Nikolaus Gogol
Arabesken
Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden
Herausgegeben
von
Otto Buek
Band 6
München und Leipzig
bei Georg Müller
1912
Nikolaus Gogol
Arabesken, Prosaschriften, Rom
Herausgegeben
von
Otto Buek
München und Leipzig
bei Georg Müller
1912
Inhalt des sechsten Bandes
| Arabesken (Erster Teil) | [1] |
| Vorwort | [3] |
| Skulptur, Malerei und Musik | [5] |
| Über das Mittelalter | [15] |
| Ein Kapitel aus einem historischen Roman | [37] |
| Über den Unterricht in der Weltgeschichte | [57] |
| Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands | [83] |
| Einige Worte über Puschkin | [103] |
| Über die Architektur unserer Zeit | [115] |
| Al-Mamun | [151] |
| Arabesken (Zweiter Teil) | [163] |
| Das Leben | [165] |
| Schlözer, Müller und Herder | [173] |
| Der Newsky-Prospekt | [183] |
| Über die kleinrussischen Lieder | [243] |
| Gedanken über Geographie | [259] |
| Der letzte Tag von Pompeji | [275] |
| Der Gefangene | [289] |
| Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts | [301] |
| Memoiren eines Wahnsinnigen | [349] |
| Aufsätze aus Puschkins „Zeitgenossen“ | [387] |
| Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835 | [289] |
| Petersburger Skizzen | [427] |
| Italienische Sommernächte | [453] |
| Rom | [459] |
| Anhang | [533] |
Arabesken
I
1835
Erster Teil
Deutsch von Charlotte Lolly Koenig
Diese Sammlung enthält eine Reihe von Schriften, die zu sehr verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen meines Lebens entstanden sind. Sie sind nicht auf Bestellung geschrieben. Sie waren ein Ausdruck meiner Seelenstimmung, und ich wählte mir nur solche Gegenstände, die einen starken Eindruck auf mich machten. In diesen Stücken werden die Leser sicherlich viel Jugendliches finden. Ich gestehe, daß ich einige von diesen Schriften vielleicht garnicht in diese Sammlung aufgenommen hätte, wenn ich sie ein Jahr früher herausgegeben hätte, als ich mich noch viel strenger gegen meine älteren Arbeiten verhielt. Aber statt gar zu streng mit seiner Vergangenheit ins Gericht zu gehen, ist es weit besser, unerbittlich gegen seine gegenwärtigen Leistungen zu sein. Das, was man früher einmal geschrieben hat, zu vernichten, scheint mir ebenso ungerecht, wie die vergangenen Tage seiner Jugend zu vergessen. Und außerdem: wenn ein Werk zwei oder drei noch nicht ausgesprochene Wahrheiten enthält, so hat der Verfasser schon nicht mehr das Recht, sie dem Leser vorzuenthalten, und um zweier oder dreier richtiger Gedanken willen, kann man wohl schon die Unvollkommenheit des Ganzen verzeihen.
Sodann muß ich noch einiges über diese Ausgabe selbst sagen: als ich die gedruckten Bogen las, erschrak ich selbst an vielen Stellen über die Unkorrektheit des Stils, über vieles Überflüssige und Unzureichende, das eine Folge meiner Unvorsichtigkeit war. Aber der Mangel an Muße und andre nicht immer freundliche Lebensumstände erlaubten es mir nicht, meine Manuskripte ruhig und aufmerksam durchzusehen, und so wage ich denn zu hoffen, daß mich der Leser großmütig entschuldigen wird.
I
Skulptur, Malerei und Musik
Dank sei dem Schöpfer der Welten für seine Güte und sein Mitleid mit den Menschen! Drei hehre Schwestern hat er entsandt, die Welt zu verschönen und zu erquicken; ohne sie wäre die Welt eine Wüste, die klanglos ihre Kreise zöge. Laßt uns unsere Wünsche enger, inniger zusammenschließen und unsern ersten Becher der Skulptur weihn. Sie, die schöne Sinnenkunst war es, die zuerst in diese Welt trat. Sie ist ein völlig ursprüngliches Gebilde, die Spur jenes Volkes, das sich ganz, mit seiner ganzen Seele, seinem ganzen Leben in ihr verkörpert hat. Sie ist das klare Abbild jener leuchtenden, griechischen Welt, die vor uns im tiefen Abgrund der Jahrhunderte entschwunden, schon vom Nebel verhüllt wird und nur noch von dem Gedanken des Dichters erreicht werden kann: jene von Weinranken und Olivenzweigen, harmonischen Träumen und prunkendem Heidentum geschmückte Welt. Jene Welt, die sich beim Klang der Zimbeln im gemessenen Tanz wiegte oder in bacchantischem Wirbel dahinraste, wo das Gefühl des Schönen alles durchdrang: die Hütte des Bettlers, die Zweige der Platane, den Marmor der Säulenhallen, den von lebhaften, eigenwilligen Menschen bevölkerten Platz, das Relief, das den festlichen Becher zierte, und die sich lange schlingende Reihe anmutiger mythologischer Gestalten verbildlichte: wo schamhaft die Göttin der Schönheit dem Schaum der Wellen entsteigt, Tritonen dahinjagen und in die Hände klatschen und Poseidon silberklar aus der Tiefe seines herrlichen Elements emportaucht. Jene Welt, in der die Religion nichts war — als Schönheit, als die menschliche Schönheit und die göttergleiche Schönheit des Weibes — jene ganze Welt ward festgehalten von der holden Skulptur; nichts außer ihr konnte das leuchtende Dasein dieser Welt so lebendig zum Ausdruck bringen. Weiß wie Milch, Schönheit, Zartheit und Wollust atmend, bannte die Skulptur eine Idee und einen Gedanken — die Schönheit, die stolze Schönheit des Menschen in den durchsichtigen Marmor. Selbst in der Glut der Leidenschaft und im stärksten Affekt — stets bleibt bei ihr der Mensch stolz und schön und fordert unsere Bewunderung heraus durch seine freie athletische Pose. Hier fließt alles in sinnlicher Schönheit zusammen; nie lassen wir beim Anblick einer schmerzerfüllten Gruppe die bittere Klage unseres Herzens mit ihrer Klage zusammenklingen; ja, man könnte fast sagen, wir genießen den Anblick ihrer Qualen, so sehr wird der Drang unserer Seele durch die plastische, ruhige Schönheit überwältigt. Die Skulptur drückt nie ein anhaltendes, tiefes Gefühl aus, sie gibt nur schnelle spontane Empfindungen wieder: den wilden Zorn, einen rasenden Schmerzensschrei, das furchtbare Grauen, einen plötzlichen Schreck, Tränen, Stolz, Verachtung und endlich die in sich selbst versunkene Schönheit. Sie wandelt alle Gefühle des Beschauers in Genuß, den ruhigen Genuß, der stets mit der Wonne und der Selbstzufriedenheit der heidnischen Welt verbunden ist. Ihr fehlen jene geheimen, schrankenlosen Gefühle, die endlose Träume mit sich führen. In ihr suchen wir umsonst nach dem langen, von Umwälzungen und Erschütterungen erfüllten Leben. Ihre Schönheit hat etwas Momentanes, wie die einer schönen Frau, die einen Blick in den Spiegel wirft, ihrem Bilde freundlich zulächelt und frohlockend weiter eilt, triumphierend eine Schar stolzer Jünglinge nach sich ziehend. Sie ist bezaubernd wie das Leben, wie die Welt, wie die Sinnenschönheit, der sie als Altar dient. Sie wurde zugleich mit der scharf umrissenen und klar gestalteten heidnischen Welt geboren, sie stellte sie dar und ist mit ihr gestorben. Vergeblich versuchte man es, mit ihrer Hilfe die hohen Gestalten des Christentums zu verkörpern, sie stand ihnen so fern, wie der heidnische Glaube.
Nie konnten die erhabenen stürmenden Gedanken des Christentums auf der wollüstigen Außenseite des Marmors Platz finden. Sie wurden ganz von seiner Sinnlichkeit aufgesogen.
Nicht so ihre beiden andern Schwestern, die Malerei und die Musik, die das Christentum aus ihrer Niedrigkeit erhob und ins Gigantische steigerte. Durch seine mächtige Triebkraft blühten sie erst recht empor und sprengten die Fesseln der sinnlichen Welt. Wehmütig gedenke ich meiner herrlichen, wolkenhaften, marmornen Skulptur! Doch ... erklinge heller, mein Becher, kling’ heller in meiner bescheidenen Zelle — und es lebe die Malerei. Erhaben und herrlich wie der Herbst, der reich geschmückt durch das weinlaubumrankte Fenster blickt, fromm und gewaltig wie das Weltall — ja du bist schön, du herrliche Musik der Augen. Nie hat die Skulptur es gewagt, deine himmlischen Offenbarungen darzustellen. Nie hat sie uns jene feinen geheimnisvollen irdischen Züge sehen lassen, bei deren Anblick wir das Gefühl haben, als erfülle der Himmel unsere Seele, und bei denen wir das Unaussprechliche zu empfinden meinen. Wie aus wolkigem Nebel treten die langen Reihen der Bilder hervor, und aus altertümlichen, vergoldeten Rahmen blickst du lebendig, wenngleich die unbarmherzige Zeit deine Leuchtkraft verdunkelte, und wortlos und stumm steht mit gefalteten Händen vor dir der Beschauer. Doch es ist nicht Sinnenglück, was aus seinen Augen strahlt, nein, sein Antlitz ist von einer überirdischen Lust verklärt. Du warst nie der Ausdruck einer bestimmten Nation und ihres Lebens, nein, dazu standest du zu hoch, du warst der Ausdruck alles dessen, was die christliche Welt an erhabenen Geheimnissen in sich birgt. Blickt hin auf das nachdenklich auf die Hand gestützte Haupt; wie begeistert und tief bohrend ist ihr Blick! Sie ergreift nicht nur einen kurzen Augenblick wie der Marmor, sie zieht diesen Augenblick in die Länge, sie setzt das Leben fort bis über die Grenzen des Sinnlichen, sie entreißt einer andern unendlichen Welt Erscheinungen, für die es uns an Worten und Namen fehlt. All jenes Unbestimmbare, was kein vom wuchtigen Meißel des Bildhauers durchfurchter Marmorblock auszudrücken vermag, gewinnt Gestalt unter dem begeisterten Pinsel des Malers. Gewiß weiß auch sie die allen verständlichen Leidenschaften auszudrücken, allein die Sinnlichkeit pulsiert nicht mehr so gewaltig in ihnen, und ein geistiges Element scheint alles zu durchdringen. Das Leiden findet in ihr einen unmittelbareren lebendigeren Ausdruck und ruft nur Mitleid hervor — sie appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genußfähigkeit. Sie nimmt sich auch nicht den Menschen allein zum Vorwurf — ihre Grenzen sind weiter: sie umfaßt das ganze Weltall, alles Herrliche, was den Menschen umgibt, ist ihrer Macht erreichbar. Die geheimnisvolle Harmonie, das wunderbare Band zwischen Mensch und Natur — in ihr allein ist sie zu finden. Sie bindet das Sinnliche an das Geistige.
Aber schäume noch feuriger, mein dritter Pokal! Noch heller funkle und perle über den goldenen Rand, du schäumendes Blut! — Du funkelst zum Preis der Musik! Denn sie ist noch weit feueriger und stürmischer als ihre beiden Schwestern. Sie ist ganz Leidenschaft! sie entreißt den Menschen plötzlich und wie mit einem Schlage der Erde, betäubt ihn durch den Donner ihrer gewaltigen Töne und versenkt ihn ganz in ihre Welt. Wie in die Saiten des Instrumentes, so greift sie herrisch an seine Nerven, an sein gesamtes Sein und läßt sein ganzes Wesen erbeben. Er genießt schon nicht mehr, er fühlt keine Teilnahme, nein, er selbst wird ganz Leiden; seine Seele betrachtet keine unfaßbare Erscheinung, sie lebt, lebt ihr eigenes Leben, gewaltsam, leidenschaftlich zerstörend. Unsichtbar hat sie auf ihren süßen Klängen die ganze Welt durchdrungen, strömt sie breit dahin und atmet und lebt in tausend verschiedenen Gestalten. Qualvoll und rebellisch ist sie — am mächtigsten und herrlichsten wirkt sie jedoch in den unendlichen Kuppelgewölben eines dunklen Domes, wo sie tausend kniende Gläubige zu einer harmonischen Empfindung verschmilzt und mit sich fortreißt, ihre tiefsten Herzensregungen bloßlegt, ihre Sinne betört und sich mit ihnen in unabsehbare Höhen emporschwingt — ein langes Schweigen und einen lang nachzitternden Ton hinter sich lassend, der in den Tiefen des hohen, spitzen Turmes verklingt. Wie könnte man euch miteinander vergleichen, ihr herrlichen Königinnen der Welt! Der sinnliche Zauber der Skulptur erfüllt uns mit hohem Genuß, die Malerei — mit stiller Begeisterung und Träumereien — die Musik mit Leidenschaft und innerer Unruhe. Wenn wir ein plastisches Kunstwerk aus Marmor betrachten, gerät unser Geist unwillkürlich in Entzücken, vor einem Gebilde der Malerei versinkt er in Betrachtung — beim Klange der Musik — macht er sich Luft in einem Schmerzenslaut — als sei die Seele von einem einzigen Wunsch ergriffen — sich vom Körper loszureißen. Sie — ist unser! Sie ist das Eigentum der neuen Welt! Sie blieb uns, als die Skulptur, die Malerei und die Baukunst uns verlassen hatten. Nie dürsteten wir so nach Begeisterung, die die Seele erhebt, wie in der heutigen Zeit, wo alle die zahllosen kleinen Launen und Genüsse, an deren Erfindung unser XIX. Jahrhundert sich den Kopf zerbricht, uns überwältigen und erdrücken. Alles verschwört sich gegen uns; diese ganze verführerische Kette raffinierter Erfindungen des Luxus sucht unsere Sinne immer mehr und mehr zu betäuben und einzuschläfern. Wir lechzen darnach, unsere arme Seele zu retten, diesen furchtbaren Versuchern zu entfliehen und — so stürzen wir uns in die Musik. O sei unser Schutzengel, unser Heiland, Musik, verlaß uns nicht! rüttle unsere kleinliche habgierige Seele immer häufiger auf! greife mit deinen Tönen kräftiger in unsere schlummernden Gefühle! Rege, wühle sie auf und verscheuche, wenn auch nur für Augenblicke, diesen fürchterlichen kalten Egoismus, der mit aller Gewalt unsere Welt erobern will. O laß bei dem machtvollen Strich deines Bogens die verwirrte Seele des Räubers, wenn auch nur für kurze Momente, von Gewissensbissen gemartert werden, laß den Spekulanten seine Rechnungen vergessen und die Frechheit und Schamlosigkeit vor den Schöpfungen des Genies eine ungewollte Träne vergießen. O verlasse uns nicht, du, die du unsere Gottheit bist. Der große Baumeister der Welt hat uns in seiner unergründlichen Weisheit in stummes Schweigen gebannt, aber dem wilden unentwickelten Menschen pflanzte er den Gedanken der Baukunst ein. Mit einfachen Mitteln, ohne Hilfe des Mechanismus richtet er Berge von Granit auf, türmt sie steil zum Himmel empor und sinkt vor ihrer formlosen Größe in die Knie. Der alten heiteren Sinnenwelt sandte er die herrliche Skulptur, die uns die reine keusche Schönheit brachte, und die ganze antike Welt ward zu einem Loblied auf die Schönheit. Das ästhetische Schönheitsgefühl einte sie zu einem harmonischen Ganzen und hielt sie fern von rohen Gelüsten! Den finsteren, unruhigen Jahrhunderten, wo oft nur die Lüge und die rohe Kraft triumphierten, und wo der Dämon des Aberglaubens und der Unduldsamkeit alle Lebensfreude verscheuchte, schenkte er die begeisternde Malerei, die die Welt die überirdischen Erscheinungen und die himmlischen Genüsse der Heiligen sehen ließ. Aber unserem jungen und zugleich altersschwachen Jahrhundert sandte er die gewaltige Musik — um uns im Sturme zu ihm zu führen. Doch wenn uns auch die Musik noch verläßt, was soll dann aus unsrer Welt werden!?
1831.
II
Über das Mittelalter
Niemals haben die Ereignisse der Weltgeschichte eine solche Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit angenommen, nie hat sie eine so große Zahl von individuellen Erscheinungen gezeitigt, wie im Mittelalter. Alle Weltbegebenheiten strömen, je näher sie diesen Jahrhunderten liegen, nach langer Unbeweglichkeit mit gesteigerter Geschwindigkeit wie in einen Strudel, in einen wildbrodelnden Wirbel zusammen, um, nachdem sie von diesem in Umschwung gebracht, sich untereinander vermischt haben, neugeboren in frischen Wellen wieder emporzutauchen. In diesen Jahrhunderten fand eine große Umwandlung der ganzen Welt statt. Sie sind der Knoten, in dem die alte und die neue Welt zusammentreffen. Man kann dem Mittelalter in der Geschichte der Menschheit dieselbe Bedeutung anweisen, wie sie das Herz im menschlichen Körperbau einnimmt, in das alle Adern einmünden und von dem sie alle ausgehen. Wie ging diese vollständige Umwandlung vor sich? Welches sind die ursprünglichen Elemente, die sich in ihr erhielten? Was kam Neues hinzu? In welcher Weise vermengte sich Altes und Neues? Was entstand aus dieser Vermengung? Wie bildete sich das majestätische, stolze Gebäude der Neuzeit? Dies sind so schwerwiegende Fragen, wie es wohl in der ganzen Geschichte kaum wichtigere gibt. Alles, was wir besitzen, dessen wir uns bedienen, was wir vor den früheren Jahrhunderten voraushaben, der ganze Bau und die kunstvolle Zusammensetzung unserer Administration, die Beziehungen der verschiedenen Stände untereinander, ja diese Stände selbst, unsere Religion, unsere Rechte und Privilegien, unsere Sitten und Gebräuche, selbst unser ganzes Wissen, das sich in so schnellem Fortschritt vorwärts bewegt — dies alles hat entweder seinen Keim und Ursprung in dem dunklen geheimnisvollen Mittelalter oder hat sich doch aus ihm entwickelt und herausdifferenziert. In ihm ruhen die ursprünglichen Elemente und das Fundament alles Neuen; ohne ein eingehendes, aufmerksames Studium dieser Epoche bleibt die neue Geschichte unzulänglich und unklar, der Forscher, der von ihr ausgeht, gleicht dem Besucher einer Fabrik, der sich über die schnelle Herstellung der Produkte wundert, da sie beinahe vor seinen Augen entstehen, und dabei vergißt, in das finstre Erdgeschoß hinabzusehen, wo die großen mächtigen Schwungräder verborgen sind, die den Anstoß zum Ganzen geben; solch eine Geschichte gleicht der Statue eines Künstlers, der keine Anatomie studiert hat.
Warum aber hat man sich trotz der großen Bedeutung dieser merkwürdigen Epoche immer so ungern mit ihrer Erforschung beschäftigt? Warum beeilt man sich, wenn man zum Mittelalter kommt, stets, es so schnell wie möglich durchzunehmen und abzutun? Und warum haben sich nur wenige, sehr wenige Menschen, ergriffen von der Größe des Gegenstandes, die Mühe genommen, einige von den angeführten Fragen zu beantworten? Mir scheint, es liegt daran, weil man dem Mittelalter stets den letzten Platz angewiesen hat. Man hielt diese Epoche eben für gar zu barbarisch und unkultiviert, und infolgedessen blieb sie in der Tat immer dunkel und unerforscht und wurde nie richtig in ihrem Werte erkannt und in ihrer genialen Größe dargestellt. Barbarisch kann man nur ihren Anfang nennen, aber selbst diese finstre Zeit birgt schon mancherlei, was unsere Neugierde zu reizen geeignet wäre. Schon der Prozeß der Vereinigung zweier Welten, der antiken und der neuen, der grelle Widerspruch in ihren Formen und ihren Eigentümlichkeiten, diese altersschwachen, absterbenden Elemente der Antike, die sich durch die neue Umgebung hindurchziehen, wie Flüsse, die ins Meer strömen, aber noch lange ihr süßes Wasser nicht mit den salzigen Wellen vermengen, sind interessanter — diese rohen, mächtigen Kräfte der neuen Zeit, die hartnäckig allen fremden Einflüssen widerstehen, um sie endlich doch unfreiwillig in sich aufzunehmen, die mühevolle Anstrengung, mit der diese europäischen Wilden die römische Kultur für sich zurechtschneiden, diese Bruchstücke, oder besser gesagt Fetzen römischer Formen und Gesetze inmitten der neuen noch unbestimmten, denen es noch an Gestalt, Grenze und Ordnung fehlt, dieses ganze Chaos, in denen die Elemente der furchtbaren Majestät des heutigen Europas und seiner tausendfältigen Kraft ungegliedert durcheinanderbrodeln: dies alles ist fesselnder für uns und regt unsere Neugierde mehr an, als die starre Zeit des römischen Weltreiches unter der Herrschaft kraftloser Imperatoren.
Ein zweiter Grund, warum man sich so ungern mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt, ist — die angebliche Trockenheit, die man mit ihr zu verbinden geneigt ist. Man betrachtet sie wie eine Menge verschiedener ungeordneter Ereignisse, wie einen Haufen unzusammenhängender und sinnloser Begebenheiten, die kein gemeinsames Band umschließt, das sie alle zu einem Ganzen vereinigt. In der Tat, ihre schreckliche und ungewöhnliche Kompliziertheit muß im ersten Augenblick chaotisch erscheinen; aber wenn man nur aufmerksamer und tiefer hineinblickt, so findet man bald Zusammenhang, Zweck und Richtung darin. Übrigens leugne ich nicht, daß man den Instinkt und das Verständnis haben muß, das nur wenigen Historikern verliehen ist, um dies alles zu entdecken. Einigen freilich ward die beneidenswerte Gabe zuteil, alles in bewunderungswürdiger Klarheit und Folgerichtigkeit zu sehen und darzustellen. Von ihrem Zauberstab berührt, beleben sich die Ereignisse und bekommen ihr eigenes Gepräge und Interesse; ohne sie dagegen erscheinen sie einem jeden noch lange trocken und sinnlos. Abgesehen etwa von einem stumpfsinnigen Dahinvegetieren der Völker ist alles, was immer geschehen mag, interessant, sofern es nur in wahrheitsgemäßen Chroniken aufgezeichnet ist. Überall gibt es einen durchgehenden Faden, wie jedes Gewebe seine Struktur hat, obwohl diese häufig vollständig in dem Einschlag verschwindet; und wie ein jeder Edelstein eine unsichtbare Lichtquelle enthält, die erstrahlt, wenn er der Sonne zugewendet wird so verliert sich dieser Faden nur da, wo die Überlieferung aufhört. So zieht sich auch in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters durch die Masse der Ereignisse das unaufhörliche Erstarken der päpstlichen Macht und die Entwicklung des Feudalismus wie ein unsichtbarer Faden hindurch. Fast könnte es scheinen, als kämen die Tatsachen ganz unabhängig voneinander zustande und drängten mit ihrem Glanz den einsamen, noch unbedeutenden römischen Erzbischof in den Schatten; ein mächtiger Herrscher oder sein Vasall tut sich hervor, scheint nur in eigenem Interesse zu handeln, und doch strömten alle wesentlichen Vorteile daraus unbemerkt nach Rom. Alles, was geschah, schien absichtlich und zum Vorteil des Papstes zu geschehen. Hildebrandt hat den Vorhang ein wenig gelüftet und uns die Macht gezeigt, die die Päpste schon frühzeitig errungen hatten. Die Geschichte des Mittelalters verdient am wenigsten den Vorwurf der Langenweile. Nirgends finden wir so viel Buntheit, so viel Handlung und Leben, solch krasse Gegensätze, so viel grelles Licht, wie in diesen Jahrhunderten: man könnte es mit einem gewaltigen Gebäude vergleichen, dessen Fundament aus festem, für die Ewigkeit gefügtem jungem Granit, und dessen dicke Mauern aus allerhand neuem und altem Material zusammengesetzt sind, so daß der eine Ziegelstein gotische Runen, der andere eine römische Vergoldung trägt; arabisches Schnitzwerk, griechische Karniese, gotische Fenster — alles ist hier vereinigt zu einem Turm von außergewöhnlicher Buntheit und Mannigfaltigkeit. Aber man kann wohl sagen, diese Grellheit sei nur ein äußeres Kennzeichen der mittelalterlichen Vorgänge; ihre innere Bedeutung besteht in ihren ungeheuren, gigantischen Dimensionen, in ihrer geradezu unerhörten Kühnheit, wie sie wohl nur der Jugend eigen ist, und ihrer Originalität, die sie zu einer einzigartigen Erscheinung macht; in der Tat treffen wir weder in der alten noch in der neuen Geschichte etwas an, was ihnen gleich oder auch nur ähnlich wäre.
Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse, die einen so mächtigen Einfluß ausübten. Das wichtigste Thema der mittelalterlichen Geschichte ist der Papst. Er ist der mächtige Beherrscher dieser frühen Jahrhunderte, er bewegt alle ihre Kräfte und lenkt, wie der Donnergott, mit einem Wink seiner Hand ihre Schicksale. Mit einem Wort, die ganze Geschichte des Mittelalters ist die Geschichte der Päpste. Ihre unüberwindliche Herrschsucht, ihre nie versagenden Mittel voller Scharfsinn und Weisheit — Folgen ihres hohen Alters — ihr Despotismus und der Despotismus der zahllosen Legionen einer mächtigen Geistlichkeit — dieser eifrigen Untertanen des geistlichen Oberhaupts, die alle Enden der Welt, wo das Zeichen des Kreuzes eingedrungen war, mit stählernen Fesseln an sich banden — das ist eine so ungeheure Erscheinung, die einzig in ihrer Art ist und die sich niemals wiederholt hat. Ich will nicht von den Mißbräuchen und der unerträglichen Schwere dieser Fesseln des geistlichen Despoten sprechen. Wenn wir tiefer in diese großartige Erscheinung eindringen, werden wir in ihr die wunderbare Weisheit der Vorsehung erkennen, hätte diese allbezwingende Macht nicht alles in ihre Hände gebracht, hätte sie die Völker nicht nach ihrem Willen gelenkt und angetrieben, so wäre Europa zerbröckelt, und das gemeinsame Band hätte gefehlt; wahrscheinlich wären einzelne Staaten zu Macht und Ansehen gelangt und dann plötzlich wieder in Verfall geraten und zugrunde gegangen, andere hätten ihre Unkultur zum Schaden ihrer Nachbarn nicht aufgegeben, die Bildung und die Entwickelung der Volksseele hätte sich ungleichmäßig vollzogen; an einem Ende hätten Kultur und Sitte Fuß gefaßt, während am anderen barbarische Finsternis ihr Wesen getrieben hätte. Europa hätte sich nicht in sich festigen, und nie in ein Gleichgewicht kommen können, durch das es sich heute so wunderbar erhält. Es wäre weit länger in einem chaotischen Zustande verblieben und hätte sich nie durch die stählerne Macht des Enthusiasmus zu einem gewaltigen Bollwerk erhoben, das den Eroberern aus dem Osten durch seine Festigkeit standzuhalten vermochte; ohne diese großartige Erscheinung hätte Europa vielleicht ihrem Ansturm nachgegeben, und statt des Kreuzes wäre der mohammedanische Halbmond auf seinen Zinnen aufgepflanzt worden. Wenn wir die wunderbaren Wege der Vorsehung betrachten, so beugen wir unwillkürlich unsere Knie. Es ist, als sei den Päpsten die Macht eigens dazu gegeben worden, damit sich die jungen Staaten während dieser Zeit kräftigen und befestigen könnten; damit sie erst lernen sollten, sich selbst unterzuordnen, um dann später, als sie das notwendige Alter erreicht hatten, auch andere zu beherrschen, und damit sie ihre Energie entwickeln konnten, ohne die das Leben der Völker farblos und kraftlos ist. Kaum waren die Völker imstande, sich selbst zu regieren, da begann auch die Macht des Papstes plötzlich zu schwanken und zu zerfallen, als hätte sie ihre Mission erfüllt und wäre überflüssig geworden, ungeachtet aller Anstrengung und des heißen Wunsches, die sinkende Macht festzuhalten. In dieser Beziehung war die päpstliche Macht dem Gerüst, den Tragbalken eines Gebäudes vergleichbar; anfänglich sind sie höher und erscheinen wichtiger als der Bau selbst, aber sobald dieser eine gewisse Höhe erreicht hat, werden sie als überflüssig abgetragen.
Der Gedanke an das Mittelalter verbindet sich unwillkürlich mit dem an die Kreuzzüge — diese außerordentliche Erscheinung, die sich wie etwas Gigantisches von den anderen wunderbaren und ungewöhnlichen Begebenheiten abhebt. Wo und in welcher Zeit finden wir etwas, was ihnen an Originalität und Größe gleichkäme? Das ist kein Krieg um ein geraubtes Weib, kein Erzeugnis des Hasses zweier unversöhnlicher Nationen, nicht der blutige Kampf zwischen zwei habsüchtigen Herrschern, zwei unersättlichen Eroberern um eine Krone oder einen Fetzen Landes, ja nicht einmal ein Krieg für die Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes — o nein — keine Leidenschaft, kein egoistischer Wunsch, kein persönlicher Vorteil ist die Triebfeder dieser Kämpfe; alles ist nur von dem einzigen Gedanken erfüllt: das Grab des göttlichen Heilandes zu befreien. Von allen Enden Europas strömen die Völker, Kreuze vor sich hertragend, zusammen, Könige und Grafen in schlichten Bußgewändern stellen sich an die Spitze, bewaffnete Mönche treten in die Reihen der Krieger, Erzbischöfe und Einsiedler befehligen, das Kreuz in Händen, zahllose Truppenmengen — und alle stürmen sie fort zum Kampf für ihren Glauben. Die Macht einer Idee umfaßt alle Völker. Liegt nicht etwas ganz Großes in diesem Gedanken? Mit Unrecht nennt man die Kreuzzüge ein sinnloses Unternehmen. Wäre es nicht merkwürdig, wenn der Jüngling schon gleich die Sprache des reifen Mannes spräche? Sie waren das Produkt der damaligen Zeit, und des damaligen Zeitgeistes. Dies Unternehmen war die Tat eines Jünglings — aber eines Jünglings, der ein geborenes Genie war. Was für unzählige, wunderbare, unvorhergesehene Folgen haben die Kreuzzüge gezeitigt! Die ganze Masse mußte erzogen und gebildet werden, sie mußte die Welt kennen lernen, die ihr zum Teil verborgen blieb, weil die Geistlichkeit davor stand, und die ganze Masse stürzt sich in einen andern Weltteil, dorthin, wo die erlöschende arabische Kultur danach strebt, ihr ihre Flamme zu übergeben: ganz Europa streift in Asien herum. Sind wir nicht berechtigt, uns zu wundern! Gewöhnlich ist es irgendein Fremder, der aus einem kultivierten Lande kommt und die Aufklärung und die ersten Kenntnisse in ein unbekanntes Land trägt, er bringt den Wilden allmählich eine gewisse Bildung bei — doch dieser Prozeß vollzieht sich langsam und ungleichmäßig. Hier dagegen sehen wir das Gegenteil; hier kommt das Volk als ganze Masse, um sich die Bildung zu holen, und obgleich es lange im fremden Lande verweilt, verschmilzt es nicht mit seinen Lehrern, nimmt weder deren Luxus noch deren Laster an, bewahrt seine Ursprünglichkeit und kehrt auch nach Aneignung vieler asiatischer Gebräuche nicht als Asiate sondern als Europäer nach Europa zurück. Ich will mich gar nicht einmal über die anderen Folgen, wie z. B. die Veränderungen in der feudalen Verwaltung und Regierung auslassen, die ohne andauernde Entfernung vieler kräftiger Männer aus dem Lande nicht möglich gewesen wären.
Aber werfen wir einen Blick auf die anderen Ereignisse, die die mittelalterliche Geschichte ausfüllen. Wenn sie auch im Vergleich mit den Kreuzzügen nur Erscheinungen zweiten Ranges sind, so sind sie doch nichtsdestoweniger von wunderbarem Reiz und verleihen dem Mittelalter einen gewissen phantastischen Glanz — sie sind ein Produkt einer herrlichen Jugend, die noch von ganz großen und starken Hoffnungen erfüllt ist, einer unvernünftigen Jugend vielleicht, die aber auch in ihrer Unvernunft etwas Bezauberndes hat. Wir wollen die Begebenheiten in chronologischer Reihenfolge betrachten.
Beginnen wir mit jener glanzvollen Zeit, als die Araber — diese Zierde der morgenländischen Völker — auf dem Schauplatz erschienen. Sie verdanken ihre ganze glorreiche Existenz einem einzigen Menschen und der von ihm gestifteten Religion, einer Religion, so reich wie die Nächte und Abende des Orients, so üppig wie die Natur an den Ufern des Indischen Ozeans, so erhaben und grüblerisch, wie nur die gewaltigen Wüsten Asiens sie hervorbringen konnte. Mit unerhörter Schnelligkeit errichten diese braunen Turbanträger ihre Kalifate an drei verschiedenen Enden des Mittelländischen Meeres. Ihre Phantasie, ihr Geist und alle ihre Fähigkeiten, mit denen die Natur die Araber so reichlich beschenkte, entwickeln sich vor den Augen des erstaunten Okzidents und prägen sich in verschwenderischer Fülle in ihren Palästen, Moscheen, Gärten, und Fontänen aus, und zwar ebenso plötzlich wie in ihren Märchen, die nur so von Perlen und Edelsteinen orientalischer Poesie strotzen. Noch ein Jahrhundert, und schon ist es verschwunden, dieses außergewöhnliche Volk, so daß wir uns staunend fragen: hat es wirklich gelebt und existiert oder war es nur eine Schöpfung unserer Phantasie?
Wie wunderbar und voll von Widersprüchen ist ferner das Erscheinen der Normannen, dieses Volkes, das der zürnende Norden wütend aus seinen Eisfeldern hervorschleuderte! Eine Handvoll kühner Männer, denen der düstre Odin und die Schneeberge Skandinaviens auf den Fersen zu folgen scheinen, breiten panischen Schrecken über ganze gewaltige Staaten und Reiche aus. Geführt von ihren Königen, kommen ihre beweglichen Königreiche auf dem nördlichen Eismeer dahergeschwommen und alles sinkt nieder vor diesen wenigen, im Strom, im Wellengang, in der furchtbaren Armut Skandinaviens und ihrer wilden Religion gestählten Fremdlingen.
Auch die gewaltigen Eroberungszüge und die weite Verbreitung der mongolischen Völker war beinah etwas Übernatürliches. Die inneren grenzenlosen Gefilde Asiens, bis dahin den Augen aller Völker verborgen, leuchteten plötzlich in schrecklicher Majestät auf, diese endlosen Steppen, Seen und ungeheuren Wüsten, wo sich alles in einer unermeßlichen Breite und in unendlichen Ebenen verläuft, wo der gewaltige Flächenraum durch das vereinzelte Auftreten von Menschen nur noch riesenhafter und elementarer wirkt. Diese Steppen, die von baumhohem Gras oder flutenden Kornfeldern bedeckt sind, die keines Menschen Hand je gesäet und geschnitten hat, diese Steppen, wo Rinder und Roßherden weiden, die von Urzeiten her noch niemand gezählt hatte und deren wahre Anzahl selbst ihren Besitzern unbekannt blieb, diese Steppen erblickten eines Tags einen Tschingis-Chan, der angesichts seiner kleinen, schlitzäugigen, plattnasigen und breitschulterigen Mongolen das Gelübde ablegte: die Welt zu erobern — und das menschenreiche Peking wird im Lauf eines Monats ein Raub der Flammen, ein Millionenvolk wird von mongolischen Pfeilen niedergestreckt, und der König der Tungusen geht mit Hunderttausenden seiner Untertanen auf einem festgefrorenen See zugrunde, die Rinderherden werden bis an die Grenzen Indiens getrieben, und ganze Scharen von Roßherden irren an den Ufern der Wolga herum. Mit einem Worte: es ist, als ob sich in diesen Eroberungszügen die ganze ungeheure Größe Asiens spiegelte. Eine so rapide Überflutung hat weder die alte noch die neue Geschichte je gesehen.
