Die
Bären von Hohen-Esp
Roman
von
Nataly von Eschstruth
Leipzig
Paul List Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
Inhaltsverzeichnis
| Seite | ||
| Kapitel | [I.] | [7] |
| Kapitel | [II.] | [22] |
| Kapitel | [III.] | [37] |
| Kapitel | [IV.] | [50] |
| Kapitel | [V.] | [64] |
| Kapitel | [VI.] | [79] |
| Kapitel | [VII.] | [92] |
| Kapitel | [VIII.] | [105] |
| Kapitel | [IX.] | [118] |
| Kapitel | [X.] | [135] |
| Kapitel | [XI.] | [144] |
| Kapitel | [XII.] | [158] |
| Kapitel | [XIII.] | [171] |
| Kapitel | [XIV.] | [184] |
| Kapitel | [XV.] | [200] |
| Kapitel | [XVI.] | [215] |
| Kapitel | [XVII.] | [224] |
| Kapitel | [XVIII.] | [239] |
| Kapitel | [XIX.] | [251] |
| Kapitel | [XX.] | [264] |
| Kapitel | [XXI.] | [277] |
| Kapitel | [XXII.] | [291] |
| Kapitel | [XXIII.] | [303] |
| Kapitel | [XXIV.] | [317] |
| Kapitel | [XXV.] | [330] |
| Kapitel | [XXVI.] | [342] |
| Kapitel | [XXVII.] | [357] |
| Kapitel | [XXVIII.] | [367] |
Das Meer
Es war in meinem Leben Das Meer mein treuster Freund, Drum bleib' ich mit ihm ewig In Leid und Freud' vereint!
Wenn einst mein Herz geschlagen
In tiefster Traurigkeit,
Dann hat sein lindes Rauschen
Gestillt mein Herzeleid.
Und wenn in Not und Schmerzen
Mein Herz sich wild gebäumt,
Dann grollte es und tobte
Und hat vor Wut geschäumt! —
Und zog dann Glück und Wonne
In meine Seele ein,
Dann glänzten seine Wogen
Wie heller Edelstein!
Es kräuselte ein Lächeln
Sein leuchtend Angesicht
Am Auge blitzten Tropfen
Wie eitel Sonnenlicht! —
So ist das Meer gewesen
Mein Freund in Glück und Leid,
Drum bleib' ich ihm ergeben
in Liebe allezeit!
Aus »Schiffslieder« von Gabriele von Rochow
geb. v. Pachelbl-Gehag
I.
»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glücklich verheiratet!« hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei die weißbuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst. »Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp sie zum Weibe begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! Na, und in den Büchern sind die gräflichen Freier meist jung, schön, reich und ritterlich, just so wie Friedrich Karl von Hohen-Esp!« —
Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, richtete sich noch straffer empor und legte die großen, kräftigen, schneeweißen und ungeschmückten Hände im Schoß zusammen.
Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krückstock gestützt vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte.
»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie langsam, »ja, das ist er, — aber er ist noch mehr, und dieses ›mehr‹ will mir nicht behagen.«
»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr mußte sich des gichtgeschwollenen Fußes wegen auf den Stock stützen, er konnte nicht den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger in dem scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren Haare auf der Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren.
Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Fräulein Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete mit der Hand die rauschenden Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe: »Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann, — die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, so jung schon, selbständig ward, droht sein Verderben zu werden.«
»So! — Inwiefern, wenn man fragen darf?«
»Weil er sich ruiniert, — weil er über seine Verhältnisse lebt!«
Der Kammerherr lachte hart auf.
»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über seine Verhältnisse leben! — Ahnst du, wie reich der Mann ist?«
»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!«
»Tut er aber nicht!«
»Tut er doch! — Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler. Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen Tisch gehabt, — wenn das aber einmal aufhört, wird er sich und die Seinen rücksichtslos an den Bettelstab bringen!«
»Lächerlich! — Es gibt keinen vernünftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei Whist und Ekarté macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird, kümmert mich nicht!«
»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner Tochter gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch beleidigt aus, ihr großes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig und energisch wie stets. »Hast du dich bei seinem ehemaligen Regimentskommandeur erkundigt?«
»Nein!«
»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der Graf Hohen-Esp ein Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.«
Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf das Parkett. »So; gut; — ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein Weiberheld ... ein Totschläger ...? He? — Nur hübsch weiter im Text!«
»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, — im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr liebenswürdigen und ehrenhaften ...«
»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, daß ich ihm einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft ein Spielchen macht?!« — und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade durch den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett dröhnte.
