Anmerkungen zur Transkription
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Olga Wohlbrück
Die Primadonna
Die
Primadonna
Roman
von
Olga Wohlbrück
Vierzehntes bis achtzehntes Tausend
August Scherl G. m. b. H., Berlin SW 68
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1921 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
Druck von August Scherl G. m. b. H., Berlin SW 68.
Als Karla König die Gestalt ihres Mannes durch die staubgraue Glasscheibe des Künstlereinganges erblickte, wurde ihr lebhaftes, junges Gesicht dunkelrot.
„Du, denk dir ... wir kriegen ein Kind!“
Fast hätte sie es laut herausgeschrien. Aber weil nun die Kollegen und Kolleginnen vom Schauspiel an ihrem Manne vorbeidrängten, preßte sie die Hand in dem weißen Zwirnhandschuh gegen die vollen, roten Lippen.
Ihr Mann war zweiter Held und Liebhaber. Keine große Nummer, aber ein vorzüglicher Sprecher und eine vornehme Erscheinung. Sie schwärmte für Vornehmheit. Die Kollegen hielten große Stücke auf ihn, weil er bei vorkommenden Streitigkeiten mit der Direktion stets ihre Interessen vertrat und durch seine überlegene Ruhe manchen Konflikt gütlich beilegte.
Genau wußte man sein Alter nicht, aber man gab ihm mehr Jahre, als er hatte.
Eines Tages kam er Arm in Arm mit Karla König zur Opernprobe und stellte sie als seine „Braut“ vor.
Der Direktor gratulierte lau.
Eine halbe Stunde später ließ er sie in sein Bureau kommen.
„Hast du den Verstand verloren, Mädel?“ — So empfing er sie.
„Aber ...“
Sie blickte ihn ganz verschüchtert an und versuchte vergeblich, den Kragen ihres Kleides zu schließen, den sie beim Singen während der Probe gelockert hatte.
Sie war für ihn das kleine Mädchen, das er rücksichtslos anschnauzte, wenn es sich was zuschulden kommen ließ. Aber sie war auch seine „Entdeckung“, auf die er stolz war.
Streng hielt er sie. In eisernen Klammern. Hungergage. Aber erste Partien. Einmal, während der Lohengrinprobe, wurde sie ohnmächtig. Seitdem schickte er ihr aus einem guten Speisehaus an Tagen, da sie Wagner sang, reichliches Essen.
Ihr Brustkasten war noch zu schmal. Aber „Singen entwickelt“. In ein paar Jahren war sie eine allererste Kraft. Ein Geschenk, das er der Musikwelt machte. Er hielt sie mit Vorliebe am Arm, tastete mit seinen behenden und erfahrenen Fingern die Zunahme einer ersprießlichen Rundung ab.
„Sag’ mal, Mädel, bist du ganz von Gott verlassen? Mit dem Altmann, dem Ernst Altmann, verlobst du dich ...? Hat’s gebrannt? Was hast du an ihm gefressen?“
Sie stand sehr verwirrt und sogar ein bißchen erblaßt zwischen den roten, grauschimmernden Samtsesseln. Was sollte sie antworten? Sie wußte selbst kaum, wie alles gekommen war. Altmann hatte sich vor einem halben Jahr erboten, ihr Sprechunterricht zu geben, sie Vortrag zu lehren.
„Man versteht Sie nicht, Kleine ... Schade um Ihre Stimme. Zahlen brauchen Sie nicht. Als Kollege ...“
Also war sie in seine zwei möblierten Stuben gekommen, verschüchtert auch da. Aber lerneifrig und von verblüffender Auffassungsfähigkeit. Wie verwandelt war sie in den abgeleierten Partien. Die schalen, alten Worte gewannen neues, heißes Leben.
Altmann drückte beim Direktor eine kleine Erhöhung ihrer Gage durch, und vor der Stunde setzte er seiner Schülerin ein Glas Milch vor und dickbelegte Stullen. Wenn sie recht satt war, sang sie hinreißend. Mit der Leidenschaft eines erfahrenen Weibes.
Er mußte dämpfen. Wie ein junges, wildes Tier war sie, das er an die Kette legen mußte, damit es ihn nicht umwarf und zu Schaden brachte. Abends zur Vorstellung ließ er es los und hetzte es auf das Publikum.
Wenn sie mit leuchtenden Augen, froh wie ein müdgespieltes Kind, den Nachhall des brausenden Erfolges noch im Ohr, aus ihrer Garderobe trat, stand Altmann wartend vor ihr.
„Wie war’s?“ fragte sie scheu und stolz.
„Schlecht. Hundeschlecht. Knöpf’ die Jacke zu — du erkältest dich noch.“
Er duzte sie nach Theaterart. Hauptsächlich, weil er ihr Lehrer war.
In seiner Stimme lagen Sorge und Groll. „Die Esel draußen“ verdarben ihm das Mädel noch, wenn das so weiterging mit dem blödsinnigen Herausrufen und den überschwenglichen Besprechungen unverwöhnter Provinzliteraten. Dann wurde sie größenwahnsinnig und verkam. Also — dämpfen.
Und während er ihr haarscharf auseinandersetzte, wie unklar und überhastet sie die Arie des zweiten Aktes gebracht, wie ausdruckslos sie in der Sterbeszene des Finale gewesen, wie matt ihr „Für dich, Geliebter!“ geklungen, während er ihren Gang, ihre Armbewegungen unbarmherzig bekrittelte, folgten auf der anderen Seite der Straße Gymnasiasten, Ladenfräulein, junge Polytechniker und Musikschülerinnen ihrem angebeteten Liebling, Karla König, bis zur nächsten Straßenecke.
Dort riefen sie: „Hoch Karla König! Hoch!“ und stoben auseinander. Durch die Nachtluft sausten ein paar Sträußchen, halb versengt von den heißen Fingern, die sie den Abend über krampfhaft gehalten.
Sie wagte es nicht, sich nach den Blumen zu bücken; und er stieß sie mit dem Fuß achtlos zur Seite. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen, sie hielt mit Mühe die Tränen zurück.
„Was ist denn? Bist du beleidigt, weil ich dir die Wahrheit sage? Wenn du willst — gehe ich morgen in den nächsten Laden und kaufe dir den schönsten Blumenkorb. Aber dann auch — Adjö! Na — so sprich doch ...“
Sie hatte Hunger. Ganz gemeinen Hunger. Wie immer nach der Vorstellung. Er wußte, was sie bei ihrer Wirtin erwartete: zwei dünne Scheibchen mit harter Wurst oder Käse belegt.
„Komm zu mir ’rauf — wir essen zusammen.“
Es war nicht das erstemal. Ins Wirtshaus ging er nicht mit ihr. Sie sollte nicht die üble Luft und den Zigarrenrauch einatmen.
