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Die moderne Eheund wie man sie ertragen sollVonMaud Ch. Braby
Drittes Tausend Erich Reiß Verlag · Berlin 1911 | ||
Autorisierte Übersetzung
von Clara Sokolowsky-Theumann
Umschlagzeichnung von Wolf Schmidt
Copyright 1911 by Erich Reiß Verlag, Berlin
Herrn C. Stanley-Churton
dem besten Vater der Welt, in
tiefer Dankbarkeit für ein Leben
voll Liebe und Güte
[ Inhaltsverzeichnis]
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[I. Teil] Zeichen der Unruhe | ||
| [I.] | Die Unbefriedigtheit der Geschlechter | 3 |
| [II.] | Warum die Männer nicht heiraten | 14 |
| [III.] | Warum die Frauen nicht heiraten | 27 |
| [IV.] | Die Tragödie der Unbegehrten | 42 |
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[II. Teil] Warum Ehen mißglücken | ||
| [I.] | Die verschiedenen Arten der Ehe | 57 |
| [II.] | Warum Mann und Frau auseinandergeraten: verschiedene Zwistigkeiten | 68 |
| [III.] | Das Heiratsalter | 86 |
| [IV.] | Das „Sichausleben“ für die Frauen | 91 |
| [V.] | Einige Worte für eine vernünftigere Mädchenerziehung | 103 |
| [VI.] | „Und wahre ihr die eheliche Treue“ — der wunde Punkt in der Ehe | 112 |
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[III. Teil] Vorgeschlagene Alternativen | ||
| [I.] | Die Probeehe à la Meredith | 123 |
| [II.] | Die Probeehe in der Praxis: ein Dialog im Jahre 1999 | 133 |
| [III.] | Das Fiasko der freien Liebe | 146 |
| [IV.] | Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde | 152 |
| [V.] | Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung? | 165 |
| [VI.] | Ein Wort für die Duogamie | 167 |
| [VII.] | Die Vorteile der Ehe „auf Sicht“ | 177 |
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[IV. Teil] Die Kinder — die Sackgasse aller Reformen | ||
| [I.] | Kinder oder keine Kinder — die Frage des Tages | 183 |
| [II.] | Das Für und Wider des beschränkten Nachwuchses | 191 |
| [III.] | Die Elternschaft — die höchste Bestimmung | 200 |
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[V. Teil] Wie man, obgleich verheiratet, glücklich werden kann | ||
| [I.] | Einige Reformvorschläge | 211 |
| [II.] | Einige praktische Winke für Ehemänner — und Frauen | 217 |
[ Erster Teil]
Zeichen der Unruhe
„Das Thema der Ehe wird zu sehr im Dunkel gehalten. Laßt freie Luft ein! Laßt freie Luft ein!“ George Meredith.
[ I.] Die Unbefriedigtheit der Geschlechter
„Das Gespenst der Ehe harrt, entschlossen und furchtbar, an den Kreuzwegen.“ R. L. Stevenson.
Seit Frau Mona Caird die Institution der Ehe in der Westminster Review angriff und der großen Diskussion im Daily Telegraph über die Frage: „Ist die Ehe ein Mißgriff?“ Bahn brach, ist die Ehe die immerwährende, unversiegbare Quelle für Zeitungsbriefecken und verbrauchte Subredakteure gewesen. In der flauen, sauren Gurkenzeit braucht der niedrigste Zeitungsskribent nur eine Spalte über dieses Thema loszulassen und gleichviel, ob es eine ernste Abhandlung über „Die Vollkommenheit der Polygamie“ oder eine banale Diskussion über das Thema: „Sollen die Ehemänner den Tee zu Hause trinken?“ ist, es wird unvermeidlich das gewünschte Resultat erzielen und die unzähligen Spalten der Zeitung wochenlang mit Zuschriften versehen. Die Leute interessieren sich immer für die Ehe, entweder vom objektiven oder subjektiven Standpunkt aus, und das mag mich entschuldigen, wenn ich noch ein Buch über dieses abgedroschene, jedoch immer fruchtbare Thema wage.
Das Ehethema scheint jetzt mehr denn je in der Luft zu liegen, überall wird es diskutiert, und sehr wenige Leute haben etwas Gutes darüber zu sagen. Der oberflächlichste Beobachter muß gemerkt haben, daß in der Mehrheit eine wachsende Furcht vor dem Ehejoch, besonders unter den Männern besteht, und eine wesentliche Unzufriedenheit und Unruhe unter den verheirateten Leuten, besonders unter den Frauen. Was ist mit dieser Generation geschehen, daß die Ehe in ihren Augen so abschreckend wirkt? Von allen Seiten hört man, wie sie herabgesetzt und ihre Notwendigkeit in Frage gestellt wird. Von der Kanzel bemüht sich die Geistlichkeit, die Heiligkeit der Institution aufrecht zu erhalten, und ermahnt unaufhörlich jede Gemeinde, sie zu achten und heilig zu halten. Aber die Berichte der Ehegerichtshöfe liefern eine bedenkliche Lektüre, und jeder Rechtsanwalt wird aus seinen persönlichen Erlebnissen erzählen, daß die glücklichen Verbindungen bedeutend in Abnahme begriffen sind, und einige der größten zeitgenössischen Denker stimmen einen Chor der Verdammung gegen die Ehe der Jetztzeit an.
Tolstoi sagt: „Die Beziehungen zwischen den Geschlechten suchen eine neue Form, die alte zerfällt in Stücke“. In dem handschriftlichen Nachlaß Ibsens, jenes tiefen Kenners der menschlichen Natur, kommt die folgende bemerkenswerte Stelle vor: „Das Wort ‚freigeborene Menschen‘ ist eine retorische Phrase, sie existieren nicht, denn die Ehe, das Verhältnis zwischen Mann und Weib, hat die Rasse verdorben und allen das Zeichen der Sklaverei aufgedrückt.“ Vor nicht langer Zeit erregte auch der größte Moralist des neuen England, George Meredith, eine ungeheure Sensation durch seinen Vorschlag, daß die Ehe ein zeitweises Abkommen mit einer Minimalfrist von, sagen wir, zehn Jahren sein solle.
Es ist klar, daß die Zeit für eine solche umstürzlerische Änderung noch nicht gekommen ist, aber wenn die Anzeichen und Symptome der letzten zwei Jahrzehnte nicht trügen, können wir mit Sicherheit annehmen, daß die Zeit dafür kommen wird und daß die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen des Ehebandes in irgend einer Weise abgeändert werden müssen.
Vor fünfzehn Jahren gab es eine plötzliche umstürzlerische Strömung gegen diese Bestimmungen und ein erneutes Interesse an der sexuellen Frage zeigte sich in dem Emporwuchern von „Tendenzromanen“, eine Bezeichnung, die später als Vorwurf angewendet wurde. Ich kann mich erinnern, wie ich als Schulmädchen die durch ein solches Buch hervorgerufene Erregung mitmachte und bitter enttäuscht war, als meine erzürnte Gouvernante, die sich für dieses reizvolle Thema offenbar nicht zu interessieren schien, mir das Buch strengstens verbot. Eine Schar von Nachahmern folgten diesen ersten literarischen Verstößen. Einige davon waren total unliterarisch, und alle boten einen unfehlbaren Wegweiser durch das verwirrende Labyrinth der Ehe. Noch ärger war die darauf folgende unvermeidliche Reaktion, als der Realismus in der Dichtung in Acht und Bann erklärt wurde und die krankhafte Romantik das Feld beherrschte. Der Kultus der Familienliteratur war bald wieder in vollster Blüte. Dann folgte eine Lawine von unerträglich albernen und kindischen Zeitschriften, in denen das Wort „Geschlecht“ direkt verrufen und das erstrebte Ideal offenkundig das gerade Gegenteil des wirklichen Lebens war. Sonderbar, wie plötzlich das sexuelle Thema aus den Spalten der Presse verschwand. Die Psychologie war abgetan und die Intriguen waren an der Tagesordnung. Viele damals wohlbekannte und als feine Charakterschilderer renommierte Autoren verschwanden von den Inhaltsverzeichnissen der Zeitschriften und den Verlegerlisten, während seichte Schriftsteller, die weitschweifige Detektive- und Abenteurergeschichten erzählen konnten, in die Halme schossen.
Es fehlt nicht an Symptomen, daß das Pendel des öffentlichen Interesses nun wieder zurückgeschwungen hat, eine Strömung des Realismus in der Dichtung kommt auf und die Forderung der Neugestaltung der Ehebande dürfte demnächst erhoben werden. Jedoch das Pendel wird noch oft hin und herschwingen müssen, bevor es den Beziehungen zwischen den Geschlechtern gelingen wird, jene neue Form zu finden, von der Tolstoi spricht. Es bleibt abzuwarten, was die eben erwähnte Wiederbelebung ausrichten wird. Was erreichte die letzte Agitation? Im Praktischen nichts. Einige wenige Frauen mögen zu ihrem unauslöschlichen Kummer angeregt worden sein, in den Fußstapfen der Herminia aus Grant Allens Roman zu wandeln. Und eine Menge frühreifer junger Mädchen, die die Literatur jener Tage gelesen haben, verursachen möglicherweise ihren Eltern einige Angst durch ihre revolutionären Ideen über den Wert des heiligen Ehestandes. Aber welche von jenen vorgeschrittenen Dämchen erinnerte sich an die Bergpredigt als das für das weibliche Herz so unwiderstehliche Trio nahte — der Ring, die Ausstattung und das eigene Heim — ganz zu geschweigen von dem zuverlässigen, gewichtigen in Aussicht stehenden Gatten? Jedoch sind in den vierzehn Jahren, die seit dem Erscheinen der „Frau, die es tat“ verflossen, gewiß einige Änderungen vorgegangen. Vor allem ist es offenbar noch schwerer, sich anständig durchzubringen. Die Zeiten sind schlecht und das Geld selten. Die Männer sind jetzt sogar noch mehr abgeneigt, dem trällernden Engel durch die Heirat ein Heim zu bereiten, und es ist ein Typus von Frauen entstanden, der der Ehe scheu gegenüber steht und ihre vielen Gefahren um ihrer problematischen Freuden willen herzlich ungern riskiert. Das Bemerkenswerteste von allem ist die wachsende gegenseitige Unbefriedigtheit der Geschlechter. Die Männer vermeiden die Ehe nicht nur wegen ungünstiger finanzieller Verhältnisse oder weil die Beschränkungen des Ehejochs ihnen irgendwie lästiger sind als früher, sondern weil sie die Frau nicht finden können, die sich ihrem Ideal genügend nähert. Die Frau hat in den letzten zwei Generationen solche Fortschritte gemacht, ihr Gesichtskreis hat sich so erweitert, ihr Geist so entwickelt, daß sie sich sehr weit von dem Ideal des Mannes entfernt hat und der Mann daher zögert, sie zu heiraten. Es liegt etwas Komisches in dieser Situation und ich bin überzeugt, daß die Götter an der olympischen Tafel über diese verfahrene Ehe des zwanzigsten Jahrhunderts lachen würden.
Ein anderer Grund, warum sich die Männer um soviel seltener verlieben als früher, muß zum großen Teil dem Niedergang der Phantasie zugeschrieben werden, und obgleich die Frauen in der Hauptsache ebenso sehr zu heiraten trachten wie nur je und es allgemein bekannt ist, daß sich die modernen jungen Frauen um den modernen jungen Mann übermäßig bemühen, haben die Beweggründe für dieses Treiben nichts mit den durch die Zeit geheiligten Liebesmotiven zu schaffen. Die Ehe bringt Unabhängigkeit und eine gewisse gesellschaftliche Stellung: aus diesen Gründen begehren die Frauen sie. Marriot Watson hat dies in knapper Weise ausgedrückt: „Die Frauen wollen einen Mann heiraten, die Männer heiraten das Weib.“ Nichtsdestoweniger sind die Frauen selbst jetzt mehr geneigt, sich zu verlieben als die Männer, weil sie jene Fähigkeit der Einbildungskraft besser bewahrt haben, welche möglicherweise auch den Grund der Enttäuschung und der Unzufriedenheit der Frauen in der Ehe bildet.
Das Ende von all dem ist, daß die Männer und die Frauen einander entgegengesetzt geworden zu sein scheinen. Wie sehr sie auch das Geschöpf ihrer Phantasie lieben, scheint eine Art verhüllten Mißtrauens zwischen den Geschlechtern im großen und ganzen, aber besonders auf seiten des Mannes vorzuwalten — vielleicht, weil der Mann der Frau nötiger ist, als die Frau dem Mann. Diese Feindseligkeit gegen die Frau kann man besonders in den Spalten der Tagespresse beobachten. Es vergeht kaum eine Woche, daß nicht ein Journalist des edleren Geschlechtes seinen Spott über das untergeordnete Geschlecht, dem seine Mutter angehört, in spaltenlangen, meisterhaften Schmähungen über diese oder jene Eigenschaft ergießt. Jedem Artikel folgt eine leidenschaftliche Korrespondenz, in welcher „ein überdrüssiger Papa“, „ein hoffnungsloser Ehemann“, „ein eingeschüchterter Bruder“ und der unvermeidliche „Zynikus“ dem Verfasser die lebhafteste Zustimmung zollen, während eine „glückliche Mutter von sieben Töchtern“ und ein „Verehrer des schönen Geschlechts“ in verschiedenen Zuschriften seine sofortige Abschaffung und öffentliche Ungnade verlangen.
Die Liste der Fehler, welche die Männer an den Frauen finden, ist endlos. Der eine behauptet, daß die Frauen bloß häusliche Maschinen sind und ungeeignet, einem intelligenten Mann Gefährtin zu sein, da sie sich nicht über die ihre Dienstboten und Kinder betreffenden Gespräche erheben können; ein anderer behauptet, daß sie bloße Blaustrümpfe sind, die nach einer unerreichbaren Geistigkeit streben; ein dritter, daß sie nur leichtfertige Puppen ohne Herz und Geist sind, die in der Jagd nach Vergnügungen ganz aufgehen; und ein vierter, daß sie geschlechtslose, derbe, schlechtgekleidete männliche Ungeheuer sind.
Nach den Behauptungen der Verfasser der Zeitungszuschriften zu urteilen, sind die Frauen zugleich abgeschmackt männlich, jämmerlich weiblich, lächerlich geistig, abstoßend athletisch und aufreizend leichtfertig. Dem Äußern nach sind sie entweder dürre, hagere, plattfüßige Laternenpfähle, oder aufgeputzte, verschnürte, geschminkte Puppen. Ihre Extravaganzen lassen sich nicht wiedergeben. Wenn sie zu jener Klasse der Gesellschaft gehören, die man gewöhnlich unter Gänsefüßchen anführt, dann rauchen, trinken, spielen und fluchen sie unaufhörlich. Sie vernachlässigen ihre Kinder und ihr Haus, sie haben wenig Prinzipien und noch weniger Vernunft, keine Moral, kein Herz und absolut keinen Sinn für Humor.
„Aber“, wird der aufmerksame Leser vielleicht ausrufen, „das ist ja nichts Neues. Seit der erste Mann aus der ersten Klemme dadurch herauskam, daß er der einzigen verfügbaren Frau die Schuld zuschob, ist die Frau immer das Lieblingsventil für die Mißlaunigkeit des Mannes gewesen.“ Allerdings kann die Zeit nicht die unendliche Mannigfaltigkeit der weiblichen Vergehen aufheben, wie sie sich in den Augen des Mannes spiegeln. Die Tradition hat das Thema geweiht, und die Gewohnheit erhält es. Und wenn die Posaune des jüngsten Gerichtes erschallen wird, wird der letzte lebende Mann darüber murren, daß das Weib in seinem abscheulichen Eigennutz ihn allein gelassen hat, und der letzte Tote, der auferstehen soll, wird beim Erwachen darüber fluchen, daß seine Frau ihn nicht früher geweckt hat!
Aber früher bemängelte der Mann die Fehler der Frau mehr in Form einer geistreichen Neckerei, so wie man die Seinen manchmal liebevoll verlacht. Es lag in seinen Schmähartikeln fast immer etwas von guter Laune, die jetzt fehlt. An ihrer Stelle kann man jetzt Bitterkeit und eine direkte Animosität bemerken. Die Männer nehmen den Aufstand der Frauen gegen die von den Männern geschaffenen Bedingungen offenbar ungnädig hin, und sie revanchieren sich dafür dadurch, daß sie sich weit seltener verlieben und sich noch mehr sträuben, in den Hafen der Ehe einzusegeln.
Sie kommen aber doch hinein, wenn auch in anderer Gemütsverfassung. Furchtsam und zitternd legt der verzagte moderne Liebhaber seinen neuen Frack an und schreitet zaudernd auf jenen Kampfplatz zu, wo ihn strahlend und siegreich das entschlossene Wesen erwartet, dessen Wille ihn soweit gebracht hat. Nein, nicht ihr Wille, sondern der geheimnisvolle Wille der Natur, der, stetig und in seinen Absichten unerschütterlich, sich nicht um unseren sexuellen Hader und den Verlauf unserer kleinlichen Liebeleien und Gehäßigkeiten kümmert. Die bombardierte, geschmähte, durch viele tausend Angriffe verwundete und mit den Sünden von Jahrhunderten befleckte Institution der Ehe blüht weiter, denn, wie Schopenhauer sagt: „Die zukünftige Generation in ihrer ganzen individuellen Bestimmtheit ist es, die sich mittelst jenes Treibens und Mühens ins Dasein drängt.“ Der „Wille zum Leben“ wird immer das letzte Wort haben.
[ II.] Warum Männer nicht heiraten
„Wenn ihr die Auslese der Menschheit haben wollt, nehmt einen guten Hagestolz und eine brave Frau.“
„Es gibt wahrscheinlich nicht Hitzköpfigeres und Tolleres in dem Leben eines Mannes als die Verheiratung.“
R. L. Stevenson.
„Was immer man auch gegen die Ehe sagen mag, sie ist jedenfalls ein Experiment.“ Oscar Wilde.
„Alle Männer verheiraten sich und keines der Mädchen,“ soll eine flatterhafte Dame einmal gesagt haben, und man versteht, was sie damit ausdrücken wollte. In einer Zeitungsbriefecke über die Ehe las ich einmal folgende bemerkenswerte Stelle: „Heutzutage ist es ganz anders, als wie ich ein Mädchen war. Damals hatte jeder Bursche seinen Schatz und jedes Mädchen ihren Anbeter. Jetzt scheint es mir, daß die Burschen keinen Schatz brauchen, und die Mädchen keinen Anbeter finden können. Auf einen jungen Mann, der die ernste Absicht hat, ein Mädchen zu heiraten, gehen zwanzig, die mit dem Mädchen bloß spielen, ohne darauf zu achten, daß es kompromittiert wird. Die Zeiten sind ungalant und bedürfen einer Verbesserung.“ Dieser Brief ist unterzeichnet: „Eine Arbeiterfrau“. Es ist klar, daß er von einem Mitglied der Zeitungsgilde geschrieben wurde, welches der Signatur durch Anwendung des gewöhnlichen Ausdrucks „Anbeter“ eine genügende Wahrscheinlichkeit zu verleihen glaubte. Aber trotz der Niederschrift auf Kommando sind die Behauptungen darin nur zu wahr: Die Zeiten sind wirklich ungalant und werden es immer mehr.
Vor nicht langer Zeit war ich in einer heiteren Gesellschaft, wo über die Tendenzen des modernen Mannes, nicht zu heiraten, diskutiert wurde. Jemand versetzte alle anwesenden Männer in gute Laune mit der Mahnung, daß ein Mann „dadurch, daß er hartnäckig ledig bleibt, sich in eine fortgesetzte öffentliche Versuchung verwandelt“. Und da fünfzehn Junggesellen anwesend waren, wurde das Gespräch natürlich persönlich.
Einer, den ich Vivian nennen will, bemerkte galanterweise, daß alle reizenden Frauen verheiratet seien, und er so gezwungenermaßen ledig bleiben müsse. Ich erfuhr zufällig, daß er in eine verheiratete Frau gründlichst verliebt ist. Ein anderer, Lucian, ein sehr schöner und beliebter Mann in den Dreißigern, sagte, daß er die ernste Absicht habe, eines Tages zu heiraten, aber daß er vorher noch einige Jahre der Freiheit genießen wolle. Dorian behauptete ernstlich, daß er auf meine Tochter warten wolle (die jetzt achtzehn Monate alt ist), aber ich weiß im Vertrauen, daß sein Fall ähnlich dem Vivians ist. Hadrians Verheiratung wäre wegen seiner Gesundheit ein Verbrechen. Wir wußten das alle, und so fragte ihn niemand darum. Dieselbe Diskretion wurde in bezug auf Julian beobachtet, von dem es allbekannt ist, daß er ein „unseliges Verhältnis“ geschlossen und praktischerweise nicht das Recht hatte, zu heiraten. Florian hat vor einigen Jahren einen Korb bekommen und ist nun scheu und mißtrauisch gegen das schöne Geschlecht, was wirklich sehr schade ist, da er zu jener Art von Männern gehört, die für das Heim und die Familienfreuden wie geschaffen sind, und er eine Frau sehr glücklich machen würde.
Von Augustin und Fabian kann man wohl behaupten, daß „sie zu viele kennen gelernt haben, um bei einer bleiben zu wollen“ — Und ich fürchte wirklich, daß sie sich für die Ehe verdorben haben, wenn nicht in jenem alten Spruche Wahrheit liegt, „daß ein gebesserter Lebemann den besten Ehemann abgibt.“ Endymion kommt alles in allem nicht in Betracht, da seine blauen Augen und seine breiten Schultern sein einziges Vermögen bilden. Er schlägt genügend Kapital aus diesen Beigaben, sie bringen ihm reichlich weibliche Gunst ein, aber sie genügen kaum, um eine Frau zu erhalten.
Claudian möchte wirklich gerne heiraten, aber er leidet unter einer verhängnisvollen Treulosigkeit, und wie er sehr einladend erklärt, kann er ein Mädchen nicht so lange lieben als die Vorbereitungen zur Heirat dauern. Er ist sicher, daß er eines Tages von irgend einer entschlossenen und wahrscheinlich wenig zu ihm passenden Frau geangelt und widerstrebend zum Altar geführt werden wird. Galahad will nicht heiraten, bis er nicht die „Eine, die Wahre, die Einzige“ gefunden haben wird, und ich fürchte, aus ihm wird kein Ehemann mehr, denn der arme Galahad trägt schon Brillen und einen Kahlkopf. Seine Anhänglichkeit an ein unerreichbares Ideal verspricht, ihm sein Leben zu verderben.
Als ich an Aurelian die Frage stellte, lächelte er so hämisch, daß er mehr denn je einem erbitterten Geier glich und bemerkte, daß er im Begriff sei, seine Anträge zu überdenken und sich noch nicht klar sei, welche der beste ist. Da die Tatsache, daß er von sieben Frauen abgewiesen wurde, allen bekannt ist, so bewundern wir wirklich alle die Hartnäckigkeit seiner Pose als Herzensbrecher. Man weiß sogar von ihm, daß er sich selbst leidenschaftliche Briefe in verstellter Handschrift schreibt und geschickt fabrizierte Tränen hie und da auf sie fallen läßt, um diesen Meisterstücken von Verliebtheit, die er als Beweis seiner vielen Eroberungsgeschichten benützt, einen Anschein größerer Wahrscheinlichkeit zu geben. Wenn die Tränen trocken sind, so sehen sie äußerst natürlich aus. Freilich ist es ein Kniff, den jedes Schulmädchen kennt, aber ich habe nie zuvor einen Mann gekannt, der zu ihm Zuflucht genommen hätte, und hoffe auch nie wieder einen kennen zu lernen.
