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Dr. Oscar Baumann.

Durch Massailand
zur Nilquelle.

TAFEL I

Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.

MASSAI-WEIB

Durch
Massailand zur Nilquelle.

Reisen und Forschungen der Massai-Expedition

des deutschen Antisklaverei-Komite
in den Jahren 1891-1893.

Von

Dr. Oscar Baumann.

386 Seiten Text

mit 27 Vollbildern und 140 Text-Illustrationen in Heliogravüre, Lichtdruck und Autotypie nach Photographien und Skizzen des Verfassers von Rud. Bacher und Ludwig Hans Fischer in Wien und einer Originalkarte in 1:1,500,000 reducirt von Dr. Bruno Hassenstein.

BERLIN 1894.

Geographische Verlagshandlung DIETRICH REIMER
Inh.: HOEFER & VOHSEN.

Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen und der
Vervielfältigung vorbehalten.

Dem Andenken

AN

John Hanning Speke

gewidmet
vom Verfasser.

VORWORT.

Die Expedition, deren Ergebnisse nachfolgend veröffentlicht werden, wurde vom Deutschen Antisklaverei-Komite ausgerüstet, unter namhafter Betheiligung der Eisenbahn-Gesellschaft für Deutsch-Ostafrika und der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, welch' letztere die Anregung zu dem Unternehmen gab.

Meine Aufgabe lag in der geographischen und wirthschaftlichen Erforschung der weiten, unbekannten Striche, die sich noch im Norden der deutschen Interessensphäre ausdehnten. Unter Vermeidung aller Karawanenstrassen wandte ich mich daher vorzugsweise Gebieten zu, die vorher noch kein Europäer betreten. Der Schwerpunkt meiner Arbeiten lag auch diesmal in der kartographischen Aufnahme der durchreisten Länder. Deren Ergebnisse bleiben einer besonderen Publikation in grösserem Maassstabe vorbehalten, erscheinen jedoch in der dem Buche beigegebenen Uebersichtskarte bereits in den Hauptzügen erkennbar. Als einziger Europäer hatte ich auch die ganze Last des Expeditionsdienstes zu tragen. Dieser Umstand, sowie die Raschheit mit der meine Reise ausgeführt wurde, möge als Entschuldigung dienen, wenn der wissenschaftliche Theil dieses Buches nicht jene Gründlichkeit besitzt, die ich selbst am meisten gewünscht hätte. Besonders in ethnologischen Fragen war ich meist auf Erkundigungen bei Eingeborenen angewiesen, die ich durch Befragen mehrerer Personen zu berichtigen suchte. Immerhin mögen dabei Irrthümer unterlaufen sein, deren Aufklärung ich meinen Nachfolgern überlasse. Wenn ich es trotz des fragmentarischen Charakters meines Materials versucht habe im II. Theil dieser Veröffentlichung ein allgemeines Bild der durchreisten Länder zu entwerfen, so geschah dies keineswegs in der Absicht, eine Monographie dieser weiten Gebiete zu schreiben. Dazu fehlt noch so gut wie Alles. Diese Anordnung des Stoffes schien mir nur wünschenswerth, da sie allein dem Fachmann eine leichte Uebersicht in der täglich anwachsenden Literatur gestattet.

Es erübrigt mir noch Jenen meinen Dank auszusprechen, die meinem Unternehmen ihre Förderung angedeihen liessen. Es sind dies die Körperschaften, welchen ich die Mittel zu demselben verdanke, vor Allem das Deutsche Antisklaverei-Komite, unter dem Vorsitze Sr. Durchlaucht des Fürsten Wilhelm zu Wied, das mir nicht nur während meiner Thätigkeit in Afrika volles Entgegenkommen bewies, sondern auch in liberaler Weise die Mittel zur Herausgabe dieses Reisewerkes bewilligte. Dadurch wurde es der Verlagsanstalt Dietrich Reimer, unter der bewährten Leitung meines verehrten Freundes Consul Vohsen, möglich, der Publikation die Ausstattung zu geben, in welcher sie heute an die Oeffentlichkeit gelangt. An dieser Stelle dürfen die Herren Maler Rudolf Bacher und Ludwig Hans Fischer in Wien nicht unerwähnt bleiben, die nach meinen Photographien und Zeichnungen naturwahre und dabei künstlerisch schöne Illustrationen entwarfen.

Mit herzlichen Grüssen gedenke ich auch der Freunde in Ostafrika, aller jener zahlreichen Europäer, seien es Deutsche, Engländer oder Franzosen, seien es Gouvernementsbeamte, Kaufleute oder Missionare, die meiner Expedition liebenswürdige Gastlichkeit und kräftige Unterstützung zu Theil werden liessen. Möge ihnen ein frohes Wirken im sonnigen Tropenlande beschieden sein!

Bei wissenschaftlichen Fachleuten fand ich freundliches Entgegenkommen, vor Allem bei jenen ausgezeichneten Gelehrten, deren Arbeiten im Anhang zur Veröffentlichung kommen, sowie bei Dr. Bruno Hassenstein, der die Herstellung der Uebersichtskarte leitete.

Zuletzt sei es mir gestattet, jene zu erwähnen, die durch Wochen und Monate meine einzigen Gefährten waren: die schwarzen Soldaten und Träger der Massai-Expedition. Diese pflegen an ähnlicher Stelle meist mit vornehmem Stillschweigen übergangen zu werden. Jedoch mit Unrecht. Denn der Forschungsdrang und wie alle die Triebe heissen mögen, welche den Europäer in schweren Stunden aufrecht erhalten, sie fehlen seinen farbigen Begleitern. Und doch ist es ihre Treue, ihr Gehorsam, ihr Heldenmuth vor dem Feinde und ihre unvergleichliche Zähigkeit im Ertragen aller Mühsale allein, die es ihm möglich machen, in Afrika Erfolge zu erringen.

Wien, am Weihnachtsabend 1893.

Inhalts-Verzeichniss.

I. THEIL.

Seite
[I.]Kapitel. Von Tanga nach Aruscha.
Die Massai-Expedition. Reisevorbereitungen. Anwerbung der Mannschaft. Die Spitzen der Karawane. Aufbruch von Tanga. Ein Tag aus dem Karawanenleben. Unruhen im Wadigo-Land. Durch die Umba Nyika. Kisuani. Aruscha.1-17
[II.]Kapitel. Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.
Die östliche Massai-Steppe. Umbugwe. Der Manyara-See. Das Mutyek-Plateau. Ngorongoro. Der Eyassi-See. Serengeti. Ikoma. Katoto.18-41
[III.]Kapitel. Im östlichen Nyansa-Gebiet.
Katoto und Mwansa. Ukerewe. Ukara. Der Baumann-Golf. Gefechte in Mugango. Die Schaschi-Länder. Ngoroïne. Ikoma. Kämpfe in Ututwa. Ntussu. Meatu. Munyi Hemedis Niederlassung. Zur Nynrasa-Steppe. Der Salzfluss Simbiti. Die Elephantenjäger. Die Weiber der Karawane. Usmau und Usukuma. Mwansa.42-67
[IV.]Kapitel. Vom Victoria-See zum Tanganyika.
Durch Usinja. Ussui. Kassussura's Residenz. Uyogoma. An der Nil-Fähre. Urundi. Freudenfeste der Warundi. Der Akanyaru. Ruanda. Raserei der Warundi. Gefecht mit Watussi. An der Nilquelle. Uebersteigung der Missosi ya Mwesi (Mondberge). Am Tanganyika.68-92
[V.]Kapitel. Vom Tanganyika nach Irangi.
Das Lager der Sklavenhändler. Kämpfe mit Watussi. Die südlichsten Nilzuflüsse. Baumdörfer am Mlagarassi. Im Waldland Uha. Kirambo. Die Mission Urambo. Tabora. Erstürmung von Tambarale. Sunguisi. Die Wembere-Steppe und Usure. Turu. Ussandaui. Irangi.93-113
[VI.]Kapitel. Von Irangi nach Pangani.
Aufenthalt in Irangi. Uassi. Ufiomi und die Wafiomi. Wieder in Umbugwe. Iraku und die Höhlenbewohner. Meri. Mangati und der Gurui-Berg. Die Massai-Steppe. Unguu. Ankunft an der Küste.114-129

II. THEIL.

Seite
[VII.]Kapitel. Zur physischen Erdkunde der erforschten Gebiete.
Allgemeine Uebersicht. Das abflusslose Gebiet. Der Kilimanjaro-Graben. Der grosse ostafrikanische Graben. Der Wembere-Graben. Das Granitplateau von Unyamwesi. Der Victoria-Nyansa. Die Quelle des Nil und das Mondgebirge. Das centralafrikanische Schiefergebirge und der centrale Graben.133-155
[VIII.]Kapitel. Die Völker des abflusslosen Gebietes.
Die Massai. Die Wandorobo. Die Wataturu. Die Wafiomi. Die Wambugwe. Die Wanyaturu. Die Wassandaui. Wanderungen der Stämme.156-195
[IX.]Kapitel. Die Völker der Nilquell-Gebiete.
Die Waschaschi. Die Watussi. Die Wasinja. Die Warundi. Die Wanyamwesi.196-239
[X.]Kapitel. Der wirthschaftliche Werth des Landes.
Der Karawanen-Handel. Die Massai-Karawanen. Der Tabora-Handel. Die Manyema-Araber. Rohprodukte des Landes. Anbaufähigkeit des Gebietes. Bevölkerungsdichtigkeit. Kulturpflanzen. Viehzucht. Import. Eingeborene und fremde Einwanderung. Ostafrikanische Eisenbahnen.240-261

ANHANG.

Seite
[I.] Ueber Gesteine aus Deutsch-Ostafrika von Dr. Hans Lenk (Leipzig)263-294
[II.] Kulturpflanzen, gesammelt von Dr. O. Baumann. Von Dr. F. Körnicke (Bonn)295-296
[III.] Ueber die Molluskenfauna Centralafrikas von Dr. Rudolf Sturany (Wien)297-298
[I.]Formen aus dem Tanganyika-See298-303
[II.]Zur Fauna des Nilquellgebietes und hauptsächlich des Victoria-Sees303-309
[III.]Ueber die Fauna des Manyara-Sees309-311
[IV.]Landschnecken311-314
[Uebersicht] der von Dr. Baumann gesammelten Mollusken314-315
[Verzeichniss] der benutzten einschlägigen Literatur315-322
[Figuren-Erklärung] zu Taf. XXIV und XXV322
[IV.]Ueber Insekten aus Deutsch-Ostafrika.
[Lepidopteren] von H. Rebel und A. Rogenhofer (Wien)323-341
[Coleoptera] von Custos Gangelbauer (Wien)341-348
[Orthoptera] von Hofrath Brunner von Wattenwyl (Wien)348-349
[Hymenoptera] von Franz Kohl350
[Rhynchota] von Anton Handlirsch350
[Diptera] von Professor Friedrich Brauer350
[V.]Das Watussi-Rind von Dr. Leopold Adametz (Krakau)351-359
[VI.]Untersuchung von acht Schädeln von Prof. Dr. Zuckerkandl (Wien)360-362
[VII.]Sprachproben von Dr. O. Baumann363-369
[VIII.]Mannschaft der Massai-Expedition370-377
[Index]378-385

Verzeichniss der Text-Illustrationen.

Seite
Die Spitze der Karawane. Gez. von R. Bacher[1]
Dr. Oscar Baumann. Photogr. von Dr. Reinhardt in Sansibar[6]
Lagerscene. Photogr. des Verf.[17]
Temben in Umbugwe. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[18]
Junger Mann aus Umbugwe. Photogr. des Verf.[22]
Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[29]
Massai-Kraal. Nach Photogr. des Verf. gez. von L. H. Fischer[32]
Zusammentreffen mit Waschaschi. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[37]
Waschaschi-Dorf in Usenye. Nach Skizze des Verf. gez. von R. Bacher[39]
Angel für Welse der Waschaschi[40]
Kanu am Victoria-Nyansa. Photogr. von Graf von Schweinitz[41]
Lager in Katoto. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[42]
Ruderblatt, Ukerewe[44]
Ukara. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[48]
Hütten und Futterschober der Wakara. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[49]
Irera-Insel und Baumann-Golf. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[51]
Dorf der Waschaschi. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[55]
Saiteninstrument der Wangoroïne[57]
Krieger aus Usukuma. Nach Photogr. der Verf. gez. von R. Bacher[60]
Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu. Nach Skizze des Verf. gez. L. H. Fischer[62]
Feldbeil, Usukuma[66]
Weiber der Karawane. Photogr. des Verf.[67]
Gruss der Nyansa-Völker. Nach Photogr. von Graf von Schweinitz gez. von R. Bacher[68]
Dorf der Wasinja. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[71]
Hackenklinge, Usinja[72]
Wassui. Photogr. des Verf.[74]
Armring der Warundi[77]
Warundi-Weiber. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[80]
Landschaft in Nord-Urundi. Nach Skizze des Verf. gez. L. H. Fischer[82]
Watussi-Rind. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[85]
Wuruhukiro und der Ganso Kulu. Nach Skizze des Verf. von L. H. Fischer[89]
Warundi vom Tanganyika. Photogr. des Verf.[92]
Ussure. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[93]
Mhogo hadim Kivunja. Photogr. von Dr. Szekely[95]
Kiyonzo. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[98]
Waha. Photogr. des Verf.[100]
Mission Kilimani-Urambo. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[103]
Itandulu. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[109]
Mann aus Turu. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[110]
Mann aus Ussandaui. Photogr. des Verf.[112]
Mtoro's Dorf. Ussandaui. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[113]
Wataturu Sagiro's. Photogr. des Verf.[114]
Ufiomi. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[116]
Weib aus Ufiomi. Photogr. des Verf.[117]
Landschaft in Iraku. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[116]
Iraku-Leute. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[120]
Pangani[129]
Felsterassen des Plateaus von Nyakahama in Ost-Ussui. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[133]
Granitfelsen in Usukuma. Photogr. von Kapt. Spring[155]
Massai-Knabe. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[156]
Pfeil zum Aderlassen der Rinder, Massai[161]
Bogen der Wandorobo[167]
Wataturu-Mann aus Mangati. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[170]
Alte Speerformen der Wataturu[172]
Schematischer Durchschnitt der Wafiomi-Erdhöhlen[176]
Topf der Wafiomi[178]
Milchgefäss der Wafiomi[178]
Klapper, Wafiomi[178]
Wambugwe-Häuptling Mbi. Photogr. des Verf.[181]
Tembe der Warangi. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[184]
Hacke der Wambugwe[185]
Kalebassen-Ornamente der Wambugwe[185]
Speer der Warangi[186]
Steinschleuder der Wambugwe[186]
Wanyaturu-Ehepaar. Photogr. des Verf.[186]
Pfeilspitze, Wanyaturu[190]
Hacke mit Holzklinge der Wanyaturu[190]
Saiteninstrument der Wanyaturu[190]
Bogen, Speer und Pfeilspitze der Wassandaui[192]
Iraku-Leute. Photogr. des Verf.[195]
Mann aus Ussui. Photogr. des Verf.[196]
Rückenkratzer und Fingerring der Waschaschi[198]
Fingerring der Waschaschi[198]
Tabakspfeife der Wangoroïne[199]
Grundriss eines Weilers der Waschaschi[199]
Schnupftabaksdose der Wangoroïne[199]
Flusspferdharpune der Waschaschi[199]
Dorfamulett, Waschaschi[201]
Stockschild, Waschaschi[201]
Lederkratzer, Waschaschi[201]
Hacke mit Holzklinge, Wakara[201]
Hacke, Ngoroïne[201]
Kopfpolster, Waschaschi[201]
Schlagschild, Ngoroïne[201]
Trommel der Wakara[202]
Saiten-Instrument, Waschaschi[202]
Speer der Wangoroïne[203]
Milchgefäss aus Holz, Watussi[207]
Geräth zum Aushöhlen der Milchgefässe, Watussi[207]
Krieger aus Ukerewe. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[208]
Gefäss mit Sand zum Zahnreinigen der Wakerewe[210]
Pfeilspitzen, Usinja[212]
Sichel, Ukerewe[212]
Sichel der Wasinja[212]
Trinkkalebasse der Wakerewe[212]
Korbflasche der Wakerewe[212]
Speere der Wassui[213]
Topf der Watwa (Urundi)[213]
Holzfigur des verstorbenen Häuptlings, Ukerewe[213]
Paradebeil der Wasinja[213]
Schild aus Ambatschholz, Ukerewe[213]
Köcher der Wassui[213]
Watwa-Dorf, Urundi[214]
Haartrachten der Warundi[216]
Zeug-Ornamente der Warundi[217]
Halsschmuck der Warundi[218]
Grundriss einer Hütte der Warundi[218]
Sichel, Urundi[219]
Hackenklinge, Urundi[219]
Topf, Ruanda[219]
Speerspitze der Warundi[220]
Pfeilspitze, Warundi[220]
Hammer zum Fertigen von Rindenzeug, Urundi[220]
Schild, Ruanda[220]
Schwert, Ruanda[220]
Schwert der Warundi vom Tanganyika[220]
Pfeilbehälter der Warundi[220]
Topf der Warundi[221]
Klapper der Zauberdoktoren der Warundi[222]
Zaubergeräth, Warundi[222]
Wohnhütte mit Umgebung der Waha. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[225]
Puppe der Waha[226]
Speer der Waha[226]
Trommel der Waha[226]
Rindenzeughammer, Uha[226]
Wohnhütte mit Umgebung der Wanyamwesi in Urambo. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[229]
Feldbeil der Wanyamwesi[231]
Köcher aus Urambo[233]
Elephantenjagdspeer, Wasukuma[233]
Korbnadel, Wasukuma[233]
Speer, Usukuma[233]
Speerform der Wanyamwesi[233]
Puppe aus Lehm, Wasukuma[235]
Amulettfigur der Wasukuma[236]
Hüttenamulett der Wasukuma[236]
Schädel des Watussi-Rindes[239]
Tabora. Nach Skizze des Verf. gez. von L. H. Fischer[240]
Schluss-Vignette (Eisenbahn)[260]
Schädel des Watussi-Rindes, Seitenansicht[354]
Schädel des Watussi-Rindes, Vorderansicht[355]

Verzeichniss der Vollbilder.

Tafel Seite
I.Massaiweib. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[Titelbild]
II.Lager am Sogonoi-Berg. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[8]
III.Manyara-See und Simangori-Berg. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[16]
IV.Wambugwe-Krieger. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[24]
V.Hungernder Massai. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[32]
VI.Station Mwansa am Victoria-See. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[40]
VII.Felsdorf in Uaschi. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[56]
VIII.Wasukuma-Weib. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[64]
IX.Uebergang über den Kagera. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[80]
X.Missosi ya Mwesi und die Nilquelle. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[88]
XI.Tanganyika von Usige. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[96]
XII.Pfahldorf am Mlagarassi. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[104]
XIII.Wanyaturu-Stockkämpfer. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[112]
XIV.Wataturu aus Mangati. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[120]
XV.Massai-Krieger aus Mutyek. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[Titelbild zum II. Theil]
XVI.Ausblick von Meri gegen Nord. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[136]
XVII.Mangati und der Gurui-Berg. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[144]
XVIII.»Iraku-Leute« und »Wafiomi«, Heliogravüre nach Photogr. des Verf.[168]
XIX.Unterirdische Wohnstätten, Iraku. Nach Skizze des Verf. gez. von Ludw. Hans Fischer[176]
XX.Hirt aus Ufiomi. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[184]
XXI.Leute aus Iraku. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher. Heliogravüre[192]
XXII.Ornamente auf Körben der Wakerewe[208]
XXIV.Watussi. Nach Photogr. des Verf. gez. von R. Bacher[224]
XXIV.Mollusken, Lichtdruck[305]
XXV. " " [320]
XXVI.Schädel, " [360]
XXVII. " " [360]

Karten.

Karte des Forschungsgebietes der Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite. Nach den Original-Aufnahmen von Dr. Oscar Baumann, reducirt von Dr. Bruno Hassenstein 1:1,500,000.

Kartons:
Geologische Uebersichtskarte 1:4,000,000.
Ethnologische Uebersichtskarte 1:5,000,000.

Schematisches Profil der Victoria-See-Bahn, 1:400,000, fünffach überhöht Seite 256.

I. THEIL.

[[←]] I. KAPITEL.
Von Tanga nach Aruscha.

Die Massai-Expedition. — Reisevorbereitungen. — Anwerbung der Mannschaft. — Die Spitzen der Karawane. — Aufbruch von Tanga. — Ein Tag aus dem Karawanenleben. — Unruhen im Wadigo-Land. — Durch die Umba Nyika. — Kisuani. — Aruscha.

Am 16. November 1891 langte ich mit dem deutschen Postdampfer in Tanga, Deutsch-Ostafrika, an. Vor meinen Blicken erhob sich die üppige Tanga-Insel aus der tiefblauen Fluth, dahinter lugten auf hoher Uferrampe die braunen Hütten des Städtchens zwischen schlanken Kokospalmen hervor und tauchte der breite Bau des Forts auf, wie ein weisser Klecks in der Landschaft erscheinend. Im Hintergrunde ragten die bläulichen Berge Usambára's; alte liebe Bekannte. Betrat ich doch nicht als Fremdling den Boden Afrikas, war es doch das vierte Mal, dass ich mein Glück im dunklen Welttheil versuchte.

