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Verlagsbuchhandlung
Ernst Heinrich Moritz in Stuttgart.
Wie urteilt die medizinische Presse über die Bibliothek der Gesundheitspflege?
Deutsche Ärztezeitung: Es gibt wohl so manchen Arzt, der von seinen Klienten um Angabe eines derartigen gedruckten Ratgebers angegangen wird. Wir möchten unsere Leser in diesem Falle auf das vorliegende Unternehmen aufmerksam machen.
Es sind prächtige Büchlein, die ihren Zweck, hygienische Lehren und hygienisches Leben ins Volk hineinzutragen in ganz ausgezeichneter Weise erfüllen. Die Klarheit und Uebersichtlichkeit der Anordnung des Stoffes, die Einfachheit und Verständlichkeit der Sprache, die vorzüglichen Abbildungen, der geradezu lächerlich billige Preis und last not least auch die Namen der Herren Autoren bürgen dafür. — Diese Bücher sind unsere besten Adjutanten im Kampfe gegen Aberglauben und Kurpfuscherei aller Art!
Wiener medizinische Presse: Autoren und Verleger der Bibliothek der Gesundheitspflege verdienen uneingeschränktes Lob!
Der ärztliche Mitarbeiter der „Zeit”, Herr Dr. Steiner-Wien: „Ich halte es für eine Pflicht der Journalistik, das Publikum auf Ihr gediegenes Unternehmen hinzuweisen”.
Bayer. ärztl. Korrespondenzblatt: ... Die Empfehlung derartig guter Bücher an weitere Kreise ist Pflicht des Arztes.
Württembergisches medizinisches Korrespondenzblatt: Wir halten es für eine Pflicht der medizinischen Presse, auf das Unternehmen hinzuweisen, da gerade die Aerzte viel dazu beitragen können, diejenigen Personen, für die die Bücher bestimmt sind, auf diese Erscheinungen hinzuweisen.
Münchner medizinische Wochenschrift: Die Bücher sind mit wissenschaftlichem Ernst, allgemein verständlich und sehr ansprechend geschrieben. Sie erfüllen ihren Zweck ganz vorzüglich, unserem Volke die wichtigen Lehren der persönlichen Hygiene zugängig zu machen und dasselbe dadurch vor Störungen der Gesundheit und des Erwerbes zu bewahren.
Bibliothek der Gesundheitspflege
herausgegeben von † Prof. Dr. Hans Buchner, Geheimrat
Prof. Dr. Max Rubner, Obermedizinalrat Dr. F. Gussmann.
1. Aufgaben, Zweck und Ziel der Gesundheitspflege von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Orth. Brosch. 80 Pfg. Eleg. geb. M. 1.—.
2. Bakterien, Infektionskrankheiten und deren Bekämpfung von Hofrat Prof. Dr. Schottelius. 237 Seiten, 33 Abb., darunter 24 teils farbige Kunstdrucke auf Tafeln. Brosch. M. 2.50. Eleg. geb. M. 3.—.
3. Gesundheitspflege im täglichen Leben von Prof. Dr. Grawitz. 154 Seiten. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
4. Hygiene des Auges im gesunden und kranken Zustande von Dozent Dr. v. Sicherer. 130 Seiten mit vielen Abbildungen. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
5. Hygiene des Ohres im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Haug. 104 Seiten mit 3 Tafeln. Brosch. 80 Pfg. Eleg. geb. M. 1.—.
6. Hygiene der Nase, des Rachens und des Kehlkopfes im gesunden und kranken Zustande von Dozent Dr. Neumayer. 160 Seiten mit 3 Tafeln. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
7. Hygiene der Zähne und des Mundes im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Port. 94 Seiten mit 2 Tafeln und 6 Abbildungen. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
8. Hygiene der Lunge im gesunden und kranken Zustande von Hofrat Prof. Dr. v. Schrötter. 140 Seiten mit 17 Originalabbildungen. Brosch. M. 1.60. Geb. M. 2.—.
9. Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Forel. 282 Seiten mit 6 Tafeln und 8 Textabbild. Brosch. M. 2.50. Geb. M. 3.—.
10. Hygiene des Magens, des Darms, der Leber und der Niere im gesunden und kranken Zustande von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ewald. 136 Seiten mit 6 Illustrationen. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
10a. Hygiene des Stoffwechsels im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Dennig. 90 Seiten. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50. — Das Buch behandelt: Fettsucht, Gicht, Zuckerkrankheit, Rachitis, Knochenerweichung etc.
10b. Hygiene des Blutes und der Blutgefässe im gesunden und kranken Zustande von Medizinalrat Dr. Walz. Erscheint 1905.
11. Hygiene des Herzens im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Eichhorst. 94 Seiten mit Abbildungen. Brosch. M. 1.20. Geh. M. 1.50.
12. Hygiene der Haut, Haare und Nägel im gesunden und kranken Zustande von Dozent Dr. Riecke. 200 Seiten. Mit 17 Originalabbild. Brosch. M. 1.60. Geb. M. 2.—.
13. Hygiene des Geschlechtslebens von Hofrat Prof. Dr. Gruber. Mit 2 farbigen Tafeln. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
14. Entstehung und Verhütung der menschlichen Missgestalt von Prof. Dr. Lange und Dozent Dr. Trumpp. 120 Seiten mit 125 Abbildungen. Brosch. M. 1.60. Geb. M. 2.—.
15. Säuglingspflege und allgem. Kinderpflege v. Dozent Dr. Trumpp. 119 S. mit 5 Abb. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
15a. Körper- u. Geistespflege im schulpflichtigen Alter von Dozent Dr. Trumpp. 149 S. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
16. Entstehung u. Verhütung von Krankheiten vor, während u. nach dem Wochenbett von Dozent Dr. Schaeffer. 122 S. mit 8 Abb. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
16a. Ursachen u. Verhütung von Frauenkrankheiten von Dozent Dr. Schaeffer. 94 Seiten mit 21 Abbildungen. Brosch. M. 1.20. Eleg. geb. M. 1.50.
17. Körperpflege durch Gymnastik, Licht u. Luft von Dr. Jaerschky. 138 S. m. 42 Ill., darunt. 16 ganzseit. farb. Kunstdr. Brosch. M. 1.60. El. geb. M. 2.—, mit Übungstaf. (80 Pf. apart).
18. Körperpflege durch Wasseranwendung von Prof. Dr. Rieder. 202 Seiten mit 8 Tafeln und 20 Textabbildungen. Brosch. M. 1.60. Eleg. geb. M. 2.—.
19. Hygiene der Kleidung von Generaloberarzt Prof. Dr. Jaeger. Mit vielen Abbildungen. Erscheint 1905.
20. Unsere Nahrungsmittel und die Ernährung von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Rubner. 116 Seiten mit vielen Tabellen. Brosch. M. 1.20. Eleg. geb. M. 1.50.
Körperpflege
durch
Gymnastik, Licht und Luft
von
Dr. med. Paul Jaerschky
Berlin.
Mit 42 Abbildungen.
Stuttgart
Ernst Heinrich Moritz.
1905.
Alle Rechte, einschließlich des Uebersetzungsrechts
vorbehalten.
Druck von Carl Schnabel in Ludwigsburg.
IL DORIFORO DI POLICLESO
Motto: Als vollkommenster Mann der Schöpfung gilt mir einer, der mit derselben Hand die Iphigenie schreibt und bei den olympischen Spielen sich die Siegerkrone aufs Haupt setzt.
Euripides.
Inhalts-Verzeichnis.
| Seite | ||||
|---|---|---|---|---|
| Einleitung. | [7] | |||
| I. Teil: | Wert der Leibesübung für die einzelnen Körperorgane und fürden gesamten Organismus: | |||
| 1. | Wirkung der Leibesübung auf die Muskeln | [9] | ||
| 2. | Wirkung der Leibesübung auf die Knochen | [14] | ||
| 3. | Wirkung der Leibesübung auf Blut- undLymphgefäßsystem | [20] | ||
| 4. | Wirkung der Leibesübung auf die Atmungsorgane | [30] | ||
| 5. | Wirkung der Leibesübung auf das Nervensystem | [45] | ||
| 6. | Wirkung der Leibesübung auf den Verdauungsapparat | [52] | ||
| 7. | Wirkung der Leibesübung auf den den Geschlechtsapparat | [52] | ||
| 8. | Wirkung der Leibesübung auf den Stoffwechselund die Wärmeregulation | [53] | ||
| 9. | Wirkung der Leibesübung auf die Sinnesorgane | [56] | ||
| II. Teil: | Wert einiger besonderer Arten der Bewegung: | |||
| (Passiv-, Aktiv-, Widerstands-, Selbsthemmungs- und Förderungs-Bewegung) | [61] | |||
| III. Teil: | Wert der Sportübungen, des Turnens, von Spiel und Tanz: | |||
| 1. | Der Sport | [66] | ||
| a) | Das Reiten | [68] | ||
| b) | Das Radfahren | [69] | ||
| c) | Das Rudern und Segeln | [72] | ||
| d) | Das Schwimmen | [73] | ||
| e) | Das Gehen in der Ebene und das Bergsteigen | [73] | ||
| f) | Das Schlittschuh- und Schneeschuh-Laufen | [74] | ||
| g) | Das Fechten, Boxen und Ringen | [75] | ||
| 2. | Turnen und Turnspiele | [76] | ||
| 3. | Der Tanz | [80] | ||
| IV. Teil: | Körperpflege in den verschiedenenAltersstufen | [82] | ||
| V. Teil: | Körperpflege durch Licht und Luft: | |||
| 1. | Physikalische Eigenschaften des Lichtes;Einfluß auf Pflanzen, Bakterien und dentierischen Organismus | [84] | ||
| 2. | Einfluß des Lichtes auf den gesunden Menschen | [87] | ||
| 3. | Einfluß des Lichtes auf den kranken Menschen | [90] | ||
| a) | Das Sonnenbad | [91] | ||
| b) | Das elektrische Lichtbad | [92] | ||
| c) | Das konzentrierte Sonnen- und elektrische Licht | [98] | ||
| d) | Das farbige Licht | [102] | ||
| e) | Röntgen- und Becquerelstrahlen | [102] | ||
| f) | Blondlot-Strahlen | [104] | ||
| 4. | Die Luft in Beziehung zum menschlichen Körper | [105] | ||
| 5. | Die Arbeitsleistung der menschlichen Haut | [109] | ||
| 6. | Beeinträchtigung der Arbeitsleistung des Hautorgansdurch die Kleidung | [111] | ||
| 7. | Welchen Nutzen hat der kranke Mensch vom Luftbade? | [116] | ||
| 8. | Das Licht-Luftbad, eine hygienische, sozialeund ästhetische Forderung | [121] | ||
| 9. | Die Praxis des Nacktturnens | [125] | ||
| a) | Die Notwendigkeit des Nacktturnens | [125] | ||
| b) | Die Hilfsmittel des Nacktturnens: Massage, Wasseranwendungen | [126] | ||
| c) | Die hygienische Regelung des ganzen Lebenshaushaltes | [127] | ||
| d) | Lichtluftbadregeln | [129] | ||
| e) | Die Aufstellung eines individuellen Bewegungssystems | [131] | ||
| Anhang: | ||||
| 1 | Uebungstafel und Ausführungsanweisung | |||
| 3 | Uebungstabellen für Kinder,Frauen und Mädchen, Jünglingeund Männer. | |||
| Diese Uebungstafel mit 24 Figuren und dem dazu gehörigen Texteist incl. der drei Uebungstabellen für Kinder, Mädchen und Frauen, Jünglinge und Männer für80 Pfg. zu beziehen. Dieselben sind vom Buchbinder aufzuziehen und an die Wand zu hängen. | ||||
Einleitung.
Körperpflege wird heutzutage in verschiedenster Weise betrieben, da man zur Erkenntnis gekommen ist, daß in unserer schnell lebenden Zeit bei dem gesteigerten Verbrauch an Körper- und Geisteskräften dieselbe dringend benötigt wird. Als Hauptmittel wird dazu das Wasser in seinen verschiedensten Formen gebraucht. Ohne den Nutzen des Wassermittels zu verkennen und ohne seinen hohen Wert schmälern zu wollen, glaube ich doch, daß man demselben häufig einen zu weiten Raum einräumt. Daß dies so ist, kommt jedoch nur daher, daß man die ursprünglichen und natürlichen Pflegemittel des Körpers zu wenig kennt und deshalb zu wenig bewertet.
Wir Menschen sind Geschöpfe, die nicht wie die Fische und andere Wassertiere im Wasser, sondern vielmehr in ihrem natürlichen Element, in dem Licht-Luftmeer schwimmen und sich bewegen sollen. Wir haben jedoch den richtigen Gebrauch des Lichtluftmittels verlernt. Durch unsere Kultur sind wir mehr und mehr dazu gekommen, daß wir den ganzen Körper und jeden Teil desselben noch im besonderen möglichst schützen vor der Luft durch Kleidung, Schuhe, Schirme, Tücher u. s. w.
Ist es da zu verwundern, daß dasselbe Luftmittel, das unseren Körper so unendlich viel Segen bei richtiger Ausnützung bringen könnte, uns verderblich wird, sobald wir mit demselben unfreiwillig und überraschend in Verbindung gebracht werden?
Es ist für den Menschen gut, daß er nicht nur die Vorteile, welche die Kultur bringt, sondern auch deren Nachteile kennen und dadurch dieselben vermeiden lernt.
