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Die
Pharisäer.


Ein Beitrag

zum

leichtern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

von

Michael Wirth,

K. B. Professor am Lyceum zu Regensburg.



Ulm, 1824.

In der Stettin’schen Buchhandlung.

Ich sage euch, wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so könnet ihr nicht eingehen in das Himmelreich.

Matth. V, 20.

Vorrede.

Schatten erhöhet die Wirkung des Lichtes. Unser verherrlichter Erlöser strahlt uns noch unendlich milder und menschenfreundlicher aus den Evangelien entgegen, wenn wir ihn den düstern Schatten des Reiches der Finsterniß gegenüberstellen.

Diese Schatten, welche die Glorie unseres Herrn erhöhen, sind die Pharisäer. In ihnen wird aber auch uns ein zurückschreckendes Bild aufgestellt, welches vor Heuchelei, die in Gottes Augen ein Greuel ist, kräftig warnt.

Lassen wir uns von Christus erleuchten und beleben, von den Pharisäern Abscheu vor Heuchelei einflößen, dann singen Gottes Boten wieder: „Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden!“

Dieß ist der hohe Zweck, zu dessen Erreichung der Verfasser vorliegender Schrift sein Scherflein beitragen möchte.

In einer Zeit, in welcher Selbstsucht, Eigennutz, Falschheit, Tücke, Frömmelei mehr als je zum tiefsten Schmerz und Schrecken der Freunde thatenreicher Religiosität kühn ihr Haupt erheben, thut es wahrlich noth, darauf aufmerksam zu machen, daß[1] „die Menschen auf das sehen, was in die Augen fällt, daß aber der Herr das Herz ansieht.“

Geschichte belehret am besten, und beleidiget am wenigsten, besonders heilige Geschichte. Darum machte der Verfasser es sich zur Aufgabe, nur die Gesinnungen, Lehren und Thaten der Pharisäer nach seinen Kräften deutlich darzustellen, ohne alle Rück- und Seitenblicke, welche anstößig werden könnten.

Sollten deß ungeachtet dem Verfasser hämische Absichten angedichtet oder gar aufgezwungen werden, so ist seine einzige Waffe gegen solche Zumuthungen — sein Bewußtsein vor Gott, daß er keinen Stand und keine Person ansah, sondern nur auf Belehrung und Besserung jedes Einzelnen Bedürftigen bedacht war.

Einzig aus dieser Absicht muß man es erklären, wenn hie und da eine starke Sprache geführt, oder an Satyre streifende Züge angebracht werden. Alles sollte angewendet werden, was die Heuchelei in ihrer ganzen Abscheulichkeit darstellen konnte.

Gelehrter Prunk von Citaten, zu denen es an Gelegenheit nicht fehlte, wurde vorsätzlich vermieden, weil dem Kenner die Quellen nicht verborgen sind, aus denen geschöpft wird, und weil dem Nichtkenner, der es unschuldig sein kann, nichts damit geholfen ist. Wahrheitsliebe war mein Leitstern; absichtlich trat ich nicht aus der geraden Bahn.

Der, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, gebe seinen Segen zu der schwachen Bemühung

des Verfassers.

Den 29. Nov. 1823.

Inhalt.

Seite

Vorrede

[III]

Einleitung

[1]

I. Johannes, der Täufer, den Pharisäern gegenüber

[27]

II. Nathanael

[35]

III. Jesus stellt pharisäischen Unfug im Tempel ab

[37]

IV. Gespräch mit einem Pharisäer besserer Art

[40]

V. Jesus in der Synagoge zu Nazareth

[46]

VI. Die Bergpredigt

[49]

VII. Die Heilung des Schlagflüßigen

[71]

VIII. Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei Fragen

[74]

IX. Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates

[83]

X. Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin

[94]

XI. Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war. Urteil der Pharisäer. Antwort Jesu

[98]

XII. Ueber die Lehre von gesetzlichen Reinigungen

[102]

XIII. Jesus auf dem Laubhüttenfeste zu Jerusalem

[111]

XIV. Die Pharisäer und die Ehebrecherin vor Jesus

[129]

XV. Die Pharisäer untersuchen gerichtlich die wunderbare Heilung des Blindgebornen

[134]

XVI. Beantwortung der Frage eines Schriftgelehrten über die Liebe

[150]

XVII. Ueber Heuchelei im Urtheilen

[154]

XVIII. Verhalten der Pharisäer vor, bei und nach dem Einzuge Jesu zu Jerusalem

[157]

XIX. Letzte Rede Jesu gegen die Lehre und gegen das Leben der Pharisäer

[184]

XX. Jesus wird von den Pharisäern an das Kreuz gebracht

[210]

Einleitung.

Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteige, welchen ein Weib nahm und in drei Schäffel Mehl verbarg, bis es ganz durchsäuert war. (Matth. XIII. 33.)

Vor Allem hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer, das ist, vor Heuchelei. (Luc. XII. 1.)

Also das Evangelium wirket wie ein Sauerteig, und die Heuchelei wirket wie ein Sauerteig! Zwei so verschiedene Dinge unter Einem Bilde; und doch so natürlich! Das Evangelium ist von Gott dazu bestimmt, die ganze Menschheit und jeden einzelnen Menschen zu durchdringen zur Sinnesänderung und Heiligung, wie der Sauerteig die ganze Masse durchwirket. Wer dem Evangelium kein Gehör giebt, in dem bringen die verderblichen Lehren des Weltgeistes in umgekehrter Ordnung dieselbe Wirkung hervor. Alle Theile des geistigen Lebens werden vom sündhaften Sauerteige erfüllt und verdorben. Dazu ist nichts mehr geeignet, als Heuchelei. Mit Recht bezeichnet daher Jesus die Lehren und Thaten derselben als das wahre Anti-Evangelium, indem er für beide dasselbe Bild beibehält, aber einmal die Licht- und dann die Nachtseite desselben zeigt. Sollte sein Zeugniß uns nicht aufmerksam machen, daß wir uns in Acht nehmen vor den Besuchen eines so gefährlichen Gastes, der anfangs nur einen kleinen Winkel im Hause sich erbittet, bald aber die ganze Wohnung verpestet? Oder wenn er unser Herz bereits in Besitz genommen hat, sollten wir uns nicht beeilen, ihn so schnell als möglich zu vertreiben, und die Wohnung wieder zu reinigen?

Da bedürfen wir aber vor Allem einer eben so tiefen, als genauen Kenntniß der Heuchelei. Wir müßen zuerst das Wesen und den Grundcharakter derselben zu erfassen suchen; dann kann eine genaue Beschreibung ihrer Gestalt, ihrer Mienen, Gebehrden, Reden, Thaten, Wendungen und Krümmungen uns in den Stand setzen, die leisesten Spuren dieses Krebsschadens des Christenthums zu entdecken, zu verfolgen und zu vertilgen.

Woher sollen wir diese Einsicht in das Wesen der Heuchelei nehmen? Der Geist des göttlichen Wortes wird uns auch hier auf dem sichersten und kürzesten Wege zum erwünschten Ziele leiten. Folgen wir mit Demuth und Vertrauen diesem besten Führer!


In der heiligen Schrift wird Gott überall dargestellt als der Lebendige — in sich selbst und für alle Wesen.

Dieses Leben offenbart sich auf eine doppelte Weise — als Wahrheit und Liebe in unendlicher Vollkommenheit und Einheit. In Gott ist Wahrheit auch zugleich Leben und Liebe, und umgekehrt. Nur der menschlichen Schwäche zeigt er sich bald in vorwaltender Wahrheit, bald in überwiegender Liebe.

Gottes Wort ist das Leben, welches von Anfang beim Vater war, und uns erschienen ist, aber auch vor, bei und nach seiner Erscheinung sich ausgesprochen — durch göttliche Lehre den Menschen sich geoffenbart, durch göttliche Thaten sich erwiesen hat.

Dein Wort ist die Wahrheit,“ sagt Christus betend zum Vater. Gottes Wort, wie es die heilige Schrift enthält, ist kein Menschenwort, d. i. „kein Licht ohne Wärme.“ „Das Wort Gottes ist lebendig,“ und beweiset sein Leben an allen Glaubigen durch Belebung. Durch Auge und Ohr dringt es zum Herzen, erregt und öffnet dasselbe höhern Einflüssen, die vom „Lebendigen“ ausgehen, und Licht und Leben mittheilen.

Darum wird auch in der heiligen Schrift Erkennen und Lieben als gleichbedeutend genommen. Von der innigsten Verschmelzung zweier Menschen in einer Liebe des ehelichen Bundes eben so, wie von der geistigsten Vereinigung in Liebe mit Gott wird derselbe Ausdruck gebraucht. (Matth. I., 25. Joh. X., 14–15.) Doch wohl ein sprechender Beweis, daß nach Gottes Sinn Erkennen und Wollen, Wissen und Thun, Wahrheit und Liebe Ein Leben bilden.

In und vor Gott giebt es also keine Wahrheit, die bloß Gedanke, bloßes Erkennen ist, und ohne Einfluß auf das Leben bleibt. Deßwegen spricht Christus vom Thun, d. i. vom Ausüben der Wahrheit; vom Leuchtenlassen des Lichtes, damit die Menschen unsere guten Werke sehen. In der That ein gottähnliches Verhältniß der Wahrheit und Liebe im Menschen!

Wer sich auf diesen Standpunct erhoben hat, den wird es nicht mehr befremden, daß durch göttliche Wahrheit im Menschen sich eine Seelenstimmung, ein Charakter ausbilde, den wir nicht besser bezeichnen können, als mit Wahrhaftigkeit. Diese ist der unverwandte Blick des Geistes nach der Erkenntniß der Wahrheit, die gerade, unverrückbare Richtung des liebenden Herzens nach Verwirklichung derselben, der getreue Abdruck derselben im Leben des Menschen.

Ein Leben in Wahrheit durch Liebe ist „ewiges Leben“, und macht das Innerste und Tiefste und Höchste im Menschen aus — sein eigentliches Wesen, seine Gottähnlichkeit.

Darum werden auch bei einem Menschen, in welchem sich Wahrheit mit Liebe gepaart und zur Wahrhaftigkeit ausgebildet hat, alle Handlungen natürlich; denn aus der wahren Erkenntnis, welche zugleich Liebe ist, geht eine Handlungsweise hervor, welcher der Mensch gerne, immer und unter allen Umständen getreu bleibt; welcher der nicht zuwider handeln kann, weil er nicht will; von welcher endlich alle Nebenabsichten, alles Gepränge, alle Ziererei, alle fromm sein sollenden Schnörkel, alle Einseitigkeit, Engherzigkeit, Sonderbarkeit &c. schlechthin ausgeschlossen ist und bleibt.

„Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens nur Gutes hervor“ — nicht halb Gutes, nicht verblümtes verkleistertes, vergoldetes Gutes, noch weniger Böses; denn von alle diesem ist nichts darin.

„Ein guter Baum kann nur gute Früchte bringen;“ es wirkt kein schlechter Saft in ihm. Aber er thut dabei nur, was seine Natur mit sich bringt; und er thut es stille, geräuschlos, ohne besonderes Aufsehen. So auch der gute, der in Liebe wahrhaftige Mensch! Ihm ist es eben so natürlich, mit Freiheit die Wahrheit zu thun, als es dem Lichte natürlich ist, zu leuchten. Beide verfahren dabei kunstlos; das Licht thut es, weil es nicht anders kann; der gute Mensch kann nicht anders, weil er nicht anders will.

Selig sind, die eines solchen reinen Herzens sind!

Aber es giebt auch eine Kehrseite dieser Sache. Nicht selten trifft man Menschen, welche „einen bösen Schatz in ihrem Herzen“ tragen; Menschen, welche Jesus mit schlechten Bäumen vergleicht. Sie können keine gute Früchte bringen, weil sie nicht wollen. Woher dieses? —

Wahrhaft und wirklich entgegengesetzt ist der Wahrheit weder der bloße Mangel derselben, noch der Irrthum oder Schein das Wahren, sondern die Lüge, als positive, wirkliche, freiwillig erzeugte Unwahrheit.

Mit dem Geiste der Lüge ist der Geist der Wahrheit schlechterdings unvereinbar; beide sind und bleiben ewige Feinde.

Wenn sich aber Wahrheit mit Liebe paart, so fordert es die Natur der Sache, daß mit der Lüge nur der Haß einen innigen, treuen Bund schliessen könne.

Ein Leben in Lüge durch Haß ist „ewiger Tod“, ist satanische Existenz. — Auch diesem Zustande kann der Mensch sich nähern.

Doch treten die Gegensätze der wahrhaftigen Liebe und der gehässigen Lüge nicht immer so rein ins Leben. Vielmehr berühren sich auch hier die Extreme, und es entsteht eine Mischung ungleichartiger Dinge, so daß

a) Wahrheit und Wahrhaftigkeit in ihrer Reinheit getrübt und durch einen Zusatz von Lüge entstellt werden;

b) Lüge und Lügenhaftigkeit dagegen ihre Natur zu verändern scheinen, und einen täuschenden Anstrich von Wahrheit erhalten.

Bei der ersten Art von Mischung liegt offenbar Schwäche des Geistes zum Grunde, die sich durch falsche Ansichten und unreine Beweggründe irre leiten läßt. Nicht so bei der zweiten Art; da lauert die Tücke im Hintergrunde, welche gar wohl fühlt, daß das Böse, welches im Innern hauset, sich nicht so geradezu in seiner Nacktheit und grellen Farbe zeigen dürfe, sondern daß es sich klug und gewandt in die einnehmende Maske des Guten hüllen müsse, um nicht sogleich beim ersten Anblicke zurückzustoßen.

Beide Arten bezeichnet unser Erlöser mit Einem Worte, und nennt sie Heuchelei.

Diese hat also zwei Hauptseiten, nach welchen sie sich in tausend Gestalten ausbildet. Es liegt eben so sehr in ihrer Natur,

das Wahre und Gute aus lügenhaften Gründen und bösen Absichten, als die Lüge und Bosheit unter dem Scheine der Wahrheit und Liebe auszuüben.

Eine unausbleibliche Wirkung dieses Geistes der Heuchelei ist es, daß das Aeußere zur Hauptsache, das Innere zur Nebensache wird. Religion und Tugend verwandeln sich in eitles Gepränge, das weder vom Herzen kommt, noch zu demselben dringt.

Anbetung des Vaters, der Geist ist, in Wahrheit und Liebe des Geistes kann also mit Heuchelei schlechterdings nicht bestehen; eben so wenig ächte, lebendige Nächstenliebe. Damit fällt aber auch das Evangelium und der wahre Glauben an dasselbe. Wo die Wucherpflanze der Gleißnerei den Boden bedeckt, da kann der Glauben, die Pflanze des himmlischen Vaters, nicht gedeihen; „ohne Glauben aber ist es unmöglich; Gott zu gefallen.“ Glauben ist der Grund- und Eckstein des Tempels der Liebe, in welchem Seligkeit thronet und ewiges Leben.


Schon David eifert gegen heuchlerischen Gottesdienst. Aber schwerlich ist dieses Uebel erst zu seiner Zeit entstanden; es ist die giftige Frucht des Saamens, welchen der „Vater der Lüge und des Mordes“ schon im Anfang ausstreute. Ueber dieses Gewächs spricht sich Gott so aus: „Höre mein Volk! Ich rede, ich zeuge selbst an dich, Israel! Gott bin ich, dein Gott. Nicht deiner Opfer wegen straf’ ich dich; mir wallt ja stets hinauf der Opfer Rauch. — Ess’ ich denn Fleisch der Stiere? Trink’ ich der Böcke Blut? Opfere du nur Dank der Gottheit; erfülle nur, was du dem Herrn gelobt! Rufe mich an in deiner Noth; ich errette dich, und du sollst mich preisen!“

Warum tadelt Gott die Opfer, für die er den Ort und die Weise selbst bestimmt, die er aber nicht als nothwendig verlangt hatte? Warum dringt er so sehr auf Religion des Herzens? Man höre: „Zum Gottlosen spricht der Herr: Was schwätzest du von meiner Lehre; führest meinen Bund in deinem Munde, da du doch Belehrung hassest, und meinen Ausspruch wegwirfst? Siehest du einen Dieb, sogleich bist du sein Freund; mit Ehebrechern hast du Umgang. Du lässest Bosheit nur aus deinem Munde; Arglist schmiedet deine Zunge. Du sitzest zu Gericht, und bist selbst ein Verläumder deines Bruders; bist bereit, insgeheim zu fällen deiner Mutter Sohn. Dieß thust du. Schwieg’ ich nun, so dächtest du, Ich sei wie Du!“ (Psalm L.)