Einmal hatte ich Westafrika befahren und den Riesenstrom des Kongo bis in's Herz des Kontinents, bis Stanley-Falls, verfolgt, zwei Mal hatte ich in Ost-Afrika der Erforschung Usambára's und der Länder bis zum Kilimanjaro mich gewidmet. Diesmal freilich stand eine grössere Aufgabe vor mir, galt es doch die weiten gänzlich unerforschten Massai-Gebiete zwischen Kilimanjaro und Victoria-Nyansa zu durchziehen, welche nach den spärlichen Berichten als wasserarme, von feindlichen Stämmen durchstreifte Wüsten dargestellt wurden. Da mir jedoch die Haupterfordernisse des Reisenden: Kenntniss der Sprache und Kenntniss des Landes zu Gebote standen, so blickte ich mit Vertrauen in die Zukunft. Die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, spreche ich völlig fliessend und afrikanische Erfahrung besass ich zur Genüge; so fehlten nur sorgfältige Ausrüstung und tüchtige Mannschaft, um das Gelingen des Unternehmens — die Gunst des Schicksals vorausgesetzt — wahrscheinlich zu machen.

Was die Ausrüstung anbelangt, so kann ich mich nicht zur Ansicht Jener bekennen, welche behaupten, in Ostafrika bekomme man »Alles«. Allerdings man bekommt mehr oder weniger Alles, aber schlecht und theuer, so dass ein Reisender, der sich in Europa ausrüstet, selbst wenn er das Vorzüglichste wählt, immer noch billiger wegkommt. Ein Zelt wie das von Benjamin Edgington in London, welches mir während zwei Reisen Obdach gewährte, ein Feldbett, Feldtisch, Feldstuhl und Blechkoffer wie die von Silver in London, gehören nicht zu dem »Alles«, welches man in Ostafrika erhält.

Selbst die Provisionen, die man noch am ehesten an Ort und Stelle beziehen kann, zog ich vor, aus Europa mitzunehmen, da eine sorgfältige, gegen alle Fälle gesicherte Verpackung draussen kaum durchführbar ist. Die Firma Wilhelm Richers in Hamburg lieferte sie mir in durchwegs vorzüglicher Qualität und zu sehr mässigen Preisen. Dieselben wurden genau nach meiner Angabe in längliche Holzkisten verpackt, deren jede ungefähr dasselbe enthielt, so dass der Verlust einer Kiste keinen unersetzlichen Schaden verursacht hätte. Alle hatten einen verlötheten Blecheinsatz, der erst geöffnet wurde, wenn die Kiste in Verwendung kam und den wohlverstauten Inhalt vor Verderben schützte.

So wurden denn alle die Kisten und Ballen der Expedition in Tanga ausgeladen, daneben auch drei Kameele, die ich für etwaige Wüstenwanderungen aus Aden mitgenommen und welche ihre Treiber, braune untersetzte Araber aus Yemen, mit grosser Sorgfalt unterbrachten. Auch 15 kohlschwarze Sudanesensoldaten, die ich in Massaua angeworben, fanden ein vorübergehendes Heim in einer Negerhütte, während mir selbst in den wohlbekannten Räumen des Usagarahauses gastliche Aufnahme geboten wurde.

Noch am Abend meiner Ankunft stellten sich schwarze Freunde, meist Getreue von meinen früheren Reisen ein, darunter auch der brave Kihara wadi Mwamba, der 1888 die schweren Stunden der Gefangenschaft bei Buschiri mit Dr. Meyer und mir durchgemacht. Alle erfuhren von meinen neuen Plänen und erklärten sich unbedenklich bereit, bei der Massai-Expedition wieder einzutreten. Auch meine treue Reisegefährtin von der Usambára-Fahrt, die Halbaraberin Ranïe binti Abedi, meist »Kibibi« genannt, liess nicht lange auf sich warten.

Nachdem ich mich noch einige Tage in Tanga aufgehalten und dem späteren Engagement der Mannschaften vorgearbeitet, begab ich mich nach Sansibar, um ein wichtiges Geschäft, den Ankauf der Tauschwaaren zu besorgen. Während mehrerer Tage durchschlenderte ich mit Sapojee, dem gewandten Parsi der Ostafrikanischen Gesellschaft, die Bazars, um »Merikani« und »Kaniki«, »Mishanga kuta« und »Mutinarok«, alle die verschiedenen Baumwollstoffe, Glasperlen und sonstigen Artikel anzukaufen, welche im Innern Afrika's das Geld ersetzen. In Sansibar traf ich auch einen Landsmann aus Transleithanien, den ungarischen Sportsman Herrn von Inkey, der eben auf einer Jagdexkursion begriffen war und mich bat, die Expedition bis zum Kilimanjaro begleiten zu dürfen, was ich ihm gerne zugestand.

Bald jedoch kehrte ich wieder nach Tanga zurück, harrte doch meiner eine wichtige Aufgabe, ja die wichtigste, welche meiner Ansicht nach ein Expeditionsführer in Afrika zu lösen hat: die Anwerbung der Mannschaft. Es ist allerdings in Ostafrika die Möglichkeit geboten sich die Sache bequem zu machen: man braucht nur mit einem indischen Agenten einen Trägervertrag zu schliessen, in welchem sich derselbe verpflichtet, die Mannschaften bis zu einem gewissen Tage zu stellen. Dann kann man die Zwischenzeit bequem im Lehnstuhl verträumen, in der Ueberzeugung, am bestimmten Tage seine Leute bereit zu finden. Dieser Vorgang scheint ungemein einfach und wurde auch thatsächlich bis in die neueste Zeit von Gouvernements-Expeditionen sowie von Privaten eingeschlagen. Dabei war es fast ausschliesslich der indische Kaufmann Sewah Haji, der mit den Aufträgen der Europäer beehrt wurde. Dieser ist nicht etwa ein indischer Grosshändler im Stile Sir Taria Topan's, dessen Handelsbeziehungen bis ins Herz des Kontinents reichen und der die bedeutendsten Araber wie Tippo-Tip als seine Agenten bezeichnen kann, sondern er hat eigentliche kaufmännische Geschäfte fast ganz aufgegeben. Seine Firma ist jetzt ein Dienstvermittelungs-Bureau in grossem Stile, er ist Träger- und Arbeiter-Agent, d. i. ein Mann, der durch die Unerfahrenheit und Bequemlichkeit der Europäer und den Unverstand der Afrikaner Reichthümer sammelt. Diese gestatten es ihm, zeitweise Reisen nach Europa zu unternehmen, wo er von Jenen, die ihm ihr Geld in den Rachen geworfen, zum Frühstück eingeladen wird.

Für Alle, für Deutsche, Engländer, Franzosen und für den Kongostaat wirbt Sewah Haji Träger an. Aber er lässt sich auch dafür bezahlen. Während er selbst dem Küstenmann höchstens 10 Rps. pro Monat, dem Mnyamwesi und Msángo gar nur einige Ellen Baumwollstoff giebt, muss der Europäer 15-20 Rps. monatlich bezahlen! Durch kleine Beträge, die Sewah den Schwarzen in ihrer arbeitsfreien Zeit vorschiesst und dann wucherisch verzinst, weiss er sich stets Leute an der Hand zu halten. Durch hohe Bezahlungen gewinnt er einflussreiche Karawanenführer, dafür werden die Anderen in ihren hart verdienten Löhnungen um so mehr verkürzt. Ausser den Vorschüssen, die mit Zins und Zinseszins bis ins Unendliche anwachsen, werden ihnen noch allerlei »Gebühren« abgezogen, besonders wenn es sich um naivere Inlandleute handelt. Schliesslich ist der arme Afrikaner froh, wenn er nur einige Rupies oder etwas weissen Baumwollstoff bekommt, ja er freut sich noch, wenn man ihm eine rothe Mütze oder sonst einen Plunder als »Bakschisch« schenkt. Er führt ja keine Bücher, während der Inder alles schwarz auf weiss hat und Unzufriedene auffordert, nur immerhin auf die Station zu gehen und sich über ihn zu beschweren. Der Begriff »Station« ist jedoch in Ostafrika noch so innig mit dem Begriffe »Prügel« verbunden, dass Jedermann es sich dreimal überlegt dahin klagen zu gehen, wenn er seiner Sache nicht ganz sicher ist.

Es ist jedoch begreiflich, dass die Mannschaften unter solchen Umständen dem Unternehmen wenig Lust und Liebe entgegenbringen und besonders wenn der europäische Gebieter, den sie am Abmarschtage zum ersten Mal sehen, ihnen nicht zusagt, einfach davonlaufen. Geschieht dies in der Nähe der Küste, so muss Sewah Haji selbst, sonst seine Agenten in Tabora und Mwansa freilich Nachschub leisten und der Karren wird mit Mühe und Noth im Gange erhalten, doch mit unendlichem Aerger und Verzögerungen muss der Reisende die Mussestunden an der Küste büssen.

Da ich während der Dr. Meyer'schen Expedition 1888 das Sewah Haji'sche Trägerelend gründlich ausgekostet, so beschloss ich mich nie mehr mit diesem oder einem andern Agenten einzulassen, sondern meine Leute selbst zu engagiren. Schon 1890, während der Usambára-Expedition, war mir dies trefflich gelungen, und obwohl »Kenner« mir diesmal versicherten, dass bei der herrschenden »Trägertheuerung« und dem »Trägermangel« Sewah Haji absolut nicht zu umgehen sei, wollte ich dies dennoch versuchen.

Von einschneidender Wirkung für das Gelingen einer Expedition ist die Wahl guter Karawanenführer. Für mich war dies um so mehr der Fall, als ich beschlossen hatte, keinen europäischen Begleiter mitzunehmen, sondern allein zu reisen. Vor Allem brachte mich zu diesem Entschluss der Umstand, dass ich, wie ich offen gestehe, mich in Afrika unter Schwarzen am wohlsten fühle. Doch würde dieses, mehr persönliche Moment, mich selbstverständlich nicht abgehalten haben einen Europäer mitzunehmen, falls ich dies im Interesse der Expedition für nothwendig gehalten hätte. Ich bin jedoch zu der Ansicht gelangt, dass man Europäer in Afrika nur da verwenden soll, wo Schwarze absolut nicht zu brauchen sind. Dies ist bei einer Expedition nur bezüglich der Oberleitung und der wissenschaftlichen Forschung der Fall, denn alles Andere, von der Marschdisziplin angefangen, bis zu den kleinsten Details des Karawanenlebens, verstehen ja die Schwarzen unendlich besser als wir. Es ist ja begreiflich, dass ein Mann, dessen Väter schon vor Livingstone und Krapf nach dem Innern Afrika's zogen, der in den Verhältnissen geboren und darin aufgewachsen ist, unter kräftiger Leitung und bei entsprechender Befähigung ganz anderes leisten muss als ein europäischer Neuling. Ob durch Mitnahme des Vertreters eines anderen Faches wissenschaftlich mehr ausgerichtet worden wäre, ist noch fraglich. Denn bekanntlich können verschiedene Fachleute sehr schwer zusammen arbeiten und es ist ferner sicher, dass man allein, schon durch Langeweile getrieben, weit mehr Studien macht als etwa in angenehmer Gesellschaft.

Einer jener Leute, welche mir mehr werth sind als ein und selbst mehrere Weisse, stellte sich mir nach meiner Rückkehr in Tanga vor. Es war Mzimba bin Omari, ein Swahíli aus Bweni bei Pangani, der s. Zt. bei der Usambára-Expedition als Träger eintrat, durch seine Tüchtigkeit es rasch zum Askari (Soldaten) brachte und während einer Krankheit des damaligen ersten Mnyapara (Anführers) dessen Stelle vertrat. Diesmal hatte ich ihn selbst trotz seiner Jugend — er ist kaum 25 Jahr alt — zu diesem wichtigsten Posten bestimmt. Der Mnyapara spielt eine ähnliche Rolle in der Expedition, wie der Feldwebel in der Kompagnie, nur dass die Expedition eben vollständig selbstständig ist und alle Zwischenglieder zwischen Hauptmann und Feldwebel fehlen. Mehr als einmal hat Mzimba während meiner Abwesenheit und Erkrankung meine Stelle vertreten und ich hatte dann stets das Gefühl dass es eben so gut, ja besser ging, denn Mzimba hatte den Ehrgeiz, mir zu beweisen, dass er auch ohne mich fertig werden könne. Ueberhaupt hatte er eine bei Schwarzen seltene Selbstständigkeit und hat mehr als einmal allein Gefechte mit Besonnenheit und Muth auf das Schneidigste geleitet. Der Mannschaft gegenüber besass er grosse Autorität, die er hauptsächlich dadurch aufrecht erhielt, dass er nur mit einigen jüngeren Verwandten unter den Trägern, sonst aber mit den Leuten garnicht verkehrte. Obwohl musterhaft gehorsam, zögerte Mzimba doch nie, eine ganz bestimmte Meinung abzugeben, wenn ich ihn um seinen Rath befragte. Freilich hatte er sich derart in mein Reisesystem und in meine Denkweise eingelebt, dass er meist nur das äusserte, was mir selbst als das richtigste erschien.

Während Mzimba ein untersetzter, lichtbrauner Bursche mit klugen Augen und von nicht übermässiger Schönheit ist, war Mkamba, der zweite Anführer der Kirongozi, ein hochgewachsener, schwarzer junger Hüne, ein ernster, auffallend hübscher Bursche. Er war im Gegensatz zu Mzimba Sklave, doch schienen ihn seine Fesseln gerade nicht zu drücken, denn ungehemmt durchstreifte er jahraus jahrein das Massailand. Er bildet den Typus eines »Msafíri« (Karawanenmannes) aus Pangani. Heute kehrt er vom Rudolfsee zurück um einige Tage darauf wieder nach Kavirondo aufzubrechen, bei einer Karawane zahlt man ihm seinen spärlichen Lohn und bei der andern nimmt er schon Vorschuss für die nächste Reise.

Eine weitere, sehr wichtige Persönlichkeit für eine Massaireise ist der Leigwenan, der Dolmetscher. Diesen fand ich in der Person des Bakari bin Mfawme aus Mtangata, der meist mit seinem Massainamen »Kiburdangóp« genannt wurde. Er war ein im Massailand ergrauter Mann, der die Sprache der gefürchteten Viehräuber fliessend handhabte und eine erstaunliche Landeskenntniss besass, ein gutmüthiger, etwas ängstlicher Swahíli.

Nachdem ich diese drei Stützen der Expedition gesichert, ging ich daran mit ihrer Hilfe die Askari und Träger anzuwerben. Vor Allem die Askari, die Soldaten. Denn es ist selbstverständlich, dass der Reisende in unerforschten Theilen Afrika's auch heute, wo die rothen und blauen Grenzlinien der Kolonien, Schutzgebiete und Interessensphären Kreuz und Quer durch die Karte des Kontinents gezogen sind, doch noch einzig und allein auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Die Stationen, die hunderte von Meilen weit entfernt an den grossen Heerstrassen liegen, können ihm auch nicht den Schatten von Schutz gewähren. Ebensowenig kann er erwarten von der kaiserlichen Schutztruppe, die ohnehin nur das Nothwendigste an Mannschaft besitzt, eine Bedeckung zu bekommen. Der letztere Nachtheil ist übrigens nicht so gross als man annehmen sollte, da es ja dem Reisenden freisteht zu thun, was bei der Schutztruppe geschieht, nämlich Neger anzuwerben, dieselben zu uniformiren und militärisch abzurichten. Da das Menschenmaterial genau dasselbe ist, so ist solche eigene »Schutztruppe« jener des Gouvernements völlig ebenbürtig, ja ich habe diesmal mit meinen selbst angeworbenen Leuten weit bessere Erfahrungen gemacht als auf der Usambárareise mit den 7 Askari des Reichskommissariats, von welchen drei ausrissen und überhaupt nur einer als Soldat verwendet werden konnte.

Fünfzehn Sudanesen hatte ich mir, wie erwähnt, schon mitgebracht. Die übrigen Askari wurden zusammen mit den Trägern angeworben und nur gutempfohlene und anscheinend intelligente Leute zu diesem Dienst berufen. Viele darunter hatten während des Aufstandes in der Schutztruppe gedient und sich dabei die deutschen Kommandos und Griffe angeeignet. Ihre Ombascha's (Gefreiten) waren der Sudanese Bahid Mohammed, ein tiefschwarzer, langer Dinkaneger und der Swahíli Hailala wadi Baruti, ein hübscher, kluger Yao. Freilich wurde mancher, der als Askari angeworben war, im Laufe der Zeit zum Träger gemacht und dafür Träger, die besondere Eigenschaften zeigten, zu Askari befördert.

Zur Anwerbung der Träger begab ich mich von Tanga nach Mtangata, Pangani und Bagamoyo und sandte Leute nach Bondei und Muoa aus. Ich verfolgte dabei stets den Grundsatz im Allgemeinen nur Leute zu nehmen, die durch einen an der Küste ansässigen und bekannten Gewährsmann empfohlen wurden. Bei Sklaven waren dies meist ihre Herren. Mit diesem Gewährsmann wurde ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen, wonach er sich verpflichtete den Vorschuss des Trägers zurück zu zahlen, falls dieser zu irgend einer Zeit davonliefe. Es mag ja freilich langweilig sein an 200 solcher Verträge aufzusetzen, doch sind diese das einzige Mittel welches gegen Desertionen schützt. Irgend welche Schwierigkeit, die Leute zu bekommen, fand ich trotz des angeblichen »Trägermangels« keineswegs. Im Gegentheil, die Massai-Expedition war populär geworden, aus allen Dörfern kamen junge Burschen, und Kontraktarbeiter lösten ihre Verträge um als Träger einzutreten. Leute die 12 und 15 Rps. monatlich hatten, traten bei mir für 10 ein; ich hätte, falls ich damals gewollt hätte, 1000 und mehr Leute anwerben können.

Die 200 Mann, die ich angeworben, hatten sich Anfangs Januar 1892 in Tanga vereinigt und ich beschleunigte das Packen der Lasten, um rasch fortzukommen. Denn dass zweihundert junge Burschen, die einer unsicheren Zukunft entgegengehen, die Vorschuss erhalten haben und täglich Zehrgeld bekommen, zu allerlei Unfug geneigt und ganz danach angethan sind, ein Nest wie Tanga auf den Kopf zu stellen, scheint begreiflich. Ich selbst stand diesem Treiben völlig machtlos gegenüber, da ich die Leute, die in der Stadt zerstreut lebten, nicht in der Hand hatte und es mir auch im Interesse der Sache garnicht einfiel, jetzt schon die Zügel straff anzuziehen — dazu war im Massailand Zeit. Ich wäre denn wohl in häufigen Konflikt mit den Behörden gerathen, wenn die löbliche Polizei in den ostafrikanischen Küstenstädten nicht zum Glück aus Egyptern und Sudanesen bestände und wann hätte ein Egypter oder Sudanese dem Zauberworte »Bakschisch« jemals widerstanden? So drückten denn die biederen Stadtsoldaten nicht nur ein sondern beide Augen zu und mir sowohl wie dem Bezirkshauptmann blieb viel Aerger erspart. Mehrmals am Tage erschienen Weiber welche »verführt« oder Greise, Kinder und andere Leute die durchgeprügelt worden waren: sie alle wurden durch einen Bakschisch zufriedengestellt. Selbst den Vali von Tanga, den würdigen, arabischen Bürgermeister gelang es mir zu beruhigen, als er eines Abends wuthentbrannt mit äusserst schiefgewickeltem Turban bei mir ankam und klagte, dass einige meiner Manyema-Träger ihn aus seiner eigenen Veranda hinausgeworfen hätten, um dort dem verpönten Kartenspiel zu fröhnen. Ich lud ihn ein auf den Schreck einen Cognac zu nehmen, ein Getränk, welches, nebenbei gesagt, ihm die Freuden des islamitischen Paradieses ersetzen muss, das er sich durch dessen Genuss, sowie durch andere, minder salonfähige Neigungen vulgo Laster schon längst verscherzt hat. Nachdem er etwa die halbe Flasche »in Gedanken« ausgetrunken, ging auch er befriedigt ab.

Solange meine Kerls sich begnügten die Weiber zu »verführen« und die Männer durchzuprügeln ging, wie gesagt, alles ganz gut. Einer aber wollte die Sache umkehren und begann damit, Weiber durchzuprügeln. Das bekam ihm jedoch schlecht; einige schwarze Megären fielen über ihn her, warfen ihn zu Boden und traten ihn buchstäblich todt. Seine Gefährten fanden den armen Baraka Manyema als Leiche und das Bezirksamt leitete eine gründliche Untersuchung ein, deren Ende ich nicht abwartete. Denn der Boden brannte mir in Tanga begreiflicherweise unter den Füssen und Mzimba mit seinen Getreuen packten vom Morgen bis in die Nacht, um uns rasch flott zu bekommen.

