Nikolaus Gogol
Tote Seelen
Erster Band
Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden
Herausgegeben
von
Otto Buek
Band 1
München und Leipzig
bei Georg Müller
1909
E. R. W.
Nikolaus Gogol
Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen
Übertragen
von
Otto Buek
Band 1
München und Leipzig
bei Georg Müller
1909
E. R. W.
Von diesem Buche wurden 100 Exemplare auf van Geldern abgezogen, in der Presse nummeriert und in Ganzleder gebunden. Der Preis eines solchen Exemplares beträgt 16 Mark. Den Druck besorgten Mänicke und Jahn in Rudolstadt. Titel und Einband zeichnete E. R. Weiß.
Vorrede des Herausgebers
Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner besonderen Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung in sich selbst. Unter allen großen Meistern des Romans, die die russische Literatur im XIX. Jahrhundert hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere und einzigartige Stellung ein; mögen die Vorgänger oder Nachfolger ihn, was Weite des Horizonts, Tiefe der Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der Kunstform anbetrifft, erreichen oder gar übertreffen, an Originalität und Ursprünglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst hat immerdar zu seinem älteren Zeitgenossen Puschkin als dem unerreichten Vorbild einer reinen idealisierenden Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer berühmten Apostrophe der „Toten Seelen“ dieser Differenz und dem Abstand zwischen seiner Begabung und der Puschkins in beredten Worten Ausdruck gegeben, doch selbst Puschkin bleibt bei seinem großen und einzigen Talent nur ein Zweig und Schößling am Stamm der großen europäischen Literatur. In Gogol aber schuf sich das junge russische Volk zum ersten Mal eine adäquate vollgültige dichterische Form, in ihm realisierte sie einen literarischen Typus, der von da ab das Muster und Ideal für alle kommenden Schriftstellergenerationen Rußlands geworden ist. Das ganze jüngere Dichtergeschlecht von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das Interesse der westlichen Völker eroberte und unsere Aufmerksamkeit auf Rußland hinlenkte, geht auf Gogol als seinen Ursprung zurück. In ihm liegen alle Motive und Ideen, die sie entwickeln und entfalten, wie im Keime beschlossen, er gab das Thema an, das sie in mannigfachen Paraphrasen und Modulationen variieren; er schuf die Kunstform, an der sie sich schulten; sie dachten und dichteten in seiner Sprache. Und nicht in unsicheren unausgereiften Ansätzen vollzog er diesen Schöpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit dem Siegel der Kraft und der Fülle der Vollendung rief er sein Werk — die russische Literatur — fast wie aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine Linie des großen Talents, und es gibt unter ihnen schlechterdings nichts Minderwertiges und Unbedeutendes. Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus des russischen Dichters geschaffen, indem er in sich jenen ewigen Gegensatz, der das Leben der größten russischen Künstler beherrscht, zur Ausprägung brachte; den Gegensatz zwischen dem Dichter und dem Propheten, die in ihnen ständig im Streite liegen. Bei keinem aber tragen die Werke selbst trotz aller Objektivität so sehr den Stempel des Persönlichen, wie bei Gogol, sind sie so sehr das treue Spiegelbild der eigenen geistigen Lebenskämpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde wird für das Verständnis dieser so komplizierten und originalen Persönlichkeit der Überblick über das Gesamtschaffen des Dichters zur Notwendigkeit.
Einen solchen Überblick soll die vorliegende Ausgabe ermöglichen. Es wurde dabei von einer chronologischen Anordnung der Werke abgesehen und eine solche nach fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die inhaltlich und formal zusammengehörigen Schöpfungen sollen hier auch zusammen erscheinen. Daß die Chronologie darüber nicht zu kurz kommt, dafür ist durch ausführliche redaktionelle Noten genügend gesorgt, die sich im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden zwei Bänden sind vor allem der Roman „Die toten Seelen“ und drei einzelne Novellen vereinigt, die auch durch einen ideellen Zusammenhang miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beleuchten und erklären. Beide Bände führen den Leser sogleich auf den Gipfel des Gogolschen Schaffens und gewähren ihm einen großen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt seiner Dichtung. Die „Toten Seelen“ sind das größte Prosawerk des modernen Rußlands und eines der Hauptwerke der humoristischen und satirischen Literatur überhaupt: ein grauenhaftes Bild der Korruption und der allgemeinmenschlichen und spezifisch russischen Verkommenheit. Daneben ein soziologisches Gemälde eines historischen Zeitalters, in dem der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert ist. Was aber dem Ganzen — neben diesen wahrlich nicht geringen Vorzügen — seinen Ewigkeitswert sichert — das ist das Menschliche und Typische, das es in sich birgt: die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von der kulturell-zufälligen Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, wenn das Rangverhältnis der Triebe verkehrt, und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealität entblößt wird. Es ist der Gerichtstag über die moderne Kultur, die den Erwerbstrieb sanktionierte und heiligte und das Denken und Trachten des modernen Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung der Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz nur in ihren Anfängen, in ihrer Entstehung beobachten können, aber er hat mit dem bewunderungswürdigen Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen dieser Erscheinung für das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die nivellierende und alles erstickende Trivialität eines auf das Bloßstoffliche gerichteten Wesens. Es gab keinen stärkeren Schilderer des Gemeinmenschlichen, Alltäglichen und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, der in den „Toten Seelen“ das grandiose Symbol und in dem irrenden Ritter des Erwerbs Pawel Iwanowitsch Tschitschikow — den unsterblichen Typus für das Triviale und Mittelmäßige fand, das die große Masse unseres Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. — Ein Gegenstück zu dem großen Gemälde der „Toten Seelen“ ist die romantische Novelle „Das Porträt“, in der der Dichter die verheerenden Folgen desselben Grundtriebes für Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich ein erschütterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der „zwei Seelen“, in dem sich Gogols Leben aufzehrte; der einen, die von einem glühenden Drange nach dem Idealen ergriffen, sich in der Welt der Körper nie dauernd wohl fühlte, und der andern, die wie keine zweite mit dem Blick fürs Irdische begabt, das Auge nie von der Erdenwelt und allem Menschlich-Allzumenschlichen abzuziehen vermochte.
Eine ausführliche Analyse der in diesem Bande vereinten Dichtungen findet der Leser in der Einführung des bekannten Gogolforschers und Mitgliedes der Petersburger Akademie der Wissenschaften, Nestor Kotljarewski, die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine Gepflogenheit, der wir auch bei den folgenden Bänden treu zu bleiben gedenken.
Zum Schluß wage ich noch den Wunsch auszusprechen, daß der deutsche Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die freie Empfänglichkeit entgegenbringen möge, die das Werk eines Dichters beanspruchen kann, der zwar der Gegenwart nicht mehr angehört, doch aber lebendig in ihr wirkt, und dessen Schätzung in seinem Vaterlande mit dem zeitlichen Abstand nur noch steigt und in fortwährendem Wachstum begriffen ist.
Charlottenburg, den 24. Dezember 1908.
Dr. Otto Buek.
Einführung
I.
Gogols Roman „Die toten Seelen“ nimmt in der russischen Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von künstlerischem Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein großes und treues Bild ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines großen Künstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergißt der russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persönlichen Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen, die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzählungen einzuflechten pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte Wahrheit auszusprechen über die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er lebt.
In diesem Sinne stellen die „Toten Seelen“ ein künstlerisches Denkmal dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue Ära eröffnet.
In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts — dem Zeitalter der sogenannten „Romantik“ und des „Sentimentalismus“ gab es für den russischen Dichter nur ein Objekt, das ihn stetig beschäftigte, seine eigene Persönlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres für ihn als sein eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel seiner Phantasie. Er wußte vor allem davon zu erzählen, wie die gesamte Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein Verhältnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfährt jedoch dieses subjektive Verhalten des Künstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von nun ab geht das Streben des Künstlers vor allem darauf, das Leben so treu und vollständig als nur möglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln; das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren, um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu reproduzieren. Der Künstler sieht sein größtes Verdienst darin, seine eigenen Sympathien und Antipathien zurücktreten zu lassen und womöglich ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als möglich zu erfassen und restlos in sich aufzunehmen.
Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Künstlers zur objektiven Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhüllt ans Licht. Im „Revisor“ und in den „Toten Seelen“ besitzen wir zwei streng realistische Gemälde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus’ I. So wurde Gogol zum Begründer der sogenannten „naturalistischen“ Schule, die den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin sind alle russischen Künstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und gründlichen Studiums machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr objektiv doch zugleich künstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die Arbeitsmethode aller großen russischen Künstler; von Turgenjew, Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer Liebe bei den Gestalten verweilte, die ihm selbst am nächsten standen; wenn er mitten hinein in die Gemälde realer Wirklichkeit rein persönliche Betrachtungen einflocht, und sich’s erlaubte, eine Art Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor allem und in erster Linie ein großes und detailliertes Bild der lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es blieb stets die Hauptsorge des Künstlers: nicht seine persönlichen Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den Umriß des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte.
So wird es verständlich, welch einen gewaltigen Einfluß das Schaffen Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mußte. Der sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen lyrischen Herzensergießungen in Prosa traten immer mehr zurück, um den Raum für die Milieuerzählung — für die realistische wirklichkeitstreue Novelle mit ihrem großen und weiten Horizont frei zu machen: für eine Prosaerzählung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte.
II.
Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen hatte, eine Annäherung zwischen Kunst und Leben herbeizuführen — Nikolaus Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) — war von Natur nichts weniger als ein nüchterner, kaltblütiger Beobachter, oder ein Mann von kritischem Verstande und einer Phantasie, die es versteht, ihre stürmischen Triebe zu bändigen.
Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele zur Welt gekommen, und doch wurde es seine Mission, der Dichtkunst reine Muster einer realistischen, kühlen und nüchternen Naturdarstellung zu schenken. In diesem Widerspruche liegt die ganze Tragödie seines Lebens beschlossen.
Gogol gehört unbedingt zu jener Gattung von Menschen, für die die Gegenwart nur ein Hinweis auf ein zukünftiges Ideal ist, und die ein starker Glaube an ihre providentielle Sendung beseelt.
Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn immer in eine andre Welt empor — eine Welt der Vollkommenheit, in die er alles verlegt, was ihm wert und teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschütterlichen Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine ewige Liebe und eine jedem Wandel entrückte Wahrheit. Diese ideale Welt begleitet ihn durch das ganze Leben, sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der Finsternis. Überall und jederzeit findet er in ihr seinen Lohn oder seine Strafe und Verurteilung, sie beschäftigt ununterbrochen seinen Verstand und seine Phantasie, und oft absorbiert sie seine Aufmerksamkeit so vollständig, daß sie ihn die Erde vergessen läßt; noch häufiger aber ist sie dem Menschen die einzige Stütze, die ihn aufrecht erhält bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und Formung des irdischen Daseins.
Was immer für Überzeugungen solch ein Mensch haben mag, stets wird er entweder hinter dem Leben zurückbleiben oder ihm weit voraneilen. Er vermag sich nicht zu ergeben und zu demütigen vor dem Unabwendlichen und Tatsächlichen. Immer fast wird er das reale Leben entwerten, und es gewöhnlich verachten. Er vergewaltigt seinen Begriff und seine Vorstellung von der Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt sich meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der Regel aber lebt er vom Vorgeschmack einer schöneren Zukunft: ein nüchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen bleibt ihm versagt, weil er diese Tatsachen stets im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in die Lebensprinzipien hineinzwängt, an die er glaubt, entgegen allen Tatsachen. Er ist es nicht gewöhnt, sein Streben mit seinem Kräftevorrat in Einklang zu bringen, und er vermag es nicht, ängstlich und peinlich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeit an seinem Lebenswerke tätig zu sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht lösbar, zugleich aber kann ihm schon der kleinste Mißerfolg, wie er keinem erspart bleibt, das Gleichgewicht rauben und mißmutig machen. Er ist verliebt in jenen idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt hat, und darum wird es ihm so schwer, sich in die irdische Prosa hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches und notwendiges Erbteil unseres Lebens bildet.
Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen „Romantiker“ zu bezeichnen, indem wir uns eines alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das Übergewicht des Gefühls über den Verstand, und der Schwärmerei über das Interesse des Augenblicks in der menschlichen Seele kennzeichnen soll.
Die ganze Tragödie des Menschen und des Schriftstellers Gogol besteht eben darin, daß der romantische Zug seines Geistes in einen Widerspruch mit seinem eigenen Schaffen geraten mußte. Er war ein Romantiker mit allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. Er liebte es, sich in einer phantastischen Welt, in einer Welt der Sehnsucht und Erwartung zu bewegen, d. h. entweder beschönigte und schmückte er das Leben aus, indem er es in ein Märchen verwandelte, oder er stellte es sich vor, wie es gemäß seinen religiösen und sittlichen Begriffen sein sollte. Er litt furchtbar unter dem Zwiespalt, der ständig zwischen seinem Traume und dem klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang ihm nie, das Gefühl der Qual und des Sehnens durch eine gesunde Kritik am Bestehenden und Unabwendlichen zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und — was die Hauptsache ist — er hielt sich für berufen, das Herannahen dieses Ideals zu beschleunigen und seinen endgültigen Triumph auf Erden vorzubereiten. Er war nicht nur ein träumender, sondern auch ein kämpfender Romantiker.
Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besaß Gogol eine wundersame Gabe, die das ganze Glück und die Schönheit, und zugleich das ganze Unglück seines Lebens ausmachte: er besaß die seltene Fähigkeit, die ganze Erbärmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit und den Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken und überall zu erkennen. All jene prosaischen Seiten des Lebens, die der Romantiker gewöhnlich absichtlich nicht beachtet, die er übersieht oder übersehen will, sie alle drängten sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach einer künstlerischen Verkörperung. Nur selten hat die Natur einen Menschen hervorgebracht, der von Natur ein solcher Romantiker und zugleich ein solcher Künstler in der Darstellung alles Un- und Widerromantischen war, wie Gogol. Es ist daher ganz natürlich, daß der Künstler bei einer solchen Spaltung und Zerklüftung seines Gemüts und einer schöpferischen Begabung zu schwerem Leiden verurteilt war, und sich nie von dem harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit dem Siege einer dieser beiden Seelenkräfte endigen konnte: entweder mußte das Talent, das Leben in seiner nackten Prosa darzustellen, im Künstler das romantische Drängen seiner Seelen ertöten, oder die romantische Stimmung mußte umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst ersticken und zerstören.
Tatsächlich fand schließlich das Letztere statt: Gogols großes Talent zur realistischen Lebensschilderung erlosch, und er verwandelte sich immer mehr in den reinsten und aufrichtigsten Verkündiger religiöser und sittlicher Gedanken. Doch vor dem endgültigen Erlöschen leuchtete dieses realistische Talent noch einmal hell auf, um sich in den „Toten Seelen“ zum letzten Male in seinem ganzen Glanze zu entfalten.