»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglück unseres Lieblings einem Spieler anvertrauen ...«
»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, du willst das Mädel überhaupt nicht fortgeben ...«
»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie Zukunft garantiert — sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn du mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem namenlosen Elend entgegengeht!« —
»Sieh mal an! — Namenloses Elend! — Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na, und was sagt Gundula selber zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du für ihren Freier bereitstellst?«
Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und über das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten.
»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso wie alle anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit dieses glänzendsten aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur für Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf den grünen Tisch wirft ... wenn er selber nur ihr zu eigen bleibt ... man kennt ja die schwärmerische Genügsamkeit verliebter Menschen, welche sich mit einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!«
»Gut! — Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?«
»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr Unglück erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spät!«
»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im Leben getroffen, zu Boden schlagen lassen?«
»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...«
»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind, welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!«
»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe es wohl auf der ganzen Welt eine bessere Bärin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften Pranken um ihr Glück kämpfen wird?«
Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! Ist das Mädel da unten ein Mondscheinprinzeßchen, welches ein Wettersturm über den Haufen bläst — eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen zerschmilzt? Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewußt, daß er keine bessere Schirmherrin in seine Bärenburg einführen kann, als unsere Gundula!«
Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den großen Hof, in dessen Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr besorgtes Herz zu beruhigen.
Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen Groom die Zügel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten, als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel lehnte, ins Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte.
Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jähem Schreck wild aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zügel und ließ sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher schrie.
Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.
Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den schnaufenden Fuchs zurück.
Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem Durchgänger und zwang ihn zum Gehorsam.
Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die großen, stahlgrauen Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schäumte ins Gebiß und fügte sich gehorsam der Gebieterin.
»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der Rittmeister, und Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte.
Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante Agathe war, von welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur Starrköpfigkeit, klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit seien.
»Und die sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar Kartenblättern um Glück und Existenz bringen lassen?«
Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes Lachen.
»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und will sie ihn — so bekommt sie ihn!«
»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als wie einen leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so ist es schwach und ohnmächtig — und Gundula wird ihren Gatten lieben! Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, wie sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür und Tor!« —
Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln grad aus. »Sie wird ihren Gatten lieben — ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht, bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!«
Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das verstehen? Wen könnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?«
»Ihren Sohn!« — antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so seltsam wie zuvor: »Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt, welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie nichts anderes hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest ihrer Jungen gefährdet! — Je nun! Auch Gundula wird eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie zuvor nicht für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so wahr und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! — — Dixi, Agathe; — ich habe geredet.« —
»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und reckte ihre markige Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, »ich aber werde handeln.« —
Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten, welcher sie in seiner glänzenden Equipage, mit dem elegantesten Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.
Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an Schleppe, Kranz und Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das Zimmer zu verlassen.
Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge großgezogen, zu ersehnen.
Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz.
»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach deiner Ansicht ruinieren muß! — Hast du auch jetzt noch keine bessere Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine Karte anzurühren?«
— — — Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz, stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. —
Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund.
»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich stellt, gewachsen sein.« —
»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir, um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!«
»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von Hohen-Esp!«
Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut.
»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! — Welch eine Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer jener einzigen — über sein Herz! — Du fürchtest, Tante, daß ich einst Mangel an Geld und Gut leiden werde! — Was frage ich danach? — Wäre Friedrich Karl der ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso geliebt haben, ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte? Nichts! Tausendmal nichts! — Du weißt, daß ich niemals viel Sinn für Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst und solide erzogen, hast mich eine bessere und höhere Werte des Lebens kennen gelehrt. Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, weil ich von dem Schicksal auf ihren glänzenden Boden gestellt wurde, aber im Gegenteil, ich würde meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn ich es nicht mit andern teilen müßte. — Dies ist ja der einzige Punkt, in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!«
»Das glaube ich!«
»Wie bitter das klingt, Tantchen! — Ist es denn ein Unrecht, wenn Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in möglichst glänzendem Rahmen genießt? Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache; und da er die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben, und gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger ist, als die meine!«
»So wirst du dich bekehren lassen?«
Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die duftigen Wogen des Brautschleiers darüber hinflossen.
»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich werde mich gern dem Geschmack meines Mannes anpassen ...«
»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten setzt?«
Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos empor. »Wie könnte das möglich sein?«
»Wirst du blindlings alles gut heißen, was dein Gatte tut? Als Frau lernt man oft sehr viel schärfer und weitsichtiger urteilen, wie als Mädchen!«
Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und schaute der Sprecherin starr in die prüfenden Augen. Ein seltsam fremder Zug schlich sich plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen.
»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt — was Gott verhüten möge —, werde ich nicht derselben Meinung sein wie er, sondern so handeln, wie ich es für recht und gut erachte!«
Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt über ihre eigenen Worte, das Köpfchen.
»Aber wie sollte das geschehen? — Wenn er sein Hab und Gut verspielt, schädigt er ja nicht Fremde, sondern höchstens sich selber — —«
»Und dich!« —
Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich für meine Person gern auf alles verzichte!«
Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie leuchteten die blauen Augen so demütig und ergebungsvoll sanft und treu!
Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte sekundenlang einen schweren Kampf.
Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend über das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blühenden Myrten rankten.
»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht nehmen, — ich will in dieser Stunde nicht mit Möglichkeiten rechnen, welche vorläufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...«
»Tante! Meine liebe — liebe Tante!« —
»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschränkte Vollmacht über ihr Vermögen hat, — er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er weiß, daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft leben wirst. — Je nun, er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in Geldangelegenheiten und Geschäftssachen leider Gottes unerfahren wie ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses Testament für deine Zukunft birgt! — Um so berechtigter ist aber meine Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, auch wenn du dieselbe in diesem Augenblick noch nicht verstehst!«
»Sprich, Herzliebe ...«
»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes Vermögen vermachte, allerdings mit der Klausel, daß ich, solange ich lebe, den Nießbrauch des Kapitals habe?«
»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre dieser Renten freuen!«
Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort:
»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand etwas, — dein Vater hat es selbst mir gegenüber nie erwähnt, er wird auch ganz bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist! Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!«
»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört ja noch gar nicht mir!«
Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. »Es gibt Fälle, wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit rechnen, wenn sie ...« Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, nie und nimmer deinem Gatten gegenüber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! — Sieh mich nicht so fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Gründe sagen, welche mich zu dieser Forderung bewegen, — ich beschwöre dich nur mit all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter: Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld zu sprechen!«
In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. Sie warf sich an die Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: »Obwohl ich nicht den Grund für diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drängt, will ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, — dir zur Beruhigung! — Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so feierlich, — es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!«
Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so unerklärliches Schweigen auferlegte.
»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf die Knie.
Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte, welche sie sprach.
Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! — brausende Hochrufe aus unzähligen Kinderkehlen.
Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens. Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab.
Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. —
Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um Tante Agathe.
»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten, wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe Tante — ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie ich in meinem übergroßen Glück!«
»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme nach der Geliebten aus. —
Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante Agathe trat schweigend in den Erker und blickte auf die Straße hinab.
Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt in die Augen schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne geworden, — aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu grell und blendend, als tue es den Augen weh.
Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...
Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende Galakutsche der Bären von Hohen-Esp.
Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Bär im goldenen Feld. —
Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, welche zur rechten Zeit die Zähne weisen kann?
Agathe seufzte tief auf.
Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine Walküre das scheuende Pferd bändigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demütiges und unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. — Ihr Vater war blind, wenn er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach!
Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Möglichkeit dachte, daß der Mann, welcher für sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal eine gewissenlose und schlechte Tat begehen könne!
Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch der trotzige Nacken der Bärin? — Je nun, ob sie einst selber für sich und ihre Existenz kämpfen wird, die reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des Verhängnisses ereilt wird — Tante Agathe hat in dieser Stunde für die arme Verblendete gesorgt — für sie und ihre Kinder.
Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf all die gleißende Pracht, welche ihre grellen Funken über Kranz und Schleier der jungen Frau wirft. —
Der Kammerherr war eingetreten.
Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krückstocks hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck großer Genugtuung lag auf den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos und greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel mehr noch auf denn sonst.
»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte er am Morgen gesagt, »er gibt meinem Leben einen guten Abschluß.«
Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein schmunzelndes Nicken — und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm — es schien wenigstens so — in Wahrheit führte sie ihn.
»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.«
Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste Schönheit galt.
Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten.
»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein frisches, hübsches, so lebenslustig lachendes Antlitz färbte sich höher.
»Für Zeit und Ewigkeit!«
»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« —
»O, daß du fragen kannst!«
Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein Geheimnis vor mir haben, kleine Frau?« Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog ihr Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen kosend auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine süßen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß mich täglich lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben sonnig und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser gemeinsamer führt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula — hast du mich lieb?«
Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht, sondern küßte ihn. — Sonnengold flutete über sie hin, in ihr Herz aber war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all ihrem traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum hast du mir das getan!«
II.
Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten für das glücklichste Paar im Lande!
Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer unbekannte Gäste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem Herzen Freude — und dem Leben Reiz verleiht, — sondern, weil sie einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf weiterer Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in dem wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten gar nicht genug erzählen, wie wahrhaft verklärt in unaussprechlicher Glückseligkeit die junge Gräfin dreingeblickt.
Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr sympathisch, während der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!
Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der großen Rennen »auf der Bildfläche« erscheinen und den Winter in der Residenz verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, aber doch heimlich geseufzt!
Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten in die Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? — Wohl möglich! Aber dann wehe der jungen Frau!
Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! — Gundula sei ja sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln?
Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amüsant nennt.
Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener Engel nie auffällig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten wie in den schwülen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein Charakter wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche früher ganz ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber ist immer ein Unglück sowohl für sich wie für andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme Gedanken — eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst den Weg. —
Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut und Nachgiebigkeit gerühmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert, ihr gnädiges Fräulein sei die verkörperte Herzensgüte —! — Ob aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin von Hohen-Esp geworden?
Femme varie! und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie das Unkraut auf dem Felde.
Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde!
Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte Spätsommeridylle auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende Unendlichkeit schaut.
Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern.
Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten, aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche Motiv zeigten — Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen, gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust, wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten.
Ja, verzaubert!
Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! —
»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen, weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort, Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst Reißaus nehmen! ›Alle Tage Feldhühner‹ ist kaum so greulich, wie ›alle Tage Bären!‹ — Bären, wo man sie sich nur denken kann, — man kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert zu finden, kein Glas, kein Sessel — kein Teppich ... keine Wand ... brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem Bärenkultus schließlich langweilig geworden!«
Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig? und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein sollte? — Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp — und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten, wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind, — wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber Mann, — ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht, wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer, welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und in seinem Sinne lebten und starben —
Christe Kyrie ...
Zu Land und See,
Schirmherr der Not —
Das walt' Herre Gott!«
Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die Sprecherin.
Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft markig neben sich sah?
Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ... gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? —
Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen.
»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! — Ja, ein moderner Mann! — Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu gebieterisch um ihn gesponnen. — Da hatte er sich Schloß Walsleben für den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, — auch ein von den Vätern ererbter ›heiliger‹ Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie — elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft — kurzum ... man kann da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun drei Wochen hier, — die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig werden?!«
Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!
Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden dachte, — wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! — wie redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend seliger, junger Liebe! — Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! —
An seiner Seite ... im Verein mit ihm — wäre es nicht Paradieseswonne gewesen?
Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere Pläne hegte?
Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde, und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja überall schön, wo du bist!« —
»Gut, — sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ... dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« —
»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!«
»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, — und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde! — Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in sich selber trug! — Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen Nizza, San Remo — Monte Carlo — — usw. — servieren!«
»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenüber Sklavin!«
»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! — Hurra ... laß uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben —!«
Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« flüsterte sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen Blick nach dem fernen Meer.