Er selbst hatte überdies starke häusliche Instinkte. Seine Wirtin war gut abgerichtet und der Tisch gut bestellt bei ihm. Er brauchte nur ein Gedeck mehr aufzulegen, es langte für mehr als für zwei.
Und sie ließ sich nicht bitten. Ging mit, biß ein, mit blitzenden Zähnen, während er ihr zusah, nachdenklich und fast ein wenig gerührt. Allmählich suchte sie, es ihm gemütlich zu machen: stellte das Wasser auf in der Küche, bereitete ihm Grog oder Tee, strich ihm die Butter aufs Brot.
Sie hatte etwas Hausmütterliches, an dem er sich erfreute. Und sie war anschmiegend, wenn sie satt war, wie eine schnurrende Katze.
Eines Abends hatte es in Strömen gegossen; sie fragte sehr besorgt, ob er sich nicht nasse Füße geholt hätte. Ehe er sich’s versah, brachte sie ihm die Hausschuhe aus der Schlafstube.
Er wurde ärgerlich.
„Was machst du denn?! Ich mag so etwas nicht leiden.“
Aber im tiefsten Innern empfand er es angenehm. Wie ein freundliches Erinnern. So war es in seinem Elternhause üblich gewesen. Mutter stand hinter der Gardine und spähte auf die Gasse hinaus. Wenn der Vater an der Ecke sichtbar wurde, stellte sie je nach der Jahreszeit die Filz- oder die leichten Schuhe aus Segeltuch bereit.
Er fragte nach Karlas Eltern. Zum erstenmal.
Der Vater war Tänzer gewesen. Zar Alexander der Zweite hatte ihm eine goldene Uhr geschenkt, mit Brillanten. Die Mutter hatte die Brillanten ausbrechen lassen und verkauft. Die Mutter war eine große, stattliche Frau gewesen, sehr energisch. Sie selbst hatte Karla den ersten Gesangunterricht gegeben. Die Ohrfeigen waren dabei in aller Liebe rechts und links um ihre Wangen geflogen. Die Mutter wollte sie zur Operette bringen. Aber der Vater hielt nur von großer Kunst etwas. Ein Dresdener Hofopernsänger, mit dem er, wenn auch in verschiedener Art, jahrelang in Braunschweig gewirkt hatte, versprach ihm, sich der Kleinen anzunehmen und sie für die Oper auszubilden. Der erste Brief an Karlas Eltern lautete: „Was wollt Ihr eigentlich? Das Mädel hat nichts bei mir zu lernen. Die Stimme sitzt so natürlich und gut, daß unsere großen Sängerinnen bei ihr in die Schule gehen könnten! Ihr Temperament ist unbändig. Sowie wir hier eine Vakanz haben — bringe ich sie unter.“ Um die Zeit erkrankte die Mutter und starb. Karla mußte die erste Zeit beim Vater bleiben, der sich nicht zurechtfand im Leben ohne seine energische Gefährtin.
Aber er wollte nicht, daß sie ihre Zeit bei ihm verlor, und gab ihr Unterricht in seiner Art. Wenn sie auch nicht mehr auf die Hofoper rechnen durfte — ihr Handwerk mußte sie auch für eine kleine Anfangsbühne beherrschen. Er stellte Stühle im Zimmer auf, vor denen sie sich verneigen, niedersinken lassen mußte. Der eine war ihr Liebhaber, dem sie sehnsuchtsvoll die Arme entgegenbreitete, der andere ihr Feind, auf den sie sich mit einem Dolch stürzte. Sie mußte in Ohnmacht fallen oder der Länge nach wie tot hinschlagen. Einen besonderen Spaß machte es ihr, sich zu vergiften.
„Damit habe ich auch meine größten Erfolge gehabt.“
Altmann liebte es aus erzieherischen Gründen nicht, daß sie je von ihren „Erfolgen“ sprach. Aber diesmal — weil es gar so kindlich klang, ließ er es durchgehen.
Ihre Wangen glühten. Sie hörte zu essen auf, und sie dachte daran, wie sie dieses Engagement bekommen. Auf einer „Schmiere“ hatte der Direktor sie gesehen, im „Troubadour“. Ihretwegen hatte er bis zum Ende der Vorstellung ausgehalten, hatte ihr dann gleich einen Kontrakt vorgelegt, auf fünf Jahre. Nun war sie schon vier Jahre in der norddeutschen Hafenstadt; die glanzvollen Besprechungen hatten manchen Agenten auf sie aufmerksam gemacht, ihr manches Angebot eingetragen. Aber der Direktor ließ sie nicht gehen. Zum Kontraktbruch fehlte ihr der Mut. Und schließlich war sie auch ganz zufrieden. Die Galerie brüllte sie unzählige Male heraus, junge Mädchen warfen ihr Blumen zu. Wenn sie auftrat, waren alle guten Logen besetzt, und zu Weihnachten schickten ihr die ersten Familien Geschenke: Wäsche, Wurst, wollene Strümpfe; manchmal auch einen goldenen Armreif oder eine kleine Brosche. Eingeladen hatte sie freilich noch niemand. Es war hier nicht Sitte, mit den Theaterleuten zu verkehren. Sie hätte ja auch nicht viel Zeit gehabt. So war Altmann eigentlich der einzige, der sich persönlich ihrer annahm, der sich um sie sorgte.
Aber das konnte sie dem Direktor nicht alles so in Kürze erzählen. Sie fand nur einen Satz:
„Er war doch immer gut zu mir, der Altmann ...“
Im Grunde — und das brachte den erfahrenen alten Direktor in Harnisch — bildete sie sich sogar was darauf ein, daß er sie für würdig erachtete, seine Frau zu werden.
„Ich werde auch gewiß einen großen Weg machen, dafür wird er schon sorgen, der Altmann ...“
„Na ja ... dann ist’s ja gut.“
Der alte Herr kehrte ihr den Rücken. Schade ... schade um seine Mühe, das Interesse ... das teure Essen aus dem Gasthaus....
Nun kam ein anderer und pflückte die Früchte!
„Sie können gehen, Fräulein König.... Aber vergessen Sie nicht, daß Sie noch ein Jahr hier sind und bei mir singen. Und wenn ihr glaubt, daß ich euch vorher freigebe — dann habt ihr euch geirrt. Das heißt ... Altmann — auf den pfeif’ ich. Von der Sorte kriege ich dreizehn aufs Dutzend. Wirst dich noch wundern, Kleine, wie du schleppen wirst an ihm ... jawohl schleppen!“
Er brüllte sie wütend an und verließ als erster das Zimmer.
Sie sagte Altmann nichts von der Unterredung. Ihre Mutter hatte früher oft geäußert: „Männer brauchen nicht alles zu wissen.“ Und seit Altmann mit ihr verlobt war, reihte er eben in die Kategorie jener ein, die „nicht alles zu wissen brauchen“. Wäre es auch nur, um Weitläufigkeiten, Auseinandersetzungen zu entgehen.