Cyprian und Valerian geben als Grund für ihr fortgesetztes Jungesellentum die Tatsache an, daß es ihnen in dieser Verfassung zu gut gehe, und sie nie das Bedürfnis nach einer Gattin gefühlt hätten. Der letztere fügte hinzu, daß, wenn er gerade das „eine Mädchen“ finden würde, er ja die Sache überdenken könnte, aber wie die Dinge stünden, zöge er die Gewißheit den Chancen vor und wolle kein Risiko eingehen. Unter uns gesagt, sind sie beide sehr selbstbewußt und egoistisch und ich glaube nicht, daß irgend eine Frau viel an ihnen verloren hat.
Der vierzehnte Jungeselle war Bayard, der zu einem sehr trostlosen Liebhabertypus gehört. Fast alle Frauen sind zu ihrem Leidwesen von ihm angelangweilt worden. Er hat die lästige Gewohnheit, überall und jedem weiblichen Wesen gegenüber seiner Sehnsucht nach einer Ehe idealster Sorte Ausdruck zu geben und jungen, im sicheren Hafen der Ehe gelandeten Frauen in weitschweifigster Weise anzuvertrauen, wie sehr er sich darnach sehne, einen Platz in dem Herzen einer guten Frau einzunehmen, und welch großer, reiner, leidenschaftlicher und ungestümer Liebe er fähig sei. Er hat geradezu etwas Sympathieerregendes und seine Haltung ist natürlich sehr anziehend für harmlose ältere Mädchen. Er ist immer in höchst bedrohlicher Weise in solche Beziehungen verstrickt, paradiert aber sehr mit seiner Armut und macht sich wieder glücklich frei, wenn die Angelegenheit einen kritischen Punkt erreicht hat, gewöhnlich ohne irgendwelche mißliebige Auseinandersetzungen. Wenn jedoch die Dinge schon zu weit gediehen sind, um das zu ermöglichen, kann er ein Zurücktreten immer ganz leicht dadurch gestalten, daß er sagt: „Ich liebe dich zu sehr, mein Schatz, um dich mit in die Armut hinein zu ziehen.“ Wie viele Mädchen haben nicht, im tiefsten Herzen verwundet, diese abgedroschene Lüge mit anhören müssen, wo sie doch mehr denn je gewillt waren, seinetwegen arm zu werden, zu kargen, zu sparen und zu verzichten. Nicht etwa, daß Bayard und seinesgleichen eine solche Ergebung einflößen! Ich meine, daß die Hauptbestandteile dieser besonderen Ausrede von sehr vielen unverheirateten Männern heutzutage als der Grund ihres Junggesellentums angegeben werden. Im allgemeinen gesprochen gibt es zwei Hauptgründe, warum die Männer nicht heiraten: 1. weil sie noch nicht die Frau gefunden haben, für die sie sich genügend interessieren, 2. — und diese bilden die Majorität —, weil sie zu selbstsüchtig sind. Natürlich drücken die Männer das anders aus; wie Bayard sagen sie, „sie können es nicht erschwingen.“ Sie denken an all die Dinge, die sie aufzugeben hätten, und wie schwer es ist, heutzutage genug für sein Vergnügen zu haben, wie unmöglich es dann sein würde, wenn man noch eine Frau und eine Familie dazu zu erhalten hätte; wie sie das Pokerspiel aufgeben, einen billigeren Schneider finden und an Golfbällen sparen müßten. Sie schaudern bei dieser Aussicht zusammen und entscheiden in der ausdrucksvollen, üblichen Sprechweise des Tages, daß „sie es nicht dick genug haben.“ Die Dinge, welche über allem Preis stehen, werden gegen jene gewogen, die man mit Geld erkaufen kann und — für nötig findet.
Es wäre jedoch die größte Tollheit, wenn man unkluge Heiraten ermutigen wollte, die ohnedies schon eine Quelle von so viel Elend sind, und natürlich beziehen sich meine Ausführungen nicht auf die echte Armut jenes Mannes, der es sich wirklich nicht leisten kann, zu heiraten. Für ihn habe ich wirkliche Sympathie, denn er vermißt die besten Dinge des Lebens, wahrscheinlich ohne eigene Schuld. Das obengesagte bezieht sich einzig und allein auf den Mann des Mittelstandes, der es sich erlauben könnte, zu heiraten, wenn er sich selber weniger und irgend eine Frau mehr lieben würde. Fünfhundert Pfund im Jahr ist z.B. ein ganz nettes Einkommen für einen Junggesellen, der nicht direkt zur „Gesellschaft“ gehört. Mit dieser Summe kann ein Mann des Mittelstandes ganz gut auskommen, wenn er keine besonders kostspieligen Laster oder Passionen hat. Freilich aber verlangt es Selbstverleugnung, wenn er damit für Frau und zwei oder drei Kinder sorgen soll. Das bedeutet ein kleines Haus in einer der billigeren Vorstädte anstatt einer Junggesellenwohnung in der Stadt, Omnibusse anstatt Mietwagen, Galeriesitze anstatt Sperrsitze, einen vierzehntägigen Familienaufenthalt in Broadstairs anstatt eines einmonatlichen Aufenthaltes zum Fischen als „garçon“ in Norway. Es bedeutet, daß man keine Soupers mehr im Savoyhotel hat, keine Wochenenden mehr in Paris verbringt und nicht mehr auf einen Sprung nach Monte Carlo hinüber rutscht. Aber es kann durchgeführt werden und glücklich durchgeführt werden, vorausgesetzt, daß ein Mann die Liebe über den Luxus stellt. Fast jeder Mann kann es sich leisten, zu heiraten, — und zwar die richtige Frau.
Freilich, wenn ein Mann noch die „Frau seiner Träume“ zu finden gedenkt, dann ist alles gut. Aber nur die verächtliche Ausrede Bayards hat mich so empört. Wenn die Männer die Wahrheit sagen wollten, wäre das alles nicht so schlecht. Aber dem alten Adam gleich, schieben sie wie gewöhnlich die Schuld den Frauen zu und sagen: „Die Mädchen erwarten heutzutage zu viel. Es ist unmöglich, genug Geld zu verdienen, um sie zu befriedigen“. Das ist eine der vielen Lügen, die die Männer über die Frauen ausstreuen, oder sie befinden sich vielleicht selbst in einer Täuschung und glauben wirklich an die Wahrheit dieser Behauptung. Nun, klären wir sie auf! Die Mädchen erwarten nicht zuviel. Sie sind ganz geneigt, arm zu sein, wie ich es vorhin sagte, wenn sie nur den Mann genug lieb haben. Jedenfalls, sobald sie jenes Stadium erreicht haben, wo sie der wirklichen Dinge des Lebens bedürfen, da werden sie Weibtum und verhältnismäßige Armut dem Wohlstand und dem leeren Herzen in ihrem elterlichen Heim vorziehen. Mit einem Wort, sie würden lieber „abgearbeitete Frauen als ruhelose alte Jungfern“ sein.
Eine andere Täuschung, welche die Männer über die Frauen ausstreuen, ist die, daß sie zu vergnügungssüchtig sind, um daheim zu bleiben. Wie oft hört man Behauptungen wie folgende: „Juno Jones wird keine gute Frau sein. Sie spielt den ganzen Tag Golf.“ Oder: „Ich könnte mir’s nicht leisten, Sappho Smith zu heiraten. Sie schwärmt zu sehr für schöne Kleider und fürs Theater.“ Gott helfe dem Mann! Was haben denn die armen Mädchen anderes zu tun? Sappho hat eine Vorliebe für feine Kleider und fürs Theater. Sie füllt ihr leeres Dasein mit diesen Dingen aus, so gut sie kann. Juno hat den langen lieben Tag nichts zu tun, aber sie geht sehr gern ins Freie, und so konzentriert sie ihre prächtige Kraft auf ein Spiel mit Stock und Ball, weil jedweder tätige Anteil an dem großen Spiel des Lebens ihr versagt ist. Heiratet sie, wenn sie euch mag, und ihr werdet sehen, was für einen guten Kameraden ihr an ihr haben werdet, und was für prächtige Kinder sie euch schenken wird. Oder heiratet Sappho, und ihr werdet finden, daß sie nie andere als einfache, in euren Mitteln liegende Vergnügungen haben will, so lange ihr gut zu ihr seid und sie so liebt, wie sie geliebt zu werden wünscht. Sie wird sich ganz gern ihre Kleider selbst machen und ihre größte Freude darin finden, euer Einkommen einzuteilen und euer Heim zu schmücken.
Jeder kann sich daran erinnern, oberflächliche und vergnügungssüchtige Mädchen gekannt zu haben, die prächtige Frauen geworden sind, deren Kinderstube musterhaft und deren Haushalt über allen Tadel erhaben ist. Gewiß prophezeiten alle ihre Freunde Unheil, als diese Schmetterlinge zum Altar geführt wurden. Ich glaube aufrichtig, daß die Frauen nur dann ausgefallene Vergnügungen brauchen, wenn sie innerlich elend sind. Es sind gewöhnlich die Unglücklichen, die Elenden, die ruhelosen alten Mädchen, die überall hin laufen und das Geld zum Fenster hinauswerfen. Sie fühlen, daß das Leben sie betrügt, und müssen irgend eine Entschädigung haben.
Aber um zu meinen fünfzehn Junggesellen zurückzukehren: nun bleibt nur mehr Florizel, dessen Haltung gegenüber den Ehefesseln gerade das Gegenteil von der Bayards und Claudians ist. Er ist aufrichtig geneigt, zu heiraten, glühend, warm, bestrebt, das Richtige zu tun, aber es fehlt ihm an moralischem Mut, und er ist schauderhaft egoistisch. Ich möchte ihn so gerne glücklich verheiratet sehen, da er dann ohne Zweifel rasch jene heftige Selbstliebe verlieren würde, aber ich frage mich, ob es irgend eine anziehende Frau gibt, die selbstlos genug wäre, um ihn in dem gegenwärtigen Zustand der Selbstvergötterung zum Gefährten zu erwählen. Er ist immer für irgend eine Frau entflammt, schwebt stets knapp über irgend einer großen Leidenschaft und sehnt sich darnach, kopfüber in das Liebesmeer zu stürzen und den Anker der Ehe auszuwerfen, der ihn dort festhalten soll, wo er nicht mehr abschwenken kann. Unglücklicherweise kann er sich nicht genug selbst vergessen, um den verhängnisvollen Sprung zu wagen. Bei allen seinen Fehlern hat Florizel etwas Liebenswertes. Ich wäre froh, wenn er zur Vernunft gebracht würde — obgleich es eine tapfere und geduldige Frau sein müßte, die diese Aufgabe zu unternehmen hätte.
Als alle fünfzehn Junggesellen aufgehört hatten, über sich selbst zu sprechen und sich mit der anderen Gesellschaft zum Bridgespiel niedergesetzt hatten, kam eine alte Dame, die — wie ich — es vorzog, Zuschauer zu bleiben, zu mir und setzte sich neben mich. „Wie sie herumreden“, sagte sie. „Ich aber kann Ihnen sagen, warum sie nicht heiraten. In fünf Worten: Weil sie sich nicht verlieben. Und warum verlieben sie sich nicht? Weil die Mädchen sich zu viel um sie bemühen. Weil die Mädchen ihnen überall über den Weg laufen. Ich habe sieben Söhne, und alle sind unverheiratet. Ich weiß es.“
Notiz. — Es ist interessant, daß Westermarck in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ eine Anzahl von Autoritäten erwähnt, um zu beweisen, daß bei vielen alten Nationen die Ehe eine allen zufallende religiöse Pflicht war. Bei den Mohammedanern ist sie noch heute eine Pflicht. Bei den Hebräern hörte man nichts vom Cölibat und sie haben ein Sprichwort: „Wer kein Weib hat, ist kein Mann“. In Ägypten ist es unrein und sogar anrüchig für einen Mann, sich der Ehe zu enthalten, wenn kein richtiges Hindernis vorliegt. Die Chinesen betrachten es als ein beklagenswertes Unglück für einen Jüngling, wenn er unverheiratet stirbt und bei den Hindus von heute wird ein Mann, der allein bleibt, als ein beinahe unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft betrachtet —, der außer dem Bereich des Natürlichen steht.
[ III.] Warum Frauen nicht heiraten
„Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.“ G. Bernard Shaw.
„Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele Lebensmöglichkeiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.“ R. L. Stevenson.
„Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja — wenn sie nur können“, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei der erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Kein intelligenter Leser wird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum bei den Nichtverstehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig müssen das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein wollenden Bemerkung irgend eines älteren Mannes: „Schau, schau, noch nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer dazu sagen.“ Ich schreibe absichtlich „irgend eines Mannes“, denn keine Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung von so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die seltsamerweise von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer als das schmeichelhafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis dieser Leute zu gehen.
Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig der, weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen werden Ja sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend angemessenes Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein gewisses Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und hoffen dabei im Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor es zu spät ist. Man muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die Frauen werden, sie desto weniger geneigt sind, nur um der Verheiratung willen zu heiraten, wie ihre Großmütter es taten.
Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht ihr Ideal in seiner Vollkommenheit verwirklichen können, sich nicht mit dem Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor, daß diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt jedoch noch eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung gegen die Ehe und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf gesagt, daß eine Frau, die absolut keine innere Berufung für Weibtum und Mutterschaft hat, eine degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen Instinkts ermangelt, daß sie den Vorwurf verdient, „geschlechtslos“ genannt zu werden. Dieser Typus nimmt augenscheinlich zu.
Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig begehrenswert und für sie passend er auch sein mag, als „ungeliebt zu verblühen“. Es ist eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so häßlich, noch so närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und niederträchtig sein kann — und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann irgend eine Frau finden, die ihn heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß man an jene berühmte Köchin denken, die, als man ihr anläßlich der Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid ausdrückte, erwiderte: „Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch jeden Mann lieben.“
Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel über diesen Gegenstand in den Frauenzeitschriften zu lesen. Da wird uns überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil sie ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es vorziehen, unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene, die keines haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin eines Mannes, eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden usw. usw. ganze Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil der Frauen wahr sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Hauptgrund für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleichgültigkeit der Männer ist. Ich habe jede Sympathie für die Frauen, welche die schweren Verantwortungen der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das gehabt haben, was man beim anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt, d.h. bis sie eine Periode der Freiheit genossen haben, in der sie studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig genießen, mit verschiedenen Männern verkehren, dem Leben in die Augen schauen und etwas von dessen Sinn lernen können. Aber es kommt eine Zeit in dem Leben beinahe jeder Frau — ausgenommen der obbesagten Degenerierten —, in der sie fühlt, daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu schieben und in der sich in ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen Dingen des Lebens einnistet, den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen, die dauern — die Liebe in der Ehe, und kleine Kinder, und jenes unschätzbare Gut, ein eigenes Heim.
Es ist heutzutage Mode, das Heim zu diskreditieren. Und Bernard Shaw hat es scherzend „das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau“ genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es entbehrt haben.
In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, — ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdestoweniger hauptsächlich der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu sein uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit beschwerlichen Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort, von dem man gerne fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie sehnen wir uns danach zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer und alles, was sich dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach dem alten Garten und träumen von dem geliebten Grün! Es kommt nicht in Betracht, wie armselig das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen davon ist einem heilig und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an trüben Tagen Räuber und Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeugschuppen, wo man bei schönem Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum heutigen Tage rührt es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht gekochte Kartoffel unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie mich an die Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der Asche des Feldfeuers in einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit zu kochen und mit stiller Ehrfurcht zu essen pflegten — vor langer, langer Zeit. Noch heute weckt der Duft eines solchen Feuers in mir das Gefühl, ich sei, wie einstmals, wieder sieben Jahre alt.
Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet, wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim, das sie ihr eigen nennt.
Diese leidenschaftliche Liebe zum Heim ist eines der charakteristischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe „daheim“ zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich anderswo liegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es nicht tun, so erzählen die Spalten der „Christlichen Welt“ und anderer Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von „Herkunft“ (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen, Dienerinnen, Gesellschafterinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für „kleinen Gehalt und ein Heim“ sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt. Sie wollen packen, nähen, ausbessern, unterrichten, überwachen; sie bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre Dienstbereitschaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht, die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte, brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den Selbstmord der Mutterschaft vorzog, verkaufte sich in einer lieblosen Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.
Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem ungemütlichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem solchen Kasten. „Ich werde Tony bald heiraten müssen,“ sagte sie, „schon wegen der Annehmlichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt, den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es wegen des Platzes für den Kasten sein.“ Ich muß hinzufügen, daß dieser „jemand“ kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der Straße begegnet.
Dieser leidenschaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger in jener Gesellschaftsklasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser ganzen Zeit hat sie auf „ihr Heim gehalten“, d.h. auf ein einzelnes Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen einhundertzweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: „Ich konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.“
Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben augenscheinlich als Parademarmeladeglas begonnen hatte, aber später aus einem mir unerfindlichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir schnippisch: „Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue Glas war das erste Stück meines Heims.“
Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache ist, daß selbst, wenn jeder Mann über fünfundzwanzig Jahren heiraten würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen, heiraten. Wenn es bloß „nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei“, so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die Gesellschaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau einen Gatten haben sollte.
Bernard Shaw schreibt: „Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf Jahren werden wir eine drückende Junggesellensteuer haben.“ Es sollte eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein diesbezügliches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es wird sehr viel darüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen — die Männerklubs — verlauten, bis jetzt, abgesehen von einer Ausnahme, nichts über die ratsame Einführung einer Junggesellensteuer im Druck erschienen ist. Die eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle, „der Morgenstern“, welche unter anderen wohldurchdachten Vorschlägen für politische Reformen auch dringend für eine Junggesellensteuer plädiert. Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares, Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle, der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer Pension lebt.
Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen sollten, die jenen, welche für die Erhaltung der Geburtsziffer ihr Teil tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammedanischen Landen, selbst dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen betrachtet werden?
Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es, weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte wünschen, daß der Staat und ein „Institut der Ermunterung zur Ehe“ unter staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete Gleichgewicht der Geschlechter in den heimatlichen Ländern zu erhalten und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhnlichen Mädchen in den Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen zu haben.
Eine andere Pflicht eines „Instituts der Ermunterung zur Ehe“ wäre es, die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben Francis Gribble’s sehr interessante Novelle „Der Wolkenpfeiler“ gelesen, in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in „Stonor House“ beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen, mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten, und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus „Stonor House“ und der freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.
In dem vor einigen Jahren erschienenen „Pfad eines Pioniers“ bricht Dolf Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken zusammenzukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute Vorstellung von dem lieblosen unnatürlichen Leben der jungen Frauen des Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind, und die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch diese ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfernschaft verurteilt. Daß eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die Daseinsberechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den beschränkten Familiennachwuchs und das System der Mitgift. In den letzten Jahren ist die „Beschränkung des Nachwuchses“ auch in England weit verbreitet und bis das System der Mitgift auch zur Regel wird, könnte das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ die Sache in die Hand nehmen. Zwei oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben diesem Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung dieser Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von jener Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie bestimmt ist. Und doch müßte das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter einem anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so genügend verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der Selbstachtung Vorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt für den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und man könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu einer Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden. Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen gründen. — Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die Tatsache, daß es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die heiraten können und wollen, und denen es nur an weiblicher Bekanntschaft in ihrer eigenen Gesellschaftsklasse fehlt, um eine Wahl zu treffen. Unglückliche Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir trostlos und verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer nicht mit einigen von jenen tausenden junger Mädchen zusammengebracht werden können, deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die sich in Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ Tatsache wird, gibt es noch prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe menschlicher Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit belohnt werden!
[ IV.] Die Tragödie der Unbegehrten
Und Männer und Frauen geh’n Hand in Hand
Bis die Fluten des Meeres vertrocknen zu Sand.
Und eins ums andre siegt oder fällt —
Denn der Kampf der Liebe währt endlos fort
Und der Liebe Wort ist des Lebens Wort.
Und wer nimmer das Wort einem andern bot,
Ob er scheinbar auch lebt, ist verdammt und tot.
W. E. Henley.
Das ist die Tragödie, von deren Existenz wenige Männer wissen, und die gewiß kein Mann in dieser von Frauen so überfüllten Insel je erfahren haben mag. Die Männer verhöhnen die nach der Verheiratung strebenden Frauen immer und spotten ebenso sehr über die alte Jungfer, die sie verpaßt hat. Der Himmel allein weiß warum, da der Ehestand durch die Gesetze und Traditionen der Männer dazu gemacht worden ist, alles einer Frau Begehrenswerte zu verkörpern und der ledige Stand gerade zum Gegenteil. „Die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für unweiblich, die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für überspannt, und sie verknüpfen beide Meinungen dahin, es für unwürdig zu halten, wenn die Frauen den Ehestand nicht als die Hoffnung und den Zweck ihres Lebens ersehnen, und ein weibliches Wesen ihrer Bekanntschaft, das sie einer solchen Sehnsucht für fähig halten, lächerlich und verächtlich zu finden. Die Frauen sollen keine Ermutigung gewähren, aber sie auch gewiß nicht versagen, und so geht es weiter, und jede Vorschrift hebt die vorige auf, und die meisten sind negativ“ (Augusta Webster).
Bernard Shaw und George Moore haben im Druck behauptet, daß die Frauen sich häufig um die Männer bewerben, und einige Männer haben mir Einzelheiten über die Bewerbungen, welche ihnen seitens des schönen Geschlechtes zukamen, mitgeteilt. Ich glaube, es ist einer der Grundsätze der radikalen Frauen, daß das Geschlecht, welches das Kind trägt, ein Recht darauf hat, den Gatten zu wählen; obgleich dies sich unangenehm umstürzlerisch anhört, scheint es doch außerordentlich vernünftig. Daß das Recht, einen Gefährten zu wählen, jedem jugendlichen Wesen eingeräumt werden sollte, wird möglicherweise in der Zukunft anerkannt werden, wenn die Frauenfrage ein für allemal erledigt sein wird.
In jenen fernen Tagen wird es, das wollen wir hoffen, keine Tragödie der Unbegehrten mehr geben. Es scheint fast unzart, diese Bezeichnung auf jene Scharen lediger Frauen Englands anzuwenden, die zum großen Teil Amt und Würden bekleiden, treffliche Frauen sind und unter denen sich Steuerzahlerinnen, Familienvorsteherinnen, Philantropinnen befinden, die in Kirchsprengeln unter den Armen, in Spitälern, Schulen, Asylen, Ämtern, Ateliers arbeiten, in öffentlichen Körperschaften, in den Redaktionsstuben gewöhnlich gut und hilfreich sind, oft klug und reizend, gelegentlich vielleicht ein wenig eng, aber im großen ganzen die besten Traditionen ihres Geschlechts aufrecht erhalten und es natürlich nie zugeben, daß sie gerne geheiratet hätten. Jedoch müssen sie alle im tiefsten Herzen das Traurige ihrer Unbefriedigtheit empfinden und sich, so gut sie können, mit anderen Interessen trösten. Diejenigen, welche absorbierende Beschäftigungen haben, sollten dankbar sein, denn die Frau, welche alles daran setzt, um einen Gatten zu finden, und dieses Ziel nicht erreicht, wird gewöhnlich reizbar, bitter, enttäuscht und in jeder Hinsicht unnütz. Aber die Frauen, deren Herz weit genug ist, um andere Ideale zu fassen als das eheliche, finden andere Arbeit zu leisten und leisten sie tüchtig und hingebungsvoll. Liebevolle und warmherzige Frauen braucht man immer. Die Ehe ist im Leben einer solchen Frau nicht die Hauptsache, obzwar sie es für die höchste Entwicklung ihres persönlichen Glückes sein mag.