»Scheint die Sonne noch so schön — einmal muß sie untergehn!« rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich für Naturschönheiten leider Gottes sehr wenig Verständnis habe, aber wenn es dir Freude macht ... selbstverständlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister sind gewandt genug im Packen, um uns morgen früh noch den Schnellzug erreichen zu lassen!« —
»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont erreicht ...«
»Wie nett von der Wolkenwand!« —
»Schäm' dich, du lieber Spötter!«
»Meine Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste — dein Auge strahlt mir Tag und Nacht!«
Sie gingen Arm in Arm — hinter ihnen aber erlosch das leuchtende Tagesgestirn, — es ward Nacht.
In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz entzückt und hoch befriedigt hätte. —
Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung eines jeden, selbst des anspruchvollsten Wunsches. Es würde die junge Frau auch beglückt haben, wenn sie mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für all die vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit welchen das moderne Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von müßigen Tagen einen scheinbaren Inhalt verleihen.
Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für Geselligkeit und alles, was mit derselben zusammenhing.
Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schönen Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern, welche ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben.
Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein übergroßes Glück gefunden, war ihre Neigung für die Einsamkeit eher größer, denn geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das Walslebener Schloß mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich wohl fühlte, und was hätte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr Befriedigung geben können, als den Geliebten froh und zufrieden zu sehen?
Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen, fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um Besuche abzustatten.
Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drängten sich die Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, daß Friedrich Karl eine stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß er sich beneidenswert und glücklich in ihrem Besitze fühlte. —
Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, stille Stunden, wo der Geliebte ihr allein gehörte, wo er sich ihr voll zärtlicher Ritterlichkeit auch ausschließlich widmete!
Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige Bereitwilligkeit, ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die für Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie gern Befehl, die Koffer zu packen.
Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt!
Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters führte sie alljährlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es nicht, sich in einem »rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen.
So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche Stunden, denn Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade über Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er jedweder Kunst gegenüber Barbar sei. Dafür speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der amüsanten table d'hôte, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte, machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas länger an dem grünen Tisch zu sitzen.
Monte Carlo!
Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Höllenabgrund in diesem Paradiese gähnte. Sie sah voll naiver Verständnislosigkeit dem Spiel zu, bis es ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich bedeuten wollte.
Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein.
Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer Erregung immer dunkler und heißer in sein schönes Antlitz stieg, wie die Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen.
»Herzliebster« — flüsterte sie in sein Ohr —: »laß uns gehen — ich sterbe vor Müdigkeit!«
Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke zusammen und bot ihr den Arm.
»Vergib mir, darling! es ist in der Tat sehr spät geworden ... aber im Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, daß du in letzter Zeit immer so spät zu Bett gekommen bist.«
Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal an den grünen Tisch zurückkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend: »Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurück.«
Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere Summe.
»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte er, »unser Reisegeld ist auch schon futsch!«
Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen Augen schauten voll Angst in sein schönes, sorgloses Antlitz. —
»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort von hier!«
Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du hast Angst, daß ich uns hier bankrott spiele!« scherzte er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen! Die paar tausend Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!«
Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten Tage unaufhörlich. — Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen, schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses Lachen.
»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte Gundula abermals, und diesmal rollten ein paar große Tränen über ihre Wangen und netzten seine Hand.
Er zuckte zusammen.
»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt über mich, als dieser süße Engel, welchen ich mir selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?«
Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, daß mit dem Kurierzug am nächsten Vormittag weitergereist werden solle. So unbeschreiblich glücklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.
Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte mehr zugänglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen — und diese Gewißheit beseligte sie.
Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus, und da er nie im Leben gefragt hatte: »kann ich mir dies oder jenes gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages eröffnete, er sei nicht in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zuständigen Revenuen bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien.
»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen?« — staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen seines Jacketts versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?«
»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen, welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an Herrn von X. — und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde ...«
»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte sich der junge Mann sehr gelassen, »das ist ja fatal. Aber ich muß doch momentan was haben! — Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei berappen ... was fangen wir da an, Alterchen?« —
Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.