Deshalb muß die heutige Menschheit, um nicht durch die Bekleidungskultur zu sehr zu leiden, lernen, wie sie sich im Rahmen der heutigen Kultur den Nutzen der Bewegung im großen Licht-Luftmeer zu eigen machen kann.
Die natürlichsten Mittel zur Körperpflege sind erstens die Bewegung, welche dem individuellen Kraftzustand des Menschen entspricht, und zweitens das Licht und die Luft in den verschiedensten Wetterkombinationen.
Bewegung im nackten Zustand, oder mit dem Worte griechischen Ursprungs „Gymnastik” (von γυμνος = nackt) bezeichnet, ist das beste Zuchtmittel des Körpers.
Die alten Griechen haben ihren Körper und Geist nicht zufällig, sondern ganz bewußt nackt geschult; nicht anders liegen die Verhältnisse bei unseren germanischen Vorfahren.
Den Beweis zu erbringen, daß das Nacktturnen die beste Körperpflege ist, und das System des Nacktturnens so zu erläutern, daß es jeder Mensch, ob Männlein ob Weiblein, ob Kind oder Erwachsener, richtig und bequem zu gebrauchen weiß, ist der Zweck aller folgenden Auseinandersetzungen.
Wenn mein Schriftlein dies erreicht und die Menschen zur persönlichen Kultur anregt, so wird der Wunsch, den Se. Majestät der deutsche Kaiser auf der Schulkonferenz 1890 aussprach: „Wir wollen eine kräftige Generation”, erfüllt und das deutsche Volk durch vernünftige Selbstzucht von einem Kultursieg zum anderen schreiten.
I. Teil.
Wert der Leibesübung für die einzelnen Körper-Organe und für den gesamten Organismus.
Wer den Körper bewegen will, um denselben zu pflegen, muß den Wert dieser Uebungsbewegungen kennen; nur dann wird er die Leibesübung individuell verstehen und gebrauchen.
1. Wirkung der Leibesübung auf die Muskeln.
Wir wissen, daß ein Muskel, den wir durch einen Verband bewegungslos machen, an Muskelfleisch verliert; wir wissen ferner, daß, wenn wir eine Muskelgruppe besonders stark gebrauchen, dieselbe an Muskelsubstanz zunimmt z. B. die Wadenmuskulatur des Bergsteigers, die Oberarme der Schmiede, die Vorderarmmuskulatur der Klavierspieler.
Dieser Dickenzunahme entspricht die höchste Einzelleistung der Muskeln, die durch Uebung erreicht wird. Gleichzeitig wird aber durch Uebung eine gewisse Unermüdlichkeit der Muskeln erzielt. Fixiert man z. B. den Oberarm und läßt nun den Vorderarm Gewichte heben und notiert die Hubhöhen auf einem rotierenden Zylinder, so findet man, daß die Höchstleistung nur kurze Zeit geleistet werden kann; damit nun die Hubhöhe gleich groß bleibt, muß die Belastung stetig vermindert werden, bis schließlich die kleinste Belastung erreicht wird, bei welcher die Muskeln stundenlang in demselben Tempo fortarbeiten können. Dieser Unermüdbarkeitswert wächst durch Uebung ebenso stark wie der Wert der höchsten Einzelleistung. Und zwar steigt die Tagesleistung (in Kilogrammeter[1]) ausgedrückt auf das 21⁄2fache. Muskelreize bringen den Muskel in Tätigkeit; sie wirken wie der Funke, der die im Schießpulver enthaltenen Spannkräfte zur Explosion frei macht. Oder wie der Lichtreiz, der unter Explosion, Chlor und Wasserstoff zu Chlorknallgas vereinigt. Der normale physiologische Reiz, der im täglichen Leben unsere Bewegungen veranlaßt, ist der Willensreiz. Auch dieser wird durch Uebung größer, deshalb muß auch die Aeußerung des geübten Willens eine mächtigere und ausdauerndere sein. In gleicher Weise erzeugen mechanische, chemische, thermische, elektrische und physiologische Reize aus den chemischen Spannkräften des Muskels Wärme und Arbeit, d. h. er verwandelt chemische in physikalische Kräfte. Dabei verändert der Muskel seine Gestalt, er wird kürzer und dicker und zwar desto mehr, je stärker der wirkende Reiz ist. Entsprechend dem lebhafteren Stoffwechsel sind die Blutgefäße etwas erweitert. Man darf sich das Festerwerden des Muskels nicht etwa so vorstellen, als ob er durch Zusammenziehung den Inhalt seiner Blutgefäße wie einen Schwamm auspreßt. Denn der Muskel besteht ja zu 3⁄4 aus Wasser, einer Flüssigkeit, die fast gar nicht zusammengedrückt werden kann. Die Gestaltsveränderung der Muskeln ist aber nicht nur eine augenblickliche, sondern zeigt sich bei dauernder Uebung in der Muskelmodellierung, d. h. in der dauernden Dickenzunahme des Muskelfleisches und in dem Sichtbarwerden der einzelnen Muskelabschnitte, ihrer Ursprungs- und Ansatzpunkte.
[1] Kilogrammeter ist dasjenige Maß der Arbeit, welches angibt, daß ein Kilogramm ein Meter hoch gehoben wird.
Wichtig ist auch die Elastizitätseigenschaft der Muskeln; denn da dieselben in etwas gedehntem Zustande am Skelett befestigt sind, so suchen sie vermöge ihrer Elastizität zum natürlichen Zustande zurückzukehren, pressen also die Gelenkenden mit einer gewissen Kraft zusammen, verleihen demnach den Gelenken ihre Festigkeit und haben dadurch die Fähigkeit einander entgegenzuwirken.
Je stärker ein Muskel vor seiner Tätigkeit gedehnt wird, um so mehr Kraft entwickelt er.
Wollen wir demnach kräftige Bewegungen ausführen, so müssen wir zu denselben ausholen. Wir dehnen zuvor den großen Brustmuskel, indem wir den Arm etwas nach hinten nehmen, wenn wir den Wurf mächtig gestalten wollen. Soll die Wurfbewegung zart und abgemessen sein, so brauchen wir die der Zusammenziehung vorangehende Vorbereitung der Muskeldehnung nicht.
Ein Springer kann, sofern er wirksam springen soll, nicht aus dem Stande springen, denn der das Körpergewicht emporfedernde große Streckmuskel des Oberschenkels ist bei gestreckter Haltung des Standsprunges zusammengezogen. Um ihn zu dehnen, macht man zuvor die Kniebeuge.
Je härter die Speise ist, die man zu beißen hat, desto weiter schiebt man sie nach hinten zwischen die Backenzähne um die Kaumuskeln zu dehnen und ihre Tätigkeit wirksamer zu gestalten. Um eine weiche Nahrung zu bearbeiten braucht man die Schneidezähne, so daß man den Mund kaum öffnen und die Kaumuskeln nur wenig zu dehnen braucht.
Daraus folgt, daß man bei vernünftiger Leibesschulung die Muskeln zur Erzielung von Höchst-Leistungen so erziehen muß, daß sie mit Leichtigkeit die volle Dehnungsweite ausnutzen können, man aber auch da, wo es auf die größte Entfaltung von Kraft nicht ankommt, vielleicht zum Zwecke einer Dauer- oder Schnelligkeitsleistung sich durch Einschränkung der Dehnungsweite Reservekraft erhält. Auch das „Federn” des Körpers, das er beim Sprung aus größerer Höhe gebraucht, ist nur bei einer bestimmten Muskelelastizität denkbar.
Alle Bewegungen, die wir für gewöhnlich ausführen, sind anhaltende Zusammenziehungen.
Eine ununterbrochene Arbeit können die Muskeln indeß nicht leisten, weil sie ermüden. Diese Ermüdung äußert sich zunächst in einem Gefühl der Schwäche, welches sich allmählig zum Schmerzgefühl steigert; das Gesicht wird rot, Schweiß bricht aus und es treten Mitbewegungen auf, bis schließlich trotz größter Willensanstrengung die Muskeln vollkommen arbeitsunfähig werden und den Dienst versagen. Noch mehrere Tage nach einer derartigen Muskelleistung kann der Muskel schmerzhafte Nachempfindungen äußern, wie wir sie bei dem sogenannten „Turnfieber” beobachten. Ein durchgeübter, d. h. trainierter Muskel dagegen zeigt solche Uebermüdungserscheinungen nicht mehr.
Bekanntlich ist auch der ruhende Muskel im steten Stoffwechsel begriffen. Er entnimmt dem Nahrungssafte des zuströmenden Blutes, um dem Körper die nötige Wärme und Kraft zu übermitteln, Nährsubstanzen und Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab. Und zwar nimmt er mehr Sauerstoff auf, als er Kohlensäure abgibt; wir haben also im Muskel einen Sauerstoffspeicher. Aber dieser Sauerstoffumsatz ist beim tätigen Muskel ein wesentlich höherer; denn der Sauerstoffverbrauch und die Kohlensäureabgabe sind bis zum fünffachen gesteigert. Dabei ist, wie bekannte Forscher gezeigt haben, der Sauerstoffgehalt des Körperblutes der Schlagadern noch größer und der Kohlensäuregehalt desselben noch kleiner als beim untätigen Muskel.
Der Muskel hat also trotz des erhöhten Sauerstoffverbrauches durch seine Tätigkeit noch mehr Sauerstoff aufgespeichert als im Ruhezustande. Diese Vergrößerung des Sauerstoffspeichers erreicht der Muskel dadurch, daß er durch Erweiterung seiner Blutgefäße das Blutreservoir so stark vergrößert, daß eine 3-5mal so große Blutmenge den Muskel durchströmt, ferner dadurch, daß mit zunehmender Muskeltätigkeit auch die Atmung vertieft und beschleunigt wird, so daß durch die Lungen während der Arbeit bis zum 4-5fachen mehr Sauerstoff aufgenommen wird als in der Ruhe.
Aber nicht nur die Aufnahme und Verarbeitung der wichtigsten Lebensspeise, nämlich des Sauerstoffs werden durch die Muskeltätigkeit erhöht, sondern auch alle übrigen Muskelbestandteile.
So nimmt die Menge der im Wasser löslichen Muskelstoffe durch Tätigkeit ab, während die Menge der im Alkohol löslichen zunimmt; ferner ändert der Muskel durch Tätigkeit seine chemische Reaktion, denn die neutrale Reaktion des ruhenden Muskels wird beim tätigen durch Bildung von Fleischmilchsäure sauer.
Durch Muskeltätigkeit wird nämlich der Körper- und Muskel-Süßstoff verbraucht, indem derselbe erst in Zucker und dann in Milchsäure verbrannt wird. Als stoffliche Ursachen der Ermüdung des Muskels haben wir bisher folgende Endprodukte des chemischen Umsatzes kennen gelernt:
1. Die Vermehrung der Kohlensäure, von der wir wissen, daß sie, wenn sie sich im Blute übermäßig anhäuft, zum giftigen Gase wird;
2. Die Fleischmilchsäure.
Es sprechen jedoch für den Akt der Ermüdung resp. Erschöpfung der Muskeln noch andere Dinge mit, die Alex. Haig zuerst wissenschaftlich nachgewiesen hat.
Dieser Forscher wies nach, daß, wenn die dem Körper mit der Nahrung zugeführten Eiweißstoffe ungenügend im Körper verbrannt werden, das Blut und Gewebe des Körpers mit Harnsäure belastet werden. Harnsäure ist aber ebenso wie Xanthin, Kreatinin etc. ein nur teilweise verbrannter Eiweißstoff.
Diese Harnsäure verstopft, wahrscheinlich wie ein Klebestoff, die Blutgefäße kleinsten Kalibers, und verhindert dadurch erstens das schnelle Heranbringen des im Blute zirkulierenden Eiweißes an die Gewebe, zweitens die Auslaugung der Stoffwechselprodukte aus denselben.
Zur Erzeugung von Kraft und Ausdauer ist es daher notwendig, das Blut freizuhalten von Harnsäure und den ihr physiologisch gleichwertigen Xanthinkörpern. Denn ihre Anwesenheit bedingt, wie wir gesehen haben, eine Behinderung des Blut-Kreislaufs und eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten in den Geweben.
Demnach sind als bisherige Ursachen mangelnder Leistungsfähigkeit nachgewiesen:
1. Die Anhäufung von Kohlensäure,
2. die Anhäufung von Fleischmilchsäure,
3. die Anhäufung von Harnsäure und physiologisch gleichgearteten Xanthinkörpern im Blute,
4. Mangel an Eiweiß im Blute.
Ein gesundheitlicher Training wird daher die genannten Erschöpfungsstoffe möglichst schnell entfernen müssen. In welcher Weise er dies am besten erreicht, werden wir später sehen.
2. Wirkung der Leibesübung auf die Knochen.
In der Jugend sind bekanntlich die Gelenkbänder weich, dehnbar und elastisch, eine Eigenschaft, die sie mit zunehmendem Alter mehr und mehr verlieren. Durch fortgesetzte Uebungen behalten sie jedoch in mehr oder weniger hohem Grade ihre jugendlichen Eigenschaften, ja ihre Elastizität wächst, so daß sie eine große Widerstandskraft gegen Zug erhalten. Die Produktionen der sogenannten Schlangenmenschen beweisen, eine wie hohe Geschmeidigkeit und Dehnbarkeit die Bandmassen bei einem frühzeitig begonnenen Training bekommen können. Ein unbewegtes Gelenk dagegen wird steif, die Gelenkkapsel schrumpft.