Wie mußte Jehova die fetten Opfer solcher Menschen ansehen, an denen sie es gewiß nicht fehlen ließen? — —

Noch schärfer ist die Rüge der Heuchelei, welche der Herr durch den Mund des Propheten Jesajas ergehen ließ: „Aus voller Kehle rufe! Halt dich nicht zurück! Erhebe, der Trompete gleich, die Stimme! Thue meinem Volke seine Missethat, und Jakobs Hause seine Sünde kund! — Zwar suchen sie mich Tag für Tag, und zeigen Lust, zu kennen meine Wege; gleich einem Volke, das recht gehandelt, und seines Gottes Vorschrift nicht verletzt, verlangen sie von mir Gerechtigkeit, und nähern sich der Gottheit dreist. Wir fasten, und warum siehst du es nicht? Warum merkest du es nicht, daß wir uns quälen? — Sehet! da ihr fastet, folgt ihr euerm Willen, und dränget alle eure Schuldner. Ihr fastet nur zum Streit und Hader, um euch mit ungerechter Faust zu schlagen. O fastet forthin so nicht mehr! Laßt nicht mehr Himmelan erschallen eure Stimme! Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, wenn einen Tag der Mensch sich quälet; wenn er sein Haupt, wie Schilfrohr, senkt, und sich auf Sack und Asche legt? Dieß nennest du ein Fasten; dieß einen Tag, Jehova angenehm? Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: Der Bosheit Ketten lösen, befreien von der Bürde Last, loslassen die Gefesselten und jedes Joch zertrümmern. Brich Hungerigen dein Brod! Die armen Flüchtlinge nimm auf ins Haus! Den Nackten, den du siehst, bekleide, und dem, der deines Fleisches ist, entziehe dich nicht! Dann bricht dein Licht wie Morgenrot hervor.“ (Jes. LVIII, 1–8.).

Alle Wahrheit wird nach der heiligen Schrift bestätiget durch zweier oder dreier Zeugen Aussage; darum soll Jeremias die Reihe der Zeugen Gottes gegen die Heuchler schliessen. Bei ihm steht geschrieben: „Höre, Erde! Ich will über dieses Volk Unglück bringen, die Frucht seiner Rathschläge, weil es auf meine Worte nicht gemerket, und mein Gesetz verschmähet hat. Wozu mir der Weihrauch, der von Saba, und der beste Kalmus, der aus fernem Lande kommt? Eure Brandopfer gefallen mir nicht, und eure Opfer sind mir nicht angenehm. — Verlasset euch nicht auf die lügenhafte Rede derer, die sprechen: Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel sind diese (Gebäude)! — Sehet! ihr verlasset euch auf lügenhafte Reden, die euch nicht helfen werden. Wollet ihr stehlen, morden, ehebrechen, falsch schwören, dem Baal räuchern, andern Göttern, die ihr nicht kennet, nachlaufen, und dann kommen, und in diesem Tempel, der meinen Namen führet, vor mein Angesicht treten, und sagen: Wir werden gerettet werden — damit ihr alle diese Greuel fortsetzet? Ist denn dieser Tempel, der meinen Namen führt, in euren Augen eine Mördergrube? — Wie könnet ihr sprechen: Wir sind weise? haben das Gesetz Jehova’s! Fürwahr, in Lügen hat es der trügerische Griffel der Schriftgelehrten verwandelt. Die Weisen werden beschämt, bestürzt und gefangen werden. Das Wort Jehova’s haben sie verschmähet, und welche Art Weisheit bleibt ihnen übrig?“ (Jerem. VI, 19–20. VII, 4. 8–11. VIII, 8–9.).


Es gab also schon Heuchler vor den Pharisäern, so wie sie mit dem Erlöschen dieser Secte nicht ausgestorben sind. Aber wie entstunden die Pharisäer? Ihr Wesen ist Symbol ihrer Geschichte; diese liegt so im Dunkeln, daß man nicht einmal den Ursprung und Anlaß ihrer Benennung weiß, obwohl sich dieser Orden erst in dem Zeitraum zwischen der Wiedererbauung der Stadt und des Tempels und der Ankunft unseres Herrn bildete.

Die ersten Anläße mögen noch unschuldig genug gewesen sein. Sie scheinen in der bis zur Aengstlichkeit gestiegenen Strenge in Beobachtung und Einschärfung aller auch der kleinsten Dinge des Gesetzes ihren Grund zu haben. Je trauriger die Erfahrungen waren, welche man in dem Exil gemacht hatte, desto sorgfältiger war man darauf bedacht, der Nachlässigkeit in der Gesetzeserfüllung und der Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, als den Hauptursachen alles Unglückes, entgegen zu arbeiten. Esra und Nehemia waren hierin mit rühmlichem Eifer vorangegangen; allein in ihrem Geiste wurde nicht fortgefahren. Immer pünktlicher und schärfer bestimmte kleingeistige Aengstlichkeit alle Formen, Gebräuche, Tage und Stunden &c. nur zu bald und zu leicht übersah man bei dieser gesetzlichen Frömmigkeit die Besserung des Herzens, die Mitwirkung reiner, heiliger Gesinnungen; man war mit dem Aeußern zufrieden, und kümmerte sich wenig um das Innere. Dazu trug die Art von Schriftauslegung, welche eben um diese Zeit aufkam, nicht wenig bei. Freilich, wer wird es tadelhaft finden, daß die Lehrer der wiederhergestellten Nation auf alle Weise und durch alle tauglichen Mittel das Ansehen der heiligen Schriften zu sichern, ihren Sinn genau zu bestimmen bemühet waren? Wer wird es ihnen zunächst verargen, wenn sie alte Sagen, Ueberlieferungen von Gebräuchen und Auslegungen zu diesem Behufe sammelten? Allein dabei blieben die Nachfolger nicht stehen; diese erhoben die Mischna — Sammlung von Lehren und Ueberlieferungen der Alten — zu gleichem Ansehen mit den heiligen Schriften, wollten alle Schrifterklärung nach diesem Maaßstabe geregelt wissen, und verbanden dann, um das Verderben zu vollenden, auch noch chaldäisch-babylonische und andere asiatische Lehren von guten und bösen Geistern, von Seelenwanderung, von Engeldienst, magischen Künsten &c. damit. Unmöglich war es, Entstellung und Verfälschung des wahren Sinnes bei der Schriftauslegung unter solchen Umständen zu vermeiden; und welche Folgen hatte dieß wieder für Religion und Sittlichkeit?

Allerdings fand das strenge Bestehen auf dem äussern und öffentlichen Bekenntnisse des Judenthumes einen wichtigen Entschuldigungsgrund in den grausamen Verfolgungen des Antiochus und in dem schändlichen Hange vieler Schwachen und Verkehrten in Israel zu griechischem Götzendienste. Allein diese Zeiten und Umstände dauerten nicht immer, und konnten es nicht rechtfertigen, wenn man dann aus Abneigung und Haß gegen Heidenthum und Heiden schon in der blossen äusserlichen Gesetzerfüllung etwas Verdienstliches sah, und sich vor dem Heiden glücklich pries, obwohl das Innere um nichts besser war.

Aus solchen Elementen entwickelte sich der Pharisäismus allmählich im Laufe der Zeit. Endlich erstarkte er so, daß er sich absondern, als eigene Secte darstellen und durch Kleidung und ihre Verzierung selbst dem Auge kenntlich machen konnte. Von jetzt an war der Einfluss dieser Parthei mächtig, und nur die Sadducäer konnten denselben beschränken, doch nur im Politischen. Auf Religiosität und Sittlichkeit des großen Haufens wirkte die blendende Außenseite dieser Frömmler über alle Vorstellung. Zwar fanden sich noch edle Männer unter ihnen; die Evangelisten nennen Nikodemus und Joseph; allein sie vermochten den Strom nicht aufzuhalten, um so weniger, da sie als Mitglieder des Ordens in den meisten Dingen den Uebrigen sich gleich stellen mußten.

Wundern wird man sich also nicht mehr, warum Jesus gegen die Pharisäer so schonungslos verfuhr; warum sein göttlicher Eifer entbrannte ihren Lehren und Thaten gegenüber, wenn man auch nur das reif und besonnen überlegt, was die heilige Schrift vom Wesen der Heuchelei uns gelehret hat. Aber staunen muß man über die langmüthige Liebe und über den hohen Ernst, womit unser Erlöser unabläßig daran arbeitete, den verborgenen Krebsschaden dieser Leute, wo möglich noch zu heilen oder wenn dieses durch ihre eigene Schuld nicht mehr angieng, denselben zur Warnung für Mit- und Nachwelt unverholen aufzudecken. Möge das Werk des Herrn an uns nicht verloren gehen!

I.
Johannes der Täufer, den Pharisäern gegenüber.[2]

Gottes Wort ergieng an Johannes, Zacharias Sohn, in der Wüste“ — und er trat auf, plötzlich, unerwartet, kräftig, wie sein Vorbild, Elias.

Das Volk strömt an den Jordan, sieht, höret, bewundert, staunet, wird erschüttert von dem Donner des nahen Gottesgerichtes, läßt sich taufen zur Sinnesänderung.

Der Ruf von ihm dringt in die Hauptstadt, erregt die Neugierde, wird Tagsgespräch. Viele machen sich auf, eilen an den nicht zu entfernten Fluß, um die neue Erscheinung mit eigenen Augen zu sehen. Manche kommen gerührt und gebessert zurück, Andere nicht; Alle erzählen von einem Manne — „angethan mit einem Kleide aus Kameelhaaren, einem ledernen Gürtel um seine Lenden; von einem Manne, der Heuschrecken und wilden Honig genießt.“ Der Inhalt seiner Predigt sey: „Aendert euern Sinn; denn das Himmelreich ist nahe!“

„Und das römische noch näher!“ — so mochte mancher eifrige Pharisäer dem Erzähler antworten — „Wozu ein himmlisches Reich, so lange das Volk Gottes unter dem römischen Joche schmachtet? Buße ist unnöthig; denn wir dienen weder Baal noch Astaroth, wie unsere Väter. Frei sollen wir sein; wer uns Befreiung verkündiget, oder noch lieber, bringt, der ist unser Prophet.“

Für Leute von solchem Sinne hatte Johannes zu wenig politisches Interesse, um gleich Anfangs ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zu dem war man in diesen unruhigen Zeiten an sonderbare Auftritte ziemlich gewöhnt.

Bei Vielen unter dem Volke hatte aber doch der Gott dieser Welt die Herzen noch nicht so verdüstert, daß sie unfähig gewesen wären, einzusehen, der Täufer habe Gottes Wort und das Zeugniß ihres Gewissens für sich, wenn er sie um ihrer Lieblosigkeit, Habsucht und Ungerechtigkeit willen als zur Strafe reif betrachte. Er selbst war über jeden Tadel dieser Art erhaben, und bestätigte seine Lehre mit seinem Beispiele. Daher die großen Wirkungen seines Wortes.


Darin zeichnen sich alle Männer Gottes vor den Menschenkindern so sehr aus, daß sie hohe Würde mit reiner Demuth so unvergleichlich in sich vereinigen. Auch Johannes trägt dieses Siegel Gottes an sich.

Als eine heilsame Furcht vor einem nahen Gerichte die Nation durchdrungen, und die freudige Hoffnung des kommenden Gottesreiches in Vielen einen bessern Sinn angeregt hatte; als das Volk Schaarenweise an den Jordan strömte, um sich taufen zu lassen: da fanden es Pharisäer und Sadducäer rathsam, den Gang dahin ebenfalls zu thun. Was bewog sie denn dazu? Ohne Zweifel hatte Neugierde großen Antheil an diesem Schritte. Doch eben so viel wenigstens mochte die Sucht, beym Volke etwas zu gelten, beitragen; sie wollten, wenigstens die Pharisäer, nicht die Letzten seyn, die sich bei dem neuen Propheten einfanden. Im Hintergrunde aber lag noch eine geheime Furcht vor göttlichen Strafen, die sich ihrer bei der allgemeinen Erschütterung unwillkührlich bemächtigte, weil ihr Gewissen gegen sie zeugte. Endlich trieb sie Neid und Eifersucht an, die Absicht des neuen Lehrers kennen zu lernen, der so viel Aufsehen erregte, und so großen, für sie kränkenden Beifall fand.

Wer sieht sie nicht kommen? Mit gemessenem Schritte in Achtung gebietender Haltung, das Gesicht in frömmelnde Falten verzogen, im Blicke eine Mischung von Kriecherey und Stolz — so schreiten die Herren durch das Volk, und treten vor den Täufer. Dieser aber entdeckte bald die Wölfe, welche sich in Schaafspelze verkrochen hatten. Ohne sich durch ihre Gegenwart und durch ihre hohen Mienen im geringsten schrecken zu lassen, behauptete er sein Ansehen als Prophet und machte von dem Rechte, das ihm der göttliche Auftrag gab, einen so nachdrücklichen Gebrauch, daß sie das ganze Gewicht seiner beschämenden Strafrede unangenehm genug zu fühlen bekamen. Er zeichnet ihren Charakter von der schlimmsten Seite mit Einem Zuge: „Natternbrut!“ Damit deutet er auf das Gift ihrer Lehre, auf die Tücke ihres Herzens, auf die Gefahr für gute Menschen von ihrer Seite, auf ihre schlaue Furchtsamkeit, welche er sogleich noch besonders, aber gar nicht zu ihrer Empfehlung heraushebt. Mit Gottes Allmacht schlägt er ihre falschen Schlüsse: „Wir haben Abraham zum Vater;“ also sind wir Gottes Volk, und folglich Erben des Reiches mit dem Messias. Die Hauptsache war in ihren Augen, als Jude geborenbeschnittenerzogen zu sein; der Zustand des Herzens wurde wenig berücksichtiget. Sie pochten auf Aeußerlichkeiten und auf einen religiösen Ahnenstolz, ohne eigenen Werth zu haben. War dieß nicht die gefährlichste, verderblichste Heuchelei?

Mit dieser gewaltigen Kraft, mit diesem überwiegenden Ansehen, eines Elias würdig, steht in wunderbarem Kontraste die Bescheidenheit und Demuth, mit welcher er vor dem Volke, das ihn für den Messias zu halten geneigt war, unaufgefordert erklärte: Zum Messias verhalte er sich wie der geringste Sklave zu seinem Herrn; seine Kraft reiche an die des Stärkern nach ihm so wenig, als reinigendes Wasser an läuterndes und belebendes Feuer.

Vergleiche den großen, demüthigen, edeln Johannes mit den hochfahrenden, kriechenden, listigen Pharisäern — und lerne!


Mit nichts kann man den Heuchler gewisser zur unversöhnlichsten Rache aufreizen, als durch Aufdeckung seines Innern. Dieß erfuhr auch der Täufer. Er hatte den geheimen Stolz der Pharisäer aufs empfindlichste gekränkt; denn sie bildeten sich auf ihre Frömmigkeit und Gottseligkeit nicht wenig ein. Darum sannen sie darauf, wie sie ihm die erlittene Schmach siebenfach vergelten könnten. Leidenschaft macht scharfsinnig; und so fanden sie bald ein treffliches Mittel, ihren Zweck zu erreichen. Johannes hatte sein Amt ohne Wissen und Wollen des Synedriums angetreten; er handelte und lehrte eigenmächtig, wie ein Prophet, ohne seine göttliche Sendung durch ein Wunder zu beweisen; konnten die Väter des Volkes da nicht mit vollem Rechte die Frage aufwerfen: Ob Johannes auch nur ein Prophet sey? Schwerlich war ihnen in diesem Augenblicke eine Vorschrift des Gesetzes erwünschter, als die, welche ihnen das Recht gab die Ansprüche auf die Prophetenwürde zu untersuchen. Welch’ ein blendendes Aushängeschild für ihren Racheplan! Dabei nahmen sie ihre Maaßregeln so, daß es weder an gesetzlichen Formen, noch an feierlichem Pompe fehlen sollte. Sie beschlossen, eine förmliche Deputation von Priestern und Leviten — an den Jordan zu schicken, und dem Täufer öffentlich eine kurze und bestimmte Erklärung über sein Vorhaben und Benehmen abzufordern.

Man müßte für Johannes zittern, wenn die Pharisäer an ihm ihres Gleichen vor sich gehabt hätten. Allein wer seiner guten Sache gewiß ist; wer mit reinem Herzen der Wahrheit aus Gottes Munde huldiget; wer mit redlichem Sinne den Menschen zugethan ist, der vereitelt solche Ränke entweder geradezu durch sein einfaches, schlichtes Reden und Thun, oder wenn er unterliegt, so ist selbst sein Tod ein neuer Sieg für die Wahrheit, welche triumphierend aus seinem Grabe aufersteht. Der Täufer gerieth nicht in ihre Schlinge. Vielmehr setzte er ihrer Schlauheit wahre Klugheit, ihrer Verstellung arglose Aufrichtigkeit, ihrem Stolze ungekünstelte Demuth entgegen; er behandelte sie, als Gesandte des Synedriums, mit der ihrem Range gebührenden Achtung; machte ihnen nicht den leisesten Vorwurf; antwortete auf jede Frage bescheiden, kurz und wahr; rechtfertigte seine Predigt und Taufe mit einer Stelle des Jesaias, fügte eine eigene Weissagung dazu — und ließ sie unverrichteter Dinge mit einem Stachel im Herzen abziehen, ohne daß sie Scham oder Verdruß sich durften ansehen lassen.