Und die große Zahl von Frauen, die zu heiraten Gelegenheit hatte, kann sich damit trösten, daß sie eines Ideals wegen oder aus welchem Grunde immer den ledigen Stand gewählt hat. Noch größer ist die Zahl jener, die das Temperament zum Ledigbleiben besitzen und von denen Bernard Shaw schreibt: „Steril, die Lebenskraft geht an ihnen vorbei.“ Das beeinträchtigt sie selten. Sie haben eine Menge kleiner Vergnügungen und Interessen, welche ihnen genügen. Keinerlei Herzensstürme, keine Pein unterdrückter Mutterschaft kräuselt den glatten Spiegel ihres Lebensmeeres. Keine von all diesen wird von der wirklichen Tragödie der Unbegehrten berührt. Diese harrt mit all ihrer Bitternis jener, die zu dem Typus der „grande amoureuse“ gehören, die gewöhnlich aus Mangel an Gelegenheit, manchmal aus Mangel an Anziehungskraft davon abgehalten wurden, das tiefste Bedürfnis ihrer Natur zu befriedigen.
Ich traf einst in einem Hotel an der Riviera ein ältliches Fräulein, das immer unglaublich verstimmt war. Wie herrlich auch die Sonne scheinen mochte, wie schön die Welt in jenem schönsten Erdenwinkel erschien, nichts hatte die Macht, sie aufzuheitern. Ich versuchte einmal, sie zur Teilnahme an einem Ausflug zu bewegen, der eine Gesellschaft in ein von Hügeln umgebenes benachbartes Dorf bringen sollte. Sie lehnte ab. Ein anderes Mal lud ich sie ein, mich in die Spielsäle nach Monte Carlo zu begleiten, aber sie lehnte wieder ab. Nachdem mehrere wohlgemeinte Bemühungen meinerseits, sie aufzuheitern, zu demselben Resultat geführt hatten, sagte mir die arme Seele mit zögernden Worten, daß sie heitere Orte und angeregte Gesellschaften meide. „Sie machen mich immer unzufrieden und erinnern mich an das, was ich hätte haben können. Sie rufen in mir, wie soll ich es nennen, die Tragödie des ‚Es hätte sein sollen‘ wach.“ Ich verstand, was sie meinte, und es wurde zu meiner Erleichterung kein weiteres Wort über dieses Thema gewechselt, denn vertrauliche Mitteilungen dieser Art sind immer für beide Teile sehr peinlich. Meine Leser werden wahrscheinlich diese arme Dame als krankhaft eigennützig und unausgeglichen verachten. Vielleicht haben sie recht. Aber die Trauer eines leeren Herzens, eines einsamen Lebens war die Ursache ihres verkümmerten Wesens. Zum Glück ist ihr Fall ein extremer. Die meisten alten Jungfern, glaube ich, können sich daran freuen, junge Mädchen glücklich zu sehen und interessieren sich gewöhnlich intensiv für die Liebesaffären der anderen. Da fällt mir eine schöne Stelle von Fiona Macleod ein, die sagt, daß „das in der Seele eines andern heimlich Geschaute das Leben verklärt“. Es wird genügen, um so manche alte Jungfer glücklich zu machen: die Erinnerung an irgend eine Liebe und Zärtlichkeit, an irgend einen Roman, um das Leben zu versüßen; die Frauen brauchen das.
Um ein anderes Beispiel zu geben. Eine Frau fragte mich einst, warum die Männer sich verlieben. „Ich bin begierig, ob Sie mir sagen können, was an den Frauen ist, die die Männer dazu veranlassen, sich um sie zu bewerben. Ich habe eine Menge unschöner verheirateter, und eine Menge armer Frauen gekannt und eine Menge ganz entsetzlicher, ohne eine einzige Eigenschaft, die einen Mann glücklich machen kann. Und doch müssen sie irgend etwas anziehendes gehabt haben, irgend etwas, um derentwillen die Männer sich um sie bewarben“.
Dann fuhr sie fort, mir in eindringlichsten Worten zu sagen, wie sehr sie sich darnach sehne, ein eigenes Heim zu haben und einen lieben, netten Mann, der sie betreue, und daß doch noch nie ein Mann sich um sie beworben hatte. Kein Mann hatte sie je begehrt oder sie mit Liebesblicken angesehen. Sie hat nie die leidenschaftliche Umarmung eines Mannes oder den verzückten Kuß eines Liebhabers kennen gelernt. Das kam mir sehr sonderbar vor. Sonderbar schmerzlich und demütigend. Ich konnte sie kaum ansehen, während sie mir all das erzählte.
„Ich würde einen Mann so glücklich machen,“ sagte sie, und ihre traurigen dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sogar schöne Augen, und war eine ganz hübsche Frau von anmutigem sanftem Wesen. „Ich würde so gut gegen ihn sein, ich würde einfach nur für ihn leben. Ich versuche es mir aus dem Kopf zu schlagen, aber da ich älter werde und es immer aussichtsloser ist, denke ich immer mehr daran, und manchmal fühle ich, daß ich über all dem Elend verrückt werde. Die Zukunft ist so schrecklich grau für mich. Alles ist so ungerecht. Ich bin für die Liebe so geschaffen, und mein Leben fließt dahin und ich habe nichts gehabt, nichts.“
Sie weinte bitterlich und ich weinte auch, aus Mitleid mit ihr. Merkwürdigerweise war diese Frau nicht nur anziehend, wie ich schon erwähnte, und bestrebt zu gefallen und durchaus weiblich, sondern sie hatte auch genug Gelegenheit gehabt, Männer zu treffen. Ich vermute, es fehlte ihr das, was die schottische Bäuerin das „in die Augen springende“ nennt, jenen unbestimmten Geschlechtsmagnetismus, der jenen unschönen, armen, entsetzlichen Frauen, von denen sie sprach, eigen war. Oder es fehlte ihr der Wille zum Leben, und daher kam kein Lebensgefährte zu ihr.
Es gibt tausende von Frauen, welche dasselbe fühlen, obgleich sie zumeist verschmähen, es einzugestehen. Wir hören eine Menge über das Recht des Mannes, zu leben. Was ist es denn mit dem Recht der Frau, zu lieben? Die Frauen sind so geartet, daß das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden, das stärkste Element ihres Wesens und der Kern ihres Seins ist. Überall im ganzen Land gibt es einsame Frauen in allen Klassen, müßige und arbeitende, hübsche und unhübsche, gute und schlechte, die nach Liebe dürsten, nach einem Mann, der sie betreut, nach dem Recht des Weibtums und dem dreimal gesegneten Recht der Mutterschaft. In den Zeitungen erschallt unaufhörlich das abgedroschene Geschwätz der Männer: „Die Frauen sollten sich nicht in die Politik mischen, die Frauen sollten dies oder das tun, sie sollen sich um ihr Haus und ihre Kinder kümmern.“ Aber die ruhelosen Frauen, die diese Dinge tun, haben gewöhnlich kein Haus und keine Kinder, um die sie sich kümmern können. Was nützt es, ihnen die Heiligkeit der Mutterschaft zu predigen, wenn ihr sie nicht Mutter werden laßt, wozu von den Pflichten des Weibtums schwatzen, wenn ihr sie nicht zu Frauen begehrt.
Es ist eine wohlbekannte physiologische Tatsache, daß eine große Anzahl von Frauen in den mittleren Jahren wahnsinnig werden, bei denen das nicht geschehen wäre, wenn sie die gewöhnlichen Pflichten, Freuden und Beschäftigungen der Ehe gehabt hätten, wenn ihre Weibnatur nicht durch ein unnatürliches Cölibat ausgehungert worden wäre. Ich kann hier nicht darauf eingehen, aber ich empfehle es der Aufmerksamkeit meiner nachdenklicheren Leser und jener, die sich mit der Verbesserung der sozialen Mißstände in unserem ruhmreichen, zivilisierten zwanzigsten Jahrhundert beschäftigen.
Am schlimmsten von allen ist die Lage der Frauen, die sich nicht bloß nach der Ehe und einem lieben Mann sehnen, sondern vielmehr nach der Mutterschaft, jener bittersüßen Krone des Geschlechts, welche die im Cölibat lebenden Priester unaufhörlich als das höchste Gut und die erste Pflicht der Frauen preisen, von welcher aber tausende von Frauen in diesem Lande ausgeschlossen sind. Es muß gewiß keine Bitterkeit so quälend sein als die Bitterkeit der Frauen, die sich nach der Mutterschaft sehnen, in deren Ohr die Lebenskraft unaufhörlich rauscht und in deren Herz die erträumten Kinder sich regen und unaufhörlich rufen: „Schenke uns Leben, Schenke uns Leben!“ ein Ruf, der Jahr um Jahr quälender wird, da jedes Jahr die göttliche Möglichkeit unerfüllt bleibt.
Ich denke oft daran, wie alles zusammenwirkt, eine edle heißblütige, mütterlich veranlagte Frau zu quälen, deren Natur so darben muß. Sie muß natürlich jede derartige Regung unterdrücken, den Kopf hoch tragen und mit Lächeln die überlegenen Mienen der Mädchen erdulden, die viel jünger sind als sie und zufällig den goldenen Zauberring tragen, der im Leben der Frau alles ändert; sie muß gewöhnlich behaupten, daß sie nicht heiraten will und nie wollte und es hätte können, wenn sie gewollt hätte; sie muß über diese Zeilen lachen, wenn sie sie zufällig lesen sollte und die Verfasserin eine krankhafte Idiotin nennen — kurz und gut, sie muß eine Rolle spielen einer Welt gegenüber, die es äußerst humorvoll findet, daß eine Frau um das Geburtsrecht ihres Geschlechts betrogen wird. Jede Zeitung und jedes Buch, das sie heutzutage zur Hand nimmt, enthält irgend etwas zur Verherrlichung des Weibtums und der Mutterschaft. Die Musik, die Bilder, die Novellen, die Theaterstücke — alles spricht ihr von dem befriedigten und siegreichen Geschlechtstrieb und nichts von dem ausgehungerten und unterdrückten. Dasselbe Prinzip ist überall in der Natur, der Himmel, die Blumen, der See, die grünen Bäume, das Prasseln des Sommerregens, alles Schöne, alle Töne in der Natur sind von derselben Bedeutung für sie und enthalten denselben scharfen Stachel, dieselbe drückende Last; wenn sie zur Krankhaftigkeit neigt, dann reißt jedes Kindergesicht, das sie auf der Straße sieht, die Wunde in ihrem Herzen auf. Das Geplapper eines jeden süßen Kindchens ist eine Qual für sie. „Mir nicht, mir nicht“, muß der ewige Kehrreim in ihrem Gemüt sein. Ihre Arme sind leer, ihr Herz ist kalt, sie gehört zu dem großen traurigen Heer der Unbegehrten.
Wundert man sich da noch, daß die Irrenhäuser voll lediger Frauen sind?
Notiz. Eine gescheite und entzückende Freundin von mir, eine alte Jungfer aus eigener Wahl, macht Einwendungen gegen meine Ansicht über den ledigen Stand. Es würde mich sehr betrüben, wenn irgendwelche meiner Worte anderen Frauen Kummer verursachen sollten. Ich sagte schon früher, daß einige der besten Frauen ledig sind, was für jemanden, der an die Ehe so glaubt wie ich, traurig ist. Zwei der gütigsten und edelsten Frauen, die ich kenne, sind unverheiratet. Die eine von ihnen scheint absolut ohne irgend einen Gedanken an sich zu leben, hat ihr ganzes Leben tüchtig für andere gearbeitet, ihre geistigen und körperlichen Kräfte bis zur äußersten Grenze und die Schätze ihres edlen Herzens freigebig und grenzenlos hergegeben. Ich bitte meine Leser, zu beachten, daß ich einen Unterschied zwischen jenen ledigen Frauen zu machen trachte, die nicht heiraten wollen und jenen, die es wollen, zwischen den reichen Mädchen, die über alle Annehmlichkeiten des Lebens verfügen können, und den armen, die in die Tretmühle harter unaufhörlicher und unangemessener Arbeit eingespannt sind. Einen noch größeren Unterschied wünsche ich zu machen zwischen den gelassenen und zufriedenen Frauen, die sich den Verhältnissen anpassen und ein ruhiges glückliches Schicksal in irgendeiner Lebenslage finden — und den weniger ausgeglichenen, leidenschaftlichen Naturen mit tieferem Begehren und zwingendem Liebesbedürfnis. Dieses unterdrückte, verdrängte und niedergekämpfte Liebesbedürfnis erweckt mein tiefes Mitleid, von dem meine Freundin behauptet, daß es verschwendet und nicht am Platze ist. Darüber müssen meine Leser urteilen.
[ Zweiter Teil]
Warum Ehen mißglücken
„Denn die Ehe ist darin dem Leben gleich, daß sie ein Schlachtfeld und kein Rosenlager ist.“ R. L. Stevenson.
„Die Ehe ist für mich Abtrünnigkeit, Entweihung des Heiligtums meiner Seele, Vergewaltigung meiner Männlichkeit, Veräußerung meines Erstgeburtsrechtes, schändliche Übergabe, schmachvolle Kapitulation, Annahme der Niederlage.“
Bernard Shaw: Mensch und Übermensch.
Ein weiser Mann sollte der Ehe ausweichen, als ob sie ein Haufen glühender Kohlen wäre. Dhammika Sutta.
[ I.] Die verschiedenen Arten der Ehe
Die Ehe ist der große Irrtum, der die kleineren Dummheiten der Liebe auslöscht. Schopenhauer.
In einem seiner Essays sagt Stevenson: „Es erfüllt mich so oft mit Erstaunen, daß so viele Ehen so ziemlich glücken, und es bei so wenigen zu einem offenen Bruch kommt. Umsomehr, als es mir am Verständnis des Prinzips gebricht, nach welchem die Leute ihre Wahl treffen“.
Aus dem Chaos, welches dieses Prinzip umhüllt, ragen vier besondere Beweggründe hervor, und wir können daher die Ehen rundweg in fünf Gruppen einteilen und zwar:
1. die Ehe aus Leidenschaft,
2. die Konvenienzehe,
3. die Ehe zu bestimmtem Zweck,
4. die Zufallsehe,
5. die Ehe aus Neigung.
Die Ehe aus Leidenschaft. Eine Person in Sommerset-Maughams „The Merry-Go-Round“ sagt: „Ich bin überzeugt, daß die Ehe das schrecklichste Ding auf der Welt ist, wenn die Leidenschaft sie nicht absolut unvermeidlich macht“. Obgleich ich eine aufrichtige Bewundererin von Maughams Werken bin, teile ich hier seine Meinung durchaus nicht. Die meisten der verrückten, unvernünftigen Verbindungen sind jene, welche die „Leidenschaft unvermeidlich macht“. In der Theorie ist es einer der viel versprechendsten Ehetypen, in der Praxis erweist er sich als der unseligste und unglücklichste von allen.
„Sie sind wahnsinnig ineinander verliebt, es ist eine ideale Ehe“ — ist eine Bemerkung, die man oft mit Genugtuung äußern hört. Aber es ist eine traurige Tatsache, daß diese wahnsinnige Liebe sehr häufig zu Unglück und Scheidung führt. Die meisten mir persönlich bekannten unglücklichen Ehepaare waren im Anfang wahnsinnig ineinander verliebt. Kann man sich darüber wundern, wenn man die Sache näher betrachtet? Die Natur, die selten dort einen Irrtum begeht, wo die ursprüngliche Menschheit in Betracht kommt, ist durchaus nicht unfehlbar, sobald es sich um die künstlichen Bedingungen unserer westeuropäischen Zivilisation handelt. Im Osten, wo eine größere Freiheit zwischen den Geschlechtern gestattet ist, scheint es ganz gut, der Natur zu vertrauen und den von ihr eingeimpften Trieben zu folgen; doch dem ist nicht so auf unserer Halbkugel. Der junge Mann und das junge Mädchen, die in den Bann der Leidenschaft geraten, sind zeitweise blind und unzurechnungsfähig. Ihr Urteil ist getrübt, ihre Fähigkeit, zu überlegen, aufgehoben, nichts auf der Welt scheint ihnen von Bedeutung außer der überwältigenden Notwendigkeit, sich hinzugeben, das geliebte Wesen zu besitzen, — das Wesen, das ihnen das Blut erhitzt hat.
Wenn das Fatum grausam ist, so läßt es diese beiden sich in die Ehe stürzen. Die Natur hat ihren Willen durchgesetzt und beachtet weiter nichts. Sie ist ganz befriedigt. Die aus solchen Ehen wahnsinniger Verliebtheit stammenden Kinder sind gewöhnlich die schönsten und stärksten, und was will die Natur denn sonst? Aber das junge Paar? . . . Nach und nach zerteilen sich die rosigen Wolken, die berauschenden Dünste entschweben, die Verzückung läßt nach, und jedes kommt von der Wirkung des mächtigsten Giftes des Weltalls zu sich, um ein ganz gewöhnliches Wesen an seiner Seite zu finden und sich selbst in jenen Ketten, die die Menschen mit den Worten „auf ewig“ bezeichnen.
Diese beiden sind wirklich unglücklich, wenn sie am Grabe der Leidenschaft einander gegenüberstehen und kein anderes Band zwischen ihnen besteht als die Erinnerung an den verflogenen Rausch. Zum Glück ist dies durchaus nicht immer der Fall, aber wenn es so ist, dann muß unvermeidlich ein sehr unglückliches Eheleben folgen. Schopenhauer gibt als Grund für das Unglück solcher Ehen die Tatsache an, daß „durch sie für die kommende Generation auf Kosten der gegenwärtigen gesorgt wird“ und zitiert das spanische Sprichwort: „Quien se casa por amores, ha da vivir con dolores. Wer aus Liebe heiratet, muß in Kummer leben“. Vom Standpunkt des persönlichen Interesses und nicht des Interesses der zukünftigen Generation scheint es gewiß ein Mißgriff, den Gegenstand seines heftigen Begehrens zu heiraten, wenn nicht auch geistige Übereinstimmung, Interessengemeinschaft und noch viele andere Verbindungspunkte bestehen. Aber unter dem Einfluß unterdrückter Leidenschaft verlieren die Leute die Klarheit ihres geistigen Schauens und sind daher mehr oder weniger urteilsunfähig.
Es soll jedenfalls Leidenschaft in der Ehe sein, so weit gehe ich mit Maugham. Aber sie soll nur die äußere Hülle sein, ein Flammengewand, dessen Berührung Entzückung bedeutet, aber bei dem, wenn es von der Glut aufgezehrt ist, noch die Liebe als festes Gefüge von Freude und Schönheit besteht, das aufrecht bleibt unter der Asche der Leidenschaft. „Wirkliche, auf Übereinstimmung der Gesinnung gegründete Freundschaft tritt meistens erst dann hervor, wann die eigentliche Geschlechtsliebe in der Befriedigung erloschen ist“. (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe).
Von den Konvenienzehen gibt es zwei Sorten. Die ganz gewinnsüchtige, wo Geld, soziale Stellung oder irgend eine persönliche Erhöhung auf einer oder beiden Seiten der Beweggrund war, ohne die Grundlage irgend einer Neigung, und die halb gewinnsüchtige, wo diese Gründe durch das Vorhandensein von Zuneigung oder Sympathie gemildert werden. In diese Kategorie gehören die Leute, die hauptsächlich aus Rücksicht auf ihr Geschäft oder ihren Beruf heiraten, wie der junge Rechtsanwalt, der die Tochter seines Chefs heiratet, oder der junge Arzt, der in die Familie des alten Doktors einheiratet. Hier erinnert man sich an den Vater, der seinem Sohne riet, nicht des Geldes halber zu heiraten, aber nur dort zu lieben, wo sich Geld befindet. Zweifelsohne erhöht der Besitz von ein wenig Geld oder Einfluß den Reiz eines Mädchens in den Augen des vorwärtsstrebenden, modernen jungen Mannes. Wenn man in Betracht zieht, wie schwer es heutzutage ist, sein Auskommen zu finden, kann man alles in allem diese Gründe nicht tadeln, wie trostlos sie auch vom Gefühlsstandpunkt erscheinen mögen. Ich glaube jedoch nicht, daß es außerhalb der Grenzen jener Welt, die man die „Lebewelt“ nennt, viele ganz gewinnsüchtige Konvenienzehen gibt. Die Leute, welche nicht diesen blendenden Gesellschaftskreisen angehören, sind der Ehe gegenüber zurückhaltend genug und fürchten sich vor den großen, noch hinzukommenden Hemmungen, die eine solche Ehe mit sich bringen würde. Natürlich sind diese Verbindungen beinahe immer trostlose Mißgriffe, und ich möchte wissen, was ihre Opfer anderes erwartet haben können.
Wir kommen nun zur dritten Gruppe, der Ehe zu bestimmtem Zweck. Diese Ehen sind mit der halb gewinnsüchtigen entfernt verwandt, aber es ist nichts Gewinnsüchtiges an ihnen, da sie gewöhnlich aus höheren Beweggründen eingegangen werden. In diese Klasse gehören die Witwer, die um ihrer Kinder willen heiraten, die alten Mädchen, deren Beweggrund der Wunsch nach Mutterschaft ist, die Männer und Frauen, die heiraten, um ein Heim zu besitzen oder einen Lebensgefährten. Alle diese Gründe sind genügende Rechtfertigungen und alle die Leute, die die Ehe mit einem bestimmten Ziel beginnen, nehmen sie gewöhnlich sehr ernst und sind entschlossen, sie gedeihlich zu gestalten. Solche Ehen erweisen sich gewöhnlich als sehr glücklich, vielleicht gerade, weil so wenig verlangt wird. Der Geist der Zufriedenheit hat einen ausgezeichneten Einfluß im Eheleben, da die Liebe oft durch ihre eigenen übertriebenen Forderungen, wie ich später zu zeigen versuchen werde, getötet wird.
Der Ausdruck Zufallsehe scheint mir am besten jene Verbindungen zu bezeichnen, in welche die Männer ohne besonderen Grund, manchmal beinahe gegen ihren Willen, hineintreiben. Die Natur kümmert sich nicht darum, wie die jungen Leute zusammenkommen, so lange sie nur zusammenkommen, und manchmal gerät ein Mann in die Ehe beinahe, ohne es zu merken. Ich schreibe absichtlich ein Mann, da eine Frau nie in den Ehestand getrieben wird. In diesen Fällen ist es gewöhnlich ihre feste und wohlüberlegte Absicht, die den Mann in den ihm unbekannten Hafen der Ehe gelenkt hat. Er ist bloß den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, und hat zu seiner Überraschung gefunden, daß er zum Altar führt. Bernard Shaw hat ein sehr unterhaltendes und trotzdem überzeugendes Bild dieses Mannövers in „Mensch und Übermensch“ entworfen, wo er auch seiner Überzeugung Ausdruck gibt, „daß die Männer, um sich selbst zu schützen, die schwache romantische Vorstellung aufgebracht haben, daß in Geschlechtsdingen die Initiative immer vom Mann ausgehen müsse. Aber diese Behauptung ist so hohl, so unwirklich, daß sie sogar auf dem Theater, dieser letzten Zuflucht des Unwirklichen, nur den Unerfahrenen imponiert. In den Stücken Shakespeares ergreift die Frau immer die Initiative. In seinen Schauspielen und Lustspielen konzentriert sich ebenfalls das Lebensinteresse darauf, zu sehen, wie die Frau den Mann zu Tode hetzt . . . . Die Behauptung, daß die Frauen nicht die Initiative ergreifen, ist geradezu possenhaft. Die ganze Welt ist ja mit Schlingen, Fallen, Netzen und Fallgruben besät, mittels welcher die Frauen den Mann einfangen. Man nimmt an, daß die Frau regungslos warten muß, bis um sie geworben wird; ja, sie wartet oft regungslos, so, wie die Spinne auf die Fliege wartet. Die Spinne spinnt ihr Netz und wenn die Fliege gleich meinem Helden die Kraft zeigt, sich loszumachen, wie schnell verläßt da die Spinne ihre vorgebliche Passivität und schlägt Faden um Faden um ihr Opfer, bis sie es für immer gefesselt hat!“
Die Ehe aus Neigung. „Kennen Sie irgendwelche ganz glückliche Ehepaare?“ wird in einem bekannten Stück gefragt.