Aber auch die Architektur des Knochens selbst wird nicht unwesentlich beeinflußt.
Julius Wolf hat durch seine Untersuchungen nachgewiesen, daß die Knochen ein Anpassungsvermögen gegenüber den Zug- und Druckkräften der Muskeln besitzen, welches dem Gesetz unterworfen ist, mit möglichst wenig Knochenmaterial eine möglichst große Festigkeit gegenüber den einwirkenden Kräften zu erreichen.
Daher werden die Knochen muskelstarker Menschen nicht nur dicker und fester, sondern werden besser entwickelt an den Befestigungsorten der Muskeln. Man vergleiche nur die glatten Knochen der Kinder und Frauen mit den starken Rauhigkeiten und Knochenleisten kräftiger Männer.
Sehr deutlich ist der Einfluß vernünftiger Leibesübung auf das Rumpfskelett.
Ich erinnere an den sogenannten flachen Rücken, ([Fig. 1]), wie wir ihn bei kleinen Kindern finden, die zu früh sitzen, bevor noch die Wirbelsäule die nötige Festigkeit erreicht hat, oder an die flachen Rücken der Schneider, als Berufsschädlichkeit, oder an diejenigen flachen Rücken, welche nach Hoffa dadurch entstehen, daß die Muskelenergie zu minimal ist, so daß das Becken in aufrechter Stellung nicht aufgerichtet werden kann. Wie augenscheinlich ist hierbei die Wirkung eines vernünftigen Trainings in Form der Hang-, Gleichgewichts-, Geh- und Laufübungen.
Wie zauberhaft wirken ferner beim sogenannten hohlrunden Rücken ([Fig. 2]), bei welchem der etwas vorgewölbte Bauch und die starke Lendeneinsattlung sofort ins Auge springen, die tiefen Rumpfbeugen nach vorn!
Betrachten wir ferner den runden Rücken ([Fig. 3]) der Jugend, wie er sich ausbildet, nicht nur infolge von Muskelschwäche der Rückenmuskulatur, sondern noch vielmehr durch Willensschwäche, wie er weiter ausgebildet wird durch vieles Sitzen über den kleingedruckten Schulbüchern, namentlich bei Kurzsichtigen.
Fig. 1.
Flacher Rücken
(schematisch).
Fig. 2.
Hohlrunder Rücken
(schematisch).
Fig. 3.
Runder Rücken
(schematisch).
Auch hier sehen wir wiederum die wirksame Bekämpfung durch Gleichgewichtsübungen, durch Uebungen auf der Schwebekante, Balanzieren von Gegenständen auf dem Kopfe, durch Straffgang, durch den langsamen Schritt in militärischer Haltung, durch Rumpfdrehen, Rumpfstrecken, durch Hang- und Schwimmübungen. Nicht wenig trägt zur Erreichung einer normalen Haltung die moralische Uebung der Leibesübungen bei, denn mit steigendem Kraftgefühl wächst auch die Freude an straffem Wesen und das Schönheitsgefühl, das nur eine gerade Haltung als schicklich und schön anerkennt ([Fig. 4]).
Tafel I.
Fig. 4. Balancieren auf dem Schwebebaum. (Gleichgewichtsübung)
Nicht wesentlich anders liegen die Verhältnisse beim runden Arbeitsrücken, oder beim runden Rücken schnell fahrender Radler oder beim runden Greisenrücken.
Und was ich von dem flachen und runden Rücken gesagt habe, gilt ebenfalls für die seitlichen Verkrümmungen, auf deren mannigfache Ursachen ich nicht weiter eingehen will ([Fig. 5]). Auch hier bewähren sich die Leibesübungen, jedoch muß dabei bemerkt werden, daß beim sportlichen Training leider allzusehr die gesundheitliche Forderung einer guten Haltung, wie wir sie beim militärischen Training finden, vernachlässigt wird.
Fig. 5. Seitliche Verkrümmung der kindlichen Wirbelsäule durch fehlerhaftes Tragen desselben.
Nicht minder sichtbar ist der gesundheitliche Einfluß der Leibesübung bei den verschiedenen krankhaften Brustkorbveränderungen. Die schmale Brust, der faßförmige Brustkorb, der gleichsam in der tiefen Einatmungsstellung erstarrt ist, der lahme Brustkorb Schwindsüchtiger, der in tiefster Ausatmungsstellung verharrt, weil die Muskulatur zu schwach zur Rippenhebung ist, die rhachitische[2] Hühnerbrust, die Trichter-, oder Schuster-, oder Töpferbrust und die Schnürbrust sind sämtlich Abweichungen, die durch Leibesübungen zu bessern sind.
[2] Rhachitische Verkrümmungen der Knochen sind die durch englische Krankheit (Rhachitis) entstandenen.
Fig. 6. Faßförmiger Brustkorb (schematisch.)
Vielfache Untersuchungen, die an Soldaten vorgenommen wurden, beweisen übereinstimmend, daß durch die militärische Ausbildung der Brustumfang von 2-5 cm zunahm. Der Brustspielraum hatte also bedeutend zugenommen, ebenso seine Beweglichkeit, ein Beweis des gesundheitlichen militärischen, gegenüber dem einseitigen und dadurch nicht gesundheitlichen Training von Berufsathleten, bei welchen man mehrfach einen durch die Pressung bei schwerer Gewichtsathletik hervorgerufene Beeinträchtigung des Brustspielraums fand, z. B. bei dem berühmten Karl Abs von 2,50 cm, beim Athleten Sutz nur 1,75 cm.
Fig. 7. Der langausgezogene schmale Brustkorb eines Schwindsüchtigen mit den tiefen Nischen der Ober- und Unterschlüsselbeingrube und den eingezogenen Zwischenrippenräumen (schematisch.)
Daraus folgt die gesundheitliche Ueberlegenheit des militärischen und turnerischen Training durch Dauer- und Schnelligkeitsübungen, wie Marschieren, Laufen, Schwimmen gegenüber den forcierten Kraftübungen der Berufsathleten.
Der Training zeigt seine gesundheitliche Wirkung aber nicht nur auf die direkt tätigen, sondern auch auf die übrigen Organe.
3. Wirkung der Leibesübung auf Blut- und Lymphgefäßsystem.
Von immenser Bedeutung ist die Beeinflussung des Blut- und Lymphgefäßsystems durch das Training.
Das Herz zieht sich bekanntlich in einer Minute 72mal zusammen und leistet damit eine Arbeit von 521⁄2 kgm. Beim ruhigen Gehen steigt die Pulszahl auf 80, die Arbeitsleistung wird damit erhöht auf 58,3 kgm.
Beim schnellen Gehen ist die Pulszahl 100, was einer Arbeitsleistung von ca. 73 kgm entspricht. Bei größten Muskelanstrengungen steigt die Pulszahl auf 200 bis 240, beim angestrengten Radfahren auf 150-200-250; ähnlich liegen die Verhältnisse beim Rudern.
Mit Aufhören der Muskeltätigkeit kehrt die Herztätigkeit noch nicht zur Norm zurück; das Herz wird also länger angestrengt, und dieses Verhalten des Herzens ist um so deutlicher, je länger die Muskeltätigkeit dauert. Die Beschleunigung der Herztätigkeit ist noch 5-15 Minuten nach getaner Arbeit deutlich, ja sie wurde von Mosso noch 2 Stunden nach einem Bergaufstieg nachgewiesen. Dabei bleibt bei einem gesunden Menschen die Herzarbeit eine regelmäßige. Nur das kranke Herz beginnt seine Tätigkeit auszusetzen. Läßt man das erregte Herz zur Ruhe kommen und nach der Erholung weitere Uebungen anstellen, so wird die gleiche Pulsbeschleunigung wie beim ersten Arbeitspensum erreicht, jedoch dauert die Nacherregung bedeutend länger. Doch nicht nur die Zahl der Pulsschläge, sondern auch der Blutdruck wird beeinflußt, und zwar steigert jede Muskeltätigkeit den Blutdruck, diese Steigerung wird unterbrochen von geringen Blutdrucksenkungen, dauert im wesentlichen nur während der Arbeitszeit, hängt im wesentlichen von dem Tempo der Arbeit, von der Größe der Arbeit im Verhältnis zur Leistungsfähigkeit der arbeitenden Muskelmotoren, und von derem Trainiertsein ab. Das Herz wird durch Muskelübungen in den Stand gesetzt, sich energischer und kraftvoller zusammenzuziehen. Die Blutdruckschwankungen nach der Arbeit sind stets wesentlich geringer als während der Arbeit. Die Herzarbeit ist also in sehr hohem Maße von Muskeltätigkeit abhängig.
Aehnlich wie Muskelarbeit wirkt auch Trinken. Durch Trinken wird nämlich die Blutmenge größer, damit steigt der Blutdruck, der zwar bald durch ein vermehrte Harnlassen und Schwitzen ausgeglichen wird, aber doch vorübergehend die Herzarbeit vermehrt. Der Einfluß des Trinkens ist jedoch weniger groß, als der der Muskelarbeit, weil das Blutgefäßsystem sich der stärkeren Füllung durch Erweiterung und Verengerung anpaßt. Am meisten wird Pulsfrequenz und Blutdruck durch beide Momente gleichzeitig gesteigert. Daraus ergibt sich die praktische Regel, daß Trinken während der Leibesübung unterbleiben muß. Der Einfluß eines vernünftigen Training auf das Herz geht aus der Tatsache hervor, daß unter Beobachtung gewisser Regeln bei einem bestimmten Maß täglicher Uebung in der Ruhezeit die Pulszahl unter die Norm fällt, also im Ganzen ruhiger, aber dabei energischer arbeiten lernt. Wichtig wird die Blutverteilung im Körper für die Auswahl der Zeit des Training.
Chauveau und Kaufmann wiesen nach, daß der Stoffverbrauch im maximal arbeitenden Muskel 20mal und die durchströmende Blutmenge 7-10mal größer ist als in der Ruhe. Dieser Vorgang ist nur dadurch möglich, daß die kleinsten Zweige der Schlagadern sich erweitern. Und zwar geschieht die Erweiterung unter dem Einfluß der Gefäßnerven, denen die Antriebe zur Erweiterung gleichzeitig und beigeordnet mit den Bewegungsantrieben für die Muskeln vom Zentrum aus zugehen und zweitens durch Reflexwirkung, indem durch die Muskeltätigkeit eine örtliche Dyspnoe (Atemnot) und damit eine Aufspeicherung von Stoffwechselprodukten erzeugt wird. Die örtliche Erweiterung der Blutgefäße in den tätigen Muskeln wird aber durch eine Verengerung in anderen Gefäßgebieten abgeglichen, da ja die Blutmenge im wesentlichen die gleiche (4-5 Liter) bleibt. In erster Linie nehmen an der Verengerung die großen Bauchgefäße teil, welche für gewöhnlich große Blutmengen beherbergen. „Die Bauchgefäße stellen eine seenartige Erweiterung des Strombettes dar, dessen Blutvorrat durch Kontraktion jederzeit disponibel wird,” sagt Zuntz. Aus diesem Blutsee schöpfen die Blutgefäße der Muskeln durch Vermittlung des rechten Herzens, wenn sie durch höchste Arbeit sich und damit die ganze Muskelbahn erweitern. Eine Verblutung in die Muskelgefäße, wie man sie gelegentlich annahm, kann deshalb, solang dieser Blutsee vorhanden ist, nicht statthaben. Während der Verdauung ist dieses Gefäßreservoir stark angefüllt, Muskel und Gehirn dagegen relativ blutleer; daher bestehen in der Verdauungszeit Muskelmüdigkeit und Unlust zu geistiger Tätigkeit. Wird trotzdem in der Verdauungszeit stärkere Muskelarbeit geleistet, so wird naturgemäß die Verdauung verzögert, deshalb sind Muskelübungen während der Verdauung unzuträglich.
Wie das Herz wird auch das übrige Gefäßsystem durch Muskelarbeit beeinflußt.
Die Arterienwände sind normaler Weise elastisch und können dadurch Blutverteilung und Blutdruck regulieren. Büßen sie aus irgend einem Grunde ihre Elastizität mehr oder weniger ein, wie dies bei alten Leuten oder bei Arteriosklerotikern (Arteriosklerotiker ist derjenige Mensch, dessen Gefäßwände mehr oder weniger verkalkt, deshalb starr und unelastisch sind) der Fall ist, so verlieren sie auch ihre Regulationsfähigkeit, sie können sich demnach auch nur ungenügend dem durch Leibesübungen gesteigerten Drucke anpassen. Deshalb sind für Leute mit starrem Arterienrohr die Leibesübungen gefährlich, denselben sind Leibesübungen zu verbieten oder wenigstens erst sorgfältig vorzubereiten.
Die Blutbewegung und der Blutdruck in den Harngefäßen hängen von der Herzkraft, von der Weite und Regulationsfähigkeit der Schlag- und Blutadern (Arterien und Venen) ab. Ist der venöse Abfluß behindert, so tritt eine Stauung in den Organen ein.
