Fritzchen
Die Geschichte einer Einsamen
von
Marie Diers
Dresden 1907.
Max Seyfert, Verlagsbuchhandlung.
Erstes Kapitel.
Aus dem Dorfe Hohen-Leucken, das seinen Namen seinem höher gelegenen Herrschaftshause zu Ehren, sonst aber nur wie zum Spotte führte, kam der Doktor das ganze Jahr nicht heraus. Zwischen Moor und sumpfigen Wiesen lag es arglos eingebettet, und am Abend, wenn die Nebel stiegen, wogte eine weiße Mauer bis an die Schwellen der niedrigen Häuser. Typhus, Schwindsucht, epidemische Hals- und Rachenkrankheiten gehörten hier mit zu dem gewohnten Lebensbilde der Leuckener Bewohner, man begrub hier seine kleinen Kinder, man siechte selber, man starb, ohne sich viel um die Ursachen zu bekümmern, oder gar ihnen den Krieg zu erklären. Der Doktor, der viele Meilen über Land durch Lehmboden, durch Sand, über schwanken Moorgrund herkutschierte, fluchte zwar jedesmal von neuem über den Nebelring, der dieses Dorf umzog, aber er war selbst ein Kind dieses Landes, in dem man zwar flucht, im übrigen aber alle Unbill ruhig beläßt, wie sie nun einmal ist, und ihr höchstens mit einem kräftigen Bittren zu Leibe geht.
Der baufällige Krug am Anfang des langgestreckten Dorfes wurde die ganzen Abende nicht leer, sogar bei Tage bevölkerten ihn zweifelhafte Gestalten. Das bißchen Bargeld, das sich der Tagelöhner und auch der Kossat errackerte, wenn er zu Hofe ging, wurde hier wieder vertrunken. Es lag so in der feuchten Luft und dem schlottrigen Gefühl, das man den ganzen Tag in den Knochen hatte. Der Pastor konnte das nicht verstehen, er hatte ein massives Haus und brauchte den ganzen Tag nicht aus seiner warmen Stube heraus. Darin war der gnädige Herr besser, er begriff sehr gut, daß man bisweilen »saufen« müßte, um sich aufrecht zu halten.
Übrigens kam es ihm auch gar nicht darauf an, selbst wenn es sich gerade so machte, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen.
Sonst hatte er es gerade nicht nötig, ins Herrenhaus krochen die Nebel nicht herauf. Dies lag auf einem Hügel, der überdies noch künstlich erhöht war, und war von den Vorfahren dieser Dörfflins, die sicherlich mehr Geld gehabt hatten, als die jetzigen, außerordentlich solide und fest aufgeführt. Ein breiter, chaussierter Fahrweg führte aus dem armseligen Dorfe in sanfter, bequemer Steigung bis an das Tor, ein prachtvolles Steinmonument vergangener Jahrhunderte, von dem noch verwitterte Ritter- und Engelfiguren und noch mehr verwitterte fromme und auch trotzige Sprüche die späten Enkel grüßten.
Von hier aus ging es in den steingepflasterten Hof und vor die niedrige Einfahrtsrampe.
Was das stolze alte Tor versprach, wurde von dem Schlosse freilich nur recht ungenügend gehalten. Es war ein nüchterner und kahler Bau, an dem nur das Alter interessant war, sonstige Erinnerungen an verklungene Ritterzeiten, die ohne Zweifel vorhanden gewesen waren, mußten verschleudert worden oder sonstwie zu Grunde gegangen sein. Es ging eine trübe und schändliche Sage um, daß der Großvater des jetzigen Herrn v. Dörfflin aus einem zwar erklärlichen, aber wenig ehrwürdigen Grunde einen schwungvollen Handel mit diesen alten, geheiligten Dingen getrieben habe. Aber man redete nicht laut darüber.
Das Schloß war breit angelegt, dauerhaft, aber häßlich und unwohnlich. Auf den breiten Treppen zog es beständig, und wer über die unendlichen Bodenräume ging, mußte mitten im Sommer ein Frieren bekommen, wenn er daran dachte, wie es sein müsse, hier zur Winterszeit in den unzähligen Kammern zu tun zu haben.
Frau v. Dörfflin, ein verwöhntes und verzärteltes Großstadtpüppchen, hatte diese Zustände vier bis fünf Jahre treulich durchgemacht und dann gründlich darüber quittiert, indem sie die Augen zumachte und sich in ihr letztes Bett tragen ließ. Sie war eine gute Seele und fand ihr Heil und ihre Pflichterfüllung in unentwegten Krankenbesuchen im nebligen Dorf, auf denen sie sich wie ein rührend unpraktisches liebes Kind benahm. Aber ihr zarter Körper mußte den Luxus, den ihre Seele trieb, bezahlen. In all dem Nebel, dem Zugwind und der Anstrengung ging sie ein wie ein Pflänzchen in verkehrter Pflege und löschte aus, wie von jeher ihre Lichter ausgelöscht waren, mit denen sie über die zugige Treppe in das obere Stockwerk hatte gehen wollen.
Herr v. Dörfflin war ein ziemlich roher und ungebildeter Junker, der von Pferden, Hunden, Jagd- und Landwirtschaft, auch vom Weinkeller zwar so viel wußte, als er brauchte, aber von Frauen, Kindern und den feineren Lebensfragen recht wenig. Er war trotzdem ein Mensch, den man lieb haben konnte, gutmütig, ehrlich und ritterlich aus Gewohnheit. An Herzenskummer starb seine Frau nicht, wenn auch vielleicht ein brillanterer Geist als der ihres guten Ludwig sie in eine andere Bahn des Lebens, Wirkens und Heiles geführt hätte als diese selbsterwählte, bei dem sie aus dem Husten und Frösteln gar nicht herauskam und auf der sie zum Schluß doch kaum mehr hinterließ als den halb mitleidigen Ruhm:
»Joa, se is gaud, uns' gnä Fru. Äwer äten kann ein' doch nich, wat se koakt.«
Tot war sie, dahin, erloschen. Und um die Sache noch gründlicher zu machen, zog sie sich ihren ältesten Jungen, ein schönes zartes Kind von fast vier Jahren, noch in demselben Winter nach. Ludwig v. Dörfflin saß in seinem kalten, ungemütlichen, einsamen Herrenhaus auf Hohen-Leucken, mochte nicht mehr jagen, noch zechen, noch meilenweit zu Bekannten fahren und konnte nur in die Hinterstube gehen und seinem kleinsten Mädchen, dem Fritzchen, dem unruhigsten und wildesten aller Säuglinge, verzagt in den Wagen und in das ewig schreiend aufgerissene Mäulchen gucken. Oder er konnte seine Zweijährige, die artige blonde kleine Gisela, an das Händchen fassen, sich krampfhaft besinnen, was man mit solchem Wurm spricht, der Bonne ein paar dumme Regeln geben, die entweder falsch oder selbstverständlich waren, und sich dann mit dem fatalen Gefühl seines Nichts wieder davon heben.
Mit der Zeit wuchs Gras über das stille Grab der stillen törichten kleinen Frau, und Herr v. Dörfflin ließ das Gras auch wachsen. Er »ließ« überhaupt meist alles, und nur seine Reitknechte wußten es (weil sie es fühlten), daß er unter Umständen auch sehr aktiv und selbsttätig sein könne.
Wie es zog auf den Treppen und dem langen kahlen, in seinen Ecken finsteren Boden! Es war jetzt auch immer schmutzig hier oben. Wer sollte reinmachen, wenn keine Hausfrau da war, es zu befehlen? Das Zimmermädchen schob es auf den Jakob, der die Stiefel putzte, der Jakob auf die Kartoffelschäl-Weiber, und die wiederum fanden, daß das Zimmermädchen auch für den Boden nicht zu feine Hände habe. So ging der Tanz immer fröhlich reihum, schlief auch dazwischen monatelang ein, bis zum großen Frühjahrsreinemachen oder zu Weihnachten auch wieder die Bodenfrage aktuell wurde. Die Wirtschafterin, die hier eigentlich das Machtwort hätte sprechen müssen, hatte ein zartes Verhältnis mit dem Inspektor, ein allzu zartes, das wie sie fürchtete, mit ihrem Abgang reißen könnte. Deshalb wollte sie sich lieber mit den Dienstboten nicht verfeinden, denn die vorige hatte gehen müssen, als eine allgemeine Petition deswegen an Herrn v. Dörfflin erging.
So war der Boden staubig und wurde immer staubiger, und in den Kammern häuften sich zerrissene und schadhafte Wäsche und Kleidungsstücke auf, die man nur »aus der Hand« legte, um sie »nächstens« auszubessern.
Die feine kleine Gisela mit dem schmalen hochmütigen Gesicht nahm ihr Kleidchen eng zusammen, wenn sie über den Boden ging, und ging dort auch nur, wenn es durchaus nötig war. Fritzchen aber war hier zu Hause, und da kümmerte sie weder der Staub, noch die Lumpen, noch all das zerbrochene Hausgerät in den Ecken.