Straffe Folgerungen, knappe, zwingende Begründungen lagen ihr nicht. Sie ärgerte sich über den „Alten“ und lachte ihn hinterher aus. Er war wohl eifersüchtig. Jetzt gab es jemand, der ihm auf die nichtsnutzigen Finger klopfen konnte, wenn sie sich gar zu lange mit ihrem Arm zu schaffen machten.
Diese Vorstellung machte ihr sogar Vergnügen.
„Was wollte der Alte von dir?“ fragte Altmann.
Sie machte ganz harmlose Augen.
„Ach nichts, er hat mal wieder Repertoireänderungen vornehmen wollen ...“
„So .. Na, das viermal wöchentlich Singen werden wir mal ein bißchen einschränken! Da hab’ ich jetzt auch noch ein Wort mitzureden!“ ...
Sie blickte dankbar und bewundernd zu ihm auf. So „himmlisch geborgen“ fühlte sie sich.
Sie heirateten sehr bald. Karla König lieh sich zur Trauung ein weißseidenes Kostüm von zeitloser Form aus dem Garderobenfundus des Theaters. Die Kolleginnen legten zusammen und stifteten Brautkranz und Schleier.
Altmann hatte in der „Krone“ ein Zimmer bestellt und ein Mittagessen von acht Gedecken. Karla fand das fürstlich. Überhaupt machte ihr die Hochzeit, mit allem, was damit an Besprechungen und Veränderungen zusammenhing, großen Eindruck. Sie kam sich ungeheuer wichtig vor. Als sie das erstemal die Elsa im „Lohengrin“ sang, war sie nicht so erregt wie in der Stunde, da sie das weißseidene Kleid und den Myrtenkranz anprobierte. Ganz feucht waren ihr die Hände, ihre Knie zitterten, und eine leichte Übelkeit bleichte ihr die Lippen.
Zu einer Kollegin, die sie anzog, sagte sie:
„Ich hab’ doch nie Angst, wenn ich singe, ich kenne das nicht ... aber ob ich das Ja herausbringe in der Kirche — darüber schlafe ich nun schon die dritte Nacht nicht. Die Kehle schnürt’s mir zu, wenn ich daran denke.“
Sie brachte es heraus. Sogar lauter, als es sonst üblich sein mochte. Und dann warf sie den Kopf zurück und blickte mit glänzenden Augen auf den Geistlichen. So — das war getan. Nun fürchtete sie sich nicht mehr. Vor nichts. Vor gar nichts auf der Welt. Und nun spürte sie auch ihren gesunden Hunger und freute sich auf das gute Essen, das sie in der „Krone“ erwartete.
Es war eine lustige Hochzeitstafel. Der Direktor, den man anstandshalber eingeladen hatte, war durch eine Reise verhindert, zu kommen. So war es auch allen lieber. Altmann knauserte nicht mit dem Wein, hielt aber selbst Maß und erfreute Karla durch ein paar nette Worte auf ihren Vater, der eine Depesche geschickt hatte; ebenso wie die zwei Schwestern Altmanns. Die eine war unverheiratet, Erzieherin in einem großen Hause, die andere Frau eines Lehrers. Sie hatten beide nicht abkommen können. Altmann war es ganz recht. Sie hätten sich ja doch recht fremd gefühlt in dem Kreise.
Der alte Tänzer aber war durch einen Anfall von Ischias an seinen Lehnstuhl gefesselt. Er schickte eine hübsche Amethystkette als Hochzeitsgeschenk und bat um den Besuch des jungen Paares, sobald es sich machen ließe.
Altmann war sparsam. Es gab in diesem Jahre an anderes zu denken als an Reisen. Es hieß Geld zurücklegen für eine anständige Garderobe. Karla war mit einem Korbe zu ihm gezogen, der mehr Klavierauszüge als Wäschestücke und Kleider enthielt.
Ein „Schwarzseidenes“ mußte sie gleich haben. Das gehörte zur Würde und Stellung einer jungen Frau. So wußte es Altmann von zu Hause, von der Heirat seiner ältesten Schwester her.
Karla küßte ihm die Hand wie ein beschenkter Backfisch.
Altmann hatte seine möblierten Zimmer behalten und noch ein drittes — mehr eine Kammer — dazugenommen. Die Wirtin gab ihnen Frühstück und Essen. Karla schlüpfte des Morgens, zehn Minuten vor ihrem Mann, in die Wohnstube und deckte den Tisch.
Altmann hatte sie darum gebeten. Sie sollte kleine Hausfrauenpflichten erfüllen, sollte nicht verlottern in der Trägheit allzu ausgedehnter Bettruhe.
Karla stellte die Tassen auf: weiße mit Goldrand, die Zuckerdose aus Glas, das Sahnenkännchen. Dabei summte sie ein paar Takte aus einer Oper. Plötzlich lief sie zum Klavier, warf die Auszüge durcheinander, klappte den einen auf, griff ein paar Akkorde, legte los mit voller Stimme. Sie hudelte ein bißchen vor lauter Freude über ihre frische, volltönende Stimme, die ihr davonlief wie ein sprudelnder Quell ....
Altmann kam heraus. Er trug eine Hausjacke aus großkariertem Flanell, ein ausrangiertes Bühnenrequisit. Ohne Kragen, ohne Manschetten. Sein Hals war merkwürdig lang und hager. Das beeinträchtigte die Vornehmheit seiner Erscheinung ein wenig. Auch litt er in den ersten Morgenstunden an einer leisen nervösen Reizbarkeit.
„Du sollst doch nicht so drauflosbrüllen, Karla. Was hat das für einen Zweck! Überdies hast du vergessen, die Butter auf den Tisch zu stellen ... und ich sehe auch nur einen Löffel — —“
Karla brach mitten drin ab, lief heraus, lief herein, schwuppte den Kaffee aus der übervollen Kanne auf das Tischtuch, tupfte es mit dem Taschentuch ab, schenkte ein — „wieder viel zu voll“, bemerkte Altmann —, strich die Brötchen ... und merkte es nicht, daß ihr Mann einsilbig, unzufrieden auf dem Sofa saß, mit betonter Sorgfalt seinen Kaffee umrührte und mit spitzen Fingern das Brötchen hielt.
Nichts sah sie. Griff immer wieder in den gefüllten Nickelbrotkorb, schenkte sich immer wieder aus der bauchigen Kanne die Tasse voll — warf Zucker hinein, ein Stück, zwei Stück und — nach einem heimlichen kurzen Seitenblick auf Altmann — das dritte.
Wundervoll war es, verheiratet zu sein! Sich satt essen, satt trinken zu können! Es verdroß sie nur, daß die Frühstücksstunde so kurz war.
„An die Arbeit“, sagte Altmann.