Am 14. Januar schickte ich die 40 bepackten Massai-Esel, die gewissermaassen den Train der Expedition bildeten unter Mkambas Befehl voraus nach Amboni. Am Morgen des 15. liess ich meine »Bande« antreten, jeder bekam sein Gewehr und Pulverhorn, die Askari ihren Hinterlader, und die Lasten wurden vertheilt. Dann liess der Tambour seine mächtige Negertrommel ertönen, der wohlbekannte Wanyamwesimarsch, der Mganda ya Safari wurde mit Jubelgeschrei begrüsst, Kopwe, ein halbverrückter, zwerghafter Mschambaa entlockte einem Antilopenhorn die furchtbarsten Töne und, die deutsche Flagge voran, setzte sich die Karawane in Bewegung. Im Vorbeimarschiren drückte ich den deutschen Landsleuten die Hand und erhielt manches — oft recht ironisches — Abschiedswort. Denn selbst alte Afrikaner glaubten, dass sich auch bei mir die übliche Komödie wiederholen und gleich am ersten Tage drei Viertel der Leute ausreissen würden. Der Reisende, der heute Abschied genommen, taucht dann morgen mit langem Gesicht wieder an der Küste auf, zur Erheiterung der schadenfrohen Landsleute. Diesmal sollten sich diese aber geirrt haben. Keinerlei Desertionen traten ein, die mich nöthigten wieder an die Küste zu kommen, sondern im Gegentheil, ihre eigenen Bootleute und Lohnarbeiter liefen rudelweise davon, um sich der Massai-Expedition anzuschliessen, sodass sie schleunigst Boten absenden mussten um sie wieder einzufangen.

TAFEL II

Lager am Sogonoi-Berg.

Am ersten Tage lagerten wir unter den schattigen Mangos des Dorfes Amboni am Sigifluss, am nächsten Morgen marschirten wir schon bei Tagesanbruch an der Tabaksfarm vorbei und in's grasige, palmenreiche Digoland.

Bevor ich den Reisebericht weiter verfolge, sei es mir gestattet ein kurzes Bild unserer Märsche und unseres Lebens im Lager zu geben, wie es sich täglich abspielte.

Schon lange vor Tagesanbruch kam in die schlummernde Karawane Leben. Es waren die Eseljungen, die vom diensthabenden Unteroffizier geweckt wurden, um das mühsame und langwierige Geschäft der Bepackung der widerhaarigen Thiere zu besorgen. Unter dem wahnsinnigen Geschrei ihres Aufsehers, Mabruki Wadudu, eines alten Bekannten von der Meyer'schen Expedition, fingen sie die Thiere ein, legten ihnen die mit Bananenlaub gefüllten Polster und die nach Massaiart genähten ledernen Tragsättel mit den Lasten auf. Sobald ein zartrother Streif sich am östlichen Himmel zeigte, schlug der Trommler die Tagwache und Mzimba begann die Lasten zu vertheilen. Während ich eine Tasse Cacao und einen kleinen Imbiss zu mir nahm, wurde mein Zelt abgebrochen, dann gab ich durch einen schrillen Pfiff das Zeichen zum Abmarsch.

Den Vortrab bildete Mkamba mit 12 Askari, stets denselben Leuten. Bei ihm befand sich der eingeborene Wegweiser, der manchmal freiwillig, öfter gezwungen und nicht selten an der Kette marschirte. Denn ich konnte, besonders in weglosen, wasserarmen Gegenden, das Wohl und Wehe meiner Karawane nicht von den Launen eines Wilden abhängig machen der, wenn er schliesslich nach einigen Tagen beschenkt wurde, vergnügt nach Hause zurückkehrte. Mkamba wurde stets von mir über die einzuschlagende Richtung aufgeklärt, die Details des Weges überliess ich seinem Ermessen. Er hatte ferner auf etwaige Feindseligkeiten der Eingeborenen scharf zu achten und war für Beseitigung von Marschhindernissen, wie Dorngestrüpp u. s. w., verantwortlich. Seine Leute waren mit Beilen und Waldmessern ausgerüstet.

Etwa 100 Schritt hinter dem Vortrab folgte die Karawane, deren Spitze der Fahnenträger Askari Kipishi bildete, ein vielgereister Mann aus Mtangata, der sein keineswegs leichtes Amt mit besonderem Geschick versah. Von ihm hing es nämlich ab, ob die Karawane geschlossen oder lose marschirte; lief er zu sehr, so kamen die Leute hinten nicht nach, ging er zu langsam, so trat ein schleppendes Tempo ein, welches für Träger sehr ermüdend ist. Diese folgten, so ziemlich stets in derselben Reihenfolge in langer Linie dem Fahnenträger, zwischen ihnen einzelne Askari, welche für die Marschdisziplin sorgten. Ich hielt nämlich strenge darauf, dass die Karawane immer geschlossen marschirte; Niemand durfte in der Eintheilung stehen bleiben oder sich gar zur Rast niederlassen, dazu waren zwei Ruhepausen da, die während jedes Marsches gehalten wurden. Der Marschdisziplin war alles, Männlein und Weiblein, deren es, wie wir sehen werden, meist gar nicht wenige in der Karawane gab, unterworfen und Zuwiderhandelnde erhielten unfehlbar Hiebe.

Am Ende der Karawane folgte ich mit meinem »Stabe«, d. i. den Leuten, welche die wissenschaftlichen Instrumente trugen, den Boys, Köchen und dem Eseljungen des Reitesels, den ich stellenweise benutzte. Selbstverständlich war ich ununterbrochen mit topographischen Aufnahmen beschäftigt, die ich nach langjähriger Uebung halb unbewusst ausführte. Hinter mir schwankte das eine Kameel das mir noch geblieben — zwei waren in Tanga gestorben — und tönte das wilde Geschrei der Eseltreiber und das noch tollere Wiehern der Grauthiere. Den Schluss bildete Mzimba mit 15 Askari, ebenfalls stets denselben Leuten. Er war verantwortlich, dass Niemand, der zur Karawane gehörte, zurückblieb. Auch er musste die Augen tüchtig offen halten, denn vielfach und besonders später als wir Rindvieh mittrieben, waren die Angriffe der Eingeborenen gegen das Ende der Karawane gerichtet. Das war auch mit ein Grund, warum ich selbst mich näher an demselben aufhielt.

Sobald die Sonne nahe am Zenith war, begann Mkamba sich nach einem Lagerplatz umzusehen. In Steppen und unbewohnten Gegenden handelt es sich vor Allem um genügendes Wasser und Brennholz, waren diese gefunden, so konnte ein Platz leicht bestimmt werden. In bewohnten Ländern lagerten wir meist in Dörfern.

Der Fahnenträger stiess seine Flagge an der Stelle in die Erde, wo das Lagerzelt errichtet werden sollte. Trommler und Hornist liessen ihre Klänge ertönen und alles athmete erleichtert auf: für heute war's wieder überstanden. Ein Theil der Askari schlug rasch mein Zelt auf oder erbaute, falls keine Negerhütte Schatten bot, in aller Eile eine »Kibanda«, eine Zweighütte mit Grasdach, die einen weit angenehmeren Aufenthalt während des Tages bot als das Zelt. Die übrigen Askari schichteten die Lasten, Munitionskisten, Blechbüchsen mit Pulver, Tauschwaaren und Provisionskisten sorgfältig auf und schlugen das Lastenzelt.

Die Jungen hatten inzwischen das Zelt in Ordnung gebracht und in der Kibanda den Tisch gedeckt, der Koch den Mittagsimbiss fertig gestellt. Bei dieser, wie bei allen Mahlzeiten hielt ich darauf, dass die Hilfsquellen, welche das Land bot, möglichst vollständig ausgenutzt, und auch möglichst gut gekocht wurde, da ich der Ansicht huldige, dass eine gute Mahlzeit sicherer vor Fieber schützt als eine Dosis Chinin oder Arsenik. Dafür, dass Reinlichkeit und Ordnung in der Küche herrschte, sorgte die brave Kibibi, die dortselbst als Alleinherrscherin regierte.

Die Träger hatten sich inzwischen ebenfalls Laubhütten gebaut und begannen ihre Lebensmittel abzukochen. Dies geschah nach Lagergenossenschaften, Kambi's, deren jede einen Aeltesten, den Mkubwa ya Kambi, hatte. Die verschiedenen Landsleute, die Manyema, Wadigo, Wabondei, Wasegua, Wassegeju, Wasaramo und Wanyamwesi, die Leute von Tanga, Mtangata, Pangani, Bweni und Bagamoyo, die Sansibariten und Sudanesen sondern sich da von einander ab, und bilden kleine geschlossene Kreise.

Während ich Nachmittags damit beschäftigt war, meine Aufnahmen zu ordnen und zu ergänzen, sowie ethnographische, linguistische und andere Studien zu machen, waren die Askari darauf bedacht, das Lager gegen einen nächtlichen Angriff zu befestigen.

In einem Dorf war das verhältnissmässig einfach, da mittelafrikanische Siedelungen sehr häufig ohnehin mit Dornverhauen oder anderen Schutzwehren umgeben sind. Im Busch musste jedoch stets die »Boma«, der Stachelzaun, errichtet werden. Alle Mann hackten dann Zweige von den dornigen Akazien und thürmten dieselben im Kreise um das Lager so hoch auf, dass ein Darüberspringen unmöglich war. Solche Maassregeln mögen übertrieben und unnütz erscheinen, aber Sorglosigkeit hat in Deutsch-Ostafrika, wie ich glaube, gerade genug schwere Niederlagen bereitet, sodass ein wenig zuviel Vorsicht nichts schaden kann.

Gegen 5 Uhr Nachmittags versammeln sich die Kambi-Aeltesten bei Mzimba und erhalten »Poscho«, Proviant. Die mitgebrachten oder von den Eingeborenen erworbenen Nahrungsmittel hat dieser vor sich aufgehäuft und giesst jedem Aeltesten mit der Kibaba, einer Holzschüssel, soviel Portionen, als er Leute vertritt, in ein ausgebreitetes Tuch. Dieses sogenannte »Kibabasystem« wird von Arabern und Swahíli stets ausgeübt und war auch bei älteren Reisenden üblich, während jetzt Europäer fast stets das »Mikonosystem« verfolgen, d. h. den Leuten so und so viel Armlängen (Mikono) Baumwollenzeug geben, mit welchen sie eine bestimmte Anzahl Tage ausreichen müssen.

Schon auf der Usambára-Expedition habe ich mit Erfolg das Kibabasystem benutzt, welches ungleich billiger und praktischer ist. Bei der Massai-Reise, wo ich oft auf Monate Proviant für die Mannschaften mitnehmen musste, wäre das Mikonosystem geradezu ein Unding gewesen. Dasselbe verdankt seinen Ursprung hauptsächlich der Abneigung vieler Europäer, für die Verpflegung ihrer Leute zu sorgen. Sie geben denselben ihre Mikono und überlassen es ihnen, sich Nahrung einzukaufen. Auf grossen Karawanenstrassen mag dies ja ganz bequem sein, bei Forschungs-Expeditionen hat es jedoch seine sehr grossen Nachtheile. Vor Allem haben viele Leute garnicht genug Einsicht, um mit ihren Tauschwaaren sparsam umzugehen. Sie verprassen die erhaltenen Mikono gleich nach Empfang und müssen dann bis zum nächsten Poscho-Tage hungern oder bei den Eingeborenen mausen. Dabei kann der Reisende seinen Leuten nicht verbieten, das Lager zu verlassen und unter dem Vorwand Nahrung einzukaufen, weit abseits umherzuschweifen, was auf die Disziplin schädlich einwirkt und in feindlichen Gegenden geradezu verhängnissvoll werden kann. Ferner ist das Mikonosystem eine Quelle fortwährender Unzufriedenheit. Denn weiter im Innern ist das Baumwollzeug mehr werth, und der Reisende sieht sich veranlasst, die Zahl der Mikono herabzusetzen, was stets Stürme der Entrüstung und nicht selten Desertionen veranlasst. Der Mann dagegen, der vom ersten bis zum letzten Reisetag seine Kibaba, Lebensmittel, erhält, an welchen er sich sattessen kann, ist stets zufrieden und kümmert sich wenig darum, ob der Expeditionsleiter, der für ihn eine Art Vorsehung ist, sie billig oder theuer erworben hat. Jagd- und Kriegsbeute, sowie die reichen Geschenke der Inlandhäuptlinge, kommen direkt der Expedition zu Gute, während sie beim Mikonosystem oft geradezu schädlich wirken. Denn wenn der Mann auch im Ueberfluss schwelgt, so wird er doch seine gewohnten Mikono verlangen und diese auf zwecklose Weise durchbringen, was zu vielfachem Unfug Veranlassung giebt.

Zur Poschozeit werden auch die Kranken von dem dazu bestimmten Askari vorgeführt und so gut als möglich von mir behandelt. Vor Sonnenuntergang, kurz bevor ich mein Nachtmahl einnehme, treten die Askari an und machen etwa eine halbe Stunde Gewehrgriffe. Dann wird die Wache für die Nacht abgetheilt. Während der ganzen Reise stellte ich allnächtlich vier Wachtposten auf, die unter kriegerischen Verhältnissen auf sechs und acht verstärkt wurden. Ununterbrochen riefen dieselben mit lauter Stimme die arabischen Zahlen, das beste Mittel, um sich wach zu erhalten. Wenn das Wasser entfernt liegt, so ziehen schon während der Wachabtheilung kleine Trupps von Leuten mit Gefässen aus, um für die Nacht und den nächsten Morgen Wasser zu schöpfen. Denn sowie es dunkel geworden, schlägt der Trommler den Zapfenstreich und ruft die Befehle für den nächsten Tag, vor Allem ob marschirt wird oder nicht, aus. Dann darf Niemand mehr hinaus und das Lager verstummt allmählich.

Eine Weile noch flüstern einzelne Gruppen bei den glühenden Lagerfeuern, doch bald sinkt alles in tiefen Schlaf. Eintönig erschallen die Rufe der Wachtposten um das Lager, draussen jedoch werden die Stimmen der Wildniss laut. Die Hyänen heulen und lachen in widerlicher Weise, manchmal ertönt ein mächtiger Ruf: das Gebrüll des Löwen. Doch trotz allem Lärm schläft man schliesslich ein, bis das Rasseln der Trommel am nächsten Morgen zu neuer Thätigkeit ruft.

Man darf allerdings nicht glauben, dass solch regelmässiger Dienstgang gleich von Anfang an durchführbar ist. Erst herrscht unglaubliche Unordnung, die ungeübten Leute marschiren schlecht und sind nicht vom Fleck zu bringen, im Lager entwickelt sich ein unendlicher Wirrwar. Die beiden Hauptmittel des Expeditions-Chefs: Geduld und Kurbatsch bringen täglich mehr Ordnung in das Chaos, doch braucht es immerhin fast einen Monat bis Alles im Gange ist und Jeder seine Thätigkeit genau kennt. Der eigentliche Lohn für die Mühen der ersten Zeit tritt aber nach mehreren Monaten ein: dann geht alles wie geölt, so dass die Leute selbst ihre Freude daran haben und der Kurbatsch, welcher anfangs täglich viel zu thun hatte, verlässt nur selten mehr seinen Ehrenplatz im Gürtel Mzimba's.

Freilich, wer die zügellose wüste Schaar gesehen hätte, die am Morgen des 16. Januar mit mir Amboni verliess, der hätte wohl kaum geahnt wie wohlerzogen und tüchtig diese Leute noch werden sollten. Mit Horn und Trommel voran gings unter stetem Jubelgeschrei durch's Digoland, so dass die erschreckten Wadigo mit Weib und Kind ihre Dörfer verliessen und spornstreichs in den Busch entsprangen.

Der Augenblick, das Digoland zu besuchen, war gerade kein günstiger. Wenige Wochen vorher hatten die Wadigo wieder einmal zuviel Palmwein getrunken. Sie, die immer ganz gute Unterthanen waren, rissen auf einmal die deutsche Flagge herab und erklärten sich für unabhängig. Einen deutschen Offizier, der mit wenigen Soldaten und sehr wenig Munition hinkam, um sie zur Vernunft zu bringen, empfingen sie mit heftigem Feuer. Unter den obengenannten Umständen musste er sich nach kurzer Gegenwehr zurückziehen, wobei ihn die Wadigo bis Amboni verfolgten und die Scheunen der Pflanzer-Gesellschaft niederbrannten. Nun wurde Ernst gemacht. Dampferweise kamen Soldaten aus Dar-es-Salaam und Freiherr von Bülow wurde beauftragt, die Wadigo zu pacificiren. Es gelang ihm dies sehr leicht; nach den ersten Schüssen liefen die Wadigo davon und das übliche Strafverfahren mit Dorfbrennen und Viehforttreiben konnte eingeleitet werden.

Drei Tage nachdem Freiherr von Bülow das Land verlassen, langte ich mit meiner Expedition darin an. Begreiflicherweise mussten die Wadigo in dem Erscheinen von 200 Bewaffneten, die mit Lärm und Trommelschall einzogen, einen neuen Rachezug sehen. Sie suchten das Weite, und als wir unter einem prachtvollen Baum vor dem Dorfe Gombelo lagerten, sahen wir keine Seele. Einige Träger, die sich von der Karawane entfernt hatten, wurden abseits mit Pfeilen beschossen.

So stand ich denn vor der Nothwendigkeit, entweder meine Leute gleich in den ersten Tagen hungern zu lassen oder schon hier, so nahe an der Küste, mit dem leidigen Fouragiren zu beginnen. Das erstere hätte zweifellos viele Desertionen, möglicherweise den Ruin der Expedition veranlasst, ich zögerte also nicht, den Leuten zu erlauben, den zur Nahrung nöthigen Maniok aus den Feldern zu ziehen. Dass diese es dabei nicht bewenden liessen und wohl auch manchmal ein Hühnchen mitgehen liessen, ist bei der begreiflicherweise noch mangelhaften Disziplin in einer drei Tage alten Expedition nicht verwunderlich.

Bemüht, möglichst rasch aus diesen unangenehmen Gegenden zu kommen, zogen wir durch die damals völlig menschenleeren Distrikte von Mgandi, Kaerua und Buiti. Erst in Daluni, das zwischen prachtvollen Kokospalmen am Fusse des Usambára-Gebirges liegt, liefen die Leute nicht davon und wir konnten Lebensmittel einkaufen, womit ich die leidige Wadigo-Affaire für erledigt hielt. Dieselbe hatte aber noch ein Nachspiel. Als nämlich die Wadigo erfuhren, dass sie diesmal nicht »amtlich« geplündert worden waren, führten sie beim Bezirksamt Klage. Dieses leitete die Klage weiter, nach Dar-es-Salaam, nach Berlin, nach Coblenz, wo das Antisklaverei-Komite veranlasst wurde, eine Schadenersatz-Summe zu zahlen. So löste sich denn alles in Wohlgefallen auf: die Wadigo bekamen ihr Geld, welches ihre Verluste an Maniok und Hühnern mindestens zehnfach deckte, das Bezirksamt hatte sein »amtliches« Recht durchgesetzt, das Komite hatte gezahlt und konnte zahlen, da es wusste, dass mein Vorgehen im Interesse der Expedition dringend geboten war — und ich zog inzwischen, von allen diesen »amtlichen« Vorgängen nichts ahnend, landeinwärts, der unamtlichen afrikanischen Freiheit zu!

Ein kurzer Aufenthalt in Daluni diente dazu, die wenigen Nachzügler bei der Karawane zu versammeln, und am 22. Januar traten wir den Marsch längs der steil ansteigenden felsigen Mschihui-Berge durch die Umba-Nyika an. In Folge des ungewöhnlich frühzeitigen und reichlichen Regens hatte die Steppe gewissermaassen ihr Frühlingskleid angelegt. An Stelle der gelben harten Gräser sprossen zarte junge Halme hervor, die Baobabs, die sonst ihre mächtigen Aeste blattlos in die Lüfte recken, zeigten reiches Laub, und selbst die Akazien und Dornbüsche verhüllten ihre stachlige Aussenseite mit dichtem Grün. Von Wassermangel war keine Rede; die Bäche, die sonst als trockene Gräben nur Marschhindernisse bilden, führten das erfrischende Nass in Mengen und Niemand beachtete die Wasserbaobabs, jene natürlichen Baumcisternen, die oft in der trockenen Zeit aus den unversiegbaren Wasservorräthen ihrer Innenhöhlung dem Wanderer Labsal bieten.

Die fruchtbare Oase von Kitivo, welche die Stelle bezeichnet wo der Umba aus den Usambárabergen tritt, bot uns und unsern noch wenig geübten Leuten Gelegenheit zur Ruhe und Erholung. Inkey und ich benutzten den Ruhetag zu einem Ausflug in das prächtige Hochthal von Mlalo, das Dr. Meyer und ich 1888 entdeckt, und wo die Mitglieder der deutschen Mission uns begrüssten, die auf mein Anrathen sich dort niedergelassen hatten.