Wer es beherzigen will, wird hier lehrreiche Winke darüber finden, theils wohin Heuchelei führe, theils wie man derselben am besten begegnen könne und soll.


Was werden sich die abgeschickten Priester und Leviten nicht eingebildet haben auf dem Wege? Wer sie gekannt hätte, der hätte den gewissen Sieg schon auf ihren Gesichtern lesen können. An ernster Amtsmiene und an imponirendem Tone ließen sie es wohl auch nicht fehlen; die heilige Sache forderte es so.

Aber der Ausgang der Sendung belehrte sie eines Andern. Welche Gefühle regten sich in ihren Herzen auf dem Rückwege? Was sagten die Alten zu Jerusalem? Welch’ ein Schlag, sich in ihren süßesten Erwartungen so getäuscht zu sehen! Und doch war es nicht zu ändern! Was blieb ihnen nun noch übrig? Immer noch ein ächtes und kräftiges, solcher Scheinheiligen würdiges Mittel — den Täufer zu lästern und zu verläumden. Sie, die auf öffentliche Selbstkasteiung sonst so viel hielten, schämten sich jetzt nicht, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, und gerade das an Johannes zu tadeln, was ihm als Bußprediger so gut anstund. „Er hat einen Teufel!“ d. h. er ist ein Narr, ein Schwärmer, ein gefährlicher Mensch. Dieß bewiesen sie aus seinem Aufenthalte in der Wüste mit seiner Kleidung und Kost, durch seine mit den Erblehren nicht harmonirende Sittenlehre u. s. w. Man denke sich dazu eine warnende Miene, frömmelnde Gebehrden, eifriges Amtsgesicht, breite Gelehrsamkeit und Redekünste; und man wird sehr leicht berechnen, daß es Manchen irre machen mußte, der gewohnt war, den weisen und frommen Vätern Alles auf ihr Wort zu glauben. (Matth. XI, 18).

Doch fanden diese Verläumdungen nicht überall so leicht Eingang; denn beim Volke hatte die Ueberzeugung, Johannes sey ein Prophet, zu festen Fuß gefaßt. Sobald sie daher merkten, daß sie den großen Haufen, das „Erdenvolk“ in ihrer Sprache, unwillig machen würden, so zogen sie sich zurück, verstummten, sprachen zweideutig von dem Täufer, und verbargen ihren Ingrimm. (Matth. XX, 26. Luk. XX, 6.)

Ein solches Betragen bedarf doch wohl keines Commentars!

II.
Nathanael.[3]

Dieser ist ja kein Pharisäer, wird man sagen! Wohl wahr; aber Blick kann er uns geben in das, was Pharisäismus ist, durch den Gegensatz, den er mit demselben bildet.

Jesus selbst drückt seine Freude über Nathanael sehr lebhaft aus: „Siehe da, ein wahrhaftiger Israelite in dem kein Falsch ist!“ So freuet sich ein biederer Mann, wenn er einen Redlichgesinnten findet. Unserm Herrn wallet das Herz auf bei einem solchen Anblicke, und aus der Fülle seines Herzens fließt ein seltner Lobspruch. Wie menschlich schön erscheint hier Jesus!

„Aber Nathanael hegte ja ein Vorurtheil gegen Nazareth!“ Was schadet dieses seinem antipharisäischen Charakter? Wer sein Vorurtheil so offenherzig gesteht, und so bereitwillig ablegt, sobald sich ihm die Wahrheit zeigt, der ist das gerade Gegentheil eines Heuchlers, und so war es bei Nathanael! Ein leichter Morgennebel kann nicht schneller von der hervorbrechenden Sonne zerstreuet werden, als Nathanaels Vorurtheil gegen den Zimmermannssohn aus Nazareth bei den Worten Jesu. Deutlich bewies er, daß dieser dunkle Flecken nur an der Oberfläche haftete, der Grund seiner Seele aber von Wahrheitsliebe glühte.

Wahrheit galt bei ihm, nicht Person, nicht Ort, nicht Zeit — — und Jesus sah dieß, und belohnte es überschwenglich. Dieser Jesus lebt noch; möchte er recht Viele zu belohnen finden!

III.
Jesus stellt pharisäischen Unfug im Tempel ab.[4]

Der Heuchler kann immer mehr, als andere Leute; er besitzt das gewiß seltene Geheimniß, Widersprüche zu vereinigen. Ist es möglich? Die That beweiset es. Wer war frömmer in den Augen der Menschen; wer pünktlicher in der Gottesverehrung als ein Pharisäer? Sie galten für Muster in diesem Punkte. Und doch duldeten sie zur Zeit der großen Feste einen Unfug im Tempel, daß Jesus gleich im Anfange seines Lehramtes sich für verpflichtet hielt, demselben mit allem Eifer und Nachdrucke zu steuern. Wäre dieß von ihrer Seite möglich, und von Seite Jesu nothwendig gewesen, wenn sie sich an den Geist, und nicht bloß an die Form der Religiosität gehalten hätten? So aber gieng ihnen Opfergepränge und herrliches Ceremoniel über Alles. Darum mußte für die Festpilgrimme jeder Schritt erleichtert werden, damit ja kein Opfer zurückblieb. Ihr Gott war wie sie; er ließ sich durch Gaben und fettes Opfervieh seine Gunst abkaufen, und sah wenig oder gar nicht auf das Herz des Gebers.

Einen solchen Gott hatten sie um so nöthiger, da sie schlau genug waren, mit seiner Verherrlichung ihren eigenen Vortheil recht enge zu verbinden. Man wird der Ehre dieser Leute kaum zu nahe treten, wenn man annimmt, daß mancher Denar als Budenzins, von den Opfervieh-Händlern und Geldwechslern den Priestern und Leviten in den Beutel fiel. Sollten sie nicht auch diese Sümmchen zur Ehre Gottes recht genau eingetrieben haben? Gewiß, ohne Interesse wären sie nicht so nachsichtig gewesen.

Ueber dieß war es ja nur der Vorhof der Heiden, in welchem der Unfug getrieben wurde. An den Unbeschnittenen aber konnte man sich, nach pharisäischer Lehre so leicht nicht versündigen; Beschneidung und Rechtgläubigkeit ertheilten in solchen Fällen ein eigenes Privilegium. Solche Unterscheidungen sind in dem Wesen der Heuchelei gegründet.

Je verkehrter das Herz dieser Leute war, desto sinnreicher wurde der Kopf in Erfindung von Schutzmitteln für ihre Werke der Finsterniß. Unrecht konnten sie Jesus geradezu nicht vorwerfen; denn die Unordnung war zu auffallend, und die muthige Handlung unseres Herrn fand bei Bessergesinnten ohne Zweifel lauten Beifall. Wie sollten sie nun ihre Amtsehre retten? Sie versuchten es auf eine feine Weise, indem sie der Sache eine andere Wendung gaben, und Jesus beschuldigten, er habe einen Eingriff in fremde Rechte gethan. Eine solche unbefugte Handlung konnte er, nach ihrer Meinung, nur durch ein Wunder rechtfertigen. Dazu hielten sie ihn für unfähig, und so waren sie des Sieges gewiß. Schade nur, daß eine Weissagung, also Vertagung ihres Prozesses, Alles verdarb!

Wie traurig sieht es im Innern des Heuchlers aus! Pflanzen der schlechtesten Art — Frömmelei, Eigennutz, Verachtung Anderer — wuchern ungestört. Will Jemand dieses Unkraut ausreuten, so begeht er ein Verbrechen.

IV.
Gespräch mit einem Pharisäer besserer Art.[5]

Jesus und Nikodemus! Ein vielfach behandelter Stoff. Wir wollen hier einzig den Gesichtspunkt da nehmen, wo ihn uns die Worte anweisen: „Es war ein Mann unter den Pharisäern, Nikodemus mit Namen ein Vornehmer unter den Juden; dieser kam in der Nacht zu Jesus.“ —

Also Nikodemus war ein Pharisäer; dieser kam zu Jesus, aber des Nachts! Schon der letzte Umstand ist auffallend; wie viel mehr die erstern? Nikodemus hätte doch wohl auch bei Tag zu Jesus kommen können — wenn er nur die Mitglieder seines Ordens nicht gefürchtet hätte. Wirklich war auch ihr Haß gegen den neuen Propheten aus Nazareth schon in den ersten Tagen seines öffentlichen Lebens so weit gestiegen, daß Nikodemus nicht wenig hätte wagen müßen, wenn er bei Jesus öffentlich einen Besuch gemacht hätte. Noch ließe sich freilich auch denken, die weise Zurückhaltung, welche Jesus schon damals beobachtete (Joh. II, 23–25.) habe es ihm erschwert, ihn am Tage zu sprechen. Auf jeden Fall ist es lehrreich, daß Jesus den nächtlichen Besuch annahm — ohne die geringste Bemerkung über heuchlerische Menschenfurcht zu machen, oder sich zu entschuldigen &c. Wie viel hätte ein blinder Eiferer schon daran auszusetzen, oder scheinheilig zu loben gefunden?!

Jesus freute sich darüber, daß Nikodemus zu ihm kam. Zeugte es nicht von Wißbegierde besserer Art, daß er Jesus aufsuchte? Ließ es nicht ein gutes, empfängliches, Wahrheit suchendes Herz vermuthen? und giebt der Edle nicht gerne einer solchen Vermuthung Platz? Gewiß eben so schnell, als der Heuchler dem Argwohn, weil in seinem Innern ein Schelm wohnet.

Aber Nikodemus war ja ein Pharisäer! — Als er hingieng, allerdings; als er zurückkam, nicht mehr (Joh. VII, 50–52. XIX, 39.) Er ward ergriffen von der Wahrheit aus Gott, und wurde wiedergeboren, so wenig er sich auch Anfangs darein finden wollte. Doch gar so leicht mag es nicht abgegangen seyn; „der Mann war schon alt“ — und mit ihm der Pharisäer. Dieser wich schwerlich so schnell von seiner Stelle. Vergegenwärtigen wir uns nur seine erste Nacht! —

Nikodemus kommt nach Hause; die Seinigen sind schon in sanften Schlaf gesunken; Er — Kopf und Herz voll Gedanken und Gefühle ganz neuer Art — wirft sich auf sein Lager, und überdenkt noch einmal das äußerst merkwürdige Gespräch:

„Dieß war der wichtigste Gang in meinem Leben! — Vieles und Großes hatte ich von diesem Jesus erwartet; aber unendlich mehr habe ich gefunden. — Wie einfach, wie offen, wie zwanglos war gleich der erste Zusammentritt! Schon dieß gewann mein Herz, spannte meine Erwartung. — Aber noch staune ich, noch kann ich mich nicht recht finden in das, was er vom Reiche Gottes und von der Bedingung der Aufnahme in dasselbe sagte — nur sagte? Nein! mit einem Ernste und mit einem Nachdrucke festsetzte, daß er unwiderstehlich war, so sehr sich auch mein Kopf dagegen setzte — noch setzet. Wie so gar nichts von Allem, was unsere Schule vom Reiche des Messias als wesentlich lehret, liegt in seinem einfachen Begriffe vom Reiche Gottes! Nicht das Land der Verheißung, nicht die große Stadt, nicht die Unterjochung der Völker, nicht die Pracht und Größe des Königs, nicht die Herrlichkeit seines Volkes — nur Gott und seine Regierung hebt er heraus. Es ist so wahr, so geistig, so erhaben — aber wie sieht es mit der Lehre unserer Alten aus? — — Wiedergeboren werden! Sonderbar! Leiblich kann und will er es nicht verstanden wissen — und geistig —, welchen Sinn, welchen Zweck hat es? — Was vom Fleische geboren ist, ist Fleisch; was vom Geiste geboren wird, ist Geist! Was will er damit sagen? Soll uns etwa leibliche Geburt — Abstammung — selbst von Abraham nichts nützen? Keinen Anspruch auf das Reich des Messias geben? — Eine ganz neue, unerhörte Lehre! — — Aber warum dringt er denn so auf Wiedergeburt aus Wasser und Geist? Wie hängt dieß mit Gottes Reich zusammen? — Nikodemus! du bist grau geworden als Lehrer; aber darin wirst du dich nicht leicht zurecht finden — doch jetzt will es Licht werden! Sollte die geistige Wiedergeburt nicht auf Gottes Geistigkeit Bezug haben? Kann Gott andere als geistige Kinder an den Menschen haben? Sind wir dieß? Sind wir es von Abraham her? Wie können wir es anders werden, als durch geistige Umwandlung, durch Aenderung des irdischen Sinnes und Herzens? — nun wird mir auch das Wasser begreiflich; sollte er damit nicht gar auf den Johannes am Jordan anspielen? — Aber diesen hat ja das Synedrium verworfen! Ferner ist es eine Hauptlehre: Jeder Nachkömmling Abrahams sei Erbe des Reiches Davids! Wozu also Sinnesänderung, Wiedergeburt, Erneuerung des Israeliten? Hier liegt der Knoten; hier der Stein des Anstoßes an dem entweder mein System, oder mein Glauben an Jesus sich zerschellen muß. — Lehrer Israels? alter, allgemein verehrter Rabbi! jetzt stehest du auf dem Punkte, Alles, was du bisher für wahr und gut und rühmlich hieltest, fahren lassen zu müssen, um der Wahrheit, wie sie von Gott kommt, zu huldigen! — Ist es aber auch göttliche Wahrheit, was Rabbi Jesus mir vortrug? Eine stille, innige Ahnung davon steigt in mir auf; ein tiefes Gefühl im Innersten sträubt sich gegen alle Zweifel. — Unbegreiflich war und ist mir freilich die Wiedergeburt! Das ist es aber gerade, was Jesus behauptet. Sein Bild vom Winde — wie passend, wie wahr, wie tief! Wer will Gott auf der That ertappen, ihm den Weg ausspähen, seine Gedanken errathen? Daran hat er recht. — — Ewig, ewig kann ich die Worte nicht vergessen: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Ich rede, was ich weiß, und bezeuge, was ich gesehen habe. Dieß ist das Siegel auf alles Sonderbare, Neue, Unbegreifliche, was er sagte. Mit welcher Zuversicht und Bescheidenheit, mit welcher Würde und Milde sprach er dieß. Nein! ein solcher Mann kann nicht lügen — Nein! seine Thaten auf dem Feste verkündigen diese Hoheit. Ihm glaube ich es, daß er vom Himmel kommt; daß er dort war — daß er — der Messias ist! — — Ja, wenn er nur vom Hause Davids wäre! Wenn man sein Geschlecht, wenn man Bethlehem, als Geburtsort, nachweisen könnte! Wenn auch nur eine Spur der Königlichen Würde und Herrlichkeit sich zeigte! Aber Wunder und hohe Lehren machen ihn noch nicht zum Sohne Davids, zum Retter des Volkes Gottes aus der Gewalt seiner Feinde. Er sieht auch gar nicht so aus, daß er das Schwerdt ziehen und führen könnte. Für Gott eifert er; das sahen wir; aber sonst ist er lauter Friede, Güte und Liebe. — Doch nennet er sich den Sohn, welchen Gott in die Welt gesandt habe! Also will er doch der Messias sein!? Und noch dazu für die ganze Welt! Immer räthselhafter, immer dunkler! Wo bleiben denn die Vorrechte des Volkes Gottes, wenn er sogleich auf Ein Mal auch alle Heiden samt den Juden selig machen will? — Da liegt meine ganze Lehre vom Messias am Boden! Da rathe mir, wer da kann! Der muß aber dann auch das noch dunklere Räthsel von Moses’ Schlange lösen. — — — O Gott meiner Väter! siehe herab auf deinen armen Knecht, der dich und deine Wahrheit suchet! Meine Seele ringet in mir, mein Herz schmachtet dahin, zu glauben an den, der sich deinen Eingebornen nennet, der so große Werke thut. Erlöse mich aus der Nacht der Zweifel! Laß mich nicht länger in der Finsterniß wohnen, die das Herz verderbet! Führe mich dem heitern Tage der Wahrheit entgegen damit dir meine Werke gefallen! Erhöre mein heißes Flehen, Jehova!“ — —

So betete Nikodemus, fiel erschöpft in tiefen Schlaf, erwachte gestärkt und froh, und wandelte in der Stille nach dem Geiste der Lehre Jesu.