Er spielte erträglich, wenn auch sehr hart, Klavier. Aber sie traute sich nicht zu sagen, er möchte leiser begleiten. Es war ja auch gleichgültig, wie es klang. Er unterbrach ja doch bei jedem zweiten Takt.
Manchmal machte er ihr nach, wie sie dies oder jenes aussprach. Er übertrieb entsetzlich. So sprach sie doch im Leben nicht! Es sah so häßlich aus und klang so abscheulich. Erst lachte sie.
Da klappte er den Auszug zusammen.
„Na, dann wollen wir warten, bis du ein bißchen ernster bist. Zur Unterhaltung setze ich mich doch nicht hierher.“
Karla dachte an den Unterricht beim Vater. Der war lustiger gewesen. Da hatte sie sich ausleben können. Sie dachte auch an den Unterricht bei dem alten Sänger. Der hatte nur immer gestrahlt und gerufen: „Mädel, Mädel, wo hast du das her?!“ Blieb die Mutter. Die Ohrfeigen — na ja! ... Aber wenn Altmann die Noten zuklappte und sich erhob, eisig, unnahbar wie ein beleidigter Gott — das war schlimmer!
Das Verheiratetsein hatte auch Schattenseiten! ...
Karla ging gern am Arme ihres Mannes durch die Hauptstraße, die zum Theater führte. Die beiden Zeitungen hatten eine Notiz gebracht über die Vermählung von „Fräulein Karla König, der Zierde unseres Stadttheaters, dem Liebling des Publikums“, mit dem „verdienstvollen Herrn Ernst Altmann“.
So war die Stadt gleichsam mit zur Hochzeit gebeten worden, und die Leute quittierten auf der Straße durch ein stummes Lächeln, ein Grüßen mit den Augen. Viele blickten sich nach ihnen um, und Karla raschelte stolz mit ihrem Schwarzseidenen.
Im Theater benahm sie sich mit einer gewissen Zurückhaltung. Denn Altmann hatte ihr eingeschärft, nicht hinter den Kulissen zu dalbern während der Proben, wie sie es sonst wohl getan.
„Du mußt Haltung lernen“, sagte er ihr. „In dem Nest hier bist du die längste Zeit gewesen.“
Er unterhielt eine eifrige Korrespondenz; mehrfach kamen auch Briefe mit dem Poststempel aus New York.
Aber er sprach nicht über die Briefe, sondern verschloß sie sorgfältig im Schreibtisch, dessen Schlüssel er stets abzog.
Wenn sie an ihren Vater, den Papa, schreiben wollte, mußte sie ihren Mann erst um einen Bogen Briefpapier und einen Umschlag bitten.
Übrigens schrieb sie höchst ungern, und selbst die kleinen Dankbriefe für die Geschenke waren ihr immer eine Qual gewesen, und bald überließ sie auch den Schriftwechsel mit ihrem Vater dankbar ihrem Mann.
Das einzige, was ihr an Altmann mißfiel, war seine Einsilbigkeit. Sie wollte ja gerne zugeben, daß er „viel im Kopf“ hatte, wie er sagte, daß seine Korrespondenz, die Pläne für die nächste Zukunft ihn sehr beschäftigten, aber immerhin hätte er doch wenigstens während der Mahlzeiten oder abends nach dem Theater ein bißchen gemütlich plaudern können.
Karla war von Natur mitteilsam und gesprächig. Sie hatte, wenn sie aus dem Theater kam, immer tausenderlei zu erzählen. Er hörte zu mit nachsichtigem Lächeln. Manchmal gähnte er. Oder aber er stand plötzlich auf und setzte sich an den Schreibtisch.
„Einen Augenblick, Karla — ich habe etwas Wichtiges vor!“
Karla kauerte sich in die Sofaecke und griff zum Stadtanzeiger. Sie las zumeist nur das Feuilleton und die Lokalberichte. Einmal fielen ihre Augen auf einen Schauspielbericht: „... unser verdienstvoller Altmann war etwas eintönig“.
Sie erschrak und legte unwillkürlich die Hand auf das Blatt. Dann schlich sie aus dem Zimmer und warf die Zeitung in das erlöschende Herdfeuer der Küche. Nach einer kleinen Weile fragte Altmann nach der Zeitung. Karla gab sich den Anschein, als suche sie beflissen in allen Ecken. Sie guckte sogar unter das Sofa. Das Blatt blieb unauffindbar. Altmann nahm Hut und Mantel, um auf ein halbes Stündchen ins Café zu gehen.
Karla spähte ängstlich nach seinem Gesichtsausdruck, als er heimkam. Aber sie konnte keine Veränderung entdecken. Hatte er nicht gelesen? ... Bei seiner Empfindlichkeit — er war imstande und ging zum Redakteur, stellte ihn, vergriff sich an ihm.
Sie wartete sogar auf eine kleine Sensation, und es war fast eine Enttäuschung für sie, daß nichts eingetroffen war von dem, was sie gefürchtet hatte.
Die Angriffe gegen Altmann wiederholten sich. Sie ließ die Zeitungen ruhig liegen. Eine brennende Neugier erfüllte sie, wie ihr Mann sich dazu äußern würde.
Er äußerte sich gar nicht. Durchflog die Spalten nach wie vor mit gleichgültigstem Gesicht.
Eines Tages hielt sie es nicht aus. Auf dem Heimwege vom Theater brachte sie das Gespräch auf den betreffenden Kritiker.
„Ich finde, er schreibt so dumm“, sagte sie.
„Dann lies ihn doch nicht“, antwortete er ruhig. Und nach ein paar Schritten: „Weißt du, daß dein Ärmel ausgerissen ist? Hübsch sieht das aus, Karla.... Du wirst so gut sein und dir deine Sachen mal ein bißchen ansehn. Eine Hausschneiderin kann ich dir noch nicht halten.“
Karla saß den ganzen Nachmittag und flickte. Abends war Schauspiel. Sie hatte das Stück schon mehrfach gesehen und bat, zu Hause bleiben zu dürfen.
Aber dann wurde es ihr zu einsam in den drei stillen Stuben, und sie ging hinüber zur Wirtin.
Sie half ihr beim Kartoffelschälen und erzählte ihr Theaterschnurren. Sie lachten beide sehr viel, und Karla fühlte sich sehr behaglich. Schließlich fragte sie, ob sie ihr nicht etwas vorsingen solle. Die Wirtin war begeistert. Sie band eine saubere Schürze vor und ließ sich von Karla in einen der braunen Ripssessel nötigen.
Karla wählte nicht lange. Sie fing mit der Agathenarie aus dem „Freischütz“ an, griff dann zu Mozart. Aber der „lag ihr nicht“, da hudelte sie. So landete sie bei Wagner. Ihr war es, als hätte sie nie so schön gesungen, als hätte sich ihre Stimme nie so voll und rein ausgebreitet. Gar nicht, als ob sie es war, die sang. Als sänge etwas Fremdes, Wundersames, Großes aus ihr heraus. Der Wirtin liefen helle Tränen die Wangen herunter; sie schneuzte sich heftig. Auch Karla fing an zu weinen. Sie war so glücklich. Es war so herrlich, singen zu dürfen ... die ganze Seele hinzugeben.