Wir wissen nun aber, daß jede Einatmung (Inspiration) das Venenblut ansaugt, also auf den Blutumlauf begünstigend wirkt. Muskeltätigkeit vertieft erfahrungsgemäß die Atmung, ist also schon aus diesem Grunde ein Förderungsmittel beschleunigten Blutumlaufs, andrerseits dehnt und erschlafft der arbeitende Muskel die oberflächlichen Venengefäße. Dehnt man aber einen elastischen Schlauch, so kann derselbe mehr Luft oder Flüssigkeit aufnehmen als zuvor. Er ist dann wie eine Pumpe, bei welcher man den Kolben herausgezogen hat, und der nun die Flüssigkeit aussaugt. So saugen die Venen die Blutflüssigkeit an und pressen sie dann wieder aus. Diese doppelte Vorwärtsbewegung der Blutsäule durch Ansaugen und Auspressen geschieht in der Richtung zum Herzen, denn ein Rückfluß des Blutes wird durch die Taschenventile der Venen verhindert. Bei oberflächlicher Atmung und fehlender venöser Regulationstätigkeit durch Muskelarbeit sahen wir daher Störungen im Organismus wie Stauungen im Pfortadersystem, Krampfadern, Haemorrhoiden etc. entstehen. Es ist bei der Entstehung genannter Leiden noch die Eigenschwere des Blutes zu würdigen, welche durch Herz und Muskeltätigkeit überwunden werden muß, um das Blut zum Herzen hinauf zu heben. Außer den genannten Hilfskräften der Zirkulation, dem Tiefatmen und der Muskelbewegung kommt noch diejenige Muskeltätigkeit in Frage, welche die großen Muskelbinden spannt und entspannt. Letztere wirken nach Braune als Druck- und Saugapparat auf die in der Tiefe liegenden Venen. So die große Halsfaszie und das Poupart’sche Schenkelband. Wird z. B. letzteres durch starke Außendrehung und Ueberstreckung des Beines nach hinten stark gespannt, darauf durch Innendrehung und Beugung entspannt, so werden die daruntergelegenen großen Blutadern gepreßt, darauf stark erweitert, weil ja die Faszie (Muskelbinde) mit der Gefäßwand verklebt ist.
Bewegungen, welche erfahrungsgemäß speziell den Blutumlauf befördern, sind: 1. die Tiefatmungen, 2. die Rumpfübungen, 3. die sogenannten Zirkulationsübungen der Schweden, d. h. derjenigen Uebungen, welche den zu übenden Körperteil durch Drehung um die eigene Axe auswinden, wie man ein nasses Tuch durch Drehung trocken windet. (Siehe Uebungstafel).
Vergleicht man die Arbeitskraft des Herzmuskels mit der Kraft anderer Muskeln, so findet man nach Schmidt, daß das Herz in einer Stunde etwa ebensoviel leistet, wie die Beinmuskulatur, wenn sie während einer Stunde den Körper auf eine Höhe von 500 Metern trägt. Eine gleiche Leistungsgröße haben auch andere Muskeln des Körpers. Ein kräftiger Bergsteiger kann nun diese Leistung im günstigsten Falle während 8 Stunden fortsetzen, dann versagen die Kräfte, das Herz aber arbeitet ruhig, während der 24 Stunden des Tages weiter. Das Herz leistet also das 3fache im Verhältnisse zur Muskelsubstanz, was die Muskeln bei höchster Arbeit leisten können, sogar im gewohnten Zustande der Ruhe. Bei ausgiebiger Muskelbewegung leistet das Herz jedoch das 6-8fache der Ruhearbeit.”
„Das Herz kann also im Verhältnis zu seinem Gewicht (1⁄3 kgm) das 4-5fache an Arbeit leisten als die übrige Körpermuskulatur.”
Worin ist nun diese hohe Arbeitsfähigkeit des Herzens begründet?
1. Der Herzmuskel hat bessere Blutzirkulationsverhältnisse als die übrigen Muskeln; Blutzufuhr und Abfuhr sind besser, daher kann er die sogenannten Ermüdungsstoffe leichter fortschwemmen.
2. Die Herzarbeit ist nicht dem Willen unterworfen, sondern wird automatisch und rhytmisch geleistet. Und alle automatisch arbeitenden Muskeln und Nervenzentren haben eine ganz minimale Ermüdung, wie wir dies auch beim Atmungsorgan beobachten können. Der Herzmuskel ist der besttrainierte Muskel, er arbeitet zeitlebens ohne zu ermüden.
Ein dauernd tätiger Muskel wie der Herzmuskel wird selbstverständlich auch wesentlich mehr Nahrung als ein nur zeitweilig arbeitender verbrauchen. Das haben auch die Berechnungen von Zuntz ergeben, welcher fand, daß bei Muskelarbeit durchschnittlich 15% des gesamten Stoffumsatzes nur für Unterhaltung der Herz- und Atemtätigkeit verwendet wird. Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ muß die Nahrung für den Herzmuskel die beste sein, um eine dauernde Tätigkeit leisten zu können.
Und zwar braucht der Herzmuskel mehr noch als jeder Muskel reichliche Sauerstoffnahrung, denn er muß den arbeitenden Muskeln mehr Sauerstoff zuführen und muß größere Arbeit liefern, um die Endprodukte der erhöhten Verbrennungsprozesse zur Ausscheidung bringen zu helfen. Die Eliminationstätigkeit unterstützen die Lungen wesentlich, denn sie besorgen die Kohlensäureentladung und Entwässerung des Blutes in hervorragendem Maße. Nun fand Zuntz bei einem Versuche am Pferde, daß der Sauerstoffverbrauch bei mäßiger Muskeltätigkeit 6mal so groß war, wie bei Muskelruhe. Andrerseits gilt als feststehend, daß in der Ruhe nur etwa die Hälfte des Sauerstoffs verbraucht wird. Daraus folgt, daß mäßige Arbeit allein durch bessere Ausnutzung des Blutsauerstoffes geleistet werden kann, ohne daß der Herzmuskel mehr zu arbeiten braucht. Erst nachdem durch vermehrte Muskeltätigkeit die zweite Hälfte des Sauerstoffvorrats verbraucht ist, wird eine größere Herzarbeit nötig und zwar „nahezu proportional dem Sauerstoffverbrauch”, der nach Zuntz um das 15-18fache steigen kann.
Diese Mehrarbeit leistet der Herzmuskel durch Vermehrung der Zahl der Zusammenziehungen und durch Vergrößerung des Schlagvolumens.
Da nun aber die roten Blutkörperchen die Sauerstoff-Flotte vorstellen, d. h. der Sauerstoff an die roten Blutkörperchen gebunden ist, so wird das Herz um so weniger zu leisten haben, also geschont, wenn die Sauerstoff-Flotte recht groß ist. Das an roten Blutkörperchen arme, also auch sauerstoffarme Blut Bleichsüchtiger, wird daher vorzeitig bei starken Muskelanstrengungen Herzermüdung hervorrufen. Ferner ist klar, daß bei einem dünnen wasserreichen Blut wenig rote Blutkörperchen, also auch verhältnismäßig wenig Sauerstoff, zum Herzen gelangt.
Ein gesundheitliches Training muß maximale Leistungen unter Schonung der Herzkraft anstreben.
Es muß also Blut und Gewebe spezifisch schwer zu machen suchen; dies wird erreicht durch Genuß einer nicht zu eiweißhaltigen, aber nährsalzreichen, dabei wasserarmen und reizlosen Nahrung unter gleichzeitiger Trockenlegung der Gewebe durch Schwitzen, Abdampfen und Harnlassen, ohne dabei zu übertreiben, denn eine Wasserverarmung des Blutes kann durch maximale Arbeit, bei zu großer Hitze zum Hitzschlag führen. Will man den Herzmuskel durch Leibesübung zu Höchstleistungen erziehen, so muß man die Uebungsarbeit jedesmal so bemessen, daß der Herzmuskel das allmählich und systematisch aber stetig größer werdende Arbeitspensum ohne Ermüdung leisten kann. Denn bei starker Beschleunigung der Herztätigkeit kontrahieren sich die Herzkammern bereits, bevor ihre Füllung erreicht ist, daher kann auch nicht alles Blut in die Arterien eingetrieben werden, was sich an dem kleinen, schwachen und beschleunigten Puls deutlich zeigt. Es kommt zur Rückstauungskongestion im Lungenkreislauf, zur Lungenschwellung und Lungenstarrheit, und zur Behinderung des Atems. Der Blutüberfüllung im Lungenkreislauf aber entspricht eine Blutarmut im Körperkreislauf. Dadurch entsteht eine ungenügende Speisung aller Organe mit sauerstoffreichem, arteriellem Blut insbesondere des Herzens, welches am meisten zu leisten hat. Dasselbe versagt zuerst, Herz- und Pulsschlag werden unregelmäßig, das Herz hat eine akute Funktionsstörung (Insufficienz) erlitten, welche sich meist nach Aufhören der Anstrengung schnell zurückbildet. Jedoch kann sich aus der akuten Insufficienz eine Herzerweiterung (Dilatation) entwickeln, indem die Herzmuskeln dem gesteigerten Blutdruck nicht genügend Widerstand leisten können, sie werden gedehnt. Derartige vorübergehende Ermüdungszustände des Herzens betreffen mit Vorliebe die linke Herzkammer und finden sich bei jeder Schnelligkeitsübung, wie Schnellauf, schnellem Radfahren, Schnellrudern, Schnellschwimmen etc. Sie können sich durch Herzstillstand bis zum Tod steigern. Ich erinnere an das „klassische Beispiel des Siegesläufers von Marathon, der die Siegesnachricht überbringt und dann tot auf dem Markte in Athen zusammenbricht.”
Jede Schnelligkeitsbewegung kann nun aber so eingerichtet werden, daß Herz- und Lungentätigkeit mäßig ansteigen ohne jene Erschöpfungssymptome zu zeigen und dauernd auf dieser mäßigen Höhe erhalten werden, d. h. man macht die Schnelligkeitsübung zur Dauerübung. Ihre Grenze liegt in der Allgemeinermüdung, sie umfaßt also die Muskel- und Nervenermüdung der Kraftübungen und die Herz- und Lungenermüdung der Schnelligkeitsübungen. Die Ermüdungsstoffe sind im Blute übermäßig angehäuft.
Gebraucht man jedoch die Schnelligkeits- und Dauerübungen vernünftig, d. h. steigert man sie nicht bis zur Atemlosigkeit und bis zum Herzklopfen, so können sie die Leistungsfähigkeit des Herzens stetig steigern und das normale Wachstum des kindlichen Herzens in einziger Art fördern. Unterbleibt die rechtzeitige Uebung des Herzens in der Jugend, so ist ein mangelhaft entwickeltes, ein blutarmes, blasses und unterernährtes Herz die Folge, welches wahrscheinlich eine der Ursachen späterer Schwindsucht ist.
Ich erinnere auch an den Wert von Dauer- und Schnelligkeitsübungen in dem Entfettungstraining beim fettumwachsenen Herzen und bei allgemeiner Fettleibigkeit.
Anders wirken die kurzdauernden Kraftübungen auf das Herz. Hier ist es die sogenannte Pressung oder Anstrengung, welche gefährlich werden kann. Wollen wir mit der Extremitätenmuskulatur eine Kraftleistung vollbringen, so müssen wir den Rumpf zum Stützpunkt der Extremitäten nehmen, d. h. ihn starr machen. Dies tun wir, wenn wir bei tiefer Inspiration die Brustmuskeln zusammenziehen; dadurch pressen wir den Inhalt des Brustkorbes und der Bauchhöhle fest zusammen, entleeren das Blut der Herzkammern schnell, während wir gleichzeitig den Abfluß des venösen Blutes in die Vorhöfe verhindern. Die übermäßige Füllung des Venensystems und die Blutleere des mehr arbeitenden Herzens hören erst auf, wenn die in den Lungen zusammen gepreßte Luft entweicht, der Rumpf seine Starrheit verliert, die Kraftleistung zu Ende ist, und macht einem plötzlichen vehementen Einschießen des venösen Blutes in das geschwächte rechte Herz Platz. Eine vorübergehende Erweiterung des rechten Herzens ist die Folge und kann zu einer mehrtägigen Reizbarkeit führen, die wahrscheinlich durch eine Beleidigung des nervösen Apparates bedingt ist. Abgesehen von dieser Reizbarkeit, die auch eine dauernde bleiben kann, treten als Schädigung der Kraftübungen höhere Grade von Erweiterung des rechten Herzens, Klappenfehler, ja rascher Tod ein. In welcher Weise wir unsere Bewegungen in Rücksicht auf Zentralnervensystem, auf die nervösen Zentren des Herzens und des Gefäßsystems einzurichten haben, werden wir weiter unten sehen. (Weiteres s. auch Eichhorst, Hygiene des Herzens).
Der fehlerhaft Uebende preßt nun häufig schon bei Uebungen, die einen maximalen Kraftaufwand noch gar nicht erfordern. Da sich die Pressung durch den Willen unterdrücken läßt, so ist es Pflicht des Gymnastiklehrers auf die Atemführung bei Kraft- — besonders auch bei Gerätübungen zu achten.
Leichtere Kraftübungen können erst bei längerer Dauer Schädigung hervorrufen, schwere Kraftübungen jedoch, bei denen der Anstrengungsvorgang notwendig ist, führen, wenn sie häufig betrieben werden, zur dauernden Beeinträchtigung des Herzens, der Herzmuskel entartet (degeneriert) und wird schwach.
Schaltet man daher die Pressung bei Kraftübungen aus, unterläßt man bei Dauerübungen plötzliche Steigerungen zu Kraftleistungen und macht die Dauerübung nicht zu abnormen Schnelligkeits- und umgekehrt die Schnelligkeitsübung nicht zur maximalen Dauerübung, so kann man systematisch und vernünftig vorgehend den Herzmuskel vorzüglich trainieren, d. h. den Eintritt seiner Ermüdung weit hinausschieben und eine physiologische Zunahme der Muskelsubstanz erreichen.