V.
Jesus in der Synagoge zu Nazareth.[6]

Nichts verfinstert die Köpfe so sehr; Nichts erzeugt mehr Einseitigkeit und Unduldsamkeit im Denken; Nichts vertilgt die Liebe unausbleiblicher — als Heuchelei. Gilt dieß schon bei Gebildeten, so werden die Folgen noch verderblicher für die Menschheit, die Ausbrüche noch scheußlicher für Einzelne, wenn das Volk, von heuchlerischen Lehren angesteckt, die Religion und Wahrheit bloß nach Aeußerlichkeiten beurtheilt und schätzt; nur an Formen und Worten klebt; Glauben von Liebe trennt — und im Gotteshause heilige Komödie spielt. Die Nazarethaner liefern ein anschauliches Beispiel.

Jesus hatte sein öffentliches Lehramt begonnen; er trat in den Synagogen auf, hielt Vorträge, die ungemeinen Beifall fanden, und bestätigte in und außer den Synagogen seine Lehre mit Wundern. Allgemein und laut erscholl der Ruf von dem neuen Lehrer und Wunderthäter. Endlich kam er nach Nazareth. Als armer und unbescholtener, aber sonst wenig bekannter, Zimmermannssohn hatte er das Städtchen vor wenigen Wochen verlassen — und jetzt kam er als Prophet zurück. Welch’ ein Abstand! Wie muß dieß die Kleinstädtische Neugierde gespannt haben?! — Es ist Sabbat; Jesus besucht die Synagoge; Alle drängen sich herbei; er deutet eine der geistreichsten Weissagungen vom Messias mit eben so viel Bescheidenheit als Nachdruck auf sich. Man lobt, man bewundert den trefflichen Redner; übersieht aber die große Wahrheit. Noch sind Alle von Erstaunen ergriffen — und schon fangen sie an, sich an seiner geringen Herkunft zu ärgern. Wie schnell und leicht doch die Nazarethaner die Sache über der Person vergessen! „Ist er nicht der Sohn Josephs?“ — Allein hinter der schon an und für sich engherzigen Rede lag noch etwas ganz Anderes versteckt; und darauf antwortete eigentlich der Herzenskenner. Beleidigter Stolz war es, was ihnen den „Zimmermannssohn“ ins Gedächtniß rief. Jesus hatte es groß übersehen, daß er die Fülle seiner Gotteskräfte nicht zuerst in Nazareth auskramte — mehr verlangten sie auch nicht; denn belehrt und gebessert wollten sie nicht werden, aber gekitzelt und unterhalten. — Noch größer war das Versehen, daß Jesus auch jetzt, da er so spät eintraf, noch keine Anstalt machte, Wunderdinge zu verrichten. „War er mit Einem Male so vornehm geworden? Achtete er seine Landsleute weniger, als Fremde? Sollte er ihnen nicht gerade die stärksten Proben seiner Wunderkraft vorlegen?“ — Und er that es nicht — der Sohn Josephs! — — Noch mehr! Er hatte die Kühnheit, ihr Verlangen zu tadeln, und ihr Betragen so verwerflich zu nennen, wie das der Israeliten zu den Zeiten Elias und Elisa. Er gab zu verstehen, daß er ihnen weniger Glauben an Gottes Wort und Kraft zutraue, als den Heiden. Bewiesen sie es nicht durch ihr Betragen? Allein welchen Sturm erregte diese ernstliche und wohlgemeinte Zurechtweisung! Sie wollten einen Gegenbeweis führen, wie ihn alle Mal derjenige führet, welcher der Wahrheit bei einem bösen Gewissen mit triftigen Gründen nicht widerstehen kann, und doch Recht behalten will. (Luk. IV, 14–29.)

VI.
Die Bergpredigt.[7]

Rein antipharisäisch ist der Geist und Ton dieser unübertrefflichen Rede. Vorzüglich geben einige Stellen Anlaß, der Heuchelei so eigentlich von mehr als Einer Seite auf den Grund zu sehen, und allgemein wichtige Bemerkungen zu machen; wie denn auch Jesus gewiß eben so gut die künftigen, als das damalige ehebrecherische Geschlecht im Auge hatte.

Schon die erste Stelle (Matth. V, 19–20.), in welcher er die Pharisäer und Schriftgelehrten ausdrücklich nennt, enthält eine tief gehende Lection. Die Pharisäer lehrten wohl das Gesetz Moses recht genau; aber sie übertraten es leichtsinnig. Bei ihnen war also Wissen und Thun getrennt, Kopf und Herz entzweiet; darin erkannte Jesus das charackteristische Merkmal der Heuchelei. Er gab aber diesem Ausspruche eine für alle Zeiten passende Form, weil dieser Doppelsinn ein Grundzug des menschlichen Verderbens ist. Nichts wird uns leichter, als schön, sittlich, fromm zu reden, zu ermahnen, zu trösten; Nichts schwerer, als edel, uneigennützig, gottesfürchtig zu handeln. Wir dünken uns noch dazu, etwas Großes zu sein, wenn wir einen so hohen Ton anstimmen; dabei sind wir erfinderisch, unsere Vergehen zu verkleinern oder gar wegzuvernünfteln. Wie klein müssen wir in den Augen unseres Erlösers sein, der nur diejenigen wahrhaft groß nennt, welche Wort und That mit einander verbinden! Möchten wir uns doch nie den Vorwurf machen dürfen, daß unsere „Gerechtigkeit nicht besser sei, als die der Pharisäer!“


Ueberall trennt der Heuchler, was Eines sein soll; nicht nur Lehre und Thun setzt er in Widerspruch; auch in die Lehre trägt er die Spaltung, welche sein Inneres zerreißt, hinein. Er klebt am Buchstaben, und vernachläßiget den Geist, wenn er Gottes Wort deutet; uneingedenk, daß der Urheber desselben Geist und Leben ist. Dabei hält er sich noch für weise, und beruft sich mit vielsagender Miene auf „die Alten.“

„Du sollst nicht tödten!“ — so betete der Schriftgelehrte Moses nach, und blieb beim leiblichen Morde stehen. Fremd, unverständlich, ja ärgerlich kam ihnen darum gewiß die Auslegung vor, welche Jesus von diesem Verbote machte — und welchem schriftgelehrten Silbenstecher ist sie es nicht noch heut zu Tage?

Jesus drang auf die Gesinnung ein, welche bei einem Menschenmörder herrschend werden muß, bevor er zu der gräßlichen That schreitet. Diese bösartige Stimmung des Gemüthes, diese verkehrte Richtung des Willens fand Er schon in ihren ersten Anfängen so strafbar, und in ihren Fortschritten noch strafbarer als die Gesetzerklärer seiner Zeit den Mord. Dieß lag in dem Geiste des Gesetzes.

Nur so wird es begreiflich, warum er es als genauere Erklärung und schärfere Bestimmung des den Alten bekannten: „Du sollst nicht tödten,“ angeben konnte, wenn Er sprach: „Wer über seinen Bruder zürnt ohne Ursache“ &c.

Nicht das Zürnen überhaupt verbietet Jesus; denn erkannte das Wesen und das Verhältniß menschlicher Kräfte des Herzens und Willens zu gut, als daß er Widernatürliches gebieten, und die Kraft und den Eifer des für das Wahre und Gute begeisterten Mannes hätte lähmen können. Zürnte doch Er selbst! (Mark. III, 5. Joh. II, 15–16. Mark. VIII, 17–18. Matth. XXIII &c.) Nur grundlos, unbegränzt, unangemessen sollte der Unwille nicht sein; dieß wird er aber, sobald der Mensch der Eigenliebe, der Sinnlichkeit, und dem Bösen auf irgend eine, wenn auch die feinste Weise huldiget. Solchen Zorn setzt Jesus einem schweren Vergehen gleich, und hatte er daran Unrecht? Freilich die Pharisäer werden darüber bittere Glossen gemacht, wohl auch gespottet haben. Heut zu Tage haben die Meister in Israel zu viel Achtung vor dem Sohne Gottes, um sich so zu vermessen; sie beugen ihr Haupt tief — und verkehren seine göttliche und rein menschliche Lehre in eine erschlaffende Heuchellehre läppischer Sanftmuth — oder besser, charackterloser Schwäche. — Wer von den sogenannten Asceten viele gelesen hat, wird dieß bestätigen.

Nicht umsonst vergleicht David so oft die Zunge mit „Dolchen und Pfeilen;“ er hatte dieses gefährliche Werkzeug mehr als Ein Mal durch traurige Erfahrung kennen gelernet. Die Zunge eines feindlichen Heuchlers ist ein wahres Mordinstrument. Darum erklärte Jesus einen solchen Gebrauch der Zunge für ein dem Todtschlage gleiches Verbrechen. Wie werden die Pharisäer über diese neue Auslegung des Gesetzes in Erstaunen und Aerger gerathen sein! Sie machten sich wenig daraus, ihren Nebenmenschen um Ehre und Zutrauen zu bringen, sobald er ihren Planen und Vorurtheilen oder ihrem Eigennutzen im Wege stund. Johannes und Jesus sind sprechende Beispiele. — Aber darum segne sich nicht so leicht Jemand! Diese Verirrung liegt dem menschlichen Herzen näher, als man glaubt. Unerschöpflich ist die Sophistik der Eigenliebe an Gründen, warum man die Ehre Anderer nicht schonen dürfe; und nicht selten schmückt sie sich — empörend genug — mit Liebe Gottes und des Nächsten!!!

Eitler Stolz auf die einzig wahre Gotteserkenntniß blähte die Juden damals auf; und so sehr sie den Namen des Gottes Israels mit ihren Thaten schändeten, so waren sie doch stets bereit, Heiden, Samariter und anders Denkende überhaupt, selbst Abkömmlinge Abrahams auf die empfindlichste Weise zu verunglimpfen. Gewiß ein ächter Zug eines festsinnigen und lieblosen Rechtglaubigen! — — So Etwas zu billigen, wie die Pharisäer, war Jesus so weit entfernt, daß er sich auf eine wahrhaft furchtbare Weise dagegen erklärte. Wer ohne die vollgültigsten Gründe, aus Verdammungssucht, bei eigener Kälte gegen Gott, seinen Nächsten für einen Thoren, d. h. für einen Gottesleugner, Ketzer &c. erklärt, der ist dem menschenfreundlichen Erlöser ein größerer Greuel, als jeder Mörder — Jesus findet ihn so verwerflich, wie die dem Moloch verbrannten Menschenopfer. Ein schreckliches Wort!


Gehe hin, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder!“ —

Wie doch Jesus allen Rechtglaubigen so geradezu widersprechen, und eine so ärgerliche Lehre unumwunden vortragen kann! Gelten also ihm Menschen mehr, als Gott? Müssen die Pflichten der Nächstenliebe der Liebe zu Gott vorgezogen werden? Ist Versöhnung mit Sündern besser, als Opfer? Welche neue Lehre! welche nachtheilige Folgen wird sie haben für Priester und Leviten, welche doch Gott eingesetzt hat? — Solche Rede war einem Pharisäer damals natürlich; und eben so natürlich die Seligpreisung, daß er diese gefährliche Lehre durchschaute.

„Wie täuschte er sich in seiner Heuchelei!“ höre ich rufen. Ja wohl! Wenn nur diese Täuschung, und mit ihr auch die Ursache, jetzt verschwunden wäre! Zwar hat Christus unter denen, die sich nach seinem Namen nennen, so viel Ansehen, daß sie ihn nicht tadeln, wenn er von Opfern nichts wissen will, welche mit unversöhntem Herzen gebracht werden; aber der Prediger soll „diese harte Lehre“ nicht zu oft, nicht zu eindringend, nicht zu genau einschärfen. Die Zuhörer fühlen sich gestört in ihrer bequemen Gottseligkeit, welche dem „Herrn Himmels und der Erde“ huldiget mit reichen Gaben, um seine Unterthanen ungestraft quälen zu können, um ihre Rachsucht zu kühlen, um ihre Habsucht zu befriedigen u. s. w. u. s. w. Noch andere Leute finden solche Lehren für ihr Amt, für ihre Existenz, also für die Religion gefährlich und höchst bedenklich — — Hat denn Jesus zu allen Zeiten Pharisäer, mit und ohne diesen Namen, gegen sich und sein Wort?


Man darf im alten Testamente nicht sehr bewandert sein, um zu wissen, daß trotz allen gesetzlichen Vorschriften doch häufig und ernstlich genug auch auf das Herz gewirket, auf heilige Gesinnung gedrungen wird. Desto mehr befremdet es, wenn man sieht, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer gar so Geistesarm waren und sklavisch am Buchstaben hiengen. Es war dieß die natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihres der reinen Wahrheit aus Gott nicht empfänglichen Herzens. Der Kopf allein, wenn er noch so tief- und scharfsinnig, noch so sehr mit allem Rüstzeuge theologischer Gelehrtheit versehen ist, schließt die heilige Schrift nicht auf. „Sohn, gieb mir dein Herz!“ Dieß ist die erste und unerläßliche Bedingung. — Moses hatte es als Gebot Gottes aufgezeichnet: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Die Pharisäer bestimmten den Fall; setzten Strafen fest; wachten über die äußere, grobe That, und liessen das Herz leer ausgehen. Wie ganz anders geht Jesus zu Werke! Er will jede unerlaubte, wenn auch noch so unentbehrlich scheinende Begierde schon im Keime erstickt wissen. Ein lüsterner Blick ist nach seiner Lehre — und diese ist ewige Wahrheit — so strafbar vor Gott, als die That.

Sicherer und fester kann der Heuchelei der Weg kaum versperret werden, als auf diese Weise. Es ist aber kaum irgendwo nothwendiger, als in diesem Stücke; denn kein Trieb liegt tiefer, keiner wirkt mächtiger, keiner nimmt mehrere und feinere Gestalten an, als sinnliche Liebe. Nichts wird leichter übersehen, gewissenloser und sophistischer entschuldiget. Nirgends erlaubt sich der Mensch in und ausser der Ehe mehr, als hierin — zu allen Zeiten! daher das durchgreifende strenge Gebot unseres Erlösers.


Ein wahrer Schlangenzug im Charakter der Heuchelei ist dieser, daß sie es so trefflich versteht, die Gebote Gottes zur Entschuldigung ihrer gröbsten Verbrechen zu benützen. Wie fein war nicht die Wendung, mit welcher gleißende Wohllüstlinge die göttliche Nachsicht in dem Gebote: „Wer sein Weib entläßt, gebe ihr einen Scheidebrief“, für sich anwandten, und eine Erlaubniß, sein Weib aus jeder beliebigen Ursache zu entlassen, herauserklärten? Wenn irgend einmal, so verräth sich gewiß hier das arglistige Herz, welches seine bösen Lüste hinter religiöser Maske verbirgt. Möchte doch dieß die letzte Schrifterklärung dieser Art gewesen sein!


Beim Himmel!Bei der Erde!Bei Jerusalem!Bei meinem Haupte! — so schwur der Jude dem Heiden. Dieser, nur einigermaaßen gewissenhaft, traute jenem; denn er hatte Ehrfurcht vor diesen Gegenständen. Jener hielt sein Wort nicht, weil der Rabbi ihn lehrte: „Es steht geschrieben: Du sollst Jehova deinen Eid halten!“ Also ist kein Eid verbindlich, als der „bei Jehova.“ Welche Stelle des alten Testamentes konnten diese Lehrer für sich anführen? — Doch wozu sollten sie Schriftstellen aufsuchen, mühsam ihren göttlichen Geist wegerklären, kunstreich sie drehen und wenden? Sie hatten ja eine entscheidende Autorität für sich — „die Lehre der Alten.“ Seit Menschengedenken haben alle weisen Rabbi diese Stelle so verstanden und erklärt; also hat sie keinen andern Sinn; kann keinen andern haben. Was fehlt diesem Schlusse, als Wahrheit? — —

Es ist schwer zu begreifen, wie derjenige, welcher solchen Lehren Eingang in sein Herz gestattet, noch die so hochwichtige Pflicht der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben kann. Wenn solche Grundsätze herrschend würden, so müßte alles Zutrauen und aller Verkehr unter den Menschen aufhören. Wohin führt nicht Heuchelei? Eben deswegen stellte Jesus seine Lehre in so scharfen Gegensatz gegen den Rabbinismus seiner Zeit. Unbegränzte Wahrhaftigkeit, felsenfesten Biedersinn macht er uns zur theursten Pflicht. Das einfache Ja eines Christen soll an Eides Statt gelten. Goldene Zeit, wenn erscheinest du? — Nicht zu übersehen ist, wie treffend und unwiderstehlich Jesus die falschen Eidesformeln der Pharisäer aus dem Geiste der heiligen Schrift widerlegt.


Nur gar zu gerne verkleidet sich unerbittliche Rachsucht in hehre Gestalt der Gerechtigkeit; und es fehlt zu keiner Zeit an dienstfertigen Auslegern göttlicher und menschlicher Gesetze, welche die gröbsten Verletzungen aller Menschlichkeit zu beschönigen wissen. In den Tagen unseres Herrn hatten die pharisäischen Schriftgelehrten den beliebten Dienst auf sich genommen, Ungerechtigkeit durch Verdrehung des Gottes-Wortes zur Gerechtigkeit zu machen. Sie beriefen sich auf „die Alten,“ welche gelehrt haben sollten, daß „Aug um Auge, Zahn um Zahn“ nicht eine gesetzliche, richterliche und darum billige Genugthuung für Beleidigungen gewähre, sondern das Recht ertheile, Rache nach Belieben selbst zu nehmen. „Die guten Alten!“ was mußten und müssen sie nicht Alles gelehrt haben?