„Das ist schwer zu sagen. Oh, die Extasen sind nichts für diese Welt, wissen Sie, wenigstens nicht die ständigen Extasen. Man könnte ebensogut ständige hysterische Anfälle haben. Und wie Sie wohl wissen, werden die Ehen nicht im Himmel geschlossen, und so gibt es vielleicht auch keinen Himmel in der Ehe“.
Diese Empfindungen sind geeignet, das unwissende zwanzigjährige Mädchen durch ihre, in ihren Augen gemütlose Unwahrheit abzustoßen und zu ärgern, und die erfahrene Frau von, sagen wir, dreißig Jahren, durch die, in ihren Augen tiefe Wahrheit zu entzücken — so sehr ändern sich unsere Lebensanschauungen im Laufe von ungefähr zehn Jahren.
Vor sechzig Jahren schrieb George Sand: „Du fragst mich, ob du durch Liebe und Ehe glücklich werden wirst? Du wirst es nicht werden, ich bin fest überzeugt davon, weder durch die eine noch durch die andere. Und doch sind Liebe, Treue, Mutterschaft, die wichtigsten, die notwendigsten Dinge in dem Leben einer Frau.“
Demselben Gedanken gibt R. L. Stevenson Ausdruck, wenn er sagt: „Ich vermute, daß die Liebe wohl eine zu gewaltige Leidenschaft ist, um in allen Fällen eine gute häusliche Rolle zu spielen.“ Natürlich wird niemand von den jungen Leuten das glauben wollen, aber es ist eine schreckliche gemeine Wahrheit, daß in der Regel die glücklichsten Ehen diejenigen sind, in welchen sich die Paare nicht zu heftig lieben. Ich spreche von dem gediegenen Alltagsglück, nicht von dem Überschwang und den Verzückungen. Die von der leidenschaftlichen Liebe erhobenen Ansprüche und der fieberhafte Gemütszustand, den sie hervorruft, sind oft der Grund ihres Schiffbruches. „Wenn ich ein Scheusal bin, mein Schatz“, sagte ein Mädchen einst zu ihrem Liebsten, als sie einen Streit, den sie selbst heraufbeschworen hatte, wieder beilegen wollte, „so ist es nur, weil ich dich zu sehr liebe“. — „Dann um Himmelswillen, liebe mich weniger und behandle mich besser“, gab der gekränkte Liebhaber zur Antwort, und wir können seine Gefühle nur teilen.
Ich habe absichtlich das Wort Neigung in dieser Abteilung statt eines Wortes gebraucht, das einen höheren Gefühlsgrad bezeichnet, und ich konstatiere ohne Zaudern, daß im allgemeinen die glücklichsten Ehen jene sind, die sich, „wenn der süße Liebeszauber, jenes Süße, das beinahe Gift ist“ nicht mehr wirkt, zu jenen gemäßigteren, anspruchsloseren, friedlichen und harmonischen Verbindungen entwickeln, die man mit Neigungsehen bezeichnen kann. Den heißblütigen jungen Leuten und jungen Mädchen, die unermüdlich nach der höchsten Lebensfreude streben, von denen keines diesen prosaischen und unrühmlichen Rat hören mag und die alles auf den Glauben setzen wollen, daß der erste Liebeszauber ewig dauert, denen sage ich: „Trachtet eure Rosenromantik auf andere Weise zu finden, sucht sie nicht in der Ehe, ihr werdet, wenn euer Fall keine Ausnahme der Regel bildet, unvermeidlich einen schrecklichen Mißgriff tun! O, fragt mich nicht, wie ihr es machen sollt, aber erinnert euch dessen, was ich sage, und heiratet nicht, bis nicht die ruhige, gemäßigte, schöne und friedvolle Neigung, über die ihr jetzt spottet, in euren Augen ein Hafen des Friedens vor den Stürmen und Lasten des Lebens geworden ist, und das höchste Gut, das es euch bieten kann.“
Ein anderer Grund, warum die Neigungsehe am ehesten glücklich wird, ist, weil die gegenseitige Achtung einen so breiten Raum in ihr einnimmt, und wie ungeheuer wichtig diese in dem heiligen Ehestand ist, kann niemand wissen, bevor er heiratet. Ich werde über die außerordentliche Notwendigkeit der Achtung im Eheleben später noch mehr zu sagen haben.
[ II.] Warum Mann und Frau auseinandergeraten: Zwistigkeiten
„Man mag sagen, was man will: der Mann, der der Ehe ausweicht, ist ähnlich demjenigen, der vor der Schlacht davonläuft.“ R. L. Stevenson.
Wir haben über jene Typen von Ehen gesprochen, die von Anbeginn mehr oder weniger zum Mißraten verurteilt sind, und kommen jetzt zu den Ursachen, warum so viele Ehen unglücklich werden, bei denen augenscheinlich alle äußeren Umstände glücklich waren.
Ich glaube, es war Sokrates, der sagte: „Ob ihr heiratet oder nicht heiratet, ihr werdet es bereuen.“ Die Leute, die behaupten, daß die Ehe ein Mißgriff ist, scheinen aus den Augen zu verlieren, daß diese Form des Geschlechtslebens nicht des Glückes halber eingerichtet wurde, sondern um die Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen, und solange diese Bedürfnisse durch die Ehe befriedigt werden, muß die Institution als erfolgreich betrachtet werden, wie unglücklich auch viele Verheiratete sein mögen.
Wenn die Gründe, „warum Mann und Frau auseinandergeraten“ erschöpfend behandelt werden sollten, dann würde dieser Gegenstand einige hundert riesenhafte Bände füllen, ich glaube, eine ganze Bibliothek könnte mit Büchern über dieses Kapitel gefüllt werden. Seit Adam und Eva eine Auseinandersetzung über ihr Dessert hatten, haben Männer und Frauen immer gestritten und der demütige Philosoph, der sagte, daß „gewisse Leute so erbittert und regelmäßig stritten wie Mann und Frau,“ beschrieb nur einen Zustand, den die Gewohnheit ihm vertraut gemacht hatte.
Wie überhaupt im Leben, kommt es auch in der Ehe auf die kleinen Dinge an, und das gebrechliche Schiff ehelichen Glücks scheitert hauptsächlich an den unbedeutenden, kaum sichtbaren Felsen, an der kleinlichen Eifersucht, dem unscheinbaren Ableugnen, den kleinen Aufregungen, den kleinen Launen, den kleinen beißenden Worten, die nach und nach so viele kleine Löcher in die Steuerung bohren, daß zum Schluß ein nicht mehr gut zu machendes Leck entstanden ist, und das Schiff beim nächsten Sturm scheitert. Die großen Hindernisse verursachen einen größeren Krach, wenn man auf sie stößt, aber man kann sie von weitem sehen und glücklich an ihnen vorbeikommen.
Ein unglücklicher Ehemann, bei dem es gerade zur Trennung kommen sollte, (obzwar er zu jenen gehört, die aus „wahnsinniger Liebe“ geheiratet hatten) vertraute mir einst an, daß die erbittertsten und fürchterlichsten Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Frau immer wegen einer äußerst kleinlichen Ursache begonnen hatten, gewöhnlich, weil er ihre Kleider nicht bewunderte! Kann etwas kläglicher und abgeschmackter sein! „Warum“, fragte ich ihn, „wenn es Ihnen so darum zu tun ist, den Frieden aufrecht zu erhalten, wagen Sie denn irgend eine Kritik an den Kleidern?“ „Oh, ich gebe ja nie eine ab,“ war die Antwort. „Sie fragt mich um mein Urteil über ein neues Kleid, zum Beispiel, und wird böse, wenn es abfällig ist. Dann werde ich natürlich auch böse, ich bin ja kein Heiliger, und gleich kommt es zu Beschimpfungen und Worten, die wie Hiebe sitzen. Dann drücke ich mich für ein paar Tage, und dann ist natürlich der Teufel los, wenn ich wieder heimkomme, und es beginnt von neuem. Sehen Sie, der jetzige Streit hat ungefähr fünf Wochen gedauert, und im Anfang war es einfach nur deshalb, weil ich sagte, die Straußfeder auf ihrem Hute gefalle mir nicht!“
Noch ein Beispiel. Ich traf einst bei einem Rennen eine Schulfreundin, die ich seit langem aus den Augen verloren hatte, das letztemal als liebende und geliebte jung verheiratete Frau sah. Jetzt war sie sehr verändert und hatte harte und hagere Züge. Ich fragte nach dem Mann, der mir als strahlender Bräutigam in Erinnerung war.
„Oh, er ist den Weg aller Gatten gegangen,“ sagte sie mit einem Seufzer. „Er ist Lebemann geworden, meine Liebe.“
„Was Sie nicht sagen!“ rief ich erschrocken und bekümmert.
„Ja, er hat sich zum Lebemann herausgebildet und das hat unsere Liebe zugrunde gerichtet,“ war die zynische Antwort.
Es war allerdings so. Treue und Magenverstimmungen vertragen sich schlecht miteinander, und der Gatte meiner Freundin hatte sich eine gefährliche Fertigkeit angeeignet, sein Mittagessen ins Feuer zu werfen, wenn es ihm nicht schmeckte, eine allerdings das häusliche Glück nicht fördernde Gewohnheit.
Die Kost ist wirklich eine der Hauptquellen von Reibungen in der Ehe. Es klingt possenhaft, aber ich meine es ganz im Ernst. Die Kost, ihre Anordnung und Zubereitung und die daraus erwachsenden Kosten bedeuten eine der größten Tragödien im Dasein einer Frau. Die Zeit, die alles heilt, stumpft Gott sei Dank auch die Heftigkeit dieser Pein ab, und Matronen von ungefähr fünfzig Jahren sind imstande, der täglichen Bürde der Abfassung des Speisezettels mit einer gewissen Gleichgültigkeit entgegenzutreten. Aber für eine Frau, welche das kritische Alter noch nicht erreicht hat, das man charakteristischerweise mit der Bemerkung: „hm, gerade so alt wie alle andern, nämlich fünfunddreißig“ bezeichnet, ist dieser Faktor das größte Kreuz, während so mancher Braut die erste Zeit der jungen Ehe durch die schreckliche und stets wieder neu erstehende Notwendigkeit, die richtige Kost für ihren Lebensgefährten zu finden, total verdorben wurde. Die Männer machen sich lustig über die Frauen, weil ihr Lunch, wenn sie allein sind, oft aus einer Schale Tee und einem Ei besteht, aber die Frauen haben einen so angeborenen Haß gegen das Anschaffen, den sie wohl von einer langen Linie leidender weiblicher Vorfahren ererbt haben müssen, daß die meisten von ihnen lieber ganz vergnügt bis zum Ende ihrer Tage von Tee und Butterbrot leben möchten, als täglich der Notwendigkeit ins Auge zu sehen, über einen Speisezettel nachzudenken. Aus diesem Grunde glaube ich, daß vegetarianische Gatten besonders begehrenswert sind, da das Grundprinzip der Ernährungsreform die Einfachheit ist. Jene, welche darauf eingehen, erwerben eine ganz neue Anschauung von der Bedeutung der Ernährung und sind rührend leicht zufrieden zu stellen. Ich kenne eine Frau, deren Mann Vegetarier ist, und sie erklärte, daß die Ernährungsfrage, die einen so zerstörenden Faktor in den meisten Häusern bildet, ihr nie auch eine einzige Träne, ein Stirnrunzeln, ein böses Wort oder einen Wink eingebracht hätte. Sie versicherte mir, daß ihr Mann zum Frühstück mit einer Banane, zum zweiten Frühstück mit einem Kopf Salat, zum Mittagessen mit einer Dattel und zum Abendessen mit einer gesalzenen Mandel ganz zufrieden sein würde. Als das Haus aus Anlaß einer großen Abendgesellschaft auf den Kopf gestellt wurde und es nicht möglich war, das gewöhnliche Mittagessen zu bereiten, da aß dieser Engel von einem Gatten im Badezimmer Käsebrödchen anstatt des Mittagessens und war noch dazu sehr entzückt davon. Ich konnte es zuerst kaum glauben, aber es soll tatsächlich so gewesen sein.
Unter den vielen niedrigen Ursachen der Reibung in der Ehe bildet die verschiedene Empfindlichkeit gegen Temperaturen ganz gewiß eine sehr reiche Quelle von Zwistigkeiten. Wenn der eine bei offenem Fenster zusammenschaudert und der andere ein Freiluftfanatiker ist und nicht atmen kann, wenn es geschlossen ist, dann ist eine Kette von Unglücksmöglichkeiten die Folge davon. Ich glaube, es war Napoleons zweite Frau, Marie Louise, die sich, wenn sie wollte, ihren Gatten fernhalten konnte, bloß dadurch, daß sie ihre Gemächer kalt hielt. Dem großen Mann war es nur gemütlich in einem sehr heißen Zimmer mit einem flackernden Kaminfeuer.
Der Mangel an Humor, etwas sehr Bedauerliches, ist noch eines jener winzigen Felsenriffe, an denen das eheliche Glück so oft scheitert. Das ist ganz natürlich, denn die Abwesenheit dieser unschätzbaren Eigenschaft gehört zu den ärgsten Entbehrungen eines Reisenden auf der Fahrt durch das Leben. Unter den Männern ist die Überzeugung verbreitet, daß alle Frauen unter diesem Mangel leiden, aber ich glaube, wir können es uns leisten, ihnen diese Täuschung zu belassen, da sie ihnen so viel Befriedigung bereitet. Ich hatte einmal einen journalistischen Freund mit einer schrecklich unverdaulichen und außergewöhnlich betrübenden literarischen Gewohnheit. Dieser arme Teufel bildete sich ein, ein Humorist zu sein, und ich mußte oft das Vorlesen vieler Seiten voll trostloser und mühseligster Scherze über mich ergehen lassen, die er für ein Blendwerk an Witz und Geist hielt. Mein geduldiges, langmütiges Zuhören verschaffte meinem obgesagten mangelhaften Verständnis für Humor nur bitteren Hohn, aber meine Kritik inspirierte den jungen Mann zur Abfassung eines zynischen Artikels über „die Frauen und den Humor“, eines Artikels von jener Sorte, an der die Verleger — da sie Männer sind — Gefallen finden und daher schweres Geld dafür bezahlen.
Tatsache ist, daß das, was die Männer zumeist unterhält, die Frauen langweilt und umgekehrt. Aber es ist gewiß unlogisch, daraus abzuleiten, daß der Sinn für Humor bei den Frauen geringer ist als bei den Männern, oder daß er gar nicht besteht. Da jedoch diese scheinbar so unbedeutende Sache von solcher Bedeutung im ganzen Leben ist, gleichviel ob es in einem Palast, in einem Kloster, in einer Villa oder einem Arbeiterhaus dahinfließt, so glaube ich, eine Frau täte gut daran, Heiterkeit zu heucheln, wenn sie keine fühlt, mit ihrem Herrn und Gebieter zu lachen, selbst wenn sie die Pointe nicht versteht und sich nichts daraus zu machen, wenn er nicht mit ihr lacht.
Die Leute, die über die Ehe geschrieben haben, scheinen diesem wichtigen Punkt keine Bedeutung beigemessen zu haben. Stevenson bildet eine Ausnahme, er sagt: „Wenn die Leute über denselben Spaß lachen oder so manchen alten Scherz gemeinsam haben, der durch die Zeit nicht verblaßt und die Gewohnheit nicht flau wird, so wird das — mit Verlaub gesagt — eine bessere Vorbereitung für das gemeinschaftliche Leben sein, als so manche Dinge, die in der Welt einen edleren Klang haben. Man kann, wenn man will, Kant für sich allein lesen, aber einen Scherz muß man mit jemandem teilen.“
Und wirklich bildet ein gemeinschaftlicher Scherz, eine alte Anspielung, über die beide zu lachen gewohnt sind, ein mächtigeres Band als so manches tiefere Gefühl. Man erinnert sich an diese Kleinigkeiten noch lange, nachdem man die ergreifendsten Augenblicke der Leidenschaft, den atemraubenden Herzschlag und die stürmischen Umarmungen vergessen hat, die einst unsterbliche Erinnerungen zu geben versprachen. Alles, alles ist vergessen, aber der dumme kleine Spaß hat noch immer die Macht, Tränen in unsere Augen zu locken, wenn der eine, mit dem wir den Scherz durchlebt haben, für immer dahin ist.
Eine Menge Leute sind unglücklich, die mit einem anderen Gefährten oder einer anderen Gefährtin ganz glücklich geworden wären. „In der Ungleichheit der Temperamente liegt die Hauptursache des Unglücks in der Ehe. Mangelnde Harmonie der Geschmacksrichtungen macht viel aus, aber das Nichtzusammenpassen des Temperaments noch mehr“. Manches Paar paßt so lächerlich schlecht zusammen, daß man sich wundert, wie sie je davon geträumt haben können, das Glück beieinander zu finden. Daran sind wieder zumeist die unsinnigen konventionellen Sitten schuld, die das gegenseitige Kennenlernen der ledigen Männer und Frauen so sehr erschweren. Es ist jedoch in dieser Hinsicht während der letzten zehn oder zwanzig Jahre um soviel besser geworden, daß wir nicht murren sollten; aber selbst jetzt, wenn ein Mann dem Beisammensein mit einem Mädchen den entschiedenen Vorzug gibt, wird sein Name in einer Weise mit dem ihren verknüpft, die einen jungen, aller Eheabsicht ermangelnden Mann in Unruhe zu versetzen geeignet ist. Jene Reliquie aus alten Zeiten, der nach den „ernsten Absichten“ fragende Verwandte, ist durchaus nicht ausgestorben, und so manche vielversprechende Freundschaften, die vielleicht in einer glücklichen Ehe geendet hätten, sind durch das plumpe Eingreifen dieses barbarischen Verwandten verdorben worden.
Ein mir befreundeter Rechtsanwalt — nennen wir ihn Anthony — versuchte einst aus Berufsrücksichten, sich einem töchterreichen Gerichtsrat angenehm zu machen. Da er sehr schlau war, wählte er für seine Aufmerksamkeiten eines der Mädchen, die noch in der Schulstube steckten, und entging so der Notwendigkeit, ihren ältern und heiratsfähigen Schwestern ein besonderes Interesse zu zeigen. Sein vertrauter Verkehr in der Familie machte gute Fortschritte, und der Vater wurde ihm ein sehr nützlicher Chef. Jedoch entdeckte er mit der Zeit zu seinem Mißvergnügen, daß seine kleine Freundin Amaryllis herangewachsen war und er in der Familie als ihr besonderes Besitztum betrachtet wurde. Nun übertrug er rasch seine Anhänglichkeit auf Aphrodite, das damals jüngste Schulmädchen der Familie, und dadurch rettete er sich vor den Verpflichtungen gegen Amaryllis, wahrte sich aber doch gleichzeitig die wertvolle Freundschaft des Vaters. In einer unglaublich kurzen Zeit war jedoch Aphrodite auch heiratsfähig, und die Familie erwartete neuerdings, sich Anthony als ständiges Familienmitglied zu sichern. Er führte wieder dasselbe Manöver aus und wählte diesmal die kleine Andromeda, die direkt ein Kind aus der Kinderstube war. Obzwar die Familie enttäuscht war, hegte sie noch Hoffnungen und so gingen die Jahre friedvoll dahin, brachten einige Schwiegersöhne mit sich und eine Menge Bonbonnièren für die harmlose Andromeda. Als jedoch auch diese heranwuchs, fürchtete der schlaue Anthony, daß seine einträgliche Freundschaft nun unvermeidlich ein Ende haben müsse, da die einzige übrigbleibende Tochter schon das gefährliche Alter von fünfzehn Jahren erreichte und überdies den unsympathischen Namen Anactoria trug.
Eine lange Freundschaft und eine kurze Verlobung sind vielleicht die beste Zusammenstellung. Eine lange Verlobung gehört zu den gefährlichsten Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die man sich denken kann. Für die Frau bedeutet sie die Nachteile der Ehe ohne deren Reiz eines ruhevollen Abschlußstadiums oder irgendwelche Vorteile der Welt gegenüber. Für den Mann wieder bedeutet sie die Lästigkeit des Ehejochs ohne seine Befriedigung und sein Behagen. Wirklich, für den Mann ist eine lange Verlobung besonders hart, da der Frau wenigstens die Last der Anordnung der Speisen und der Beschäftigung mit der Dienerschaft erspart bleibt. So manche wahre Neigung ist schon durch die Einschränkungen und Aufreibungen einer langen Verlobung zugrunde gerichtet worden. So manche echte Leidenschaft ist in ihrem trüben Lauf versandet, bis nur ein schwacher Schimmer der großen Flamme übrig blieb, um das Eheleben zu erhellen, und Mann und Frau das Zeichen der niedergehaltenen Glut tragen, welche unter glücklicheren Umständen zu freudigem Genießen geführt hätte. Auch ihren Kindern fehlt es oft an Lebenskraft, und man merkt ihnen an, daß die Glut erlosch, bevor sie gezeugt wurden.
Ich weiß nicht, wer zuerst das Wort von der „schrecklichen Intimität des Ehelebens“ geprägt hat. Es ist gewiß ein richtiger Ausdruck, und man möchte wissen, zu welcher Zeit der Geschichte der Menschen man begonnen hat, diese Intimität „schrecklich“ zu finden. Es klingt wie eine recht moderne Klage, und man fühlt, daß sie nicht von unseren Großmüttern geäußert wurde, die ihre Gatten als eine Art sichtbare Verkörperung des Willens des Herrn betrachteten und dementsprechend verehrten. Es würde ihnen nie beigekommen sein, das lästig zu finden, was Mrs. Lynn Linton die „enge Stubenabgeschlossenheit des englischen Heims“ nennt.
Es ist viel über die Herabwürdigung der Liebe durch die Gewohnheit gesprochen worden, und Alexander Dumas beurteilt die ganze Frage erschöpfend in einem kristallklaren Satz: „Wo in der Ehe Liebe ist, tötet die Gewohnheit sie; doch wo keine ist, da ruft sie sie wach.“ Das ist durch und durch wahr und für jede Leidenschaft, welche die Gewohnheit ertötet hat, hat sie wohl umsomehr echte Neigungen hervorgerufen.