Fritzchen schloß Freundschaft hier oben mit den Balken, den Brettern, den Sonnenstäubchen, selbst mit zerbrochenen Stühlen und alten Bettlaken. Wenn man das kleine wilde Ding suchte, so brauchte man nur nach oben zu laufen. Dann fand man sie in irgend einer tollen Maskerade und sich bewegend, murmelnd oder auch ganz laut diskutierend, als sei sie in einer großen Gesellschaft.
Der Bonne war es schon recht. Unten konnte man mit diesem Quirlchen doch nichts anfangen. Da war sie ungebärdig, höchst unbequem zu haben, oder sie langweilte sich und plärrte. Hier oben konnte man sie stundenlang allein lassen, es geschah ihr ja auch nichts, nur mußte man ihr ein graues Kittelchen anziehen, wenn man den Schmutz nicht sehen wollte, den sie sich hier oben holte.
Bis dahin war alles sehr schön. Gisela zwar zog ein Mäulchen, wenn Fritzchen mit glühenden Backen, die kurzgeschorenen braunen Härchen mit Spinnweben umflort, ins Spielzimmer zurückkam. Sie hatte unterdes Perlen aufgezogen, ihr Püppchen geputzt oder bei dem Fräulein in der Fibel gelernt. Aber das störte Fritzchen nicht, das kannte sie nicht anders. Sie kannte es auch nicht anders, als daß der Papa sich nicht im geringsten um seine Kinder kümmerte. Oft sahen sie ihn tagelang nicht, denn auch bei seinen Mahlzeiten durften sie noch nicht sein. Sie hatte ihre eigene Ritter-, Feen- und Koboldwelt zwischen den dunklen Balken auf dem Boden.
* * *
Unterdessen, ganz für sich und unabhängig von den kleinen Kinderherzen und Gesichterchen, machte der Papa seine Dummheiten. Er ging, sich zu verloben.
Er hatte aber auch einen Freund, noch aus seiner schönen, lustigen Leutnantszeit her, den Freiherrn Fritz v. Zülchow. Der hatte sein Besitztum auf Rummelshof, das ungefähr drei Meilen entfernt lag. Schon als Knaben und dann als Jünglinge waren die beiden trotz großer Verschiedenheiten die besten Kameraden gewesen. Später war das anders geworden. Die Frau, die Herr v. Zülchow sich nahm, war ein stolzes, feines Geschöpf, das eine Abneigung gegen den kleinen derben Ludwig v. Dörfflin hatte. Dadurch wurde der Verkehr zu einer etwas peinlichen Sache und drohte, ganz auseinander zu fallen. Nur hin und wieder auf Jagden, Gesellschaften oder bei den seltenen Besuchen sah man sich. Aber man war sich von Herzen gut wie nur je zuvor.
Jetzt als Herr v. Dörfflin ein unverhülltes Interesse an einem etwas zweifelhaften hereingeschneiten Frauenzimmer zu nehmen begann, wachte alle alte Kameradschaft mit erneuter Stärke in Fritz v. Zülchow auf. »Sieh Dich vor, Lutz!« drängte er. »Es ist nichts damit. Ein weißes Gesicht und ein schwarzes Herz. Du wirst es bereuen.«
»Ach was, dummes Zeug«, sagte Ludwig v. Dörfflin.
Einmal war der Freiherr v. Zülchow wieder in Hohen-Leucken. Es war zur Sommerszeit. Als er mit dem Freunde durch den verwilderten Garten ging, sah er die Kinder hinten durch die Büsche laufen, er rief sie an. Gisela kam gleich, Fritzchen versteckte sich. Der Freiherr war ein kräftiger, froher und sehr wacher Mensch, der nicht, wie sein guter Lutz, auch im Gehen und Stehen halb schlief. Er setzte dem scheuen, wilden Dingelchen nach, faßte es, und während er es festhielt und sich mit ihm auf eine Bank setzte, erzählte er ihm von seinen Hunden, Pferden und seinen zwei großen Jungen, Gregor und Hans Henning, die reiten, schießen und schwimmen könnten wie die Teufel. Dabei sah er Fritzchen unverwandt ins Gesicht und sah, wie sich der scheue, trotzige Ausdruck des schmutzigen kleinen Gesichtes löste und ein süßes, weiches und verlassenes kleines Kindergesicht zum Vorschein kam.
»Bring sie mal mit, die Jungens –«, sagte der kleine Mund.
»Ja, wenn ich wiederkomme«, sagte der Freiherr, und er nahm es von jeher ernst mit dem, was er versprach.
Unterdes war der Vater des kleinen Mädels herangekommen. Der Fremde setzte das Kind ab und behielt es an der Hand, als er sehr ernst, aber gedämpft sagte:
»Ludwig, kannst Du Dir Fräulein Wurach hier als Stiefmutter vorstellen?«
In Herrn v. Dörfflins rundes rotes Junkergesicht kam ein ehrlich ratloser Ausdruck.
»Ja nu – ja nu –«, brummte er.
»Ich nicht«, sagte Herr v. Zülchow ziemlich hart.
»Ja nu – was weißt Du denn von ihr? Sie ist – ach, was geht's Dich an. Lassen wir das. Sowas verträgt keine Einmischungen. Du verstehst mich, Fritz, nimm's nicht übel.«
Als der Freiherr fort war, trank Ludwig Dörfflin die halbe Nacht durch in Gesellschaft seines Försters, und mehr als ihm gut war. Er liebte seinen Freund über alles, und nichts war ihm fataler, als den zu erzürnen.
Aber das sieht doch ein Kind ein, daß man sich in Liebessachen nichts vorreden lassen kann. Was war das für eine Anstellerei, das Fritzchen aus dem Gebüsch zu ziehen! Als ob die Anneliese Wurach ein Drache wäre. Pfui, pfui, solchen Engel zu beleidigen.
Es war drei Uhr in der Nacht, er schlug auf den Tisch, daß die Gläser tanzten.
»Märzmüller«, sagte er lärmend zu seinem Getreuen. »Sind Sie lieber ein Packesel für andere Leute, oder nehmen Sie lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel?«
»Ich nehme lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel«, sagte der grüne Zechgenosse.
»He, so mach ich's auch! Was meinen Sie, ob ich wohl noch so 'ne Hecke nehmen kann? So 'ne ganz hohe, wissen Sie?«
Er war noch nicht so betrunken, daß er den Untergebenen in seine Pläne wirklich und deutlich eingeführt hätte. – –
Ja, diese Pläne! Sie konnten den Leuten, die ihn oder sein Haus lieb hatten, schon Sorgen machen. Anneliese Wurach, eine hübsche, sehr gewandte Person, war seit einigen Wochen bei einem einfachen Gutspächter der Gegend zu Besuch. Keinem Haus der höheren Kreise fiel es ein, sie heranzuziehen. Aber Ludwig Dörfflin war in Liebessachen nicht so ganz zurechnungsfähig. Daß er solche liebe kleine Frau gehabt hatte, war ein freundlicher Zufall, ein bißchen hatte er auch an ihr das Robuste, die Fähigkeit, sich in Szene zu setzen, vermißt. Auf dem Gutspächterhofe kam man ihm mit Handkuß entgegen, und das war er in seinen Kreisen nicht gewöhnt. An Fräulein Wurach lag es nicht, daß er die Werbung verzögerte, sondern nur an der (unter diesen Umständen) lächerlichen Zaghaftigkeit und Hochachtung vor seiner Erwählten.
Es war jetzt November geworden. Man mußte schon wissen, was der November bedeutete auf dem Wege durch die Ebene zwischen Hohen-Leucken und dem Rummelshofe, auf dem die Zülchows saßen. Die Winde hatten sich hier festgesetzt in den Buschgräben und hinter den kleinen Maulwurfshügeln von Anhöhen, an denen bergauf, bergab die Pflüger hinter dem Gespann gingen. Die Pferde, die den offenen Rummelshöfer Herrenwagen zogen, legten sich schief, um von dem gewalttätigen Blasius nicht aus dem Gleise gedrängt zu werden. »Haltet die Mützen fest, Jungens!« Hui, da flog dem Hans Henning seine schon über den Graben. »Spring nach, dummer Bengel, halt aber auch Deine Nase fest!«
Schwer, dick, massig hingen die Wolken am düsteren Himmel, der Wind kam ihnen kaum bei. »Wenn sich das ausschüttet, ist es Schnee«, sagte der Freiherr. »Wie lange sind wir gefahren, Jochen?«
»Zwei und eine halbe Stunde, Herr Baron.«
»So. Macht auf Hin- und Rückfahrt fünf Stunden. Jungens, daß Ihr zu meinem Patchen, dem kleinen Mädels-Fritz, gut seid! Sonst wäre es nicht fünf Minuten Fahrt wert gewesen. Dir besonders, Gregor, sag ich's. Tu Du heute nicht so ungeheuer zwölfjährig und untertertianerhaft, mein Sohn.«
Der Gregor, ein langer, feiner, blonder Junge, wollte wohl antworten, aber der Wind riß ihm die Worte vom Munde ab und hätte beinahe auch noch die Nase mitgenommen. Es war eine stolze Nase – um die von Hans Henning wäre es nicht so schade gewesen.