Bei dieser Stelle dürfen wir aber nicht vergessen, daß Jeder von uns einen solchen pharisäischen Schriftausleger und Rechtsgelehrten in seinem Herzen sitzen hat, der als Affekt oder Leidenschaft sehr fertig und beredt Aussprüche von sich giebt, denen wir nur zu oft Gehör verleihen. Um so sorgfältiger sollen wir die Lehre unseres Erlösers zu Gemüthe ziehen, welche unbegränzte Billigkeit als ein zwar herbes, aber zuverläßiges Gegenmittel empfiehlt.


Liebet eure Feinde!“ Dieß ist der wahre Todesstoß für die Scheinliebe, welche Gränzen aussteckt, auf Bedingungen unterhandelt, nach Rück- und Nebenabsichten schielt, Personen ansieht &c. Gewiß haben auch die Pharisäer diesen Stoß schmerzlich genug empfunden; denn die Wunde blutet heut zu Tage noch bei ihren Geisteskindern, die mit ihren Vätern sich bitter beklagen, daß die fruchtbringende Lehre: „Liebe deinen Freund, (d. i. deinen Kirchen-Zunft-Standes-Staatsgenossen) und hasse deinen Feind,“ mit dem Ausspruche Jesu umgestürzt werde; und zwar ohne Hoffnung, da der göttliche Lehrer so weise Rücksicht auf die menschliche Natur nahm, nicht Unmögliches forderte, keine süssen, freudigen Gefühle, keine freundschaftliche, innige Zuneigung, sondern ein racheloses Herz und Thaten des Wohlwollens — des Wohlthuns — der Fürbitte, wenn sonst nichts möglich ist, zur edeln Pflicht macht, und das unverwerflichste Muster an dem Vater im Himmel aufstellt.


Hütet euch, daß ihr euer Gutes nicht vor den Menschen thut, um von ihnen gesehen zu werden!

Mit diesen Worten beginnt ein neuer Gedankenkreis. Nicht Schriftverdrehungen und Herzverderbende Auslegungen werden gerügt, sondern die Thaten der Pharisäer nach göttlichem Maaßstabe bestimmt, ihr Werth oder Unwerth ausgesprochen. Wie denn? Einfach, daß ein Kind es fassen; kunstlos, daß der Ungeübteste es thun; unfehlbar, daß der Zweifelvollste sicher gehen kann. In das Innere weiset Jesus hinein; auf die Quelle alles Guten und Bösen, auf das Herz, auf die Gesinnung macht er aufmerksam. Hier soll nur Liebe Gottes und des Nächsten herrschen; alles Andere ist vom Argen. In diesem Heiligthum darf kein Götzenbild der Eigenliebe aufgestellt werden; mit der Wachsamkeit des Eifersüchtigen muß jede leise Regung belauscht werden, wenn der Heuchelei der Eingang verschlossen bleiben soll. Streben nach Menschenlob ist Todesduft für Christentugend. — Wer kennt das menschliche Herz, d. i. sein eigenes, und findet dieß nicht wahr, nicht wichtig, nicht nothwendig? Wer weiß nicht, welche Wendungen und Krümmungen die alte Schlange in uns macht? Unerläßlich, aber schwer ist es, in diesem Stücke den Pharisäer auszuziehen, und Christus anzuziehen.

Doch unser Herr erleichtert die Bürde durch Beispiele, die ins Große gehen. Lernen wir zu seinen Füßen!

Wenn ein Pharisäer Almosen gab, so mußte es alle Welt wissen. Die hochtönende Trompete erklang lieblich für das Ohr des Dürftigen, und lud ihn stolz zur Gabe; sie verkündete prahlerisch der Nachbarschaft, was auf der Gasse vorgieng; und was wird die Eitelkeit des Gebers empfunden haben? — Einer solchen Art von Wohlthätigkeit sprach Jesus allen Werth ab; ja, er nannte sie geradezu Heuchelei. Nicht menschliches Mitgefühl, nicht Linderung der Noth, nicht Erquickung des Leidenden war Beweggrund; sondern eigenes Lob, lauter Beifall, Flittergold des Namens eines Wohlthäters. Sollte es weniger gleißende Menschenliebe sein, wenn die Trompete nicht von Metall, sondern von Fleisch oder gar nur aus Papier gebildet ist?? — —

Das muß man gestehen, trefflich haben die Pharisäer ihr religiöses Handwerk verstanden. Sie wußten recht gut, was dazu gehört, die Menschen zu blenden, und mit ihrer Frömmigkeit recht viel Aufsehen zu machen. Wenn der Eifer des Gebetes so weit reicht, daß man laut und öffentlich an den Strassenecken betet; wer soll diese Muster der Heiligkeit nicht anstaunen? Wer nicht den Schluß ziehen, daß zu Hause noch weit mehr geschehen müße? Und Jesus nennt solche Leute — Heuchler! Wie Vielen wird er die Augen geöffnet haben über den wahren Geist des Gebetes mit seiner unübertrefflichen, Vernunft und Herz befriedigenden, den Geist zum Himmel erhebenden Lehre?

Das dringendste und wärmste Gebet ist Herzensergießung vor Gott in unsern geheimen Anliegen; wer will, wer kann mit Fug diese vor der Menschen Ohren bringen? Nur ein Schwärmer oder ein Betrüger; Jesus spricht keinem das Wort. „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer“ &c. Wer die Weisheit und das Naturgemäße dieser Vorschrift einsehen will, muß die Pharisäer — aller Zeiten — vor Augen haben.

Wo es an Aufrichtigkeit und Zutrauen fehlt, dort werden gewöhnlich die meisten Worte gemacht. So betrugen sich auch die Pharisäer gegen Gott; sie waren ihm, menschlich zu reden, überlästig mit ihrem „heidnischen Geplapper.“ — Um so ärgerlicher kam ihnen die Lehre Jesu vor, welcher eine so einfache, kindlich zutrauliche, kurze Anweisung zum Beten gab; der Gott in einem so milden Lichte, als Vater, zeigte; der ihm zarte Theilnahme an den Bedürfnissen seiner Kinder beilegte. Welch’ ein Absprung von dem steifen, hofmäßigen, Geschenksüchtigen, Worte zählenden, kalten, überhohen Gotte der Heuchler! Welch’ ein Abstand von ihren Gebetsformeln! Besonders ist Ein Punkt antipharisäisch — Versöhnlichkeit und Liebe des Nächsten, ohne welche Jesus alle Gebete verwirft. — Was würde er heut zu Tage sagen über die Wortreichen, Geistarmen, Glaubensleeren, Selbstsuchtsvollen Gebete, welche häufig, mit Thränen eingebildeter Gottesliebe, mit Herzen voll Menschenhaß, in kriechender Stellung, mit stolzirendem Nacken, laut gesprochen werden?! O, wie oft kreuzen wir uns vor Pharisäern, und sind zwei Mal ärger, als sie — bei unsern Einsichten!! Beinahe ans Komische streift die Schilderung eines fastenden Heuchlers. So sehr verabscheute Jesus eine solche Handlungsweise, daß sein hoher, göttlicher Ernst bis zum beißenden Tone hingerissen wurde. Ein merkwürdiger Zug! Doch kann man ihn auch schon beim Almosen und Gebete des Pharisäers wahrnehmen. Fasten ist aber nur Beispiel für religiöse, besondere Uebungen jeder Art. Wenn frömmelnde Eitelkeit, Geruch der Heiligkeit, Menschenlob oder Tadel, elende Schmeichelei, charakterlose Aefferei u. d. gl. uns zu solchen außerordentlichen, nicht gebotenen, nicht unumgänglich nothwendigen Dingen treibt; was soll man dazu sagen? „Machet es so, wie die Heuchler?“ — —

Sonderbar! wird Mancher denken; hier dringt Jesus so strenge auf das Handeln „im Verborgenen“, und früher hatte er mit Nachdruck gelehrt: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen!“ Das will sich ja nicht zusammenreimen. — O recht gut, wenn man nicht an Worten klebt, sondern den Geist der Rede auffaßt. Das Gute deßwegen thun, damit es die Menschen sehen, und uns loben; dieß nennt Jesus Heuchelei. Und daran hat er vollkommen Recht, weil eine irdische, gemeine, schlechte Absicht einen schönen Anstrich bekommen soll. Die Gesinnung, das Herz ist unserm Herrn immer die Hauptsache; da fordert er nun, daß der Mensch die Tugend nicht seiner Person zu lieb, sondern einzig um des unsichtbaren Gottes willen ausüben soll. Dabei verlangt er aber keinesweges, daß man mit seinen edeln Handlungen geheim thue, und gleichsam Verstecken spiele. Nein, offen, vor Aller Augen, an hellen Tage soll unser Gutes geschehen. Wir haben uns dessen nicht zu schämen, noch uns, aus falscher Demuth, vor Menschen zu scheuen. Das Licht leuchtet Allen im Hause; aber mehr thut es auch nicht, weil es gegen seine Natur wäre. So soll es auch bei uns sein. Das Gute sollen wir thun — vor Gott und Menschen; aber weiter nichts dazu setzen, was Künstelei, Gepränge, Prahlerei, Selbstsucht u. s. w. heissen könnte; Solche selbstgewählte, ausserwesentliche Verzierungen sind Dünste und Nebel, welche den reinen Glanz des Lichtes verhüllen, und um Wahrheit und Liebe täuschende Farbenringe der Lüge bilden, welche schimmern und blenden, aber vor Gott und vor seinen ächten Kindern Nichts sind.

Licht will Jesus in und an den Seinigen sehen — Licht von Gott; nicht selbstgemachte Fackeln. Von diesen sagt der Prophet: „Sehet, Alle schlagt ihr Feuer, Fackeln anzuzünden! Geht hin beim Scheine euers Feuers, bei eurer Fackeln Licht! Von meiner Hand geschieht euch dieß, mit Schmerzen ringend liegt ihr da!“ (Jes. L, 11.)


Die vom stürmenden Winde gepeitschte Meereswoge ist unstät; der Fels am Ufer trotzt unwandelbar ihren Schlägen: so schwankt der Heuchler im Mißtrauen auf Gott; der Glaubige hält sich unverrückt an dem Anker der Hoffnung auf den, „der da ist, und den er nicht sieht.“ So schildert Jesus die Pharisäer seiner Zeit, wenn er spricht: „Niemand kann zwei Herren dienen. — Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.

Wer verabscheuet nicht diese Zwittergeschöpfe des Mundglaubens und thätigen Mißtrauens? Wer lobt nicht den schönen, erhabenen Ausspruch „der göttlichen Weisheit, die wußte, was im Menschen war?“ — Weiß Er es jetzt nicht mehr, wenn wir Tag und Nacht rastlos daran sind, sinnen und sorgen, uns mühen und quälen, Geld und Gut zu erwerben — — um für die ungewisse Zukunft uns sicher zu stellen, um das Wohl der Unserigen zu gründen, u. s. w. u. s. w. dabei aber das Reich Gottes in uns aus Augen und Sinn verlieren? Weiß Er es jetzt nicht mehr, wenn wir der Vaterliebe unseres Gottes nur halb trauen, nirgends Ruhe finden, unser armes Herz mit tausend widersprechenden Gedanken, Hoffnungen, Besorgnissen, Planen, Gewinn- und Verlustrechnungen foltern und zerreißen — und dann doch in Angst und Unglauben betenum Nahrung und Kleidung, wie Heiden, die keinen Gott kennen? Weiß Er da nichts mehr von getheilten Herzen, von gespaltenen Schlangenzungen, von schielenden Augen, von studierten Hofmanieren &c. der Betenden? Möchte doch dieses Alles nur von den alten Pharisäern gegolten haben! — —


Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge!“ Wer unter den Christen kennt diese Stelle nicht? Wer führt sie nicht an mit Beziehung auf Diesen und Jenen? Würde aber die Frage aufgeworfen: Warum hat Jesus die Pharisäer und Splitterrichter seiner Zeit Heuchler genannt? Wie Mancher würde verstummen? Und doch giebt gerade diese Stelle großen Aufschluß über das Wesen der Heuchelei, und über ihren ausgedehnten Wirkungskreis. Den Hang, seine eigenen großen Fehler zu übersehen, und fremde kleinere Versehen schonungslos zu tadeln; die tückische Wendung, seine Gebrechen durch scharfsichtige Rüge der Schwachheiten Anderer zu decken; die niedrige Kunst, auf Kosten des Nächsten als Vorbild der Tugend zu glänzen, würden wir mit ganz andern Namen belegen, als unser Herr, der dieses Alles mit Einem Worte Heuchelei nennt. Wie treffend! um tugendhaft, um fromm zu scheinen, wenn sie es schon nicht waren, tadelten die Pharisäer Alle, die nicht Ihresgleichen waren, mit liebloser Strenge; sie sprachen gerne Verdammungsurtheile aus, mit denen sie tiefe Einsicht in die Religion an den Tag legen wollten; sie verwarfen Andere um ihrer Meinungen und Lehren willen u. s. w. — —


Hatte Jesus Unrecht, wenn er vor solchen Leuten warnte, als „vor falschen Propheten?“ Freilich gab er ein Kennzeichen an, welches nur der Geist Gottes mit solcher Bestimmtheit aufstellen konnte. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Wenn ein offenherziger Zuhörer diese vielsagenden Worte auffaßte, und den Maaßstab Jesu an eine solche heilige Figur genauer anlegte; mußte er nicht oft zu seinem nicht geringen Befremden eher einen verwundenden Dorn, als eine erquickende Traube, eher eine geschmacklose, als eine milde Feige an manchem Meister in Israel finden? Zum größten Aerger reichte der Schaafpelz — die rabbinische Amtstracht — nicht hin, die Wolfsgestalt zu bedecken. —


Auf nichts waren die Pharisäer so eifersüchtig, als auf den Vorzug, viele Schüler zu haben, und von ihnen recht tief, recht demüthig, recht sklavisch verehrt zu werden. Ein Hauptpunkt dabei war die ängstlichste und unverbrüchlichste Anhänglichkeit an Worte, Buchstaben und Jota ihrer Satzungen und Erblehren. Als zweite, höchst wichtige Vorschrift galt äußerliche Gesetzlichkeit, pünktliches Ceremoniell, wobei eben für innere Heiligung nicht die strengsten Forderungen gemacht wurden. Kann man sich eine bessere Schule der Heuchelei denken? Giebt es einen kürzeren Weg, nach Grundsätzen junge Gleißner zu bilden?

