Nikolaus Gogol
Tote Seelen, II
Novellen

Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden

Herausgegeben
von
Otto Buek

Band 2

München und Leipzig
bei Georg Müller
1909

E. R. W.

Nikolaus Gogol

Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen

Übertragen
von
Otto Buek

Band 2

München und Leipzig
bei Georg Müller
1909

E. R. W.

Inhalt

Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter TeilSeite[1]
Novellen:
Der Mantel[223]
Die Nase[283]
Das Porträt[329]

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
oder
Die Toten Seelen.
Zweiter Teil

Erstes Kapitel.

Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? — Was ist zu machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis!

Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen, zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen, bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung nachzueilen schienen.

An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte Ebereschen kletterten überall, hier einträchtig und sich gegenseitig im Wachstum unterstützend, dort sich hemmend und eng zusammengedrängt, den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster — und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden Bildes versunken schienen.

Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: „Gott wie geräumig und frei ist es hier!“ Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus: Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren, erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen; hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches Auge erkennen konnte — nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte, brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: „Gott, wie geräumig und frei es hier ist.“

Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite heranzukommen suchen — wo weit auseinanderstehende Eichen den herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben, und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte.

Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war.

Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen Charakter? — Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu äußern: „Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!“ Ein General, der etwa zehn Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: „Der junge Mann ist nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und sogar beim ...“ Der General beendigte seinen Satz niemals. Der Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: „Ich will mir mal morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!“ und ein Bauer hätte auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden Naturschönheiten entsprach.

Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch. Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich, zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee, Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte. Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab.

Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden Ausdrücken zu bedenken pflegte: „Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines Geschöpf!“

„Du willst wohl so etwas haben?“ heulte die Jammerseele oder Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.

„Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn, elendiges,“ kreischte Grigorij.

„Der Verwalter ist doch gerad so’n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.“

„Wo ist der Herr?“

„Da sitzt er am Fenster und sieht alles.“

Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles.

Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ sagen, die da unten möchten doch etwas leiser lärmen.

Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite; statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde, ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan wurde — ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt nichts mehr getan.

So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen, Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere geboren werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei Iwanowitschs zu erzählen.

„Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm zu sprechen: „Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.“ Nie hielt der Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte nur zu sagen: „Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von selbst verschwinden.“ Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften ihnen kein Härchen krümmen. „Das geht zu weit!“ sagten viele, „diese Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.“ „Nein, das geht durchaus nicht zu weit,“ antwortete er, „die schwach Begabten behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen zweiten Kursus.“[(1)] Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren, sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, — um mit Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.

Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern verlangen — nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren, niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die Wissenschaft des Lebens!

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen, sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden. Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges „Vorwärts!“ zuzurufen schien — dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt — genug, die jungen Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge[(2)] wie sie waren in die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen Einfluß auszuüben.[(3)]

Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch, daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten versetzt worden war — wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte — der vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte. In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf das gute Betragen.[(4)] Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin.

Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an Feuer und wahrhafter Begeisterung — aber ach bei alledem fehlte es doch ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer, nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die Schule kaum noch wiederzuerkennen.

Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand kein Gefallen an den nächtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen Reden über die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb verstiegen, weil sie zufällig einen recht dummen Popen zum Lehrer hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verführen, aber er ließ sehr bald die Nase hängen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es wäre besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt nicht geweckt worden wäre. Andrei Iwanowitsch hörte wie sich die Professoren auf dem Katheder ereiferten und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, der, auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig blieb. Was hörte er nicht alles für Gegenstände und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen Umfange, daß der Professor in ganzen drei Jahren kaum über die Einleitung und über die Entstehung gewisser deutscher Städte hinauskam — und Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles blieb in seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stücken liegen — dank seinem angeborenen Verstande fühlte er nur, daß dies nicht die richtige Unterrichtsmethode sein könne, worin aber nun die rechte bestand — dies wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an Alexander Petrowitsch denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er sich vor Schmerz lassen sollte.

Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie noch eine Zukunft hat. Je näher die Zeit heranrückte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte, um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich selbst: „Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fängt erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der großen Taten.“ Und ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und Besucher in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe seiner Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus allen Gegenden Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, trügerischen gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; ohne diese jedoch könne er es unmöglich bis zum Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen. Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat, da hatte er den Eindruck, als säßen hier die ersten Würdenträger des Reiches, die über das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten, und als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die den Kopf auf die Schulter gebeugt, dasaßen und laut mit den Federn kritzelten, und wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und ein Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da überlief den unerfahrenen Jüngling ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur Vervollständigung der Ähnlichkeit waren noch einige von ihnen in die Lektüre eines dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden Sprache vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern des Aktenstückes versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der Durchsicht der Akten beschäftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und er konnte das Gefühl nicht los werden, daß seine frühere Tätigkeit unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder in seine Schulzeit zurück. Plötzlich stand Alexander Petrowitsch wie lebendig vor seinem geistigen Blick — und er konnte nur mit Mühe seine Tränen unterdrücken.

Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten wirbelten durcheinander und fast wäre er in dieser plötzlichen Umnachtung zu Boden gesunken. „Nein,“ sagte er, als er wieder zu sich kam, leise zu sich selber, „ich will dennoch ans Werk gehen, so kleinlich es mir auch erscheint.“ Nachdem er sich so selbst ermutigt hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle andern.

Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines rauhen, finstern Äußeren mancherlei Genüsse. Draußen herrscht eine fürchterliche Kälte von dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die Luft, wütend fegt sie den Schnee über das Straßenpflaster, klebt den Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die Schnurrbärte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem Puder; aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine werden hier Herz und Seele erwärmende Gedanken ausgetauscht, erklingt manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes Rußland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden Himmel des Südens.

Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er zuerst geglaubt hatte, sondern sie rückte gewissermaßen an die zweite Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, erst recht schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben, daß aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich einen ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, daß sich unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden, die zur Klasse der sogenannten „verbitterten“ Menschen gehörten. Das waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur keine Ungerechtigkeit geduldig zu ertragen vermögen, sondern nicht einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur gutmütig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, während sie selbst äußerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die äußerlich zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen schärften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene Kleinigkeiten zu bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein Mißfallen. Es schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stück Zucker verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich süßen Lächeln verzog, wenn er mit Leuten sprach, die über ihm standen, dagegen sofort eine essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; daß er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den großen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier ausliegenden Liste fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche, beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er so grob gegen ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet wurde, — er müsse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat, kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: „Um Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine ganze, so glücklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, bloß weil du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch überhaupt keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernünftig ... Überwinde deinen falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit ihm aus!“

„Es handelt sich hier doch gar nicht darum, lieber Onkel,“ sagte der Neffe. „Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für mich gibt es noch einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern, mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel, wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. Bedenken Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man müßig dasitzen könnte. Wenn ich für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tüchtige, nüchterne und fleißige Untertanen auf die Beine stelle, — habe ich damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?“

Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf; einen solchen Redeerguß hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach und begann dann etwa folgendermaßen: „Aber trotzdem ... nein, was denkst du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern sind doch kein Umgang für dich! Hier ist’s doch anders, da begegnet man doch hin und wieder einmal einem General oder einem Fürsten. Und wenn du Lust hast, kannst du auch an irgend einem schönen öffentlichen Gebäude vorübergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen begeben?“

Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen des Onkels machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm als ein Hort der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken, als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. Er hatte sich schon die allerneuesten Werke über Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe jener Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels, der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke erwachten in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen, und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an denen er vorüberkam. Und plötzlich begann sein Herz aus einem unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes führte und er oben und unten, über und unter sich dreihundertjährige Eichenstämme, die drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher waren als die gewöhnlichen Pappeln und als er dann auf die Frage: „Wem gehört dieser Wald?“ die Antwort erhielt: „Tentennikow,“ und wie dann der Weg den Wald verließ, sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbäumen und Sträuchen, und an den fernen Gebirgsketten vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der Reisende auf die Frage: „Wem gehören diese Wiesen und diese überschwemmten Felder?“ wiederum die Antwort erhielt: „Tentennikow,“ und als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch einmal an all den Plätzen entlang zog, an denen man schon einmal vorbeigekommen war und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen, und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grünen Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der steinernen Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, — da machten sich die immer höher schwellenden Gefühle in folgenden lauten Worten Luft: „War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen, und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine sorgfältige Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, mir einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Förderung des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes, zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten eines Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswächter in einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend einem ungebildeten und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich um die Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe und deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem Fuße betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten anrichten kann — der realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?“

Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten von der Ankunft ihres Herrn gehört und sich an der Freitreppe des Herrenhauses versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel und die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen Menschenschlages drängten sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertönte: „Väterchen! Hast du dich endlich unser erinnert!“ und den alten Leuten, die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt hatten unwillkürlich die Tränen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rührung nicht unterdrücken. Und er mußte sich insgeheim fragen: „So viel Liebe! Womit habe ich sie nur verdient?“ — „Wohl damit, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie gekümmert habe!“ Und er schwur sich, von nun an alle Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen.

Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten. Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles. Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.[(5)] Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten, aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es soweit, daß sich Herr und Bauer — es wäre zu viel gesagt — garnicht verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie lernten, den gleichen Ton zu treffen.

Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: „Wie können Sie nur glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns beim Pflügen und Säen gegeben haben! — Sie haben uns doch sogar einen Becher Branntwein geben lassen.“ Was konnte er darauf antworten?

„Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?“ fragte der Herr weiter.

„Gott weiß es! Der Wurm hat’s wohl von unten angenagt! Und dann kommt noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal geregnet.“

Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte, und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das herrschaftliche Kornfeld traf.

Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn gelaufen kamen und ihn baten: „Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der kann kein Mensch auskommen!“

Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß nahmen — das weiß Gott allein!) „Fort, geh mir aus den Augen, daß ich dich nicht zu sehen brauche!“ rief der arme Tentennikow und hatte gleich darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte.

Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben!

Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden. Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war, als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; — er fühlte, daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein. Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet, wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die Erntearbeiten in vollem Gange waren. — Seine Augen blickten in die Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem Schnabel auf und ab spazierte — ich meine natürlich einen Vogel und keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen, richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel, der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche, die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ... O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.

Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich „so ein Schweinehund!“ durch die Zähne, worauf ihm der andere gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.

Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah — hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von selbst eine merkwürdige — liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten ihm aus den Augen .....

Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse; dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu wecken, — der ihn mit lebendigem Worte ermuntert — der Seele ein belebendes „Vorwärts“ zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang, Beruf und Stande so lebhaft dürstet.

Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren Muttersprache dieses allgewaltige Wort „Vorwärts“ zuzurufen vermöchte? Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde, dieses allgewaltige Wort zu sprechen!

Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames, ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben selbst.

Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob das auch vernünftig sei[(6)] oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der Ernst und die Reife des Mannesalters.

Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges Leben.

Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf, eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen. Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte ihn „mein Bester“ oder „Verehrtester“ und sagte einmal sogar „du“ zu ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern, während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte hervortraten: „Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr General. Mit diesem vertraulichen „du“ bieten Sie mir ein enges Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls „du“ zu nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr zwischen uns vollkommen unmöglich!“ Der General wurde verlegen. Er suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden; schließlich erklärte er, das „du“ sei von ihm durchaus nicht in dem Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen jungen Menschen „du“ anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein Wort.

Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten. Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel — und staunend sah der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst eine gewisse Unruhe und Bewegung.

Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf. Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die Treppe hinauf.

Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam, das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich öffnen mußte.

Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine Aufwartung zu machen.

Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen.

Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich’s bei ihm so bequem zu machen, wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel à la Voltaire Platz nehmen, und schickte sich an, seine Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde.

Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei. Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar im Zimmer verbreitete.

Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war, als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack, in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein; auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts, und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe noch mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte.

Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte, die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer, welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, ein Paar neue Beinkleider, ein Paar graue Beinkleider, zwei Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar nicht mehr ganz neue, ein Paar ganz neue, ein Paar Lackschuhe und ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem seidenen Taschentuch zugedeckt — ganz als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht.

In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen, unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre, da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt nicht im mindesten. „Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit dem sich’s leben läßt!“ sagte Tentennikow zu sich selbst, „diese Kunst ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken — solche Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt’s denn bei uns überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.“ So urteilte Tentennikow über seinen Gast.

Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem Nutzen und Vorteil.

Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und sang, wie bei einem Hochzeitsfest!

Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten. Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite zu verschütten.

Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen, wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei Iwanowitsch’ Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden, Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und er dachte sich: „Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!“

Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst einmal — d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde — selbst einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten über die Erde gewandelt wäre — und damit er sich vor dem Vaterlande nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel! Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie eintreffen wird.

Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft. Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft besiegelt, damit wurden sie zu „Stammgästen“ der Kneipe wie man sich im Volke auszudrücken liebt.

Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet, machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut lachend auf sie zukamen und sangen: „Wo ist der Bräutigam, Bojaren?“ und wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in der Dämmerung, ob er schlief oder wachte — immer wieder kam es ihm so vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich langsam mit ihnen im Reigen.

Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war, über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.

Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und Gründe aller Erscheinungen klar zu werden — über ihr Warum und Weshalb .... „Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!“ So dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem seiner Nachbarn — einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein — und auch das Fräulein für den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.

Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse drehte, sagte er zu Tentennikow: „Sie haben alles was das Herz begehrt, Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.“

„Das wäre?“ fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft blies.

„Eine Lebensgefährtin,“ versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende.

Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen andern Zeitpunkt aus — diesmal war es vor dem Abendbrot — und sagte plötzlich mitten in der Unterhaltung: „Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie sollten heiraten!“

Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses Thema unangenehm sei.

Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte er wieder eine andre Zeit und zwar nach dem Abendbrod, und sprach folgendermaßen: „Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung, daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.“

Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren, oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: „Bei allen Dingen muß man Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel Iwanowitsch.“ Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und ihre Entzweiung.

Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens „du“ eine so große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei.

„Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!“ sprach er endlich, indem er jenen bei beiden Händen nahm: „Was ist denn das für eine Beleidigung? Was finden Sie denn in dem Wörtchen „du“ Beleidigendes?“

„Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,“ entgegnete Tentennikow: „die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem dieses Wort gesprochen wurde. ‚Du!‘ — das soll heißen: ‚wisse, daß du ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.‘ Das hat es zu bedeuten!“ Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines aufs tiefste beleidigten Gefühls nach.

„Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? — Was ist denn dabei?“ sagte Tschitschikow.

„Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch weiter besuche?“

„Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal ein Benehmen nennen,“ sagte Tschitschikow kaltblütig.

„Wieso kein ‚Benehmen‘,“ fragte Tentennikow erstaunt.

„Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten Mann nicht einmal gestatten?“

„Das ist ganz was andres,“ versetzte Tentennikow, „wäre er nur ein alter Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich, wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich du zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.“

„Tatsächlich, er ist ein Narr!“ dachte Tschitschikow. „Einem zerlumpten Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!“ Und nach dieser Erwägung fuhr er laut fort: „Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.“

Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz verblüfft da und dachte nur: „Ein zu seltsamer Mensch, dieser Tschitschikow!“

„Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!“ dachte Tschitschikow, und er fuhr laut fort: „Andrei Iwanowitsch, lassen Sie mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.“

„Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!“ sagte Tentennikow gekränkt „und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!“

„Zum Kriechen bin ich nicht fähig,“ versetzte Tschitschikow gleichfalls gekränkt. „Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber kriechen — niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so beleidigenden Sinn unterzulegen.“

„Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!“ sagte Tentennikow gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. „Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir wollen nie wieder über diese Sache reden!“

„Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General“, sprach Tschitschikow.

„Wozu?“ fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah.

„Ich will ihm meine Aufwartung machen!“ versetzte Tschitschikow.

„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!“ dachte Tentennikow.

„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!“ dachte Tschitschikow.

„Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm hinfahren!“

„Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!“

Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits über die Eigenheiten des andern nachzudenken.

Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um dem General seine Aufwartung zu machen: — da geriet Tentennikow in eine solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung. Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers.

Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken. Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. „Ein merkwürdiger Zustand!“ sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.

Zweites Kapitel.

In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg — erst ging es durch den Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte, dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort herrliche Fernblicke auftaten — und endlich durch eine breite Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab, und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder „dreistöckig“, wie man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt: Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die, welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung; auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen. Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte — er blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens Furcht oder Scheu ein.

Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht und Scheu. Er neigte den Kopf ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: „Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich vorzustellen.“

Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: „Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?“

„Das Feld meiner Tätigkeit,“ sprach Tschitschikow, indem er sich im Lehnstuhl niederließ — aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig seitwärts auf der Kante — und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, „das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen, Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld. Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...“

„Bei wem, wenn ich fragen darf?“

„Bei Tentennikow, Exzellenz.“

Der General runzelte die Stirn.

„Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die schuldige Achtung erwiesen hat.“

„Achtung! Wovor?“

„Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,“ sagte Tschitschikow. „Er kann bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: ‚Wenn ich Seiner Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, die das Vaterland gerettet haben,‘ sagt er.“

„Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!“ versetzte der General, der schon weit milder gestimmt war. „Ich habe ihn herzlich lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr nützlicher Mensch werden kann.“

„Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,“ fiel Tschitschikow ein. „Ein sehr nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr schön.“

„Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht Verse oder so etwas.“

„Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte, Exzellenz ....“

„Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?“

„Eine Geschichte“ ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: „eine Geschichte der Generäle, Exzellenz!“

„Wie? der Generäle? Welcher Generäle?“

„Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ... das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der vaterländischen Generäle.“

Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn.

„Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das? Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen haben?“

„Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!“ Und er dachte sich: „Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!“

„Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst interessantes Material geben!“

„Er hat nicht den Mut, Exzellenz!“

„Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.“

„Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,“ sagte Tschitschikow, er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: „Hm! die Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch ganz frech darauflos geschwätzt!“

In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten Menschen im Zimmer sah —. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen. Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen, wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und schmächtig.

„Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!“ sagte der General, indem er sich an Tschitschikow wandte. „Übrigens verzeihen Sie, ich kenne Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...“

„Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,“ entgegnete Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.

„Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!“

„Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!“ sagte Tschitschikow, indem er sich beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der Elastizität eines Gummiballs zurücksprang.

„Ulinka!“ fuhr der General fort. „Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.“

„Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,“ sagte sie schnell. „Das konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.“

„Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!“ sagte der General.

„Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher Mensch.“

„Aber das erzählt man doch bloß von ihm.“

„Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen, Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß er schlecht ist.“

„Sehen Sie,“ sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. „So liegen wir uns stets in den Haaren!“ Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr fort: „Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!“ sagte der General.

„Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!“[(7)]

Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen zu sagen.

„Jedes Wesen verlangt nach Liebe,“ sprach Tschitschikow. „Was soll man machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele mich.“

Der General fing an zu lachen. „Ganz recht: so ist es. Es steckt seine Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!“ Der General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch mit dicken Achselklappen geschmückt wären.

Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he, he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.

„So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!“ sagte er. „Ha, ha, ha, ha!“

Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des Mädchens: „Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke und ....“ Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.

„Bitte, sei uns nur nicht böse,“ sagte der General. „Wir sind doch ganz unschuldig an der Sache. Nicht wahr?“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. „So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum Mittagessen.“

„Du ißt doch bei mir?“ sagte der General und warf Tschitschikow einen Blick zu.

„Wenn Eure Exzellenz bloß ...“

„Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank! Wir haben heute Kohlsuppe.“

Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den Händen hielt.

„Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!“

„Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen beliebt, Exzellenz.“

Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.

„Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,“ sagte er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete ... „Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun einmal nicht auf zu stehlen!“

Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung war plötzlich über ihn gekommen. „Der General ist ein lustiger und gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!“ dachte er und als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war, rief er aus: „Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.“

„Was für eine Bitte?“ — Tschitschikow sah sich vorsichtig um.

„Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe. Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt einen höchst seltsamen Grund dafür an: ‚Ich kenne meinen Neffen nicht,‘ sagt er, ‚vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert dazugeben.‘“

„Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?“ fragte der General.

„Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.“

„Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,“ sagte der General. „Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen könnte!“ fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.

„Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft aushändigen.“

Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam ganz erschrocken herbeigelaufen.

„Papa, was ist geschehen?“ rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an. Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu geben. „Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht. Ha, ha, ha.“

Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus, vom Vorzimmer bis zur letzten Stube.

Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.

„Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha. Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote kriegt. Ha, ha!“

„Es geht schon wieder los!“ dachte Tschitschikow. „Ist der kitzlich! Er wird noch platzen!“

„Ha, ha, ha!“ fuhr der General fort. „So ein Esel! Wie einem nur so etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist wahrhaftig ein Esel!“

„Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!“

„Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?“

„Gegen achtzig Jahre!“

„Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?“

„Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!“

„So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!“

„Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!“

„Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den Beinen?“

„Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.“

„So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch Zähne?“

„Nur noch zwei, Eure Exzellenz!“

„So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. — Er ist zwar dein Onkel, aber ist doch ein Esel.“

„Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was soll ich machen?“

Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer, dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen Onkel besessen hatte.

„Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...“

„Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha. Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.“

Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1]

Drittes Kapitel.

Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei kleine Wolken in der Ferne.

„Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow erkundigt, Seliphan?“

„Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher nach dem Wege gefragt.“

„So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.“

„Das ist doch keine große Weisheit,“ sagte Petruschka, indem er sich ein wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. „Wir müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht’s längs der Wiese weiter, das ist das Ganze!“

„Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.“ Nach diesen Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: „Es ist doch ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.“

Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen.

Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht ein Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste Wonne und keine Equipage.

Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte, dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See — ein mächtiger Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: „Dionys, du Klotz! gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag’s euch, ihr werdet noch das Netz zerreißen.“ Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen.

„Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,“ sagte Seliphan.

„Warum?“

„Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich’s für einen vornehmen Herrn schickt.“

Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow.

„Haben Sie schon zu Mittag gegessen?“ rief der Herr ihm entgegen, indem er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem Bade entsteigt.

„Nein,“ versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte verbindlichst aus der Kutsche.

„Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!“

„Wieso?“ fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe haltend.

„Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!“

Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor — „Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher verirrt!“ rief der kugelrunde Herr. „Fahren Sie nur in den Hof hinein! Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich komme gleich nach ...“

Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der Gutsgebäude.

„Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!“ dachte Tschitschikow.

„So, da bin ich!“ erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden. Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen rufen: ‚Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!‘ Als aber Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war — dies blieb ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages.

„Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,“ sagte Tschitschikow.

„Von welcher Exzellenz?“

„Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.“

„Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?“

„General Betrischtschew,“ versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen.

„Ich kenne ihn nicht,“ entgegnete jener erstaunt.

Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer.

„Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?“

„Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!“ versetzte der Hausherr.

Tschitschikow war starr vor Staunen. „Nicht möglich?“ sagte er, indem er sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem Bock, der andere stand an der Wagentüre. „Was habt ihr bloß gemacht, ihr Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...“

„Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein Glas Schnaps geben ...“ rief Peter Petrowitsch Petuch. „Spannt die Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!“

„Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...“ stammelte Tschitschikow.

„Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte schön,“ sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl eine Arschin[3] länger als ihr Vater.

„Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du, Alexascha, komm mit mir.“ Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.

Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ...

„Ich verstehe schon,“ dachte Tschitschikow, „euch locken die Boulevards und Cafés ...“ Dann aber fragte er ihn laut: „Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?“

„Ich habe Hypotheken darauf!“ fiel hier der Vater selbst ein, der plötzlich wieder im Salon auftauchte: „Mehrere Hypotheken.“

„Schlimm, sehr schlimm!“ dachte Tschitschikow: „Bald wird es kein Gut mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...“ „Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,“ sagte er mit teilnehmender Miene.

„O nein. Das macht nichts!“ versetzte Petuch. „Man sagt, es sei sogar vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische Bildung haben.“

„So ein Narr!“ dachte Tschitschikow: „er wird alles durchbringen und auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der Windbeutel.“

„Ich weiß, was Sie jetzt denken!“ sagte Petuch.

„Wie?“ sagte Tschitschikow etwas verlegen.

„Sie denken: ‚Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht aufgetragen.‘ Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf, ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als das Essen auf dem Tisch stehen wird.“

„Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!“ sagte Alexascha, der am Fenster stand und hinausblickte.

„Er reitet auf seinem Fuchs!“ fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem Fenster beugte.

„Wo? Wo?“ schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster.

„Wer ist das, Platon Michailowitsch?“ fragte Tschitschikow Alexascha.

„Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein vortrefflicher Mensch, ein ganz ausgezeichneter Mensch,“ antwortete der Hausherr selbst.

In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem Fuße.

„Haben Sie schon gegessen?“

„Ja danke!“

„Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?“

Der Gast lächelte und sagte: „Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.“

„Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für Karauschen und Karpfen dazu!“

„Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie immer so guter Laune?“

„Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!“ sagte der Hausherr.

„Wie? Warum? — Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.“

„Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.“

„Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll. Am Morgen — da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht fischen und eh man sich’s versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen. Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen für morgen denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?“

Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen erheiterte.

„Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig sein kann!“ sagte Tschitschikow. „Wenn man natürlich an Geldmangel leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...“

„Glauben Sie mir,“ unterbrach ihn der schöne Gast, „glauben Sie mir, daß ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer kleinen Aufregung sehne? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern wollte, oder etwas derartiges — aber nicht einmal das passiert einem. Das Leben ist bloß langweilig — das ist alles.“

„Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.“

„Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend Acker und über tausend Seelen.“

„Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele Bauern verloren?“

„Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.“

„Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich nicht,“ sprach Tschitschikow achselzuckend.

„Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,“ sagte der Hauswirt, „Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?“

Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag!

Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen. Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: „In der Welt paart sich alles, Mensch, Tier und Vogel!“ Hatte einer zwei Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein drittes auf, indem er bemerkte: „Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind drei.“ Hatte der Gast drei Stücke gegessen, so rief er schon: „Haben Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte gesehen?“ Auch auf die Zahl vier, auf die fünf usw. hatte er ein Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf Stücke verschlungen und dachte: „Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl nichts mehr einfallen!“ Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes!

„Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,“ sagte der Hausherr. „Ich hab’s gepflegt wie mein eigenes Kind.“

„Ich kann nicht mehr!“ stöhnte Tschitschikow.

„Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!“

„Es geht nicht mehr rein! Ich hab’ keinen Platz mehr im Magen.“

„In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses Stückchen — das ist auch ein Polizeimeister.“

Tschitschikow kostete, und in der Tat — das Stück hatte große Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz, und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein.

„So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!“ Er wußte noch nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren — was sage ich in drei Jahren! — in drei Monaten durchbringen.

Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten.

„Hören Sie, wie der pfeift?“ sagte Platonow.

Tschitschikow mußte lachen.

„Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf — nicht wahr? Ja. Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.“

„Und die wären?“

„Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ... irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel nicht heiraten?“

„Wen nur?“

„Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!“

„Es gibt keine!“

„Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise“ ... Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. „Da haben Sie das beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!“ sagte er, indem er Platonow in die Augen blickte.

„Was für eins?“

„Reisen.“

„Wohin soll man denn reisen?“

„Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,“ sagte Tschitschikow und dachte sich, während er Platonow betrachtete: „Das wäre fein. Er könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er eigentlich allein übernehmen.“

„Und wohin fahren Sie?“

„Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen — man mag sagen was man will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art Wissenschaft.“ Und während er dies sagte, dachte er sich: „Wirklich, es wäre fein. Er könnte sogar die ganzen Kosten tragen, am Ende könnten wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.“

„Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?“ dachte unterdessen Platonow. — „Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht mitreisen?“ — „Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?“ sagte er laut. „Sonst läßt mich mein Bruder nicht fort.“