Nach Leitenstorfer ist „eine mäßige Herzhypertrophie (Herzvergrößerung), solange sie der Gesamtmuskulatur entspricht, kein krankhafter Zustand, kein Herzfehler, sondern ein auf naturgemäßem Wege errungener Gewinn.”
4. Wirkung der Leibesübungen auf die Atmungsorgane.
Nicht minder groß sind die Wirkungen der Leibesübungen auf die Atmung.
Dieselbe geht bekanntlich in den Lungen vor sich und zwar in der Weise, daß durch den Muskelzug der Rippenheber und Zwischenrippenmuskeln die Rippen gehoben werden, dadurch der Brustraum von vorn nach hinten und von rechts nach links hin erweitert wird; durch die Tätigkeit des Zwerchfells wird die Höhe des Brustraums vergrößert. Die Lungen, welche den Brustwänden dicht anliegen, müssen dem erweiternden Zuge der Brustwände folgen, dadurch wird Luft hineingesogen, und die Lungen werden erweitert. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken die Elastizität und Schwere des Brustkorbes auf die Elastizität der Lungen, drücken die Lungen damit zusammen und bringen die in denselben befindliche Luft zum Entweichen.
Diese Atmungsmechanik können wir durch unseren Willen verflachen oder vertiefen, verlangsamen oder beschleunigen, jedoch nur innerhalb gewisser Grenzen. Gewöhnlich vollzieht sich der Atmungsprozeß unwillkürlich wie die Herzarbeit und reguliert sich automatisch nach dem Atmungsbedürfnis des Körpers.
Bei der gewöhnlichen ruhigen Atmung erneuern wir nun bloß etwa 2⁄6 bis 1⁄7 derjenigen Luftmenge, die wir bei tiefster Ein- und Ausatmung umsetzen können, nämlich nur 500 ccm = 1⁄2 Liter.
Wir machen bei ruhiger Atmung etwa 15 Atemzüge, setzen also 71⁄2 Liter Luft um, bei tiefster Ein- und Ausatmung ist der Umsatz 7mal so groß, also 521⁄2 Liter. Wird nun aber, wie dies ja bei Leibesübungen stets der Fall ist, die Zahl der Atemzüge vermehrt, sagen wir bis auf 45 in der Minute, so erhalten wir einen Luftumsatz in den Lungen von 3 × 521⁄2 = 1571⁄2 Liter. Dieser Luftumsatz in den Lungen besteht nun darin, daß das Lungenblut Sauerstoff aus der Luft aufnimmt; die Lunge ist also ein Magen, bestimmt zur Aufnahme der wichtigsten Lebensnahrung, des Sauerstoffs.
Ferner erweist sich die Lunge als ein wichtiges Ausscheidungsorgan, denn sie gibt an die Atmosphäre Kohlensäure und Wasserdampf ab. Vermöge ihrer Fähigkeit, das Verbrennungsgas der Kohlensäure abzugeben, wird die Lunge eines der wichtigsten Organe zur Entgiftung des Körpers, denn die Kohlensäure ist ja einer der Ermüdungs- und Schlackenstoffe, der den Körper in kurzer Zeit vergiftet.
Durch ihre Fähigkeit Wasserdampf zu verdunsten aber kann die Lunge die Körpergewebe trocken legen, eine Eigenschaft, die von immenser Bedeutung ist, wenn man bedenkt, daß damit der größte Bestandteil des Körpers, das Körperwasser, welches ca. 65% des Körpergewichts ausmacht, wesentlich angegriffen, reduziert werden kann.
Die Lunge ist demnach ein bedeutender Drainageapparat des Körpers.
Bedenkt man weiter, daß die Ausatmungsluft wärmer ist als die Einatmungsluft, daß Körperwasser nur durch Erhöhung der Temperatur verdampfen kann, daß also durch den Verdampfungsprozeß jedesmal eine bestimmte Wärmemenge des Körpers verbraucht wird, so ist deutlich, welchen Wert die Lungentätigkeit als Abkühlungsapparat des Körpers hat.
Nun denke man sich, daß die Lungenmaschine als Herz-Kreislauf-Regulierapparat, als Sauerstoffmagen, als Entgiftungsvorrichtung, als Drainageapparat und schließlich als Kühlvorrichtung durch Leibesübung statt ihrer gewohnten Arbeit von 71⁄2 Liter Luftumsatz in der Minute 1571⁄2 Liter stofflich umsetzt, dann kann man sich ein ungefähres Bild von dem kolossalen Einfluß eines vernünftigen Lungentrainings auf den Körper machen, und wird umsomehr einsehen, daß dieser Einfluß durch ein vernünftiges Vorgehen reguliert werden muß.
Weiter mache ich aufmerksam auf die Wirkung einer ausgiebigen Tiefatmung.
Da die Lungen durch den Luftkanal des Nasenrachenraums und der Luftröhre mit der Außenluft in Verbindung stehen, so ist der Druck der Binnenluft der Lungen, gleich dem Atmosphärendruck, also = 760 mm Hg (Hg = Quecksilber, als Abkürzung des lateinischen Wortes Hydrargyrum). Wird während der Einatmung der Brustraum durch Muskelarbeit weiter, so muß die elastische Spannungskraft und die Schwere des Brustkorbes überwunden werden. Je größer diese Widerstände sind, d. h. je tiefer eingeatmet wird, desto mehr Arbeit wird geleistet, denn die elastische Kraft, die bei der Einatmung zu überwinden ist, wächst durch tiefste Inspiration von 7 auf 9-30 mm Hg. Es wird durch Tiefatmung also eine immense Kraft aufgespeichert, welche bei der Ausatmung zur Geltung kommt, indem sie bei Erschlaffung der Einatmungsmuskeln die Lungen zurückzieht.
Je weiter die Lungenbläschen geöffnet werden, um so geringer, und je enger diese Lufträume werden, desto größer wird der Druck sein, den die Binnenluft ausübt. Die Lungen ziehen nun entsprechend dieser ihrer elastischen Kraft an den Brustwandungen und an den im Brustraum gelegenen Hohlorganen. Diese Kraft nennt man Saug- oder Aspirationskraft der Lungen. Der Gesamtinhalt des Brustraumes, d. i. Rippen- und Mittelraum mit Herz- und großen Gefäßen steht demnach, abgesehen von den Lungen selbst, unter einem Druck, welcher gleich ist dem Atmosphärendruck vermindert um denjenigen Druck, welcher der Saugkraft der Lungen entspricht; derselbe ist als der Binnenbrustdruck bezeichnet worden. Derselbe wird also normaler Weise von der Saugkraft resp. von den elastischen Kräften der Lunge reguliert. Je stärker dieselbe zur Geltung kommt, wie bei tiefster Inspiration, desto geringer ist der Binnenbrustdruck.
Bei ruhiger Atmung ist der elastische Zug der Lungen bei Atmungsstellung 9 mm Hg., demnach der Binnenbrustdruck = 760 - 9 = 751 mm Hg.
Bei ruhiger Ausatmung ist der elastische Zug = 7 mm Hg., der Binnenbrustdruck = 760 - 7 = 753 mm Hg.
Bei ruhiger Atmung ist daher der auf die im Brustraum gelegenen Gefäße lastende Druck kleiner, als der auf die außerhalb desselben gelegenen einwirkende. Nach Munk muß daher eine Aufsaugung des Blutes aus den außerhalb des Brustraumes gelegenen Blutgefäßen stattfinden und damit die Blutbewegung beschleunigt werden. Und diese Blutstrombeschleunigung muß um so größer sein, je geringer der Binnenbrustdruck, d. h. je tiefer die Atmung ist.
Die Beschleunigung des Blutstroms macht sich zunächst im Pfortaderkreislauf bemerkbar. Aus den kleinsten Auflösungen der Schlagadern, den sogenannten Haargefäßen (Kapillaren) des Magens, der Milz und des Darmrohrs gehen Blutadern (Venen) hervor und sammeln sich zum sogenannten Pfortaderstamm, der in der Leber von neuem ein Kapillarsystem bildet, aus welchem die Lebervenen entstehen, die in die untere Hohlvene einmünden. Letztere führt das verbrauchte Blut dem Herzen zur Regeneration zu. Durch die kapillare Strombettbildung in der Leber ist die Blutbewegung daselbst eine verlangsamte und erst durch die geschilderte Saugkraft wird sie wieder beschleunigt. Dazu kommt die unterstützende aktive Kraft der Bauchpresse bei der Tiefatmung, d. i. der Herabstieg des wichtigsten Atmungsmuskels, des Zwerchfells, welches Brust- und Bauchhöhle voneinander scheidet und die Bauchmuskeltätigkeit, welche beide zusammengenommen von oben und von vorn ebenso wie den gesamten Bauchinhalt auch die Leber zusammenpressen.
Die Tiefatmung wird also zu einem willkürlich zu gebrauchenden Massageapparat der Leber, der Därme, der Nieren und aller übrigen Baucheingeweide.
Die Beförderung der Verdauung, der Harnabsonderung, des Stoffwechsels etc. sind unmittelbare und notwendige Folgen.
Derselben Einwirkung aber unterliegt auch der Brustgang des Lymphgefäßsystems (ductus thoracicus), so daß der Lymphstrom vom Darm und den Extremitäten her beschleunigt wird.
In gleicher Weise sucht der negative intrathoracische Druck die Wandungen der Herzhöhlen voneinander zu entfernen; er fördert also die Füllung derselben während ihrer Erschlaffung (diastolische Füllung). Im Röntgenbilde kann man bei starker Herabsetzung des Binnenraumbrustdruckes die Vergrößerung des Herzens beobachten.
Ferner begünstigt die Saugkraft der Lungen auch den kleinen oder Lungen-Kreislauf. In der lufthaltigen Lunge sind die Blutgefäße weiter als in der luftleeren, und wird nun bei der Einatmung der Binnenbrustdruck stärker negativ, so äußert er seinen gefäßerweiternden Einfluß mehr auf die dünnwandigen Venen als auf die starren Arterien. Auf diese Weise erfährt der Lungenkreislauf eine inspiratorische Beschleunigung; dadurch wird während der Inspiration der linken Herzkammer mehr sauerstoffreiches Blut zugeführt als bei der Expiration und der Herzmuskel selbst besser ernährt.
Durch die Tiefatmung aber werden alle genannten Wirkungen stärker als bei ruhiger Atmung und durch systematische vernünftige Atemgymnastik resp. Leibeszucht wachsen:
1. die elastischen Spannkräfte der Brustwände,
2. die elastischen Spannkräfte der Lunge,
3. die mechanische Erweiterungsfähigkeit des Brustraums, der Brustspielraum wird größer und dadurch
4. die vitale Lungenkapazität (Fassungskraft der Lungen für Luft) und werden zu Hilfskräften der Blut- und Lymphzirkulation und sorgen dadurch für eine bessere Ernährung aller Organe.
Durch Vertiefung der Atmung kann man aber nicht nur den Blutumlauf beschleunigen oder verlangsamen, sondern auch Einfluß auf den Blutdruck gewinnen.
Beschleunigt man die Tiefatmung, so steigt der Blutdruck in den Schlagadern während der Ausatmung, verlangsamt man die vertiefte Atmung, so steigt zwar auch der Blutdruck und erreicht seine größte Höhe beim Beginn der Ausatmung, sinkt dann aber, bis er beim Beginn der Einatmung die größte Tiefe erreicht hat.
Es gibt gewisse Zustände der Lungen, welche mit Lungenblähung und Lungenstarrheit einhergehen. Bei diesen Zuständen kann tiefes Einatmen Schaden anrichten, weil es in die bereits blutüberfüllten Lungen noch mehr Blut ansaugt. Hier ist gerade die Entlastung des Blutkreislaufs durch verstärkte und beschleunigte Ausatmung am Platz.
Atmung und Pulszahl stehen stets in einem bestimmten Verhältnis und zwar wie 1 zu 4. Haben wir z. B. 16 Atemzüge in der Minute, so wird die Pulszahl gleich 4 × 16 = 64 sein.
Weil dieses Verhältnis nun ein konstantes ist, wir ferner die Atmung willkürlich gestalten können, so werden wir durch Verlangsamung unserer Atmung auch stets einen beschleunigten Puls verlangsamen und durch Beschleunigung der Atmung auch einen verlangsamten Puls beschleunigen können. Wir haben also in der Lunge ein vorzügliches Regulierorgan der Herz- und Kreislauftätigkeit. Dieses Verhältnis zwischen Puls- und Atmungszahl hat zu mannigfachster praktischer Ausnutzung geführt.
So benutzen es Oertel und Herz beim stufenweisen Ein- und besonders Ausatmen (sakkardiertes Atmen), indem sie jeden Atemstoß mit einer Zusammenziehung des Herzmuskels zusammenfallen lassen, was man leicht erreicht, wenn man sich selbst den Puls fühlt und bei jedem Anstieg der Pulswelle einen Atemstoß vollführt. Dieses Stufenatmen beansprucht gleichzeitig geistige Arbeit und wird damit zur sogenannten Aufmerksamkeitsübung.
Der Atmungstraining ist aber auch vorzüglich zu gebrauchen zur Erziehung der Nerven. Es ist dies die Methode des französischen Schauspiellehrers François Delsarte.
