Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].
ROMANE UND BÜCHER
DER MAGIE
HERAUSGEBER:
GUSTAV MEYRINK
RIKOLA VERLAG
WIEN · BERLIN · LEIPZIG · MÜNCHEN
1922
DHOULA BEL
EIN ROSENKREUZER-ROMAN
VON
P. B. RANDOLPH
AUS DEM ENGLISCHEN MANUSKRIPT
ÜBERSETZT UND HERAUSGEGEBEN VON
GUSTAV MEYRINK
RIKOLA VERLAG
WIEN · BERLIN · LEIPZIG · MÜNCHEN
1922
Copyright 1922 by Rikola Verlag A. G., Wien
Druck der Gesellschaft für graphische Industrie, Wien VI
VORWORT
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, das so ungewöhnlich viele in okkulter Hinsicht bemerkenswerte Menschen hervorgebracht hat, lebte in den Südstaaten Amerikas ein Mann, der sich P. B. Randolph nannte, in seiner Jugend Friseur war, später alle möglichen kleinen Berufe ausübte und in sonderbarem Stolz von sich behauptete, sieben Menschenrassen zu verkörpern: Inder, ägyptische Fellachen, Neger, Weiße, Turkmenen, Kreolen und Armenier.
Ich kann seinen Stammbaum natürlich nicht nachprüfen, aber Freunde, die Randolph kannten, sagten mir, sein Typus sei derart auffallend und fremdartig gewesen, daß sie keinen Zweifel in seine Angaben gesetzt hätten.
Randolph schrieb mehrere Bücher, teils Abhandlungen über sogenanntes Kristallsehen (eine Methode, Visionen durch Starren in schwarze Spiegel zu erzeugen), teils Romane höchst merkwürdigen und verworrenen Inhaltes, die sämtlich in Vergessenheit geraten sind; – das Publikum wußte nichts Rechtes damit anzufangen und wohl schon, als die Bücher erschienen, mögen die meisten Leser den Kopf geschüttelt haben, als sie ihnen in die Hände fielen.
Eines dieser Werke, »Dhoula Bel«, liegt hier vor als dritter Band der Serie »Romane und Bücher der Magie«.
Ich habe es vor vielen Jahren als Manuskript durch Vermittlung einer okkulten amerikanischen Brüderschaft, deren Gründer der Autor war, von der Witwe Randolphs, einer Negerin in Ohio, nebst anderen Schriften und einem der erwähnten schwarzen Spiegel – einem sogenannten indischen »Battah«-Spiegel – erworben.
Es sei hier kurz bemerkt, daß ich den Roman »Dhoula Bel«, keineswegs von der Ansicht ausgehend, es handle sich dabei um ein Buch von besonderem literarischen Werte, herausgebe, sondern lediglich in der Erwägung: es liegt ein starker Reiz darin, einen Blick in die Gedankenwelt eines Menschen zu tun, der, ein Schwärmer katexochen und ein Cagliostro im kleinen, ohne jemals auch nur die geringste Schulbildung genossen zu haben, plötzlich zur Feder greift und hemmungslos, ein Halbwilder und Besessener, zu uns spricht.
Eine Zeitlang war er – wenn ich nicht irre in Boston – berufsmäßiger Hellseher und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Verkauf der erwähnten magischen Spiegel, die er unter kuriosen, exotischen Zeremonien anfertigte.
Einige meiner Freunde, die Randolph kannten, schrieben mir übereinstimmend, seine Gabe räumlich hellzusehen, sei geradezu verblüffend gewesen und habe alles weit in den Schatten gestellt, was auf diesem Gebiete jemals geleistet wurde.
Tatsache ist, daß der letzte Napoleon ihn nach Paris kommen ließ; ein Kapitel in dem vorliegenden Roman behandelt Näheres darüber.
Wie Eliphas Lévi (siehe II. Band der »Romane und Bücher der Magie«) war auch er ein erbitterter Gegner des Spiritismus. – »Was immer sich in solchen Séancen zeigt«, sagte er wörtlich, »ist das Teuflischste, was ein menschliches Gehirn auszudenken imstande ist – mag es sich auch noch so engelhaft gebärden.«
Helene Petrowna Blavatsky, die bekannte Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, hatte ihn auf ihren Reisen in Amerika kennen gelernt; – sie verkehrten miteinander auf eine höchst geheimnisvolle Weise, wie mir ein Freund, der beide kannte und oft mit ihnen beisammen war, berichtet hat. »Sie schienen sich telepathisch (durch Gedankenübertragung) verständigen zu können;« – so schrieb mir mein Freund – »oft, wenn ich mit der ›old lady‹ (Spitzname der Blavatsky) beim Tee saß, sprang sie plötzlich auf und rief: Was will denn der Kerl schon wieder! – Und dann, wenn ich sie begleitete, jedesmal trafen wir den »Nigger« wartend auf irgendeinem Platze, dem Frau Blavatsky, als stünde sie unter einem Befehl, in größter Eile zugesteuert war. Was sie dann miteinander verhandelten, habe ich nie erfahren können, denn die old lady schwieg darüber wie das Grab.«
– – – »Randolph« – so heißt es weiter in dem Brief meines Freundes – »ist der unheimlichste Mensch, der mir in meinem Leben vorgekommen ist. – Ich habe mir alle Mühe gegeben, sein Inneres zu durchschauen; – vergebens. – Plötzlich, mitten im Gespräche – auf der Straße – änderte sich der Ton seiner Stimme; ein Fremder schien aus ihm zu sprechen, oft in einer Sprache – und ich kenne deren viele! –, die mir völlig unbekannt war. – – Seine Gabe, Vorgänge hellsehend zu schauen, die an weitentfernten Orten geschahen, grenzte ans Wunderbare. – – –
Da von ihm die Rede ging, er sei imstande, Frauen durch Fernsendung eines Willensstromes sich gefügig zu machen, beschloß ich eines Tages, ihm in dieser Hinsicht auf den Zahn zu fühlen und brachte das Gespräch darauf. – Wir waren gerade im Theater und es war Zwischenpause. ›Jawohl,‹ sagte Randolph, als ich ihn fragte, ›jede Frau, die ich rufe, muß kommen. Jederzeit. Sofort.‹
›Auch jetzt, zum Beispiel?‹
›Gewiß. Auch jetzt. Bestimmen Sie selbst eine von den vielen, die da unten sitzen.‹
Ich deutete verstohlen auf eine blonde junge Dame in einiger Entfernung und Randolph versank sofort, die Augen schließend, in ein starres Brüten.
Kaum zwei Minuten später erhob sich die Dame und taumelte wie eine Mondsüchtige hinaus.
Natürlich bat ich Randolph, auf der Stelle das scheußliche Experiment zu unterbrechen.«
Das Leben P. B. Randolphs ist mir nur bruchstückweise bekannt. Seine Lehre der Magie, soweit er sie anderen mitteilte, ist einesteils sublim, anderseits – negerhaft barbarisch wie nur möglich.
Näheres darüber mitzuteilen (was ich weiß, entstammt Mitteilungen aus Kreisen der von ihm gegründeten »occult brotherhood of Eulis«) ist mir mangels Raum hier nicht möglich; außerdem würde ich davor zurückscheuen, es zu veröffentlichen, denn die Sache scheint mir zu gefährlich fürs Gemeinwohl, als daß ich mich auf eine genaue Schilderung einlassen möchte.
Es genügt zu sagen: Randolph benützte als Stimulans zu magischen Handlungen sexuelle Mittel.
Sapienti sat!
Das Ende in derlei Fällen ist immer das gleiche: Irrsinn oder Selbstmord.
Randolph ging an beidem zugrunde; er erschoß sich in einem Anfall höchst sonderbarer Geistesverwirrung.
Ich zitiere wiederum meinen Freund. Er schrieb mir wörtlich: – – – »Die Ursache des quasi über Nacht entstandenen Hasses zwischen Frau Blavatsky und Randolph ist mir vollkommen unbekannt. Vielleicht war es Rivalität. Jedenfalls ist die old lady Siegerin geblieben.« – – – – Dann heißt es am Schlusse des Briefes:
»Es war in Adyar (Indien). Frau Blavatsky und ich saßen regungslos und schweigend auf unseren Sesseln unter großen Schirmen, denn es war glutheiß. Plötzlich rief Frau Blavatsky: ›Jetzt schießt er auf mich, der Nigger! – – – So, jetzt hat ihn der Teufel geholt.‹
Auf meine erstaunte Frage, was denn los sei, erzählte sie mir, Randolph habe sie soeben auf magische Weise ermorden wollen, indem er (in Amerika! Tausende Meilen entfernt!) eine Pistole geladen habe mit dem Willensbefehl, die abzuschießende Kugel möge sich dematerialisieren (entstofflichen) und sich in ihrem Herzen (Blavatskys) wieder zu Blei zusammensetzen. Im letzten Augenblick jedoch sei Randolph wahnsinnig geworden und habe sich selbst in die Stirn geschossen.
Ich glaubte das natürlich nicht, aber für alle Fälle notierte ich mir Stunde, Datum und Minute.
Was ich ungefähr ein Jahr später von Kate (Randolphs Witwe) in Ohio erfuhr, hat mich tief erschüttert: tatsächlich hat sich der Nigger genau zur selben Zeit in die Stirn geschossen. – Du wirst mir ja glauben und ich erzähle es auch nur dir. Anderen gegenüber schweige ich lieber, damit es nicht wieder heißt: ›Ach ja, theosophischer Hofklatsch.‹«
Ich hielt es für angebracht, diese »Anekdote« (so wird es wohl die größere Anzahl der Leser nennen) über Randolphs Leben hier wiederzugeben.
Worauf ich jedoch die Aufmerksamkeit in »Dhoula-Bel« besonders lenken möchte, da es mir zur Erkenntnis spiritistischer Phänomene wichtig scheint, Ist das Kapitel über den Mediator »Nibchi«.
Starnberg, im Herbst 1921
GUSTAV MEYRINK
DHOULA BEL
Ein Rosenkreuzer-Roman
ERSTES BUCH
1. Kapitel
DER SELTSAME MANN
Er setzte sich müde am Wegrand der Landstraße nieder, denn er war weit gewandert an jenem Tage. Seine Füße waren wundgelaufen und seine Körperkraft war durch die Not und das Elend, das er durchgemacht, beinahe erschöpft. Seine Augen blickten verstört und ein Dunstkreis schwerer Düsterkeit umgab ihn, deutlich fühlbar für alle, die in seine Nähe kamen und ihn anblickten. Er war ein Mensch, den schwere Sorgen drückten.
Und als er so am Wegrand saß, das Haupt auf seinen Stock gestützt, quollen bittere Tränen zwischen seinen Fingern hervor und netzten den Boden zu seinen Füßen. In späteren Zeiten erwuchs hier eine Zypresse, der Baum der Sorge, und grünte in düsterer und trauervoller Schönheit, wie um den Ort zu bezeichnen und zu behüten, wo einst der Mann seine klagende Stimme erhoben und laut geweint hatte.
Doch das lag viele Jahre zurück und war der Anlaß zu meiner Bekanntschaft mit dem Manne, der in diesem Buch eine so hervorragende Rolle spielt. Damals bekannte sich der Verfasser dieses Buches zwar noch zu allen religiösen und psychologischen Glaubenssätzen des Christentums, mißtraute ihnen aber innerlich und hätte jemand auf gewisse geheimnisvolle Möglichkeiten, die seitdem bestätigt und bewiesen wurden, auch nur angespielt, so hätte er ihm ganz gewiß ins Gesicht gelacht und ihn für einen hervorragenden Narren oder Idioten gehalten. Seitdem hat sich manches geändert.
Der Mann am Wegrand war von mittlerer Größe, weder beleibt noch mager, von schönem Mittelmaß. Kopf und Stirn waren breit und durch gewisse Eigentümlichkeiten der Kopfform in Wirklichkeit viel massiger, als es auf den ersten Blick schien. Der geistige Organismus des Mannes erhielt sich auf Kosten des körperlichen, da sein Nervensystem, wie bei allen derartigen Menschen, geradezu krankhaft empfindlich und reizbar war. Nichts Rohes, Brutales, Niedriges oder Pöbelhaftes war an ihm, weder von Natur noch durch Erziehung, und wenn je Im Kampf des Lebens eine dieser schlechten Eigenschaften bei ihm auftrat, so war dies lediglich widrigen Umständen zuzuschreiben, und der Behandlung, die er von der Welt erfuhr. Von Natur war er offen, wohlwollend und großmütig bis zur Schwachheit, und diese Züge nützten die Menschen zu seinem Unglück aus. Mit überreichen Fähigkeiten ausgestattet, die tiefsten und abstraktesten Fragen der Philosophie und Metaphysik zu lösen, war er doch vollkommen unfähig, die kleinsten geschäftlichen Angelegenheiten zu erledigen, selbst wenn sie nur ein geringes Maß von finanzieller Geschicklichkeit erforderten.
Eine natürliche Folge davon war, daß dieser Mann mit allgemein als gut anerkannten Eigenschaften beständig das Opfer des ersten besten hergelaufenen Schurken wurde, von dem »Freunde« angefangen, der ihm sein halbes Vermögen abborgte, angeblich um die Hälfte davon anzulegen – in Wirklichkeit, um das Ganze zu behalten, bis zu seinem Verleger, der ihn um Geld und Zeit betrog.
Sein Gesicht war lohfarben gleich dem der Araberkinder in Beirut und Damaskus. Form und Stellung von Kinn, Backenknochen und Lippen verrieten mehr passive als aktive Stärke. Der Mund mit seiner leicht vorstehenden Oberlippe und zwei kleinen Falten an den Mundwinkeln deutete auf Geschicklichkeit, Leidenschaft, Mut, Festigkeit und Entschlossenheit. Die Wangen waren leicht eingefallen; dies deutete auf Kummer und Verdruß, während die ein wenig vorstehenden und breiten Backenknochen auf seine farbigen Vorfahren hinwiesen. Die Nase war nur durch die Beweglichkeit der Nasenflügel bemerkenswert, die ein leicht entzündliches Temperament verriet. Es bedurfte auch tatsächlich nur eines geringen Anlasses, um ihn aus einem passiven, geduldigen Menschen zur Verkörperung mannhafter Kampfbereitschaft für eine gerechte Sache zu machen oder zu einem Dämon von Haß und wahnwitziger Rachgier.
Seine Augen oder vielmehr sein Auge – denn eines war durch einen Unglücksfall nahezu zerstört – war von einem tiefen, dunklen Nußbraun, das das Volk pechschwarz zu nennen pflegt. Es strahlte einen merkwürdigen magnetischen Glanz aus, wenn er auf der Rednerbühne sprach. Er war seinerzeit ein Volksredner gewesen und hatte auf diesem Gebiet keine geringe Berühmtheit erlangt. Wer ihn einmal so gesehen oder gehört, konnte ihn nie wieder vergessen, so verschieden war er von allen anderen Menschen, und so bezeichnend und eigenartig waren seine Eigenschaften.
Er war ein ganz einzigartiger Mann – dieser Rosenkreuzer –; ich kannte ihn wohl. Manche Stunde sind wir beisammen in dem kühlen Schatten irgendeiner alten, ehrwürdigen Ulme auf den grünen, blumenbesäten Ufern von Connecticuts Silberstrom oder unter einer turmhohen Palme am Ufer des alten Nils, im weißen Lande der Pharaonen, der Magie und der Mythen gesessen, wobei er beständig in mein Ohr seltsame, seltsame Sagen flüsterte – Sagen aus uralter Zeit – die meine dürstende Seele trank, wie die von der Sonne ausgetrocknete Erde den ersehnten Regen, oder der Sand die Tränen weinender Wolken. Und diese Erzählungen, diese Sagen, stellten die wildesten Phantasiegestalten Germaniens weit in den Schatten. Besonders betroffen war ich über eine Andeutung, die einmal seinen Lippen entfloh, daß viele Menschen auf dieser Erde und er selbst unter ihnen schon früher auf dieser Welt gelebt hätten, und daß er sich zu gewissen Zeiten deutlich an Orte, Personen und Ereignisse erinnere, die vor der Zeit lagen, in der er seine gegenwärtige Gestalt angenommen, und daß demnach sein wirkliches Alter sogar das Ahasvers, des ewigen Juden, noch übertreffe.
Dieser Mann, mein Freund, sprach während unserer Bekanntschaft oft von der weißen Magie und gelegentlich versteifte er sich geradezu hartnäckig auf seine seltsame Seelenwanderungsdoktrin. Doch das war nicht alles: er behauptete, die Seelen der Menschen verließen zuweilen ihre Körper für ganze Wochen, während dieser Zeit würden dann die verlassenen Leiber von anderen Seelen bewohnt, manchmal von der eines für immer entkörperten Erdenmenschen, ein andermal von der eines Bewohners des Luftraumes, der, so inkarniert, nach Belieben auf Erden umherstreife. Wurde er um eine klare und bündige Erklärung gebeten, dann sprach er seinen festen Glauben aus, daß er auf diese Weise viele Menschenleben hindurch gelebt habe, und aus Gründen, die nur ihm bekannt seien, verurteilt worden, weiter auf Erden zu wandern wie der große Artefius – jener andere Rosenkreuzer – bis die Vollführung einer bestimmten Tat (bei der er selbst, unfreiwillig, tätig mitwirken sollte) ihn davon erlösen und ihm erlauben würde, das Los anderer Sterblichen zu teilen.
Als eine Begleiterscheinung seiner Verschiedenheit von anderen Menschen ist es wohl auch anzusehen, daß er mit gewissen übersinnlichen Kräften ausgestattet war, darunter mit einer seltsamen Fähigkeit des Hellsehens. Diese Fähigkeit, mochte sie auch nicht immer offenkundig sein, setzte ihn bisweilen instand, Dinge, Personen und Ereignisse zu sehen und zu beschreiben, sogar über das Weltmeer hinüber, und die geheime Geschichte und die Gedanken des verschlossensten Menschen so leicht wie in einem Buch zu lesen. Anfänglich bezweifelte ich seine Behauptungen, führte sie auf einen abnormalen Geisteszustand zurück oder lachte über die tolle Behauptung, daß irgendeiner mitten im neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung im Ernst so außerordentliche Kräfte für sich in Anspruch nehmen könne. Wie bereits gesagt, wies seine Gesichtsfarbe darauf hin, daß er ein Mischling war – nicht gerade ein Bastard – aber ein Mensch, in dem das Blut von mindestens sieben verschiedenen Rassen floß. Aus seiner Art zu reden hätte man schließen können, daß seine Erziehung nicht ganz vernachlässigt worden, aber sicherlich ganz anders beschaffen gewesen war, als die in christlichen Ländern allgemein gebräuchliche. Es war, wenn überhaupt, sehr wenig feine Sitte an ihm – nicht etwa, daß es ihm an Höflichkeit oder Glätte gefehlt hätte –, aber seine Art war die der Flüsse, Wälder und Seen, nicht die der Salons und der Stätten des guten Tons. In allem, was sein Innenleben betraf, war er rätselhaft, und zwar meist dann, wenn er sich am offensten zu geben schien. Mir erschien er am Ende einer zehnjährigen Bekanntschaft noch sphinxhafter als am ersten Tage. Obwohl arm, hatte er doch ausgedehnte Reisen gemacht. Exotisch in seiner äußeren Erscheinung und seinem Geschmack, war er es noch mehr seiner Geistesverfassung nach und in allem, was Träumerei, Philosophie und Gefühlsleben betraf.
Nach dieser Schilderung der Hauptperson meiner Erzählung gehe ich nun dazu über, eine andere Seite aus dem Lebensbuch dieses Mannes wiederzugeben.