»Vater, das ist ein Wind!« prustete er nun bloß.
Ja, der Wind, der war schon etwas für deutsche Jungens, die sich von ihm fünf Meilen lang im offenen Wagen um die Ohren pfeifen lassen.
»Da ist Hohen-Leucken.«
Das Herrenhaus sah vom Hügel herunter, grau unter dem schweren, wetterdrohenden Himmel. Die Jungen sahen es aufmerksam und mit der ungeheuer sachlichen Abschätzung an, auf die man sich in diesem Alter so viel zugute tut. Aber die Hauptsache an dem alten häßlichen einsamen Hause sahen sie doch nicht: ein braunes, sehnsüchtiges Struwwelköpfchen, das schon seit geschlagenen zwei Stunden durch die eine der Dachluken auf den Weg spähte, der übers Moor ging.
»Gisa, Gisa, sie kommen, sie kommen!«
Des Hauses jüngstes Kind poltert die Treppe hinunter, daß man es bis ins entfernteste Zimmer hört, stolpert, fällt, poltert weiter, schreit: »Sie kommen, sie kommen!«
Gisa war blutrot vor Ärger. »Dumme Jöre, man schreit nicht so! Was ist denn dabei? Geh lieber und kämme Dich!«
Sie liebte solch kindisches Getue nicht. Sie genierte sich wegen des dummen Fritzchen, die feine kleine Gisela im hellblauen Kleidchen.
Als es nun wirklich so weit war und Herr v. Zülchow mit seinen großen Jungen in der Halle stand, steckte Fritzchen die Finger in den Mund und hätte sich am liebsten verkrochen. Ach ja, sie war auch zu nichts zu gebrauchen.
Gregor war auch ganz anders, wie sie sich gedacht hatte, viel größer und stolzer. Er sah über ihre Köpfe fort und redete zum Papa, als wäre er ein ganz Großer. Er wäre auch am liebsten nicht mit an den Kinderkaffeetisch gegangen, aber das war nun mal so eingerichtet. Fritzchen steckte aus lauter Verlegenheit ein so großes Stück Kuchen in ihre volle Tasse, daß alles überplantschte. Gisa ärgerte sich wieder, aber Hans Henning lachte darüber.
»Grad' wie ich's immer mach', Fritz. Kriegst Du dann auch immer Stripse auf die Finger?«
»Nein.«
»Aber ich. Von Herrn Ritter. Weißt, wer das ist? Unser Hauslehrer. Weißt Du auch, warum er immer so mager ist?«
»Nein.«
»Weil wir ihn immer ärgern. So sagt er. Wie findest Du das?«
»Ach!« Sie sah auf, ganz staunende Bewunderung. Dann leiser, mit ihren winzigen Fingerchen verstohlen auf Gregor deutend: »Der auch?«
»Na! Und ob der nicht! Ich sage Dir, Fritz! Na, ich werd' Dir noch viel erzählen.«
Er sah zu dem Bruder hinüber, daß der sich auch über das liebe kleine Ding freue. Aber der saß da und sah sehr kühl aus, ungeheuer zwölfjährig.
Gisela machte die Wirtin. Sie hatte wunderfeine, geschickte Fingerchen dabei. Sie war lange nicht so hübsch wie das Feuerfünkchen drüben, aber sie sah viel aristokratischer, mädchenhafter und wohlerzogener aus. Als Gregor trotz seiner Untertertianerwürde sechs Stücke Blechkuchen hinter sich hatte, bequemte er sich, das kleine Fräulein anzureden, und fand ihre Antworten und Bemerkungen über Haus, Garten und Viehstand hier, nach denen er sich erkundigte, »gar nicht so dumm.«
Fritzchen war ein Querkopf. Sie hätte sich an der Freundschaft mit Hans Henning genügen lassen sollen. Der Junge war reizend zu ihr, lief mit ihr herum, selbst auf den Boden zu den alten Laken und den Spinneweben, bequemte sich ihren verschrobenen kleinen Ideen an, schwatzte ihr amüsierliches Zeug vor und versprach ihr tausend Wunder, wenn sie einmal nach Rummelshof käme. Sie mochte ihn auch gern leiden, diesen lustigen, rundköpfigen Jungen mit der aufgestülpten Nase, den Schelmaugen und der Mischung von schlingelhafter Frechheit und treuherziger Zartheit. Aber sowie sie konnte, schlüpfte sie immer wieder in die Richtung, in der sie Gregor vermutete, und obwohl er sie kaum ansah und ihre täppischen Bestrebungen, sich bemerklich zu machen, fast niemals wahrnahm, so lief sie doch immer wieder hinter ihm drein und war froh, ihn nur zu sehen.
Jetzt wußte sie mit einem Male, wie die Ritter und stolzen Könige ihrer Spielträume aussahen, und sie faßte eine stille und tiefe Verachtung für die bunten Bilder aus ihren Büchern, die ihr bisher maßgebend gewesen waren.
* * *
Herr v. Zülchow schob seine Kaffeetasse fort, ihm war nicht sehr zum Trinken und zum Rauchen. Als er die Kinder durch die Halle und nach draußen laufen hörte, verschärfte sich die unliebe Empfindung in ihm so stark, daß sein Gesicht sich rötete.
»Ich bin hauptsächlich heute aus einem bestimmten Grunde gekommen, Ludwig«, sagte er.
Die Einleitung war ungeschickt genug. Herr v. Dörfflin warf seine Zigarre fort. »Wenn es Dir um meine inneren Angelegenheiten zu tun ist, so spare den Versuch!« brauste er auf. »Ich lasse mich nicht bevormunden.«
»Ach Gott!« sagte Herr v. Zülchow tief ärgerlich. »Innere Angelegenheiten! Lassen wir doch diese Redensarten. Du hast ja keine Ahnung, wer die Dame ist, die Du Dir zur Frau und den Kindern zur Mutter geben willst.«
»Hast Du etwa die Ahnung?« höhnte der große Junge mit seinem treuherzigsten, dümmsten und impertinentesten Gesicht. Er blickte so impertinent, weil es ihm vor Unbehagen in allen Adern prickelte. Einen Disput hatte er noch nie bestehen können.
»Ahnung, Ludwig? Die ganze Gegend schwatzt davon und lacht über Dich. Als Fräulein Wurach im Sommer nach Lanzow kam, war sie mit einem Schreiber verlobt. Dem hat sie jetzt abgeschrieben, weil es hübscher für sie ist, Deine Gemahlin zu werden. Na ja, darauf kannst Du allerhand entgegnen, ich weiß schon. Aber was meinst Du zu dem allerliebsten Geschichtchen, das die Pastorin Barthold von ihr erzählt? Im vorigen Sommer war sie dort, da die Tochter ihre Schulfreundin war, dort ist sie Hals über Kopf fortgekommen, weil sie ihren ganzen Koffer voll gestohlener Zwiebäcke hatte! Nun, wenn sie Deine Frau ist, gibt sich das vielleicht.«
Im Lampenschein sah Fritz Zülchow jetzt das Gesicht, es sah so jammerwürdig verblüfft und hilflos aus. »Gib mir Beweise für diese albernen Klatschereien«, bullerte Ludwig Dörfflin heraus.
Beweise? Ach lieber Gott, die waren nicht so schwer zu erlangen. Aber er hatte so ein verdammtes Mitleid mit dem runden roten lieben Gesicht, das in die freiesten und lustigsten Stunden seines Lebens hineingehörte wie die Lichter an dem Christbaum.
Er schwieg; ihm selber, nun er das schwere Amt hinter sich hatte, da die Komik verflogen war, stieg Schmerz und Traurigkeit bis in die Kehle. Es soll ja schon manchmal vorgekommen sein, daß in solcher Stunde aus einer alten Liebe ein tödlicher Haß geworden ist.
Ludwig Dörfflin sah auch eigentlich nicht darnach aus, als ob er solche Lehre still in die Tasche stecken und in Tapferkeit und ehrlicher Selbstüberwindung darüber fortkommen würde. Von solch einem Ding wie Selbstüberwindung hatte dieser kleine trink- und hiebfeste Gutsherr sein Lebtag noch nichts gehört, wenigstens war ihm das nur etwas für seinen Reitknecht.
»Soll ich lieber jetzt die Jungen rufen und fahren?« fragte Herr v. Zülchow.
»Ach was. Wozu? Bleibt nur ruhig!«
Das sprach die Wirtspflicht aus ihm, die gute Manier, die den armen Kauz auch zu schlimmster Stunde nicht verließ. Nicht einmal der Gedanke kam ihm, sich mit dem Beleidiger seiner Dame zu schlagen. Er hatte ja recht. Jedes Pünktchen glaubte er. Er sah Fräulein Anneliese in der allerschlechtesten Beleuchtung, die nur möglich war. – Aber, was nun weiter?