„Was hätten Sie für eine Heirat machen können ... mit der Stimme!“
Karla ließ den Klavierdeckel hart zufallen.
„Hab’ ich’s denn nicht gut getroffen? Ich wünsch’ mir gar nichts Besseres.“
Die Wirtin stand auf.
„Na ja ... aber immerhin ... Ich will nichts gegen Ihren Mann sagen. Ein feiner, solider Herr. Aber so richtig froh wird man nicht mit ihm. Und wie er Sie immer plagt beim Studieren ...“
„Ja ... er meint es gut mit mir. Sie können mir’s glauben.“
Karla war verschnupft. Sie hatte nur den einzigen Gott. Den wollte sie sich nicht verkleinern lassen.
Als Altmann nach Hause kam, umarmte sie ihn leidenschaftlich. Fast schien es, als wollte sie ein Unrecht gutmachen.
„Na, was denn, was denn ...?“
Er klopfte ihr gönnerhaft, aber doch innerlich beglückt, die Wangen. Sein kühles Blut erwärmte sich an ihrer heißen Erregung.
„Hast du etwa gesungen?“
„Ja ... ein bißchen.“
Er kannte den Ursprung ihrer Leidenschaftlichkeit.
Auch als Gatte fühlte er sich verpflichtet, zu dämpfen.
Gerade als ihr Gatte. Ihre Stimme mußte geschont werden, ihre Frische. Er bezwang auch viel in sich selbst ... Er meinte es wirklich gut mit ihr.
Eines Tages brachte Karla eine halbverhungerte Katze nach Hause. Sie gab ihr warme Milch und ließ sie nicht von ihrem Schoß. Sie übte auch nicht an diesem Tage, sondern streichelte immer nur das struppige graue Fellchen. Abends machte sie ihr ein Körbchen zurecht, füllte es mit weichen Lappen, legte ein Taschentuch darüber.
„Niedlich ... wie ein Kindchen“, sagte sie und lächelte versonnen.
Altmann gab es einen Ruck. Das Wort Kind traf sein Ohr wie ein greller Pfiff.
Das „Kind“ hatte er nicht mit einbegriffen in den sorgsam ausgearbeiteten Plan der nächsten Jahre. Er fand mit dem besten Willen kein Eckchen und keine Zeit, wo es einzuschachteln wäre. Er stand knapp vor dem Abschluß mit Bremen für Karla. Das war ein großer Fortschritt. Gegen Ende der nächsten Spielzeit waren mehrere Gastspiele von ihm vorgesehen: in Lübeck, Danzig. Mit Hamburg stand er in eifrigen Unterhandlungen. Er hoffte sehr, daß das Hamburger Gastspiel zu einem Engagement führen werde.
Wie Ameisenkribbeln spürte er es im Rücken. Eine ihm sonst fremde Nervosität bemächtigte sich seiner.
„Wie fühlst du dich, Karla? Ist dir gut?“
Sie blickte erstaunt. Warum sollte ihr nicht gut sein? Dann lachte sie wieder mit drolliger Heimlichkeit, nahm das Kätzchen von seinem Lager, wickelte es in das Tuch und schaukelte es in den Armen.
„Schlaf, mein Kindchen, schlaf ...“
Und sie wippte es so hoch in die Luft, daß sein Köpfchen bis zu Altmanns Lippen hinaufreichte.
„Gute Nacht, Paachen ... gute Nacht.“
„Laß doch den Unsinn.“
Es war nicht ein überlegener Verweis wie sonst — er war wirklich ärgerlich. Karla küßte die Katze und legte sie zurück in ihr Bett. Sie flüsterte:
„Laß nur, Miezerle, Papa ist böse ... ich muß Papa wieder gut machen.“
Es war nichts als Gedalbere. Aber echte Zärtlichkeit lag in ihrer Stimme. So hatte sie früher zu ihren Puppen gesprochen, so mochte sie später zu ihren Kindern sprechen.
Altmann gab dem Körbchen einen Schubs, daß es durchs ganze Zimmer flog.
„Hör’ doch endlich auf!“
Karla sah ihn erschrocken an. Was war denn das mit ihm? Verstand er denn gar keinen Spaß? Oder ....
Sie wurde plötzlich blutrot ... Mochte er Kinder nicht leiden?
Ihr wurde merkwürdig kalt im Rücken, und so leer schien ihr das Zimmer, als ob er gar nicht mit darin stünde, ihr Mann.
Sie nahm das Kätzchen in den Arm und ging in die Kammer. Dort saß sie lange, und die sanfte Wärme des kleinen, schnurrenden Tieres beruhigte sie. Einzelne Tropfen fielen aus ihren Augen auf das weiche Fellchen. Sie berührte mit ihren Lippen den kleinen runden Kopf, die spitz aufragenden Ohrchen. Sie summte vor sich hin ... kleine naive Liedchen aus ihrer Schulzeit ....
Sie dachte daran, wie sie als Kind Wärme und Zärtlichkeit bei den Hunden und Katzen der Nachbarn gesucht, da sie sie zu Hause nicht fand.
Warum hatte sie keine Brüder, keine Schwestern, wie die anderen Kinder? ....
„Das hätt’ mir noch gefehlt!“ gab die Mutter zur Antwort.
Später fragte sie den Papa.
„Liebes Kind .... multipliziere nicht nur die Spiele und Freuden, multipliziere auch die Zahl der Knuffe, Entbehrungen und Krankheiten mit der Zahl der Geschwister!“
Vielleicht dachte auch ihr Mann so ...?
Am nächsten Tage schenkte sie das Kätzchen einer Kollegin. Altmann brachte ihr einen hübschen seidenen Unterrock aus der Stadt mit.
Sie hätte nicht gewagt, an solch einen Luxus auch nur zu denken. Ganz blaß wurde sie.
Wie war der Mann gut — nein, wie war er gut! ....
Die Katze war vergessen.
Abends rief Altmann sie an seinen Schreibtisch und zeigte ihr die Briefe der Theaterleiter, die Eventualverträge. Da ging ein Zittern durch ihren Körper.
„In all den Städten soll ich singen? Ist das wahr? ... Wirklich wahr? ...“
Sie fiel ihm um den Hals, sie küßte seine Stirn, seine Augen, seine Hände. Sie lachte und sprang trällernd im Zimmer umher.