Nicht Jeder, der sagt: Herr! Herr! wird in das Reich Gottes eingehen; sondern der den Willen meines Vaters im Himmel thut.“ Welch’ eine ganz andere Sprache! Jesus stellte den heiligen Willen Gottes als erste Vorschrift für seine Jünger auf; Ehrfurcht, Gehorsam, Liebe gegen den Vater im Himmel machte er zur unerläßlichen Bedingung der Aufnahme. Wer sich dazu nicht verstehen wollte, der konnte ihn mit allen Ehrentiteln und Bücklingen, mit dem täuschendsten Scheine, mit dem ausgesonnensten Schönthun, mit dem schnellfüßigsten Diensteifer gegen seine Person nicht bestechen; er wurde weggewiesen aus seiner Schule, d. i. aus dem Reiche Gottes. — Ob Jesus wohl seine Gesinnung seit seiner Himmelfahrt geändert hat?! — — —

VII.
Die Heilung des Schlagflüßigen.[8]

Gewöhnlich leihet man der eifersüchtigen Liebe Argusaugen und Adlersblicke; aber der Heuchelei fehlen sie auch nicht. Der Unterschied ist nur der, daß die Liebe den geraden Weg zur Selbsttäuschung wandelt, die Heuchelei aber etwas Anderes thut, und etwas Anderes will. Wie oft eifert sie für Gott, Religion und Tugend, während sie innerlich nur von Abneigung, wohl gar von Haß gegen eine gewisse Person, oder gegen ihre Meinungen getrieben wird! Jesus war noch gar nicht lange als Lehrer und göttlicher Gesandter aufgetreten, als es die Pharisäer und Schriftgelehrten schon für nöthig fanden, „aus allen Ortschaften von Galiläa und Judäa, und von Jerusalem zusammenzukommen“, um seine Lehren und Thaten in der Nähe zu beobachten. Die neuen, mit den ihrigen so sehr contrastirenden Lehren des von ihnen nicht begutachteten Propheten beunruhigten sie ausserordentlich. Allein diese Unruhe, so wie der Neid über den schnell und allgemein wachsenden Beifall des Nazareners, wußten sie künstlich genug unter frömmelnder Gebehrde zu verstecken, daß wohl Mancher sie noch gelobt haben mag wegen ihres Eifers, mit welchem die treuen Hirten Israels über der Religion der Väter hielten, und sich keine Mühe zu groß, keine Reise zu weit sein liessen, um gefährlichen Lehren heilsam den Weg zu versperren. —

So finden wir sie jetzt beisammen in dem Hofraume eines Hauses zu Kapernaum, wo sich Jesus, wenn er nicht umherzog, gewöhnlich aufhielt. In der Mitte ist Jesus; um ihn her bilden die Pharisäer einen Kreis, mit Ansehen den ersten Platz behauptend; hinter ihnen das Volk in dicht gedrängter Masse. Jesus lehrt; sie horchen und lauern auf jedes Wort. Umsonst; er spricht lautere Wahrheit. Geheimer Verdruß beschlich schon die Herzen, daß Zeit und Mühe dießmal verloren sei. Doch unerwartet ereignet sich Etwas, wodurch die Hoffnung, ihm beizukommen, wieder belebt wird. Ein Schlagflüßiger wird unter sonderbaren Umständen unserm Herrn zu Füßen gelegt: „da er ihren Glauben sah sprach er: Mensch, dir sind deine Sünden vergeben!“ — — Gott sei gedankt! Jetzt wird den Herren leichter um das Herz; sie haben — eine Gotteslästerung (!?) gehört. Das Innere geräth bereits in Aufruhr, d. h. in gerechten, heiligen Eifer; Rachegedanken durchkreuzen sich wie Blitze in der geistigen Nacht der Heuchelei; Alles drohet nahen Ausbruch — — als Jesus ihre Bosheit in ihren Herzen las, sie ans Licht zog, und mit einer wundervollen That beschämte. Zur Vollendung ihrer Niederlage brach das Volk in laute Lobpreisung Gottes aus, und in Erstaunen über die hohe Macht unseres Herrn. Heiliger Schauer hatte Alle durchdrungen; verbissene Wuth kochte in den Pharisäern — bei einem und demselben Werke Gottes. Läßt sich Wahrheitssinn und Herzenseinfalt, dem Vorurtheile und der Tücke gegenüber, lebendiger malen? —

VIII.
Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei Fragen.[9]

Vom Standpunckte göttlicher Wahrheit und Liebe, und darum so rein, frei und milde beurtheilte und behandelte Jesus die Menschen und ihre Verhältnisse. Kein Wunder, daß er mit den einseitigen, herzlosen, selbstsüchtigen Maximen der Pharisäer und Schriftgelehrten so oft in Gegenstoß kam. Eitler Stolz auf die Vorrechte des Volkes Gottes hatte sie vermocht, die Zolleinnehmer ihrer Tage für öffentliche Sünder zu erklären, und so eine Art Bann über sie auszusprechen, weil sie von den Römern, als Heiden und Feinden der Nation, ihre Stellen pachteten. Niedriger Eigennutz von Seite vieler Zöllner verschaffte ihnen einen gültigen Vorwand, dieses Urtheil zu rechtfertigen, und die Scheidewand zwischen den Rechtschaffenen und Sündern immer länger und höher zu führen, so daß kein eifriger Pharisäer mit einem Zöllner auf irgend eine Weise vertraut umgieng. Er hätte dadurch seine gesetzliche Reinigkeit verletzet.

Ganz anders dachte und handelte Jesus. Er sah in den Zöllnern unglückliche Menschen, verirrte Kinder seines himmlischen Vaters; er fand nicht alle unverbesserlich und durchaus verwerflich; darum entsetzte sich sein menschenfreundliches Herz über die gefühllose Kälte und Härte, mit welcher die Pharisäer diesen Menschen den Weg zur Besserung versperrten; sein himmlisch hoher Geist schwang sich über diese finstern Vorurtheile der Meister Israels empor; edel und freisinnig wandelte er den Pfad der Erbarmungen Gottes um die verirrten Schaafe aufzusuchen — und nicht vergeblich. Er fand mehr als Einen, über den er sich mit dem ganzen Himmel freuen konnte. Matthäus wird als der Erste genannt; Mancher wird wohl noch einst im Buche des Lebens angeschrieben stehen, den die Menschen nicht kennen.

Welch’ ein entzückender Anblick! Jesus geht an der Zollbank vorbei, sieht den Matthäus, fordert ihn auf, sein Jünger zu werden; dieser erhebt sich mit raschem Entschlusse, verläßt freudig sein einträgliches Gewerbe, und wird Schüler des armen Propheten. Wo sind da die feinen Ueberredungskünste, wo die lockenden Versprechungen von der einen, wo die wegwerfenden Manieren, wo die sklavische Erniedrigung von der andern Seite, wie Beides bei den Pharisäern Statt fand? Wie kurz, wie natürlich, wie zwanglos, wie thatenreich ist der ganze Hergang! Wie edelmüthig, frei und doch voll Anstand und Würde ist das wechselseitige Betragen! Welch’ ein Ausdruck hoher Freude liegt in der Veranstaltung des Gastmahls bei Matthäus! Welche hinreißende Herablassung in der Theilnahme Jesu daran! Ohne Bedenken aßen seine unverdorbenen Jünger mit dem reuigen Sünder; Matthäus und seine Genossen dachten nicht an den harten Richterspruch der Pharisäer; sie sahen nur den Propheten, fühlten Wonne im Herzen und Kraft zur Besserung.

Gott und seine Engel freuten sich des herrlichen Anblickes. — —

Die scheinheiligen Pharisäer murrten, zürnten, tadelten laut unsern Herrn!!! — Wer vermag das Abscheuliche, Niederträchtige, Empörende einer solchen Denk- und Handlungsweise zu schildern?

Muth ist nicht Sache des Heuchlers, wenigstens nicht offener Muth; das böse Gewissen schlägt ihn. Darum zieht er Seitenangriffe vor; er tritt dem Gegner nicht leicht vor die Augen. Dieser Zug schändet auch hier die Pharisäer. Sie wagten es nur nicht, Jesus unmittelbar selbst zu tadeln; nur an seine Jünger stellten sie im religiösen, strafenden Tone die Frage: „Warum esset und trinket ihr und euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Vielleicht hatten sie dabei noch die hinterlistige Absicht, durch ihr Ansehen und durch die öffentliche Rüge die Jünger von Jesus abwendig zu machen.

Aber schnell nahm Jesus das Wort, und vertheidigte sich, nicht die Jünger; denn er wußte zu gut, wem der Vorwurf gelten sollte. Und welche Vertheidigung? In drei Innhaltsschweren Sätzen rechtfertigte er seinen Besuch bei Matthäus, enthüllte die Schande seiner Gegner, und schilderte die göttliche Milde seines Berufes.

Man durfte nur ein wenig mehr, als gewöhnlich Pharisäer, mit dem Geiste des alten Testamentes vertraut sein, um aus den Psalmen und Propheten zu wissen, wie zärtlich Gott um die Bekehrung der Sünder sich gleichsam bekümmerte; wie väterlich er für Menschenwohl sorgte; wie oft gerade von dieser menschenfreundlichen Seite auch der Messias geschildert wurde. Darum konnte Jesus nicht Schriftgemäßer sich als Retter Israels ankündigen, als dadurch, daß er als Seelenarzt auftrat. Allein eben dieß war es, wovon die damaligen Lehrbücher nach den Erblehren der Alten nichts enthielten; und von den Psalmen und Propheten wußten die Pharisäer wenig. Wie konnten sie also das Benehmen und die Lehre unseres Herrn verstehen?

Desto geübter und bewanderter waren sie im Ceremoniell des Gottesdienstes jeder Art und Gattung. Opfer waren die Hauptsache der Religion; denn wenn sie selbst opferten, so glaubten sie, Gott damit für sich zu gewinnen; opferten aber Andere, so war dieß für Priester und Leviten einträglich. Daß diese Art von Religiosität nur verkappter Eigennutz war, bewies ihre Lieblosigkeit gegen alle Menschen, und ihre an Grausamkeit gränzende Härte gegen Sünder und Irrende. — Der natürliche Grund davon lag in dem Mangel an Kenntniß der heiligen Schrift, in der geringen Vertrautheit mit ihrem Geiste, in blinder Anhänglichkeit an alte Lehrer und an selbstgewählten Gottesdienst. Daher war die Antwort unseres Herrn so eindringend und unwiderstehlich: „Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer!“ Wie menschlich, wie milde und freundlich ist doch die von Gott selbst ausgesprochene Religion! Wie hart, wie starr und ertödtend das von Heuchlern mit diesem ehrwürdigen Namen ausstaffirte Gespenst! Menschenliebe und Eigennutz — welche Gegensätze!!

Ganz im Geiste des Allerbarmers trat Jesus auf, und munterte alle Sünder zur Besserung auf. „Gerechte“, d. h. in sich selbst Fromme, maschinenmäßig Heilige, daher Unverbesserliche, wie die Pharisäer, konnte er nicht zur Sinnesänderung einladen. Wahrhaft Gute schlossen sich von selbst an ihn an.

So mußten seine tadelsüchtigen Gegner, kräftig widerlegt, nachdrücklich zurechtgewiesen, fein angestochen, ruhmlos abziehen, und ihren Verdruß wiederkauen.


Einstimmig lassen drei Evangelisten einen Vorfall folgen, der selbst der Zeit nach, nicht bloß wegen seines Innhaltes, mit dem Vorhergehenden zusammenzuhängen scheint. Die Pharisäer konnten es, trotz ihrer Frömmigkeit, doch nicht so leicht verzeihen, daß Jesus sie vor Zöllnern und Sündern zu Schanden gemacht hatte. Sie sannen auf Rache; und diese wird solchen Leuten nicht schwer. Dießmal verfielen sie aber auf ein fein und listig erdachtes Mittel. Jesus und Johannes sollten im Widerspruche begriffen dargestellt, die Jünger des Täufers als Werkzeuge benützt, die Schüler unseres Herrn von ihm abgewandt werden. Ein trefflicher, der gewandtesten Heuchler würdiger Plan!

Aber wie kam es, daß Johannes Jünger sich von ihnen so leicht mißbrauchen ließen, da der Täufer so dringend vor Pharisäern gewarnt hatte? Dazu mußten mehrere Triebfedern künstlich in Bewegung gesetzt werden. Aus einem frühern Vorfalle (Joh. III., 26.) ergiebt sich ungezwungen, daß einige Schüler des Täufers eifersüchtig waren auf das schnell wachsende Ansehen unseres Herrn; diese leidenschaftliche Stimmung konnte seit der Gefangennehmung des Täufers nicht abgenommen, vielmehr durch Schmerzgefühl über den Verlust ihres Lehrers nur zugenommen haben. Von einer andern Seite hiengen diese Schüler noch sehr an einem äußerlich strengen Leben, wie es ihr Lehrer, seinem Berufe und Zwecke gemäß, geführt, und wozu er sie, als Vorbereitung zum Reiche Gottes, ebenfalls angewiesen hatte. Da nun nicht leicht Jemand scharfsichtiger ist in der Entdeckung der Schwachheiten Anderer, als der Heuchler, weil er selbst viele Blößen zu decken hat; und da eben solche Menschen fremde Fehler am schlauesten zu benützen wissen, weil sie aus der Kurzsichtigkeit der Menschen für sich selbst täglich und stündlich Vortheil ziehen müßen: so konnte es den Pharisäern gewiß nicht schwer werden, einige Johannes-Jünger in ihr Interesse zu ziehen. Je tiefer und stiller aber eben darum freier und zwangloser die Religiosität unseres Herrn war, desto leichter war es, unter den gegebenen Umständen, sie verdächtig zu machen. Ohne viele Mühe und mit täuschendem Scheine ließ sich zeigen, daß Jesus, der mehr sein wolle, als der große Johannes — schwerlich werden die Pharisäer erheucheltes Lob gespaart haben — nicht einmal die Kennzeichen alltäglicher Frömmigkeit an sich habe. Solche Dinge von Männern vorgetragen, welche im Geruche der Heiligkeit stunden; wie verführerisch mußte es sein! um aber das schöne Vorhaben von allen Seiten zu befördern, und jedes mögliche Hinderniß bedachtsam zu entfernen, mußten sich Einige der eifrigsten Pharisäer-Schüler zu denen des Johannes gesellen. Auf diese Weise bildeten sie eine zusammengesetzte, gar nicht verächtliche Gesandtschaft, welche unsern Herrn öffentlich über den Mangel an Gebetstunden und Fasttagen für seine Jünger zur Rede stellen sollte. In welchem Lichte mußte Jesus vor den Augen der beschränkten kurzsichtigen Menge erscheinen, wenn er diesen Angriff nicht kräftig und ganz von sich ablenken konnte? Wahrlich, wer sich in Ränken und Verfolgungskunstgriffen üben will, darf nur zu Pharisäern in die Schule gehen!

Es hatte die Feinde Jesu nicht wenig Nachdenken, Scharfsinn, Kunst und Mühe gekostet, diesen Angriff auf die tadellose Frömmigkeit zu Stande zu bringen. Jesus arbeitete indessen unbesorgt und rastlos an Besserung und Beseligung der Sünder; und als sie den Schlag ausführen wollten, waren sie mit Einem Allmachtsworte der unüberwindlichen Wahrheit besiegt. Der Gott vertrauende, Menschen liebende Fromme besteht fest und ungebeugt, wie Libanons Ceder, den Sturm, während der Boshafte mit Wurzel und Stamm verderbt wird.

Ueber das Gebet gab Jesus merkwürdig genug gar keine nähere Antwort. Dieses Stillschweigen beweist wohl mehr, als alle scheinheiligen Schutzreden, daß Jesus dem Geiste des Gebetes keinen Zwang angethan wissen wollte durch Formeln und Zeiten und Orte. Bei ihm und seinen Jüngern war es nicht so, wie bei den Pharisäern. Die geistlose Anhänglichkeit an bloße äußere Gebräuche und Selbstquälungen hätte gar nicht sinnreicher und tiefer verglichen werden können, als mit Trauergebräuchen zur Zeit der Freude, mit neuen Lappen auf alte Kleider. Wie mußte dieß die Heuchler ärgern, wenn sie den Werth ihrer mühsamen und hart errungenen Heiligkeit so herabgesetzt sahen! Wer freuet sich nicht, daß wir einen Bräutigam und keinen Todtengräber zum Stifter unserer Religion haben? — Junger herber Wein, der dem Gaumen nicht behagt, und den Schläuchen schadet, ist ein sinnvolles Bild der sauertöpfischen Frömmigkeit dressirter Heuchler.

IX.
Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates[10]

Der wahre Gottesverehrer und der Heuchler verhalten sich zu einander wie Geist und Buchstabe, wie Sache und Form, wie Wirklichkeit und Schein. Wer kennt Moses und die Propheten, und weiß es nicht, daß die Feier des Sabbates ein Grundgesetz der israelitischen Religion war? Der Glauben an den Einen wahren Gott, als Weltschöpfer und Weltregenten, hieng an der Beobachtung oder Vernachlässigung dieses Gebotes; Israel fiel oder stund jederzeit mit dem Sabbate. Seit der Wiederherstellung eines großen Theiles der Nation nach dem babylonischen Exil wurde mit ausserordentlicher Strenge über diesem Gesetze gehalten, weil man, nachdem der Rausch des Götzendienstes verrauchet war, die Wichtigkeit dieser Feier einsah. Allein Esra’s und Nehemia’s Geist lebte nicht fort in ihren Nachkommen; diese blieben bald häufig nur bei der Form stehen, und trieben Abgötterei damit. Besonders die Pharisäer entwarfen ein Bild von der Heiligkeit des Sabbates, das an Personification gränzte, und zu den abentheuerlichsten Vorschriften verleitete, von denen die heil. Schrift durchaus nichts wußte. Sie trieben es so weit, daß die Feier dieses Tages zur Hauptsache und zum Zwecke, der Mensch zur Nebensache und zum Mittel wurde. Daher überluden sie die Menschen mit kleinlichen Regeln, Gesetzen und Bestimmungen darüber, welche körperliche Verrichtungen man vornehmen dürfe, um „nicht zu arbeiten.“ Alles wurde wieder nur auf Gebräuche, Ceremonien, Wortformen, Schritte, Bewegungen — bis zur Anwendung von Arzneimitteln eingeschränkt; das Herz gieng leer aus dabei; der Geist mußte Hunger leiden; das Gewissen kam in die Noth — wie überall bei der Heuchelei.