Der Plan der Sparter, den Eheleuten nur verstohlene Zusammenkünfte zu gestatten, zeigt ein scharfes Verständnis für die menschliche Natur und hat viel für sich, wenn es sich darum handeln sollte, die Zeit der Leidenschaft zu verlängern. Aber wir haben es nicht mit der Leidenschaft zu tun, sondern mit der gewöhnlichen Zuneigung zwischen Leuten, die unter den erschwerenden Verhältnissen der modernen Ehe zu leben haben, und in diesen Verhältnissen muß man, was die durch die Gewohnheit hervorgebrachten Wunder anbetrifft, mit Dumas übereinstimmen.
Wenn die Leute es nur anerkennen wollten: die Gewohnheit ist der Kitt, der das Gebäude der Ehe zusammenhält. Wenn nur die leichteste Grundlage gegenseitiger Harmonie gegeben ist, so wird einem im Lauf der Jahre der Gefährte ganz unentbehrlich, und zwar nicht wegen seines Zaubers und der Liebe, die wir für ihn hegen, sondern einfach, weil er oder sie ein Teil unseres Lebens sind. Darum halte ich die Politik der steten Trennung für töricht. Sie basiert wohl auf der irrtümlichen Annahme, daß die Abwesenheit zärtlicher macht. Dort, wo die Grundlage gegenseitiger Harmonie nicht besteht, mag es richtig sein. Und wenn zwei Leute sich nicht mögen und schlecht miteinander auskommen, kann eine kurze Trennung dazu dienen, die Spannung zu lösen und sie mit dem Vorsatz zurückzuführen, in Zukunft die Dinge ruhiger zu nehmen; aber dort, wo eine Neigung besteht, scheint mir die Trennung ein Mißgriff. Man gewöhnt sich, ohne einander zu leben, und jene verbindende Kette kleiner täglicher Vertraulichkeiten, oft wiederholter Späße, teuer gewordener Gewohnheiten ist für eine Zeit entzweigerissen, und es ist nicht leicht, sie wieder zusammenzufügen. Meine Freundin Miranda sagte mir vor einiger Zeit: „Wenn Lysander einen Tag von mir weg war, habe ich ihm bei seiner Rückkehr eine Menge Sachen zu erzählen — aber wenn wir einen Monat getrennt waren, fällt mir absolut nichts ein, was ich ihm sagen könnte.“
Ich glaube de la Rochefoucauld sagt: „Die Trennung vertieft große Leidenschaften und vermindert kleine, gerade wie der Wind die Kerze auslöscht und das Feuer anfacht.“ Das ist vom literarischen Standpunkt aus sehr fein gesagt, aber ist es auch wahr? Meine Erfahrung sagt mir: nein. Während der Abwesenheit scheint dieses Aphorisma allerdings wahr zu sein. Die Enttäuschung kommt erst beim Wiedersehen. Wer erinnert sich nicht an jene erste Trennung von dem Geliebten, die zahllosen Briefe, die endlosen Gedanken, die unaufhörliche Sehnsucht und die unerschöpflichen Pläne für das herrliche Wiedersehen. Was für ein Wiedersehen das werden soll! Wie verweilt man in Gedanken bei der ersten lieblichen Freude, durch den Blick begehrt zu werden; bei der noch lieblicheren des Händedrucks und bei der lieblichsten von allen: wenn ein herrlicher Kuß die Lippen verschließt und die Umarmung nicht enden will, in deren Seligkeit alle Traurigkeiten der Trennung versinken sollen — und ach! Gelächter der Hölle! wie ganz anders ist es in Wirklichkeit! Was für eine abscheuliche Enttäuschung ist das Wiedersehen! Wie anders sieht der Liebste aus als in unseren leidenschaftlichen Träumen; seine Haare sind schon viel zu lang; seine Stiefel gefallen uns nicht; seine Krawatte ist nicht nach unserem Geschmack; seine Art zu sprechen gefällt uns gar nicht; in seinem Kuß ist kein Beben; seine Bemerkungen sind langweilig; seine Anwesenheit reizt einen: kurz und gut, wir haben uns daran gewöhnt, ohne ihn zu sein, und so erscheint uns nichts recht, was er tut. Armer Geliebter! Dachtest du dasselbe von uns? Bist du auch enttäuscht? Sagtest du dir auch: „Wie müde sie aussieht! Bei Gott, sie bekommt ein Doppelkinn! Ich dachte, rosa steht ihr gut! Was hat sie mit ihrem Haar angefangen? Ihre Stimme klingt schärfer. Warum lacht sie so? Ihre Zähne gefallen mir nicht. Bei Gott, sie ist häßlich!“ Kurz und gut, „er hat sich auch daran gewöhnt, ohne uns zu sein.“ Wenn die Gatten das einmal durchgemacht haben, dann gerät das Schiff ‚Eheglück‘ in gefährliche Strömungen, aus denen die Gefahr des Schiffbruchs drohend emportaucht.
Aber es ist ebenso verhängnisvoll, in das andere Extrem zu verfallen, und ich gebe jener Schriftstellerin (wie heißt sie?) ganz recht, die sagte, daß es in keinem Haus gut gehen könne, wenn die männlichen Mitglieder der Familie nicht mindestens täglich sechs Stunden auswärts sind, ausgenommen Sonntag. Ich bedaure jene Frau tief, deren Gatte durch seinen Beruf oder in Ermanglung eines solchen den ganzen Tag zu Hause ist. Wenn man außer seinem Frühstück und seinem Mittagessen noch seinen Lunch zusammenzustellen und anzuschaffen hat, so muß schon das eine harte Prüfung sein. Schon aus diesem Grunde — und noch so manchem anderen — sollte eine Frau nie einen Mann heiraten, der nicht irgend etwas zu tun hat. Wenn er keinen Broterwerb hat, der ihn aus dem Bannkreis der weiblichen Tätigkeit täglich für einige Stunden entfernt, dann muß er eine Passion haben oder eine Spielmanier oder sonstige, ihn in Anspruch nehmende Pflichten, die demselben Zweck dienen. Wo das nicht der Fall ist, da muß die Frau von übermenschlicher Güte sein und unendliche Liebe, Takt und Geduld besitzen, wenn beide glücklich miteinander leben sollen.
Dasselbe gilt auch für die Frauen, obzwar es nicht allgemein anerkannt ist. Ich bin davon überzeugt, daß eine große Anzahl der Ehen des Mittelstandes bloß deshalb unglücklich werden, weil die Frau nicht genug zu tun hat. Da sie genug Dienerschaft hat, so nehmen ihre Wirtschaftspflichten einen sehr kleinen Teil ihrer Mußestunden in Anspruch, und wenn die Kinder in der Schule sind (oder sie hat vielleicht keine), dann hat sie nichts Absorbierenderes zu tun als Romane zu lesen und Besuche zu machen. Die Folge davon ist, daß die einen ihre Nerven beobachten und halbinvalide Neurasthenikerinnen werden; die anderen sich für das männliche Geschlecht interessieren und ihre freie Zeit mit unerwünschten Liebeleien ausfüllen; daß die dritten sich Launen, melancholischen Stimmungen oder eifersüchtigen Phantasien hingeben usw. — und alle sind sie bloß aus Mangel an genügender Beschäftigung untauglich geworden, die richtige Lebensgefährtin des Mannes zu sein.
[ III.] Das Heiratsalter
„Das Merkwürdige für mich ist nicht, daß so viele Leute unverheiratet bleiben, sondern, daß sich so viele in die Ehe stürzen, wie sie auf eine Bahnstation losstürzen würden, um einen Zug zu erreichen. Wenn man den falschen Zug erwischt, was dann? Alles, was einem zum Troste bleibt, ist die Tatsache, daß man gereist ist.“ Robert Hichens.
Eine große Zahl unglücklicher Ehen könnte vermieden werden, wenn die Leute das richtige Heiratsalter finden könnten. Da es bei jedem Individuum ein andres ist, kann man unmöglich eine Regel darüber festlegen. Manche Männer sind imstande, mit zweiundzwanzig Jahren eine gute Wahl zu treffen, andere wieder kennen sich selbst nicht einmal, wenn sie doppelt so alt sind. Manche Mädchen sind schon unter zwanzig Jahren für den Ehestand und die Mutterschaft geeignet, andere sind es nie.
Im Interesse der abstrakten Moral sind frühe Heiraten wünschenswert, und in England tut das Gesetz alles, was es nur kann, um sie zu ermuntern. In Frankreich wird die Erhaltung der Familienautorität als hochwichtig betrachtet, und das Gesetz versucht augenscheinlich, frühe Verbindungen durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern, unbekümmert um den hohen Prozentsatz der unehelichen Geburten, welche die direkte Folge davon ist[1].
Im allgemeinen sollte keine Frau heiraten, ehe sie nicht etwas vom Leben versteht, eine Menge Männer kennen gelernt hat, eine gewisse Kenntnis der Physiologie und ein klares Verständnis des wirklichen Wesens der Ehe gewonnen hat. Keine Frau sollte heiraten, ehe sie nicht den Wert des Geldes und die Führung des Haushalts kennen gelernt hat, ehe sie nicht genügend jugendliche Heiterkeit erfahren hat, und so vorbereitet ist für die ernsteren Dinge des Lebens. Nicht früher ist sie geeignet, in der Einförmigkeit der Ehe glücklich zu sein, und ihr Herz der Notwendigkeit der Treue für einen Mann, in Gedanken ebenso sehr als in der Praxis, anzupassen. Auch der Mann ist, im großen und ganzen genommen, nicht geeignet, sich glücklich zu verheiraten, ehe er nicht genügend vom Leben gesehen, sich eine Philosophie ausgearbeitet, und eine tüchtige Kenntnis der Frauen sowie das daraus folgende Verständnis erworben hat, wie man eine Frau glücklich macht. Das ist nicht so leicht geschehen, wie die Männer glauben, und es verlangt Lehrzeit. Wenige Männer unter dreißig sind geeignet, eines Weibes Hort zu sein, und der Himmel bewahre ein Mädchen vor einem jungen Gatten, der noch ein Bengel ist. Gewiß wird sie herrliche Augenblicke haben, denn es liegt etwas Berauschendes in der Glut sehr junger Herzen, und darum finden wir die Ehen zwischen Jünglingen und ganz jungen Mädchen so reizend — in der Theorie. Manchmal, wenn es sich um ein Ausnahmspaar handelt, das besonders gut zueinander paßt, ist so eine Ehe auch wirklich reizend, und dann ist es die schönste Ehe, die man sich denken kann: zwei junge Leute, Hand in Hand die Lebensreise antretend, tapfer, liebend, von den höchsten Hoffnungen geschwellt. Aber gewöhnlich ist die Herrlichkeit nur auf Augenblicke beschränkt; junge Mädchen sind zumeist seicht und leichtfertig. Sehr junge Männer sind oft schrecklich egoistisch und rücksichtslos. Sie sind so stolz darauf, der einzige Besitzer eines reizvollen Weibes zu sein, daß ihre Einbildung, die immer groß ist, zu ungeheuerlichen Proportionen anschwillt, und sie einfach unerträglich werden. Wenn für das junge Paar trübe Tage kommen sollten, hat der knabenhafte Gatte keine Philosophie, um sich aufrecht zu erhalten, keine Kenntnis der Frauen, die ihn befähigen könnte, seine Frau zu verstehen und mit ihr glücklich zu leben, und nicht genug Selbstbeherrschung, um ihr zu helfen. Sie hat dieselben Fehler der Jugend, und das Resultat ist das Fehlschlagen der Ehe. Stevenson drückt das sehr gut wie folgt aus: „In die Schule könnt ihr gut mit bloßen Hoffnungen gehen, aber bevor ihr heiratet, solltet ihr Euch die vielfältigen Lehren, die das Leben gibt, angeeignet haben.“ Andererseits sagt Grant Allen, „daß die besten Männer sozusagen verheiratet auf die Welt kommen“, und daß nur der egoistische, niedrige und berechnende Mann mit dem Heiraten wartet, bis er eine Frau erhalten kann. „Diese gemeine Phrase bemäntelt kaum verborgene Untiefen von Sittenverderbnis“, fährt er fort. „Der richtige Mann klügelt nicht mit sich selbst über alle diese Dinge. Er sagt nicht mit selbstsüchtiger Kälte: ‚Ich kann eine Frau nicht erhalten‘ oder: ‚Wenn ich heirate, verderbe ich mir die ganze Zukunft‘; er fühlt und handelt. Er paart sich wie der Vogel, weil er nicht anders kann.“
Ich muß sagen, daß jene jungen Männer, die nicht denken, sondern nur fühlen und handeln, meiner Ansicht nach kaum zum höchsten Typus gehören, und daß, wenn es allgemein als Zeichen edler Natur anerkannt würde, sich zu paaren wie die Vögel, die Adelsnaturen gewiß viel weniger selten wären, als sie es heutzutage sind.
[1.] Im Jahre 1903 war ein Zehntel aller in Frankreich geborenen Kinder unehelich, in Paris allein war der Prozentsatz noch weit höher, ungefähr 1 auf 4.
[ IV.] Das „Sichausleben“ für Frauen
„Nichts, was zu sagen der Mühe wert ist, ist schicklich.“ G. Bernard Shaw.
„Ich glaube nicht an die Existenz der puritanischen Frauen. Ich glaube nicht, daß es eine Frau in der Welt gibt, die sich nicht ein bißchen geschmeichelt fühlen würde, wenn man ihr den Hof macht. Das eben macht die Frauen so unwiderstehlich reizend.“ Oscar Wilde.
Sollte es irgendwelche Leser geben, deren Feinfühligkeit bei diesen Zitaten verletzt würde, dann werden sie ergebenst gebeten — nein es wird ihnen befohlen — nicht weiter zu lesen. Und sollte es welche geben, deren Empfindlichkeit schwankt, ohne jedoch einen direkten Stoß erlitten zu haben, dann werden sie liebevoll — nein flehentlichst — ersucht, einige Male das obige Zitat aus Shaws unsterblicher „Candida“ zu lesen, sich dann aufzuraffen und den Sprung zu wagen. Ich kann ihnen versprechen, daß es nicht halb so schrecklich sein wird als sie hoffen
, ja, daß die ausgesprochene Schicklichkeit dieser Zeilen sie wahrscheinlich bitter enttäuschen wird. — Es ist merkwürdig genug, daß die Frauen, obgleich sie mehr als die Männer zu heiraten bestrebt sind, und alles in ihrer Macht stehende tun, um das zustande zu bringen, wogegen die Männer sich oft sträuben, — trotz allem in der Ehe gewöhnlich am unzufriedensten sind. In den letzten Jahren ist ein seltsamer Geist der Unruhe über die verheirateten Frauen gekommen, und sie rebellieren häufig gegen Bedingungen, über die zu murren unseren Großmüttern nie im Traume eingefallen wäre. Es gibt eine Menge Gründe dafür: der eine ist, daß die Ehe die Erwartungen der Frau sehr enttäuscht (wie ich in dem einleitenden Kapitel sagte). Ein anderer, daß sie sich nicht nach Frauenart ausleben können. Ich bitte genau die gesperrt gedruckten Worte „nach Frauenart“ zu beachten und mich freundlichst nicht mißverstehen zu wollen. Ich bin nicht dafür, daß die allgemein den Männern zugebilligte Freiheit auch auf die Frauen ausgedehnt wird.
„Das Sichausleben“ dieser Art, anders gesagt, ein vorehelicher „Freiheitsrausch“, war gewiß keine Notwendigkeit für unsere Großmütter. Aber ein gewisser, ziemlich zahlreicher Typus moderner Frauen scheint bessere Gattinen abzugeben, wenn sie dieses Stadium hinter sich haben. Nehmt z.B. die Fälle von Yvonne und Yvette, die ich beide persönlich kenne. Yvette verlobte sich mit achtzehn Jahren und heiratete mit einundzwanzig, im Alter von sechsundzwanzig Jahren war sie Mutter von vier Kindern. Sie hatte kaum Zeit gehabt, die Jugend zu erkennen und zu genießen, ehe ihre Mädchenhaftigkeit unter den Verantwortlichkeiten der Ehe und der Mutterschaft erstickt wurde. Sie hatte ihren ersten Bewerber genommen, und er war wirklich der einzige Mann, von dem sie irgend etwas wußte. Außer ihm hatte sie nichts von den Männern oder der Welt gesehen. Sie hat gewiß nie geflirtet oder Freunde gehabt, und keine andere Bewunderung genossen als die ihres Bräutigams.
Mit sechsundzwanzig Jahren begann Yvette zu erkennen, daß sie um einen sehr kostbaren Teil ihres Lebens und eine unschätzbare Erfahrung betrogen worden war. Obzwar sie eine recht glückliche Gattin und eine hingebungsvolle Mutter war, fühlte sie, daß sie diese Genüsse ebensosehr wie die häuslichen Freuden hätte haben können, und diese Erkenntnis empörte sie.
In ihr Herz schlich eine gefährliche Neugier und eine noch gefährlichere Sehnsucht nach Abenteuern und Erregungen. Sie erkannte, daß es auch noch andere Männer als Markus gab, die sie bewunderten, und daß sie noch eine ganz hübsche und junge Frau war. Mit dreißig Jahren war Yvette eine Meisterin in der Kunst der Intriguen, hatte einige gefährliche Herzensaffären eingefädelt und hätte großen Kummer heraufbeschworen, wenn nicht Markus ein besonders kluger, zärtlicher und verständnisvoller Gatte gewesen wäre.
„Nicht, daß ich ihn nicht zärtlich liebe“, vertraute sie mir, als sie sich entschloß, einen anderen Weg zu betreten, „ich möchte ihn nicht für irgend jemand in der Welt hergeben, und du weißt, was die Kinder mir sind, aber dennoch brauche ich auch etwas anderes, etwas Erregendes. Ich spüre, daß ich in meinem Leben keine Lustigkeit gehabt habe, und ich möchte mich gerne ein bißchen austoben, bevor es zu spät ist. Als ich mich verlobte, hatte ich kaum mit jemand anderem getanzt als mit Markus, und in den ersten vier Jahren meiner Ehe bekam ich alle achtzehn Monate ein Kleines. Es gab nichts als kleine Kinder, das eine zu säugen, für das Neuankommende bereit zu sein. Ich hatte ja nichts dagegen, aber die Reaktion mußte kommen, und sie kam. Wenn ich nur dieses Erregende und die Heiterkeit und den Zauber zuerst hätte haben können und dann mit ungefähr fünfundzwanzig Jahren geheiratet hätte, dann wäre ich ganz zufrieden geworden wie Yvonne.“
Yvonne hatte sichs wohl besser eingerichtet. Das Schicksal bewahrte sie davor, sich zu früh zu verlieben. Sie hatte immer eine Schar von Verehrern und konnte so die Macht ihrer Weiblichkeit vollauf genießen. Sie reiste, schloß wunderbare Freundschaften mit beiden Geschlechtern, lernte die Welt kennen und bildete sich eine Weltanschauung. Als sie mit neunundzwanzig Jahren heiratete, hatte sie genug von den anderen Männern gesehen, um zu wissen, welchen Mann sie für sich brauchte, und genug Erregung gehabt, um den Frieden und die Ruhe in der Ehe zu schätzen.
Die Geheimnisse vieler Frauen lasten schwer auf meiner Seele, während ich dies schreibe, und so manche Frau, die ernsten Anlaß zu Gewissensbissen hat, vertraute mir, daß nur diese verhängnisvolle Sehnsucht nach Erregung ursprünglich ihr Verderben verursachte. Ich werde meinen Sohn lehren, ja nur eine Frau zu heiraten, die die Periode des „Sichauslebens“ hinter sich hat oder eine von jenem altmodischen Typus, die das „Sichausleben“ nicht braucht. Bei dem modernen Temperament muß es früher oder später kommen, und wie weit das moderne Temperament sich entwickelt haben wird, bis der Sohn meines Sohnes heiratsfähig ist, das wissen die ironischen Götter allein!
Junggesellen, merkt es Euch. Eine Frau der Neuzeit, die in der halben Welt herumgekommen ist und so manches erlebt hat, wird eine viel bessere Gattin, eine liebevollere Freundin und ein treuerer Gefährte sein, als jene Mädchen, die einander so ziemlich gleichen, deren erste Erfahrung Ihr seid und die enorme Ansprüche an Eure Liebe und Geduld stellen. Ihr werdet vielleicht sogar ein auf Romanlektüre gegründetes Ideal verwirklichen müssen, und das wird Euch sehr lästig fallen, liebe Freunde! Die erfahrene Frau kennt die Männer gründlich, sie erwartet nicht mehr von Euch, als Ihr ihr geben könnt. Sie wird Eure Tugenden aufs Höchste schätzen und sich so gut als möglich mit Euren Untugenden abfinden. „Aber sie hat so schrecklich geflirtet“, sagt Ihr. Gut. Um so besser. Dann ist es wahrscheinlicher, daß sie es nach der Verheiratung nicht tun wird. „Aber zum Teufel mit allem anderen — sie ist von anderen Männern geküßt worden“, wendet Ihr ein. Ganz gut, dann hat sie kein Bedürfnis nach weiteren Erfahrungen dieser Art und wird ihre Lippen nie wieder einem anderen Mann bieten, sobald sie die Eure geworden ist. „Wie können Sie dessen sicher sein?“ „Ja, das gehört zu dem großen Risiko der Ehe. Wie kann denn sie sicher sein, daß Ihr euer letztes Verhältnis hattet?“ . . . Oh, mein Lieber, Ihr macht mich wirklich böse; um Himmelswillen, trachtet von den konventionellen Vorstellungen von Recht und Unrecht loszukommen. Beurteilt einmal die Dinge für Euch selbst und sagen wir, wie sie auf dem Boden eines speienden Vulkans erscheinen würden! . . . Alle Dinge, um derentwillen wir so viel Aufhebens machen, würden zweifelsohne rasch in ihrem wahren Lichte erscheinen, wenn wir sie von dieser gefährlichen Lage aus betrachteten.
Und selbst in den traurigen Fällen, wo eine Frau wirklich im männlichen Sinne des Wortes „sich ausgelebt“ hat, wie anders würden uns die kleinen sittlichen Regeln und Gesetze, die wir für solche Gelegenheiten bereithalten, angesichts eines plötzlichen, gewaltsamen Todes erscheinen! Ich hörte vor kurzem folgende sehr traurige Geschichte. Ein Mann war knapp dem Ertrinkungstode entronnen, kurz nachdem er seine Verlobung mit einem von ihm aufrichtig geliebten Mädchen rückgängig gemacht hatte, als sie ihm gestand, daß sie vor vielen Jahren den Bestürmungen eines leidenschaftlichen Liebhabers einmal nachgegeben hatte. Ich weiß nicht, was er in dem schrecklichen Augenblick empfunden hat, als das Wasser über ihm zusammenschlug und er jenes entsetzliche Ringen nach Luft durchmachte, das von jenen, die es kennen lernten, als die fürchterlichste Empfindung geschildert wird. Augenscheinlich fielen ihm durch den Umstand, daß er mit knapper Not dem Tode entronnen war, die Schuppen von den Augen, und er befreite sich von der konventionellen Meinung, die ihn bis dahin geblendet hatte. Anstatt sich als einen tief gekränkten Mann zu betrachten, erkannte er, daß er sich gegen das unglückliche Mädchen schrecklich benommen hatte, und sie auf diese Weise durch sein Geschlecht doppelt gekränkt worden war. Er suchte sie auf und bat sie, ihn wieder anzunehmen, aber sie war eine zu gescheite Frau und weigerte sich, sich einem Manne von so engen Ansichten und so hartem Urteil anzuvertrauen.
