Anmerkungen zur Transkription

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Drei Monate Fabrikarbeiter

Drei Monate Fabrikarbeiter
und
Handwerksbursche


Eine praktische Studie

von

Paul Göhre

Kandidaten der Theologie
Generalsekretär des evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin


Erstes bis zehntes Tausend

Leipzig

Fr. Wilh. Grunow

1891

Das Recht der Übersetzung bleibt vorbehalten

Seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik

Der Verfasser


Inhalt

Seite
Erstes Kapitel: Mein Weg [1]
Zweites Kapitel: Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen [12]
Drittes Kapitel: Die Arbeit in der Fabrik [40]
Viertes Kapitel: Die Agitation der Sozialdemokratie [88]
Fünftes Kapitel: Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen [108]
Sechstes Kapitel: Bildung und Christentum [142]
Siebentes Kapitel: Sittliche Zustände [191]
Achtes Kapitel: Ergebnisse und Forderungen [212]

Vorwort

Die nachstehenden Mitteilungen sind auf Grund ausführlicher Notizen, die ich während meiner Arbeiterzeit aufgezeichnet habe, gemacht worden. Einiges ganz Wenige davon ist aus Artikeln, die ich im vergangenen Herbste in die „Christliche Welt“ über meine Erlebnisse geschrieben habe, herüber genommen. Die Lückenhaftigkeit meiner Mitteilungen gestehe ich zu. Das ist bei einem nur dreimonatlichen Studium selbstverständlich. Was ich aber gesehen und gefunden habe, habe ich mit der Objektivität darzustellen versucht, die nur immer einem Menschen möglich ist, der nicht aus seiner Haut heraus kann. Ich warne dann noch ernstlich vor einer Verallgemeinerung der von mir gefundenen Ergebnisse. Ich gebe zu bedenken, daß alles, was ich berichte, nur von den sächsischen Industriearbeitern Geltung hat.

Ich habe das Buch meinen ehemaligen Arbeitsgenossen in der Fabrik gewidmet als ein Zeichen des Gedenkens, der aufrichtigen Liebe und Zuneigung, die ich immer gegen sie hegen werde. Sie mögen darin das Bekenntnis sehen, daß ich meine ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer Sache stellen will. Trotzdem bin ich auf Verdächtigungen gefaßt. Aber ihnen allen gegenüber erhebe ich den Anspruch, daß ich, selbst aus einfachsten Kreisen herausgewachsen, es nicht weniger ehrlich mit ihnen meine, als es andre von sich behaupten.

Mit einem Appell an meine Alters- und Standesgenossen möchte ich diese Worte beschließen. Ich bitte sie dringend, es mir nachzuthun, allein oder zu zweien, aber mit offnem Visier, zu keinem andern Zwecke, als die ärmern Mitbrüder und ihre Lage, ihre Gedanken, ihr Sorgen und ihr Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben, und im künftigen Berufe dann vorurteilslos und ernst da für sie einzutreten, wo immer sie recht haben.

Berlin, Anfang Juni 1891

Der Verfasser

Erstes Kapitel
Mein Weg

Anfang Juni des vorigen Jahres hängte ich meinen Kandidatenrock an den Nagel und wurde Fabrikarbeiter. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches Beinkleid, Kommißstiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste Umhängetasche fand sich dazu, die nötigste Wäsche aufzunehmen, und gab, ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt, einen prächtigen „Berliner“ ab. So zog ich eines frühen Morgens in struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mit klopfendem Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate unerkannt als einfacher Fabrikarbeiter und beinahe ohne jeden Verkehr mit meinesgleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und getrunken, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen vergnügt und so ein reiches Material zur Beurteilung der Arbeiterverhältnisse gesammelt, das mitzuteilen ich im Folgenden versuchen will.

Seit Jahren für das Studium der sozialen Frage vom religiösen und kirchlichen Standpunkte aus erwärmt, war es vor allem eines, das mich bisher einen klaren Blick, ein sicheres Urteil, einen festen Haltepunkt zu gewinnen immer wieder verhinderte: die zu geringe Kenntnis der Wirklichkeit, der thatsächlichen Lage derer, um derentwillen wir eine soziale, eine Arbeiterfrage haben. Zwar giebt es eine reiche Litteratur. Aber wer verbürgte mir die Richtigkeit der gegebenen Darstellungen? Wo ist die Wahrheit? Bei dem Optimisten, der die Lage der Arbeiter als durchaus nicht so erbarmungswürdig schildert, oder bei dem Pessimisten, der alles Schwarz in Schwarz sieht und die Zukunft nur als Revolution? In den sozialdemokratischen Schriften, die, so scharf und bedeutungsvoll ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen auch ist, doch für nichts weniger als unparteiisch und sachlich gelten und, fast alle Agitationsschriften, jedenfalls wissenschaftlichen Wert nicht beanspruchen können? In den weniger zahlreichen Äußerungen von Arbeitgebern, die in dieser Angelegenheit ebenso Partei sind, wie die Arbeiter selbst? Oder gar in unsrer periodischen und Tagespresse, die beinahe durchgängig Parteipresse ist und als Vertreterin bestimmter Interessengruppen die Dinge immer nur von ihrem einseitigen, egoistischen Interessenstandpunkte aus zu würdigen und zu Gunsten ihrer Partei auszubeuten geneigt ist? Oder endlich in den Schriften von Geistlichen? Gewiß wird dem Pastor durch seine seelsorgerische Thätigkeit eine Fülle von Erfahrungen zur Verfügung stehen; ob aber gerade besonders reichlich und der Wirklichkeit entsprechend unter den Arbeitern, die je länger desto mehr sich von der Kirche und ihrem Einflusse fern zu halten suchen? Und dann ist eins zu bedenken: vor dem Träger des geistlichen Amtes pflegt sich jedermann, auch der Arbeiter, gern in sein Sonntagsgewand, thatsächlich wie bildlich gefaßt, zu werfen; die innersten Gedanken der Leute, ihre Gesinnung, die sie nur äußern, wenn sie unter sich und unbelauscht sind, lernt auch er nur sehr schwer und lückenhaft kennen. Und eben das war es, was ich vor allem wissen wollte, um darauf mein weiteres Studium und meine spätere Arbeit bauen zu können: die volle Wahrheit über die Gesinnung der arbeitenden Klassen, ihre materiellen Wünsche, ihren geistigen, sittlichen, religiösen Charakter.