Wie ein Hündchen folgte sie ihm in den nächsten Wochen. Ein Mann, der das alles zustande gebracht! Ein Mann, der sie zur großen, berühmten Sängerin machte! ... Ein Mann, der ihr ein heißes, begnadetes Leben schenkte! Ein Mann, der ihr die Tore öffnete, zu allem, was es Großes, Wundervolles, Beglückendes in der Welt gab! ... Und dieser Mann war ihr Mann! ...
Sie fing an, ihn zu lieben, mit scheuer, inniger Zärtlichkeit. Sie lächelte sanft, wenn er sie während der Stunden verhöhnte, sie zitterte, wenn er seine dunklen, geraden Brauen hob, und die tiefen Mundwinkel seiner blassen, feinen Lippen sich senkten. Und ihr Herz schlug glückschwer und erwartungsvoll, wenn er langsam die eingelaufenen Briefe mit der langen Schere aufschnitt.
Es waren zumeist gute Nachrichten.
Bald nach Weihnachten holte sie sich eine Erkältung auf der zugigen Bühne. Es war nicht das erstemal, und sie pflegte nie viel Aufhebens davon zu machen, beurlaubte sich auf eine Woche, lag mit Prießnitzumschlägen zu Bett, schluckte Aspirin und trank Kannen heißer Limonade.
Altmann genügte nicht einmal der Theaterarzt, den er sofort zu sich bat. Karla erschrak, als sie einen wildfremden Herrn an ihr Bett treten sah, einen Herrn Geheimrat, dem sie Zunge, Hals und Brust zeigen sollte. War sie denn so krank?
Altmann schaffte Inhalationsapparate an, allerhand Pinsel und Arzeneien standen auf ihrem Nachttisch. Er wechselte ihr selbst die Kompressen und pinselte ihr den Hals aus, unbarmherzig gewissenhaft.
Als sie das erstemal zur Probe kam, schenkten ihr die Kolleginnen Blumen.
Da fing sie an zu weinen. Sie küßte die Blumen und sprach den ganzen Tag nur davon, wie lieb und gut die Kolleginnen wären.
Altmann wurde bitter. Zum ersten Male.
„Zu Blumen hat es nicht gelangt.“
Karla fand ihr Zimmer wieder trostlos und leer, und abends graute ihr vor dem Bett, in dem sie solange krank gelegen.
Ausbrüche plötzlicher Leidenschaftlichkeit wechselten ab mit Tagen stumpfen Hindämmerns. Wenn ihr auf der Straße Kinder in den Weg liefen, bückte sie sich zu ihnen herab und küßte sie. Wenn eins fiel, hob sie es auf den Arm, schaukelte, tröstete es. Zweimal kam sie dadurch zu spät zur Probe.
Wenn Altmann mit ihr studierte, war sie oft unwillig, bestenfalls zerstreut. Er zitterte oft vor verhaltenem Ärger. Sie tat, als merkte sie es nicht, oder — vielleicht sah sie es auch wirklich nicht.
Sie knixte, wenn er ihr etwas sagte: „Jawohl, Herr Lehrer!“ Oder aber sie weigerte sich zu üben; sie hätte Kopfschmerzen, es kratzte sie etwas im Halse; sie hätte schlecht geschlafen und wäre matt.
Abends im Theater sang sie schöner denn je. Und kein einziges Mal warf sie ihm einen Blick zu. Als ob sie nicht wüßte, daß er immer da unten auf dem Eckplatz in der zehnten Parkettreihe rechts saß.
Sie fragte auch nicht: „Nun, wie war’s?“, wenn er sie aus der Garderobe abholte. Hatte sie Blumen bekommen, so hielt sie sie sorglich und auffällig im Arm, und wenn vor dem Bühneneingang die üblichen jungen Enthusiasten warteten, dann schlich sie sich nicht mehr scheu an ihnen vorbei, sondern hob den hübschen dunklen Kopf und sah ihnen mit strahlendem Lächeln in die bewegten, heißen Gesichter.
Eines Tages legte Altmann einen Gastspielvertrag zur Unterschrift vor sie hin. Drei Abende. Als Pamina, Elisabeth und Elsa. Und für jeden Abend zweihundert Mark. So viel, wie sie hier im ganzen Monat verdiente.
Altmann wußte: Jetzt kam der große Jubel; jetzt sprang sie mit dem Vertrag im Zimmer umher, stürzte ans Klavier und zerrte ihn auf den Hocker. Jetzt ließ sie nicht ab von ihm, bis er nicht wenigstens eine der drei Partien mit ihr durchgenommen. Jetzt gleich lagen ihre Arme um seinen Hals, und ihre frischen, vollen Lippen drückten sich in sein Gesicht ...
Es verging eine Minute, die zweite .. Nichts von alledem geschah. Sie sah ihn gar nicht an, zählte nur an ihren Fingern irgend etwas ab.
„Was rechnest du aus, Karla?“
„Ob ich noch auftreten kann, falls ... es sind noch drei Monate bis dahin.“
Mit einem Satz war er bei ihr, riß ihre Hände an sich. Drückte sie so fest, daß sie glaubte, er wolle ihr wehe tun.
„Glaubst du denn, Karla ... Hast du irgendwelchen Anhalt dafür, daß ...“
Sie zuckte die Achseln.
„Ich weiß gar nichts ... aber es könnte doch sein, nicht wahr? Wir sind verheiratet ... es wäre immerhin natürlich.“
Sie hörte seinen schweren Atem. Sie sah, wie er sich mit dem Tuch über die Stirn fuhr ...
Sie hätte sich mit den Nägeln in sein Gesicht einkrallen mögen, in sein schönes, vornehmes Gesicht.
Aber er faßte sich.
„Warum behältst du denn alles für dich? ... Wir wollen zum Arzt gehen. Man muß doch wissen. Ich muß doch disponieren können! Den ganzen Tag sitze ich am Schreibtisch, opfere meine Zeit, verbrauche Papier, Marken ... zerbreche mir den Kopf, wie ich alles am besten anordne und verteile — und nun wirfst du alles über den Haufen durch ein Wort! Wann — glaubst du denn ...?“
Seine Stimme klang hart und doch unsicher.
Sie saß bequem zurückgelehnt und blinzelte vor sich hin.
Sie hörte seine Angst durch den harten Klang, und diese Angst weckte ihre Lust, ihn zu quälen, ihn abhängig zu fühlen von ihr, von dem Schicksal, daß sie selbst ihm schuf.
Aber — eigentlich wußte sie gar nichts Bestimmtes. Manches, was sie als Symptom auslegte, war wohl nur Einbildung, weil sie so tief in sich hineinhorchte. Weil sie es so heiß ersehnte. Weil der liebe Gott sie zur Mutter erschaffen hatte — viel mehr als zur Sängerin. Weil selbst ihr Singen nichts war als ein Schrei nach Verdoppelung ihres Wesens.