Herr v. Zülchow wandte sich von dem kläglichen Bilde ab und ging hinaus, durch eine Seitentür in den novemberkahlen Garten. Man hatte das letzte Laub noch nicht weggeharkt, es rauschte unter seinen Füßen. Der lustige Wind von da unten, der mit Hans Hennings Mütze über den Graben gesprungen war, brach auch hier oben ein, über die Backsteinmauer mit ihren dürren Efeuranken fort, durch die Stämme der alten Bäume. Er blies auch die letzte schwere Stunde dem einsamen Wanderer vom heißen Kopfe fort.
Nun weiß er wenigstens Bescheid, dachte der. Mag sein, daß es zwischen uns aus ist, aber eine schreckliche und jämmerliche Zukunft habe ich diesem Hause und den kleinen Kindern, dem kleinen Fritzel, erspart.
Als er zurückkam, stand Ludwig Dörfflin mitten in der Stube und sah so erhitzt und abgespannt aus, als habe er eben zu wohltätiger Körperübung über alle Stühle gesetzt.
»Morgen fahre ich nach Lanzow und sage ihr alles!« rief er dem Freund zu.
Der dachte: man muß auf jeden Fall verhindern, daß er jetzt gleich mit ihr spricht. Er ist zu unselbstständig in dieser Angelegenheit, und sie würde ihn wieder bestricken. Ein großer Geist ist er ja nicht, aber so dumm doch auch nicht, daß er in Wahrheit diesem Frauenzimmer mehr glauben sollte als mir! Und auf dieses große schöne und berechtigte Vertrauen setzte er sich so fest und solide nieder wie jetzt auf das breite braune Ledersofa, auf dem er mit seinem Freunde schon mancher edlen Flasche den Hals gebrochen hatte.
Es war am Ende dann nicht so schwierig, ihn zu bewegen, diese Angelegenheit erst einmal schriftlich anzufassen. Mit Herrn v. Zülchows Hilfe entstand ein Brief, der deutlich genug war, selbst von Fräulein Wurach verstanden zu werden, und der doch Lutzens gequältem Herzen die Hoffnung ließ, eine tröstliche und alle Verleumdungen zerschmetternde Antwort zu erhalten.
* * *
Aber die Zeit verging, eine Antwort traf nicht ein, und in der Gegend erzählte man, daß Fräulein Wurach abgereist sei.
Herr v. Dörfflin war darnach eine lange Zeit blaß und schlottrig, und als er sich wieder erholte, verfiel er aufs Trinken.
Das Schlimmste dabei war, daß er sich genierte, mit den alten Freunden zusammen zu sein und lieber in die weit entfernte größere Stadt fuhr, wo er in einen Trink- und Spielklub niederen Ranges geriet.
Sein Freund, Herr v. Zülchow, machte sich anfangs keine Gedanken hierüber. Diese wüste Periode war vielleicht ein ganz begreiflicher Abschluß. Aber es blieb dabei. Die schlechten Gesellen, die ihn ausbeutelten, wußten, was sie an ihm hatten, wie Fräulein Wurach es gewußt hatte, und sie fesselten ihn durch Schmeicheleien, auch wie sie.
Der Rummelshöfer versuchte schriftlich und mündlich sein Möglichstes. Aber der von Hohen-Leucken war nicht mehr für ihn zu sprechen, er wurde beleidigend in seinen Ausfällen. Er hatte schon Schule gemacht in seiner neuen Umgebung und hatte Ausdrücke an sich, denen man nur aus dem Wege gehen oder sie blutig rächen mußte.
Die große Stadt lag von Hohen-Leucken drei gute Stunden Wagenfahrt entfernt. Die Leuckener Kutschpferde mußten sich schon an diesen Weg gewöhnen. Oft, wenn Herr v. Dörfflin ungnädig und durch irgend etwas an seinen Kumpanen geärgert war, konnten sie sogar ohne Rast wieder umkehren und die drei Meilen wieder zurückjagen. Zu Hause aber mußten die Bonne und die Mädchen nur bemüht sein, die Kinder aus der Nähe ihres Vaters fern zu halten.
Zweites Kapitel.
Wenn in diesem Witwerhaus schon früher ein Besuch eine Seltenheit gewesen war, so blieb er jetzt ganz aus. Das sehnsüchtige Struwwelköpfchen brauchte nicht mehr stundenlang aus der Dachluke zu spähen, es kam doch kein Wagen übers Moor, der so lustige und reizvolle Fracht trug wie der Rummelshöfer am Novembertage.
»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen Tag für Tag die Schwester. Die zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht.« Aber sie hatte dabei einen scharfen, unkindlichen Zug um den Mund, der von aufgeschnapptem Mägdeklatsch herrührte.
Fritzchen sehnte sich nur, aber Gisa litt an der Vereinsamung ihres Hauses als unter einer Schande.
»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen ihre Bonne, fragte sie ihr Mädchen, das sie zu Bett brachte.
»Sie werden schon wiederkommen«, war die eine Auskunft. Sie ging von der Bonne aus, die es sich gern bequem machte.
»Herr v. Zülchow ist bös mit Papa«, war die andere Auskunft.
»Warum ist er bös?«
»Na – Papa ist doch manchmal grob und schimpft.«
»Ich will ihm sagen, daß er mit Herrn v. Zülchow wieder gut sein soll.«
»Das tu Du nur«, sagte das Mädchen und lachte.
Fritzchen hatte eine unruhige Nacht voll wilder Träume, ein paarmal wachte sie auf, in Schweiß gebadet. Sie hatte mit Ungeheuern gekämpft, aber das Ungeheuer hatte plötzlich Papas Gesicht gehabt.
Früh stand sie auf und zog sich an, schnell, schnell und im Dunkeln. Draußen schneite es, und der Wind klapperte mit den Läden.
Die Bonne lag noch im Bett und schlief. Plötzlich fuhr sie auf. »Fritzchen – was willst Du?«
»Nichts.« Damit raffte sie das Kleidchen, das sie noch nicht angezogen hatte, zusammen und huschte hinaus, es im Korridor anzuziehen.
Wie seltsam das Haus aussah zu dieser Zeit. Alle Türen standen auf, der Wind fuhr klappernd durch die Gänge. Die Mägde liefen mit Besen und Eimern herum, in den Öfen bullerte das Feuer, aber überall war es noch bitterkalt.
»Fritzchen! Was willst Du denn?« rief Jakob, der eben die geputzten Stiefel des Herrn in dessen Schlafstube bringen wollte.
»Wacht Papa schon?«
»Jawohl. Aber er liegt noch im Bett und trinkt Kaffee.«
»Jakob, nimm mich mit 'rein!«
»Du bist jawoll – was würde er da für Augen machen!«
»Laß ihn doch. Aber geh Du nur, ich komme schon mit.«
»Na, mir kann's ja egal sein.«
Dicht an die Beine des stämmigen Burschen geschmiegt, wie ein Mäuschen, das sich unversehens mit einschleicht, drang der kleine Abenteurer ungekämmt, mit hinten offenstehendem Kleidchen in das Zimmer ein. Der Papa saß aufrecht im Bett, neben sich das Kaffeegerät und las die Zeitung. Er sah gar nicht auf, bis ein winziges Geschöpf an seinem Bettrande auftauchte.
»Na nu!«
Er ließ die Zeitung fallen. Sein Gesicht erschien in dem Rahmen der weißen Kissen noch röter als zuvor. »Was fällt Dir ein? Was willst Du hier? Ist jemand krank?«
»Papa – warum kommen die Jungens gar nicht wieder?«
»Welche Jungens?«
»Gregor und Hans Henning.«
»Teufel!« Er nahm die Zeitung wieder auf. »Was geht's mich an? Geh' raus! – Was geht's mich an, sage ich!« Er ließ das Blatt wieder sinken und schrie das blasse kleine Gesicht wütend an.
Das blieb wie es war, wich und wankte nicht. »Du sollst gut sein mit Herrn v. Zülchow. Die Jungens sollen wiederkommen. Du sollst's machen!«
»Was ist denn das für eine Verrücktheit! Jakob, schaff das Mädel fort! Was sind denn das für neue Moden!«
Jakob grinste innerlich und auch ein bißchen äußerlich. Als er die kleine Hand anfaßte, geschah es sehr behutsam, er zupfte auch nur, ein wenig mahnend, in der Gegend nach der Tür zu.
»Du sollst's machen!« rief Fritzchen laut. Ihre Augen loderten, das ganze eben noch blasse kleine Gesicht war von Glut überzogen.
»Du sollst gut sein! Die Jungens sollen wiederkommen!«
Da hatte Jakob sie glücklich bis an die Tür. »Papa! Du sollst's machen!« Sie hob sich noch einmal auf die Zehen – dann verschwand das feuersprühende kleine Bild.