Wie aber ergründen, was sich so gerne dem forschenden Auge entzieht? Das beste, geradeste, wenn auch nicht eben bequemste war, wenn ich selbst unerkannt unter die Leute ging, mit eignen Ohren hörte und mit eignen Augen sah, wie es unter ihnen steht, ihre Nöte, ihre Sorgen, ihre Freuden, ihr tägliches einförmiges Leben selbst miterlebte, die Sehnsucht ihrer Seele, ihren Drang nach Freiheit, Besitz, Genuß belauschte und selbständig nach den innersten Triebfedern ihrer Handlungen suchte. Wie malt sich eigentlich die Welt in den Köpfen dieser Leute, die nun schon seit Jahrzehnten vielleicht unter dem Einflusse der sozialdemokratischen Führer stehen? Welches sind, eine Frucht jener Agitation, ihre sozialen und politischen Vorstellungen, welches ist ihr sittlicher Charakter, ihr innerstes religiöses Empfinden, die Stellung der Einzelnen zur Kirche? Haben sie überhaupt noch religiöse Bedürfnisse? Und wenn, auf welchem Wege können sie ihnen am besten befriedigt werden? Wie ist den Verhetzten und — zum großen Teil mit Recht — Verbitterten überhaupt erst wieder nahe zu kommen? Das alles konnte ich nur an der Quelle, selbst Arbeiter unter Arbeitern, erfahren. Also — heran an die Quelle!

Als ich um die Mittagszeit in Chemnitz einzog, war ich, absichtlich ohne bestimmten Plan, völlig dem Zufall überlassen. Ich fragte, um mich zu orientieren, einen an der nächsten Ecke postierten Schutzmann, ob er mir vielleicht sagen könnte, wo man hier Arbeit nachgewiesen erhielte.

Was sind Sie? herrschte er mich in bedeutend unfreundlicherem Tone an, als ich es früher von Schutzleuten gewohnt war.

Expedient, Schreiber.

Da werden Sie wohl keine Arbeit in Chemnitz bekommen.

Ich mache auch jede andre Arbeit, gab ich zurück.

Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren.

So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin, freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins.

Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus. Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit einer dunstigen, dicken Luft gefüllt war. An den Wänden hingen viele Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich.

Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr.

Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu:

Guten Tag, Landser [Landsmann].

Guten Tag, Landser, antwortete ich.

Auch einer von der Zunft? — Damit hielt er mir seinen ausgestreckten Zeigefinger vor die Augen.

Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und sagte jedenfalls Nein.

Was bist du denn? forschte er weiter.

Expedient, Schreiber.

Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal — damit rückte er vertraulich an mich heran —, es ist wohl nicht ganz richtig mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig aus, du bist wohl durchgebrannt?

Nein, sagte ich sehr einsilbig.

Oder kommst du vom Zuchthause?...

Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht fahren lassen. Ich wurde zunächst grob.

Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen. Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht nicht; zu Hause zur Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich — setzte ich hinzu — doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen, als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe.

Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte.

Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir.

Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt. Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien — wie ich das ja auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel gefunden, um unerkannt unter ihnen sein zu können. Das war aber die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte.

Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm Tische.

Der Schneider führte das Wort. Er sah ein wenig gönnerhaft, mit väterlichem Bedauern auf die arme Schreiberseele herab.

Ja, wir Schneider, rief er, wir sind doch viel besser dran als ihr Schreiber. Wir wissen wenigstens, was wir gelernt haben. Ein Schneider, der einen Rock machen kann, kommt immer durch.

Auch er war augenblicklich ohne Arbeit. Er hatte erst gestern bei seinem Meister aufgehört. Ungern, wie er sagte; denn er ginge nicht leicht von einem Meister fort, bei dem er sich einmal eingearbeitet hätte.

Aber siehst du, Schreiber, meinte er, der Mann war ein Säufer. Und wenn das ein Meister ist, ist er verloren, und es geht mit ihm abwärts. So wars auch bei diesem, und das Elend in einer solchen Familie kann ich nicht mit ansehen.

Er war ein seelensguter Mensch, aber total verworren. Er erzählte jedem ganz ernsthaft das tollste Zeug, ohne daß man ihn dazu besonders veranlaßte.

Wer an Gott nicht mehr glaubt, ist verloren, war sein drittes Wort. Der alte Fritz hätte gesagt: Jesus lieb haben, wäre mehr wert denn vieles Wissen. Und der hätte Recht gehabt. Sonst aber wüßten wir nichts. Nur die Natur ist uns bekannt. Dann redete er zwischen seine Handwerkserinnerungen hinein plötzlich einmal von Darwin.

Was der sagt, daß wir von den Affen abstammen, ist albern. Affe bleibt Affe.

Nee, wir stammen von Affen, schrie nun wieder ein Betrunkener, ein Stammgast der Herberge, der inzwischen hereingewankt war und sich auf eine hölzerne Bank in der andern Ecke schlafen gelegt hatte.

Die drei andern hörten dem allen ruhig zu, lachten sich eins und machten sich ihre eignen Gedanken.

Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in Chemnitz Arbeit in einer Fabrik bekommen könnte. Sie hielten das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht, wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen.

Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte Ausweg, aber besser als Hungern.

Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern. Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht mehr gesehen.

Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde, zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit, die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen Herberge heimisch.

Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen, siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen, kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu.

Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen Flaschen, tragen Kohlen ein u. s. f. Ich arbeite höchstens zwei Tage in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut.

Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen, wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung.

Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern, reservierten, bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen.

Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen, stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen.

In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft. Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich.

Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab.

Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends. Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus. Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in eine größere Fabrik.

So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken. Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter eingestellt. Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie jeden andern Arbeiter.

Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten.

Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit, mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern.

Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der Schlosserei verwendet und hatte z. B. in starke Eisenteile Löcher von verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen kaum einzuschlafen.

Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink, jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen. Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war.

Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage, wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“ Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist, glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür, es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht, war für sie wohl einfach undenkbar.

Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins, in denen ich nie fehlte, oder — und dies je länger desto mehr — in den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war. Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor Schluß, also vor Mitternacht verließ.

Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser, dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.

Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete — als Arbeitsloser — die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des „Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf, teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa sechzig Schlafstellen wenigstens gründlich gesehen. Ein Sozialdemokrat hat in einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle nicht annähme.

Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause zurück.

Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg, den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre Resultate.

Zweites Kapitel
Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen

Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150 Mann, von denen die meisten mit mir einer Abteilung, dem Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.

Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf 10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie zumeist Deutschböhmen und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer, oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens aus dem Erzgebirge und Vogtlande.[*] Aus den übrigen drei sächsischen Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15 bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.

Über das Einkommen meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen; der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.

Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen. Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde entlassen.

Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20 Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an den beiden genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78 Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen, Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis 30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht. Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100 Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender. Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben nicht zu prüfen.

Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig angesehen wird.

Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich und ihre Angehörigen hielten, suchten durch Nebenverdienst ihr Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in ihren knappen Feierabendstunden sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme, bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer, der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte, ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst, allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer, der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn; ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern Arbeiterkneipen — wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen, als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb. Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren Gärten und ähnliche Dinge.

Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“ zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen am Sonntag Vormittag.

Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft, Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt.

Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei ebenfalls der Frau die ganze Arbeit obliegt, als Quelle zur Erhöhung des Fabriklohnes angesehen — kaum mit vollem Rechte. Denn so viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit, von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus.

Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern. Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen that.

Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter; ebenfalls ein junger Dreher war — wohl durch Erbschaft — Eigentümer des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses. Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl, der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte, aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren Manne, dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ — wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten.

Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich auch nicht von Überfluß. Denn der oben angegebene Betrag des jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere Nahrungssorgen leben kann. Die Sache liegt aber sofort bedeutend ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen möglich war.

Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die ich über Wohnung, Kleidung, Nahrung meiner Arbeitsgenossen gemacht habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit doch der folgenden Mitteilung für wert halte.

Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher Fünfziger, hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“ nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter, die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als wir in unserm Viertel.

Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über, und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf: zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen, niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite, mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.

Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser umgebaut und in mehrere Familienwohnungen, „Parten“ genannt, geteilt war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll. Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen, mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter, und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.

Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten, noch Familienwohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete das Heim eines — wenn ich recht sah — sehr großen Teiles unsrer Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben. „Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine Stube?“ waren ganz übliche Worte.

Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke versehen war.

Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder dem ähnliche Gartengebäude.

Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend, ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise reichten sie freilich nicht hinan.

Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten, läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten, die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam; an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.

Wie es nun innen in den Wohnungen aussah? Gut, mittelmäßig, schlecht — das kam auf viele verschiedene Ursachen an. Ein Sofa, ein häufig runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr- und noch mehr Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast immer vorhanden zu sein; nicht selten auch eine Nähmaschine, eine Hängelampe und ein hübscher, äußerlich eleganter, wenn auch sehr oberflächlich fabrizierter Kleiderschrank oder Vertikow. In der Ecke oder an der Seite, wo der zum Kochen benutzte Ofen stand, pflegte das wenige Küchengeschirr zu hängen; Töpfe, das „Geschühte“ und sonstiges Gerümpel, vielleicht auch noch irgend ein Schrank befanden sich dann in dem anstoßenden Zimmerchen, das im übrigen fast vollständig mit Bettgestellen besetzt war. Einem jungverheirateten Paare fehlte häufig eins oder mehrere der oben genannten Stücke, etwa das Sofa, der Spiegel, die Uhr: man war da eben noch nicht in der Lage gewesen, sie sich schaffen zu können, denn da unten heiratet man ja ohne Mitgift. Ob aber in einem solchen Haushalt Ordnung, Reinlichkeit, verständnisvolles Arrangement und bei aller Enge und größter Einfachheit ein freundlich einladender Geist herrschte oder nicht, das bestimmten die Zahl der Kinder, ihr Alter, das Verdienst und die Haltung des Mannes, die Beschäftigung und vor allem natürlich der Charakter, die Anlage, die Vergangenheit der Frau. Ich war bei Arbeitskollegen im Hause, die kaum ein paar Pfennige mehr für die Arbeitsstunde hatten als ich und genug Kinder und wenig gute Möbel, und bei denen man doch nur gerne blieb; ich war bei Stoßern und Bohrern, die auf Akkord arbeiteten und 40 bis 50 Mark die Woche verdienten, wo es nicht einfacher aussah als in meines Vaters Haus, und weiße Decken den Tisch, das Sofa und die Kommode, weiße Gardinen die blumenbestandenen Fenster, manches Bild die reinlichen Wände schmückten, und ich sah auch das Gegenteil bei Leuten sowohl mit großem als mit geringem Verdienste, mit vielen und wenigen Kindern, mit neuem und altem Hausgerät.

Jedenfalls — und ich betone das scharf und nachdrücklich — war die Zahl der Familien, die bei aller Beschränktheit der Lebenshaltung und Wohnung so gut als möglich auf Adrettheit und Anstand zu halten versuchten und auch thatsächlich hielten, unendlich größer, als diejenigen, bei denen das aus irgend einem Grunde nicht der Fall war.