Altmann drängte:
„So sprich doch, Karla ... so sag’ doch ...“
Aber sie wehrte ungeduldig ab. Er sollte sie doch zufriedenlassen. Sie hatte das nur so hin gesagt. Zum Arzt gehen? Der würde sie auslachen.
Altmann atmete auf. Er war jetzt wieder ganz ruhig. Junge Frauen spielten wohl oft mit dem Gedanken der Mutterschaft. Es lag so nahe. Sie wußten ja auch nicht, wie abhängig sie waren vom Willen und der Beherrschung des Mannes.
Und er streichelte, wieder entlastet und nachsichtig, Karlas Wangen.
„Wie wär’s, wenn wir ein bißchen übten?“
**
*
Und es kam doch der Tag, da ihr unbewußtes Sehnen Erfüllung wurde. Noch wagte sie nicht, an ihr Glück zu glauben. Hielt ihren Zustand geheim. Im Theater schloß sie sich an die anderen verheirateten Kolleginnen an; fragte sie aus, auf allerlei Umwegen.
Nachts wachte Karla oft auf und starrte in das Dunkel ihres Zimmers. Lange. Mit klopfendem Herzen. Sie dachte an ihr Kind.
Das Kind, das ihr jetzt noch allein gehörte. Sie stellte sich vor, wie es in ihren Armen liegen, mit winzig kleinen Händen auf ihre Brust patschen würde. Oder sie sah es im Bade strampeln; ihr Arm stützte das rosige Körperchen, und ihre Lippen suchten die verspielten kleinen Füße.
Sie warf sich im Bett auf die andere Seite und lachte ganz heimlich vor sich hin.
Plötzlich stockte ihr Herzschlag: das Kind war krank. Sie saß an seiner Wiege und hielt die zuckenden Fingerchen zwischen ihren Händen ... Der kleine Körper wand sich in Krämpfen, bäumte sich auf — fiel dann zurück in die Kissen — tot! ...
„Heiliger Gott ....!“
Der Schrei zerriß die Stille des nächtigen Zimmers. Altmann richtete sich in seinem Bett auf.
„Was ist ... hast du geträumt, Karla?“
Er griff nach ihrer Hand — sie war feucht und kalt.
„Ja ... aber ich weiß nicht mehr, was ... Macht nichts. Laß mich nur schlafen! ...“
Sie hielt ihre Hand gegen das Herz gepreßt und vergrub den Kopf unter der Decke. Um keinen Preis der Welt hätte sie gesagt, warum sie so hatte aufschreien müssen.
Altmann durfte nichts erfahren, bis sie selbst gewiß war ... ganz gewiß! Und wieder setzte ihr Herzschlag aus, da sie sich vorstellte, daß sie sich geirrt haben könnte, daß sie nur ein Spiel war ihrer sehnenden Phantasie.
Eines Vormittags, während ihr Mann auf der Probe war und sie die Unruhe nicht mehr ertragen konnte, ging sie zu einer Frau, deren Schild schon öfters ihre Aufmerksamkeit erregt hatte: „Frau Leben. Staatlich geprüfte Hebamme.“ Sie hatte oft gelacht über den Namen, in Verbindung mit dem Beruf. Dadurch hatte er sich ihr eingeprägt. Und nun stand sie vor der großen, breitschulterigen Frau, zitternd wie auf verbotenem Weg.
Die Frau war mißtrauisch gegen die Damen vom Theater, seitdem sie etliche Male versteckte Bitten hatte überhören müssen. Aber Karla König hatte sie einmal singen gehört, und sie hatte die wundervolle Stimme nicht vergessen können.
„Ja ... was soll’s?“
„Ich möchte wissen ... wissen möcht’ ich ...“
Karla stockte.
Es konnte das leise Zittern ebenso als Angst wie als Wunsch gedeutet werden. Aber als Karla König sie plötzlich am Kopf packte und mit ihr durch das Zimmer galoppierte, da verstand sie.
„Also doch ein Kind ... hurra! ... Beste, liebste Frau Leben! ... Ich bin ja so glücklich!! ... Soll ich Ihnen was vorsingen zum Dank? ...“
Sie sang wirklich, was ihr gerade einfiel, mit voller Stimme. Unsinn sang sie. Und der Text war immer nur: „Ein Kind! Mein Kind! ...“ Aber so wundervoll waren die Töne, die sich aus ihrer Brust lösten, daß die Frau, als sie Karla beim Weggehen fragte: „Was bin ich schuldig?“, antwortete:
„Nichts mehr. Ich bin bezahlt.“
Karla stülpte ihr Hütchen auf das dunkle Haar, fuhr in die weißen Zwirnhandschuhe und jagte durch die Straße bis zum Theater.
Jetzt durfte er es erfahren: „Wir kriegen ein Kind ... ein Kind!“
Nach Palmarum übersiedelte Altmann mit Karla nach Berlin.
Dort konnte man am billigsten leben und am besten untertauchen. Er pflegte auch sonst immer um die Zeit bei den Theateragenten vorzusprechen.
Diesmal wollte er den Boden für Karla beackern.
Sie stiegen in einem kleinen Hotel der Friedrichstadt ab. Hofzimmer, drei Treppen.
Wenn Karla ans Fenster trat, blickte sie auf schmutzige Glasscheiben und geschwärzte Eisenstangen. Ein einziges trübes elektrisches Birnchen brannte hoch oben an der Decke. Sie sah kaum das Nötigste beim Auspacken.
Zum Abendbrot hatten sie sich bei Altmanns Schwager angesagt.
Es war Zeit, daß Karla die Familie kennen lernte. Sie zog das „Schwarzseidene“ an. Aber es machte ihr Mühe. Altmann mußte hinuntergehen und Sicherheitsnadeln holen. Mit einem seiner breiten schwarzen Schlipse ließ sich die nötige Brustweite provisorisch herstellen.
„Na ... Du gehst ja ordentlich in die Breite!“
Er lächelte. Aber die Nervosität konnte er nie ganz verbergen, wenn sich Karlas Zustand bemerkbar machte.
Es war doch eine katastrophale (er brauchte das Wort gern) Störung! Karlas Stimme war merkwürdig zeitig in Mitleidenschaft gezogen worden. Es gab Schwankungen, leichte Belegtheit. Ja, es war vorgekommen, daß sie unrein gesungen hatte!
Der Direktor stand, die Hände in den Hosentaschen, in der zweiten Kulisse und lächelte gallig.
„Hast’s nötig gehabt, Mädel ....“
Auch schauspielerisch hatte Karla immer weniger hergegeben.
Aus Angst, es könnte ihrem Kinde schaden.
Frau Leben, mit der sie Freundschaft geschlossen, war ihr eine strenge Beraterin geworden.
Karla trug kein Korsett mehr, weil sie es ihr verboten hatte. Sie hatte sich auch früher von der Bühne zurückgezogen, als es sonst üblich war.