Diese Behandlung steigerte seine Liebe natürlich ins Tausendfache. Sie quälte ihn Tag und Nacht und zum Schluß gewannen seine verzweifelten Bitten die Oberhand, und sie gab nach. Ihre Ehe wurde keine glückliche, wie man sich’s denken kann. Sie hatten einander wahnsinnig geliebt, und das Gespenst dieser erloschenen Leidenschaft reckte sich unsichtbar zwischen ihnen empor und vergiftete ihre Freude aneinander. Nach einer Zeit verfiel die Frau in tiefe Melancholie und ließ sich von einer geringfügigen Krankheit so überwinden, daß sie daran starb.
Als sie starb, soll sie zu ihrer treuen Freundin gesagt haben: „Wenn du je einer anderen Frau begegnest, die einen kleinen Fehltritt begangen hat — etwas, was ihr damals so natürlich und unvermeidlich erschien, daß es gar keine Sünde war — dann sage ihr, daß sie es nie, nie dem Manne, den sie heiraten wird, gestehen soll, am allerwenigsten, wenn sie ihn liebt. Wenn das Geständnis sie nicht ganz trennt, dann wird es immer zwischen ihnen sein. Man legt es ab in dem Bestreben, aufrichtig zu sein, aber es ist der schrecklichste Irrtum, den eine Frau begehen kann.“
Ihr Bestreben, aufrichtig zu sein, hatte diese arme Frau nicht nur das Glück ihres ganzen Lebens und ihr Leben selbst gekostet, sondern auch das Glück des geliebten Mannes, in dessen Interesse sie das so schwere Geständnis gemacht hatte. „Wie teuer habe ich es bezahlt! Wie teuer habe ich es bezahlt!“ pflegte sie immer und immer wieder während ihrer letzten Krankheit zu sagen.
Das ist eine völlig wahre Geschichte, und es scheint mir eine schreiende Ungerechtigkeit, daß eine Frau so bitter für das leiden muß, was bei einem Manne gar nicht beachtet würde. Ich bin sicher, daß es viele ähnliche Fälle gibt, und ich erkläre nachdrücklichst, daß solche Geständnisse schädlich sind. Der konventionell denkende, in solche Umstände versetzte Mann würde entweder eine Frau stehen lassen oder sie gegen seine Überzeugung heiraten. Das außergewöhnliche männliche Sittengesetz, das aus verschiedenen Gründen über mein weibliches Fassungsvermögen geht, erkennt nicht an, daß ein Mädchen, das einen Geliebten hatte, oder auch nur einen Fehltritt machte, geeignet ist, geheiratet zu werden, und trotzdem hätte kein Mann etwas dagegen, eine Witwe zu heiraten und sehr viele Männer heiraten auch geschiedene Frauen.
Selbst, wenn es sich um einen selten großmütigen, einsichtigen und verständigen Mann handelt, der das Vergehen richtig einschätzt, würde eine Kenntnis desselben nur störend wirken und eine Quelle von Unsicherheit für das eheliche Glück bilden. Mit einem Wort: das Geständnis kann von keinerlei Nutzen sein und die Erleichterung, welche es, gemäß dem Sprichwort, dem Sünder verschaffen soll, würde um einen sehr hohen Preis erkauft sein.
„Aber zwei ungerechte Handlungen können nicht eine gerechte hervorbringen, und es kann gewiß für eine Frau nicht das Rechte sein, den Mann über einen so ausschlaggebenden Punkt zu täuschen“, wird der strenge Moralist ausrufen. Möglicherweise nicht, nach dem streng-idealistischen Standpunkt der Ethik; aber vom höheren Standpunkt des Lebens und des gesunden Menschenverstandes aus gesehen erscheint diese Täuschung nur ratsam. Und seien Sie sicher, mein verdrießlicher Moralist (denn ich bin sicher, daß Sie ein verdrießlicher Mensch sind), daß die Sünderin nicht so leichten Kaufes davon kommen wird, wie Sie es zu fürchten scheinen. So mancher Stich wird ihr zuteil werden, denn die Erinnerung ist ein starkes Gift, und jeder Ausdruck der Liebe und des Vertrauens ihres Mannes wird für sie seinen eigenen Stachel haben, während die runden unschuldigen Augen der sie vergötternden kleinen Kinder, für die sie ein Wesen ist, das nie unrecht tun kann, die geeignete Strafe für ein noch weit größeres Vergehen sein würde. Der Mann dagegen wird aller Wahrscheinlichkeit nach durch das Schweigen der Frau nur gewinnen; denn er ist ihr gewiß doppelt teuer, eben weil der erste Mann sie schlecht behandelte, und sie wird vielleicht eine bessere Gattin, eine stärkere und sanftere Frau, eine tüchtigere Mutter sein, eben wegen der Leiden, die sie durchgemacht hat.
Hoffentlich werden wir nun übelwollende Dummköpfe nicht die verderbenbringende Lehre unterschieben, daß eine Frau mit einer Vergangenheit die beste Gattin sei. Ich bin nur der Ansicht, daß eine brave Frau, die sich einem stürmischen Liebhaber ergeben hat und nachher von ihm verlassen worden ist, notwendigerweise soviel durchgemacht hat, daß ihr Charakter dadurch vertieft und ihre Fähigkeit, treu zu lieben, gesteigert wurde. Und eine andere als wahr erkannte Tatsache ist es, daß es seelischer Leiden bedarf, um die besten Eigenschaften der Frauen zur Blüte zu bringen.
Auch die Männer sollten die Einzelheiten ihrer Periode des „Sichauslebens“ streng für sich behalten. Im Eheleben muß es Geheimnisse geben, und die glücklichsten Paare sind jene, die sie zu hüten wissen. Ein sehr gutes Motto für junge Verlobte wäre das des Tom Broadbent in John Bulls „Die andere Insel“: „Erzählen wir uns nichts; vollkommenes Vertrauen, aber keine Erzählungen aus der Vergangenheit; so vermeidet man am besten Mißhelligkeiten!“
[ V.] Einige Worte für eine vernünftigere Mädchenerziehung
Wenn die Mädchen in bezug auf geschlechtliche Dinge vernünftiger erzogen wären, würde es weit weniger unglückliche Frauen in der Welt geben, und weniger Männer würden dazu getrieben werden, ihr Glück außerhalb des Heims zu suchen. Wenn man den Mädchen, sobald sie in die geeigneten Jahre kommen, die elementarsten Umrisse der Lebensbedingungen beibringen würde, anstatt sie wie es jetzt geschieht, in der äußersten Unwissenheit zu lassen, dann würden die außerordentlich falschen Anschauungen über das Geschlecht, die sie jetzt überall auflesen, nicht mehr vorwalten, und viel Kummer könnte so vermieden werden. Jetzt wird den Mädchen schweigend zu verstehen gegeben, daß das Geschlechtsthema abstoßend ist und sich nicht eignet, von ihnen in Betracht gezogen zu werden, und daß die Geschlechtsfunktionen widerwärtig, obgleich notwendig sind. Ich schreibe absichtlich schweigend, denn den meisten Mädchen wird nicht das Geringste über diesen Gegenstand gesagt. Es ist wirklich merkwürdig, wie die Vorstellungen ihnen ohne Worte beigebracht, aber dennoch auf irgendeine Weise eingeimpft werden, und es ist schwer zu verstehen, wie die Mütter diese Unterweisungen mit ihrem offenkundigen Wunsch vereinigen, ihre Mädchen zu verheiraten. Das heutzutage den Mädchen gegenüber aufrecht erhaltene Ideal ist offenbar das geschlechtslose Schicksal der Diana — nicht bloß Keuschheit, sondern Unfruchtbarkeit.
Die meisten jungen Mädchen kennen von früher Jugend auf die gesellschaftlichen Vorteile und die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe und wachsen mit dem lebhaften Wunsch heran, sie in angemessener Weise zu erreichen, obgleich sie sich insgeheim wegen ihrer absurden verkehrten Begriffe von der physischen Seite der Ehe vor ihr fürchten. Warum kann man die Mädchen — und auch die Knaben natürlich — nicht die volle Wahrheit in angemessener Sprache lehren, daß das Geschlecht der Angelpunkt ist, um den sich die Welt dreht, daß die Geschlechtstriebe und -empfindungen der ganzen Welt gemeinsam sind, an sich nicht erniedrigend oder herabwürdigend und daß es auch keine Schande ist, sie zu besitzen, obgleich es notwendig ist, daß man sie tapfer überwacht! Warum kann man die Mädchen nicht lehren, daß alle Liebe, selbst die romantische, die einen so breiten Raum in ihren Träumen einnimmt, aus dem Geschlechtstrieb entspringt? (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe.) Das kann für eine gefährliche Lehre gehalten werden; aber die gegenwärtige Politik des Stillschweigens über diesen Gegenstand ist noch gefährlicher, da sie das Bestreben hervorbringt, über dem verbotenen Thema zu brüten.
Ich erinnere mich, wie mir eine ungefähr fünfzehnjährige Schulkameradin, als ich etwas über zehn Jahre alt war, anvertraute, daß ein Mann — er war ein harmloser Junge von ungefähr zwanzig Jahren — ihr die Hand geküßt hatte, als er ihr das Tennisrakett reichte. Sie zog entrüstet ihre Hand zurück und sagte: „Wie können Sie es wagen, mir diese Schmach anzutun?“ Dann verließ sie den Tennisplatz und wollte nicht mehr spielen. Ich glaube nicht, daß viele Mädchen so albern sind wie diese, aber der Zwischenfall illustriert den in jener Schule allgemein herrschenden, uns eingeimpften Ton. Und er zeigt, wie emphatisch dem Gemüt des Mädchens alle geschlechtlichen Angelegenheiten dargestellt worden sein müssen, damit sie in einem ganz unschuldigen und galanten Zeichen der Huldigung eine Schmach erblickte. Was für eine trostlose Vorbereitung für die Ehe muß solch eine Unterweisung sein! Aus dieser Art von Unterweisung entstehen jene unglücklichen Flitterwochen, von denen man gelegentlich im geheimen hört, und die unglücklichen Frauen, deren verächtliche Kälte den Gatten zur Verzweiflung bringt. Dieser Mangel an Gefühl und Mangel an Verständnis für die Bedürfnisse stärkerer und wärmerer Naturen ist eine der tiefsten und unheilbarsten Ursachen des Unglücks im Eheleben.
Wenn unsere Mädchen belehrt würden, das Geschlecht sei ein etwas ganz Natürliches, dann würde das unendliche, aus der Auffassung, es sei etwas Außergewöhnliches und Widerwärtiges, entspringende Übel vermieden werden. Erziehen wir sie dazu, den liebenden Ehestand, die leidenschaftliche Mutterschaft als den geeignetsten Ausdruck der Frauennatur und die für sie erstrebenswerteste Lebensform zu betrachten.
In einem sehr interessanten, jüngst veröffentlichten Buch: „Die Frau im Übergangsstadium“ wird diese Ansicht von der Bestimmung der Frau zu wiederholten Malen verhöhnt. Die Verfasserin, Annette B. Meakin, ist eine Assistentin am Anthropologischen Institut und offenbar eine sehr belesene und vielgereiste Dame. Ich will einiges zitieren: „In der glücklichen Zukunft, wenn die höheren Frauenideale in unserer Umgebung festen Fuß gefaßt haben werden, werden alle erkennen, gleichviel welchem Geschlecht sie angehören, daß wir die Verräter an unserer eigenen Rasse und an der Menschheit sind, wenn wir unqualifizierte Mutterschaft jedem Mädchen als ihr höchstes Ideal vor Augen halten.“ . . . „Die englischen Schulvorsteherinnen betrachten es, obgleich sie oft selbst unverheiratet sind, als ihre heiligste Pflicht, den Schülerinnen einzuimpfen, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei, und die Schülerinnen machen die Ehe zu ihrem höchsten Ziel, und jeder andere Erfolg im Leben muß an zweiter Stelle stehen.“ „Einige sehr brave Frauen in England sagen unseren jungen Mädchen noch immer, daß die Mutterschaft für jede Frau das höchste Ziel ist, ohne zu ahnen, daß die von ihnen gepredigte Lehre in gefährlicher Weise zu jener gesetzlichen Prostitution führt, die euphemistisch als lieblose Ehe bekannt ist, oder zu noch größeren Übeln.“ „Wie kann dem Mädchen, dem man gelehrt hat, daß die Mutterschaft die einzige Bestimmung des Weibes ist, das Risiko wagen, sie zu verpassen?“
Ich antworte auf diese Einwände: Natürlich wird kein vernünftiger Mensch die unqualifizierte Mutterschaft den Mädchen als ihr höchstes Ideal darstellen, und auch kein denkender Mensch wird glauben, daß die Mutterschaft die einzige Bestimmung des Weibes ist. Aber was die höchste Bestimmung, das heißt die edelste, anbetrifft, so muß ich schon sagen, daß wenn gute Mutterschaft (und in dem Wort gut möchte ich die besten körperlichen und geistigen Eigenschaften inbegriffen sehen, durch die gesunde, intelligente und wohlerzogene Kinder hervorgebracht werden), nicht das Ideal erfüllt, ich wohl wissen möchte, wodurch es erfüllt werden kann! Als Antwort auf diese Frage, die natürlich jeder Leser stellen muß, gibt sich Miß Meakin mit der Konstatierung zufrieden, in Finnland und Australien, sowie in Amerika und Norwegen lehre man den Mädchen, daß die höchste Bestimmung des Weibes von jeder Frau erreichbar sei; daß ihre höchste Bestimmung und ihr höchstes Ideal nicht von einem Manne abhängen solle, der daher kommen mag oder nicht, und daß es das höchste Ideal des Weibes sei, eine echte Frau zu werden. Das ist ganz schön, aber es ist viel zu vage, um als allgemeines Ideal der Frauen hochgehalten zu werden. Das Ideal, das wir als erstrebenswert hinstellen, muß enger umgrenzt sein. Was ist zum Beispiel im besonderen eine echte Frau? Ich dächte, die Hauptbestandteile des Rüstzeuges einer echten Frau wären ihre Fähigkeiten für Ehestand und Mutterschaft.
Miß Meakin tadelt die Lehrerinnen, weil sie ihren Schülerinnen die Bedeutung der Mutterschaft mit dem Zusatz einprägen, „jeder andere Erfolg im Leben habe an zweiter Stelle zu stehen.“ „Was sollte denn nach Ansicht der Verfasserin die erste Stelle einnehmen? Glaubt sie ernstlich, daß der Erfolg der Frauen in Geschäften oder in der Politik, als Gemeinderätinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen von größerer Bedeutung ist als der Erfolg der Frauen als Mütter? Ist das möglich?“ Ich erinnere mich, daß in einem Gedicht von W. E. Henley über die Frauenfrage eine Zeile lautet: „Und Gott im Paradiesesgarten lachte aus vollem Halse“. Es muß heutzutage im Himmel oft schallendes Gelächter geben, wenn die Frauenfrage auf der Erde diskutiert wird.
Dies gilt für die Ideale in abstractum, aber wenn wir zu den Tatsachen kommen, muß man zugeben, daß die Folgerungen der Dame vernünftig sind. „In einem Lande, wo es um anderthalb Millionen mehr Frauen als Männer gibt,“ konstatiert sie treffend, „ist es mehr als verrückt, jungen Mädchen zu lehren, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei. Wenn eine solche Unterweisung hartnäckig fortgesetzt wird, so wird sie zu größeren Übeln führen, als wir aus der Entfernung beurteilen können“. Aber was für ein größeres Übel kann es denn geben, als die Existenz von 30000 Prostituierten in London allein, wie es heutzutage der Fall ist. Wenn man jeder dieser unglücklichen Frauen beigebracht hätte, fest wie an einen Glaubensartikel daran zu glauben, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei, dann wären weit weniger Nullen an dieser Zahl.
Miß Meakin fährt fort: „Neben den heiligen Pflichten der Mutterschaft gibt es auch die nicht minder heiligen Pflichten der Vaterschaft; und doch läßt der Mann diese letzteren nicht in seinen geistigen Entwicklungsgang eingreifen.“ Es ist auch gar nicht nötig, daß die Frauen dies tun. Von der Anschauung, daß die Frau, um eine gute Gattin und Mutter zu sein, ihre geistige Entwicklung verkümmern lassen und auf jede Kultur verzichten müsse, ist man schon längst abgekommen.
Meiner Meinung nach entsteht das ganze Übel daraus, daß man die Mädchen eine Reihe von Schlagwörtern lehrt und die Knaben eine andere, wie Stevenson sagt. Da die Frauen nicht durch sich allein Mütter werden können, ist es nutzlos, die Mädchen zu lehren, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei, wenn wir nicht auch die Knaben lehren, daß die Vaterschaft ihre höchste Bestimmung ist, sondern ganz im Gegenteil ihnen zu verstehen geben, daß die Ehe etwas ist, das sie vermeiden sollen, wenigstens im Jünglingsalter.
Wenn wir alle jungen Leute beiderlei Geschlechts lehren würden, daß eine würdige Ehe und Elternschaft die höchste Bestimmung für den Durchschnitt der Sterblichen bedeutet, und sie nach dieser Vorschrift handelten, dann würden viele Zeitprobleme gelöst, die Anzahl überflüssiger Frauen sehr vermindert, das soziale Übel merklich in Abnahme, die körperliche Beschaffenheit der Rasse besser sein, und die Geburtsziffer würde rasch steigen. Mit einem Wort, es gäbe weniger ironisches Lachen im Himmel und viel mehr eheliches Glück und Gesundheit auf Erden. Über die Elternschaft als ein Ideal werde ich noch mehr im vierten Teile zu sagen haben.
[ VI. „Und wahre ihr die eheliche Treue“ —
der wunde Punkt in der Ehe]
„Wir vergöttern die Männer und sie verlassen uns; andere behandeln sie wie die Hunde und sie kriechen ihnen nach und sind treu.“ Oscar Wilde.
„Und wahre ihr die eheliche Treue, so lange ihr lebet.“ Wie viele Männer haben dieses vielversprechende Gelübde mit dem ernsten Vorsatz abgelegt, es zu halten? Zur Beantwortung dieser Frage stehen mir keine Daten zur Verfügung, aber mein Glaube an die Vorherrschaft des Guten in der menschlichen Natur ist groß genug, um anzunehmen daß die meisten Leute mit dem Vorsatz, treu zu bleiben, die Ehe beginnen. Dieser Glaube wurde nicht einmal durch den Schrecken erschüttert, den mir die Bemerkung einer sehr modernen Braut verursachte: „Max sagt, er kann mir’s nicht versprechen, treu zu bleiben, aber er wird sein möglichstes tun.“ Diese erstaunliche Genügsamkeit war wohl geeignet, wenn nicht Bewunderung, so doch Verwunderung zu erregen.
Schopenhauer behauptet, daß „die eheliche Treue bei Männern künstlich, bei Frauen natürlich“ ist. Den Berichten der Ehegerichtshöfe nach zu urteilen, scheint sich dieser natürliche weibliche Zug einigermaßen abgeschwächt zu haben, da diese Ansicht vor mehr als 60 Jahren geäußert wurde. Dem Gesellschaftschroniqueur aus eigenen Gnaden zufolge gibt es „im Westend in London haufenweise gebrochene Gelübde“.
Es ist gefährlich, bei so einem Gegenstand zu verallgemeinern, aber da die Leute der Versuchung weit seltener widerstehen, als die Ethiker es annehmen, kann man wohl sicher behaupten, daß, wenn die Männer treu sind, sie es hauptsächlich aus Mangel an Gelegenheit, anders zu sein, sind, oder weil sie keine Anlage dazu haben. Dies mag jene meiner Leserinnen verstimmen, die nicht mit Prof. Lester Ward anerkennen wollen, „daß der Mann ein ausschließlich polygamer Zweifüßler ist“; aber die in den traurigen Dingen des Lebens Erfahreneren werden die Wahrheit dieser Behauptung zugeben. Es geschieht andererseits, wenn eine Frau die eheliche Treue bricht, selten bloß aus leichtfertigen oder gewinnsüchtigen Ursachen, sondern fast immer, weil sie in dem Bann eines anderen Mannes steht oder äußerst unglücklich in der Ehe ist und in der Betäubung durch irgendeine Liebelei Vergessen und Gleichgültigkeit sucht. Vielleicht wird der höchste Richter, der gnadenreicher ist als die Menschen, diese beiden Ursachen als Entschuldigung gelten lassen und den Sünderinnen verzeihen, die viel geliebt und viel gelitten haben.
Ein Doktor, der sich für das Studium der sozialen Fragen sehr interessierte, zeigte mir eine interessante Statistik über diesen Gegenstand. Von 76 aufs Geratewohl aus der Liste seiner Bekannten herausgegriffenen Männern waren 14 kinderlos und mit Ausnahme von zweien waren alle viel glücklicher als die meisten Männer und gaben ihren Frauen keine Ursache zur Eifersucht. Dieser hohe Prozentsatz von glücklichen, wenn auch kinderlosen Ehen ist seltsam, und ich kann ihn mir nicht erklären. Die übrigen 62 hatten alle Familie. Fünf liebten ihre Frauen sehr, jedoch nicht treu, zwei lebten nebenbei mit anderen Frauen, drei andere waren unglücklich verheiratet und stritten fortwährend und erbittert, über zwei weitere war mein Freund im Zweifel, ein anderer mochte seine Frau nicht, war jedoch zu beschäftigt, um sich nach anderen Frauen umzusehen, die übrigen 49 waren verhältnismäßig glücklich und treu: „die meisten von ihnen entgehen irgendeiner stärkeren Versuchung durch ein arbeitsreiches und regelmäßiges Leben“, fügte der Doktor hinzu, „und jene, die besonders empfänglich für das schönere Geschlecht und seine Reize sind, haben schon genug Liebeleien hinter sich, um noch welche außerhalb des Heims zu verlangen.“ Ich vermute, daß diese letztere Ursache bei einer großen Anzahl sogenannter „Mustergatten“ zutrifft.
Diese Liste kann jedoch kaum als erschöpfend betrachtet werden, da sie nur zwei Schauspieler, drei Soldaten, einen Seemann und keinen Börsenmenschen enthielt, vier Klassen, in denen die unbeständigen Ehegatten besonders zahlreich sind. Die Lebensbedingungen eines Schauspielers veranlassen ihn offenkundig zur Untreue; die ungesunde Erregung und die abwechselnde Niedergeschlagenheit im Leben eines Börsenmenschen dürften dieselbe Wirkung haben; Angehörige des Militärs werden im allgemeinen für weniger treu gehalten als andere Ehemänner, aber wenn die Geschäfts- und Gewerbsleute dieselbe leichte Gelegenheit und Versuchung hätten und einem ähnlichen Ausmaß von Muße und Perioden langer Trennung von ihren Frauen ausgesetzt wären, dann würden sie sich als ebenso untreu erweisen, wie man es von den Vaterlandsverteidigern annimmt. Die Liste meines Freundes enthält auch kein Mitglied „der Lebewelt“, einer Klasse, in der man tatsächlich, den Worten des Pater Vaughan zufolge, keine treuen Ehemänner findet.