III.
Dieser Roman ist eine späte Frucht des Gogolschen Genies. Ein Werk, das erst nach einem langen Kampfe zwischen den romantischen Neigungen seiner Phantasie und seiner starken Begabung für die scharfe und treue Lebensbeobachtung vollendet werden konnte.
Schon in seinen ersten Novellen, den „Abenden am Weiler bei Dikanka“ (1831-32), machten sich die ersten Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar. In diesen Novellen trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und der niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller Poet, der die alten Sagen und Legenden schöpferisch neugestaltete und belebte. Dieses früheste Werk läßt ganz deutlich eine Mischung beider Stile erkennen, wobei freilich der träumerisch-phantastische noch die Oberhand behält. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik vieler von den handelnden Personen ist in diesem Stile gehalten — was Gogol freilich nicht hinderte, andere Personen und Situationen mit unverfälschter Schlichtheit und im Geiste einer wahren und echten Realistik darzustellen. In dieser Vermischung zweier Stile, wie in dem alternierenden Wechsel von Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen, zeigte es sich deutlich, daß das Schaffen des Dichters noch keine feste Richtung angenommen hatte, daneben aber kam darin der innere Kampf zum Ausdruck, der sich schon damals in des Künstlers Seele abspielte: der Idealismus des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit der starken Begabung des Realisten, der mit seinem Blicke die ganze Häßlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen durchdrang, welches er doch selbst in einem andern, höheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu deuten strebte.
Über diese hohe und ideale Bedeutung des künstlerischen Schaffens hat Gogol in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit sehr viel nachgedacht. Ihn beschäftigte damals ganz besonders das bei den Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der Träumer, der Idealist und der Künstler ganz notwendig auf sich nehmen muß, wenn ihn das Schicksal schonungslos zusammenstoßen läßt mit der häßlichen, unbarmherzigen Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem von Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgeführt in seiner Novelle „Das Porträt“ (1834).
Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzählung von E. Th. A. Hoffmann. Sie behandelt das Seelendrama eines jungen Künstlers, der Verrat übt an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier in den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn stirbt, als er erkennt, daß er sein Talent zugrunde gerichtet hat. Der böse Genius dieses unglücklichen Künstlers ist ein phantastisches Porträt des Antichristen, das mit einer so realistischen oder vielmehr naturalistischen Kunst dargestellt ist, daß ein Teil der Seele des Antichristen in dieses Bildnis übergegangen ist.
Die Kunst soll dem Ideale dienen und nicht der Reproduktion des Wirklichen in seiner ganzen Nacktheit und Häßlichkeit — dies ist der Grundgedanke dieser Erzählung — deren Moral ebenso durch den tragischen Tod des Künstlers, der sich der Jagd nach dem Golde und der Mode ergab, wie aus dem verderblichen Einfluß des Porträts, zu uns spricht: dieses Porträts, das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war.
Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol von einem hohen, beinahe religiösen Glauben an die Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung vermochte doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhüllen, der immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm Leben besteht. Er sah den Abgrund, der zwischen diesen beiden Welten klafft, beständig vor Augen, und dieser Anblick hatte für ihn etwas Furchtbares und Schreckenerregendes. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu vergessen: sie liegt in der Erschütterung und in dem Verlust des seelischen und geistigen Gleichgewichts. Dies ist das Thema der beiden Erzählungen „Der Newski-Prospekt“ und „Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen“.
Aber ganz allmählich vollzieht sich im Schaffen Gogols eine entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente nach, er unterwirft sich ihm, und geht zur Darstellung der Realität, der Wirklichkeit über; er beschönigt sie nicht und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie sie ist, in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von jeher so stark in die Augen stach. Und nun stößt er mit dieser gemeinen trivialen und schmutzigen Wirklichkeit auf dem Felde der Kunst zusammen, und da erhebt sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon im „Porträt“ hingewiesen hat: dient die Kunst auch dann noch ihrer hohen Mission, wenn sie den Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und zwar so natürlich und lebendig zur Darstellung bringt, daß es fast den Anschein hat, als bleibe ein Stück von diesem Schmutz und diesem Laster auf dem Kunstwerk selber haften?
Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer nicht Widerstand bieten. So kam es, daß er seine Kunst immer mehr dem Leben annäherte. Diese Annäherung macht sich besonders stark fühlbar in der Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit seinen romantischen Erzählungen erschien, und die den Namen „Mirgorod“ trägt.
Eine dieser Novellen die „Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit“ ist ein schlichtes Idyll, die Geschichte zweier zur Neige gehender Menschenleben: ein psychologisches Essay, von einer Tiefe und Poesie, wie sie von keiner romantischen Idylle erreicht wird. Die sentimentalen und romantischen Schriftsteller liebten solche dankbare Sujets, wie die Erzählung von zwei liebenden Herzen, die sich inmitten des Friedens der Natur und fern von allen Lockungen der Kultur zusammenfinden. Die „Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit“ sind ein glücklicher Versuch, die romantischen Elemente in diesem Stoff durch reale und kulturelle zu ersetzen. An die Stelle der einsamen und wüsten Gegenden tritt hier ein kleinrussisches Dorf — an die Stelle der blasierten und enttäuschten Helden und der schwermütigen oder leidenschaftlichen Heldinnen — ein altes Ehepaar; aber trotz dieser Schlichtheit und Durchsichtigkeit ist diese Novelle überall von einer tiefen Wahrheit und Poesie durchdrungen. Sie stellt in dem Schaffen Gogols einen der entscheidenden Siege des Realismus’ über die Romantik dar.
Ein ganz anderer poetischer Horizont tut sich vor uns in der historischen Erzählung „Taras Bulba“ auf. Auch hier bemerkt man eine deutliche Wendung von dem früheren idealisierenden Stil zum Realismus, natürlich in dem Maße, als dies in einem historischen Romane möglich ist. Es gibt eine Ansicht, nach der „Taras Bulba“ Gogols größtes Werk darstellt, und dieser Wertung fehlt es nicht an einer gewissen Berechtigung. Der Inhalt dieser Erzählung ist vielleicht nicht weniger umfassend und vielgestaltig wie der der „Toten Seelen“; auch hier findet man denselben Reichtum an den mannigfaltigsten Typen und Episoden, die gleiche Kraft und das gleiche schnelle Tempo der Handlung. Die psychischen Regungen und Bewegungen sind im „Taras Bulba“ vielleicht sogar noch tiefer als in irgend einem andern Gogolschen Werke, schon aus dem Grunde, weil die Gefühle und Empfindungen der Helden hier ernster und komplizierter sind, als die der handelnden Personen in den „Toten Seelen“. „Taras Bulba“ — das ist ein heroisches Epos, das einer gewissen Idealität nicht entbehrt. Es lebt etwas darin vom Geist der alten Sage, trotzdem aber bleiben die Seelenregungen der handelnden Menschen stets wahr und frei von jeder romantischen Überspannung. Die alte Zeit des Saporoger Kosakentums mit ihrem Kostüm, ihrem häuslichen Leben, ihren Kriegen und Schlachten, die Beziehungen zwischen Juden und Polen — das alles ist im „Taras Bulba“ mit einer wunderbaren Echtheit und Wahrheit geschildert; dazu kommen die beschreibenden und schildernden Elemente, die mit großer Geschicklichkeit in die Handlung eingeflochten sind; sie beschweren sie nicht, sondern verleihen ihr bloß noch mehr Lebhaftigkeit und Kolorit. „Taras Bulba“ ist in seiner Art eine kleinrussische Ilias, sowohl was das epische Gleichmaß der Darstellung und den kriegerischen Geist des Werkes, als vor allem die strenge Durchführung der Charaktere und die Plastizität der Episoden anbetrifft. — Soweit also der Realismus in einer historischen Erzählung als künstlerisches Element neben dem legendären und der Archeologie möglich und zulässig ist, ist er in dieser Epopöe zum Durchbruch gekommen.
Aber so recht heimisch in der realistischen Darstellungskunst wurde Gogol erst mit der Vollendung seiner berühmten Komödie: „Der Revisor“ (1836).
Gogol gehört zu jener wenig zahlreichen Dichtergruppe, die das „russische“ Theater schuf und die russische Lebenswirklichkeit ungeschminkt und ohne Beschönigung auf die Bühne brachte. Die Geschichte des russischen nationalen Theaters hat man von den Komödien „Von Wisins“ zu datieren. In diesen Stücken ist das Leben der adligen Gutsbesitzer, der Epoche Katharinas I., mit genügender Treue geschildert, doch macht sich hier noch ein Element unliebsam bemerkbar: das sentimentale Räsonnement. Gleichfalls der Adel, diesmal aber der städtische Beamtenadel, ist das Milieu, in dem Gribojedows „Verstand schafft Leiden“ spielt, diese geniale Satire, aber keineswegs auch geniale Komödie. Auch hier erscheint die Wahrheit in einer gewissen Verzerrung: ein Zugeständnis an die literarischen Traditionen der französischen Vorbilder.
Im „Revisor“ endlich betritt die russische Beamtenwelt die Bühne. Auf den Gegenstand dieser Komödie waren die Zuschauer schon in gewissem Sinne vorbereitet durch eine Reihe von freilich recht farblosen Stücken, in denen die Schriftsteller des XVIII. und der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts die Korruption gegeißelt und moralische Tiraden gegen die Bestechlichkeit zum besten gegeben hatten. Der „Revisor“ überragt alle diese Stücke um Haupteslänge, schon deshalb, weil die in ihm gezeichneten Typen wirkliche lebendige Menschen waren, denen der Zuschauer jederzeit — wenn auch nicht allen zugleich, so doch in einzelnen Repräsentanten — in seiner nächsten Nachbarschaft begegnen konnte. Nach Gogol war es Ostrowski, der in seinen Dramen den Kaufmannsstand auf die Bühne brachte und so das Gemälde des russischen Lebens um einige bedeutsame Typen bereicherte. Das waren die drei „finsteren Reiche“ — die Welt des Adels, des Beamtentums und des Kaufmannsstandes, die von nun ab den Russen von der Bühne herab an jene dunklen Seiten der Wirklichkeit mahnten, die er stets zu idealisieren geneigt war. In letzter Zeit ist diese Reihe noch um ein neues Gemälde vermehrt und vervollständigt worden — um das Bild der dunkelen Welt des niederen Volkes: in dem Drama „Die Macht der Finsternis“ von Tolstoi.
In seiner Komödie schwang Gogol die Geißel des Spottes über eine ganze Kategorie gesellschaftlicher Mißstände und Laster, die mächtig in das soziale Leben eingriffen: er brachte die Dummheit, die Gemeinheit und Hohlheit der Administration auf die Bühne und strafte die offizielle Welt, indem er sie dem Spott und Hohn eines Windbeutels, des hohlsten aller Schwätzer preisgab, und sie durch ihn brandschatzen ließ. Zu guter Letzt aber stellte er sie vor ihren gesetzlichen Richter und sandte ihnen einen Gendarmen, der sie zur Vernunft bringen sollte. Die Komödie bleibt in ihrem ersten Akt streng objektiv und sachlich, im letzten freilich drängt sich die Moral recht deutlich vor. Der Polizeimeister erscheint in seiner ganzen Dummheit, gibt sich selbst dem Gelächter und der Verachtung preis und geizt nicht mit starken Worten zu seiner eigenen Charakteristik. Der Gendarm erscheint, wie im letzten Akt des Tartüffe, als der Vertreter des Gesetzes zur Beschwichtigung und Beruhigung der Zuschauer; er erinnert sie daran, daß das Auge der Regierung beständig wacht, auch dann noch, wenn man glaubt, daß es schlafe. Aber der außerordentliche künstlerische Takt des Dichters hat es so einzurichten verstanden, daß die Moral die Wahrheit der Situationen und die Lebendigkeit der Typen nicht beeinträchtigte. Bis dahin waren es die Zuschauer gewöhnt, mitten in der Handlung allerhand erhebende und erbauliche Reden von der Bühne zu vernehmen, im „Revisor“ aber fehlten diese Reden vollständig. Diese Komödie war eine völlig neue, originale Tat; sie paßte in keine der bekannten Formen der dramatischen Kunst hinein, denn sie war weder eine sentimentale Komödie, noch eine Posse, noch ein moralisches Schauspiel.
Dieses Werk trug seinem Schöpfer einen großen Schmerz und viele Enttäuschungen ein, denn es regte die heftigsten und leidenschaftlichsten Anklagen gegen ihn auf. Er suchte Rettung und Heilung von seiner geistigen Schwermut und der Gereiztheit gegen seine Mitbürger in einer Reise. Dies war das ständige Mittel Gogols, das er gegen seine Melancholie und gegen seine geistige Müdigkeit anwandte, und es wirkte in der Tat weit sicherer und unfehlbarer als alle Medikamente. Diese Neigung zum Wandern, zum Wechsel des Aufenthaltes war in seiner romantischen Veranlagung begründet. In dieser Beziehung hatte er viel Ähnlichkeit mit einem jener Schwärmer, die von Sehnsucht, Melancholie oder Grimm getrieben, ihre Heimat verließen, um den Ufern eines neuen fernen Vaterlandes zuzustreben. Auch Gogol besaß solch ein fernes Vaterland, obwohl er Rußland mit einer geradezu abgöttischen Liebe liebte, und sich unter fremden Menschen nie wohl fühlte. Er hatte noch eine andere große Liebe: Italien.
Gogol hat oft über seine Leidenschaft für das Wandern und Reisen gegrübelt, und nach Gründen gesucht, um sein Nomadenleben zu rechtfertigen; er begründete sie mit seiner Krankheit, die ihm einen häufigen Wechsel des Klimas zur Notwendigkeit machte, und mit dem rein geistigen Bedürfnis des Künstlers, der eine Distanz zwischen sich, den Menschen und dem Leben suchte, wenn er sie in seinen Werken zur Darstellung bringen wollte. Zuweilen freilich, wenn er in längeren Abständen wieder nach Rußland zurückkehrte, fühlte er etwas wie Gewissensbisse und ein mächtiges Anschwellen der Liebe zu seiner Heimat; aber diese Gefühle blieben ohnmächtig gegenüber dem unklaren Drange, der ihn in die Ferne zog. Seine Seele trug die Spuren jener Krankheit an sich, die einst zu Beginn des Jahrhunderts im Westen herrschte, die Menschen von der Heimat losriß und sie zu fernen Gestaden hintrieb — jene Krankheit an der ein Byron und ein Chateaubriand litten, und für die Schubert in seinem Liede „Der Wanderer“, dem Lieblingslied aller russischen Jünglinge und Jungfrauen der dreißiger Jahre einen so wundervollen musikalischen Ausdruck fand.