»Nee, sowas – nee, sowas –« murmelte Herr v. Dörfflin. Er saß noch ein Weilchen, wie er saß, aber er las keine Zeile mehr, und auch sein Kaffee blieb stehen.
»Jakob, zum Donner, so gib mir doch endlich die Stiefel! Was wollte denn das Balg? Wie kam's hier herein?«
»Ich weiß nicht, gnädiger Herr.«
»Ist sie denn ganz – –«
Unter beständigem Brummen und mancher unwirschen Frage an Jakob, die der stets mit Unwissenheit ablehnte, zog Herr v. Dörfflin sich an. Es war noch viel zu früh für seine Gewohnheit. In seiner Stube scheuchte er die Mädchen heraus, schloß die Fenster, in die der Schnee wehte, und im Schein der Küchenlampe, die das Mädchen hatte stehen lassen, schrieb er auf ein Notizblatt:
»Lieber Fritz, so komme doch endlich wieder und stelle Dich nicht an wie eine alte Jungfer.
L. D.«
Dann steckte er den Brief in einen Umschlag, aber schickte keinen Boten damit ab, sondern lauerte selber dem Briefträger auf, damit das alberne Gesinde nicht mit ansähe, was er für ein weichherziger Narr war.
* * *
Hätte Fritz v. Zülchow das kleine mutige Ding im offenen Kleidchen und mit seinem Struwwelköpfchen an des Vaters Bett gesehen, so hätte er wahrlich nicht geschrieben, wie er schrieb.
»Lieber Lutz! Du begreifst, daß Du durch Deine Auffassung von Deiner Würde und Deines Hauses Würde, die mich auf das schmerzlichste überrascht hat, einen so dicken Strich zwischen Dich und mich gezogen hast, daß er nicht so einfach, wie Du meinst, übersprungen werden kann. Es müßten andere Dinge geschehen, ehe ich wieder meinen Fuß über Deine Schwelle setzen könnte oder Dich bitten könnte, in mein Haus, in die Nähe meiner Frau zu kommen. Nimm die aufrichtige Versicherung meiner tiefen Betrübnis über diese Lage der Dinge.«
Herr v. Dörfflin wurde fahl, als er dies las. Er fiel in den Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder und starrte vor sich hin. Es wühlte, es wühlte in ihm, daß er bebte.
Ja ja – er hat schon recht. Es ist vielleicht so. Ich hätte es auch nicht getan, früher –
Fritz – so ist's mit uns geworden – –
Er stand auf, schleppte sich durch die Wirtschaft. Die Knechte rissen die Mützen ab, als er vorüberging, er sah (zum ersten Male beachtete er das) einen heiligen Schrecken vor sich her fliegen. Das half ihm, das hob seinen jämmerlichen Mut.
Pah, was geht's Euch alle an? Ich tue, was ich will. Noch schöner, mich in meinen Jahren meistern zu lassen! Albernes Getue! Komm doch nicht, Kerl, wenn Du nicht willst. Ich werde mich noch davon nicht umwerfen lassen!
Als er zurückkam, draußen vor der Einfahrt, zog Fritzchen einen kleinen Schlitten. Sie hatte ein schäbiges Mützchen auf, aber es stand ihr gut. Sie blieb stehen und sah den Vater an.
Da ging ihm eine heiße Welle übers Herz. »Fritzel –« sagte er unbeholfen und streckte seine Hand aus. Sie ließ die Leine, an der sie den Schlitten zog, fallen und kam zu ihm. Wie ihre großen ernsthaften Augen blickten!
»Fritzel – ich wollte schon – aber er will nicht – Fritzel –«
»Hat er Dich abgeschlagen?« fragte sie, blaß vor Spannung.
»Ja ja – er hat's – er hat's – ja Fritzchen –«
»Wein' doch nicht, Papa. Ich weine ja auch nicht. Guck!« Sie glühte vor Trotz.
»Ich wein' doch nicht, dumme Jöre. Weinen! Noch schöner! Nee, nee, lassen wir diese Leute laufen. Wer nicht will, der hat schon. – Magst Du denn diese Jungens – wie heißen sie doch? – so fürchterlich gern?«
»Das ist nun ganz egal!« sagte Fritzchen. Sie wandte sich um und lief ins Haus. Sie wußte, daß sie nun zum zweiten Male ihre Ritter- und Königslisten einer großen Umänderung unterwerfen müsse.
* * *
Wie einsam zogen die Tage und Jahre über das Hohen-Leuckener Herrenhaus! Der Papa fuhr in die große Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig waren.
Er hätte es wahrlich besser haben können, dieser traurige Ritter. Er hatte Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mädel. Was aber hatte er jetzt?
Sein kleines Fritzchen mit den großen Augen unter der schäbigen Mütze, seine feine stolze kleine Gisa – die zogen wie Nebelbilder an ihm vorüber. Es war hier ein Quell für ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der Haustür, als sein Kind die Schlittenleine fallen ließ und zu ihm gelaufen kam – ein Quell, so heiß und tief und stark, wie er nur in einem sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann.
Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig besser aufgepaßt hätte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen hätte – so hätte das für ihn die beste Erziehung werden können, die je das Leben ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch gespannt), das lächerliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies alles nütz, da er gar nicht einmal hinsah?
Es ist nicht wahrscheinlich, daß Gisa ihm viel geholfen hätte. Die hatte nie diese reine und ungetrübte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafür, daß sie so feine Öhrchen hatte, daß sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die Türritzen und Schlüssellöcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich hätte festhalten und emporklettern können. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht vollends austritt. Denn sie war eine hochmütige kleine Person, und ihr Stolz war verwundbarer als ihr Herz.
Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre über, während Fritzchen, das verträumte Närrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der Geister, und Blumen sprossen am dürrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz, die Winde löschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der dürre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten?
Die verdrossenen Mägde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablöste?
Jedermann trägt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein kleines, halbvernachlässigtes Fräulein im einsamen Gutshause ist. Gisela versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klüger und immer kälter. Fritzchen lebte immer stärker und weiter, aber sie verwilderte dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt. Sie saß mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern über die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschloß hinauf. Sie wurde blaß und ihre Augen immer größer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig und auch wohlwollend nach ihnen um.
Drittes Kapitel.
An einem heißen Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v. Dörfflin stand zufällig im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshöfer und all sein Zeug für ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann, Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche.
»An – – soll's an mich –?«
Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte.
Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger flogen, als er den Umschlag auseinander reißen wollte. Endlich gelang es. Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm.
»Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.«
»Gregor –?«
»Sehr geehrter Herr v. Dörfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wünscht Sie noch einmal zu sehen. Wir bitten Sie, zu eilen.
Hochachtend Gregor v. Zülchow.«
»Zu eilen!« Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da hatte er auch eilen können, aber so in den Stall gestürzt, so auf's Pferd gekommen, so über das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie heute, das war er noch nie. Der Rummelshöfer Knecht bemühte sich vergebens, Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurück, immer weiter, am Rande des nächsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v. Dörfflin zuletzt gesehen.
Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Männer gingen daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es ließ sich mit guten Wünschen und heißem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen ausrichten.
Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Söhne standen herum und konnten zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand in seinem Jammer Ludwig Dörfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche erlebt? Das hockt man aus und trägt's, so gut es geht. – Aber er, mit seiner Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte – jetzt wußte er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte auftauchen sehen – und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht – ach ja, aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch dasselbe Gesicht!
Er fiel, ungeschickt und klotzig wie er war, vor diesem entsetzlichen Sterbelager in die Knie.
»Fritz – Fritze – vergib mir das –«
»Ja – aber tausendmal, mein alter Lutz –«
Was hilft's, was hilft's, er geht doch fort! Ihr, Frau v. Zülchow und Ihr großen, langen Menschen, Ihr könnt' ihn wohl ruhig fahren lassen. Ihr habt nichts mit ihm versäumt. Alle die Jahre, die Jahre! Wo sind sie nun? Nach der Stadt hin – zurück, hin – zurück – – pfui, dies Lotterleben, wie ist es mir verhaßt, wie ist es mir zuwider!
»Fritz! Fritz! Wenn's geht, bleib' doch noch!«
»Ich habe alle Tage an Dich gedacht, mein alter Junge. Im Grunde war ich Dir nie böse. Siehst Du, ich wollte Dich nur zur Besinnung bringen. Es tut mir leid, daß ich so hart war. Laß, heul doch nicht, alter Bursche! Wir sind ja nie auseinander gewesen. Willst Du, wenn ich tot bin, meine Jungens öfter bei Dir haben? Ist Dir das lieb? Du siehst doch, daß ich Dir vertraue!«
»Ja, ja!« schluchzte der Gutsherr von Hohen-Leucken und trocknete sich mit Herrn v. Zülchows Bettzipfel die Augen.
»Fritz, mir ist alles bis zum Halse hinauf zuwider! Gib mir die Hand. Hier schwöre ich Dir, daß alles aus ist mit dem schlechten Leben. – Ach, ich möchte mit Dir tauschen. Du darfst doch noch nicht sterben, Du, so klug und gut und groß. Was liegt an mir altem Sünder, altem Lumpen –?«
Am Ende stand Gregor auf, nahm ihn am Arm und führte ihn fort. Um Frau v. Zülchows willen war das dringend nötig. Man konnte diesen fremden, etwas verrufenen Menschen hier in den letzten Stunden nicht lärmen lassen, als sei er der einzige Zugehörige.
Der arme Herr Ludwig ließ sich stumm fortziehen. Im Nebenzimmer sah er scheu in des Jünglings eisiges Gesicht.
»Ich weiß«, sagte er bedrückt, »ich war wohl zu laut –?«
»Es geht bald zu Ende mit unserem Vater. Wir müssen ihn allein haben. Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin? Sie haben ja Abschied genommen.«
»Allein haben –. Ja, Ihr seid die Glücklichen –« murmelte der verstörte Mensch. Aber das schmale kühle Gesicht vor ihm bewegte sich nicht.
»Herr Gregor, lassen Sie mich hier!« flehte er plötzlich außer sich. »Ich geh nicht mehr hinein, ich mache auch keinen Lärm. Lassen Sie mich hier an der Tür sitzen, ich werde mich nicht rühren. Und wenn, können Sie mich ja noch immer fortschicken. Herr Gregor, ich habe Ihren Vater über alles lieb gehabt, schon ehe ein Mensch an Sie dachte, und auch ehe er Ihre Frau Mutter kannte, die nun den größten Platz und das größte Recht bei ihm hat. Ich red' ja nichts davon, ich bin ja schuld, aber lassen Sie mich hier. Sehen Sie, seinen Hund lassen Sie ja auch hier. Tell – kennst Du mich noch? Wahrhaftig, Herr Gregor, er kennt mich noch! Sehen Sie, ich bin hier doch nicht so ganz ohne jedes Recht.«
»Wie Sie es wünschen, Herr v. Dörfflin«, sagte Gregor v. Zülchow, holte ihm einen Stuhl, ging in das Nebenzimmer hinein und machte die Tür hinter sich zu.
Der Mann und der Hund saßen miteinander noch sechzehn Stunden, ohne daß sich jemand um die beiden kümmerte oder auch nur durch das Zimmer kam. Sie saßen auf der Schwelle und hörten den harten Todeskampf des Mannes, der ihnen beiden der Liebste war.
Am anderen Vormittag um neun war es vorüber. Unter den Dienstboten, die hereingeführt wurden, war auch Herr v. Dörfflin. Aber er kehrte nach dem ersten Blick auf das wachsbleiche Gesicht in der Tür schon wieder um, liebkoste noch einmal den braunen Kopf von Tell, seinem Leidensgefährten dieser Nacht, ging in den Stall, sattelte sich selbst sein Pferd und ritt zurück, den einst so wohl vertrauten Weg.
Was er in dieser Nacht gewonnen hatte, war ein starker Ekel an den Lüsten dieses Lebens und rechts und links am Kopfe ein Büschel grauer Haare.
* * *
Das kleine Fritzchen hat einst geweint, daß »die Jungens« nicht wieder kamen. Nun sind sie plötzlich wieder da, aber es sind jetzt wohl keine Jungens mehr.
Der junge Gregor hat vor einigen Wochen das Abiturium bestanden. Er studiert jetzt, er ist Theologe. Fritzchen starrte ihn ungläubig an. Der will Pastor werden? Ja, wie der alte freundliche und gemütliche Pastor unten im Dorfe sieht er nicht aus. Kannst Du Dir Gregor v. Zülchow im Schlafrock mit einer langen Pfeife denken? So müssen Pastoren doch immer aussehen. Oder bei einer Taufe in der niedrigen Dorfstube?
Fritzchen sagt so etwas zu Gisela. Die sieht sehr verächtlich aus. »Gott, was für 'ne Idee! Der wird doch natürlich Professor oder Hofprediger oder so etwas.«
Gregor war damals noch siebzehn Jahre, und Fritzchen war eben zwölf geworden. Sie spielte jetzt nur noch selten auf dem Boden herum und brauchte auch gar keinen Boden. Sie hatte all das Gerümpel, die Sonnenstäubchen, den Mummenschanz sicher genug auf ihrem ureigensten Dachboden, unter ihrem rotbraunen Jungenshaar.
Ach Gregor! Welch ein Held war er doch!
Der Jüngling sah das kleine tolle Ding heute so wenig an, wie er sie vor Jahren angesehen hatte. Was wollte er überhaupt in Hohen-Leucken? Er stand mit seinen langen Beinen herum, sah aus wie ein Eiszapfen und guckte an allen Menschen und Dingen vorbei, als wären sie Luft.
Herr v. Dörfflin – na ja, aber mit dem redet man doch nicht. Vater hat's so gewollt, da fährt man eben mal herüber, zeigt sich, steht ein Stündchen hier herum, dann ist es aber auch übergenug.
»Hans, laß den Wagen wieder vorfahren, ja?«
Hans Henning, der Schlingel in der Kadettenuniform, wurde blutrot. Das geschah ihm überhaupt leicht, schon weil er fast immer ein schlechtes Gewissen hatte. »Ich habe Jochen gesagt, daß er ausspannen soll –« stotterte er betreten.
Über Gregors weiße Stirn flog eine zornige Röte. Wenn schon einmal ausgespannt war, mußte auch gefüttert werden. Da konnte man sich noch ein gutes Stündchen hier um die Ohren schlagen.
»Tollpatsch!« Das ging direkt an Hans Hennings Adresse. Machte dem aber nicht viel aus. Er war an kräftigere Dinge als an Benennungen gewöhnt und hatte sich für solche Lagen ein wundervolles dickes Fell angezogen.
»Fritz, wollen wir mal zur Schaukel?«
Das mit dem Schaukeln war so: der, welcher schaukelte, und die, welche geschaukelt wurde, kamen durch den Schwung der Bewegung und das fortwährende Abreißen der Unterhaltung in eine amüsante Zwiesprache, die selber leicht wie der Flug auf dem Schaukelbrett und kräftig wie der Stoß von unten war.
»Vor sechs Jahren waren wir hier, Fritz, weißt Du noch? Damals warst Du ein wilder Käfer im roten Kleidchen.«
»Du bist auch schrecklich gewachsen, Hans Henning.«
»Nu ja. Sechzehn Jahre. Gregor ist nun schon aus der Schule.«
»Du willst Offizier werden?«
»Na, natürlich. Aber nur ein paar Jahre, dann nehme ich das Gut.«
»Ach! Gregor ist wohl schrecklich klug?«
»Na, weißt Du, Fritz, der steckt bald alle Professoren in die Tasche. Der wird nochmal ein Licht. Aber ich! – Na, ich möcht' gar nicht so sein.«
Fritzchen war wieder oben im Blättergewirr.
»Möchtest Du fliegen können, Hans Henning?«
»Fliegen? Nein. Wozu?«
»Ich möchte. Über die Bäume. Hoch auf die Wolken. Bis an die Sterne! Nein, bis in die Sonne. Ich möchte mal sehen, wie es da ist!«
»Da verbrennst Du ja. Oder nein – Du kriegst keine Luft. So ist's. Aber wenn Du fliegst, Fritz, muß ich auch fliegen. Man kann Dich doch nicht allein zu den Trampeltieren da oben lassen.«
»Was für Trampeltiere?«
»Na, auf dem Mars. Aber zuerst kommst Du mal nach Rummelshof. Mama läßt es heute sagen, ich soll's mit Deinem Papa verabreden.« – –
Dichter Staub flog hinter dem Wagen her, der im raschen Trabe durch die sandige Dorfstraße dem Moorweg zufuhr. Hans Hennings bunte Mütze leuchtete noch ein paarmal durch die Staubwolken, auch Gregors Strohhut – nun fort – –
»Du, Gisa – wir sollen nach Rummelshof kommen!«
Gisa war wieder so hübsch und fein angezogen, daß man ihr Kleid jetzt bald lieber ansah als ihr Gesicht. Es war auch so lang geworden.
»Ja, ja – aber das ist ja doch nur alles Schein«, sagte sie bitter. Es war beinahe, als kämpfe sie mit Tränen. Auch mit ihr hatte Gregor nur das Alleroberflächlichste gesprochen wie ein gut erzogener Mensch, der seine Verachtung zu verbergen weiß.
»Schein –?« sprach Fritzchen verständnislos nach. Nein, sie war noch zu dumm, es ließ sich mit ihr nichts bereden, noch ganz kindisch. – Aber wozu auch bereden. Es war schon, wie es war.