Um die Nordspitze Usambáras herum zogen wir nach Mnasi, wo mein alter Bekannter, der Häuptling von Mbaramu, mir Wegweiser durch die Steppe verschaffte. Da die Wasserverhältnisse günstige waren, beschlossen wir, den Umweg über Gonja zu vermeiden und direkt auf Kisuani loszugehen. Mehr aus alter Gewohnheit als weil es wirklich nöthig war, machten wir beim letzten Wasserplatz von Mnasi »Telekesa«, d. h. wir kochten gegen Mittag ab, alle Gefässe wurden gefüllt, das Kameel bekam eine Last voller Schläuche und, gegen die Eventualitäten einer wasserlosen Nacht gerüstet, brachen wir um 1 Uhr Nachmittags auf. Durch lichte, mit spärlichem Stachelgestrüpp bedeckte Steppen, aus der einzelne Felskuppen sich erhoben, führte die ziegelrothe Linie unseres Pfades. Die mächtigen Abfälle Usambáras entfernten sich immer mehr; im Westen tauchte die dunkle Mauer des Pare-Gebirges in der Abenddämmerung mit solcher Klarheit auf, dass man die weissen Rauchsäulen der Schmieden erkennen konnte. Gerade als die Sonne sich anschickte, hinter den Pare-Bergen zu verschwinden, entdeckte Mkamba einen kleinen Wassertümpel und wir lagerten, erfreut, umsonst Telekesa gemacht zu haben. Durch ähnliches Land zogen wir am nächsten Tage zum Kambaga-Fluss, der, in der Trockenzeit völlig wasserlos, nun reichlich fliessendes Wasser in seinem tief eingerissenen Bett führte. Vom Lager aus hatte man einen schönen Blick auf die unbewohnte Tusso-Kette mit ihren grünen Hängen und der steilen, felsigen Krone. Am 31. Januar erreichten wir nach einem starken Marsch um den Nordostvorsprung Süd-Pare's, Kisuani, jene fruchtbare, an Sorghum, Mais, Zuckerrohr und Hülsenfrüchten reiche Niederlassung. Dort hatte sich seit meinem letzten Besuch manches verändert, ein kleiner Militärposten war entstanden, dessen Besatzung, ein Swahíli-Gefreiter und vier Mann, uns unter der deutschen Flagge empfing.

Ich beschloss, in Kisuani einige Tage zu verweilen, um die Verproviantirung der Karawane für die Massai-Reise zu beginnen, denn dass im Massai-Land gegenwärtig absolut nichts zu bekommen ist, war mir zu Genüge bekannt und ich hatte keine Lust, meine Expedition den Fährnissen einer Hungerperiode auszusetzen. Die Kunst des Afrikareisens besteht ja zum sehr grossen Theil in der Lösung der Verpflegungsfrage, und die Geschichte der Forschung lehrt uns, dass die grössten Schwierigkeiten immer aus dieser entstanden. Ein voller Magen ist für den Afrikaner — und vielfach auch für den Europäer — gleichbedeutend mit Ausdauer, Muth und Unternehmungslust; ein leerer ist feige und gänzlich unbrauchbar. Von diesem Grundsatze ausgehend, sandte ich denn täglich Abtheilungen in's Gebirge, die reich beladen mit Mais wieder herabkamen. Eine Anzahl Ziegen, die wir aus dem Küstengebiet mitgebracht und die nicht mehr vom Fleck kamen, liess ich schlachten und das Fleisch zum Dörren aufhängen. Dies lockte zahlreiche Hyänen an, welche Nachts das Lager umheulten, einmal sogar eindrangen und einen Träger in die Ferse bissen. Dieser erholte sich erst nach Wochen von der Wunde und behielt von nun an den Namen »Komboa fissi« (der von der Hyäne Befreite).

Mein liebenswürdiger Reisegefährte Herr von Inkey, der bisher das Klima sehr gut vertragen und auch schon mit Erfolg gejagt hatte, wurde in Kisuani von starken Fiebern ergriffen und beschloss, in Eilmärschen nach dem Kilimanjaro aufzubrechen, von dessen Höhen-Klima er rasche Erholung hoffte. Vor seiner Abreise hatte er die Güte, mir seinen photographischen Kodak-Apparat zur Verfügung zu stellen der mir fernerhin gute Dienste erwies. Er brach am 5. Februar auf und ich blieb von nun an als einziger Europäer bei der Expedition. An demselben Tage begrüsste ich Herrn Dr. Peters, der auf der Reise nach der Küste in Kisuani durchkam. In seiner Begleitung befand sich ein Swahíli Mwalim, der von Kibongoto aus nach dem Manyara-See geschickt worden war. Er behauptete auch denselben erreicht zu haben und brachte allerlei Nachrichten über den See, die mir sehr unwahrscheinlich klangen und sich auch später als Lügen erwiesen. Der Mann hat den See zweifellos niemals erreicht und die von ihm mitgebrachten Salzproben irgendwo bei Ober-Aruscha, wo sich Salzefflorescenzen genug finden, aufgelesen.

Kisuani verlassend zogen wir zwischen den beiden Komplexen Mittel-Pares hindurch, auf welchen jetzt weit mehr Felder und Siedelungen wahrnehmbar sind, als zur Zeit meines früheren Besuches (1890), ein Umstand, der jedenfalls der Verminderung der Massai-Gefahr zu danken ist. Den niedrigen Sattel zwischen Mittel- und Nordpare überschreitend gelangten wir nach dem Westfuss dieses Gebirges, wo wir uns im Lagerplatz Pare ya Baussi mehrere Tage aufhielten. Derselbe liegt schön unter einigen schattigen Bäumen und gewährt einen prächtigen Ausblick auf den Kilimanjaro mit der schimmernden Schneespitze, deren Dom sich scharf vom tiefblauen Tropenhimmel abhebt. Der Zweck unseres Aufenthaltes war theils Beschaffung neuen Proviantes aus dem fruchtbaren Usangi-Gebirge, theils Auffindung eines Wegweisers für die Massai-Steppe. Der Proviant war leicht beschafft, bestand jedoch leider hauptsächlich aus Erbsen, die für solche Zwecke nicht sehr geeignet sind, da sie schon bei geringer Feuchtigkeit zu keimen anfangen, während Mais- und Sorghum-Vorräthe sich besser halten. Weniger leicht ging es mit dem Führer. Denn als solcher war nur ein erwachsener Massai, ein Elmóruo, denkbar. Da die in Folge der Viehseuche sehr ausgehungerten Massai zu jener Zeit vielfach an den Fuss von Nordpare kamen um gegen Esel Nahrungsmittel einzutauschen, so erschien uns der gewählte Platz als günstig.

Es dauerte denn auch gar nicht lange so brachten meine Askari einen Massai, einen hochgewachsenen, ernsten Mann von ca. 40 Jahren, der sich Elmóruo Ndaikai nannte. Ich fragte ihn, ob er den Weg zum Manyara kenne, was er bejahte, worauf ich ihm vorstellte, dass es unbedingt nothwendig sei, dass er uns dahin führe. Ndaikai war zwar über die Aussicht, einen solchen Spaziergang von 14 Tagen zu machen, nicht angenehm überrascht, die Zwangslage jedoch, in der er sich befand, sowie die Aussicht täglich reichlich zu essen zu bekommen, versöhnten ihn rasch mit seinem Schicksal. Ndaikai war für uns eine so kostbare und theure Person geworden, dass wir nicht umhin konnten ihn mit den stärksten Banden an uns zu fesseln. Diese bestanden aus einer Eisenkette, die wir dem Trefflichen um den Hals legten um ihn an einem Fluchtversuch zu hindern, welcher uns in der pfadlosen Steppe dem Verderben preisgeben konnte. Auch das nahm Ndaikai in Erkennung der Sachlage keineswegs übel und lachte nach genossener Mahlzeit behaglich den Askari an, der ihm mit scharf geladenem Gewehr Gesellschaft zu leisten pflegte. Ich will gleich vorausschicken, dass Ndaikai solche Sympathie für die Expedition fasste, dass er, als seine Ketten schon längst gelöst waren, als Hirt bei uns blieb, die ganze Reise mitmachte und schliesslich beim Scheiden buchstäblich Thränen vergoss.

Quer durch die ziemlich dürre, fast graslose Nyika zogen wir auf breitem Massaipfad am Baumannhügel vorbei zu der Ruvu-Furth, wo der Fluss durch eine Insel in zwei Arme getheilt und leicht durchwatbar ist und erreichten am 16. Februar die fruchtbare, bananenreiche Oase Aruscha. An diesem wichtigen Karawanenplatz befindet sich eine deutsche Station, die seit Jahren das Schicksal hat, abwechselnd errichtet und aufgelassen, dann wieder errichtet und wieder aufgelassen zu werden. Gegenwärtig war gerade das letztere der Fall und ich bezog das einsame Stationsgebäude, in dem 1890, bei meinem letzten Besuch, reges Leben herrschte. Bald kam der Häuptling Shengele mit einem Geschenk an Ziegen, wofür ich ihm ausser dem üblichen Baumwollzeug noch einige Citronenkerne gab mit der Weisung diesen nützlichen Baum in Aruscha anzupflanzen.

TAFEL III

Manyara-See und der Simangori-Berg.

Ausser meiner Karawane lagerte noch die des Swahíli Munyi Hatibu aus Tanga in Aruscha, die ebenfalls dem Massailande zustrebte und mit deren erfahrenen Leitern ich die Aussichten unserer Unternehmungen besprach. Stand doch die Expedition in Aruscha an einem Wendepunkt. Die Gegend zwischen der Küste und dem Kilimanjaro war mir von früher her genau bekannt und ist schon zum beliebten Tummelplatz für Sportsmen und Globetrotter geworden. Von nun an sollte die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Denn das Litemagebirge, das ich 1890 erstiegen, und das sich westlich von Aruscha erhebt, bezeichnete so ziemlich die Grenze unserer Kenntniss. Was dahinter lag war auf hunderte von Meilen unbekannt, unerforscht — ein weisser Fleck auf der Karte.

Lagerscene.

[[←]] II. KAPITEL.
Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.

Die östliche Massai-Steppe. — Umbugwe. — Der Manyara-See. — Das Mutyek-Plateau. — Ngorongoro. — Der Eyassi-See. — Serengeti. — Ikoma. — Katoto.

Die Erkundigungen, welche ich bei vielgereisten Karawanenführern eingezogen, hatten mir die Ueberzeugung verschafft, dass ich, in Luftlinie von Aruscha zum Victoria-Nyansa haltend, mindestens 40 Tagereisen ohne Nahrung zurückzulegen habe. Dieser Umstand erschien mir stets als die grösste Schwierigkeit meiner Aufgabe. Während von anderer Seite die Massai-Gefahr als nahezu unüberwindliches Hinderniss für diese Route angesehen wurde, hielt ich diese für vollkommen unerheblich. Denn Swahíli-Karawanen und in neuerer Zeit auch Europäer durchziehen besonders in der englischen Interessen-Sphäre Jahr aus Jahr ein das Massai-Land, ohne dass die Massai — die eben nur Viehräuber sind — ihnen irgend welche ernste Schwierigkeiten bereiten. Dass sie selbst im schlimmsten Fall nichts weniger als unüberwindliche Gegner sind, ist auch schon oft bewiesen, und gerade jetzt, wo die Viehseuche sie dem Hungertode nahe brachte, erschienen mir alle Befürchtungen als einfach lächerlich. Die Karawane für 40 Tage zu verproviantiren, war jedoch nahezu unmöglich, und ich beschloss, einen Umweg nicht zu scheuen, um unterwegs einen bewohnten und Proviant liefernden Platz anzulaufen. Deren gab es nur zwei, im Norden Ober-Aruscha, im Süden Umbugwe. Ober-Aruscha war und ist Europäern stets feindlich gesinnt, ich konnte fast sicher darauf rechnen, dort angegriffen zu werden, wobei noch die Möglichkeit der Proviantbeschaffung zweifelhaft wurde. Von Umbugwe war nur bekannt, dass dort eine Swahíli-Karawane einmal niedergemacht worden und das Land seither sorgfältig gemieden wird. Auf beiden Routen sah ich mich also der Wahrscheinlichkeit eines Kampfes gegenüber, ich zögerte nicht, jene zu wählen, welche geographisch interessanter war: die über Umbugwe.

Nachdem ich derart über den einzuschlagenden Weg mir klar geworden, setzte ich am 17. Februar über den Ronga und brach am nächsten Tage in südwestlicher Richtung auf. Durch leicht ansteigendes Land mit Baobabs und hohen Schirmakazien zogen wir, zahlreiche tief einschneidende Wasserrisse überschreitend, längs der Ausläufer der Litemaberge nach Njoronyór (Sickerwasser), einer dem Berghang entströmenden Quelle, an welcher hohe Tamarinden und Baumeuphorbien gedeihen. Früher war dies eine beliebte Viehtränke der Massai, jetzt war kein Mensch zu sehen, nur ein abgemagertes, halb blödsinniges Massai-Weib wankte mit stierem Blick durch das Lager, die Ueberreste der Trägermahlzeiten sammelnd. Es war dies die erste jener schrecklichen Hungergestalten, die wir nun täglich im Massailande sehen sollten, und die, vom Honig der Waldbienen und von wilden Früchten lebend, einem sichern Tode entgegen gehen.

Am Morgen des 19. Februar erstiegen wir leicht die Höhe der Litema-Ausläufer, die sich jenseits sanft zur weiten Massai-Steppe abdachten. Ein offenes Grasland mit spärlichen Stachelbüschen öffnete sich unsern Blicken, aus dem in der Ferne, gleich Inseln, die felsigen Kuppen einzelner Berge auftauchten. Jede Spur eines Weges endete, und durch die charakteristischen Hügel als Landmarken geleitet, verfolgte unser kundiger Wegweiser Ndaikai durch dick und dünn seinen Pfad. Doch gab es wenig Hindernisse, nur ein kleines Kriechgewächs (Mbigiri) verursachte durch seine scharfen Kapselfrüchte den Leuten Schwierigkeit. Wir begegneten einem wandernden Trupp Massai, Krieger, Elmóruo und Weiber, alle ausgehungert und elend, mit Eseln, auf welchen Töpfe und allerlei Hauskram aufgethürmt war, mit einigen Ziegen und Schafen.

Abends erreichten wir nach mühsamem Marsche den Benne-Berg, dessen felsigen Klüften ein Rinnsal entströmt, in dem die Massai Tränketümpel abgedämmt haben. Dort fanden wir zwei Massaikinder, die, von ihrem Stamm verlassen, dem Hungertode nahe waren. Das eine von ihnen, ein Knabe, hatte merkwürdigerweise blaue Augen und blondes Haar, was sich zu seinem braunen Gesicht ganz sonderbar ausnahm. Gelabt schlossen sich beide der Karawane an und blieben von da ab unsere Kostgänger.

Zwischen Benne-Berg und Sogonoi dehnt sich eine fruchtbarere Mulde mit saftigerem Gras und reichem Baumwuchs aus, nach deren Durchschreitung wir wieder in die Steppe gelangten. Schon Vormittags trafen wir auf den Felsblock El Muti, in welchem sich ständige Wassertümpel finden, und lagerten unter einem hohen Baobab mit prächtigem Blick auf die felsigen Hänge des Sogonoi-Berges. Der 21. Februar brachte uns durch dornige, fast graslose Nyika zum Donyo-Lukutu, einem felsigen Bergkegel, an dessen Fuss ein kleines Gewässer klare, ständige Tümpel bildet. Wir fanden bei diesen einige Massai-Krieger mit ihren Nditos (junge Mädchen), welche sich Laubhütten erbaut und Ziegen geschlachtet hatten. Sie kamen von einem benachbarten Kraal und sahen ziemlich wohlgenährt aus. Einer der jungen Leute erklärte, sich uns anschliessen zu wollen, da er kein Massai, sondern ein geraubter Mnyamwesi sei, und keine Lust mehr habe, den Massai zu spielen. Da er auch im Typus von seinen Gefährten abwich, und diese die Richtigkeit seiner Angaben anerkannten, wurde er wirklich in die Karawane aufgenommen. Die Träger rasirten seine Frisur ab, wuschen ihn und gaben ihm einen Lendenschurz. Obwohl er fast gar kein Kinyamwesi mehr, sondern nur Massai sprach, lernte er doch unglaublich rasch Kiswahíli und wurde uns als »Mabruki Massai« noch recht nützlich.

Abends erstieg ich eine Felskuppe unweit des Berges, von der man einen weiten Ausblick auf die Steppe genoss, mit ihrem unendlichen Gefolge von dunklen Schirmakazien und lichten Grasflecken mit den scharfen Profilen der Kuppen, die daraus hervorragen, mit dem schneegekrönten Kilimanjaro und der dunklen Pyramide des Meruberges als grossartigen Hintergrund.

Bei der bisherigen Wanderung durch die Steppe war mir besonders der fast völlige Mangel an Wild aufgefallen. Im Jahre 1890 sah ich am Pangani und in der Umgebung von Aruscha ungeheure Heerden, allerdings in der trockenen Zeit, wo die Thiere sich in der Nähe der Wasserläufe aufhalten. Trotzdem zeigt die starke Abnahme hier die furchtbare Wirkung der Viehseuche, welche nicht nur Rinder, sondern auch Büffel, Gnus und Antilopen befiel und von allen Thieren nur Nashorn und Elephanten verschonte. Westwärts von Donyo Lukutu sah ich zum ersten Mal grössere Wildmengen, Antilopen und Zebras, auch eine Heerde Giraffen tauchte auf. Dort gab es noch Vertreter des Jägervolkes der Wandorobo, die sich meist scheu verbergen und nur selten mit Bogen und vergifteten Pfeilen aus dem Busch treten.

Das Land ist hier leicht gewellt, zwischen den grösseren Schwellungen liegen Mulden, die in der herrschenden Regenzeit Lachen oder dicken schwarzen Koth enthielten der besonders den Eseln das Durchkommen erschwerte. Täglich fielen von Mittag ab schwere Regengüsse herab, auch merkte man, dass wir unmerklich höhere Plateautheile erstiegen, denn es wurde oft empfindlich kalt. Vor uns tauchte die breite Bergmasse des Donyo Kissale auf; je mehr wir uns demselben näherten, desto welliger wurde das Land, das zahlreiche tiefe Wasserrisse durchzogen. Die Vegetation wurde reicher, an den Kuppen sah man saftigeres Gras und einzelne Laubbäume.

Am 26. Februar lagerten wir bei einem Bach am Donyo Kissale. Auch dort befanden sich ehemals zahlreiche Massai-Kraale, deren Spuren noch sichtbar waren. Wir sahen anfangs keinen Menschen, und erst Nachmittags fanden die herumstreifenden Träger einen sterbenden Elmoran, der verzweifelt mit den Händen nach Waldhonig wühlte. Er wurde gelabt und konnte erzählen, dass er sich auf einem — Raubzug befand, doch seien seine Gefährten schon sämmtlich verhungert. Natürlich blieb auch dieser Massai Gast der Karawane und hat die ganze Reise mitgemacht.

Westlich vom Donyo Kissale dehnt sich eine gänzlich pfadlose, durch Dorngestrüpp und sumpfige Wiesen schwer passirbare Wildniss aus. Wild gab es hier massenhaft und nicht selten hörte man beim Vortrab Schüsse: ein Nashorn hatte sich in blinder Wuth auf die Karawane gestürzt. Eine dieser Bestien konnte ich durch einen Blattschuss aus dem österreichischen Repetir-Karabiner erlegen.

Der Wassermangel, den wir gefürchtet, trat allerdings nirgends ein, im Gegentheil, wir wateten fast fortwährend im Sumpf, doch hatten wir nur schlechtes, fauliges Wasser zum Trinken, so dass die Fälle von Ruhr sich mehrten und ein Mann derselben erlag. Der erste Todesfall in der Karawane macht stets tiefen Eindruck, der ganze Ernst des Unternehmens tritt den Leuten klar vor die Augen, wenn mitten in der Wildniss der erste Todte in sein einsames Grab gesenkt wird.

Ich selbst, der ich es anfangs unterlassen hatte mein Trinkwasser abzukochen, hatte einen Ruhranfall, der sofort nachliess, als ich gekochtes Wasser trank. Ich führte es von da ab strenge durch, mir stets Trinkwasser für mehrere Tage im Voraus abkochen zu lassen und in einem filzumzogenen Fass mitzuführen.

Am 1. März lichtete sich der Busch, die Sümpfe endeten und wir betraten ein offenes Parkland. Spärlich begraste Wiesen bedeckten einen sandigen Boden: an den trockenen Wasserrinnen standen ungeheure Baobabs, umgeben von Akazien. Stellenweise erhob sich eine schlanke Borassus-Palme; im Westen tauchte ein dunkler Bergwall auf, in dem ich den Abfall der zweiten Plateaustufe, den Westrand des ostafrikanischen Grabens vermuthete.

Als wir in einem schönen Hain gelagert waren, machte uns Ndaikai die Mittheilung, dass wir morgen »Ol Mangati Ltoroto«, das Kriegsland Umbugwe, erreichen würden. Mzimba hielt eine Rede an die Träger, in der er sie zu Vorsicht und friedlicher Haltung ermahnte, vertheilte dann Munition und am nächsten Morgen zogen wir dem »Kriegslande« zu. Ndaikai hatte richtig wahrgesagt, nach wenigen Stunden erreichten wir einen Fusspfad — den ersten seit Aruscha — und begegneten bald darauf einem Weibe, das entsetzt ein Bündel Feuerholz wegwarf und spornstreichs in den Busch lief. Wir durchzogen hierauf einen Gürtel von Sorghum-Feldern und betraten bald darauf das Dorfgebiet von Umbugwe.