Wer hätte nicht am eignen Leibe die Wirkung der Gemütsbewegung bei besonderen Gelegenheiten und Krisen im Leben kennen gelernt!
Ich erinnere nur an die Beispiele des Examenskandidaten, oder des Soldaten beim Beginn der Schlacht, des Bräutigams, der seiner Erwählten sich erklärt, des jungen Theologen, der seine erste Predigt hält etc. Tief atmet der Geängstigte einmal, dann aber ist ihm der Atem wie vergangen, und schließlich jagt die ganz verflachte Atmung, das Herz pocht, der Puls ist beschleunigt, die Gedanken sind verwirrt, er empfindet den Drang zum Harnen oder zur Kotentleerung.
Was ist geschehen? Durch die abnorme Erregung der Nerven ist die Atmung gestört, damit wird aber gleichzeitig durch das bestehende Verhältnis von Atmungs- und Pulszahl entsprechend die Kreislauftätigkeit abnorm. Alle Reize, welche die sogenannte unwillkürliche oder glatte Muskulatur des Gefäßsystems zur Zusammenziehung bringen, wird auch in der glatten Muskulatur aller derjenigen Körperorgane wirksam, die demselben Nerveneinfluß unterstehen. Deswegen zieht sich auch die Blase zusammen und preßt gegen unseren Willen den Urin aus derselben, obwohl ihre geringe Füllung gar keinen Grund zur Entleerung bietet. In gleicher Weise ergeht es dem Darm, welcher durch Knurren und Plätschern und Drang zum Kotlassen die Zusammenziehung seiner Muskelwände und die vermehrte peristaltische Unruhe offenbart.
Gelingt es dem Betroffenen aber, Herr über seine Atmung zu werden, seine Atmung wieder regelmäßig zu gestalten, zu vertiefen und den Atem nach Belieben zu halten, so fallen auch alle genannten Folgezustände der gestörten Atmung fort.
Das Herz in seiner Abhängigkeit von der Atmung, muß die Pulse wieder regelmäßig gestalten und verlangsamen, im Leibe wird die Spannung herabgesetzt, Blase und Darm wieder ausgedehnt.
Nun wissen wir aber, daß nicht nur die Affekte körperliche Veränderungen hervorrufen, sondern auch umgekehrt.
Zum Beweis dafür dient die tägliche Beobachtung. Wie viele Lehrer gibt es nicht, die sich mehr und mehr in Wut reden! Wie viel Leidtragende gibt es doch, die nichts von Trauer über den Hingang irgend einer fremden Person empfinden, die aber ihr Gesicht in Trauerfalten legen und schließlich bis zur wahren Empfindung tiefster Trauer durch die rein äußere Mimik gelangen! So im Leben, so auf der Bühne. Man erinnere sich nur der klassischen Beschreibung dieses psychologischen Vorganges, die Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie vom mittelmäßigen Schauspieler gibt, der sich eine Anzahl mimischer Regeln von einem ursprünglich Empfindenden abstrahiert, um seiner Seele das Gefühl des dargestellten Affektes aufzuzwingen.
Haben wir es daher gelernt, unsere Atmung willkürlich zu gestalten, so sind wir auch Herr unserer Affekte.
Nicht zu unterschätzen ist ferner die von den Physiologen bewiesene Tatsache, daß jede ausgiebige Einatmung eine vermehrte Blutansammlung im Brustkorb und gleichzeitig eine relative Blutleere im Gehirn erzeugt. Dadurch tritt eine Verminderung der geistigen Aktivität, eine Abnahme des Bewußtseins, und damit ein psychischer Ruhestand ein. Eine Reihe von forcierten tiefen Einatmungen können sogar, wofern sie sehr rasch hintereinander ausgeführt werden, eine kurze Bewußtlosigkeit hervorrufen, deren man sich zur Ausführung von kleinen chirurgischen Operationen, sowie zur Hypnose bedienen kann. Diese Methode durch beschleunigte Tiefatmung das Gehirn blutleer zu machen, erinnert an die Methode der Javaner durch Fingerdruck auf die großen Halsschlagadern eine künstliche Narkose hervorzurufen.
Um ein System einer guten Atemschule zu gewinnen, ist es notwendig, die einzelnen Faktoren, die die Mechanik des Atmens bedingen, genau zu studieren und sich zu vergegenwärtigen.
Betrachten wir zunächst die Einatmung (Inspiration). Durch die Zusammenziehung des Zwerchfells wird der Brustkorb dadurch erweitert, daß die Rippen gehoben und zwar nach auswärts gehoben werden, jedoch nur solange, als die Baucheingeweide den Bauch füllen. Fehlt der Widerstand der Baucheingeweide, so werden die Rippen nach einwärts gezogen. Daraus folgt, daß bei der normalen Atmung der Widerstand der Baucheingeweide überwunden werden muß, der um so größer ist, je stärker die Därme mit Verdauungsmassen gefüllt sind. Die Baucheingeweide versuchen nun diesem von oben her wirkenden Druck auszuweichen, werden nach hinten aber durch die Wirbelsäule, nach unten durch den Knochenring des Beckens verhindert; so bleibt ihnen nur das Entweichen nach den Seiten und nach vorn, wo die Weichheit der Bauchdecken zur Nachgiebigkeit disponiert. Sind nun die Bauchdecken schlaff und welk, so werden sie durch den Druck mehr und mehr nachgiebig und gedehnt, und es kommt zu der häßlichen Form des runden Dickbauches oder des Spitzbauches, zum Verlust der sogenannten Taille, zur Wampenbildung etc., der häufigsten Degenerationsform des Menschen; andererseits kommt es zu der veränderten unvollkommenen Atmung, als ob die Eingeweide herausgenommen wären, die Rippen werden nicht gehoben und der Rippenrand nach einwärts gezogen. Es fehlt dem Zwerchfell eben der Stützpunkt der Eingeweide, um die Rippen nach oben und auswärts zu heben. Sind dagegen gekräftigte Bauchmuskeln vorhanden, so spannen sich dieselben an, ohne sich zusammenzuziehen und geben für den Bauchhöhlenkasten auch von den Seiten und von vorn her unnachgiebige und feste Wände ab. Können somit die Baucheingeweide nicht entweichen, so müssen sie selbst den Druck aushalten, werden etwas zusammengedrückt und bieten nun ihrerseits einen festen Stützpunkt zur Hebung und Auswärtsrollung der Rippen. Eine dementsprechende Entfaltung des Lungengewebes und ihre ausgiebige Lüftung sind die notwendigen Folgen.
Ebenso wie der Widerstand der Baucheingeweide, so wirken auch die Zwischenrippenmuskeln als Heber und Auswärtsdreher der unteren Rippen des Brustkorbes. Bei der Verflachung der Atmung, wie wir sie heutzutage bei der Mehrzahl der Menschen finden, werden sie bei sogenannter ruhiger Atmung gar nicht gebraucht, sondern erst bei angestrengtem Atmen und dienen nur dazu, den Brustkorb in mittlerer Weite in Spannung zu erhalten, den Atmungskorb vor Erschlaffung, die Rippen durch Auspolsterung vor gegenseitiger Reibung zu bewahren.
Schließlich gebrauchen wir noch eine Anzahl von sogenannten Hilfsmuskeln, welche bei forcierter Einatmung, bei Atemnot etc. in Aktion treten. Diese Reservemuskeln haben sämtlich die Eigentümlichkeit sich mit dem Schultergürtel in Verbindung zu setzen, sei es, daß sie von demselben entspringen oder an demselben endigen. Sie gehen hin oder kommen her vom Halse, von den Armen, von der Brust oder vom Rücken. Sie spielen aber auch für die ruhige, nicht forcierte Atmung eine nicht unbedeutende Rolle, denn wir sehen bei denjenigen Menschen, bei welchen durch Anlage oder Krankheit diese Muskeln verkümmern und schwinden, nicht nur ein Einfallen des oberen Teiles des Brustkorbes und sonstige Gestaltsveränderungen desselben, sondern auch Verkümmern der darunter gelegenen Lungenabschnitte und mehr oder weniger deutliche Behinderung der Atmung.
Als wichtige Faktoren der Einatmung haben wir demnach kennen gelernt:
1. Das Zwerchfell,
2. den Widerstand der Baucheingeweide,
3. die Spannung der Bauch- und Zwischenrippenmuskeln,
4. die inspiratorischen Hilfsmuskeln.
Bei der Ausatmung (Exspiration) sind im wesentlichen diejenigen Spannkräfte wirksam, welche während der Einatmung aufgespeichert worden sind. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken einerseits die Elastizität und die Eigenschwere des Brustkorbes und die Elastizität der Lungen, andererseits die aktive Zusammenziehung der Luftröhrenmuskulatur, welche nach Duchenne allein imstande ist, die sauerstoffverbrauchte Luft aus den Enden des Luftröhrenbaumes herauszupressen. Vergegenwärtigt man sich ferner, daß der Leibinhalt durch die Darmgase einerseits und durch den Druck des herabgestiegenen zusammengezogenen Zwerchfells und der gespannten Bauchmuskeln andrerseits komprimiert ist, dadurch elastische Spannkräfte während der Einatmung auch in der Bauchhöhle aufgespeichert werden, so ist es klar, daß diese Spannkräfte während der Ausatmung frei werden müssen, um die Schwerkraft des Zwerchfells zu überwinden. Die Erschlaffung der Einatmungsmuskeln ist aber ebenso wie ihre Inanspruchnahme nicht nur eine automatische unwillkürliche, sondern auch eine willkürliche. Wir können die Bewegung der Ein- und Ausatmung fördern und hemmen, wir können mehr oder weniger Willens- und Nervenkräfte für sie aufwenden, das Atmungstraining demnach sowohl als Schule für die Lungen, als auch der Baucheingeweide, als auch für das Herz- und Gefäßsystem, als auch schließlich für die Nerven gebrauchen.
Auch die Ausatmung hat wie die Einatmung Reservemuskeln zur Verfügung, die sie bei lautem Sprechen, beim Singen oder bei Atemnot während der Ausatmung gebraucht, und zwar sind dies wiederum die Bauchmuskeln, die bei ruhiger Atmung wenig zur Geltung kommen. Fehlen dieselben jedoch oder sind dieselben verkümmert, so kann ein einziger Hustenstoß bereits Gefahr bringen. Es ist also die Bauchpresse, welche sowohl bei der Einatmung wie bei der Ausatmung die aktive Rolle der Hilfsaktion übernimmt, und zwar nehmen ihre einzelnen Muskeln in der Weise teil, daß der breite Muskelgurt des queren Bauchmuskels während der Einatmung nur dann aktiv wird, wenn sämtliche inspiratorische Hilfsmuskeln in Arbeit sind und das Zwerchfell aufs äußerste zusammengezogen ist, um den Ball der Baucheingeweide gegen die an der Kuppe bereits abgeflachte Wölbung des erstarrten Zwerchfells anzupressen und die Rippen gewaltsam nach außen zu heben, während der Ausatmung dagegen nur, wenn das Zwerchfell bereits völlig erschlafft ist. Während für die forcierte Einatmung die übrigen Bauchmuskeln nicht in Frage kommen, helfen bei der angestrebten Ausatmung noch der innere und äußere schräge Bauchmuskel mit, welche die Rippen nach abwärts ziehen.
Die Armbewegungen, soweit sie den Arm vom Rumpf entfernen, dienen im wesentlichen der Inspiration, doch muß man dabei Acht haben, daß das Zwerchfell nicht durch Aktivität der Bauchpresse in seiner Tätigkeit eingeschränkt wird.
Die Beinbewegungen, sofern sie mit aktivem Eingreifen der Bauchpresse geschehen, dienen der Expiration.
Für die mechanische tiefste Erweiterung des oberen Brustkorbabschnittes mit Hebung des Brustbeins, wie wir sie beim Wogen des weiblichen Busens durch Unterdrückung der Atmung in den unteren Abschnitten wegen Korsettgebrauches finden, ist es gut die Exkursionen im unteren Abschnitt durch Aufpressen der Hände zu beschränken, durch welche Stellung der Arme gleichzeitig der Schultergürtel gehoben wird. Dies kann einseitig und doppelseitig geschehen. (Einseitiges und doppelseitiges Tiefatmen siehe Uebungstafel). Empfindet Jemand beim forcierten Tief-, Ein- und Ausatmen Schwindel, so darf nicht zu stark forciert werden.
Passiverweiterungen der Brusthöhle erreicht man durch Heben des Schultergürtels und durch kräftiges Rückwärtsführen der horizontalgestreckten Arme. Dies kann durch Beihülfe eines Gymnasten oder aber durch Hängen in Ringen, am Reck, an der Leiter etc. oder durch Biegungen der Wirbelsäule resp. des Rumpfes nach hinten und nach den Seiten, schließlich auch nach vorn geschehen.
Die Uebung der exspiratorischen Hilfsmuskeln muß während der Einatmung geschehen. Denn eine energische Zusammenziehung der Ausatmungsmuskeln ist unmöglich, wenn die Baucheingeweide nicht energischen Widerstand leisten. Das Zwerchfell darf also nicht nachgeben, dies erreicht man leicht durch Kehlkopfverschluß. Dies gilt jedoch nur für die spezielle Schulung der exspir. Hilfsmuskeln.
Bei anderen Uebungen jeder Art soll nur die unregelmäßige und oberflächliche Atmung bekämpft werden.
Dies erreicht man am sichersten, wenn man die Atmung rhythmisch und tief gestaltet, und man diesen Atemtypus durch Kommando einübt.