Es wurde nun auch wirklich Weihnachten, bis die Hohen-Leuckener Kinderfuhre nach Rummelshof abging. Die Blätter, in die das Fritzchen auf der Schaukel hoch hineingeflogen war, waren gefallen, ein rauher, nebliger Herbst war um das alte Herrenhaus gezogen. Es war hier immer rauher, nebliger, dunstiger als sonstwo im Lande. Die Gouvernante hatte alle Tage Schnupfen und Halsweh, sie lag in einem Hinterzimmer auf dem Sofa oder saß mürrisch und reizbar den Kindern gegenüber am Tisch.
»Gott sei Dank, Ostern werde ich eingesegnet«, sagte Gisela. »Dann muß Papa mich in eine Pension geben. Ich sag's ihm oder der Pastor sagt's ihm.«
»Ach –« staunte Fritzchen nur ganz verblüfft. Ja, das Fritzchen kann schon hier bleiben, was versteht das dumme Kind von der großen Welt. Für die ist es in Hohen-Leucken noch immer gut genug.
Grau, dunstig, wolkenschwer. Was die Wolken doch nur für seltsame Gebilde sind! Fritzchen hatte ihren Arbeitstisch an dem einen Turmfenster, das aufs Moor hinausging. Der alte klobige Turm enthielt vier Stübchen und unten den großen runden Schulraum. Der war gut für die Geographie, aber schlecht für Fräulein Millers Schnupfen. Es war hier aber alles so, wie es immer war, da konnte der schönste Schnupfen nichts dagegen tun. – Fritzchen wußte auch, warum ihr alter, gelber, zerschnitzter und tintenbeklexter Schreibtisch gerade an dem Südfenster stehen mußte. Hier ging der Weg übers Moor. Es fuhren jetzt nur noch Feldgespanne darauf, aber es war doch einmal – und es würde wieder – – und wenn die Weihnachtsferien kamen und die Jungens zu Hause waren, dann – dann – dann fuhr man dort selber entlang – –
»Fritzchen, träum' nicht. Mach' Deine Arbeiten!«
»Ja – ja!«
Siehst Du da hinten den Schornstein, den Fabrikschornstein. Der ist von der Zuckerfabrik des Herrn August Schultze. Herr Schultze hat vor zehn Jahren dem Baron Laue das Gut Böllingen abgenommen, der Baron hat fort müssen, erzählten die Mädchen, er hatte so viel Schulden. Er soll Agent in Berlin geworden sein, und seine Töchter arbeiten in Geschäften. Mit Herrn Schultze verkehrt kein Mensch. »Das gehört sich so«, hat Fritzchen von klein auf gehört. Es gehört sich auch wirklich so.
Weißt Du, wozu der Schornstein gut ist? Man sieht immer gleich, woher der Wind kommt. Ach, was macht der Rauch manchmal für tolle Kapriolen! Er weiß nicht, wohin, so fährt's von allen Seiten auf ihn los. Hast Du ihn wohl je gerade in die Luft steigen sehen? Kaum, es ist hier immer Wind.
Aber die Wolken sind doch noch mächtiger und stolzer als der Rauch. Wie sie lagern übereinander, man meint, sie wären aus blaugrauem Granit und sind doch so leicht! Vorn schiffen ein paar hellere, fast weiße Massen, erst waren sie zusammengeballt, aber der Wind läßt sie nicht, schon sind sie auseinandergerissen, flattern, andere folgen nach.
Sieh, der Rauch schreibt eine schwarze wunderliche Schrift an die bleierne Wand. Lies sie nur schnell, es sind schon wieder andere Formen. O dies Fließende, Ziehende, Vergehende, ewig Neue!
Wie soll das Kind am Turmfenster nicht den Wind lieben? Er baut ihm ja Märchen und Geschichten am Himmel auf, er spielt mit ihm so wunderbare Spiele. Mit ihm allein, für es ganz allein, denn wer sieht sonst dahin? –
»Aber Fritzchen, Du träumst ja immer noch! Wie weit ist denn Dein Thème? Was, noch keine Zeile weiter? Na warte, Du faules Kind, jetzt gebe ich Dir die doppelte Arbeit auf!«
Ach, Fräulein Miller – sehen Sie denn die Wolken nicht? Freilich, Fräulein Miller trägt einen Kneifer und hat schwache Augen. Armes Fräulein!
»Ja, jetzt will ich auch die doppelte Arbeit machen!«
Das Fritzchen hat sich so voller Farben und Wunder getrunken, daß es auch die dreifache Arbeit leicht gemacht hätte.
Und zu Weihnachten geht's übers Moor!
»Weeste, der Weg übers Moor ist hundeschlecht, hat der Herr gesagt. Fahr' Du man die Fräuleins um die Eiche 'rum, sonst steckt Ihr am End' noch alle drin wie die Dummen.« Also sprach Jakob zu dem Kutscher, der mit der alten Halbchaise vor der Rampe hielt.
Trostlos war das Wetter. Regen mit Schnee fuhr durch die Luft daher, klatschte auf das Verdeckleder, schlug dem Kutscher in das verdrießliche Gesicht.
»Auch noch!« fuhr er den Jakob an. »An dreiviertel Stunden Umweg. Du hast schön predigen, kannst in der warmen Stube bleiben. Mir fällt's nicht ein, mögen die Racker sich ins Zeug legen.«
Die Racker waren die beiden Kutschbraunen. Die hatten sich schon ein halbes Jahr lang gewundert, daß sie nicht mehr die sechs Meilen Stadtfahrt zu machen hatten. Durchs Moor brachten sie die alte Chaise wohl immer noch. Der Jakob war ein Pessimist.
Fräulein Miller fuhr auch mit, das schickte sich so, und sie wollte doch auch einmal einen Weihnachtsspaß haben. Aber der Papa blieb zu Hause in seiner verräucherten Stube, er hatte nichts in Rummelshof zu suchen.
»Adieu, Papa!« Fein erzogen wurden diese Kinder nicht, aber Gisela hatte so etwas im Gefühl. Fritzchen hatte auch etwas im Gefühl, aber etwas anderes: es kam ihr so traurig vor, den Papa allein zu lassen, während sie in lauter Lust und Seligkeit hinauskutschierte.
»Adieu, Kinder. Grüßt – – nein, laßt lieber. Bedankt Euch auch bei Frau Baronin, wenn Ihr wegfahrt. Adieu, geh' doch, Fritzchen. Die Pferde dürfen nicht so lange stehen.«
Fritzchen drehte sich in der Tür noch einmal um. Was macht er nun alle die Stunden über? Er war doch eigentlich immer zuviel allein. Er kann doch auch von hier die Wolken gar nicht ordentlich sehen, und lesen mag er auch nicht.
»Papa, ich erzähl' Dir alles, wenn ich zurückkomme!«
»Ja ja, nun geh' doch. Die Pferde –«
»Fritzchen, kommst Du denn nun endlich?«
Was war das für eine Fahrt. Fräulein Miller wollte, daß man das Fensterchen vom Verdeck herunterließe, um sich vor Regen und Schnee zu schützen, und Gisa wollte es auch. Schade! Der Regen, der Wind, alles draußen war so wild und lustig!
»Laßt mich auf dem Bock sitzen!«
»I Gott bewahre, Dein Kleid, Dein Haar! Auf keinen Fall. Sitze Du nur still.«
Es ging Schritt für Schritt. Der Boden schwankte unter den Rädern. Fräulein Miller ängstigte sich, klopfte ans Fenster und schrie. Sie stellte sich jedesmal beim Fahren so an, weil sie ein Stadtkind war, der Kutscher grinste auch nur und machte beruhigende Kopfbewegungen.
Fritzchen sah und hörte das alles nur halb. »Nun ist's so weit, nun ist's so weit!«
»Du bist noch sehr kindisch!« sagte Gisa. Denn sie freute sich, halb widerwillig, zwar auch, aber sie fand, man müsse sich solches nie merken lassen, sobald man »erwachsen« sei. Ach, sie war ein rechter Herzenstrost für Fräulein Miller.
»Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen, Fräulein Miller«, sagte Fritzchen mit funkelnden Augen nach einer Schüttelei von fast drei Stunden. »Da ist die Mauer – da sind wir. O, nun machen wir aber das Fenster auf.«
Fräulein Miller erholte sich. »Gott sei Dank! Ja, ja! Aber nun in der Nacht die Rückfahrt!«
»Wir haben Mondschein«, sagte Gisela.
Fritzchen aber dachte: Nacht und Rückfahrt! Wer denkt daran! Das sind ja noch hundert Jahre hin!
Hans Henning und ein alter Diener standen auf der Steintreppe. Wer sollte auch sonst noch da stehen! Was ging den Herrn Gregor die Hohen-Leuckener Chaise mit ihrem Inhalt an?
Fritzchens kleines Herz fiel bei jedem Schritt in das vornehme weite Haus. Hier war alles anders als zu Hause, ach, so groß und schön und fein! Einen Augenblick herrschte das jähe, wilde Gefühl in ihr, auszureißen, fortzulaufen, sich in die Kutsche zu verkriechen. Sie fürchtete den Schall der eigenen Schritte.