Das Traurige an dem ganzen Wohnungswesen dieser Leute war vielmehr ein andres, schon oft beklagtes: das Mißverhältnis zwischen der Enge der Räume und der Zahl ihrer Bewohner. Solche eben geschilderte Wohnräume genügten wohl jungen, erst verheirateten Leuten mit ein oder zwei Kindern zu einem halbwegs gesunden, zufriedenen Wohnen: wo sich aber eins, zwei, drei Kinder mehr einstellten, und wo man um des bessern Auskommens willen noch gar Fremde in Kost und Logis zu nehmen gezwungen war, gab es dann Zustände, die sich leicht nachfühlen, aber schwer beschreiben lassen. Das aber war selbstverständlich die Regel. Weitaus die meisten Familien hatten eine Schar Kinder, hatten Schlafleute und Kostgänger. Tadellose Wohnungsverhältnisse gab es darum nur da, wo weder die einen noch die andern vorhanden waren: wenn kinderlose oder auch ältere Ehepaare, deren Kinder bereits erwachsen und versorgt waren, leidliches oder gar gutes Einkommen hatten, blieb man gern für sich und machte es sich freundlich, gemütlich daheim. So bei einem Stoßer, den ich mehrmals besuchte, dessen Jüngster eben aus der Schule war. Hier wars einfach reizend. Auch das waren noch günstige Verhältnisse, wo, wie in der Familie eines aus unsrer Kolonne, der in einem solchen ehemaligen zum Miethause umgewandelten Bauernhause wohnte, Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter aus erster Ehe der Frau und drei kleine Kinder aus der jetzigen Ehe eine geräumige Eckstube, einen einfenstrigen Alkoven und eine Bodenkammer inne hatten: Da schlief das Mädchen in der letztern allein; die übrigen im Alkoven, und zwar das Kleinste in der umfangreichen Wiege, die zwei andern in einem und die Eltern auch in einem Bette. Solches allnächtliches Zusammenschlafen einmal der Eltern und dann von Geschwistern, auch schon größern, und dann auch von Bruder und Schwester in einem Bette war übrigens nach meinen Erfahrungen weitaus die Regel: nur bei zwei kinderlosen Ehepaaren fand ichs auch in diesem Punkt anders und besser; da hatten die Gatten je ein Bett für sich. Ungünstiger schon als bei der eben geschilderten Familie lagen die Dinge bei einer andern mir befreundet gewordenen, die aus den jungen Eltern, einem zweijährigen und einem halbjährigen Kinde und einem erwachsenen fremden Fabrikmädchen bestand, und die sich nur mit einem einzigen engen Zimmer zur ebnen Erde und der Dachkammer, wo jene Fremde schlief, begnügen mußte. In dieser einzigen Stube, die natürlich Wohnzimmer, Schlafzimmer, Besuchszimmer und Küche zugleich war, stand ein einziges Bett für die Eltern, ein Kinderwagen, ein Tisch, ein paar Stühle, eine Kommode, ein Kleiderschrank und Küchenzeug eng zusammen. Aber auch so wars noch verhältnismäßig gut. Es kommt noch schlimmer. Wieder ein Handarbeiter meiner Kolonne, bei dem ich am häufigsten war, der eine energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, zwei von ihm und ihr herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, ein Mädchen von etwa neun und einen Jungen von sechs Jahren hatte, bewohnte in einem mit Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen aus unsrer Fabrik ebenfalls nur ein enges zweifenstriges Zimmer, einen Alkoven und eine Bodenkammer. Auch hier schliefen Eltern und Kinder je in einem Bette zusammen, und zwar so, daß diese zwei Betten fast den ganzen Raum einnahmen, die drei Burschen in der etwas geräumigern Bodenkammer ebenfalls nur in zwei Betten, also zwei einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. Wie verbreitet diese Sitte war, beweist die geringfügige Thatsache, daß ich, wenn ich auf meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich möchte gern „für mich,“ wie ich meinte, in einem Zimmer allein, schlafen, wohl fast immer dahin verstanden wurde, allein in einem Bette.

Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem andern Mann aus meiner Fabrik. Das war thatsächlich nicht mehr menschenwürdig. Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig, ein kleiner, biedrer, guter Kerl, mit dem ich mich besonders viel und gern unterhielt. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige Frau, deren Lebens- und Liebesgeschichte er mir wie seine eigne in der ganzen Massivheit, wie sie sich unter diesen Leuten abspielt, und mit der ganzen naiven Offenheit und kameradschaftlichen Vertraulichkeit, wie sie da unten auch zwischen ältern und jüngern schnell entsteht, doch nicht ohne poetischen Schimmer ausführlich erzählte. Ihre Kinder waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen fünf fremde Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen: aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven, einer einfenstrigen Kammer und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten, in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderm zwei böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich, schlief die kränkliche Frau allein; ihr Mann seit drei Jahren, seit seine Frau niemand mehr neben sich liegen haben konnte, auf dem Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer mußten schon früh ½5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam erst abends ½10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte dann noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte, tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte.

Kamen nun obendrein noch Verwandte oder Bekannte zu Besuch, so war ihre Beherbergung mit weitern großen, fast unglaublichen Einschränkungen verknüpft. Jenen letztgenannten Arbeiter, bei dem so jammervolle Wohnungszustände herrschten, besuchte einmal mit zwei ihrer Kinder seine nach Thüringen verheiratete Tochter, „eine Schlange, die ihre Eltern auszunutzen sucht,“ wie der Vater in einer mürrischen Stunde einmal meinte. Da schliefen auch diese beiden Kleinen noch bei den Großeltern, und zwar in der Dachkammer, mit der Zwölfjährigen zu dritt in einem Bette, während die Tochter bei Verwandten in der Nachbarschaft untergebracht war. Und alle solche Zustände herrschten unter einer Arbeiterschaft, die vorher als eine verhältnismäßig gutgestellte bezeichnet werden mußte!

Die meisten und größten dieser Übel kamen jedenfalls durch das Schlafstellen- und Kostgängerunwesen. Das ist der Ruin der deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den allermeisten Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der geringe materielle Vorteil, der dabei herauskommt, ist ein ersehnter Zuschuß zum Wirtschaftsgeld der Arbeiterfrau. Daß die Arbeiter sich nur zum Spaße mit solchen Fremden herumplagen, braucht niemand zu glauben. Im Gegenteil machte ich häufiger die Erfahrung, daß, wer es durchsetzen kann, womöglich sich diese Leute vom Halse und aus dem Hause hält. Wenn man es aber thut, nimmt man jedenfalls immer lieber junge Männer als junge Mädchen.