Läßt man Beugen und Strecken als Selbsthemmungsbewegung ausführen, so läßt man während des Beugens sowohl tief ein-, als auch tief ausatmen, ebenso während der Streckung.
Bei einer Widerstandsbewegung dagegen läßt man während der Beugung tief einatmen, während der Streckung ausatmen.
Die Einatmung erfolgt im allgemeinen am besten dann, wenn der Muskel positive Arbeit leistet.
Bei allen Bewegungen, welche mit Erweiterung des Brustkorbes einhergehen, läßt man gleichzeitig ein- nicht ausatmen.
Will man allein und einseitig die Hilfsmuskeln der Ausatmung üben, so muß man ebenfalls die Einatmungsphase benutzen.
So ergeben sich die Regeln für die Atemschule von selbst.
Jeder einzelne Akt der Atmung muß für sich methodisch geübt werden, die Einatmung, das Atemhalten, das Ausatmen und das Stufenatmen.
Derjenige Teil der Atmung, der dem Uebenden am schwersten ausführbar ist, muß am meisten geübt werden. Nur so kommt man zu einer vollständigen Beherrschung der Atemmuskeln.
Dieser Atemgymnastik müssen Muskelübungen folgen, welche Hals-, Brust-, Schulter-, Bauch- und Rückenmuskeln kräftigen und ausdauernd machen und schließlich durch Kräftigung aller Muskeln das Atembedürfnis steigern. Denn eine zeitlang je nach dem Grade der Herrschaft, die wir über unsere Lungen erlangt haben, können wir zwar den Atmungsprozeß durch unsern Willen regulieren, dann aber tritt die Selbstregulation durch das Sauerstoffbedürfnis in Kraft. Letzteres aber können wir durch Muskeltätigkeit erhöhen. Empfehlenswertes Training der Atemgymnastik sind die Dauer- und Schnelligkeitsübungen.
Ball- und andere Bewegungsspiele, Gehen, Marschieren, Laufen, Bergsteigen, mäßiges Radfahren, Schlittschuhlaufen, Schwimmen und Rudern. Jedoch darf keine der genannten Uebungen zur Kraftübung werden, die ja durch die notwendige Pressung das Atmungsgeschäft hemmt.
5. Wirkung der Leibesübung auf das Nervensystem.
Fragen wir uns weiter, wie wirken Leibesübungen auf das Nervensystem?
Die Leibesübungen sind im Gegensatz zu den Reflexbewegungen (das sind diejenigen Bewegungen, die selbsttätig durch Erregung von den Empfindungsnerven hervorgerufen werden) gewollte, also dem Einfluß des Willens unterworfen. Der Willenreiz kommt im Gehirn zur Geltung. Das Gehirn schickt den Reiz durch die periphere Nervenleitung zum Endorgan, also zum Muskel, der durch Zusammenziehung seinen Gehorsam beweist. Das Gehirn hat demnach bei Leibesübungen Arbeit zu leisten, die mit der Zahl der Erregungen wächst. Alle Bewegungen, die wir ausführen, sind (tetanische) anhaltende Bewegungen, die eine Reihe von Reizen in schneller Aufeinanderfolge und zwar, wie Helmholtz gezeigt hat, ca. 20 in 1 Sekunde erfordern. Mit der Zahl der Reize steigert sich auch die Kraft der Einzelkontraktion. Je stärker der Reiz, desto schneller zieht sich der Muskel zusammen. Ein ermüdeter Muskel ist nur durch starke Reize noch zur Arbeit zu bewegen.
„Die vom Gehirn geleistete Arbeit ist daher um so größer, je länger die Kontraktion dauert, je größer die Kraftleistung des Muskels ist und je schneller die Bewegungen ausgeführt werden.” Bei allen Bewegungen, die wir ausführen, ist nicht ein Muskel, sondern sind Muskelgruppen zu bewegen. Das Gehirn muß zu allen Muskeln nicht nur Bewegungsreize schicken, sondern sie auch in richtiger Reihenfolge und in bestimmter Abstufung wirken lassen. Diese ordnende Tätigkeit des Gehirns bezeichnet man als Koordination. Man unterscheidet bei der Koordination einer Bewegung dreierlei Arten von Muskeltätigkeit.
1. Die eigentliche kraftleistende Bewegung („Impulsive Muskel-Association” Duchenne),
2. Die mäßigende Bewegung („Moderatorische Muskel-Association” Duchenne),
3. die statische oder haltende Tätigkeit („Kollaterale Association” Duchenne.)
Jede dieser Arten kann in den Vordergrund treten, z. B. bei den Gleichgewichtsübungen die haltende oder die mäßigende bei den Handfertigkeiten, ebenso wie bei der Tätigkeit, der an der Stimmbildung oder bei der Mimik beteiligten Muskeln, kurzum bei der Tätigkeit aller nahe zusammengelegener und zusammengehörender Muskeln.
Müssen Muskeltätigkeiten koordiniert werden, welche größere Teile des Skeletts bewegen, so daß große, weit entlegene Muskelbezirke gleichzeitig in Anspruch genommen werden, so spricht man von Geschicklichkeitsübungen, wie wir sie beim Frei- und besonders beim deutschen Gerätturnen haben.
Je verwickelter eine Bewegung, desto schwieriger ist auch die Koordination und desto größer die vom Gehirn zu leistende Arbeit. Letztere kann jedoch durch Uebung auf ein Minimum herabgesetzt werden, wenn die Bewegung „mechanisiert” worden ist, d. h. wenn im Zentralorgan von der auszuführenden Bewegung ein deutliches Erinnerungsbild entstanden ist. Bei der Erlernung einer jeden neuen Bewegung wird nun unnötig viel Kraft verschwendet. Steifheit der Bewegung und Mitbewegungen offenbaren das Ungeübtsein. Ist dagegen die Bewegung mechanisiert, so geschieht sie leicht und zweckentsprechend, damit wird sie aber kraftsparend und schön.
Unser deutsches Turnen schult aber vorzugsweise die Geschicklichkeit, ist also eine Schule der Koordination; es ist in der Hauptsache eine Nerven- und dann erst eine Muskelgymnastik. Die Koordinationsaufgaben müssen eine systematische Uebungsfolge haben, so daß jede des Kraftaufwandes eine Steigerung erfährt, sobald die vorangehende erlernt ist. Je größer im Zentralnervensystem die Zahl der Erinnerungsbilder vielfacher Bewegungen ist, desto besser wird die Koordinationsfähigkeit auch für bisher unbekannte Bewegungen, desto sicherer wird die Beherrschung des Körpers in allen Lagen.
Unser deutsches Turnen genügt aber nicht für alle Seiten der Nervengymnastik. Eine wohlkoordinierte Bewegung erfordert Ueberlegungszeit wie jeder andere Denkakt. Die vorhergehende Koordination wird bei den sogenannten Aufmerksamkeitsübungen geschult, zu welchen wir die Ordnungsübungen und den Reigen rechnen. Ihr Uebungswert für die Muskeln, für Stoffwechsel, Atmung und Kreislauf ist ein minimaler, dagegen ein maximaler für das Gehirn. Deshalb soll man Menschen, deren geistige Tätigkeit sowieso hohe Ansprüche an die Aufmerksamkeit stellt, mit diesen Uebungen verschonen, um ihr Gehirn nicht zu überlasten. Die Gerätübungen genügen zur Schulung der Aufmerksamkeit allermeist.
Anders liegen die Verhältnisse für die Ausbildung der plötzlichen Koordination.
Im Leben geschehen oft genug Ereignisse, wo man auch schnellste Bewegungen ausführen muß, bei denen man zuvor nicht überlegen kann. Es kommt nicht darauf an, wie die Bewegung ausgeführt, ob ordentlich oder unordentlich, sondern nur, daß aufs schnellste der tatsächliche Zweck erreicht ist. Ich erinnere nur an die Wichtigkeit, welche das schnellste und sicherste Ueberwinden von Hindernissen in der heutigen Kriegführung hat. Die Schnelligkeit der Ausführung der Bewegung ist abhängig von der Schnelligkeit der Innervation und ihre Uebung ein wesentlicher Teil der Nervengymnastik, die in einer harmonischen Leibeserziehung nicht vernachlässigt werden darf.
Diese Art der Nervenübung erzeugt Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit und heißt Schlagfertigkeitsübung. Solche Schlagfertigkeitsübungen sind die Lauf- und Ballspiele sowie Kampfspiele, das Fechten, Boxen und besonders auch das Ringen. Die Schlagfertigkeitsübungen stellen hohe Anforderungen an die Gehirntätigkeit und die übrige Nervenkraft, sie dürfen daher nur von Nervenstarken, nicht von Neurasthenikern oder sonstigen Nervenkranken ausgeübt werden. Für die letzteren sind die automatischen oder halbautomatisch ausgeführten Bewegungen Erholung.
Von hohem Einfluß ist die Psyche bei der Nervengymnastik.
Nacktsein während der Uebung, freundliches Wetter, muntere Gesellschaft, ein lustiges Lied etc. sind Unterstützungsmittel des Nerventraining.
Die Nerventätigkeit geht natürlich mit dem Stoffverbrauch Hand in Hand. Da derselbe während der Tätigkeit nicht schnell genug gedeckt werden kann, so erschöpft sich der Energievorrat. Das Nervensystem bedarf, um Ersatz zu schaffen, Ruhe. Ist bei regelmäßiger Wiederkehr der Ermüdungstätigkeit die Erholung stets eine vollkommene, so wächst die Leistungsfähigkeit, es lernt, weniger schnell zu ermüden.
Besteht jedoch ein Mißverhältnis von Nervenanspannung und Erholung, so entstehen vorzeitige Ermüdung, Nervosität, Neurasthenie und andere Nervenkrankheiten. Daran wird auch nichts durch den Gebrauch von künstlichen Anregungsmitteln des Arzneischatzes oder der Genußmittel geändert. Vorübergehend wird zwar eine erhöhte Nerventätigkeit erzielt, aber nur, damit nachher die Erschlaffung um so größer wird.
Daß Leibesübungen tatsächlich die Geistesermüdung beseitigen, dafür spricht die tägliche Erfahrung, von Ziemßen äußert sich darüber folgendermaßen: „Die Erfrischung und Erholung des angestrengten Nervensystems wird am besten durch körperliche Arbeit bewirkt; die körperliche Arbeit muß an Stelle der geistigen treten, die Glieder müssen sich rühren, während der Kopf ausruht.”[3] Leibesübungen verlangen zwar von dem ermüdeten Gehirn eine neue Arbeitstätigkeit, aber sie nehmen andre Gehirnteile in Anspruch, wofern es nicht Aufmerksamkeitsübungen sind. Sie wirken trotzdem erholend, weil Muskeltätigkeit, wie wir gesehen haben, die Blutzirkulation beschleunigt und dadurch die Ermüdungsstoffe fortschwemmt und die ermüdeten Hirnteile häufiger mit sauerstoffreichem Blute durchspült.
[3] Siehe auch Forel, Prof. Dr. Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande. Brosch. 2.50. Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart.
Nun hat Mosso auf Grund seiner mit dem Ergographen gemessenen Leistungsfähigkeit der Muskeln, welche er nach intensiver Geistesarbeit erheblich herabgesetzt fand, behauptet, daß es physiologisch falsch wäre, Geisteserholung durch körperliche Uebungen schaffen zu wollen, weil die Muskelanstrengung nach Geistesanstrengung den Erschöpfungszustand des Gehirns nur steigere. Aber Mossos eigene Versuche widerlegen diese Behauptung. Denn nur nach mehrstündiger, übermäßiger Geistesanstrengung war die körperliche Leistungsfähigkeit herabgesetzt, dagegen nach mäßiger Geistestätigkeit erhöht. Mäßige körperliche Anstrengung erholt, übermäßige erschöpft das Gehirn.
Daß der Wechsel von körperlicher und geistiger Arbeit erholend wirkt, wird leicht verständlich, wenn wir die Erfahrungen des täglichen Lebens uns zu Nutze machen. Sehen wir nicht angestrengt geistig Tätige sich Erholung verschaffen durch andere geistige Arbeit, z. B. Musik-, Schach-, Karten- und andere Erholungsspiele? In jedem Fall wird der psychische Apparat gebraucht, aber stets ein anderer Abschnitt desselben, so daß der zuvor tätige sich erholt, wenn der nächstfolgende arbeitet. Um wie viel größer muß die Erholung des Gehirns sein, wenn man nicht nur einzelne Teile desselben, sondern deren Summe untätig sein läßt durch körperliche Uebungen. Zuntz urteilt darüber: „Die Muskeltätigkeit richtig dosiert, liefert dem Zentralnervensystem durch ihre Stoffwechselprodukte die wirksamsten Narkotika, die einzigen, welchen man auch bei dauerndem Gebrauche eine schädliche Wirkung nicht nachsagen kann.”
Man kann sowohl für die Nerven, als auch für die Muskeln zwei Arten der Ermüdung unterscheiden, die normale (physiologische) und die krankhafte (pathologische). Erstere tritt nach mäßigen geistigen oder körperlichen Anstrengungen auf und kann durch Willensenergie und starke äußere Eindrücke überwunden werden, um noch eine erhebliche Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, dann aber folgt die zweite, für welche eine weitere Kraftreserve nicht mehr vorhanden ist. Die physiologische Ermüdung des Gehirns wird durch maßvolle individualisierte Leibesübung am besten beseitigt. Die Ermüdungsstoffe, die durch körperliche Tätigkeit erzeugt werden, wirken betäubend (narkotisch), wie Mosso nachgewiesen hat, indem er das Blut eines durch Arbeit erschöpften Hundes auf einen gesunden übertrug.