»Gisa« –, sie wollte sich der an die Hand hängen, die schüttelte sie ab. »Laß das!« Möglichst, als kenne sie das Fritzchen gar nicht, habe es nie mit Augen gesehen, so tat sie.
Da stand eine große, feine, stolze Dame. Sie begrüßte Fräulein Miller, die einen tiefen Knix machte, und reichte den Mädchen die Hand. Fritzchen blickte auf und vergaß alle Verzagtheit. Sie sah aus wie Gregor.
»Wo ist Gregor?« fragte die schöne, stolze Frau.
»Oben in seiner Stube, Mama. Er wird wohl kommen.«
»Nun, Ihr kleinen Fräulein, so richtige Spielgefährten kann ich Euch hier gar nicht geben. Aber Hans Henning hat sich schon sehr auf Euch gefreut, er wird sich nach Kräften bemühen, Euch gut zu unterhalten.«
Und so weiter, was eine liebenswürdige Frau eben so hin sagt, wenn ein paar kleine Mädel vor ihr stehen, die ihretwegen ebenso gut hätten fortbleiben können. Aber es war ihres Fritz letzte Bestimmung, das Haus mit diesen Dörfflins zu belasten. Was sie so hin sagte aber kam als lieblichste Musik in Fritzchens Ohren an. Als ein Klingen und Tönen aus einer anderen Welt. Lag nicht hier ein Hauch, ein Duft über allem? O – so schön hatten doch alle Träume ihr dieses hier nicht gezeigt.
Waren dies Tassen aus Porzellan? War dies Schokolade? War dies Kuchen, den eine derbe Küchenfaust gerührt und geformt hatte? War dies ein Tisch aus Holz? Ging man hier überhaupt, wie man anderswo geht? Klang, leuchtete, stand und bewegte sich hier nicht alles unter ganz anderen als den irdischen, gewöhnlichen Gesetzen?
Aber unter welchem Gesetz stand das Fritzchen, als es die überirdische Schokolade auf die buntgestickte Decke schwippte? Nun – das ging keineswegs anders. Wie kann das Fritzchen unter einem solchen Ansturm der Gefühle auch ihre Tasse gerade halten?
»Fritzchen!« Armes Fräulein Miller, arme Gisela! Es ist auch unangenehm, immer an solchen Unband gekettet und für ihn verantwortlich zu sein.
»Was das wohl tut!« sagte Hans Henning ungeheuer verächtlich und warf mit der Miene eines Großfürsten seine Serviette auf den Fleck. »Nun brauchst Du es nicht mehr zu sehen, Fritz.« Im Grunde fand er es reizend, daß sie immer noch ihre Tasse übergoß.
Der Glanz dieser, seiner Welt umfloß auch Hans Henning. Sein rotblondes Haar, militärisch verschnitten, seine kurze aufgeworfene Nase, seine unverschämt lustigen Augen – alles war mit von dem Zauber umsponnen und verklärt. Auch er war ein Held, aber natürlich einer niederen Grades. Gregor und die Mutter – die, ach die – –
Es kam ein Schritt, vor dem zitterten zwei dumme kleine Mädchenherzen. Auch Gisela wurde rot vor Erwartung und Bängnis. Ach sie war auch nur ein armes, sehnsüchtiges Kind, mit der Last ihrer vertrauerten Jahre – daran änderte das feinste Kleid und der herbste junge Mund nichts.
Was hatte man von diesem Gregor? Er ging umher, warf ein paar Bemerkungen hin, wie sie ihm gerade kamen, und ließ die kleinen Mädchen aus Hohen-Leucken danach springen und damit zurecht kommen. Hatten wohl je blaue Augen einen kälteren Blick? Und um diesen war man drei Stunden gefahren und hatte lange Monate hindurch auf das Moor gesehen!
Was tut es? Er ist doch schön und gut!
Fritzchen, Du kleiner Affe, was tust Du da in der Ecke? – Nein, das sagt man nicht. Sie hat eben den Schatten ihres Helden, den er im Schein der großen Stehlampe da hinten an die Wand geworfen hat, mit spitzem, übermütig seligem Mündchen ganz flüchtig geküßt.
Hinten in einem großen Zimmer steht der Weihnachtsbaum, er ist nicht bunt wie sonst. Nur Lichter, ein wenig glitzernde Schneewatte und Eiszapfen schmücken ihn. Frau v. Zülchow mag ihn nicht gern sehen, aber sie hat ihn doch für ihre Jungens, vornehmlich für den »noch so kindischen Hans« zurecht gemacht. Gregor hätte wohl nicht so viel darnach gefragt. Gerade in seiner ernsten Pracht wirkt nun der Baum um so stärker auf die beiden Schwestern.
Was ist es nur für ein wunderbares Erleben, das jede neue Minute bringt!
Hans Henning zeigt ihnen allerhand Geschenke, die herumliegen und noch nicht fortgenommen sind. Es gibt nichts Interessanteres als das. Jawohl, es sind ja auch Schlipse, Krawattennadeln, Zigarren, große unverständliche Bücher und lauter Dinge, die von Rechts wegen so ein Fritzchen angähnen müßten. Aber alle sonstigen Berechnungen stimmen nicht mehr, wenn man schon spitzbübisch den Schatten an der Wand küßt.
Das sollte der Gregor wissen! Fritzchen sah ihn von der Seite an, und plötzlich, aus dem Verborgenen, fletschte sie ihm die Zähne entgegen. O diese Lust, diese Lust, solchen Triumph über ihn zu haben! Sie suchte immer wieder mit den Augen seinen Schatten, den alten Bekannten aus der Ecke. Ja, ja, er glaubte, das wäre seiner, und er ahnte nicht, was der für Streiche hinter seinem Rücken trieb!
Alle Abende war hier ein Familienstündchen Mode. Frau v. Zülchow saß im Zimmer bei verhängter Lampe, ihre Jungens bei ihr (früher hatte ihr Fritz nie gefehlt), und sie sprachen miteinander, wie sie es sonst im Treiben des Tages nie konnten. Besuche unterbrachen dies Familienstündchen, aber die Hohen-Leuckener Kinder und ihre Gouvernante galten kaum als Besuch, darum konnten sie daran teilnehmen.
Das Zimmer der Baronin im gedämpften Licht des gelben Lampenschleiers erschien Fritzchen wie ein Märchentraum. Es war ein lieber, wohnlicher und auch gut ausgestatteter Raum, mit schönen hellen Möbeln, Pflanzen, Kunstwerken und Teppichen, jedes gute Haus hat wohl seinesgleichen. Das konnte das Fritzchen nicht wissen. Sie kauerte auf einem Schemel, sah die Freifrau an, die an dem kleinen Kamin saß und von dem flackernden Feuer magisch beleuchtet wurde, und sie glaubte, diese Stunde sei die schönste und die stolzeste ihres Lebens, wenn auch ihr kleines Persönchen so viel wie gar keine Geltung in dieser Stunde hatte.
Fräulein Miller unterstand sich auch nicht recht, etwas zu sagen, sie saß irgendwo im Dunkeln. Für Gisela hatte Gregor ein Sesselchen an den Kamin gerückt und stand daneben. Hans Henning lag wie ein junger Jagdhund seiner Mutter zu Füßen.
Gregor redete viel kluges Zeug. Ach, er tat seinen stolzen Mund auf, und das Fritzchen hörte von da an nur noch Töne – kaum Worte. Aber auch das war schön. Eines merkte auch ihr zerfahrener kleiner Kopf: die schöne, feine Mutter dachte sehr hoch von Gregor, ihr Ton war ein ganz anderer, als wenn sie zu Hans Henning sprach. Den tat sie oft ab, wie man eben einen täppischen Hund abtut, den man im übrigen aber sehr gern hat.
»Ach – Hans« darin war immer so ein bißchen liebevoller Spott. Was der Junge doch immer für Unsinn treibt – so ähnlich. Dagegen:
»Ja Gregor. Meinst Du nicht auch – wie denkst Du darüber –«
Dann kamen große Fragen, die man sonst nur im Katechismus lernt. Ach ja, es war ein gar wunderbares Gespräch!
Einmal sagte Gisela etwas. Mitten hinein! Ach, daß sie solchen Mut hatte! Es war aber schön von ihr. Von der Notlüge, und daß die ihre Berechtigung habe. Aber da sagte Gregor:
»Nein, Fräulein v. Dörfflin, sie hat niemals Berechtigung!« Und darnach sprach er noch weiter und sehr viel in sehr hartem Ton. Frau v. Zülchow wollte mildern, aber er widersprach auch ihr. Einmal bewegte er sich dabei, so daß der Feuerschein auf sein Gesicht fiel, es sah aus wie aus Stein gehauen.
Er sagte, jede Lüge sei ein Mangel an Stolz und Kraft, er würde sich vor sich selber schämen, wenn er, sich aus seiner Not zu ziehen, zu solchem feigen Mittel greifen würde.
»Aber um andere aus der Not zu ziehen?« fragte die Baronin sehr leise.