Wenn es die kleinen Dinge sind, die das eheliche Glück zerstören, so sind es die großen, die Mann und Frau trennen, und von diesen ist die Untreue die häufigste Ursache. Man kann sie geradezu „den wunden Punkt der Ehe“ nennen. Nach meinem persönlichen Dafürhalten gibt es nur drei Fehler, um derentwillen eine Frau ihren Mann verlassen sollte: gewalttätige Trunksucht, zeitweiser oder ständiger Verkehr mit Angehörigen des Haushaltes, und die Einführung einer Geliebten unter das Dach der Frau. Wo Kinder sind, sind sogar diese Gründe nicht genügend, wenn die Frau die Kinder nicht mitnehmen kann. Für das letztgenannte Vergehen allein konnte die Frau nach Justinianischem Gesetz die Scheidung erlangen.
Kleine Übertretungen der ehelichen Treue von seiten eines Gatten sollte man am besten, wie alle anderen Trübungen, philosophisch aufnehmen. Das ist freilich leicht gesagt — man hört oft, daß die geschlechtliche Eifersucht die ärgste der seelischen Qualen ist. Die Männer werden stärker von ihr befallen als die Frauen, und der Mann, dessen Frau untreu ist, scheint ärger zu leiden, selbst wenn er sie nicht gern hat, als die Frau im umgekehrten Fall. Der Mann wird einem sagen, daß das daher kommt, weil seine Leidenschaften stärker sind, oder weil er die Mutter seiner Kinder als ein Wesen betrachtet, das über der Sünde des Fleisches steht. Wahrscheinlich ist die wirkliche Ursache die, daß der Mann seit der „Ehe“ im Garten Eden seine eigenen Wege gegangen ist, und es übel aufnimmt, wenn er in seinen Gewohnheiten verkürzt wird. Die Frauen können jedoch diesen Verlust leichter ertragen, da sie ja daran gewöhnt sind, ihren Herrn mit anderen zu teilen, seit ihr Geschlecht im Gegensatz zu dem seinen so zugenommen hat. Oder haben die Frauen keinen angeborenen Widerstand gegen die Polygamie?
Die Welt hat sich schon an die polygamischen Triebe des Mannes gewöhnt und sogar ihre Gesetze sind danach abgefaßt. In den Romanen verursacht die Entdeckung der Untreue eines Ehegatten immer einen vollständigen Umsturz. Dem Leser werden seitenlang wahnsinnige Szenen aufgetischt; die Frau verliert beinahe den Verstand; ihre Freunde und Verwandten sitzen in düsterem Familienrat beisammen und besprechen, „was zu geschehen hat“; die Neuigkeit wird in die Welt hinausposaunt, und niemand würdigt den abgetanen Ehemann auch nur eines Blickes.
Aber in Wirklichkeit behalten die Frauen diese Tragödien schön für sich und ertragen sie mit merkwürdiger Ruhe und Gelassenheit. Glücklicherweise hat selten ein Mann so wenig Weltklugheit, um zu erlauben, daß seine Frau seine Untreue bekannt macht, und in der Regel würde eine Frau lieber sterben, als der Welt eine solche Wunde zu zeigen. Die Last von der Untreue eines Ehegatten wird oft jahrelang schweigend mit lächelnder Miene und erhobenen Hauptes von so mancher Frau getragen, die zu stolz ist, um sich einzugestehen, daß sie ihren Mann nicht zu fesseln vermag. Erst wenn die Jahre sie an die Demütigung gewöhnt und ihrem Kummer den Stachel genommen haben, gönnt sie sich die Erleichterung des Sichanvertrauens.
Wenige Frauen können verstehen, warum ein Gatte, obgleich er seine Frau gern hat und ihr treu bleibt, doch irgendwo anders das sucht, was sie ihm in seinen Augen nicht mehr bieten kann. Aber diejenige, die das Leben gut genug kennt, um das zu verstehen, weiß auch, daß ihr Teil das bessere ist, daß sie im Leben ihres Mannes der Kern und die Triebfeder ist, die noch lange bestehen bleiben, wenn seine zeitweiligen verliebten Tollheiten längst zu Asche gebrannt sind.
Nichtsdestoweniger ist vielleicht nach dem Worte „allein“ das Wort „untreu“ das traurigste und schrecklichste der menschlichen Sprache. Man kann es sich in flammenden Lettern über den Toren der Hölle unzählige Male geschrieben denken . . . „Untreu, Untreu . . .!“
[ Dritter Teil]
Vorgeschlagene Alternativen
Für mich ist das einzige Heilmittel gegen die tödliche Ungerechtigkeit, das endlose Elend, die oft unheilbaren Leidenschaften, welche die Verbindung der Geschlechter stören, die Freiheit, die Ehefesseln zu sprengen und neue zu schmieden. George Sand.
Solange das Eheband nicht geschmeidiger geworden ist, wird die Ehe immer ein Risiko sein, auf welches besonders die Männer nur mit Besorgnis eingehen werden. H. B. Marriott-Watson.
[ I.] Die Probeehe à la Meredith
„Nach zwanzig Jahren Liebesaffären sieht eine Frau wie ein Wrack aus, nach zwanzig Jahren Ehe wie ein öffentliches Gebäude.“ Oscar Wilde.
Die Probeehe war einer der Gebräuche der frührömischen Gesellschaft. Heutzutage hat sie einen revolutionären Beigeschmack und ist so offenkundig unanwendbar, daß es kaum nötig wäre, sie hier weiter zu berühren, wenn ihr jüngster und vornehmster Anwalt in der Moderne nicht George Meredith wäre. Jeder von dieser Seite kommende Vorschlag muß sorgfältig beachtet werden. Auch ist diese Form der Ehe von dem großen Philosophen Locke und von Milton in Betracht gezogen worden. — Vor kaum drei Jahren warf unser großer Romancier diese Bombe in eine entzückte, obgleich keinen Beifall zollende Presse, aber da das Gedächtnis heutzutage sehr kurz ist, dürfte eine kurze Rekapitulation der näheren Umstände am Platze sein.
Der Anfang der Geschichte war ein Brief an die „Times“ von Cloudesly Brereton, in welchem über die wachsenden Hemmungen der Ehe geklagt und der Gepflogenheit gemäß die Frau als deren Urheberin angegriffen wurde. Der Verfasser konstatierte, daß in dem Mittelstand „die Anforderungen der modernen Frauen die Anziehungskraft der Ehe stetig untergraben. Mit ihren stets wachsenden Ansprüchen an die Zeit, die Energie und die Geldmittel ihrer Gatten bilden die modernen Ehefrauen einen sehr ernstlichen Hemmschuh, und in den unteren Gesellschaftsklassen erschwert die Ehe direkt die Chancen des Mannes, Arbeit zu finden.“ Wie man die Frauen für diese letztere Ungerechtigkeit verantwortlich machen kann, war klugerweise nicht gesagt. Es wäre, glaube ich, schwer, die Anklage zu erhärten.
Das Interessanteste an diesem Dokument war die darauffolgende Diskussion in „The Daily Mail“ und die gelungene Tatsache, daß der Verfasser sich wenige Wochen nach Erscheinen der Zuschrift verheiratete! Die übliche Schmähung der Ehe im allgemeinen und der Frauen im besonderen folgte, bis die verstorbene Mrs. Craigie sich der Diskussion anschloß und jene besonderen Eigenschaften zarten Verständnisses und wunderbarer Einsicht in die Frauenseele zur Anwendung brachte, die zu den hervorragendsten Merkmalen ihres glänzenden Werkes gehören. Es wäre schade, aus einem solchen Brief bloß zu zitieren, und so gebe ich ihn denn ganz wieder:
„Die Frauen sind da, wo es sich um Gefühle handelt, nicht eigennützig genug. Sie schlagen sich nicht zu hoch, sondern zu niedrig an. Die gegen ihre eigene Existenz gerichtete Selbstlosigkeit der modernen Frau ermöglicht den Eigennutz des modernen Junggesellen. Die Junggesellen sind nicht alle Weiberfeinde, und die Tatsache, daß ein Mann ledig bleibt, ist kein Beweis dafür, daß er für die Reize der weiblichen Gesellschaft unempfänglich ist, oder daß er diese Gesellschaft nicht in unverbindlichen Beziehungen in ganz gehörigem Maße genießt. Warum soll der junge Mann des Durchschnitts, der durch Anlagen oder Erziehung egoistisch ist, schwer arbeiten oder Opfer bringen um einer besonderen Frau willen, wenn so viele geneigt sind, sein Leben zu teilen, ohne daß er sich bindet, und noch so viele andere eifrig hinter ihm her sind, um jede Ritterlichkeit oder Zärtlichkeit, die ihm angeboren sein mag, zu zerstören? Die modernen Frauen geben den Junggesellen keine Gelegenheit, sie zu vermissen, und keinen Anlaß, ihrer zu bedürfen. Ihre Hingebung entbehrt der Selbstzucht, und sie wird eher ein Fluch als ein Segen für ihren Gegenstand. Warum? Weil die Frauen diese seltsame Macht der Konzentration und Selbstverleugnung in ihrer Liebe haben. Sie können sich nicht genug tun, um ihre Liebenswürdigkeit zu beweisen. Und wenn sie alles getan und sich nicht die Mühe genommen haben, ihre eigene Lage zu sichern, dann erkennen sie, daß sie durch ein Übermaß an Edelmut und den Wunsch angenehm zu sein, gefehlt haben. Das ist die den Junggesellen bezeigte Selbstlosigkeit.“
In einer Antwort auf diesen Brief forderte eine andere Romanschriftstellerin, Florence Warden, von Mrs. Craigie Auskunft über die Existenz solcher Frauen, aber sie erzielte keine weitere Erwiderung. „The Daily Mail“ erläuterte dies folgendermaßen: „Hunderttausende unserer Leser können aus eigener Erfahrung eine Antwort auf diese bemerkenswerte Behauptung geben, und wir sind nicht im Zweifel über den Inhalt ihrer Antwort.“ Man kann sich vorstellen, daß das mit Hinsicht auf die Leser an den Frühstückstischen der Villenkolonien geschrieben wurde; aber die Männer und Frauen, die im Leben stehen, deren Erfahrung nicht auf die Villenkolonien beschränkt ist, werden die unzweifelhafte Wahrheit der Behauptungen von Mrs. Craigie anerkennen. Wenn ich auch zugebe, daß der von ihr beschriebene Stand der Dinge zwischen den Geschlechtern richtig ist, wage ich ergebenst über die Ursachen dieses „Übermaßes an Edelmut“ anderer Meinung zu sein. Bei den Frauen ist riesig viel Selbstlosigkeit angesammelt, aber sie wird meiner Meinung nach nicht in dieser Richtung verausgabt. Das Motiv ist vielmehr der leidenschaftliche Wunsch nach eigener Freude, Befriedigung ihrer eigenen Eitelkeit durch den Beifall seitens des männlichen Geschlechts, die oft auf Kosten ihrer Selbstachtung geht. H. B. Marriott-Watson nimmt denselben Standpunkt in einem späteren Brief ein: „Die Selbstlosigkeit erstreckt sich nicht auf die Liebessphäre. Geschlechtsanziehung ist praktisch unvereinbar mit Altruismus, und der Grad des Verzichts ist dem Grad der Neigung gerade entgegengesetzt. Diese Ordnung der Dinge hat die Natur so eingerichtet, und es nützt nichts, sie bannen zu wollen. Eine Frau mag ihr Leben für den Mann, den sie liebt, dahin geben, aber sie wird ihn nicht einer Rivalin ausliefern.“
Ein anderer interessanter Brief kam von Helen Mathers, die konstatierte, daß „alle Frauen heiraten sollten, aber kein Mann“ — da die Vorteile des Ehestandes ihrer Meinung nach einzig und allein auf seiten der Frauen seien.
In diesem Augenblick erschien der Beitrag von George Meredith zur Diskussion in der weniger autoritativen Form eines Interviews, nicht als Brief oder Artikel, wie nach diesem Zeitabschnitt sehr viele Leute zu glauben scheinen. Als ich dieses Interview neulich wieder durchlas, war ich von den besonders altmodischen Vorstellungen George Merediths über die Frauen betroffen. Wo es sich um die Frauenfrage handelt, da scheint er um mehrere Jahrzehnte im Rückstand zu sein.
„Das große Übel der Sache“, behauptet er, „ist, daß die Frauen so unerzogen, so unfertig sind. Die Männer brauchen zu oft eine Sklavin und denken häufig, daß sie eine bekommen haben; nicht, weil die Frau nicht oft gescheiter ist als ihr Mann, aber weil sie so unausgesprochen und nicht genug dazu erzogen ist, ihren wirklichen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“
So war es, bevor die Suffragettes aufkamen; aber es ist eine genügend überraschende Behauptung für das Jahr 1904. Er fährt fort: „Ich frage mich, ob ein junges, des Lebens äußerst unkundiges Mädchen, das, sagen wir, mit achtzehn Jahren heiratet, wenig von dem Mann, den sie heiratet, und noch weniger von irgend einem Mann auf der Welt versteht, dazu verurteilt werden soll, mit ihm den Rest ihrer Tage zu verbringen. Bald sympathisiert sie nicht mehr mit ihm, ja, sie hat keine Neigungen gemeinschaftlich mit ihm, keine wirkliche Gemeinschaft außer einer physischen. Das Leben ist ihr fast unerträglich, und doch führen es viele Frauen weiter, aus Gewohnheit oder weil die Anschauungen der Welt sie terrorisieren.“
Das ist allerdings wahr. Aber Meredith spricht, als wenn es wie zu unserer Großmütter Zeiten noch die Regel wäre, daß Mädchen unter zwanzig Jahren heiraten, während es doch jetzt geradezu die Ausnahme ist. Mit jedem Jahr scheint das Heiratsalter hinauf zu gehen, und errötende Bräute im Myrtenkranz werden in einem Alter zum Altar geführt, in dem sie vor fünfzig Jahren alte Jungfern mit Haube und Pulswärmern gewesen wären. Wenn ein Mädchen verrückt genug ist, gleich nach Verlassen der Schulstube zu heiraten, dann muß sie auf das enorme Risiko gefaßt sein, das die Wahl eines Gatten in so unreifen Jahren mit sich bringt.
An anderer Stelle sagt Meredith: „Die Ehe ist so schwer, ihre modernen Bedingungen so erschwerend, daß man zwei gebildeten Leuten, die sie eingehen wollen, nichts in den Weg legen sollte . . . Gewiß werden eines Tages die gegenwärtigen Bedingungen der Ehe geändert werden, sie wird auf einen bestimmten Termin, sagen wir zehn Jahre — oder ich brauche keinen bestimmten Termin zu nennen — gestattet sein. Der Staat wird darauf sehen, daß genügend Geld weggelegt wird, um für die Kinder zu sorgen und sie zu erziehen; vielleicht wird der Staat dieses Kapital selbst verwalten. Es wird einen höllischen Aufruhr geben, bevor eine solche Änderung durchgeführt wird; es wird eine große Erschütterung sein, aber blickt nur zurück und seht, was für Erschütterungen es schon gegeben hat, und welche Veränderungen dennoch in Ehesachen in der Vergangenheit Platz gegriffen haben.“
„Die Schwierigkeit liegt darin, das Publikum daran zu gewöhnen, einem solchen Problem in die Augen zu sehen. Die Engländer brauchen es mehr denn irgendeine Nation in der Welt, in Disziplin zu leben. Sie wollen nicht vorwärts schauen, besonders nicht die Regierenden. Und es gehört Philosophie dazu; und das englische Volk dazu zu kriegen, daß es das bloße Wort Philosophie in seinen Diskussionen über so ein Thema zuläßt, ist mehr, als man erhoffen kann. Immer wieder, besonders in der Kritik Amerika gegenüber, sieht man, wie die Engländer hartnäckig alle neuen Bestrebungen als Zeichen von Krankhaftigkeit betrachten, und doch sind sie ein Zeichen von Gesundheit.“
Man sieht, daß Meredith den Termin von zehn Jahren als einen Vorschlag behandelt. In einem Essay von Stevenson wird einer Dame gesagt: „Nach zehn Jahren ist einem der Gatte wenigstens ein alter Freund“, und ihre Antwort war: „Ja, und man möchte, daß er einem nur das und nichts anderes wäre.“ Der Abschnitt von zehn Jahren hat eine besondere Bedeutung in der Ehe. Nachdem das erste kritische Jahr vorüber ist, richten sich’s die meisten Paare ziemlich behaglich ein, — bis zum zehnten Jahre. Der Präsident des Ehegerichtshofes hat dieses Jahr den gefährlichen Wendepunkt im Eheleben genannt. Ein späterer Brief in der „Daily Mail“, welcher dem von George Meredith zustimmte und die gegenwärtige Form der Ehe „eine Verurteilung auf Lebensdauer“ nannte, schlägt einen noch kürzeren Zeitabschnitt vor, z.B. fünf Jahre, da während dieser Zeit ein Ehepaar Glück oder das Gegenteil gefunden haben kann, und in letzterem Falle müßte man zu lange auf die Freiheit warten.
Ein Mitarbeiter eines anderen Blattes erwähnte Amerika als ein Beispiel der in volle Kraft getretenen Zeitehe. „Es erhellt aus der Statistik eines amerikanischen Bischofs, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten schon jetzt unter den von Meredith vorgeschlagenen Bedingungen lebt. Im Jahre 1903 wurden nicht weniger als 600 000 amerikanische Ehen geschieden. Das bedeutet eine Scheidung auf je vier Ehen. In manchen Gegenden war das Verhältnis fast eins zu zwei, und die häufigste Ursache der Scheidung war das Bedürfnis nach Abwechslung.“
Es scheint mir, daß die Einführung der Probeehe nur allgemeines Elend und Verwirrung zur Folge haben würde, dem gegenüber die gegenwärtige Summe ehelichen Unglücks nur ein Tropfen im Meere wäre. Wenn unsere Ehegesetze abgeändert werden müssen, dann wollen wir hoffen, daß es nicht in dieser Richtung geschieht, ob zwar es ganz klar ist, daß eine solche Änderung Tausenden von Männern und Frauen, die aus irgendeinem Grunde dazu gelangten, ihre Fesseln zu verabscheuen, eine Wohltat wäre. Ob sie nicht auch die prosaische Zufriedenheit, die unter einigen Millionen Menschen als Glück gilt, zerstören würde, ist eine zu weit greifende Frage, um hier mehr als gestreift zu werden.
Das Schicksal jener, die auf Lebensdauer an Mondsüchtige, Verbrecherische und Trunksüchtige gebunden sind, ist gewiß erbarmungswürdig; aber eine Erweiterung der Scheidungsgesetze würde nur die Ausnahmsfälle treffen, ohne das Eheband der Normalen zu beeinträchtigen. Ich habe getrachtet, im folgenden Kapitel auf einige der vielen Schwierigkeiten der Probeehe hinzuweisen.
[ II.] Die Ehe auf Probe in der Praxis
Ein Dialog im Jahre 1999
„Eines fürchten die Frauen mehr als das Zölibat — nämlich, daß man sie verschmäht.“ Marcel Prévost.
(Katharine und Margarete, zwei reizende Frauen im kritischen Alter der Vierziger, nehmen zusammen ihr Frühstück ein. Sie sind alte Freundinnen und haben einander jahrelang nicht gesehen.)
Margarete: Wie hübsch ist es, wieder beisammen zu sein. Aber es tut mir leid, daß du so verändert bist. Du siehst nicht glücklich aus. Was ist dir?
Katharine: Ich sollte glücklich aussehen. Ich habe wirklich Glück gehabt, aber ich bin, aufrichtig gestanden, schrecklich müde. Die Eheverhältnisse sind heutzutage entsetzlich ermüdend, findest du nicht?
M.: Ja, wir entbehren freilich jenes Gefühl des Friedens und der Sicherheit, von dem unsere Mütter sprachen, aber wir haben auch nicht jene entsetzliche Eintönigkeit. Denke dir nur, Jahr um Jahr, dreißig, vierzig, fünfzig Jahre mit demselben Mann zu leben! Wie würde man seiner Launen überdrüssig werden!
K.: Das weiß ich gerade nicht. Die Gleichförmigkeit der Stimmungen ist noch immer besser als die Abwechslung. Alle Leute haben Stimmungen. Und dann kommt es mir vor, daß mit unseren Vätern durchaus nicht so schwer auszukommen war wie mit unseren Gatten. Sieh, in früheren Zeiten wußten sie, daß sie fürs Leben gebunden waren, und das gebot ihnen Einhalt. Das scheint ihnen heutzutage zu fehlen.
M.: Ja, ja, es ist etwas daran. Ich erinnere mich, daß meine Großmutter, die am Ende des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, zu sagen pflegte, ihr Mann sei ihr Rettungsanker, und er nannte sie seinen Hafen des Friedens.
K.: Oh, wie beneide ich sie. Das brauche ich eben so sehr: einen Anker, einen Hafen. Wie friedlich müssen sie gelebt haben, bevor dieses schreckliche neue Ehesystem aufkam.
M.: Die Leute fanden das offenbar nicht; denn wozu sollten sie dann Abänderungen getroffen haben? Aber was hast du gegen das System? Du hast vier Männer gehabt und bist von den beiden ersten fast so rasch fort als das Gesetz es erlaubt.
K.: Ja, und ich bin erst einundvierzig Jahre alt. Ich habe zu früh angefangen: mit achtzehn; und man nimmt die Ehe unwillkürlich leicht, wenn man weiß, daß sie nur fünf Jahre zu dauern braucht. Man geht sie ebenso gedankenlos ein, wie unsere glücklichen Mütter ihre Flirts einzugehen pflegten.
M.: Aber die Folgen sind doch ernster. Wir sind enttäuschte Frauen in einem Alter, in dem sie noch frohmütige junge Mädchen waren.
K.: Ja, der Familiennachwuchs macht die Sache so schwer. Die Vaterschaft ist heutzutage direkt ein Kultus geworden. Alle meine Gatten waren Fanatiker der Nachkommenschaft, und ich habe acht Kinder gehabt.
M.: Acht Kinder! Dann ist es kein Wunder, daß du herabgekommen aussiehst.
K.: Ganz richtig. Meine Mutter wäre entsetzt gewesen. Zwei oder drei, höchstens vier war die richtige Anzahl zu ihrer Zeit, und fünf war ein Verhängnis und sehr selten.
M.: Gut, meine Liebe, du hättest doch nicht so viele haben müssen. Du hättest den Vaterschaftskultus etwas eindämmen sollen. Keine Frau kann heutzutage gezwungen werden, Kinder zu haben, wie unsere unglücklichen Großmütter. Hast du alle acht bei dir?
K.: Nein, das ist es eben. Ich mochte nicht so viele haben, aber wenn sie schon einmal da sind, so möchte ich sie auch bei mir haben, und ihre Väter wollen sie natürlich auch.
M.: Oh, meine Liebe, wie ärgerlich. Wenn man heutzutage Kinder hat, ist das das Unangenehmste daran. Manchmal bin ich froh, daß ich keine habe.
K.: Dann kennst du vielleicht nicht das Gesetz über die Kinder in unserem jetzigen Ehesystem? Eine gewisse Summe muß jährlich für jedes Kind in den großen Staatskindertrust eingezahlt werden; wenn die Ehe gelöst wird, wird bloß der Mutter die Aufsicht übertragen, falls der Vater sich nicht daran zu beteiligen wünscht. In letzterem Fall verbringen die Kinder ein halbes Jahr bei der Mutter, ein halbes beim Vater.
M.: Das ist schön.