Ich will hier nicht von dem bedeutenden Handelszentrum Venedig reden, diesem kleinen Fleckchen Erde, das von einer einzigen Stadt eingenommen wurde; eine Stadt, eine einzige Stadt, die keinem Reich angehörte, preßte der ganzen Welt ihr Gold aus, und ihre königlichen Kaufleute übertrafen mit ihren Schiffen, die stolz alle Meere durchkreuzten, mit ihren Palästen am Adriatischen Meere den Ruhm so manches Monarchen. Diese Erscheinung halte ich nicht für außergewöhnlich und einzig dastehend. Sie wiederholt sich häufig in der Geschichte, wenn auch mit Abweichungen und in mancherlei anderer Form. Unvergleichlich viel origineller ist das Leben in Europa während der Kreuzzüge und nach ihnen, in jener Zeit, wo die Grenzen der Staaten noch unklar und unbestimmt waren; wo der Königstitel noch ein Name ohne viel Bedeutung war und wo es noch Millionen von Grundbesitzern gab, die in ihren Ländern wie kleine Selbstherrscher regierten, wo ganz Europa von uneinnehmbaren Schlössern mit Türmen und Zinnen und von trotzigen Festungen übersäet war, wo sich die Kraft der Ritter durch den beständigen Kampf und die ewigen Fehden ins Übermenschliche, Löwenhafte steigerte, als sie sich vom Kopf bis zu den Füßen in Eisen hüllten, dessen Last trugen, die vordem kein Mensch hätte heben können, und wo Stolz und Trotz sich zu einem rohen Unabhängigkeitsgefühl entwickelte. Man sollte glauben, dieser rohe Mut hätte die Seele abhärten und erstarren lassen und sie ebenso gefühllos machen müssen, wie ihre undurchdringlichen Panzer. Aber wunderbarerweise wurden diese wilden Männer gezähmt und gebändigt durch eine Erscheinung, die in schroffstem Widerspruch zu ihren Sitten stand: durch die allgemeine und grenzenlose Verehrung der Frauen. Die Frau wird im Mittelalter zur Gottheit; ihr zuliebe werden Turniere veranstaltet und Lanzen zerbrochen, ihr rotes oder blaues Band flattert am Helm oder Panzer und flößt übernatürliche Kräfte ein; um ihretwillen bezwingt auch der wildeste Ritter seine Leidenschaften und bändigt sie machtvoll wie seinen arabischen Hengst; ihr zuliebe legt er sich wundersame Gelübde auf, die an Strenge und Härte gegen sich selbst nicht ihresgleichen haben, und dies alles nur um der hohen Würde teilhaftig zu werden, vor seiner Gottheit in die Knie sinken zu dürfen. Noch bewunderungswürdiger aber als diese begeisterte Liebe ist ihre Wirkung auf die Sitten. Die Vornehmheit der europäischen Gesinnung ist die Folge dieser Liebe. Das Wanderleben, das jedem einzelnen Tausende von Erfahrungen und Abenteuern eintrug und ganz Europa in eine bewegte auf und ab wogende Hauptstadt verwandelte, hat später in den Europäern den Durst nach Entdeckung neuer Welten rege gemacht. Die immerwährenden Fehden und Kriege, die ständige Unsicherheit der Lebensverhältnisse, haben nicht etwa wie das gewöhnlich in den Geschichtsperioden zu geschehen pflegt, in denen der Luxus die Wunden sittlicher Gebreste der Völker zerfrißt, wo die Unersättlichkeit des persönlichen Vorteils, Gemeinheit, Schmeichelei und die Sucht nach verfeinerten Lastern hervorruft, den allgemeinen Geisteszustand und die Spannkraft der Europäer geschwächt, nein, sie haben sie noch gestählt und entwickelt.
Die Laster der kultivierten Völker wagten es nicht, den europäischen Ritterstand anzutasten. Fast scheint es, als hätte die Vorsehung ununterbrochen über ihn gewacht und ihn mit der Sorgfalt eines treuen Erziehers unablässig behütet und geschützt. Zugleich mit dem Aufkommen des neuen Luxus und Lebenskomforts, der durch Venedig und die Hansa in Europa eingeführt wurde und die Ritter immer mehr ihren Gelübden und ihrem strengen Leben entfremdete, ihre Genußsucht schürte und ihren religiösen Enthusiasmus schwächte, begannen sich merkwürdige Verbände, wie man sie nie vorher gekannt hatte, zu bilden, die als strenge Richter, als unerbittliches Gewissen über die Völker Europas wachten. Nie weiß die Geschichte von Gesellschaften zu berichten, die untereinander mit so unlösbaren Banden verknüpft waren, wie diese geistlichen Ritterorden. Jede Tätigkeit um des eigenen Vorteils oder der eigenen Existenz willen, die doch sonst immer der Zweck aller Verbände ist, lag ihnen fern. Allem entsagen, was dem einzelnen wünschenswert ist, und nur für die ganze Menschheit leben; — als strenge Hüter der Welt leben, allein zum Schutz des christlichen Glaubens — sich ihm allein widmen, ihm alles zum Opfer bringen und alles von sich werfen, was im entferntesten dem eigenen Vorteile dient — ist das nicht eine wunderbare Erscheinung! Nur aus dem Mittelalter konnte solch eine Kraft und solche Energie entspringen. Kaum aber fingen die Ritterorden an, von ihren ursprünglichen Zielen abzuweichen und ihre Augen auf andere Zwecke zu lenken, angelockt durch die Habsucht und die Beutegier, da ließen sie Üppigkeit und Luxus immer mehr Gefallen am persönlichen Leben finden, und so wurden sie denen immer ähnlicher, deren Überwachung sie sich selbst zur Aufgabe gemacht hatten, und es entstehen die furchtbaren unerbittlichen Femgerichte, die unabwendbar waren, wie die göttlichen Anordnungen, und nicht mehr die Züge des Gewissens gegenüber der leichtsinnigen Welt trugen, sondern eine furchtbare und grausige Darstellung des Todes und des Gerichtes bildeten. Keine Macht, kein Landbesitz, ja, selbst nicht die Krone auf dem Haupt konnte ihre Urteilsprüche abwenden oder mildern. Unbekannt und unsichtbar wie das Schicksal, irgendwo im Waldesdickicht, in tiefen, feuchten unterirdischen Gewölben wogen und prüften diese Richter das ganze Leben und das Vergehen dessen, der inmitten seiner unermeßlichen Ländereien, im Kreise seiner nach Hunderten zählenden ergebenen Vasallen sich’s nicht einmal träumen ließ, daß es auf der Welt eine höhere Macht geben könnte als die seine. Wenn diese unterirdischen Richter einmal den Urteilsspruch gefällt hatten, — dann war alles verloren. Vergebens versuchten es die Herrscher mit ihrer drohenden Macht, die Annäherung an ihre Person zu erschweren, umsonst schloß ihr Gold die Lippen und zwang alle, ihr Lob zu singen — der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende der Welt, stahl sich durch die glänzende Schar ihrer Höflinge und traf sie hinterrücks an der Seite ihrer Freunde. Mutet es uns nicht wie ein fast märchenhaftes Wunder an! Nur da sind die Handlungen eines Menschen so unabwendlich, so übernatürlich, so ungewöhnlich, wo er außerhalb der Gesellschaft steht, jedes Schutzes einer gesetzlichen Macht entbehrt und nicht weiß, was das Wort „Unmöglichkeit“ bedeutet.
Auch die ganze Art der Tätigkeit, wie sie in der Mitte und am Ende des Mittelalters herrschte — dieses allgemeine Streben nach der geheimnisvollen Wissenschaft, dieser Wunsch nach Erkenntnis und Erforschung der rätselhaften Naturkräfte, diese Unersättlichkeit, mit der sich alle der Zauberei und der Magie hingeben, in alledem gärt und brodelt jene europäische Neugierde, ohne die die Wissenschaft sich nie so entwickelt und die jetzige Vollkommenheit erreicht hätte. Selbst der naive Geisterglaube und die Beschuldigung des Umgangs mit Geistern haben für uns ein ganz besonderes Interesse. Die Beschäftigung mit der Alchimie, der Krone mittelalterlicher Gelehrsamkeit, der Schlüssel alles Wissens, entsprang dem kindlichen Wunsch, das vollkommene Metall zu entdecken, das dem Menschen die Macht über alles verleihen sollte. Man stelle sich nur ein kleines deutsches Städtchen im Mittelalter vor: diese schmalen, unregelmäßigen Straßen, diese hohen, bunten, gotischen Bauten und dazwischen ein uraltes baufälliges Häuschen, das allgemein für unbewohnt gilt und auf dessen von Rissen durchzogenen Mauern Moos und Alter ihre Wohnstätte aufgeschlagen haben; diese zugenagelten Fenster — das ist die Behausung des Alchemisten. Nichts läßt auf die Gegenwart eines lebenden Wesens schließen — aber in dunkler Nacht steigt ein bläulicher Rauch aus dem Schornstein auf und verrät das unermüdliche Wachen des Greises, der über seinem Problem grau ward, aber die Hoffnung noch immer nicht sinken lassen will — scheu schleicht der fromme, mittelalterliche Handwerker an dieser Stätte vorbei, wo seiner Meinung nach Geister ihr Heim aufgeschlagen haben, in Wahrheit aber wirkt dort an Stelle der Geister der ewige Wunsch und der unüberwindliche Wissensdrang, der nur von sich selbst lebt, sich stets von neuem an sich selbst entzündet und selbst durch Mißerfolge noch mächtiger angefacht wird — dieses Urelement des ganzen europäischen Geistes — das von der Inquisition, die bis in die tiefsten Gründe der menschlichen Gedanken eindrang, vergeblich verfolgt wird; aber er reißt sich immer wieder los und er gibt sich trotz Furcht und Schrecken nur noch mit größerem Genuß seinem Studium hin.
Und die Inquisition! Welch düstere, furchtbare Erscheinung! Diese grausige, blinde Inquisition, die über unzählige Gewölbe und unterirdische Klöster gebot, die an nichts anderes glaubte als an ihre furchtbaren Folterwerkzeuge, in deren Erfindung der Mensch einen geradezu höllischen Scharfsinn an den Tag legte. Diese Inquisition, die unter der Mönchskutte ihre eisernen Krallen hervorstreckte und alle ohne Unterschied ergriff, die einer seltsamen oder ungewöhnlichen Beschäftigung nachgingen, sie liefert wieder einen Beweis für die große Wahrheit, daß, wenn auch die physische Natur des Menschen durch Qualen dazu gezwungen wird, die Stimme der Seele zum Schweigen zu bringen, doch in der großen Masse der ganzen Menschheit der Geist noch immer über den Körper triumphiert hat.
Sind das nicht alles ganz einzigartige Erscheinungen? Geben sie uns nicht das Recht, das Mittelalter eine wunderbare Epoche zu nennen? Das Wunderbare bricht sich hier bei jedem Schritte Bahn und gewinnt während dieser jugendlichen zehn Jahrhunderte die Herrschaft über alles! Ich nenne sie jugendlich, weil in ihnen alles Junge lebendig ist: alles, was Mut, Leidenschaft, Begeisterung atmet, was nicht an die Folgen denkt, nie die kalte Berechnung zur Hilfe ruft und noch keine Vergangenheit besitzt, auf die es zurückblicken könnte. Alles am Mittelalter — ist Poesie und Willkür! Man merkt sofort den Umschwung, wenn man das Gebiet der neuen Geschichte betritt. Der Unterschied ist zu auffallend; und unser Seelenzustand gleicht dann den Meereswellen, die sich anfänglich in Bergen und Tälern aufbäumen und senken, um gleich darauf wieder als unendliche Fläche still und ruhig dahinzufließen. Im Mittelalter erscheinen die einzelnen Handlungen und Taten der Menschen ganz unüberlegt, die wichtigsten Ereignisse widersprechen einander in jeder Beziehung und bilden große Kontraste. Fassen wir sie jedoch alle zu einem Ganzen zusammen — so erkennen wir die bewunderungswürdige Weisheit, die darin waltet! Wenn man das Leben des einzelnen Menschen mit dem Leben der Menschheit vergleichen könnte, so müßte man das Mittelalter die Schulzeit des Menschen nennen. Da flossen seine Tage fast unbemerkt von der Welt dahin, seine Taten sind noch nicht so kraftvoll und reif, wie dies für die Welt erforderlich ist, und niemand erfährt etwas von ihnen. Dafür aber entspringen alle seine Handlungen einer triebartigen Leidenschaft und enthüllen mit einem Schlage alle inneren Regungen der Menschen; ohne sie wäre auch seine spätere Wirksamkeit in der Gesellschaft unmöglich.
Sehen wir ferner zu, welch ungeheure Ereignisse das Mittelalter umrahmen: das große Kaiserreich, das die ganze Welt beherrschte, eine zwölf Jahrhundert alte Nation, geht an Erschöpfung und Gebrechlichkeit zugrunde, und mit ihr versinkt die halbe Welt, stürzt das ganze Altertum mit seiner halbheidnischen Denkungsart, seinen geschmacklosen Schriftstellern, seinen Gladiatoren, Statuen, seinem überladenen Luxus und seinen raffinierten Lastern zusammen. Dies ist der Anfang des Mittelalters, und sein Abschluß wird durch ein ungeheures Ereignis gekennzeichnet, eine allgemeine Explosion, die alles in die Luft sprengte und alle jene furchtbaren Gewalten, die bis dahin die Welt so despotisch umklammerten, vernichtete. Die Macht der Päpste wird erschüttert und fällt zusammen, und ebenso geht es mit der Unwissenheit und Unkultur. Die Schätze und der Welthandel Venedigs werden unterminiert, und wenn das allgemeine Chaos nach dieser großen Umwälzung sich klärt und entwirrt, erscheint folgendes Bild vor den erstaunten Augen der Nachwelt: Könige, die ihr Zepter mit kräftiger Hand festhalten; Schiffe, die mit mächtig geblähten Segeln das Mittelmeer durchschneiden und die Wogen des unendlichen Ozeans befahren; statt des ohnmächtigen Schwerts hält der Europäer die Feuerwaffe in den Händen; gedruckte Bogen fliegen von einem Ende der Welt zum andern: und das alles ist ein Ergebnis des Mittelalters. Der ungeheure Druck der Mächtigen und die unerträgliche Knechtung des Volks waren scheinbar nur dazu da, um den allgemeinen Ausbruch hervorzurufen. Nur indem die menschliche Vernunft all ihre Kräfte zusammennahm, konnte sie die harte Rinde, die sie umgab, durchbrechen. Vielleicht hat auch nur daher kein Jahrhundert so viele riesengroße Erfindungen aufzuweisen, wie das fünfzehnte, das das Mittelalter in so glänzender Weise beschließt: diese gewaltige Zeit, die an einen mächtigen, majestätischen gotischen Dom erinnert, finster und dunkel wie die sich durchkreuzenden Gewölbe, bunt wie seine vielfarbigen Fenster und die Menge des ihn schmückenden Zierates, und erhaben und voller Leidenschaft, wie die zum Himmel strebenden Mauern und Türme, die in eine in den Wolken verschwindende Spitze auslaufen.
III
Ein Kapitel aus einem historischen Roman[1]
Unterdessen überschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in Kleinrußland noch keine allgemeine Landstraßen, dafür aber kannte ein jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkürzeste war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Gräben dahin oder an einer Böschung entlang, überschritten eine Schlucht, und nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem Nachtlager vorliebnehmen zu müssen. Die größte Unbequemlichkeit für den Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, daß er sich im Umkreise von 25 bis 30 Schußweiten bei den Bewohnern nach dem Wege erkundigen mußte und daß die Aussagen sich fast immer widersprachen.
Unser Reiter ritt in Gedanken versunken dahin, hielt die Zügel nur schlaff in Händen und ließ den Kopf hängen, bisweilen nur stolperte das feurige Roß, sein treuer Kamerad, über Erdhügel und Baumstümpfe und riß ihn aus seinen Träumereien, die sich aber bald wieder wie eine Perlenschnur um sein Haupt schlangen. Zum erstenmal hatte er solch einen Auftrag auszuführen. Er war hinausgesandt in die weiten Steppen der Ukraine! Gott allein nur wußte, wohin ihn der Weg führen würde! Wer war nur dieser Gletschik? ... Und was hatte Kasimir mit dem Anführer einer Bande, der sich Oberst des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ... Man hatte ihm keine genügenden Erklärungen gegeben, weder über seinen Charakter, noch seine Stärke, noch darüber, was für Beziehungen er hatte, noch auch zu wem ... Wozu also diese Vorsicht, die man im Gespräch mit ihm beobachten sollte? Warum sollte er so weit reiten — nur um ihm Nachricht von den Ereignissen zu bringen, die Warschau so beunruhigten? Welchen Nutzen hätte auch ein so weit entfernter Verbündeter bringen können? Er schalt innerlich auf sich selbst, weil er Brigitte nicht genauer nach allem ausgefragt hatte; ihr waren sicherlich die Gründe für diese merkwürdige Botschaft mehr oder weniger bekannt.
Die Sonne nahm langsam Abschied von der Erde. Malerische Wolken, deren Ränder von feurigen Strahlen vergoldet wurden, zogen, fortwährend ihre Gestalt ändernd und sich wieder auflösend, am Himmel hin. Die Dämmerung breitete mürrisch einen grauen Nebel über alles und schloß die Läden vor den Fenstern, aus denen noch soeben ein Licht auf Gottes Welt gefallen war. Nach einem langen Ritt durch die Steppe gelangte unser Reisender in einen Wald. Die vom Herbst unbarmherzig ihres grünen Laubes beraubten Bäume erinnerten an ein großes Sieb und schienen in der nächtlichen Kühle zu zittern. Gelbe Blätter lagen unordentlich am Boden wie Speisereste und zerbrochene Scherben nach einem Gelage, und nur ihr Rascheln unter den Hufen des Rosses ließ die Gegenwart unseres Reiters erkennen. Zwischen den kahlen Wipfeln der Bäume lugte der dunkle Himmel hervor. Ein scharfer Wind erhob sich im Felde und entsandte trübselige Seufzer bis in das Waldesdickicht.
Unwillkürlich stutzte der Reiter und hemmte unschlüssig sein Roß; was sollte er beginnen, der Weg war vollkommen verschwunden, und vor ihm lag nichts wie dichter Wald und das Ungewisse; da drang plötzlich ein lautes „Zop, zop“ an sein Ohr, ein schwer beladener Wagen kam knarrend dahergefahren, und ein paar Stiere tauchten hinter den Bäumen auf. Man muß sich in die Lage unseres Reisenden hineinversetzen, um seine Freude über eine solche Begegnung zu verstehen. In diesem Augenblick erschien auch der Mond am Himmel. Ein silbernes Licht, von furchtsamen Schatten der Bäume durchkreuzt, fiel wie ein Gitter auf die Erde, erleuchtete weithin die Umgegend, und Laptschinsky sah einen kräftigen ältlichen Bauer vor sich. Der graue herabhängende Schnurrbart saß ihm stolz in dem gebräunten, scharf geschnittenen, muskulösen Gesicht, und ein Zug asiatischer Sorglosigkeit lag gutmütig darüber. Durch die schwarzen Brauen zog sich schon manch silbernes Fädchen hindurch; die kleinen braunen Augen sprühten Feuer, und zuweilen leuchtete etwas wie Schlauheit oder Treuherzigkeit daraus hervor. Er hatte eine schwarze Kosakenmütze mit einem blauen Dach auf dem Kopfe. Ein kurzer Pelz ohne Tuchüberzug diente ihm als undurchdringlicher Schutz gegen die Kälte und wurde von einem hellen, farbigen Gürtel festgehalten. Zum Überfluß hatte er sich noch einen gewöhnlichen Mantel aus dickem, schmutziggrauem Stoff übergeworfen, wie ihn noch heute die kleinrussischen Bauern tragen. Im Gürtel staken eine Flinte und ein krummer tatarischer Säbel, — denn in jenen unruhigen Zeiten hielt jeder Kosak — ob Krieger oder Bauer, es für unumgänglich notwendig, immer eine Waffe bei sich zu tragen.
„Gott helf!“ sagte er, hielt seine Stiere an und entblößte zum Zeichen der Hochachtung, die die einfachen Bauern zu jener Zeit noch den Kriegern zu erweisen pflegten, seinen Kopf, der nur noch ganz oben mit einem Haarbüschel geschmückt war. Hier müssen wir uns erinnern, daß Laptschinsky gezwungen gewesen war, sein schmuckes Kostüm mit der bescheidenen Kleidung eines Kosakenführers zu vertauschen, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, die er sich seitens der Einwohner zugezogen hätte, weil diese alles haßten, was den Namen Pole trug oder auch nur zu ihnen gehörte.
Unser Reiter dankte mit einem leichten Nicken des Kopfes für den Gruß.
„Weißt du nicht, Landsmann, ob es von hier noch weit bis zur Ramodanowschen Landstraße ist?“ fragte er mit freundlicher Miene.
„Das kann ich nicht so ohne weiteres sagen, Euer Gnaden, warten Sie mal!“ Und er begann zu rechnen, was man aus den mechanisch zusammengedrückten Fingern entnehmen konnte. „Bis zur Ramodanowstraße? ... Wie soll ich Euch sagen? ... sie ist nicht gerade sehr nahe. Ich muß gestehen, daß unsere Kosaken ein wenig Angst gekriegt haben: jemand hat das Gerücht verbreitet, daß die ganze polnische Schlachta uns an der Ssula einen Besuch abstatten wolle. In ihrem blinden Eifer haben sie alle Brücken zerstört, da werden Euer Gnaden vielleicht einen großen Umweg machen müssen. Übrigens, der Himmel mag’s wissen, ich wiederhole nur, was die anderen sagen ... es kann ja auch sein, daß Ihr einen kürzeren Weg findet ... aber Sie wissen, jetzt ist es Herbst ... da kann es auch recht weit werden ... Aber wenn man recht bedenkt, so scheint es doch wieder viel näher. Ja, es wäre eine andere Sache, wenn es Wegweiser gäbe, wie Euer Gnaden sie gewiß auf den Straßen in Polen gefunden haben, wenn Sie dort gewesen sind.“
Man muß sich nicht über die Widersprüche, die den Monolog unsers Landmanns auszeichneten, wundern. Abgesehen von der tatsächlichen Unkenntnis, liebten es die Kleinrussen stets, auch an den allerbekanntesten Dingen zu zweifeln. Ein Kleinrusse wird euch auch noch heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird sich erst zehnmal verbessern und manchesmal seinen Partner mit Absicht so in Verwirrung bringen, daß jener zu seinem Staunen erfahren wird, daß es bis zu einem bestimmten Ort sehr weit und zugleich sehr nahe ist.
„In welcher Richtung muß ich denn nun aber weiterreiten?“ fragte unser Reisender und blickte prüfend auf seinen Lehrmeister.
Unser Bauer sah sich den Mann von Kopf bis zu Fuße an.
„Euer Gnaden wollen jetzt gleich weiterreiten?“
„Und warum nicht?“
„Gott bewahre! jetzt würde sogar unsereiner, d. h. ein Hiesiger, sich’s sehr überlegen, ehe er weiterreiten würde. Weißt du, Mosjpane, wir brauchen ja nur noch eine kleine Weile zu fahren, — nicht länger als ein tüchtiger Bauer dazu braucht, eine halbe Fuhre Getreide zu zermahlen, dann hören wir schon die Hunde auf meinem Hofe bellen. Es ist immer besser, in einer warmen Hütte zu schlafen — morgen magst du dann mit Gott weiterreiten.“
Diesen Vorschlag konnte unser Reisender nicht von der Hand weisen, ja es schien fast, als ob er ihn erwartet hätte.
„Und wohin führt Sie der Weg, Mosjpane?“ fragte der Bauer unterwegs seinen zukünftigen Gast.
„Ich reise weit, bis an das andere Ufer der Worskla zu dem Mirgoroder Oberst, Gletschik. Hör’ mal, Landsmann, kennst du ihn vielleicht?“
„Wie sollte ich diesen alten Hund nicht kennen! Und woher kommt ihr?“
„Aus dem großen Lager bei Lochwitza.“
„Wie kommt denn das, Euer Gnaden; wir haben doch gar nicht gehört, daß bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ist.“
Hierbei durchbohrte er den Fremden mit seinen Augen, als wolle er ihn auf Herz und Nieren prüfen. „Ja, natürlich, wie soll ein Bauer etwas von Kriegssachen verstehen; es sind noch keine Gerüchte bis in unsere Einöde gedrungen.“
Unser Gesandter stutzte und überlegte sich’s, daß man auch im Gespräch mit einem simplen Bauer die Vorsicht nicht außer acht lassen dürfe, dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: „Sieh mal Landsmann, mit Bestimmtheit kann ich es dir freilich nicht sagen. Ich selbst bin nicht im Lager gewesen, aber der Saporoger Hauptmann, Schljaiko, dem ich bei Lochwitza begegnet bin, hat mir einen Brief an den Mirgoroder Oberst mitgegeben, als er vernahm, daß ich nach jener Gegend reite. Er jagte dahin wie ein Verrückter, trotz aller Fragen konnte ich nichts Zuverlässiges erfahren ... Ich war erst vor kurzem aus Warschau zurückgekehrt ... Sieh mal, möglicherweise hatte er Grund, mir zu mißtrauen ... d. h. ... er ... nun ich glaube, du verstehst mich.“
„Was reden Euer Gnaden, kann denn ein Bauer verstehn, was die Herren untereinander sprechen! Bei Gott, nein, wie soll unsereiner das verstehen. Unsere Schädel sind ja ganz anders gebaut als die Köpfe der Herrn ... weiß der Teufel, was das ist! ... sie haben mehr Ähnlichkeit mit einem Kohlkopf als mit einem Menschenkopf ...“
„Oh, du bist mir ein Schlauer!“ dachte Laptschinsky und nahm sich vor, seine Worte so bedächtig wie möglich zu setzen.
Er ritt die ganze Zeit im Schritt und paßte den leichten Gang seines stolzen Rosses den langsamen Schritten der schwerfälligen Stiere an, denen der Bauer mit phlegmatischer Würde, den Stock schwenkend und seine Pfeife rauchend, voranschritt. Der Rauch hüllte sein braunes Gesicht wie in eine Wolke ein; zuweilen, wenn es von der aufflackernden Flamme beleuchtet wurde, erinnerte es an einen Vampir, der hie und da aus dem undurchdringlichen Sumpfnebel auftauchte und von dem ein wundersamer Funkenstrom ausging. Dies veranlaßte Laptschinsky, ihm immer wieder in die Augen zu sehen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch derselbe Mann sei, den er soeben getroffen hatte.
Aber unser Bauer verscheuchte selbst alle Zweifel und ließ seinem Gast keinen Augenblick Zeit zum Grübeln.
„Haben Euer Gnaden schon von solch einem Wunder gehört?“ fragte er, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; „siehst du dort im Dunkeln weit vor uns die Tanne?“
Zu seinem großen Erstaunen sah der Reisende wirklich eine Tanne. Wie hatte die ihren Weg hierher gefunden? denn hier zu Lande, d. h. in Kleinrußland, hätte das Auge wohl selbst im Umkreise von hundert Werst keine dieser Bewohnerinnen des Nordens entdecken können. Unwillkürlich starrte er sie an: sie allein schien sich inmitten dieser kahlen Bäume etwas wie Leben erhalten zu haben. Aber konnte man das Leben nennen? Es war eine Mumie, die man nur mit Verwunderung unter nackten Skeletten entdeckt, und die allein der Verwesung Trotz geboten hatte. Man gewahrt an ihr dieselben Züge und dieselbe herrliche menschliche Form, aber, Gott, in welchem Zustande! Ein unbeschreibliches, unbegreifliches Gefühl von Wehmut und Grauen erfaßt die Seele beim Anblick dieses elenden Betruges, durch den die geschäftige Kunst etwas dem Leben Ähnliches zu ergreifen und festzuhalten versucht.
„Das ist noch kein großes Wunder, daß da eine Tanne steht. Wunderbar ist nur dieses: Jetzt wo wir miteinander plaudern, sind es wohl fünfzig Jahre her, daß hier, wohl gar an diesem selben Platze, in prächtigen Gemächern ein großer, vornehmer Herr hauste. Ob er nun ein Woiwode, ein Hauptmann oder ein einfacher Gutsbesitzer gewesen ist, weiß ich Euch nicht zu sagen; ich weiß nur, daß er Pole war und nicht unserer Religion angehörte. Er lebte, wie alle die unsaubern polnischen Herren leben; sein Haus war von früh bis zum Abend von Wein und Gesang erfüllt, ein Zittern überlief jeden ehrlichen Christenmenschen, wenn er die Schreie vernahm, die aus dem Walde drangen. Die Gutsknechte ritten alle Gehöfte ab und plünderten deren arme Bewohner. Aber mehr noch. Sie fingen bald an, auch noch die heiligen Kirchen zu plündern und zu bestehlen, und trieben es so schlimm, ... hol’ sie der Teufel, ich mag gar nicht sagen, was sie alles verübten. Man hätte sie alle erschlagen sollen ... Euer Gnaden ... Aber das ging nicht, denn es waren ihrer vielleicht hundertfünfzig Knechte, und jeder war mit einer Hellebarde, einem Luntengewehr und einer ganzen Kriegsrüstung bewaffnet. Da erbot sich ein Kirchensänger, — wie er hieß und aus welchem Kirchspiel er stammte, das weiß ich bei Gott nicht, Euer Gnaden, — der also erbot sich, in den Wald zu gehen. Wenn es jetzt nicht Nacht und der Boden nicht mit Blättern bedeckt wäre, könnte ich Ihnen vielleicht noch die Reste von diesem Teufelsnest zeigen. Um diese Zeit, — offenbar hatte Gott es schon so bestimmt — feierten sie gerade irgendeinen ihrer verfluchten Feiertage. Der Kirchensänger war aufs Schlimmste gefaßt und sagte zu sich: ‚Gott, steh mir bei!‘ und schob sich mutig durch das Tor, das von dem sich drängenden Volk versperrt wurde. Zimbeln und Trommeln erschallten und dröhnten wie bei einer Hochzeit, und die betrunkenen Herren und ihre Knappen tanzten einen wilden Krakowiak. Als sie nun den Kirchensänger erblickten, Euer Gnaden, da riefen sie alle: ‚Was will der Pope hier!‘ Der Herr aber sprach: ‚He, ihr Knappen, schenkt dem Popen etwas Schnaps ein! mag er doch mit uns braven Christen einen Krakowiak tanzen, und helft ihm ordentlich mit dem Stock auf die Beine!‘ Der Sänger fing nun, offenbar des Heiligen Geistes voll, an, den Ketzern ihre Sünden und ihr gottloses Leben vorzuhalten, ihnen die Qualen des Jenseits zu schildern und ihnen klarzumachen, wie sie einmal in der Hölle tanzen würden, dann aber nicht mehr freiwillig, sondern angetrieben von den glühenden Gabeln der Teufel! ‚Ah, du willst uns hier auch noch was vorpredigen? He, Knappen! bringt den Popen auf den Chor und legt ihm eine Binde um den Hals, damit er sich nicht erkältet!‘ Da packten die Knechte den unglücklichen Sänger und schleppten ihn mit unmenschlichem Gelächter und Gejohle zu der Tanne, an der uns unser Weg vorbeiführt. Seht, Euer Gnaden, das war nun eben die Sache. Die Tanne stand gerade vor dem Hause und wie mit Absicht unmittelbar vor dem Fenster des herrschaftlichen Schlafzimmers. Als nun die Nacht alle verscheucht und der eine auf seiner Latte, der andere darunter lag, kam es unserem Herrn plötzlich so vor, als ob etwas Kaltes auf ihn heruntertropfe. ‚Hol’s der Teufel,‘ dachte der Herr, ‚was tropft denn da herunter?‘ Er erhob sich von seinem Lager und sah plötzlich, wie die stachlichten Tannenzweige die Mauer durchdrangen und sich — als wären sie lebendig, — immer weiter und weiter ausstreckten, bis sie ihn erreicht hatten. Unser Pan bekreuzigte sich vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, als er sah, daß Menschenblut von den Zweigen herabtropfte. Erst war es kalt wie Eis, dann aber verbrannte es ihn so heftig, daß er aufsprang und zum Fenster lief. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu versagen, als er hinausging. Die Tanne war ganz blau wie eine Leiche und sie nickte ihm fürchterlich mit ihrem schwarzen, sich hochaufbäumenden Barte zu. Anfänglich glaubte unser Herr, daß ihm der Wein in den Kopf gestiegen wäre; in der folgenden Nacht aber war es ebenso und das ganze Hausgesinde wußte wie aus einem Munde zu erzählen, wie der ganze Wald widerhallte von Grabesliedern, die schreckliche Stimmen zu Ehren der Toten sängen, so daß einem ein Schauder über den Rücken laufe und die Haare zu Berge stünden. Was taten sie nicht alles? Sie begruben den Leib des Sängers mit allen Ehren, dann wollten sie die Tanne umhaun, aber die Axt konnte ihr nichts anhaben. Bei jedem Schlag, den das Beil tat, wurde es schartig, der Baum aber stöhnte wie ein ungetauftes Kind. Endlich entschlossen sie sich, diesen verfluchten Ort zu verlassen. Tag für Tag versammelte sich das Gesinde, sattelte die Pferde, lud alles Hausgerät auf und brach frühmorgens auf, eh noch die Teufel sich den Sand aus den Augen gerieben hatten, sie ritten und ritten bis zum späten Abend; man könnte meinen, sie müßten weiß Gott wie weit gekommen sein — doch nun schlagen sie ihr Nachtlager auf, und blicken um sich; was sie sehen, sind lauter bekannte Dinge: derselbe finstre Wald, dasselbe Haus, die verfluchte Tanne; sie streckt ihre Äste aus, wie ein Paar Arme, ergreift den Pan, übergießt ihn mit Blut und der schwarze zerwühlte Bart nickt ihm unheimlich zu, wie ehemals.“
Hier warf der Erzähler seinem Zuhörer einen herausfordernden Blick zu, seine funkelnden Augen blitzten in der dunklen Nacht noch heller, und er stellte mit Wohlgefallen den Eindruck fest, den seine Erzählung auf jenen gemacht hatte. In der Tat, unser Reisender konnte ein gewisses Gefühl des Schreckens nicht loswerden, das sich heimlich in seine Seele schlich, und er sah sich unruhig um.
Indessen kamen sie an der Tanne vorüber. Der silberne Mondschein fiel gerade auf ihre traurigen Äste, ihre langen Schatten, die sich fast wie eine Fortsetzung der Zweige ausnahmen, brachen sich an denen der anderen Bäume und legten sich wie eine unendliche Leiter auf den Erdboden. Nachdem der Reiter vorübergeritten war, wandte er seinen Kopf noch einmal um. Sanft schaukelte der Wind die Wipfel der Tanne, da aber schien es ihm, daß ein böser Geist von schrecklicher majestätischer Gestalt ihm langsam folgte, traurig mit dem schaurigen Bart nickte und seine dunkelgrünen Arme ausstreckte, um ihn zu ergreifen.
„Nun, und was geschah weiter?“ fragte er den Mann, der plötzlich stumm geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu lassen, die ihn unwillkürlich erfaßt hatte.
„Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entließ sein ganzes Gesinde und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfünfzig Seelenmessen für den verstorbenen Kirchensänger gelesen hatte, verschwand der Spuk. Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl niemand sagen können. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar, daß eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter erzählte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, daß sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er hätte eine rote Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte. Zop, zop, zop! Hüh! Na, da wären wir, Euer Gnaden.“
Laptschinsky erblickte tatsächlich eine kleine Pforte, die aus wenigen quer übereinanderliegenden Brettern zusammengefügt war, wie man sie auch jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell erfüllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz übergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu öffnen. Unser Reiter sah einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfaßte, im Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Ställe, die gleichfalls mit Dächern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewöhnliche kleinrussische Hütte.
Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkörbe herum, viele von ihnen hingen auch an den Bäumen, die ihre eigentümlich geformten Zweige von allen Seiten in den Hof herabhängen ließen, als könnte diesen Riesen das einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter dem Hof zog sich noch ein Gebäude hin, das man in der Dunkelheit nicht recht erkennen konnte. All dieses ließ darauf schließen, daß das Gut einem recht wohlhabenden Kosaken gehörte; denn zu jener Zeit konnte man nicht bei jedem soviel Pracht und Überfluß finden.