Jesus war Israelite im ächten Sinne des Wortes, und eben darum nichts weniger als ein Verächter des Sabbates, wohl aber der pharisäischen Lehre über den Sabbat. Diese mit Lehre und That zu bestreiten, war sein hoher und fester Entschluß. Daher ließ er es gerne geschehen, daß seine wenigstens in diesem Punkte unpharisäischen Jünger an einem Sabbate Aehren abrupften, sie mit den Händen zerrieben, und aßen — zum nicht geringen Aerger der Pharisäer. Diese waren nämlich ihm und seinen Jüngern auch hier nachgeschlichen, oder hatten sich mit verstellter Miene der Freundschaft zu Begleitern aufgedrungen. Blinder Religionseifer treibt zu Allem, und erlaubt sich Alles; ist ja der Zweck heilig; warum nicht auch jedes Mittel? Wie werden sie sich in ihrem Gott gefreuet haben, als sie diesen Fehler entdeckten? Nun lag ja die Sündhaftigkeit und die verführerische Lehre des verhaßten Propheten zu Tage; nicht nur Er selbst hielt nichts auf göttliche Einsetzungen, sondern gestattete auch bereits seinen Jüngern, ungescheuet den Sabbat zu schänden.

Womit wollte Jesus sich rechtfertigen gegen so scheinbar wichtige und gegründete Vorwürfe? Wenn es mit Gründen aus der pharisäischen Schule hätte geschehen müßen, wäre er freilich in die dringendste Verlegenheit gerathen; denn er hätte weder einen alten noch einen neuen berühmten Rabbi für sich anführen können. Allein Jesus hielt sich vorerst an die heil. Schrift selbst; und da war das Recht auf seiner Seite. Im Gesetze Moses war das, was die Jünger gethan hatten, den Armen ausdrücklich erlaubt, und am Sabbate wenigstens nicht verboten. Von dieser Seite konnten ihm seine Feinde nicht beikommen. Aber er war im Stande, noch weiter zu gehen, und ein unverwerfliches Beispiel aus Gottes Wort anzuführen, daß selbst bestimmte göttliche Vorschriften für äußere Gebräuche im Falle eines dringenden Bedürfnisses ihre verbindende Kraft verlieren. Was ließ sich dagegen sagen, wenn der Hohepriester Achimelech und David so gehandelt hatten? Warum tadelten denn die Pharisäer nicht auch das Gesetz Gottes, welches den Priestern Arbeit zum Behufe des Opferns am Sabbate gestattete?

Höchst merkwürdig und lehrreich bleibt es, wie unser Herr stets den Menschensatzungen und Erblehren seiner Feinde Gottes Wort und That entgegengesetzt, und sie damit verstummen machte. In welchem Lichte ihre Kenntniß göttlicher Dinge dabei erschien, darf wohl nicht erst gezeigt werden.

Obwohl das bisher Gesagte mehr als hinreichend war, die Handlung der Jünger und dadurch auch Jesus selbst zu rechtfertigen: so fügte er doch noch besondere Gründe bei, welche unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, weil sie den Charackter der Wahrheit und Liebe, so wie der Heuchelei ins hellste Licht setzen.

Die Pharisäer fanden es untadelhaft, daß die Priester und Leviten die Sabbatsruhe brachen; denn es geschah im Tempel und folglich zur Ehre Gottes. Jesus erklärte, daß seine Jünger noch mehr Recht dazu hätten, als jene, da „Er größer sei, als der Tempel.“ Damit gab er sich deutlich genug zu erkennen, als den Sohn Gottes, als die lebendige Wohnung, in welcher die Fülle der Gottheit thronte. Es ist ein trauriges Zeichen der tiefen Verblendung, in welche geistlose Systeme die Menschen stürzen, daß die Pharisäer diesen starken Fingerzeig weder gut noch böse aufnahmen; ja, gar nicht vernommen zu haben scheinen.

Auch bei dieser Gelegenheit führte Jesus wieder den Spruch des Propheten an: „Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer.“ Damit deutet er auf die eigentliche Quelle, aus welcher der Vorwurf der Sabbatsschändung geflossen war. Lieblosigkeit, Verdammungssucht, Partheihaß war es, was sie bestimmt hatte, unserm Herrn auf dem einsamen Pfade durch Saatfelder nachzuschleichen, und die unschuldigen Jünger zu tadeln. Welch’ einen Begriff von Frömmigkeit hatten diese Heuchler? Was ließ sich mit ihrer Religiosität nicht Alles reimen? Wie listig wußten sie ihre Leidenschaften mit Gottes Sache zu vermischen! Aber Jesus durchschaute die Tücke ihres Herzens, und enthüllte sie — zu unserer Belehrung und Warnung.

Der Sabbat ist um des Menschen willen, nicht der Mensch um des Sabbats willen da.“ So kehrte Jesus mit kühner Freimüthigkeit, wie sie nur der Wahrheit eigen ist, die Lehre der Pharisäer um, und stellte das ursprüngliche, alte Verhältniß wieder her. Man muß sich ganz in die damalige Heuchlerische Lehre hineindenken, um das Neue, Treffende, Wahre, aber für die Rabbinen höchst Aergerliche — und für alle Zeiten Anwendbare recht tief und innig zu fühlen.

Aus dem eben aufgestellten Grundsatze leitete Jesus eine eben so wichtige als damals anstößige Folge ab: „Also ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbates!“ Mit bewunderungswürdiger Feinheit hat er hier sich und seine Jünger zugleich vertheidiget. Menschensohn bezeichnet den Menschen überhaupt, und insbesondere den Messias. Beides konnte er mit vollem Rechte von sich sagen; aber auch für seine Jünger galt es, daß sie über dem Sabbat, nicht der Sabbat über ihnen stehe. Keine äußere Feier des Sabbates wollte Jesus so verstanden wissen, daß der Mensch, wenn ihn ein unausweichliches Bedürfniß drängte, nicht das Ceremoniel des Sabbates umgehen dürfe, um den Geist dieser Feier zu behalten — nämlich Ruhe, frohen Genuß vor Gott, Andenken an die Schöpfung durch Gott, Dank gegen den Geber alles Guten, Erneuerung und Befestigung des Glaubens und der Liebe. Solche reine und freie Ansichten finden an den Pharisäern aller Zeiten Gegner.

Jetzt noch einen Blick auf die Jünger! Was wird sich in den biedern, für einfache, zwanglose Frömmigkeit und Wahrheit vielfach empfänglichen Herzen geregt haben, als sich ihr Meister ihrer so annahm? Welche neue Gedanken werden aufgestiegen seyn? Welche Freude werden sie empfunden haben, daß Jesus ihnen kein so schweres Joch auflegte? Welcher Redliche freuet sich nicht mit ihnen?


Der wirklich glänzende Sieg, welchen Jesus über die Pharisäer davon getragen hatte, verschaffte ihm von ihrer Seite so wenig Ruhe, daß sie ihn vielmehr rachsüchtiger verfolgten, als vorher. Ist dieß nicht das Schicksal des Gerechten, so oft er den schweren Kampf gegen Bosheit wagt? Läßt sich nicht natürlich noch Schlimmeres von der Heuchelei, als von einfacher, offener Verkehrtheit des Herzens erwarten? Je weniger die Pharisäer in sich selbst hineinsehen wollten, desto sorgfältiger belauschten sie Andere, besonders den ihrem Ansehen so gefährlichen Jesus. Sie rechneten sich dieses Spionenwesen sogar zum Verdienste vor Gott an; denn sie sorgten ja dadurch für Erhaltung und Beförderung der Ehre Gottes — wenigstens vor den Augen der Menschen. Daher umspannen sie Jesus überall mit den Netzen ihres Argwohnes; nirgends aber lauerten sie sorgfältiger, als im Tempel, und in den Synagogen. Sehr begreiflich; denn dieß waren die eigentlichen Tummelplätze ihres faden gelehrten Krames und ihres prahlerischen Gottesdienstes.

Dießmal gab ein Mann mit einer lahmen Hand Anlaß zu einem merkwürdigen Vorfalle. Es war Sabbat; die Synagoge hatte sich gefüllt mit Menschen; vermuthlich auch darum, weil man wußte, daß Jesus komme. Der Lahmhändige stellte sich so hin, daß Jedermann sehen konnte, er suche Hülfe bei Jesus. Auf den Gesichtern der Pharisäer drückte sich der fromme Unwillen aus, den sie schon bei dem Gedanken empfanden, daß der Festtag durch die Heilung dieses Mannes entweihet werden könnte. Wirklich zeigte sich Jesus geneigt. Um aber die Falschheit ihrer Lehre und die Verkehrtheit ihres Willens selbst dem gemeinen Manne lebhaft genug vor die Augen zu stellen, fragte er sie zuvor öffentlich: Ob es erlaubt sei, am Sabbate Gutes oder Böses zu thun? — Was sollten sie thun? Ihm erlauben, dem Unglücklichen eine Wohlthat zu erweisen? Dieß gestattete weder ihr System noch ihr liebloses Herz. Sagen, er sollte Böses thun? Dieß durften sie um des Volkes willen nicht. — „Sie schwiegen,“ und warteten den Erfolg ab, um daraus Stoff für ihre religiöse Rachsucht zu sammeln. — „Sie schwiegen,“ damit die geheime Bosheit ihres Herzens nicht öffentlich bekannt würde. — „Sie schwiegen“ — wie tief läßt uns dieß in die heillose Kunst und Gewandtheit der Heuchelei blicken, die so reich an Ausflüchten und Schleichwegen ist, auf welchen sie bei aller Scheinheiligkeit die niederträchtigsten Ränke schmiedet!!

Jesus aber sah sie alle umher an mit Unwillen.“ Der göttliche Erlöser zürnt; er fühlt bittern Schmerz über die Verblendung ihres Herzens, mit welcher sie die Augen vor den eindringenden Lichtstrahlen der Wahrheit gewaltsam schlossen. Wie ganz anders zürnten die Pharisäer!

Unser Herr ließ sich nicht irre machen; er heilte die Hand, entheiligte den Sabbat nach dem Urtheilsspruche der Pharisäer, und heiligte ihn nach dem Sinne und Willen seines Vaters. Wie lehrreich für alle Jahrhunderte!!!


Mein Vater wirket bis jetzt, und so wirke auch ich.“ Mit diesen Worten zeigt uns Jesus die sogenannten Sabbatschändungen von einer neuen Seite. Er deutet damit auf das ganz eigenthümliche Verhältniß hin, in welchem er, als Sohn, mit dem Vater steht, und leitet daraus das Recht ab, am Sabbate Gutes zu thun. Gott entweihet den Sabbat nicht dadurch, daß er für das Wohl der Menschen thätig und wirksam ist; eben so wenig kann man es seinem Sohne verargen, wenn er dem erhabenen Beispiele des Vaters folgt. Wahrlich! eine gründlichere und Gottes würdigere Schutzrede für die Heilung des 38jährigen Kranken am Sabbate läßt sich gar nicht denken. Die Feinde Jesu wollten sie mit Steinwürfen beantworten — das gewöhnliche Werkzeug des Beweisens für beschämte und besiegte Heuchler. Welche Herzen mußten das sein, die eine solche göttliche Sprache nicht verstunden; von solchen Thaten nicht gerührt wurden? Eine solche widrige Erscheinung war nur bei Menschen möglich, welchen Ehre bei Menschen, die glänzte und in die Augen fiel, mehr galt, als die Ehre bei dem unsichtbaren Gotte; welche sich zum Beweise ihrer Rechtglaubigkeit auf Moses Ansehen und Schriften beriefen, während sie im Leben seine Lehre und seinen Geist verleugneten; welche der Weissagung Moses vom Messias nicht glaubten, weil sie ihrem Interesse widersprach. War es für solche Menschen nicht noch eine Ehre, wenn man sie Heuchler nannte? nicht umsonst bezeugte Jesus, daß es seinen Gegnern an Wahrheitssinn fehle, daß das Wort Gottes und die Liebe Gottes nicht in ihren Herzen wohne — —

Die Lehre, daß Religion nicht bloße Aeußerlichkeit der Gebräuche, daß Menschenliebe ihre schönste Krone sei, daß Gott selbst sich als Muster dafür aufstelle — diese Lehre war lebensgefährlich für unsern Herrn; wird dieß jetzt weniger der Fall sein, wenn Jemand mit diesem Ernste diesen Geist gegen manchen Buchstaben geltend machen, und das, was Jesus vom Sohne Gottes sagt, verhältnißmäßig auf Gottes Kinder anwenden wollte? Ist wirklich der Pharisäismus so ganz aus unsern Herzen gewichen? —

X.
Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin.[11]

Schon damals scheinen Einladungen zu Mahlzeiten nicht immer Beweise vertrauter Freundschaft, sondern öfter auch Complimente und Hofsitte schlauer Füchse gewesen zu sein. Wer wundert sich nicht? Jesus wurde von dem Pharisäer Simon zur Tafel geladen. Doch wohl ein Beweis, daß er den Propheten zu schätzen wußte! So mochte, so sollte es vielleicht scheinen; allein es war nicht so. Das Betragen Simon’s ist Bürge dafür, daß die Einladung nur geschah, entweder um den seltsamen Lehrer auch ein Mal in der Nähe zu sehen, oder damit manche Verehrer Jesu gut von Simon denken möchten u. s. w. Das, was die Leute sahen und hörten — die Einladung; und das, was im Verborgenen des Hauses vorgieng — die Behandlung des Gastes; welch’ ein Contrast! Aber unstreitig ächt pharisäisch.

Aber nun erst der Hauptauftritt! die Sünderin tritt in das Speisezimmer, nähert sich Jesus, weint Thränen einer reuevollen, dankbaren Liebe, küßt und salbt die Füße ihres Erretters vom ewigen Tode. Kalter Schauder überläuft die fromme Haut des reinen Pharisäers bei diesem Anblick. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er wissen, wer und was für ein Weib es ist, welche ihn anrühret“ — so spricht er im Herzen sein Gewissenrichterisches Urtheil. Allemal glaubt der Heuchler, in dem Innern Anderer richtig zu lesen, was sein verkehrter Sinn ihm eingiebt. Er ist immer auf Reinerhaltung der Ehre und des Gewissens seiner Nebenmenschen bedacht, und vergißt darüber sich selbst. Der Sohn Gottes las richtiger im Herzen Simon’s, und gab ihm davon einen Beweis, der ihn auf ernste und heilsame Gedanken hätte führen können, wenn er nicht von Selbstsucht zu sehr verblendet gewesen wäre. Widerlegte Jesus nicht recht gründlich und schonend zugleich durch die That den Zweifel Simon’s an seiner Prophetenwürde?

Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Zurückstossendes, zarte Herzen Empörendes in der Gesinnung des Pharisäers gegen Jesus und gegen die Sünderin liegt. Ganz versenkt in die Vorstellung seiner gesetzlichen Heiligkeit; trunken von Freude über seine Sittenreinheit vor den Augen der Menschen blickt er Jesus und die Sünderin mit verachtendem Widerwillen und Eckel an. Es wäre wirklich lehrreich für den Menschenkenner, Stirne, Augen, Mund und Gebehrden des treuen Sklaven eines heilig sein sollenden Buchstabens zu sehen. Aber kaum würde er seinen Unwillen unterdrücken können beim Anblicke der grinsenden Lieblosigkeit des aufgeblasenen Heuchlers, der gefühllosen Härte des unbekannten Sünders, des undankbaren Herzens gegen seinen wohlthätigen Schöpfer. Aus dieser bittern Quelle floß die geläufige Sophistik, welche blitzschnell beweisen konnte, daß Jesus kein Prophet sei, weil er sich von einem solchen Weibe berühren ließ. Das Verdammungsurtheil war systematisch und rabbinisch vollkommen consequent; also mußte es wahr sein, so sehr es auch allem Geiste der Lehren und Thaten Gottes widersprach.

Zwischen der Sünderin und dem scheinheiligen Simon befand sich der göttliche Mittler. Konnte er gleichgültig oder auch nur geduldig die schonungslose Verachtung ansehen, mit welcher die bessere Sünderin von dem schlechtern Frömmler behandelt wurde? Unmöglich! Er müßte die verlornen Schaafe Israels weniger geliebt haben, wenn er geschwiegen hätte. Aber er machte die Rüge dadurch ausserordentlich eindringend und scharf, daß er durch eine treffliche Parabel den sich weise dünkenden Simon zuerst dahin brachte, über sich selbst das Urtheil zu fällen, und dann die aufrichtige Reue, die flammende Gottesliebe, den unbegränzten Dank, das felsenfeste Vertrauen der berüchtigten Sünderin verglich mit der eingebildeten Heiligkeit des kleinen Schuldners, der aber so wenig als die große Schuldnerin bezahlen konnte; mit der starrenden Kälte des frommen Stolzes gegen den Allerbarmer; mit der unhöflichen Aufnahme des hohen Gastes; mit dem mißtrauischen Sinne des selbstgerechten Gottesgelehrten, der nur auf sich bauete.