Vor unseren Blicken dehnte sich eine weite tischflache Ebene aus, auf welcher die viereckigen, kaum meterhohen Lehmbauten (Tembe, siehe Kopfleiste des Kapitels) der Eingeborenen, gleich Schachteln, verstreut waren. Dazwischen weideten grosse Heerden von Rindern, Eseln und Kleinvieh und den Hintergrund bildete der Steilabfall des Plateaus. Die Nachricht vom Anlangen einer Karawane hatte sich schon im Lande verbreitet; schlanke, wohlgebaute Krieger, mit Schild und zwei Wurfspeeren, kamen von allen Seiten an, und bald waren wir von einer dichten Menschenmenge begleitet. Kurz vor Betreten des Tembe-Gebietes wurden wir aufgehalten, da die Krieger, wie es hiess, erst den Geistern opfern wollten. Dazu brauchten sie vor allem Glasperlen, die wir ihnen des lieben Friedens halber gaben, dann schlachteten sie ein Schaf und bespritzten uns mit dem Mageninhalt, damit das Erscheinen des ersten Weissen dem Lande Glück bringe. Obwohl sie noch nie einen Europäer gesehen, schenkten sie mir doch keine besondere Aufmerksamkeit, hauptsächlich deshalb, weil mir ein allzugrosser Konkurrent für ihre Schaulust zur Seite stand: das Kameel, das unter Mohammeds Führung gravitätisch hinter der Karawane einherschritt.

Wir schlugen unser Lager beim Tembe des Häuptlings Mtakayko auf. Da wir in der völlig offenen Gegend natürlich keinen Dornzaun errichten konnten, so waren wir fortwährend von zahlreichen Kriegern umdrängt, die immer lauter ihren Wunsch nach »Mahongo« (Wegzoll) kundgaben. Ich liess ihnen mittheilen, dass ich ihnen Lebensmittel gern abkaufen wolle, versprach ihnen auch ein Geschenk, erklärte jedoch, dass ich dem Zwang eines Wegzolles (Mahongo) nicht Folge leisten würde. Sie schienen damit auch zufrieden, es kam sogar der Häuptling Mtakayko in schwer betrunkenem Zustande und erhielt ein kleines Geschenk, worauf die Weiber massenhaft Mehl und andere Nahrungsmittel brachten und zu sehr billigen Preisen verkauften. Schon hoffte ich, meine Absicht, mich in Umbugwe zu verproviantiren, in Frieden durchführen zu können.

Die Eingeborenen drängten sich inzwischen an meine Leute heran, brachten ihnen Pombe (Bier) und luden sie ein, mit ihnen in ihre Temben zu kommen. Obwohl ich streng verboten hatte das Lager zu verlassen, liessen sich doch einige Leute verleiten, mit den Wambugwe zu gehen und sogar die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich liess dieselben am nächsten Morgen aufs Empfindlichste züchtigen und hoffte dadurch dem Herumstreifen der Träger ein Ziel gesetzt zu haben.

Junger Mann aus Umbugwe.

Am Morgen des 3. März kamen zahlreiche Weiber mit Proviant und es entspann sich ein lebhafter Handel. Einige Pangani-Leute, welche der seiner Zeit in Umbugwe zersprengten Karawane angehört hatten und fast gänzlich zu Wambugwe geworden waren, erschienen ebenfalls im Lager. So verlogen sie auch der lange Umgang mit den Eingeborenen gemacht hatte, so merkte man doch aus ihren Reden, dass nicht alles richtig sei. Thatsächlich wurde das Benehmen der Krieger immer erregter, die Askari konnten sie kaum vom Eindringen in unser Lager abhalten und mehrfache Prügeleien zwischen diesen und jungen Kriegern fanden statt.

Ich selbst litt an jenem Tage am Fieber und sass im Schatten des Tembe, als mir gegen 3 Uhr Nachmittags gemeldet wurde, dass sämmtliche Weiber plötzlich das Lager verlassen hätten und die Krieger sich um dasselbe schaarten. Einem der verwilderten Pangani-Leute, der eben spornstreichs davon lief, rief ich noch die Frage nach: was es gebe? Er antwortete: »die Wambugwe wollen Krieg!« und enteilte schleunigst.

Ich liess meine Mannschaft das beherrschende flache Dach des Tembe besetzen und blickte auf die zahlreichen braunen Gestalten, die wie in einem Ameisenhaufen, etwa hundert Schritte vom Tembe, durcheinanderliefen, wild schrieen, mit den Waffen drohten, und von Anführern offenbar zu einem Angriff geordnet wurden. Ich hielt es für unbedingt nothwendig, diesem zuvor zu kommen, liess daher meine Leute an den vier Seiten des Tembe antreten und hatte eben zum Laden befehligt, als einige Lagerälteste mit dem Ausdruck des Entsetzens auf mich zustürzten und mich beschworen, nicht zu schiessen, da einige ihrer Lagergenossen trotz des strengen Verbots zu Wambugwe-»Freunden« gegangen seien. In solchen Lagen ist rascher Entschluss nothwendig. Ich erwog daher, dass die verblendeten Leute unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht gar nicht mehr am Leben seien und dass ein energischer Angriff der Wambugwe das Schicksal der Expedition möglicherweise gefährden, ein Zuwarten den Abwesenden aber doch nichts mehr helfen könnte. Ich befahl daher den Leuten, in die Eintheilung zu gehen und liess nach allen Seiten Salven auf die Kriegerschaar abgeben. Dieselben gingen zwar bei der noch geringen Uebung meiner Leute etwas zu hoch, doch fielen immerhin einige Gegner und die Wirkung war eine vollständige. Mit Windeseile liefen die eben noch so stolzen Krieger radienförmig nach allen Weltgegenden davon. Einige standhaftere Abtheilungen liess ich durch Schützen verjagen und begann dann sofort das Dorfgebiet nach den abwesenden Trägern zu durchsuchen. Eine Anzahl derselben fanden wir noch durch ein Wunder unverletzt; einer wurde mit schwerer Stichwunde im Unterleib aufgefunden und hauchte bald seinen Geist aus, acht Mann waren »vermisst«, d. h. in diesem Falle todt. Eine grosse Rinderheerde, die in der Nähe des Tembe weidete und eine andere, die sich im Tembe befand, wurden erbeutet, dazu noch zahlloses Kleinvieh und Esel.

Am Abend liess ich die Posten auf acht verstärken und auf das Tembedach aufstellen. Den Dienst hatte der Swahíli-Gefreite Hailala, doch ging auch der Sudanese Bahid mit ihm, die Posten zu visitiren und kam mir zu melden, dass sie richtig aufgestellt seien. Ich sehe den langen kohlschwarzen Dinka-Neger heute noch vor mir, wie er im Scheine des Lagerfeuers in strammer Haltung die Meldung machte. Konnte ich doch damals nicht ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal lebend gesehen! In der Nacht kam er nämlich auf den unsinnigen Gedanken, sich mit vier anderen dienstfreien Sudanesen aus dem Lager zu schleichen, offenbar um in den Temben der Wambugwe nach Pombe (Bier) zu suchen. Ein nächtlich in der Ferne abgegebener Schuss wurde von den Posten im Lager vernommen, die Abwesenheit der 5 Soldaten wurde konstatirt, eine Magnesiumfackel als Zeichen angezündet, Raketen stiegen auf, Trommel und Horn mussten ohne Unterlass ertönen. Aber Niemand kam.

Ich konnte nicht daran denken, vor Tagesanbruch Patrouillen zu entsenden, so bald jedoch die erste Dämmerung sich wahrnehmbar machte, übergab ich den Befehl über das Lager an Mzimba und zog bei feinem Regen durch die Ebene. Wir durchsuchten die zerstreuten Temben, was keine ganz ungefährliche Aufgabe war, da in dem stockfinsteren, von Verschlägen und Vorrathskörben erfüllten Innern leicht ein Gegner verborgen sein konnte. Es war begreiflich, dass die Askari unter diesen Umständen bei dem leisesten Geräusch Feuer gaben, wobei leider ein armes Weib erschossen wurde. Um Aehnliches zu verhüten, schlugen wir dann Löcher in das flache Dach der Temben, durch welche Licht eindrang, die Gefahr des Durchsuchens gemindert wurde, und wir einige Männer und Weiber antrafen und zu Gefangenen machten. In einem Tembe fanden wir ein Seitengewehr und einen blutigen, einem Sudanesen gehörigen Rock, in einem anderen einen mit frischem Blut gefüllten Topf. Diese Funde machten fast jede Hoffnung schwinden, dass die vermissten Sudanesen noch am Leben seien. Von ihren Leichen fanden wir jedoch keine Spur und begannen schon anzunehmen, dass die Wambugwe sie — wie ihre eigenen Todten vom vorigen Tage — fortgeräumt hatten, als wir auf Gruppen von Aasgeiern und Marabus aufmerksam wurden, welche mehrere von einander entfernte Punkte in der Ebene umkreisten. An diesen fanden wir die nackten, von Speerstichen zerfleischten, von den Geiern zerrissenen Leichen der fünf Soldaten. Alle waren im Rausch und offenbar ohne Gegenwehr erstochen worden; nur ein einziger, Mohammed Adam, ein herkulischer Bornu-Neger, hatte sein Leben theuer verkauft. Einen Gegner schoss er nieder — sein Schuss hatte uns bei Nacht alarmirt — einen zweiten erschlug er durch einen Kolbenhieb, bevor ihn der tödtliche Speer erreichte. Neben ihm lag, ebenfalls von Speeren durchbohrt, sein Hund, Pesa, ein räudiger afrikanischer Köter, für welchen der Mann eine kindische und oft bespöttelte Zärtlichkeit hatte — er war seinem Herrn in den Tod gefolgt.

Rasch senkten wir die Gefallenen in eine Grube und wandten unsere Schritte in trüben Gedanken dem Lager zu. Wohl hatten wir einen leichten Sieg über einen Volksstamm erkämpft, der bisher der Schrecken aller Gegner — die Massai nicht ausgenommen — gewesen war. Aber 14 unserer Leute waren erlegen, nicht sowohl den Speeren der Gegner als ihrer eigenen, wahnsinnigen Verblendung. So sehr dieser Verlust mir damals nahe ging, so ist es doch unbestreitbar, dass derselbe auf den Fortgang der Expedition von gutem Einfluss war. Denn nichts vermochte den Geist der Disziplin, die Ueberzeugung nur im blinden Gehorsam ihr Heil zu suchen, bei der Mannschaft so zu stärken, als die blutige Katastrophe in Umbugwe.

TAFEL IV

WAMBUGWE

Mzimba hatte die kleinen Temben in der Umgebung des Lagers zerstören lassen, um freies Schussfeld zu bekommen, und die zahlreichen grossen und kleinen Zelte auf dem flachen Dach, mit den Gruppen bewaffneter Leute und der mächtigen Rinderheerde im Vordergrunde, boten einen abenteuerlichen Anblick. Eine Schaar Wambugwe-Krieger, die sich mit Kriegsgeschrei näherten, hatte Mzimba durch langsames, aber wohlgezieltes Feuer verjagt, selbst eine grosse Zahl älterer Leute, die vom Dach eines Tembe etwa 1000 Schritte Entfernung — also nach ihrer Ansicht ausser Schussbereich — das Lager betrachteten, wurden durch eine Kugel auseinander gesprengt.

Plötzlich zeigte sich am Rande der Ebene ein weiss gekleideter Mensch der ein Tuch schwang. Mzimba vermuthete sofort einen Swahíli, winkte auch seinerseits mit einem Tuch und der Mann kam ins Lager. Er entpuppte sich als der Elephantenjäger Mbaruk aus Pangani — meist Magati genannt — der südlich von Umbugwe gejagt hatte und auf den Lärm des Gefechts herbeikam. Die Wambugwe baten ihn dringend zu uns zu gehen um den Frieden zu vermitteln. Als Mbaruk zu ihnen kam, wollten die Wambugwe den Kampf erst fortsetzen, doch übte die in die Reihen ihrer Aeltesten auf so grosse Entfernung einschlagende Kugel, die einen angesehenen Mann traf, entscheidende Wirkung. Ich theilte Mbaruk, den ich im Lager fand, mit, dass ich gerne mit den Wambugwe Frieden schliessen wolle, falls die Gewehre der gefallenen Leute ausgeliefert und keinerlei Feindseligkeiten ihrerseits mehr unternommen, vor Allem kein Versuch gemacht würde uns die erbeutete Rinderheerde abzujagen. Mbaruk kehrte zu den Wambugwe zurück, die eine grosse Volksversammlung abhielten, während meine Leute an den ungeheuren Vorräthen sich gütlich thaten. Durch die 250 erbeuteten Rinder, waren wir jeder Sorge um den Proviant enthoben und war die Erreichung des Victoria-Nyansa für mich nicht mehr zweifelhaft.

Am Morgen des 5. März kam Mbaruk mit einigen anderen Makua (Elephantenjägern) und zwei zitternden Greisen als Abgesandten der Wambugwe. Dieselben brachten mir Grasbüschel als Friedenszeichen, stellten 10 der Gewehre zurück und behaupteten die anderen nicht mehr finden zu können. Ich erklärte mich damit zufrieden und übergab ihnen die Gefangenen bis auf zwei Männer, die ich als Wegweiser benöthigte. Die Makua waren hocherfreut über die Niederlage der Wambugwe, die sie stets durch Erpressungen und Räubereien gequält hatten, was jetzt ihrer Ueberzeugung nach, ein Ende hatte.

Am 6. März erschienen nochmals Wambugwe mit Friedensversicherungen, die ich beschenkte, ihnen auftrug, fernerhin Karawanen nicht mehr zu belästigen und ihnen versprach, das Land in Jahresfrist wieder zu besuchen. Dann brachen wir gegen Mittag mit grösster Vorsicht auf, da es mir doch undenkbar schien, dass die Wambugwe keinen Versuch machen würden uns die Heerde abzujagen. Wir nahmen den Tross, die Rinder und Packesel diesmal in die Mitte, zu beiden Seiten der Marschkolonne liess ich als Flankendeckung kleine Askari-Abtheilungen marschiren, welche die Temben nach etwa versteckten Gegnern absuchten. Ebenso wurde dem Vortrab die grösste Vorsicht eingeschärft. Doch es ereignete sich nichts, nur in der Ferne sahen wir die dunklen Gestalten der Eingeborenen umherlaufen. Unbehindert überschritten wir den Moburu-Bach und erreichten das Ufer des Kwou.

Dieser Fluss war so angeschwollen, dass die den Elephantenjägern bekannte Furth nicht passirbar war, der gefangene Mbugwe gab jedoch an, eine andere zu kennen. Am Morgen des 7. März führte er uns auch an eine buschbedeckte Uferstelle, welche ich erst durchsuchen liess bevor wir an den Fluss vorrückten. Ich liess sofort das jenseitige Ufer von Askari besetzen und der Übergang begann, bei dem das Wasser den Leuten bis an die Brust ging. Erst gegen Mittag war die ganze Karawane mit Esel und Rinder drüben und wir bezogen einige hundert Schritte weiter in dichtem, von Moskitos wimmelndem Gestrüpp, das Lager. Wie nothwendig die Vorsichtsmaassregeln gewesen waren, zeigte der Umstand, dass, sobald wir das Ufer verlassen, am jenseitigen grosse Mengen bewaffneter Wambugwe-Krieger auftauchten, die sich anschickten den Fluss zu überschreiten. Einige Wachtposten jedoch, die ich im Uferschilf verborgen zurückgelassen hatte, verjagten sie leicht, durch mehrere Schüsse.

Durch die Ereignisse in Umbugwe hatte die Expedition den Zuwachs einer Rinderheerde bekommen, die nun, fast während des ganzen weiteren Verlaufs der Reise, einen Bestandtheil derselben bildete. Unsere Massai, von Ndaikai bis zum kleinen blondköpfigen Lalagiréh waren darüber ganz glücklich, lagen stundenlang an den Eutern und sogen die lange entbehrte Milch. Beim Marsch pflegte Ndaikai, dessen Führerpflichten jetzt erledigt waren, mit einer Kalebasse vorauszugehen und durch Klopfen auf dieser, sowie durch scharfes Pfeifen die Leitrinder zu locken. Die Heerde selbst wurde von den übrigen Massai, deren Zahl sich später vermehrte, sowie durch Askari getrieben, lief vortrefflich und machte uns weit weniger Mühe als die Esel. Abends bekamen Rinder und Esel einen abgegrenzten Raum in der Einzäunung. Ihr Schnauben und Stampfen war Nachts zwar manchmal störend, doch reichlich entschädigte mich dafür der Genuss von frischem Rindfleisch, von Milch und Butter, die jetzt in der Karawane niemals ausgingen. Für die Bedürfnisse der Mannschaften wurden täglich vier Rinder geschlachtet.

Durch hochbegrastes, pfadloses Land ging es am 8. März nordwärts zwischen dem versumpften, von Borassuspalmen gesäumten Kwou und dem Abfall des Gebirges, dessen Saum lichter Wald bedeckte. Nach wenigen Stunden erreichten wir das Südende des Manyara-Sees, den wir von Umbugwe aus undeutlich wahrgenommen und der nun als weite, glänzende Fläche vor uns lag. Der See ist ein Salzsee, weisse Krusten bedecken die lehmigen Ufer, doch zeigen Schneckenschalen und ungeheure Schwärme von Flamingos und Silberreiher an, dass er reiches thierisches Leben enthält. Längs des Westufers, dem wir entlang wanderten, zieht sich ein flacher sandiger Wiesenstreifen, worauf dichte Wald- und Unterholz-Vegetation bis zum nahen Fuss des Abfalls reicht, der theils bewaldet, theils hoch begrast ist. Mehrere klare Bäche entströmen den Bergen und münden in den See. Am 10. März kamen wir an einer heissen, stark nach Schwefel riechenden Quelle vorbei, die zwischen Schilf entspringt und sich in den See ergiesst. Das jenseitige Ufer des Manyara ist flach und wüstenhaft, im Nordosten ragt der langgestreckte Simangor-Berg auf, im Norden sieht man den abgestutzten Kegel des Geleï und in der Ferne den Dongo-Ngai.

Am 11. März erreichten wir das Nordende des Manyara, dessen Strand mit Treibholz, Vogelknochen, Schneckenschalen, sowie von einer dichten schlammigen grau-weissen Salzablagerung bedeckt ist. Der See selbst erscheint stellenweise wie gefroren durch die glänzenden Salzschichten die auf den Sandbänken aufliegen. Wir lagerten unter schönen Akazien am Fusse des hier kaum 100 m hohen Abfalles in anscheinend völlig menschenleerer Wildniss.

Am 12. März hatten wir eben unser Lager verlassen und waren in die offene Steppe gezogen, als plötzlich aus dem Walde hinter uns einige hundert Krieger mit blitzenden Speeren hervorbrachen, die mit wildem Geschrei auf uns zurannten. Wir hielten sie zuerst für Wambugwe die gekommen waren, uns einen Abschiedsbesuch abzustatten und feuerten auf sie, anscheinend ohne Jemand zu treffen, worauf sie schleunigst kehrt machten und eiligst gegen Süden davonliefen. Erst dann erkannten wir aus dem Kriegsschmuck, dass es gar keine Wambugwe, sondern Massai waren, die es offenbar auf unsere Rinderheerde abgesehen hatten, jedoch auf so warmen Empfang nicht gefasst waren. Es ist ja sicher, dass der Anblick so vieler Rinder auf die ausgehungerten Massai so wirken musste wie auf einen Verschmachtenden der einer dampfenden Schüssel, und wir konnten daher darauf rechnen, den Besitz unserer Heerde nicht ruhig geniessen zu können. Nach landläufigen Swahíli-Begriffen galt es überhaupt als unerhörtes Wagniss, mit einer Rinderheerde das Massailand zu passieren, da diese die Begierde der Viehräuber aufs Höchste anreizen musste.

Wir überschritten zwei ansehnliche, dem Manyara zufliessende Bäche, und zogen in der Senkung zwischen dem Plateauabfall und Simangor-Berg durch staubige, fast vegetationslose Nyika nordwärts. Zahlreiches Wild, Strausse, Antilopen und besonders viele Nashorne tummelten sich in der Ebene, letztere waren durch Schwärme kleiner weisser Vögel erkennbar, die über ihrem breiten Rücken flatterten. Der Plateauabfall wird hier sehr steil und sein Obertheil ist von schroffen Felswänden gebildet, in welche die Wasserrisse einschneiden. Bei der Ausmündung eines derselben liegt an klarem Bache unter schönen Bäumen der Marago (Lagerplatz) Leïlelei, der von Massai und Karawanen benutzt wird. Hier trafen wir mit der Route zusammen, die von Ober-Aruscha kommend nach Elmarau führt und früher ziemlich oft von Karawanen begangen worden ist. In neuerer Zeit geschah dies seltener, da die Massai von Mutyek und Serengeti als besonders bösartig galten. Dennoch hatte wenige Wochen vor uns ein Swahíli (Munyijumah Kitubui) aus Tanga den Weg von Elmarau über Leïlelei—Ober-Aruscha nach der Küste mit nur 50 Mann zurückgelegt, was gewiss beweist, dass die Gefahr der Massai-Route keine nennenswerthe ist. Ein bedenklicher Umstand waren freilich unsere Rinder, und der Dolmetsch Kiburdangop, der den Weg aus Erfahrung kannte, schien in Hinblick auf diese keineswegs siegesgewiss.

Der 13. März war dem mühsamen Anstieg auf das Plateau gewidmet. Ueber den mit mächtigen Basalt-Klötzen bestreuten Hang führt ein schmaler Viehpfad der Massai, auf dem die Leute ganz gut, sehr schwer aber die Esel und das Rindvieh fortkamen, sodass wir nach langen Mühen erst gegen Abend die prächtige Plateauhöhe erreichten. Dort entschädigte uns ein herrlicher Blick auf den glänzenden Manyara-See, der hier in seiner ganzen Ausdehnung mit dem steilen Westufer und dem fernen Ufiomi-Berge im Süden sichtbar ist, und mit dessen Entdeckung eine der Aufgaben der Massai-Expedition gelöst war.

Eine prächtige, kühle Luft erfrischte uns auf der Höhe, klare Bäche rauschten zwischen den zart begrasten Hängen: im Norden tauchten dunkle, waldbedeckte Höhen auf. Am nächsten Morgen machten wir nur einen kurzen Marsch und lagerten am Lmorro-Bach, wo wir uns einen Tag aufhielten um die Lasten theilweise umzupacken. Der Verlust an Mannschaft in Umbugwe machte sich fühlbar, auch hatten unsere Packesel durch den Stich der Ndorobo-Fliege gelitten. Dieses Insekt hält sich an Wasserläufen auf und wird Eseln dadurch gefährlich, dass es dieselben in den After sticht, was Schwellungen und den Tod herbeiführt. Unsere Rinderheerde erforderte dringend neue Kräfte als Treiber und unsere Lasten hatten nicht wesentlich abgenommen.

Um sie zu verringern wurden die Zeuglasten etwas schwerer gemacht und einzelnes Zeug als Vorschuss an die Leute abgegeben. Dennoch war noch zuviel da und ich kam zu dem Beschluss, Lasten fortzuwerfen, da sonst die Reise verzögert und der Erfolg in Frage gestellt worden wäre. Wir machten also eine Grube und versenkten darin Glasperlen, Messingdraht, allerlei Spieldosen und anderen Flitterkram, von dem es gut ist wenn man ihn in Afrika hat, und eben so gut, wenn man ihn nicht hat. Dann schütteten wir die Grube zu und zündeten nach dem Rezept Kiburdangops ein Feuer darauf an, dessen Asche den Platz selbst nach Jahren noch erkenntlich macht.

Nun hatten wir unsere gewohnte Beweglichkeit wieder und es blieb übrig die gefallenen 5 Askari aus den Reihen der Träger zu ergänzen. Schon längst hatte ich für solchen Fall Leute angemerkt, die mir durch besondere Tüchtigkeit aufgefallen waren, darunter einen Namens Bakari Juku, der besonderer Erwähnung verdient. Er war ein echter Digo, der nur mangelhaft Swahíli sprach, ein untersetzter Bursche von ungewöhnlicher Körperkraft. Zwischen seinen breiten Schultern sass, fast ohne Hals, ein dicker kohlschwarzer Kopf, dessen Gesicht bedenkliche Aehnlichkeit mit einer Flusspferd-Physiognomie besass. Aus diesem Antlitz, das durch zahllose Pockennarben keineswegs verschönt wurde, blickten ein paar so kühn unternehmende Augen, dass sie unwillkürlich für den Burschen einnahmen. Er hat sich denn auch als Askari glänzend bewährt: wo es einen Sturm oder sonst ein tolles Unternehmen gab, war Juku immer Allen voran. Dabei war er von unermüdlicher Arbeitskraft, hat er doch einmal, als Noth an Mann war, zwei Lasten auf dem Kopf und einen kranken Kameraden auf dem Rücken, stundenweit getragen!

Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau.

Die neuen Askari wurden also eingekleidet und am 16. März der Marsch über das Plateau fortgesetzt. Sehr unangenehm war für uns der Mangel eines Wegweisers, da Ndaikai hier völlig fremd war und auch Kiburdangop sich an die Details der Route nicht mehr erinnerte. Solange es über offene grasige Kuppen ging, war die Aufgabe verhältnissmässig einfach, doch es sollte ein Wald vor uns zu passiren sein und dazu bedurften wir unbedingt eines Führers. Wie gerufen kamen uns daher zwei Elmoran, die am Murerá-Bach plötzlich auftauchten und wie sie sagten, durch den Geruch unserer Rinder angelockt worden waren. Dass wir so liebe Gäste nicht mehr losliessen, bedarf kaum der Erwähnung. Einer der beiden Krieger war der Leigwenan (Anführer) der jungen Leute von Mutyek, ein auffallend hübscher Bursche mit feinen, anziehenden Gesichtszügen und schlankem, tadellosem Körperbau. Er erzählte uns, dass seine Leute gerade auf einem Kriegszuge gegen Umbugwe begriffen seien und fragte uns, ob wir denselben nicht begegnet seien. Wir dachten sofort an den Zwischenfall am Manyara-See und meinten, dass wir allerdings die »flüchtige« Bekanntschaft dieser Herren gemacht hätten. Gewaltig imponirte dem Leigwenan, dass wir die Wambugwe, mit welchen die Massai nie fertig werden konnten, besiegt und ihnen so viel Vieh abgenommen hatten. Er wurde hierauf unser begeisterter Freund und trug uns sogar an, mit ihm ein Kompagniegeschäft im Viehrauben zu gründen. Natürlich hatte er noch niemals einen Weissen gesehen. Er hatte keine Ahnung, dass ich der Vertreter einer anderen Rasse sei, sondern hielt mich, wie dies auch Dr. Fischer geschah, für eine Abart der Küstenneger. (Laschomba neïbor = weisse Küstenneger).

Am Morgen des 17. hatten die rüstig voranschreitenden Krieger bald einen rothen Viehpfad gefunden, der durch prächtige Grashalden bergan ging und uns in dichten tropischen Hochwald führte. Verfilzte Krautvegetation und zahlreiche Nesselpflanzen bedeckten den Boden; die einzelstehenden dicken, aber nicht sehr hohen Bäume waren an der Windseite mit Moosen und Flechten bedeckt und umrankt von zahllosen Schlingern. Wir bezogen mitten im Walde am murmelnden Bach, den prachtvolle Schmetterlinge umgaukelten, ein Lager. Gegen Abend fielen dichte Nebel nieder und es wurde empfindlich kalt.

Auf stets gutem Viehwege, der von förmlichen Mauern dichten Krautwuchses eingesäumt ist, ging es am 18. März weiter durch den Bergwald. Von 9 Uhr an durchzogen wir ein offenes, von kleinen sumpfigen Bächen durchzogenes Grasland mit eingestreuten reizenden Waldgruppen. Gegen Mittag sahen wir uns plötzlich am Rande eines Steilabfalles und blickten in den oblongen Kessel von Ngorongoro hinab, eine alte Kraterruine, deren Westseite ein kleiner See einnimmt, und deren grasige Sohle von zahlreichem Wild belebt ist. Wir stiegen steil zum Kessel ab und lagerten am Rande des Abfalles. Die Zelte waren noch nicht aufgeschlagen, als der Kameeltreiber Mohammed ganz verstört erschien und meldete, das Kameel sei sterbend zusammengebrochen. Dieses treffliche Thier hatte in der letzten Zeit am Manyara und in der heissen Steppe nördlich davon sichtlich zugenommen. Das kalte Plateau jedoch und gar der feuchte Urwald waren zu viel für das arme Wüstenschiff, es bekam Bluthusten und schleppte sich nur mit Mühe vorwärts. Ich war daher über Mohammeds Mittheilung keineswegs erstaunt und gab ihm einige Leute mit, um das Kameel vielleicht noch durchzubringen. Doch wenige Stunden später kam der Araber sehr betrübt und übergab mir die Halfter des Kameels: die treue Bestie hatte ausgelitten. Es war wirklich rührend, wie sehr Mohammed sich diesen Verlust zu Herzen nahm, er wurde förmlich trübsinnig und magerte sichtlich ab.

Abends umschlichen einzelne Massai-Krieger das Lager, wohl mit der Absicht, Vieh zu stehlen, doch verging die Nacht bei verstärkten Posten ruhig. Früh gings durch die leichtgewellte Senkung sanft bergab, dem Seeboden zu. Der schwarze Humus der Mulde war schön begrast, doch stellenweise mit vulkanischem Gerölle bedeckt. Zahlreiche Massai-Elmoran gaben uns im Morgennebel das Geleit, prächtige, malerische Gestalten mit ihren bunten Schilden und glänzenden breiten Speeren. Auch der Laibon (Zauberer) von Ngorongoro erschien in einem Mantel aus Affenfell. Die Leute benahmen sich keineswegs unverschämt, denn der Leigwenan hatte sie schon darüber belehrt, dass mit uns nicht zu spassen sei. Sie waren ziemlich wohlgenährt und besassen noch einiges Kleinvieh, auch lieferten die Wildmassen der Ebene ihnen Nahrung. Diese waren wirklich grossartig: in Heerden tummelten sich Antilopen, langmähnige Gnus und leichtfüssige Zebras, einzeln oder zu zweien tauchten die breiten Rücken der Nashorne auf. Obwohl ich nichts weniger als ein grosser Nimrod bin, erlegte ich doch an diesem Tage ein Gnu und drei Nashorne, welch' letztere wir den Massai überliessen. Von den benachbarten Kraals, die sich als dunkle Kreise aus der Grasfläche hoben, kamen Schaaren meist magerer, kahlköpfiger Massai-Weiber, im Eisenschmuck rasselnd, um sich Fleisch zu holen.

Im Schatten eines riesigen Baumes, unweit eines Wäldchens schlugen wir das Lager auf. Stets herrschte in diesen Höhen eine kühle angenehme Luft, besonders Mittags, wenn die Sonnenstrahlen den feuchtkalten Morgennebel durchbrachen, war der Aufenthalt ein köstlicher und nichts erinnerte an die Tropen. Die einzige Unannehmlichkeit waren zahlreiche Fliegen, die bei den Massai eine der ägyptischen ähnliche Augenkrankheit erzeugen.

Für einen Jäger wäre dieser Lagerplatz ein paradiesischer gewesen. In der Nähe des Wäldchens hausten zahlreiche Perlhühner, deren ich mir einige zum Frühstück erlegte, in einem Tümpel grunzten Flusspferde und in der weiten Ebene tummelten sich ungeheure Wildmassen, die sehr wenig scheu waren, obwohl sie von Wandorobo und neustens auch von Massai viel gejagt wurden. Diese erlegten das Wild meist mit dem Speer, theils indem sie Gnus, die nicht sehr schnell laufen, verfolgten und sie niederstiessen, theils indem sie sich schlangenähnlich an schlummernde oder grasende Nashorne heranschlichen und ihnen die Waffe in den Leib rannten.

Wir hielten einen Rasttag in Ngorongoro, den ich zur Besichtigung einiger Massai-Kraals benutzte. Ich fand dort die freundlichste Aufnahme. In dem Hof, den die niedrigen, lederbedeckten Zelthütten umgaben, riefen mir die Elmoran, die Krieger ihr »Sowai!« zu; vor den Hütten kauerten Greise mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und Nditos (Mädchen) mit glänzenden schwarzen Augen lugten, behangen mit Eisen- und Glasperlenschmuck, aus dem Innern hervor. Mein ständiger Begleiter bei diesen Spaziergängen war der Leigwenan, den ich durch das Geschenk eines Kalbes glücklich gemacht hatte. Um den Dornzaun unseres Lagers sammelten sich inzwischen Schaaren jener Jammergestalten, die jetzt für das Massai-Land bezeichnend sind. Da waren zu Skelette abgemagerte Weiber, aus deren hohlen Augen der Wahnsinn des Hungers blickte, Kinder die mehr Nacktfröschen als Menschen glichen, »Krieger« die kaum auf allen Vieren kriechen konnten und stumpfsinnige, verschmachtende Greise. Diese Leute verzehrten Alles: gefallene Esel waren für sie ein Schmaus, aber auch Knochen, Häute, ja selbst Hörner des Schlachtviehs verschmähten sie nicht. Ich liess den Unglücklichen nach Kräften Nahrung geben und die gutmüthigen Träger theilten ihre Rationen mit ihnen; aber ihr Appetit war unersättlich und immer neue Hungrige kamen herbeigewankt. Sie waren Flüchtlinge aus Serengeti, wo die Hungersnoth ganze Distrikte entvölkert hatte, und kamen als Bettler zu ihren Landsleuten in Mutyek, die selbst kaum genug zu essen hatten. Schwärme kreischender Geier folgten ihnen nach, ihrer sicheren Opfer harrend. Täglich bot sich uns von nun an der Anblick dieses Elends, zu dessen Linderung wir doch kaum etwas thun konnten. Eltern boten uns ihre Kinder zum Verkauf gegen ein Stückchen Fleisch an und wussten dieselben, als wir solchen Handel ablehnten, geschickt beim Lager zu verstecken und sich aus dem Staube zu machen. Bald wimmelte die Karawane von solchen kleinen Massai und es war rührend, zu beobachten, wie die Träger sich dieser armen Würmer annahmen. Kräftigere Weiber und Männer verwendete ich als Viehhirten und errettete dadurch eine ganze Anzahl vom Hungertode.

Massai-Kraal.

Am 21. März zogen wir im Ngorongorokessel weiter, vorbei an einem Wandorobo-Lager, dessen Umgebung mit Wildabfällen bestreut war, um welche sich Raben, Marabus und Geier zankten. In einem schönen Akazienwald unweit des Sees lagerten wir. Die Ebene vor uns beherbergt wieder zahlreiche Rhinozerosse, darunter prachtvolle, schneeweisse Exemplare, deren ich eines erlegte. Mzimba zog Nachmittags zum ersten Mal im Leben auf die Jagd und schoss ein Nashorn. Auch andere meiner Leute haben im Laufe der Expedition mehrfach Nashorne erlegt, da die Jagd dieser Thiere keineswegs so besonders schwierig und gefährlich ist, als es nach den Berichten der Berufs-Nimrode erscheinen könnte. Vor Allem ist das Nashorn nicht sehr scheu und wenn der Wind nur halbwegs günstig ist, so kann man sich ohne Weiteres bis auf 30 Schritte nahen, ohne dass es sich stören lässt. Um auf 30 Schritte ein Rhinozeros zu treffen braucht man gerade kein hervorragender Schütze zu sein, und wenn die Kugel in den Oberleib oder (mit dem kleinkalibrigen Gewehr) in den Kopf einschlägt, so fällt das Thier meist ohne Weiteres. Verwundet man es an einer anderen Stelle, so läuft es entweder davon, und zwar so schnell, dass eine Verfolgung selten Erfolg hat, oder es greift den Jäger an. Dieser Moment wird von den Nimroden meist besonders grell ausgemalt. Ihre Begleiter laufen gewöhnlich davon und nur der Nimrod hält dem anstürmenden Koloss Stand. Das klingt sehr gefährlich, der »anstürmende Koloss« ist aber so gut wie blind, ein Schritt auf die Seite genügt und er rast vorbei, bleibt dann stehen und blickt sich verwundert nach dem Jäger um, der ihm dann in aller Ruhe von nächster Nähe eine zweite Kugel in den Leib jagen kann.

TAFEL V

HUNGERNDER MASSAI

Gegen Abend kamen Wandorobo ins Lager, die uns geheimnissvoll meldeten, dass die Krieger eines benachbarten Kraals einen Ueberfall auf uns beabsichtigten. Ich zweifelte zwar sehr daran, dass Jemand einen solchen wagen könnte, liess aber dennoch die Dornverhaue besonders sorgfältig anlegen und Nachts die Posten verstärken.

Kaum hatte ich mich in mein Zelt zurückgezogen, als ein Schuss krachte. Alles lief an die Einzäunung, das Magnesium-Licht, das für solche Zwecke stets bereit war, flammte auf und zwei splitternackte Massai-Krieger wurden gefangen genommen, die versucht hatten, in den Viehkraal einzudringen. Wir begannen nun wirklich an die Möglichkeit eines Ueberfalls zu denken, doch ereignete sich nichts ähnliches mehr, nur einige Hungergestalten näherten sich dem Lager, auf welche die Posten ohne sie zu erkennen in der Dunkelheit Feuer gaben. Am nächsten Morgen sah ich zu meinem tiefsten Bedauern zwei dieser Unglücklichen von Kugeln durchbohrt vor der Einzäunung liegen. Neben ihnen stand ein langer hagerer Greis mit wirrem, weissen Haar, der uns wüthende Flüche zurief. »Ihr schwelgt in Milch und Fleisch,« sagte er, »und schiesst auf uns, die wir vor Hunger sterben. Seid verflucht!« Ich liess dem Armen ein Stück Fleisch geben, dass er mit thierischer Gier roh verschlang, um dann in seinen wilden Ausbrüchen fortzufahren. Die Karawane hatte sich schon entfernt und immer noch tönte das Geschrei des Unglücklichen hinter uns her.

Wir stiegen auf gutem Viehweg den steilen Westhang des Kessels hinan und erreichten das Plateau von Neirobi. Dasselbe hat 2400 m Seehöhe; lange Nebelstreifen ziehen über die mit saftigem Grün bedeckten Weiden in welchen einzelne knorrige, mit Flechten behangene Bäume verstreut sind. An lichter gefärbtem Gras und dichtem Brennesseldickicht waren alte Massai-Kraals erkennbar, deren Bewohner jetzt gänzlich verschwunden waren oder als Verhungernde umherirrten. Einige derselben schlossen sich uns wieder an. Das Massai-Element fing überhaupt an, in der Karawane zuzunehmen und es war komisch zu sehen, wie rasch der stolze Elmoran sich in »Laschomba« (Swahíli) mit Fez und Lendentuch verwandelte. Sogar eine ganze Familie zog mit, bestehend aus Mutter, einer hübschen jungen Tochter, zwei halbwüchsigen Jungen und einem Säugling, der fast garnicht schrie und mit Kuhmilch gefüttert wurde.

Am Morgen des 23. März zogen wir leicht bergan über das kalte, neblige Plateau von Neirobi, stets durch prächtiges Weideland, dessen fetter Boden von tief eingetretenen Viehwegen durchschnitten ist. Zu unserer Linken stiegen grasige Kuppen auf. So schön und fruchtbar das Land auch war, so wirkte die ewige Folge niedriger Graswälle doch eintönig, um so mehr als nichts eine Veränderung ahnen liess.

Plötzlich merkte ich eine Bewegung an der Spitze der Karawane, die Leute stellten ihre Lasten nieder und deuteten gegen Süden. Ich beschleunigte meine Schritte und konnte einen Ruf des Erstaunens nicht unterdrücken als ich auf der Kuppe angelangt war. Zu unseren Füssen lag, von steilen, felsigen Hängen eingesäumt, eine ungeheure Spalte, ein Graben im geologischen Sinne, bei dem man förmlich sah, wie ein Stück des Plateaus 1000 Meter weit abgerutscht war. An der Sohle dieses Grabens lag, von sandigen Ufern umgeben, ein blauer See, dessen südlicher Verlauf mit dem Horizont verschwamm. Am Westufer stiegen die Randberge des Serengeti-Plateaus auf, an das Ostufer schloss sich eine Reihe paralleler Ketten an, die in den Iraku-Bergen gipfeln, welche als lange Mauer am Horizont stehen. Ueber diese erhob sich, fast genau im Süden, ein mächtiger, dunkler Kegelberg. Es war, wie ich später erfuhr, der Gurui-Berg, den ich schon in Umbugwe gesehen, aber durch die vorgelagerten Berge nicht in seiner Bedeutung erkannt hatte. Der See, welcher sich in der Tiefe ausdehnte, wurde von den Massai Eyassi-See genannt. Er ist auch ein Salzsee, doch grösser als der Manyara und das Sammelbecken jener Wasserläufe Unyamwesis, die dem Wembere-System angehören. Dies war mir schon damals zweifellos und wurde später direkt nachgewiesen.

Wir schlugen unser Lager auf einer beherrschenden Kuppe am Rande des Steilabfalles auf und von meinem Zelt aus genoss ich den herrlichen Anblick des sonnenbestrahlten Sees, den ich als erster Europäer schaute. Am 24. März unternahm ich mit einigen Askari und einem Massaiführer den Abstieg zum See. Pfadlos kletterten wir durch vegetationsreiche Schluchten, überschritten Bäche und gelangten schliesslich an den letzten sehr steilen Abfall, der dicht mit Aloë, Euphorbien und Stachelgestrüpp bedeckt war. Auch durch dieses Dickicht erkämpften wir unsern Weg, mussten eine fast senkrechte, sandige Tuffwand überschreiten und gelangten bei glühender Hitze Nachmittags an einen Bach am Seeboden. Ein heftiger Fieberanfall nöthigte mich, dort zu verbleiben und ich sandte einige Askari zum nahen Seeufer um Salz- und Wasserproben einzusammeln. Von Moskitos gequält, von zahlreichen Hyänen umheult, verbrachten wir die Nacht am Bach und stiegen am nächsten Tage auf besserem Wege durch ein schönes, von Phönixpalmen erfülltes Thal zur Höhe. Schon unterwegs begegneten wir Leuten vom Lager, die ausgezogen waren, uns zu suchen, da man uns schon Tags vorher zurück erwartet hatte. Im Lager wurden wir mit Freudengeschrei empfangen, da man schon ernstlich um uns in Sorge gewesen war und die Leute baten mich dringend, keinen Ausflug mehr, und sei es der kleinste, ohne ihre Begleitung zu machen.

Durch welliges Land mit dunklem, lehmigem Boden auf dem viel Klee gedieh, gings am 26. weiter zum Njogomo-Bach der dem Eyassi-See zufliesst. Am 27. stiegen wir über eine Höhe und dann sanft ab zur weiten, fast baumlosen Ebene von Serengeti. Dieselbe hat weit weniger schönes Weideland als Mutyek, ist sehr sanft gewellt und von flachen Thalrissen durchzogen. Hier lagen einige Massai-Kraals zerstreut in deren Nähe Ziegen weideten. Während wir vorbeizogen, kamen alte Leute, Elmoruo, an und riefen uns zu, dass die Krieger mit uns Frieden halten wollten falls wir ihnen einen Tribut an Rindern geben würden. Wir antworteten durch Mabruki Massai, den Findling von Donyo Lukutu, dass uns unter diesen Umständen an einem Frieden nichts gelegen sei. Mabruki, der ja selbst Elmoran gewesen, und die Sitten der Massai natürlich genau kannte, erklärte, dass die Krieger uns nun bestimmt angreifen würden. Thatsächlich kamen einige hundert Leute auch bald mit geschwungenen Speeren hinter uns hergelaufen. Es wäre mir nun ein Leichtes gewesen, über diese Krieger einen »glänzenden Sieg« zu erringen, den Kraal zu »stürmen« und die Ziegen zu erbeuten, ich bemitleidete jedoch diese Hungerleider, die in ihrem Raubanfall nur dem Gebote des Magens folgten und begnügte mich, sie durch einige wohlgezielte Kugeln zu verjagen. In 5 Minuten war kein einziger mehr zu sehen. Die Karawane hatte ihren Marsch keinen Augenblick unterbrochen. Das war unser einziges »Gefecht« mit Massai, den blutgierigen, furchtbaren Räubern, deren Gebiet, »nur mit 1000 Europäern« passirbar ist.

Die Bodenschwellungen verschwanden bald gänzlich und über eine leicht geneigte, staubige Ebene ging es abwärts. Wild, welches am Neirobi-Plateau spärlich gewesen, war hier wieder in grossen Mengen sichtbar, in langer Reihe, gleich einer Kavallerie-Abtheilung liefen Strausse mit Windeseile durch die Steppe. Bei einem einzelnen, Wasserlöcher enthaltenden Felshügel, Duvai, lagerten wir und waren bald von zahlreichen Wandorobo umgeben, die hier in grösserer Zahl leben. Sie waren hier keineswegs jener elende Pariastamm, als welchen man diese Jäger sonst kennen lernt, sondern ein schöner, hochgewachsener Schlag und mit ihren kräftigen Bogen und vergifteten Pfeilen keineswegs zu verachtende Gegner. Die Jagd schützt sie vor dem Hunger, ja manchmal unternehmen sie auch Raubeinfälle in das bewohnte Gebiet von Usukuma und treiben Vieh fort, welches sie jedoch nicht züchten, sondern sofort schlachten. Gegen uns benahmen sie sich freundlich und mit Leichtigkeit bekam ich hier Sprachproben dieses merkwürdigen Jägervolkes.

Der nächste Tag führte uns durch flaches, von seichten, meist wasserlosen Senkungen durchzogenes Land. Eine derselben enthielt den kleinen Salzsee Lgarya, dessen Ufer von zahlreichen Flamingos belebt ist. Dichte Staubwolken begleiten hier den Gang der Karawane, die Schirmakazie, jener echte Nyikabaum trat auf, wir waren wieder im Steppenland.

Gegen Mittag des 29. März verschwanden auch die Akazien und wir zogen durch eine weite, fast völlig baumlose Grasebene, eine richtige Prairie, aus welcher im Nordwesten die flache Kuppe Kiruwassile auftauchte. Selbst Wild war in dieser Einöde selten, doch begegnete man auf Schritt und Tritt Gnu-Sceletten, von Thieren, die der Seuche erlegen waren. Unser Ziel bildete eine einzelne Akazie, die wir stundenweit vorher sahen und an deren Fuss sich Löcher mit lehmigem Wasser befanden. Der Marsch war ein besonders anstrengender gewesen, da die Leute ausser ihren Lasten auch Brennholz mitnehmen mussten, welches es in dieser Graswüste nicht giebt.

Die Wirkung der langen Märsche, sowie jene der ungewohnten Fleischnahrung machte sich bei der Mannschaft überhaupt schon geltend. Die Pangani-Leute allerdings, die an Massai-Reisen gewöhnt sind, hielten sich vorzüglich, die aus Bagamoyo dagegen litten schwer. Selbst grosse Portionen konnten ihren an Pflanzenkost gewöhnten Magen nicht sättigen, Fälle von Entkräftung verbunden mit ruhrartigen Zuständen traten ein. Dann ergriff einzelne Leute ein Zustand völliger Muthlosigkeit, sie legten sich am Wege nieder und erklärten sterben zu wollen. In solchen Fällen that Mzimba mit ein paar Kurbatschhieben oft Wunderwirkung: der Sterbende erhob sich und marschirte weiter. Anders freilich war es, wenn es einem der Leute gelang, sich abseits von der Route im Grase zu verbergen, wo er ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser dalag, den Tod erwartend. Im Lager wurde er natürlich vermisst und Askari, die keine Müdigkeit kennen durften, ausgesandt ihn zu suchen. Meistens wurden solche Leute aufgefunden und gerettet, in manchen Fällen aber brach die Nacht herein, die Askari kamen unverrichteter Sache zurück und wenn draussen die Hyänen ihr grässliches Konzert begannen, wussten wir, dass unser Kamerad verloren war.

Am 30. März hatten wir den tafelförmigen Kiruwassile-Berg erreicht, dem eine Kette kleiner Granithügel vorgelagert ist, zwischen deren mächtigen Felsblöcken Euphorbien und Stachelgestrüpp gedeihen, und lagerten an dem klaren Wassertümpel eines Baches. Durch Parkland ging es am folgenden Tage weiter, wo manchmal röthlicher Granit zu Tage tritt, dessen Platten durch viele Sprünge zerrissen sind, so dass der Boden wie gepflastert aussieht. Steil stiegen wir eine Plateaustufe ab und gelangten in schön begrastes, fruchtbares Land, in dem einige verlassene Wandorobo-Grashütten die einzigen Spuren menschlicher Siedelung sind. Einzelne Sorghum-Pflanzen und Kalebassen-Geranke, das wild dazwischen wächst, wurde mit Freuden begrüsst, zeigten sie uns doch die Nähe kultivirter, ackerbautreibender Distrikte an. Am trockenen, tief eingerissenen Lossergasch-Bach, der schon dem Nilsystem angehört und den Oberlauf des Simiyu bildet, schlugen wir unser Lager auf. Die Massaiführer sagten uns, dass Ikoma, oder wie sie es nennen, Elmarau, eine von Waschaschi bewohnte Landschaft, nur noch zwei Tagereisen entfernt sei: wir beschlossen daher alles aufzubieten, um rasch dahin zu gelangen. Denn täglich mehrten sich die Todesfälle durch Entkräftung, zwei, drei Mann brachen unterwegs zusammen und andere schleppten sich nur noch schwer fort. Alle Askari trugen Lasten und mühsam keuchte die Karawane auf dem sonnenglühenden Pfad vorwärts. Das Land war arm an wasserführenden Bächen, von zahllosen Regenschluchten durchfurcht und theilweise mit dichtem Dorngestrüpp bewachsen. Nachmittags entdeckten die scharfen Augen der Träger am Horizont saftig grüne Parthien: es waren die Felder von Elmarau. Doch konnten wir sie an diesem Tage nicht mehr erreichen und waren noch einmal auf Fleischdiät angewiesen.

Zusammentreffen mit Waschaschi.

Am Morgen des 2. April gelangten wir schon frühzeitig an den breiten trockenen Bach Orangi, der von hochstämmiger Gallerie-Vegetation eingesäumt ist und reichliche Wasserlöcher enthielt. Zwischen den Bäumen des rechten Ufers erblickten wir roth bemalte, hochgewachsene Gestalten mit Bogen und Pfeil, meist in charakteristischer Haltung auf einem Bein stehend. Es waren Leute aus Ikoma, die zur Jagd hierher gekommen waren und mit Erstaunen die Karawane erblickten. Doch war es ja schon öfter geschehen, dass bekleidete Fremdlinge aus dem Massai-Land zu ihnen kamen; sie begrüssten uns auf Kinyamwesi und zeigten uns damit an, dass wir das Massai-Sprachgebiet verlassen und uns wieder bei Bantuvölkern befanden. Einige Glasperlen machten sie rasch zu unseren Freunden und auf einem richtigen Feldwege, einem wahren Labsal nach der pfadlosen Wildniss, zogen wir Ikoma zu. Mit Jubelgeschrei begrüssten die Leute die ersten Felder, wo Sorghum, Mais, Eleusine und andere Kulturpflanzen sorgfältig angebaut waren. An dem wasserführenden Ormuti-Bach betraten wir das Dorfgebiet, ein offenes, leicht gewelltes Grasland mit verstreuten Hütten und kreisrunden, von buschigen Euphorbienhecken umgebenen Komplexen, in deren einem wir lagerten.

Die friedlichen Eingeborenen kamen völlig unbewaffnet, auch viele, meist sehr üppige Damen erschienen und brachten in netten Körbchen Mehl zum Verkauf, so dass die Leute wieder in gewohnter Nahrung schwelgen konnten. Auch mir erschien ein Kürbiss, den der Koch bereitete, als eine köstliche Delikatesse, denn ausser Brennessel-Spinat hatte ich seit Umbugwe kein frisches Gemüse gegessen.

In dem Wunsch rasch Mehl zu bekommen hatten wir bei der freundlichen Haltung der Eingeborenen, unserm Grundsatz widersprechend, denselben Zutritt in's Lager gewährt. Sie benutzten diese Gelegenheit jedoch, um mit grosser Geschicklichkeit zu mausen, ja einer stahl sogar mein Rosshaarkissen, das die Jungen zum Auslüften hingebreitet hatten. Ich liess hierauf einige Weiber an die Kette legen und forderte die erschrockenen Eingeborenen auf, die gestohlenen Gegenstände wieder zurückzubringen, was auch in kaum einer Viertelstunde geschah, worauf wir die gefangenen Schönen wieder laufen liessen.

Unsere Freundschaft mit den Eingeborenen wurde durch diesen etwas summarischen Vorgang in keiner Weise getrübt, da er vollkommen den afrikanischen Rechtsanschauungen entspricht und von Eingeborenen untereinander sehr oft ausgeübt wird. Thatsächlich ist es in einem Lande, wo keine Polizei existirt auch nahezu unmöglich, zu seinem Recht zu kommen ohne dieses Geiselsystem.

Wir hielten uns am nächsten Tage in Ikoma auf, stets umschwärmt von den harmlos friedlichen Eingeborenen, die für Glasperlen und Messingdraht ungeheure Mengen Mehl und andere Lebensmittel, auch grosse Welse brachten. Am Morgen des 4. April, an welchem ich einen zweiten Rasttag halten wollte, meldete mir Mzimba zu meinem sehr grossen Erstaunen, dass vier Träger ausgerissen seien. Natürlich waren es Wabondeï, diese unverbesserlichen Davonläufer, die so spät ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Interesse der Disziplin schien es mir unumgänglich nothwendig, diese Leute zu fangen und ich beschloss, abermals zu dem afrikanischen Verfahren zu greifen. Vier eingeborene Geiseln wurden festgenommen und ich eröffnete den Ikoma-Leuten, dass ich diese erst freigeben würde, wenn meine vier entsprungenen Träger eingebracht würden. Die Eingeborenen fanden diesen Vorgang sehr begreiflich und baten uns, zum Schein abzuziehen, da sich die Flüchtlinge wohl erst dann wieder zeigen würden. Wir brachen denn auch nach dem zwei Stunden entfernten Dorf Niasiro auf, das etwa 100 Hütten hat, die auf der Kuppe eines Hügels zwischen dunklem Euphorbiengestrüpp verstreut liegen. Am Fusse rauscht der ansehnliche, fischreiche Grumeti-Bach. Auch hier überboten sich die Eingeborenen an Freundlichkeit und Mzimba veranstaltete unter einem schattigen Baum einen förmlichen Markt und häufte Lebensmittel-Vorrath an, als ob wir noch einmal das Massailand passiren sollten.

Waschaschi-Dorf in Usenye.

Am Morgen des 6. April wurden die vier Deserteure gebunden eingeliefert und die Geiseln, die sich bei uns sehr behaglich gefühlt hatten, nahmen reich beschenkt Abschied. Die feigen Eingeborenen, die vor den Flinten der Ausreisser Furcht hatten, lockten dieselben erst freundlich an, fielen dann über sie her und legten sie in Fesseln. Sie wurden von ihren Kameraden mit höhnischen Zurufen und Pfiffen empfangen, erhielten ihre tüchtige Strafe und wurden an die Kette gelegt. Als ich sie fragte, warum sie fortgelaufen seien, meinten sie: die Massai-Reise habe sie ermüdet und sie wollten als Sklaven bei den Eingeborenen bleiben um auf eine andere Karawane zu warten. Wenn man bedenkt, dass oft viele Jahre vergehen, bevor eine Karawane nach Ikoma kommt, so kann man das Unsinnige dieses Planes ermessen.

Die weitere Reise führte uns durch Usenye, einer reich bebauten, von stärkeren Hügelwellen durchzogenen Landschaft, mit zahlreichen grossen Dörfern, in deren Innern die Euphorbien- und Dornhecken förmliche Irrgärten bilden. Am 7. April überschritten wir den Rubana, einen nach den Karten sehr bedeutenden Fluss, der aber in Wirklichkeit nur ein schmaler Bach ist. Schon damals schien mir zweifelhaft, dass dieses Gewässer der Unterlauf des Ngare dabasch, eines ansehnlichen Flusses im Massailand sein sollte. Jenseits des Rubana betraten wir wieder pfadloses Steppengebiet und zogen unter Führung eines Usukuma-Händlers, den wir in Ikoma getroffen, schnurgerade auf einen Kegelberg, Tschamliho, los. Das Land war offen und grasig, nur die zahlreichen Wasserrisse von Laubbäumen, Akazien und Tamarinden eingesäumt. Viele Antilopen und Gnus sowie einzelne Nashorne tummelten sich in der Ebene; von Büffeln sah man auch hier nur Scelette.

Am 9. April erreichten wir den Tschamliho-Berg, der den höchsten Punkt des Distriktes Ikiju bezeichnet, ein bewohntes, bergiges Land. Auch hier leben Waschaschi, wohlgenährte kräftige Leute in sehr einfacher Kleidung, mit Bogen und Pfeil bewaffnet.

Sie hatten unser Herannahen schon bemerkt und zogen uns entgegen, eine feindliche Invasion fürchtend, beruhigten sich jedoch bald, als sie uns als Küstenkarawane erkannt. Auch sie pflegen auf einem Fuss zu stehen und den anderen oberhalb des Knies aufzustemmen.

Angel für Welse der Waschaschi.

Auf steinigem Pfade durchzogen wir mehrere an den Hängen verstreute Dorfgebiete und lagerten an einem Bach, wohin die nun völlig zutraulichen Eingeborenen uns reichliche Lebensmittel brachten. Am nächsten Tage trugen sie sogar die Lasten der Leute, als wir auf steilem, schlechten Felsweg den Berg jenseits wieder abstiegen und dann ein wasserreiches, theilweise versumpftes Thal durchzogen. Stellenweise ragten abenteuerlich geformte Granitfelsen auf, meist in der Nähe der Dörfer gelegen und den Eingeborenen als Warte dienend. Am 11. April führte ein angenehmer Marsch uns durch offenes welliges Land mit vielen Dörfern und prächtigen Anpflanzungen der verschiedensten Kulturgewächse, unter welchen Gurken, Kürbisse, Arachis und Maniok auffielen. Getrocknete Fische wurden uns zum Verkauf angeboten, welche zugleich mit Fischereigeräth in den Hütten uns die Nähe des Victoria-Nyansa anzeigten.

Am 12. April begannen wir bei leichtem Regen den ziemlich steilen Abfall der Schaschi-Berge abzusteigen. Kaum eine halbe Stunde vom Lager eröffnete sich uns plötzlich der Ausblick auf die dunkle Fläche des Speke Golfes mit dem fernen Horizont des Nyansa. Ein grauer Himmel umspannte die Landschaft, der Majita-Berg im Norden und die Nassa-Berge im Süden waren nur undeutlich sichtbar.

Dennoch war es für mich ein freudiger Augenblick: konnte ich mir doch sagen, dass der schwierigste Theil unserer Aufgabe gelöst war. Die direkte Route durch das Massai-Land, die als unpassirbar galt und die ein Stanley geplant und als zu schwierig aufgegeben hatte, diese Route war von der Massai-Expedition in der kurzen Zeit von 2½ Monaten bewältigt worden.

TAFEL VI

Station Mwansa am Victoria-See.

Vor den Schaschi-Bergen dehnte sich eine flache, von einzelnen Wasserrissen durchzogene Grasebene aus, durch die unser Weg dem See zu führte. Ungeheure Heerden von Gnus, Antilopen und Zebras waren sichtbar, auch ein Rhinozeros konnte ich erlegen und die Träger knallten ein zweites gemeinsam nieder, nachdem sie ihm ein förmliches Feuergefecht geliefert. Gegen Mittag erreichten wir das Papyrus-Ufer des Nyansa beim Distrikt Katoto. Zwischen Feldern und zerstreuten Hütten waren Fische auf Gestellen zum trocknen ausgelegt, in den Papyrussaum des Ufers hatte man für die Kanus Strassen gehauen und durch diese blickte man hinaus auf die schimmernde Fläche des afrikanischen Binnenmeeres.

Graf Schweinitz, photogr.

Kanu am Victoria-Nyansa.

[[←]] III. KAPITEL.
Im östlichen Nyansa-Gebiet.

Katoto und Mwansa. — Ukerewe. — Ukara. — Der Baumann-Golf. — Gefechte in Mugango. — Die Schaschi-Länder. — Ngoroïne. — Ikoma. — Kämpfe in Ututwa. — Ntussu. — Meatu. — Munyihemedis Niederlassung. — Zur Nyarasa-Steppe. — Der Salzfluss Simbiti. — Die Elephantenjäger. — Die Weiber der Karawane. — Usmau und Usukuma. — Mwansa.

In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto, unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel. Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa, beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus, die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden. Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca. 30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am Ufer hervorrufen.

Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.

Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren, Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.)

Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa verständigt. Kompagnieführer Langheld machte sich sofort nach Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude, ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr. Stokes ein.

Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren, dicht bewohnten Landschaft Nassa, wo auf einer Anhöhe die englische Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer. Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig, weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888 nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden sollte.

Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen, in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert und verrosten jetzt — ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs vereinzelt dasteht.

Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise waldige Insel Yuma bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig, dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben, wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet, ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben kann als mitten im Victoria-Nyansa.

Ruderblatt, Ukerewe.

Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal, das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30 Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt, welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben mit Bast verstopft.

Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen, malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus, sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen, wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht wurden.

Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann, ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl, wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.

Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald darauf.

Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.

Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.

Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch den wir nach der ärmlichen Niederlassung Butimba gelangten. Hier hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland, stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert, ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von Hakahi, zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf der nahe gelegenen Insel Matschwera[1] ein weltverlassenes Dasein führen.

Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges. Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus dem die bergige Insel Nafua mit ihren weissen Strandriffen sich malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene. Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht einschlief und dieser war ein — Wachtposten.

Am 9. Mai überschritten wir den Rugedsi-Kanal, jene schmale Strasse, welche die Insel Ukerewe vom Festland trennt. Er ist zu beiden Seiten von sumpfigem Papyrusgebiet eingeschlossen, durch welches man waten muss, bevor man zu dem meist 30 Schritte breiten und selten über ein Meter tiefen Kanal kommt. In demselben befinden sich labyrinthartig angeordnete Fischreusen durch welche eine starke Strömung nach Nord zieht. Der Wechsel des Wasserstandes macht sich hier besonders stark bemerkbar, indem Morgens etwa ½ m weniger Wasser ist als Mittags, was den Eingeborenen genau bekannt ist.

Nachdem wir uns durch den Schlamm- und Schilfsumpf des Ukerewe-Ufers gearbeitet, zogen wir durch eine schöne, reich bebaute Ebene. Dieselbe führt zu einer prächtigen kleinen Bucht, in der felsige Inseln sich erheben und die von sanften Kuppen eingeschlossen ist, auf welchen zwischen wilden Granitblöcken üppige Bananenhaine und die braunen Kegeldächer der Hütten auftauchen.

Wir lagerten in einem Dorfe, das von reichen Pflanzungen umgeben war, unter welchen besonders riesige Maniokstauden auffielen. Wir befanden uns auf der gesegneten Insel Ukerewe, dem Lande des Häuptlings Lukonge, der sich 1877 durch die verrätherische Ermordung zweier Missionare eine traurige Berühmtheit erworben. Gegenwärtig freilich zieht er andere Saiten auf, hat schon zahlreiche Reisende bei sich gesehen und sandte auch uns Boten und Geschenke nach Katoto entgegen, indem er mich in sein Land einlud.

Am nächsten Tage sollten wir seine Residenz erreichen. Da der Weg dahin vielfach versumpft ist, zog ich es vor, die Karawane über Land zu senden und selbst ein Kanu zur Ueberfahrt zu benutzen. Im Westen dehnte sich das üppige, bananenreiche Gestade von Ukerewe aus und im Nordosten tauchte die grasige, breite Masse des Majita-Tafelberges auf, während uns die kräftigen Schläge unserer Ruderer durch die Grantbai gegen Norden führten. Bei dem durch hohe Schattenbäume bezeichneten Hauptdorf Bukindo landeten wir und durchschritten das Thor der Befestigung, die aus Stangen und pandanusähnlichen Pflanzen gebildet ist.

Vor der koncentrischen inneren Umzäunung fand ich die Expeditionsmannschaft, sowie Lukonge mit seinen »Grossen« bereits versammelt. Er ist ein lichtfarbiger, wohlbeleibter Mann, der mit seinem glatten Gesicht und dem faltigen Gewande lebhaft an einen Landpfarrer erinnert und stark von seiner höchst urwüchsig mit Bocksfell bekleideten Umgebung absticht. Er schien sich übrigens garnicht wohl zu fühlen, denn die Reisenden die ihn vor mir besucht hatten, waren stets im Kanu mit geringer Begleitung gekommen. Eine solche Masseninvasion war ihm offenbar unheimlich und die Blutthat von 1877 tauchte vielleicht vor seinem Gewissen auf. Er begrüsste mich daher verlegen, lud mich ein im innersten Hüttenkomplex zu lagern und verschwand dann schleunigst auf Nimmerwiedersehen. Die meisten seiner Unterthanen folgten seinem Beispiel und drückten sich in die Büsche, sodass wir uns plötzlich als Herren des grossen, mehrere hundert Hütten zählenden Dorfes sahen.

Es fehlte uns dort an nichts, Vorräthe, auch vorzüglicher Honig und Bananenwein waren in den geräumigen Hütten massenhaft vorhanden. Dennoch war ich über diese Lage nichts weniger als erbaut. Lukonge hatte nämlich auch Baumwollzeuge und allerlei andere Tauschwaaren in seinen Hütten zurückgelassen, und mir dadurch eine unangenehme Verantwortung für eventuelle Diebereien meiner Leute aufgeladen. Ich schickte daher Boten nach ihm aus, um ihn aufzufordern, doch zurück zu kommen und sein Eigenthum wegzuräumen oder bewachen zu lassen. Er rief den Boten jedoch von Weitem zu, wir möchten nehmen was uns beliebe und ihm nur sein Leben lassen.

Der Zweck meiner Reise nach Ukerewe, war hauptsächlich der Besuch der Insel Ukara, von der allerlei Seltsames verlautete. Der englische Missionar Wilson, der dort vor Jahren landen wollte, wurde daran von einer kriegerischen Bevölkerung verhindert, in welcher er Zwerge erkannte. Schon Stanley hatte erfahren, dass die Wakara ihrer Zauberkünste wegen berüchtigt seien. Als ich in Bukindo die Absicht aussprach, dahin zu fahren, erklärte man allgemein, die Wakara würden das nicht zulassen und im äussersten Fall Mittel finden, ihre Insel unsichtbar zu machen.

Mit Mühe brachte ich die nöthige eingeborene Rudermannschaft für zwei Kanus auf und fuhr am 11. Mai mit 12 Askari und meinen Dienerjungen los. Wir bewegten uns erst längs der reich bebauten, durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ausgezeichneten Küste von Ukerewe, an welcher sich im Innern der Insel hochstämmige Wälder anschliessen. Zu unserer Rechten tauchten die offenen grasigen Kweru-Inseln auf. Gegen Mittag umschifften wir ein Kap und fuhren die kleinere Insel Schisu entlang.

Ukara.

Vorläufig hatten die Wakara noch keine Anstalten getroffen, ihre Insel unsichtbar zu machen. Vor uns ragte das Eiland auf mit seinen felsigen, röthlichen Bergen im Osten, an denen sich in der Mitte eine grasige Senkung, und im Westen felderbedeckte, von wilden Felszähnen gekrönte Höhen anschlossen. An der letzteren Seite näherten wir uns der sandigen Küste und sahen die nackten Eingeborenen am Strande wild umherlaufen und ihre Rinder in Sicherheit bringen. Von Zwergen konnte ich nichts wahrnehmen, manche Leute waren wohl unter Mittelmaass, andere dagegen normal gewachsen, eine Wahrnehmung die nach mir auch andere Reisende gemacht, so dass Wilson's Angabe sich als irrthümlich erwies.

Der Moment war übrigens zu anthropologischen Beobachtungen wenig günstig, denn zahlreiche dunkle Krieger sammelten sich auf der hellgelben Fläche des Ufersandes, drohten uns mit gespanntem Bogen und winkten uns heftig ab. Als wir darauf keine Rücksicht nahmen, zogen sie sich auf etwa 50 Schritt zurück, wo Granitblöcke ihnen Deckung boten und liessen uns ruhig landen, so dass ich schon hoffte mit ihnen friedlich auszukommen. Unser Dolmetsch, ein Mkerewe-Mann, begann mit ihnen zu sprechen, wurde jedoch durch ein Wuthgebrüll unterbrochen; einzelne Pfeile schwirrten und die Krieger, lauter nackte Burschen mit schmalem Lendenschurz, mit Bogen, Pfeilen und Speeren rückten auf uns an. Ich zögerte nicht mehr meine zwölf Leute antreten zu lassen und eine Salve abzugeben, die volle Wirkung ausübte, indem einige Krieger fielen, andere verwundet wurden und die übrigen sich schleunigst davon machten. Unter diesen Umständen war an eine nähere Untersuchung der Insel nicht zu denken und ich begnügte mich mit einem Rundgang, bei dem wir fortwährend von den Kriegern belästigt wurden und Mühe hatten sie von uns abzuhalten.

Hütten und Futterschober der Wakara.

Der rothe Lateritboden der Insel ist von vielen Wasserrissen durchschnitten und bestreut mit riesigen Granitblöcken, zwischen welchen die Felder mit Sorghum und Arachis und niedrige, stellenweise in Reihen gepflanzte Bäume verstreut sind, deren reiches Laub den zahlreichen Rindern als Nahrung dient. Dazwischen kleine Waldgruppen, in welchen die spitzen Kegelhütten der Eingeborenen liegen. Trotz ihrer Wildheit scheinen diese doch einen gewissen Kulturgrad zu besitzen, wie die schön gehaltenen Felder und Baumschulen, sowie die Trockenmauern, als Wellenbrecher, die sie am Strande errichten, andeuten. Von einem hohen Punkte der Insel bot sich uns ein herrlicher Ausblick auf den tiefblauen, mächtigen Nyansa mit seinen bergigen, üppig grünen Gestaden.

Wir wandten uns gegen Abend wieder dem Strande zu, was den Wakara Veranlassung zu einem neuen Angriff gab, der jedoch so gründlich abgeschlagen wurde, dass ihnen die Lust zu weiteren verging. Schon früher hatten sie versucht, sich der Boote zu bemächtigen, doch eröffneten die drei Askari, die ich dort als Wache zurückgelassen, im Verein mit den Küchenjungen, die gerade das Nachtmahl kochten, ein mörderisches Feuer auf sie und verjagten sie ohne Schwierigkeit. Am Strande verzehrte ich die unter so erschwerenden Umständen bereitete Mahlzeit und schiffte mich dann wieder ein, um über die Agnes-Strasse nach Schisu zu fahren.

Mit der Raschheit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und prächtiger tropischer Mondschein übergoss die glatte Fläche des Sees mit strahlendem Licht. Eine laue Brise strich vom Lande herüber, dessen dunkle Umrisse sich vor uns erhoben, taktmässig tauchten die spitzen Ruder in die Fluth und pfeilschnell durchschnitten unsere Kanus den glänzenden Spiegel des Nyansa. Der melodische Gesang der Ruderer in seiner eintönigen Schwermüthigkeit übte, verbunden mit der ergreifenden Ruhe der Natur und dem Gedanken an die eben überstandenen Gefahren, einen tiefen Eindruck auf mich aus und ich werde diese nächtliche Nyansafahrt so leicht nicht vergessen.

Am Morgen des 13. Mai fuhren wir von Schisu, wo wir übernachtet hatten, ab, und langten gegen Mittag in Bukindo an. Dort hatte sich nichts verändert, Lukonge war immer noch abwesend und wir hatten alle Mühe, genügende Kanus aufzutreiben, um die Ueberfahrt der Expedition nach Majita zu bewerkstelligen. In zehn Kanus wurden Lasten und Träger mit Mühe und Noth verladen, und meine Leute mussten selbst rudern. Anfangs ging es ganz lustig vorwärts, doch in der Grant-Bai sprang starker Gegenwind auf und wir kamen kaum vom Fleck. Das Kanu in welchem ich mich befand fing an stark zu lecken und füllte sich immer mehr mit Wasser. Die Lage wurde bedenklich, das Wasser drang wie durch ein Sieb ein, die Wellen schlugen in's Kanu und wir sassen bis zum Knie im Wasser. Die braven Manyema-Träger, die als Ruderer arbeiteten, sangen jedoch lustig weiter, während alle dienstfreien Hände mit Mützen, Körben und Töpfen das Wasser ausschöpften, so dass wir glücklich das Festland gegenüber Ukerewe erreichten. Wir kalfaterten unser Fahrzeug so gut es ging und fuhren in die Bai ein, deren Nordufer durch den hohen Tafelberg von Majita bezeichnet ist und deren Ostufer — nach der Karte zu schliessen — die grasige, leicht ansteigende Landschaft Bwenyi bildete, wo wir Nachmittags anlangten und in einem kleinen Dorfe lagerten.

Da einige Kanus noch im Rückstande waren, blieben wir am 14. Mai in Bwenyi, ein Aufenthalt, den ich zur Besteigung des Bwenyi-Hügels benutzte, wo sich mir ein überraschender Anblick bot. Bwenyi war nicht das Ufer des Festlandes sondern eine von tiefen, fjordartigen Kanälen durchfurchte Halbinsel, die nur an der Südseite eine schmale Verbindung mit dem Lande hatte. Mit hohen grünen Ufern und zahlreichen bergigen Inseln erstreckte sich gegen Osten eine tiefe Bucht in's Land, die an Länge fast dem Speke-Golf gleichkam und von deren Existenz die Karten nichts ahnen liessen. Diese Bucht, die ich damals als erster Europäer erschaute, wurde später von Kapt. Spring nach mir, als dem Entdecker, »Baumann-Golf« genannt.

Am 15. Mai marschirten wir über die Landzunge, welche Bwenyi mit dem Festlande verbindet. Auf derselben liegen Dörfer, deren Bewohner ihre Ziegen und Rinder durch einen eigenartigen Bau gegen feindliche Ueberfälle sichern. Sie errichten nämlich an der kaum 100 Schritte breiten, schmalsten Stelle der Landenge einen etwa 3 m hohen festen Steinwall, dadurch ihre Halbinsel künstlich in eine Insel verwandelnd. Sie selbst verlassen dieselbe nur in Kanus und wir hatten grosse Mühe, mit den Lasten diesen Steinwall zu passiren.

Irea-Insel und Baumann-Golf.

Längs des Fusses des Kiruwiru zogen wir durch offenes Steppenland zum sumpfigen Ende der Iramba-Bai, eines tief einschneidenden Armes der Hauptbucht und gelangten am nächsten Tage nach kurzem Marsch am papyrusreichen Nyansa-Ufer zum Dörfchen Biruscha. Dasselbe liegt auf einer Landzunge gegenüber der reizenden Berginsel Irea, die, wie alle Eilande des Baumann-Golfes, bewohnt und hoch hinauf mit üppigen Pflanzungen bedeckt ist. In den nächsten drei Tagereisen umgingen wir das Ostufer des Baumann-Golfes. Pfadlos zogen wir durch weite baumlose Ebenen, die durch den Regen in einen Morast verwandelt waren. Bei glühendem Sonnenbrand durchwanderten wir diese Einöden, aus welchen im Osten die Schaschi-Berge auftauchten, fanden oft kaum ein trockenes Fleckchen für das Lager und hatten empfindlich unter Brennholzmangel und Mosquitos zu leiden. Ein dichter Papyrusgürtel verhüllt von dem niedrigen Lande aus meist den freien Blick auf den Nyansa.

Am 20. Mai überschritten wir die schmale flache Landenge, welche die breite Bergmasse von Majita mit dem Festland verbindet und erreichten das Ufer des offenen Nyansa gegenüber den Kurasu-Inseln. Die Wakwaya, ein den Waschaschi nahestehender Stamm, hatten hier zahlreiche Dörfer angelegt, die sich stundenlang in ununterbrochener Reihe am felsigen Nyansa-Ufer hinziehen. Schöne geräumige Hütten bilden Ortschaften, die auf der Landseite von dichten buschigen Euphorbienhecken abgeschlossen sind, durch welche nur ganz niedrige, mit Stachelgestrüpp versperrbare Thore führen. An diese Hecken schliessen sich die weiten Felder, in welchen hauptsächlich Mawele (Penicillaria) mit seinen hohen Stengeln gedeiht und besonders viele Tabakpflanzungen auffallen. Die Eingeborenen begegneten uns freundlich, warnten uns jedoch vor ihren Nachbarn, einem Gemisch von Waruri und Wagaya, die den Distrikt Mugango bewohnen. Da solche Warnungen sehr häufig und meist wenig begründet sind, legten wir kein besonderes Gewicht darauf und brachen am 21. Mai nach Mugango auf. Wir überstiegen die Hügelketten, welche eine Halbinsel ausfüllen und gelangten an das Ende der Mugango-Bucht, die von zahlreichen Dörfern eingesäumt ist. Die Eingeborenen sassen mit ihren 3 m langen Speeren unbeweglich auf Termitenhügeln und anderen erhöhten Punkten und betrachteten die Karawane, welche durch die Felder zog. Sie waren jedoch keineswegs unfreundlich und als wir an den Suguti-Bach gelangten, der nicht durchwatbar ist, führten sie uns etwa eine Stunde landeinwärts, wo eine natürliche Brücke den Uebergang ermöglicht. Auf schwankenden Baumstämmen kletterten wir hinüber und lagerten jenseits auf einem Hügel, weit ausserhalb des Dorfgebiets.

Nachdem die letzten Nachzügler angelangt waren, wurde mir das Fehlen eines Sudanesen-Soldaten gemeldet. Diese Leute zeigten sich den Strapazen in keiner Weise gewachsen, waren als Soldaten nicht mehr und kaum noch als Viehtreiber verwendbar, und Mzimba hatte seine liebe Noth sie vom Fleck zu bringen. Diesmal war nun doch ein Nachzügler seinem Späherblick entgangen oder hatte sich, wie dies bei den Sudanesen zu jener Zeit gewöhnlich war, vor demselben verborgen. Uns lag nun die Aufgabe ob, diesen Sudanesen zu suchen und ich sandte 10 Mann unter Kipishi und 7 Mann unter dem Askari Munyishomari, der schon meine Usambára-Expedition mitgemacht, um dem Vermissten nachzuforschen. Bei der friedlichen Haltung der Eingeborenen hielt ich es keineswegs für bedenklich, so kleine Abtheilungen auszusenden.

Gegen 3 Uhr Nachmittags hörte ich heftiges Schiessen und schloss daraus, dass die Patrouillen angegriffen worden seien. Ich brach sofort mit 20 Mann in höchster Eile auf und kam eben zurecht um zu sehen, wie die Leute der Abtheilung Kipishi sich verzweifelt gegen eine riesige Uebermacht von Eingeborenen wehrten, die mit den Speeren wüthend auf sie eindrangen und sie immer weiter zurückdrängten. In ihrer blinden Wuth sahen diese Wilden uns gar nicht anrücken und eine plötzlich in ihre Flanke einschlagende Salve machte furchtbare Wirkung. In wilder Flucht lösten sich die überlebenden Gegner auf und unsere hart bedrängten Leute begrüssten mit Jubel ihre Rettung. Es war auch Hilfe in der Noth! Ein braver Ruga-Ruga, Borafya, lag von Speerstichen durchbohrt am Boden, viele Andere bluteten aus zahlreichen Wunden. Zwei Mann, der Anführer Kipishi und sein Vetter Hassani fehlten und wir eilten weiter um sie aufzufinden. Im Dorfgebiet, unweit des Nyansa, fanden wir die Leiche Kipishis, die Brust von Speeren zerfleischt. Hier hatte der räuberische Angriff stattgefunden.

Kipishi und seine Leute waren auf eine Anzahl Eingeborener gestossen und hatten sie gefragt, ob sie den vermissten Sudanesen nicht gesehen hätten. Da drangen die Krieger plötzlich auf sie ein; nach heftiger Gegenwehr, in der er zwei Mann fällte, fiel Kipishi und die anderen zogen sich dann langsam zurück. Von Hassani war nichts zu sehen und wir verzweifelten schon, ihn zu finden als wir von der Mündung des Suguti her laute Rufe hörten. Bald darauf wurde Hassani, mit dem Gewehr in der Hand und nur leicht verwundet aus dem Wasser gezogen. Er hatte an der Seite Kipishis bis zu dessen Ende ausgehalten, war dann, von den Gefährten abgeschnitten und von wüthenden Schaaren verfolgt, in den schilfreichen See gesprungen. In Kanus folgten ihm die Eingeborenen und stachen mit den langen Speeren in's Wasser, doch Hassani, ein geschickter Schwimmer und Taucher, wusste sich zu verbergen und rettete sich dadurch.

In dunkler Nacht kehrten wir ins Lager zurück und erfuhren, dass von der Abtheilung Munyishomari's noch Niemand angelangt sei. Es war anzunehmen, dass auch diese, noch dazu schwächere Patrouille angegriffen und möglicher Weise aufgerieben worden war. Wir suchten durch Raketen, Signalschüsse und Trommeln etwa versprengte Leute anzulocken, doch blieb unser Bemühen lange vergeblich.

Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten an; es war der Askari Kiroboto, ein ruhiger, intelligenter Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte! Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.

Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten; gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli, gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist. Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen, die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen — und mir selbst — als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber in Manyema.

Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze — und vielfach ja auch der Weisse — einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht, diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum Helden erziehen.

Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen. Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf, ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte Salven — die Leute bekamen mit der Zeit Uebung — richteten schwere Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger — wohl 800 an der Zahl — davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.

Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten. Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden. Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre. Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden, worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.

Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines Hügels lag auch das Dorf Uanékera, wo wir zwischen den braunen Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet. Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat, ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast ausschliesslich davon leben können.

Dorf der Waschaschi.

Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns, freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten. Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir mit süss-saurer Miene von einander Abschied.

Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste — wie ich später erfuhr — der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen Schaden verantwortlich zu machen.

Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp, verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung aus, die der Marafluss als silbernes Band durchzog, der sich, an Stelle des Rubana, als Unterlauf des Ngare dabasch erwies.

Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten die Landschaft Uaschi, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.

TAFEL VII

Felsdorf in Uaschi.

Am 28. Mai ging es durch eine breite, leicht versumpfte Niederung und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten, deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft Ngoroïne oder Ungroïme an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war, während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde. Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern bestehendem Kopfputz.

Saiteninstrument der Wangoroïne.

Ein tüchtiges Fieber — wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen — fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden. Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen, und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach Elfenbein zu forschen.

In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes, reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft, bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf, dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede hervorrufen!

Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben, so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer nachgewiesen war.

Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach Nata. Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall verstreut sind. Hier entspringt der Rubana, den wir am 7. Juni als kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen, die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.

Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie zu retten, »die Massai kämen.« Diese Gefahr konnte mich allerdings nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.

Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes, bewohntes Land nach Ikoma, wo wir den alten Lagerplatz vom 2. April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren äusserstes Urungu ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11. Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche, am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.

Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir, sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen sah, einen Löwen getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.

Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.

Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von Ututwa, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die oft kaum die Brust bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck. Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten, erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.

Krieger aus Usukuma.

Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven — der besten Feuerart gegen Wilde — trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation — zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten, kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten Unteroffiziers.

Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel: das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.

Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die Landschaft Ntussu. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt einherzulaufen.

Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss, der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.

Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten die Landschaft Meatu, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch Wataturu die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe hamitische Gesichtszüge auszeichneten.

An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden umgeben, hatte ein Halbaraber Munyi Hemedi (Mwelekwanyuma) eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht, viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen, sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.

Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu.

Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor. Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.

In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte; sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste, zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa führt.

Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von Igulya, dem südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat. Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen. Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp. Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines Steppenvolkes, der Wanege, zu sehen sind, welche die Bäume auf der Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen, in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig, doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.

Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum Wembere-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines, ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie Schnee knirschte.

Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage, gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden. Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr geschwollenes Haupt erhoben.