K.: Das glaube ich. Aber, ach! schrecklich hart für eine Mutter. Meine zwei älteren Mädchen sind beinahe schon erwachsen; sie waren einige Jahre im Pensionat, und es war für George und mich ganz leicht, ihre Ferien zwischen uns zu teilen. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr in der Schule lassen, und sie werden das halbe Jahr bei ihm verbringen. Gott sei Dank ist er schon einige Zeit nicht verheiratet und scheint es auch nicht zu beabsichtigen. So habe ich nicht den Einfluß einer fremden Frau zu fürchten; aber wie kann ich sie leiten, wie kann ich die richtige Kontrolle über sie haben oder irgendeinen Einfluß unter diesen Umständen auf sie ausüben?
M.: Ja, das muß sehr traurig für dich sein.
K.: Es ist schrecklich, aber es gibt noch etwas viel Ärgeres. Gordon, der Vater von Arthur und Maggie, hat wieder geheiratet, und seine Frau ist auf die ältesten Kinder eifersüchtig und sehr ärgerlich, wenn sie bei ihm sind. Und mein kleiner Arthur ist so zart, er braucht soviel Sorgfalt und Studium. Ich habe keinen glücklichen Augenblick, wenn er bei ihnen ist. Er gedeiht auch nicht recht bei den anderen Kindern. Immer, wenn er von den Besuchen zurückkommt, sieht er krank und unglücklich aus. Ich kann dir nicht schildern, was ich wegen Arthur gelitten habe. Oh, wenn ich an ihn denke, könnte ich dieses niederträchtige Ehesystem verwünschen. Es ist wider die Natur.
M.: Ach, meine Liebe, man muß ja auch die Gesetze nicht ausnützen. Warum bist du nicht mit Gordon geblieben oder in erster Ehe mit George? Das kommt sogar jetzt oft vor.
K.: Ich weiß es, ich weiß es, aber George und ich, wir paßten schrecklich schlecht zusammen. Wir heirateten als halbe Kinder. Bei dem alten System kamen gewöhnlich vernünftige Eltern dazwischen, und die jungen Leute mußten warten, bis sie ihrer selbst sicher waren. Aber du weißt ja, wie es jetzt ist. In der ersten jugendlichen Verliebtheit glaubt man auf wenigstens fünf Jahre sicher zu sein, und darüber hinaus braucht man ja nicht zu sorgen.
M.: Gut. Also du warst vierundzwanzig, als du Gordon heiratetest; warum hast du ihn nicht vorsichtiger gewählt?
K.: Das war zum großen Teil eine „wirtschaftliche Sache“, wie ich in einem alten Stück, genannt das „Frauenstimmrecht“ vor einiger Zeit las — wie wunderlich waren dazumal die Vorstellungen. Es kam auch etwas anderes darin vor, darüber daß „vierundzwanzig Jahre im allgemeinen nicht so jung wäre, es aber mit der Auffassung der Zeit geworden sei.“ Ich war wohl alt genug, um vernünftig zu handeln, aber ich war leichtlebig und liebte den Luxus, und ich konnte mit dem wenigen, was George mir dem Gesetz nach auszuzahlen hatte, nicht auskommen. Ich gebe ihm ja keine Schuld, denn es war alles, was er tun konnte, wenn er die für die Kinder nötige Taxe bestreiten sollte. So heiratete ich Gordon eines Heims halber, und freilich war das abscheulich.
M.: Und dein dritter Mann starb?
K.: Ja, der eine, der hätte leben sollen, stirbt gewöhnlich. Ich verlor ihn nach bloß zweijähriger Ehe, aber ich kann gar nicht von ihm sprechen. Er war für mich das Ideal eines Gatten.
M.: Ach, es freut mich, daß du das gehabt hast.
K.: Oh, ich habe noch Glück gehabt bei allen Mißlichkeiten, ich sagte dir’s ja. Ich blieb vier Jahre, nachdem ich meinen Liebsten verloren hatte, ledig, und ihm wäre ich gerne ewig treu geblieben. Aber ich war nicht stark genug. Trotz der lieben Kinder war ich sehr einsam, da die älteren immer in der Schule waren.
M.: Ja freilich, und man braucht ja auch einen Mann, der einen betreut.
K.: Das ist richtig. Das ist eine verhängnisvolle Schwäche. So heiratete ich zum Schluß meinen lieben, guten Duncan, hauptsächlich um einen Gefährten zu haben. Ich wählte ihn vorsichtig genug. Die Erfahrung hat mich so manches gelehrt, und ich wollte nicht mit vierzig Jahren im Stich gelassen werden, wie es so vielen geschieht.
M.: Es freut mich, daß er gut gegen dich ist. Ja, es ist wirklich entsetzlich, wie viele Frauen verlassen sind, gerade, wenn sie die Fürsorge und die Liebe am meisten brauchen, wenn ihr jugendlich frisches Aussehen dahin und ihre Energie geschwächt ist. Aber warum bist du eigentlich so abgehärmt, wenn du das nicht zu fürchten hast?
K.: Ich bin nicht gerade abgehärmt — ich bin verbraucht. Zwanzig Jahre unsichere häusliche Verhältnisse sind genug, um einen zu erschöpfen. Ich konnte mich nirgends endgültig daheim fühlen oder mich einer Anhänglichkeit für einen Ort hingeben oder auch nur einen Garten für mich pflanzen. Der Freundeskreis wechselt immer, die Leute scheinen jetzt keine Häuser und Güter zu kaufen oder sich irgendwo festzuwurzeln. Wie beklagten sie sich vor vierzig Jahren über das gewohnheitsmäßige Leben! Sie wußten wenig davon, wie elend das Leben sein kann aus Mangel einer Gewohnheit.
M.: Ich mag die Einförmigkeit nicht, aber sie hat gewiß ihre Vorteile. Erinnerst du dich an meinen ersten Mann, Dick? So ein schöner Mensch. Er war total vernarrt ins Golf und die Freiluftspiele, und ich nahm ganz seine Lebensgewohnheiten an. Da war es denn eine harte Prüfung für mich, als ich Cecil Innes heiratete, der das Freie nicht mochte und sich nur für Bücher und Herumstöbern in Museen interessierte.
K.: Warum hast du Dick verlassen?
M.: Ich wollte ihn nicht verlassen. Wir lebten sehr traulich miteinander. Aber er verliebte sich in eine andere Frau. Er war ganz vernarrt in sie und verlangte, daß ich ihn freigebe. Da ich keine Kinder hatte, hielt ich es nur für anständig, nachzugeben. Cecil interessierte mich im Anfang sehr, und er vergötterte mich. Aber ich hatte ein düsteres Leben bei ihm. Du weißt, ich bin nicht ein bißchen literarisch angehaucht, und er war so schöngeistig und ein solcher Bücherwurm. Er ödete mich tödlich an. Ich war froh, an seiner Statt Jack zu nehmen, meinen jetzigen Mann, aber Cecils Kummer, als ich ihn verließ, war so entsetzlich, daß ich ihn nie vergessen werde, und als er bald nachher starb, hatte ich das Gefühl, eine Mörderin zu sein.
K.: Das muß eine schmerzliche Erfahrung gewesen sein. Aber man gewöhnt sich an diese Tragödien. Man hört von so vielen. Immer will eines frei sein und eines gebunden bleiben.
M.: Ja; und die stillschweigende Tradition, daß es eine Ehrensache ist, den unfreiwilligen Gefährten nie zum Bleiben bestimmen zu wollen, hebt das Gesetz auf, daß die Ehe nur enden kann, wenn beide Teile es wünschen.
K.: Ich bin überzeugt, daß die Tragödien der Trennung, von denen man heutzutage hört, weit ärger sind als die durch die Ehefesseln gelegentlich hervorgerufenen Tragödien der guten alten Zeit — und auch, daß sie viel häufiger sind.
M.: Es wäre keine solche Ironie, wenn irgend jemand etwas davon hätte. Aber soweit ich es beurteilen kann, leiden die Männer fast ebensoviel darunter wie die Frauen, besonders wenn sie alt sind. Den Zeitungen aus dem Anfang des Jahrhunderts zufolge, konnte ein alter Junggeselle oder ein Witwer immer eine junge und reizende Frau bekommen. Aber heute wird niemand einen ältlichen Mann heiraten, ausgenommen eine alte Frau, und an denen liegt den Männern nichts.
K.: Das ist sehr schade. Sie würden auf diese Weise vielem Unglück steuern, das man allerwärts sieht. Auf seine alten Tage ganz verlassen dazustehen, muß schrecklich sein.
M.: Da wir gerade von den Zeitungen reden, muß ich dir sagen, wie belustigend es ist, sie im British Museum zu lesen und aus ihnen zu ersehen, was für Wunder von dem System der Ehe auf Probe erwartet wurden, als man es zuerst gesetzmäßig festlegte. Alle die Mißstände des alten Systems sollten verschwinden: die Scheidung, der Ehebruch, die Prostitution, die Verführung, mit all diesen sozialen Übeln sollte gründlichst aufgeräumt werden.
K.: Wie unsinnig kurzsichtig waren die Leute damals! Die Scheidung ist allerdings abgeschafft, aber die Skandale und der Kummer, die gebrochenen Herzen und die zerstörten Familienleben, die sie verursachte, sind vertausendfacht. Die Untreue mag jetzt weniger häufig sein, aber wenn die Leute dazu Lust und Gelegenheit haben, dann haben sie keine Lust, eine gewisse Anzahl von Jahren zu warten, bis es dem Gesetz nach keine Sünde mehr ist. Ebenso ist es mit den anderen Mißständen. Es wird immer eine große Zahl von Männern geben, die die Ehe aus finanziellen oder anderen Gründen hinausschieben, und eine große Zahl Frauen, die nur auf eine Weise ihr Leben zu verdienen verstehen, und der älteste Erwerbszweig der Welt wird immer im Gang gehalten werden. Auch die Verführung wird nicht aufhören, so lange die Gesetze dieses Vergehen so milde beurteilen. Es wird immer unwissende, dumme und unbeschützte Mädchen geben und immer Männer, die daraus ihren Vorteil ziehen.
M.: Es scheint auch ebensoviele alte Jungfern zu geben wie früher; die Frauen, welche für die Männer nichts Anziehendes haben, bleiben bei jedem System dieselben, und oft sind sie die besten Frauen.
K.: Wie seltsam muß es sein, nie einen Mann gehabt zu haben.
M.: Es muß jedenfalls recht friedlich sein. Aber die alten Jungfern sehen durchaus nicht glücklicher aus als die verheirateten Frauen.
K.: Ich sehe nur ein gutes Resultat des Systems der Ehe auf Probe: daß die Frauen sich jetzt ebensosehr nach der Mutterschaft sehnen als sie im Anfang des Jahrhunderts bestrebt waren, sie zu vermeiden. Wir altern mit der Furcht vor fast sicherer Verlassenheit und Vereinsamung, und die einzige Hoffnung für unser Alter sind unsere Kinder — ach, verzeihe, ich vergaß, daß du keine hast.
M.: Ach geh — ich denke ja oft daran, und wenn Jack gegen eine andere Frau aufmerksam ist oder sie bewundert, fürchte ich mich schrecklich davor, daß er eine neue Anziehungskraft gefunden hat und mich verlassen könnte. Was für dummes Zeug sie früher über die Notwendigkeit der freien Liebe zusammengeschrieben haben! Als wenn die Freiheit etwas so Herrliches wäre. Wir sind ja doch alle Sklaven irgendeiner Konvention, einer Leidenschaft oder einer Theorie. Niemand von uns ist wirklich frei, und wenn wir es wären, würde es uns gar nicht befriedigen. Für die romantische Liebe in den Romanen mag die „Freiheit in der Liebe“ ja ganz schön sein; aber jenes eigene Bedürfnis der Geschlechter nacheinander, das wir in Ermanglung eines besseren Ausdrucks im praktischen Leben „Liebe“ nennen, das muß in ein festes Band geschmiedet werden; oder wie sollen wir arme schwankende Sterbliche uns sonst helfen? Die Liebe muß ein Anker im wirklichen Leben sein — nichts anderes ist gut für uns!
[ III.] Das Fiasko der freien Liebe
Der letzte Gesichtspunkt, aus welchem alle das Betragen der Menschen beurteilen, ist das daraus folgende Glück oder Unglück.
Ein Verhalten, dessen mittelbare oder unmittelbare Endresultate schädlich sind, ist ein schlechtes Verhalten. Herbert Spencer.
Die freie Liebe ist die gefährlichste und trügerischeste Form aller Ehesysteme genannt worden. Sie ist auf einem ganz unmöglichen ethischen Standpunkt begründet. In der Theorie ist sie die ideale Verbindung der Geschlechter, aber sie wird nur dann praktisch möglich sein, wenn Mann und Frau sich sittlich total verändert haben werden. Wenn die Leute alle treu, beständig, seelenrein und äußerst selbstlos sind, dann mag die freie Ehe in Betracht gezogen werden. Selbst dann hätten die Unschönen und Reizlosen keine Chancen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat noch kein in offener freier Liebe lebendes Paar dieselbe erfolgreich durchgeführt, ich meine mit einem gediegenen, ständigen Erfolg. Ich glaube, es gibt Paare, die ohne ein dauerhafteres Band als ihre gegenseitige Liebe glücklich miteinander leben, aber sie stellen sich klugerweise unter den achtunggebietenden Schutz des Eherings und nennen sich Mann und Frau. So braucht die eben flügge gewordene freie Liebe nicht gegen die gewaltige Kraft des gesellschaftlichen Bannes zu kämpfen, und überdies hat man kein Mittel, zu erfahren, wie lange diese Verbindung den Versuchungen der Zeit widersteht. Die zwei bemerkenswerten modernen Beispiele von freier Liebe, an die ich mich hier natürlich erinnere, sind George Eliot und Mary Godwin. Aber bei beiden waren die Männer schon verheiratet. Sobald Harriet gestorben war, heiratete Mary Godwin den Dichter Shelley und als George Lewes dahinschied, heiratete George Eliot einen anderen Mann, eine Handlungsweise, welche die meisten Leute viel weniger verzeihlich finden als ihr ungeregeltes Verhältnis mit Lewes. Selbst die berühmten Perfektionisten von Oneida fielen nach dem Tode ihres Führers Noyes auf seinen eigenen Wunsch in die gewöhnliche Eheform zurück.
Im Ostende von London ist die Institution der freien Liebe sehr verbreitet, aber nach den Erfahrungen der Polizeibehörde sind ihre Resultate sicher nicht ermutigend. Ich hörte auch, daß sie bei den Kattunarbeitern von Lancashire sehr allgemein ist; das System der „collage“ herrscht auch in den arbeitenden Klassen Frankreichs vor und scheint sich recht gut bewährt zu haben. Aber nur da, wo die Fähigkeit und Gelegenheit der Frauen, sich selbst zu erhalten, vorhanden ist, ist die freie Ehe vom ökonomischen Standpunkt überhaupt durchführbar, und selbst dann bleibt die ernste Frage der unehelichen Kinder. Alle billig Denkenden müssen einsehen, daß die Haltung der Gesellschaft den unehelichen Kindern gegenüber äußerst ungerecht und grausam ist, da sie die vollkommen Unschuldigen straft. Aber jeder erwachsene Mensch kennt diese Haltung, und jene, welche ihr trotzen, um ihrer Annehmlichkeit willen oder der Befriedigung einer Experimentierlaune zuliebe, tun es im vollen Bewußtsein, daß auf ihrem Kind sicher der Druck lebenslänglicher Benachteiligung lasten wird. Vielleicht werden viele durch dieses Bewußtsein davon abgeschreckt, das Sittengesetz zu durchbrechen; aber die Zahl der in England und Wales geborenen unehelichen Kinder war im Jahre 1905 37300 und ich glaube, es ist im Interesse dieser unglücklichen Opfer der Selbstsucht anderer höchste Zeit, daß eine gütigere und weniger engherzige Haltung ihrer entrechteten Stellung gegenüber eingenommen wird.
Ich erinnere mich, als junges Mädchen ein Stück gesehen zu haben mit dem Titel „Ein Veilchenstrauß“. — Die Heldin entdeckt, daß die frühere Frau ihres Mannes noch lebt, und ihr Kind daher unehelich ist. Sie sagt ihrer Tochter, sie möge zwischen ihren Eltern wählen und erklärt ihr die Vorteile des Verbleibens bei ihrem reichen und einflußreichen Vater. Die Ansprache schließt mit den Worten: „Bei mir wirst du arm und in Schmach leben, und du kannst nie heiraten!“ Zweifelsohne wurde dieser Gesichtspunkt einzig und allein in Anbetracht der jungen Mädchen im Zuschauerraum festgehalten, aber seine Unvernunft stieß mich ab. Selbst der beschränkten Intelligenz einer Siebzehnjährigen ist es klar, daß ein unehelich geborenes Mädchen lieber so schnell als sie nur kann heiraten sollte, um einen bürgerlichen Namen zu erhalten, wenn schon ein Name von solcher Bedeutung im Leben ist. Es wurde kürzlich viel über die freie Liebe im Zusammenhang mit dem Sozialismus diskutiert, und höchstwahrscheinlich dank der Entstellungen gewisser Zeitungen scheint die Vorstellung Platz gegriffen zu haben, daß die Abschaffung der Ehe und ihr Ersatz durch die freie Liebe ein Teil des sozialistischen Programms sei. Es könnte unmöglich eine unwahrere Anklage erhoben werden, wie die Umfrage bei den Führern der verschiedenen sozialistischen Körperschaften rasch erweisen wird.
Die Leute, welche für die freie Liebe plädieren, führen gern ins Treffen, daß eine so persönliche Angelegenheit nur sie selbst angeht. Alle, die so denken, sollten sich eine cause célèbre der letzten Zeit zur Warnung dienen lassen, in welcher Selbstmordversuch, krüppelhafter Nachwuchs und ein die unschuldigen Kinder bis zur dritten Generation umstrickendes Gewirr von Elend sich als die Folgen einer vor fast dreißig Jahren geschlossenen freien Verbindung ergaben. Diese und noch viele andere Tragödien der freien Liebe, die von Zeit zu Zeit in den Zeitungen veröffentlicht werden, scheinen zu beweisen, wie irrtümlich die Anschauung ist, daß wir für keine unserer Handlungen Rechenschaft abzugeben haben. Ein Verhältnis, welches die zukünftige Generation beeinträchtigt, kann nie eine private und persönliche Angelegenheit sein. Vor einigen Jahren veröffentlichte E. R. Chapman einen sehr interessanten Essay über die Ehe, in welchem er sagte: „Die gesetzliche Ehe gegen bloß freiwillige Verbindungen, bloß zeitweise Gemeinschaft austauschen, heißt nicht die Liebe frei machen, sondern ihr den Todesstoß versetzen durch Loslösung von jenem menschlichen Faktor, der die richtig verstandene Ehe ist und der die Rücksicht für die Ordnung, die Rücksicht für das allgemeine Wohl über das persönliche Interesse und die bloße Selbstbefriedigung des Augenblicks stellt.“
[ IV.] Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde
„Am schwersten und letzten von allem ist jenes Monopol des menschlichen Herzens auszurotten, das als Ehe bekannt ist . . . Es ist mit jener häßlichen und barbarischen Form der Hörigkeit so weit gekommen, daß man den sonderbaren Einfall hat, sie für direkt göttlichen Ursprungs zu halten.“ Grant Allen.
Wir nennen es die höfliche Tafelrunde, weil wir in der Hitze des Meinungsgefechtes immer rückhaltlos derb zu werden pflegen. Bei dieser Gelegenheit war die unvermeidliche Ehediskussion, die fast immer in der einen oder anderen Zeitung zu finden ist, der Gesprächsgegenstand. Der ‚biedere Börsenmann‘ (unverheiratet) verteidigte herzhaft den heiligen Ehestand. Seine sittliche Haltung ist gewiß etwas langweilig, aber nichtsdestoweniger gehört er zu jenen Leuten, mit denen man wirklich höflich ist. Obgleich auf dem Gesicht des ‚Familienegoisten‘ eine gewisse Reizbarkeit zu sehen war, hörten wir achtungsvoll zu, ausgenommen der ‚böse Börsenmann‘, dessen Mahlzeit einen viel zu wichtigen Raum in seinem Lebensplan einnahm, um durch ein Gespräch über moralische Themen beeinträchtigt zu werden.
Der ‚verlebte Roué‘ muß natürlich — das ist ihm Ehrensache — allem widersprechen, was der ‚biedere Börsenmann‘ sagt. Ich muß erwähnen, daß der ‚verlebte Roué‘ ein äußerst tugendhafter Mann und ein Mustergatte und -vater ist. Er posiert eine wüste Vergangenheit, was ihm den sarkastischen Spottnamen eingetragen hat, den er durchaus nicht durch seine Aufführung verdient. „Sie vergessen,“ warf er matt ein, als der ‚biedere Börsenmann‘ eine Pause machte, „daß kein Geringerer als Schopenhauer gesagt hat, daß der Mann von Natur aus zur Polygamie, die Frau zur Monogamie neigt.“
„Ich verneine die erste Behauptung“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘ erhitzt. Er geriet immer in Hitze, wenn es sich um Sittlichkeitsfragen handelte, und wollte immer genaue Nachweise liefern, was eine einigermaßen langweilige Diskussion zu verursachen drohte, als der ‚Blaustrumpf‘ mit dünner, abgehackter Stimme entschlossen dazwischenfuhr:
„Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, daß die monogamische Ehe eine göttliche Institution ist.“
„Lächerlich, was?“ grinste der ‚verlebte Roué‘. Der ‚biedere Börsenmann‘ sah bekümmert aus und räusperte sich. Bei diesem schrecklichen Signal schickte sich der ‚Familienegoist‘ — dessen Gereiztheit stetig wuchs, wie die nachgewiesene Verbreitung einer Zeitung — an, sein Wurfgeschoß auf den Kampfplatz zu schleudern. Das hätte jedwede Angeregtheit des Gespräches auf einige Stunden hinaus gehemmt, und es entrang sich allen ein Seufzer der Erleichterung, als unser tapferer ‚Blaustrumpf‘ sich noch einmal dem Lauf des Gespräches entgegenwarf.
„Sie machen ja geradezu einen Kultus aus der Bibel,“ quakte sie höhnisch den ‚biederen Börsenmann‘ an, — „aber Sie scheinen mit dem Alten Testament auf keinem sehr vertrauten Fuß zu stehen. Sie werden dort reichliche Beweise finden, daß die monogamische Ehe nicht göttlicher ist als die Polygamie oder die freie Liebe, auch daß sie keinen himmlischen Ursprung hat, da sie sich je nach Rasse und Klima änderte. Sie ist einfach ein unerläßlicher Schutz der Gesellschaft.“
„Ich setze einen Schilling drauf“, murmelte der ‚Tölpel‘ (ein unverbesserlicher junger Mann, ganz der Winston Churchill unseres Familienkabinetts), indem er seine übliche Formel anwendete. Ohne auf ihn zu achten, zirpte der ‚Blaustrumpf‘ ernst weiter: „Wenn Sie je Soziologie studiert haben, müssen Sie wissen, daß die Ehe hauptsächlich ein Gesellschaftsvertrag ist, der ursprünglich auf der Selbstsucht begründet war. Noch jetzt hat sie etwas von ihrer halb barbarischen Form, und jene, welche ohne Gründe ihre bewiesene Heiligkeit predigen, sollten lieber vorschlagen, wie das jetzt in Übung stehende wüste Gesetz den Notwendigkeiten der modernen Verhältnisse angepaßt werden könnte.“
Sie machte eine Pause, um Atem zu schöpfen. — Der ‚biedere Börsenmann‘ war bleich, aber er hielt ihr mannhaft stand. „Bravo, ‚Blaustrumpf‘“, sagte der ‚verlebte Roué‘.