Während der Hausherr mit dem Abladen seiner Säcke beschäftigt war, hatte Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen Bauern findet: der Tür gegenüber befanden sich einige Fenster und vor ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, daß hier jeder Gast stets einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein kann. Um die ganze Stube zogen sich breitere und schmälere Bänke aus Lindenholz hin; neben der Tür stand ein mächtiger Ofen, der unten eine große Öffnung hatte; diese war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hühner, Gänse, Truthähne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte, gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, daß er durchaus keines von den Geringsten unter Gottes Geschöpfen sei. Auf dem Fußboden saß ein vierjähriger Knabe und schlug mit dem mächtigen Stengel einer Sonnenblume auf einen umgestülpten Topf; während ein anderer, der ein Jahr älter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehört, für sein ganzes Leben eingeprägt hatte. Vor einer großen eisenbeschlagenen Kiste saß ein elfjähriges Mädchen, sie hielt einen Säugling auf dem Schoß, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung mit einem großen Hängeschloß klapperte und das Kind mit dem neuen Ankömmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Säbel, eine Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nähe auf einem Regal lag, wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedürftig war, ferner ein Beil, eine türkische Pistole, noch eine Flinte, eine Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika — alles Waffen, die seit undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unverträglichen Charakters miteinander in Frieden zu leben.
„Bitte nehmt mirs nicht übel, daß ich Euch etwas warten ließ, Euer Gnaden!“ sagte der eintretende Hausherr, „der verfluchte Jahrmarkt hat mir so sehr den Kopf verwirrt, daß er mir noch immer brummt. Ein wahres Glück, daß meine Alte nicht zu Hause ist, sonst hätte sie ihn mir tüchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause.“
Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor geöffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentümlich wehmütigen Gefühl. Es war ihm so, als sähe er ein dem Grabe verfallenes Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu führen. Auf ihren von Runzeln durchfurchten Zügen lag die Gleichgültigkeit des Todes. Kein Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie und da richteten sie einen ihrer trüben Blicke auf ihn; doch der hätte sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen geglaubt hätte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles erschien ihnen in Nebel gehüllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat.
Während Laptschinsky solchen Gedanken nachhing, kletterte die Alte auf den Ofen; dies war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, ihre ganz Welt, die ihr ebenso geräumig und belebt schien, wie die anderer Menschen; der Hausherr wandte sich seinen Kindern zu. „Sieh mal an, Fedot!“ sagte er und hob den Jungen mit der Sonnenblume mit einem Griff bis an die Decke, „wo hast du diesen fürchterlichen Stengel her? Damit kannst du ja einen Menschen totschlagen! Was machst du da, Karpo? Du erwürgst ja den Kater! Ich habe dir was Süßes mitgebracht! Komm doch her, du Hundesohn, was stehst du da und hältst Maulaffen feil? Seht, Euer Gnaden, so geht’s, hundertmal habe ich ihm schon gesagt, daß ich sein Vater bin, aber er will’s immer nicht glauben, der Taugenichts! Und du Schreihals, wirst du noch lange brüllen? Reich’ mir mal den Stock, ich will’s ihm schon zeigen. Reich’ ihn nur mal her, Marjusja; ich werf’ ihn gleich aus dem Fenster, da können ihn die Wölfe fressen, oder die Polen ...“
„Gott hat dich reich mit Kindern gesegnet, Landsmann!“ sagte unser Gast zum Hausherrn.
„Ja, ’s sind ihrer nicht wenige, Mosjpane, ich habe ihrer sieben. Zwei sind in der Fremde, die sind schon verheiratet, aber der Teufel mag wissen, was die für eine Mitgift bekommen haben: je ein paar Fuß Land, wo nichts außer Steppengras und Beifuß wächst. Nun Fedot, sagst du nicht, danke? Der Herr gibt dir einen Pfefferkuchen, und du verbeugst dich nicht einmal? Bitte küssen Sie ihn nicht, seine ganze Fratze ist ja voller Asche. Als er hörte, daß ich zum Jahrmarkt fahre, da gab es ein Geschrei! Nimm mich mit, Vater! — Ja, was soll ich denn mit dir? Wie soll ich dich mitnehmen, man wird dich dort totdrücken! — Nein, man wird mich schon nicht totdrücken! Nimm mich mit, nimm mich mit! — Ja, aber es gibt doch so viele Zigeuner, die stehlen dich mir noch am Ende weg, — dann heißt’s auf Nimmerwiedersehn! — Nein, nimm mich mit, so ging’s in einem fort weiter. Was sollte man da machen? Er fing so an zu heulen, daß Gott erbarm’. Endlich gelang es mir, ihn zu beruhigen, ich versprach ihm, ein Lebkuchenpferd mit einem goldenen Kopf mitzubringen. Nun, Marjusja, auf die Mutter wollen wir nicht warten, bring’ uns das Abendbrot. Großmutter schläft sicher schon. Also Euer Gnaden,“ fuhr er fort und wandte sich plötzlich, sich am Tisch niederlassend, an den Gast „zu wem sagtest du, willst du reiten? Jetzt wo ich alt bin, da gleicht mein Kopf einem Sieb, man mag noch so viel reingießen, er ist immer leer; sprich so klug, wie du willst, ich vergesse doch alles.“
„Wie Landsmann? ich sagte dir doch — zu Gletschik,“ antwortete der Gast, etwas erstaunt über diese merkwürdige Vergeßlichkeit.
„Zum Mirgoroder Oberst? Da hast du gar nicht nötig, weit zu reiten; kein anderer als er selbst in eigener Person sitzt vor dir, Mosjpane!“
Wenn in diesem Augenblick eine Flintenkugel an Laptschinskys Ohr vorbeigesaust wäre, er hätte nicht mehr erstaunt sein können. Ihm so plötzlich und unerwartet, so unvorbereitet zu begegnen, wo seine Gedanken ganz anderswo umherschweiften — wo er — doch nein — es konnte nicht sein, sicherlich hatte er falsch verstanden. Und seine Augen richteten sich starr auf seinen Wirt, als wollte er sich vergewissern, daß sein Gehör ihn betrogen hätte.
1830.
IV
Über den Unterricht in der Weltgeschichte
I
Die Weltgeschichte in ihrer wahren Bedeutung ist nicht die besondere Geschichte der einzelnen Völker und Reiche, ohne allen Zusammenhang, ohne allgemeinen Plan und allgemeinen Zweck, sie ist keine Reihe von Begebenheiten ohne alle Ordnung, in lebloser, trockener Form vorgetragen, wie man sie sehr häufig darzustellen pflegt: ihr Gegenstand ist etwas ganz Großes: sie soll die ganze Menschheit umfassen und zwar mit einem Blick und in einem vollständigen Bilde, sie soll zeigen, wie sie sich aus ihrer ursprünglichen armseligen Kindheit entwickelt hat, sich allmählich in verschiedenen Richtungen vervollkommnete und endlich die Epoche der Jetztzeit erreichte. Diesen ganzen gewaltigen Prozeß, den der freie Menschengeist durchgemacht hat, der von seiner Wiege an mit ungeheurer Anstrengung und mit blutigen Mitteln gegen die Roheit, die Natur und gegen furchtbare Hindernisse aller Art ankämpfen mußte, darzustellen — das ist der Zweck der Weltgeschichte. Sie soll alle Völker der Erde, die durch Zeit, Zufall, Gebirge oder Meere getrennt sind, sammeln, in ein geordnetes Ganzes vereinigen und ein großartiges, vollkommenes Epos daraus formen; Ereignisse, die keinen Einfluß auf die Welt ausgeübt haben, gehören nicht in sie hinein. Alle Weltereignisse müssen so fest ineinandergefügt sein, so eng ineinander eingreifen, wie die Glieder einer Kette; wenn nur ein Glied springt, zerreißt die ganze Kette. Dieses Band muß man natürlich nicht in buchstäblichem Sinne verstehen: das ist kein sichtbares, greifbares Band, durch das man oft Geschehnisse oder Systeme, wie sie häufig ganz unabhängig von den Tatsachen in den Köpfen zustande kommen, und die man nachträglich mit den Weltereignissen künstlich verbindet, gewaltsam zusammenfügt. Dieses Band darf nur in einer allgemeinen Idee in dem ununterbrochenen Entwicklungsgang der Menschheit bestehen, im Verhältnis, zu dem die Reiche und die Ereignisse nur temporäre Formen und Gleichnisse sind. Die Welt muß in ihrer ungeheueren Majestät dargestellt werden, in der sie sich uns darbietet, durchdrungen von den geheimnisvollen Wegen der Vorsehung, die sich in ihr in so wunderbarer unbegreiflicher Weise kundgeben. Das Interesse muß durchaus und zwar in so hohem Maße angeregt werden, daß die Zuhörer vom Wunsche gequält werden, immer mehr zu erfahren, sie müssen unfähig sein, sich den Vortrag nicht bis zum Schluß anzuhören oder das Buch zu schließen; — und wenn sie das doch tun, so nur zu dem Zweck, um wieder von vorn anzufangen; es muß ihnen klar werden, wie das eine Ereignis ein anderes gebiert und wie ohne das Vorhergehende auch das Folgende nicht da wäre. Nur so kann eine Weltgeschichte geschaffen werden.
II
Alles, was in der Geschichte vorkommt: die Völker und die Ereignisse müssen lebendig dargestellt werden, und sozusagen den Zuhörern oder Lesern vor Augen stehen; jedes Volk, jedes Reich muß seine eigene Welt, seine eigene Farbe bewahren, jedes Volk muß sich mit all seinen Taten, seinem Einfluß auf die Welt und so, wie es war, gleichsam in dem Kostüm, in dem es ehemals auf Erden wandelte, klar und deutlich von den übrigen Völkern abheben. Allein um das zu erreichen, muß man nur ganz wenige Züge zusammenfügen — aber es müssen die eigenartigsten Züge sein, die ein Volk vor allen anderen auszeichnen. Um die charakteristischen Züge ausfindig zu machen, dazu gehört ein klarer Verstand, der imstande ist, alle unauffälligen Nuancen, die dem gewöhnlichen Auge entgehen, zu entdecken, und dazu eine große Geduld, die notwendig ist, um eine Menge häufig ganz uninteressanter Bücher zu durchstöbern. Allein was einer entdeckt hat, kann er andern leicht mitteilen, und so können die Zuhörer es erfahren, ohne selbst die Archive zu durchforschen.
III
Der Lehrer muß auch die Geographie zu Hilfe nehmen, aber nicht in jener kläglichen Gestalt, wie das häufig geschieht, d. h. indem man nur den Ort, wo etwas vorgefallen ist, auf der Karte aufweist. Nein, die Geographie soll uns so manches erklären, was uns ohne sie unbegreiflich erscheinen würde. Sie soll uns lehren, wie die Bodenbeschaffenheit und Lage eines Landes ihren Einfluß auf das Leben ganzer Nationen ausübte; wie sie ihnen einen besonderen Charakter aufdrückte; wie häufig Gebirge, die ewigen von der Natur selbst aufgerichteten Grenzen, den Ereignissen eine gewisse Richtung gaben und das Weltbild veränderten, indem sie die weitere Ausbreitung eines Volkes, das verwüstend durch die Länder zog, aufhielten, oder ein kleines Volk wie in einer uneinnehmbaren Festung einschlossen; wie diese starke Position, die Tatkraft eines Volkes zu wunderbarer Entfaltung brachte, während sie ein anderes zur Starrheit verdammte; die Geographie kann uns Aufschluß geben über den Einfluß der Lage eines Landes auf dessen Sitten, Gebräuche, seine Verwaltung und seine Gesetze; hierbei kann der Schüler erfahren, wie die Staaten entstehen, und daß es nicht allein die Menschen sind, die sie errichten, sondern daß die geographische Lage des Landes die Staatsform unmerklich herbeiführt und entwickelt; daß daher die Staatsformen etwas Heiliges sind und daß ihre Abschaffung unfehlbar das Unglück eines Volkes zur Folge haben muß.
IV
Die großen, universalen Ereignisse müssen in ein klares Licht gestellt und mit all ihren weltumwälzenden Folgen in den Vordergrund gerückt werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begnügen zu erklären, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die nächsten Folgen anführen, wie wenn sie abgehackte Äste aufschichteten, statt die Vorgänge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr verästeln, um endlich ganz zu verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und verklingen, wie ein mächtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt. Solche Ereignisse müssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder klar erkennt, daß sie die mächtigen Leuchttürme der Weltgeschichte sind, daß diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprünglichen Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerüst.
V
Jetzt noch ein Wort über die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des Professors muß hinreißend und feurig sein. Er muß die Aufmerksamkeit der Zuhörer im höchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen imstande wäre, seine Gedanken während der Vorlesung umherschweifen zu lassen, fällt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken seiner Zuhörer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn man es nicht an sich selbst erprobt hat, was für einen schlechten Einfluß es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hörer unmöglich macht, seine Gedanken, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf andre Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die größte Gelehrsamkeit nichts helfen, man wird ihn nicht anhören, ja, selbst die größten Wahrheiten werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einfluß auf die Hörerschaft bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken seelischen Erschütterungen; dann kann es häufig geschehen, daß die unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glänzender und anmutiger Form dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten scholastischen Regeln festhält, ohne doch selbst die dazu nötige geistige Überzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich darüber erheben, so fangen die Zuhörer an, ihren Lehrer zu verachten. Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht, zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die allerheiligsten Worte: wie Anhänglichkeit an die Religion, Vaterlandsliebe und Kaisertreue für sie etwas Banales. Leider können wir gar nicht selten beobachten, was das für furchtbare Folgen hat, und daher sollte man nie außer acht lassen, daß das Alter der Hörer das Alter der starken Eindrücke ist; man muß einen hinreißenden Schwung und eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schöne und Gute zu richten; und daher muß der Vortrag des Professors selbst von Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine Überzeugungen müssen so fest, so natürlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, daß die Zuhörer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor ihren Augen enthüllt hat. Der Vortrag des Professors muß sich zeitweise ins Erhabene steigern, er muß hohe Gedanken enthalten und erwecken, dabei aber muß er doch einfach und für jeden verständlich bleiben: wahrhafte Größe erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Größe ist — da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit begnügen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn verstehen. Um sich leicht verständlich zu machen, muß er nicht mit Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch weit klarer.
Diese Gleichnisse muß er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen Zuhörern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte verständlich. Er muß nicht zuviel reden; dadurch ermüdet er die Aufmerksamkeit seiner Hörer, denn eine allzu große Kompliziertheit der Gegenstände, ihr Übermaß erschwert es dem Zuhörer, alles in seinem Gedächtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors muß unbedingt ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie muß sich dem Geist des Zuhörers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen, und sie müssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll und was es tatsächlich enthält; dann werden auch sie bei der Wiedererzählung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und planlos eintritt.
VI
Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prüfung meiner selbst wie meiner Zuhörer halte ich folgenden Lehrplan für den besten:
Vor allem halte ich es für unbedingt notwendig, den Hörern eine vollständige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge, damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit einem Blick überschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch unmöglich ist, eine Stadt vollständig kennen zu lernen, indem man nur durch all ihre Straßen hindurchgeht, dazu muß man einen erhöhten Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handfläche vor einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte dargestellt werden muß.
Vor allem muß ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung nimmt. Ich muß zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehüllten und dem einfachen Volke noch unverständlichen Religionen schildern; die hebräische Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und ursprüngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich würde schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische Ängstlichkeit, gleich unübersteiglichen Mauern, voneinander getrennt waren, wie nur das Volk der Phönizier, dieses erste Seevolk der Alten Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie unfreiwillig miteinander in Berührung brachte, und wie der erste Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Völker gewaltsam zusammenschweißte; doch blieben die Sitten, die Religionen und die Staatsformen in all diesen Reichen unverändert; die Könige verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich unter eine höchste Gewalt, den König der Könige, den Beherrscher Persiens. Ich würde darstellen, wie diese Völker durch den gemeinschaftlichen Verkehr allmählich ihre Besonderheiten und ihre Nationalität verloren und zusammen mit dem König der Könige, der, fast wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus verfielen. — Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich muß nun schildern, wie sich hier das griechische Volk, diese höchste Blüte der Antike entfaltete; sein lebhafter Verstand, seine Wißbegierde, sein republikanischer Geist, seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich würde nun schildern, wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewöhnlichem Glanz entwickelte, wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen Gewalt unterwarf, und wie dieser große Mann den gigantischen Plan faßte, den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur überall hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden, wird die Stadt Alexandrien gegründet, der Held stirbt und mit ihm stürzt auch das Weltreich in Trümmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und ihre Früchte reifen; das berühmte alexandrinische Zeitalter bricht an, die ganze Alte Welt drängt sich in den Häfen Alexandriens, die griechischen Gelehrten weilen in allen Städten, die Nationalitäten verschwinden aufs neue, und die Völker schmelzen wieder zusammen. Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der Römer heran.
Ich würde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gütern bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen selbst bis in die Länder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr zu bieten vermag. Schon Cäsar setzt seinen Fuß auf Britanniens Boden, und der römische Adler weht über den Felsen von Albion ... Während dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder Völker aus, die andere Stämme verdrängen und vor sich herjagen und sie nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wälder Germaniens, und durch unpassierbare Sümpfe gegen die Römer gedeckt, machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetüm, das des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmählich haben alle Reiche ihre Unabhängigkeit verloren. Die ganze Welt ist in römische Provinzen eingeteilt. Die Römer eignen sich alles von den unterworfenen Völkern an — erst ihre Laster, dann auch die Kultur — wieder mischt sich alles durcheinander. Alle Menschen werden Römer — und doch gibt es keinen wahren Römer mehr. Und während lasterhafte Imperatoren, Prätorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoße unbemerkt ein gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des göttlichen Heilandes — und das ewige Wort ertönt, unverstanden von den Großen der Welt, in den Gefängnissen und Wüsten und erwartet geheimnisvoll die neuen Völker. Endlich senkt sich ein rätselhafter lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, während dessen die Kultur weder vorschreitet noch sich zurückentwickelt, Kraft und Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige Etikette und in jämmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt. Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Stoß, der wie ein elektrischer Funke die ganze Kette durchläuft: ein Volk drängt und jagt das andere vor sich her, dieses treibt das dritte vorwärts, und die am meisten vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des römischen Reiches, während die armseligen Welteroberer ihre letzten Kräfte zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter.
Ich würde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen entstehen und das Christentum annehmen. Ich würde die feudalen Rechte, die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mächtige Papst, der ursprünglich nur römischer Bischof war, zu einem gewaltigen Herrscher wird und seiner großen geistlichen Macht allmählich auch die weltliche hinzufügt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Römer von einem neuen starken Volk bedrängt und unterworfen, das ganz plötzlich und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird. Ich würde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Säbel in der Hand durch den Islam die Überbleibsel früherer griechischer Kultur verdrängt, und wie überraschend schnell diese herrliche Nation aus einem Eroberer zu einem Kulturträger wird, sich zu vollem Glanz entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie plötzlich erlischt und von den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem es ihnen den Islam als Erbe hinterläßt. Fast um dieselbe Zeit tauchten in Europa die Normannen, diese Korsaren der nördlichen Meere, auf: mit unerhörter Kühnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plündernd dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische Religion gegen das Christentum und führen Europa ihre Kraft und ihre Sitten zu.
Indessen wird der Papst allmählich der unumschränkte Beherrscher Europas, und selbst der von allen Völkern geachtete deutsche Kaiser wagt es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze Völker, Vasallen und Könige ihr Land und ihre Besitztümer, nähen das rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palästina. Ich würde erzählen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht — wie der Osten und der Westen und die beiden großen Mächte Islam und Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt das tiefreligiöse christliche Zeitalter. Ich würde darlegen, wie dann die religiöse Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des göttlichen Heilands gezogen hatte, überschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz ohne daß Europa es bemerkt, eine große, weltgeschichtliche Episode anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Größe unermeßliche Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Länder Asiens, die den Europäern unbekannt waren. In Europa besaßen nur die Klöster eigenes Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum, alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und gebietet zugleich — es ist das Jahrhundert der größten Zersplitterung und zugleich der größten Einheit. — Jeder unterwirft sich nur dem eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten, beschließen sie, sich von ihren Unterdrückern unabhängig zu machen und in Städten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Städte fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa, als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren Handel allmählich alle nordeuropäischen Staaten. Im Süden aber erblüht als Frucht der Kreuzzüge das durch seine Handelsgewalt so imponierende Venedig, diese Königin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer außerordentlich komplizierten und merkwürdigen Verfassung. Alle Reichtümer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hände über. So wie der Papst Europa durch seine religiöse Macht beherrscht, ebenso beherrscht es Venedig durch seinen unermeßlichen Reichtum. Der geistliche Despot ließ kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel zu zerstören, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Bürger Genuas durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schließlich müßte ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte plötzlich erweitert und der Handel des Mittelmeers zurückgeht. Die Europäer eilen habgierig nach Amerika und führen von dort Berge von Gold ein. Der Atlantische und der Große Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit dringen die päpstlichen Missionare bis in das nordöstliche Asien und Afrika vor, und die Welt tut sich fast plötzlich in ihrer unendlichen Größe auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmählich, an der Rechtmäßigkeit der päpstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschütterte jetzt ein Augustinermönch, Luther, die Macht des Papstes. Ich würde erzählen, wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mönches entstand, und wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich über die ganze Welt verbreitete, überall eindrang und einschlich und geheime Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte.
Aber je härter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter Krieg innerhalb und außerhalb der Staaten entbrannte plötzlich in ganz Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekämpft, sondern mit Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mönchs und Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die weltlichen Herrscher erstarken. Dann müßte man darstellen, wie sich Europa nach diesen Kriegen veränderte. Die einzelnen Staaten und Völker schließen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frühere Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehört. Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst entsteht in Europa ein Völkerbund, der mit Waffengewalt die Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen ergreifen unermüdliche holländische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewächse, sie reißen, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich, bis ein hervorragender Fürst, die Unantastbarkeit der Staaten mißachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich würde das glänzende Zeitalter schildern, das dieser König (Ludwig XIV.) herbeiführte; Frankreich strotzte förmlich von Erzeugnissen des Luxus, die französischen Fabriken, die französischen Gelehrten taten sich überall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa ein Rendezvous gab, und französische Sprache, französische Sitten und französische Etikette verbreitete sich über die europäische Welt. Aber indem dieser ehrgeizige König die Unantastbarkeit fremden Besitzes mißachtete und den holländischen Handel zugrunde richtete, zerstörte er auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Größe. Schnell macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht plötzlich als Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe — eines absoluten militärischen Despotismus; mit seinen stürmischen Bewegungen bringt er ganz Europa außer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf. Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt er seine schrecklichen Bündnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben stürzt, indem er einen Vorstoß nach Rußland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Härte des Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gestähltes Heer zugrunde richten. Rußland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen ließ, hält nun im weiten Nordosten in drohender Majestät die Wacht; die befreiten Staaten nehmen wieder ihr früheres Aussehen und ihre alten Formen an und schließen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes. Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen läßt, beginnt, sich allmählich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswürdige Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich aber auch wohltätiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das Wort aus Nazareth endlich sich über die ganze Welt ergießt.
Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollständige Skizze gefaßt wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden werden, dann wird nichts dem Gedächtnis der Zuhörer entschwinden, und in ihren Köpfen wird sich unwillkürlich ein Ganzes bilden. Und schließlich wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine vollständige Geschichte der Menschheit darstellen.
VII
Nach der Darstellung der ganzen Menschheitsgeschichte würde ich die Geschichte der einzelnen Staaten und Völker, die den großen Mechanismus der Weltgeschichte bilden, behandeln. Natürlich muß auch hier bei der Betrachtung jedes Einzelnen die Fülle und Abgeschlossenheit gewahrt werden. Ich muß die Geschichte jedes Staates mit einem Blick von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende umfassen, muß zeigen, wie ein Reich gegründet wurde, wann es seine höchste Macht und seinen höchsten Glanz erreichte, wann und warum es unterging (wenn es überhaupt unterging) und wie es die Gestalt annahm, die es noch heutzutage besitzt; wenn ein Volk vom Angesicht der Erde verschwunden ist, dann müßte man aufzeigen, wie ein neues an seine Stelle trat und was dies letztere von dem früheren übernommen hat.
VIII
Damit das Vorgetragene sich dem Gedächtnis noch tiefer einprägt, ist nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende Übersicht notwendig. Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfüllen, muß man sich bemühen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine Übersicht über alle Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die Besonderheiten der sie bewohnenden Völker hinzuweisen, damit die Zuhörer selbst ihre Schlüsse daraus ziehen können.
Zuerst müßte man mit Asien anfangen, dieser großen Wiege der jungen Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwälzungen, wo plötzlich ganze Völker von furchtbarer Größe auftauchen und ebenso plötzlich wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach der anderen für immer verschwinden, während die Regierungsformen und der Geist der Völker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer gleich hochmütig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft ergriffen; und ebenso schnell verfällt er wieder der Trägheit und dem tatenlosen Genußleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der großen Widersprüche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert ein Volk von unübersehbarer Menschenzahl mit unzähligen Roßherden sorglos von Ort zu Ort, während am anderen Ende, irgendwo in der Wüste, ein rasender Fanatiker, ganz blaß und abgemagert vom beständigen Fasten, über einer neuen Religion brütet, die einmal ganz Asien erfassen, das ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam in einen undurchdringlichen Panzer hüllen und es seinem Verderben entgegenführen soll; zugleich aber ist es möglich, daß dicht daneben ein anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von asiatischer Übersättigung, schon alle diese Phasen und Krisen längst hinter sich hat. Nur hier können diese merkwürdigen Gegensätze existieren, die wir an den Bäumen des Südens beobachten, wo sich an demselben Zweige eine Blüte entfaltet, eine andre schon eine Frucht ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte überreif zu Boden fällt.
Dann muß man zu Europa übergehen, dessen Geschichte einen ganz entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Völker im Gegensatz zu Asien viel länger und viel großartiger ist und alles Ordnung und Regelmäßigkeit atmet; hier bewegen sich die Völker Schritt für Schritt und in gemessenem Takte wie reguläre europäische Truppen; fast alle Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander verflochten, daß sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa verstanden werden können, und so erscheint Europa selbst fast wie ein einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter Prozeß zum Austrag: der Mensch erhob sich über die Natur, und die Natur ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprödigkeit brachte erst die unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, ließ ihn fühlen, wie hoch er über allem Irdischen stand, und ließ das Sein der Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der unermeßliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes über ihm, wie über seiner Heimat.
Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod darstellt, wo die Natur stets despotisch über den Menschen herrscht, wo sie ihn in ihrer königlichen Majestät immer wieder in seinen Urzustand, das sinnliche Leben, zurückstieß; wo kein einziges einheimisches, eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern Ländern vergeblich den Kampf mit der glühenden, afrikanischen Natur aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben.
Und endlich — Amerika, — diese Weltkolonie, dieses Babel aller möglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der großen Massen, die es umfaßt, noch aus unorganisierten Urkräften und Urelementen und gleicht, obwohl es aus lauter unabhängigen Staaten besteht, noch immer einer Kolonie.
Ein flüchtiger Überblick über die Geschichte eines jeden Erdteils in seinen am stärksten ausgeprägten Charakterzügen, die Darstellung der tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflächlichen Resultate, sind darum eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhörer zum Nachdenken veranlassen und Gedanken bei ihnen auslösen. Ihr Geist arbeitet schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Größe gegenübersieht. Solch ein Überblick ist schon deshalb so notwendig, weil er dieselben Objekte häufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen Gegenstand ganz zu verstehen, muß er von allen Seiten beleuchtet werden, oder, wie Schlözer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut, wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen Richtungen kennt.
IX
Daher ist es gut, nach Beendigung des Kursus die ganze Weltgeschichte noch einmal nach einzelnen Jahrhunderten gleichsam in Form eines Epilogs zu überblicken. Dann wird die Weltgeschichte wie eine Stufenfolge der Jahrhunderte vor uns stehen. Dabei muß man unbedingt darauf hinweisen, wodurch der Anfang, die Mitte und das Ende eines jeden Jahrhunderts gekennzeichnet sind, und ferner — seinen Geist und seine hervorstechenden Züge darstellen. Um jedes Jahrhundert genauer zu charakterisieren und eine gewisse Monotonie der Jahreszahlen zu vermeiden, würde ich es nach dem Namen des Volkes oder des Mannes bezeichnen, die sich in dem betreffenden Zeitraum weit über die andern emporschwangen und sich am intensivsten auf der Weltenbühne betätigten. Eine solche Stufenleiter der Jahrhunderte ist das beste Mittel, dem Gedächtnis der Zuhörer den Synchronismus der Ereignisse, der Erscheinungen und der Personen einzuprägen.
X
Mir scheint, daß solch eine Art des Unterrichts natürlicher wäre und der Wahrheit mehr entsprechen würde. Jedenfalls wird der, der die Erhabenheit der Geschichte im Tiefsten erfaßt hat, einsehen, daß sie nicht das Erzeugnis einer plötzlichen Eingebung, sondern die Frucht einer sorgfältigen Überlegung und Erfahrung ist; daß hierbei kein Epitheton, und kein einziges Wort nur aus Stilrücksichten oder eitler Schönrednerei verloren wurde, sondern daß es das Resultat eines langen Studiums der Weltchroniken ist; daß selbst der Entwurf einer allgemeinen und vollständigen Skizze der allgemeinen Weltgeschichte, der selbst, wenn er so kurz ist, wie das hier geschildert wurde, nicht anders möglich ist, als indem man die allerfeinsten und verwickeltsten Fäden der Geschichte aufgespürt und entwirrt hat, und daß nur die Liebe zur Wissenschaft, die einem zum Genuß ward, einen dazu bewegen konnte, seine Gedanken darzustellen, daß unser Zweck dabei die Herzensbildung der jungen Zuhörer durch jene gründliche Erfahrung ist, wie sie uns durch die Geschichte vermittelt wird, sofern wir sie nur in ihrer wahren Größe erkennen.
Sie sollen erkennen, daß wir nur einen Zweck im Auge haben, in unseren Zuhörern feste und männliche Grundsätze zu entwickeln, die fortan kein leichtsinniger Fanatiker und keine vorübergehende Erregung zu erschüttern vermögen — sie zu bescheidenen, demütigen, vornehmen Charakteren und zu nützlichen und notwendigen Mitarbeitern des großen Königs zu machen, auf daß sie weder im Glück noch im Unglück ihre Pflicht, ihren Glauben, ihre unantastbare Ehre und ihr Gelübde, treue Diener des Vaterlandes und des Kaisers zu sein, verletzen.
1832.
V
Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands[2]
I
Welch furchtbar armselige Rolle spielt doch das XIII. Jahrhundert in der Geschichte Rußlands. Hundert kleine Staaten, die einer Rasse entstammen, einen Glauben bekennen, eine Sprache sprechen, gemeinsame Charaktereigentümlichkeiten haben und — fast möchte es scheinen, gegen ihren Willen, durch Blutsverwandtschaft untereinander verbunden sind — alle diese kleinen Reiche waren so miteinander verfeindet, wie dies selbst unter verschiedengearteten Völkern nur selten vorkommt. Nicht Haß (denn einer wirklich starken Leidenschaft waren sie nicht fähig), auch nicht eine stetige Politik als Folge eines unbeugsamen Sinnes oder reifer Lebenserkenntnis waren es, die sie trennten: es war ein Chaos von Kämpfen um vorübergehender, momentaner Vorteile willen, und diese Streitigkeiten waren um so verderblicher, weil sie den Volkscharakter, der unter den starken normannischen Fürsten angefangen hatte, eine eigenartige Physiognomie anzunehmen, allmählich zersetzten. Die Religion, die die Völker mehr denn alles andere miteinander verbindet und erzieht, hatte nur wenig Einfluß auf sie; denn sie war damals noch nicht mit den Gesetzen und mit dem Leben verwachsen. Die Mönche, die Lehrer, ja sogar die Metropoliten waren Einsiedler, die sich in ihre Zellen zurückzogen und ihre Augen vor der Welt verschlossen; sie beteten zwar für alle Menschen, aber verstanden es nicht, mit Hilfe ihrer gewaltigen Waffe: des Glaubens — Macht über das Volk zu erringen und mit diesem Glauben die kleine Flamme des Glaubenseifers bis zum Enthusiasmus zu schüren, der doch allein imstande ist, junge Völker zu verbinden und sie für große Taten zu begeistern. Das war der große Unterschied gegenüber dem Westen, wo der allmächtige Papst ganz Europa mit seiner geistlichen Macht umspann, wie mit einem unsichtbaren Spinngewebe, wo sein allmächtiges Wort Streitigkeiten schlichtete oder entfachte, und wo die Bedrohung mit seinem furchtbaren Fluch die Leidenschaften und die noch halbwilden Völker bändigte. Hier waren die Klöster noch Zufluchtsstätten für die Menschen, die sich durch ihre Sanftmut und Güte von dem allgemeinen Charakter des Jahrhunderts abhoben. Nicht selten redeten die Geistlichen von ihren Höhlen und Klöstern aus den Teilfürsten ins Gewissen; aber ihre Ermahnungen blieben erfolglos, die Fürsten verstanden es nur, zu fasten und Kirchen zu bauen, damit glaubten sie, den Anforderungen des Christentums Genüge geleistet zu haben: es als ein Gesetz zu achten und sich seinen Geboten zu fügen, verstanden sie nicht. Die geringfügigsten Ursachen hatten endlose Kriege zur Folge. Das waren keine Kriege zwischen dem König und seinen Lehnsmännern oder der Vasallen untereinander — nein — das waren Zwistigkeiten zwischen Blutsverwandten, zwischen leiblichen Brüdern, Vätern und Kindern. Nicht Haß oder starke Leidenschaft fachten sie an — nein — der Bruder erschlug seinen Bruder um eines Stückes Land willen, oder auch nur um Mut und Kühnheit an den Tag zu legen. Welch schreckliches Beispiel für das Volk! Blutsverwandtschaft galt für nichts, denn die Bewohner zweier benachbarter Teile, die alle untereinander verwandt waren, waren jeden Augenblick bereit, mit der Wut von Wölfen übereinander herzufallen. Es war nicht ererbte Zwietracht, die sie antrieb, denn der Freund von heute wurde zum Feinde von morgen und umgekehrt. Das Volk hatte eine kaltblütige Bestialität angenommen: es mordete, ohne recht zu wissen warum. Kein starkes Gefühl, weder Fanatismus, noch Aberglaube, ja nicht einmal ein Vorurteil konnten es begeistern, und es schien, als seien alle starken und hohen menschlichen Leidenschaften in ihm erloschen; wenn zu jener Zeit ein Genie erschienen wäre, das den Wunsch gehabt hätte, mit diesem Volk etwas Großes zu vollbringen, es hätte keine Saite gefunden, bei der er es hätte fassen können, um diesen gefühllosen Körper aufzurütteln; es sei denn etwa die eiserne physische Kraft. Damals schien die „Geschichte“ gleichsam erstarrt zu sein und sich in „Geographie“ verwandelt zu haben: das einförmige Leben, das sich in den einzelnen Teilen regte, aber als Ganzes starr und unbeweglich dalag, konnte als geographisches Zubehör des Landes gelten.
II
Da nun trat ein wunderbares Ereignis ein. In Asien, im Herzen dieses Erdteils Asien, in diesen Steppen, die schon so viele Völker über Europa ausgegossen hatten, erhob sich jetzt das furchtbarste und zahlreichste von allen, dessen Eroberungszüge eine Ausdehnung annahmen, wie nie vorher. Die fürchterlichen Mongolen, mit ihren zahllosen Roßherden und Zeltwagen, wie sie in Europa noch nie gesehen worden waren, überfluteten Rußland, und mit echt asiatisch-barbarischer Freude bezeichneten sie ihren Weg durch flammende Rauchsäulen und Feuersbrünste. Diese Invasion unterwarf Rußland einer zweihundertjährigen Sklaverei und entzog es den Blicken Europas. War dies nun eine Rettung, indem es Rußland seine Selbständigkeit wahrte, da doch die Teilfürsten seine Integrität gegenüber den litauischen Eroberern kaum aufrecht erhalten hätten, oder war es eine Strafe für die fortwährenden Streitigkeiten — genug, dieses furchtbare Ereignis zog gewaltige Folgen nach sich: es erlegte den Fürstentümern Nord- und Mittelrußlands ein schweres Joch auf, schuf aber zugleich im Süden ein neues slawisches Geschlecht, ein Geschlecht dessen ganzes Leben in einem beständigen Kampf bestand und dessen Geschichte ich hier schildern will.
III
Am meisten hatte Südrußland unter den Tataren zu leiden gehabt. Niedergebrannte Städte und Felder, verkohlte Wälder, das alte Kiew in Trümmern, menschenleere Wüsten — das war der Anblick den dies unglückliche Land darbot. Die erschrockenen Einwohner flohen nach Polen oder nach Litauen; zahlreiche Edelleute und Fürsten wanderten nach dem Norden Rußlands aus. Schon früher war die Zahl der Bevölkerung in dieser Gegend sichtlich zurückgegangen. Kiew war längst nicht mehr die Hauptstadt, und die bedeutenderen Fürstentümer hatten sich nach Norden hinaufgezogen. Es schien, als hätte das Volk seine eigene Nichtigkeit erkannt, denn es verließ die Plätze, wo die bunte Natur ihre Erfindungskraft zu entfalten beginnt; herrliche, unübersehbare Steppen breiten sich hier aus und die verschiedenartigsten Gräser von gigantischer Höhe bedecken sie; hie und da steigen unvermittelt ganz mit wilden Kirschbäumen und Edelkirschen übersäte Hügel auf, oder es tut sich ein blumengeschmückter Abgrund vor uns auf, viele rauschende Flüsse schlängeln sich durch das Land und bilden entzückende Landschaftsbilder, gewaltig gleitet der Dnjepr wie ein leuchtendes Band mit seinen unersättlichen Stromschnellen zwischen großartigen, steilabstürzenden Ufern und durch unübersehbare Wiesen dahin — und dies alles erwärmt der milde Odem des Südens. — Das Volk verließ diese Gegenden und drängte sich nach den Teilen Rußlands, wo die Oberfläche der Erde einförmig glatt und eben, fast immer sumpfig ist, und wo ein paar elende Kiefern und Fichten aus dem Boden ragen; hier gibt es kein frischpulsierendes Leben voller Bewegung, sondern nur ein dumpfes Vegetieren, das wie ein schwerer Druck auf dem Geiste lastet. Es ist, als wäre damit die Wahrheit des Satzes bewiesen, daß nur ein starkes, lebens- und charaktervolles Volk Gegenden von großartiger Naturbeschaffenheit aufsucht, oder daß nur gewaltige und großartige Naturszenerien ein kühnes, leidenschaftliches, charaktervolles Volk hervorbringen können.
IV
Als der erste Schreck vorüber war, begannen allmählich Auswanderer aus Polen, Litauen und Rußland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stämme, die sich in Großrußland schon mit finnischen Völkerschaften zu vermischen begannen, aber sich hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesängen und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurückkehrenden Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Ländern auf den Fersen, mit denen sie sich durch längeres Beisammenleben allmählich vermischt hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander verbunden. Trotz der bunten Bevölkerung fehlte es hier an jenen Zwistigkeiten, die im Innern Rußlands nie aufhörten. Die von allen Seiten drohende Gefahr ließ den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von den furchtbaren Herdenbesitzern übel zugerichtete Kiew, die altehrwürdige Mutter der russischen Städte, blieb noch lange verarmt und konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nördlichen Rußlands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mönche und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen fort. Die Kunde von Kiew hört plötzlich auf, und obwohl dort eine Linie des russischen Fürstengeschlechts zurückblieb, geriet es für ein halbes Jahrhundert vollständig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzählen, daß es in der schrecklichsten Weise zerstört wurde, und daß die Beamten der Chane dort residierten — dann aber ist’s als hätte sich ein undurchdringlicher Vorhang darüber gebreitet.
V
Während so Rußland durch die Tataren zur Untätigkeit und Erstarrung verurteilt war, führte der große Heide Gedimin ein neues Volk auf den Schauplatz der Geschichte herauf — ein armes Volk, arm an Kultur und arm an Lebensmitteln —, es bewohnte die wilden Fichtenwälder im heutigen Weißrußland, hüllte sich in Tierfelle statt in Kleider, betete den Gott Perun an und beugte sein Knie in noch nie von der Axt berührten Hainen vor dem altehrwürdigen Feuer; dies Volk, das unter dem Namen der Litauer bekannt war, hatte ehemals den russischen Fürsten Tribut gezahlt. Nun aber wurde es unter seinem Fürsten Gedimin zu der bedeutendsten Macht in dem gewaltigen Nordosten Europas! Damals glichen die Städte, die Fürstentümer und die Völker des westlichen Rußland noch Stücken und Fetzen, die jenseits der Grenze des Tatarenjoches lagen. Sie bildeten kein Ganzes, und daher konnte auch der litauische Eroberer fast durch einen einzigen Angriff seines von ihm selbst geschaffenen heidnischen Heeres den ganzen Flächenraum zwischen Polen und dem tatarischen Rußland seiner Macht unterwerfen. Dann führte er sein Heer nach Süden in das Gebiet der wolhynischen Fürsten. Es ist nur natürlich, daß der Erfolg ihn überall begleitete. In Luzk stellte sich ihm der Fürst Leo entgegen und leistete ihm harten Widerstand, war aber doch nicht imstande, ihn zurückzuschlagen und sein Land zu behaupten. Gedimin setzte Gouverneure und Gemeindeälteste ein und zog weiter nach Süden, mitten ins Herz des südlichen Rußlands, nach Kiew. Dem Fürsten Leo von Luzk gelang es auf der Flucht, den Fürsten von Kiew, Stanislaus, zu überreden, dem furchtbaren Eroberer mit seiner wenig zahlreichen Streitmacht entgegenzutreten. Seine Truppen wurden noch durch verbündete Tataren verstärkt; aber alle ergriffen die Flucht vor dem mächtigen Litauer. Nachdem Gedimin den Feinden am Flusse Irpenj eine furchtbare Niederlage bereitet, zog er im Triumph in Kiew ein, das noch unter dem frischen Eindruck eines Einfalls der Tataren stand, und setzte dort den Fürsten Mindow Oljschansky, der eben den griechischen Glauben angenommen hatte, als Regenten ein. So entriß der litauische Eroberer den Tataren ein Stück Land, das fast vor ihren Augen gelegen war. Man sollte glauben, dies hätte einen Kampf zwischen den beiden Völkern zur Folge haben müssen, aber Gedimin war ein klarer und politischer Kopf, trotz seiner scheinbaren Wildheit und trotz des barbarischen Zeitalters. Er verstand es, sich die Freundschaft der Tataren zu erhalten, obwohl er über Länder herrschte, die er ihnen entrissen hatte, ohne ihnen Tribut zu zahlen. Dieser urwüchsige Politiker, der weder schreiben noch lesen konnte und einen heidnischen Gott anbetete, rührte nicht an die Sitten und die alten Regierungsformen der unterworfenen Völker, alles blieb beim alten, er bestätigte alle Privilegien und befahl seinen Gemeindevorstehern, die Landesgebräuche streng zu achten, und hinterließ bei seinem Zuge durchs Land nirgends Spuren der Verwüstung. Die absolute Bedeutungslosigkeit der herumliegenden Völker und seiner Zeitgenossen lassen seine Gestalt zu ungeheuren Dimensionen emporwachsen. Er starb im Jahre 1340, seine Leiche wurde auf ein Pferd gesetzt, und er wurde nach der heidnischen Sitte der Litauer mitsamt seinem Waffenträger, seinen Jagdhunden und Falken verbrannt. Ihm folgten Oljgerd und Jagello auf dem Thron, zwei ebenso starke Charaktere, die noch weiter zum Aufschwung Litauens beitrugen, indem sie den angegliederten Ländern gegenüber dieselbe Politik verfolgten wie er.
VI
So trennte sich das südliche Rußland unter dem mächtigen Schutz der litauischen Fürsten ganz von dem Norden. Jede Verbindung zwischen ihnen hörte auf; es bildeten sich zwei Reiche, die einen und denselben Namen Rußland führten, das eine unter dem Joch der Tataren — das andere unter demselben Zepter wie Litauen. Aber alle näheren Beziehungen zwischen ihnen hörten auf; andere Gesetze, andere Sitten, andere Ziele, andere Verhältnisse und andere Taten schufen mit der Zeit ganz verschiedene Charaktere. Zu ergründen, in welcher Weise dies geschah, bildet den Zweck unserer Geschichte. Aber vor allem müssen wir einen Blick auf die geographische Lage dieses Landes werfen, damit müssen wir durchaus beginnen, denn von der Beschaffenheit des Bodens hängt die Lebensweise, ja sogar der Charakter eines Volkes ab. Gar vieles in der Geschichte läßt sich durch die Geographie erklären.
Dieses Land, das später den Namen der „Ukraine“ erhielt, erstreckt sich im Norden bis zum fünfzigsten Grad nördlicher Breite und ist eher flach als gebirgig. Hier begegnen wir häufig kleinen Hügeln, aber keiner zusammenhängenden Gebirgskette. In dem nördlichen Teil gibt es zahlreiche Wälder, die ehemals ganze Herden von Bären und Wildschweinen beherbergten. Der südliche Teil liegt ganz offen da und stellt ein weites Steppenland von üppiger Fruchtbarkeit dar, das aber nur hie und da mit Getreide bestellt ist. Dieser herrliche, jungfräuliche Boden bringt aus sich selbst eine verschwenderische Fülle der mannigfaltigsten, verschiedenartigsten Gräser hervor. Hier trieben sich ganze Scharen von Steppenantilopen, Hirschen und wilden Pferden herum. Vom Norden nach Süden zieht sich der mächtige Dnjepr durch das Land, umsponnen von einem ganzen Netze kleinerer Nebenflüsse, die in ihn münden. Sein rechtes Ufer ist gebirgig und bietet anmutige und zugleich wilde Landschaftsbilder dar; das linke besteht ganz aus Wiesen, die mit kleinen Wäldern bedeckt sind und meist unter Wasser stehen. Unweit der Mündung des Dnjepr ins Meer bilden schroff aus dem Flußbett aufsteigende Felsen zwölf Stromschnellen, sie unterbrechen die Strömung und machen die Schiffahrt sehr gefährlich. In ihrer Nähe gab es viele sogenannte Sugaken, wilde Ziegen mit weißlich-glänzenden Hörnern und atlasweichem Fell. Früher war der Wasserstand des Dnjepr höher, sein Flußbett breiter, und er überschwemmte die Wiesen an seinem Ufer auf größere Strecken hin. Wenn das Wasser sinkt, ist das Bild überraschend schön: alle Bodenerhöhungen treten hervor und bilden unzählige, grüne Inseln inmitten der unabsehbaren Gewässer des Ozeans. Nur ein einziger schiffbarer Fluß, die Desna, mündet in den Dnjepr, sie fließt durch die nördliche Ukraine, mit ihren bewaldeten Ufern, die fast immer überschwemmt sind; aber auch dieser Fluß ist nur stellenweise befahrbar. Außerdem gibt’s im Norden noch den Oster und einen Teil des Sseim, im Süden die Ssula, den Psjoll mit einer Reihe schöner Landschaftsbilder, den Chorol und andere; aber keiner von all diesen Flüssen ist schiffbar. Verkehrswege gibt es nicht; die Produkte konnten nicht ausgetauscht werden, und daher konnte sich hier auch kein handeltreibendes Volk ansiedeln. Alle Flüsse verzweigen sich in der Mitte; keiner von ihnen bildete durch seinen Lauf eine natürliche Grenze zwischen den benachbarten Völkern. Im Norden lag Rußland, im Osten hausten die Kiptschatskischen, im Süden die Krimschen Tataren, im Westen lag Polen und überall offenes Land — die Grenzen wurden durch Steppen und weite Ebenen gebildet. Hätte es auch nur von einer Seite eine natürliche Grenze in Form eines Gebirges oder eines Meeres gegeben, so hätte das hier wohnhafte Volk sich sicherlich sein politisches Wesen bewahrt und ein selbständiges Reich gebildet. Aber das offene, unbeschützte Land wurde die beständige Beute von Überfällen und Verwüstungen, — es wurde ein Platz, auf dem drei feindliche Nationen aufeinanderstießen, den Boden mit Knochen düngten und mit Blut tränkten. Ein Überfall der Tataren zerstörte die ganze Arbeit des Landmanns; die Wiesen und Felder wurden von den Hufen der Rosse zerstampft oder niedergebrannt, die leichtgebauten Hütten bis auf den Grund niedergerissen und die Einwohner vertrieben oder mitsamt ihrem Vieh in die Gefangenschaft geführt. Das war ein Land des Schreckens; und daher konnte hier nur ein kriegerisches, durch Zusammenschluß starkes Volk erstehen — ein tollkühnes Volk, dessen ganzes Leben von Kriegen erfüllt, und das in Krieg und Schlachten gesäugt und aufgezogen war. Freiwillige und unfreiwillige Auswanderer, heimatlose Wanderer, die nichts zu verlieren hatten, Menschen, deren Leben keinen Heller wert war, deren zügelloser Wille sich keiner Macht und keinem Gesetz fügen wollte, und denen überall der Galgen drohte, zogen in dies Land und wählten diesen äußerst gefährlichen Ort, in unmittelbarer Nähe der asiatischen Eroberer der Tataren und Türken, zu ihrem Aufenthalt. Diese zusammengewürfelte Menschenmenge wuchs immer mehr an, vermehrte sich und bildete schließlich ein ganzes Volk, das seinen Charakter, ja, ich möchte sagen, sein Kolorit der ganzen Ukraine mitteilte — es vollzog sich ein Wunder — die friedlichen slawischen Stämme verwandelten sich unter seinem Einfluß in ein kriegerisches Volk, das unter dem Namen Kosaken bekannt ist und eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Geschichte Europas bildet; vielleicht war nur dies Volk imstande, die verheerende Überschwemmung durch die beiden mohammedanischen Stämme, die Europa zu verschlingen drohte, zurückzudämmen.
VII
Das erste Auftauchen der Kosaken fällt, wenn nicht ins Ende des XIII., so doch in den Anfang des XIV. Jahrhunderts, in das Jahrhundert, wo der starke Glaubenseifer in Europa noch nicht erloschen war, und wo sich plötzlich fast an allen Orten Brüderschaften und Ritterorden bildeten, ganz im Widerspruch zu der damaligen allgemeinen Zersplitterung; diese Genossenschaften legten sich mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung alle möglichen Opfer auf, entsagten den gewöhnlichen Lebensgewohnheiten der Ehe und wurden zu unbeugsamen Hütern der geistigen Güter der Welt, und zu ehernen Beschützern des christlichen Glaubens. Je schwächer der Zusammenhang der damaligen Staaten untereinander war, desto mächtiger wuchs die furchtbare Macht dieser Verbindungen an. Die Verbreitung des Islam und das Erstarken der jungen, mächtigen mohammedanischen Völker, die schon in Europa eingedrungen waren, trugen auch zu ihrem Wachstum bei. Der Geist dieser Brüderschaften drang überallhin — er faßte nicht nur unter den Rittern Fuß — aber allerdings waren ihre Ziele und Zwecke nicht immer dieselben. Um diese Zeit entstand in der Nähe der Stromschnellen ein Städtchen, oder eine Ansiedlung mit Namen Tscherkassy, die von kühnen Einwanderern gegründet war; ihr Name erinnert an Bewohner des Kaukasus, denen auch von vielen die Gründung des Städtchens zugeschrieben wird, denn dies war der Hauptsammelplatz und Aufenthaltsort der Kosaken. Anfänglich zwangen die häufigen Einfälle der Tataren in den nördlichen Teil der Ukraine die Bewohner, sich durch die Flucht zu retten, sich den Kosaken anzuschließen und ihre Zahl zu vergrößern. Das war ein bunter Haufen der allerverwegensten Vertreter der angrenzenden Nationen. Wilde Bergbewohner, verarmte Russen, polnische Leibeigene, die sich dem Despotismus ihrer Herren entzogen hatten, ja sogar abtrünnige Mohammedaner oder Tataren haben vielleicht den ersten Grund zu dieser merkwürdigen Gesellschaft am anderen Ufer des Dnjepr gelegt, die sich später, gleich den Ordensrittern, den beständigen Kampf mit den Ungläubigen zum Ziel setzte. Dieser Menschenhaufen besaß keine Befestigungen und keine einzige Burg. Erdhütten, Höhlen und allerhand Schlupfwinkel zwischen den Felswänden des Dnjepr, die häufig unter dem Wasser, oder auf den Inseln, oder im dichten Steppengras gelegen waren, dienten ihnen zum Versteck für sich selbst und die zusammengeraubten Schätze. Die Nester dieser Räuber waren unsichtbar; sie kamen plötzlich herangeflogen, bemächtigten sich ihrer Beute und verschwanden dann wieder. Sie bekämpften die Tataren mit deren eigenen Waffen, das heißt, sie wandten dabei die Kriegsführung der Asiaten an und führten Überfälle auf sie aus. Da ihr Leben unter dem beständigen Druck der Angst stand, wollten auch sie ihrerseits ein Schreckbild für ihre Nachbarn sein. Die Tataren und Türken mußten jeden Augenblick eines Überfalls seitens dieser unerbittlichen Bewohner der Stromschnellen gewärtig sein. Die mohammedanischen Nachbarn wußten nicht, welchen Namen sie diesem verhaßten Volk geben sollten. Wenn einer dem anderen seine tiefste Verachtung ausdrücken wollte, so nannte er ihn einen Kosaken.
VIII
Ein großer Teil dieser Gesellschaft bestand aus den ursprünglichen autochthonen Bewohnern des südlichen Rußland. Ein Beweis dafür ist ihre Sprache, die, obwohl sie viele tatarische und polnische Worte in sich aufgenommen, immer ihren reinen südslawischen Charakter bewahrt hat, der dem damaligen russischen sehr ähnlich war, und ein fernerer Beweis ist ihr Glaube, der immer der griechisch-katholische blieb. Jeder hatte freien Zutritt zu dieser Gemeinschaft, nur mußte er unbedingt den griechischen Glauben annehmen. Diese Gesellschaft trug alle Merkmale, die einer Räuberbande eigen sind, an sich; aber wenn wir näher zusehen, so finden wir hier Keime eines politischen Organismus und eines charaktervollen Volkes, das sich gleich zu Anfang seiner Existenz ein wichtiges Ziel gesetzt hatte, — den Kampf mit den Ungläubigen und die Reinerhaltung der eigenen Religion. Das waren jedoch keine strengen katholischen Ritter, sie erlegten sich weder Gelübde noch Fasten auf; sie kasteiten sich nicht durch Enthaltsamkeit und Abtötung des Fleisches; sie waren unbändig wie die Stromschnellen ihres Dnjepr und vergaßen die ganze Welt bei ihren wilden Gelagen und wüsten Festen. Die enge Verbrüderung, die unter den Mitgliedern einer Räuberbande herrscht, verband auch sie miteinander. Alles war Gemeingut — der Wein, das Geld und ihre Wohnstätten. Die ewige Angst, die ewige Gefahr flößte ihnen eine eigentümliche Lebensverachtung ein. Der Kosak kümmerte sich mehr um sein volles Maß Wein, als um sein Schicksal. Aber bei ihren Überfällen bewiesen sie Gewandtheit, Schärfe des Geistes und eine große Geschicklichkeit, aus jedem Umstande Nutzen zu ziehen. Man mußte diesen Bewohner der Stromschnellen in seiner halb tatarischen und halb polnischen Tracht, die so recht den Grenzbewohner verrieten, sehen, wenn er mit asiatischer Gewandtheit auf seinem Roß dahinsprengte, im dichten Steppengras verschwand, dann wieder mit der Schnelligkeit eines Tigers aus seinem unsichtbaren Schlupfwinkel hervorstürzte oder ganz in Schlingpflanzen und Schlamm gehüllt als Schreckgespenst aus dem Sumpf oder Fluß vor dem fliehenden Tataren auftauchte. Nach solch einem Überfall bummelte und zechte derselbe Kosak mit seinen Kameraden herum, vergeudete und verschleuderte die erbeuteten Schätze, war sinnlos betrunken und lebte sorglos dahin, bis zu einem neuen Kriegszug, wenn nicht die Tataren ihn überrumpelten, die Sorglosen im betrunkenen Zustand auseinandertrieben und ihre Ansiedlung bis auf den Grund zerstörten. Doch bald entstand, wie durch ein Wunder, die Ansiedlung aufs neue, und ein verheerender, furchtbarer Ausfall gegen die Tataren rächte die erlittene Schmach. Und wieder begann das alte sorglose und zügellose Leben.
IX
Es schien fast, als sollte die Existenz dieses Volkes ewig sein. Es verminderte sich nie, die Ausscheidenden, die Erschlagenen und Ertrunkenen wurden immer wieder ersetzt. Dieses fröhliche Leben übte seine Anziehungskraft auf jedermann aus. Das war ja noch jene poetische Zeit, wo man mit dem Säbel in der Hand alles erreichen konnte, und wo jeder einzelne nicht Zuschauer, sondern handelnde Person sein wollte. Die Kolonie nahm allmählich einen ganz eigenartigen, allgemeinen Charakter an, aus ihr bildete sich eine eigene Nationalität heraus, und je näher das XV. Jahrhundert herankam, desto mehr vergrößerte sie sich durch neuen Zuzug. Allmählich entstanden ganze Flecken und Dörfer mit Häusern, die von Familien bewohnt wurden, und sich in der Nähe dieses trotzigen Bollwerks ansiedelten, um unter der Bedingung gewisser Verpflichtungen ihren Schutz zu genießen. So geschah es, daß das Land um Kiew herum verödete, und sich dagegen am jenseitigen Ufer des Dnjepr immer mehr und mehr bevölkerte. Durch die Berührung und den Verkehr mit den Kosaken wurden auch die verheirateten Männer, die Familienväter, allmählich immer kriegerischer gesinnt. Der Säbel und der Pflug schlossen Freundschaft untereinander und fanden sich bei jedem Landmann zusammen. Verwegene Hagestolze fingen an, nicht nur Gold, Geld und Rosse, sondern auch Tatarenfrauen und -töchter zu rauben, die sie nachher heirateten. Durch diese Vermischung erhielten die Gesichter, die ehemals einen recht verschiedenartigen Völkertypus aufwiesen, eine mehr gleichartige asiatische Physiognomie. Und so entstand ein Volk, das seinem Glauben und seinem Wohnort nach zu Europa gehörte, aber nach seinen Sitten, nach seiner Tracht und Lebensweise vollkommen asiatisch war, ein Volk, in dem zwei verschiedene Weltteile zusammentrafen, und zwei völlig anders geartete Elemente sich untereinander mischten: europäische Vorsicht und asiatische Sorglosigkeit, Treuherzigkeit und Verschlagenheit, kräftige Aktivität und grenzenlose Trägheit und Verzärtelung, das Streben nach Fortschritt und Vervollkommnung — und zugleich der Wunsch sich den Anschein zu geben, als verachte man jeglichen Fortschritt und jede Vervollkommnung.
1832.
VI
Einige Worte über Puschkin
Bei dem Namen Puschkin steigt sofort der Gedanke an Rußlands nationalen Dichter auf. Und in der Tat — es gibt keinen unter unseren Dichtern, der höher stände, keiner kann mit mehr Recht national genannt werden, als er. Daher gebührt dieser Titel vor allem ihm, wie keinem andern. In ihm ist, wie in einem Wörterbuch, der ganze Reichtum, die ganze Kraft und Geschmeidigkeit unserer Sprache niedergelegt. Er hat mehr, denn je ein anderer, ihre Grenzen erweitert und uns ihre gewaltigen Dimensionen offenbart. Puschkin ist eine ganz außerordentliche Erscheinung, ja vielleicht die erste und einzige, die der russische Geist hervorgebracht hat, das ist der russische Mensch in seiner höchsten und letzten Ausprägung, wie er sich uns vielleicht erst in zwei Jahrhunderten darstellen wird. In ihm spiegelt sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache und der russische Charakter in einer solch reinen sublimen Schönheit, wie eine Landschaft auf der konvexen Oberfläche eines optischen Glases.
Schon sein Leben war echt russisch. Die freie Ungebundenheit und Fülle, nach der es den Russen verlangt, wenn er sich für einen Augenblick selbst vergißt, und die eine so starke Anziehungskraft auf die frische russische Jugend besitzt, sind auch für die ersten Jahre charakteristisch, während der er die große Welt betritt. — Wie mit Absicht führte ihn das Schicksal gerade dorthin, wo die Grenzen Rußlands durch Schroffheit und charaktervolle Majestät der Natur bezeichnet werden, wo die grenzenlose russische Ebene vom Südwind umfächelt und von steil in die Wolken ragenden Bergen unterbrochen wird. Der gigantische, mit ewigem Schnee bedeckte Kaukasus, der mitten aus der heißen südlichen Ebene emporsteigt, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, man kann sagen, er erweckte die Kräfte seiner Seele und sprengte die letzten Ketten, die den freien Gedanken noch beschwerten. Das poesievolle, zügellose Leben der verwegenen Bergbewohner, ihre ständigen Zusammenstöße und ihre plötzlichen unwiderstehlichen Überfälle entzückten ihn. Und seit jener Zeit erhielt sein Pinsel jenen wunderbaren Schwung und jene Kühnheit, die das ganze Rußland, das erst eben zu lesen begonnen hatte, so tief ergriff. Wenn er den Kampf eines Tschetschenzen mit einem Kosaken schildert, dann sind seine Worte wie Blitze; sie funkeln wie eine blanke Säbelklinge und stürmen schneller dahin, als die Wogen der Schlacht. Nur er versteht es, den Kaukasus zu besingen; er ist mit seiner ganzen Seele, mit allen seinen Sinnen in ihn verliebt; er ist ganz erfüllt, ganz durchdrungen von der Schönheit seiner Landschaft, vom südlichen Himmel, von den herrlichen, Grusischen Ebenen, von den berauschenden Nächten und Gärten der Krim. Das macht wohl, daß er in all seinen Werken da am wärmsten und feurigsten ist, wo seine Seele vom Hauch des Südens getroffen wird. Unwillkürlich setzt er hier seine ganze Kraft ein, und daher übten auch seine Schöpfungen, die, vom Kaukasus handelnd, vom freien Leben der Tscherkessen und den Nächten der Krim erfüllt sind, jenen herrlichen magischen Zauber aus; selbst die, denen es an Geschmack fehlte, und deren geistige Fähigkeiten nicht ausreichten, um ihn zu verstehen, waren von ihnen entzückt. Das Kühne ist am leichtesten verständlich, es weitet die Seele mächtig und gewaltig aus, vor allem die der Jugend, die es immer nach Ungewöhnlichem dürstet. Kein einziger Poet in ganz Rußland hatte ein so beneidenswertes Schicksal wie Puschkin. Der Ruhm keines einzigen hat sich so schnell verbreitet, wie der seine. Alle fühlten sich verpflichtet, bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einige von den herrlichen, glänzenden Stellen aus seinen Werken zu zitieren, oder doch wenigstens zu verballhornisieren. Schon sein Name allein hatte etwas Elektrisierendes; ein müßiger Tintenkleckser brauchte ihn nur in einer seiner Arbeiten zu erwähnen, und sie wurde überall gelesen[3].
Schon bei seinem ersten Auftreten war er durch und durch national; denn die wahre Nationalität besteht ja nicht in der Beschreibung eines russischen Sarafans, sondern in dem Geist eines Volkes. Ein Dichter kann auch dann noch national bleiben, wenn er ganz fremde Welten darstellt, nur muß er sie mit seinen Augen durch sein nationales Element hindurch, mit den Augen seines Volkes anschauen, er muß so reden und fühlen, daß seine Landsleute meinen, sie seien es selbst, die so fühlten und redeten. Wenn man von den Eigenschaften sprechen will, die die Vorzüge Puschkins im Vergleich mit anderen Schriftstellern bilden, so muß man sagen, daß sie in der außergewöhnlichen Kürze seiner Schilderungen und in der seltenen Kunst liegen, einen Gegenstand mit ein paar Strichen zu zeichnen. Seine Epitheta sind so kühn und treffend, daß sie oft eine lange Umschreibung ersetzen, sein Pinsel stürmt förmlich dahin. Ein kleines Werk von ihm ist stets ebensoviel wert, wie eine ganze große Dichtung. Man kann kaum von einem anderen Dichter sagen, daß bei ihm in einem kleinen Stücke so viel Größe, Schlichtheit und Kraft enthalten sei, wie bei Puschkin. Aber seine letzten Werke, die er in der Zeit verfaßte, als der Kaukasus mit seiner schroffen Majestät, mit seinen mächtigen in die Wolken ragenden Gipfeln seinen Blicken entschwunden war, als er sich ins Herz Rußlands zurückzog und sich tiefer in die schlichte Ebene, in das Studium des Lebens und der Sitten seiner Landsleute versenkte, als er ein echt nationaler Dichter sein wollte — diese seine letzten Dichtungen überraschten nicht mehr durch die Farbenpracht und die blendende Kühnheit, die all seine Werke erfüllte, wenn er vom Elbrus, von den Bergvölkern des Kaukasus, von der Krim und Grusien erzählte.
Ich glaube, diese Erscheinung ist nicht schwer zu erklären. Alle Leser, die gebildeten und ungebildeten waren von seiner kühnen Pinselführung und dem Zauber seiner Bilder entzückt und verlangten stürmisch, er solle volkstümliche und historische Themata zum Gegenstand seiner Poesie machen, sie vergaßen, daß man doch unmöglich das ruhige und weniger von Leidenschaften erfüllte russische Leben mit denselben Farben malen konnte, wie die Berge des Kaukasus und seine freien Bewohner. Die Masse des Publikums, die sozusagen die Nation ausmacht, ist sehr seltsam in ihren Anforderungen und Wünschen; sie schreit: „Schildere uns, so wie wir sind, völlig wahrheitsgetreu, stelle die Taten unserer Ahnen dar, und zwar so, wie sie sich wirklich vollzogen haben.“ Aber, wenn es der Dichter dann versucht, ihrem Ruf Folge zu leisten, und alles wahrheitsgetreu, d. h. ganz so wie es sich abspielte, zu schildern, dann heißt es gleich: „Das ist matt, das ist schwach, das ist schlecht, es entspricht durchaus nicht der Wahrheit.“ Die Masse des Volkes gleicht in dieser Hinsicht einer Dame, die bei einem Maler ein Porträt bestellt, und den Wunsch äußert, er solle es so ähnlich wie möglich machen; aber weh ihm, wenn er es nicht versteht, alle ihre Fehler zu verhüllen! Die russische Geschichte nimmt erst in ihrer letzten Epoche unter den Zaren eine große Lebhaftigkeit an; bis dahin war der Charakter des Volkes meist recht farblos, die verschiedenen Abstufungen der Leidenschaften waren ihm unbekannt. Den Poeten trifft keine Schuld; aber auch dem Volk kann man sein Gefühl nicht übelnehmen, das es verleitet, den Taten seiner Vorfahren größeren Wert beizulegen. Daher hat der Poet zwei Möglichkeiten: entweder sein Pathos höher emporzuschrauben, dem Schwächlichen größere Kraft einzuflößen, mit Feuer von Dingen zu reden, die in sich selbst keine starke innere Wärme haben, dann ist die Masse seiner Verehrer, die Masse des Volks auf seiner Seite und zugleich mit ihr das Geld; oder er muß der Wahrheit treu bleiben, groß sein, wo auch das Thema groß ist, kühn und schroff sein, wo wahrhafte Kühnheit und Schroffheit sich zeigt, ruhig und still bleiben, wo auch die Ereignisse nicht sieden und brodeln. Dann aber kann er der Masse „Lebewohl“ sagen. Sie wird ihm nicht zujubeln, es sei denn, daß der Gegenstand, den er darstellt, schon an und für sich so groß und gewaltig ist, daß er einen allgemeinen Enthusiasmus entfachen muß. Der Dichter vermied den ersten Weg, eben weil er Dichter bleiben wollte, und weil ein jeder, der nur einen Funken des heiligen Berufes in sich fühlt, ein so feines Empfinden hat, das es ihm nicht erlaubt, sein Talent durch solche Mittel zu offenbaren. Niemand wird leugnen, daß ein wilder Bergbewohner mit seiner kriegerischen Tracht, der so frei wie die Freiheit selbst, der sein eigener Herr und Richter ist, einen viel stärkeren Eindruck macht, als irgendein Assessor; und obgleich der erstere seinen Feind getötet, nachdem er ihm in einer Felsspalte auflauerte, oder ein ganzes Dorf niedergebrannt hat, so erscheint er uns doch viel bedeutender und interessanter und erweckt immer in weit höherem Grade Mitleid, als unser Beisitzer in seinem fadenscheinigen, mit Tabakflecken beschmutzten Frack, der, ohne es zu wollen, nur auf dem Wege von allerhand Nachforschungen und Nachprüfungen eine Reihe von allen möglichen Leibeigenen und Freien ins Elend gebracht hat.
Aber der eine wie der andere sind beides Erscheinungen, die unserer Welt angehören; sie haben beide ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, obwohl aus einem ganz natürlichen Grunde das, was wir seltener sehen, unsere Phantasie weit stärker erregt, und so ist der Umstand, daß der Dichter das Gewöhnliche dem Ungewöhnlichen vorzieht, nichts anderes als eine falsche Rechnung des Dichters — eine falsche Rechnung gegenüber seinem zahlreichen Publikum — aber freilich nicht gegenüber sich selbst. Dadurch verliert er nicht, nein, er gewinnt vielleicht sogar noch an Wert, allerdings wohl nur in den Augen einiger weniger Sachkundiger. Bei dieser Gelegenheit fällt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Ich hatte immer eine gewisse Leidenschaft für die Malerei. Ich interessierte mich besonders für eine Landschaft, die ich gemalt hatte, und in deren Vordergrunde sich ein verdorrter Baum erhob. Ich lebte damals auf dem Lande, die Kunstkenner und die Richter, die über mich zu urteilen hatten, waren meine Nachbarn. Einer von ihnen warf einen prüfenden Blick auf das Bild, schüttelte den Kopf und sagte: — „Ein guter Künstler wählt sich immer einen schönen, schlanken Baum mit jungen, frischen Blättern und nicht einen vertrockneten.“ In meiner Kindheit verdroß es mich, solche Urteile zu hören, aber später habe ich daraus eine Lehre gezogen: man muß wissen, was der Masse gefällt und was ihr nicht gefällt. Die Werke Puschkins, die aus der russischen Natur herauswachsen, sind ebenso still und leidenschaftslos, wie die russische Natur. Nur der kann sie ganz verstehen, dessen Seele wahrhaft russische Elemente in sich trägt, der Rußland seine Heimat nennt, dessen Geist so zart organisiert ist und dessen Gefühl so fein zu empfinden gelernt hat, daß er die scheinbar unbedeutenden russischen Lieder und den russischen Geist nachempfinden kann; denn je alltäglicher der Gegenstand ist, desto höher muß der Dichter stehn, um aus ihm das Ungewöhnliche an die Oberfläche zu ziehen, und zwar so, daß dieses Ungewöhnliche zugleich die lauterste Wahrheit darstellt. In der Tat: sind Puschkins letzte Werke auch in ihrem ganzen Werte erkannt worden? Hat auch nur einer den Boris Godunow richtig verstanden und seine Bedeutung begriffen, dieses große und tiefe Werk, voll innerer, unnahbarer Poesie, das jeden groben, bunten Schmuck verschmäht, der der Masse ins Auge sticht. Jedenfalls ist nie ein richtiges Urteil über diese Werke gedruckt worden, und sie sind bis heute so gut wie unbeachtet geblieben.
In seinen kleinen Schriften, dieser herrlichen Anthologie ist Puschkin außerordentlich vielseitig, hier erscheint er noch umfassender und bedeutender als in seinen Dichtungen. Einzelne von diesen kleinen Werken haben etwas so Packendes und Blendendes, daß sie ein jeder verstehen kann, aber der weitaus größte Teil unter ihnen, und zwar die allerschönsten erscheinen der großen Masse unbedeutend und gewöhnlich. Um sie zu verstehen, muß man einen ganz besonderen Spürsinn und einen viel feineren Geschmack haben, als ihn ein Mensch besitzt, auf den nur die allergrößten und hervorstechendsten Züge wirken. Hierzu muß man der groben, schweren Speisen längst überdrüssig, man muß in gewissem Maße Sybarit sein, dem nur kleine Vögel von der Größe eines Fingerhuts oder solche Gerichte Genuß gewähren, deren Geschmack dem fade, seltsam und unangenehm erscheinen muß, der an die Gerichte seines Kochs, eines Leibeigenen vom Lande, gewöhnt ist. Diese Sammlung seiner kleinen Gedichte stellt eine Reihe blendender Bilder dar. Es ist jene klare Welt, erfüllt von jenen Zügen, die nur den Alten bekannt waren, jene Welt, in der die Natur so lebendig zu uns spricht und sich so hell wiederspiegelt, wie in der silbernen Flut eines Flusses, aus dem plötzlich ein blendendweißer Nacken, schneeweiße Hände und ein Alabasterhals, umschattet von nachtschwarzen Locken — oder kristallene Trauben, Myrten und schattige Haine leuchtend emportauchen, als wären sie für das Leben geschaffen. Hier ist alles beisammen: Genuß, Einfalt und ein plötzlicher Höhenflug des Gedankens, der die begeisterte Seele des Lesers plötzlich mit heiligem Schaudern umfängt.
Das sind keine Kaskaden einer Rhetorik, die nur durch Wortreichtum gefällt und in denen ein jeder Satz nur deshalb so wuchtig wirkt, weil er sich mit andern verbindet und durch das Getön der ganzen Masse betäubt, aber einzeln betrachtet, schwach und inhaltsleer erscheint. Hier fehlt jede Beredsamkeit, hier gibt es nur Poesie. Es fehlt jeder äußere Glanz, alles ist einfach, anständig, von nur innerer Klarheit erfüllt, die sich jedoch nicht sofort offenbart. Hier ist alles lakonisch, wie die wahre Poesie es immer ist. Es sind immer nur wenige Worte, aber sie sind so treffend, daß sie alles sagen. In jedem Worte liegt ein ganzer unendlicher Abgrund beschlossen, jedes Wort ist so unerschöpflich wie der Dichter selbst. So kommt es, daß man diese kleinen Werke immer wieder liest, während dieser hohe Vorzug einem Werke fehlt, in dem der Grundgedanke allzu klar hervorleuchtet. Es war mir immer merkwürdig, Urteile von Männern, die den Ruf von Kunstkennern und Literaten hatten, über diese Werke zu hören; hatte ich ehemals doch viel auf sie gegeben, ehe ich ihre Ansichten über diesen Gegenstand kennen gelernt hatte. Man kann diese kleinen Werke einen Prüfstein nennen, an dem man den Geschmack und das ästhetische Gefühl des Kritikers messen kann. Aber seltsam! Man sollte meinen, diese Gedichte müßten jedem verständlich sein! Sie sind so schlicht und zugleich erhaben, so glühend und leuchtend, so sinnlich und zugleich doch wieder so kindlich rein. Wie könnte man sie nicht verstehen? Aber ach, es ist eine unerschütterliche Wahrheit: je mehr ein Poet ein wahrer Dichter ist, je mehr er nur die Gefühle darstellt, die nur ein Dichter kennt und empfindet, um so handgreiflich kleiner wird der Kreis der ihn umgebenden Menge, ja er wird schließlich so eng, daß man zuletzt die Zahl seiner wahren Bewunderer an den Fingern abzählen kann.
1832.
VII
Über die Architektur unserer Zeit
Ich werde immer traurig, wenn ich die neuen Bauten sehe, die unaufhörlich vor unseren Augen entstehen, für die Millionen verschleudert werden und von denen nur die allerwenigsten den erstaunten Blick durch Größe des Entwurfs, Eigenart und Kühnheit der Phantasie, oder auch nur durch die Pracht und die blendende Buntheit der Ornamente fesseln. Und unwillkürlich drängt sich einem der Gedanke auf: sollte die große Epoche der Architektur wirklich endgültig dahin sein? sollten wirklich Genialität und Größe nie wieder bei uns einkehren? oder sind das Vorzüge, die nur jungen von Energie und Enthusiasmus erfüllten Völkern eigen sind, die noch nichts wissen von der langweiligen und leidenschaftslosen Bildung? Warum erheben sich aber dann jene Völker, auf die wir in unserer Selbstzufriedenheit so geringschätzig herabsehen und denen wir kaum einen Platz in der Weltgeschichte einräumen wollen, durch die Schöpfungen ihres finsteren und durch keinen Funken von Wissen erleuchteten Verstandes so hoch über uns? Warum sind denn dann die kolossalen Statuen der Inder so ungeheuer und grandios, warum sind die Baudenkmäler der Araber so herrlich und prächtig? Und wie konnten in Europa während des Mittelalters so viele Bauten von so wunderbarer Größe entstehen? Wie ungern unterwirft man sich der Überzeugungskraft dieser Überlegung, aber alles spricht dafür, daß sie wahr ist. Sie sind vorüber — diese Jahrhunderte, als noch der Glaube, der heiße inbrünstige Glaube alle Gedanken, alle Geister und alles Tun und Trachten auf ein Ziel hinlenkte, als noch der Künstler beständig danach strebte, seine Schöpfungen dem himmlischen Ideal immer mehr anzunähern; zu ihm allein trieb es ihn und schon wenn er seiner ansichtig wurde, erhob er fromm die zum Gebet gefalteten Hände. Seine Gebäude strebten zum Himmel empor, die schmalen Fenster, die Säulen und Pfeiler und die hohen Gewölbe streckten sich in die Höhe, durchbrochen und durchsichtig wie ein Spitzengewebe, schwebte gleich einer Rauchsäule der spitze Turm darüber, und der majestätische Dom erschien gegenüber den Wohnhäusern der Menschen so gewaltig und erhaben, wie das Streben unserer Seele gegenüber den Trieben unseres Leibes.
Es gab einst eine wunderbare christlich-europäisch-nationale Architektur — wir aber haben sie verlassen, aufgegeben und vergessen wie etwas Fremdes und sie geringschätzig behandelt wie etwas Plumpes und Barbarisches. Ist es da ein Wunder, daß sich Europa schon nach drei Jahrhunderten eifrig auf alles mögliche stürzte, gierig alles Fremde annahm, die herrliche antike römische und byzantinische Bauart bewunderte und sie in seiner Weise verunstaltete; Europa wußte nicht, daß es mitten in seinem Herzen Wunderdinge gab, mit denen verglichen alles, was es bisher gesehen hatte, gering erscheint, es wußte nicht, daß es einen Mailänder und Kölner Dom in sich beherbergte, und daß noch heute die Steine des unvollendeten Turms vom Straßburger Münster verwittern.
Die gotische Architektur, jener gotische Stil, der sich am Ende des Mittelalters herausbildete, ist eine Schöpfung, wie sie der Geschmack des Menschen und seine Phantasie noch niemals hervorgebracht hat. Mit Unrecht will man sie von dem arabischen herleiten. Die Grundzüge dieser beiden Stile gehen weit auseinander; von der arabischen Architektur entnahm die gotische nur die Kunst, der schweren Masse eines Baus eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen und sie mit wunderbaren Ornamenten zu schmücken, aber selbst der reiche Schmuck nahm bei ihr ganz andere Formen an. — Sie ist erhaben und umfassend wie das Christentum! Hier finden wir alles vereinigt: einen Wald von schlanken, hoch über unsere Häupter hinaufstrebenden Pfeilern, gewaltige, schmale Fenster in den verschiedenartigsten Variationen und mannigfachen Rahmen und dazu diese ungeheure, kolossale Masse, die durch eine bunte Menge kleiner Ornamente belebt wird; diese leichten Spinngewebe des Schnitzwerks, das das Ganze in sein Netz einhüllt, es von der Basis bis zur Turmspitze umspinnt und mit ihm gen Himmel zu fliegen scheint: Majestät und Schönheit, Pracht und Schlichtheit, Schwere und Leichtigkeit — das sind Vorzüge, die nur die Architektur der damaligen Zeit zu vereinigen verstanden hat. Wenn man ins heilige Dunkel eines solchen Domes eintritt, wo das Licht phantastisch durch bunt gemalte Scheiben bricht, und seine Augen dorthin emporhebt, wo die mächtigen Pfeiler sich begegnen, kreuzen und schließlich ganz zu verlieren scheinen, daß man ihr Ende nicht absieht, dann ist es nur natürlich, daß man in seiner Seele unwillkürlich etwas von dem Schauer der Gegenwart des Heiligen verspürt, an das selbst der kühne Verstand nicht zu rühren wagt.
Doch — sie ist verschwunden, diese herrliche Architektur! Als der Enthusiasmus des Mittelalters erloschen war, als die Gedanken der Menschen sich immer mehr zersplitterten und sich auf eine Menge anderer Ziele richteten, als die Einheit und Ganzheit des einen Zieles verschwand, da verschwand zugleich mit ihnen auch Größe und Erhabenheit. Die Kräfte zersplitterten sich und wurden immer schwächer. Man begann plötzlich auf allen Gebieten eine Menge der wunderbarsten Dinge zu produzieren, aber etwas wahrhaft Großes, etwas Gigantisches gab es nicht mehr. Eine Anzahl von Bewohnern des byzantinischen Reiches waren aus ihrer, von den Muselmännern besetzten, lasterhaften Hauptstadt entflohen und verdarben nun den Geschmack der Europäer und ihre kolossale Architektur. Die Byzantiner hatten damals schon längst ihren klassischen alten attischen Geschmack verloren, ja, sie hatten sich nicht einmal den alten byzantinischen erhalten und brachten nur noch elende Reste ihres degenerierten Stiles nach Europa mit. Sie versuchten es, die runden, heidnischen, zauberischen, wollüstigen Formen ihrer Kuppeln und Säulen dem Christentum anzupassen, aber sie machten das ebenso ungeschickt, wie sie das Christentum ihrem heidnischen, altersschwachen und jeder Spannkraft entbehrenden Leben angepaßt hatten. Die Kuppel streckte sich empor und nahm eine fast eckige Gestalt an. Die schlanken Linien der Giebel erschienen merkwürdig gebrochen und führten zu nichtssagenden Formen. Die in dieser Weise verunstaltete byzantische Architektur gelangte nach Europa, wo sie ihrerseits noch weiter verändert wurde, weil die Europäer noch die ursprüngliche gotische Idee und Vorstellung in ihrer Seele trugen, die der schwächlichen Vielseitigkeit der Griechen so sehr widersprach. Damals entstanden jene massiven Paläste mit ihren sinnlosen Säulen und Halbsäulen; das alles war zaghaft und kleinlich, das war keine Pracht, sondern nur eine mißgestalte Schlichtheit. Eine Menge mythologischer Köpfe und sinnloser Verzierungen, die an der schweren Masse klebten, verliehen ihr darum doch keine Leichtigkeit, milderten keineswegs ihre schroffen Linien durch einen Zusatz von Zartheit und drückten keinen Gedanken aus. Das Streben nach oben, das den schwersten Massen Leichtigkeit und Erhabenheit verliehen hatte, war verschwunden. Statt dessen wuchsen sie jetzt in die Breite.
Aber die Kirchen, die im XVII. und im Anfang des XVIII. Jahrhunderts gebaut wurden, lassen die Idee ihrer Bestimmung noch weniger erkennen. Bei ihrem Anblick hat man, wie es scheint, dasselbe Gefühl, wie wenn ein roher Mensch sich die Allüren eines feinen Weltmannes zu geben sucht. In ihnen vereinigte sich die gerade Linie in geschmackloser Weise mit der geschwungenen und krummen. Trotz der halbgotischen Form ihrer ganzen Masse haben sie den gotischen Charakter ganz eingebüßt. Die Fenster sind klein und stehen dicht gedrängt nebeneinander oder sie sind ohne jede Harmonie auf eine große Fläche verteilt. Die Pilaster ziehen sich nicht mehr durch die ganze Länge des Baues hin, sondern sind entweder oben unter der Kuppel oder aber in der Mitte der Mauer angeklebt, sie sind kurz, plump und tragen häufig noch ein zweites Stockwerk ebensolcher kleiner und häßlicher Säulenreihen. Die Linie des Daches ist gleichfalls gebrochen; dabei hält man häufig noch an dem gotischen Turm fest, aber es ist nicht mehr der leichte, durchbrochene, durchsichtige Turm, der unter der Hand der mittelalterlichen Künstler eine so ästhetische Gestalt annahm. Jetzt ist er massiv, schwerfällig und strebt auch gar nicht mehr zum Himmel empor. Alles, was an das längliche, aufstrebende gotische Detail erinnerte, wurde nunmehr als geschmacklos verworfen.
Obgleich der Geschmack im Laufe des XVIII. Jahrhunderts etwas besser wurde, haben wir darum noch nichts gewonnen; denn diese Besserung vollzog sich innerhalb der Fesseln fremder Formen. Die gotische Schwere wurde mit Recht verpönt, in ihrer Mischung mit der griechischen Form war sie häßlich bis zur Unmöglichkeit. Jetzt begann man mit noch größerem Eifer die Antike zu studieren. Aber man tat es, wie es ängstliche Schüler tun, die die kleinsten Einzelheiten des Originals mit peinlicher Sorgfalt kopieren und darüber die Idee des Ganzen vergessen. Man nahm einzelne Teile heraus und klebte sie an die ungeheure Masse und überlud diese mit ihnen, die dadurch einen bis dahin geradezu unerhörten Mangel an Einheitlichkeit und Harmonie aufzuweisen begann. Die Säulen und Kuppeln, die uns ehedem am meisten entzückt hatten, wurden bei jedem Gebäude ganz ziel- und zwecklos und an jeder nur möglichen Stelle angebracht. Sie bildeten nicht mehr den Grundgedanken des Bauwerks, sondern nur noch seine Teile oder — besser gesagt — seinen Schmuck. Wir vergrößerten die Dimensionen des Gebäudes immer mehr, während wir die Kuppel im Verhältnis zum Ganzen immer kleiner werden ließen. Wir betrachteten das Gebäude, das wir zum Modell gewählt hatten, nicht aus einer gewissen Entfernung und durch das Vergrößerungsglas, sondern wir sahen es aus der Nähe, und die Kuppel wurde ganz klein und verschwand vor dem Ganzen. Und da wir nun dieses einsame Thronen hoch über dem Gebäude als leer empfanden, so fügten wir schnell noch ein paar weitere hinzu, setzten dem Gebäude noch einige Türme auf, die über sie hinausragten, und die Kuppeln bekamen eine gewisse Ähnlichkeit mit Pilzen. Die Kuppel, dieses schönste und herrlichste Produkt des Geschmacks, wenn sie anmutig und leicht geschwungen das ganze Gebäude beherrscht und strahlend mit ihrer wolkigen Oberfläche auf der ganzen weißen Masse ruht, verschwand vollständig. Ich liebe die Kuppel, jene wundervolle, gewaltige, schwach gewölbte Kuppel, die der reiche Geschmack der Griechen im alexandrinischen Zeitalter und nach ihm im Jahrhundert der Genußsucht und des Egoismus wieder erstehen ließ. Dieses Jahrhundert einer raffinierten Lebenszerstückelung, das Jahrhundert der leichten, duftigen Wollust, der Trägheit und Üppigkeit atmenden Anthologie, wo ein jeder nur sich selbst angehörte, für sich selbst und nicht für die Gesellschaft lebte, und wo über den herrlichen, prächtigen öffentlichen Bädern sich überall diese Kuppel erhob, kühn geschwungen wie das Himmelsgewölbe. Nichts kann die Masse der Häuser so selig und so wundervoll krönen, wie eine solche Kuppel; aber sie darf nur über einem Gebäude ruhn, das sich unermeßlich in die Breite dehnt und einen möglichst großen Flächenraum umspannt. Sie muß auf seinem ganzen großen Grundriß ruhn, sie muß heller als das Gebäude selbst und womöglich ganz weiß sein. Dieses blendende Weiß verleiht ihrer leicht geschwungenen Form einen unbegreiflichen Zauber und eine herrliche Fülle, und sie rundet sich dann noch wunderbarer und luftiger im Himmelsblau. Noch heute haben die Städte von Syrien und Äthiopien einen ganz ungewöhnlichen Reiz, weil sich in ihnen noch einzelne Kuppeln dieser Art erhalten haben. Und auch gegenwärtig noch kann man im Orient eine ganze Menge von großartigen Exemplaren finden.
Der Portikus mit seinen Säulen, dieses leuchtende Erzeugnis des harmonischen, attischen Geschmacks, der keinerlei Überbau über sich duldete, ist uns gleichfalls verloren gegangen. Man kam nicht auf den Gedanken, ihn ins Kolossale zu steigern, ihn über die ganze Breite und Höhe des Gebäudes auszudehnen. Man hat ihn nicht in die Breite entwickelt und auch nicht vergrößert, sondern man wandte ihn in seiner gewöhnlichen Form an. Ist es da ein Wunder, daß Gebäude, die eines mächtigen Portikus bedurft hätten, leer erschienen, da nur über den Portalen einige auf Säulen ruhende Giebel angebracht wurden. Die in Kirchen und Palästen über ihm aufgebauten Massen und Türme, die seinem Charakter gar nicht entsprachen, erdrückten und vernichteten ihn vollends. So ist auch ein Dichter, der kein großes Genie besitzt, stets unzufrieden mit einem einfachen Sujet, und statt es neu zu entwickeln und ins Große zu steigern, verkoppelt er es mit einer ganzen Reihe anderer. Seine Dichtung wird durch die Buntheit der verschiedenen Gegenstände nur belastet, aber es fehlt ihr an einem beherrschenden Gedanken, und so bildet sie kein harmonisches Ganzes mehr.
Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts begann sich plötzlich die Idee der attischen Schlichtheit zu verbreiten, sie wurde — wie das immer zu geschehen pflegt — zur Mode und legte ihren Stempel auf alles, selbst auf die Kleider der Frauen, die sich in leichte nachlässige Hetärengewänder verwandelten. Man hätte meinen können, die Zeit hätte sich noch weiter in das Studium der Antike vertiefen und ihren Geist noch umfassender ergründen müssen, und doch trug alles, was nach ihrem Vorbild erbaut wurde, den Stempel des Kleinlichen und Miniaturhaften. Man lernte wohl die Kunst, die Teile miteinander zu verbinden und zu harmonisieren, nicht aber die, dem Ganzen Größe zu verleihen und ihm die Proportion zu geben, die das Staunen und die Bewunderung des Beschauers erregen konnte. Diese neue Strömung gab sich fast ausschließlich in der Errichtung kleiner Lauben, Gartenpavillons und ähnlichen Spielereien aus. Diese Dinge hatten wohl mancherlei Attisches an sich, aber man mußte sie durch das Mikroskop betrachten. Bei großen öffentlichen Gebäuden dagegen hielt man es nicht für nötig, sich von diesem Stil leiten zu lassen; und so wurde dieser schließlich primitiv und einfach bis zur Plattheit. Eine überaus schädliche Richtung in der Architektur führte zu der Idee der Proportion, aber nicht zu der, die ein Gebäude in Beziehung auf sich selbst, sondern nur zu der, die es in Beziehung auf die es umgebenden Bauten haben muß. Das ist fast ebenso, wie wenn ein Genie sich von allem Originellen und Ungewöhnlichen fernhalten wollte, weil die gewöhnlichen Menschen sonst gar zu armselig und unbedeutend erscheinen würden. Diese Proportionalität bestand auch darin, daß ein Gebäude, so groß seine Dimensionen an sich auch sein mochten, unbedingt klein erscheinen mußte. Man isolierte es und suchte einen so gewaltigen und breiten Platz für es aus, daß es einen noch weit unbedeutenderen Eindruck machen mußte. Es war fast so, als gölte es vor allem, den Gedanken einzuprägen, daß das Große gar nicht groß sei, und als wollte man die Achtung und die Andacht vor dem Großen gewaltsam in der Seele ersticken und den Menschen gegen alles gleichgültig machen.
Man begann nun, allen städtischen Gebäuden eine ganz platte einfache Form zu geben. Die Häuser suchte man einander so ähnlich wie möglich zu machen, aber sie glichen mehr Scheunen und Kasernen, als heiteren Wohnstätten von Menschen. Ihre ganz glatte Form gewann durchaus nicht an Lebhaftigkeit durch die kleinen, regelmäßigen Fenster, die gegenüber dem ganzen Gebäude das Aussehen von zusammengekniffenen Augen annahmen. Und auf diese Architektur waren wir noch vor kurzem so stolz, hielten sie für die höchste Blüte des Geschmacks und erbauten ganze Städte in ihrem Stile. Wenn sich heutzutage jemand erkühnte, inmitten dieser glatten einförmigen Häusermassen einen Bau zu errichten, der den Stempel eines eigenartigen, scharf ausgeprägten Stiles trüge, oder unmittelbar neben ein Gebäude im attischen Geschmack ein anderes gotisches zu setzen — man würde ihn sicherlich für halb verrückt halten! Und darum haben ja auch die neuen Städte gar keine Physiognomie: sie sind alle so regelmäßig, so einförmig, so monoton; wenn man eine Straße kennen gelernt hat, fühlt man sich schon gelangweilt und verspürt durchaus keinen Wunsch, in eine zweite hineinzublicken. Das ist eine lange Reihe von Mauern und weiter nichts! Vergebens sucht das Auge nach einem Punkt, wo sich eine Mauer von der ununterbrochenen Reihe loslöst, in die Höhe schießt und in kühn geschwungener Wölbung nach den Wolken strebt oder in einen gewaltigen Turm ausmündet. Eine alte deutsche Stadt mit ihren engen Gassen, ihren bunten Häusern und ihren hohen Glockentürmen bietet ein Bild dar, das unserer Einbildungskraft weit mehr zu sagen hat; selbst die Ansicht einer morgenländischen Stadt mit ihren hohen schlanken Minaretts, ihren bunten orientalischen, ganz im Grün der Gärten ertrinkenden Kuppeln hat weit mehr Charakter und strömt mehr Poesie und Phantasie aus als unsere europäischen Städte mit ihrer modernen Architektur.
Große und kolossale Türme gehören unbedingt zu einer Stadt, ganz abgesehen von der großen Bedeutung, die sie für die christlichen Kirchen haben — sie bieten nicht nur einen schönen Anblick dar und dienen ihnen nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer Stadt ein scharfes charakteristisches Gepräge geben und die Rolle eines Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich zu verirren. Noch notwendiger sind sie für die Hauptstädte, da sie günstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten kann. Bei uns begnügt man sich gewöhnlich schon mit einer Höhe, die gerade ausreicht, das Stadtbild zu überblicken. Und doch wäre es für eine große Stadt von hervorragender Bedeutung, einen Überblick über eine Fläche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu würden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr genügen, und das Bild würde sich sofort ändern, denn bei der Erhöhung des Standortes nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die Hauptstadt gewinnt damit einen großen Vorteil, wenn ihr der Überblick über die Provinz gewährleistet wird und wenn sie die Dinge schneller vorauszusehen vermag; ein Gebäude, das das gewöhnliche Maß übersteigt, nimmt sogleich ein majestätisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur Vorteil davon, denn die Größe des Baues spornt seine Begeisterung zu höherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an.
Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Größe wie mit Absicht verbergen zu wollen, während sie doch gerade ihre Raumwirkung um so stärker hätte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Größe ist ein anderes: ein Gebäude muß sich fast unmittelbar über dem Haupte des Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf daß sich ein plötzliches Staunen seiner bemächtige, und er muß kaum imstande sein, die ganze Höhe mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebäude auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Straße münden, so daß man den Bau von ferne in perspektivischer Verkürzung übersehen kann; in der Nähe aber muß er eine überwältigende Größe haben. Es ist auch gut, wenn eine Straße an ihm vorbeiführt, wenn an seinem Eingangstor Wagen donnernd vorüberrollen, wenn sich Menschen um ihn drängen und durch ihre Kleinheit seine Größe noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt nur dem Menschen mehr Raum, und er wird höher und stolzer emporblicken auf die vor ihm liegenden Gegenstände. Alles wird ihm klein erscheinen. Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwürdig eingerichtet, daß nur das Plötzliche, das uns beim ersten Blick Betäubende uns erschüttert. Daher muß die Höhe eines Gebäudes im Verhältnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom äußersten Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst näher herankommen muß, dann ist es nichts mit dem Gebäude, und zugleich damit sind die Mühen und die Kosten, die es verursacht hat, dahin.
Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurück, der unser XIX. Jahrhundert beeinflußt hat. Selbst die Griechen fühlten es, daß die ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebäude gar zu platt wirken müssen, besonders wenn eine größere Anzahl solcher Bauten nebeneinander stehen. Sie fühlten, daß die strenge Regelmäßigkeit und Einfachheit unbedingt in der nächsten Umgebung irgendeinen Gegensatz herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher überwölbten sie ihre Häuser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das blendende Weiß der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen Säulen hebt sich überaus schön von dem grünen Dunkel des Laubes ab. Denn es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bäume, die ihre Zweige fast immer unregelmäßig, aber darum um so schöner darüber ausbreiten. Auch wenn ihre Gebäude von anderen Bauten umgeben waren und mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies Übermaß an Schlichtheit und versuchten es daher, ihnen möglichst viel Abwechslung zu geben. Zunächst dachten sie an die Natur und an Bäume; aber in der Stadt ist der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der glatten dorischen Säulen immer häufiger korinthische mit Kapitälen aus krausem Blattwerk zu verwenden; überhaupt kamen alle Völker instinktiv darauf, ihre Gebäude mit Blättern oder Weinranken und -trauben oder anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmücken. Sie folgten dabei blind und unwillkürlich einer dunkeln Eingehung ihres Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von einem dunklen Urwaldgestrüpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der Schlag einer Axt ertönte, am deutlichsten wieder. Diese sich in unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den Baumstamm mit seinen Ästen, Zweigen und Blättern. Daher stelle man ruhig neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung von herrlichen, majestätischen Bäumen, und der griechische wie auch der gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die höchsten Effekte werden durch schroffe Gegensätze erzielt. Die Schönheit wirkt nie glänzender und auffälliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort häßlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung für alles andere und da wirkt er in gleichem Maße auf alle Menschen. Die einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhältnis, nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der dunkelblauen, die weiße mit der hellblauen, die hellrote mit der grünen usw. harmonieren.
Alles hängt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur muß man es vermeiden, bei ein und demselben Gebäude verschiedene Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein jedes für sich ein Ganzes und Ursprüngliches bilden, dann darf der Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhältnis zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmäler der verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter ist sie, um so häufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben und zu genießen. Wäre es denn etwa wünschenswert, daß der Spaziergänger in einem englischen Garten statt der langen Reihe überraschender Bilder immer nur denselben Weg wiederfände oder doch immer solche Alleen, die durch ihre Ausblicke so sehr an schon früher Gesehenes erinnern, daß sie einem längst bekannt vorkommen.
Wir bedürfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schön, wenn sie in ihrer Art schön sind. Jeder Stil, der glatte und massive der Ägypter, der kolossale und bunte der Indier, der prächtige maurische Stil, der finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil — sie alle sind schön, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle wirken majestätisch, wenn sie nur richtig verstanden werden.
Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so würde ich immer den gotischen wählen. Er ist rein europäisch, ein reines Erzeugnis des europäischen Geistes — und darum steht er uns auch am besten an. Seine wunderbare Erhabenheit und Schönheit übertrifft alle andern, aber ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert ihn nicht. Blickt häufiger hin auf den berühmten Kölner Dom, — da habt ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestät. Weder die Antike noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Künstlern mehr Spielraum gewährt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in die Höhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen Pilaster müssen eng gedrängt das ganze Gebäude durchziehen. Keinesfalls dürfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Länge des Gebäudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal überragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es dies verlangt, höher, immer höher, laßt seine Mauern emporstreben und dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Föhren, von unzähligen Eckpfeilern umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben, nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die Dimension des Gebäudes verringern. Alle Linien müssen vom Fundament bis zur Spitze ihre Richtung bewahren. Größere Fenster, von mannigfaltigster Form und kolossalen Verhältnissen! Eine leichte ätherische Spitze, und je mehr sich der Bau in die Höhe schwingt, um so durchsichtiger, schwebender muß er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache nicht: es darf kein Verhältnis zwischen der Höhe und der Breite bestehen. Das Wort „Breite“ muß völlig verschwinden. Hier gibt es nur eine gesetzgebende Idee: die Höhe.
Ich bin überzeugt, daß mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Höhe habe keinen Wert für uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material. Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei Theatern, Börsen oder Vereinshäusern, wie überhaupt bei Bauten anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelplätze für das Amüsement, für Händler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein, daß es keinen erhabeneren, großartigeren und passenderen Stil für ein Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber würden wir dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von seiner niederen Hütte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich der alten großen Wahrheit zu erinnern, daß das Volk nicht imstande ist, die Religion in derselben Reinheit und Körperlosigkeit zu erfassen, wie ein Mensch von höherer Bildung, daß auf den gemeinen Mann die sichtbaren Gegenstände den stärksten Eindruck machen und daß, je geringer diese Wirkung auf ihn, desto schwächer auch seine Begeisterung und sein einfältiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine Art von Betäubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt. Das Ungewöhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur dann, wenn es von schroffer Kühnheit ist und einem in die Augen sticht. Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr würde die Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der Vorteil, der sich aus ihr ergäbe, käme dem eines einzelnen Menschen gegenüber dem der ganzen Menschheit gleich.
Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil entfernte und die Welt auf seine Vorzüge hinwies. Von da ab begann er sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hübsch, sehr gefällig für das Auge, aber ach! es fehlt die wahre Größe, die uns in den großen Baudenkmälern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbögen über den Fenstern und trotz der Türme ist der wahrhaft gotische Charakter in ihnen nicht überall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und für sich schon nicht kolossal genug (ein großer Mangel bei einem gotischen Gebäude!) und ferner fehlt jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich einträchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit Bewußtsein beiseite gelassen worden, und die daher rührende Glätte verleiht ihnen unwillkürlich einen anderen Charakter.
Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich schnell überall zu verbreiten und überall einzudringen. Noch ehe er Zeit hatte, sich zu wahrer Größe zu erheben, wurde er kleinlich und spielerisch. Landhäuser, Schränke, Paravents, Tische, Stühle — alles wurde gotisch. Und die mächtigen und herrlichen Ornamente wurden zu allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere Wünsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so enzyklopädisch, daß wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen Gegenstand zu konzentrieren vermögen. Und daher zerstückeln wir alles, was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und Gewöhnliche herabzuziehen. Die ägyptische Architektur, deren ganze Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau von kleinen Brücken und Torbögen, deren Spitze ein vorüberfahrender Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehängen und Uhrgehäusen und den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir uns bei großen öffentlichen Gebäuden einer Architektur, der man kaum einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrät einen solchen Mangel an Phantasie, daß man sie unmöglich als einen eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann.
Es gibt eine Goldader, von der man jedoch kaum weiß, daß sie existiert. Es gibt eine ganz eigene, besondere Welt, aus der Europa noch so gut wie gar nicht geschöpft hat. Das ist die orientalische Architektur, dieses Erzeugnis der reinen Phantasie, einer wunderbaren, glühenden orientalischen Einbildungskraft, die sich in Hyperbeln und Allegorien hüllt und das Leben und seine prosaischen Nöte flieht. Das Leben der Asiaten konnte sich nie so vielseitig entwickeln, wie das der Europäer, ihre Bedürfnisse waren nie so mannigfaltig und zahlreich wie die unsrigen, und daher ist es nur natürlich, daß ihre einfachen Wohnhäuser der Buntheit, Klarheit und Anmut entbehren. Sie stehen isoliert da, haben etwas Monotones und wirken ebenso langweilig durch den Mangel an jeglicher Idee, wie der Asiate selbst, während er ruht. Aber überall, wo die asiatische Prachtliebe, dieser herrliche, mächtige Prunk, der in ihren Märchen aufleuchtet, hingedrungen ist, überall, wo diese perlengeschmückte Tochter der orientalischen Phantasie hingelangte, da stehen auch heute noch wundersame, prächtige Paläste. Ihr Bau währte ganze Jahrhunderte. Ein ganzes Volk, eine ganze Nation arbeitete an ihrer Aufrichtung, und die Vorfahren glaubten an eine Vollendung durch die kommenden Generationen, wie an eine unausbleibliche Vorherbestimmung. Überall, wo diese allmächtige massive Prachtliebe oder der wilde Enthusiasmus ihrer ursprünglichen Religion Boden gewann, da türmten sich, durch ihre Riesendimensionen furchterzeugende Denkmäler auf, vor denen der Gedanke staunend verstummt, wenn man bedenkt, wie unbedeutend ihre Mittel und ihr Wissen und wie armselig ihre Maschinen waren, die sie zum Heben und Befestigen dieser schrecklichen Massen benutzten. Aber eine noch größere Bewunderung ergreift uns, wenn wir sehen, wie der halbwilde und noch ganz unkultivierte Mensch sich bei der Errichtung dieser gigantischen Bauten plötzlich entwickelt, von der Idee der Gottheit durchdrungen und begeistert wird, so daß er unwillkürlich seinen Geist aufleuchten läßt und der allmählichen jahrhundertlangen Bildungsarbeit vorauseilt.
Man werfe einen Blick auf diesen massiven, majestätischen Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) der Indier, der seiner Größe nach wohl eins der bedeutendsten Gebäude darstellt. Diese pyramidenförmige Verjüngung der Masse nach oben, dieses allmähliche Kleinerwerden der Stockwerke, diese Unzahl indischer Säulengänge, die die Mauern umkleiden, diese übereinander getürmten Pilaster und Säulen, die den Eindruck machen, als klömmen sie aneinander hinauf, nur um so schnell wie möglich den Gipfel des ganzen Massivs zu erreichen — das alles ist das Erzeugnis eines ganz eigenartigen Geschmacks. Aber wenn der Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) allzu schwerfällig ist und einen allzu heidnischen Charakter hat, so sehe man sich den wunderbaren Kutub-Minar an, dessen sich Dehli mit Recht rühmt. Ich kenne in der ganzen Welt keinen zweiten Turm, der bei einer fast attischen Schlichtheit so viel tiefe Schönheit ausströmte und in dem die Phantasie sich so rein und erhaben verkörperte. Wenn wir uns diesen Stil auch nicht vollkommen aneignen können, so könnten die Europäer doch mit Nutzen dieses pyramidale, kegelförmige Streben nach oben, diese charakteristische Eigentümlichkeit des indischen Stils bei ihren Bauten in Anwendung bringen.
Der orientalische Stil der Paläste ist ganz entgegengesetzter Art. Hier herrscht die asiatische Pracht vor. Das Gebäude dehnt sich stark in die Breite aus. Die gewaltige orientalische Kuppel ist entweder ganz rund oder sie wölbt sich wie eine wollüstige umgestülpte Vase; sie hat die Form einer Kugel oder sie beherrscht, reich beladen mit Schmuck und mit Schnitzwerk versehen, wie eine prunkvolle Mitra patriarchalisch das ganze Gebäude. Unten am Fuße friedigt ein ganzes Gehege von kleinen Kuppeln wie ein Reigen demütiger Sklaven die mächtigen Mauern ein. Auf allen Seiten erheben sich schmale Minarets, die durch ihre leichte, heitere Haltung einen wunderbaren Kontrast zu der gewichtigen majestätischen Form des ganzen Gebäudes bilden. So ruht der Mohammedaner in seinem weiten gold- und edelsteingeschmückten Gewande inmitten schlanker nackter Huris mit ihren blendend weißen Leibern.
Nirgends hat die Baukunst so verschiedene Formen angenommen wie im Orient. Man kann wohl sagen, daß hier jedes Gebäude ohne Rücksicht auf schon vorhandene Stilformen seine eigene Architektur ausbildete, oder richtiger, es entsprang aus ganz neuen Voraussetzungen, aus der Ahnung eines eigenen Stilgefühls, das mit den früheren nur eine entfernte Ähnlichkeit hatte und stets auf religiösen und nationalen Prinzipien beruhte. Ganz Indien ist mit herrlichen Bauten übersät; jeder Bau hat eine scharf ausgeprägte Eigenart, er trägt in so hohem Grade den Stempel seines eigenen Wesens, daß man ihn nie in einer gemeinsamen Kategorie mit den anderen unterbringen kann. Diese Unzahl mannigfaltigster Kuppelformen, die einander nie gleichen, diese Ornamente und Zieraten, die immer neu und immer voneinander verschieden sind — alles spricht von einer wunderbaren Phantasie, die sich niemals durch irgendwelche Regeln in Fessel schlagen ließ. Übrigens lag der Grund dieser Mannigfaltigkeit vielleicht in den zahllosen Sekten, die Indien erfüllten und eine ewige Opposition, eine beständige Reizsamkeit der Einbildungskraft zur Folge hatten. Aber von noch herrlicherer Pracht erfüllt, wie sie nur die orientalische Natur ausströmt, sind die Gebäude, die durch den arabischen Stil beeinflußt wurden. In Asien fand während jener verheerenden Zusammenstöße alter und neuer Völker, besonders aber derer, die den Islam bekannten, eine außerordentlich starke Vermischung der Stilarten statt, die besonders kühne Abweichungen zur Folge hatte. Aber niemals und nirgends hat sich die Kühnheit mit einer so wundersamen Pracht verbunden wie bei den Arabern; sie entnahmen der Natur alles, was sie an edelster Schönheit in sich birgt. Ihre Architektur hat nichts von dem Charakter undurchdringlicher Wälder; sie besteht ganz aus Blumen; sie ist mit Blumen geschmückt, sie ertrinkt in einem Meer von herrlichen üppigen Blüten, wie sie das zarte anmutige Tal Kaschmirs übersäen. Ihre geschnitzten Säulen sind mit Tulpen umwunden, ihr Schnitzwerk stellt Vergißmeinnicht, vierblätterige Blüten oder sich entfaltende Rosen dar. Ihre Galerien gleichen Palmenhainen, deren Wipfel sich zu Hallen wölben; alles verrät ihre außerordentliche Prachtliebe und ihren blühenden Geschmack. Diese Architektur scheint wie geschaffen für ein Leben, das dem Genuß geweiht ist, und für heitere, helle Wohnstätten der Menschen. Alles Finstere und Düstere ist hier restlos ausgestoßen. Jeder Baum ist so wunderbar und von einem zauberischen Reiz wie eine orientalische Schöne mit ihren schwarzen Augen, die wie Blitze funkeln, mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide.
Die orientalische Architektur weist etwas auf, was die Europäer noch niemals angewendet haben; das sind ihre Säulen, die nicht glatt, sondern vom Sockel bis zum Kapitäl mit bunten Zieraten versehen sind. Mitunter sind diese Säulen ganz durchbrochen und filigranartig: das Schnitzwerk durchdringt sie vollständig. Es ist dies die wundersamste Erfindung des orientalischen Geschmacks. Ein solcher Bau mag noch so massiv sein, die Säulen lassen ihn trotzdem beinah ätherisch erscheinen. Man könnte sich fragen, warum sollen wir diesen Stil nicht auch auf unsern Boden verpflanzen? Aber der Geist und der Geschmack des Menschen ist ein seltsames Ding: ehe er die Wahrheit erreicht, macht er so viele Umwege, begeht er so viel Torheiten, Verkehrtheiten und Sinnlosigkeiten, daß er sich nachher selbst über seinen Unverstand wundert. Europa hat sich um all diese Baudenkmäler nicht einmal gekümmert. Nur der Stil der Chinesen, den man wohl als den allerarmseligsten und kleinlichsten unter den Stilgattungen der orientalischen Völker bezeichnen kann, wurde gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts durch einen seltsamen Zufall zu uns herübergetragen. Es war noch gut, daß die Europäer ihn nach ihrer Gewohnheit sogleich beim Bau von kleinen Brücken, bei Pavillons, Vasen und Kaminen nachahmten, und daß es ihnen nicht in den Sinn kam, ihn bei großen Bauten anzuwenden. In der Tat hatte dieser Stil manche Vorzüge bei kleinen Nippessachen, weil die Europäer ihn sofort in ihrem Geiste vervollkommneten und ihm eine Anmut verliehen, die er an und für sich gar nicht besitzt. Fehlt es doch auch dem Volk, das ihn hervorbrachte, trotz seiner hohen Bildung, völlig an Energie.
Es gibt noch eine Stilart, die sich grundsätzlich von allen bisher erwähnten unterscheidet; es ist dies die Architektur der indischen und ägyptischen Katakomben, bei denen diese zwei Völker in so wundersamer Weise zusammentrafen und so Anlaß dazu gaben, eine ursprüngliche Verwandtschaft zwischen beiden anzunehmen. Ihr Hauptmerkmal ist ihre Schwere; hier vereinigt sich alles zu einer plumpen Masse, zu einem Klumpen. Das Gebäude ruht gewichtig, wie auf Elefantenfüßen, auf kurzen schweren Säulen, deren Dicke fast ebenso bedeutend ist, wie ihre Höhe. Hier kommt die Breite und die Masse zur absoluten Herrschaft. Es ist, als ob das ganze Gewicht der Erde in ihr zur Darstellung käme, der Erde in deren Innerem sich ihre plumpe Majestät versteckt. Das, was bei andern Stilarten ein Fehler ist, wird hier zu einem Vorzug. Diese unterirdische Architektur hat auch etwas Erhabenes, obwohl sie ganz andere Gedanken anregt. Hier wirkt das Gewicht nicht häßlich, sondern großartig, weil es die Grundidee des ganzen Gebäudes darstellt. Wenn sich ein Künstler die Aufgabe stellt, etwas Massives und Schweres zu schaffen, und wenn es ihm gelingt, so ist sein Werk sicherlich gut. Aber wenn er die Absicht hatte, etwas Schwerfälliges hervorzubringen, und etwas produziert, was gar nicht schwerfällig wirkt, oder umgekehrt, wenn er etwas Leichtes hervorbringen will, und statt dessen etwas erzeugt, was schwerfällig wirkt, so ist das auf jeden Fall vom Übel. Nachdem man die Erde von diesen unterirdischen Bauten entfernt hatte, und diese nun im Lichte der Sonne dastanden, boten sie immer einen seltsamen und zugleich furchterregenden Anblick dar. Es schien fast, als ließe die Erde plötzlich ihr tiefstes Innere sehn, und als läge die Finsternis plötzlich von grellem Lichte beleuchtet da — diese Finsternis, die nur vom Lichte erhellt, nicht aber von ihm vertrieben wird, wie eine ägyptische Urne oder der Kopf eines Toten auf einer festlich geschmückten Tafel. Mir scheint, man tat unrecht, diese Architektur unter die Erde zu verbannen: wenn wir sie plötzlich inmitten heiterer, leichtgebauter Häuser erblicken, kann sie ihren Eindruck auf uns nicht verfehlen, ja, sie wird sicherlich einen starken Effekt hervorbringen. Ein einziges solches Gebäude inmitten einer stark bevölkerten Stadt würde sicherlich wundervoll wirken, aber nur eins und nicht mehr. Bei Bauten dieser Art bestehen die Teile aus schweren Massen, aber bei alledem sind ihre Verhältnisse von einer inneren, wenn auch beinahe schrecklichen Harmonie erfüllt. Und etwas Vollendetes in diesem Stile zu leisten, ist sicherlich nicht ganz leicht.
Die sich über dem Erdboden erhebenden Bauten der Ägypter weisen einen ganz anderen Charakter auf; sie sind gleichfalls massiv, zugleich aber sind höchste Anmut und Schlichtheit zwei Züge, die man nie an ihnen vermissen wird. Ihren Grundcharakter aber bilden ihre kolossalen Dimensionen. Je glatter, je weniger gegliedert und mit auffallenden Verzierungen versehen sie sind, um so besser. Aber man wende sie nur nicht bei kleinen Brücken an, ohne ihre ungeheuren Dimensionen ist diese Architektur weniger als gar nichts. Ich wiederhole noch einmal: jeder Stil ist schön, wenn all seine Voraussetzungen erfüllt und wenn er in strengem Einklang mit seiner Bestimmung gewählt und durchgeführt ist. Ohne diese wohlmeinende und unparteiische Toleranz kann es keine wahrhaften Talente noch auch wirklich großartige Werke geben. Fort mit dieser Scholastik, die jedem Gebäude das gleiche Maß vorschreibt und verlangt, daß alles in demselben Geschmack gebaut werde! Eine Stadt muß aus den verschiedensten Massen bestehen, wenn wir verlangen, daß sie unseren Augen eine Freude sein soll. Mögen sich in ihr die verschiedensten Stilarten vereinigen. Mag sich doch in derselben Straße ein finsteres gotisches Gebäude, ein mit üppigem Zierat geschmückter orientalischer Palast, ein kolossaler ägyptischer Bau und ein von anmutiger Harmonie erfülltes griechisches Haus erheben! Da mögen die leicht gewölbte milchfarbene Kuppel, die andächtige, ins Grenzenlose ragende Turmspitze, die orientalische Mitra, das abgeplattete italienische und das hohe, mit Figuren geschmückte flämische Dach, die vierkantige Pyramide, die runde Säule und der eckige Obelisk uns entgegentreten. Die Häuser dürfen so wenig wie möglich zu einer kompakten einförmigen Mauer verschmelzen, sondern sich bald hoch emporrecken und bald wieder tiefer herabsinken. Türme von verschiedenstem Stil sollen das Straßenbild beleben. Sollte es wirklich jemand geben, der den Mut, oder besser gesagt, die Schwäche hätte, zu behaupten, eine flache Ebene in der Natur ließe sich mit einer Gegend voller sich übereinander türmender Schluchten, Felsblöcke und Hügel vergleichen?
Ein Architekt, der wirklich schöpferische Kraft besitzt, muß eine gründliche Kenntnis aller Baustile besitzen; am wenigsten sollte er den Geschmack der Völker verachten, auf die wir wegen ihrer künstlerischen Rückständigkeit gewöhnlich herabzusehen pflegen. Er muß sie alle umfassen, studieren und all ihre unendlichen Variationen in sich aufnehmen. Was aber die Hauptsache ist, er muß in ihre Idee eindringen und sich nicht nur ihre kleinen äußeren Formen und Teile aneignen. Um jedoch ihr Wesen zu ergreifen, dazu muß er ein Genie und ein Poet sein.
Aber wenden wir uns nun zu der Architektur der Städte. Eine Stadt sollte so gebaut werden, daß jeder ihrer Teile, jede einzelne Häusermasse ein lebendiges Bild darbietet. Jede Häusergruppe muß belebt werden, so daß sie — wenn ich mich so ausdrücken darf — immer neue charakteristische Züge hervorzubringen scheint, damit sie sich unserem Gedächtnisse einpräge und unserer Einbildungskraft keine Ruhe lasse. Es gibt Bilder, die man sein Leben lang nicht vergißt, und es gibt solche, die man trotz aller Anstrengungen nicht im Gedächtnis festhalten kann. Die Baukunst ist gröber, zugleich aber großartiger als alle anderen Künste, wie die Malerei, die Skulptur und die Musik. Und daher liegt ihre Wirkung in dem Effekt, den sie ausübt. Ein Stadtbild hat den Vorzug, daß man es mit einem Schlage verändern und nach eigenem Ermessen umgestalten kann. Häufig braucht man nur ein einziges Gebäude zu den schon bestehenden hinzuzufügen, und es verändert gänzlich seine Form und erhält einen völlig andern Charakter, so wie die Zeichnung eines Schülers plötzlich unter dem Pinsel oder dem Stift des Lehrers Leben gewinnt. Er verstärkt an der einen Stelle die Linie, retuschiert etwas an einer andern, er berührt die dritte kaum, und alles wird anders. Außerdem führen uns häufig die Fehler selbst auf die Idee, wie wir sie vermeiden können. Das Charakterlose bringt uns das Charaktervolle, das Kleinliche und Platte seine Gegensätze, das Kühne und Ungewöhnliche zum Bewußtsein. Eine Vertiefung nach unten erweckt die Idee einer Erhöhung nach oben und umgekehrt. Das Genie ist ein Besitzer unendlicher Reichtümer, vor dem die ganze Welt mit allen ihren Schätzen verblaßt.
Bei der Anlage einer Stadt muß man auch auf die Bodenbeschaffenheit achten. Städte werden entweder auf Anhöhen, auf Hügeln oder in der Ebene erbaut. Eine hochgelegene Stadt erfordert weniger Kunst, weil da die Natur schon selbst bei ihrem Bau mithilft. Sie erhebt die Häuser bald auf ihre majestätischen Hügel und läßt sie mitten unter ihren Nachbarn wie Riesen erscheinen, bald wieder läßt sie sie in die Tiefe herabsinken, um die umstehenden Häuser zur Geltung zu bringen. In solchen Städten ist es nicht notwendig, für eine große Abwechslung zu sorgen. Hier kann man glatte und einförmige Fronten verwerten, weil schon das ungleichmäßige Terrain eine gewisse Abwechslung hineinbringt, indem es ihnen verschiedene Standpunkte anweist. Man muß darauf achten, daß die Höhe der einzelnen hintereinander stehenden Häuser so zur Geltung komme, daß der Beschauer am Fuße eines Hügels den Eindruck gewinnt, als erhebe sich vor ihm eine zwanzigstöckige Masse. Dort bedarf es keiner großen Kunst, wo die Natur noch gewaltiger ist als die Kunst, und da dient die letztere nur dazu, die erstere zu schmücken. Da dagegen, wo das Terrain eben und einförmig ist, wo die Natur schlummert, da muß die Kunst mit voller Kraft einsetzen. Sie muß Farbe und Kolorit in die Landschaft hineinbringen, muß — wenn ich mich so ausdrücken darf — den Boden aufwühlen, die Ebene verschwinden lassen und die tote, flache Wüste beleben. Hier wären Schlichtheit und Einförmigkeit Sünde. Hier muß die Architektur so eigenartig wie nur möglich sein: sie muß bald ein düsteres Äußeres annehmen, bald wieder einen fröhlichen Ausdruck, bald muß sie einen altertümlichen Eindruck machen, bald wieder durch ihre Neuheit verblüffen. Sie muß uns mit Schrecken erfüllen, durch ihre Schönheit blenden, bald düster blicken wie ein von Gewitterwolken verfinsterter Tag, und bald wieder heiter wie ein strahlender Morgen voller Sonnenglanz. Die Architektur ist in ihrer Art auch eine Weltchronik, sie spricht noch zu uns, wenn die Sagen und Gesänge längst verstummt sind und wenn uns nichts mehr von einem untergegangenen Volke berichtet. So mag sie denn, wenn auch nur teilweise, sich mitten in unseren Städten erheben, wie sie einst zu Lebzeiten eines zugrunde gegangenen Volkes existierte, auf daß bei ihrem Anblick uns immer der Gedanke an sein vergangenes Dasein aufsteige, daß wir uns in sein Leben und in seine Sitten und Gewohnheiten, in seinen Bildungsgrad versetzen und mit Dankbarkeit an dies Volk zurückdenken, dessen Auftreten selbst eine Sprosse an der Leiter unseres eigenen Aufstiegs bedeutet[4].
Sollte es wirklich ganz unmöglich sein, sei es auch nur um der Originalität willen, eine völlig neue und eigenartige Architektur zu erschaffen, die allen Einflüssen der älteren entzogen ist! Wenn der wilde, noch wenig entwickelte Mensch, dem nur die Natur, die er selbst noch so schlecht versteht, als Lehrmeisterin und Anregerin dient, ein Werk voller Schönheit, voll unbewußten instinktiven Stilgefühls schafft, woher können denn wir mit unseren so stark entwickelten Fähigkeiten und die wir die Natur in all ihrem geheimen Wirken soviel besser verstehen, — woher können denn wir nichts schaffen, was von dem ganzen Reichtum unseres Wissens durchdrungen ist. Die Idee der Baukunst ward ja aus der Natur selbst geschöpft, aber zu einer Zeit, als der Mensch ihren Einfluß noch lebhaft empfand. Jetzt aber hat er die Kunst noch über die Natur erhoben — könnte er da seine Gedanken nicht aus der Kunst selbst oder richtiger aus der harmonischen Verschmelzung von Natur und Kunst schöpfen! Man sehe nur, welche ungeheure Erfindungskraft er bei der Herstellung all der kleinen Mittel eines verfeinerten Luxus an den Tag legt. Man blicke hin auf all diese modernen Spielereien, die täglich emportauchen und wieder verschwinden. Man betrachte sie meinetwegen durch das Mikroskop, wenn sie anders unsere Aufmerksamkeit nicht fesseln — welch feiner Geschmack spricht aus ihnen, was für herrlichen nie dagewesenen Formen begegnen wir da! Hier finden wir einen Stil, wie er früher noch nie existiert hat. Das Schnitzwerk und die Arbeit sind so originell, so neu und dabei so schön, daß wir uns häufig nicht satt sehen können. Aber ach! wir fühlen nicht das geringste Mitleid, wenn wir bemerken, wie der Geschmack des Menschen sich in der Produktion von Nichtigem und Vergänglichem verbraucht, statt sich in Ewigem und Unwandelbarem zu objektivieren. Könnten wir denn dieses in Stückwerk sich zersplitternde Kunstvermögen nicht auf große Gegenstände richten, muß denn alles, dem wir in der Natur begegnen, durchaus eine Säule, eine Kuppel oder ein Bogen sein? Wieviel Formen gibt es, die noch ganz unberührt daliegen. In wie tausendfältiger Weise kann die gerade Linie sich in die gebrochene wandeln und ihre Richtung ändern! Wie unendlich mannigfaltig kann sich die Krumme wölben und ausweichen, wieviel neue Ornamente und Verzierungen lassen sich einführen, die noch nie ein Architekt in seinen Kodex eintrug! — In unserem Jahrhundert gibt es solche Errungenschaften und soviele ganz neue, nur ihm eigene Elemente, aus denen man das Material zu einer Unzahl neuer noch nie dagewesener Bauten schöpfen könnte! — Nehmen wir z. B. jene herabhängenden Verzierungen, wie sie erst vor kurzem gebräuchlich wurden. Bisher wurde diese hängende Architektur nur bei Theaterlogen, Balkonen und kleinen Brücken angewandt. Aber wenn erst ganze Stockwerke schweben und durch kühne Bogen miteinander verbunden sein werden, wenn ganze Massen statt auf schweren Säulen auf durchbrochenen Stützen von Gußeisen ruhen, wenn zahllose Balkone ein Haus von unten bis oben mit verschlungenem gußeisernem Gitterwerk schmücken und tausenderlei herabhängende gußeiserne Verzierungen es mit einem leichten Netz umgeben werden, so daß es durch sie hindurchschimmert wie durch einen durchsichtigen Schleier, wenn diese diaphanen Verzierungen sich um einen herrlichen runden Turm schlingen und zusammen mit ihm zum Himmel emporfliegen würden, — welch eine Leichtigkeit und ätherische Schönheit würden dann unsere Häuser annehmen. Welch eine Menge von Anregungen finden wir überall verstreut, die im Kopfe eines Architekten ganz unerhörte, lebendige Ideen erzeugen können; aber freilich müßte dieser Architekt ein schöpferisches Genie und ein Dichter sein.
1831.
[Dieser Aufsatz ist vor langer Zeit geschrieben. In den letzten Jahren ist der Geschmack in Europa und besonders in unserem geliebten Rußland besser geworden. Es gibt schon viele Architekten, die unserem Lande Ehre machen. Unter diesen möchte ich Brjulow nennen, dessen Bauten von wahrhaftem Geschmack und echter Originalität erfüllt sind.]
VIII
Al-Mamun
Eine historische Charakteristik
Nie ist ein Fürst während einer solchen Blütezeit seines Reiches zur Herrschaft gelangt, wie Al-Mamun. Das furchterregende Kalifat erhob sich mächtig auf dem klassischen Boden der Alten Welt. Im Osten umfaßte es den ganzen blühenden Südwesten Asiens, Indien mit eingeschlossen; im Westen zog es sich längs den Ufern Afrikas bis nach Gibraltar hin. Seine mächtige Flotte beherrschte das Mittelmeer. Bagdad, die Hauptstadt dieser neuen, wunderbaren Welt, sandte seine Befehle bis in die entlegensten Grenzen seiner Provinzen. Das neu bekehrte Asien strömte in die ausgezeichneten Schulen von Bassor, Nippur und Kufa und reifte nun zu höherer Kultur. Damaskus konnte alle Lüstlinge in seine kostbaren Stoffe hüllen und ganz Europa mit Stahlklingen versorgen; schon dachte der Araber, Mohammeds Paradies auf der Erde zu errichten: er schuf Wasserleitungen, Paläste und ganze Palmenwälder, wo Springbrunnen anmutig spielten und die Wohlgerüche des Orients zum Himmel stiegen. Und doch hatte bei all dem Luxus noch keine der moralischen Krankheiten einer politischen Gesellschaft Zeit gehabt, hier Wurzel zu fassen. Alle Teile dieses großmächtigen Reiches, dieser mohammedanischen Welt, waren eng untereinander verbunden und dieser Zusammenhang wurde durch den Willen des merkwürdigen Harun immer mehr und mehr gefestigt, denn dieser hatte die vielseitigen Fähigkeiten seines Volkes erkannt. Er war weder nur Philosoph auf dem Thron, noch allein Politiker, noch bloß Krieger oder Literat im Kaisermantel. Er vereinigte alles in sich, erstreckte seine Tätigkeit gleichmäßig auf alles und ließ keinen Teil über den andern Oberhand gewinnen. Er impfte seiner Nation nur gerade so viel von der fremdländischen Kultur ein, wie nötig war, um ihre eigene Entwicklung zu fördern. Damals hatten die Araber die Epoche des Fanatismus und der Eroberungen schon hinter sich, waren aber noch immer von Enthusiasmus erfüllt, und die feuersprühenden Seiten des Koran wurden noch mit derselben Begeisterung gelesen und seine Gebote noch ebenso sklavisch befolgt. Harun verstand es, den Gang der Administration und die Regierungsgeschäfte zu beschleunigen und durch die Furcht vor seiner Allgegenwart seinen Befehlen überall Geltung zu verschaffen. Die Statthalter und Emire, die sonst immer darnach strebten, Selbstherrscher und Despoten zu sein, fürchteten sich, dem Blicke des verkleideten Kalifen, dem nichts entging, zu begegnen — und so ging die Regierung ohne Gesetze fest und bestimmt ihren Weg. Unter solchen Umständen trat Al-Mamun die Herrschaft an. Byzanz nannte ihn den hochherzigen Beschützer der Wissenschaft, die Geschichte reihte seinen Namen unter die Wohltäter der Menschheit ein. Dieser Herrscher wollte sein politisches Reich in ein Reich der Musen verwandeln. Er besaß die Lebhaftigkeit und alle Fähigkeiten, die für ein ernstes Studium notwendig waren. Sein Charakter war von einer edlen Vornehmheit, das Streben nach Wahrheit seine Devise. Er war verliebt in die Wissenschaft, und zwar ganz selbstlos, er liebte sie um ihrer selbst willen, ohne an ihren Zweck und ihre Anwendung zu denken. Er gab sich ihr mit einer einseitigen Leidenschaft hin. Damals hatten die Araber erst eben den Aristoteles entdeckt. Ihrer allzu stürmischen, ungeheuren orientalischen Phantasie mußte der allumfassende, scharf denkende, griechische Philosoph fremd bleiben, aber die arabischen Gelehrten, die schon seit langer Zeit an mühsame Arbeit und schon an die Exaktheit und das formale Denken gewöhnt waren, gaben sich mit einem wissenschaftlichen Feuereifer dem Studium hin. Diese endlosen Schlüsse, diese die Ordnung dessen, was sie in ihren Seelen früher nur teilweise und wie durch ein Aufleuchten empfunden hatten, seine Erhebung zur Evidenz, das alles mußte die damaligen Gelehrten bezaubern. Al-Mamun, der unter ihrem Einfluß erzogen wurde, war von einem wahren Hunger nach Kultur erfüllt und gab sich alle erdenkliche Mühe, diese bis dahin unbekannte griechische Welt in sein Reich einzuführen. Bagdad breitete seine Arme freundschaftlich der ganzen gelehrten Welt seiner Zeit entgegen. Die Gnade des Kalifen stand jedem offen, der irgendeinem Beruf angehörte, er mochte die Religion bekennen, die er wollte, und von noch so entgegengesetzten Prinzipien erfüllt sein. Es war nur natürlich, daß vor allem die Männer ihr Wissen nach Bagdad trugen, die in ihren Seelen noch das Bild des in christliche Formen gekleideten Polytheismus trugen, die bereit waren, mit ihrem Herzblut Ammonius Saccas, Plotin und die anderen Bekenner des Neuplatonismus zu verteidigen und die in dem nur zu sehr mit dem Streit um die verschiedenen christlichen Dogmen beschäftigten Byzanz kein Feld für ihre gelehrten Turniere fanden. Bagdad verwandelte sich in eine Republik der mannigfaltigsten Fakultäten, Wissenschaften und Meinungen. Der königliche Araber versenkte sich aufmerksam in die betäubende Musik dieser gelehrten Disputationen und Spitzfindigkeiten. Die höheren Staatsbeamten konnten sich dem Beispiel ihres Herrschers nicht entziehen, und alle höheren Schichten des Reiches wurden von einer Art literarischer Monomanie ergriffen. Die Wesire und Emire versuchten ihrerseits, allerhand gelehrte Fremde an ihren Hof zu ziehen. Es ist selbstverständlich, daß die Administration damit in den Hintergrund gerückt wurde, daß die Würdenträger vieles, was zur Regierung gehörte, dem Gutdünken ihrer Sekretäre oder Günstlinge überließen, daß diese Günstlinge häufig ganz ungebildet waren und ihre Stellung oft nur durch Intrigen erklommen, und daß dies alles nicht ohne Einfluß auf das Volk bleiben und mit der Zeit auf die Regierenden selbst zurückfallen mußte. Die große Zahl theoretischer Philosophen und Dichter, die hohe Regierungsposten einnahmen, ließ im Lande keine starke Regierung aufkommen. Ihre Sphäre liegt ganz wo anders; sie erfreuen sich des allerhöchsten Schutzes und gehen ruhig ihren Weg. Nur die wenigen großen Dichter machen hierin eine Ausnahme, wenn sie den Philosophen, den Poeten und den Historiker in sich vereinigen, sie, die die Natur und den Menschen ergründen, in die Vergangenheit dringen und die Zukunft voraussehen, und deren Worten das ganze Volk lauscht. Sie sind Hohepriester. Kluge Herrscher ehren sie durch ihren Verkehr, behüten ihr kostbares Leben und fürchten sich, dieses Leben durch Beteiligung an der so vielseitigen Tätigkeit des Regierens zu unterdrücken. Sie werden nur bei äußerst wichtigen Ministerräten hinzugezogen, da sie bis in die Tiefe des menschlichen Herzens dringen.
Der edle Al-Mamun hatte den aufrichtigen Wunsch, seine Untertanen glücklich zu machen. Er wußte, daß die Wissenschaften, die die Entwicklung der Menschen fördern, das beste Mittel, der treuste Führer zum Ziel seien. Mit aller Gewalt zwang er seine Untertanen, die von ihm eingeführte Kultur anzunehmen. Aber die Aufklärung, die Al-Mamun zu verbreiten bestrebt war, entsprach am wenigsten dem angebotenen Charakter und der angeborenen Phantasie der Araber. Die wenig kraftvollen Prinzipien des Polytheismus, die sich in ein bloßes Wortspiel verwandelt hatten, die frechen Verstümmelungen christlicher Ideen, die ein so seltsames Licht auf die Wissenschaft jener Zeit warfen, die sich nicht mit dieser verschmolzen, und man kann wohl sagen, sie durch ihr Übergewicht vernichteten, bildeten einen krassen Kontrast zu der feurigen Natur der Araber, deren Phantasie die nüchternen Schlüsse des kalten Verstandes nur allzusehr unterdrückte. Dieses Volk ging nicht, nein, es flog förmlich seinem Entwicklungsziele entgegen. Sein Genius offenbarte sich plötzlich und gleichzeitig im Kriege, im Handel, in den Künsten, in der Manufaktur und in der üppigen Poesie des Orients. Seine reichen Gaben, wie ähnliche in der Geschichte der Menschheit noch niemals dagewesen waren, entfalteten sich reich, strahlend, eigenartig und in höchster Orginalität. Es schien fast, als sollte dieses Volk sich zu einer Nation von höchster Vollkommenheit entwickeln. Aber Al-Mamun verstand es nicht! Er beachtete die große Wahrheit nicht, daß die Bildung aus dem Volke selbst kommen muß, daß eine aufgepfropfte Kultur nur insoweit angeeignet werden darf, als sie die eigene Entwicklung fördert, daß aber die Entwicklung eines Volkes nur aus den eigenen nationalen Elementen hervorgehen kann. Für die Araber aber wurde ihr Betätigungsfeld durch diese unfruchtbare fremdländische Kultur nur versperrt. Der Kosmopolitismus Al-Mamuns, der allen Gelehrten aller Parteien den Eintritt in sein Reich gestattete, ging fast gar zu weit. Die Privilegien, die den Christen im Reiche zuteil wurden, mußten notwendig den Haß der eigenen Untertanen erwecken und hatten selbst die Verachtung nützlicher Einrichtungen zur Folge, — ja, das Volk verlor sogar allmählich die Liebe zu seinem Herrscher. In seinen Regierungsmaßregeln war Al-Mamun mehr theoretischer als praktischer Philosoph, der doch ein Herrscher vor allem sein müßte. Er kannte das Leben seines Volkes aus Beschreibungen und Erzählungen anderer und nicht aus eigener Anschauung wie der große Harun, der es persönlich studiert hatte. Bei den asiatischen Regierungsformen, die keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ganze Verwaltung auf den Schultern des Monarchen selbst, und daher muß seine Tätigkeit eine außergewöhnlich intensive, muß seine Aufmerksamkeit beständig gespannt sein; er darf niemand vertrauen, und sein Auge muß die Vielseitigkeit eines Argus haben; es braucht nur einen Augenblick einzuschlafen, und die mit seinen Vollmachten ausgestatteten Statthalter lehnen sich auf, und das Reich ist von einer Million Despoten erfüllt.
Al-Mamun aber lebte in seinem Bagdad wie in einem Musenreich, das er sich selbst geschaffen hatte und das ganz von der politischen Welt getrennt war. Die Christen, die allmählich auch anfingen, sich in die Verwaltung einzumengen, konnten den Volksgeist und die Landessitten nicht kennen lernen. Außerdem war der fremde Glaube den Arabern, die noch an ihrem Enthusiasmus und ihrer Unduldsamkeit festhielten, unerträglich. Und während der Name Al-Mamuns auf den Lippen aller damaliger Gelehrten schwebte und seine Gastfreundschaft buntbeflaggte Schiffe an die syrische Küste lockte, wurde seine Macht im Innern des Reiches immer schwächer und schwächer. Die Bewohner der Provinzen, die ihren Kalifen nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, schätzten seinen Namen nur wenig. Die militärischen Kräfte nahmen immer mehr ab. Die Kultur, die ihren Ausgangspunkt gewöhnlich von Bagdad, dem Zentrum des Reiches, nahm, verringerte sich und erlosch immer mehr, je mehr sie sich den fernen Grenzen näherte. In den Grenzländern hatte sich der Kulturzustand der Araber noch auf dem Niveau seiner ersten Periode erhalten, hier standen noch von Fanatismus erfüllte Truppen, die jederzeit bereit waren, den Glauben Mohammeds mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Die mächtigen Emire, die bald die unzureichende Verbindung mit Bagdad erkannten, träumten von der Unabhängigkeit, und Al-Mamun mußte noch während seiner Regierung den Abfall Persiens, Indiens und der entlegenen Provinzen Afrikas erleben. Aber vielleicht wäre diese falsche Richtung der Verwaltung noch ein Übel gewesen, das wieder gutzumachen war, wenn Al-Mamun seine Wahrheitsliebe nicht zu weit getrieben hätte. Er wollte der religiöse Reformator seiner Nation werden. Er besaß einen rein theoretischen Verstand, war über jeglichen Aberglauben und alle Vorurteile erhaben, auch war er genauer über einige christliche Dogmen unterrichtet, als seine Vorgänger, und so konnte er seine Augen nicht gegen die zahllosen Widersprüche und den blühenden Unsinn, die in den Verordnungen des fanatischen Schöpfers des Korans überall zum Ausdrucke kommen, verschließen. Er entschloß sich, das heilige Buch Mohammeds zu reinigen und zu reformieren, und das in einer Zeit, als noch alle niederen Regierungsbeamten sowie der ganze Pöbel davon überzeugt waren, daß das Buch vom Himmel stamme, und wo der Zweifel an dem allergeringsten Gebote schon für das größte Verbrechen galt. Der halbgriechischen Denkungsweise Al-Mamuns war der völlig blinde Enthusiasmus seiner Untertanen ganz fremd. Die Unterdrückung des Fanatismus hielt er für den ersten Schritt zur Kultur seines Volkes — und doch bildete dieser Fanatismus das ganze Sein des arabischen Volkes; diesen Fanatismus, dem er seine ganze Entwicklung und seine glänzende Epoche verdankte, zu zerstören, hieß den politischen Bestand des ganzen Reiches untergraben. Al-Mamun erschien das Paradies Mohammeds, in das der Araber sein ganzes sinnliches Leben, dieses nur für den Genuß und für die Wollust bestimmte Leben, hineintrug, als der Gipfel der Torheit. Aber er ließ dabei außer acht, daß diese Gebote ein Produkt des glühenden, arabischen Klimas, des feurigen Temperaments des Arabers waren, daß dies Paradies für den Mohammedaner die große Oase inmitten der Wüste seines Lebens war, daß nur die Hoffnung auf dies Paradies es dem so sinnenfrohen Araber ermöglichte, alle Armut und Unterdrückung zu ertragen und, beim Anblick des in Luxus förmlich versinkenden Sybariten den Neid in seiner Seele zu bekämpfen. Der Gedanke, daß auch er einmal von Huris umringt, in einem Luxus schwelgen werde, der die Pracht aller irdischen Machthaber weit übertrifft, war wohl nur einer Sinnlichkeit und einer blühenden Phantasie faßbar, wie sie die Natur den Arabern verliehen hatte. Und vielleicht hätte sich der Glaube dieses Volkes erst im Verlauf der ferneren Entwicklung ohne allzu empfindliche Störungen reinigen lassen; Al-Mamun aber hatte kein Verständnis für die asiatische Natur seiner Untertanen.
Man kann sich den Grad der Empörung in den zahllosen Schichten des Volkes vorstellen, als das Gerücht von den Neuerungen des Kalifen sich verbreitete. Wie mußte sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen schon allein wegen der Förderung der christlichen Religion und seiner Vorliebe für die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei anklagte? Die rohe Masse der alten strenggläubigen Bekenner des Koran zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die früheren Nomadenvölker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte — sondern einen oppositionellen Fanatismus, — einen Fanatismus, der die Massen auseinanderriß, der Zank und Streit bis in die innersten Gründe des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrührte, der den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner des Islams drückte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen ließ, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange, zur Zeit der Kreuzzüge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des Reiches ausbrachen, inmitten der Empörung und des Parteienzwists starb der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche Mittel für Schulen, Werkstätten und für die Kunst ausgestreut und mit der anderen seine unbotmäßigen, fanatischen Untertanen gezüchtigt hatte — er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller Aufopferungsfähigkeit und seiner außergewöhnlichen Liebe zu den Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewußten Ursachen wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten.
Arabesken
Zweiter Teil
I
Das Leben
Ein armer Wüstensohn hatte einen Traum: Still liegt das große Mittelländische Meer und breitet sich aus in unendliche Fernen, und von drei verschiedenen Seiten blicken nach ihm hin die glühenden Küsten Afrikas mit ihren schlanken Palmen, die nackten syrischen Wüsten und die vom Meer zerklüfteten, dichtbevölkerten Küsten Europas.
In einer Bucht an dem unbeweglichen Meer erhebt sich das alte Ägypten. Eine Pyramide steht neben der andern; granitene Sphinxe blicken aus grauen Augen; zahllose Stufen führen zu ihnen hinauf. Genährt von dem großen Nil, geschmückt mit geheimnisvollen Zeichen und heiligen Tieren, thront majestätisch das alte Ägypten unbeweglich und wie verzaubert, gleich einer Mumie, die der Verwesung Trotz bietet.
Zahllose unabhängige Kolonien hat das heitere Griechenland um sich herum gegründet. Das Mittelmeer ist mit Inseln übersät, die in grünen Wäldern ertrinken; Oliven, Weinreben und Feigenbäume schaukeln sich mit ihren honiggetränkten Zweigen im Winde; Säulen, weiß wie die Brüste einer Jungfrau, runden sich im üppigen Dunkel der Bäume; der von wundersamem Meißel erweckte Marmor atmet wollüstig und freut sich schamhaft seiner herrlichen Nacktheit; mit Weintrauben geschmückt, Pokale und Thyrsosstäbe in Händen, hält das Volk im geräuschvollen Tanz inne; schlanke, junge Priesterinnen mit wallenden Locken werfen flammende Blicke aus nachtschwarzen Augen. Efeubekränzte Schalmeien, Zimbeln und andere musische Instrumente erklingen. Wie Fliegen schwirren Schiffe um Rhodus und Korkyra und bieten ihre selig geschwellten Fahnen dem Winde dar. Und alles atmet starr und unbeweglich in seiner steinernen Majestät.
Stolz und unermeßlich dehnt sich das eiserne Rom, ein Wald von Lanzen starrt gen Himmel, und in drohendem Glanze leuchten die stählernen Schwerter. Sein gieriges Auge scheint alles verschlingen zu wollen, und weit ausgestreckt ist seine sehnige Rechte. Aber auch Rom liegt unbeweglich da, wie alles rings umher und rührt seine löwenstarken Glieder nicht.
Die Luft des himmlischen Ozeans lastete dumpf und erstickend auf allem. Kein Wellenschlag bewegte das große Mittelmeer, und es war, als wäre das Jüngste Gericht gekommen für die drei Reiche — vor dem Ende der Welt. Da sprach Ägypten, und die schlanken Palmen, die Bewohner seiner Ebenen, schwankten im Winde, und die Obelisken streckten ihre feinen Nadeln noch höher empor: „Hört mich, ihr Völker! Ich allein drang ein in das Geheimnis des Lebens und in das Rätsel des Menschen. Alles ist vergänglich. Gemein ist alle Kunst, armselig jeder Genuß und noch armseliger die Worte und Taten. Der Tod, der Tod herrscht über die Welt und über den Menschen! Der Tod verschlingt alles, und alles lebt für den Tod. Fern, fern ist die Auferstehung! Gibt es denn überhaupt eine Auferstehung? Fort mit den Wünschen, den Genüssen. Armer Mensch! Errichte immer höhere Pyramiden, um dein elendes Dasein wenigstens etwas zu verlängern.“
Und es sprach das heitere Griechenland, das so klar ist wie der Himmel, wie der Morgen und wie die Jugend, und es war, als vernähme man keine Worte sondern Töne einer Schalmei: „Das Leben ward für das Leben geschaffen. Erweitere und bereichere dein Leben, erweitere mit ihm deine Genüsse. Ihm bringe alles zum Opfer dar. Sieh, wie ist alles so plastisch und schön in der Natur, wie ist alles in Eintracht verbunden. In der Welt ist alles enthalten. Alles, auch alles, worüber die Götter gebieten, enthält sie; lern’ es nur finden. Göttlicher, stolzer Gebieter dieser Erde, bekränze dein herrliches Haupt mit Eichenlaub und Lorbeer und genieße dein Leben; fliege hin auf deinem Wagen bei den rauschenden Spielen und lenke kunstvoll die feurigen Rosse. Fern sei deiner freien, stolzen Seele die Habgier und der Neid! Meißel, Palette und Flöte sind geschaffen, die Welt zu beherrschen, sie aber soll sich der Schönheit beugen. Mit Efeu und Weinlaub umwinde deine duftende Stirn und das liebliche Haupt deiner schamhaften Freundin! Das Leben ward für das Leben und für den Genuß geschaffen — lern’ des Genusses würdig sein.“
Und das in Eisen gehüllte Rom klirrte mit dem leuchtenden Walde seiner Lanzen und sprach: „Ich habe des Geheimnis des Menschenlebens ergründet. Die Ruhe ist des Menschen unwürdig, sie richtet ihn zugrunde in seinem eigentlichen Wesen. Kunst und Genuß sind zu gering für seine Seele. Der wahre Genuß liegt in dem gigantischen Wunsche. Verächtlich ist das Leben der Völker und des Einzelnen ohne ruhmreiche Heldentaten. Dürste nach Ruhm, dürste nach Ruhm, o Mensch! Beim betäubenden Lärme der Waffen im Rausch unbeschreiblicher Lust laß auf die Schilde der lanzentragenden Legionen dich heben! Hörst du, wie sich zu deinen Füßen die ganze Welt, wie sich Millionen versammelten und, die Speere schwenkend, in einen einzigen Ruf ausbrechen? Hörst du’s, wie dein Name furchtverbreitend auf den Lippen der fernsten Völker bebt, die am Ende der Welt wohnen? Alles, was dein Blick umfassen kann, erfülle alles mit dem Klang deines Namens! Strebe unablässig weiter, es gibt keine Grenzen weder der Welt noch deiner Wünsche. Furchtbar und streng schreite vorwärts und erweitere deine Weltherrschaft, dann wirst du zuletzt auch den Himmel erobern.“
Und Rom schwieg und heftete seinen Adlerblick auf den Osten. Auch Griechenland wandte seine herrlichen, vom Genuß feuchten Augen nach Osten, und auch Ägypten wandte seine trüben, farblosen Augen dem Orient zu.
Ein steiniges Land; ein verachtetes Volk; ein paar einsame Hütten stehen an nackte Hügel gelehnt, und hie und da nur fällt der spärliche Schatten eines dürren Feigenbaumes auf sie. Hinter einem niedrigen baufälligen Zaun steht eine Eselin. In der Holzkrippe liegt ein Knäblein; die jungfräuliche Mutter steht über es gebeugt und schaut es mit tränenfeuchten Augen an; hoch über der Krippe aber steht ein Stern, und ein herrliches Leuchten erfüllt die Welt.
Die Pyramiden des hieroglyphengeschmückten Ägyptens senkten sich immer tiefer, und Ägypten versank in Träume; unruhig blickte das herrliche Griechenland, Rom senkte die Augen und schaute auf seine eisernen Lanzen; das große Asien mit seinen zahllosen Hirtenvölkern lauschte gespannt, und der Ararat, der Urvater der Erde, beugte seinen Nacken.
1831.
II
Schlözer, Müller und Herder
Schlözer, Müller und Herder sind die großen Baumeister der Weltgeschichte. Der Gedanke an diese war ihr Lieblingsgedanke und verließ sie keinen Augenblick während der ganzen Zeit ihres so verschiedenartigen Lebenslaufes. Man kann sagen, daß Schlözer der erste war, der von der Idee eines einigen großen Ganzen, einer Einheit durchdrungen war, zu der alle Zeiten und alle Völker zusammengefaßt und zusammengeschmolzen werden müssen. Er wollte die ganze Welt und alles Lebendige mit einem Blick umspannen. Es schien, als wünschte er hundert Argusaugen zu besitzen, um mit einem Blick alle Geschehnisse in den entlegensten Teilen der Welt zu übersehen. Sein Stil ist ein Blitz, der fast plötzlich bald hier, bald dort zündet und die Gegenstände momentan, aber mit blendender Klarheit, beleuchtet. Ich weiß nicht, ob er selbst das hätte leisten können, was er den anderen so scharf vorgezeichnet hat; jedenfalls aber war niemand so stark von seinem Objekt ergriffen wie er. Er hatte die Gabe, alles in einem kleinen Brennpunkt zu konzentrieren und oft mit zwei, drei scharfen Strichen, ja zuweilen durch ein einziges Epitheton, ein bestimmtes Ereignis oder ein ganzes Volk zu charakterisieren. Seine Epitheta sind wunderbar, temperamentvoll und kühn und erscheinen als die Frucht eines glücklichen Augenblicks, einer momentanen Eingebung; sie sind von so scharfer verblüffender Wahrheit, daß selbst eine tiefe und dauernd in ihrer Richtung beharrende Forschung sie nicht entdeckt hätte, es sei denn, daß sie von Schlözer selbst ausgeführt worden wäre. Er war nicht eigentlich Historiker, und ich glaube sogar, daß er gar nicht Historiker hätte sein können. Seine Gedanken sind zu sprunghaft, zu leidenschaftlich, um sich zu einer harmonisch und gemächlich dahinfließenden Erzählung zu formen. Er analysierte die Welt und alle verschwundenen und noch lebenden Völker, aber er beschrieb sie nicht; er sezierte die ganze Welt mit dem Messer des Anatomen, zerschnitt und zerlegte sie in massive Teile, er gruppierte und klassifizierte die Völker wie ein Botaniker die verschiedenen Pflanzen nach bestimmten Merkmalen ordnet. Und daher sollte man glauben, daß durch diese Art der Behandlung seine geschichtlichen Aufzeichnungen etwas Skelettartiges und Trockenes erhalten hätten; aber merkwürdigerweise leuchtet alles bei ihm in so grellen Farben, der machtvolle Blitz seines Auges hat etwas so Sicheres, daß man beim Lesen seiner gedrängten Weltskizze erstaunt bemerkt, wie unsere Phantasie sich entzündet, erweitert und alles nach demselben Gesetze ergänzt, das Schlözer mit einen gewaltigem Wort gekennzeichnet hat; zuweilen aber eilt unsere Einbildungskraft die kühn vorgezeichneten Wege noch weiter. Da er einer der ersten war, der von der Größe und dem wahren Ziel der Weltgeschichte beunruhigt wurde, mußte er unbedingt ein oppositionelles Genie werden. Diese seine Stellung gab ihm die große Energie, das Feuer und sogar den Ärger über die Kurzsichtigkeit seiner Vorgänger, die sehr häufig in seinen Schriften zum Ausbruch kommen. Mit einem Donnerwort vernichtet er sie und in diesem einen Wort verbindet sich der Genuß und ein sardonisches Lächeln über den Besiegten mit einer sieghaften Wahrheit. Man könnte ihn mit mehr Recht noch als Kant den Alleszermalmer nennen. Fast immer lassen sich die Männer der Opposition zu sehr von ihrer Stellung hinreißen, indem sie sich in ihrem enthusiastischen Übereifer nur an eine Regel halten — allem Vorangegangenen zu widersprechen. Doch dieser Vorwurf trifft Schlözer nicht: sein germanischer Geist beharrt unerschütterlich auf seinem Standpunkt. Er ist ein strenger, allwissender Richter; seine Urteile sind scharf, kurz und gerecht. Vielleicht werden einige sich darüber wundern, daß ich von Schlözer wie von einem großen Baumeister der Weltgeschichte rede, während doch die Gedanken und Werke, die er diesem Gegenstande gewidmet hat, in einem kleinen Leitfaden für Studenten bestehn; aber dieses kleine Büchlein gehört zur Zahl der Werke, nach deren Lektüre man glaubt, ganze Bände gelesen zu haben; ich möchte es mit einem kleinen Fenster vergleichen, durch das man, wenn man sein Auge nur nahe genug heranbringt, die ganze Welt erblicken kann. Er wirft ein helles Licht auf die Gegenstände, lehrt sie uns begreifen, und schließlich gelangt man dazu, alles mit eigenen Augen zu sehen.
Müller ist ein Historiker ganz anderen Schlages. Still, ruhig und bedächtig, ist er das volle Gegenteil von Schlözer. Mit einer eigenartigen, bezaubernden Liebe gibt er sich seinem Gegenstande hin. Sein Vortrag glänzt nicht durch eine scharf ausgeprägte Eigenart wie der Stil Schlözers; er kennt weder die leidenschaftlichen Ausbrüche, noch den prägnanten Lakonismus, der den Vortrag Schlözers auszeichnet. Er umfaßt nicht alles so momentan, so mit einem Blicke wie jener, umspannt es nicht mit gewaltiger Hand, er erforscht alles, was die Welt erfüllt, ruhig, in bestimmter Reihenfolge, ohne jene Überstürzung und Hast, mit der ein Autor sich ausspricht, der sich fürchtet, jemand könnte ihm seine Gedanken entwenden und ihm zuvorkommen. Das Wort „Untersuchung“ paßt so recht zu seinem Stil; seine Darstellungen sind wahrhafte Untersuchungen. Als Staatsmann beschäftigt er sich vorzüglich mit der Erörterung der Staatsformen und mit den Gesetzen der gegenwärtigen und der untergegangenen Reiche; aber er betont diese Seite nicht in dem Maße, um darüber andre Seiten ganz im Schatten zu lassen, ein Fehler, dessen nur einseitige Historiker fähig sind und in den auch Heeren mitunter verfallen ist; im Gegenteil, er wendet seine Aufmerksamkeit auch allen Grenzgebieten zu. Alles, was in der Geschichte nicht ganz klar ist, was noch wenig erforscht ist, das alles unterwirft er einer Untersuchung. Man fühlt sogar, daß er sich mit Vorliebe mit der Urgeschichte und überhaupt mit den Epochen beschäftigt, wo das Volk noch nicht von der Kultur und ihren Lastern berührt ist und noch seine einfachen Sitten und seine Unabhängigkeit bewahrt. Diese Perioden schildert er mit einer leuchtenden Ausführlichkeit, mit einer sanften Wärme, wie wenn er sich selbst dabei vergäße und sich mitten unter seinen braven Schweizern zu befinden wähnte. Das wichtigste Resultat, das er aus seiner Geschichtsdarstellung zieht, ist dieses, daß ein Volk nur dann glücklich ist, wenn es die alten Sitten des Landes treu befolgt und seine einfache Lebensweise und Unabhängigkeit beibehält. Überall schimmert seine reife Weisheit und seine kindliche Seelenklarheit durch. Der Adel seiner Gedanken und die Freiheitsliebe durchdringen all seine Werke. Nicht der Gedanke an die Einheit und an ein unzertrennliches Ganzes ist das Ziel, nach dem seine Darstellung bewußt hinstrebt; er spricht eigentlich nie darüber, aber sein ganzes Werk läßt uns diese Einheit fühlen, obgleich er über der Betrachtung eines Volkes die Sache der ganzen Welt zu vergessen scheint. Seine Geschichte ist keine ununterbrochene, bewegliche Kette von Begebenheiten; hier gibt es keine dramatischen Effekte; aus allem spricht die bedächtige Weisheit des Autors. Er gibt seinen Gedanken keine scharfen prägnanten Formulierungen: sie scheinen sich bescheiden und häufig wie in einem unbeachteten Winkel zu verbergen, so daß man sie nur entdeckt, wenn man sie sucht; aber dafür sind sie so erhaben und zugleich so tief, daß nach einem Ausdruck Wagners im „Faust“ der ganze Himmel zu dem glücklichen Finder niedersteigt. Dieser bescheidene, prunklose Vortrag und der Mangel an blendenden Lichtern weckt unwillkürlich unser Mitleid; sie sind der Grund, warum Müller so wenig bekannt oder besser gesagt nicht so bekannt ist, wie er es verdient. Nur solche Menschen, die tief durchdrungen von der Idee der Geschichte und einer edleren Bildung fähig sind, können ihn ganz verstehen; den übrigen erscheint er unbedeutend und oberflächlich.
Herder vertritt eine ganz andere Art der Geschichtsauffassung. Er betrachtet alles mit geistigen Augen. Bei ihm verschlingt die Macht der Idee völlig die greifbare Form. Stets sieht er einen Menschen als Vertreter der ganzen Menschheit an. Er forscht tief und begeistert gleich einem Brahmanen der Natur — wie man ihn in Deutschland zu nennen pflegt. Bei ihm werden die Ereignisse bedeutender durch ihre Gruppierung, all seine Gedanken sind erhaben, tiefsinnig und weltumspannend. Sie erscheinen bei ihm nur selten in Beziehung zu der sichtbaren Natur und steigen gleichsam unmittelbar aus ihrem reinen Feuer empor. Daher fehlt es ihnen auch an historischer Greifbarkeit und Plastik. Wenn ein Ereignis riesengroß ist und eine Idee einschließt — dann entfaltet es sich bei ihm mit all seinen geheimsten Nebenwirkungen; aber wenn es zu nah mit dem Leben und der Praxis in Berührung kommt, dann mangelt es ihm am bestimmten Kolorit. Wenn er sich herabläßt, einzelne Persönlichkeiten oder die Lenker der Geschichte zu schildern, dann erscheinen sie bei ihm lange nicht so deutlich wie die allgemeinen Gruppen und sie nehmen eine zu allgemeine Physiognomie an; sie sind entweder ganz gut oder ganz böse; alle die zahllosen Schattierungen der Charaktere, alle Verquickung und Mannigfaltigkeit der Eigenschaften, deren Erkenntnis nur einem Forscher zuteil wird, der die Menschen mit Mißtrauen betrachtet, alle diese Abstufungen verschwinden völlig bei ihm. Er ist unendlich weise in der Erforschung des idealen Menschen und der Menschheit, aber ein Kind in der Erkenntnis des wirklichen Menschen, und dies ist nur natürlich —, da ein Weiser immer groß ist in seinen Gedanken und unwissend in den Kleinigkeiten, die das Leben ausfüllen. Als Dichter steht er weit höher als Schlözer und Müller. Aber gerade weil er Poet ist, so erschafft und erarbeitet er alles in seinem Innern in seinem einsamen Arbeitszimmer; ganz ergriffen von einer höheren Offenbarung, wählte er stets nur das Schöne und Große, weil das nun einmal der Natur seiner erhabenen, reinen Seele entspricht. Aber das Hohe und Schöne reißt sich manches Mal von dem niedren und verachteten Leben los oder wird durch den Druck jener zahllosen und verschiedenartigen Erscheinungen, die soviel Buntheit in das menschliche Leben hineinbringen und deren Erkenntnis nur selten dem weltabgewandten Weisen zufällt, hervorgerufen. Sein Stil zeichnet sich vor dem der anderen durch Bilderreichtum und breite Pinselführung aus, er ist eben Dichter und hebt sich daher deutlich von dem ewig ruhigen und bedächtigen Müller, diesem Philosophen und Gesetzgeber, sowie von dem fast immer schroffen und unzufriedenen kritischen Philosophen Schlözer ab.
Mir scheint, wenn man Herders tiefe Schlüsse, die bis in die fernsten Anfänge der Menschheit reichen, mit dem schnellen, feurigen Blick Schlözers und der erfinderischen, weltgewandten Weisheit Müllers vereinigen könnte, dann hätten wir erst einen Historiker, der da fähig wäre, eine Weltgeschichte zu schreiben. Und doch würde ihm noch manches dazu fehlen; es würde ihm noch an jener dramatischen Kraft mangeln, die wir weder bei Schlözer, noch bei Müller, noch auch bei Herder finden. Ich verstehe unter dem Wort „dramatische Kraft“ nicht die Kunst, die darin besteht, einen guten Dialog zu führen, sondern die Fähigkeit, einem ganzen Werke jenen mitreißenden Schwung und jenes dramatische Interesse mitzuteilen, das manche von Schillers historischen Fragmenten, besonders die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ausströmen und das fast jedes einfache Geschehnis auszeichnet. Doch zu allem Genannten möchte ich noch gern das Anziehende der Erzählergabe eines Walter Scott und seinen starken Sinn für alle feinen Nuancen hinzufügen. Nehmen wir dann noch Shakespeares Talent für die Entwicklung großer Charaktereigenschaften in den engsten Grenzen hinzu, dann, will es mir scheinen, hätten wir einen Historiker, wie er für eine Darstellung der Weltgeschichte erforderlich ist. Bis dahin aber werden Müller, Schlözer und Herder noch lange unsere großen Wegweiser bleiben. Sie haben viel, sehr viel Licht in die Weltgeschichte gebracht. Und wenn wir heute schon ein paar beachtenswerte geschichtliche Werke besitzen, so verdanken wir diese ihnen allein.
1832.
III
Der Newsky-Prospekt
Es gibt in Petersburg nichts Schöneres als den Newsky-Prospekt; für Petersburg wenigstens bedeutet er alles! Gibt es einen Vorzug, der dieser Schönen unter den Straßen, dieser Zierde unserer Hauptstadt, fehlte! Ich bin überzeugt, daß kein einziger von den blassen Beamten, die ihre Einwohnerschaft bilden, den Newsky-Prospekt — auch nicht für alle Herrlichkeiten der Welt — eintauschen würde. Sie alle sind ganz begeistert für den Newsky-Prospekt; nicht nur die Fünfundzwanzigjährigen, die prachtvolle Schnurrbärte und einen wundervoll sitzenden Rock tragen, nein, auch jene, denen schon weiße Haare ums Kinn sprießen, und deren Köpfe glatt sind wie silberne Schüsseln. Und erst die Damen! Oh! die Damen schwärmen noch viel mehr für den Newsky-Prospekt. Wem kann er denn auch nicht gefallen! Sobald man nur auf die Straße heraustritt, so erfaßt einen schon eine Feiertagsstimmung. Selbst wenn man etwas sehr Wichtiges vorhat, so vergißt man sicherlich sein Geschäft, sobald man den Newsky betritt. Dies ist der einzige Ort, wo die Menschen erscheinen, nicht, weil sie dort sein müssen, und wo sie weder die Notwendigkeit noch das Geschäftsinteresse hintreiben, die doch sonst ganz Petersburg gefangen halten. Es kommt einem so vor, als sei der Mensch, der einem auf dem Newsky begegnet, weniger egoistisch als der auf der Morskaja, der Gorochowaja, Liteinji, Meschtschanskaja und den anderen Straßen, wo der Geiz, die Habsucht und Geschäftigkeit auf allen Gesichtern ausgeprägt ist, die man vorbeikommen oder in Wagen und Droschken einherjagen sieht. Der Newsky ist der wichtigste Verkehrspunkt Petersburgs, wo alles sich begegnet. Der Bewohner der Petersburger oder der Wiborger Seite, der seinen Freund auf Peski oder am Moskauer Tor schon seit vielen Jahren nicht mehr besucht hat, kann ganz sicher sein, ihn hier zu treffen. Kein Adreßbuch und keine Auskunftsstelle kann einem so zuverlässige Nachrichten vermitteln, wie der Newsky-Prospekt. Der Newsky-Prospekt ist allmächtig. Er bildet die einzige Zerstreuung für das an Spaziergängen so arme Petersburg. Wie ist sein Trottoir so rein gefegt und, o Gott! wie viele Füße haben ihre Spuren auf ihm hinterlassen! Der plumpe, schmutzige Stiefel des verabschiedeten Soldaten, unter dessen Wucht scheinbar jeder Granitblock bersten müßte, der kleine, an Leichtigkeit einer Rauchwolke vergleichbare Schuh der jungen Dame, die ihr zierliches Köpfchen nach den glänzenden Ladenfenstern hinwendet, wie die Sonnenblume ihr Antlitz der Sonne zukehrt, und der rasselnde Säbel des hoffnungsvollen Leutnants, der eine tiefe Furche in das Pflaster gräbt — hier tritt alles zutage: die Gewalt der Kraft, wie die Macht der Schwäche. Welch schnelles phantastisches Spiel rollt sich im Lauf eines einzigen Tages hier ab! Wie viele Veränderungen erlebt er im Lauf von vierundzwanzig Stunden! Fangen wir mit dem frühen Morgen an, wenn ganz Petersburg nach heißem, frischgebackenem Brot riecht, und von alten Weibern in zerlumpten Kleidern und Mänteln angefüllt ist, die ihre Streifzüge durch die Kirchen beginnen und die weichherzigen Fußgänger überfallen. Ein wenig später ist der Newsky wieder ganz leer: noch liegen die wohlgenährten Ladenbesitzer und Kommis in ihren holländischen Hemden da und schlafen oder sie seifen ihre ehrwürdigen Backen ein und trinken ihren Kaffee; vor den Türen der Zuckerbäcker versammeln sich Bettler, und der schlaftrunkene Ganymed, der gestern noch gleich einer Fliege mit seiner Schokolade herumschwirrte, kriecht ohne Halsbinde und mit einem Besen in der Hand hervor und wirft ihnen altgebackene Kuchen und Brotreste zu. Auf der Straße trabt arbeitendes Volk einher, manches Mal überschreitet ein Haufen russischer Bauern, die zur Arbeit eilen, den Newsky; ihre Stiefel sind ganz mit Kalk beschmiert, und selbst der Katharinenkanal, der wegen seiner Sauberkeit bekannt ist, wäre nicht imstande, sie rein zu waschen. Um diese Zeit würde ich keiner Dame raten, dort spazierenzugehen, da das russische Volk sich solcher Ausdrücke zu bedienen pflegt, die sie wahrscheinlich nicht einmal im Theater zu hören bekäme. Manches Mal begegnet man auch einem schläfrigen Beamten mit einem Portefeuille unter dem Arm, wenn ihn der Weg nach dem Departement zufällig über den Newsky führt. Man kann wohl sagen, daß um diese Zeit d. h. bis 12 Uhr der Newsky für alle nur ein Mittel und nicht das eigentliche Ziel ist; er füllt sich allmählich mit Leuten, die sich durchaus nicht um ihn kümmern und nur an ihre Beschäftigung, ihre Sorgen und ihren Verdruß denken. Ein russischer Bauer läßt sich über ein Zehnkopekenstück oder gar über eine Kupfermünze im Werte von sieben Kopeken aus, Männer und alte Weiber gestikulieren mit den Händen oder halten Selbstgespräche, wobei sie mitunter recht bezeichnende Gesten machen, aber niemand hört auf sie oder lacht über sie, abgesehen etwa von ein Paar Jungen in buntgestreiften Kitteln mit leeren Flaschen oder neuen Stiefeln in den Händen, die wie ein Blitz auf dem Newsky hin und her schwirren. Um diese Zeit wird niemand darauf achten, wie Sie angezogen sind, selbst wenn Sie statt eines Hutes eine Mütze auf dem Kopfe hätten oder wenn Ihr Kragen aus ihrer Halsbinde hervorkröche.
Um 12 Uhr machen die Gouverneure und Erzieher aller Nationalitäten mit ihren Zöglingen, die Batistkragen tragen, ihren obligaten Spaziergang. Die englischen Johns und die französischen Hähne gehen Arm in Arm mit den ihrer väterlichen Obhut anvertrauten Zöglingen auf und ab und erklären ihnen voller Anstand und Würde, die Schilder seien deshalb über den Kaufläden angebracht, damit man von ihnen ablesen könne, was in einem jeden Laden zu haben sei. Zahlreiche Gouvernanten, blasse Misses und rosige Mademoiselles gehen wichtig hinter leichtfüßigen, koketten Fräuleins einher und schärfen ihnen ein, die linke Schulter höher zu ziehen und sich einer besseren Haltung zu befleißigen, kurz gesagt: um diese Zeit trägt der Newsky-Prospekt einen pädagogischen Charakter.
Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrückt, um so mehr verringert sich die Zahl der Pädagogen, Gouvernanten und Kinder und schließlich werden sie ganz von ihren zärtlichen Vätern verdrängt, die ihre buntgekleideten, nervenschwachen Gefährtinnen am Arme führen. Allmählich gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen häuslichen Angelegenheiten erledigt haben: sie mußten mit ihrem Arzt über das Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase gebildet hatte, mußten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde erkundigen, welch erstere übrigens eine große Begabung an den Tag legten; dann mußten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen Zeitungsartikel über die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen und endlich mußten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den segensreichen Beruf eines Beamten für besondere Aufträge bescherte; auch die schließen sich ihnen an, die in den ausländischen Ämtern dienen und sich durch die Vornehmheit ihrer Beschäftigung und ihrer Manieren auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch für herrliche Ämter und Berufe, wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergnügen, die feinen Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf dem Newsky sieht, strotzt förmlich von Würde und Wohlanständigkeit; die Herren in ihren langen Röcken mit den Händen in den Taschen und die Damen in ihren rosa, weißen oder hellblauen Atlasjacken und ihren koketten Hütchen! hier kann man ganz ungewöhnlichen Backenbärten begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen sammetweichen Backenbärten, die wie Atlas glänzen, und schwarz sind wie der feinste Zobel oder ein Stück Kohle; aber ach! leider gehören diese immer nur Ausländern an. Denen, die in den andern Departements dienen, hat die Vorsehung die schwarzen Bärte versagt, und sie müssen zu ihrem großen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche Schnurrbärte, daß keine Feder und kein Pinsel imstande wären, sie abzuschildern; Schnurrbärte, deren Pflege weitaus die größere Hälfte des Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht und bei Tage sind; Schnurrbärte, die mit den herrlichsten Parfüms und Düften getränkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt werden, die sich der rührendsten Anhänglichkeit ihrer Besitzer erfreuen und die den Neid aller Vorübergehenden erwecken. Hier wird jedermann geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hüten, Kleidern und durch all die bunten und leichten Tücher, denen ihre Besitzerinnen häufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als hätte sich ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblüten erhoben und schwebe nun als leuchtende Wolke über den schwarzen Käfern, die durch das männliche Geschlecht repräsentiert werden. Hier begegnet man solchen Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen, schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so daß man bei einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhöflichen Ellbogen gegen sie anzustoßen; es übermannt einen eine Schüchternheit und eine wahre Angst, daß man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstören könnte. Und was für Frauenärmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei Luftballons, daß man meint, die Dame müßte sich plötzlich in den Äther emporschwingen, wenn der Herr sie nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in die Höhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu setzen. Nirgends begrüßt man sich so würdevoll und so ungezwungen wie auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lächeln begegnen, einem Lächeln, das einzig in seiner Art und über alle Kunst erhaben ist; man möchte mitunter dahinschmelzen vor Vergnügen über solch ein Lächeln; aber es gibt auch ein Lächeln, vor dem man ganz klein wird und zusammenknickt wie ein Grashalm, so daß man das Haupt senkt, und dann gibt es wieder eines, bei dem man sich höher fühlt als der Admiralitätsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hört man mit außergewöhnlichem Anstand und einem hohen Gefühl der eigenen Würde von Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl unergründlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was für sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Füße sehen, und wenn wir vorübergegangen sind, sich umkehren und unsere Frackschöße betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu bedeuten hat. Anfänglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine Spur davon! Gewöhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behörde an die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von Journalen beschäftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags könnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen. Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschönsten Erzeugnisse der Menschheit. Der eine läßt seinen feinen Rock mit dem schönsten Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare Augen und ein reizendes Hütchen, ein fünfter einen Ring mit einem Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trägt, eine sechste einen Fuß in einem entzückenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende Halsbinde, ein achter einen verblüffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr schlägt drei — die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung verödet.
Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird es plötzlich Frühling! er füllt sich ganz mit Beamten in grünen Amtsfräcken. Hungrige Titulär-, Hof- und andre „Räte“ suchen aus allen Kräften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre beeilen sich noch schnell, ihre freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit einem Anstand einhergegangen, als hätten sie bei Leibe keine sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die alten Kollegiensekretäre, Titulär- und Hofräte schnell und mit gesenktem Kopfe vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergänger anzuschauen und haben sich noch nicht völlig von ihren Sorgen losgerissen; in ihren Köpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und statt der Kaufläden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das runde Gesicht ihres Bureauchefs.
Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen Beamten. Höchstens eine Näherin, die mit einem Karton in der Hand über die Straße läuft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife Engländerin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen Bureaudiener, einen Russen mit einem dürftigen Bart, in einem baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rücken, die Hände, die Füße und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann — sonst trifft man um diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt.
Sobald sich jedoch die Dämmerung auf die Häuser und Straßen hinabsenkt und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwächter langsam die Leiter besteigt, um die Laternen anzuzünden, sobald aus den niedrigen Fenstern der Kaufläden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten, meistenteils Hagestolzen in warmen Röcken und Mänteln. Um diese Zeit fühlt man, daß dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt etwas Ähnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmäßiges, Unruhiges in ihre Bewegungen. Lange Schatten huschen über die Mauern und über das Pflaster hin und reichen mit ihren Köpfen fast bis zur Polizeibrücke. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre promenieren lange hin und her, während die alten Kollegienregistratoren, Titulär- und Hofräte größtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie verheiratet sind oder weil ihre deutschen Köchinnen so gut kochen. Jetzt trifft man wieder die alten, ehrwürdigen Herren, die mit so viel Würde und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen. Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen und Wangen gefallen nämlich vielen Spaziergängern, hauptsächlich jedoch den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange deutsche Röcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen.
„Halt!“ rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen befrackten und in einen Mantel gehüllten jungen Mann, der neben ihm daherging, am Arme fest, „hast du gesehn?“
„Gewiß habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka!“
„Ja, von welcher sprichst du eigentlich?“
„Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was für Augen, Gott! was für Augen! diese Figur, diese Züge, dies Oval des Gesichts — ein wahres Wunder!“
„Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite ging. Nun, warum gehst du denn der Brünetten nicht nach, wenn sie dir so gefällt?“
„Ich bitte dich, wo denkst du hin!“ rief tief errötend der junge Mann im Frack. „Als ob sie zu denen gehört, die des Abends auf dem Newsky herumspazieren; das ist gewiß eine feine Dame“ — fuhr er seufzend fort — „ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel.“
„Du Grünschnabel!“ rief Piragow und stieß ihn mit Gewalt nach jener Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. „Geh, Einfaltspinsel, sonst entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach!“ Und beide Freunde trennten sich.
„Wir kennen euch!“ dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und selbstbewußten Lächeln; er war davon überzeugt, daß es keine Schöne gab, die ihm widerstehen könnte.
Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schüchtern und ängstlichen Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte; wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, daß er die Aufmerksamkeit der sich entfernenden Schönen auf sich ziehen könnte, und noch viel weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die Wohnung dieses herrlichen Geschöpfs merken, das direkt vom Himmel auf den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott weiß wohin, entschwinden würde; und er rannte so schnell vorwärts, daß er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbärten vom Trottoir herunterstieß.
Dieser junge Mann gehörte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine recht merkwürdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner Petersburgs gehören wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man begegnet diesem außerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt, wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind. Das war ein Künstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwürdige Erscheinung? Ein Petersburger Künstler! Ein Künstler im Lande des Schnees! im Lande der Finnen, wo alles naß, eben, glatt, blaß, grau und neblig ist! Diese Künstler haben durchaus keine Ähnlichkeit mit den italienischen Künstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die Petersburger Künstler sind meistens ein braves, schlichtes Völkchen, sie sind schüchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im kleinen Stübchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden von ihrem Lieblingsthema und träumen nicht einmal von Luxus oder Überfluß. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jämmerliches, stumpfes Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt: Gipshände und -füße, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wände, die mit Farbenklecksen beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die Arbeiten dieser Künstler haben fast immer ein graues, trübes Kolorit — diesen unauslöschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie stets mit wahrhaftem Genuß bei der Arbeit. Häufig lebt in ihnen ein echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so würde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln, wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft trägt. Diese Künstler sind sehr schüchtern; ein Stern oder eine dicke Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, daß sie sofort mit dem Preis für ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu putzen und schön zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstück. Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer unvollendeten Landschaften, auf der man häufig eine auf dem Kopf stehende Nymphe entdecken kann, da der Künstler die Landschaft einfach auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere Leinwand zur Verfügung hatte. Solch ein Künstler sieht niemand gerade ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trübe und unbestimmt; er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets Ihre Züge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er demnächst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und unzusammenhängende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn durcheinanderschwirren, vergrößern noch seine Schüchternheit.
Zu dieser Art von Leuten gehörte auch der oben erwähnte junge Mann — der Künstler Piskarjow; er war sehr schüchtern und bescheiden, aber in seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefühl, der im gegebenen Moment zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst über seine Dreistigkeit zu wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefühle und seine Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete plötzlich ihr Köpfchen und sah ihn an! Gott! welch göttliche Züge! Die herrliche, blendend weiße Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren wie Achat; sie kräuselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel unter dem Hut hervor und berührte die von der abendlichen Kälte leicht getöteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm von entzückenden Träumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer Kindheit übrigbleibt — alles, was beim Schein des Lämpchens vor dem Heiligenbilde unsere Schwärmerei und stille Begeisterung weckt — alles dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu vereinigen, ineinanderzufließen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller Strenge an, und ein Gefühl der Empörung über diese freche Verfolgung sprach aus ihren Zügen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schüchternheit übermannt, blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken schossen unserem jungen Schwärmer durch den Kopf, als er sich entschloß, ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt würde, folgte er ihr aus weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die Schilder an den Häusern an, ließ aber dabei die Unbekannte keinen Moment aus den Augen. Die Zahl der Spaziergänger wurde geringer, und auf der Straße wurde es stiller, da sah sich die Schöne um, und es schien ihm, als kräusele ein leichtes Lächeln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trügerischen Licht dies Lächeln vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in ihm erzitterte, alle seine Sinne erglühten, und ein seltsamer Nebel hüllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Füßen, die Wagen und die vorüberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die Brücke dehnte sich immer mehr in die Länge und barst über ihrem Bogen auseinander, die Häuser standen auf dem Kopfe, ein Wächterhäuschen stürzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wächters, die goldenen Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schönen Köpfchens hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren der niedlichen Füßchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach dem Takt seines Herzschlages dahinstürmten, zu mäßigen. Manches Mal packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so freundlich gewesen? — und er blieb einen Augenblick stehn, aber das Pochen seines Herzens, eine unüberwindliche Gewalt, die Erregung all seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwärts. Er merkte gar nicht, wie sich auf einmal ein vierstöckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er plötzlich gegen das eiserne Geländer vor der Einfahrt stieß. Er sah, wie die Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine Knie zitterten ihm, seine Gefühle und Gedanken glühten, ein wunderbares Glücksgefühl traf wie ein Blitz mit schneidender Schärfe sein Herz. Nein, das war doch kein Traum! Gott! so viel Glück in einem einzigen Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten.
Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, für deren himmlischen Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnstätte nahe zu sein, er schon für ein unaussprechliches Glück hielt — war sie denn wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen? Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fähig, und keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jüngling, den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedürfnis erfüllte. Und was in einem lasterhaften Menschen kühne und häßliche Wünsche geweckt hätte, das läuterte seine Gefühle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das herrliche schwache Geschöpf entgegenbrachte, dies Vertrauen verpflichtete ihn zu dem Gelübde, mit ritterlicher Strenge und sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfüllen. Er wünschte nur, daß die Aufgaben, die sie ihm stellen würde, so schwer als möglich, ja, geradezu unausführbar wären, damit er mit voller Anspannung aller seiner Kräfte hinfliegen könnte, sie zu überwinden. Er zweifelte nicht daran, daß irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte bewogen hätte, sich ihm anzuvertrauen, daß sicherlich bedeutende Dienstleistungen von ihm gefordert werden würden, und er fühlte schon die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fähig machte.
Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine Träume und Gedanken im Kreise herum. „Steigen Sie vorsichtiger hinauf,“ erklang eine Stimme gleich einer Harfe und ließ all seine Sinne von neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes klopfte die Unbekannte an die Tür; sie öffnete sich, und sie traten zusammen ein. Eine hübsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen; allein, sie sah Piskarjow so eigentümlich und frech an, daß er unwillkürlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten, die zweite saß vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie eine elende Melodie einer altmodischen Polonäse, die dritte saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschäftigung zu unterbrechen. Überall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut erhaltenen Möbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe überzog die Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeöffnete Tür des benachbarten Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert eine laute männliche Stimme und das Gelächter einer Frau entgegen.
Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen und fing an, sich die Gegenstände im Zimmer genauer anzusehen; aber die nackten Wände, die Fenster, die durch kleine Vorhänge verhängt waren, deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die schlaffen gealterten Züge dieser elenden Geschöpfe, von denen das eine sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles überzeugte ihn davon, daß er in eins jener häßlichen Asyle geraten sei, wo das gemeine Laster, das von einer falschen Überkultur und der großen Übervölkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnstätte gegründet hatte — eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und Heilige, das unser Leben verschönt, schändet und erstickt, wo das Weib, dies schönste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schöpfung, sich in ein merkwürdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in widerwärtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Männer aneignet, und wo es aufhört, das herrliche, schwache Geschöpf zu sein, das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet. Piskarjow maß sie vom Kopf bis zu den Füßen mit seinen Blicken, als wolle er sich noch einmal davon überzeugen, ob sie auch wirklich dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit sich fortgeführt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm stand, noch immer so schön wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft göttlich. Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt — man sah es ihr an, daß das furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schön.
Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in seiner schlichten Weise, wie früher seinen Träumereien hingeben. Aber dieses lange Schweigen langweilte die Schöne; sie lächelte bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lächeln hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und paßte so schlecht zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frömmigkeit zu der Fratze eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten. Piskarjow erbebte. Sie öffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verließe! Er wollte nichts mehr hören ... und machte einen furchtbar komischen und einfältigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen, statt sich über solch einen Zufall zu freuen — über den sich jeder andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut hätte — stürmte er, so schnell ihn seine Füße trugen, wie ein Reh auf die Straße.
Gesenkten Hauptes und die Hände in den Schoß gelegt, saß er in seinem Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen ließ. „So eine Schönheit! Solch göttliche Züge! Doch wo mußte ich sie finden? an welchem Ort! ...“ das war alles, was er sagen konnte.
Wahrlich, nie werden wir mächtiger vom Mitleid erfaßt, als beim Anblick der Schönheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja, wenn sich noch das Häßliche mit ihm verbände, aber die Schönheit, die zarte Schönheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie sich in unseren Gedanken. Das schöne Mädchen, das den armen Piskarjow so bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewöhnliche Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verächtlichen Kreise erschien um so unerklärlicher. Ihre Züge waren so herrlich geformt, der Ausdruck des schönen Gesichts war so edel, daß man durchaus nicht glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie hineingeschlagen. Für einen leidenschaftlichen Gatten wäre sie eine Perle, für die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise hätte sie wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung ihres wunderschönen Mundes ihre süßen Befehle erteilt. In einem von Menschen erfüllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wäre sie eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern hätte in wortloser Anbetung zu ihren Füßen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische Wille des bösen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens zu zerstören, hatte sie mit Hohngelächter in diesen schrecklichen Abgrund gestürzt.
Völlig hingenommen von herzzerreißendem Mitleid, saß Piskarjow vor der zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war längst vorüber, die Turmuhr schlug halb eins, aber er saß noch immer unbeweglich, schlaflos und gedankenlos vor sich hindämmernd da. Schon wollte der Schlummer seine Unbeweglichkeit benützend, ihn leise überwältigen, das Zimmer fing an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch leise durch die ihn gefangen haltenden Träume, als plötzlich ein Klopfen, das an der Türe ertönte, ihn aufschreckte und wieder ermunterte. Die Tür öffnete sich, und ein Diener in einer eleganten Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewöhnlichen Stunde ... er begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den eintretenden Diener.
„Die Dame,“ sagte der Diener, sich höflich verneigend, „bei der Sie die Güte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt.“
Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Mißverständnis vor ...
„Hören Sie, mein Lieber,“ sagte er schüchtern, „Sie haben sich gewiß in der Tür geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen Herrn geschickt und nicht zu mir.“
„Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fuß nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in der Liteinaja?“
„Ja, das habe ich getan.“
„Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen.“
Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen. Er setzte sich hinein, die Tür schlug zu, die Pflastersteine erdröhnten unter den Rädern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der Häuser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den Wagenfenstern vorüber. Während der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den Kopf, er wußte nicht, wie er sich dies Abenteuer erklären sollte. Ein eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem Wagen und führte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsäulen verziertes Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mäntel und Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine luftige Treppe, mit einem blitzenden Geländer, führte, umfächelt von aromatischen Düften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurück.
Die ungewöhnliche Buntheit der anwesenden Gäste brachte ihn vollends in Verwirrung; es schien ihm, daß irgendein Dämon die ganze Welt in eine Menge winziger Stücke zerbröckelt und dann diese Stücke ohne Sinn und Verstand durcheinandergewirbelt hätte. Blendende Frauenschultern, schwarze Fräcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende Gazeschleier, ätherische Bänder und ein dicker Konterbaß, der über dem Geländer des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glänzte und glitzerte vor seinen Augen. Plötzlich sah er so viele ehrwürdige Greise und ältere Männer mit Sternen auf den Fräcken, und Damen, die so leicht, stolz und graziös über das Parkett schwebten oder in langen Reihen nebeneinander saßen, er hörte so viele französische und englische Wörter, und die jungen Leute in den schwarzen Fräcken trugen einen so edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Würde, verstanden es so vorzüglich, nur das Allernotwendigste zu sagen, scherzten so herablassend, lächelten so höflich, hatten solch herrliche Backenbärte und wußten so geschickt ihre schönen Hände zu zeigen, indem sie ihre Halsbinde zurecht rückten; die Damen waren so duftig, so ganz hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie senkten so entzückend die Augen, — daß ... Aber schon das völlig verschüchterte Wesen Piskarjows, der sich ängstlich an eine Säule drückte, ließ seine vollständige Verwirrung erkennen. Währenddessen hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die Tänzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schöpfungen der Pariser Modekunst, in Stoffe gehüllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im Kreise herum; sie berührten das Parkett nur ganz oberflächlich mit ihren funkelnden Füßchen und erschienen dadurch noch ätherischer, als wenn sie es überhaupt nicht berührt hätten. Eine von ihnen war noch schöner, kostbarer und glänzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostüm zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und dabei hatte es den Anschein, als kümmerte sie sich gar nicht darum und als hätte sich diese Harmonie von selbst über sie ergossen. Sie schien die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie auch wieder nicht, die schönen, langen Wimpern waren gleichgültig gesenkt, und ihre blendendweiße Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Köpfchens ein schwacher Schatten auf ihre entzückende Stirn fiel.
Piskarjow strengte alle seine Kräfte an, um sich einen Weg durch die Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu können, aber zu seinem größten Verdruß verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem Lockenhaar in einem fort die Tänzerin; dabei sah er sich bald so von der Menge eingezwängt, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte, aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoßen. Endlich jedoch war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrängen und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung zu bringen. Aber allmächtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte er es nämlich ganz vergessen, sich in einen anständigen Anzug zu werfen. Er wurde rot bis über die Ohren, ließ den Kopf hängen und wollte in die Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er hätte verschwinden können: hinter ihm stand eine ganze Mauer von eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformröcken. Er wünschte sich so weit fort als nur möglich von der Schönen mit der herrlichen Stirn und den entzückenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war das? Was war das? — „Sie ist es!“ schrie er fast mit Aufgebot all seiner Kräfte. Es war wirklich dieselbe Schöne, die er auf dem Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte.
Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem klaren Blick an. „O Gott, wie schön ist sie! ...“ das war alles, was er stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren Augen ab; alle lechzten förmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermüdung und Gleichgültigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows. Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmächtiger Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz vermochte ihn nicht auszuhalten, es mußte zerreißen und die Seele mit sich entführen! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch durch eine Neigung des Kopfes, nein — dieses Zeichen lag in dem Blick ihrer verführerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck, daß niemand ihn bemerken konnte; — er aber bemerkte — er verstand ihn. Der Tanz dauerte lange, die müde Musik schien ersterben und erlöschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tönte kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich — war der Tanz zu Ende! Die schöne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott, was war das doch für eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser Berührung Musik zu entströmen, und die zarte Fliederfarbe ließ das blendende Weiß der schönen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal diese Hände berühren — und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr — jeder andere wäre zu kühn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen — „Sie haben sich wohl gelangweilt?“ fragte sie, „ich habe mich auch gelangweilt. Ich merke es wohl, daß Sie mich hassen,“ fügte sie hinzu und senkte ihre langen Wimpern.
„Sie hassen? ich? ..“ wollte der völlig fassungslose Piskarjow ausrufen und er hätte gewiß noch eine ganze Menge unzusammenhängender Worte hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem sehr schönen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und angenehme Bemerkungen. Er lächelte freundlich, ließ hierbei eine Reihe schöner Zähne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows Herz zu treiben. Zum Glück wandte sich endlich einer von den Anwesenden mit einer Frage an den Kammerherrn.
„Wie unerträglich ist das!“ sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu ihm empor. — „Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen Sie zu mir!“ Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken. Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war gleich darauf an ihrer Seite.
„Ja, das war sie!“ Sie saß da wie eine Königin, schöner und herrlicher als alle andern, und suchte ihn mit den Augen.
„Sie sind hier?“ sagte sie leise. „Ich will aufrichtig gegen Sie sein: die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewiß sonderbar erschienen. Konnten Sie wirklich glauben, daß ich zu jener verächtlichen Menschenklasse gehöre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen merkwürdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch imstande,“ sagte sie und sah ihm forschend in die Augen — „es nie jemand zu verraten?“
„O gewiß, ich schwöre Ihnen ...“
Aber in diesem Augenblick trat ein ältlicher Herr an sie heran, fing an, in einer Sprache, die Piskarjow unverständlich blieb, mit ihr zu reden, und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rückkehr abwarten, aber in seiner Ungeduld fühlte er sich außerstande, irgendeinen Befehl, und wäre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen. Er wollte ihr folgen, doch im Gedränge wurden sie voneinander getrennt. Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in höchster Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stieß alle, die ihm entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saßen nur vornehme und reiche Herren beim Whist und hüllten sich in ein stumpfes Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ältere Leute über die Vorzüge des Militärdienstes gegenüber denen des Zivildienstes, und in einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Fräcken flüchtige Bemerkungen über das mehrbändige Werk eines ernsten Poeten. Piskarjow fühlte, wie ein ältlicher Herr von ehrwürdigem Äußeren ihn bei einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stieß ihn grob von sich, ohne zu bemerken, daß der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug. Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein drittes — auch da war sie nicht zu finden. „Wo ist sie nur? Führt mich zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen, was sie mir zu sagen hatte!“ Aber all sein Suchen war umsonst. Müde und ängstlich drückte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor ihm, doch seine müden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wände seines eigenen Zimmers zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlöschen, das Licht war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich über den alten Tisch ergossen.
Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schöner Traum! warum mußte er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten können! Gewiß wäre sie zurückgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen, das ihn mit seinem trüben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster hinein. Das Zimmer lag grau und trübe da: überall herrschte Unordnung ... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hüllte sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfüllt, das entflohene Traumbild wieder zurückzurufen. Der Traum zögerte auch nicht, sich einzustellen, aber er ließ ihn nicht sehen, was er sehen wollte: bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der Kopf einer Finnländerin, die er einst gemalt hatte, und ähnlicher Unsinn.
Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte — aber die Schöne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur für einen Augenblick ihre wundervollen Züge vor ihm enthüllt, wenn er doch nur für einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen hätte, wenn ihr entblößter Arm nur für einen Moment, wie eine schneeweiße Wolke an seinen Blicken vorübergeschwebt wäre!
Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und saß nun mit einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen; teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof, wo ein schmutziger Wasserträger Wasser ausgoß, das in der Luft gefror, und wo ein Verkäufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: „alte Kleider zu verkaufen.“ Alles Wirkliche und Alltägliche berührte sein Ohr fremd und seltsam. So saß er bis zum Abend da, dann warf er sich leidenschaftlich ins Bett. Lange kämpfte er mit der Schlaflosigkeit, aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu träumen, aber diesmal war es ein fader, häßlicher Traum. „Gott, erbarme Dich! Oh, laß mich sie sehen, wenn auch nur für einen Augenblick, für einen einzigen Augenblick!“ Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und träumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein Fagott war. „Oh! das ist unerträglich!“ rief er da. Endlich erschien sie ihm, ihr Köpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank er in einen dummen Traum.
Allmählich bildeten seine Träume den ganzen Inhalt seines Lebens, und von dieser Zeit ab nahm sein Leben eine merkwürdige Richtung an: man konnte sagen, er schlief — wenn er wach war, und er war wach — wenn er träumte. Wenn ihn jemand gesehen hätte, wie er ganz stumm vor seinem leeren Tisch saß, oder wie er auf der Straße einherging, er hätte ihn für einen Nachtwandler oder einen durch Alkohol vergifteten Narren gehalten; sein Blick war völlig ausdruckslos, seine angeborene Zerstreutheit entwickelte sich bis ins Maßlose und verjagte herrisch alle Bewegung und Empfindung aus seinem Gesicht, nur beim Anbruch der Nacht belebten sich seine starren Züge wieder.
Dieser Zustand zerrüttete seinen Organismus, aber die größte Qual brach erst für ihn an, als der Schlaf endlich anfing, ihn ganz zu fliehen. Vom Wunsche verzehrt, diesen seinen einzigen Schatz zu retten, wandte er alle Mittel an, um ihn wiederzuerlangen. Er erfuhr, daß es ein Mittel gäbe, das einem den Schlaf wiederbringt, dazu brauche man nur Opium zu nehmen. Aber wo sollte er sich dies Opium verschaffen! Piskarjow erinnerte sich eines Persers, der Ladenbesitzer war, mit persischen Schals handelte und ihn bei jeder Begegnung gebeten hatte, ihm doch ein schönes Frauenbildnis zu malen. In der Überzeugung, daß der Perser Opium besäße, entschloß er sich, zu ihm zu gehen.
Der Perser empfing ihn, mit verschränkten Beinen auf dem Diwan sitzend: „Wozu brauchst du Opium?“ fragte er ihn.
Piskarjow erzählte ihm von seiner Schlaflosigkeit.
„Gut, ich will dir Opium geben — aber male mir ein schönes Frauenbildnis dafür. Es muß jedoch wirklich schön sein! Sie muß schwarze Brauen und große Sammetaugen haben, und ich selbst will neben ihr liegen und meine Pfeife rauchen! Hörst du, aber schön muß sie sein, wunderschön, hörst du?“
Piskarjow versprach ihm alles. Der Perser ging auf einen Augenblick hinaus und kehrte dann mit einem Fläschchen, das mit einer schwarzen Flüssigkeit angefüllt war, zurück; vorsichtig goß er einen Teil davon in ein anderes Fläschchen und gab es Piskarjow mit der Weisung, nicht mehr als sieben Tropfen in Wasser zu nehmen. Piskarjow griff nach dem kostbaren Fläschchen, das er für keinen Goldklumpen wieder hergegeben hätte und lief Hals über Kopf nach Hause.
Kaum war er zu Hause angekommen, so goß er sich einige Tropfen in ein Glas Wasser, trank es hastig aus und warf sich auf sein Lager.
Mein Gott! welche Wonne war dies! Da war sie! Da war sie wieder, aber jetzt erschien sie ihm in einer ganz anderen Welt. Oh, wie reizend war das! da saß sie am Fenster eines hellen Landhäuschens; ihre Kleidung war von einer Schlichtheit, wie nur ein Poet sie ersinnen konnte. Ihre Haartracht ... Heiliger Gott, wie einfach war sie, und doch wie kleidsam! Der kurze Zopf fiel ihr auf ihren schlanken Nacken herab, alles an ihr war bescheiden, geheimnisvoll und deutete auf einen wunderbar edlen, feinen Geschmack. Wie graziös war ihr Gang, wie harmonisch der Takt ihrer Schritte und das Rauschen ihres schlichten Kleides! wie schön ihr Arm mit dem aus Haaren geflochtenen Armband! Mit Tränen in den Augen sagte sie zu ihm: „Verachten Sie mich nicht, ich bin nicht das, wofür Sie mich halten! Sehen Sie mich an! Blicken Sie mich aufmerksam an und sagen Sie dann: sollte ich denn wirklich dessen fähig sein — woran Sie denken? — O nein, nein, der solches zu denken wagte ... soll ...“
Er wachte gerührt, ja erschüttert, mit Tränen in den Augen auf. „Es wäre besser, du existiertest überhaupt nicht, sondern wärest die Schöpfung eines begeisterten Künstlers, ich würde nicht von der Leinwand weichen, oh, ich würde dich ewig anschauen und dich unaufhörlich küssen. Du wärest mein Leben, mein ganzes Sein die herrlichste Phantasie, und ich wäre glücklich. Ich hätte keinen Wunsch außer nach dir! Wie meinen Schutzengel würde ich dich anrufen, im Schlafe und wenn ich wach wäre, und wenn ich etwas Göttliches und Heiliges darstellen müßte, so würde ich auf dich warten, daß du mir erscheinest. Doch nun, was für ein entsetzliches Leben! Sie lebt — aber was nützt es mir! Ist denn das Leben eines Wahnsinnigen eine Freude für seine Angehörigen und seine Freunde, die ihn einstmals liebten?! Mein Gott, was ist unser Leben! Ein ewiger Streit zwischen Illusion und Wirklichkeit!“ — Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten ihn unaufhörlich. Andere Interessen hatte er nicht, er dachte an nichts und aß fast gar nichts; voller Ungeduld und mit der Leidenschaft eines Liebhabers wartete er auf den Abend und die ersehnte Erscheinung. Diese beständige Richtung seiner Gedanken auf ein Ziel gewann schließlich solch eine Gewalt über sein ganzes Sein und seine Einbildungskraft, daß das ersehnte Bild fast täglich vor seinem inneren Auge erschien, aber immer in einer Umgebung, die der Wirklichkeit geradezu widersprach, denn seine Gedanken waren rein wie die Gedanken eines Kindes. Der Gegenstand seiner Liebe wurde durch seine Träume verwandelt und veredelt.
Der Gebrauch des Opiums erhitzte seine Gedanken immer mehr; wenn es einmal einen bis zum höchsten Grade des Wahnsinns ungestümen, qualvoll und verzehrend Verliebten gegeben hat, so war es dieser Unglückliche.
Der schönste von allen seinen Träumen war dieser: Er fand sich in seinem Atelier wieder, war froh gestimmt und saß selig mit der Palette in der Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie saß neben ihm, stützte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, müden Augen lag eine lastende Fülle des Glücks, alles im Zimmer war durchtränkt von Seligkeit, überall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit. Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Köpfchen an seine Brust ... Einen schöneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fühlte sich frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten sich in seinem Hirn: „Vielleicht,“ so dachte er, „vielleicht ist sie durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Buße, vielleicht verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Darf man denn gleichgültig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken und sie vor dem Ertrinken zu retten!“ Und seine Gedanken eilten immer weiter: „Mich kennt niemand,“ sagte er zu sich selbst, „wer kümmert sich um mich, und um wen brauche ich mich zu kümmern?! Wenn sie aufrichtig bereut und ihren Lebenswandel ändert, so — will ich sie heiraten. Ja, ich muß sie heiraten, ich werde verständig handeln! Wieviel Menschen gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz verwerfliche Geschöpfe heiraten; meine Tat wird uneigennützig und vielleicht sogar groß sein. Ich werde der Welt eine ihrer schönsten Zierden wiedergeben!“
Während er solch leichtsinnige Pläne schmiedete, fühlte er die Röte in seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak über seine eingefallenen Züge und die Blässe seines Gesichts. Diesmal kleidete er sich sorgfältig an, wusch sich, kämmte sein Haar, warf sich in seinen neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging auf die Straße. Gierig sog er die frische Luft ein und fühlte ein Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu gehn. Als er sich der Straße näherte, die er seit der verhängnisvollen Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu pochen.
Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedächtnis versagte ihm den Dienst. Zweimal ging er die Straße auf und ab und wußte nicht, wo er stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben. Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tür: die Tür öffnete sich, — und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien — sie, die sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so süßes Leben ausmachte — sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz überwältigt von der Freude, konnte er sich vor Schwäche kaum auf den Füßen halten. Sie stand vor ihm, noch ebenso schön wie ehemals; obgleich ihre Augen etwas trübe waren und eine leichte Blässe auf ihren nicht mehr ganz so frischen Zügen lag, war sie doch immer noch wunderschön.
„Oh,“ rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. „Warum sind Sie damals weggelaufen?“
Piskarjow ließ sich ganz erschöpft auf einem Stuhle nieder und blickte sie an.
„Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause gebracht. Ich war ganz betrunken!“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
„Oh! wärest du doch stumm, wärest du der Sprache beraubt, statt solche Reden zu führen!“ Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen keinen Eindruck auf sie ausüben würden. Nachdem er sich ermannt hatte, fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glühenden Farben die Schrecken ihrer Lage zu schildern. Sie hörte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem Gefühl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas völlig Unerwartetem und Merkwürdigem zu äußern pflegen. Mit einem kaum merklichen Lächeln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke saß, in ihrer Arbeit — sie reinigte gerade einen Kamm — innehielt und dem neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhörte.
„Es ist wahr, ich bin arm!“ schloß Piskarjow nach einer langen und erbaulichen Ermahnung, „aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide, einer wie der andere, um die Wette bemühen, unsere Lage zu verbessern. Es gibt nichts Schöneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken. Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschäftigt neben mir sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen.“
„Wie wäre das möglich!“ unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem Ausdruck tiefer Verachtung. „Ich bin doch keine Wäscherin oder Näherin, daß ich arbeiten sollte!“
Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Häßlichkeit dieses verächtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und Müßiggangs, dieser treuen Gefährten des Lasters.
Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte, frech ein: „Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer so dasitzen.“ Hierbei verzog sie ihr erbärmliches Gesicht zu einer dummen Grimasse, und dies amüsierte die Schöne aufs höchste und brachte sie zum Lachen.
Oh! das war zuviel! das war unerträglich! Er stürzte hinaus, wie von Sinnen und als ob er den Verstand verloren hätte. Seine Gedanken verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefühllos, so trieb er sich den ganzen Tag über herum. Niemand wußte, ob er irgendwo geschlafen hatte oder nicht, erst am nächsten Tage kehrte er, von einem törichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurück, er war in einem schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren verwühlt, und in seinen Zügen machten sich Anzeichen von Wahnsinn bemerkbar. Er schloß sich in seinem Zimmer ein, ließ niemand zu sich herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne daß sich sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geöffnet hätte, es verging eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rüttelte an der Tür, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich brach man die Tür auf und fand einen leblosen Körper mit einer durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszügen konnte man schließen, daß seine Hand gezittert und daß der Selbstmörder sich noch lange gequält hatte, bevor seine sündige Seele sich von ihrer Hülle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene, schüchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme hätte entwickeln können! Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen Körper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten Gestalten mit ihren gleichgültigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz still ohne jede religiöse Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wächter begleitete ihn — aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps über den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem Leichnam des Unglücklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte übrigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem außerordentlichen Erlebnis beschäftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begräbniszug mit dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel trägt, meinen Weg kreuzt. Ich spüre immer etwas wie Verdruß, wenn ich einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne; aber mein Verdruß mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich führt, begleitet von einer Bettlerin, die zufällig des Weges daherkam und dem Sarge folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte.
Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schönen Blondine nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes Geschöpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den Schaufenstern ausgelegten Gürtel, Halstücher, Ohrringe, Handschuhe und sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen Seiten und sah sich fortwährend um. „Mein Täubchen!“ sagte Piragow selbstbewußt, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist vielleicht Zeit, den Leser etwas näher mit Piragow bekannt zu machen.
Aber bevor wir erzählen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze, etwas über die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehörte. Es gibt in Petersburg Offiziere, die gewissermaßen eine Mittelklasse bilden. In Gesellschaften, bei Diners von Staatsräten oder Wirklichen Staatsräten, die sich diesen Titel durch vierzigjährigen Dienst erworben haben, kann man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen. Ein paar höhere Töchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst, von denen einzelne schon recht verblüht aussehen, ein Teetisch, ein Klavier, ein häuslicher Tanz — dies alles ist nicht denkbar ohne die blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen Blondinen und den schwarzen Fracks der Brüder und Hausfreunde glänzen sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltblütigen Jungfrauen aufzumuntern und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehört eine große Kunst, oder besser gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man muß nicht allzu klug und auch nicht allzu komisch reden, und in allem muß jene Hohlheit und Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in dieser Hinsicht muß man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehör zu verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelächter erstickt werden, wie: „Bitte, hören Sie auf! Schämen Sie sich doch, einen so zum Lachen zu bringen!“ sind häufig die schönste Belohnung für diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten verdrängt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. Übrigens aber hält man sie für gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben es, sich über Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien über A. A. Orlow. Auch versäumen sie keinen öffentlichen Vortrag, ob in ihm nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgültig, was für ein Stück gerade aufgeführt wird, es müßte denn eine ganz dumme Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht genügt; sonst aber sind sie immer im Theater. Für die Theaterdirektionen ist das das beste Publikum. In den Stücken sind es hauptsächlich schöne Verse, die sie schätzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten oder sie bereiten die Zöglinge für diese Anstalten vor, und schließlich schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schluß führen sie eine Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und einen Haufen bärtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre werden sie jedoch nie früher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Bartträger[6] immer noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Töchter mindestens als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die wichtigsten Charakterzüge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persönlich eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus „Dimitri-Donskoj“ und „Wehe dem Gescheiten“ zu deklamieren, und wußte vortrefflich Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzüglich davon erzählen, daß „die Kanone etwas an und für sich und daß das Einhorn auch etwas an und für sich“ sei ... Übrigens ist es außerordentlich schwer, alle Talente aufzuzählen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow ausgestattet hatte. Er sprach gern über eine Schauspielerin oder eine Tänzerin, aber nicht mit der Schärfe, wie sich gewöhnlich Leutnants über solche Gegenstände auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er häufig sagte, während er sich aufs Sofa streckte: „ach ja, alles ist eitel, was hat denn das zu bedeuten, daß ich Leutnant bin“; aber in seinem Innern fühlte er sich doch sehr durch die neue Würde gehoben, und in der Unterhaltung bemühte er sich häufig darauf anzuspielen; ja als ihm einmal auf der Straße ein Schreiber begegnete, der ihm unhöflich zu sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen Worten zu verstehen, daß vor ihm ein Leutnant und nicht ein xbeliebiger Offizier stehe — und da in diesem Moment zwei allerliebste Damen vorübergingen — bemühte er sich, sich besonders hübsch auszudrücken. Piragow trug überhaupt eine Leidenschaft für alles Schöne zur Schau und daher protegierte er auch den Künstler Piskarjow: vielleicht kam es übrigens auch nur daher, weil er es so sehr wünschte, sein männliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen, daß es unmöglich ist, alle seine Vorzüge mit einemmal aufzuzählen, je länger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentümlichkeiten kommen zum Vorschein, und man fände nie ein Ende, wenn man sie alle herzählen wollte.
Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit unverständlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen Tabak- und Kramlädenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen Nymphen bevölkerte Straße, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte sichtlich und schlüpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses. Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, öffnete eine Tür und trat ein, während ihr Piragow mutig folgte. Plötzlich befand er sich in einem großen Zimmer mit schwarzen Wänden und einem verräucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben, Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glänzenden Kaffeekannen und Leuchtern lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen Sägespänen bestreut. Piragow begriff sofort, daß dies die Werkstätte eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine Seitentür. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der russischen Maxime und entschloß sich, „vorwärts“ zu eilen. Er trat in ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht ähnlich sah: es war sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, daß der Wirt ein Deutscher war. Ein überaus merkwürdiges Bild setzte Piragow aufs höchste in Erstaunen: vor ihm saß Schiller — nicht jener Schiller, der den Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben hat, sondern der bekannte Schiller, ein Schlossermeister aus der Meschtschanskistraße. Neben Schiller stand Hoffmann, aber wiederum nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tüchtiger Schuhmachermeister dieses Namens aus der Offizierstraße und ein großer Freund Schillers. Schiller war betrunken, saß auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fuß und sprach mit großem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die höchst merkwürdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller saß da, hielt den Kopf in die Höhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor; Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefaßt und fuhr mit der Schneide eines Schustermessers über ihre Oberfläche hin und her. Beide sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der außer „guten Morgen“ kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen. Im übrigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: „Ich will sie nicht, ich brauche keine Nase!“ sagte er und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Allein für diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden — weil die deutschen Läden keinen russischen Tabak haben — ich zahle in einem elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20 Kopeken — und zwölfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel 40 Kopeken. — Hörst du’s, mein Freund Hoffmann, allein für die Nase 14 Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rapé — denn an einem Feiertage will ich doch keinen scheußlichen russischen Tabak schnupfen. Das Jahr über schnupfe ich 2 Pfund Rapé zu 2 Rubel das Pfund — 4 Rubel und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein für Tabak. Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht recht?“ Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. „20 Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen König in Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da ist meine Nase!“
Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow dazwischengekommen wäre, dann hätte Hoffmann sicherlich ohne viele Umstände Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte.
Schiller war sehr verdrießlich, daß plötzlich ein unbekannter, ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment störte. Obgleich er sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fühlte er doch, daß sein Zustand und die Beschäftigung, bei der er angetroffen wurde, in Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte. Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen Zuvorkommenheit: „Sie entschuldigen doch!“
„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ sagte Schiller gedehnt.
Diese Antwort verblüffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war ihm ganz neu. Das Lächeln, das eben auf seinen Zügen gespielt hatte, verschwand plötzlich. Im Gefühl seiner gekränkten Würde sagte er: „Ich muß mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht bemerkt ... daß ich Offizier bin ...“
„Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier! So mach’ ich’s mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff ....“
Hierbei hielt er sich die Hand vors Gesicht und blies drauf.
Der Leutnant Piragow sah ein, daß ihm nichts andres übrigblieb, als sich zu entfernen; aber diese unziemliche Behandlung seines Standes war ihm doch sehr unangenehm. Ein paarmal blieb er auf der Treppe stehn, wie wenn er Mut fassen wollte und darüber nachdächte, wie er Schiller seine Frechheit büßen lassen könnte. Endlich kam er zu dem Schluß, daß Schiller zu entschuldigen sei, da sein Hirn mit Bier und Wein angefüllt wäre, auch fiel ihm die reizende Blondine wieder ein, und so entschloß er sich, das alles zu vergessen. Am folgenden Tage betrat der Leutnant Piragow frühmorgens die Werkstatt des Schmiedes. Im ersten Zimmer kam ihm die hübsche Blondine entgegen und fragte ihn mit recht unfreundlicher Stimme, die ihr sehr gut zu Gesicht stand: „Was wünschen Sie?“
„Ah, guten Tag, meine Schöne! Sie erkennen mich wohl nicht? Sie kleiner Schelm! was für schöne Augen Sie haben!“
Hierbei wollte ihr der Leutnant Piragow in liebenswürdiger Weise einen Finger unters Kinn legen und es emporheben, aber die Blondine stieß einen erschrockenen Laut aus und fragte ihn ebenso unfreundlich: „Was wünschen Sie?“
„Nur Sie zu sehen, sonst wünsche ich nichts!“ erwiderte der Leutnant Piragow freundlich lächelnd und trat näher, aber als er merkte, daß die ängstliche Blondine nach der Tür strebte, setzte er hinzu: „Ich möchte ein Paar Sporen bestellen, meine Liebe, können Sie mir ein Paar Sporen machen? Um Sie liebzuhaben, brauche ich allerdings keine Sporen, im Gegenteil, eher noch Zügel! Was für reizende Händchen!“
Der Leutnant Piragow war bei solcher Art Liebeserklärungen immer sehr höflich.
„Ich werde gleich meinen Mann rufen!“ rief ihm die Deutsche laut zu, ging hinaus und einige Minuten darauf erblickte Piragow Schiller, der noch ganz verschlafen und kaum von seinem gestrigen Rausch ernüchtert ins Zimmer trat. Als er den Offizier erkannte, stieg die gestrige Szene wie ein Traum vor ihm auf. Eine klare Erinnerung hatte er in diesem Zustande nicht, aber er fühlte, daß er irgendeine Dummheit begangen hatte, und empfing daher den Offizier mit recht verdrießlicher Miene.
„Weniger als 15 Rubel kann ich für die Sporen nicht nehmen!“ sagte er, um Piragow so schnell wie möglich loszuwerden, denn es war ihm, dem ehrlichen Deutschen, sehr peinlich, dem Manne gegenüberzustehn, der ihn in solch einer peinlichen Situation gesehen hatte. Schiller liebte es, nur mit zwei, drei guten Freunden und ohne Zeugen zu zechen, daher schloß er sich für diese Zeit ein und verbarg sich selbst vor seinen Arbeitern.
„Warum sind Sie denn so teuer?“ sagte Piragow freundlich.
„Es ist doch deutsche Arbeit!“ erwiderte Schiller kaltblütig und strich sich das Kinn. — „Ein Russe wird sie Ihnen für 2 Rubel anfertigen.“
„Schön, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie liebe und Ihre Bekanntschaft zu machen wünsche, will ich Ihnen 15 Rubel bezahlen!“
Schiller besann sich einen Augenblick: als ehrlicher Deutscher schämte er sich ein wenig. Von dem Wunsche getrieben, Piragow seine Absicht auszureden, sagte er, daß er die Sporen frühestens in zwei Wochen herstellen könne. Aber Piragow erklärte sich ohne jedweden Widerspruch mit allem einverstanden.
Der Deutsche dachte ein wenig nach und grübelte hin und her, ob er wohl seine Arbeit so ausgezeichnet ausführen könnte, daß sie wirklich 15 Rubel wert würde.
In diesem Augenblick trat die Blondine in die Werkstatt und machte sich etwas am Tisch, der mit Kaffeekannen besetzt war, zu schaffen. Piragow benutzte Schillers Nachdenklichkeit, trat dicht an sie heran und drückte ihren Arm, der bis zur Schulter entblößt war.
Dies mißfiel Schiller sehr: „Meine Frau!“ schrie er ihn an.
„Was wollen Sie denn?“ entgegnete die Blondine.
„Geh in die Küche!“ Die Blondine entfernte sich.
„Also in zwei Wochen?“ sagte Piragow.
„Ja, in zwei Wochen,“ sagte Schiller nachdenklich, „ich habe jetzt viel Arbeit!“
„Auf Wiedersehn, ich komme wieder vor!“