Allein was Gogol von seiner fünfjährigen Reise im Auslande (von 1836-1841) mitbrachte, war weder ein pessimistisches Tagebuch, noch ein sentimentales Epos. Er brachte den ersten Teil der „Toten Seelen“ mit: einen Roman oder eine Dichtung, in der der junge russische Realismus seinen höchsten Triumph feierte. Es war der letzte Sieg, den Gogol im Felde der Dichtung erringen sollte.
IV.
Während seines Aufenthaltes im Auslande und besonders in Italien war Gogol sehr fleißig und die Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die Zeit, wo seine Schöpferkraft in voller Blüte stand. Die romantischen Neigungen, die noch zum letztenmal in der schönen Novelle „Rom“ zum Ausbruch gekommen waren, traten allmählich zurück und machten einer nüchternen, ruhigen und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich immer stärker entfaltende Talent des Schilderers, das zu einer innigen Verschmelzung der künstlerischen Wahrheit mit der Lebenswahrheit hinstrebte — gewann immer mehr die Oberhand, was nicht nur in der Zurückstellung und Aufgabe aller früheren Pläne, die noch im Geiste des alten romantischen Stils konzipiert waren, zum Ausdruck kam, sondern auch in der Art wie Gogol seine älteren Werke umschuf und neu bearbeitete.
In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol zu dieser Zeit seine Erzählungen „Das Porträt“ und „Taras Bulba“ um. Am stärksten und freiesten aber entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und Lebensschilderers, die in dieser Epoche ihre höchsten Siege über die sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen des Dichters feierte, in der Novelle: „Der Mantel“. Dieses Werk nimmt eine ganz besondere Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. Es ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste Beispiel dieser Gattung, die später eine große Verbreitung fand und eine große soziale Bedeutung gewann. Es ist eine Seite aus der Geschichte der „Erniedrigten und Beleidigten“, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski unter seinen besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte dieses Eintreten für die Schwachen und Benachteiligten durch die Literatur und durch die Tat etwa um dieselbe Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung der sozialistischen Ideen ein. In Rußland aber rührte der erste Versuch, die Gesellschaft für jene große Masse derer zu interessieren, an denen sie achtlos vorübergeht, von Gogol her, der ganz unbeeinflußt von den westeuropäischen Tendenzen in seinem „Mantel“ ein Werk schuf, das man mit Recht als den Ausgangspunkt und Ursprung der sogenannten „Anklageliteratur“ in Rußland erklärt hat. Man muß dabei nur im Auge behalten, daß in Gogols Erzählung der Protest und die Anklage sehr abgedämpft erscheinen und mehr durch ein weiches Gefühl der Teilnahme und des Mitleids ersetzt sind. Der Dichter läßt uns mit seinem unscheinbaren Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben; wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam von jedem Rubel Groschen auf Groschen in sein kleines Büchschen zurücklegt, alljährlich das kleine Häuflein Kupfergeld nachzählt, um es durch Silbermünzen zu ersetzen, wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine Kleider auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig werden, und wo er einsam in seinem Schlafrock dasitzt, die ewige Idee des Mantels in seinem Geiste tragend; wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn ebensowenig beachtet, wie eine vorüber schwirrende Fliege, wo man ihn verspottet, ihm Papierschnitzel auf seinen Kopf schüttet, wo er jahraus, jahrein hinter seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfältig aufs Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu seinem eigenen Vergnügen kopieren will. Der phantastische Schluß, den Gogol dieser Erzählung gegeben hat, ist zwar etwas willkürlich, aber überaus glücklich erfunden und trägt einen ganz anderen Charakter als seine früheren phantastischen Erzählungen. Das Phantastische enthält eine solche starke Beimischung von Spott, Humor und Fröhlichkeit, daß es fast völlig gegen das letztere Element zurücktritt und seinen romantischen Charakter gänzlich einbüßt. Der Autor braucht das Wunderbare nur um der paar kleinen Genrebilder willen, mit denen er seine Novelle beschließt.
So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von seiner alten Manier abwandte und seinem scharfen Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf ließ.
Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen lernen will, der muß zu der tragikomischen Dichtung „Die toten Seelen“ greifen. Hier legt jede Seite ein beredtes Zeugnis dafür ab.
V.
Die Arbeit an den Toten Seelen war für den Verfasser eine hohe Freude und ein großer Schmerz. Noch nie hatte er einen so erhabenen Genuß und eine solche innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, wenn ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst aus der Feder flossen, und nie hat er so gelitten, als in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf die ersehnte Inspiration warten mußte. Diese Arbeit hat Gogol 16 Jahre lang beschäftigt: von 1835, als er die ersten Seiten des Werkes niederschrieb, bis zum Beginn des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von 1835-1841 — während der er natürlich noch an andern Dichtungen arbeitete — um den ersten Teil zu vollenden. Die ihm noch übrig bleibenden 10 Jahre waren ganz mit Versuchen ausgefüllt, eine Fortsetzung für sein Werk zu finden.
Nach der Idee des Autors sollten die „Toten Seelen“ eine „Dichtung“ werden, in welcher Rußland in der ganzen Mannigfaltigkeit seines staatlichen und sozialen Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen Seiten erscheinen sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das alte Epos wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl mit bewußter Anspielung auf die Homerischen Gesänge seinen Roman — ein Poem d. h. eine Dichtung. Der Gesamtplan des Werkes stand natürlich im Geiste des Verfassers nicht gleich völlig fertig da, und nahm mit den Jahren eine recht seltsame Richtung an. Die ruhige, uninteressierte epische Erzählung verwandelte sich immer mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der Wunsch, Rußland möglichst vollständig nach all seinen Seiten darzustellen, trat immer mehr hinter dem Ideal zurück, der ganzen Menschheit eine neue Lehre zu künden, die die Seele erheben und ihr Leben erhöhen sollte.
Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung für sich und sprach nur selten und ganz im Allgemeinen zu seinen nächsten Freunden davon, wie groß und tief sein Plan war. Die übertrieben stolzen Reden Gogols über sein Werk erregten die heftigste Opposition unter seinen Freunden und Bekannten, sie ärgerten und verstimmten sie. Hätten sie gewußt, wie großartig dieser Plan des Künstlers tatsächlich war, sie hätten ihm vielleicht seine Überhebung verziehen, die um so verzeihlicher war, als Gogol nicht so sehr auf sein Künstlertum stolz war, als vielmehr darauf, daß er im Besitze der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fühlte sich verpflichtet, seinen Nächsten diese Wahrheit zu verkünden, sobald er dieser hohen Aufgabe würdig geworden war.
Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim hielt, ist es dennoch möglich, nach gelegentlichen Äußerungen und Anspielungen, nach seinen Unterhaltungen mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen Briefen und den Fragmenten des zweiten Teiles, das Geheimnis des Schriftstellers mit genügender Genauigkeit zu enthüllen; es ist zugleich das Geheimnis des Künstlers und Moralisten.
„Gott hat mich erschaffen,“ sagt Gogol einmal, „und er hat mir nichts von meiner Mission verheimlicht. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte zu begründen. Mein Beruf ist weit einfacher und naheliegender: er besteht darin, woran überhaupt jeder Mensch und nicht ich allein vor allem denken sollte. Mein Gebiet ist die Seele, die starke, solide Sache des Lebens. Und daher muß auch mein Handeln und mein Schaffen stark und solide sein.“ „Die toten Seelen“ sollten in ihrem Gesamtaufbau ein solch „solides, starkes“ Werk werden, auf das der Mensch sich zu stützen vermochte, wenn Gewitterstürme über seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus seiner Rettung sein. Diese Dichtung sollte dem Menschen ein Führer zu seiner sittlichen Wiedergeburt werden, wie es für den Verfasser ein reinigendes Gebet war, nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, und nachdem er Buße getan hatte für seine eigenen Sünden.
Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen können?
Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen frühesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese Lyrik in seinem Fühlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzählungen neben einem unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den Schmerz über die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben Maße, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer stärker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Großes zu erschaffen, und so kam es, daß ihn die sittlichen Tendenzen immer mächtiger erfüllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Aufführung des „Revisor“ überzeugte er sich, daß er wirklich die Kraft zu einer sittlichen Einwirkung auf die Masse besaß, und von da ab war er entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer großen Sache zu stellen und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht bewußt war, träumte er davon, etwas Großes zu leisten, der Wohltäter und Lehrer seiner Nächsten und ein Held und Kämpfer für das Vaterland zu werden. Um diese hohe Mission durchzuführen, setzte er seine ganze Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner würdigen Aufgabe d. h. nach einem großen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer wirklichen Wohltat für die Nächsten werden sollte.
So konnte die Anekdote von dem Kauf der „toten Seelen“ schnell ihren komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln, für den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner eigenen sittlichen Überzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen Stoff ständig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Höhe jenes „großen Gegenstandes“ emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frühesten Jugend träumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, daß eine solche Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam und allmählich vor sich gehen konnte, und daß der Autor selbst bei Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei ihrer Vollendung annehmen werde.
Neben dieser ethischen Tendenz gewann auch die patriotische Absicht des Dichters einen mächtigen Einfluß auf die Dichtung. Gogols Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der Dichter an die Ausführung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum Vaterland bereits zu einer stark konservativen Weltanschauung mit einer ausgesprochenen religiösen Färbung zusammengeschlossen. Und dieser Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte noch mehr in dem Maße, als der Dichter an der ständigen Erweiterung und Vertiefung seines Werkes tätig war. Gogol mußte in seinem Roman über Rußland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung seiner Dichtung dachte, ließ er uns seine Heimat nur von „einer Seite“ sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von einer geradezu erbärmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen — das bedeutete grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hieß über seine guten Seiten, hieß über alle Russen schweigen, die einen Anspruch auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbürgern in seiner Dichtung auch ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr sich der Rahmen der Erzählung erweiterte, um so drängender empfand er diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur Verherrlichung Rußlands und zur Bewunderung der russischen Tugenden fort. Er wollte ihnen einen gebührenden Platz in seiner Dichtung einräumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er wußte, daß der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der besten Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefühl Folge leistete, fing er an, nach neuen positiven Typen für sein Werk zu suchen und seine Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner früheren Werke emporzustimmen.
Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung. Einen kaum geringeren, wenn nicht noch stärkeren Einfluß auf des Dichters Schaffen gewann die religiöse Stimmung, die Gogol mit jedem Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm die Überzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfüllen habe. Ihn beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natürlich, daß er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten begann, eine Pflicht, für die sich der Mensch lange kräftigen und stählen muß, wenn er die große Aufgabe erfüllen will, die Gott in seine Hände gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er „arbeitete ständig an sich selbst“, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er für unheilig und sündhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklärten Gemüt glaubte er seine hohe Sendung erfüllen zu können, und diese Stimmung fand natürlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbürger und Mitbrüder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen Sünden.
So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde für ihn zu einem reinigenden Opfer. Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten Sühne und Ahndung — die Sünden seiner Helden, wie seine eigenen. Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklärung und Erleuchtung einer sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe mystische Bedeutung an — einen ähnlichen Sinn wie das große Epos Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger Bewunderung las.
Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum Licht, aus der Hölle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Buße aus sündigen zu, wenngleich nicht heiligen, so doch edlen und sittlichen Menschen zu machen, ergriff und erschütterte die Seele des Dichters aufs tiefste. Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das Nachdenken und Entwerfen hinaus, und überantwortete schließlich das, was er davon niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sündenfall des Russen, die Erzählung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und Gemeinheit.
VI.
Wenn wir jene Stellen in den „Toten Seelen“, wo der Verfasser auf den geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des „Revisors“. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit erschütterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im „Revisor“ waren Beamte, zu denen sich in den „Toten Seelen“ noch Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint hier unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und Bewegungen der Helden des „Revisors“ waren noch wenig differenziert und nicht sehr vielgestaltig — ganz anders verhält es sich in den „Toten Seelen“, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich der Held: Pawel Iwanowitsch Tschitschikow; ihn verbindet kein engeres Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von außen hereingeschneit wie Chlestakow im „Revisor“. Dieser Held ist vom Autor mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer in diesem Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder einzeln und für sich genommen so unendlich komisch und lächerlich wirkt, und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck hervorrufen.
Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gnädig verfahren. Es ist keine Frage, daß Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften moralischen Qualitäten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht unerfreulichen Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein Gauner und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persönlichkeit der typische Repräsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral, die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber selber lebt und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswürdigen und höflichen Räubers begnügt; er erzählt uns die ganze Geschichte seiner Jugend, er erklärt uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen Instinkte entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob die ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und Gaunereien seines Helden wirklich auf Tschitschikow allein fällt, oder ob nicht die größere Hälfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, abgewälzt werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, daß er dem Leser geradezu die Frage vorlegt: „Ist Tschitschikow denn tatsächlich ein solcher Lump?“ Und er fährt fort: „Warum gleich ein Lump? Warum sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? — Er ist einfach das, was man einen guten Wirt und ein Erwerbsgenie nennt.“
Der Erwerbstrieb trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache, daß Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet. Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft „und es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt“.
Wenn es aber möglich war, schon für Tschitschikow soviel mildernde Umstände geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren. Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit großer Milde; vor allem gegen die Adligen, die er mit noch größerer Nachsicht behandelt, als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende Menschen, aber eine besondere Entrüstung und eine allzu große Empörung regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl über sie, wir bemitleiden sie, aber schließlich würden auch wir mit ihnen leben können, ohne daß uns allzu große Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was ließe sich schließlich gegen den so vertrauensseligen und gutmütigen Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch läßt sich fast ertragen: dieser grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die übrigens für seine Nächsten völlig unschädlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst, der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin in der glücklichsten, schon weit zurückliegenden Zeit seines Lebens, und wir verstehen, daß ein Unglücklicher vor uns steht, der ein Opfer der Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kämpfen vermag. Der Dichter spricht mit tiefem Schmerz von der Erbärmlichkeit, Kleinheit und Häßlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge verhärtende Mannesalter, uns mit einem möglichst großen Vorrat von Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, daß sie nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Träne des Mitleids entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit, Spitzbüberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmütiges und von jeder Böswilligkeit Freies verliehen, daß er uns beinahe völlig entwaffnet und die Fähigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zürnen.
So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit seinem Helden zusammenführte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten, mit andern Worten, wenn sie Beamte waren.
Wie der „Revisor“, so enthalten auch die „Toten Seelen“ keine Spur von einer politischen Anspielung. Die Satire berührte auch nicht mit einem Wort die höhere Obrigkeit und setzte sich bloß mit den niederen Klassen des Beamtenstandes auseinander.
Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die sich gegen die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme etwa der schicksalsreichen „Geschichte vom Hauptmann Kopeikin“, die der Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden Änderungen und Zugeständnissen seitens des Autors die Zensur passierte. Diese Geschichte war die einzige gegen die souveräne Gewalt gerichtete Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fällen wählte er sich bloß die ausführenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe, wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner Helden abstufte. Je höher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der Erwägung leiten ließ, daß ein hohes Maß von Intelligenz den Menschen auch zu einer höheren Sittlichkeit verpflichte.
So sind denn in den „Toten Seelen“ alle höheren Beamten, selbst abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte und liebenswürdige Männer, die höchstens ein paar Seltsamkeiten oder Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt dem Moralisten nur wenig Anlaß zur Betrübnis, ja, er könnte sich nach Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fühlen.
Aber das Bild wechselt jäh und mächtig, wenn wir aus dem Kreise dieser relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphären hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten bevölkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstände unter den gerade anwesenden, größtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten ausgewählt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstück die Sanktion des Gesetzes erhält, wobei dem letzteren aus reiner Liebenswürdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebühren abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrügern, denen jede Spur von Sentimentalität, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist, und die einem nüchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen.
Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken, wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem weichen und zärtlichen Herzen, der alle Dörfer heimsucht und sie wie eine verheerende Epidemie durchstreift, wofür er dann schließlich auch von den Bauern ins Jenseits befördert wird. Diese Seite, die uns von den Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die kühnste in der gesamten Dichtung.
Der erste Teil der „Toten Seelen“ ist somit tatsächlich eine Epopöe der menschlichen Erbärmlichkeit und Nichtigkeit. Erbärmlich ist dieser Erwerbsritter mit dem Instinkte des Raubtieres, erbärmlich und armselig — diese ganze Stadtgesellschaft, Männer wie Frauen — erbärmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschränktheit, dieser Klatsch und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, daß auch der Bauernstand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei Gelegenheit handelte, in den „Toten Seelen“ vorzüglich nach seiner unansehnlichen und erbärmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch böse, sondern nur armselig, beschränkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der Satiriker getan hätte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sünden und Laster unserer ärmeren und schwächeren Mitbrüder lenken will, um sein Nachdenken und sein Interesse für sie zu wecken.
Daß der Dichter ein herzliches Mitgefühl für diese seine Mitbrüder hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die Betrachtungen, die Tschitschikow über das Schicksal der von ihm gekauften Bauern anstellt, genügt, um sich zu überzeugen, daß sich der Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hören außer dem törichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spüren läßt, wo er uns durch jene geistigen und seelischen Fähigkeiten erfreut, von denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne Grund zu erzählen wußten.
VII.
Dies ist in seinen wesentlichen Zügen der Inhalt des ersten noch erhaltenen Teils dieser großen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte dieses Werk für seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen; es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und erbärmlichen Menschen vorzuführen, um uns dann ein schönes Bild ihrer Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an sein Vaterland gerichtete Verheißung, daß es sich einst von allem Häßlichen und Schmutzigen reinigen und der göttlichen Liebe würdig erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch seine religiösen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches, mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, daß Gogol als Ankläger des Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, der Trägheit und Indolenz, mit einem Wort, aller nur möglichen persönlichen und sozialen Schäden, einer der fortgeschrittensten russischen Männer gewesen ist, und dieses hohe Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreißen oder zu schmälern.
Aber bei einer näheren Bekanntschaft mit seinen Werken überzeugt man sich leicht, daß seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage und Geißelung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher, milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wußte gegen dieselben Menschen gerechte Nachsicht zu üben, die er in seinen Werken an den Pranger stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch für den Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu sprechen und zog es vor, sie Schwächen zu nennen, wobei er den Leser stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte. Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. Nicht sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Sünden, als vielmehr dadurch, daß er in ihnen das Mitleid für ihre Nächsten weckte, die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglück geraten waren.
Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die große Bedeutung der „Toten Seelen“ für die Literatur und das Leben Rußlands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser erlebte nichts von den kühnen Verheißungen des Dichters. Der Leser behielt nichts in seiner Hand zurück, als eine große Anklageschrift gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich, die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines großen realistischen Künstlers stammte.
Die „Toten Seelen“ sind das erste Muster eines großen realistischen Romans in der Literatur Rußlands, und das Schicksal, das oft sein ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, daß dieses große Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit einem romantischen Traum begann und sie mit einer religiösen Predigt beschloß.
Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege gelegt, er besaß wie kein anderer die Fähigkeit einer reinen, ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung — und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt erreichte, um schnell und für immer zu erlöschen, erschuf der Dichter dieses großartige Gemälde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von verblüffender Treue erblickte.
Nestor Kotljarewski.
Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
oder
Die Toten Seelen.
Erster Teil
Erstes Kapitel
Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewöhnlich Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. — mit einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß ein Herr von nicht gerade überwältigender Schönheit, aber doch von angenehmem Äußeren; er war weder allzu dick noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt war, doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. Seine Ankunft erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der Türe der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefährt, als auf den Insassen bezogen. „Sieh dir mal das Rad an,“ sagte der eine zum andern. „Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder nicht?“ — „Gewiß,“ antwortete der andere. „Aber bis Kasan wird es wohl nicht halten, denk ich.“ — „Bis Kasan wohl kaum,“ versetzte der andere. Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe hielt, ging noch ein junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form einer bronzenen Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, sah sich den Wagen an, während er seine Mütze, die der Wind fortzublasen drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege.
Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder Aufwärter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt, empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen zu gewinnen. Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, schüttelte seine Mähne und führte den Herrn flink durch den langen hölzernen Flurgang, um dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. — Das Zimmer war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der bekannten Art, wie nämlich alle Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo die Reisenden für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende Gemach führt, in dem der Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann, der sich aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten seiner Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war nicht geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war gelb angestrichen, wie überall. Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr, Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer[1] mit einem Samowar aus Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar, sodaß man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart gehabt hätte.
Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher ansah, wurde sein Gepäck hereingetragen. Zunächst ein etwas abgenutzter Koffer aus weißem Leder, dem man es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte. Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein Bursche von etwa dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen und mürrischen Eindruck und hatte große dicke Lippen und eine ebensolche Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte, während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete, einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit diesem einen merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer Matratze ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen und vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem Gastwirte geben lassen.
Während die Diener mit der Einrichtung beschäftigt waren, begab sich der Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende weiß aus Erfahrung, wie so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe gestrichenen Wände, die oben vom Rauche geschwärzt und tiefer unten wie poliert sind durch die Rücken der Reisenden und mehr noch durch die der einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe rauchige Decke, derselbe geschwärzte Kronleuchter mit einer Unzahl herabhängender Glaskristalle, die jedesmal herumhüpften und klirrten, wenn der Kellner über den abgeriebenen Läufer von Wachstuch sprang und dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen ruhte, wie Vögel am Meeresstrande; dieselben Ölgemälde, die eine ganze Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie überall, höchstens mit dem Unterschied, daß auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen Brüsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat. Übrigens begegnet man ähnlichen Naturspielen auf vielen historischen Gemälden, von denen man nicht weiß, woher sie, wann sie und von wem sie zu uns nach Rußland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere vornehmen Würdenträger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mütze hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhändig zu häkeln pflegen, wobei sie stets noch allerhand nützliche Lehren hinzufügen, wie das Tuch umgelegt werden muß; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott weiß es, ich habe nie ein solches Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte, bestellte er sich ein Mittagessen. Während die verschiedenen Speisen, die einem gewöhnlich in den Gasthöfen vorgesetzt werden, aufgetragen wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Blätterteig, die wochenlang für die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden, ferner Hirn mit Schoten, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde, eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrätige Splittertörtchen; während also dies alles aufgetragen wurde, aufgewärmt oder kalt, ließ er sich von dem Diener oder Kellner allerhand törichte Geschichten erzählen: wer den Gasthof früher besessen habe, wer sein jetziger Besitzer sei, wie groß die Einnahmen seien, ob der Herr ein großer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab: „Oh! ein großer Spitzbube! gnädiger Herr!“ Wie in dem aufgeklärten Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklärten Rußland eine Menge höchst ehrenwerter Leute, die es nicht über sich bringen, in einem Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm ihre Scherze zu treiben. Übrigens stellte der Ankömmling nicht nur sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur, nach dem Gerichtspräsidenten und Staatsanwalt der Stadt — mit einem Wort: er überging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast noch größerer Ausführlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden Großgrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er für einen Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach den Zuständen, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht Krankheiten oder Epidemieen, wie tödlich verlaufende Fieber, Blattern u. s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und Ausführlichkeit, die weit mehr als bloße Neugierde erkennen ließ. Im Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er sich ungewöhnlich laut. Es läßt sich kaum sagen, wie er das machte, jedenfalls tönte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm, seine Mähne schüttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas von seiner Höhe herabsinken ließ und fragte: „Wünschen der Herr vielleicht etwas?“ Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und ließ sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rücken, das in den russischen Gasthäusern statt mit weicher Wolle mit einem Etwas gestopft wird, das die größte Ähnlichkeit mit Kieseln oder Ziegelsteinen hat. Er begann zu gähnen und ließ sich in sein Zimmer führen, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern. Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie sich’s gehört, der Polizei mitgeteilt werden könnten. Als der Kellner die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen: „Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in eigenen Angelegenheiten.“ Während der Kellner den Zettel noch immer zu entziffern suchte, verließ Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof, um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck auf ihn machte; denn er fand, daß sie sich durchaus mit jeder andern Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das bescheidene Dunkelgrau der hölzernen Häuser fielen besonders ins Auge. Die Häuser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen Architekten besonders schön waren. Stellenweise schienen diese Häuser wie verloren inmitten der Straße, die breit wie ein Feld war, und zwischen den Bretterzäunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern Punkten dagegen stießen sie eng aneinander, und hier machte sich auch mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte: Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschäft, mit Mützen und Hüten und einem Schild mit der Inschrift: „Der Ausländer Wassili Fjodorow.“ Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in Fräcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gäste zu tragen pflegen, die im letzten Akte auf der Bühne erscheinen. Die Spieler waren in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoße ausholen, mit ein wenig zurückgezogenen Armen und gekrümmten Beinen, als ob sie soeben einen Luftsprung gemacht hätten. Unter diesem Bilde befand sich die Inschrift: „Hier ist eine Schenke!“ Hie und da standen unter freiem Himmel auf der Straße Tische mit Nüssen, Seife, und Honigkuchen, die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine Garküche, auf deren Aushängeschild ein mächtiger Fisch abgebildet war, in dem eine Gabel steckte. Am häufigsten aber begegnete man den zweiköpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die lakonische Inschrift: „Ausschank“ ersetzt sind. Das Pflaster war überall ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den städtischen Garten, der aus ein paar dünnen Bäumchen bestand, welche offenbar sehr schlecht fortkamen und unten von Pfählen gestützt wurden, die ein Dreieck bildeten und mit grüner Ölfarbe angestrichen waren. Übrigens hieß es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhöhe erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: „Dank der Fürsorge unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller breitkroniger, schattenreicher Bäume verschönt, die an heißen Sommertagen angenehme Kühle spenden.“ Weiterhin hieß es: „Es sei rührend anzusehen, wie die Herzen der Bürger in überquellender Dankbarkeit erzitterten und Tränenströme in warmer Anerkennung der Verdienste unseres verehrten Stadtoberhauptes vergössen.“ Der Herr erkundigte sich bei einem Polizisten ausführlich nach dem kürzesten Wege zur Domkirche, zu den Amtsgebäuden, zum Gouverneur und begab sich schließlich zum Fluß hinab, der mitten durch die Stadt floß. — Unterwegs riß er einen Reklamezettel ab, der an einer Plakatsäule klebte, um ihn zu Hause in Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht angenehmem Äußeren, die auf den Holzbrettern des Bürgersteiges an ihm vorüberging, begleitet von einem Knaben in militärischem Aufputz, der ein Bündel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die Örtlichkeit gründlich einzuprägen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht unterstützte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an seinen Tisch, ließ sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig zukniff. Übrigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein Fräulein Sjablowa die Kora spielten. Die übrigen Personen waren noch unbedeutender. Trotzdem las er sämtliche Namen durch, bis auf die Preise der Parterreplätze und erfuhr, daß der Zettel in der städtischen Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu überzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rückseite stehe. Aber da er nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und legte ihn in das Kästchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, ähnlich dem Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres geräumigen russischen Vaterlandes auszudrücken pflegt. —
Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen Achtungsbesuch, der, wie sich’s herausstellte, ebenso wie Tschitschikow weder dick noch dünn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man sich erzählte, selbst Prätendent des Sternes war; im übrigen war er ein gutmütiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tüllstickereien versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt, zum Gerichtspräsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpächter und Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht, all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzählen; genug, unser Reisender entwickelte eine lebhafte Geschäftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar zum Inspektor der Sanitätsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen seine Aufwartung zu machen. Und lange noch saß er in seinem Wagen, bei sich erwägend, wem er wohl noch einen Besuch machen könne, aber leider fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglückt hätte. Im Gespräch mit den Machthabern verstand er es vorzüglich, einem jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie beiläufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als führe man über Samt; und er fügte hinzu, die Regierung, welche es verstände, weise Männer auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das höchste Lob und die größte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas höchst Schmeichelhaftes über die städtischen Polizisten und den Vizegouverneur und den Gerichtspräsidenten, die erst Staatsräte waren, nannte er im Gespräche zweimal wie im Versehen „Exzellenz“, was ihnen sichtlich Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, daß der Gouverneur ihn noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause einlud; auch von den übrigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee.
Über sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn er etwas sagte, so waren es meist Gemeinplätze. Er drückte sich mit einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gespräch bewegte sich in diesen Fällen in Redewendungen aus der Büchersprache, wie etwa folgende: er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, daß man sich viel um ihn kümmere. Er habe in seinem Leben schon viel erfahren und durchgemacht, für die Wahrheit gelitten und sich viele Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Plätzchen, wo er ungestört leben könne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt für seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Repräsentanten des Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen. Das war alles, was man in der Stadt über den Fremden in Erfahrung bringen konnte, der nicht zögerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche peinliche Aufmerksamkeit für seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen ließ er sich ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drückte. Dann nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein rundliches Gesicht überall sorgfältig ab, indem er bei den Ohren anfing und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, riß sich zwei aus der Nase hervorragende Härchen aus und stand gleich darauf in einem preißelbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr durch die ungemein breiten Straßen, welche von dem spärlichen Lichte beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des Gouverneurs war indessen so glänzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herüber; mit einem Wort, es war alles so, wie es sich gehörte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mußte er die Augen für einen Moment schließen, weil der blendende Glanz der Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu überwältigend war. Alles war wie mit Licht übergossen. Schwarze Fräcke schwirrten einzeln und in Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heißen Julitag, während ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen Fenster in weiße leuchtende Stücke zerschlägt: alle Kinder umstehen sie und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hände, welche den Hammer schwingen, während geflügelte Schwadronen von Fliegen von einem leichten Winde emporgetragen, kühn herbeifliegen, als wären sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die süßen Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren. Gesättigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen, sondern bloß um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren, eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfüßchen zu wetzen und sie an den Flügelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpfötchen vorstreckend, sich das Köpfchen zu krauen und mit einer kühnen Wendung davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwärmen wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der Gouverneur ihn schon am Arme faßte und der Gouverneurin vorstellte. Auch bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der Dame ein Kompliment, wie es sich für einen Mann in mittleren Jahren schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind. Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die Wand drückten, stand er, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, da, und betrachtete die Tänzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen läßt. Die Herren zerfielen hier wie überall in zwei Kategorien: die einen waren sehr dünn und hager und drehten sich beständig um die Damen herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger Herren hätte unterscheiden können; sie hatten ebenso sorgfältig gepflegte Backenbärte, und ihre Barttracht war ebenso wohl überlegt und geschmackvoll, oder sie hatten einfach hübsche, glattrasierte Ovale, nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut französisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch wiederum zu dünn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten, sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grünen Tisch für das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und wohlgenährt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Büscheln, noch Locken, noch ‚a la Diable m’emporte‘ (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen. Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekämmt, wie geleckt, und ihre Gesichtszüge waren rund und kräftig. Das waren die geachteten Würdenträger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es besser, auf dieser Welt Geschäfte zu machen als die Dünnen. Die Dünnen sind meist Beamte für besondere Aufträge oder werden bloß in den Listen geführt und treiben sich müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so sitzen sie fest und sicher, sodaß eher der Sitz unter ihnen kracht oder sich biegt, als daß sie herunterfallen. Jeder äußere Glanz ist ihnen verhaßt, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dünnen, dafür sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen. Der Dünne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht verpfändet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da — plötzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner ein kleines Gut in der Nähe des Städtchens und ein Stück Land mit allem Zubehör. Und schließlich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat, seinen Dienst, verläßt die Stadt und wird Landwirt, ein prächtiger russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und herrlich und in Freuden. Seine dünnen Erben aber bringen wiederum nach guter russischer Sitte den ganzen väterlichen Besitz im Eilposttempo durch. Es läßt sich nicht verheimlichen, daß unseren Tschitschikow ähnliche Betrachtungen beschäftigten, während er sich die Gesellschaft näher ansah, und die Folge hiervon war, daß er sich schließlich zu den Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: „kommen Sie doch ins Nebenzimmer, ich möchte Ihnen etwas erzählen“ — übrigens ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines Männchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtspräsident, ein sehr verständiger und liebenswürdiger Herr — sie alle begrüßten ihn wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch, aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die Bekanntschaft eines sehr höflichen und freundlichen Herrn, eines Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fuß trat und „Bitte um Entschuldigung“ dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte, als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen höflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grünen Tisch, und blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung hörte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich an eine ernste Beschäftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr redselig war, so erhielt doch auch sein Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte während des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur ausspielte, dann schlug er mit der Hand kräftig auf den Tisch. War es eine Dame, dann fügte er hinzu: „Raus, alte Popin!“ War es dagegen ein König, so rief er: „Raus mit dem Tambower Bauern!“ Der Präsident aber antwortete: „Dem geb ich’s auf den Schnauzbart! Dem geb ich’s auf den Schnauzbart!“ Zuweilen entschlüpften ihnen Ausdrücke, wie die folgenden, während sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: „Ach was: Was nicht is, is nicht, in solchen Fällen spielt man Schellen!“ oder einfache Ausrufe wie: „Herzen! Herzchen! Pikentia!“ oder „Piekchen, Piekchen, Pickelchen!“ oder einfach „Pikkolo“. Lauter Namen, mit denen sie in ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit, aber er wußte das so geschickt zu machen, daß alle zwar sahen, daß er auch mitstritt, doch aber immer liebenswürdig blieb. Er sagte niemals: „Sie spielten ...“ sondern stets: „Sie hatten die Güte ... zu spielen“ oder: „ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen“ u. s. w. Um seine Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren, die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich sogleich nach ihnen beim Präsidenten und beim Postmeister, die er hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen vorlegte, ließen erkennen, daß der neue Gast nicht nur sehr wißbegierig, sondern auch sehr gründlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen besäße, und in welcher Verfassung sich ihre Güter befänden; erst hierauf fragte er auch nach ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wußte er sie alle zu bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit Augen süß, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz begeistert von ihm. Er drückte ihm lange die Hand und bat ihn inständig, ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er fügte hinzu, sein Gut wäre nur fünfzehn Werst vom Stadttor entfernt, worauf Tschitschikow mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem Händedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht nur mit dem größten Vergnügen nachkommen, sondern halte es sogar für seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: „Ich bitte gleichfalls darum,“ dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den Fuß ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen steckte, daß man wohl vergeblich nach einem zweiten Fuß suchen würde, der zu diesem Stiefel gepaßt hätte, besonders zu unserer Zeit, wo die Recken und Ritter in Rußland im Aussterben begriffen sind.
Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr gewandten Herrn von dreißig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow gleichfalls und behandelte sie höchst familiär; aber als man sich hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die er machte, und ließen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den nächsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtspräsidenten, der seine Gäste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing. Dann besuchte er eine Soirée beim Vizegouverneur, ein großes Diner beim Branntweinpächter und ein kleines Diner beim Staatsanwalt, das sich übrigens neben dem großen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich überall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wußte immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so wußte auch er etwas über die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den Vorzügen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine Bemerkungen; unterhielt man sich über eine Untersuchung, die vom Gerichtshof angestellt wurde, — so ließ er merken, daß ihm auch die gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom Billardspiel — so gab er sich auch beim Billardspiel keine Blöße; kam das Gespräch auf die Tugend — so konnte er auch sehr schön, und sogar mit Tränen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die Branntweindestillation zu sprechen, auch über Branntweindestillation wußte er Bescheid — oder auf die Zollwächter und Zollbeamten — er sprach auch über diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwächter gewesen wäre. Das Merkwürdigste dabei war, daß er bei alledem eine gewisse Würde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise, sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut über die Ankunft dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklärte ihn für einen wohlgesinnten Mann — der Staatsanwalt für einen tüchtigen Mann — der Gendarmerieoberst für einen gelehrten — der Gerichtspräsident für einen hochgebildeten und ehrenwerten — der Polizeimeister für einen ehrenwerten und liebenswürdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters für einen sehr liebenswürdigen und galanten Mann. Ja selbst Sabakewitsch, der selten gut über seine Mitmenschen redete, sprach, als er spät abends aus der Stadt zurückkehrte, während er sich entkleidete und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: „Schatz, ich war heute abend beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht habe: ein äußerst angenehmer Herr!“ Worauf seine Gemahlin „Hm“ machte und ihm einen leichten Fußtritt gab.
Diese für unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentümlichkeit des Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der Provinz auszudrücken pflegt, von der der Leser in Kürze Näheres erfahren soll, nahezu die ganze Stadt aufs höchste in Staunen und Zweifel versetzten.
Zweites Kapitel
Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er beständig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich entschloß er sich, seine Besuche auch über die Stadtgrenze auszudehnen und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem Versprechen gemäß seine Aufwartung zu machen. Mag sein, daß ihn hierzu noch ein anderer triftigerer Grund veranlaßte, eine ernstere Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas erfahren, vorausgesetzt, daß er die Geduld hat, diese lange Erzählung durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nähert, welches unser Werk krönen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde in aller Frühe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem Koffer zu bewachen. Es wird für den Leser nicht überflüssig sein, die Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persönlichkeiten, sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgänge und die Federn dieser Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie höchstens einmal berühren oder leichthin streifen; — der Verfasser liebt es nun einmal so sehr, in allen Dingen möglichst gründlich und ausführlich zu sein, und so möchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem hinzuzufügen bleibt, was der Leser schon weiß, wie z. B. dies, daß Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn gehört hatte, und daß er wie alle Leute seines Schlages eine große Nase und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur Geschwätzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h. zur Lektüre beseelt, worin er sich nicht irre machen ließ, auch wenn er den Inhalt der Bücher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen gleichgültig, was er las, ob es nun „Die Abenteuer eines verliebten Ritters,“ eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, — er las alles mit der gleichen Aufmerksamkeit; hätte man ihm ein chemisches Lehrbuch in die Hand gegeben, — er hätte auch dieses nicht verschmäht. Ihn freute nicht das, was er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger der Prozeß des Lesens, daß sich nämlich aus den Buchstaben stets irgend ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel selbst enträtseln mochte. Diese Lektüre wurde gewöhnlich im Vorzimmer in liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrückt und dünn wie ein Pfannkuchen war. Außer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die zwei weitere Charakterzüge seiner Person bildeten: er liebte es zu schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphäre, jenen ihm eigentümlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft eines Wohnzimmers erinnerte, so daß er nur irgendwo sein Bett aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, daß dieses Zimmer seit zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der leicht Ekel empfand, rümpfte gewöhnlich die Nase, wenn er morgens gleichsam auf nüchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft einzog, schüttelte den Kopf und murmelte: „Hol’ dich der Teufel, Kerl! Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad!“ Worauf Petruschka gar nichts erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die Bürste, um den an der Wand hängenden Frack seines Herrn auszubürsten, oder er begann einfach die Stube aufzuräumen. Woran dachte er wohl, während er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: „Du bist mir auch der Rechte! Bist du’s noch immer nicht satt, vierzigmal ein und dasselbe zu wiederholen ...“ Gott mag es wissen, es ist schwer zu erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunächst über Petruschka sagen läßt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung weiß, wie ungern sie die Bekanntschaft der niederen Stände machen. So ist nun einmal der Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten zu machen, ja mit ihnen familiär zu werden, die auch nur um einen Rang höher stehen als er, und der Gruß eines Grafen oder Fürsten gilt ihm mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche bereits den Rang eines Generals erreicht haben — werden am Ende gar, was Gott verhüte, einen jener verächtlichen Blicke auf ihn werfen, wie sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Füßen einherkreucht, oder werden was noch schlimmer wäre, mit einer Nichtachtung an ihm vorbeigehen, die für den Autor tödlich wäre. Doch so betrübend beides auch sein mag, wir müssen dennoch zu unserem Helden zurückkehren. Nachdem er also noch am Abend sämtliche notwendigen Anordnungen getroffen hatte, erwachte er in aller Frühe, wusch sich, rieb sich vom Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des Sonntags zu tun pflegte — doch traf es sich gerade so, daß der Tag ein Sonntag war —, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und Glätte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten preißelbeerfarbenen Frack und darüber einen mit Bärenfell gefütterten Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter dem Arm faßte und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite unterstützte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des Gasthofes auf die Straße hinaus rollte. Ein vorübergehender Pope lüftete seinen Hut und grüßte; ein paar Straßenjungen in schmutzigen Hemden streckten ihre Hand aus und murmelten: „Lieber Herr, eine Gabe für uns arme Waisen!“ Als der Kutscher bemerkte, daß der eine nicht übel Lust hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der Peitsche und der Wagen polterte weiter über die Steine. Man war nicht wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum erblickte, der anzeigte, daß die Qualen des holperigen Pflasters und noch manche andere bald überstanden seien. Und nachdem Tschitschikow noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen, da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstraße: kleine mit Moos bewachsene Erdhügel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dünne Fichtenstämme, angekohlte Baumstämme, wildes Heidekraut und ähnliches Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Dörfern, deren Häuser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Hütten waren mit grauen Dächern gedeckt und mit hölzernem Schnitzwerk verziert, das die Form eines gestärkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein paar Bauern saßen wie gewöhnlich in Schafpelzen auf den Bänken vor der Tür. Die Bäuerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnürten Brüsten sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fünfzehn Werst zurückgelegt hatten, erinnerte sich Tschitschikow, daß nach Manilows Beschreibung sein Gut nicht mehr fern sein könne; aber auch der sechzehnte Streckenpfosten flog vorüber, ohne daß etwas von dem Gute zu entdecken gewesen wäre. Und wenn sie nicht zufällig zwei Bauern begegnet wären, wäre es ihnen sicher nicht geglückt, das Gut zu erreichen. Auf die Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die Mützen ab, und der eine von ihnen, der etwas klüger zu sein schien und einen Spitzbart trug, antwortete: „Vielleicht meinen Sie Manilowka und nicht Samanilowka?“ —
„Nun ja, Manilowka“ —
„Manilowka! Wenn du noch eine Werst fährst, dann bist du da, d. h. dann liegt es gerade rechts.“ —
„Rechts?“ sagte der Kutscher.
„Rechts,“ sagte der Bauer. „Das ist der Weg nach Manilowka. Ein Samanilowka gibt es überhaupt nicht. Es heißt so, d. h. sein Name ist Manilowka. Ein Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf dem Berge wirst du ein steinernes, zweistöckiges Haus erblicken. Das ist das Herrenhaus. Da wohnt nämlich der Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein Samanilowka gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben.“
Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. Nachdem sie noch zwei Werst gefahren waren, kamen sie an einem Feldweg vorüber. Dann fuhren sie noch zwei, drei oder sogar vier Werst; aber das zweistöckige, steinerne Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte sich Tschitschikow, daß, wenn uns ein Freund auf ein Landgut einlädt, das fünfzehn Werst entfernt ist, die Entfernung dann sicherlich dreißig Werst beträgt. Die Lage des Dorfes Manilowka hatte gewiß wenig Verlockendes. Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhöhe und war jedem Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. Der Abhang des Berges, auf dem es stand, war mit schön geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da standen Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben Akazien. Fünf bis sechs Birken streckten stellenweise in kleinen Gruppen ihre dünnbelaubten, schmächtigen Wipfel empor. Unter zweien von ihnen befand sich eine Laube mit einer flachen grünen Kuppel auf blauen, hölzernen Säulen, welche die Inschrift trug: „Tempel einsamer Betrachtungen“; etwas weiter unten lag ein Teich ganz im Grünen, was übrigens in den englischen Gärten der russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am Fuße dieser Anhöhe und teilweise auch längs des Abhanges schimmerten überall kleine Blockhäuser, welche unser Held aus irgend einem Grunde sofort zu zählen begann und deren er mehr als zweihundert zählte. Sie standen ganz nackt da, nirgends erblickte man ein Bäumchen oder etwas frisches Grün. Nichts wie die kahlen Balken starrten einen an. Die Landschaft wurde durch zwei Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch aufgesteckten und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich wateten und an zwei Stöcken ein zerrissenes Netz hinter sich her schleiften, in dem sich zwei Krebse und eine silbern schimmernde Forelle gefangen hatten. Die Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und traktierten einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der Ferne schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem Blau. Auch das Wetter entsprach ganz der Stimmung, der Tag war weder klar noch trübe, sondern zeigte eine Art hellgraue Färbung, wie man sie nur an den alten Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, dieses zwar recht friedlichen, aber besonders an Sonntagen recht unmäßigen Truppenteils. Zur Vervollständigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die Rolle eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag vorausverkündigte. Und obwohl sein Kopf von den Schnäbeln anderer Hähne wegen gewisser Liebeshändel vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt war, krähte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar noch mit den Flügeln, die zerfetzt und zerzupft waren, wie ein Paar alte zertretene Matten. Als Tschitschikow sich dem Tore näherte, bemerkte er den Hausherrn, der in einem grünen Rock von Wolle auf der Freitreppe stand und die Hände wie einen Schirm über die Augen hielt, um den heranrollenden Wagen besser betrachten zu können. In dem Maße, als der Wagen sich dem Hause näherte, wurden seine Augen munterer und verbreitete sich ein Lächeln über sein Gesicht.
„Pawel Iwanowitsch!“ rief er schließlich aus, während Tschitschikow aus dem Wagen stieg. „Endlich haben Sie sich doch an uns erinnert!“
Die beiden Freunde küßten sich sehr herzlich, und Manilow führte seinen Freund ins Zimmer. Obwohl die Zeit, während der sie den Flur, das Vorzimmer und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, wollen wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie uns zunutze zu machen, um ein paar Worte über den Hausherrn zu sagen. Hier aber muß der Autor leider gestehen, daß ein solches Unternehmen seine großen Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter von einer gewissen Größe zu schildern. Da braucht man die Farben nur so mit der Hand auf die Leinewand zu werfen — schwarze flammende Augen, dicke buschige Augenbrauen, die große Stirnfalte, der schwarze oder feuerrote Mantel kühn über die Schulter geworfen — und das Porträt ist fertig; aber all diese Herrschaften, deren es so viele auf der Welt gibt, die sich äußerlich so sehr ähnlich sehen, und doch bei näherem Studium und Anblick eine ganze Reihe äußerst feiner, kaum faßbarer Eigentümlichkeiten aufweisen — diese Leute sind äußerst schwer zu porträtieren. Da muß man seine Aufmerksamkeit bis aufs Äußerste anspannen, ehe es einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden Züge hervortreten zu lassen, und es wird überhaupt nötig, den durch die Menschenkenntnis geschärften Blick bis tief auf den Grund der Menschenseele hinabzusenken.
Nur Gott allein hätte vielleicht sagen können, was Manilow für einen Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man folgendermaßen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan, wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht könnte man Manilow zu ihnen zählen. Äußerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck; seine Züge waren nicht unliebenswürdig, aber diese Liebenswürdigkeit war zu stark mit einer gewissen Süßigkeit versetzt; in seinem Betragen und Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung zu erwerben. Er lächelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, hätte ein jeder im ersten Augenblick ausgerufen: „Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch!“ Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen Augenblick später denkt man sich: ‚Pfui Teufel!‘ und macht, daß man fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fühlt man eine geradezu tödliche Langeweile. Nie hörte man ein lebhaftes oder anmaßendes Wort von ihm, wie man es von jedem hören kann, wenn man einen Gegenstand berührt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es so vor, als ob er ein großer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales Mittagessen; ein vierter bemüht sich eine Rolle zu spielen, die um wenigstens einen Zoll höher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein fünfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schläft und träumt davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem Flügeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein sechster hat eine so kräftige Hand, daß ihm der unnatürliche Wunsch kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen Hieb zu versetzen, während die Hand des Siebenten sich durchaus nicht enthalten kann, überall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn Stationschefs oder die Postillons heranzumachen — mit einem Wort, ein jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und philosophierte, worüber er aber nachdachte, das weiß wohl auch nur Gott allein. Man konnte auch nicht sagen, daß er sich mit der Landwirtschaft beschäftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: „Gnädiger Herr, es wäre doch gut, wenn wir es so und so machten,“ dann antwortete er gewöhnlich „Ja, ja, gar nicht übel!“ während er ruhig seine Pfeife weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in der Armee angenommen hatte, wo er für einen der bescheidensten und höflichsten Offiziere gehalten wurde. „Ja, ja, durchaus nicht übel!“ wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und sprach: „Gnädiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das Geld für die Steuern zu verdienen,“ dann sagte er: „Geh nur!“ und fuhr fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam, daß der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete er sich wohl darüber, wie schön es doch wäre, wenn man vom Hause aus einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brücke über den Teich bauen könnte, zu dessen beiden Seiten Buden lägen, wo Kaufleute allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilböten. Hierbei hatten seine Augen etwas ungemein Süßes und sein Gesicht nahm einen äußerst zufriedenen Ausdruck an. Übrigens blieb es trotz aller Projekte stets nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er beständig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im Salon standen prachtvolle Möbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte wohl für die letzten zwei Lehnstühle nicht gereicht, denn sie standen noch immer so da, bloß mit Sackleinwand überspannt; übrigens warnte der Hausherr seine Gäste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf einen der Stühle niederzulassen und sagte: „Setzen Sie sich nicht auf diese Stühle, sie sind noch nicht fertig.“ In einzelnen Zimmern standen überhaupt keine Möbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu seiner Frau gesagt hatte: „Herz, wir müssen morgen dafür sorgen, daß wir uns wenigstens für die erste Zeit Möbel kommen lassen.“ Abends wurde ein höchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt, neben ihm aber stand irgend ein gewöhnlicher kupferner, hinkender, verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken. Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden. Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren, schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nüsse und sprachen mit einer rührend zärtlichen Stimme, welche von inniger Liebe zeugte: „Mach doch dein Mündchen auf, Herzchen, ich will dir dies Stückchen hineinstecken.“ Es versteht sich von selbst, daß sich das Mündchen in solchen Fällen äußerst graziös öffnete. Zum Geburtstag bereitete man sich allerhand Überraschungen — man schenkte sich z. B. ein Perlenfutteral für die Zahnbürste usw. Und es geschah gar nicht selten, daß, während sie beide auf dem Sofa saßen, ohne besonderen Grund er seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken ließ, die sie bis dahin in der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Kuß auf die Lippen zu drücken, währenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre hätte ausrauchen können. Mit einem Worte, sie waren das, was man glücklich nennt. Man könnte freilich einwenden, es gäbe im Hause noch manches andre zu tun, als sich lange Küsse zu geben und Überraschungen zu bereiten, man könnte überhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden z. B. die Speisen so schlecht und so töricht zubereitet? Warum waren die Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushälterin? Warum waren die Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte beständig oder lungerten müßig herum? Aber dies alles sind gemeine Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen Pensionaten gibt es, wie jedermann weiß, drei Gegenstände, die die Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die französische Sprache, deren man für das häusliche Glück der Familie bedarf: das Klavierspiel, das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und schließlich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Häkeln von Geldbeuteln und ähnlichen Überraschungen. Übrigens gibt es mancherlei Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in neuerer Zeit: es hängt eben alles von der Verständigkeit und der Fähigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so, daß zuerst das Klavier, dann die französische Sprache und erst zuletzt der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Häkeln von kleinen Geschenken usw., dann erst die französische Sprache und endlich das Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wäre es am Platze, noch die Bemerkung zu machen, daß Frau Manilow .... allein, ich muß gestehen, daß ich mich ein wenig fürchte, über die Damen zu reden, und außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren Helden zurückkehre, die schon seit einigen Minuten vor der Türe des Salons stehen und sich gegenseitig bitten, doch voranzugehen.
„Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstände, bitte nach Ihnen,“ sagte Tschitschikow.
„Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast,“ antwortete Manilow und zeigte mit der Hand auf die Tür.
„Aber ich bitte, bemühen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemühen Sie sich nicht; bitte gehen Sie doch voran,“ sagte Tschitschikow.
„Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, daß mein Gast, ein so liebenswürdiger und feingebildeter Herr, nach mir eintrete.“
„Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!“
„Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.“
„Warum denn nur?“
„Nun, so!“ sagte Manilow mit einem freundlichen Lächeln. Endlich zwängten sich beide Freunde seitwärts durch die Tür, wobei einer den andern leicht zusammendrückte.
„Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle,“ sagte Manilow. „Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch.“
Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte, während er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie war ziemlich hübsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand. Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut saß; die kleine schmale Hand ließ schnell etwas auf den Tisch fallen und preßte ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow küßte ihr nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine große Freude mit seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, daß ihr Mann sich seiner nicht erinnere.
„Ja!“ murmelte Manilow, „meine Frau hat mich oft gefragt: ‚Warum kommt denn dein Freund nicht?‘ Ich aber antwortete: ‚Warte nur, er wird schon kommen!‘ Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche beehrt. Sie haben uns wirklich einen großen Genuß bereitet — es ist wie ein Maitag, wie ein Fest des Herzens.“ ...
Als Tschitschikow vernahm, daß schon von Festen des Herzens die Rede war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann von berühmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel.
„Sie besitzen alles,“ unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden Lächeln, „Sie besitzen alles und sogar noch mehr!“
„Wie haben Sie unsere Stadt gefunden?“ fragte jetzt Frau Manilow. „Haben Sie Ihre Zeit angenehm verbracht?“
„Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt!“ versetzte Tschitschikow, „ich habe dort wunderschöne Stunden verlebt; die Gesellschaft ist äußerst liebenswürdig und zuvorkommend!“
„Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen?“ fragte Frau Manilow weiter.
„Nicht wahr? ein äußerst ehrenwerter und liebenswürdiger Mann?“ fügte Manilow hinzu.
„Sehr richtig,“ sagte Tschitschikow, „ein höchst ehrenwerter Mann! Und wie vortrefflich er seine Stellung ausfüllt, welches Verständnis er für sie hat! Es wäre zu wünschen, wir hätten mehr solche Menschen!“
„Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen Handlungen den richtigen Takt zu wahren,“ fuhr Manilow lächelnd fort, und dabei kniff er vor Vergnügen die Augen zusammen wie ein Kater, den man sanft hinter den Ohren krabbelt.
„Ein ungemein liebenswürdiger und höflicher Mann!“ sagte Tschitschikow, „und welch ein Künstler! Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, daß er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine Börse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen, die so schön sticken.“
„Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr?“ bemerkte Manilow und kniff die Augen wieder zusammen.
„Eine äußerst würdige und hochachtbare Persönlichkeit!“ versetzte Tschitschikow.
„Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister gefallen? Auch ein sehr liebenswürdiger Herr? Nicht wahr?“
„Oh, ein äußerst liebenswürdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist! Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten bis zum frühen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein würdiger Herr!“
„Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters?“ fragte hier Frau Manilow. „Finden Sie nicht auch, daß es eine äußerst liebenswürdige Dame ist?“
„Oh, das ist eine der würdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen gelernt habe!“ erwiderte Tschitschikow.
Auch der Gerichtspräsident und der Postmeister wurden nicht vergessen; so nahm man allmählich wohl sämtliche Beamten der Stadt durch, und es zeigte sich, daß es lauter höchst ehrenwerte Männer waren.
„Leben Sie immer auf dem Lande?“ fragte endlich Tschitschikow.
„Den größten Teil des Jahres!“ antwortete Manilow. „Wir fahren auch wohl hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gänzlich vor der Welt verschließt.“
„Sehr wahr, sehr richtig!“ versetzte Tschitschikow.
„Es wäre ja natürlich etwas andres,“ fuhr Manilow fort, „wenn man angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen hätte, mit dem man sich sozusagen aussprechen, über die guten Manieren und feinen Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben könnte, — wissen Sie, so was fürs Herz, was einen über sich selbst hinaushebt ...“ Er wollte noch etwas hinzufügen, da er aber merkte, daß er sich ein wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und sagte: „Dann hätten natürlich das Land und die Einsamkeit viele Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatsächlich niemanden. Höchstens liest man einmal den „Sohn des Vaterlandes“.
Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fügte hinzu, es könne in der Tat gar nichts Schöneres geben, als ganz für sich allein zu leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genießen und nur hin und wieder ein Buch zu lesen ...
„Aber wissen Sie,“ versetzte Manilow, „wenn man keinen Freund hat, dem man sich mitteilen kann ...“
„Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig!“ unterbrach ihn Tschitschikow, „was könnten uns denn alle Schätze der Welt helfen? ‚Gute Freunde sind besser als alle Reichtümer der Erde‘ hat einmal ein weiser Mann gesagt.“
„Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,“ sagte Manilow und machte dabei ein freundliches oder vielmehr unangenehm süßliches Gesicht, gleich einer Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, „dann spürt man einen ganz besonderen, sozusagen — geistigen Genuß ... Wie zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glück, ich möchte sagen, das seltene, ungetrübte Glück verschaffte, mich mit Ihnen unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genießen zu können ...“
„Nein, ich muß doch bitten, was für eine angenehme Gesellschaft? ... Ich bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts,“ erwiderte Tschitschikow.
„Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich würde mit Freuden die Hälfte meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil Ihrer großen Vorzüge zu besitzen!“
„Im Gegenteil, ich hätte vielmehr allen Anlaß, mich zu freuen ...“
Es läßt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefühlserguß der beiden Freunde geendigt hätte, wenn nicht der Diener eingetreten wäre, um zu melden, das Essen sei aufgetragen.
„Darf ich bitten,“ sagte Manilow.
„Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen aufwarten können, wie Sie es wohl in den Hauptstädten und in vornehmen Häusern gewohnt sind: bei uns ist’s nur einfach, nach russischer Sitte, nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so freundlich.“
Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschloß und sich seitwärts durch die Tür drückte.
Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Söhne; sie befanden sich in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch auf hohen Stühlen sitzen läßt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der sich höflich lächelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die Suppenterrine; der Gast mußte zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor.
„Was für reizende Knaben!“ sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die Kinder. „Wie alt sind sie?“
„Der ältere ist sieben Jahre, der jüngere ist gestern sechs Jahre alt geworden,“ erklärte Frau Manilow.
„Themistokljus!“ sagte Manilow und wandte sich an den älteren, der sein Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Höhe, als er diesen halbgriechischen Namen hörte, dem Manilow aus einem unbekannten Grunde die Endung jus gegeben hatte; aber er beeilte sich, seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen.
„Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schönste Stadt in Frankreich?“
Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus, als wolle er ihm in die Augen springen, aber schließlich beruhigte er sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete: „Paris.“
„Und welches ist bei uns die schönste Stadt?“ fragte Manilow wieder.
Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben.
„Petersburg!“ antwortete Themistokljus.
„Und weiter?“
„Moskau,“ sagte Themistokljus.
„Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge!“ sagte Tschitschikow. „Sagen sie bloß ...,“ fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens an Manilow wandte. „So jung und schon ein solches Wissen. Ich muß Ihnen gestehen, dieses Kind hat außerordentliche Fähigkeiten!“
„Oh, Sie kennen ihn noch nicht!“ erwiderte Manilow, „er ist ungemein scharfsinnig. Bei dem Jüngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Käfer oder ein Würmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich läuft er hin und merkt sich’s. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen. Themistokljus!“ fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte, „willst du Gesandter werden?“
„Ja“ antwortete Themistokljus, während er an seinem Brot kaute und mit dem Kopfe hin und her wackelte.
Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten die Nase ab, und das war nötig, sonst wäre ihm ein großer, recht überflüssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gespräch wandte sich jetzt den Genüssen des stillen und zurückgezogenen Landlebens zu und wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau über das Stadttheater und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, daß sie ihre Gesichter zu einem Lächeln verzogen, machte er seinen Mund weit auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemüt und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm gegenübersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund, denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen zusammenkniff, den Mund weit öffnete und in ein klägliches Geschrei ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, daß er dadurch um die süße Speise kommen würde, brachte er den Mund wieder in seine frühere Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, während ihm die Tränen über die Wangen liefen, die nur so vom Fette glänzten.
Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow: „Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen,“ worauf Tschitschikow regelmäßig versetzte: „Ich danke bestens, ich bin satt. Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schönste Leckerbissen.“ Dann stand man vom Tische auf. Manilow war äußerst zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er ihm die Hand auf den Rücken legte und ihn sanft unterstützte, als Tschitschikow plötzlich mit höchst bedeutungsvoller Miene erklärte, er müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen.
„Dann möchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen,“ versetzte Manilow und führte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf den bläulich schimmernden Wald hinausging. „Dies ist mein kleiner Winkel,“ sagte Manilow.
„Ein freundliches Stübchen,“ sprach Tschitschikow und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei Annehmlichkeiten: die Wände waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Stühlen, einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwähnt haben, ein paar vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte. Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Häufchen auf dem Tische herum. Auf beiden Fensterbänken sah man auch ein paar Häuflein Pfeifenasche, die sorgfältig in hübschen und regelmäßigen Abständen angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, daß diese Beschäftigung dem Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente.
„Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen,“ sagte Manilow. „Hier sitzen Sie bequemer.“
„Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!“
„Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben!“ sagte Manilow lächelnd. „Dieser Lehnstuhl ist nun einmal für den Gast bestimmt. Ob Sie nun wollen oder nicht — Sie müssen drin Platz nehmen!“
Tschitschikow setzte sich.
„Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Pfeife anbiete!“
„Nein danke, ich rauche nicht!“ sagte Tschitschikow freundlich und wie bedauernd.
„Warum nicht?“ fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des Bedauerns.
„Ich bin es nicht gewöhnt und fürchte mich, es mir anzugewöhnen; man sagt, das Rauchen sei schlecht für die Gesundheit!“
„Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß dies ein Vorurteil ist. Ich bin sogar der Ansicht, daß das Pfeifenrauchen weit gesünder ist als das Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen herrlichen, außerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur möglich.“
Tschitschikow wandte ein, daß dies in der Tat vorkomme; überhaupt gäbe es viele Dinge in der Natur, die auch ein großer Geist nicht begreifen könne.
„Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ...“ fuhr er mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch Manilow sah sich um, ohne daß man hätte sagen können weshalb. „Wie lange ist es her, daß Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?“
„Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich erinnere mich nicht mehr.“
„Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?“
„Das weiß ich leider nicht; darnach muß man den Verwalter fragen. Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er muß heute hier sein.“
Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar führte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und wohlgenährt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen Äuglein waren ein Beweis dafür, daß er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste vertraut war. Man sah sofort, daß er seine Laufbahn vollendet hatte, gleich allen Leibeigenen, die die Güter ihrer Herrn verwalten; erst war er ein gewöhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich natürlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den Ärmeren noch neue Lasten auf, stand morgens früh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine Teemaschine und trank Tee.
„Hör mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben?“
„Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben,“ sagte der Verwalter, rülpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund.
„Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht,“ nahm jetzt Manilow das Wort, „es sind sehr viele gestorben!“ Hierbei wandte er sich an Tschitschikow, indem er noch hinzufügte: „Wirklich sehr viele!“
„Und wieviel werden es ungefähr sein?“ fragte Tschitschikow.
„Ja, wie viele ungefähr?“ fiel Manilow ein.
„Ja, wie soll ich sagen — wie viele ungefähr. Das weiß man ja nicht, wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezählt.“
„Natürlich,“ sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, „das dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr groß; wir wissen gar nicht, wie viele gestorben sind.“
„Bitte, zähle sie doch einmal,“ sagte Tschitschikow, „und stelle mir ein ausführliches Verzeichnis aller Namen auf.“
„Jawohl, aller Namen!“ sagte Manilow.
Der Verwalter sagte: „Zu Befehl!“ und entfernte sich.
„Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafür?“ fragte Manilow, nachdem der Verwalter fortgegangen war.
Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung bemerkbar, die ihn sogar ein wenig erröten ließ — die Anstrengung, die man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich nicht fügen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hören bekam, waren so seltsame und unerhörte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr vernommen hat.
„Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich hätte Lust, die Bauern zu kaufen,“ sagte Tschitschikow, fing an zu stottern, und schloß seine Rede.
„Und darf ich mir die Frage erlauben,“ sagte Manilow, „wie wollen Sie die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also ohne Land?“
„Nein, ich will eigentlich keine Bauern,“ sagte Tschitschikow, „ich möchte tote ... haben.“
„Wie? Verzeihen Sie ..., ich höre ein wenig schlecht, mir schien, ich hätte ein ganz seltsames Wort gehört ...“
„Ich möchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision noch als lebendig eingetragen sind,“ erklärte Tschitschikow.
Manilow ließ die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf und saß ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde, die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie zwei Porträts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des Spiegels aufzuhängen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein Lächeln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht bloß einen Spaß erlaubt hätte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, das Gesicht erschien ihm noch ernster und würdevoller als gewöhnlich. Dann überlegte er ein wenig, ob der Gast nicht plötzlich verrückt geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden, unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehört. Und so sehr Manilow auch darüber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in feinen Strahlen auszublasen.
„Ich möchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatsächlich toten, aber vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, überweisen oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.“
Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, daß er ihn nur ansah, ohne ein Wort finden zu können.
„Mir scheint, Sie können sich nicht dazu entschließen?“ bemerkte Tschitschikow.
„Ich ... oh nein, das ist es nicht,“ sagte Manilow, „aber ich kann nicht verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natürlich nicht in der Lage, mir eine so glänzende Bildung anzueignen, von der gewissermaßen jede Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe, mich so kunstvoll auszudrücken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier ... hinter Ihrer Erklärung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ... Vielleicht war es nur eine stilistische Schönheit, um deretwillen Sie sich so auszudrücken beliebten?“
„Oh nein!“ fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, „nein, ich nehme den Gegenstand ganz buchstäblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die Seelen, die tatsächlich schon gestorben sind.“
Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß hier etwas geschehen, daß er ihm irgend eine Frage stellen müsse, und doch konnte nur der Teufel wissen, was das für eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er schließlich fand, bestand wiederum darin, daß er eine Wolke Tabakrauch ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die Nasenlöcher.
„Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so können wir mit Gottes Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen,“ sagte Tschitschikow.
„Wie? Ein Kaufvertrag über tote Seelen?“
„Nein! Das nicht!“ antwortete Tschitschikow. „Wir sagen natürlich, sie seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich pflege nie von den bürgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz muß ich verstummen.“
Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu antworten, nahm er ein paar so heftige Züge aus seiner Pfeife, daß diese zu tönen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der Pfeife eine Ansicht über diesen geradezu unerhörten Fall herausholen wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Töne von sich und sonst nichts.
„Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?“
„Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie dürfen nicht etwa glauben, ich hätte ein ... gewissermaßen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre Persönlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrücken ... dies Geschäft ... wird dieses Geschäft nicht am Ende im Widerspruch mit den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands stehen?“
Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag in all seinen Zügen und besonders in den zusammengepreßten Lippen ein so ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewöhnlich klugen Minister, und auch bei dem nur, während er über ein ganz besonders schwieriges Problem nachsann.
Aber Tschitschikow erklärte einfach, ein solches Unternehmen oder Geschäft könne den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fügte nach einem Augenblick noch hinzu, es würde dabei sogar noch etwas für den Fiskus abfallen, da der Staat ja seine gesetzlichen Gebühren erhalte.
„So meinen Sie also ...?“
„Ich glaube, es geht sehr gut!“
„Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich nichts dagegen,“ sagte Manilow völlig beruhigt.
„Jetzt müssen wir uns noch über den Preis einigen ...“
„Wie? über den Preis?“ sagte Manilow wieder ein wenig verblüfft. „Sie glauben doch nicht, daß ich Geld für Seelen nehmen werde, die doch gewissermaßen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine, ich möchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann würde ich für meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergütung überlassen und auch den Kaufvertrag auf mich nehmen.“
Der Geschichtsschreiber, der über die hier mitgeteilten Begebenheiten berichtet, verdiente sicherlich den schärfsten Tadel, wenn er an dieser Stelle zu erwähnen unterließe, daß unser Gast von einer hohen Freude erfüllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hörte. So gesetzt und besonnen er auch war, er hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht, wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche höchster Freude geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, daß der wollene Stoff, mit dem der Sitz überzogen war, platzte; auch Manilow wurde aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner überquellenden Dankbarkeit überschüttete ihn der Gast förmlich mit Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errötete, eine abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklärte, das sei ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis für seine herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen, und tote Seelen — das sei doch sozusagen eine Bagatelle — die reinste Lumperei.
„Durchaus keine Lumperei,“ sagte Tschitschikow und drückte ihm die Hand.
Hierbei stieß er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er große Lust, sein Herz auszuschütten; und nicht ohne Ausdruck und Gefühl sprach er zuletzt folgende Worte: „Oh! wenn Sie wüßten, was Sie einem Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur eine Kleinigkeit ist, für einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wütender Wogen ... Was für Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen Witwen und armen Waisen entgegenstreckte!“ Und hierbei wischte er sich sogar eine Träne aus dem Auge.
Manilow war ganz gerührt. Beide Freunde drückten sich fortwährend die Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schöne Tränen blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drücken, daß jener kaum noch wußte, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft zurückgezogen hatte, sagte er, es wäre gut, wenn man den Kaufkontrakt gleich aufsetzen könnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die nötigen Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und verabschiedete sich.
„Wie? Sie wollen schon fahren?“ fragte Manilow, der wie aus einem Traum erwachte und beinahe erschrocken war.
In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer.
„Lisanka!“ sagte Manilow mit etwas kläglicher Miene, „Pawel Iwanowitsch will uns verlassen!“
„Pawel Iwanowitsch ist unser wohl überdrüssig,“ versetzte Frau Manilow.
„Gnädige Frau!“ sagte Tschitschikow, „hier, sehen Sie hier“ — und dabei legte er seine Hand aufs Herz — „Ja hier werde ich mir die Erinnerung an die schönen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und glauben Sie mir, ich kann mir keine größere Seligkeit vorstellen, als mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in nächster Nachbarschaft zu leben!“
„Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch!“ sagte Manilow, dem dieser Gedanke offenbar sehr gefiel, „es wäre doch wirklich herrlich, wenn wir so zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen könnten ...“
„Oh, das wäre himmlisch!“ sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. „Leben Sie wohl, gnädige Frau!“ fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand küßte. „Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte nicht!“
„Oh, seien Sie ganz ruhig!“ erwiderte Manilow, „wir trennen uns doch nicht auf länger als zwei Tage!“
Sie betraten das Speisezimmer.
„Adieu, meine lieben Kleinen!“ sagte Tschitschikow, als er Alcid und Themistokljus erblickte, die mit einem hölzernen Husaren spielten, der übrigens weder Hände noch Nase mehr hatte. „Lebt wohl, liebe Kinder. Verzeiht, daß ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich muß gestehen, ich wußte ja gar nicht, daß ihr auf der Welt seid. Aber wenn ich das nächstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir bringe ich einen Säbel. Willst du einen Säbel haben? Wie?“
„Ja!“ antwortete Themistokljus.
„Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du möchtest doch eine Trommel haben?“ fuhr Tschitschikow fort, indem er sich über Alcid beugte.
„Ja, eine Prommel,“ sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte.
„Schön also, ich will dir eine Trommel kaufen. — Weißt du eine feine Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu!“ Er küßte ihn auf den Kopf und wandte sich mit jenem Lächeln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will, wie unschuldig doch die Wünsche ihrer Kinder sind.
„Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch!“ sagte Manilow, als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. „Sehen Sie doch, was dort für Wolken heraufziehen!“
„Das sind nur kleine Wölkchen,“ meinte Tschitschikow.
„Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?“
„Danach wollte ich Sie gerade fragen.“
„Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!“ Und Manilow machte dem Kutscher die Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte sogar einmal Sie zu ihm.
Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: „Wir werden’s schon finden,“ und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen der Gatten, die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre Taschentücher schwenkten.
Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon längst nicht mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da. Endlich ging er wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem Gast eine kleine Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne daß er es merkte, zu anderen Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schön es doch wäre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in Gedanken eine Brücke über den Fluß und darauf ein Haus mit einem gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er stellte sich vor, wie herrlich es sein müßte, dort abends im Freien seinen Tee zu trinken und sich über angenehme Gegenstände zu unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzückung versetzen, und wie dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie zu Generälen ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch alles folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst nicht mehr genau. Aber plötzlich drängte sich Tschitschikows seltsame Bitte jäh in seine Träumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar über ihn werden. So saß er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis das Abendessen auf dem Tische stand.
Drittes Kapitel
Unterdessen saß Tschitschikow vergnügt in seinem Wagen, der schon seit einiger Zeit auf der Landstraße dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder, wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, Überschläge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem Gesichte spiegelten, mußten höchst angenehmer Art sein, denn sie hinterließen in einem fort die Spuren eines vergnügten Lächelns auf seinen Zügen. Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, achtete er gar nicht darauf, was für treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows äußerst befriedigt war, an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr schlau, und tat bloß so, als ob er den Wagen auch vorwärts ziehe, während sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft hatte, aus allen Kräften abquälten, das Gefährt weiter zu bringen, so daß man ihnen das Vergnügen, welches ihnen das bereitete, von den Augen ablesen konnte: „Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch nichts! Ich will dich doch überlisten!“ sagte Seliphan, indem er sich etwas erhob und dem Trägen einen Peitschenhieb versetzte. „Tu deine Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd, der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Maß Hafer mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor — der ist auch ein gutes Pferd ... Nun, was schüttelst du die Ohren? Dummkopf, paß auf, wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren, du Esel! Seh einer, wo der hin will!“ Hierbei gab er ihm wieder eins mit der Peitsche und murmelte: „Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter!“ Dann rief er allen miteinander ein: „He! Ihr Lieben!“ zu, und gab allen dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum Beweise, daß er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: „Du glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen. Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, daß man Achtung vor dir haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren — das sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern, ein guter Mensch — das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel — den achten alle Leute, hörst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient hat und Skollegenrat ist ....“
In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und abstraktesten Materien angelangt war. Hätte Tschitschikow aufmerksam zugehört, er hätte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus seinen Träumen weckte und ihn veranlaßte, sich ein wenig umzusehen; der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und große Regentropfen trafen die staubige Chaussee. Ein zweiter noch stärkerer Donnerschlag folgte dem ersten aus noch größerer Nähe, und plötzlich prasselte der Regen in Strömen wie aus Gießkannen nieder. Zuerst fiel er in schräger Richtung herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des Kutschbocks, dann änderte er seine Angriffsmethode und rieselte senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins Gesicht spritzten. Er ließ also das lederne Wagendeck mit den zwei kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren. Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, daß jetzt nicht Zeit zum Säumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff unter dem Bock hervor, steckte die Hände in die Ärmel, ergriff die Zügel und spornte die drei Gäule durch einen Zuruf an, welche unter dem Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwäche in den Beinen spürten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache überlegt und über den Weg nachgedacht hatte, kam er zur Überzeugung, daß sie schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei dem nächsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden zurief: „Hüh! liebe Freunde!“ und dann jagte er im Galopp dahin, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg führen werde.
Der Regen schien indessen nicht bald aufhören zu wollen. Der Staub, der die Landstraße bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner Berechnung nach hätten sie schon längst da sein müssen. Er blickte nach beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er konnte nichts sehen.
„Seliphan!“ rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte.
„Ja, Gnädiger Herr?“ antwortete Seliphan.
„Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen!“
„Nein, gnädiger Herr, es ist nichts zu sehen!“ und Seliphan schwang seine Peitsche und stimmte etwas wie einen Gesang an. Ein Lied konnte man es nicht nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Länge, daß es gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte alles darin unter, alle aufmunternden und anspornenden Rufe, mit denen man im weiten Rußland, von einem Ende bis zum andern, die Pferde zu beglücken pflegt, und alle nur möglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, wie sie ihm gerade auf die Zunge kamen. Schließlich ging er sogar so weit, daß er seine Pferde Sekretäre nannte.
Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, daß sein Wagen von einer Seite auf die andre schwankte, wobei der Insasse jedesmal einen kräftigen Stoß erhielt; das brachte ihn auf den Gedanken, daß sie von der Straße abgekommen seien und wahrscheinlich über ein gepflügtes Ackerfeld führen. Auch Seliphan mußte es wohl bemerkt haben, aber er sagte kein Wort.
„Auf was für einem Wege fährst du eigentlich? du Spitzbube!“ schrie Tschitschikow.
„Was ist zu machen, gnädiger Herr, es ist halt schon spät am Abend. Ich sehe nicht einmal meine Peitsche, so finster ist es!“ Bei diesen Worten neigte sich der Wagen so sehr auf die Seite, daß Tschitschikow sich mit beiden Händen festhalten mußte. Erst jetzt bemerkte er, daß Seliphan einen tüchtigen Rausch hatte.
„Halt! Halt! Du wirfst mich um!“ rief er ihm zu.
„Nicht doch, gnädiger Herr, wie können Sie denken, daß ich Sie umwerfe,“ sagte Seliphan. „Das wäre schlecht von mir, wenn ich das täte, das weiß ich selbst; o nein, das tue ich nicht, unter keinen Umständen werfe ich Sie um!“ Hierauf versuchte er den Wagen umzuwenden, aber er drehte und wendete ihn so lange, bis er ihn ganz umwarf. Tschitschikow fiel mit Füßen und Händen in den Dreck. Übrigens gelang es Seliphan wenigstens die Pferde zum Stehen zu bringen; wahrscheinlich aber wären sie auch schon von selber stehen geblieben, weil sie sehr müde waren. Dieses unerwartete Ereignis brachte Seliphan ganz aus der Fassung. Er kroch von seinem Bock herunter, stellte sich vor den Wagen hin, stemmte beide Hände in die Seite und sagte, während sein Herr sich im Schmutze herumwälzte und sich vergeblich zu erheben versuchte: „Ist das Ding also doch umgefallen!“
„Du bist betrunken wie ein Schwein!“ sagte Tschitschikow.
„Nicht doch, gnädiger Herr! Wie könnte ich auch betrunken sein! Ich weiß doch, daß es schlecht ist, betrunken zu sein. Ich hab’ nur ein wenig mit einem guten Freunde geplaudert; mit einem guten Menschen darf man doch sprechen — das ist doch nichts Schlimmes — und nachher haben wir zusammen gegessen. Das ist doch auch nichts Unrechtes — ein wenig mit einem guten Menschen zu schmausen.“
„Was habe ich dir gesagt, als du das letztemal betrunken warst, wie? Hast du’s schon wieder vergessen?“ sagte Tschitschikow.
„Gewiß nicht, Euer Gnaden, wie könnte ich so etwas vergessen? Ich kenne doch meine Pflicht! Ich weiß doch, wie unrecht es ist, betrunken zu sein. Ich habe doch nur mit dem braven Menschen da gesprochen, es ist doch nicht ...“
„Ich lasse dir eine Tracht Prügel geben, dann wirst du schon wissen, was es heißt, mit einem braven Menschen zu sprechen ...“
„Wie es Euer Gnaden belieben wird,“ antwortete Seliphan, der mit allem zufrieden war. „Wenn’s denn Prügel geben soll, nun gut, ich widersetze mich nicht. Warum sollte es keine Prügel geben, wenn man’s verdient hat; das steht ganz bei Ihnen, dafür sind Sie der Herr! Der Bauer muß mitunter Prügel haben, sonst sticht ihn der Haber. Ordnung muß sein. Wenn ich’s verdient habe, dann laß mich nur durchprügeln, warum sollte es auch keine Prügel geben?“
Auf eine solche Überlegung fand Tschitschikow keine Antwort. In diesem Augenblick aber schien sich das Schicksal selbst seiner erbarmen zu wollen. Plötzlich erklang Hundegebell aus der Ferne. Hocherfreut gab Tschitschikow Seliphan den Befehl zum Aufbruch und schärfte ihm ein, recht schnell zu fahren. Ein russischer Kutscher hat einen feinen Instinkt, wo ihn seine Augen verlassen; so kann es geschehen, daß er die Augen zumacht, im Galopp dahinjagt und dennoch irgend ein Ziel erreicht. Obgleich Seliphan nichts mehr sah, steuerte er mit seinen Pferden gerade auf das Dorf los und machte erst Halt, als der Wagen mit der Deichsel auf einen Zaun stieß, und durchaus nicht mehr weiter kommen wollte. Tschitschikow konnte durch die dichte Nebelhülle nichts außer einem Fleck entdecken, der wie ein Dach aussah. Er gab Seliphan den Auftrag, nach dem Tor zu suchen, was ohne Zweifel recht lange gedauert hätte, wenn es in Rußland nicht statt des Portiers flinke Hunde gäbe, die in so lauter Weise Meldung von seiner Ankunft erstatteten, daß er sich die Ohren mit den Fingern zustopfte. In einem Fenster leuchtete ein Licht auf, dessen trübe Strahlen auch auf den Zaun fielen, und unseren Reisenden den Weg zum Tore wiesen. Seliphan klopfte an, worauf sich bald eine Pforte auftat und eine in einen Schlafrock gehüllte Gestalt sehen ließ. Herr und Diener hörten eine heitere Frauenstimme, die ihnen zurief: „Wer klopft da? Wer lärmt hier so?“
„Wir sind Reisende, Mütterchen, wir suchen ein Nachtquartier,“ sagte Tschitschikow.
„So? Seh einer den Leichtfuß!“ murmelte die Alte. „Kommt zu so später Abendstunde angefahren. Hier ist keine Herberge. Hier wohnt eine Gutsbesitzerin.“
„Was soll ich machen, Mütterchen? Wir haben uns verirrt. Wir können doch bei dem Wetter nicht im Freien übernachten.“
„Ja das Wetter ist trübe und schlecht,“ bemerkte Seliphan.
„Schweig! Esel,“ sagte Tschitschikow.
„Wer sind Sie?“ fragte die Alte.
„Ein Edelmann, Mütterchen.“
Das Wort Edelmann schien einigen Eindruck auf die Alte gemacht zu haben. „Wart’ ich will’s der gnädigen Frau melden,“ murmelte sie, entfernte sich und kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand wieder zurück. Das Tor öffnete sich. Jetzt wurde auch das andere Fenster hell. Der Wagen fuhr durch das Tor und machte vor einem kleinen Häuschen halt, das in der Dunkelheit nur mit Mühe zu erkennen war. Nur die eine Seite war von dem Lichte erleuchtet, das aus den Fenstern fiel; vor dem Hause sah man noch eine Pfütze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender Bach in eine daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten in allen Tonarten; der eine hatte den Kopf hoch empor geworfen und stieß fortgesetzt lange klägliche Töne hervor; dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als ob er Gott weiß wieviel dafür bezahlt bekäme; ein anderer produzierte sich mit der Fertigkeit eines Küsters; zwischendurch erklang ununterbrochen wie ein Postglöckchen der Diskant eines wahrscheinlich noch jungen Köters, und dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen Baß eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur ausgestattet war, denn er schnarrte wie der Konterbaß eines Gesangchors, wenn das Konzert in vollem Gange ist; die Tenöre stellen sich auf die Fußspitzen, um die hohen Töne besser herauszubringen, alles strebt in die Höhe, und wirft die Köpfe in den Nacken; nur er allein, der Konterbaßspieler, steckt das unrasierte Kinn in den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast am Fußboden, und schmettert nun plötzlich von dort aus seine Note in die Luft, daß alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. Schon allein das Hundegebell, das von diesen Musikanten herrührte, brachte einen auf die Vermutung, daß dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb erfrorener und durchnäßter Held dachte an gar nichts mehr, außer an ein warmes Bett. Noch ehe der Wagen halten konnte, sprang er hinaus, stolperte und wäre beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur trat jetzt eine andere Frau, die etwas jünger war als die erste, aber ihr dennoch recht ähnlich sah. Sie geleitete Tschitschikow ins Zimmer. Hier angelangt, warf er einen flüchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war mit alten gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wänden hingen ein paar Bilder, auf denen allerhand Vögel abgebildet waren, und zwischen den Fenstern waren kleine altertümliche Spiegel mit dunklen Rahmen aufgehängt, die die Form zusammengerollter Blätter hatten. Hinter jedem Spiegel steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf oder dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit einem geblümten Zifferblatt ... Tschitschikow konnte nicht alles übersehen. Er fühlte, daß seine Augen zufielen und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn sie jemand mit Honig bestrichen hätte. Nach ein paar Minuten erschien die Hausfrau, eine ältere Dame mit einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile aufgesetzt hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von jenen Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer über Mißernte und Verluste jammern und den Kopf hängen lassen, während sie ganz im Stillen, wenn auch langsam ein Geldstück nach dem andern in ihren bunten Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode verschließen. In den einen Geldsack legen sie die Rubel, in den nächsten die Fünfzigkopeken-, in den dritten die Fünfundzwanzigkopekenstücke, und doch sieht es so aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wäsche, Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, der sich in ein neues Kleid verwandelt, wenn das alte vor dem Fest beim Backen von Stollen und Pfefferkuchen anbrennt oder von selbst verschleißt. Wenn das Kleid jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhält, dann läßt unsere sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt in der Schublade liegen, um ihn in ihrem Testament, zugleich mit manchem anderen Gerümpel, irgend einer Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen.
Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, die er ihr mit seiner Ankunft verursacht habe. „Macht nichts, macht nichts!“ sagte die Hausfrau, „zu wie später Stunde Sie auch der Herrgott hierher geführt hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen Weg sollte ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, aber es ist schon so spät in der Nacht; ich kann nichts mehr herrichten!“
Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwürdiges Zischen unterbrochen, sodaß Tschitschikow nicht wenig erschrak. Es war ein Geräusch, als wenn sich das Zimmer plötzlich mit Schlangen angefüllt hätte; aber ein Blick nach oben genügte, um ihn völlig zu beruhigen; er überzeugte sich, daß der Ton von der Wanduhr herrührte, die offenbar schlagen wollte. Auf das Zischen folgte denn auch gleich ein Schnarren, und endlich schlug sie, nachdem sie alle Kräfte zusammengenommen hatte, zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit einem Stock auf einen zerbrochenen Topf klopfte, worauf das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im ruhigen Takte hin- und herzubewegen.
Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, er brauche gar nichts, sie möge sich nur nicht beunruhigen, außer dem Verlangen nach einem Bett habe er keine anderen Wünsche. Zugleich erkundigte er sich, wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch weit von hier bis zum Gut des Herrn Sabakewitsch sei, worauf die Alte erklärte, sie hätte diesen Namen noch nie gehört, einen Gutsbesitzer dieses Namens gäbe es überhaupt nicht.
„Kennen sie wenigstens Manilow?“ fragte Tschitschikow.
„Wer ist das, Manilow?“
„Ein Gutsbesitzer, Mütterchen.“
„Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehört, einen solchen Gutsbesitzer gibt es nicht.“
„Was gibt es denn hier für Gutsbesitzer?“
„Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako.“
„Sind es reiche Leute oder nicht?“
„Nein, Väterchen, allzu reiche gibt’s hier nicht. Der eine hat zwanzig, der andere hat dreißig Seelen; solche mit hundert gibt’s hier zu Lande nicht.“
Jetzt erst merkte Tschitschikow in was für eine abgelegene Gegend er sich verirrt hatte.
„Können Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es von hier bis zur Stadt ist?“
„Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen gar nichts vorsetzen kann! Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee, Väterchen?“
„Danke schön, Mütterchen. Ich brauche nichts als ein Bett.“
„Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will man sich ordentlich ausruhen. Sie können sich hier auf diesem Sofa ausstrecken, Väterchen. He! Fetinja, bring doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott, was für ein Wetter! Wie das stürmt! Die ganze Nacht hindurch brennt bei mir die Kerze vor dem Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rücken und die eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. Wo hast du dich denn so schmutzig gemacht?“
„Gott sei dank, daß ich bloß schmutzig bin; ich kann froh sein, daß ich mir nicht das ganze Rückgrat zerbrochen habe!“
„Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht etwas, um dir den Rücken einzureiben?“
„Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich nicht! Bitte sagen Sie nur Ihrem Mädchen, sie möchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und rein machen!“