Es gab ganz bestimmte, von einander verschiedene Arten von Schlafstellen, bessere und schlechtere. Die traurigsten, moralisch und sanitär gefährlichsten hat glücklicherweise eine verständige und nachahmungswerte Verordnung des Chemnitzer Amtshauptmanns unmöglich gemacht. Durch diese Verordnung wurde für jeden Schläfer ein nach Kubikmetern bestimmter notwendiger Raum vorgeschrieben und den einzelnen Familien das gleichzeitige Halten von Schlafburschen und Schlafmädchen streng untersagt. Bei meinen Besuchen und Gängen fand ich etwa noch folgende Arten an:

a) Schlafstellen unter dem Dache, in den obengeschilderten Bretterverschlägen. Hier pflegte fast jede Familie ein bis drei Betten stehen zu haben. Und keine Etage des ganzen Hauses war des Nachts oft dichter besetzt, als diese Dachräume, deren schiefe Decke Dachsparren und die nackten Ziegel bildeten. In alten Häusern mußten es, namentlich im heißen Sommer, nächtliche Marterkästen sein; in solider gebauten waren es mit die besten Schlafräume. Jedenfalls hatte diese Art von Schlafstellen den großen Vorzug, daß sie des Nachts den Fremden von der ihn beherbergenden Familie isolierte. Sie waren ungemein zahlreich und je nach ihrer Güte teurer oder billiger. Die geringwertigere Sorte bevorzugten mit Vorliebe die anspruchslosen böhmischen Maurer und Erdarbeiter, die nur den Sommer über hier auf Arbeit waren. Der wöchentliche Durchschnittspreis war etwa zwei Mark; dafür bekam man noch den Morgenkaffee. Bei kleinen Meistern schlafen die Lehrjungen, ab und zu auch einer ihrer Gesellen hier, manchmal mit einem oder mehreren fremden Schlafburschen zusammen. In kleinen Beamten-, Kaufmanns- oder ähnlichen Familien, wo ein Dienstmädchen nötig gebraucht wird, und die Wohnräume knapp sind, wird auch deren Bett mitunter, dann natürlich allein, hier aufgestellt. Außer der Bettstelle und einigen Nägeln in der Wand giebts gewöhnlich kein Mobiliar in diesem Gelaß, es sei denn, der Fremde brächte sich eine Kommode oder eine Kiste mit. Jenes passiert selten, dies häufig. Die paar Kleider, die so ein Menschenkind zu besitzen pflegt, werden dann an die eingeschlagenen Nägel gehängt, die Wäsche und die andern Siebensachen in der Kiste und das andre Paar Stiefel in einer Ecke der Bodenkammer untergebracht. Wer ganz billige Unterkunft haben wollte oder mußte, mietete sich solchen Bretterverschlag mit einem Bette mit einem Freunde zusammen.

b) Die zweite Reihe Schlafstellen befindet sich in den Wohnräumen der Familie selbst. Die bedenklichsten darunter, die mit der Familie in einem Raume gemeinsamen, sind nebst den durch die angeführte Verordnung untersagten heute wenn auch noch nicht ganz beseitigt, so doch selten. Wer in einem Alkoven (in der Stadt wird oft auch die Küche dazu benutzt) mit mehreren andern zusammenschläft, pflegt wöchentlich eine Mark zu zahlen; wer in einem leeren, d. h. nur mit einem Bette ausgestatteten Alkoven allein schläft, mindestens zwei Mark. Dann kommen die beiden besten, aber auch seltensten Kategorien: schlicht möblierte Stübchen mit zwei und drei Betten, die namentlich unter einander befreundete junge Schlosser aus bessern Familien für je zwei Mark die Woche gemeinsam bewohnen, und ebensolche mit einem Bette, die freilich wegen ihrer Kostspieligkeit (drei Mark für die Woche) weniger verlangt werden und bereits den Übergang zu den in studentischen Kreisen üblichen schlichten Garçonwohnungen bilden.

Die angeführten Wohnungspreise sind natürlich nur, aber ziemlich sichere, Durchschnittsangaben. Sie verstehen sich immer mit Morgenkaffee, häufig auch mit Abendkaffee. Sie sind nicht hoch; für den jungen Burschen, der meist eben so viel als ein verheirateter Mann verdient und für niemand zu sorgen hat, mit die geringste Ausgabe für notwendige Bedürfnisse. Dennoch kommt es nicht selten vor, daß einer mit dem Logisgeld durchbrennt. Der Chemnitzer Lokalanzeiger brachte fast täglich eine derartige Notiz, wobei zu bedenken ist, daß nur ein kleiner Teil der Fälle von den Betroffenen zur Anzeige gebracht wird. Dann pflegt man gewöhnlich eine verschlossene, aber leere, mit einigen Steinen beschwerte Kiste als Pfand zurückzulassen. Namentlich Arbeitslose manövrieren gern so. Sie spiegeln ihren neuen Wirtsleuten vor, daß sie Arbeit hätten, gehen des Morgens zur vorgeschriebenen Stunde weg, vertreiben sich den Tag teils auf der Herberge, teils mit Spaziergängen, teils mit Arbeitsuchen und kommen zur Feierabendzeit ins Quartier zurück. Wenns paßt, fliegt dann der Vogel einmal aus — auf Nimmerwiedersehen. Das ist dann immer eine herbe Einbuße für die Familie.

Über die Kleidungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen habe ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche Kostüm. Mit Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus, krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt, wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem, was richtig an seinem „System“ ist, getragen.

Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei bis drei Wochen ohne Anstoß getragen.

So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten, wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar solchen Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau ist eben eine Schlumpe.“

Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog.

Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah. Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum, höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener, sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten. Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man annehmen sollte. Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe ab.

Über die Ernährungsverhältnisse der Arbeitsgenossen ist nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh 6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten.

Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen; nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause. Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen, wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte. Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit.

Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich ins Freie, d. h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten, Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken.

Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So begnügten wir uns damit, sie an der selbst schmutzigen Schürze, an Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach zweistündiger Morgenarbeit.

Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen. Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch, ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung. Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung von großer sozialethischer Bedeutung — hier einmal in günstigem Sinne — und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre Reformversuche.

Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun. In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung dabei wurde besonders dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen, blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen Blechkrug geschenkt wurde.

So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders anging, und ließ es sich schmecken.

Für das Mittagessen war, wie gesagt, auch bei uns die übliche Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt 12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später, kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte. Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso zum Feierabend diese Pfeifen.

Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter, durch das Einkommen gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise — und sie sind nicht in der Minderzahl — fast Unmögliches möglich. Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen immer Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe; jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen, die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte, häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben.

Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende.

Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt, namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten.

Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt, noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten.

Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst, und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung, die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen, jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen, ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute: meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf- und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern Schichten sind.

Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der Stadt teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch. Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen, nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige. Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte, setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und kostenlosesten besonders angelegentlich.

Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz in der Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete, eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit in die Fabrik zurück kam und — wie es Sitte war — ihnen Mahlzeit, gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete.

War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen, und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut!

Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In der Stadt war das aber ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend, — denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen, den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen, und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich 12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von 8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern hunderten von ihnen.

Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und gesund.

Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost. Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst.

Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs- und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, daß infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon nicht mehr vorhanden ist. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft von Eltern und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand, der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde, häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an und über „Stube,“ d. h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier „Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung, des Klosets u. a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter einander leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z. B. für die Küche durch Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends, so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof, in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde, und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen. Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so, daß Eltern und Kinder ungestört zusammen allein nur noch während der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht, vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade, um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile.

Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den Charakter, die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden. Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden.

[*] Viele dieser engern Landsleute waren mit einander verwandt. Ich fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei uns, fünf Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen, der Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte.

Drittes Kapitel
Die Arbeit in der Fabrik

Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war, umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber, denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die Landstraße vorbei. Von hier nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus. Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.

Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig. Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer, daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden, und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte, ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen. Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub. Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich während der Arbeit ein Blatt davon geholt.

Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver, mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren. Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.

Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.

In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte, lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter und freundlicher — gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da schafften — wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte es nicht wenigstens einer sein?

Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke der Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte, eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere, jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich, die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag, stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.

Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundertfünfzig, die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler, öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit, die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.

In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.

Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher, die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede, Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler, Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure, andre Handlanger jeder Art und Bestimmung — denn auch unter ihnen herrscht die Arbeitsteilung —, Kutscher und Portier, eine bunte Kette, in der doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll, ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.

Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert, voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen. Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser 120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen, „Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.

Dieser Arbeitsprozeß war schwer, kompliziert, langsam; aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu würdigen.

Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine, etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe von Maschinen gearbeitet. Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale, war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb. Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze, das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken- und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller Tischler blaß.

Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“ zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung unterstand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.

Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt. Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f.

Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in derselben Abteilung im Bau begriffen sind — was für den erziehlichen Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus der Hand des Modellmeisters überwiesenen groben Stücke, vermögen der beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen die meisten Stücke noch durch viele Hände.

Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte. Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen — das eine steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen; aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende, einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen, der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter, deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum Ausdruck kommt.

Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden. Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener. Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen zu arbeiten hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter 160–170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur 29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte, dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern — wenn ich recht berichtet bin — den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch durchschnittlich jünger als die andern.

Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten, so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen. Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten. Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen, so mit Nuten, Rissen, Einschnitten und Spitzen zu versehen, daß sie für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges, geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist: gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.

Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt nachzubohren — alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche Charakterbildung möglich?

Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen, geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs, immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das elfte und zwölfte mal noch vergeblich zusammenzupassen. Die glatten Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren, mußten — eine schwere Mühe — mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd, liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer, Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.

Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine. Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen — bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches, glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie in Empfang nahmen.

So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stunde langweiligen Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann, je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine, dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist, für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert. So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei und Kunsttischlerei nahe verwandt.

Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler, Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein — das wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt worden ist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige, unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren, die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten.

Freilich wurde — und damit komme ich auf das Gesamturteil über die Arbeit in unsrer Fabrik — bei ihnen wie bei jenen andern niederern Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die schlimme Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade unsers Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit ethisch vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip der Arbeitsbeteiligung aller an demselben einen Arbeitsprodukte. Vom Meister und Monteur herab bis zum Packer und Transporteur, schaffte jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an einem einzig sinnvollen Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer Werkzeugmaschine. Damit aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger Unentbehrlichkeit und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das Interesse auch des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers an dem Ganzen lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für den Arbeitsprozeß notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die prompte, akkurate und verständige Leistung der andern angewiesen. Man wußte genau, wieviel z. B. für die Schlosser darauf ankam, daß der Bohrer genau nach Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal kostete, Sachen, die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar zu machen; und man fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen der Arbeitsgenossen, die einen in solchen Fällen zu unangenehmer Verantwortung zogen. So orientierte man sich lieber in zweifelhaften Fällen über Bestimmung und Zweck des Stückes und verrichtete auch die langweiligste Teilarbeit nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung und mit verständnisvoller Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen Maschine. Und indem so fast jeder der 120 Mann an dem Gelingen fast jeder Maschine, die aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und sein Verdienst hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte Handarbeiter, der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert hatte, ihre Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger genau sich klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das Kunstwerk fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge und innerer Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein Hobel geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen, seine Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war der heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten, denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt, Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden an jedem — Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte.

Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation: nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her; aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern Handwerksgesellen; darin liegt die Ursache der dauernden schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen, den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt, die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist; gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille, ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt null und nichtig. So ist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf, den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und starkes Streben.

Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig wurzelnde Wirkung wurde durch die Arbeitsordnung noch vermehrt, die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik.

Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute, die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten, die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonst fand eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8 und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte, genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt. Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, die alle Arbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“

Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich. Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit der allergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er. „Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer Gang waren.

Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte. Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde, thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeit erträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte.

Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert:

Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach im Voraus durch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.

Eine Löhnungsperiode erstreckt sich, so lange sich nicht eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.

Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.

Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann regelmäßig seinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat. Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen folgender mit Recht ziemlich strenger Passus:

Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach freiem Ermessen der Direktion statt.

Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt:

Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel, welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.

Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.

Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich gebilligt worden ist.

Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt, einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut Anschlages jedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus; dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf.

Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag, der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“ übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark ausgezahlt. Hatte einer z. B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren die Leute auch wohl zufrieden.

Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die großen Maschinen, die wie im Schlafe stumm, unbeweglich daliegen nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne, deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen Fabrikfenster brechen.

Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer Fabrikordnung reichlich und doch — ich kann das wohl sagen — meist in gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde, letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache, daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes „Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen, also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden. In solchem Falle, der übrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat. Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären.

Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“ Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der während des Jahres in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer, solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen, womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden.

Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt, unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung; jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt. Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter noch bedeutend besser als z. B. für die Weber. Bei uns fanden wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte, traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen, Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte. Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand: Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos, daß in Chemnitz bereits 1100 Familienväter brotlos seien — damals jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen Arbeiterbevölkerung umgingen.

Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war, vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so, daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit) eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten, traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte von ihnen war verheiratet.

Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern — derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte. Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie lebhaft alle in diesem Fall für ihren Arbeitsgenossen Partei nahmen, der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage — er arbeitete in Akkord — war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt. Als er — immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne stand — um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mit roter Tinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden. Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung, vorsichtig zu sein.

Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand, nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande, daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignorierten ihn von diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern bewußt war.

Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg, anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde, die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand, den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt.

Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig, unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe. Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend, der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung, wenigstens der ältern Generation meiner Genossen im Herzen sitzt. Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen, die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte, wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die ich zuletzt schilderte.

Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes:

Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.

Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen, beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.

Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei. Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang auszuhändigende Lohn der ersten Woche die nun allerdings größere Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht. Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen, daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus.

Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen, wo wir bei dem Leiter direkt anfragen konnten, wurden wir freundlich und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht. Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten, in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten, erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen, immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer, charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation es sein kann.

Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten, und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt.

Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft, was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert. Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales, das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen, u. s. w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten. Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Bau mit Matratze, Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u. s. w. Ein Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen, die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse, das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht. Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen.

Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo, bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden Produktionsprozeß und bei der Freiheit und Selbständigkeit, wie sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten. Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen, sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende, ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem Einerlei, oft an ein und derselben Stelle — dies alles zusammen macht unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes — und dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter, starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren. Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl.

Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten Arbeitsordnung unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen, steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. Durch Annahme der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der Fabrikordnung, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „Änderungen sowie Zusätze zu derselben werden von der Direktion durch Anschlag bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft.“

Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört. Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter; sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters der heutigen Fabrikarbeiter.

Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe, wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter seiner energischen Persönlichkeit zurück, in dessen thatkräftiger, militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister, handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig, daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen schmerzlich zum Bewußtsein kam.

Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und mit ihren Vorgesetzten erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen, in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge, und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos, grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren, bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.

Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem fortwährenden Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem gegenseitigen Verkehr.

Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne, derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche, politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen. Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle genügt die eben gemachte Angabe.

Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten und sich, wie es im Volke heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen, rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“ Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen; ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht. So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.

Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen, freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.

Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische, scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der unaufhörliche große Lärm das Hindernis.

Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter, Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene Neigung in lebendige Übung bringt.

Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich machten. Oder ein guter Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich; und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter, ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.

Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter wieder gehorchten, sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar, und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als „Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?

Ja.

Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre suchen und mitbringen.

Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.

Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren, erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen. Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden dauernd entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.

Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten. Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel, wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt; viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte. In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge, dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten. Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können, daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist um seine Existenz ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so groß sein als dort.

Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet; da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.

Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister. Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen; sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche. Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten die Arbeiter alle und hatten — was von besonderer Bedeutung ist — Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.

Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es angenehm oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht, hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte. Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann, wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten. Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann, je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender, bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben, bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch ganz seinen Mann zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.

Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.

Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache, daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah, so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau, der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln hatte: auch nicht den kürzesten Gruß zu uns brachte dieser Herr über die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte. Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.

Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen: einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.

Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen Charakter an, der es bewirkte, daß der Arbeiter sich ohne geschriebene Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der Leute sein müssen.

Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden. Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewältigung sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind sie — mit oder wider ihren Willen — durch den Druck einer neuen, bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung einfach zu erziehen.

Viertes Kapitel
Die Agitation der Sozialdemokratie

Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten und Dresdner Kupferschmiedemeister Försterling in den Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877 als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz Schuldirektor ist, gewählt.

Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier „in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881 über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl 700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen gezählt worden sein sollen.

Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die zu bemerken war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend. Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat, schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1–200 Mann; es waren die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben, wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung, zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien; die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate, die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und Vorstadtdörfern.

Denn fast jeder dieser Bezirke besaß, und zwar nicht bloß bei herannahender Reichstagswahl, seinen sozialdemokratischen Wahlverein, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags- und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen für die Parteigelder und — das bedeutsamste an ihm — die Hochschule für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten Arbeiterbildungsvereine, nicht nur besondre Institute, wie deren in Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß jeder redet, jeder sich ausspricht. Und wenn das auch in der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht zu werden, denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen, damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern mit Erfolg antworten zu können.“ Und ich muß sagen, man kam dieser Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form, in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte, deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit und fast kindlichem Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab, leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint.

Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu und trank im Durchschnitt daneben ein, höchstens zwei Glas Bier, einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein. Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten, bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei Versammlungen mit den politischen Gegnern.

Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder — in Fällen der Behinderung des angekündigten Referenten — Vorlesung einiger Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer bescheidnen Ecke des Zimmers aus überwacht. Doch rührten diese sich nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken.

Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine Gelegenheit, dem Fachverein unsrer Chemnitzer Metallarbeiter näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte, namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen Arbeit sei.

Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste, eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren Unterwirte sozialdemokratisch. In fast allen dieser Fälle war es offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte.

Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften, sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich ein neues Zeichen dafür, welch eine reale Macht auch die sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist.

In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun neben den Lokalzeitungen anderer oder überhaupt keiner Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man hielt in der Hauptsache — entweder allein oder, was noch häufiger war, zu zweien und dreien — eben die sozialdemokratische „Presse,“ ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene „Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“ ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon, häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und Arbeitsstellenanzeigers ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten, die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“ Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten, von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt.

Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener, der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques, Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel, Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten, auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte eingefleischter Bourgeois sind, zum Verkauf stellen. Auch diese sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute der heutigen Volksbildung.

Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten sozialdemokratischen Witzblätter, die jener Kolporteur vertrieb. Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt, die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen, eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht, doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert, daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann.

Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast allsonntäglich stattfindenden Arbeiter- und Kinderfesten entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte und Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden, namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge, als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die meisten andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und Volksvergnügungen auch.