Die physiologische Ermüdung muß nach dem Angeführten für das Training benutzt werden. Je weiter man durch Uebung dieselbe hinausschieben lernt, desto später wird die pathologische Ermüdung eintreten, d. h. desto größer wird die absolute Leistungsfähigkeit.
6. Wirkung der Leibesübung auf den Verdauungs-Apparat.
Auch der Verdauungsapparat kann durch vernünftiges Training Vorteile haben.
Die Wechselbeziehung von Verdauungs- und Muskelarbeit habe ich ja bereits dargetan. Der gefüllte Verdauungsapparat setzt die Leistungsfähigkeit der Muskeln herab, umgekehrt vermindert die durch Muskelarbeit erzeugte starke Durchblutung des Bewegungsapparats die Absonderung der Verdauungssäfte, und damit die Aufsaugung (Resorption). Da die Bauchmuskeln bei den meisten körperlichen Uebungen aber mittätig sind, werden dieselben andererseits mechanisch befördernd auf die Darmtätigkeit einwirken. Wird also durch Leibesübung die absondernde (sekretorische) Tätigkeit der Verdauungsorgane herabgesetzt, so wird die Bewegungstätigkeit der Darmmuskeln (Peristaltik) verstärkt. Zwar findet man nach plötzlichen sehr ausgiebigen Leibesübungen eine etwas herabgesetzte Arbeit des Verdauungsapparates bei regelmäßigem Betrieb desselben, aber als Endeffekt des Training schließlich eine wesentliche Erhöhung seiner Leistungsfähigkeit. Dieselbe erklärt sich aus der Steigerung des Stoffverbrauchs, welchem sich der Verdauungsapparat anpaßt (akkomodiert). Jedoch gibt es selbstverständlich eine Grenze der Anpassung, die nicht überschritten werden darf. Vernünftig betriebene Leibesübungen werden dieser Anpassungsgrenze unter allmählicher Steigerung der Leibesübungen nahe zu kommen suchen.
7. Wirkung der Leibesübung auf den Geschlechts-Apparat.
Ferner darf die Wirkung gesundheitlich betriebener Leibesübungen auf den Geschlechtsapparat nicht unerörtert bleiben.
Das durch Leibesübung betäubte (narkotisierte) Zentralnervensystem beruhigt auch die Geschlechtssphäre. Dazu kommen die durch Körpertätigkeit hervorgebrachten Veränderungen im Zirkulationsapparat. Die häufigen und reichlichen Monatsblutungen (Menstruationen) der Frauen werden meist am besten durch geeignete Leibesübungen reguliert, die unfreiwilligen Samenergüsse (Pollutionen) eines abnorm reizbaren Genitalapparates verlieren sich durch richtig dosierte Körperbewegungen. Dem vorzeitigen Eintritt der Geschlechtsreife, dem geschlechtlichen Ausschweifen der Phantasie in der Reifungszeit (Pubertätsperiode) wird am besten durch systematisch betriebene Leibesübungen vorgebeugt.
So sehen wir denn, daß alle Teile des Körpers und des Geistes wesentliche Vorteile von einer vernünftig und individuell betriebenen Körperübung haben können.
Wichtig ist eine richtige Ernährung des Körpers, damit derselbe den erhöhten körperlichen Anforderungen gewachsen bleibt. Zur Bewertung derselben muß man den Einfluß der Leibesübung auf den Stoffwechsel und die Wärmeregulation kennen.
8. Wirkung der Leibesübungen auf den Stoffwechsel und die Wärmeregulation.
Daß der Gaswechsel von Sauerstoff und Kohlensäure (CO2) durch Muskeltätigkeit gesteigert wird, habe ich bereits besprochen. Nun haben die Wärmemessungs- (kalorimetrischen) Versuche von Atwater und Benedict ergeben, daß die Wärmeerzeugung sowohl in der Ruhe, als auch bei Muskeltätigkeit dem Gaswechsel und dem Verbrennungswerte, der nach den Ausscheidungen bemessenen Verbrauchsnährstoffe entspricht. Die zum Stoffwechsel verwendeten Nährstoffe werden also unter normalen Verhältnissen vollständig zu Wasser, Kohlensäure und Harnbestandteilen verbrannt. Nur bei Sauerstoffmangel in den arbeitenden Muskeln steigt der respiratorische Quotient (Verhältnis von Sauerstoff zu Kohlensäure = CO2). Man kann demnach aus der Verbrauchsmenge der durch Harn und Schweiß ausgeschiedenen Stickstoffsubstanzen und dem gleichzeitigen Gaswechsel die Höhe des Nährstoffumsatzes während der Muskeltätigkeit berechnen. Da uns nun die Verbrennungswärmen der Nährstoffe bekannt sind, so ergibt sich mit Leichtigkeit die bei der Arbeit aufgewandte Energie. Die Arbeit ist nach Meterkilogrammen meßbar. So fand man, daß für gewöhnlich bei Muskeltätigkeit 1⁄3 (ca. 35%) der erzeugten Energie mechanische Arbeit, 2⁄3 Wärme werden. Bei starker Muskelermüdung, sowie bei Arbeiten, für welche wir nicht trainiert sind, verringert sich der mechanische Nutzeffekt. Uebung und guter Ernährungszustand setzen den Stoffverbrauch erheblich herab. Der vernünftig Trainierte wird also den relativ geringsten Stoffverbrauch haben. Nun hat sich durch Zuntz’s Versuche herausgestellt, daß Eiweiß, Fette und Kohlehydrate gleichwertig[4] für die Erzeugung der Muskelleistungen sind, jedoch kann nach Pflueger das Eiweiß für sich allein zu hohen Muskelleistungen befähigen, während die stickstoffreien Fette und Kohlehydrate gleichzeitig noch einen bestimmten Eiweißumsatz nötig machen. Dagegen hat sich gezeigt, daß durch körperliche Uebungen der Eiweißzerfall nicht entsprechend (proportional) der geleisteten Arbeit gesteigert wird, wie dies beim Umsatz der stickstoffreien Nährstoffe der Fall ist. Das stimmt auch genau mit den Resultaten von Pettenkofer und Voit überein.
[4] Chauveau und Seegen nahmen den Zucker als einzige Muskelkraftquelle an und glaubten, daß Eiweiß und Fett nur insofern zur Bildung mechanischer Leistungen zu gebrauchen wären, als aus ihnen erst Zucker gebildet werden müßte. Diese Annahme ist aber deswegen eine irrige, als durch diese Umbildung ja große Wärmemengen für die Muskelarbeit verloren gehen müßten. Die aus Fett und Eiweiß gebildeten Kalorien müßten also einen geringeren Nutzeffekt haben. Das stimmt mit den physiologischen Tatsachen jedoch nicht überein.
Der Stoffverbrauch während der Leibesübung betrifft also in erster Linie die Kohlehydrate und Fette.
Damit ist bewiesen, daß der Muskel imstande ist, für die Arbeitsleistung die benötigte Spannkraft aus Fett oder Kohlehydraten zu entnehmen, es ist aber damit nicht gesagt, daß die Muskeln etwa gar kein Eiweiß gebrauchen und verbrauchen können. Es wird im Gegenteil nach den übereinstimmenden Resultaten aller Physiologen eine gewisse Menge der Eiweißzufuhr gefordert zur Erhaltung der Kraft und zur Wärmebildung besonders bei gesteigertem Stoffwechsel, wie er bei Leibesübungen auftritt.
Da nun Eiweiß eine höhere Verdauungsarbeit als die stickstoffreien Körper beansprucht, den arbeitenden Muskeln also mehr Blut entzieht, als sie zu ausgiebiger Arbeit gebrauchen, da sie ferner die durch die Leibesübung an sich gesteigerte Wärmebildung noch erhöhen, so ist es nicht ratsam, während der Leibesübungen eine eiweißreiche Kost zu genießen. Casparis Versuche haben ferner gelehrt, daß bei längere Zeit betriebenem Training der Eiweißzerfall stetig geringer wird, ein Umstand mehr, der dem Trainierenden zu gute kommt und ihn heißt, die Eiweißzufuhr auf ein physiologisches Minimum herabzusetzen.
Für die schnelle Beseitigung einer bereits eingetretenen Ermüdung während der Dauer einer Leibesübung eignet sich am besten der Zucker, wahrscheinlich deswegen, weil er am schnellsten verdaut wird.
Leibesübungen steigern in jedem Falle die Körpertemperatur und zwar erheblich stärker in der Peripherie, als im Körperinnern. Die periphere Erwärmung der Extremitätenmuskeln befördert den Stoffwechselumsatz und damit die Arbeitsleistung. Die Muskeln leisten daher zu Anfang weniger, als wenn sie 10-15 Minuten gearbeitet, und damit einen Kalorienzuwachs von ca. 50 Kalorien erfahren haben.
Auf die näheren Wärmeverhältnisse während des Trainings komme ich später erst zurück, hier sei nur die Tatsache der Erhöhung der Arbeitsleistung durch Erhöhung der Wärmeproduktion bei den Uebungen festgelegt.
Bezüglich der Trainingdiät sei weiter gesagt, daß es nun nicht allein auf den genügenden Stoffersatz ankommt, sondern auch darauf, daß möglichst wenig Ermüdungstoffe entstehen, und wofern sie entstanden sind, leicht zum Export gelangen. Nach den praktischen Erfahrungen hat sich eine harnsäurefreie, reizlose und mehr feste Ernährung herausgestellt als diejenige, die am wenigsten zur Ermüdung disponiert, und bei der die Ermüdung am schnellsten überwunden wird. Die Nahrung darf nicht heiß genossen werden, und nicht in größerer Menge, als vom Körper mit Leichtigkeit vollständig verbrannt werden kann.
9. Wirkung der Leibesübungen auf die Sinnesorgane.
Durch die Sinne tritt der einzelne Mensch in Verbindung zur Außenwelt und zu seinen Mitmenschen. Er empfängt die ersten Eindrücke durch dieselben. Er riecht die Blumen vermöge des Geruchsinnes, er schmeckt den Honig durch den Geschmacksinn, er sieht die Farben und Formen mittels des Lichtsinnes, er hört Geräusche und Töne mittels des Gehörsinnes, er tastet und orientiert sich im Raum mittels des Hautsinnes. Das, was der einzelne Sinn beobachtet und erfahren hat, das setzt er sich im Gehirn wieder zusammen und schafft sich vom Gesehenen, Gehörten, Geschmeckten etc. geistige Bilder, die um so ausgeprägter im Gedächtnis bleiben, je präziser und je feiner die Sinne beobachtet haben. Hat das Gehirn einen gewissen Vorrat von Sinnesbildern aufgespeichert, so kann es auch ohne Hilfe der Sinne sich Dinge vorstellen, welche ihm nur geistig z. B. durch Erzählen vorgeführt werden. Diese geistige Hervorbringung der Gedächtnisbilder ist aber nur eine Reproduktion und Kombination der vorhandenen Sinnesbilder. Ohne Sinnesbild kein geistiges Anschauungsbild, kein Erinnerungsbild, kein Urteilbild, kein Vergleichsfeld, kein Phantasiebild, kein Begriffsbild. Umgekehrt, je feiner und sorgfältiger, je detaillierter und nüanzierter das Sinnesbild, um so besser und ausgeprägter auch alle Arten der geistigen Bilder. Zunächst muß man daher selbständig beobachten lernen, dann lernt man auch selbständig denken und wird geistig stark, im anderen Fall aber geistig schwach und nervös.
Außer dem Denkvermögen besitzt nun das Gehirn noch ein Gefühls- und ein Triebleben. Denken, Fühlen und Wollen sind die drei Haupteigenschaften desjenigen, was wir als Seele bezeichnen.
Die Gefühle benennen wir nach den Quellen, aus denen sie entspringen, als Schönheits-, Wahrheits-, moralische und religiöse Gefühle.
Das Schönheitsgefühl entspringt der Wahrnehmung der Sinne. Die feinsinnige Nase riecht Dinge, welche der stumpfsinnigen verborgen bleiben; jene kann auch größere Geruchsmengen genauer beurteilen als diese, kurzum, sie hat höhere Kraft und größere Leistungsfähigkeit, und wird dementsprechend die Grenzen für Wohlgeruch und Ekel anders ziehen. Ein gleiches Verhältnis hat für den Geschmacks-, den Haut-, den Gehör-, den Augensinn statt.
Das ungebildete, stumpfe Ohr kann Unreinheit und Reinheit der Töne weniger unterscheiden und beurteilen als das feinhörige, das stumpfe Auge sieht weniger weit und detailliert inbezug auf Form und Farbe als das feinsinnige, und kann weniger Licht verarbeiten.
Je geübter die Sinnesorgane sind, desto mehr Kraft können sie in jeder Beziehung entwickeln, und desto mehr wird das Schönheitsgefühl vertieft. Je vertiefter aber dasselbe ist, um so mehr schöne Handlungen werden demselben entspringen. Ebenso wie die Sinne kann aber auch der Geist das Schönheitsgefühl hervorrufen. Durch den Reichtum der Darstellung und der Formen wird er uns für Schönheit begeistern.
Die Kraft der Sinnesorgane und die Größe der Denkkraft bedingt demnach die Vertiefung des Schönheitsgefühls.