2. Kapitel
SEINE JUGENDZEIT – DIE SELTSAME LEGENDE
Und da saß der seltsame Mann am Wegrand – traurig, still weinend – als wollte sein Herz brechen. Seine Sorge hatte keine geringe Ursache. Es war nicht augenblicklicher Mangel an Nahrung, Unterkunft oder Kleidung, aber sein Herz war voll und seine Quellen flossen über. Die Welt hatte ihn ein Genie genannt und ihn als solches verzärtelt, gepriesen, bewundert und dabei hungern lassen; kein Funken Mitgefühl die ganze lange Zeit über, keine Spur von uneigennütziger Freundschaft. Die große Menge hatte sich um ihn gedrängt, wie die Gaffer der Großstädte sich um die letzte Neuheit im Panoptikum drängen, um dann, zufriedengestellt von der Besichtigung, sich abzuwenden und ihn seiner ganzen grenzenlosen Einsamkeit und seinem Elend zu überlassen.
Im Alter von acht Jahren war er in der römisch-katholischen Kirche auf den Namen Beverly getauft worden. Von seinem Vater erbte er wenig, außer dem hochfliegenden Geist und der ehrgeizigen rastlosen Natur sowie einer Empfänglichkeit für leidenschaftliche Erregungen, so groß, daß sie auf sein ganzes Leben dauernd und stark einwirkte. Nur ein Jahr lang genoß er regelrechten Schulunterricht, alle späteren geistigen Errungenschaften verdankte er nur seiner eigenen Anstrengung. Sein Vater liebte ihn wenig, um so mehr aber seine Mutter. Er war mit allen seinen Zähnen geboren worden und alte Klatschbasen weissagten ihm daraus eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn; außerdem bestärkten gewisse merkwürdige Geisterbesuche vor und kurz nach seiner Geburt seine Mutter in der Einbildung, daß er zu keinem gewöhnlichen Schicksal bestimmt sei.
Zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre vor dem Beginn dieser Erzählung wohnte in der New York City, da, wo damals die Canal Street lag, in dem Hause Nr. 70 eine Frau, deren Gesichtsfarbe die einer Mississippiquarterone[1] war. Sie stammte aus Vermont und genoß den Ruf, das schönste Weib in dem Staate und vielleicht auf der ganzen Welt zu sein. Ihr Geist war ebenso vielseitig wie ihr Äußeres reizvoll. Ihr Leben verlief bis zu jener Zeit sehr bewegt und im Grunde tief unglücklich. Ihr Feinsinn, ihre Natur und Erziehung, ihr Charakter und ihre Fähigkeiten verlangten nach einer höheren gesellschaftlichen Stellung als die, die sie aus pekuniären Gründen einnehmen mußte. Ein anderer Grund für ihre Unrast war eine unglückliche Ehe. Ihr Gatte war nach langjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, während welcher sie ihn für tot gehalten und eine zweite Ehe mit dem Vater ihres Söhnchens geschlossen hatte, und seit jenem Augenblick empfand sie niemals mehr auch nur einen kleinen Teil dessen, wonach sie sich jahrelang gesehnt, jene Liebe und Zuneigung, die als Tugend der Mütter gerühmt wird und die allein das Leben zu einem Segen machen und den rauhen, dornigen Pfad ebnen kann.
Flora Beverly war unmittelbar verwandt mit den rothäutigen Söhnen der nördlichen Prärien, aber dieses Blut vermischte sich mit dem edleren Safte aus den Adern ihres Vorfahren, des Cid. Als sie heiratete, dachte sie sich als den Mittelpunkt eines Königreiches von ungetrübten Freuden und Wonnen zu sehen, darin sie als unbestrittene Herrscherin regieren wollte. Der Mann, den sie gewählt, nahm sie wegen ihrer Schönheit. Er glaubte mit ihrem Besitz den Himmel auf Erden zu erlangen. Beide wurden bitter enttäuscht. Ihr Gatte wußte nur die äußeren, oberflächlichen Eigenschaften und Vorzüge seiner Frau zu würdigen, während ihr inneres, höheres, besseres Ich – ihre Seele – ihm eine terra incognita war, die zu erforschen ihm, wie es bei so vielen anderen Ehemännern der Fall ist, nicht im entferntesten einfiel.
Und so erwachten die beiden, nachdem der erste Rausch der Sinnlichkeit vorüber war. Der Mann kam zur Erkenntnis, daß sein Weib für ihn ein »recht niedliches Püppchen«, die Frau, daß ihr Gatte ein Tier war, dessen Seele fest unter seinen Sinnen schlief, und sie selbst seine Sklavin und sein Opfer. Naturgemäß wurde sie bald ihres seichten Lebens müde und verlor den Geschmack daran. Da sie fühlte, daß sie von den vielen, die um sie her lebten, nicht verstanden und gewürdigt wurde, verschmähte sie jede Berührung mit ihnen und zog sich ganz in sich selbst zurück, um allmählich ihre Sehnsucht mit jeder Faser ihres Herzens auf die zahllosen Millionen der Toten zu richten. Sie rief sie zu Hilfe und glaubte mit religiöser Inbrunst, ihre Bitten seien erhört und indem sie sich ganz ihrer geheimnisvollen Fürsorge und Leitung überließ, führte sie fortan ein doppeltes Leben – ein Schattenleben in der Welt, ein wirkliches Leben im Lande der Geister. So wurde sie eine Seherin, eine Träumerin und in der für sie wenigstens wirklichen und tatsächlichen Verbindung mit den stolzen Geistern dahingegangener Völker, deren Häupter ihre Vorfahren in beiden Linien gewesen waren, suchte sie Mitgefühl für ihre Sorgen und für ihre seltsamen inneren Freuden. Und sie fand, was sie suchte, oder was für ihre impulsive Seele auf das gleiche heraus kam, sie glaubte es gefunden zu haben. Zuerst hatte sie einige Schwierigkeit, das, was sie für das leise Flüstern der ätherischen Bewohner des unsichtbaren Reiches Manitous hielt, in die verständliche menschliche Sprache des Herzens und der Worte zu übertragen. Sie sehnte sich glühend nach einem freieren Verkehr mit den Toten, und sie wurde befriedigt.
Die arme Flora, dieses merkwürdige Mischgebilde von Natur und Kunst, sollte ein Kind gebären, und dieses Kind – der Held dieses Buches – wurde unter den Umständen geboren, von denen hier berichtet wird.
Im Herzen dieser Frau schlummerte, wie ich schon sagte, ein Vulkan. Ihre überströmende Seele verkörperte sich wieder in dem Sohn, den sie geboren, und sie pflanzte dem Kinde ihre eigene brennende Sehnsucht nach Liebe und Gegenliebe ein, alle ihre mystischen Neigungen, ihre Vorliebe für das Geheimnisvolle, all ihr metaphysisches Streben nach unirdischen Beziehungen, ihre ganze entschlossene und doch fast verzweifelte, leidenschaftliche, impulsive, edle Natur, alles, alles fand in ihm Wohnung und Namen.
So trat er in die Welt, von der Geburt an zu seltsamen und bitteren Erfahrungen verurteilt – verurteilt, allein und ohne Freunde dem schneidenden Wehen der Winterstürme und der glühenden Hitze der Sommersonne zu trotzen; sich an die Hoffnung auf einen frühen Tod anzuklammern und dabei doch mit zehnfacher Zähigkeit am Leben zu hängen.
An dieser Stelle will ich den Inhalt eines Berichtes wiederholen, den er selbst über seine Kindheit und seine geheimnisvollen Erfahrungen mit den Geistern gab. Man hatte ihn einmal über gewisse ihm zugeschriebene außergewöhnliche Kräfte befragt und er entgegnete darauf:
»Als ich noch ein kleines Kind war, wohnte meine Mutter in einem großen, dunklen, düsteren, alten Steinhaus auf Manhattan Island. Damals war New York fast nur ein Viertel von dem, was es jetzt ist, und jenes Haus lag eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt. Es steht noch heute an der gleichen Stelle, aber die City ist meilenweit darüber hinaus gewachsen. Das Gebäude war in Zeiten, wo Pest, Fieber, Pocken oder Cholera wüteten, als Pesthaus oder Lazarett benützt worden und in ihm sind Tausende an jenen Krankheiten gestorben; von ihm aus nahm in meinem fünften Lebensjahre die Seele meiner Mutter ihren ewig dauernden Flug.
Viele waren bereit, einen Eid darauf zu schwören, daß das alte Haus von Geistern heimgesucht werde, die in schrecklichem Schweigen durch die feierlichen, stattlichen Säle des massigen Inselschlosses wandelten. Aber im allgemeinen hatten die Zeugen solcher Geisterbesuche weder Zeit noch Neigung, um die Bekanntschaft mit den Besuchern zu pflegen – ausgenommen einer, ein Apotheker namens Banker, der einmal einer jener Erscheinungen eine Verwünschung zurief, worauf diese ihm einen Schlag auf den Kopf versetzte und ihm zur Strafe für sein Majestätsverbrechen die Kinnlade vollständig zerschmetterte. Von dieser einen Ausnahme abgesehen, beeilten sich alle, die einem jener Geister begegneten, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, und es war erstaunlich, mit welch überraschender Schnelligkeit selbst Gichtbrüchige die Flucht ergriffen, wenn einer von denen, die mit einem Schafhäutchen über dem Gesicht geboren waren, und denen daher im Volksmund die Fähigkeit zugeschrieben wurde, Geister zu sehen, erklärte, es sei ein Gespenst in der Nähe; und da derartig Bevorzugte Geister sehen konnten, so wünschte ich mir oft, ich möchte einem begegnen, der mit zwei Schafhäutchen geboren war, so daß er sie nicht nur sehen, sondern auch mit ihnen sprechen könnte.
Viele glaubten nicht an Geister. Ich glaube an Geister der verschiedensten Arten, die ich im folgenden aufzählen möchte: 1. Es gibt Abbilder, die von den Seelen ausgesandt und irgendeinem andern weit Entfernten sichtbar werden. 2. Die Erzeugnisse einer erhitzten Phantasie – die Vorspiegelung der Geister – die Folgen von Gehirnfieber, Trunkenheit, Opium und andere Hirngespinste. 3. Die Geister toter Menschen. 4. Geistige Wesen von anderen Planeten. 5. Wesen von ursprünglichen Welten, die nicht gestorben, aber nichtsdestoweniger von so feiner Struktur sind, daß die Gesetze der Materie, denen wir unterworfen sind, für sie nicht gelten, und die, indem sie so unter die Wirksamkeit jener Gesetze fallen, die die entkörperten Menschen regieren, imstande sind, alles zu tun, was jene tun. 6. Ich glaube, daß menschliche Wesen aus Verzweiflung oder bösem Willen häufig geistige Harpyen ins Leben rufen, die furchtbare Verkörperung ihrer bösen Gedanken. Das sind quasi Dämonen, die so lange existieren, als ihre Schöpfer unter der Herrschaft des Bösen stehen. 7. Ich glaube an eine ähnliche, aber von den guten Gedanken guter Menschen ausgehende Schöpfungskraft, die lieblichen Emanationen sehnsüchtiger Seelen. Man beachte diese sieben Klassen wohl. Sie bilden eine genaue Darstellung der Lehre ›der Rosenkreuzer von der höheren Ordnung‹.
Als ich etwa fünf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule nach Hause und fand die irdische Hülle, die körperliche Gestalt der einzigen Freundin, die ich je besessen, meiner Mutter, kalt und zusammengesunken. Welch ein Schlag für mein Kinderherz! Sie war an jenem Morgen der Erde müde geworden, hatte heiter und vertrauensvoll ihre liebevollen Augen geschlossen; und ich blieb allein zurück, um gegen vier mächtige Feinde zu kämpfen: Vorurteil, Armut und meine eigene Natur. Der vierte ist fast zu schrecklich und zu phantastisch, als daß man ihn für möglich halten könnte, aber ich will erzählen:
DIE LEGENDE
Vor vielen, vielen Jahrhunderten lebte in dem Lande, wo in späteren Zeiten Babylon und Ninive standen, ein mächtiger König, dessen Macht groß und unbestritten war. Weise, wohlgebildet, aber exzentrisch, hatte er eine Tochter, die über alle Beschreibung lieblich und klug und schön war. Könige und Fürsten bewarben sich vergebens um ihre Hand, denn ihr Vater hatte geschworen, er werde sie keinem anderen Mann geben als dem, der ihm ein Rätsel lösen könnte, das er, der König selbst, ihm aufgeben würde; wüßte er aber die Lösung nicht, so müsse er sterben. Das Rätsel lautete: »Welches sind die drei wünschenswertesten Dinge unter der Sonne, die nicht die Sonne sind, die aber in der Sonne wohnen?« Tausende von heiteren und ernsten, weisen und ehrgeizigen Männern versuchten die Lösung, fanden sie nicht, ließen ihr Leben und bestiegen das fahle Roß des Todes.
Inzwischen war weit und breit verkündet worden, daß Purpurgewänder, goldene Ketten, der höchste Rang im Reiche und die Hand der Prinzessin die Belohnung des Glücklichen sein würden.
Eines Tages nun kam eine glänzende Gesandtschaft von dem König des Südens an den Hof, die ein Bündnis schließen wollte, und neue Verträge vorschlug. In ihrem Gefolge befand sich ein junger Dichter, der der Gesandtschaft als Dolmetsch diente. Dieser Jüngling hörte von der merkwürdigen Angelegenheit, erkundigte sich nach den Bedingungen und prägte sich das Rätsel ein. Vier lange Monate hindurch brütete er darüber und dachte nach, indem er alle möglichen Antworten in seinem Geist erwog, aber ohne eine zu finden, die allen drei Erfordernissen gerecht wurde.
Um ungestört nachdenken zu können, pflegte sich der junge Mann in eine Grotte hinter dem Palast zurückzuziehen und sich dort das Rätsel und alle möglichen Lösungen durch den Kopf gehen zu lassen. Als die Prinzessin davon hörte, beschloß sie, ihn zu beobachten und führte diesen Entschluß auch aus. So sah sie ihn täglich, ohne daß sie von ihm bemerkt wurde, und bald wurde sie von Liebe zu ihm so entflammt, daß sie ihn mehr liebte als ihr Leben.
Eines Tages nun schlief der Jüngling in der Grotte ein und sein Haupt lag dabei gerade über einer Felsspalte, aus der ein sehr feiner, leichter Dampf hervorströmte, der ihn bald in einen Traumzustand versetzte, in dem er die Prinzessin selbst zu sehen glaubte, unverschleiert und lieblicher als die Blumen, die in des Königs Garten blühten. Er glaubte sodann eine Inschrift zu sehen, die ihn aufforderte, nicht zu verzweifeln, und zu gleicher Zeit stand vor seinem Geiste der Satz, der später die Losung jener mystischen Brüderschaft wurde, die einige Jahrhunderte lang unter dem Namen der Rosenkreuzer bekannt war: ›Es gibt keine Schwierigkeit für den, der ernstlich will.‹ Und mit diesem Satz kam ihm die Lösung von des Königs Rätsel, an die er sich erinnerte, als er erwachte. Sogleich erklärte er, er sei bereit, das zu versuchen, was so vielen Abenteurern das Leben gekostet hatte. Es wurden umständliche Vorbereitungen getroffen, wobei der Henker nicht vergessen wurde, der mit einem blanken Schwert bereit stehen mußte, um den Dichter um einen Kopf kürzer zu machen, wenn er die Lösung nicht fände. Zur bestimmten Stunde versammelte sich der ganze Hof, darunter auch die Prinzessinnen in dem größten Saale des Palastes. Der Dichter näherte sich den Stufen des Thrones, kniete nieder und sprach: »O König, mögest du ewig leben! Welche drei Dinge sind wünschenswerter als Leben, Licht und Liebe? Welche drei sind untrennbarer? Und was kommt mehr von der Sonne und ist doch nicht die Sonne? O König! Ist dem Rätsel gelöst?« »Ja,« sagte der König, »du hast es gelöst, und ich werde mein Wort halten.« Und er gab sogleich Befehl, die Hochzeit mit königlichem Pomp zu feiern, obwohl er, durch einen hohen Hofbeamten beeinflußt, die Dichter im allgemeinen nicht leiden konnte, und diesen einen gerade deswegen nicht, weil er glaubte, der junge Mann habe ihn bei einem der soeben abgeschlossenen diplomatischen Verträge übervorteilt. Nun geschah es, daß der Großwesir gehofft hatte, irgendwie eine Lösung des Rätsels zu finden und so den großen Preis für einen seiner eigenen Söhne zu gewinnen; und sobald nun an jenem Tage der Diwan zu Ende war, eilte er in das Privatkabinett des Königs und bemühte sich, seinen Herrn noch mehr gegen den Sieger zu stimmen, indem er ihm vorspiegelte, jener habe nur durch Zauberei gesiegt. Dies erzürnte den König so sehr, daß er seine Einwilligung gab, den jungen Bräutigam noch in derselben Nacht durch einen schnellen, heimlichen, grausamen Tod beiseite schaffen zu lassen. Zu diesem Zweck wurde bei dem abendlichen Festmahl dem Dichter ein Schlaftrunk gegeben und, als dieser seine Wirkung getan hatte, legte man ihn auf ein Ruhebett und brachte ihn dann in den Raum, der für widerspenstiges Gesinde des Hofes bestimmt war. Dieser Raum lag unter der Erde und als der Jüngling dort mit roher Gewalt auf den Boden geworfen wurde, erwachte er und sah mit Bestürzung, daß er an Händen und Füßen gefesselt war; vor ihm stand der König, der Wesir und einige Soldaten und – der Tod; denn er sah an den Blicken seiner Feinde, daß seine Tage gezählt waren. Vergebens verteidigte er sich gegen die Anschuldigung der Zauberei. Er wurde zum Tode verurteilt und der König gab sogleich Befehl zum Vollzug des Urteils. Gerade in dem Augenblick, als der tödliche Streich fallen sollte, erschien eine riesige Hand, die offenbar die erhobene Klinge aufhalten wollte. Aber zu spät, das Schwert fiel. Als es den Nacken des Dichters berührte, stieß dieser die schrecklichen Worte aus: »Ich verfluche euch alle, die ihr –« der Rest des Satzes wurde im Jenseits gesprochen; aber gleichzeitig erhob sich ein Lärm und ein Geschrei wie von tausend anklagenden Geisterstimmen, und eine von ihnen rief unter Donnergetöse: »Dieser Jüngling hat durch seine Willenskraft die Tore zu dieser Welt und zur Welt des Geheimnisses entriegelt. Er war der erste seines und deines Geschlechts, der jemals so hohen Ruhm erreichte. Und ihr habt ihn erschlagen, und er hat dich verflucht, und darum hast du, o König, und du, o Wesir, wie auch der Tote die menschliche Natur mit einer andern vertauscht. Der König wird durch die Jahrhunderte hindurch von einer Gestalt in die andere wandern. Du aber, o Wesir, wirst leben, bis dir vergeben ist; – Dhoula Bel soll dein Name sein und du sollst den König versuchen durch Menschenalter hindurch und dein Streben soll zunichte werden, so oft immer der Jüngling – der der ›Fremde‹ genannt werden wird – es so will, um der Liebe willen, die er im Herzen trug. Dieses Drama soll dauern, bis ein Sohn Adams eine Tochter Ichs heiraten wird oder bis du, o König, in einer der Gestalten deines Daseins lieben und wirklich und treu wieder geliebt werden wirst, und zwar nur um deiner selbst willen. Möge eine Ewigkeit vergehen, bis dies geschieht.««
»Fragt mich nicht,« sagte der junge Beverly, »warum, sondern glaubt mir, wenn ich sage, daß ich weiß, daß ich vor unvordenklicher Zeit jener König war; daß der Fremde meiner Mutter erschien, daß Dhoula Bel mich noch immer wegen der alten Sünde heimsucht und quält. Ich kenne das Schicksal, das über mich verhängt ist, und ich weiß, daß ich in dieser gegenwärtigen Gestalt ein neutrales Wesen bin, für das es keine Hoffnung gibt, außer der Vereinigung von mir, einem Sohne aus Adams Geschlecht mit einer Tochter Ichs, einer, die nicht aus Adams Geschlecht stammt … Das also ist das tragische Geschick, dem ich so erbarmungslos an jenem Morgen, da meine Mutter auf Manhattan Island starb, ausgeliefert wurde – verurteilt, für ein Verbrechen zu sühnen, das vor Jahrtausenden begangen worden war.«
3. Kapitel
EIN GEISTERHAFTER BESUCH
Beverly fuhr folgendermaßen fort:
»Ich wußte dies alles natürlich noch nicht, als ich fünf Jahre alt war. Das einzige, was mich vollständig beherrschte, war der Verlust meiner Mutter – ihr seltsames Schweigen – der schmerzliche Blick derer, die mein Haupt streichelten und ›armes Kind‹ sagten. Ich versuchte mit aller Kraft, männlich zu sein, wie sie mir geboten, und nicht zu weinen, aber ich konnte meine Tränen doch nicht zurückhalten.