Ihre Gage fehlte merkbar, und die Kammer wurde aufgegeben. Um Wäsche zu sparen, legte Altmann zu Hause stets Kragen und Manschetten ab. Karla fühlte plötzlich einen Druck.
Und sie war froh, als es hieß: Berlin.
Da hatte sie doch den Papa und die Schwestern ihres Mannes. Sie kannte sie nicht, aber sie war besten Willens, sich ihnen anzuschließen. Denn, ohne daß sie es zugab: die Abende waren ihr recht tot erschienen in den letzten Wochen.
Klanglos war sie untergetaucht in der grauen Menge und dem stumpfen Alltag. Sie war nahe daran gewesen, sich zu vernachlässigen, den ganzen Tag im Schlafrock herumzulaufen.
Und wenn sie übte, dann weinte sie oft. Manchmal wurden ihr die Schläfen feucht, wenn sie daran dachte, daß sie die Stimme verlieren könnte.
Lieber sterben, als die Stimme verlieren! Lieber ....
Sie war doch verrückt gewesen, sich ein Kind zu wünschen. Verrückt! ...
Frau Leben hatte ihr dann immer den Kopf zurechtsetzen müssen.
Jetzt kam es vor, daß sie von der Zukunft zu sprechen anfing: Wenn „das“ erst vorbei wäre, dann müßte sie doch gleich ins Engagement. Ob sich die Gastspiele verschieben ließen?
„Du machst das schon, Ernst, nicht wahr? ...“
Sie schmiegte sich an ihn, und er versuchte sie zu trösten, ihr die Angst wegzuscherzen, Luftschlösser aufzubauen ....
Er mußte sie doch wohl sehr liebhaben, daß er das alles konnte. — — —
So — nun endlich war Karla angekleidet. Sah prächtig aus. Sie würde noch einmal eine schöne Frau werden ... eine wunderschöne Frau. Und mit ihrer Stimme ....
Altmann wurde wieder besserer Laune. Er wollte auch eine Droschke nehmen. Karla sollte nicht abgehetzt bei seinen Leuten eintreffen. Seine Leute hatten ihm die Heirat mit einer Theaterdame ohnehin verübelt.
Sie hatten ihn für „verständiger“ gehalten. Seine Leute hatten von jeher an ihm herumkritisiert. Er war immer im Verteidigungszustand ihnen gegenüber gewesen. Hatte es nur nicht so sehr gemerkt, weil er nicht in derselben Stadt mit ihnen wohnte.
Und überdies hatte er auch eine so unbegrenzte Hochachtung vor den Schwestern, daß er sich willig ihrem Urteil unterwarf.
Karla sollte sich nur recht einfach und ruhig geben; nicht zuviel vom Theater erzählen.
„Ja, wovon denn? Ich kenne doch nichts anderes ....“
Es wurde ihr plötzlich ungemütlich.
„Hätten wir nicht doch lieber erst zu Papa gehen sollen?“ meinte sie.
Altmann zog die Mundwinkel herab. Das bedeutete immer eisige Ablehnung.
„Ich denke, es wird Zeit, Karla. Adele hat sicher ein warmes Abendbrot bereitet — wir dürfen sie nicht warten lassen.“
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Karla, wie ihre verheiratete Schwägerin hieß. Sie hatte nie danach gefragt, und ihr Mann hatte den Namen nie genannt.
Im letzten Augenblick riß Altmann noch ein Federbüschel von ihrem Hut:
„So, Kind .... das ist nicht so auffällig.“
„Aber ....“
Sie hätte fast losgeheult. Ihren einzigen schönen Hut so zu verunstalten. Pfennig auf Pfennig hatte sie vom Wirtschaftsgeld abgeknapst, um ihn zu kaufen. Zwanzig Mark hatte er gekostet .... gerade wegen der Federn! ... Wütend war sie! Und feuerrot vor Ärger.
Er tat, als merke er es nicht.
„Hast du deinen Umhang? Nimm noch ein Tuch mit. Die Abende sind kühl. Du könntest dich erkälten.“
Immer war er besorgt. Sie lächelte wieder.
Und im Treppenhaus suchte sie es so einzurichten, daß sie seine Gestalt in dem schmalen Pfeilerspiegel sehen konnte. Wirklich vornehm sah er aus in dem zweireihigen schwarzen Rock.
Seine frisch rasierten Wangen schimmerten bläulich. Die über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Brauen gaben seinem regelmäßigen Gesicht einen strengen Ausdruck, der gemildert wurde durch die geschwungene Linie der schmalen Lippen. Freilich — wenn die Lippen sich senkten .... dann sah sein Gesicht aus wie eine tragische Maske. Aber wenn die Lippen lächelten — wie eben jetzt — und die elfenbeinfarbenen, gesunden Zähne sehen ließen, dann ... ja dann war Karla immer aufs neue bereit, sich in ihren Mann zu verlieben.
In der einen Hand hielt er ein Paar hellbrauner Handschuhe, in der anderen einen Stock mit silberner Krücke, die sie kurz zuvor mit Zahnpulver, vermischt mit ein paar Tropfen Kölner Wasser — blankgerieben hatte.
Er sah ungemein elegant aus.
Und Karla stützte sich auf seinen Arm mit einem Ausdruck fast herausfordernder Besitzerfreude, und sie machte sich so schwer, drückte sich so nahe an ihn heran, daß er ihr zuflüsterte:
„Aufpassen, Karla, du zerdrückst meine Manschetten.“
Denn er wußte nicht, was jetzt eben in ihrer Seele vorgegangen war; wohl aber verlor er nie das Gefühl für die Wirklichkeit und das leise Bangen vor jeder leichtsinnigen Ausgabe.
Als sie auf die Straße herunterkamen, fuhr gerade der Omnibus vorüber.
„Halt!“ rief er.
Karla machte große Augen, denn sie hatte sich auf die Wagenfahrt gespitzt. Aber sie wagte keine Bemerkung. Sie hatte nur nicht mehr dieselbe Freude an ihrem Mann, als sie ihn eingequetscht sah zwischen einer Frau mit einem Gemüsekorb und einem Kindermädchen mit einem Schokolade essenden kleinen Jungen.
Es war erstaunlich, wie schmal sich Altmann machen konnte ....
Nun, es war jedenfalls gut, daß er so sparsam war ....
Aber ihre lebhaften braunen Augen starrten sehnsüchtig durch das Fenster hinaus auf die durch das Abendlicht vergoldete Straße.
Sie kannte nicht viel von Berlin, weil sie in Braunschweig aufgewachsen und nur ein halbes Jahr beim Papa geblieben war, bevor sie ihr erstes Engagement angetreten hatte. Aber so schön wie heute war ihr Berlin nie erschienen. Die prachtvollen Läden, die elegant angezogenen Frauen, die Cafés, aus denen jetzt schon das elektrische Licht in Garben herausstrahlte — das alles verwirrte und berauschte sie.