Je länger man dieses herrliche Sittengemälde betrachtet, desto mehr gewinnt es an Bedeutung und Anwendbarkeit für Kopf und Herz. Durchsuchen wir doch die geheimsten Gänge und Falten unseres Busens, schütteln wir ihn ganz aus! Denn wir haben einen Herrn und Richter, der alle stolzen Ansprüche selbstgerechter Heiligkeit kräftig niederschlägt, der äußere Frömmigkeit ohne innere in ihrer ganzen Nacktheit darstellt, der die Liebe nach Thaten wäget, nicht nach Worten und Gefühlen, der auf ein gebessertes, reines Leben mehr hält als auf schulgerechte Lehrformen u. s. w.

XI.
Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war. Urtheil der Pharisäer. Antwort Jesu.[12]

Mit einem Worte seiner Allmacht hob Jesus ein dreifaches Uebel vollkommen. Konnte er eine That verrichten, die seine Sendung von Gott stärker bewies? Auf die Herzen des Volkes machte sie auch wirklich einen solchen Eindruck. Verwunderung, Staunen, heiliger Schauer ergriff die Zuschauer, sie fühlten die Nähe Gottes, weil sie unbefangen und geradsinnig die That ansahen, und gar wohl begriffen, daß etwas geschah, was kein Mensch so zu thun vermochte. So stieg dann in ihren unverdorbenen Herzen der Gedanke auf: „Sollte dieser nicht der Messias sein?“ Richtig zog ihr gesunder Verstand den Schluß, daß dem, der Macht hat, solche Dinge zu thun, wohl auch die Rettung der Nation für Zeit und Ewigkeit nicht unmöglich sei. Das Wunder führte also die unpartheiischen Menschen dahin, wo Jesus sie haben wollte — an die enge Pforte des Glaubens an ihn, als den Sohn David’s und Gottes.

Noch jetzt wird man lebhaft ergriffen, wenn man sich diese wahrhaft beseligende Scene vergegenwärtiget; welche Wirkung muß sie erst an Ort und Stelle hervorgebracht haben! Wer konnte ungerührt bleiben? Niemand blieb es — als die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche von Jerusalem gekommen waren. Ist es möglich? Sollten sie bei ihrer gelehrten Bildung nicht früher und besser als das Volk, die göttliche That bemerkt und bewundert haben? Nicht nur dieses nicht, sondern noch unglaublich mehr. Sie fällten über dieses offenbare und allgemein dafür anerkannte Wunder ein Urtheil, welches an ruchlosem Unsinne kaum seines Gleichen in der Geschichte findet. „Jesus“, sagten sie, „treibt die Teufel anders nicht aus, als durch Beelzebub, den Obersten der Teufel.“ Damit glaubten sie das dumme Volk eines Bessern zu belehren, das Erstaunen über die göttliche Heilung niederzuschlagen, den Glauben an Jesus im Keime zu ersticken, und seiner Lehre vorsichtig und wohlweise den Weg zu versperren. Und der Beweis für diese sinnlose, empörende Wundererklärung? Sie hatten keinen andern, als ihr Ansehen, von dessen Allgewalt sie mächtigere Wirkungen sich versprochen, als von Gottes Wort und That. Ihnen sollte das Volk ohne Beweis und Siegel glauben; bei Jesus sollte Gottes Siegel ungültig sein — eben weil es Jesus war, der verhaßte Neuerer, der fluchwürdige sogenannte Prophet, der sie um ihren Kredit beim Volke, um ihre Bequemlichkeit im Sorgenstuhle des religiösen Ceremonielles, um den Ruhm der Schrift- und Satzungsgelehrtheit, um ihr selbstgeschaffenes Ideal vom Sohne David’s und von seinem Reiche — um alle geliebten Scheindinge zu bringen drohte. Ein solcher Mensch konnte nichts Gutes thun, weil er es nicht thun sollte, und nach ihrem Sinne nicht thun wollte. Eher mußte der Teufel ihm zur Seite stehen, als Gott, so entschieden auch Letzteres war. Bei Jedem aus ihrer Kaste hätten sie Jehova gepriesen für den Sieg über den Satan; nur bei Jesus nehmen sie zum Wahnsinne Zuflucht, weil sie von Leidenschaft gegen ihn an Kopf und Herz gefesselt waren.

Allein diese giftige Schlange verbargen sie tief im Busen; überfüllt von ihrem Geifer im Innersten, färbten sie den Ausbruch desselben mit religiöser Schminke. Daher sollte die wüthendste Lästerung für Beförderung der Ehre Gottes, die ungemessenste Verfolgungssucht für Bewachung des Seelenheiles der Israeliten, die unersättlichste Rachsucht für gerechten Unwillen angesehen werden, weil sie von Jerusalem, der Stadt Gottes, gekommen waren.

Unser Herr breitet sich nicht leicht über eine Sache aus; aber dießmal that er es mit aller Kraft seiner himmlischen Beredsamkeit. Er wollte unstreitig die Scheußlichkeit und Strafbarkeit dieser Art von Heuchelei ins hellste Licht setzen, um die Menschen — seine bis in den Tod geliebten Brüder — dringend zu warnen. Zuerst zeigt er das Ungereimte, Widersprechende in ihrer Behauptung, also das innerlich Unmögliche. Dann widerlegt er sie durch die Werke ihrer eigenen Kinder, und durch den wahren Begriff vom Reiche Gottes, als Gegensatz der Herrschaft des Satans. Hierauf macht er auf das äußerlich Unmögliche der Sache in einer Parabel aufmerksam. Endlich stellt er sich selbst geradezu als Gegner des Satans auf, und erklärt feierlich, daß man zu Einer von beiden Partheien sich schlagen müsse — zu Gott oder zum Satan. Dabei unterscheidet er genau sein damaliges, leicht verkennbares Verhältniß zu Gott, und vergiebt es daher gerne, wenn man ihn lästert; aber unverzeihlich für Zeit und Ewigkeit nennt er es, wenn man die Werke des Geistes Gottes, der in ihm wirkt, dem Teufel zuschrieb, bloß um nicht an Jesus glauben zu dürfen. Solche Menschen findet er unheilbar und unverbesserlich, so fromm sie scheinen mochten. Endlich deckt er das Brandmal ihres Herzens auf, aus dem nichts Gutes kommen konnte. Er weiset nach, daß ihre gleißenden Worte nur Ausgeburten der alten Schlange seien. Sogar auf das furchtbare Gericht Gottes lenket er den Blick hin, um die zu schrecken, welche er nicht rühren konnte.

Wären die Pharisäer noch einer Besserung fähig gewesen; hätten sie sich nicht verkriechen müßen vor Reue und Scham über die höhnische, absprechende, scheinbar warnende und wohlmeinende Gebehrde und Sprache, mit der sie Jesus verläumdet hatten? Welche Gründe der Wahrheit, welche Thatsachen stritten für ihn! Was mußte ein redlicher Zuhörer denken? Was sollen wir dabei denken, daraus lernen?? —

XII.
Ueber die Lehre von den gesetzlichen Reinigungen.[13]

Warum übertreten deine Jünger die Erblehre der Alten? Denn sie waschen die Hände nicht, wenn sie das Brod essen.“ — So stellten die Pharisäer unsern Herrn zur Rede, und forderten ihn zur Verantwortung auf. Sie thaten es um so dreister und zudringlicher, weil sie von dem Hauptsitze der Religion und Gottesgelehrtheit — von Jerusalem gekommen waren, um das Treiben des Nazareners in Galiläa mit eigenen hohen Augen wahrzunehmen, und bei guter Gelegenheit ihm zu Leibe zu gehen. Ueberhaupt mußte es diesen argwöhnischen und eifersüchtigen Rabbinen schon verdächtig vorkommen, daß Jesus, als vorgeblicher Verbesserer der Religion, das Licht der hierosolymitanischen Wahrheit und die scharfen Blicke des Synedriums zu scheuen und sich und sein Unwesen in dem fernen Galiläa zu verbergen schien. Ueberdieß waren die Galiläer in Jerusalem als unwissende Menschen in Betreff der Religion verachtet und vernachläßiget; die Leviten und Gesetzgelehrten gaben sich nur keine Mühe, sie besser zu unterrichten; um so bedenklicher mußten die Herren an der Tempelschule es finden, daß der neue Lehrer sich um „die verlornen und verlassenen Schaafe Israels“ annahm; da konnten seine gefährlichen Grundsätze im Volkstone vorgetragen den raschesten Fortgang machen. So selten daher die Pharisäer Galiläa mit ihren Besuchen beehrten, so begierig ergriffen sie jetzt diese Gelegenheit, ihre väterliche Sorgfalt für die Erhaltung der reinen Lehre in Galiläa mit allem Nachdrucke zu bethätigen.

Wenn man nicht unbemerkt von dem Gedanken beschlichen wird, Jesus habe als Sohn Gottes, ein Privilegium gehabt, sich über religiöse Gebräuche seines Volkes wegzusetzen, da er sie doch als Israelite beobachten sollte: so kann es nicht anders als sehr auffallend sein, daß er in manchen Fällen stracks und geflissentlich das Gegentheil von dem that, was die Pharisäer als gesetzliche Vorschrift lehrten und übten. Da er in andern Fällen so nachgiebig und schonend war, u. z. B. den geheilten Aussätzigen zu den Priestern sandte, die Tempelsteuer bezahlte, das Fest der Tempelweihe besuchte: so kann man mit Recht fragen: Warum war er gerade gegen die Erblehre der Alten so eingenommen? Sollte der Grund nicht darin liegen, weil sie der Heuchelei Thür und Thor öffnete?

Es gehört mit zu dem Verderben von Adam’s Söhnen, daß sie sich mit dem Worte Gottes selten begnügen, sondern von jeher diesen alten, milden Wein mit ihrem neuen, rauhen Säuerling genießbarer zu machen glaubten, und sich nicht wenig darauf einbildeten. An diesem Erbübel litten auch die Pharisäer. Moses Gesetz war ihrem Kleinigkeitsgeiste nicht scharf genug in seinen Bestimmungen; David’s Psalmen fand ihr an Glauben und Liebe armes Herz zu kurz und zu trocken; die Propheten — — — kurz, Gottes Geist hatte sich nicht deutlich, nicht breit, nicht ängstlich genug ausgesprochen; die Rabbi späterer Jahrhunderte sahen ernst die Punkte auf dem Jota und alle Beistrichgen recht genau, gaben Alles haarklein an, entschieden mit frommem Scharfsinne alle möglichen Fälle, zogen einen Zaun um das Gesetz Gottes, daß man von demselben nichts mehr sah, sondern den Zaun für das Hauptgebäude beinahe ansehen mußte. Allein Moses, David’s, Jesaias Geist wehte nicht in den Lehren der Alten; die wahre, innige, herzliche, lebendige, thatenreiche Frömmigkeit gewann nicht nur nichts, sie verlor alles. Darum trat Jesus diese Satzungen der Alten kühn mit Füßen.

Zur unwiderleglichen Rechtfertigung solcher Schritte gaben die Pharisäer unserm Herrn die Mittel selbst an die Hand. Noch immer ließen sie die heilige Schrift als Gottes Wort gelten, bezeugten mit schönen Reden die tiefste Verehrung, obwohl sie in der That sie aus ihrem Lehrgebäude verdrängten. Um so kräftiger zeugten dann die Männer Gottes gegen sie, daß sie verstummen mußten; Dießmal war es wieder Jesaias, den Jesus anführte, um die Rüge seiner Feinde zu Schanden zu machen. Durch diesen geistreichen Seher eiferte Jehova gegen Lippendienst, an dem das Herz keinen Theil nahm; er tadelte es scharf, daß sein Wort und sein Gesetz durch Menschenlehren und Menschensatzungen verdrängt wurde. Darum verwarf auch Gott die hohle, leere, eitle Frömmigkeit Israels; denn sie war Heuchelei. Waren die Pharisäer nicht in demselben Falle? „Es ist Korban!“ Dieses heilige Zauberwort setzte an die Stelle liebevollen dankbarer Elternpflege ein für die Priester und Leviten einträgliches Opfer. Gott hatte also Unrecht, wenn er Liebe forderte und nicht Opfer; Gott hatte Unrecht, wenn er ein reines Herz verlangte, und nicht bloß gewaschene Hände, Schüsseln und Stühle u. s. w. Dieß sagten freilich die Pharisäer nicht mit dürren Worten; wie hätten sie es wagen dürfen? Aber auf fein ersonnenen Umwegen gelangten sie zu demselben Resultate. Sie priesen den Werth der Opfer; schilderten die Pracht und Freude der heiligen Gebräuche; strichen die göttliche Einsetzung derselben heraus; rühmten den Eifer und die Weisheit der Alten in diesen Dingen; schärften den Buchstaben der Reinigungsgesetze ein — schwiegen dagegen, oder sprachen doch wenig und schwach von Glauben, Liebe, Treue, Redlichkeit, Barmherzigkeit, Keuschheit, Versöhnlichkeit, Wohlthätigkeit, Uneigennützigkeit &c.; und was blieb? Eine schöne Larve ohne Kopf und Geist!

Wir versetzen uns viel zu selten recht lebendig in die Zeit und Lage unseres Herrn, um es tief und ganz zu fühlen, wie erhaben über Vorurtheile, wie rein von Zusätzen, wie neu und unerhört das Evangelium damals war. Darum verliert so mancher Ausspruch sein Anziehendes; es fehlt ihm an Klarheit und Bedeutsamkeit; man weiß ihn nicht zu brauchen. Wie ganz anders wird dieses Alles bei Zeit gemäßer Ansicht! Wer erkennt dieß nicht bei dem Schritte, den Jesus eben jetzt that, indem „er das Volk zusammenrief“ und ihm seine Lehre von Rein und Unrein im grellsten Gegensatze gegen die Lehre der Pharisäer vortrug. Dabei fordert er zum richtigen Verstehen derselben nichts, als unbefangene Anwendung von Aufmerksamkeit und gewöhnlicher Einsicht. „Höret und denket nach! — Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Dieß ist alles, was er verlangt; es war aber auch nicht mehr nothwendig, um die Wahrheit und Milde seiner Lehre zu erkennen, und das abergläubisch Abgeschmackte und läppisch Uebertriebene der Schriftgelehrten zu finden. Freilich mochte es vielen an offenem, ungebundenem, reinem Sinne für diese schöne Lehre fehlen, und dann konnte sie den heuchlerischen Geist nicht austreiben. Doch ganz fruchtlos blieb gewiß auch dieser Versuch unseres Herrn nicht.

Wundern wird man sich eben auch nicht, daß dieses Verfahren unseres Herrn sowohl als seine Grundsätze den Pharisäern ärgerlich, empörend und gottlos vorkam. Hieß das nicht ihr Ansehen beim Volke zernichten, wenn Jeder selbst entscheiden sollte? Drohte nicht ihrem Lehramte mit dieser Anrede an das Volk der Untergang? Stund nicht ihr ganzes System in der dringendsten Gefahr, wenn diese neue Lehre Eingang fand? Wer war Pharisäer, und mußte nicht so denken? Sie gaben es auch laut genug zu verstehen, wie entsetzlich anstößig ihnen die Begriffe Jesu über Rein und Unrein seien; nur wußten sie nichts Gründliches dagegen beizubringen, und zogen deßwegen voll Unwillen ab, den sie mit frommem Abscheu artig zu maskieren wußten.

Wirklich ließen sich selbst die Jünger täuschen, und ihre bedenkliche Frage an Jesus scheint darauf hinzudeuten, daß sie wenigstens in Zweifel geriethen, ob ihr Lehrer, wenn auch wahr, doch nicht zu stark gesprochen habe. Dieß konnte um so leichter geschehen, da sie selbst den Sinn der Rede Jesu nicht ganz gefaßt und verstanden hatten. Unerwartet genug für sie blieb Jesus fest auf seinem Satze, und erklärte geradezu die Lehre und Handlungsweise der Pharisäer für so verwerflich, daß man sie ohne Schonung widerlegen, aus den Herzen und Augen der Menschen entfernen und gänzlich zernichten müße, weil sie unfehlbar ins Verderben stürze. Dieses strenge Urtheil ist um so merkwürdiger, je liebreicher, nachsichtiger und erbarmender sonst Jesus die Fehler der Menschen ansah und behandelte. Allein gegen Heuchler kannte er keine Milde; diese will er ärgern; ihnen soll seine Lehre ein Todesgeruch sein; ihr Gottesdienst muß gestürzt werden, wenn wahre Religion aufkeimen soll. Faßt man dabei Zeit, Ort, Personen gehörig ins Auge, so spricht sich in Jesus eine Reinheit der Gesinnung, eine Höhe der Frömmigkeit, eine Festigkeit des Geistes aus, welche man nie genug bewundern kann.

Die nähere Erklärung für die Jünger ist eine sichere, unüberwindliche Vormauer gegen Heuchelei für alle Jahrhunderte. Zwei Punkte sind es, auf welche wir unser Augenmerk richten müßen:

1.) „Alles Aeußere, wenn es in den Menschen hineinkommt, kann ihn nicht unrein machen; denn es geht nicht in das Herz, sondern in den Magen.“