Als ich an dem Bett stand, in dem sie so still lag, fragte ich die anwesenden Trauergäste, wohin meine Mutter gegangen sei, ob sie niemals mehr zu mir reden, mich küssen und liebkosen werde. Und sie sagten ›nie mehr‹, und wiederholten diesen schrecklichen und doch unwahren Kehrreim immer wieder, bis mein armes Herz bis zum Zerspringen voll war von Kummer und Trübsal. Und dann warf ich mich über den teuren Leichnam und weinte, bis die Tränen nicht mehr fließen wollten.
Als ich an der kalten Brust meiner lieben Mutter lag, sagte eine Frau zu mir: ›Weine nicht, armes Kind, sie ist jetzt glücklich. Sie hat den Weg zum Himmel beschritten.‹ Und ich glaubte, was die Frau sagte, und sah hinaus durch das dichte Laubwerk der dicht vor dem Hause stehenden Bäume; ich blickte sehnsüchtig zum Himmel hinauf in der Erwartung, die emporsteigende Seele wahrzunehmen, und als mein Blick auf eine silberne Wolke fiel, da glaubte ich, es sei meiner Mutter geheiligte Seele. Fast glaube ich es jetzt noch, denn, als die Wolke sich in der Bläue des Himmels in Nichts auflöste, hörte ich deutlich eine Stimme, leise, zart und ein wenig traurig, gleich den sterbenden Tönen einer Äolsharfe, die sanft vom Hauch des Zephirs berührt wird, die Worte in mein Ohr flüstern – ich damals noch nicht ganz verstand –: ›Einsamer! möge dir das Leben, das du jetzt beginnst, Ruhe bringen! Laß deinen Wahlspruch sein: ›Versuch's!‹ Verzage nicht, sondern erinnere dich immer daran, daß wir dennoch glücklich sein können, trotz alledem! Lebe in Frieden, armes Kind! Du wirst von deiner Mutter bewacht und behütet!‹ ›Und von dem Fremden‹, fügte eine andere noch hellere Stimme aus der tiefen Stille des nachmittägigen Himmels hinzu. Ich erkannte diese mystische Stimme – die erste – und fühlte, daß sie von jenseits der Schwelle der Zeit kam.
Von dieser Stunde an begann für mich und in mir ein seltsames Doppelleben. Zwei in jeder Hinsicht vollkommen wahre Vorfälle will ich erzählen, von denen der eine es mir für immer zur Gewißheit machte, daß es menschliche Wesen gibt, die die Feuerprobe des Todes überleben. Nicht lange nach meinem unersetzlichen Verlust ging ich mit einigen anderen Kindern in dem Dachzimmer jenes dunklen alten Hauses zu Bett. Irgendein lustiges Geschehnis war vorhergegangen, und wir waren alle von Freude und Heiterkeit erfüllt, und unser Frohsinn war so laut, als er sein durfte bei der Furcht vor den Ogern unter uns, die die üble Angewohnheit hatten, mit Hilfe von Riemen und Birkenruten sich Ruhe zu erzwingen. Mitten im ärgsten Lärm wurden uns plötzlich ganz langsam von einer völlig unsichtbaren Macht die Bettdecken weggezogen. Wir zogen sie wieder zurück, aber immer und immer wieder wurden sie fortgezogen, und dies war von einem Getöse und Gerassel begleitet, wie wenn fünfzig Kanonenkugeln auf dem Boden umherrollten; und das führte sogleich die Oger von unten zu uns herauf, die sehen wollten, was vorging. Soweit es uns unser Schrecken erlaubte, erklärten wir es ihnen, worauf sie schrecklich weise dreinsahen, die Bettdecken wieder in Ordnung brachten und sich zurückzogen. Kaum waren sie fort, als die Kanonenkugeln wieder über dem Boden zu rollen begannen. Und als ich den Mut aufbrachte, mich aufzurichten, um nach der Bettdecke zu haschen, die schon wieder weggezogen worden war, sah ich klar und deutlich eine weibliche Gestalt zu Füßen meines Bettes stehen, aber nicht auf dem Boden, denn sie schwebte wie eine Dunstwolke in der Luft. Es war, wenn überhaupt, nur wenig Licht in dem Raume, außer dem, welches die Erscheinung umfloß und von ihr auszugehen schien. Sie stand inmitten eines silbernen oder phosphoreszierenden Nebels, war aber in ihrem Äußern keineswegs phantastisch, sondern so klar und scharf umrissen, daß ich mich an alle einzelnen Bestandteile ihrer Kleidung erinnere, eine Tatsache, die ein Geheimnis enthält, das kein Psychologe bis jetzt zu ergründen vermochte. Die anderen Kinder, die es ebenfalls bemerkten, erschraken, ich nicht, denn ich fühlte, daß die Gestalt mir nichts tun würde, weil ja eine Mutter ihre Kinder liebt. Und diese Erscheinung war meine Mutter!
Nach diesem Vorfall verfloß eine ziemlich lange Zeit. Ich war zu einem kräftigen, lebhaften Knaben herangewachsen und hatte mich schon einige Jahre lang in der Welt umhergetrieben, als ich mich eines Tages als Schiffsjunge auf der Brigg ›Phöbe‹ aus New Bedford befand, deren Kapitän ein gewisser Alonzo Baker war, der aber nicht aus New Bedford stammte.
Auf diesem Schiff diente ich mehrere Monate, zu niemandes Zufriedenheit, auch nicht zu meiner eigenen, da ich zu klein, zu schwach und zu zart war, um die schweren Pflichten erfüllen zu können, die mir auferlegt waren, und ich mußte daher auch die üblichen Strafen dafür erleiden.
Seeleute sind stets abergläubisch, wenn auch jetzt vielleicht weniger als in der Zeit, von der ich spreche. Aber auch heute ist es trotz allen Fortschritts nicht schwer, Matrosen zu finden, die einem zwischen der Hundewache und acht Glas unter der Wetterreling ein Garn spinnen, daß sich einem die Haare sträuben wie einer zornigen Katze. – An Bord der ›Phöbe‹ befanden sich einige alte Seebären, die eine Menge Geschichten von den Geistern ermordeter Matrosen zu erzählen wußten, die mitten in fürchterlichen Stürmen erschienen, um die Maaten vor dem Mast zu ermuntern und die Seelen schuldbeladener Steuerleute und Kapitäne zu erschrecken. Dies trug natürlich dazu bei, meine abergläubischen und mystischen Neigungen zu verstärken. Oft habe ich die Nähe und die Macht des Todes oder jener, die niemals sterben, gefühlt, und oft bin ich auf geheimnisvolle Weise gerettet worden, wenn ich versucht war, an den gefährlichen Vergnügungen meiner älteren Kameraden teilzunehmen.
Seeleute lieben die Macht und freuen sich, sie über den auszuüben, den ihnen ein glücklicher oder unglücklicher Zufall in die Hände liefert; und auf jedem Schiff gibt es sicherlich einen, der die Zielscheibe kleinlicher Tyrannei und Mißhandlung ist. An Bord der ›Phöbe‹ war ich dieser eine, und da mir ein kräftiger Widerstand nicht möglich war, beschloß ich, mich zu rächen. Ich verwahrte in meiner Kiste ungefähr eine Gallone Rum, in die ich vorher etwa eine halbe Unze Krebsblumenöl aus der Medizinkiste gegossen hatte. Ich versah den Krug mit einem Zettel ›Gift‹. Krebsblumenöl ist das wirksamste gegenwärtig bekannte Abführmittel. Die Matrosen fanden den Krug, lasen den Zettel, glaubten der Aufschrift nicht, tranken die Flüssigkeit und waren folgerichtig danach für mehrere Stunden stark beschäftigt. Eine ganze Reihe von ernsten, gewandten Männern war nicht mehr zu sehen. An jenem Abend konnten sie dem Essen keinen Geschmack abgewinnen. Sie prügelten mich dafür unbarmherzig durch, aber ich war gerächt. Sie mißhandelten mich noch weiter, bis mich eines Tages ein Matrose in der Kambuse in die Nase kniff und für seine Quälerei eine halbe Gallone heißen Schmalzes auf den Unterleib bekam, die ihn sehr belästigte … Zuletzt dachte ich an Selbstmord als die einzige Erlösung, und in einem Anfall von Wut und Verzweiflung, wie sie nur einen Knaben zu überkommen pflegen, rannte ich wirklich aufs Hinterdeck, um den Gedanken auszuführen, durch einen Sprung über den Heckbord in die wogende See. Da wurde ich durch einen leisen Hauch von warmer, beinahe heißer Luft gebannt. Ich war bis in mein Innerstes durchschauert, blieb stehen und in meiner Seele wurde ein beredter und entrüsteter Widerspruch gegen meine Tollheit laut. Ich erlauschte deutlich die Worte: ›Sei geduldig! Versuch's!‹
Es ist unmöglich, all dies einer Selbsttäuschung zuzuschreiben.
Eines Abends, lange Zeit nach dem eben berichteten Ereignis, unterhielt sich eine Gesellschaft von Damen und Herren in Portland im Staate Maine in einem Hause in der Nähe des Observatoriums über das allgemeine Thema ›Geister‹ und über Lohn und Strafe nach dem Tode. Als wir uns in jenem Zimmer niedersetzten, waren wir gerade dreizehn Personen. Wir waren von der Diskussion sehr in Anspruch genommen, so sehr, daß der Gastgeber den Dienern strengen Befehl gab, uns nicht zu stören und niemand einzulassen, wer es auch sei. Und so plauderten wir darauf los; die Diener saßen in der Vorhalle an der Türe und niemand wurde vorgelassen. Mitten im Austausch der Meinungen nahm einer der Anwesenden durch seine Beredsamkeit und seine ehrwürdige Erscheinung unsere ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er sprach genau eine Stunde lang, und der Inhalt seiner Ausführungen erschütterte uns tief.
Als er geendet, schwand er uns aus den Augen und wir bemerkten nun erst, daß er der vierzehnte Gast gewesen war. Auf gegenseitiges Befragen stellte sich heraus, daß ihn keiner kannte oder früher je gesehen oder sein Fortgehen wahrgenommen hatte – nicht einmal die Dienerschaft, die erklärte, daß seit zwei Stunden niemand weggegangen sei. Man sagte ›sehr seltsam‹ und wir beschlossen, um unseres eigenen Ansehens willen die Sache zu verschweigen, doch wir kamen überein, in acht Tagen am selben Ort wieder zusammenzukommen, um die Angelegenheit näher zu besprechen und die Meinungen zu vergleichen, zu denen die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft inzwischen kommen würden.«
4. Kapitel
EINE HÖCHST SELTSAME GESCHICHTE ETTELAVAR
»An dem verabredeten Abend kam ein ausgewählter Teil unserer Gesellschaft wieder zusammen, aber keiner hatte eine Lösung des Rätsels gefunden. Unsere Unterhaltung wurde womöglich noch interessanter und spannender als beim erstenmal, und zwar wegen der ungewöhnlichen Dinge, die ich dabei erlebte. Ich war an jenem Abend so vollständig der Sache hingegeben, daß ich zwei- oder dreimal in eine Art mesmerischen Halbschlafs verfiel, der in dem Grade tiefer wurde, als die Diskussion sich steigerte, bis meine unteren Gliedmaßen kalt wurden und mich eine eisige Erstarrung befiel, worüber ich derart erschrak, daß ich, selbst auf die Gefahr hin, das Gespräch zu unterbrechen, den anderen die Verfassung, in der ich mich befand, kundtun wollte.
Wollte – denn ich versuchte es und bemerkte zu meiner Bestürzung, daß ich keine Silbe mehr sprechen konnte – daß ich nicht mehr der geringsten Bewegung fähig war. Ich war entsetzt. Die Gesellschaft war von dem Gesprächsgegenstand so sehr in Anspruch genommen, daß niemand von der an mir vorgegangenen Veränderung Notiz nahm, auch argwöhnte niemand, daß ich nicht mit größter Aufmerksamkeit bei der Sache sei.
Mit unbeschreiblichem Schrecken fühlte ich, daß mir das Leben rasch entfloh und daß der Tod langsam, aber sicher mit eisigem Griff meine Seele packte. Ich war am Sterben. Es schien mir, als sei eine lange Zeit zwischen den letzten bewußten Momenten und dem augenblicklichen deutlich bewußten Todeskampf verlaufen. Da plötzlich schoß ein scharfes quälendes Schmerzgefühl wie ein Nadelstich durch mein Gehirn. Daraufhin nahm mein Empfindungsvermögen ab, wie wenn der Körper in untätiger Passivität der Auflösung keinen Widerstand mehr leisten wollte, und es kamen, mit der Schnelligkeit des Blitzes, die fürchterlichsten Agonien, die je ein sterblicher Mensch erduldet haben mag. Als sie zu Ende waren, schwand mein Bewußtsein und ich fiel auf den Boden, wie ein plötzlich vom Tode Überraschter, zum größten Schrecken der Gesellschaft, wie man mir später sagte.
Wie lange diese physische Leere dauerte, kann ich jetzt nicht sagen, aber, während mein Körper in diesem apathischen Zustand war, wurde meine Seele zu zehnfacher Kraft aufgepeitscht; denn sie sah die Dinge in neuem, geheimnisvollem Licht und weit deutlicher, als sie es je durch die körperlichen Augen vermocht hätte. Diese Zunahme des Gesichts war von einer ebenso starken Zunahme des Gehörs begleitet, und ich hörte eine Stimme, die ganz der ähnlich war, die ich beim Tode meiner Mutter und damals, als ich mich in die See stürzen wollte, gehört, und sie sagte: »Erwache! Eine Aufgabe erwartet dich!« Gleichzeitig ließ meine Lethargie nach und ich wurde nach oben geführt und legte mich mechanisch auf ein Sofa, wobei ich meine Augen unwillkürlich auf das fahle weiße Zifferblatt einer seltsamen alten vlämischen Uhr richtete, die die ganze südliche Ecke des Zimmers einnahm. Dann ließen mich meine Freunde allein, um im Gesellschaftszimmer unten ihre Unterhaltung wieder aufzunehmen.
Das alte Zifferblatt wurde vor meinen Augen heller und heller und dehnte sich immer mehr aus, bis ich, von seiner Körperlichkeit nicht mehr behindert, in ein Meer von märchenhaftem Lichte blickte, dergleichen ich noch nie gesehen. Ich glaubte mich nicht mehr an meinen Leib gefesselt, sondern frei von Raum und Zeit, ein freier Bürger der Ewigkeit. Und ich fühlte mich auf einer Dunstwolke in die Luft emporgehoben, von dem mächtigen Arme eines seltsam blickenden alten Mannes – dem genauen Ebenbild desjenigen, der uns einige Tage vorher durch seine Erzählungen und sein geheimnisvolles Verschwinden in so große Bestürzung versetzt hatte. Er sagte, ich solle mich nicht fürchten, sondern auf mich und ihn vertrauen; nicht Böses, sondern Gutes wolle er mir tun: sein Name sei Ettelavar, seine Jahre zählten nach Menschenaltern und er sei der Gefährte derer, die sterben und wieder leben – und jener, die niemals den Tod erleiden. All dies und noch mehr sagte er mir; und er fügte hinzu, er wolle sich und mir helfen. Er kenne geheimnisvolle Mächte, die durch Jahrhunderte hindurch die Weisen und Gelehrten der Erde zu besitzen behaupten – die Narek el Gebel, die Hermetisten, die Pythagoräer, die drei Tempel des Rosenkreuzes, die mittelalterlichen und die modernen Rosenkreuzer und die zu allen Zeiten und an allen Orten lebenden Erforscher von Geheimnissen.
Während ich diesem seltsamen Wesen Ettelavar zuhörte, war mir, als ob ich im Luftraum schwebte; ich verspürte ein so intensives Lebensgefühl wie nie zuvor, und wußte zum erstenmal, was es heißt, ein lebendes, menschliches Wesen zu sein. Durch eine mir unbekannte Kraft tat Ettelavar unserer Bewegung Einhalt und die Wolke, auf der wir dahinzusegeln schienen, stand mitten im Weltraum still und er sagte zu mir: ›Sieh und lerne!‹
Wie geschäftige Insekten in der Sommersonne sah ich in weiter Ferne zahllose menschliche Wesen, die mühsam auf einer steilen Anhöhe arbeiteten, über deren Gipfel schwerfällig dichte, dunkle, düstere Wolken hingen. An ihren Rändern waren sie blutrot, wie wenn sie mit Donner gekrönt und ihr Inneres übervoll von Blitzen wäre; ihre finsteren Schatten legten sich schwer und bleich auf die Ebene unten, wie Sterbekleider auf die Glieder einer schönen Frau. ›Es ist nur eine Masse‹, sagte ich; und das Wesen an meiner Seite wiederholte in erstauntem Tone: »Nichts als eine Masse? Knabe, die Schicksale der Völker beruhen auf der Masse. Sieh weiter!« Ich gehorchte mechanisch und bald bemerkte ich eine seltsame Bewegung unter der Menge, ein Klagegeheul drang empor – ein Schrei höchster Angst – ein Schall, schwerbeladen mit Weh und Seelenleiden. Ich schauderte.
Auf der äußersten Spitze des Berges stand ein gewaltiges Monument, kein Obelisk, aber eine Art Tempel, vollkommen in allen seinen Linien und prächtig anzuschauen. Auf diesem Gebäude stand eine kleine Pyramide aus glänzendem Gold und auf jeder ihrer Seiten war das lateinische Wort ›felicitas‹ eingegraben. Ich fragte meinen Führer nach einer Erklärung, aber anstatt sie zu geben, legte er seine ätherische Hand auf meine Hand und indem er leicht über meine Augen fuhr, sagte er: ›Sieh!‹
Hatte seine Berührung Zauberkraft? Es schien so, denn sie vergrößerte meine Sehkraft wohl um das Fünfzigfache und als ich mich wieder der Erde zuwandte, wurde mein Interesse durch ein wirkliches Drama erregt, das sich da und dort abspielte. Offensichtlich war die große Mehrheit der Leute teilweise, wenn nicht völlig blind, und ich beobachtete, daß eine Gruppe in der Mitte der Ebene am Fuße des Berges sich in größerer Erregung zu befinden schien als die anderen. Ihre Unruhe schien aus dem Wunsch hervorzugehen, der hier jeden beherrschte, nämlich eine Kugel und einen Stab aus Gold zu bekommen, die auf einem roten Samtkissen in dem prächtigen Gebäude auf dem Berge lagen. Inmitten dieser letzteren Gruppe, die sich heftig bemühte, den Weg zu dem Monument hinauf zu erreichen, befand sich ein Mann, der mit weit mehr Willenskraft und Entschlossenheit ausgestattet zu sein schien als alle anderen. Mutig strebte er auf dem Wege zum Gipfel vorwärts und nach unglaublichen Anstrengungen hatte er auch Erfolg. Frohlockend nahte er sich dem Tempel. An seiner Seite waren noch Hunderte. Er überholte sie, trat ein und streckte die Hände nach der Kugel und dem Zepter aus – ich glaubte schon, er würde gewiß sein Ziel erreichen – seine Finger berührten schon den Preis, ein Lächeln des Triumphes erhellte sein Antlitz, aber da nahm es plötzlich die Farbe des Todes an – er fiel zur Erde, von einem tödlichen Schlag getroffen, den eine verräterische Hand von hinten geführt hatte, und schon packten ihn andere und warfen ihn in den gähnenden Abgrund, an den der Tempel hart angrenzte. Wohl war er der erste, aber der erste, der in Stücke gerissen und von den eisernen Fersen der Neuankommenden zu Tode getreten wurde – von Menschen, die kein Mitleid fühlten, sondern sich vielmehr freuten, daß die Zahl ihrer Rivalen sich um einen vermindert hatte.
›Ist es möglich,‹ rief ich innerlich aus, ›daß ein so infernalischer Neid in menschlichen Seelen kocht?‹
›Leider, wie du siehst‹, antwortete Ettelavar an meiner Seite. ›Laß dir zur Lehre dienen, was du gesehen hast. Ruhm ist ein Wahnsinn, nicht wert, ihn zu besitzen, wenn man ihn erlangt hat. ›Felicitas‹ schwebt dem Menschen immer vor und wird nie erreicht, darum sollte man gar nicht danach streben. Freundschaft ist ein leerer Name oder ein bequemes Kleid, das die Menschen anlegen, um einander mit größerer Leichtigkeit berauben zu können. Kein Mensch freut sich, wenn er den anderen emporkommen sieht, außer, wenn dieses Emporkommen seiner eigenen Erhöhung nützt. Und der Hintenstehende wird den Vornstehenden erdolchen, wenn er ihm im Wege steht. Ich beginne mein Amt als dein Schützer, indem ich dich vor der Welt warne – und damit dich gegen sie bewaffne – und vor allen, die zu ihr gehören. Wenn du wirklich emporsteigen willst, dann mußt du erst lernen, die Welt und alles, was sie enthält, auf seinen richtigen Wert einzuschätzen. Denke daran; ich, der ich zu dir spreche, bin Ettelavar. Erwache!‹
Wie die plötzliche schwarze Wolke in östlichen Meeren, so kam eine Finsternis über mich; meine Augen öffneten sich und erblickten das alte Zifferblatt. Seine Zeiger sagten mir, daß genau dreizehn Minuten verflossen waren, seit ich zum erstenmal auf jener Uhr nach der Zeit gesehen hatte. Seit jener Stunde habe ich manches Ähnliche erlebt und das ist auch der Grund für die in gewisser Hinsicht außergewöhnlichen Kräfte, die ich mir nicht anmaße, sondern die mir zugeschrieben werden.«
Dies war der Inhalt der Erzählung des jungen Mannes, die er zur Antwort auf die Fragen gab, die ihm, lange bevor er hier dem Leser vorgeführt wurde, vorgelegt worden waren.
5. Kapitel
LIEBE – EULAMPIA[2] – DAS SCHÖNE
Die goldene Sonne ging unter, der Tag sank unter seine purpurnen Decken im glühenden Westen. Arbeitsmüde Bauern wanderten langsam ihren Weg nach Hause zum Abendessen. Noch saß der Wanderer an der Landstraße; noch fielen seine Tränen und wenn die Heimkehrenden an ihm vorbeikamen, machten sie wohl Bemerkungen über ihn, ohne sich darum zu kümmern, ob er sie hörte oder nicht. Zuletzt kamen drei Personen des Wegs, von denen zwei unzweifelhaft Indianer waren, während es bei der dritten, einem Mädchen von einzigartiger Gestalt, Grazie und Gesichtsfarbe und ungewöhnlicher Schönheit sehr schwer war, ihre Rassenzugehörigkeit zu bestimmen. Sie war etwa vierzehn Jahre alt. Der Knabe, der sie und den alten grauhaarigen Indianer begleitete, mochte gegen zwölf Jahre zählen. Dieser Junge nun bemerkte den Fremden zuerst.
»O, Eulampia,« sagte er, »sieh doch! Da sitzt ein Mann und weint, ich will ihm helfen!« Er redete in seiner Muttersprache. Er war ein Vollblutindianer, furchtlos, lebhaft und edelmütig. Er war vom Stamme der Oneida, die zu den Mohawks gehören. Unglück sehen und zu Hilfe eilen war für ihn ein und dasselbe, wie es auch bei seinem Volke gebräuchlich war, bis es durch schlechte Sitten und durch eine noch schlechtere Schutzherrschaft »kultiviert« und »zivilisiert« wurde. Der Indianer hieß Ki-ah-wah-nah (der Lindernde und Tapfere) und war der Häuptling des Stockbridge-Zweiges der Mohawks. Das Mädchen, Eulampia, war dem Namen nach sein Enkelkind, in Wirklichkeit aber hatte sie außer Kleidung, Sprache und Erziehung nichts Indianisches an sich, obgleich man sie wohl für einen Mischling hätte halten können. Ihr Name war neugriechisch, aber ihre Züge und ihre Gesichtsfarbe erinnerten nicht mehr an die der schönen Bewohner der Gestade des Bosporus als an die der Indianer oder Angelsachsen. Vor vielen Jahren war das Mädchen von einer Frau, die zu einer Bande wandernder Zigeuner gehört, dem Häuptling gebracht und für eine Woche seiner Obhut übergeben worden. Diese Frau hatte, durch den Ruf der Neuen Welt angelockt, ihre europäische Heimat verlassen und die See durchquert, um eine goldene Ernte zu sammeln. Die Zigeunerbande hatte sich fast ein Jahr lang in Cornhill in Utica aufgehalten und dann von dort das Land in weitem Kreise durchzogen. Die Frau war niemals zurückgekommen, um ihr Kind wieder zu holen, denn die übrigen Mitglieder der Gesellschaft brachen plötzlich auf. Der alte Häuptling, der Eulampia als Kind übernommen hatte, gewann sie, als sie heranwuchs und größer wurde, ebenso lieb wie wenn sie eine Frau seines eigenen Stammes gewesen wäre. Dies war keineswegs verwunderlich, denn ihr überlegener Geist erzwang sich bald Achtung und Bewunderung. Keine einzige der ethnologischen, körperlichen oder seelischen Eigenheiten der Zigeunervölker war an ihr wahrzunehmen und kluge Leute vermuteten deshalb, sie sei irgendwo von jenem Weibe gestohlen worden, das sie aus Furcht oder Berechnung ihrem Schicksal und der Fürsorge des guten alten Indianers überlassen hatte. Sie galt weit und breit nicht nur als die Schönste, sondern auch als die Gescheiteste unter all ihren Altersgenossinnen und war die unbestrittene Königin jener Indianerreservation, nicht von Rechts wegen, sondern durch ihre geistige Überlegenheit.
Dies war also die »hellstrahlende« Jungfrau, die sich jetzt, durch die Rufe des Knaben aufmerksam gemacht, dem jungen Beverly näherte. Als sie sein Äußeres gewahrte, das von Not und Kummer Zeugnis ablegte, legte sie ihre zarte Hand sanft auf sein Haupt und sagte mit einer ungemein herzlichen und sympathischen Stimme: »Mann mit dem schweren Herzen, warum weinst du da? Ist deine Mutter vor kurzem gestorben?«
Der junge Mann hob den Kopf, sah das Mädchen in seiner blendenden Schönheit vor sich und entgegnete, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, wobei ihn ein Schaudern wie von einer schmerzlichen Erinnerung überlief, mit leiser Stimme: »Nein; es kann nicht sein! – es kann nicht sein! – Und gar in diesem Teil der Welt! Nein!« Dann fügte er hinzu: »Mädchen, ich bin allein und das ist's, warum ich weine. Ich bin noch jung, aber das Gewicht von Jahren des Kummers lastet schwer auf mir und drückt mich nieder. Heute ist der Jahrestag des Todes meiner Mutter und ich begehe ihn immer in Tränen und Gebet. Seit sie zum Himmel heimging, habe ich keinen wahren Freund gehabt, und mein Los und Leben ist Elend. Die Menschen nennen sich meine Freunde und beweisen es, indem sie mich berauben. Vor kurzem kam einer zu mir – er war sehr reich – und sagte: ›Man sagt mir, daß Ihr sehr geschickt in der Behandlung von Kranken seid. Kommt; ich habe eine Schwester, die die Ärzte bereits aufgegeben haben. Ich liebe sie, Ihr seid arm, ich bin reich. Rettet sie; Gold wird Euer Lohn sein.‹ Ich ging, die Ärzte hatten sie aufgegeben und nur zwei Möglichkeiten gab es noch, ihr Leben zu verlängern – entweder die Übertragung von Blut aus meinen Adern in die ihrigen, oder eine Übertragung des Lebens selbst. Ich war jung und kräftig und wir beschlossen, den letzteren Weg einzuschlagen. Und Monate lang saß ich nun – während der Zeit von drei Jahren – bei der armen Kranken und ließ ihren zerstörten Körper auf magnetischem Wege wieder Leben gewinnen, ohne darauf zu achten, daß ich dabei meine eigene Gesundheit untergrub. Schließlich brach ich vor Erschöpfung und Krankheit zusammen und war, nur um mein Leben zu retten, genötigt, das magnetische Band zwischen uns zu lösen und nach Europa zu gehen. Kaum war die Verbindung unterbrochen, so sank sie ins Grab. Falsche Freunde haben mich betrogen und mich an den Bettelstab gebracht. Du weißt jetzt, warum ich traurig bin, Mädchen mit dem guten Herzen! Ich bin schwach heute abend; der Morgen wird mir wieder Kraft bringen. Sieh, die goldene Sonne geht im Westen unter. Ich fürchte, meine Sonne geht auch unter und die lange, lange Nacht des Elends wird folgen.«
»Du sprichst gut, Mann mit der wunden Seele,« entgegnete sie, »du sprichst gut, wenn du sagst, daß die Sonne untergeht; aber du scheinst zu vergessen, daß sie wieder aufgehen und so hell wie heute scheinen wird! Alte Leute sagen, daß die finsterste Stunde die vor dem Anbruch des Tages ist. Ich bitte dich, fasse Mut. Du kannst trotzdem glücklich sein!«
»Genau der Wahlspruch der geheimnisvollen Brüderschaft! – Genau die Worte meiner toten Mutter! Wie ist dieses Mädchen dazugekommen? Wann? Wo? Durch wen?«
Beverly stutzte und blickte in die dunkle Tiefe ihres Auges. Er wollte schon die Fragen an sie stellen, die sich ihm soeben aufgedrängt hatten, tat es dann aber doch nicht.
»Wir können alle trotzdem glücklich sein,« wiederholte sie, »denn der große Geist hat es mir gesagt«, und sie faltete ihre Hände über ihrer jungfräulichen Brust – glühend von unsterblicher Glut und Begeisterung. Und sie warf mit einem Ruck ihres Hauptes ihr langwallendes schwarzes Haar zurück und stand da als die vollkommene Verkörperung von Treue und Hoffnung, wie wenn ihre emporgewandten Augen ein Gottesblick vom Himmel herab träfe. Der alte Häuptling und der Knabe an ihrer Seite sagten nichts, aber jeder faltete instinktiv seine Hände zum Ausdruck des Vertrauens und des Gebets. Die Gesamtwirkung dieses Eindrucks auf den jungen Mann war eine ungeheuere. Der seltsame Vorfall erschütterte ihn so mächtig, daß er aufstand und dem Mädchen seine Hände auf das Haupt legte. Dann erhob er seine Augen und seine Stimme gen Himmel und antwortete aus der Tiefe seiner Seele: »Amen und nochmals Amen.«
In diesem kritischen Moment kam ich, der Verfasser dieses Buches, zufällig dahin, wo jene Szene stattfand. Einige wenige Worte genügten zur Einführung, und an derselben Stelle begann eine Freundschaft zwischen uns, die selbst der Tod nicht zu trennen vermochte.
Zwei Stunden später saß der Häuptling mit seinem Sohne, das Mädchen, der Jüngling und ich bei einem freundschaftlichen Mahle in dem Hause des Alten. Nach beendeter Mahlzeit nahm das Gespräch eine philosophische Wendung, wobei der Häuptling, der wirklich ein glänzendes Beispiel eines gebildeten Indianers war, sich lebhaft und mit Interesse an der Unterhaltung beteiligte.
Endlich griffen die Älteren zu ihren Pfeifen, die Jüngeren legten sich schlafen, und Beverly und Levambea, wie sie allgemein genannt wurde, gingen hinaus und setzten sich unter einer alten Sykomore nieder, die ihre gigantischen Glieder wie ein Schutzgeist über das Häuschen streckte. Dort plauderten sie, zuerst heiter, dann aber in einem zarteren und ernsteren Ton und es war klar, daß zwischen diesen beiden Menschenkindern schon etwas Wärmeres als Freundschaft aufgeblüht war. Als sie sich erhoben, um ins Haus zu gehen, waren die letzten Worte, die das Mädchen sprach – und zwar mit demselben begeisterten Ton, wie bei ihren ersten Worten –: »Ja, ich werde dich lieben, aber nicht hier, nicht jetzt, vielleicht nicht einmal auf dieser Erde. Doch ich will deine Stütze und dein Stab sein, mögen auch weite Meere zwischen uns liegen. Höre zu: Wenn ich in Gefahr bin, wirst du es wissen, wo immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr bist, wirst du mich sehen. Vergiß nicht, was ich sage, und stelle keine Fragen. Dein Schicksal ist ein einzigartiges, aber nicht einzigartiger als das meine. Gute Nacht! Lebe wohl! Wir werden uns jetzt nicht mehr sehen – es ist nicht erlaubt!« Und ohne noch ein Wort zu sprechen, verließ sie ihn plötzlich, eilte ins Haus, stieg die Treppe hinauf und war verschwunden wie ein Geist.
Am nächsten Tage willigte der junge Beverly auf das Zureden des Häuptlings und anderer, die Interesse an ihm nahmen, ein, mit mir nach meinem Heim zu gehen, das viele Meilen von jenem Orte entfernt war. Wir kamen nach Verlauf der gewöhnlichen Zeit an und er blieb mehrere Monate lang mein Hausgenosse. Und während er sich noch unter der Einwirkung seiner geschwächten Gesundheit und des daraus folgenden mitteilsamen Zustandes befand, wurde ich mit vielen der erhabenen und tiefen Geheimnisse der berühmten Brüderschaft der Rosenkreuzer vertraut, über die er genau Bescheid wußte und die er mir in bestimmten Grenzen zu veröffentlichen erlaubte, unter der einen Bedingung freilich, daß ich den Sitz der Logen, des Domes und die Namen der obersten Führer nicht angeben dürfe, während er mir für die unteren Tempel des Ordens – die in diesem Lande die drei ersten Grade umfassen – keine solche Beschränkung auferlegte, da den Dienern dieser letzteren die höheren Logen vollständig unbekannt sind.
Wie oft, ach, wie oft, saß ich neben ihm an den grünen Ufern des Flusses, der mein kleines Besitztum durchströmte, und lauschte hingerissen der tiefen Weisheit, und den Schilderungen des Wesens und des Ursprungs, der Macht und der Bestimmung der Rosenkreuzer – und all dies hörte ich von den Lippen eines Mannes, der völlig unfähig war, sich mit der habsüchtigen Welt des Handelns und Feilschens auch nur mit dem geringsten Erfolg herumzustreiten. Es war der seltsamste Widerspruch, der mir je an einem Menschen begegnete. Dieser Mann, der in geistigen Wollüsten schwelgte, wie sie für Engel geschaffen sein mochten, hatte nicht so viel Schlauheit, um die Pläne eines gewöhnlichen Betrügers zu vereiteln; – dieser Mann setzte blindlings für lange Jahre sein ganzes Vertrauen auf einen anderen, dessen einziges Ziel es war, ihm nicht nur sein kleines Vermögen, sondern auch seinen guten Ruf zu rauben – dieser Mann mußte zusehen, wie ein ihm teures Kind verhungerte, buchstäblich verhungerte, und begraben wurde, während jener mit den Seinigen im gleichen Augenblick das Geld verpraßte, für das er seine Gesundheit, ja sein Leben in Tausch gegeben hatte. Welch seltsame Widersprüche! Ich habe mich oft gewundert, wie solche Dinge geschehen konnten und besonders dann, wenn er mir die höheren Geheimnisse des Ordens enthüllte, wenn er von Apollonius von Tyana, von den Platonikern, den alten Pythagoräern, von den Sylphen, Salamandern und Glendovers, von Cardan, von Yung-tse-Soh und dem kabbalistischen Licht, von Hermes Trismegistos und den smaragdenen Tafeln, von Hexerei und weißer und schwarzer Magie, vom Labyrinth, von göttlicher Weisheit, von Gott und dem Reiche der Götter, von den Wahrheiten und Irrtümern der goldsuchenden Hermetisten und Pseudorosenkreuzer, von Justinus dem Märtyrer, von Tertullian, Cyprian, Lactantius und Clemens Alexandrinus, von Origines und Macrobius, Josephus und Philo, von Enoch und den präadamitischen Geschlechtern, von Dambuk und Cekus, Psellus, Jamblichus, Plotin und Porphyrius und Paracelsus und über tausend andere mystische Bekenner sprach.
So sagte er eines Tages zu mir: »Denken Sie noch daran, wie Sie mich auslachten, als ich zum erstenmal von den Rosenkreuzern zu sprechen begann und Sie behaupteten, daß eine solche Brüderschaft, wenn sie überhaupt existiere, aus Schurken oder Narren bestehen müßte? Wie Sie herzlich lachten, als ich Sie darüber aufklärte, daß der Orden auf beiden Seiten des Grabes sich in die kleinsten Verzweigungen gliedere, daß er am anderen Ufer derzeit in seinen unteren Graden als der ›Königliche Orden von Gann‹ bekannt sei und in seinen höheren als der ›Große Orden der Neridien‹, daß, wer immer sich aus irgendwelchen Gründen der Brüderschaft diesseits des Grabes anschließe, nicht nur jedes Schutzes sicher sei und ihm auch eine große Menge wichtiger Kenntnisse vermittelt würden, sondern daß ihm auch ein Anteil an dem jenseitigen Ufer des Lebens zuteil würde, im Vergleich zu der jedes andere Schicksal unbedeutend und nutzlos ist. Ich wiederhole diese Behauptung jetzt.«
6. Kapitel
NAPOLEON III. UND DIE ROSENKREUZER EIN UNGEWÖHNLICHER MANN UND EINE UNGEWÖHNLICHE THEORIE
Beverly fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe schon von dem Fluch erzählt, der über mich verhängt ist; – daß ich zu ewigen Verwandlungen verdammt bin, wenn ich nicht durch die Ehe mit einer Frau erlöst werde, in deren Adern kein Tropfen vom Blute Adams kreist – und auch das nur, wenn eine vollkommene gegenseitige Liebe besteht. Dieser Fluch hat mich mit gewissen Wesen, Mächten und Einflüssen in Berührung gebracht, wie schon andere vor mir, und schließlich wurde ich ein freiwilliger Adept der Geheimnisse der Brüderschaft der Rosenkreuzer. Wie, wann und wo ich würdig befunden wurde, aufgenommen zu werden, darf ich natürlich nicht sagen; es mag genügen, daß ich zu dem Orden gehöre, daß ich – nachdem ich auf gewisse Dinge hatte verzichten müssen – zu der Genossenschaft der Lebenden, der Toten und derer, die niemals sterben, sowie zu den berühmten Derishavi-Laneh zugelassen wurde und daß ich mit den letzten Geheimnissen der Fakie-Deeva-Register vertraut bin. Im Leben habe ich immer drei große Möglichkeiten vor mir gehabt: Eine davon ist die, daß ich – da ich eine neutrale Seele bin – nach meinem Tode der Führer eines hohen Ordens, das ›Licht‹ genannt, werden würde. Die zweite wäre die Berufung zur Führerschaft des ›Schattens‹, eines entgegengesetzten Ordens, gewesen. Die dritte, die ich am meisten fürchte, ist die, daß der vor vielen Menschenaltern ausgesprochene Fluch eines Sterbenden, ich müsse in verschiedenen Körpern auf der Erde umherwandern, ewige Dauer erlangen könnte, wie ich schon erzählt habe, wenn ich nicht durch die treue Liebe eines Weibes losgekauft werde, in deren Adern nicht ein Tropfen von Adamsblut fließt. Es ist mein sehnsüchtiger Wunsch, alle diese drei Möglichkeiten zu vermeiden und des Loses anderer Menschen teilhaftig zu werden.
Ich habe noch andere geheimnisvolle Dinge zu erzählen. Ohne Zweifel erinnern Sie sich, daß jener Fluch von dem jungen Dichter ausgestoßen wurde und daß die geheimnisvolle Stimme in dem Gefängnis, wo er erschlagen wurde, erklärte, daß jener Jüngling fortan, bis der Fluch erfüllt sei, durch alle Zeiten als der ›Fremde‹ bekannt sein solle. Nun gut, im Verlauf der Jahrhunderte wurde dieser Fremde Mitglied einer erhabenen Brüderschaft des Jenseits mit dem Namen ›das Licht‹. Sie wissen auch, daß ich, der König, verurteilt wurde, bis zu meiner Erlösung rastlos umherzuwandern, und Sie wissen auch, daß dem Wesir, der den Namen ›Dhoula Bel‹ erhielt, ein seltsames Geschick auferlegt wurde. Auch er wurde ein tätiges Mitglied einer ausgedehnten Vereinigung im Weltraum, des ›Schattens‹. Das ist jedoch nur die eine Hälfte des Geheimnisses, denn Dhoula Bel und der Fremde hatten es sich zur Aufgabe gemacht, aus mir ein in jeder Beziehung neutrales Wesen zu machen, eines, das keine Neigungen zum Guten oder zum Bösen, sondern nur zu rastlosem Streben haben sollte.
Bei einem meiner zahlreichen Aufenthalte in Paris wurde ich mit einigen hervorragenden Rosenkreuzern bekannt und als ich ihre seelische Tiefe maß, fand ich das Wasser sehr seicht und sehr schmutzig – wie dies ja auch bei denen gewesen war, die ich in London getroffen hatte. Schließlich bekam ich eine Einladung von dem Baron D…t, an einer mesmeristischen Sitzung teilzunehmen. Ich ging hin und der Ruf, den ich dabei erlangte, bewirkte, daß ich schon nach einigen Tagen auf Befehl Kaiser Napoleons III.[3], der 34 Jahre lang ein treuer Rosenkreuzer gewesen war, in die Tuilerien entboten wurde. Ich war schon vorher mit ihm am gleichen Orte, aber in einer anderen Angelegenheit zusammengetroffen. Was damals, soweit ich als tätiger Teilnehmer in Betracht kam, geschah, das zu sagen steht mir nicht zu, außer daß gewisse Experimente in ›Hellseherei‹ als sehr gut gelungen bezeichnet wurden.
Bei dieser Gelegenheit spielte ich Schach und Karten mit verbundenen Augen und gewann, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Dabei fanden die Spiele gleichzeitig statt und die Spieler saßen in drei getrennten Zimmern. Es war auch ein italienischer Edelmann mit einem unaussprechlichen Namen da, ferner ein russischer Graf Tsowinski und eine Frau Dablin, eine Mesmeristin und Opernsängerin. Nach einer Weile fragte der Kaiser die Kaiserin und den General Pellissier, den späteren Herzog von Malakoff, ob sie sich einem magnetischen Versuch durch einen der drei genannten Lehrer dieser Kunst unterziehen wollten. Sie stimmten zu, worauf der Kaiser mit lauter Stimme fragte, ob jemand aus der Gesellschaft geneigt sei, in eigener Person die magnetischen Kräfte seiner Exzellenz des italienischen Grafen zu bestätigen, dessen Methode beim Magnetisieren sich völlig von der damals allgemein üblichen unterschied. Er pflegte nämlich, wie der Schauspieler Boucicault in seinem berühmten Spiel ›Das Gespenst‹, nicht herumzugehen, auch blickte er die Versuchsperson überhaupt nicht an.
›Mit dem größten Vergnügen,‹ erwiderte der Graf auf die Aufforderung, seine seltsamen Kräfte vorzuführen, ›mit dem größten Vergnügen, Majestät‹. Und sogleich wandte er sich um und blickte starr in einen großen Spiegel, der den ganzen Raum zwischen den Fenstern des Salons einnahm. Als er sprach, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich diesen italienischen Rosenkreuzer schon einmal getroffen hatte, aber ich hätte um den Preis meines Lebens nicht sagen können, wo. Doch war ich völlig sicher, seine Stimme schon gehört und noch sicherer, sein seltsames, süßliches Lächeln schon gesehen zu haben.
Der Graf stand so vor dem Spiegel, daß, wenn sein Auge eine leuchtende Flamme gewesen wäre, die von dem Spiegel zurückgeworfenen Strahlen mitten auf die Stirne eines aus unserer Gesellschaft getroffen hätten; dieser jedoch argwöhnte nicht das Geringste. Er merkte es erst, als es zu spät war und als der Experimentator ihn in den Brennpunkt seiner Sehstrahlen brachte, die Fäuste ballte, mit zehnfacher Konzentration in den Spiegel blickte und einige unverständliche Worte vor sich hin murmelte; – und schon fiel der andere zu Boden, wie wenn ihn eine Kugel ins Herz getroffen hätte, oder wie wenn er mit einer Keule niedergeschlagen worden wäre. Alles fuhr auf und jeder glaubte, es handle sich um einen Schlaganfall – ausgenommen der Kaiser, der Experimentator, ich und der Russe.
Einige eilten herbei, um ihn aufzurichten, aber bevor sie dazu kamen, sprang er auf die Füße und begann zu tanzen und zu singen (im gleichen Moment begriff die Gesellschaft, daß es sich um ein mesmeristisches Phänomen handelte), um gleich darauf für sein Leben zu flehen, wie wenn er mit der Aussicht auf Gefängnis oder Hinrichtung vor seinen Richtern stände. Alles war von dem Vorfall im höchsten Grade hingerissen.
Plötzlich verwandelte sich diese Gerichtsszene in eine musikalische, ohne daß der Graf ein Wort gesprochen hätte, und obgleich der Betreffende sonst durchaus nicht singen oder musizieren konnte, spielte er jetzt mehrere schwierige Stücke auf der Harfe und dem Klavier, sang selbst den Text dazu und das in so hervorragender Weise, daß alle Anwesenden unwillkürlich applaudierten.
Plötzlich unterbrach er sein Spiel und trat genau an die gleiche Stelle, an der der Italiener vorher gestanden hatte und starrte wie er in den Spiegel. Zwanzig Sekunden später stürzte ein anderer Herr, der im Brechungswinkel der reflektierten Strahlen stand, zu Boden und als eine Dame ihm zu Hilfe eilen wollte, und dabei zufällig in den Bereich der Sehstrahlen geriet, hob sie ihn so leicht auf, als wäre er eine Puppe gewesen und begann mit ihm einen geradezu unbeschreiblich wilden Tanz. Dies wirkte ansteckend, denn in weniger als einer halben Minute wirbelten, sprangen und flogen wohl siebzehn Personen, würdige Lords und vornehme Damen, wilder als Bacchanten durch den Saal. Sie hatten sich alle der Reihe nach gegenseitig hypnotisiert. Über alle Maßen erstaunt, zog ich mich, um die weitere Entwicklung der Szene besser zu beobachten, nach der entgegengesetzten Seite des Salons zurück und lehnte mich an eines der beiden dort stehenden kolossalen japanischen Götterbilder. Niemand war in meiner Nähe. Und in meiner Überraschung murmelte ich leise: ›Welch erstaunliche Kraft!‹ Ich bin fest überzeugt, daß selbst ein ganz nahe bei mir Stehender nicht hätte verstehen können, was ich sprach, und doch hatte ich diese Worte kaum geäußert, als sich der Graf auf dem Absatz umdrehte, auf mich zukam und mit einem seltsamen süßlichen Lächeln sagte: ›Diese ganze Kraft ist die Ihre, wenn Sie nur ein einziges Wort sprechen.‹
›Was für ein Wort?‹ fragte ich, verblüfft, daß jemand so schnell meine Gedanken hatte lesen können, denn er konnte meinen Ausruf unmöglich gehört haben.
›Daß Sie sich freiwillig der erhabensten Brüderschaft anschließen wollen, die es je auf der Erde gegeben hat. Überlegen Sie sich's. Wir sprechen uns später!‹
›Wann? Wo?‹ fragte ich hastig, denn die erlauchte Gesellschaft und insbesondere der Kaiser, der uns unter seinen buschigen Brauen hervor ebensoviel Aufmerksamkeit schenkte, wie den wunderbaren Vorgängen im Saale, beobachteten uns fortwährend.
Er antwortete nicht ohne weiteres, sagte aber schließlich: ›Durch die Ausübung der Macht, die ich besitze und Ihnen übertragen will – bedingungsweise natürlich. Sie werden fähig sein, jeden Menschen der Sprache zu berauben und Mann, Weib oder Kind vollkommen Ihrem stummen Befehl dienstbar zu machen, wie die Leute dort meinem Willen dienstbar sind. Da lebt hier z. B. in Paris ein gewisser Jean Boyard, der durch einen bloßen Blick jeden beliebigen Gegenstand auf sich zutanzen lassen kann. Sie werden ihn um das fünfzigfache übertreffen! Auf dem Boulevard du Temple läßt ein gewisser Hektor eine Rose aus einer grünen Knospe in sieben Minuten voll erblühen. Sie werden es in einer Minute tun können.
In der Rue du Jour lebt eine weise Frau, die alle Übel heilt, die überhaupt heilbar sind, und zwar durch bloße Berührung und durch Gebet: Sie werden mehr leisten, als sie je zu hoffen wagen darf. Sie brauchen nur zu sagen: ›Ich will diese Kräfte haben.‹ Und sie werden Ihnen zu Gebote stehen, und sie sind wahrhaftig des Besitzes wert. Ich habe meine Geheimnisse unter den Magiern des Ostens erlernt – Männern, die nicht halb so zivilisiert sind, wie wir im Westen, die aber trotzdem ein gut Teil mehr wissen als die Weisen der Christenheit – nicht von Technik, Politik und Finanzwesen, sondern von der menschlichen Seele, ihrer Natur, ihren Kräften und den Methoden ihrer Entwicklung. Anstatt der modernen wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet froh zu sein, schämen wir uns des ›Wahren Tempels‹ … ›Was für ein Tempel?‹ unterbrach ich ihn. Der ›Hohe Dom des Rosenkreuzes‹‹, sagte er.
Der Kaiser mußte diese Frage und die Antwort gehört haben, denn er ging gerades Wegs zu uns herüber, um an unserer seltsamen Unterhaltung teilzunehmen. Der Graf verneigte sich und schien durch die Gegenwart des großen Gründers des zweiten Kaiserreiches nicht im geringsten in Verlegenheit gebracht.
›Was ich sagen wollte‹, nahm er den Faden wieder auf, ›anstatt über das, was die Wissenschaft geleistet hat, in Ekstase zu geraten, schämen wir uns vielmehr über den zögernden Gang des ›Fortschritts‹ – ja: ›Fortschritts!‹ Wo sehen Sie denn einen Fortschritt, außer im Elend, in der Armut, im Verbrechen, in der Unterwürfigkeit? Fortschritt ist mehr Phantasie als Wirklichkeit. Zivilisation ist ein Irrtum, Utilitarismus eine Entweihung der Menschenseele, Philosophie ist Betrug und Gelehrsamkeit Lüge.‹
Ich war froh, daß der Kaiser gerade in diesem Augenblick zu uns getreten war, und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil ich hören wollte, was er darauf zu sagen hatte, und dann, weil ich sehen wollte, ob die Hypnotisierten unter dem Einfluß des Grafen bleiben würden, wenn seine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt und auf andere Dinge gerichtet war.
›Kehren Sie sich nicht an das, was er da erzählt‹, sagte der Kaiser zu mir, ›diese Mesmeristen sind alle ein wenig verrückt.‹ Und er lächelte, während der Italiener die Achseln zuckte und ausrief:
›Doch mit Methode!‹
Dann wandte der Italiener seine Aufmerksamkeit wieder der Gesellschaft zu, tat durch irgendeine unerklärliche Macht ihrem Tanze Einhalt und brachte sie wieder in ihren normalen Zustand zurück, nahm dann gleich darauf Mme. Dablin aufs Korn, die stracks mit geschlossenen Augen auf ein großes Piano zuging, mit unvergleichlicher Geschicklichkeit wie zum Vorspiel über die Tasten fuhr und dann eine der seltsamsten, glänzendsten und dabei wildesten und zauberischsten Phantasien, die je ein Genie erträumt, zum Besten gab. Mein ganzes Wesen aber war in diesem Augenblick von weit wichtigeren Dingen erfüllt, als von diesem Experiment, so interessant es auch sein mochte. Denn im besten Falle konnten seine Wirkungen und die Erinnerung daran nur vorübergehend und ephemer sein, sagte ich mir, während die Dinge, die ich von dem Italiener lernen konnte, im Gegenteil so lange dauern würden, als meine Seele ihr Bewußtsein behielt. Der Kern der Antworten, die er auf meine und des Kaisers Fragen gab, war folgender:
›Die Seele und ihre Eigenschaften, ihre Leidenschaften und ihr Ausmaß drückt sich im körperlichen Wesen deutlich aus und ist für alle ohne weiteres klar, die den Schlüssel dazu besitzen. Für alle anderen ist es schwierig, diese Zeichen richtig zu deuten und noch schwieriger, die gegenwärtige, die mögliche und die relative Stärke und den Wert jeder Eigenschaft zu erkennen. Jede Handlung eines Menschen wirkt sowohl auf seinen Körper wie auf seine Seele ein, und die Spuren dieser Einwirkungen sind für immer in seinen Gesichtszügen wahrzunehmen. Daher kann der Adept leicht seine Vergangenheit – sogar seine geheimsten Taten oder Gedanken – erkennen, und zwar so leicht, wie wenn sein Gesicht eine bedruckte Seite mit großen, schönen, klaren Lettern wäre. Jeder Mensch kann auf mesmerischem Wege von einem anderen ausgeforscht werden, weil kein Mensch im ganzen genommen stärker ist als seine schwächste Eigenschaft: eine Kette ist nicht stärker als ihr schwächstes Glied. So hypnotisiere ich jetzt die Menschen, weil ich auf den ersten Blick die verwundbarste Seite ihres Wesens erkenne. Selbstliebe, Eifersucht und Wille ist die einige Dreiheit, um die sich das Seelenleben dreht. Eins von diesen ist immer verwundbar; unterwerfen Sie sich dieses und Sie haben den ganzen Menschen unterworfen. Wenn ich hier solche Experimente vollführe, wie Sie sie soeben gesehen, dann mesmerisiere ich zunächst nicht das ganze Gehirn, sondern eine einzelne Eigenschaft desselben, die bald auch die übrigen nach sich zieht. Der Geist des Menschen ist ein Spiegel! Das werden Sie zugeben. Nun gut, ich schalte dann meinen eigenen Geist vollständig aus: ich denke nämlich an gar nichts anderes, als an ein in Umdrehung begriffenes Rad. Die Versuchsperson spiegelt diese Tätigkeit wider; dann singe, tanze, spiele ich in meiner Phantasie und der Magnetisierte spiegelt meine Gedanken durch die entsprechenden Handlungen wider.‹
›Aber angenommen, Ihre Versuchsperson besitzt die Fähigkeiten dazu nicht, wie dann?‹
›Alle Seelen haben diese Fähigkeiten. Die Körper freilich nicht, aber ich bringe ja die Seele unter meine Gewalt, nicht nur den Körper.‹
›Das ist eine gefährliche Macht‹, meinte der Kaiser, ›und nur ein guter Mensch sollte sie besitzen.‹
›Ein schlechter Mensch kann kein wahrer Rosenkreuzer werden, obgleich die Menschen ihre Waffen gegen die Mitglieder der Brüderschaft gekehrt haben, und ihre Geheimnisse wie ja auch sonst alles, was dazu gehört, zu unlauteren Zwecken mißbraucht worden sind. Es kann ein Kundiger einen Kranken durch diese Kraft heilen, aber er kann auch einen Gesunden damit töten; tatsächlich ist dies schon oft geschehen, besonders bei den Eingeborenen Afrikas.
Ich stelle mir z. B. vor, daß Sie krank und am Sterben sind, und wenn ich diesen Wunsch und Willen aufrecht erhalte, so ist nichts sicherer, als daß er in Erfüllung gehen wird. Manche Leute besitzen von Natur eine ungeheure Willenskraft und sind sogar fähig, sichtbare Bilder hervorzubringen. Bilder von allem, was sie sich gerade vorstellen – etwa von einer Blume, einer Hand, einem Arm, einer menschlichen Gestalt – und diese Erscheinungen werden dann von Scharen verblüffter Zuschauer gesehen, die in ihrer vollständigen Unwissenheit und Unkenntnis des menschlichen Geistes und Körpers und ihrer gegenseitigen Kräfte sie für die Geister toter Menschen halten.‹
Der Kaiser bat nun den Grafen, aus eigener Kraft Geisterphänomene vorzuführen, was dieser sofort versprach. Er eilte mehrmals rasch im Saale hin und her, gab Befehl, das Licht zu verringern; dies geschah; dann trat er wieder wie vorher vor den Spiegel, wo er eine oder zwei Minuten lang stehen blieb. Endlich wiederholte er kurz und scharf dreimal das Wort: ›Seht her!‹ Wir taten es und wirklich: die Flammen tausend leuchtender Blitze zuckten über die Oberfläche des Spiegels, den Boden, die Decke und die Wände; bald in Gestalt von Gabeln, bald wie Ketten eines elektrischen Fluidums, bald verwandelten sie sich in feurige Eicheln, die sich allmählich zu einer flammenden Krone vereinigten; einen Augenblick schwebte sie über der Gesellschaft und schließlich blieb sie etwa fünf Zoll über dem Haupte Napoleons stehen – eine Krone von Feuer.
Nachdem er einen so glänzenden Beweis seiner fast unglaublichen Macht gegeben hatte, wandte er sich an mich, wiederholte seine Einladung, ich möchte ein Akolyt des ›Tempels‹ werden und sagte noch einmal, wir würden uns später noch begegnen. Bald darauf war die Sitzung zu Ende und ich verließ den Palast um ein bedeutendes klüger als bei meinem Eintritt fünf Stunden vorher.
Eines Nachts kam ich nach Monte Carlo, um mir den ›Barbier von Sevilla‹ anzuhören und dem herrlichen Gesang eines Mario, Grisi oder einer Gassier zu lauschen. Ich war über all meinen Kummer hinausgehoben durch die ›Musiklektion‹ dieser berühmten Sängerin und summte auf dem Heimweg die gehörten Melodien vor mich hin, und als ich schon im tiefen Schlafe lag, klangen sie noch lange in meinem Ohr nach. Ich war zu Bett gegangen. Mit all der Vorsicht, die die Amerikaner im allgemeinen und die Kalifornier ganz besonders an sich haben, – deren Gewohnheiten ich angenommen – hatte ich vor dem Schlafengehen das ganze Zimmer untersucht, um zu sehen, daß alles sicher und in richtiger Ordnung war. Nachdem ich dann noch Türen und Fenster gewissenhaft geschlossen, schlief ich bald ein. Unter meinem Kopfkissen lag meine Geldkatze mit etwa 2000 Golddollars und ein scharf geladener Revolver, der einmal einem meiner Bekannten in Kalifornien gehört hatte.
Am Morgen war das Zimmer noch genau so wie am Abend vorher, aber der Revolver war entladen und das Gold lag auf dem Tisch, und zwar in Form eines Dreiecks angeordnet, an dessen Spitze der Buchstabe ›R‹ thronte. An der Brust meines Schlafanzuges aber war mit einigen Nadeln ein Brief in englischer Sprache in einer kühnen, klaren Handschrift, in roter Tinte, angeheftet. Am Abend war dieser Brief noch nicht dagewesen – menschliche Hände konnten ihn nicht hieher gebracht haben. Ich las: ›Vergiß den Zweck nicht, um dessentwillen Du den Ozean überquert hast, denn Dein Unternehmen betrifft die kommenden Jahrhunderte der Welt! Es ist noch nicht vollendet. Vollende es! Ich will Dir dienen und Dich retten. – E.‹
Ich war wie vom Blitz getroffen. Wieder kreuzte ein geheimnisvolles Wesen meinen Weg, ein Wesen, dessen Reich das Hier und Drüben war und dessen Willen mich in einen feurigen Ring einschloß, aus dem es kein Entkommen gab. Ich war in Verzweiflung, denn schon hatten sich graue Haare auf meinem Haupte gezeigt; ich fühlte, daß ich vorzeitig alt wurde und immer weniger durfte ich mit der Möglichkeit rechnen, daß ich, ein Sohn Adams, mich jemals mit einer Tochter Ichs vermählen würde.«
ZWEITES BUCH
1. Kapitel
ÜBER DIE ROSENKREUZER
Es ist nicht meine Absicht, alle Abenteuer Beverlys zu erzählen, noch seine Spuren in Ägypten, Syrien, der Türkei oder in Europa zu verfolgen. Mehr als eine lange Reise unternahm ich mit ihm und gelegentlich verlor ich ihn wohl auf Monate aus den Augen, aber durch die seltsamsten Zufälle trafen wir uns immer wieder, bald auf der Spitze der großen Pyramide von Giseh, bald in den Wüsten von Dongola und Nubien, dann in einem französischen Café oder in den Säulenwäldern von Karnak oder Theben. An der Existenz der Brüderschaft vom Rosenkreuz zweifelte ich ebenso wie an allem, was Beverly über ihre Macht erzählte, obwohl ich über die berühmte Brüderschaft schon viel gehört und noch mehr gelesen hatte.
Auf meinen zahlreichen Reisen begegnete ich immer wieder Pseudoadepten des Rosenkreuzordens, die eine klägliche Unwissenheit hinsichtlich der elementarsten Dinge der wirklichen Brüderschaft an den Tag legten.
Unter dem Buchstaben ›R‹ findet man in der ›American Encyclopedia‹ für das Wort ›Rosicrucians‹ folgende Erläuterung: ›Mitglieder einer Gesellschaft, deren Existenz zu Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt wurde. Ihr Zweck war offenbar die Reform der Kirche, des Staates und der Menschen überhaupt. Eine nähere Untersuchung ergab aber, daß ihr wirkliches Ziel die Entdeckung des Steins der Weisen war. Ein gewisser Christian Rosenkreutz, der angeblich lange Zeit unter den Brahminen lebte, soll den Orden im 14. Jahrhundert gegründet haben, doch glaubt man, der wirkliche Gründer sei ein gewisser Andreä, ein deutscher Gelehrter zu Beginn des 16. Jahrhunderts, gewesen. Ihm wird die Absicht zugeschrieben, die durch die scholastische Philosophie entweihte Religion zu reinigen. Andere vermuten, daß er lediglich einer schon vor ihm von Cornelius Agrippa von Nettesheim gegründeten Gesellschaft einen neuen Charakter verlieh. Der Schriftsteller Krause sagt, daß Andreä von frühester Jugend an sich mit dem Plan einer geheimen Gesellschaft zur Hebung des Menschengeschlechts getragen habe. Im Jahre 1614 veröffentlichte er seine berühmte ›Reformation der ganzen Welt‹ und seine ›Fama Fraternitas‹. Christliche Enthusiasten und Alchimisten glaubten die in diesen Büchern geschilderte poetische Vereinigung und so wurde Andreä der Vater der späteren Rosenkreuzer-Brüderschaften, die sich über Europa verbreiteten. Nachdem noch eine Reihe von Büchern über das Rosenkreuzertum erschienen war, geriet die Sache in Vergessenheit, bis das allgemeine Interesse in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder erwachte, und zwar infolge der Auflösung des Jesuitenordens und des Bekanntwerdens seiner Machinationen sowie der Betrügereien Cagliostros und anderer berühmter Schwindler.‹
Soviel von dem Naseweis, der diesen Artikel der ›American Encyclopedia‹ schrieb. Demgegenüber zitiere ich wörtlich Seite 132 bis 135 aus der Autobiographie Heinrich Jung-Stillings, späteren Hofrats des Großherzogs von Baden (London 1858), folgendes:
›Eines Morgens im Frühjahr 1796 kam ein hübscher junger Mann in einem grünseidenen Plüschrock, der auch sonst gut gekleidet war, in Stillings Haus in Ockershausen. Er stellte sich in einer Weise vor, die eine gebildete und adelige Erziehung verriet. Stilling fragte ihn nach seinem Namen und erfuhr, daß es der bekannte … sei. Stilling war über den Besuch erstaunt und sein Erstaunen wuchs in der Erwartung dessen, was dieser rätselhafte junge Mann ihm mitzuteilen haben möchte. Nachdem sie sich beide gesetzt, begann der Fremde seine Erklärungen, indem er den Wunsch aussprach, Stilling wegen einer Augenkranken namens P. zu konsultieren. Der wirkliche Zweck seines Besuches bedrückte ihn jedoch so sehr, daß er plötzlich zu weinen begann, erst Stillings Hand, dann seinen Arm küßte und sagte: ›Mein Herr, sind Sie nicht der Verfasser der ›Nostalgia‹?‹ ›Gewiß.‹ ›Dann sind Sie also einer meiner geheimen Vorgesetzten?‹ (In der Großen Loge vom Rosenkreuz.) Hier küßte er wieder Stillings Hand und Arm und weinte fast laut. Stilling antwortete: ›Nein, mein lieber Herr, ich bin weder Ihr noch sonst jemands geheimer Vorgesetzter. Ich bin in keiner wie immer gearteten geheimen Verbindung.‹ Der Fremde sah ihn starren Auges und mit innerer Erregung an und entgegnete: ›Teuerster Freund, hören Sie auf, sich zu verstellen! Ich bin lange und streng genug geprüft worden. Ich dachte, Sie kennen mich schon!‹
›Nein, Herr, … ich versichere Ihnen feierlich, daß ich keiner geheimen Gesellschaft angehöre und tatsächlich von all dem, was Sie da sagen, nicht das Geringste verstehe.‹
Diese Worte waren zu ernst und streng gesprochen, als daß sie den Fremden noch länger in Ungewißheit hätten lassen können. Die Reihe, erstaunt und bestürzt zu sein, war jetzt an ihm. Er fuhr fort: ›Aber dann sagen Sie mir doch, wie es kommt, daß Sie die große und verehrungswürdige Verbindung im Osten so genau kennen und sie in der ›Nostalgia‹ so umständlich beschrieben haben, wobei Sie sogar Ihre Versammlungsorte in Ägypten, auf dem Sinai, im Kloster von Canobia und unter dem Tempel in Jerusalem erwähnten?‹ ›Ich weiß nichts von all dem‹, erwiderte Stilling, ›diese Ideen stellten sich meinem Geiste in sehr lebendiger Form dar. Das Ganze ist also nichts als Fabel und Erfindung.‹
›Verzeihen Sie, aber die Dinge, die Sie schildern, entsprechen der Wahrheit und Wirklichkeit. Es ist erstaunlich, daß Sie dies entdeckt haben – das kann doch nicht durch Zufall geschehen sein!‹ Der Fremde erzählte nun Einzelheiten von der Vereinigung im Osten. Stilling war über alle Maßen erstaunt, denn er hörte da merkwürdige und außerordentliche Dinge, die jedoch derart sind, daß sie nicht veröffentlicht werden können. Ich stelle lediglich fest, daß das, was Stilling von dem Fremden erfuhr, durchaus keinen Bezug auf politische Angelegenheiten hatte.‹
Um dieselbe Zeit schrieb ein bekannter mächtiger Fürst an Stilling und fragte ihn, ›wie es komme, daß er so genau über die Gesellschaft im Osten Bescheid wisse, denn diese sei tatsächlich genau so beschaffen, wie er sie in seiner ›Nostalgia‹ beschrieben habe.‹ Die Antwort war natürlich dieselbe wie die, die er dem eben erwähnten Fremden mündlich gegeben hatte. Stilling hat noch mehr Erfahrungen dieser Art gemacht, die ihm bestätigten, daß seine Einbildungskraft genau mit den wirklichen Tatsachen übereinstimmte, ohne daß er vorher die geringste Kenntnis oder auch nur Ahnung davon gehabt hätte. Stilling stellt keine Betrachtungen über die Sache an, sondern läßt sie auf sich beruhen und betrachtet sie als eine Fügung der Vorsehung, deren Absichten ihn in ganz bestimmter Richtung führten. Die Entdeckung des Rosenkreuzer-Geheimnisses im Orient ist jedoch für ihn von großer Wichtigkeit, weil sie Beziehung hat zu dem Reiche Gottes. Vieles bleibt freilich im dunkeln, denn Stilling hörte später von einer angesehenen Persönlichkeit Verschiedenes über eine asiatische Gesellschaft ganz anderer Art. Es bleibt noch zu erklären, ob es sich um zwei verschiedene Vereinigungen handelte oder ob beide identisch sind. So weit Jung-Stilling. Erst kürzlich erfuhr ich von der Existenz von Rosenkreuzer-Logen in unserem Lande und erhielt verschiedene Nachrichten über die Brüderschaft, von denen ich die folgenden sieben Paragraphen betreffend die exoterische oder äußere Tätigkeit des Tempels zu veröffentlichen ermächtigt wurde.
DIE ROSENKREUZER
Wer und was sie sind
EHRE, MANNHEIT, GÜTE
VERSUCH'S!
I. Wir Rosenkreuzer sind eine Körperschaft gutgesinnter Männer, die unter einer großen Logenverfassung wirken. Sie leiten ihre Macht und Autorität von dem ›Königlichen Dom‹ des ›Dritten Hohen Tempels‹ des Ordens ab. Die große Loge und der Große Tempel erteilen die Bewilligung zur Gründung von Hilfslogen, und zwar an jedem beliebigen Ort innerhalb der Grenzen ihrer Rechtsprechung.
II. Alle Rosenkreuzer sind praktisch tätige Menschen, die an Fortschritt, Gesetz, Ordnung und Selbsterziehung glauben. Sie glauben fest, daß Gott denen hilft, die sich selbst helfen; daher ist ihr Wahlspruch das Wort: Versuch's! Sie glauben, daß dieses kleine Wort eine gewaltige Brücke werden wird, über die der Mensch vom Schlechten zum Guten und vom Guten zum Besseren wandelt, von der Unwissenheit zur Erkenntnis, von der Armut zum Wohlstand, von der Schwäche zur Macht.
III. Unsere Gesellschaft ist über die ganze Welt verbreitet und die Zahl unserer Niederlassungen ist in ständigem Wachstum begriffen. Wir wollen Menschen hohen Geistes den Verkehr mit Gleichgesinnten ermöglichen. Da außer der unseren keine andere derartige Organisation besteht, gibt es unter denen, die uns noch nicht kennen, viele, die durch ihre Vereinsamung leiden. In unseren Logen finden solche Männer alles, was sie suchen und noch mehr. In unseren wöchentlichen Zusammenkünften wird eine edle Geselligkeit gepflegt. Die besten Gedanken werden vorgebracht und die echteste menschliche Freude wird ausgekostet.
IV. Jeder Rosenkreuzer ist jedem anderen Rosenkreuzer auf der weiten Welt bekannt und sein geschworener Bruder, und als solcher verpflichtet, ihm jede mögliche erlaubte Hilfe zu gewähren. Jeder kann zu einem, zwei oder drei Graden gewählt werden; wenn er einmal ein wahrer Rosenkreuzer geworden ist, ist es nahezu unmöglich, daß er späterhin einmal in Not gerät, denn in allem, was gerecht ist, wird ihm Schutz gewährt, solange er ein würdiger Bewohner des Tempels bleibt. Es herrschen die Wahlsprüche: ›Versuch's!‹ und ›Exzelsior!‹
V. Die Ordensmitglieder zahlen eine Eintrittsgebühr und einen monatlichen Beitrag von einem Dollar. Dafür genießt jedes Mitglied die Vorteile guter Lektüre und wissenschaftlicher Bildungsmittel und eines namhaften Krankengeldes. Ebenso wird für ein standesgemäßes Begräbnis gesorgt, Witwen und Waisen werden vom Orden unterstützt.
VI. Der Orden ist eine Schule der höchsten und besten Kenntnisse, die die Erde überhaupt gewährt. Er überragt alle anderen wohltätigen Gesellschaften, denn er ist nicht nur eine wechselseitige Schutzgesellschaft, sondern er strebt noch nach weit höheren und edleren Zielen – von denen nur einige wenige, sehr wenige, in diesem Büchlein angedeutet sind. Eines der vornehmsten Ziele der Brüderschaft ist es, eine Schule für Menschen zu sein, die Menschen einander nützlicher zu machen, indem man sie stärker, wissender und daher weiser und auch glücklicher macht. Als Rosenkreuzer erkennen wir den ungeheuren Wert von Sympathie, Mut, Ehrgeiz und Ausdauer an.
Nil mortalibus arduum est.
Es gibt keine Schwierigkeit für den, der ernstlich will!
Was immer Gutes und Großes von einem Menschen getan wurde, kann auch durch dich und durch mich ausgeführt werden, mein Bruder, wenn wir so denken und mit wahrem, tiefem Ernst darangehen. Versuch's! Wir proklamieren die Allmacht des Willens! Und wir erklären, daß der Wille des Menschen wie unsere eigenen Taten beweisen, eine erhabene und allerobernde Kraft ist, daß diese gewaltige Macht jedoch nur negativer Art ist, wenn sie ausschließlich zu selbstsüchtigen und eigennützigen Zwecken benützt wird; wird sie aber in die rechten Bahnen geleitet, so wird sie unwiderstehlich. Güte ist Macht. Daher verwenden wir unsere größte Sorge darauf, den normalen Willen zu bilden und ihn so zu einem kraftvollen, mächtigen Werkzeug für das positiv Gute zu machen.
Ein wahrer Rosenkreuzer lernt die Menschen so völlig durchschauen, als wären sie durchsichtig. Und diese Fähigkeit erlangt er nur durch die Tatsache, daß er Rosenkreuzer ist, und kein anderer kann sie je besitzen, er mag tun, was er will. Der Tempel lehrt seine Akolyten, wie diese königliche Kunst der menschlichen Seele, des Willens, zu erwerben, wie sie zu steigern, zu klären und auszudehnen ist.
VII. Die Tore unserer Logen sind ehrlichen und strebenden Menschen niemals verschlossen, noch kann irgendein irdischer Herrscher nur vermöge seines Ranges Zutritt erlangen; denn, mag er auch ein König sein, so braucht er deswegen kein Mann zu sein; dieser Titel steht weit über allen anderen auf der Erde. Wir Rosenkreuzer sind stolz auf unseren Rang, und zwar gerade deswegen, weil wir eine Brüderschaft von Männern sind, und Mannheit als wahres Königtum betrachten. Der Orden hat nichts mit Politik und Religion zu tun, und es ist gleichgültig, zu welchem Glauben sich einer bekennt, wenn er nur ein Mensch ist. Religiöse und politische Dinge dürfen bei uns nicht besprochen, ja nicht einmal erwähnt werden.
Man wird bemerkt haben, daß an diesen Bestimmungen nichts Magisches ist und doch zweifle ich nicht, daß die Mitglieder des Ordens seltsame Geschichten erzählen könnten, wenn sie wollten.
Viele, aber keineswegs alle Alchimisten und hermetistischen Philosophen waren Diener dieser großen geheimen Brüderschaft, die seit den ältesten Zeiten geblüht und unter verschiedenen Namen in verschiedenen Ländern ihre Mission vollendet hat und noch vollendet. Mitglieder dieser mystischen Vereinigung waren die alten Magier in Chaldäa in Mesopotamien. Mitglieder waren auch die ersten Sabäer, die lange vor den Weisen von Chaldäa lebten, ferner die Begründer der semitischen Kultur. Aus dieser großen Brüderschaft gingen Buddha, Lao-tse, Zoroaster, Platon, die Gnostiker, die Essäer und Christus selbst hervor – der ein Essäer war und die heiligen Lehren vom Berge des Lichtes predigte. Mitglieder waren ferner die großen Träumer und Dichter aller Jahrhunderte. Was immer an überirdischem Licht jetzt die Welt erleuchtet, kommt von den Fackeln, die sie an der Quelle alles Lichts entzündeten, auf jenem mystischen Berge, den zu erklimmen sie allein Mut und Ausdauer hatten; und sie erklommen ihn auf einer Leiter, deren Sprossen Jahrhunderte voneinander entfernt waren. Hermes Trismegistos, Ägyptens mächtiger König, war ein Adept und der andere Hermes (Asklepius IX.) ein Bruder. Ein Priester – wie Malki Zadek vor ihm – war jener berühmte präadamitische Monarch, jener Melchisedek, von dem man erzählte, er sei aus einem Gedanken geboren worden und habe unzählbare Jahrhunderte gelebt. Ebenso war es mit dem griechischen Mercurius. Ihrer war jene erstaunliche Gelehrsamkeit, in der Moses so bewandert war, und aus ihrem Brunnen trank der hebräische Josef. Nichts Ursprüngliches ist an der Thaumaturgie, Theologie, Philosophie, Psychologie, Entologie und Ontologie, was sie nicht der Welt gegeben hätten; und wenn je Philosophen glaubten, sie hätten neue Erkenntnisse und Wahrheiten gewonnen, so beweisen die Dokumente des Ordens, daß sie schon Menschenalter vor der adamitischen Zeitrechnung bekannt und das geistige Eigentum der Adepten waren.
Ich habe mich auf diese Bemerkungen und Erläuterungen eingelassen, einmal, um endgültig und autoritativ die schwierige Frage nach dem Wesen des Rosenkreuzertums zu lösen und dann, um auf das Folgende helleres Licht zu werfen.
2. Kapitel
WER WAR ES? – WAS WAR ES?
»Ich machte meine geplante Reise«, sagte Beverly eines Tages zu mir, »und kehrte weiser zurück, als ich ausgegangen war, aber der Erfüllung meiner hauptsächlichsten Hoffnung war ich nicht näher gekommen.« Ich hatte in der Stadt Boston eine medizinische Praxis auszuüben begonnen und bewohnte ein Bureau, das im Rufe stand, von den aufgestörten Geistern verschiedener Personen heimgesucht zu werden, die durch einen seltsamen Einfluß dorthin gezogen wurden. Ich lachte darüber und machte mich über die Behauptungen ganzer Scharen sogenannter Somnambuler lustig, die diese leichtbeschwingte Gesellschaft gesehen zu haben versicherten.
Da kam an einem stürmischen Tag bei stürmischem Schneetreiben eine Dame zu mir, um mich wegen einer skrophulösen Erkrankung ihres Kindes zu konsultieren. Damals genoß ich einen bedeutenden Ruf auf diesem Spezialgebiet, denn ich hatte wenige Monate vorher für diese Art von Leiden eine besondere Behandlungsweise eingeführt. Nachdem ich meiner ärztlichen Pflicht genügt, erhob ich mich und dachte, die Dame würde das Zimmer verlassen. Sie traf jedoch keine Anstalt, sich zu verabschieden, sondern wünschte mit mir über spiritistische oder ähnliche Themen zu debattieren, was ich aus angeborener Abneigung gegen Blaustrümpfe respektvollst ablehnte. Doch besaß sie alle Eigenschaften eines guten Klebepflasters, und ich konnte mich unmöglich von ihrer Gesellschaft befreien. Dabei erklärte sie, sie sehe beständig die Toten und unterhalte sich mit ihnen und wolle auch gerne Proben ihrer Befähigung in dieser Richtung liefern. Nach diesen Worten wurde sie sofort von einem äußerst heftigen Zittern befallen, das von krampfartigen Zuckungen und Konvulsionen begleitet war. Ich hatte so etwas geahnt und war daher über ihren Zustand nicht sehr bestürzt, ging aber doch in das Hinterzimmer, holte mir einen Stuhl und setzte mich nieder, um weitere Vorführungen abzuwarten. Diese ließen nicht lange auf sich warten, aber was da von einem Etwas, das meine Mutter zu sein behauptete, an Ratschlägen und Ermahnungen an mich gerichtet wurde, war nichts als Wortgeflunker und Gemeinplätze. Diese meine angebliche Mutter schien z. B. ihren Namen vergessen zu haben, ebenso wie meinen eigenen, und wann und wo sie aus dem Leben geschieden war. Ich war vollkommen sicher, daß es nicht meine Mutter sein könne, war aber anderseits ebenso überzeugt, daß Mrs. Graham nicht bewußt die Rolle einer Betrügerin spielte. Ich erklärte mir das Phänomen mit der Rosenkreuzerischen Theorie – die mir damals noch ganz neu war –, daß sie von einer anderen Individualität, die ihrer eigenen durchaus fremd war, besessen sei. Für mich war es sehr bald klar, daß sie wie tausend andere unter dem Einfluß und der Herrschaft eines Willens stand, der tausendfach stärker war als der irgendeines menschlichen Wesens, das je auf dieser Land- und Wasserkugel einen Körper bewohnte, eines höchst intelligenten, mächtigen, unsichtbaren und vollkommen gewissenlosen Wesens, das nichts Menschliches mehr an sich hatte.
Die Dame kam nach einigen Minuten wieder zu sich und ich setzte ihr freimütig meine Meinung auseinander. Sie war ihr neu und sie war sichtlich erstaunt. »Keine menschlichen Wesen, aber intelligent? Ein intelligentes Ding und arglistig? Es ist entsetzlich! Fürchterlich! Was ist denn dann dieses Ding? Ein Engel? Nein! Ein Teufel? Wenn ja, woher kommt es? Warum? Zu welchem Zweck?«
Wir plauderten mehr als drei Stunden lang. Die Stimmung meiner Besucherin wurde zuletzt wirklich erregt, denn ich holte noch einmal meine Rosenkreuzerlehre hervor. Schließlich sagte sie: »Gibt es wirklich im Universum intelligente, aber unsichtbare Wesen, anders geartet wie die Menschen – das ist die Frage?«
»Natürlich gibt es solche Wesen! Myriaden!« rief eine klare, männliche Stimme in den Raum hinein. Die Dame konnte es nicht sein, die etwa so auf ihre eigene Frage geantwortet hätte und ich war es erst recht nicht. Nach sekundenlangem Zögern wandte ich mich dem Sprecher zu, der mir als ein magerer, seltsam blickender, runzliger, alter Mann in der Erinnerung haftet, mit merkwürdigen kleinen, scharfen, grauen Augen. Er sah halberfroren aus und benahm sich auch so, denn er begann gemächlich seine Hände über meinem Laboratoriumsofen zwischen der Tür und der Wand zu wärmen. Die Dame schien von der unerklärlichen Gegenwart dieses eigentümlichen Eindringlings nicht überraschter zu sein als ich.
»Ich bin nicht ganz sicher,« erwiderte ich auf die Worte des Alten, »ob es wirklich solche Wesen gibt.«
»Dann sind Sie ein größerer Narr als ich je einen gesehen habe. Guten Abend!«
Und er bewegte sich langsam gegen die Tür zu, an der mein Stuhl stand.
»Gehen Sie noch nicht, ich wünsche noch Aufklärung von Ihnen«, sagte die Dame. »Meinen Sie nicht auch?« wandte sie sich dann an mich, während sich auf ihrem Gesicht, besonders in ihren Augen, ein auffallender Ernst ausdrückte. »Ich glaube, er sollte seine Behauptung beweisen und uns nicht in diesem Zustand der Ungewißheit lassen. Das ist grausam!« Und wie sie so sprach, traf ihr Auge das meine und blieb daran haften, wie wenn die sich treffenden Blicke aneinander gefesselt wären.
Es muß einen magischen Einfluß in der Seele geben, der nur bei sehr seltenen Anlässen in Wirksamkeit tritt; warum hätte sonst ihr Auge meinen Blick für zehn Minuten so gebannt, daß ich mich nicht bewegen konnte? Endlich war dieser faszinierende Zauber vorüber, ich wandte meine Augen ab und antwortete:
»Gewiß; er sollte es uns erklären; und natürlich werden Sie«, so suchte ich den Mann zu überreden, »es gerne erklären …« Aber: Es war niemand mehr da! Keine Spur, daß er jemals dagewesen war. Er war fort – vollständig verschwunden – nicht durch das Fenster, denn von dort waren siebzig Fuß bis zur Straße – außerdem war es vor etwa vier Monaten unten zugenagelt worden – auch nicht durch die Tür, denn mein Stuhl und mein Rücken versperrten sie!
Mein Besuch fiel in Ohnmacht und stürzte vornüber zu Boden.
Ich wohnte damals in Charlestown und an jenem Abend erreichte ich mein Heim ziemlich früh. Nicht, daß ich Furcht empfunden hätte, o nein, aber weil mir meine Wohnung gemütlicher erschien als das Bureau; denn das Wetter war bitter kalt und windig. Immer fort traf den fröstelnden Wanderer, der seinen Weg dahintrabte, der Wind gerade ins Gesicht, gleichgültig, welche Richtung er gerade einschlug, denn ein Bostoner Schneesturm bläst immer von allen Seiten zugleich.
Es war ein schweres Stück Arbeit, des Abends die vier Meilen zu meiner Wohnung zu gehen, denn jeder Schritt mußte erst mühsam erkämpft werden.
Endlich erreichte ich mein Heim und setzte mich fröhlich zu einem üppigen Abendessen, bestehend aus Tee und geröstetem Brot, in meinem engen kleinen Wohnzimmer nieder.
Wie es draußen stürmte! Und wie warm und behaglich es in dem kleinen Hafen war, in dem ich eben Anker geworfen hatte!
Ich genoß gerade die zweite Tasse Tee und die zweite Brotschnitte zusammen mit meiner Zeitung, als plötzlich ein lautes, zweimaliges Klopfen an der Türe ertönte, ähnlich dem der englischen Briefträger, wenn sie Eile haben. Der Diener öffnete und mochte wohl denken, es sei jemand plötzlich krank geworden und ich solle ärztlichen Beistand leisten. Aber wie groß war mein Erstaunen als kein anderer als der kleine alte Mann von vorhin so gemütlich und nonchalant hereinspazierte, wie wenn er hier zu Hause wäre. Ich war wie vom Blitz getroffen. Er ging auf das Feuer zu und rief dabei aus:
»Welch einen Schrecken habe ich Ihnen und Ihrem Gaste heute nachmittag verursacht! Haha! Das war doch großartig, nicht?«
Ich antwortete ziemlich kurz und bündig: »Sehr!« – nichts weiter, denn ich fand keinen Geschmack an seinem Scherz. Überhaupt gefiel mir der ganze Mensch nicht. Nicht daß er mir verabscheuenswert oder verächtlich erschienen wäre, sondern einfach aus dem Grunde, weil ein gewisses Etwas an ihm war, vor dem mir graute.
Es ist allgemein bekannt, daß es eine der Hauptlehren der Rosenkreuzer ist, das leibliche Leben könne auf zwei verschiedene Arten durch Menschenalter hindurch verlängert werden, einmal mit Hilfe des Lebenselixiers und dann durch den bloßen Willen. Im ersten Falle ist das Alter von Schönheit und Jugendkraft begleitet, im zweiten aber ist es ein Jahrhunderte währendes Greisentum.
Jetzt, in dieser stürmischen Nacht, fiel mir ein, als ich das verwitterte Wrack da vor mir ansah, dieser Mann könne einer jener Unglücklichen sein, die durch die zweite Methode eine unendliche Zahl von Jahren erlangt und infolgedessen alles Jugendfeuer, alles Gefühl, alle Liebe und alles Gewissen verloren haben. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß dieses Schicksal vielleicht auch mir bevorstehen könne. Er bemerkte die Bewegung und ein Lächeln voll unaussprechlichen Hohns kräuselte dabei seine Lippen. Ich dachte schnell an etwas anderes.
Es ist Tatsache, daß nahendes Unheil seinen Schatten vorauswirft und von feinnervigen Menschen wahrgenommen werden kann. Und ein solches Vorgefühl, ein solcher Schrecken schien mich jetzt zu umschweben, schien in meiner Nähe irgendwo in einem Winkel zu kauern, um auf mich zuzukriechen und meine Seele zu packen, während der seltsame kleine Mann an meiner Seite stand. Es war ein aus Furcht und Schuldbewußtsein gemischtes Gefühl und doch hatte ich keine Schuld auf mich geladen.
Nachdem ich das Wort »sehr« ausgesprochen hatte, schwieg ich in dem Bestreben, den Schrecken, der mich befallen, zurückzudrängen, und versuchte, so unwillig wie möglich dareinzublicken, was der andere aber sogleich bemerkte, denn er trat näher, klopfte mir vertraulich auf den Rücken, goß sich eine Tasse Tee ein, trank sie aus und aß ein Brötchen dazu – womit übrigens das Problem, ob er ein Geist sei oder nicht, für mich gelöst war. Dann ließ er sich gemächlich in meinem Sorgenstuhl nieder, rieb seine kleine aufgebogene Nase mit seinen dünnen, bläulich-blassen Fingern und indem er sich plötzlich mit einem Ruck verbeugte, so daß er mir gerade ins Gesicht sah, lachte er herzlich und heulte dann mehr als er sang in den höchsten Fisteltönen, deren seine Stimme fähig war:
»Ach, wie heult der Sturm so traurig!
Komm, wir wollen lustig leben,
Und wir werden Dinge kennen, Dinge, nie gekannt zuvor!
Ich komme weit vom fernen Westen
Den Mann zu sehen, den ich am meisten liebe.
Glaub nicht, ich sei nur Laster und Verderben –
Ich will den Mittelpunkt der Schwere suchen –
Du aber wirst den Stein der Weisen finden.«
Und dann brach er wieder in ein so wildes und exaltiertes Gelächter aus, wie es kaum je ein Mensch gehört hat.
Ich kannte die paar Verse nicht, die er soeben gekrächzt, noch weniger wußte ich von dem Sänger und nicht im entferntesten dachte ich, daß diese Zeilen für mich die wichtigsten waren, die ich je vernommen hatte. Ganz allmählich und unmerklich begannen meine Vorurteile zu schwinden; ich plauderte mit ihm über verschiedene Gegenstände, und zwar fast vier Stunden lang. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, war es beinahe elf Uhr, als er aufstand, mir herzlich die Hand schüttelte und sagte, er werde jetzt gehen, wobei er aber versprach, wieder zu kommen, »wenn er mir zu dienen wünsche«; dann öffnete er die Tür und ging in einen der fürchterlichsten Stürme hinaus, die je die Küste der Bostonbay heimgesucht hatten. Es war seltsam: im tiefsten Winter war dieser Mann in einen ganz dünnen Anzug gekleidet, der nicht einmal für den Juni der nördlichen Gegenden ausgereicht hätte, geschweige denn für das schreckliche Wetter in der Nacht jenes 4. Februar, bei einer Kälte von 20 Grad unter Null.
»Allem Anschein nach ist er ein Mensch und der Mesmerismus gibt uns einen Schlüssel zur Lösung des scheinbaren Rätsels«, dachte ich; und mit dieser tröstlichen Überzeugung ging ich zu Bett und überlegte mir alles noch einmal, was er gesagt und getan hatte. Obwohl über seine eigene Person nur wenig gesprochen worden war, hatte ich doch soviel erfahren, daß er von Geburt ein Armenier namens Miakus war, was im Altchaldäischen »Priester des Feuers« bedeutet. Er sagte mir dies, als er sich niederbeugte, um die süße kleine Cora, mein Töchterchen, zu küssen, und als er dabei erwähnte, daß er Kinder sehr gern habe. Nachdem das Kind zu Bett gegangen war, hatte Miakus ein kleines, flaches, viereckiges Kästchen aus der Brusttasche gezogen, das offenbar aus Rosen- oder Olivenholz bestand und ungefähr sieben Zoll in der Länge und zweieinhalb in der Breite maß. Es war verschlossen und der silberne Schlüssel hing mittels einer goldenen Spange an einer gewöhnlichen stählernen Uhrkette um seinen Hals. Er stellte das Kästchen auf den Schreibtisch, wo es ungestört stehen blieb. Mir wurde später klar, daß der Grund seines Kommens irgendwie mit diesem Kästchen und mit mir in Zusammenhang stehen müsse. Ebenso klar war mir, daß sein Gesichtsausdruck zur Hälfte verstellt war und daß unter seiner oberflächlichen Nonchalance und Derbheit eine große Sorge ihn beherrschte; denn gelegentlich klang aus seiner Rede ein melancholischer Ton, der kundigen Ohren, wenn nicht von einem gebrochenen Herzen, so doch von einem tief gekränkten und beraubten erzählte. Dieser Umstand berührte mich tief, denn mein ganzes Leben lang war ich betrübt mit den Betrübten, und froh mit den Frohen. Nach einer kleinen Weile sagte er dann, eine seiner Absichten gehe dahin, mich in gewisse Geheimnisse der weißen Magie einzuführen, mich zu lehren, wie ein magischer Spiegel zu verfertigen sei, mittels dessen fast jeder Mensch durch unermeßliche Räume zu blicken und die Toten zu sehen und mit ihnen zu sprechen vermöge. »Es gibt nichts Wertvolles außer der Magie! Sie sind ein Narr gewesen, wenn Sie danach gestrebt haben, weise zu sein, und Sie glauben zu wissen, was Sie sich bisher nur eingebildet haben.«
Er stand auf, nahm das Kästchen, stellte es auf den Tisch zwischen uns und fuhr dann fort: »Es ist eine merkwürdige Fügung des Schicksals, daß der Besitzer eines magischen Spiegels in ihm alle Schicksale erblicken kann, nur das seinige nicht; wenn er es wissen will, muß er andere Seher befragen. Nun gibt es gewisse Wesen, deren Zukunft in diesem Spiegel nur von ganz bestimmten, besonders gearteten Menschen geschaut werden kann. Sie scheinen mir einer von diesen letzteren zu sein, und ich bin eine der ersteren; ein solches Zusammentreffen wie das von uns beiden findet nur am Anfang und am Ende großer Zeitepochen statt. Wir leben jetzt in einem solchen Zeitpunkt. Ich will Ihnen den Spiegel schenken, ich will Sie auch die Kunst lehren, solche Spiegel zu verfertigen.«
Zwei Stunden vorher hatte ich, als ich ihn essen und trinken sah, meine Geisterhypothese über den seltsamen Alten schleunigst aufgegeben. Jetzt aber, als er so merkwürdig daherredete und so großsprecherisch ankündigte, er werde das Tor alles Wissens öffnen, veränderte das Geheimnisvolle, das ihn umgab, seinen Charakter und hüllte ihn in zehnfaches Düster. Es lag etwas Unirdisches in seiner Stimme und in seiner ganzen Art und Weise; z. B. einmal, als er seinen Stuhl herumdrehte, kam sein rechter Oberschenkel unmittelbar in Berührung mit dem bis zur Rotglut erhitzten Ofen; ich beobachtete, daß der Stuhl von der Wärme angegriffen wurde und der Rauch seines Firnisses allmählich den Raum erfüllte. Und doch war der Mann nicht verbrannt, sondern stand kühl auf und öffnete die Tür, um den Rauch abziehen zu lassen; dann ließ er sich wieder auf seinen Sitz nieder, wie wenn nichts geschehen wäre. Zwei- oder dreimal des Abends fühlte ich, daß ein kalter Hauch von ihm ausging und ich sah auch deutlich sein Gerippe sich unter seiner dünnen, pergamentartigen Haut abzeichnen, wie wenn eine durchsichtige Decke leicht über ihn geworfen wäre, um die nackte Formlosigkeit eines Grabentstiegenen zu verbergen.
3. Kapitel
CHEMIE UND LEBENSELIXIER
Von Staunen erfüllt über die seltsamen Ereignisse jenes Tages und jener Nacht, die ich eben erzählt habe, zog ich mich in mein Zimmer zurück, aber nicht, um zu Bette zu gehen, denn noch vor Tagesanbruch ereignete sich etwas, was den Verlauf und den Charakter meines Lebens vollständig veränderte.
An dem Morgen, der dieser ereignisreichen Nacht folgte, begab ich mich zu einem Zahnarzt, der im Rufe stand, ein Philosoph zu sein und dessen Gehirn ein weit interessanteres Museum war als das wirkliche Museum in der Nähe seiner Wohnung. Ich plauderte eine Weile mit ihm und lernte durch ihn einen bedeutenden Denker kennen, dessen Name, glaube ich, Blood war. Nachdem wir in seinem Laboratorium eine Zigarre geraucht hatten, ging ich zu dem Apotheker Nichol, wo ich einige kleine Einkäufe machte, und dann in mein Sprechzimmer.
Ich hatte einige Zeit vorher einen chemischen Apparat gekauft, mit dem ich im Geheimen experimentierte – hauptsächlich nach 12 Uhr nachts –, und zwar mit der Absicht, La Brières großen Versuch zur Entfernung der feurigen und giftigen Bestandteile des Protozoons auszuführen, ohne daß dabei seine belebenden medizinischen Eigenschaften gleichfalls zerstört würden. Ich hatte schon fünf Monate lang unermüdlich und mit größten, meine Verhältnisse weit übersteigenden Kräften experimentiert, aber ich hielt noch immer an der unerschütterlichen Überzeugung fest, daß ich Erfolg haben müßte.
Der Versuch war mir sehr wichtig. Churchill hatte seine Hypophosphate hergestellt und sie hatten kläglich versagt; daher vermied ich bei meinen Arbeiten seine und andere Formeln. Der Erfolg, das fühlte ich, würde nicht nur meiner eigenen privaten Praxis zugute kommen, sondern auch der großen Menge der Nervenkranken und damit der gesamten Medizin nützen. Ich wußte, daß diese Entdeckung den Ärzten ein wirksames und gleichzeitig doch völlig harmloses nervenstärkendes Reizmittel in die Hand geben würde. Der Versuch war daher die Zeit, die Mühe und die Ausgaben, die ich ihm widmete, wohl wert. Tatsächlich war es La Brière gelungen, Erfolge zu erzielen, aber sein Geheimnis war verloren gegangen. Ich beschloß, es wieder zu erwecken. Und nach hunderten von Fehlschlägen gelang es mir endlich, das herzustellen, was er Protozoon genannt hatte.
Ich versuchte seine Wirkung an mir selbst, verschiedene andere Ärzte taten desgleichen; schließlich wurde es an Patienten auf deren eigenen Wunsch ausprobiert und das Ergebnis ließ keinen Zweifel darüber, daß ich vollauf berechtigt war, »Heureka« zu rufen. Diese Vorrede ist zum Verständnis des Folgenden notwendig. Einige Tage vorher nämlich, ehe ich Mrs. Graham gesehen, war es geschehen, daß ich etwa vier Pfund Protozoon zusammen mit dem fünffachen Gewicht anderer Stoffe in einem starken Glasgefäß in ein Sandbad getan hatte, so daß alles für die Bereitung von etwa einem Viertelliter des kostbaren Trankes bereit war. Als ich vom Zahnarzt heimkam und mein Zimmer betrat, war es natürlich mein erstes, das Gas anzuzünden. Einige Minuten lang beobachtete ich, wie der schöne scharlach- und purpurfarbene Dampf aufstieg und sich durch den Hals der Retorte und die langen gläsernen Röhren zum Kondensator wand. Mitten in dieser interessanten Tätigkeit wurde ich plötzlich durch den Ruf: »Sorgloser Narr! Gib acht! Lauf hinaus!« erschreckt. Ich gehorchte mechanisch und sprang in das äußere Zimmer, als auch schon eine heftige Explosion erfolgte, die Retorte war in Millionen Stücke zersprengt, der Apparat und die Fenster in kleine Trümmer geschlagen und einige Pfund glühend heißer Chemikalien auf den Boden verspritzt worden. Ein wüstes Durcheinander herrschte – aber nicht für den Sprecher, denn mit Gedankenschnelle packte er den Teppich auf dem Boden mit samt den darauf geschütteten Chemikalien und warf alles auf den Schneehaufen unten im Hofe hinaus, der unter der Einwirkung der intensiven Glut dieses fast unlöschbaren Feuers alsbald zu schmelzen begann. Endlich fiel es in sich zusammen und nur ein weißer Rauch erzählte noch von der Gefahr, in der ich und das Haus sich befunden hatten. Als das Feuer erloschen und mein Schrecken einigermaßen geschwunden war, sah ich mich endlich um, wer mich eigentlich so gerade im rechten Augenblick noch gerettet hatte und sah den kleinen Alten lächelnd vor mir stehen.
»Wie! Sie sind es?« fragte ich, ihm herzlich meine Hand entgegenstreckend.
»Ich glaube beinahe,« sagte er, »und es war ein Glück für Sie, daß ich zufällig schon so früh am Morgen hier war. Sie sind kein allzu geschickter Chemiker, mein lieber Doktor, sonst würden Sie niemals damit gerechnet haben, daß Ihr Protozoongas den Kondensator erreicht, wenn der Hahn geschlossen ist, oder daß eine gesprungene Glasretorte dem ungeheuren Druck des überhitzten Dampfes widerstehen kann. Ich sehe, daß Sie Alchimist und Hermetist geworden sind – wie ja so viele Rosenkreuzer! Und daß Sie dazu bestimmt sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, oder
Das große Elixier zu finden
Und über den Stein der Weisen zu stolpern.«
Dabei schlug der kleine Alte seine Hände zusammen und tanzte in ausgelassener Freude im Zimmer umher.
»Aber, mein Freund,« sagte er dann, »da ausdauernde Versuche ein Mittel zum möglichen Erfolg sind, habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß Sie eines Tages ein reicher Mann sein und ein hohes Alter erreichen werden; denn um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Sie sind heute früh der Zusammensetzung des Lebenselixiers – dieses wahren Elixiers, um das sich die Weisen aller Jahrhunderte vergebens abgemüht haben – näher gekommen als irgendein Mensch, der je gelebt. Hätten Sie nur eine geringere Menge von Elementen in die Retorte getan, von dem ersten und dritten Ingrediens mehr und vom zweiten, vierten und fünften weniger, dabei etwas weniger Hitze entwickelt, und zwei Unzen … und … eine Unze … (er nannte dabei die betreffenden Stoffe), so hätten Sie das Wasser der ewigen Jugend und Gesundheit gefunden – das wunderbare Mittel, das die Säfte reinigt, Verkalkung der Adern beseitigt und den Menschen gegen Miasmen und Krankheiten und überhaupt gegen alle lebenzerstörenden Einflüsse – außer natürlich gegen Körperverletzung – wappnet. Was meinen Sie dazu? Haha!« Und wieder brach er in ein heulendes Kreischen aus:
»Den Mittelpunkt der Schwere will ich suchen,
Du aber sollst den Stein der Weisen finden.«
Wie groß war mein Erstaunen, als mir der ausgemergelte Alte ins Ohr flüsterte, daß ich vor der größten überhaupt denkbaren Entdeckung stehe, daß der Schlüssel zum Geheimnis aller Geheimnisse in meiner Hand läge!
Eine große Erregung bemächtigte sich meiner. Bald aber wurde ich ruhiger und fragte mich: Wieso kannte er die Stoffe, die ich für das Elixier verwendet hatte? Vielleicht hatte er den Rauch gesehen und daraus Schlüsse gezogen. Aber wie konnte er den Inhalt des Kondensators kennen, durch den der Dampf hindurch mußte, um seine schädlichen Eigenschaften zu verlieren? Kein Mensch hatte mir bei den Vorbereitungen zugesehen. Woher wußte er, zu welchem Zweck ich die Flüssigkeit zusammengebraut hatte? Wie konnte er den Traum, die Hoffnung, das einzige Ziel meiner Seele während langer mühseliger Jahre kennen?
All dies diente nur dazu, ihn selbst noch tiefer in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen, und während ich so von Zweifeln hin und her geworfen wurde, stand er an meiner Seite und blickte neugierig durch die zerbrochenen Fenster auf den aufsteigenden Rauch, der sich in die Luft emporkräuselte.
Bald darauf hatten wir die Trümmer beiseite geräumt, der Alte verließ mich mit dem Versprechen, am selben Tag noch einmal herzukommen, und ich ging fort, um einen neuen Apparat, neue Fensterscheiben und einen neuen Teppich zu bestellen und einige Patienten zu besuchen. Dann kehrte ich wieder zurück. Es schlug drei Uhr und ich war noch nicht lange zu Hause, als Miakus, seinem Versprechen getreu, ebenfalls erschien.
4. Kapitel
DER MAGISCHE SPIEGEL
»Ich will Ihnen einen Rat geben«, sagte er, »denn Sie brauchen ihn. Zunächst: vertrauen Sie niemals einem Freunde irgendein Geheimnis an, das Unglück oder Sorge bringen kann, wenn es verraten wird. Mischen Sie sich nie in einen Streit ein, ganz gleichgültig, auf wessen Seite Recht oder Unrecht ist, sondern lassen Sie die Welt ihren Kampf allein austragen, während Sie abseits stehen und sorgfältig auf jeden Vorteil achten, den Ihnen der Zufall verschafft. Und zuletzt: behalten Sie für sich, was Sie wissen, bis die Zeit dazu gekommen ist. So, und jetzt wollen wir unsere magnetischen Spiegel befragen.«
Sogleich gingen wir in das Hinterzimmer, das inzwischen wieder instand gesetzt worden war, wenigstens was Fenster und Teppich betraf. Der Alte hielt das Rosenholzkästchen eine Weile in der Hand und stellte es sodann auf den Tisch. Dann schloß er die Fenster und spannte einen seidenen Vorhang rings um das ganze Zimmer auf, um so jedem Lichtstrahl den Zutritt zu wehren.
»Das ist ein magischer Vorhang«, erklärte er. »Sie haben jedenfalls schon eine Laterna magica-Vorführung gesehen. Nun, ich werde Ihnen hier etwas ganz Ähnliches zeigen, aber ohne Laterne. Ich öffne jetzt dieses Kästchen, wie Sie sehen, und nehme den Spiegel heraus. Er besteht aus zwei französischen Glasplatten, die durch eine Holzumrahmung etwa einen halben Zoll voneinander entfernt gehalten werden, so daß ein gewisses Fluidum zwischen ihnen nicht entweichen kann. Das Kästchen, der Vorhang und die beiden Gläser sind durchaus unwichtig; alles hängt lediglich von dem Fluidum ab, das von dunkelbrauner Farbe ist, aus der Entfernung aber tintenschwarz erscheint.
Ich hänge jetzt den Spiegel mit seinem Haken an den in den Vorhang eingenähten Ring. Dann verriegle ich die beiden Türen und stelle zwei Stühle für Sie und mich davor. Dann nehme ich diesen Reflektor hier und stelle ihn so, daß er einen starken Lichtkegel wirft, damit in der Mitte des Spiegels eine kreisrunde, glänzende Lichtfläche erscheint.« Wir setzten uns vor dem Vorhang nieder und ich bemerkte, daß die Flüssigkeit zwischen den Gläsern in einer opalisierenden Farbe schillerte.
»Bevor wir die Richtigkeit von Hamlets Bemerkung gegenüber Horatio beweisen,« fuhr der Experimentator an meiner Seite fort, »will ich Ihnen einige Erklärungen geben. Zwischen dem menschlichen Körper und allen Dingen der Außenwelt desselben besteht nicht nur eine geheimnisvolle mächtige Sympathie, sondern eine noch größere zwischen diesen Dingen der Außenwelt und der Seele, was durch die erstaunliche Macht bewiesen wird, die verschiedene Substanzen auf sie ausüben, von denen die meisten für immer von der Erde verbannt und verflucht werden sollten, – so z. B. Belladonna, Cantharidin, Bang, Opium, Haschisch, Dewammeskh, Hyndee, Tartooroh, Hab-zafereen, Mah-rubah, Gunjah und viele andere Pflanzengifte, von denen jedes nicht nur den Körper, sondern auch die Seele beeinflußt. Steigen wir jetzt von den greifbaren Körpern zu den flüchtigen Erscheinungen herab, z. B. zum Licht. Mit konkaven Spiegeln können wir Bilder in den Raum senden, die von Tausenden gesehen werden können. Wir fesseln sozusagen einen Schatten, und wer immer eine photographische Kamera besitzt, hat einen solchen Gefangenen. Wir machen damit ein paar magnetische Striche über ein Glas Wasser, sättigen es so mit irgend einer bestimmten, von uns gewünschten, angenehmen oder unangenehmen Eigenschaft, und es bringt sofort bei dem Patienten, der es zu sich nimmt, die entsprechende Wirkung hervor. Da haben Sie Geist und Außenwelt in einem einfachen Willensakt vereinigt. Aber wir gehen noch weiter: Wir nehmen gewisse Stoffe und machen damit das Wasser noch viel empfindlicher. Wir übertragen unsere Seele darauf, und zwar in einem solchen Grade, daß es den Körper eines Menschen völlig einschläfert und seine Seele zum höchsten Grade des Hellsehens erhebt. Noch mehr: es ist möglich, eine Flüssigkeit herzustellen, die jedes auf sie geworfene geistige Bild erfaßt und für eine gewisse Zeit festhält. Noch mehr: es gibt unmittelbare Beziehungen zwischen jedem Ding und jeder Person auf dieser Erde und über ihr. Durch gewisse Kenntnisse vermögen manche Personen jene Substanzen zu finden, die zu den Bewohnern der oberen Welten und des Weltraumes eine innere Verwandtschaft haben. Die Glasscheibe vor Ihnen nun enthält eine solche Flüssigkeit, die folgendermaßen zusammengesetzt ist …«
Hier gab er mir eine genaue Erklärung des Verfahrens zur Herstellung solcher Spiegel und der Art der Einbringung der Flüssigkeit, die, wie ich bemerkte, gleichzeitig eine elektrische, magnetische und ätherische sein mußte. Dann erklärte er mir, wie der Spiegel für die verschiedenen Gebrauchsarten zu präparieren sei – als Spielzeug, als ein Mittel für ärztliche Diagnose, zum Zwecke der Traumdeutung, dann um irdische Dinge zu sehen, verlorene Schätze zu entdecken, Vergangenheit und Zukunft zu erfahren und vieles andere –, da kein Spiegel zur gleichen Zeit zu mehr als einem dieser Zwecke dienen kann, wenn er nicht besonders für allgemeinen Gebrauch eingerichtet ist, was aber seine Herstellung zu teuer machen dürfte.
»Richtig behandelt«, fuhr er dann fort, »wird Ihr Spiegel so ungeheuer empfindlich, daß er nicht nur Dinge festhält, die für das Sonnenlicht zu subtil sind, sondern sie sogar reproduziert und sichtbar macht. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt Licht im Lichte, Luft in der Luft und intelligente Wesen, die darin wohnen und mit den Menschen nur durch solche Spiegel verkehren können, in dem sie durch darin nachgebildete Vorgänge und darauf projizierte Worte die Nachricht hervorbringen, die sie zu übermitteln wünschen. Jetzt geben Sie gut acht! Gedanken sind Stoff, sind körperhafte Wirklichkeiten. Sie werfen Schatten, haben Gestalt, Umrisse, Masse, manche sind flach, andere scharfkantig, schneidend, spitz und bohren sich ihren Weg durch die Welt von Jahrhundert zu Jahrhundert. Wieder andere sind fest, rund, massig und wanken, wenn sie an Ihnen vorbeistreichen und gegen die Dinge der Welt stoßen. Gedanken leben, sterben und wachsen. Hören Sie zu! Blicken Sie fest und starr! Wünschen Sie sich irgend etwas zu sehen, ganz gleichgültig, was!«
Ich lächelte ungläubig und meinte, man könne sein Gesicht auch in jedem andern Glase sehen.
»Gewiß,« erwiderte er, »aber Sie haben noch niemals Ihre Seele gesehen und diese Kleinigkeit will ich Ihnen heute zeigen.
Ich will jetzt noch verborgene Ereignisse enthüllen, die bald oder auch in späterer Zukunft auf der Erde oder über ihr geschehen werden.«
Ich erklärte ihm, daß ich der Sache sehr skeptisch gegenüberstünde und mein Glauben erst erzwungen werden müßte.
Ich lachte geradezu, worauf Miakus bemerkte: »Lachen Sie nur zu, lachen Sie immerhin; aber geben Sie acht, daß das Lachen sich nicht gegen Sie wende. Die Wahrheit ist eine recht eifersüchtige Dame und findet niemals Geschmack an Scherzen, die man auf ihre Kosten macht. Aber sehen Sie zu! Der Spiegel beginnt zu wirken.« Und sogleich beugte er sich nieder, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, blieb ungefähr eine Minute lang in dieser Stellung und fragte dann:
»Was sehen Sie in dem Glas?«
»Nichts,« erwiderte ich, »als unsere eigenen Bilder.«
»Geduld! Sehen Sie noch einmal hin! Versuch's!«
Ein kurzes Schweigen folgte.
»Sehen Sie jetzt etwas?«
»Ja, aber nichts Außergewöhnliches. Nur eine helle Stelle, eine Öffnung in der Mitte des Glases. Ja! Jetzt ändert sich etwas – schwache, nebelhafte, dämmerige Schatten huschen darüber, aber nichts Deutliches und Unterscheidbares.«
»Ist das alles?«
»Ja.«
»Sehen Sie weiter!«
»Jetzt sehe ich klar und deutlich den Vorderteil eines großen, grauweißen Hundes. Er wird größer! Jetzt ist er ganz sichtbar! Das Bild steht voll und scharf außerhalb des Spiegels!«
Während ich nun in den Spiegel blickte, wunderte ich mich im stillen darüber, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe dieses Glases das große Geheimnis aller Menschenalter zu lösen. Aber gleich darauf fühlte ich einen gewissen Unwillen darüber, ein solches Bild zu sehen, während er mir doch versprochen hatte, ich würde meine eigene Seele erblicken. Ich sagte es ihm. »Nehmen Sie daran keinen Anstoß«, sagte er, »dieses Bild ist nicht wirklich, sondern nur ein Symbol. Ist der Hund nicht ein Muster ausdauernder Freundschaft, vollkommenen Vertrauens und unbegrenzter Liebe? Dies sind die Eigenschaften Ihrer Seele.«
Jetzt erschien auf dem Glas ein breiter, leerer Raum und das Ganze wurde klar und durchsichtig wie der feinste Kristall und gerade in der Mitte zeigte sich ein kleiner, strahlender Lichtfleck, dessen Glanz sich immer mehr steigerte, bis mein Auge vom Hinsehen geblendet wurde. Allmählich breitete er sich aus und wiederum in der Mitte erstrahlte ein Lichtpunkt heller als der hellste Mittag, in den ich mit Entzücken hineinblickte, denn das intensive Licht hatte sich in eine Art von nebligem Dampf verwandelt.
»In diesem Dampf und durch diesen will ich Sie vor mir sehen. Aber nicht jetzt. Die Zeit ist nicht günstig. Was Sie erblicken, ist die Linse eines mystischen Teleskops, mit dem ich die Regionen durchforschen kann, wo Myriaden von Welten gleich der unserigen rollen, die der Mensch noch nicht kennt. Mit ihm können Sie nicht nur diese Welten, sondern auch ihre Bewohner und alles, was sie tun, beobachten.«
»Wie! Wollen Sie damit sagen, daß ein lebender Mensch mit diesem Teleskop, wie Sie es nennen, alles, was auf dem Mars oder Jupiter geschieht, wahrnehmen kann?«
»Gewiß! Und noch eine Million anderer Planeten, Sonnen und Sonnensysteme. Es wird Ihnen das Schicksal jedes Lebenden und Toten enthüllen. Schreiten wir gleich zum Beweis.«
Bei seinen Worten schien sich ein röhrenförmiges Lichtgebilde meinem Auge zu nähern, und ich erblickte dadurch wie in einem Diorama all die schrecklichen und schmerzlichen Szenen dessen, was ich für mein jüngstes Leben auf der Erde halte. Ich sah meine wenigen Freuden und Erfolge und die unzählbaren Schmerzen des Leibes und der Seele, von denen sie umrahmt waren. Und Menschen begegneten dem Phantom meines Ichs mit lächelndem Antlitz, die honigsüße Worte zu sprechen schienen, damit man ihnen vertraue; und dann erdolchten diese Wesen den Zuhörer. Er fiel wohl, aber er schien nicht zu sterben, denn ein scheußliches Gespenst schwebte beständig über ihm, zögerte aber aus Mitleid oder Bosheit, ihm den tödlichen Streich zu versetzen.
Die Szene änderte sich. Ein Landstädtchen erschien – das Datum stand in feurigen Ziffern in der Ecke: 1852. In einem Barbierladen übte ein fröhlicher, leichtherziger Jüngling seinen Beruf aus.