»Sehr schwierig, Herr Graf ...«
»Schnacken! — Können Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? — Wir heizen ein bißchen ein im Stall!«
Der Administrator lachte. — »Dann müßten wir ihnen das Fell abziehen!« —
»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?«
»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, daß da nichts mehr weg darf! Höchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ... da sind starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...«
Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar. »Meine Frau hat eine Leidenschaft für das alte Bärennest und den schönen Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also ganz herunter darf das Holz nicht ...«
»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!«
»Was der zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! Lassen Sie die Sache so machen, daß die stärksten und schönsten Bäume ausgeforstet werden. Verstanden? — um den Wald etwas zu lichten!«
»Befehl, Herr Graf!«
Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie vor die Flöten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn die Goldstücke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich, reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und der müde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher hervortraten.
Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und während des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine Reise um die Welt.
»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« sagte Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen Art, »da könntest du mir eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld flüssig zu machen, — du weißt, daß das bei Grundbesitz immer seinen Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du rücktest ein bißchen von deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du? Wärest auch die beste Frau der Welt!«
Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte ihr stilles, müdes Lächeln, schmiegte sich an ihn und nickte: »Nimm soviel du willst! Was soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der Reise endlich einmal uns wieder selbst angehören können!«
Und er nahm Geld, — soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht gering.
Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr still und behaglich in der schönen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben würden, endlich, endlich einmal wieder glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer Ehe!
Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schöne, liebenswürdige Graf ja ständig war!
Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich Karl; — manchmal mit Glück, — meist mit recht erheblichen Verlusten.
Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau so en passant einmal mit, daß die Reiserei doch infam teuer gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ... und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, ist es ja gleichgültig, wo es bleibt! — Gundula hatte ohne ein Wort still vor sich hingenickt.
Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen müssen!
Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den feschen Walzer, welchen er jüngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehört hatte, und Gundula erhob sich lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz in die Atlaskissen.
Nein — es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen müssen!
Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache aussprach, das fraß ihr seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr wie ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher sie freud- und trostlos daherschlich. —
Ein Sohn! — ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn sie zurückdenkt an jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen Glückseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut und ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch einst zuführen, einen jungen Bären, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt der Schwachen, ein Retter der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und Wort, — so wie ihr es gewesen seid!« —
Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung, — wie träumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum! — Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!
Kein Kind im Hause! —
Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit Geldstücken und schlägt klatschend die Karten auf! —
Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Händen dagegen gerungen, dann aber sind diese Hände müde und matt geworden, ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen geglüht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß das Vermögen, das große, gewaltige Vermögen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!
Für wen sollte es erhalten bleiben?
Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie wird die Stunde segnen, wo die goldene Brücke, welche ihren Gatten in die falsche, bunte, treulose Welt führte, zusammenbricht.
Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen sie drängen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen, weltfernen Winkelchen glücklich sein!
Glücklich?!
Sie schluchzt laut auf.
Wofür also sparen? — Es ist ja kein Kind im Haus!
III.
Die Zeit verging, — für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln, für ihren Gatten in wirbelndem Tanz.
Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte.
Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung, und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden Wangen zurückziehen wollte, — da hielt sie sanft seine Hände fest, führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender Erregung an seine Brust.
»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer Seligkeit?«
Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du etwa das große Los gewonnen?«
Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!«
Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling ... foltere mich nicht!«
Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm ein paar Worte in das Ohr.
»Gundula!« — schrie er beinahe auf: »Gundula — ist das Wahrheit? — Uns sollte ein Erbe geboren werden — ich sollte noch ein Kind auf den Armen wiegen?«
Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen.
»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« —
»Und der deine nicht auch?«
Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand.
»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!«
Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« —
»Und wenn es eine Bärin ist?«
»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant, und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. —
Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen ... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück von ehemals? — —
— — — Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem Zimmer auf und nieder.
Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen Einhalt zu tun.
Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum schlagen zu lassen, — hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter zuführen könne!
Das war nun anders geworden!
Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht!
Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern erblicken!