Es kommt gerade bei ihnen viel auf den Ort, das Wetter und das glückliche Arrangement an, um sie gelingen zu lassen. Zwei jener drei Feste sind mir in durchaus freundlicher Erinnerung. Das auf der sogenannten Jagdschenke, in der Nähe von Siegmar bei Chemnitz, und dasjenige in Einsiedel, einem von Chemnitz in etwa zwei Stunden erreichbaren idyllisch gelegenen Dorfe. Der Tag war schön, der Himmel blau, die Luft klar. Bei dem ersten Feste spielten die Kinder sichtlich die Hauptrolle; es war ein echtes, volkstümliches Jugendfest mit Kinderwagen und Kindergeschrei, mit Blechtrompetentönen und Ziehharmonikamusik, mit Sternschießen und Luftballon. Wie harmlos man sich da freute, zeigt ein originelles Spiel, das mir neu war. Ein junger Arbeiter in buntem Kostüm hatte sich ganz mit einfachen Pfefferkuchenstückchen behängt; so trat er unter die Kinder und ließ sich nun von ihnen jagen; wer ihn einholte, durfte sich solch ein süßes Stückchen von seinem Leibe reißen. Das gab eine lustige, tolle Jagd, das Bild eines modernen Rattenfängers von Hameln. Auch über die Spiele, die mehrere Arbeiter geschickt und unermüdlich mit den Kindern arrangierten, und denen eine große Menge Erwachsener lustig lachend zusah, freute ich mich. Da spielte man einmal sichtlich ohne Parteitendenz, wie das bekannte, abwechslungsreiche: Adam hatte sieben Söhne und ähnliches. Die Tanzlustigen vergnügten sich dabei in einem sehr primitiven Saale bei Zithermusik an Walzer und Polka, die Mehrzahl der Verheirateten draußen im Freien unter den Bäumen des Gartens. Das besondre Charakteristikum dieser sozialdemokratischen Feste war auch hier vertreten: das Raritätenkabinett und die Sitte der Arretierungen. Aber dies schildere ich besser bei der Erzählung von dem Feste in Einsiedel, das schon wieder einen andern, nicht mehr so ganz tendenzlosen naiv-heitern Charakter trug. Vielleicht mochte das auch an den allzuvielen Chemnitzer Genossen liegen, die hier im Gegensatz zu dem Feste in Siegmar das Übergewicht gegen die ortseingesessenen Teilnehmer bildeten und den Ton angaben, der, wenn er von diesen großstädtischen, in sozialdemokratischer Gesinnung und Gebaren gedrillten Arbeitern ausgeht, der Liebenswürdigkeit und ungekünstelten Natürlichkeit zu entbehren pflegte.

Einigermaßen interessant ist das Programm, das mit roten Lettern auf gelbem Kartonpapier gedruckt, einem auf diesem zweiten Feste in Einsiedel gegen die Zahlung von 15 Pfennigen Eintrittsgeld übergeben wurde und folgendermaßen lautete:

Ergebenste Einladung

zum

grossen Sommer-Fest

des

Wirker-Fachvereins für Einsiedel und Umgegend unter Belustigungen grosser und kleiner Kinder beiderlei Geschlechts

Sonntag, den 3. August 1890

im Kaiserhof zu Einsiedel.

Bei wolkenbruchartigem Regen 14 Tage später.


Programm.


I. Theil.

2 Uhr: Sammeln aller grossen und kleinen Kinder im Kaiserhof.

3 Uhr: Zusammentreffen mit den Besuchern, welche per Bahn von Chemnitz kommen, dann gemeinsamer Abmarsch nach dem Festplatz.

3 Uhr 4½ Minuten: Ankunft auf demselben.


II. Theil.

1. Grosses Freiconcert von der weltberühmten Haus-Capelle, genannt Achtstunden-Capelle.

2. Grosses Prämienschiessen aller kleinen Kinder beiderlei Geschlechts.

3. Für kleine Wirker oder sonstige Lohnnehmer wird eine mit Wurst und anderen Sachen behängte Kletterstange errichtet, darf aber Niemand höher klettern, als die Stange ist.

4. Aufstellen des weltberühmten Schnellphotographen.

5. Grosses Prämien-Knaulwickeln für grosse Kinder weiblichen Geschlechts.

6. Besichtigung des grossartigsten Raritätencabinetts der Welt.

7. Rückfahrt nach der Stadt, 7 Uhr oder ½11 Uhr Abends.

8. Alle 36 Stunden muss jeder Theilnehmer einmal nach Hause gehen.

9. Jeder kann theilnehmen, wenn er eingeladen ist, darf aber nicht unter 3 Tage und nicht über 90 Jahre alt sein.

10. Das Festcomité ist an den leeren Magen und schwieligen Händen zu erkennen.

11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze vorhanden sind.

Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste, welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.

Das Konzert dauerte freilich nur von 4–5 Uhr. Währenddessen fand in dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration das Klettern der großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer, Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher, Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die bedruckten Taschentücher das farbige Bild — Kaiser Wilhelm I. zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer, Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern, die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel: die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u. s. f. Jeder, der drin war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin, als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene. Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte man ihnen hohnlachend eine Nase.

Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regnerischem Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches Kabinett, darin ein Faß mit — Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder, bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde. Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten sozialdemokratischen Kinderfeste.

In der Fabrik selbst, während der Arbeit war von einer offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors. Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng, aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle Schippel!“ Er ignorierte das einfach, wie das „Hoch die internationale Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal; draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war, gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck; im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf, einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z. B. durch die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde, so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten Einspruch zu erheben wagte.

Das ist, was ich an planmäßiger organisierter Agitation der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte; aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre Leiter und Hauptträger war die nicht allzu zahlreiche Schar der Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine, die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen hervor. Sie allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern, die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie — äußerlich wenigstens — widerspruchslos als die Führer anerkannt, und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab es z. B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer Agitation standen, und die — namentlich einer von ihnen — in den Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden. Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an, lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen 18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem Thatendrange überquollen. Sie waren die allerbrauchbarsten und gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu.

Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im Gegensatz zu dieser die mehr freiwillige, irreguläre, zufällige, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden, den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß, den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer, verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken, ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort, keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z. B. auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung: nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither- oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo immer zwei oder drei Menschen bei einander waren. Sie machte sich, und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen, die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre, Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, diese Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt, weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall, wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht.

Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern organisierten, d. h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte, die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform, Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole, daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen. Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache, daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt — also eine gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte.

Ihrem materiellen Inhalte nach hatte es diese ganze Agitation nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft. Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung, die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische Anwendung der Lehre von der natürlichen Weltordnung im Gegensatz zur sittlichen, göttlichen ist. Ich habe dies an dieser Stelle nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht, wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene, d. h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch — wie jene — durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei. Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde da nun zu zeigen haben, daß die Wirkung dieser so vielseitigen und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen Charakter. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle, organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige, unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung, die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, — wenn es nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam.

Fünftes Kapitel
Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen