Anmerkungen zur Transkription

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Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden im vorliegenden Buch in deren Umschreibung (Ae, Oe, Ue) dargestellt, mit Ausnahme der [Buchwerbung] am Ende des Bandes. Das [Inhaltsverzeichnis] wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter an den Anfang des Buches versetzt.

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Original-Einband.

Das
Buch der Novellen.

Von

Peter Rosegger.

Erster Band.

Einundzwanzigste Auflage.

Leipzig.

Verlag von L. Staackmann.

1906.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von C. Grumbach in Leipzig.

Inhalt des ersten Bandes.

Seite
Die Harfenspieler [3]
Felix der Begehrte [36]
Das Haus auf der Höhe [109]
Der Geldfeind [142]
Das Holzknechthaus [216]
Das Reich Gottes [242]
Das Felsenbildniß [308]
Das Viktel [328]
Das Leben siegt [364]

Die Harfenspieler.

Die Gegend ist fremd, der Wald ist finster und abendlich, die Wege verrinnen in den Schluchten, an den Hängen, in den Dickichten – und wir haben keine Zuflucht. Ueber den Almen und Felswänden hängen die Wolken, die schweren, hochsommerlichen Wolken. Die Bäume wagen sich nicht zu rühren, denn in ihren Zweigen schlafen die Vögel.

In den Tiefen rauscht der Waldbach; – wenn in den Tiefen so sehr der Waldbach rauscht, sagen die Leute, dann kommt ein Sturm.

Wir wollten hinüber zum Kirchlein des heiligen Hubertus, das im Walde steht und den Waldleuten am Tage des Herrn als Versammlungsort dient. Nun ist keine Zeit dazu. Laßt jetzt auch das Suchen nach Himbeeren und Alpenrosen – es fallen schon die schweren, eiskalten Tropfen.

Ein mattes, plötzliches Hinleuchten zwischen den Stämmen – da beginnt es hoch oben zu rollen, rauh und schwer, wie das Aufathmen des Himmels, dem der Alp auf der Brust sitzt. Jetzt werden die Bäume wach. Sie schlagen mit den Aesten um sich, das Gevögel schreckt auf. Der Wald rauscht, hoch in den Wänden tost der Widerhall – über den Wipfeln kreist der Habicht, der bringt den Sturm.

An uns Eilenden huscht ein Mann vorüber, eine schwarze, verwilderte Gestalt mit einer Flinte. Plötzlich steht er wie gebannt, lauert, kauert sich zu Boden und richtet den Lauf des Gewehres in die Luft. Wie von seinem glühenden Auge entzündet, kracht der Schuß – aus den Lüften nieder stürzt der Habicht. Das Thier fällt an den Bäumen langsam von Ast zu Ast herab und bleibt endlich hängen über dem Haupte des Schützen. – Am Felshange fliegen die Wolken herab. Der Mann klettert auf den Baum wie eine Wildkatze, faßt mit den Zähnen den todten Vogel, springt zur Erde und eilt durch Wald und Wettersturm der Hütte zu.

Die Hütte steht zwischen uralten Fichten; vor derselben sind rauchende Kohlenmeiler, der Bretterbarren und der Ziegenstall; hinter ihr der brausende Bach.

Und aus dieser finsteren Hütte schimmert zu den kleinen Fenstern Licht heraus in die große, wilde Welt. Die Thüre ist verschlossen, der Mann rüttelt: „Kilian! Mach’ auf, die Räuber und Mörder sind da!“

„Erschreck’ Du einen Andern,“ sagt hierauf eine Stimme von innen, „ich kenne Dich wohl, Du bist der Hans.“

„Und darf der Hans in dieser Nacht bei Dir sein?“ fragte der Ankömmling. Die Thüre ging auf, der Kohlenbrenner stand da und sagte: „Bist gern gesehen.“

„Sollst es nicht umsonst thun, ich geb’ Dir ein paar Pfeifen Tabak.“

„Die paar Pfeifen Tabak nehme ich,“ sagte der Kilian, „aber für das Dableiben wirst nichts schuldig. In so einer ungestürmen Nacht ist’s kurzweiliger, wenn Zwei sind. Die Brautleut’ sind nach Feichtau gegangen und noch gar nicht daheim, die stecken sich bei dem Gewitter heilig unter einen Tannenbusch.“

Der Köhler, der das sagte, war eine große, derbe Gestalt, deren Gesichtszüge unter dem dichten Kohlenruß kaum zu erkennen waren. Seine Augen schauten offen und sanft. Er stak in einem weiten Lodenkittel, die Schenkel umspannte eine verschlissene und versengte Lederhose, vom Knie abwärts waren die Füße nackt bis auf die Holzschuhe. Er warf Aeste und Kohlen in sein prasselndes Herdfeuer, welches den vorderen Raum der Hütte durch den Rauch mit flackerndem Roth erhellte. Zu Fuß des Herdes war ein beweglicher Holzbalken, und so oft der Mann auf denselben trat, sprühte und lohte das Feuer in heftiger, blauer Flamme auf. An der berußten Holzwand hingen unter Haus- und Küchengeräthen große Hämmer, Zangen und Hacken, und neben dem Herde stand ein kleiner Amboß.

Der Köhler ist hier auch Schmied. Er schmiedet den Holzleuten im Edelwalde ihre Aexte, Beile, schärfte ihre Steigeisen und Sägen – er ist der Geschicktesten, Fleißigsten und Wichtigsten einer im Walde. Auch ist ihm was dafür geworden.

Hinter seiner Werkstatt und Küche – das ist Eins – hat er eine recht geräumige Stube, da drin steht ein halb Dutzend Lehnstühle um einen langen Tisch herum. An der Wand sind Reh- und Hirschgeweihe, von denen des Köhlers Töchterlein seiner Tage meinte, sie wären aus dem Holze herausgewachsen. In der Tischecke ist das übliche Heiligthum – ein rauhgeschnitztes und hellbemaltes Muttergottesbild. Darüber ist allweg ein Kranz von Tannenzweigen oder Preißelbeersträuchern gewunden, im Frühjahre auch von Eriken, im Sommer von Farrnkräutern und Alpenrosen, im Herbst aus Enzianen und Edelweiß – im Winter schmiegt sich ein kunstvolles Gewebe von farbigen Moosen um des Hauses Heiligthum.

In dieser Stube treibt Kilian ein drittes Gewerbe. Dort im rauchgeschwärzten, aber reichgeschnitzten Kasten – der ist aus alten Tagen, heute schnitzt man weder in den Städten, geschweige im Walde so kunstreiche Möbel – stehen große volle Flaschen und ringsumher, wie durstige Zicklein um die Mutter, kleine Trinkgläschen.

Agnes, des Köhlers Töchterlein, ist in den Herbsttagen durch Gehege und Geschläge gegangen, hat Vogelbeeren und andere Beeren und Steinobst und Gewurzel gesammelt, und der Vater hat neben den Meilern einen kleinen Ofen gebaut, einen Thonkessel mit langem Rohre darüber eingemauert und in diesen Kessel die Waldfrüchte gethan, hat Alles fest verklebt und verschlossen, darunter Feuer gemacht, vor das Rohr eine Flasche gestellt und gerufen: „Jetzt, wenn ein guter Geist drinnen ist, so komme er heraus, ich beschwöre ihn!“ –

Also ein Geisterbeschwörer? Nein, ein Branntweinbrenner. Aus dem langen Rohre begann es vorerst zu dunsten, dann zu tropfen und endlich floß ein helles Brünnlein in die Flasche. Das war Kilian’s drittes Gewerbe.

Und wenn dann die Holzer, die Pecher, die Hirten, die Wurzner und Kräuterer, die Jäger und auch die Wilderer kamen, so setzten sie sich an den Tisch und redeten von Dem und Dem, was da im Walde war und nicht sein sollte, oder nicht war und sein könnte, oder auch was recht war, daß es war, oder recht war, daß es nicht war. Kam dann allemal der Kilian herbei und fragte: „Mögt’s Einen?“ Und sie darauf: „Gieb her Einen.“

Dann schlugen sie für das funkelnde Gläschen auf den Tisch die Münze hin, so fest, als wollten sie dieselbe vor dem Weggehen noch in Holz abprägen. Und das Wirthsgeschäft war Kilian’s viertes Gewerbe.

In der Köhlerhütte, Schmiede, Branntweinbrennerei und Schenke ging’s denn auch immer recht lebhaft zu. Da saßen sie stundenlang, nächte-, ja oft tagelang zusammen, die rauhen wildbärtigen Wäldler; jeder hatte sein Griesbeil neben sich lehnen und in der rechten Hosentasche ein langes, blitzendes Messer stecken. Manchem davon wäre auf entlegenem Waldweg nicht gut begegnen, sagen die Jäger. Der rechte Waldmensch mag unter allen Raubthieren den Jäger am wenigsten leiden. Der schießt ihnen den Braten vor der Nase weg und läßt, wenn er kann, die so Benachtheilten noch einsperren. Der Wäldler beichtet und betet, arbeitet und fastet, ist ein guter Kerl, aber dem Jäger trotzt er bis auf’s Messer. Gegenseitig mögen sie sich aus purem Jähzorn erschlagen, aber den Jäger morden sie mit Vorsatz. Wildschützen sind sie, und ginge es um Erd’ und Himmel.

Jetzt, da Kilian den Hans in die Stube führte, war sie leer. Der Köhler nahm dem Gast die Flinte ab und verbarg sie unter einer Diele des Fußbodens.

„Magst Einen, Hans?“

„Hast einen rechten Beißer, so gieb ihn her.“

Der Köhler steckte einen brennenden Span in den dazu bereiteten Wandhaken, brachte Schnaps und sagte: „Ich glaube schier, Du hast Dir heute keinen verdient.“

„Wesweg meinst das?“ fragte der Andere.

„Weil Du nichts, als wie den Wettergeier bei Dir hast.“

„Glaubst Du,“ sagte der Hans, „man fängt die Rehböcke und Gemsen so unter den Steinen heraus, als wie die Regenwürmer? Ei ja, wenn diese kreuzverfluchten Jäger nicht wären! Aber heut’ sind sie Dir wieder den ganzen Tag im Wald herumgestreift wie räudige Füchse. Und wenn Einer einmal sechzehn Jahr’ im Kotter sitzt, wie ich, nachher fährt er nicht mehr so hitzig drein. Probir’s nur selber. Wär’ Dir heute recht gut zu Schuß gekommen. Steht so etlich sechzig Schritt vor mir ein Vierzehnender, ein sakrisch Thier! Ich mich gleich hinter den Busch niederlassen und zur Wange fahren, ist das Erste. Paff! schnalzt es auf der anderen Seite und der Bock stürzt hin. Vermaledeit! denk’ ich – grad daß ich nicht geflucht hab’ – muß ein Jäger da sein. Sehe ich auch schon den Franzinger, wie er dem Thiere zuläuft. Jetzt, Franzinger, jetzt kommst mir zurecht, denk’ ich, jetzt zahl’ ich, daß Du mich in den Arrest hast geschickt! – und leg’ den Finger an den Hahn. Weiß der Teufel, wie mir gäh sein Kathel einfällt und die Kinder, zittert mir der Finger am Hahn. – Kathel, denk ich, Dich hab ich einmal gern gehabt, und ist Dir auch der flott’ Jägerbursch’ lieber gewest wie der arme Hans, ich trag Dir’s nicht nach, ich hab Dich einmal gern gehabt. – Und schieße nicht. Bin durch den Anwachs gefahren, als hätte ich das wilde G’jaid hinter mir. Was schieß’ ich heut’, daß mir die Kugel im Rohr nicht faul wird? Da seh’ ich den Geier und brenn’ ihn herab. Sollt’ eigentlich der Franzinger sein. Magst ihn haben, Kilian, nagle ihn auf Deine Hauswand, wenn Du willst, nur die paar Federn behalte ich mir, und noch was.“

„Ein sauberer Vogel,“ meinte der Köhler und wendete das Thier über und über, „ich mag ihn schon; mein Hühnervolk wird sich freuen, wenn es den Geier einmal auf die Wand genagelt sieht. Dank Dir Gott, Hans.“

Als der Köhler hinaus zu den Meilern nachsehen ging und der Hans allein in der Stube war, zog er sein Messer aus der Tasche, stach dem Habicht die Augen aus und verzehrte sie.

„Hast auch den Glauben,“ sagte später Kilian, „daß gegessene Geieraugen dem Schützen einen recht scharfen Blick machen?“

„Ich habe gar keinen Glauben,“ versetzte der Hans, „ich weiß es; Geieraugen sind allemal ein sicheres Mittel für so was, aber gut müssen sie sein.“ Er führte die Sache nicht weiter aus, er warf den Vogel unter die Bank; dann zündete er die Pfeife an, ließ sie aber wieder ausgehen. Er starrt finster auf den Tisch. Die Spanflamme schüttelte sich hin und her, als sei sie nicht recht einverstanden mit dem, was der Wilderer denkt.

Draußen braust der Wettersturm. Man hört die Bäume rauschen und die Wipfel krachen – die Wände des Hauses ächzen; der Bach rauscht und bei dem Leuchten der Blitze sieht man sein wachsendes Fluthen und Anprallen an die Steine und Ueberquellen aus dem Ufer. Die Donnerschläge mögen bald verhallen, die Regen versiegen, die Wetter vergehen – als Herr bleibt der Wildbach. Wer hat dem Köhler erlaubt, hier seine Hütte aufzustellen? Fort damit! Eine Felswand nimmt sich noch der armen Köhlerei an; der Rasende zerschellt an ihr und schäumt wüthend dahin, hier einen Baumstrunk, dort ein Stück Erde mit sich reißend.

„Der Mensch wird rauschig, wenn er zu viel Branntwein trinkt, der Bach, wenn er zu viel Regen trinkt,“ sagt der Kilian. Er weiß es, morgen ist das Bächlein wieder klar und klein und hilft ihm die Kohlen löschen und den Schnaps kühlen und leugnet Alles, was es heute gethan.

Der Kienspan verlosch, aber im Herzen des Hans brannte es fort.

Draußen wurden mehrere Stimmen vernehmbar. Der Kilian ging, um zu sehen, und rief: „Seid Ihr endlich da, Ihr verdankten Leut’ Ihr! Gott Lob und Dank, daß Ihr da seid.“

Ein junges, heiteres, erwachsenes Mädchen und ein eben solcher Bursche kamen in triefenden Wettermänteln hereingestolpert.

„Na, heut’ wohl, Agnes!“ rief der Kilian, „heut’ hat’s Dir den Brautkranz wohl aufgefrischt. Was hab’ ich denn gesagt zu Mittag? Hab’ ich nicht gesagt, es kommt was? Es sind die Gelsen so in’s Feuer geflogen. Jetzt macht Euch zurecht, Ihr Lotterer Ihr! Die Dirn’ weiß Bescheid; und Du, Baldl, häng’ da Deinen Wettermantel über den Herd; wie Deine Haut trocken wird, sieh’ selber zu.“

„Aber nein,“ rief das Mädchen, „aber so was, da ich bin ganz zusammengeschlagen vor Schreck!“

„Was hast denn Du wieder für einen Schreck gehabt?“ fragte der Vater.

„Geistern thut’s schon wieder oben bei der Huberts-Kapelle. Daß ich Euch nur sag’! ’s ist die Nacht und der Regen da, wie wir vorbeigehen. Stehen wir unter’s Dach, sagt der Baldl. Ist mir nicht lieb, sage ich, bei der Kapelle thut’s gern einschlagen. Hat der Uebermuth d’rauf noch gesagt, ein bissel Feuer wär ihm lieber, wie so viel Wasser – so eine Sündhaftigkeit sagen! Und wie wir unter das Dach springen wollen, sag’ ich: bleib’ stehen, Baldl! Hab’ ich so ein Summen und Klingen gehört in der Kapelle, gerade wie wenn von weitem Posaunen thäten blasen. Hab’ den Baldl zu mir gerissen und sind durch’s Wetter herabgefahren wie nicht gescheidt. Und jetzt verspür’ ich erst den Schreck.“

„Ihr seid’s zwei Kinder und wollt’s schon heiraten,“ sagte der Köhler, „wo habt Ihr aber den Pechhacker gelassen?“

„Der ist zu seinem Mardereisen nachschauen gegangen, muß bald da sein.“

Die zwei Leutchen, die hier so naß geworden waren, hatten heute einen sehr schönen Feiertag gehabt. Sie waren in Begleitung des Pechhackers drüben in der Feichtau beim Pfarrer gewesen. Der Baldl ist unter den Holzleuten im Edelwald der Meisterknecht oder Vorarbeiter. Er ist im Holz geboren und kennt sich in demselben aus, wie ein Borkenkäfer. Wie er Vorarbeiter wird, fällt’s ihm auf einmal ein, er will auch eine Vorarbeiterin haben, und geht in die Köhlerhütte und schürt Kohlen, und geht in die Schmiede und schmiedet das Eisen, so lange es warm ist. Da ist lange hin und her geredet worden, haben etliche Gläschen Branntwein dabei getrunken und der alte Pechhacker, des Kilian Gevatter, hat bei diesem Reden und Rathen vor lauter Sinnen und Grübeln ein neues Pfeifenrohr zerbissen.

Endlich ist Alles richtig worden; in einer Woche ist der Ehrentag in der Feichtau beim Wirth, da, verhoff’ ich, wird der Gevatter wieder zu einem neuen Pfeifenrohr kommen.

In der Luft war es endlich wieder still geworden, nur von den Bäumen rieselte es nieder. Die Meiler draußen, die waren nach dem Regen schwarz, wie vor demselben. Nur der aufsteigende Rauch ist jetzt in der Nacht schier weißer als sonst.

Endlich kam der Pecher heim. Aber er kam nicht allein, hinter ihm humpelten ein Mann und ein Weib in fast fremdartiger Kleidung; mit den seltsamen Päcken, die sie mit sich schleppten, stießen sie an die Thürpfosten, daß es klirrte.

„Holla ho, Hochzeitsleut’!“ rief der lange, hagere Pechhacker, „lustig sein, ich bring’ die Musikanten mit!“ Damit warf er einen breiten Filzhut auf die Bank, daß es spritzte.

„Was hast denn Du für zwei Fledermäuse bei Dir?“ fragte ihn der Hans, auf die abenteuerlich aussehenden Fremden deutend.

„Die hab ich’ da oben in der Kapelle aufgestöbert – über und über naß, unter und unter schier erfroren. Haben im Gebirg’ den Weg verloren, sagen sie, und in der Kapelle übernachten wollen. Das geht nicht, hab’ ich gesagt, ich hab’ ein großes Vertrau zu dem heiligen Hubertus, aber ich glaub’, bei Menschenkindern thut Euch diese Nacht besser. Es geht ein eiskalter Wind, weil es auf der Scharnhöh’ gehagelt hat, und das Weibel, sag’ ich, schaut ohnehin schier einer kranken Henn’ gleich. Der Kilian da unten, sag’ ich, nimmt Euch über die Nacht schon in sein Haus und kocht Euch eine warme Suppe – wird keine Schwierigkeit setzen.“

„Eine warme Suppe können sie schon haben,“ meinte der Kilian, „aber mit der Liegerstatt wird’s heut’ schlecht ausschauen.“

„Nein, nein,“ murmelte jetzt der Mann in fremder Kleidung – er war betagt und hatte eine heisere Stimme – „für mich ist Alles gut, auch auf dem Fußboden da schlaf’ ich; aber die Meinige da, die ist mir krank worden, für sie thät ich wohl um ein warmes Nestlein bitten, wenn es sein könnte.“

„Wohl um Gotteswillen!“ flehte das Weib und faltete ihre bebenden Hände.

Das war schon durch und durch ein nasser Abend, auch in den schönen veilchenblauen Augen der Agnes gab’s jetzt Wasser. „Das ist ja leicht,“ sagte hierauf das Mädchen, „die Frau schlaft oben auf dem Dachboden in meinem Bett, und den Bärenpelz drauf; dafür bleibt der Mann bei uns in der Stube und zieht dem Ding da die Pfaid ab.“

Sie hatte bemerkt, daß der Alte in seinem Sack eine Harfe stecken hatte. Der Baldl sah seinen Vortheil und unterstützte den Antrag des Mädchens. Und so wurde es. Das fröstelnde Weib trank aus der hölzernen Schale warme Ziegenmilch, dann barg es mit Sorgfalt sein Instrument, es war eine zweite Harfe, in die Ecke, sagte Allen eine gute Nacht, ließ sich auf den finsteren Dachboden führen und legte sich in’s Bett unter den Bärenpelz. Der Alte hatte seinem Weibe noch nachgeschaut und dann gesagt: „Was ich froh bin, daß sie zum Schlafen kommt; ich thue, was Ihr wollt.“

Für’s Erste wollten sie, daß er sich in ein trockenes Gewand stecke, dann, daß er ein Glas Branntwein trinke. Dann zündeten sie einen frischen Span an und setzten sich um den Tisch.

„Na, Hans, was ist’s mit Dir?“ polterte plötzlich der Pecher den finsteren Gesellen an, der wortkarg in seiner Ecke kauerte, „was meinst, wann erwürgen wir den Franzinger? Mir hat der Scherg’ das Mardereisen ausgehoben. Will er Einem auch das Raubthierfangen nicht mehr vergunnen. Der giebt nicht Ruh, so lang’ er nicht die Bohne im Leib hat.“

Der Hans ließ unter der tief in die Stirne gedrückten Hutkrempe hervor einen Blick schießen. „Ja,“ murmelte er, „’s ist Einem verteufelt langweilig am Abend, wenn man nichts geschossen hat.“

Mittlerweile war Agnes in Unterhandlung mit dem fremden Mann – der Harfe wegen. Es war ihr so wunderlich in den Füßen, just als hätte sie auf jeder Zehe ein loses Rädchen. Und kaum legte der Mann die Finger an die Saiten, haschte Agnes nach ihrem Baldl. Aber – die Saiten wollten nicht klingen. Der Regen hatte sie heiser gemacht.

„Sie werden schon trocken, derweil trink’ Branntwein,“ sagte Kilian zum Fremden, „mit Verlaub zu fragen, von wo seid Ihr denn her?“

„Wo wir hin wollen, meint Ihr,“ versetzte der Mann, „wir sind alt, wir kommen aus der Fremde und gehen der Heimat zu. Im Böhmerland sind wir daheim, nach dort sind wir jungerweise aus Preußen eingewandert. Jetzt ziehen wir schon über vier Jahr’ in der Welt herum und musiciren den Leuten was vor, weil uns von Heim der Jammer vertrieben hat. Wo es lustig zugeht, da bleiben wir; wollen sie tanzen, so spielen wir; wollen sie hören, so singen wir – die Meinige hat eine gute Stimme gehabt, letzt’ Zeit freilich, da ist ihr der Stimmstock umgefallen. Jetzt geht’s nicht mehr recht, und wenn wir singen, so geben uns die Leute Geld, daß wir aufhören sollten. Ist auch recht, sag’ ich, so brauchen wir keine Saiten zu stimmen; aber der Meinigen hat’s das Herz abdrücken wollen – das Singen ist ihr noch der Trost gewesen, seit der Junge todt ist.“

„Trinkt wacker,“ sagte der Köhler, „ich füll’ nach. Ihr müßt auch harte Sach’ durchgemacht haben.“

„Ja, das glaube ich!“ lachte der Musikant überlaut auf.

Dann schwieg er. Dem Kilian that’s leid, daß die Erzählung des Mannes verstummen wollte, er sagte denn nach einer Weile: „Böhmen soll ja ein schönes Land sein.“

„Ein schönes Land,“ antwortete der Fremde.

„Was giebt’s denn Neues dort?“ fragte der Köhler äußerst ungeschickt.

„Ich bin schon lang’ nicht mehr dort gewest. Dazumal hat’s Neues genug gegeben. Sind unsere Landsleut, die Preußen gekommen, haben uns das Haus niedergebrannt und unsern Sohn todtgeschossen. D’rauf sind wir fort. Gehen wir vor den deutschen Leuten nicht mehr sicher, sag’ ich zu der Meinigen, so müssen wir halt in’s fremde Land! und sind über das Gebirge in’s Wellische hinein.“

„Jetzt soll ja schon lang’ wieder Alles gut sein,“ sagte der Köhler.

„Das haben wir auch gehört und so reisen wir wieder heimwärts.“

„Und was hört man sonst Neues?“ fragte nun der Pecher und stopfte sich aus einem Blasenbeutel Tabak in die Pfeife.

„Die Franzosen sollen wieder anrücken,“ sagte der Harfner.

Ueber dieses Wort richteten Alle ihre Köpfe auf; auch der finstere Hans den seinen.

„Die Franzosen wieder anrücken?“ meinte der Köhler, „das ist ’leicht doch eine Lug, Vetter!“

„Wird hübsch wahr sein, der Napoleon will uns wieder haben.“

Jetzt hörte man nichts, als den Wildbach draußen. Plötzlich aber schlug der Pecher mit seiner knochigen Faust auf den Tisch, daß die Gläser emporsprangen. „Sakra,“ fluchte er, „wenn sie wieder kommen, so setzt’s was! Sie sind schon dagewest und unsere Vatersleut haben sich treten lassen, daß es schon ganz hündisch ist gewest. Aber wir raiten anders, wir! Mit Hacken und Messern fahren wir drein und klieben ihnen die Schädel auseinand. Edelwaldleut, wir sind keine Hundsfötter, wir sind freie Leut. Kreuzsakerment!“

Der Mann war aufgesprungen und hatte sein langes Messer mit einem schweren Fluch in den Tisch gestoßen.

„Was hat er denn,“ fragte der Baldl.

„Er wird allemal so wild, wenn von den Franzosen die Rede ist,“ sagte Kilian, „sie haben seinen Großvater erwürgt.“

„So haben sie ihn erwürgt in des Teufelsnamen!“ rief der Pecher, „sie sind Feinde gewest. Aber daß sich hernach mein Vater von ihnen zu einem Knecht hat brauchen lassen, zu einem Spion und Schurken, das verzeih’ ich ihnen nimmer, und wenn’s mir den Himmel kostet!“

So redeten und schrien sie hin und her, es war ja zur Zeit des deutsch-französischen Krieges, wo auch die Waldleute tief im Gebirge aufgeschreckt worden sind, wo sie alles Weh, das sie vier Jahre früher erfahren, vergessen hatten und nur vom Franzosen-Erschlagen die Rede war. – Zur solchen Zeit that eine gemüthliche Musik wohl. Und in diesem Augenblick, da die verwilderten Gemüther entbrannten zum Vergelten und Schlachten, legte der alte Harfner seine Finger in die Saiten....

Sie klangen noch ein wenig trüb, aber sie klangen und spielten ein fröhlich Lied. Agnes legte den Arm um den jungen Bräutigam – es begann der Reigen.

Und als das Paar anmuthsvoll und geschmeidig durch die Stube walzte, da pfiff Kilian die lustige Weise mit und schnalzte mit den Fingern den Takt dazu und trillerte in seiner bäuerlichen Art:

Wan ma zithernschlogn,

So schlogn ma stoansteirisch[1],

Wan ma steirisch tonzn,

Tonzn ma stoansteirisch,

Thoan ah stoansteirisch kegelscheibn.

Wan ma Dirndl liabn,

So liabn ma stoansteirisch,

Will der Feind in’s Lond,

So zoagn ma’s stoansteirisch,

Daß ma stoansteirisch wölln bleibn!

[1] Stoansteirisch = ursteirisch.

Die beiden Anderen schlugen dazu mit ihren knochigen Fäusten auf dem Tisch die Trommel.

Der Harfner brach sein Spiel ab und sagte: „Es thut mir doch das Brautpaar leid, daß man ihm eine solche Kriegsmusik macht.“

„Möglicherweise fangt ihnen jetzt der dreißigjährige Krieg an,“ lachte Kilian.

„Hätte ich hier was d’reinzureden,“ versetzte der Harfner und schüttelte seinen grauen Kopf, „so wollte ich sagen: So ein Spaß gehört sich nicht. Wenn man jungen Eheleuten allemal das Schlechte voraussagt, so meinen sie nachher, es muß so sein, und suchen und finden überall Schlechtes. Wie ich vor zweiunddreißig Jahren die Meinige genommen, ist auch Gefahr gewesen, aber ihre Mutter hat frisch gesagt: Ihr mögt thun, was Ihr wollt, Ihr Zwei gehört zusammen; Ihr mögt voneinander fliehen und Euch verfolgen und Leid anthun, es wird vergebens sein, Ihr werdet Euch lieb haben. Ihr werdet auswendig Elend und Kümmerniß haben, Ihr werdet miteinander weinen, aber Ihr werdet glücklich sein. – So hat sie gesagt, so ist es geworden und so will ich es auch Euch wünschen.“

Dieser Worte wegen schauten sie mit Wohlgefallen auf den alten Harfner; nur der Hans nicht, der lugte durch das kleine Fenster hinaus. Draußen über den finsteren Tannen standen jetzt die Sterne des Himmels; ihretwegen blickte der Mann wohl nicht hinaus. Ob er nicht an das Weib des Jägers Franzinger dachte? Er möchte sie fliehen, verfolgen, möchte ihr Leid anthun und muß doch an sie denken...

Jetzt zog der Hans ein Horn aus der Tasche, ließ daraus Pulver in seine Hand rinnen, that dasselbe in das Rohr seiner wieder aus dem Verstecke geholten Flinte, ließ dann eine Bleikugel hineinrollen und verstopfte das Rohr mit Papier, das er mit dem Ladestock hineinstieß. Dann prüfte er den Hahn und starrte wieder zum Fenster hinaus.

„Jetzt sollt Ihr uns aber auch Eins singen,“ sagte Kilian zum Harfner.

Der Alte schaute besorgt drein und that hernach die Frage: „Nicht wahr, Ihr guten Leute, die Meinige hat eine warme Decke?“

„Den Bärenpelz, der inwendig mit Schafspelz gefüttert ist,“ antwortete der Köhler. „Unter solchen Thierhäuten kann Keiner erfrieren.“

„Dann singe ich gern und sing’ Eins für die liebe Jugend,“ sagte der Alte, griff in die Saiten und begann zu singen:

„Auf dem Bergl steht a Hüttel,

Bei dem Hüttel steht a Bam,

Und so oft ich dort vorbei geh’

Find ich gar nimmer ham.

In dem Hüttel ist ein Dirndl,

Ist frisch wie ein Reh,

Und so oft ich das Dirndl anschau,

Thut mir’s Herzerl so weh.

Und das Dirndl hat zwei Aeugerln,

Wie am Himmel die Stern’,

Und je öfter ich hineinschau,

Um so mehr hab ich’s gern.

Hab a Freud mit dem Dirndl

Ob ich wach oder tram,

Denk ich alleweil an’s Dirndl

Und’s Hütterl beim Bam –“

Jetzt schrillte die Harfe und war still. Was ist das? Drei Saiten auf einmal gesprungen....

Dem Alten war die Stimme auf den Lippen erstorben. Der Pecher meinte, das hätte was zu bedeuten.

„Der Nässe wegen,“ sagte Kilian, „nasserweise angespannt, dann trocknen sie zusammen und springen. Gießen wir noch zu guterletzt Eins nach!“ Und er füllte das Gläschen des Harfners wieder voll.

Der Baldl, dem eigentlich noch nicht genug getanzt war, versuchte die Saiten zu knüpfen.

„Laß’ es sein,“ sagte der Alte lächelnd, „was hin ist, ist hin.“

Kilian ging zu seinen Kohlstätten, um etwaige Gluthausbrüche zu dämpfen. Der Pecher meinte, für ihn wäre es Zeit, daß er seine Klause aufsuche, sie stand oben am Waldhang, wo morgen Früh wieder die Pechbrennerei angehen sollte.

„Da, Vetter,“ sagte er, „da habt Ihr was für’s Aufspielen,“ und warf für den Musikanten ein Silbergröschlein auf den Tisch hin.

Und der Hans? Der hatte während des Gesanges sein Gewehr unter die Jacke genommen und still und finster die Hütte verlassen.

So wollte sich auch der Sänger anschicken, auf den Dachboden zu seinem Weibe zu gehen.

„Nachher wären wir doch ganz allein,“ sagte das Mädchen besorgt.

„Das macht nichts,“ meinte der Baldl.

„Die Kinder sollen auf dem Stroh liegen,“ befahl hernach der Köhler.

„Nein,“ rief Agnes, „das thu’ ich nicht.“

„Wo willst denn also schlafen?“

„Da gehe ich lieber zur fremden Frau hinauf,“ versetzte sie und war roth im Gesicht.

„Ist auch recht,“ meinte Kilian, „so mag der Herr Musikant beim Baldl auf dem Stroh liegen.“

So geschah es. Der grauhaarige Harfner und der junge braunlockige Meisterknecht legten sich in die Stube auf das Bettstroh und der Baldl sagte: „Ja, Vetter, wir Zwei sind auch noch niemalen beisammen gelegen.“

„Und werden vielleicht auch niemalen mehr beisammen liegen,“ entgegnete der Alte, „gute Nacht, jetzt!“

Beide rückten manierlich in sich zusammen, Keiner wollte den Andern drücken. Ist es das erste- und letztemal, so soll Keiner über den Andern zu klagen haben. Der Alte schlummerte bald ein; der Baldl dachte: nächst’ Wochen lieg’ ich schon bequemer.

Agnes war über die Leiter in den Dachraum hinaufgeklettert. Kilian arbeitete mit seiner Schaufel an den kohlenden Meilern. Es heißt wachsam sein.

Wenn die Flamme aus der schwarzen Decke des Kohlenmeilers schlägt, so brennt sie dem Köhler in den Geldbeutel hinein. Was lichterloh brennt, das wird zu Asche, was still und im Innern glüht, das ist das Rechte. Es soll ja auch beim Menschen so sein.

Nachdem die Arbeit geschlichtet ist und der weiße Rauch still zu den Wipfeln aufsteigt, stützt sich Kilian auf den Schaufelstiel und schaut vor sich hin. Es ist jetzt Alles so still, selbst das Rauschen des Baches ist feierlich – dem Mann ist wie zum Einschlafen.

Da geht leise die Thüre der Hütte auf. Eine weiße Gestalt huscht heraus – Agnes im puren Nachthemdchen.

„O Kind,“ sagte Kilian, „was laufst Du herum in der kalten Nacht?“

„Vater,“ flüsterte das Mädchen, „es ist was geschehen. Ich getraue mich nicht mehr hinein.“

„Er soll Dir Ruh’ geben!“ sagte der Vater strenge.

„Mir nicht,“ schluchzte sie, „mir thut kein Mensch was, aber – das fremde Weib wird gestorben sein. Es liegt ganz kalt und starr im Bett und ist nicht aufzuwecken.“

Jesus und Maria! denkt sich der Köhler, jetzt ist diese Frau gestorben.

Er eilt mit seiner Tochter auf den Dachboden – ganz still machen sie es, daß Niemand aufwacht. Dann schlägt er mit Schwamm und Stein Feuer, und bei diesem matten Glimmen sieht er’s, mit seinen zitternden Händen fühlt er’s – die Harfenspielerin ist todt. –

Jetzt saßen sie lange am Bett, der schwarze Köhler und sein weißes Töchterlein, und beriethen, was zu machen sei.

„Wenn ich an den armen Mann denke, will mir das Herz abspringen,“ sagte das Mädchen.

„Jetzt lassen wir ihn schlafen,“ sagte Kilian, „er mag sich ausruhen und stärken. Wenn er des Morgens wach wird, da müssen wir ihn halt in Gottesnamen vorbereiten. Kannst mir’s glauben, Agnes, ich weiß wie das thut! Lieber einen Finger von meiner Hand, als ihm das sagen! Es ist ein hartes Kreuz!“

Sie hüllten eine Leinwanddecke über den Leichnam, wie es sonst ist, wenn der Mensch schläft. Dann stiegen sie vorsichtig über die Leiter und dann gingen sie hinaus zu den Meilern und arbeiteten. Sie sagten kein Wort und arbeiteten.

Und als allmählich ein kühlerer Lufthauch wehte, und als es nach und nach lebendig wurde in den Bäumen und der Morgenstern aufging, trat der Baldl aus dem Hause, ging zum Bach und wusch sein Gesicht. Und als dieses Gesicht recht frisch und heiter war, ging er hin zu den Arbeitenden und sagte: „Was giebt’s denn da in aller Früh zu thun, daß Ihr den Hahn um den Weckerlohn bringt?“

Agnes eilte zu ihm heran, als wollte sie seinen Mund verhalten: „Sei still, Baldrian, es ist heute Nacht ein Unglück geschehen in unserem Haus. Da oben unter dem Dach liegt eine Leiche.“

„Die Musikantenfrau?“

„Ist gestorben. Geh’ jetzt hinauf auf den Steinkogel, und mach’ ein großes Feuer, damit die Holzleute und die Almer wissen, daß wir einen Todten haben.“

Der Bursche schüttelte den Kopf, als könne er die Sache nicht sobald fassen.

„Ja, mein Sohn, so sterben sie wieder auseinander,“ sagte Kilian. „Geh’ und bete unterwegs Dein Morgengebet.“

Der Baldl ging auf den Steinkogel, wo man über die Wälder hinaussieht in das weite Thal und auf die Berge und Almen. Dort trug er Reiser zusammen, und als die Morgenröthe aufging, brannte auf der Höhe ein großes Feuer.

Die Menschen, die es von ferne sahen, sagten zu einander: „Dort brennt ein Todtenlicht!“ und beteten für die abgeschiedene Seele.

Agnes und ihr Vater arbeiteten noch immer auf der Kohlstätte, da gab es stets zu thun, und wäre das nicht gewesen, so hätten sie sich heute zu thun gemacht. Sie wollten nicht in das Haus gehen, damit der alte Mann nicht in seiner Ruhe gestört werde. „Er soll schlafen, so lange es ihn freut,“ sagte Kilian, „es kommt für ihn ein schwerer Tag.“

Aber als die Sonne aufging, steckte der Harfner sein graues Haupt zum Fenster heraus und rief: „Guten Morgen!“

„Guten Morgen,“ sagte der Köhler.

„Ihr seid schon so fleißig und ich faullenze in den Tag hinein. Aber es ist gut schlafen in Eurem Haus.“

Sie gingen zu ihm in die Stube. Agnes machte auf dem Herd Feuer und kochte das Frühstück. Kilian nahm die Harfe in die Hand und sagte: „Das wird sich schwer machen lassen, drei Saiten auf einmal.“

„Mein Weib hat neue,“ antwortete der Musikant. „Aber das gottlos lange Schlafen von ihr! Sie ist doch recht müde geworden auf dem weiten Weg.“

„Jetzt esset mit uns eine gute warme Suppe,“ sagte Kilian und theilte die Holzlöffel aus.

Der Harfner blickte durch das Fenster und fragte: „Sind das die Hirten, die da oben auf dem Berg das Feuer gemacht haben?“

„Das Feuer habe ich auch schon gesehen,“ meinte der Köhler, „Hirten sind es nicht, es ist ein Todtenfeuer.“

„Ein Todtenfeuer, wie ist denn das?“ fragte der Musikant.

„Wenn in unserem Walde wer stirbt, so zündet man da oben ein großes Feuer an, damit es die Leute wissen. Es geschieht nicht selten; im Wald ist oft ein Unglück; Alte und Junge trifft’s, der Mensch muß d’rauf gefaßt sein.“

So sagte Kilian und jetzt erst bemerkte der Harfner das ernste Gehaben des gestern so fröhlichen Kohlenbrenners und die verweinten Augen des Mädchens.

„Wo ist der junge Mann?“ fragte der Musikant, „der Bräutigam?“

Der wäre eben auf den Berg gestiegen, um das Feuer zu machen, sagten sie.

Der Harfner hatte den Löffel schon in der Hand gehabt, jetzt legte er ihn langsam weg, stand auf und tastete unsicher nach der Thürklinke.

„Wo wollt Ihr hin, Vetter?“ fragte Kilian, aber der Mann stolperte, ohne Antwort zu geben, über die Schwelle, und mit dem Rufe: „Susanna!“ kletterte er hastig die Leiter hinan.

Kilian eilte ihm nach. „Susanna!“ rief der Harfner oben in der finsteren Dachkammer.

„Müßt nicht zu sehr erschrecken, es ist des lieben Gottes Willen so!“ sagte Kilian, nahm den Musiker bei der Hand und führte ihn zur stillen Bettstatt.

Ein Blick in’s starre, fahle Antlitz, dann sank der verwaiste Greis zu Boden.

Wenige Fuß darüber, auf dem sonnigen Dachgiebel jubelten die Schwalben....


O du schöner, frischer, fröhlicher Wald! O du klingender Vogelsang, du duftiges, thauiges Blumenleuchten! Du sonnige Himmelsrunde, du erquickender Schattenschoß mit deinem unendlichen Leben, wie bist du gräßlich! Gräßlich, wenn durch dich der Weg zum Todtengräber führt.

Das ist der Weg, den der alte Harfenspieler wandelte.

Der Todtengräber zu Feichtau saß in seiner dumpfigen Stube und klopfte mit einem Hammer verbogene und verrostete Sargnägel zurecht und nagelte dann damit für seinen Kleinen einen Kinderwagen zusammen.

„Braucht Ihr was?“ fragte er murrend den eintretenden Musiker.

„Ein Grab,“ antwortete dieser, „mir ist mein Weib gestorben.“

„Ist schon recht, werden es wohl machen. Seid Ihr beim Pfarrer gewest? Nicht, dann geht jetzt zu ihm. Ich krieg’ nachher meinen Gulden.“

Der Harfenspieler ging zum Pfarrer, der in seinem Garten mit dem Spaten ein Blumenbeet umstach, und klagte ihm sein schweres Anliegen.

„Sie sind wohl fremd in der hiesigen Gegend?“ fragte der Pfarrer.

„Freilich wohl, Hochwürden, und so wollt’ ich höflich gebeten haben –“

„Es war Euer angetrautes Weib?“

„Mein Gott, ja.“

„Und katholischer Religion?“

„Ja, sonst schon,“ meinte der Alte, „aber wir sind von Preußen in’s Böhmerland eingewandert und sind dem Glauben unserer Eltern treu geblieben.“

„Also protestantisch?“

„Evangelisch, ja.“

„Das ist schlimm,“ sagte der Priester, lehnte seinen Spaten an einen Kirschbaum und ging neben dem Alten her mit verschränkten Armen durch den Garten.

„Das ist sehr hart, lieber Mann,“ versetzte er dann und blieb stehen, „ich als Mensch, das mögt Ihr mir glauben, mache keinen Unterschied; wenn ich Euch dienen kann, ich thue es gern. Aber – wir in Feichtau haben keinen evangelischen Friedhof, und Personen von nicht katholischer Confession auf dem katholischen Kirchhofe zu beerdigen, ist mir strenge verboten. Eben in dieser Zeit, wo der Kampf zwischen Kirche und Staat wieder heftig entbrannt ist, hat das Consistorium die Satzung verschärft und ich als katholischer Priester muß danach handeln.“

Der alte Mann stand rathlos da. Und fast ebenso rathlos stand der Pfarrer neben ihm.

„Wenn Ihr heute schon vom Edelwald herauskommt,“ sagte jetzt der Priester, „so werdet Ihr einer kleinen Stärkung bedürfen. Ich darf Euch wohl ein Glas Wein vorsetzen?“

„O, vergelt’s Gott!“ rief der Harfner, „wie könnt’ ich trinken, wenn für mein Weib keine Raststatt ist. Weit und breit kein evangelischer Friedhof. Soll ich sie denn im Wald vergraben?“

„Und wenn es darauf ankäme!“ versetzte der Pfarrer, „die Erde ist überall Gottes. Kann ich zu Eurem Troste kommen und beten? Ich thue es gern.“

Der alte Mann wankte wortlos davon.

Er ging durch das grüne Thal den Wäldern zu, er stieg über den Berg in die Schlucht hinab, wo das Haus des Kilian steht. Und als er dort in die Stube trat, stand er vor einem Heiligthum.

Es war nicht mehr die Zechstube, wie in der vorigen Nacht, wo hier im Tisch das lange Messer stak und auf dem Fußboden die derben Schuhe des jungen Paares reigten – es war anders. An der vorderen Wand der Stube, von zwei Oellichtlein milde bestrahlt, lag sein Weib aufgebahrt zwischen Waldblumen und wilden Rosen. Zu Haupten stand ein kleines, hölzernes Kreuzbild und ein Weihwassergefäß mit einem Sprengzweiglein. Auf der Brust der Leiche lagen papierne Heiligenbildchen und zwischen den Fingern stak ein Vergißmeinnichtsträußchen und eine Wachskerze. Die Stirne war mit einem grünen Lärchenzweig umwunden. Der Körper war bedeckt mit einem weißen Tuche und zu Füßen der Bahre lehnte die Harfe.

„Susanna,“ sagte der Harfner und legte seine Hände an ihr Haupt, „wie sie es herzensgut mit Dir meinen. Schau herab vom Himmel auf dieses Haus. Sie haben Dich zwischen Rosen gelegt – schau herab.“

Hinter dem Hause war der Köhler beschäftigt, mit Erlstrauchbändern zwei Stangen zu einer Bahrtrage aneinander zu binden.

Der Harfenspieler fiel ihm um den Hals und weinte.

„Ist recht,“ sagte der Köhler, „weint Euch aus, dann wird Euch leichter.“

„Eurer Gutheit wegen,“ schluchzte der Musikant, „Eure Gutheit schlägt mir so an’s Herz. Aber die Tragbahre, lieber Mann, die haben wir nicht vonnöthen.“

„Den Sarg wird uns der Zimmersepp morgen Früh bringen.“

„Wenn ich bei Kraft wäre, wie ich einstmals bin gewesen,“ sagte der Harfner, „ich wollt’ mein Weib hernehmen wie ein kleines Kind und sie so weit tragen, bis ich einen evangelischen Friedhof fände.“

„Seid Ihr ’leicht evangelische Leut?“ fragte der Köhler.

„Gottswegen, ja, und deswegen kann sie der Pfarrer auf dem Feichtauer Kirchhof nicht begraben.“

Der Kilian stand eine Weile sprachlos da, dann machte er mit der Hand einen Schlag in die Luft und rief: „Das sind Dummheiten! – Nein, Vetter, laßt Euch das nicht anliegen. In unserm Wald hat Euch das Unglück getroffen, wir Waldleute verlassen Euch nicht. Bleibt jetzt da und hütet mir das Haus. Ich gehe zu meinen Nachbarn, Euer Weib wird mit Ehr’ und Lieb’ bestattet werden.“

Der Harfenspieler ging in die Stube, setzte sich an die Bahre und sah in das blasse, ernste Antlitz seines Weibes. Und er träumte hier bei den Rosen und Todtenlichtern die liebe Lebenszeit, die er mit ihr zugebracht....

Der Köhler ging hinan durch den Wald gegen die Hütte des Pechers, und dann ging er in den hinteren Edelwald zu den Holzarbeitern und ging auf die Alm zu den Wurzelstechern und Hirten.

Auf seiner Rückkehr unterwegs sah er hinter dem Moosstein im Gebüsche einen Mann kauern.

„Wer ist es?“ rief Kilian.

Ein unverständliches Gebrumme. Er erkannte den Hans.

„Was machst Du da, Stromer?“ fragte ihn der Köhler.

„Ich,“ murmelte der Andere, „hin werde ich. Es haben mich die Jäger erschlagen wollen.“

„Und warum haben sie es nicht gethan?“

„Weil ich mich zu früh todt gestellt hab’.“

„Und warum hast Du sie nicht niedergeschossen?“

„Schieß’ nur, schieß’, wenn sie Dir das Brenscheit (Gewehr) stehlen, während Du den Rehbock ausdärmst! – Fett ist er, denk’ ich, und heut’ hat’s gerathen. Stehen sie Dir auf einmal da, ihrer Drei, und hauen mit dem Griesbeil auf’s Messer, bis es entzweispringt. Mit was wehrst Dich? Kaum daß ich dem Einen noch die Faust in’s Gesicht werfen kann, fangen die andern Zwei schon an, loszudreschen. Ein Schaft ist in Scherben gegangen – da schau Dir die Trümmer an – bis sie mich zu Boden gebracht haben. Der Franzinger ist auch dabei gewesen. Halt, denk’ ich mir, für Dich muß ich mich noch aufheben, und hab’ die Zung’ herausgereckt und mich nicht mehr gerührt. Der steht nimmer auf, haben sie gesagt, nachher sind sie fort mit meinem Gewehr und dem Thier. Aber aufsteh’ ich noch! Schau mich an, Kilian, aufsteh’ ich noch, und ehevor ich noch einmal auf den Erdboden fall’, ehevor fällt ein Anderer!“

Der Wilderer war etwas arg zugerichtet. Er bewegte sich mühsam weiter. Der Köhler wollte ihn stützen, aber er schlug es trotzig aus; er brauche keine Krücke.

„So komm’ in mein Haus, wir legen Hasenschmalz auf Deine Wunden.“

Der Verwundete hinkte neben dem Köhler her und knirschte. Plötzlich rauschte es im Gebüsch. „Wildtauben!“ zischelte der Hans, hob einen Stein auf und schleuderte ihn in’s Dickicht. Etliche flogen davon, eine flatterte auf und stürzte wieder zu Boden. Ohne Gewehr hatte der verwundete Wilderer ein Thier erlegt. Dann schlug er sich mit der Beute seitab.

Als der Köhler zurück in sein Haus kam, saß der Harfner noch an der Bahre und sah in das blasse, ernste Antlitz seines Weibes.

Langsam und still verging der Tag. Am Abende, als Agnes vom Walde heimkam, machte sie auf dem Herd ein lebhaftes Feuer, holte aus den Schränken Mehl und Fett und begann zu kochen und zu backen. Und in der Nacht kamen der Pecher und sein Weib im Sonntagsstaate, es kam der Zimmersepp mit dem Sarge und es kamen andere Leute, wilde, narbige Bursche, struppige und gutmüthige Greise, Weiber und Kinder. Jedes kniete, als es in die Stube kam, vor der Bahre nieder und betete still, dann stand es auf und sprengte mit dem Tannenzweige Weihwasser auf den Leib der Todten. Dann blickten sie theilnehmend auf den fremden Mann hin, der im Winkel saß, und Einer oder der Andere suchte ihn mit Worten zu trösten: man müsse es nehmen, wie es Gott schicke, sterben müßten wir Alle einmal, Keiner bleibe übrig, und die Abgestorbene hätte es überstanden, für sie sei es so am besten, sie hätte gewiß nicht viel Gutes gehabt auf dieser Welt. Gott tröste ihre Seele.

Sie wachten die ganze Nacht, und dann kam Agnes und trug Krapfen auf den Tisch, und Kilian, der sich heute allen Ruß vom Leibe gewaschen und in seinen Sonntagsanzug gesteckt hatte, lud die Leute ein, sich an den Tisch zu setzen und zu essen, wie es Gott gesegne.

Sie setzten sich hin und aßen. Der Harfner blieb in seinem Winkel und aß nicht.

Nach dem Mahle gab der Köhler Jedem eine Wachskerze in die Hand. Dann machte er die Thür auf und sie trugen den Sarg herein. Derselbe war aus neu geschnittenen Brettern gezimmert und zu Haupten lagen Hobelspäne als Kopfkissen.

Nun kamen Alle zum Sarge heran und besprengten ihn. Dann hoben drei Männer die Leiche und legten sie hinein. Das geschah, indem Alle schwiegen. Jetzt trat ein Mütterlein zum Harfner und sagte: „Wollt Ihr sie noch einmal anschauen, so kommt. Ihr seht sie dann nicht mehr, bis zum jüngsten Tage.“

Der Greis sank hin über den Sarg. An der Wand schellte die Harfe.

Jetzt erhoben sie ihre Stimme und sangen den Grabgesang:

„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott,

Der Dich aus Nichts gestaltet,

Zu dem, der Dir durch seinen Tod

Den Himmel offen haltet.

Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’

Die Unschuld Dir gegeben;

Er nehme Dich barmherzig auf

In jenes bess’re Leben.“

Nach diesem Liede legten sie den Deckel auf den Sarg und nagelten ihn fest. Da zitterten die Herzen. Es giebt keinen Schall auf Erden, der das Menschenherz so eigen erschüttert, als der Hammerschlag auf den Sargnagel.

Agnes legte einen Kranz aus Weißdornzweigen auf den Sarg, dann wurde er gehoben. Die Menschen hatten ihre Kerzen angezündet und so trat der Zug nun aus dem Waldhause. Er ging den Weg entlang, der am Waldbache aufwärts führt. Die Bäume säuselten, auf den kahlen Höhen glühte das Morgenroth. Voran, hochgehoben, schwankte der Sarg, hinter demselben ging Kilian, der ein hölzernes Kreuz trug. Dann gingen Agnes und ihr Baldrian, das bräutliche Paar. Dann folgten alle Anderen und beteten laut.

Ganz zuletzt ging der Pecher und an seinem Arm, die Harfe schleppend, der alte Sänger.

So gingen sie aufwärts durch das Gebüsche, zwischen Wildfarrn und Haidekraut. Und sie gingen am Felshange hin und kamen auf eine stille, thauige Wiese; sie gingen über graues, moosiges Gestein, sie gingen über eine klangvolle Höhe und sie gingen durch einen schattigen Tann. Die Sonne war aufgestiegen und spann ihre goldigen Fäden durch den grünen Wald. Da war’s, als zittere in der Luft der Klang eines Glöckleins.

Da sie tiefer in den Hochwald kamen, war kein Sonnenstrahl und die Luft wehte sehr kühl. Vernehmlicher wurde das weiche Klingen des Glöckleins. Und endlich in der Wildniß, durch welche nur ein schmaler Steig über den Berg gegen die Feichtau führt, eingefriedet von Felsen und alten Bäumen, auf einem Anger stand das Kirchlein des heiligen Hubertus. Es war aus Holz gezimmert, roth angestrichen und auf seinem Bretterdache wucherte das Moos. Ueber dem Eingange, aus welchem brennende Lichter des Altars schimmerten, erhob sich ein Thürmchen und aus diesem klang es milde und ruhevoll, als klänge es aus der Ewigkeit herüber.

Aus der Ewigkeit mit einem Gruße an die Menschen auf Erden, und dann wieder in die Ewigkeit verzitternd. – Am Kirchlein wuchs der Schlehdorn und die Hagebutte und anderes Gesträuche mit rothen und weißen Rosen. Daneben war braunes Erdreich aufgeworfen, und hier war das Grab.

Der Zug stand still und bildete einen weiten Kreis. Die Träger setzten die Bahre ab, lösten den Sarg von den Stangen los und ließen ihn langsam hinabgleiten in die Tiefe.

Und als er hinabrollte, sangen sie den Grabgesang:

„Dein Leib geht jetzt der Erde zu,

Woher er ist genommen,

Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’

Bei Gott und allen Frommen.

Wann durch des letzten Tages Flamm’

Die Welt zu Grund’ wird gehen,

So bitte Gott, daß wir beisamm’

Zu seiner Rechten stehen.“

– – Das Lied verscholl, das Glöcklein schwieg. Der Harfenspieler saß in tiefer Traurigkeit auf dem Erdhügel.

Die Kerzen loschen aus und nur die blauen Bändchen des Rauches an den Dochten wehten hin wie Trauerfahnen. Die Erde rollte auf den Sarg; Kilian nahm den armen Witwer an der Hand und sagte: „Nun wißt Ihr, wo sie ruhen wird. Ihr werdet mit Eurem Saitenspiel wieder zu frohen Menschen gehen, Gott giebt Euch auch selber noch manchen heiteren Tag. So will ich Eins sagen: So lange Einer von Allen, die heute beisammen sind, im Edelwald lebt, wird dieses Grab in Ehren gehalten werden. Hier auf den Hügel pflanze ich dieses Kreuz. Der liebe Herr Jesus sei mit ihr und mit Euch und mit uns Allen.“

So hat er gesprochen, der schlichte, wackere Mann. Dann gingen sie auseinander nach verschiedenen Richtungen. Der alte Harfner gab Kilian noch einen Händedruck: „An Deinen Kindern wird’s vergolten – gewiß, gewiß!“ Noch einen kurzen Blick auf das Grab – dann ging er davon, dem Thale zu, wo die Landstraße war.

An der Kapelle war es wieder still geworden, nur ein leises Lüftchen wehte, säuselte in den Zweigen und summte in den Saiten der zerbrochenen Harfe, die an einem Baume lehnen geblieben war.

Gegen Abend desselben Tages kam der Wilderer Hans, schlich hinter die Kapelle, steckte sein Gewehr zusammen, lud, untersuchte es und lauerte. Bald darauf schritt den Fußsteig, langsam und gemächlich, der Jäger Franzinger heran. Er war in schmucker Tracht mit grünem Federhut, war ausgerüstet mit Waidtasche, Pulverhorn, dem Hirschfänger und dem Doppelstutzen, der lässig über seiner linken Achsel hing. Jetzt stand er still und zündete sich eine Pfeife an.

Hans legte den Lauf seiner Büchse an einen Baumast, da er die linke Hand in der Binde trug, und zielte gegen den Jäger. Dieser hatte eine kleine Mühe, der Wind löschte ihm immer die Streichhölzchen aus. Nun griff er zu Schwamm und Feuerstein.

„Mein lieber Franzinger,“ murmelte der Wilderer bei sich, „Dein Feuermachen ist umsonst, Du mußt jetzt sterben.“ Er tastete mit dem Finger nach dem Hahn – da hört er ganz nahe neben sich etwas, wie Harfenspiel. Hans fuhr zusammen, da fiel das Gewehr auf den Boden und entlud sich in die Luft. Der Jäger stieß einen Fluch aus, sah den Wildschützen und verfolgte ihn. Beide verloren sich in den Dickichten des Waldes.

Nach einigen Tagen, als Baldrian, der junge Meisterknecht, und seine anmuthsvolle Braut auf ihrem Hochzeitsgange an der Kapelle vorüberkamen, lehnte am Baume neben dem Grabe noch die Harfe und ein niederhängender Zweig, der im Windhauche sich bewegte, spielte sacht’ in den Saiten.

Im nächsten Frühjahre wucherte es neu und üppig um die Kapelle und wob das Grab in ein reiches, dichtes Geranke von immergrünen Blättern. Die alte Harfe mit den drei zerrissenen Saiten hing im Kirchlein an der Wand und hängt noch heute dort. Ueber derselben hat Jemand folgende Inschrift anbringen lassen:

„Unser Herz ist eine Harfe,

Eine Harfe mit zwei Saiten.

In der einen jauchzt die Freude,

Und der Schmerz weint in der zweiten.

Und des Schicksals Finger spielen

Kundig drauf die ew’gen Klänge,

Heute frohe Hochzeitslieder,

Morgen dumpfe Grabgesänge.“


Drei Jahre nach dieser Begebenheit hat sich Folgendes zugetragen:

Kam an einem stillen, friedlichen Herbstabende der alte Kilian spät vom Walde heim in sein Haus, nahm sein Enkelein auf den Arm, herzte es, küßte es, sah es an und immer wieder an und hatte Wasser in den Augen. Von diesem Tage an war er ernst und in sich gekehrt, aber noch milder und gütiger gegen die Seinen als sonst.

So fragte ihn Agnes einmal, warum er nicht mehr so lustig sei wie sonst, ob ihm was fehle?

„Ich weiß mich gesund,“ sagte der Kilian, „aber einmal wird’s wohl auch für uns zum Urlaubnehmen sein.“

„Vater, wie kommt Ihr auf solche Gedanken?“

„Ich will Dir’s wohl sagen, Kind. Wie ich das letztemal oben an der Hubertskapelle vorbeigehe, denke ich, sollst einen Augenblick weilen und ein Vaterunser beten für Deine Verstorbenen. Und wie ich in der Kapelle niederkniee – es dunkelt schon, ’s ist recht still und ich bin der einzige Mensch weit und breit – und wie ich bete, da hebt auf einmal ganz von selber die Harfe an zu spielen. Sie spielt ganz voll, spielt auch mit den drei zerrissenen Saiten, spielt ein Lied, wie ich es meiner Tage nicht gehört hab’. – In Gottesnamen, denke ich, das ist mein Zeichen. Ich habe nämlich dazumal, wie wir die Harfnerin begraben, bei mir den Gedanken gehabt: Wenn ich mir für den Christendienst Eins könnte wünschen, so wäre es das, es möchte mir einige Zeit vor meinem Sterben eine Weisung zukommen, daß ich nicht so unverhofft fort müßte, wie die arme Frau. Das Zeichen habe ich vernommen. Jetzt, mein liebes Kind, weißt Du es.“

Darauf stand es noch an sechs Wochen lang, und der gute Mann war eingegangen in das Reich, wo die Seligen den Harfenklängen des gesalbten Sängers David lauschen.

Felix der Begehrte.

Beim Winzer an der Seim,

Ist der Felix daheim.

Weinles’jubel im Land!

Sang und Klang, Schwänke und Späße, Springen und Eilen. Die Sonne als die Festgeberin legt Goldschein über die Gegend; der Himmel hat sein Sonntagsgewand an, den schönen blauen Mantel, der durchsichtig ist wie Glas und dennoch die Geheimnisse der Unendlichkeit verdeckt. Wer auch frägt danach, was oben, so lang’ die Erde Trauben beut!

Alle Schornsteine der Höfe, der Winzerhäuser hingegen plaudern in bläulichem Athemhauch das Geheimniß des Herdes aus und andere Umstände lassen vermuthen, daß in den Kellern alle Spundlöcher und Pippen offen sind.

„Jetzt giebt’s wieder was zu trinken für ein ganzes Jahr!“ so jauchzt die Welt auf und deswegen das heitere Treiben und der Weinles’jubel im Lande.

In den Reben der Hügel und Hänge an der Seim ist’s alllebendig. Weißärmelige Burschen, knappgeschürzte Mädchen mit krummen Messern, mit Körben und Kübeln schlüpfen herum, schier zu sehen, wie ein gegenseitiges Verstecken und Fangen in den Büschen. Und die Dorfmusikanten versuchen in hellen Stößen ihre Trompeten oder kochen erst ihre heiser gewordenen Clarinetten in Rindsfett aus, damit diese Pfeifen für den Abend glatte, weiche Stimme kriegen. Und die Schäker der Gegend sinnen heimlich auf Possen und Schabernack, sinnen auf Vermuthungen und tolles Gespiel; den Mädchen rieselt schon das leichtlebige Blut in den Füßen um; – nimmer mögen sie es von Astronomen gehört haben, daß Alles in der Welt tanzt und kreist – es leuchtet ihnen selber ein und sie besonders halten gerne mit, bei dieser trefflichen Weltordnung.

Die Seim, die aus dem Gebirge und den finsteren Wäldern kommt, thut weit ihr blaues Auge auf über ein so fröhliches Land. Aber dieses Völklein schert sich um das schöne klare Wasser nicht – es hat ja den Wein.

Hei! Zwei Rößlein traben die Straße von oben heran.

Zwei Rößlein und ein Wagen dran. Der Wagen ist gut lackirt und hat einen prächtigen Polstersitz für Zweie. Sitzt aber nur Eines drauf. Thut nichts, der Mensch ist ein bevorzugtes Wesen, kann sich behelfen, dehnen und breiten, zumal, wenn es die genügende Anzahl gut gestärkter Röcke am Leibe hat.

Im Wagen sitzt eine wohlbehäbige und doch wieder rührsame Frau und ihr Angesicht blüht wie eine Pfingstrose im Juli. Wohl, auch im Juli kann eine solche Rose noch sehr schön sein; ein paar Mückenstiche in den Blüthenblättern, ein paar Runzelchen, so fein wie ein Spinnwebfaden – ei, wer wird so genau gucken! – Goldfarbiges Haar ferner – ich meine die Frau im Wagen – und goldfarbige Brauen über den kecken Aeuglein sind nicht zu verachten, und der Wohlduft – ich spreche wieder von der Rose – kann im Juli ganz bestrickend sein. Sie hat – es handelt sich um die Frau – ein schwarzseidenes Kopftuch über, aber nicht am Nacken geknüpft, wie es die Weiber der oberen Gegend tragen, sondern unter dem runden Kinn leicht zusammengebunden, so daß über der glänzenden Stirne das Goldhaar und am Halse die Silberkette mit der vornehm gearbeiteten Schnalle noch zu sehen ist. Ein flammend-rothseidenes Schultertuch mit fliegenden Fransen geht in Form eines ungeheueren Herzens nieder über den ausgebreiteten Busen – ein sinniger Schild vielleicht dessen, was drinnen lebt und webt. –

Wir würden es zwischen den gestauten Kleidern durch kaum bemerken, daß die Frau ein Paar sehr feingestickte, aber fingerlose Handschuhe trägt, wenn sie mit den Händen jetzt nicht auf dem Rücken des alten Kutschers zu trommeln anfinge: „Sind sie denn gar zu nichts nutz, Deine großen Ohren! Aber Michel! Michel! hörst! langsam fahren sollst! Das beutelt Einem ja gottswahrlich die Seel aus dem Leib!“

„Die Seel’?!“ wiederholt der Alte gedehnt, „die Seel’ meinst, Bäuerin? – Ja so, geschlachter fahren soll ich.“

Und es ging langsam.

Da konnte die Frau im Wagen die Arbeiten in den Weinbergen bequemer betrachten. Mancher heiteren Gruppe von Winzern, die nahe der Straße war, grüßte sie mit leutseligem Kopfnicken zu, und wenn Einer seine Mütze schwang, winkte sie sogar mit den Händen.

Jetzt kam glatt neben dem Weg und nahe dem schönen Flusse ein Häuschen mit weißer Mauer und grünen Fensterbalken. Durch die enge Thür eilte Groß und Klein geschäftig aus und ein, wie Bienen bei ihrem Korb. Mit Butten und Plutzern gingen die Erwachsenen die Kellerstiege auf und ab und die Kinder nippten und naschten aus kleinen Töpfchen den trüben, süßen Most der Traube. Unter einem Dachvorsprung des Häuschens ächzte der Preßbaum und man hörte das Rieseln des Saftes. Daneben in einer riesigen Kufe sprang und hüpfte ein Bursche um. Es war ein hübscher Junge voll Leben und Lust. Das dunkle Gelocke seines munter gehobenen Hauptes, der helle Blick – die Farbe des Auges kann für’s erstemal nicht so genau besehen werden – die frischen Wangen, der zarte Flaum an der Oberlippe und die milchweißen Zähne spielten gut zusammen. Nur mit Hemd und Leinenhose war er bekleidet; das Hemd war bis über die Ellbogen, das Beinkleid bis über die Kniee aufgeschlagen.

Die schlanke Gestalt paarte Kraft und Geschmeidigkeit in sich, man sah’s an den kecken und anmuthigen Bewegungen, die der Bursche tanzend und schwingend in der Kufe ausführte. – ’s hat aber auch nicht jeder den Tanzboden so wie dieser Jüngling – er tanzte auf schwellenden Trauben und hochauf spritzte bisweilen ein Tropfen zu dem behendigen Körper.

Aus dem Hause kam ein betagter Mann mit gebeugtem Nacken und grauenden Locken; „Felix,“ brummte er, „das darf nicht sein!“

Das Hupfen und Springen verwies er dem Burschen. Bedachtsam und vorsichtig müssen die Trauben zertreten, zerquetscht werden, ehe sie in die Presse kommen. Das war aber nicht die Sache des lustigen Jungen, der sich lieber in eitel Wein gebadet hätte, als mit den Zehen träge die vollen Beeren zu zerdrücken.

An diesem Winzerhäuschen war’s, wo die aus oberen Gegenden heranfahrende Frau ihre ganze, gar nicht schwache Stimme zusammennahm, um dem Kutscher zu bedeuten, er möge die Pferde anhalten. Erst hatte sie dem Keltern und besonders dem Traubentreter mit Wohlgefallen zugesehen, war dann mit Hilfe des alten Michel aus dem Wagen gestiegen, hatte freundliche Worte an die Kinder gerichtet und war hernach rauschend in das Haus getreten.

„Wie heißt’s bei Euch?“ hatte sie gefragt.

„Im unteren Viertel.“

„Das weiß ich gleichwohl,“ sagte sie, „das ist die Gegend; wie es da bei Eurem Hause heißt, möchte ich wissen.“

„Beim Froschreiter,“ war die Antwort.

„Beim Froschreiter? Aber na, das ist schon gar!“ kicherte sie, „na, macht nichts. Ich höre, der Froschreiter hätt’ Wein zu verkaufen.“

„So!“ versetzte der Alte mit dem gebeugten Nacken, „da hört die Frau nicht gut. Ich kann keinen Wein verkaufen.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich keinen habe.“

„Ich höre aber doch dort unter der Presse den Brunnen rinnen.“

„Den höre ich auch,“ sagte der Alte, „’s ist der Wein meines Herrn in Zollau.“

„Wer ist denn Euer Herr?“

„Der Herr Baron, der auf dem Schlosse wohnt.“

„Ist schön,“ versetzte die Frau, „und da am Flusse habt Ihr für den Most das Wasser nicht weit zu holen.“

„Diesen Spaß haben mir schon Viele gesagt“, entgegnete der Winzer, „wer meint, daß man ohne Wasser Wein machen sollt’, der weiß nichts.“

„Aber schade, daß der Wein nicht Euer ist,“ sagte sie im Tone des Bedauerns.

„Gehört halt dem Herrn Baron,“ antwortete der Alte.

„Ei, und die vielen herzigen Kinder hier!“

„Gehören mir.“

„Gehören Euch; wie viel sind ihrer denn?“

„Du, Franz!“ rief der Winzer hinaus, „bring’ der Frau einen Stuhl zum Sitzen. Guido, schieb’ dieweilen die Kellerthür vor, daß die Kleine nicht hinabrutscht. Und Du, Bärbel, sag’s der Hanne, sie soll gehen das Fritzel locken, es schreit ja wie ein Zahnbrecher; der Anton hat’s wachgejohlt mit seinem lauten Maul. – Wie viel ihrer sind?“ – Er zählte die Namen an den Fingern ab. „Daheim hab’ ich bislang nur achte. Die anderen sind im Dienst herum.“

„Segen Gottes!“ lachte die fremde Frau.

„Und Jedes hat ein Schock gesunder Zähne! Das muß man nehmen. Und jeder Zahn will was zu beißen haben.“

„Der da draußen,“ fuhr die Frau fort und ließ sich knisternd auf den gebotenen Sitz nieder, „der da in der Kufe, ist das auch Euer Sohn?“

„Denk wohl,“ antwortete der Winzer.

„Ein netter Bursch’.“

„In soweit just nit übel. Werden ihn bald einspannen jetzt.“

„Einspannen? Wieso?“

„Auf’s Jahr ist er bei der Stellung (Assentirung),“ murmelte der Alte, und nach einer Weile setzte er bei: „Den räumen sie mir.“

Die Frau verstand wohl den Ausdruck, entgegnete aber nichts darauf, sondern sagte zu einem der kleinen Mädchen: „Wie heißest Du? Bärble heißt – schau, da hast einen Groschen. Und willst mir dem Fuhrmann da draußen sagen gehen, er sollt’ die Rösser in den Schatten führen und ihnen Heu geben. Mußt ihm’s aber recht in’s Ohr schreien – verstehst!“ Dann zum alten Froschreiter: „Na, ich hätt’ doch gemeint, Ihr gäbet der Ländhoferin vom oberen Viertel ein Fäßlein Heurigen.“

Jetzt lugte der Alte die Frau eine Weile an, kraute dann in seinen dünnen Haaren: „Und das wäre die Ländhoferin? Die groß’ Bäuerin von der grünen Länd? Ist mir eine rechte Ehr’, das.“

„Freilich,“ sagte die Frau und fühlte sich recht behaglich im Stübchen, „bin die Bäuerin von der Länd’, fahr’ Wein kaufen aus; wisset, im Haus braucht man für’s Jahr so sein Tröpfel. Seit mein Alter – Gott tröst’ seine Seel’ – todt ist, muß ich halt selber fahren. ’s ist viel Gescher für eine Frau.“

Von der Küche kam die Winzerin herein, sie breitete für das Mittagsmahl eine blaue Schürze über den Tisch. „’s ist gar zum schämen,“ murmelte sie für sich, aber so laut, daß es die Fremde wohl hören konnte, „hell zum schämen – das Tischtuch liegt im Waschtrog.“

„Nein,“ erinnerte der kleine Anton treuherzig, „Mutter, in’s Tischtuch hast Du ja den Fritzel eingewickelt!“

Eine große Schüssel mit dampfenden Erdäpfeln kam auf den Tisch; da polterte schon zu allen Löchern der Kinderschwarm herein. Unter diesen in Holzschuhen jetzt, aber immer noch mit aufgestrecktem Beinkleid der lustige Traubentreter, der Felix. Er bot der Frau kurz einen guten Tag und wollte sich des Weiteren nicht um sie kümmern, aber der Alte sagte: „Du, das ist die Ländhoferin. Dem Bärbel hat sie schon Geld gegeben.“

Da lächelte der Bursche ein wenig gegen die Frau hin und das war die ganze Ehrenbezeigung.

„Meinetweg’, Leut’, setzt Euch nur zusamm’, wie’s bei Euch der Brauch, und esset!“ rief leutselig die Großbäuerin und blickte mit wachsendem Wohlgefallen auf den jungen Mann, Felix geheißen, der jetzt in seiner feinen und kecken Gestalt mitten unter den Kleinen stand und das Tischgebet sprach. War ihm leicht anzusehen, daß er dabei an alles Andere eher denken mochte, als an den Sinn des Gebetes. Auch schnitt er während des Gemurmels Schwarzbrot auf, vertheilte die Beinlöffel und zog einigen Erdäpfeln die Haut ab.

„Wart’ nur, Du!“ verwies ihn hernach seine Mutter, die Winzerin, „hast zum Beten nicht Zeit zur rechten Stund’, so wird der Herrgott auch nicht Zeit haben, wenn Du ihn brauchst!“

Felix saß schon am Tische und schlug seine Erdäpfel mit der Faust zu Trümmern, daß sie gehörig ausdampfen konnten.

„Wenn wir halt unsere Einladung machen dürften!“ sagte der alte Winzer und schob einen Löffel gegen die Großbäuerin, „viel haben wir nicht aufzuwarten, aber ein warmer Bissen ist gut für einen Reisenden.“

Die Ländhoferin nahm die Einladung an.

„Ruck’, Felix, daß sie Platz hat!“ gebot der Alte.

Da rückte der Bursche in den Tischwinkel hinein, die Bäuerin setzte sich an seine Stelle und lachte: „Das ist mir schon recht, ist die Bank noch warm, krieg’ ich Deine Kraft.“

Auf dieses Sprichwort lachten sie Alle und die Kinder wurden bald bekannt mit den Seidenfransen der Gastin.

Nach den Kartoffeln und einem Suppengerichte kam gebratenes Fleisch mit Kreenmus. Da machten sie einmal Augen und Mund auf; und selbst dem Alten zuckten die dürren Finger nach der Gabel, doch war er so höflich, der Großbäuerin den Vortritt zu lassen.

Als dann jedes sein Stück Braten auf dem Teller kleinschneiden wollte, war nur ein einzig Messer bei Tisch; dieses – das Brotschneidmesser – machte die Runde. Den Kindern wurde beim Zuwarten die Zeit zu lang und sie zerrissen ihre Stücke mit den Zähnen. Der Felix klappte sein Taschenmesser auf und machte des Weiteren nicht viel Umstände mit dem Schweinernen, das heute vom Zollauer Schloß gekommen war.

„Na, schmeckt’s?“ fragte die Ländhoferin ihren Beisitzer.

Dieser gab die Antwort durch die That; ’s ist nicht Schwätzenszeit, ’s ist Essenszeit – so aß er.

„Alle Jahre vier- oder fünfmal, daß wir Fleisch essen,“ bemerkte der Alte.

„Wirst jeden Tag Dein Stück haben, bei den Soldaten,“ meinte die große Bäuerin und sah auf den Burschen hin.

„Brauch’ es nicht,“ war die Antwort.

„Das glaub’ ich schon,“ sagte sie, „Soldatenfleisch wär’ auch mein letztes.“

„’s wird Keinem darnach lüsten.“

„Eine harte Sach’, Soldatenleben,“ versetzte die Großbäuerin, „auskaufen!“

„Ja – ha – ha!“ lachte der Alte auf, „mit Haselnussen.“

„Oder auf Haus und Hof heiraten,“ schlug die Ländhoferin vor.

Diese Geschichte trug sich nämlich noch zur Zeit der alten Einrichtung zu, unter welcher der Jüngling durch Erlegung einer gewissen Geldsumme, oder durch den Besitz eines steuerbaren Hofes vom Wehrdienste entpflichtet werden konnte.

Als vom Heiraten die Rede war, nagte Felix mit seinen frischen Zähnen an einem Knochen, daß es scharrte.

„Schade,“ sagte die Großbäuerin fröhlich lachend, „wär’ ich ein etlich Jährchen älter, thät’ Dich gleich zum Sohne annehmen, Felix, und Dir den Ländhof verschreiben. Hab’ ohnedies kein Kind.“

„Na, wär’ gut gemeint,“ versetzte der alte Froschreiter.

„Bedank’ Dich, Bub’,“ mahnte die Mutter.

„Was bedanken, wenn die Ländhoferin noch zu jung ist,“ murmelte der Bursche in seinen Knochen hinein.

Dieses Wort schien auf die Großbäuerin einen durchaus angenehmen Eindruck zu machen.

„Freilich,“ sagte sie, „was ich zu jung bin zur Mutter, bist Du zu alt zum Kind. Da wollt’ ’leicht der Sohn heiraten und die Mutter möcht’ etwan auch noch Hausfrau sein – wie das schon geht.“

Der kleine Anton, der bisher, mit hellen Aeuglein lugend, ernsthaft dem Gespräche zugehört hatte, machte nun plötzlich den noch von Schweinsfett glänzenden Mund auf und that den Vorschlag: „So sollen die Ländhoferin und der Felix zusammenheiraten.“

Ein überlauter Auflacher, ein Rippenstoß von Seite der Mutter dem kleinen Antragsteller – dann Alles still.

Der kleine Anton war hoch erröthet. Seinem älteren Bruder, dem Felix, ging’s nicht besser; der saugte mit aller Macht aus seinem Knochen das Mark. Dann wischte er die Finger an dem Schürzentischtuch, den Mund am Hemdärmel ab und noch vor dem Dankgebet ging er hinaus zu seinen Trauben.

Er war ärgerlich. Er hatte sich so lange schon auf den heutigen Braten gefreut – und nun ist es sehr ungemüthlich dabei zugegangen.

Die Kinder waren auch bald davon. Die Großbäuerin jedoch war, da sie gerade so bequem saß, bei dem alten Froschreiter noch am Tische sitzen geblieben.

„Na, wahrlich, ich bin sonst nicht so,“ sprach sie, „aber da bei Euch ist mir schon ganz heimisch geworden. Ihr lebt recht zufrieden mitsammen.“

„Dasselb’ wohl, dasselb’,“ versetzte der Alte, „aber halt die Sorgen, die Sorgen. Alleweil schickt mir der Herr Baron keinen Braten, Ländhoferin, das ist nur zur Weinles’. Sind froh bei unseren Erdäpfeln und beim Kukuruzbrot, ei ja wohl, sind häufig froh dabei! Wär’ nur das fort genug, Ländhoferin, wär’ nur das genug!“

„Na, im Spaß und im Ernst,“ sagte jetzt die Bäuerin, „Winzer, gebt mir den Felix auf meinen Hof. Mit dem Dienstvolk ist’s ein Kreuz; man braucht Einen, auf den man sich verlassen kann.“

„Wär’ schon recht,“ wendete der Alte ein, „aber die Ländhoferin kann ja nicht wissen, ob auf meinen Buben auch ein Verlaß’ ist.“

„Ei ja,“ versetzte sie lebhaft, „das merkt man Einem gleich an.“

„Und nachher –“ sagte der Froschreiter kleinlaut, „nachher hätt’ ich noch erst den Großen weg, der mir ohnehin auch daheim sein Essen verdient. Und auf’s Jahr zur Stellung müßt’ ihn die Ländhoferin doch wieder fortlassen.“

„Davon red’ ich ja,“ rief sie, „und deswegen geht er auf den Hof, daß er nicht zu den Soldaten müßt’, das bring’ ich zuweg; wisset, Froschreiter, Unsereins weiß da schon aus.“

„Ja!“ seufzte der Winzer wie erleichtert auf, „da thät der Bub’ freilich sein Glück machen!“

„Thut Euch’s überlegen,“ sagte die Großbäuerin, „ich fahr’ heut’ nach Zollau hinaus und vielleicht noch weiter in’s untere Viertel hinein, bin dort daheim und will was Rechtes suchen. Wisset, Froschreiter, in meinem Hause muß fort ein guter Tropfen sein. Ah na, abgehen lassen wir uns nichts auf der Länd’, das hat’s bei mir nicht noth. – Nu, in ein paar Tagen mag ich von unten zurück sein, da frag’ ich bei Euch zu und der Felix kunnt gleich mitfahren. Thut Euch’s überlegen.“

Als sie dann ging, reichte sie jedem von den Kleinen, die sich herandrängten, um ihr nach der Eltern Weisung die Hand zu küssen, eine Kupfermünze. Nur der kleine Anton nahm wahr, daß sein Geschenk ein glänzendes Silbergröschlein war.

„Der Felix, der kriegt nichts, weil er so stolz ist!“ rief sie gegen die Kufe hin. Das Lächeln aber, mit dem sie die Worte sprach, schätzt der Erzähler dieser Ereignisse gut über einen Silbergroschen.

Der alte Michel hatte sich, nachdem er den Pferden das Ihre gegeben – unter einem Birnbaum an drei großen Aepfeln und einer Traube geatzt, die ihm vom Felix zugekommen waren.

Als er mit seiner Herrin wieder auf dem Wagen saß und die Pferde fröhlich hintrabten, wendete er sich auf dem Bock nach rückwärts und sagte:

„Das ist ein recht kamod’s Bürschel, der Traubentreter.“

„Gelt, Michel!“ rief die Großbäuerin leuchtenden Auges, „was meinst, wenn wir statt jungem Wein einen jungen Winzer mit auf den Ländhof brächten!“

„Jungen, sagst?“ entgegnete der Kutscher unsicher, „ist damit um diese Zeit noch nichts anzufangen; zersprengt die Fässer.“

Die Bäuerin lachte; der schwerhörige Fuhrmann hatte sie wieder einmal mißverstanden.


Wagen und Weib eilen davon;

Mit ihnen der Sohn.

Unter dem Birnbaum, auf dem Rasen, wo zur Mittagszeit der alte Michel geruht hatte, saß am Abend der hohe Rath des Froschreiterhauses.

Der Felix hatte sich schon einen gewaltigen schafwollenen Schnurrbart zubereitet gehabt, gesinnt, denselben an diesem Abende an seine Oberlippe zu kleben, sich dergestalt bei den Weinlesefesten der Nachbarschaft einzufinden und den schönsten Mädchen der Gegend beim Tanze keck das Ding an die Wangen zu reiben. Nun überließ er den bereits scharf gewichsten Bart dem kleinen Anton, der sich damit sofort auch ein ganz martialisches Aussehen beilegte.

Felix hatte an Anderes zu denken. Lag er denn unter dem Birnbaum auf dem Bauch, stützte die Ellbogen in den Erdboden und sein Haupt auf die Fäuste und starrte in’s Gras hinein.

„Sollten es uns überlegen,“ meinte der Alte, welcher ebenfalls auf dem Rasen lag und seinen krummen Nacken streckte, „sollten es uns überlegen, hat sie gesagt.“

„Hab’ nichts zu überlegen,“ antwortete Felix, „ich fahr’ mit auf die Länd’!“

Da brach die Mutter in Schluchzen aus. „Jetzt verlangst auf einmal weg. Sag’ es, Felix, was Dir daheim nicht recht ist.“

Auf dieses Wort kugelte sich der Bursche über und sagte: „So nicht, Mutter, so müßt Ihr Euch nicht denken. Mich gefreut’s ja daheim, aber wenn man sich’s besser machen kann – Jeder thut’s.“

„Und wenn sie ihn vom Soldatenleben sicher macht,“ versetzte der Froschreiter, „das wär’ ja ein ewiges Glück!“

„Ja freilich wär’ das ein Glück,“ gab die Mutter bei und trocknete mit der Schürze die Augen.

„Mutter,“ rief der kleine Anton jetzt, „das ist so ein Räthsel: geht er fort, so bleibt er daheim, und bleibt er daheim, so muß er fort, was ist das? Das ist der Felix.“

„Du Schlingel, Du kleiner,“ schmunzelte der Vater. „Du mußt schon ein Doctor werden. Dann muß aber der Schnurrbart weg. Den Schnurrbart lassen sich nur die Starken stehen, die Gescheidten den Backenbart.“

„Und wie weit wird’s denn sein bis auf die grüne Länd’?“ warf Felix ein, „in Einem Tag kommt ein guter Geher leicht hin und zurück.“

„Du nicht, Du kommst mir nicht in Einem Tag zurück!“ schluchzte die Mutter.

„Aber zu den heiligen Zeiten kann ich doch heimgehen. Das will ich mir ausdingen.“

Und als der Vollmond aufging über den Weinbergen und als in der Seim das Zickzack seines Widerscheins zitterte, war es beschlossen unter dem Birnbaum: der Felix geht mit der Großbäuerin auf die grüne Länd’.

Der kleine Anton drehte zur Feier dieses Beschlusses den schafwollenen Schnurrbart auf.

„Wenn’s nur nicht gefehlt ist!“ sagte des anderen Tages die Froschreiterin, „mich deucht allerweil, es soll nicht sein.“

„Geh, geh,“ rief der Alte, „Ihr Weiber habt fortweg so Flausen. – Auch mir geschieht nicht leicht, daß ich den Buben weggeb’; ja, wenn sich Eins immer nachgeben wollt! – Junge Leute müssen hinaus in die Welt, müssen was probiren. Das leidig’ Soldatenleben nehm’ ich aus, aber das muß ich sagen: wär’ ich weiter gekommen, als vom Tisch bis zum Ofen, ’leicht ging’s mir besser. – Und die Ländhoferin,“ setzte er bei, „die Großbäuerin, scheint mir, ist eine brave, respectirliche Frau.“

Einen Tag später trabten die zwei Rößlein wieder heran und – einen Stich im Herzen gab’s dem Burschen – er glaubte schon, der Wagen wollte nicht halten. Der Wagen hielt aber. Die Großbäuerin stieg aus und that noch freundlicher gegen Alle und sie war in ihrer Rührsamkeit und Heiterkeit fast jung.

An den rothgeweinten Augen der Mutter sah sie’s gleich: der Felix geht mit ihr. Sofort machte sich die Ländhoferin an das betrübte Weib und sprach über die Kinder, über den Garten, über die Hühner und Alles, woran eine rechte Hauswirthin Freude hat. Da wurde die Froschreiterin ganz zutraulich und band unter neuerlichem Schluchzen ihren Aeltesten, ihren liebsten Buben, der Großbäuerin recht an’s Herz....

Und nach einer Weile kam der Felix aus seiner Dachkammer herabgestiegen. Der Felix im Staate! Die Tuchkleider waren just nicht zu geschlacht, aber nett und nach gutem Geschmacke geformt. Alles hübsch schlicht, nur das hellrothe Halstuch flatterte vor dem breitüberschlagenen Hemdkragen wie ein keckes Kirchweih-Doppelfähnchen. Der Hut war etwas in die Stirne gedrückt, nur ließ er noch die beiden Haarbüschel sehen, die an den Schläfen herunterstanden.

Eines der kleinen Mädchen bringt einen Strauß von Rosmarin und Vergißmeinnicht: „Felix, den Wanderbuschen geb’ ich Dir mit!“ Jedes will dem scheidenden Bruder etwas geben; der kleine Anton nur sagt: „Felix, ich habe gar nichts als das schwarze Lämmchen, aber das gehört dem Vater.“

Die Mutter hatte das Bündel gebunden – es war nicht groß.

„Das macht nichts,“ sagte die Ländhoferin, „auf meinem Hof wird ihm nichts abgehen. – Kannst das auch noch daheim lassen, Felix, meinetweg gar Deinen Rock. Der liebe Gott – hat mein Vater fort gesagt – schaut nicht auf die Kleider, schaut nur auf’s Herz. Der Ländhof macht’s auch so.“

Wird wohl rechtschaffen gut auszukommen sein mit der Bäuerin, dachte sich der alte Froschreiter.

„Bleib mir nur brav, Bub’,“ sagte er, „und mach’ uns und Deiner Dienstfrau keine Schand’. Thu’ fleißig arbeiten und kriegst was, so sei dankbar und allerweil sparsam. Denk’ auf den Bettelstab, Felix!“

„Was nicht noch!“ rief die Bäuerin, „Bettelstäbe wachsen nicht auf der grünen Länd’.“

„Und vergiß nicht auf’s Beten,“ fiel die Mutter ein, „da hast einen Rosenkranz mit, ist noch von meiner Mutter selig.“

„Ja, ja, Samstags – Samstags wird auf dem Ländhof Rosenkranz gebetet,“ unterbrach die Großbäuerin ein bischen gereizt, „und zur Christenlehr’ kann er Sonntags gehen.“

Dann setzten sie sich zu einem kleinen Mahle. Aber es wurde nicht viel gegessen.

Der eigentliche Abschied war kurz. Die Ländhoferin hatte plötzlich anspannen lassen und die Pferde waren ungeduldig. Noch hatte die Bäuerin der Winzerin ein Papier in die Hand gedrückt: „Seh’, seh’, nicht fallen lassen!“ noch hatte sie dem Froschreiter versichert: „Wird Euch nicht reuen, daß er mitgeht, wird Euch nicht reuen!“ Dann saß sie mit Felix schon auf dem Wagen.

Einen Händedruck dem Sohne, noch ein väterliches Wort – und das Zeug rasselte davon.

Der Bursche winkte mit der Hand, mit dem Hut noch zurück, die Eltern und Geschwister winkten, weinten ihm nach. Da war der Wagen auch schon um die Reide und sie sahen von dem Gefährte nichts mehr als den aufgewirbelten Staub.

Nach einer Weile, da es im Winzerhäuschen wieder still geworden und Jegliches bei seiner Beschäftigung war, nur die eine Lücke, wo der älteste Sohn gewaltet, unausgefüllt – stand die Winzerin am Herd, um die Pfanne auszuscheuern, in der sie vorhin das Abschiedsmahl gekocht hatte. Sie hielt noch das Papier in der Hand, welches ihr die Ländhoferin zugesteckt. Sie entfaltete es – eine Geldnote. Da war ihr zu Muth, als hätte sie ihr Kind verkauft. Rüstige Arbeit half ihr über den argen Gedanken hinweg. Plötzlich hielt sie ein und sagte laut zu sich selber: „Na, Jesu Christi, vergessen hab’ ich doch was. Eins hätt’ ich ihm noch sagen mögen. – – Es ist ein gutherziger Bub. Mein Gott, das Kinderweggeben thut weh. Und man kennt die Leut’ nicht –“

„Mutter,“ sagte der kleine Anton, der ihr heute fortweg an der Kittelfalte hing, „Mutter, der Felix wehrt sich schon, wenn es gilt, o, der ist stark! Ich hab’s gesehen, es wachst ihm schon ein wenig der Schnurrbart.“

Sie küßte den Knaben – ei ja, sie hatte noch liebe Kinder daheim.


Wie traben so lustig die Rösselein,

Mein Junge, mußt nicht so blöde sein!

Und wie ging’s auf dem Wagen zu?

„So, mein lieber Unterviertler,“ sagte die Ländhoferin zu Felix, „jetzt sitzen wir Zwei beisammen. Mach’ Dich nur bequem. Wir haben eigentlich noch gar nichts miteinander gesprochen.“

„Ich schwätz’ nicht gern viel,“ gab der Bursche zur Antwort, „mir wird die Zeit lang werden, bis wir auf die Länd’ kommen.“

„Geh!“ rief die Großbäuerin, „das ist nicht fein. So ein properer junger Mann muß sich die Zeit überall zu vertreiben wissen.“

„Wenn ich’s gerad’ sagen wollt’,“ versetzte Felix nach einer Weile, „am liebsten wär’ mir’s schon, ich dürft’ da vorn beim Kutscher sitzen.“

„Auf des Michel’s Schoß ’leicht, Du Lapp!“ lachte das Weib ärgerlich, „siehst doch, daß sonst kein Platz ist.“

„So kann sich der Michel zur Ländhoferin setzen und ich kutschir’. Versteh auch was bei den Rössern.“

„So! Dann will ich Dich auf dem Hofe zu den Pferden stellen, Felix – ei, der Kukuk hinein, jetzt muß ich Dir gleich was sagen. Felix, der gefällt mir, ist ein schöner Name, aber den Froschreiter laß’ im Unterviertel. Auf der grünen Länd’ giebt’s keine Frösche, da reitet man auf hohem Roß – verstehst?“

Für’s Erste ist ihr mein Name nicht recht, dachte sich der Bursche, es mag ein schwerer Dienst werden.

„Na, so strecke doch einmal die Beine ordentlich aus, Felix,“ rief die Bäuerin, „Du hockst ja da wie eine Eichkatz’.“

Da dehnte sich der Bursche und rieb dabei unversehens an ihren bauschigen Kleidern.

„Das macht nichts,“ bedeutete die Bäuerin, „das wird Alles wieder gebügelt.“

Gar nicht zu bestreiten, die Ländhoferin ist eine leutselige Frau. Haben bislang noch lauter Schönes von ihr vernommen. Sie ist in den besten Jahren, hat eine große Wirthschaft auf der Länd’ und will dem jungen kerngesunden Burschen über das Soldatenleben hinweghelfen.

Felix, da magst Du Dir bisweilen schon Einiges gefallen lassen. Und Deine Herrin ist sie jetzt! Darum, so oft sie’s haben wollte, rückte er, streckte sich und gab nicht Acht auf ihr Kleid.

„Und meinst, ich bin nicht auch von unten herauf?“ sagte die Bäuerin plötzlich, „Felix, so wie ich Dich heute auf dieser Straße in’s obere Viertel fahre, so hat mich vor elf Jahren – was sag’ ich denn, es ist nicht so lang’ – der alte Ländhofer auf dieser Straßen heimgeführt. Ist Witwer gewesen – ein rechter Hascher. In Weißenbach unten, da bin ich daheim, und da ist er einmal im Pferdehandel hingekommen und hat mich kennen gelernt. Bin nicht reich gewesen von Heim aus, Felix, hätt’ aber der Liebhaber genug gefunden. Aus reiner Barmherzigkeit, das kann ich wohl sagen, bin ich mit dem Großbauer gefahren und hab’ ihn geheiratet. Wenn’s Dich zu stark schüttelt, so halt’ Dich mit der Hand an dem eisernen Ring; der ist dazu da.“

Fand’s nicht praktisch, der Bursche, der eiserne Ring war so, daß er, um denselben zu fassen, seinen Arm über die Schultern der Beisitzerin hätte legen müssen.

„Finde es,“ fuhr sie fort, „bei einer Heirat gar nicht einmal nöthig, daß der Mann älter ist als die Frau; ich weiß Fälle, wo es gerade umgekehrt war und doch die beste Ehe ist gewesen. Ja – und daß ich’s erzähl’, mein Mann ist Dir um vierunddreißig Jahr’ älter gewesen als ich; wie ich’s gesagt: aus reiner Barmherzigkeit hab’ ich ihn gepflegt. Vor etlichen Monaten erst ist er gestorben – tröst’ Gott sein’ Seel’. Ich hab’ groß’ Haus und Hof am Hals und dazu ist sich oft die tüchtigste Frau völlig zu wenig. Was hast denn Du für eine Schramme an Deinem Finger?“ Sie faßte prüfend seine Hand.

„Im Auswärts beim Rebenschneiden ist das Messer hineingesprungen,“ berichtete der Winzerssohn. Sie ließ aber die Hand nicht mehr los, tändelte mit derselben und fuhr fort zu reden: „Mein Gott, man wehrt sich lang’, aber das Haus muß einen Herrn haben, man kann’s wenden wie man will. Die Mannsleut’ im oberen Viertel, das kannst mir glauben, ich hab’ meine Noth, wie sie sich bei mir einspinnen wollen. Aber ich hab’ kein Zusammensehen mit ihnen; sind lauter so ungeschlachte, langweilige Gesellen und hätten bei den Nachbarleuten auch nicht den Respect, den ein Ländhofer wohl haben muß. Ich will einen aus dem Weinland, von wo ich selber bin. Rauchst Du nicht Tabak, Felix?“

„Wüßt’ nicht warum,“ versetzte der Bursche.

„Sonst hätt’ ich Dir gern eine silberbeschlagene Pfeife von meinem Seligen spendirt zum Andenken. Lieber Gott, ich kann ihn hart vergessen; ist ein gutes altes Kind gewesen. Das aber sag’ ich, nach einem Reichen und Vornehmen lug’ ich nicht; g’rad zu alt darf er mir nicht sein und frisches Blut muß er haben, daß eine Schneid’ in’s Haus kommt.“

Jetzt machte Felix große Augen. – „Die heiratet mich!“ – Just, daß er’s nicht laut hinausrief in den Herbstnachmittag. Und daran spann er folgende Gedanken: Wenn sie mich heiratet, dann ist’s freilich aus mit dem Soldatenleben, dann bin ich der Ländhofer, der reiche Ländhofer, und kann mir gut geschehen lassen und kann meine Eltern in’s Haus nehmen und die Geschwister versorgen und den kleinen Anton studiren lassen. Das macht sich ja fein – „juch!“

Er jauchzte wirklich laut auf, der gute Junge, und er glaubte, nun wäre er mit sich und Allem in Richtigkeit.

„Das ist recht!“ rief die Bäuerin nach seinem Juchschrei, „nur lustig wohlauf und keck d’ran, mein lieber Landsmann! jungen Männern gehört die Weltkugel und der Sack dazu. Ich bitt’ Dich, Felix, jetzt ist mir die Haarnadel in den Nacken gerutscht!“

Das war nun eine heikle Sache; je mehr der Bursche ihr seidenes Halstuch lockerte, desto tiefer rollte das Drahthäkchen hinab und schließlich verschwand es in den Tiefen. Blieb demnach diese Aufgabe einstweilen ungelöst und deß’ schämte sich Felix insgeheim. Ihm, dem die Weltkugel gehört, soll eine Haarnadel entgehen?

Zwecklos ist nichts auf der Welt; zwecklos war auch dieser kleine Zwischenfall nicht gewesen. Als Felix’ Finger den Nacken der Bäuerin berührte, hatte diese ein Gefühl, das sie höher anschlug, als die hinabgeglittene Nadel.

Für die Gegend, die sie durchfuhren, können wir unter solchen Umständen kein Auge haben. Im Allgemeinen nahm die Landschaft allmählich einen ernsteren Charakter an; das Hügelgelände wurde zum Bergland, die Wein- und Obstgärten verschwanden, die Nadelwälder begannen. Zur Linken hatten die Reisenden ein sich allgemach höher bauendes Gebirge, über dessen Häuptern schon die Abendnebel des Herbstes lagen. Zur Rechten war stets der schöne Fluß mit den grünen oder felsigen Ufern. Hie und da stand ein Dorf; die Einzelnhöfe wurden immer seltener.

„Schau, dort ist wieder einmal ein Wirthshaus,“ sagte Felix plötzlich.

„Da im Wagen auch,“ entgegnete die Großbäuerin und zog einen gutgeräucherten Schinken und einen erdenen Plutzer hervor. Sie aßen vom Geräucherten und sie tranken Beide aus dem Plutzer. Trank sie, so hielt er ihr das Gefäß zurecht; sie erwies ihm denselben Dienst, nur hielt sie den Krug stets so, daß dem Burschen jedesmal viel mehr durch die Gurgel rann, als er eigentlich beansprucht hätte. Es wäre ihm aber ein Trunk auf bequemer Wirthsbank lieber gewesen. Nichtsdestoweniger fand er sich aufgelegt zum Singen und jetzt hielt er sich auch wacker am Eisenring, der jenseits seiner Genossin an der Wagenwand angebracht war. Das Weib hinwiederum war genöthigt, sich an dem Burschen festzuhalten, denn das Schütteln des Wagens wurde auf der Bergstraße immer ärger.

So weit kam’s, daß der gutmüthige Winzerssohn die Worte sagte: „Ich krieg’ keinen Athem mehr, Bäuerin!“

Als ob es ihr viel besser ergangen wäre! Ein arges Fieber war in ihr, ein Zucken in den Gliedern, ein Pochen im Herzen.

Die Erdenwege sind so herbe; der arme Pilger muß leiden und entbehren, kein Mensch kann’s glauben, was mitunter Eins in den Dreißigern aussteht!

Zum Glücke waren sie, als die Sonne unterging, auf der letzten Anhöhe. Da rief die Großbäuerin dem alten Michel „Halt!“ zu und raffte sich zusammen.

„So, Felix,“ sagte sie, „jetzt schau einmal hinab in dieses Thal, das ist die grüne Länd.“

„Wie heißt denn das Dorf dort mitten in den Bäumen?“ fragte der Bursche.

„Ein Dorf, meinst Du?“ lächelte die Bäuerin, „mein Lieber, das ist kein Dorf. Die Gebäude gehören alle zusammen, es ist der Ländhof!“

„Der ist groß!“ rief Felix aus.

„Ich denk’, wir werden Platz darin haben. Nicht wahr? Na, gelt!“

„Der ist groß!“ wiederholte Felix, „da kenn’ ich mich rein gar nicht aus.“

„Nu, paß’ einmal auf, Junge,“ sagte sie selbstgefällig, „dort das weiße Gebäude mit den zwei Fensterreihen ist das Wohnhaus. Unter den Bäumen hin rechts sind die Stallungen und Scheunen. Weiter rückwärts – man sieht ja die Funken aus dem Schornstein – ist die Schmiede und daneben mit dem Schindeldach die Mühle; sind drei Laufer; ich mahl’ für das halbe Oberviertel. Links vom Wohnhaus siehst Du die Dächer von einem zweiten Hause; in demselben sind die Vorrathskammern und die Gesindestuben. Das untermauerte Gebäude dahinter ist der Pferdestall; stehen fortweg sechs Rösser d’rin. Dann fangen die Obstgärten an, bis zum großen Anger hin, wo die Leinwandbleiche ist. Das Häusel daneben ist die Flachsbrechstube.“

Felix staunte und schwieg.

„Die grünen Wiesen,“ fuhr die Bäuerin fort, „die dort bis zum Wasser hingehen, geben dem Thal den Namen: die grüne Länd. Sie gehören alle zum Hof. Und dort der Birkenschach – die Schafweide – und die Felder bis hinauf zum Wald und die ganze Waldung, die dorthin liegt – und hinter ihr sind wieder Wiesen und Felder und Viehweiden und weiter hinauf die Alm – Alles gehört zum Ländhof. Ich hab’ achtzig Stück Rindvieh und über hundert Schafe, ich hab’ die Pferde und das Kleinvieh – im Ganzen wie viel – aufrichtig muß ich’s sagen – ich weiß es selber nicht. Nachher dort über dem Hof ist die Ueberfuhr über die Seim – kannst Du den gespannten Strang noch sehen? – Hast gute Augen. Und wenn Du mit der Plätten hinüberfährst an’s andere Ufer, so bist immer noch auf meinem Grund, Bis über den Bergschlag hin – Alles gehört zum Ländhof!“

Felix that einen Pfiff; das war ein Zeichen seines großen Staunens.

„Und dort,“ sagte er hierauf, „neben dem Schachen steht noch ein kleines Haus, das wird wohl nimmer dazu gehören.“

„Gehört Alles dazu!“ rief die Bäuerin, „ist aber nicht der Müh’ werth, ist das Ausnahmsstübel für die alten Leut’.“

„So wie in Zollau das Spital?“

„Auf ein Gleiches. Die alten Leut’, das sind die alten Besitzersleut’ vom Hof, welche die Wirthschaft den Jungen übergeben haben. Na, die haben im Häuserl dort ihr Ableben.“

„Nachher kommt die Ländhoferin auch einmal hinein,“ bemerkte der Winzerssohn, um zu beweisen, daß er die Sache begriff.

Darauf schwieg sie eine Weile.

Die Pferde trabten weiter.

Ein paar Bauersleute kamen des Weges und grüßten die Großbäuerin.

„Ja, ist schon recht,“ gab diese als Gegengruß, des Weiteren blickte sie gar nicht seitab.

Die Ländhoferin war überhaupt, je näher sie dem Gehöfte gekommen, desto gemessener, ernsthafter, ja fast herrisch geworden. Der Hirt, der eben die große Heerde vom Felde trieb und gerade noch lustig seine Schalmei geblasen hatte, machte ein mißmuthiges Gesicht, als er Roß und Wagen der heimkehrenden Bäuerin sah.

Felix grüßte ihm freundlich zu, als wollte er sagen: „Ich komm’ zu Euch und wir werden jetzt mitsammen leben und uns schon vertragen; ich bin ein lustiger Bursch!“

Als sie hernach in die Hofgasse einbogen und an der Leinwandbleiche vorüberrasselten, wo an einer Stange Garnsträhne zum Trocknen hingen, kam ein erwachsenes, aber zart gebautes, blasses Mädchen auf den Wagen zu und sagte in bescheidenem Tone: „Grüß’ Gott, Mutter!“

Die Bäuerin zerrte am Rockschoß des Kutschers: „Halten!“ Dann wendete sie sich gegen das anmuthige, helläugige Mädchen und rief: „Was, Du bist schon aus dem Nest, Du dalkete Dirn’! Und laufst um die Zeit auf der Gassen um? Du fragst einen Klenkas danach, was mir der Doctor kostet, wenn Dich wieder Dein Schönheitsfieber überkommt, Du unbesinntes Ding, Du! Und bist schon wieder so wohl und toll, so arbeit’ was! Siehst nicht, daß die Garnsträhne noch auf der Stang’ hängen? Sollen sie verfaulen?“

Tief erröthend und niedergesenkten Hauptes wendete sich das Mädchen und ging den Strähnen zu. Der Wagen rasselte in den Hof.

Da Felix nach solchem Auftritte die Bäuerin fragend angesehen hatte, so murmelte diese: „Ein einfältig Wesen das. Na ja, just, daß man sie nicht fortschaffen will, weil sie das Kind von meinem ersten Mann ist.“

Von meinem ersten Mann – so rutschte es ihr von der Zunge; war ihr doch, sie sitze eng neben dem zweiten.

Als der Wagen auf dem Standplatze vor dem großen Wohnhause still stand, kamen ein paar Weiber herangerannt, um die Herrin zu bedienen.

Einige Knechte, die abseits am Scheunenthor standen, glotzten nur so herüber und waren baß verwundert über den jungen Menschen, der mit der Bäuerin aus dem Wagen stieg.

Ein alter, einäugiger Kerl war unter ihnen, der knackte mit der Zunge, blinzelte mit dem einen Aeuglein und schnürfelte: „Hab’ ich’s nicht gesagt?! Hab’ ich’s nicht oft gesagt, der Alte dazumal hat die Birn nicht vom Baum brockt, sie ist schon auf der Erden gelegen. Heut’ bringt sie ihren ältesten Sohn; ’leicht hat sie noch etlich im unteren Viertel.“

„Mag wohl sein, das,“ gab ein Anderer bei, „im oberen Viertel kann sie keinen haben.“

Sie blinzelten gegenseitig, als ob sie sich verstünden.

„Wie viel Röck’ mag sie heut wieder am Leib tragen?“ warf der Einäugige aus, als die Bäuerin mit dem Burschen gegen den Eingang rauschte.

„Mag’s ein Anderer zählen.“

„Ist ein ganz prächtiger Kerl, der Junge. Schau wie fein! Jetzt läßt sie ihm gar den Vortritt in’s Haus.“

„Du, ihr Sohn, der kommt erst nach!“ bemerkte ein Anderer.

Da sahen sie sich vor dem Scheunenthor groß an und darauf murmelte der Einäugige: „Unsere Bäuerin ist gescheidt! – Das heißt Wein kaufen gehen!“

Es war gut, daß die Glocke zum Abendessen rief, da wurden die losen Mäuler mit Klößen gestopft.


Sie erglüht in Liebespein,

Er ist kalt wie Marmelstein.

Und erst das Weibervolk! Das war heute nachgerade verwirrt.

„Für mich und den Herrn das Essen auf’s Zimmer!“ hatte die Bäuerin befohlen.

„Der da,“ sagten sie in der Küche zu einander, „der mit dem geflickten Spenser-Ellbogen soll ein Herr sein? Zerrissen ist herrisch, geht das Sprichwort, aber geflickt ist bäuerisch.“

„Laß’ Zeit, laß’ Zeit,“ sagte eine Andere, „vielleicht hat er zerrissene Socken.“

„Ihr redet Alle wie nicht gescheidt,“ versetzte eine Dritte, „das muß man schon anders nehmen. Das ist nicht ein Herr, das ist der Herr! Versteht’s mich?“

Es wurde im Hofe die Suppe versalzen am selbigen Abend – so sehr war das Küchengesinde in Gedanken.

„Mir hat er gefallen,“ vertraute die Abwaschdirn’ der Köchin und rieb mit aller Macht an dem Milchzuber; – der Zuber wurde blank, aber das Wort war nicht mehr wegzulöschen.

Mittlerweile saß Felix, der junge Winzer, in der Stube der Bäuerin auf einem Ding, das wie eine gepolsterte Lehnbank war. Er saß sehr unbehaglich, denn das Polster gab keine Ruhe, schwoll auf und sank ein, schnellte hin und schnellte her, so oft sich der Bursche nur ein wenig bewegte.

Die Stube war hübsch ausgetäfelt, hatte einige Schränke mit uralten Verzierungen, mehrere Heiligenbilder und einen großen Spiegel mit vergoldetem Rahmen. Verschiedene andere Gegenstände zierten das geräumige Gemach, auf der Thüre waren die Zeichen der heiligen drei Könige geschrieben, die gar so segensvoll sind und sonderlich in keinem Frauengemache fehlen sollten. Der Bursche hatte noch selten eine so vornehme Wohnung gesehen.

Die Bäuerin commandirte mit der Stubenmagd und Allen, die sie ansichtig wurde, wie ein Wachtmeister herum; that dazwischen gefällige Blicke gegen Felix: ob er’s wohl merke, wer sie ist und wie ihr Alles hier dienet!

Auf dem Tische wurden zwei Kerzen angezündet; aufgetragen Braten mit Salat und Wein.

„Und jetzt troll’ Dich in Dein Nest; morgen heißt’s bei Zeiten auf’s Rübenfeld!“ Das war der letzte Befehl, den die Herrin der Aufwärterin gab.

Rübenfeld statt Weingarten! – Felix merkte, daß er nicht daheim. War es ihm aber im Weingarten jemals so gut geschehen als hier? Daheim zum Trank nur Apfelmost, den Wein verkaufen die Leute zumeist in’s obere Viertel. Im oberen Viertel wird er getrunken zum Braten. Zum Braten, der gemacht wird aus den Erdäpfeln und Rüben, die man den Schweinen in den Trog schüttet. Es kommt nicht darauf an, wie es der Boden giebt, sondern wie es der Mensch nimmt. – Das waren jetzt die Gedanken des jungen Winzers.

„So, mein Freund,“ sagte nun die Bäuerin zum Burschen. „So, jetzt pack’ an, da Dein Messer und Gabel. Nur allerweil flink und frisch, das mag ich leiden. Bist jetzt daheim. Aber so wirf doch Deine Joppe weg!“

Ist wahr, dachte sich Felix, wenn sie mir’s schon so gut meint, warum soll ich’s nicht vorwärtsgehen lassen!

Den Braten aß er ohne Salat, für den Durst vermißte er den Obstmost. Die Bäuerin, die an seiner Seite saß, schenkte ihm das Weinglas voll.

„Siehst Du,“ rief sie heiter, „ich selber trink’ aus Deinem Glas, wir wollen recht gut Freund werden!“

Werden? Dachte der Bursche doch, sie wären es schon; viel dicker läßt sich’s nicht mehr auftragen. Sie machte einen langen Zug – bewies es gründlich, daß ihr an seiner großen Freundschaft gelegen sei.

Des Weiteren – sie war ja auch daheim – lockerte sie die Kleider in etwas und löste ihr Haar, das schön und reich war, und strich mit zarter Hand seine Locken zurück.

„Ihr seid aber recht verschwenderische Leut’ im oberen Viertel,“ bemerkte Felix, „zwei Kerzen auf einmal brennen lassen – grad’ wie beim Altar.“

„Ist auch wahr,“ rief die Bäuerin und blies ein Licht aus.

Vielleicht war die Stube geheizt – im oberen Viertel ist das niemals sehr überflüssig – dem Burschen wurde warm, er knöpfte seine Weste auf, es macht nichts, er hat heute ja ein weißes Hemd am Leibe.

Die Bäuerin hatte in der Stube Einiges zu ordnen; ’s ist doch der Brauch, daß zur Nacht die Fenstertücher vorgezogen sind. Sie strich am Ofen, strich an der sittig verhüllten Bettstatt, strich an der Thür vorüber. Mit dem Ellbogen schob sie unversehens den Riegel vor und sagte: „Weißt, Felix, die heiligen drei Könige da mußt Du mir auch einmal frisch aufzeichnen.“

„Ja,“ sagte der Junge, „wenn ich’s nur kann, wie es die Ländhoferin haben will.“

Die Ländhoferin strich am Kasten hin und betastete ein erst kürzlich in der Webstube fertig gewordenes Leinwandfach. „Nein,“ sagte sie ärgerlich, „gar Schad’! nicht einmal webern können sie im oberen Viertel! Da habt Ihr daheim eine andere Leinwand! Jetzt schau einmal den Unterschied an!“ – Sie betrachtete das Fach und wollte dann auch den Brustlatz am Hemde des Burschen befühlen.

„Oha!“ lachte Felix abwehrend.

„Warum denn, Du närrischer Bub, wenn ich wissen will, was Du für eine Leinwand trägst!“

Je nun, wenn sie’s wissen will, was ich für eine Leinwand trage... warum soll sie’s nicht wissen?

„So trink’ was, Felix, Du nippest ja wie eine schwindsüchtige Jungfrau!“ sie schenkte ihm aber das Glas schon zum drittenmal voll.

„Oho, Ländhoferin,“ sagte der junge Winzer, „zwischen mir und einer Jungfrau ist ein Unterschied im Trinken.“

„Das möcht’ ich doch wissen, ob Du’s zuweg’ bringst und das Glas auf einen Zug leerst!“

Dabei trat sie ihm neckisch auf die Schuhspitze. Er faßte frisch das Glas und führte es zum Munde. – In demselben Augenblicke klang unten im Hofe ein Glöcklein.

„Was ist denn das?“ fragte Felix mit gehobenem Glase.

„Du Närrchen, wirst Dich doch vor dem Abendläuten nicht schrecken?“

„Ist das Abendläuten, so muß man beten,“ sagte der Bursche und stellte das volle Glas auf den Tisch zurück.

„Geh’, Du langweiliger Klosterbruder!“ flüsterte das Weib und hastig hob sie ihm den Becher zu.

„Nein,“ sagte Felix, „ich will das Mutterwort nicht gleich am ersten Tage schon vergessen.“

Er stand auf, trat an ein Fenster, zog den Vorhang ein wenig beiseite, sah in’s Freie hinaus und betete still.

Der Mond schien ihm in’s Gesicht.

Die Ländhoferin blickte hin und erschrak wirklich.

Vor Jahren, etliche Tage nach der Hochzeit hatte sie ihr Mann in die Residenz geführt. Sie hatten Alles besucht, was ihnen als merkwürdig bezeichnet worden war. Die Bäuerin erinnerte sich besonders noch an jenen hüllenlosen Jüngling aus schneeweißem Stein gehauen – eine einzig schöne Gestalt. Man hatte ihr gesagt, es sei das Bild von Gott Apollo. Sie hatte danach viele Nächte lang von diesem Bilde geträumt.

Und nun, da sie gegen das mondhelle Fenster hinblickte, wo der Jüngling stand, sah sie dasselbe blasse, einzig schöne Antlitz.

Wie ein kühler Lufthauch wehte es plötzlich durch die Stube. Die Bäuerin erhob sich langsam vom Sofa, stand still und sann.

Er will das Mutterwort nicht gleich am ersten Tage brechen! – Recht schön. – Es kommen der Tage noch mehrere. – Auch giebt es Leute, denen der erjagte Hase besser schmeckt, als der geschenkte. – Wollen es danach einrichten .....

„Na, Junge!“ rief die Bäuerin in entschiedenem Tone, „ich denk’, ’s ist Schlafenszeit!“

Da kehrte sich der junge Unterviertler um und sagte: „Mir ist’s recht, Bäuerin. Und morgen – was hab’ ich denn zu thun?“

„Der Altknecht wird Dich weisen,“ beschied sie kurz.

Hierauf brannte sie die zweite Kerze wieder an und öffnete eine Seitenthür. Diese führte in eine Stube, die fast so schön und bequem eingerichtet war und auch ein so hochgeschichtetes Bett enthielt als das Zimmer der Bäuerin.

„Die heutige Nacht schlafst im Zimmer von meinem seligen Mann,“ sagte sie, „in der Knechtestube ist noch kein Bett gerichtet.“

„Ja, gute Nacht, Bäuerin,“ sagte Felix und trat in sein Gemach.

Sie blickte ihn noch einmal an. „Und gieb Acht, was Dir die erste Nacht träumt – ’s ist bedeutsam. Gute Nacht, Froschreiter.“

Sie zog die Thüre zu, er war allein in der Stube.

Eine Weile stand er völlig unbeweglich da und starrte d’rein. „Ist seltsam, das!“

Es ist nicht sein Dachkämmerlein im Winzerhause. Das ist die Wohnung des Großbauers auf dem weit berühmten Hof, genannt die grüne Länd. Wie oft hatte Felix davon gehört. Im Ländhof dienen, das war eine Ehr’. Im Ländhof werden die Thaler nach Scheffeln gezählt! ging der Spruch. Vor einem Ländhofer wird sogar der Amtmann höflich. Einen Rinderschlag giebt’s im Land: mattbraun, mit kurzen Hörnern und gar feinfleischig – er wird die Ländhofer-Race geheißen. Der Schullehrer in Zollau hat eine Landkarte, darauf ist auch die grüne Länd verzeichnet.

Und nun, der Felix, der arme Winzerssohn – er stand mitten in der Herrnstube des Ländhofes, er sollte im Bette des Großbauers schlafen und im Hofe verbleiben und –

– Und –?

Und sie wollt’ ihm über das Soldatenleben hinaushelfen. Und anstatt ein gemeiner Soldat der Ländhofer sein.... Sapperlot! – Na, für heut’ legen wir uns schlafen.

Flink warf er seine Kleider von sich, löschte das Licht aus und sprang in das Bett. Schier einen Hilferuf ließ er fahren, denn er meinte, er versinke auf der Stelle in den hochgeblähten Polstern.


Ein stiller Gang in kühler Nacht

Hat Manchen schon um’s Herz gebracht.

Ein feines Bett ist nicht immer ein gutes Bett. Daheim im Winzerhause legte sich Felix auf’s Maisstroh und schlief. Hier nach diesem vielbewegten Tage sank er in die Federn und wachte; wälzte sich hin, wälzte sich her, zog die weiche Decke über die Achseln, warf sie wieder zurück – und wachte.

Wohl wahr, das sanfte Ruhekissen eines guten Gewissens lag ihm unter dem Haupte – aber wenn allerlei Gedanken tanzen im Kopf – Gedanken von Macht, von Reichthum – so ist’s mit dem Schlafe vorbei. Der Gedanke daran allein schon kann das Glück eines süßen Schlummers zerstören.

Zum Ueberflusse fing auch das Herz zu sprechen an; doch hatte es keinen anderen Wunsch als den: wäre ich lieber daheim! – Wie es nur so öde sein kann in einem so großen Hof! – Sonst hörte er vom Schlafkämmerlein aus das leise Rauschen der Seim, das Schnarchen des Vaters und dann wieder das Wimmern der kleinen Geschwister. Hier Alles so still – auch die Stockuhr rastet, wer weiß, wie lange schon. Und nur die Begierden und hochmüthigen Wünsche sollen ruhlos sein in diesem Hause?

Fast unheimlich wurde dem Burschen. Er richtete sich im Bette auf und sah nichts als die mondhellen Fenster, und hörte nichts als das Pochen in seinen Schläfen. Endlich stand er auf, ging an’s Fenster und blickte hinaus in den Baumgarten, auf dessen Büschen der Reif des Mondlichtes lag. Dann schlich er in der Stube umher und suchte ein Wassergefäß; ihn dürstete. Doch fand er keinen Krug, keine Lobe. In einem Hause mit solchem Ueberfluß vergessen sie auf das liebe Wasser nicht bedenkend, daß Alles, was der Wein entzündet, nur das Wasser wieder löschen kann.

Was blieb ihm übrig, als in den Hof hinabzugehen, wo er bei seiner Ankunft den sprudelnden Brunnen sah. Leise – mit großer Vorsicht, daß er die in der nachbarlichen Stube ruhende Bäuerin nicht wecke – kleidete er sich an. Als er nun aber das Zimmer verlassen wollte, fand er die Thür, die in den Vorgang zu führen schien, fest verschlossen.

Er versuchte den Eisenriegel mit der freien Hand zurückzuschieben – nicht möglich, das starre Federschloß hatte einen Blechmantel über.

Felix machte vor Ueberraschung einen gedämpften Pfiff, dann murmelte er: „Jetzt hat sie mich eingesperrt.“

Er suchte lange nach einem Schlüssel und fand keinen. Rathlos stand er da. Der Durst wäre schließlich noch zu verwinden, aber eingesperrt will er nicht sein. – Was hat sie ihn einzusperren!

Die Fenster sind groß genug, um durch dieselben hinauszusteigen, haben aber Gitter. Es ist ja begreiflich, daß sich der Ländhof gegen außen hin absperrt, doch, die redlichen Bewohner einschließen? Das ist keine Mode. – Traut man ihm nicht, dem Unterviertler? Oder will man ihm zeigen, daß er unter Herrschaft ist? Seine Herrschaft ist der Kaiser.

Dem Burschen kam der Trotz. „Weiß noch einen andern Weg in’s Freie,“ sagte er zu sich, „und ehvor ich mich gefangen halten laß’ wie ein erhaschter Vogel –! Wenn nur nicht etwa auch diese Thür –“

Er legte die Hand an die Klinke der Thür, durch die er gekommen war. Sie gab nach – Felix stand im Schlafgemache der Ländhoferin. – Der Mond schien auf die weißen Linnen ihres Bettes. Sie ruhte in einer anmuthigen Stellung. Nur einen kurzen, aber seltsamen Blick warf Felix auf sie hin, um dann auf Zehenspitzen der gegenüberliegenden Thüre zuzueilen. Diese öffnete er mit leichter Müh’ und schlüpfte in den finsteren Vorgang.

Es dauerte lange, bis er sich über die Stiege hinabgriff. Das Hausthor war ungesperrt.

Vor dem Brunnen kniete er hin und trank. Die Nacht war so schön und mild. Er schritt weiter hinaus zwischen den Stallungen, hörte hier ein Rind blöken, dort eine Ziege meckern, oder ein Pferd wiehern, oder einen alten noch wachen Knecht poltern. Vielleicht schritt der gute Junge auch an Geheimnissen vorüber. Ein solcher Hof ist reich an nächtlichen Thaten und Begebenheiten; denn nur die Nacht gehört dem Gesinde für sein eigen Leben, am Tage muß es dienen. In der Nacht hat manche Magd die Pfaid ihres Freundes auszubessern; in der Nacht muß der Knecht die schadhaften Schuhe seiner Liebsten besohlen; denn das Nähen versteht sie und das Schuhflicken er, und so ist auch im Bauernhofe die Theilung der Arbeit eingeführt.

Auf die grüne Länd schien derselbe Mond, wie daheim über die Weinberge – so ging Felix zur stillen nächtlichen Weile ein wenig spazieren. Er wendete um den Hof und ging am Ufer der Seim entlang. Der Fluß war auch hier nicht viel kleiner als im unteren Viertel. – Diese Wellen, in welchen der Mond schimmert, wann können sie am Winzerhause vorbeifließen? Ja, bishin wird die Sonne schon hoch am Himmel sein und da steht vielleicht der kleine Anton am Ufer und wirft Steinchen in das Wasser. „Warum gehen keine Schiffe auf dir, du liebe Seim?“

Auf dem Rückweg schritt Felix durch den Baumgarten. Manch’ schwarzen Balken, wie sie auf dem thaunassen Boden umherlagen, überstieg er mit vorsichtigem Fuße, und lachte sich selbst aus, wenn es schließlich kein Balken war, sondern blos der Schatten eines Baumstammes. Ueber den Laden der Kugelbahn, den er für einen Schatten gehalten hatte, stolperte er. Eine Kugelbahn und daneben in der Rinne die Kugel! besser könnte sich doch gar nichts schicken, um die Grillen zu vertreiben. „Wenn’s auch Nacht ist, probiren wir’s einmal! Stehen Kegel auf dem Kreuz, so werden sie wohl fallen.“

Mit frischem Knabenmuth hob er die Kugel, wog sie in der Hand, schupfte sie kunstgerecht mehrmals aus der Lage, um sie sicher zu fassen, stellte sich an, schwang etlichemale den Arm – auf dem schmalen Laden glatt und scharf rollte die Kugel hinaus, und in der Laube stürzten klingend die Kegel.

In demselben Augenblicke huschte eine Gestalt aus der Kegellaube und wollte abseits eilen.

„Oho!“ rief Felix munter, „hat sich ein Schelm versteckt gehalten?“ Er verfolgte das Wesen und erjagte es.

„Laß’ mich weg!“ hauchte die Gestalt und brach in Schluchzen aus. Er sah ihr in’s Angesicht; jenes blasse Mädchen war’s, das bei der Heimkehr der Bäuerin das treuherzige: „Grüß Gott, Mutter!“ gerufen hatte.

„Du Närrle, Du, was ist Dir denn geschehen?“ fragte der Bursche theilnehmend. Sie weinte noch mehr, und ihr Bestreben, aus seinem Arm zu entkommen, war fruchtlos.

„Jetzt will ich’s just wissen!“ fuhr er fort, „und jetzt komm’ und setze Dich da mit mir in die Laube. – Siehst Du, alle Acht’ hab’ ich getroffen – nur Einer steht noch. Und jetzt mußt Du mir’s redlich erzählen, was Dir geschehen ist.“

„’leicht hast es selber gesehen,“ antwortete sie leise, „gelt, Du bist ja der junge Unterviertler, den die Mutter mitgebracht hat?“

„Auf’s Haar derselbe.“

„Und gerade Deinetweg – daß sie es so vor einem fremden Menschen gesagt – hat mir’s noch zu allermeist weh gethan.“

„Ich bin kein fremder Mensch, Dirndl, ich gehör’ jetzt auch zum Ländhof. Felix heiß’ ich, und wie heißest denn Du?“

„Seit mein Vater todt ist,“ entgegnete das Mädchen, „hat mich kein Mensch noch so gutherzig gefragt, was mir weh thut, als Du. Und weil Du die grobe Red’ von der Mutter schon gehört hast, und Du Dich doch noch nach mir umschaust, so vertraue ich Dir. – Ich heiße Constanze und bin das Kind vom Hause.“

„Von diesem Hause da! vom Ländhof?“

„Das einzige Kind.“

„Und die Bäuerin, die ist gewiß Deine Stiefmutter, Constanze?“

„Als meine Mutter gestorben ist,“ sagte das Mädchen, „bin ich sechs, und als mein Vater die Unterviertlerin geheiratet hat, bin ich sieben Jahr’ alt gewesen.“

„I, dann freilich,“ versetzte der Bursche, „eine Stiefmutter ist des Teufels Unterfutter.“

„Das darfst nicht sagen,“ verwies sie, „die Mutter hat auch ihr Gutes. Ich könnte sie gewiß recht lieb haben – ich mag keinem Menschen böse sein – aber sie peinigt mich.“

Die letzten Worte wollten fast ersticken. „Und jetzt,“ fuhr sie unter Schluchzen mühsam fort zu sprechen, „jetzt, da ich vom Krankenbett aufgestanden bin, wird es ’leicht noch ärger.“

„Bist krank gewesen, Constanze?“ fragte der Bursche in gar mildem Tone und legte seine Hand auf ihre Achsel.

„Es hat mich wer in den Keller eingesperrt,“ sagte das Mädchen, „sie hat mich hinausgeschickt in’s Kellerhaus, daß ich von den Sauerkrautkübeln das Wasser abschöpfe. Wie ich damit fertig bin und davon will, ist die Thür im Schloß. – Wenn Du einmal in den Keller gehst, so wirst es sehen, selber kann die Thür nicht zufallen. – Gerufen hab’ ich, bis mir die Stimm’ ist gebrochen. Kein Mensch hat mich gehört; das Kellerhaus steht ja oben beim Schachen. Die ganze Nacht bin ich im Gefängniß gewesen, erst am Morgen haben sie mich erlöst. Die Mutter ist am selben Tag nach Breitenschlag gefahren; die Leut’ haben gemeint, ich wär’ mit ihr. Ganz zufällig haben sie mich gefunden. Ja, und da habe ich mich so verkältet, daß ich in eine Krankheit gefallen bin.“

„Jetzt, wer hat Dich denn eingesperrt?“ rief der Winzer.

„Ja, dasselb’ wollt’ ich –“ sie unterbrach sich und flüsterte: „ich kann gar nichts sagen.“

„Du!“ sagte Felix, „vielleicht ergründ’ ich’s, wer im Ländhofe die Leut’ einsperrt. – Und jetzt, Constanze, bist wohl wieder brav gesund?“

„Wie vor etlichen Tagen die Mutter in’s Weinland gefahren ist,“ erzählte das Mädchen, „da bin ich noch im Bette gelegen, arg krank. Ist darauf aber schleunig besser geworden; und jetzt, wie die Mutter heimkommt – denk’ ich mir – da will ich ihr eine Freud’ machen, und daß sie gleich sieht, ich bin schon wohlauf, laufe ich ihr entgegen. – Wie groß ihre Freude über mein Gesundwerden gewesen ist, hast Du selber gesehen.“

„Thät man ihr’s ansehen?“ entgegnete Felix nach einem Weilchen, „gewiß nicht. – So möcht’ ich doch wissen, Constanze, was hat sie denn gegen Dich?“

Das Mädchen neigte traurig das Haupt.

„Und von Dir ist’s auch nicht recht,“ sagte der Bursche, „daß Du, kaum erst aus dem Krankenbett, jetzt in der kühlen Nacht da auf der Kugelbahn hockest!“

Felix selber war überrascht, daß er jetzt so gescheidt gesprochen hatte. Sein Vater und seine Mutter zusammen konnten kaum vernünftiger reden, als er es heute vor diesem Mädchen that. Und dabei fühlte er sich so gesetzt und bereit zum Beistand, er hatte selbst nicht gewußt, daß er so sein konnte.

„Das ist freilich wahr,“ entgegnete Constanze auf obigen Vorwurf, „aber ich hab’ mir nicht zu helfen gewußt, ’s ist mir so um’s Weinen gewesen, und da habe ich mich aus der Mägdekammer davon gemacht. In der Kammer spotten sie mich aus, wenn ich traurig bin. Sie haben es besser als ich; sie können davon gehen, wenn das Jahr aus ist, ich muß bleiben.“

„Ruck nur recht glatt an mich, daß Dir nicht kalt wird,“ sagte der Bursche. – „Aber die Bäuerin! So möcht’ ich doch wissen, was sie gegen Dich hat.“ – Völlig aufbrauste er.

Constanze schwieg. Sie hätte gern gesprochen, ihr ganzes schweres Herz ausgesprochen vor diesem guten Menschen. Aber die Klugheit gebot ihr Zurückhaltung; bislang wußte sie doch nicht, wer er eigentlich war und in welchem Verhältnisse er zur Bäuerin stand.

„Jetzt muß ich wohl in’s Haus,“ flüsterte sie und machte sich allmählich los von seinen Armen, die sie – sie wußte nicht wie – umgarnt hatten.

Felix hatte nicht mehr Lust weiterzukegeln. Er ging mit dem Mädchen bis zum Hause. Am Thore, wo sie sich trennten, gab er ihr das Wort: „Wenn ich eine Zeit lang im Ländhof verbleibe, Constanze, an mir sollst einen guten Freund haben.“

Dann schlich er die Stiege hinan, den Vorgang entlang, drückte alle möglichen Thürklinken nieder, bis endlich eine nachgab.

Unabwendbar durch das Gemach der Bäuerin ging sein Weg; behend huschte er an aller Anmuth vorbei und in seine Stube.

Er mußte sich gestehen, die Ländhoferin war ihm nun nicht mehr ganz gleichgiltig.

Bald schnarchte er in seinen Federn – und sie?

Sie seufzte im Traume.


Du sitzest auf weichem Loden,

Der Hof ist Dir bereit;

Du springst auf harten Boden,

O Junge, Du bist nicht gescheidt.

Am nächsten Morgen sprach die Bäuerin zum Altknecht: „Jetzt will ich Dir eins sagen, wenn ich Dir nicht zwei sag’.“

„Ja,“ antwortete der Knecht.

„Der Bub’, den ich vom Unterviertel mitgebracht hab’, ist ein Geschwisterkind von mir. Der wird dableiben, und wenn er sich heut’ die Wirthschaft ansehen will, so geh’ ihm zu Handen. – Jetzt weißt es, und jetzt rühr’ Dich wieder vom Fleck, Du alter Scherben.“

Der Knecht aber blieb vor ihr noch stehen, pfusterte mit der Nase und sagte dann mit ganz gutmüthiger Stimme die Worte:

„Bäuerin, zu Neujahr hab’ ich gesagt, wenn ich mir die Grobheiten gefallen lassen muß, die seit des Bauers Tod im Hof herumfliegen wie die Gelsen, so verlang’ ich um zehn Gulden mehr Jahrlohn. Heut’ sag’ ich, um zehn Gulden thu’ ich’s nicht und die Bäuerin soll sich für nächst Jahr um einen andern Altknecht schauen.“

Dann ging er langsam davon und war schier um ein paar Zoll länger als sonst.

Die Ländhoferin war nicht einmal erbost. Sie dachte an einen jungen Altknecht.

Felix ging am selben Tag zu seiner eigenen Ueberraschung auf der grünen Länd’ um, wie der Gutsherr selber. Die Arbeiter grüßten ihn höflich, munkelten aber allerlei Ungereimtes, sobald er wieder davon war.

Er ging in den Wald, sah dem Baumfällen, Brennholzbereiten und Streusammeln zu. Er ging auf die Wiesen, wo Herbstmahd war; er ging auf die Felder, in die Gärten, wo die Spätfrüchte eingethan wurden. Er ließ sich über den Fluß führen, um die jenseitigen Flachsarbeiten zu sehen. Dort wurde der auf freier Au gebleichte Flachs gehoben und in Büschel zusammengebunden.

Felix verstand von Allem nichts – er verstand nur, wie man die Reben zieht und die Trauben preßt. Eine Magd aber war doch so dienstbar, ihn zu fragen: „Bauer, wird der Haar (Flachs) auch heuer wieder mit Strohbändern gebunden?“

„Ja freilich,“ gab der Winzerssohn zur Antwort; er sah nicht ein, warum gerade heuer die Regel unterbrochen werden sollte.

Das Mißliche war, daß – wenn man ihn so hoch hielt – er den Würdevollen spielen mußte und nicht in seiner kecken, lustigen Weise jauchzen und singen durfte. Er ließ es gar so hart. Die Lustigkeit steckte in seinem Blute, wie der Geist im Weine. Aber wenn es schon ist oder werden wird, wie es aussieht, so –

Kurz, der Ländhofer muß ein gesetzter, ernsthafter Mann sein. Beim hellen Tag sah ja Alles anders aus, als in der Nacht – wer wollt’ nicht Großbauer sein!

Als Felix von seinen Besichtigungsgängen in den Hof zurückkehrte, harrte seiner der Schneider. Für den jungen Mann ein neuer Anzug war bestellt. Die Bäuerin stand dabei und leitete das Beginnen, als der Meister das Maß nahm. Das Maß um den Oberkörper des Burschen, die Breite der Brust, der Achseln, die Länge der Arme; dann die Weite der Hüfte, die Höhe vom Stiefelabsatz bis zur ersten Rippe und die Höhe der Schenkel.

„Ist mir nicht bald Einer vorgekommen, so bildsauber gewachsen, als der da!“ murmelte der Schneider in den Maßfaden hinein, den er zwischen die Zähne genommen hatte. Die schönheitssinnige Ländhoferin nicht minder freute sich der Wohlgestalt.

Am Nachmittage nahm die Bäuerin den jungen Günstling in die Vorrathskammer mit. Korn und Obst, Gemüse und Fleisch, Speck und Fett in unerhörter Fülle. Der Sohn des armen Winzers that den Mund auf – aber nicht vor Hunger heute, sondern vor Staunen. Die Bäuerin hielt ihn fest am Arm und zerrte ihn weiter und jener Kammer zu, wo riesige Ballen von Flachs und Leinwand, Wolle und Lodentuch aufgeschichtet waren.

„Da such’ Dir einmal Eins aus,“ sagte die Ländhoferin, „’s ist lauter Winterstoff; ich denk’, Du nimmst dunkelgrau, das wird mit grün fein ausgeschlagen und steht gut! – Ei, setzen wir uns ein wenig nieder, da können wir’s bequemer überlegen.“

Sie setzten sich auf ein braunes Lodenbündel.

„Nun,“ fragte sie hierauf lächelnd, „Felix, was sagst Du zum Ländhof?“

„Da kann man gar nichts sagen, als: den möcht’ ich haben,“ versetzte der Bursche.

Die Bäuerin wartete eine Weile auf ein weiteres Wort, aber Felix befühlte das grobe Schafwollentuch, wie dick es sei und wie weich und dachte: Das wär’ mir schon recht für den Winter.

„Mit dem Ländhofe wärst zufrieden?“ fragte die Bäuerin lauernd.

„Wollt schier mit ihm zufrieden sein.“

„Und – die Ländhoferin, meinst, wär’ nicht vonnöthen?“

„Gehört freilich auch dazu,“ versetzte der Bursche und zupfte am Lodentuch.

Dann schwiegen sie Beide – schwiegen so lange, daß sich ein Mäuschen versucht fand, aus seinem Versteck zu lugen. Hastig schreckte das Thierchen zurück, denn es hatte plötzlich die glühenden Augen des Weibes gesehen.

„Felix,“ sagte nun die Ländhoferin unter einem seltsam schweren Athem, „Felix – Felix, weißt Du, daß ich Dich unbändig gern hab’?“

Der Unterviertler sah sie an mit großem, klarem Auge. Ohne ein Lächeln und ohne ein Erröthen sah er ihr in’s Antlitz und – schwieg.

Da haschte sie nach seinen Händen, zog dieselben hastig an sich: „Herzensbub! Du bist mir angethan, und bei meiner Seel’, ich mach’ Dich zum Ländhofer! Du lieber Bub, Du Herzensbub!“

Beide Arme schlang sie um seinen Nacken, mit heißer Leidenschaft küßte sie seine Stirne, seine Locken, seine Augen, seinen Mund.

Er ließ es geschehen, bis sie vor Liebkosung wie erschöpft war. Dann zog er sein rothes Sacktuch hervor und wischte sich damit das Angesicht ab. Sie meinte, es wäre ihm so heiß.

Wieder ein Weilchen verstrich.

„So rede auch Du was!“ rief plötzlich die Bäuerin fast zu laut, „Du sitzest da wie ein hölzerner Heiliger, gerade, daß Du noch keinen Schein hast. Weißt nicht, daß ich Dich um was gefragt hab’?“

„Gefragt hat mich die Bäuerin um was?“ entgegnete verwundert der junge Unterviertler.

„Magst denn nicht der Ländhofer sein?“

„Wohl, wohl,“ sagte er, „wenn’s Euer Ernst ist, Bäuerin.“

„So sag’ doch Du zu mir, Du langweiliger Mensch. Und muß ich Dich denn geradeaus fragen, Felix: magst mich?“

„Ei – wohl, wohl, Bäuerin,“ entgegnete der Bursche zerstreut, „aber schau doch, wie sie sich plagen muß.“

Er blickte durch das nahe Fenster hinab in den Hof, wo Constanze bei einem Obstwagen bemüht war, einen vollen Aepfelsack abzuladen. Die Kraftanstrengung des Mädchens schien vergeblich. Da sprang Felix vom Lodenballen auf, schrie: „Wart’, ich helf’ Dir!“ schwang sich zum Fenster hinaus und sprang auf die Erde hinab. Mit einem kräftigen Ruck warf er den Sack auf seine Schulter: „Wohin damit?“

Constanze ging voraus auf die Obstschütte; Felix folgte ihr mit den Aepfeln.

Und die Bäuerin in der dunklen Kammer schleuderte wüthend die Wollen- und Leinwandbündel durcheinander.

Und dem Mäuschen war beklommen in seinem Neste.


Herrschaft – Knechtschaft.

Mit in die Seiten gespreizten Armen stand die Ländhoferin vor Constanze: „Dirn’, es ist aus der Weis mit Dir, Du gehst vom Hof!“

„Warum soll ich denn vom Hof gehen, Mutter?“ sagte das Mädchen, die Bäuerin traurig anblickend.

„Weißt Dich nicht schuldig? Natürlich nicht,“ höhnte die Herrin, „bist allerweil die brave, fromme, folgsame Dirn’, Du – Schau, wie Du Dich verstellen kannst, Du Schlange! Heimtückisch bist! Stiftest die Leut’ auf! Der Altknecht geht! Weißt es schon, daß er geht? Deinetweg’ geht er! Den Anderen ist die Kost zu schlecht. Bist ’leicht Du die Erst’, die ihnen in die Ohren pfeift, früherer Zeit wär’ sie besser gewesen? Beim Tisch flink und bei der Arbeit faul, das ist Dein Gaul! Und andere Leut’ ziehst damit von ihren Geschäften und Pflichten weg!“

„Ich, Mutter?“ wagte Constanze einzuwenden.

„Wer denn staßt (stolzirt) leer voraus, wie eine Prinzessin und läßt sich die etlichen Aepfel nach in den Schüttboden tragen? – Und nachher noch ein Wörtel, meine Gnädige!“ Die Bäuerin that einen Schritt vor und stemmte die Arme noch fester in die Seiten: „Wer stiehlt sich denn des Nachts aus dem Hause und läßt den Dieben das Thor offen und streicht in den Büschen um und macht Zusammverlaß mit lüderlichen Lottern –?“

„Mutter!“ schrie Constanze auf.

„Leugnen willst!“ rief die Bäuerin, „bist gesehen worden, Du Saubere, mit dem Liebsten in der Kugelbahnlauben. Möcht’ ich ihn gern kennen, den Lumpen!“

Der Felix, der zufällig des Weges gekommen – es war in dem Hausflur – und ein wenig abseits stehen geblieben war, um nicht durch sein Erscheinen die Verlegenheit des Mädchens noch zu steigern, trat jetzt, da der „Lump“ aufmarschirt kam, vor und sagte: „Bäuerin, da red’ ich auch was mit.“

„Du!? – weißt was? Geht Dir heut’ einmal der Mund auf?“

„Auf der Kugelbahn – Unrechtes ist nichts geschehen.“

„Wer kann’s denn sagen, bist etwa dabeigestanden, Felix?“

„Freilich, Bäuerin,“ lachte der Bursche, „ich bin ja der Lump selber gewesen! – Na, Bäuerin, meinetweg’ macht’s nichts. Mag nur über die Constanze nichts aufkommen lassen.“

„Was kümmert denn Dich die Dirn’?“ fuhr ihn die Ländhoferin an, „Du sei still! – und die Dirn’ geht!“

Constanze schlich weinend davon. Felix ging seiner Wege. Er ging dem Schachen zu und sang ein Vierzeiliges:

„Schatzerl klein,

Mußt nit traurig sein,

Eh’ das Jahr vergeht

Bist Du mein.

Eh’ das Jahr vergeht

Grünt der Rosmarin,

Sagt der Pfarrer laut:

Nehmt’s Euch hin.

Grünt der Rosmarin,

Grünt der Myrtenstrauß,

Und der Nagerlstock

Blüht im Haus.“

Und bald darauf folgendes:

„Ich hab’ a liab Dirndl,

Just reich is ’s nit;

Was brauch’ ih a Reiche?

’s Geld hals’ ih nit.

’s Geld hals’ ih nit

’is mir all’s z’kalt;

Will ih Eine, nimm

Die mir g’fallt!“

Und lebendig, alllebendig war’s in ihm. Es war ihm heiß – und doch war der Sommer schon vorbei; es war ihm kalt – und doch der Winter noch nicht da. Wo kommt das Fieber her?

Jetzt wußte er’s gewiß, der Unterviertler, die Ländhoferin war ihm nicht gleichgiltig. Sein Puls ging rascher, wenn er an sie dachte. Er haßte sie. – Und sie will ihn in die Schürze fangen wie einen jungen Gimpel, der aus dem Nest gefallen ist?

„Oho, vornehme Ländhofbäuerin,“ trillerte er vor sich hin, „so gut soll’s Dir nicht gehen – Dir schon lange nicht. Du hast einen großen Hof, aber ich bin dafür nicht feil. Deinen Hof, den mag ich nicht – mag ihn nicht. Und bei Dir bleib’ ich nicht. Mit der Constanz’ geh’ ich weg und die laß’ ich nicht.“

Der Schneidermeister trippelte des Weges: „Je, schönen Tag, Bauer, morgen bring’ ich Hosen und Rock.“

„Brauch’ sie nicht!“ sagte Felix trotzig und schritt weiter und pfiff und sang und brummte, und lachte laut mit sich selber.

Das Lachen verging ihm bald.

Vom Walde heran schleppten zwei Landwächter einen gefesselten Bauernburschen. Dieser wehrte sich nach allen Kräften, stemmte sich, stieß und biß – und er war schon über und über blutig geschlagen.

„Na, mit Verlaub schön, der hat sicher wen umgebracht?“ fragte Felix einen am Feldraine stehenden Knecht.

„Bei Leib’ nicht,“ antwortete dieser, „umbringen thut der Keinen, das weiß ich. Ich kenn’ ihn. Ein Soldatenflüchtling ist es, hat Vater und Mutter daheim und ’leicht auch sein Mädel nicht vergessen mögen; ist dem Regiment durchgegangen. Nun, jetzt haben ihn die Sakra wieder in den Krallen. Ist verteufelt, so was! Dem geht’s nicht gut, der muß gassenlaufen. Wird geschlagen wie ein Hund. Dem hängt übermorgen das Fleisch vom Rücken. – Ist verteufelt, so was!“

Kein Wörtel sagte Felix. Er blickte noch lange der widerlichen Gruppe nach, dann schritt er weiter und hatte schwere Gedanken.

Winzerssohn, so wie diesem kann’s dir auch ergehen. Bleibst mit der Bäuerin nicht gut Freund, so bist auf’s Jahr um diese Zeit beim Soldatenleben, bist im fremden Land, mußt dich mißhandeln lassen von harten Menschen. Sollt’ ein Ehrendienst sein, der Soldatendienst; wolltest dich davor ja nicht fürchten. Das liebe Heimatsland muß seine Wächter haben – aber ’s ist ein Hundedienst. – Und Vater und Mutter daheim! Und thät dir gar der Gedanke an’s arme verlassene Mägdlein kommen! – Felix, so wie diesem kann’s Dir auch gehen.

„Meinetweg geht’s wie’s will!“ rief der Bursche laut, „die Ländhoferin mag ich nicht.“

Mag ich nicht! stimmte der Wald bei. Und zum Trotze einen hellen Juchschrei stieß Felix aus. Der Juchschrei gellte hin über die grüne Länd, hin über die blinkenden Dächer des Hofes und über die Seim.


Wie wollt’ ich gern ein Lied Euch singen

Von holder Minne süßen Dingen.

Hinter dem Hofe, wo die weißen Steine lagen und die weißen Birken standen, war die Schaftränke. Constanze saß auf dem Kopf des Wassertroges und sprach in menschlichen Worten zu den Lämmern.

Nicht in allen Fällen ist es Einfalt, wenn der Mensch menschlich mit den Thieren redet. Dichter thun es in ihrer Art, und man nennt sie deswegen gerade nicht einfältig. Jäger unterhalten sich mit ihren Hunden; alte, oft sehr geistreiche Jungfrauen mit ihren Katzen. – Ah, hast angebissen, Kerlchen! ruft selbst der Angler der gefangenen Forelle zu, und er muß es doch wissen, daß sie stocktaub ist.

Um wie viel erklärlicher ist es, wenn ein armes, einsames Menschenkind seine Zuflucht nimmt zu irgend einem Wesen, das ihm nie etwas Böses zugefügt hat, das es – wenn auch durch kein Menschenauge – treuherzig anblickt zu jeder Stunde – recht ergeben und recht vertrauend! Was Wunder, wenn das von seinem Geschlechte verlassene Menschenkind, das mittheilsame, sein volles Herz aufthut und sich ausspricht, ausweint vor dem guten Thiere, das so theilnehmend, so verständnißvoll zuzuhören scheint und gerade dadurch richtig das zu geben im Stande ist, was der Mensch sucht: Erleichterung und Trost.

Und wie viele Lebenslagen giebt es nicht, in welchen das vernunftarme Thier uns gerade so wesentlich zu trösten weiß, als der vernunftstolze Mensch! Und wenn man keinen Freund zu haben glaubt unter dem „gottbegnadeten Geschlechte“ – dann wendet man sich nicht allzu selten an den treuen Hund, an die geschmeidige Katze, an das gute Schaf.

Constanze saß am Troge, hielt ein fünf Wochen altes schwarzes Lämmchen auf dem Schoße und sagte zu diesem: „Heut’ und morgen kann ich dich noch lieb haben – heut’ und morgen noch.“ Sie küßte das Thier auf das Schnäuzchen. „Uebermorgen geh’ ich davon. – Es schmerzt mich hart, daß ich vom Heimatshaus muß fort. Aber denk’ dir selber, was hilft mir das Heimatshaus, wenn keine Mutter und kein Vater darin ist, und kein Bruder und keine Schwester. – Die Obermagd giebt mir den Rath, ich sollt’ streiten um meine Sach’. Das mag ich nicht. Ehvor ich streit’, eh’ lass’ ich Alles. Gut und Geld macht nicht glücklich. Wie geht’s mit dir? Du hast keinen Groschen und wirst dein Lebtag keinen kriegen; Du hast kein eigen Dach, und wächst dir eine Wolle, wirst es sehen, so scheeren sie dir die Leute ab. Und schau, ich hab’ noch Keines so lustig und froh herumhüpfen gesehen auf der grünen Länd, als gerade dich. Das will ich mir fort bedenken und so wie du recht zufrieden sein. Das Wünschen hab’ ich schon lang’ verlernt auf dem Ländhof und bin froh, wenn mich die Leut’ nicht spotten und schmähen. – Dich möcht’ ich wohl gern’ mitnehmen, mein feines, gutes Lämmchen.“ Wieder küßte sie das traute Thier, und dieses leckte ihre zarten, rosig angehauchten Lippen. – „Dich, Lämmlein, und den jungen Buben auch; der ist gar lieb mit mir und kennt mich doch erst seit ein paar Tagen. Ja du, den hab’ ich gern – wollt’ ihn halsen wie dich.“ Und zärtlich schmiegte sie den Kopf des Lämmchens an ihre erglühenden Wangen und herzte und küßte es mit solcher Hast, daß ihr die Locken über die Stirne glitten und sie den Mann nicht sah, der ganz nahe am Brunnentroge stand.

Schon drei- oder viermal während der wenigen Tage auf der grünen Länd ist unser Felix ganz verdächtig genau zu rechter Zeit am Platz gestanden. Es könnte das uns, seine Freunde, gewissermaßen in Verlegenheit setzen. Aber die Bäuerin hatte dem Burschen doch förmlich aufgetragen, er solle fleißig Umschau halten in allen Weiten und Winkeln des Hofes und unter den Leuten, daß er die Dinge und Zustände baldigst kennen lerne. Und so war Felix denn auch hinter dem Hofe, wo die weißen Steine lagen und die weißen Birken standen und wo das Mädchen am Troge das schwarze Lämmchen koste.

Er hatte die letzten Worte vom „jungen Buben“ gehört. Nicht weiter überlegte er – über ihre Achsel neigte er sachte sein Lockenhaupt vor, und Constanze schmiegte und koste und herzte – und jählings, aber zu spät wurde sie gewahr, es war nicht mehr das Lämmlein allein, das sie geherzt – es war auch der schöne, lächelnde Kopf des „jungen Buben“ dabei gewesen.

Sofort wollte sie sich in den Wassertrog stürzen, aber Felix hielt sie fest umschlungen und sagte: „Constanze, jetzt ist alle Rederei nicht mehr vonnöthen, wir haben uns gern und wir gehören zusammen.“

Es brauchte aber Zeit, bis sie sich von ihrem Schreck erholt hatte. Es war gut, daß die Schaftränke so dicht mit Erlen und Birken umgeben war.

Schließlich – das Lämmchen war längst aus dem Arm gesprungen – ließ Constanze es gelten: sie hätten sich gern und gehörten zusammen.

„Und jetzt merk’ wohl, Mädel!“ sprach Felix mit Nachdruck, „jetzt wird Dir im Hof kein ungeschaffen Wörtel mehr gesagt, oder die Leut’ kriegen es mit mir zu thun! Auch die Bäuerin schreckt mich nicht! – Ich möcht’ nur wissen, was sie gegen Dich hat!“

„Das kann ich Dir jetzt wohl sagen, Felix,“ versetzte sie. „Da hab’ ich eine Schrift, die ist an Allem Schuld.“

„Das muß ein höllischer Wisch sein!“ rief der Bursche, „verbrennst ihn denn nicht?“

„Ja,“ entgegnete Constanze, „gottswahrhaftig, das thät ich am liebsten. Aber das Papier hat mein Vormund und mein Vormund ist in Breitenschlag drüben.“

„Jetzt möcht’ ich doch beim Himmelherrgottskreuz wissen, was auf dem Papier Sauberes steht!“

„Es ist das Testament von meinem seligen Vater,“ sprach das Mädchen traurig, „mein Vormund hat es mir einmal vorlesen wollen; ich kann’s nicht hören, ’s thut mir mein Herz weh, denk’ ich an den armen Vater.“

An Felix’ Brust brach sie in ein krampfiges Schluchzen aus.

„Constanze, mein lieb’ Dirndl,“ versetzte der junge Mann, „Du bist allzu weichherzig. Schau, das soll man nicht sein auf der Welt.“

„Den Vater hat sie so hart behandelt, auf dem Todbette noch. ’s ist nicht zu sagen, was er neben ihr hat leiden müssen.“

„Kann mir’s jetzt wohl denken,“ entgegnete Felix, „aber schau, Constanze, so weinen mußt nicht. Wenn Eins da auch noch einmal leiden wollt’, was Andere schon gelitten haben – Dirndl, wohin thät Eins da kommen! – Fest auf die Füß’ stellen muß man sich und der Welt die Zähn’ zeigen! – Mußt mit dem Vormund reden, Constanze.“

„Das will ich thun; in der Sonntagsfrüh will ich nach Breitenschlag hinübergehen.“

„Warum erst in der Sonntagsfrüh, warum nicht morgen?“

„Ja, der Vormund ist Waldmeister und Werktags selten daheim. Und morgen möcht’ ich noch den Flachs einbringen helfen.“

„Daß sie Dich vom Haus jagen kann, steht gewiß nicht im Testament!“ sagte der Unterviertler.

„Ganz was Anderes soll darin zu lesen sein, wie mir der Vormund zu verstehen gegeben hat,“ entgegnete das Mädchen, „was auch der Will’, es bleibt eine böse Sach’, weil so viel Unfried’ daraus wird. – Nur den lieben Frieden wünsch’ ich mir, und ein wenig gern haben sollten mich die braveren Leut’ – sonst brauch’ ich nichts.“

„Gern haben,“ sagte hierauf der Winzerssohn in frischer Schalkheit, „gern haben, Constanze, will ich Dich schon sakrisch; doch ob ich Dich immer in Fried’ laß’, das kann ich Dir nicht versprechen.“

Hierauf wollte das Mädchen sein Lämmlein wieder, da dieses aber nicht mehr zu erwischen war, so mußte es sich bescheiden und den Burschen kosen.


Um Bräutigam und Haus

Spielt sie die letzten Karten aus.

Das Bett in den Knechtestuben war immer noch nicht fertig. Felix schlief immer noch im Zimmer des seligen Ländhofers.

Heute am Samstagmorgen klopfte der Winzerssohn höflich an die Thüre der Bäuerin.

„Na freilich, die läppischen Geschichten wirst auch noch treiben,“ rief die Ländhoferin von innen, „weißt ja, daß es aufgeht, sei nur kein solcher Blödling.“

Drückte der Bursche keck an und stand in der Stube.

Die Bäuerin saß auf ihrem Bette und war mit dem Ankleiden zum geringen Theile erst fertig.

„Thut nichts,“ sagte sie in ihrer Leutseligkeit, „wird nicht so heikel sein – ’s selb’ denk’ ich.“

Felix blieb in einer dem Knechte anständigen Entfernung stehen und sprach: „Hätt’ mit der Bäuerin nur ein klein Wörtel zu reden.“

„Was hättest?“ fragte sie, obwohl sie die Worte recht gut verstanden hatte, „wenn Du’s nur so in den Bart hinein murmeln willst – hast gar keinen – so mußt näher kommen.“

Er trat um einen Schritt näher und sprach um einen Ton höher: „Bäuerin, ich hab’ keinen Leihkauf (Angeld) auf einen Dienst im Ländhof angenommen, hab’ auch noch nichts gearbeitet und könnt’ mich ’leicht nicht schicken in die große Wirthschaft. Bäuerin, ich möcht’ wieder weggehen.“

Auf die Mittheilung befliß sich die Ländhoferin, eine sehr gleichgiltige Miene zu machen, die ihr annähernd auch gelang, und dann entgegnete sie: „So, weggehen willst wieder? Ist auch recht. Ich häng’ Niemanden an, und wer sich’s anderswo besser zu machen weiß, als er’s auf dem Ländhof hat, dem steht die Hausthür gern offen.“ Mittlerweile jedoch wurde der innere Sturm so mächtig, daß sie folgendermaßen ausbrach: „Ist das der Dank, Du Hungerleiderbub, der Dank dafür, daß man’s Dir so gut meinen wollt’? – Ich denk’ mir’s wohl, Du Stromer, mit der lüderlichen Dirn’ willst fort!“

„Dasselb’ ist fehlgerathen, Ländhoferin,“ versetzte Felix gelassen, „mit der lüderlichen Dirn’ nicht, die kenn’ ich nicht; aber – daß ich’s recht sag’, mit der Constanze will ich morgen nach Breitenschlag hinüber.“

Jetzt war’s offen. Die Ländhoferin tastete mit einer Hand nach der Bettwand; sie empfand einen plötzlichen Schwindel, sie meinte, es treffe sie der Schlag. Doch sammelte sie sich bald wieder insoweit, daß sie den Rock überwerfen und aus dem Bette springen konnte.

Da war Felix schon davon.

Die Ländhoferin trank viel kaltes Wasser an demselbigen Morgen. Drei Brände hatte sie zu dämpfen: die Liebe, den Haß und die Eifersucht.

Gegen Mittag hin wurde sie der Ueberlegung fähig. – Er will mit der Dirn’ fort? – Nimmermehr. – Wer kann ihn halten? – Niemand. – Aber die Dirn’ bleibt im Hause. Na, so herumlungern, das leichtfertige Volk, das wär’ das Rechte! – dagegen ist noch ein Herr da. Man ist verantwortlich für die Dirn’. Unter die Zuchtruthe gehört sie. Sie bleibt im Hause. – Dann wird auch er bleiben. Er muß weg von dieser Schlange. Sie müssen auseinander gebracht werden. Er muß fort.

Er fort? ein heißer Stich im Herzen der Bäuerin.

„Nein!“ sagte sie, „so weit ist’s nicht gekommen. Er kann nicht vernarrt sein in dieses blöde Schulmädchen – vor mir, mir, dem mannbaren Weibe –“ Sie blickte in den Spiegel. Wie vortheilhaft sah sie aus im Vergleiche zu diesem „ödweiligen, bleichsüchtigen Geschöpfe!“ – Und war sie nicht die Hausfrau, die Befreierin aus dem Soldatenjoch – hatte sie nicht gleichsam eine Krone zu vergeben? – Der Bursche ist schlauer, als er aussehen mag; er will sie, die Bäuerin versuchen, auf daß er rascher zum Ziele komme. – Gut. Wenn’s schon anders nicht mit ihm zu schaffen ist – zu Martini soll die Hochzeit sein. – Die Froschreiterleut’ im Unterviertel, das sind arme Schlucker, denen schickt sie für Allerheiligen einen Wagen mit Lebensmitteln. Und ausgemacht wird’s heute Abend noch – dann ist er festgebunden und die Dirn’ muß doch fort. Sie ist die Unheilstifterin im Hof – um Haus und Bräutigam geht der Streit. Diese unselige Creatur – weit muß sie weg – auf immer muß sie fort, und das heute besser, wie morgen!

An diesem Samstage wurde der vor Kurzem am jenseitigen Ufer der Seim aus der Bleiche gehobene Flachs eingeheimst. Der Strang der Ueberfuhr ächzte, der Endring des Seiles rollte hin und her und die Plätte – eine schwimmende Holzbrücke – glitt über das Wasser bis an’s andere Ufer und stets mit voller Flachsladung wieder zurück. Die Arbeitsleute waren in guter Laune, beim Flachs giebt es ein lustiges Hantiren – jetzt kommt er in den Dörrofen und nach wenigen Tagen ist das Brecheln. Das Brecheln ist ein Hochfest für den Hof. Da muß sie gerngebig sein, die Bäuerin, sonst fährt ihr Name schlecht von Mund zu Mund in der ganzen Gemeinde um. Und der hübsche Unterviertler, da wird er wohl auch beim Tanzen mitthun, wird gewiß recht fein tanzen – so manches Mägdlein im Hofe denkt daran.

Auch die Bäuerin denkt an das Brechelfest. Da wird sie das erstemal mit Felix in den Reigen treten, und das soll die große, öffentliche Kundgebung sein: die Ländhoferin heiratet den jungen Unterviertler!

Nur Acht haben, daß der Flachs trocken unter Dach kommt! – Es will – scheint es – grob’ Wetter werden. Im Gebirg’ d’rin hatt’s tagelang schon gestürmt und geregnet, das merkt man am Wasser. Wird auch auf der Länd nicht lange warten lassen, der Himmel sticht in’s Bleigraue. Windstöße rütteln an den Bäumen und die gelben Blätter flattern zu Hunderten hin über den Hof, über die Wiesen und in den Fluß. Das sind die Schwalben des Spätherbstes.

Felix ging in den Wirthschaftsgebäuden um und war heiter. Heute war er noch der junge Herr auf dem großen Hof; heute konnte er noch – die Hände am Rücken – spazieren, in die Vorrathskammern und in die Keller gehen und mit den Leuten schaffen. Und er schaffte wirklich mit ihnen und ordnete an, wie man dies und das zu machen habe. Er wußte es gut genug, daß er von den Dingen bislang noch nichts verstehen konnte, aber die Leute thaten nach seinen Worten – das war ihre Schuld und dem Burschen machte es Spaß.

Die Bäuerin kam an ihm vorbei. Er grüßte sie besonders frisch und artig. Sie lächelte, klopfte ihm auf die Achsel: „Bist ja gescheidt, Felix!“ und eilte davon.

Sie hatte ein großes Küchenmesser in der Hand und ging damit dem Krautgarten zu, um den Kohlbeeten die letzten Köpfe abzuschlagen.

Hinter dem Gebäude begegnete ihr Constanze, welche, als die Einzige zu dieser Arbeit, emsig beschäftigt war, die letzte Ladung Flachs von der Plätte in die Dörrstube zu schaffen.

„Stanze!“ rief ihr die Bäuerin zu, „bleib’ stehen!“ – „Hab’ gehört, Du wolltest morgen nach Breitenschlag hinübergehen?“

„Die Mutter hat ja gesagt, daß ich fort soll,“ entgegnete das Mädchen.

„Du bleibst!“ rief die Ländhoferin scharf.

„Vielleicht kann ich wieder zurückkommen,“ sagte Constanze gutmüthig, „aber zum Vormund will ich morgen doch hinübergehen.“

„Dirn’, Du bleibst daheim!“

„Den Sonntag hab’ ich für mich, Mutter!“

„Freilich, ’leicht zum Umflankiren mit dem Lotter?“

„Daß ich zu meinem Vormund geh’, laß ich mir nicht wehren!“

„Und zerrst den Jungen mit!“

„Wenn der Felix morgen auch nach Breitenschlag gehen will, ich kann nichts dagegen haben.“

Constanze eilte der Plätte zu. Sie erschrak selbst über das trotzige Wort, das sie gesagt hatte. Es war das erste in ihrem Leben. Sie hatte eben an den Ausspruch des Unterviertlers gedacht: „Fest auf die Füß’ stellen muß man sich und der Welt die Zähne weisen.“ Aber sie bangte jetzt; ein Lamm hatte dem Wolfe die Zähne gewiesen. Sie stieg mit ihren Tragbändern hastig in die Plätte hinab, die auf den bewegten Wellen schaukelte.

Die Bäuerin stand ganz sprachlos da und zum erstenmal ohnmächtig fühlte sie sich diesem Geschöpfe gegenüber. – Mit dem Burschen zum Vormund will die Dirn’? Dabei schaut für die Ländhoferin nichts Gutes heraus. – Die Bäuerin war blaß, wie die Steine am Ufer. Haß und Wuth wogten in ihrer Brust mit voller Gewalt. Sie fieberte, sie klapperte mit den Zähnen. – Was soll sie der Dirn’ anthun?

In den Bäumen brauste der Sturmwind und die Wellen des Flusses wogten hoch und schlugen gischtend an die Ufer und an die schaukelnde Plätte, daß hoch an die Flachshaufen das Wasser spritzte.

Hinter den Schichten kauerte, schwindlig durch das mächtige Schaukeln, Constanze. Der Strang der Ueberfuhr dröhnte, das Seil, an dem das Fahrzeug hing, spannte sich stramm, dehnte sich und klang im Sturme wie eine Saite. – Die Bäuerin sah es, und in diesem Augenblicke zuckte der wilde Gedanke auf. – Einen kurzen, funkelnden Blick in die Runde warf sie. Hier die Bäume, die Büsche, hier die morschende Scheunenwand, hier das Wasser – kein Mensch zugegen. – Mit glühender Kraft schwang sie das lange Messer, das sie in der Hand hielt, und schleuderte es gegen das gespannte Seil. Knallend riß dieses entzwei, hoch auf wallte die Plätte und schoß davon. – –

Schon kauerte die Bäuerin im Gebüsche; von diesem aus starrte sie auf die hochgehende, trübe Seim, starrte dem rasch hinwogenden Fahrzeuge nach. – „Wirst morgen nicht mit ihm zum Vormund gehen....“

Sie hatte, als das Seil gerissen war, hinter den Flachsschichten den Schrei gehört; – auch sie – die Bäuerin hatte einen Laut ausgestoßen – doch war’s wie Jauchzen.

Und nun – nun war ihr kühl und wohl, das Seil zerrissen – wer kann dafür! Die Plätte zerschellt am Felsen – die Dirn’ ist hin. Der Streit um Hof und Bräutigam ist aus....

Nach einer Weile, als unten an der Biegung, wo die Klamm angeht, das schwimmende Brücklein verschwunden war, athmete die Ländhoferin noch einmal auf, ging dann in den Hof zurück und schaffte wie gewöhnlich, nur daß sie mit den Leuten etwas freundlicher that als sonst.

Nach und nach hieß es: „Wo steckt denn die Dirn’, die Constanze so lang’?“

Da kam eine Magd herangeschossen: „Jesus Maria! Die Plätten, die Plätten ist weg!“

„Jesus Maria!“ schrie die Bäuerin noch viel lauter und schlug die Hände zusammen.

„Das Seil ist ab! Die Plätten ist fort! Die Dirn’ ist hin!“

„So geht doch, so eilt doch um tausend Gotteswillen!“ jammerte die Bäuerin und lief scheinbar in großer Aufregung im Hofe herum. „So läutet um Hilfe! So spannt doch die Pferde ein! Kann denn Keiner schwimmen? Jesus, mein Kind, das liebe Kind! – Wo ist denn der Felix?“

„Der Felix nicht da?“ riefen sie in alle Stuben hinein.

„Der Felix nicht da?“ schrieen sie in den Scheunen um.

„Wo ist denn der Felix?“ lärmten sie durch das ganze Gehöfte.

„Felix!“

Nicht im Hause, nicht in den Wirthschaftsräumen, nicht im Baumgarten war der Felix. Da kam der Halterbub und berichtete, den Felix hätte er voreh auf die Plätte steigen gesehen.

Jetzt war die Ländhoferin still und blaß bis in den Mund hinein. Jetzt wankten ihre Kniee – am Antrittstein der Hausthür sank sie nieder.

Verspielt. Der Felix ist bei der Dirn’!


In Graus und Todesbann

Steht fest und treu der Mann.

Ja, der Felix ist bei der Dirn’. Und wie ist er zu ihr gekommen?

Nichts leichter als das. Der Ursachen zum Stelldichein giebt es bei jungen Leuten, die sich gerne haben, übergenug. Der Flachs, der noch vor Abends von der Plätte geschafft werden muß, ist auch eine Ursache.

Felix, lange genug umhergeschlendert im Hofe, war gegangen, um dem Mädchen den Flachs abladen zu helfen. Constanze war dabei ja völlig allein und sollte noch vor dem Dunkeln fertig werden.

Doch ging die Arbeit auch zu Zweien nicht sonderlich von statten. Das Mädchen war gewiß fleißig und eilte mit den Bündeln flink in die Dörrstube und war um’s Handumdrehen auch wieder zurück auf der Plätte. Der Felix aber, das war heute ein fauler Schlingel, er legte sich hin zwischen die Flachsschichten und reckte alle Viere von sich. Dieses Bett schaukelte ja so prächtig, und Constanze hüpfte neben ihm hin und her. Und ihr waren die Flachsbündel so leicht, und ihr war so frisch zu Muthe, wie nie noch zuvor, und es that ihr jetzt fast wohl, nun der Stiefmutter einmal ein selbstbewußtes Gesicht gezeigt zu haben.

Constanze sprang auf die Plätte; Felix wollte sich aus dem Flachse erheben.

„Bleib’ liegen,“ flüsterte ihm das Mädchen zu, „dort hinten steht just die Bäuerin.“

„Was frag’ ich nach der Bäuerin!“ versetzte er, „von der laß’ ich mir das Aufstehen schon lang’ nicht verbieten.“

In demselben Augenblicke schwirrte das Seil, die Plätte schnellte empor und schoß davon.

„Heiliger Gott!“ schrie Constanze und taumelte zu Boden.

„Der vermaledeite Strick ist gerissen!“ sagte Felix, setzte aber sofort bei: „Macht nichts, jetzt fahren wir lustig in’s untere Viertel hinab.“

„Und ist es nicht gefährlich, Felix?“ fragte das Mädchen zitternd und hörte im Sausen und Brausen das eigene Wort kaum.

„Wie kann denn das gefährlich sein!“ rief er laut; „wenn man über das Meer mit Schiffen fahren kann, so wird sich’s wohl auf der Seim auch thun. Höchstens, daß dieses Wasser zu klein wäre, dann trägt’s uns ohnehin an’s Land.“

„So will ich ganz ruhig sein,“ entgegnete Constanze.

„Setz’ Dich nur da an den Flachs und halte Dich fest an mich, Constanze, es kann uns nichts geschehen.“

Mittlerweile flogen die Auen, Büsche und Bäume der grünen Länd rasch zurück, und die Wogen umbrandeten mit Gischten und Brausen das Brücklein, das wie ein Kartenblatt auf den Wellen dahinglitt.

Felix that sich nach einem Ruder um, es gelang ihm nur ein paar schwache Stänglein vom Geländer der Plätte loszumachen. Constanze schlang ihre beiden Arme um den Nacken des jungen Mannes und barg ihr Angesicht an seiner Brust. Da die Ruderarbeit mit den nichtigen Holzstücklein zu nichts dienen konnte, so saß Felix lehnend am Flachshaufen, von welchem das Wasser ganze Theile fortspülte. Fest stemmte er seine Beine, seine Arme an die Balken des Floßes; mit trotzig geschlossenen Lippen starrte er hinaus auf den brausenden Fluß, auf die Ufer, die immer steiler und wilder wurden, bis endlich an beiden Seiten die schroffen Wände dräuten. Zum Glücke war das Gefälle hier geringer und das Wasser floß langsamer. Felix aber wußte nicht, welche Stellen noch kommen würden, er ahnte auch nicht, wie groß die Gefahr war, in der sie schwebten. Und so hub er, als ihm die Lage vertraulicher war, in seinem Uebermuthe an, hi! und hott! zu rufen, als wären ein Paar Rößlein gespannt an das Fahrzeug, und als habe er dieser Rößlein Leitriemen in den Händen.

Da richtete auch das Mädchen allmählich das Auge gegen ihn auf und fragte: „Felix, was wird das werden?“

„Wenn die Schimmel so fortmachen, so sind wir in zwei Stunden daheim,“ versetzte der Bursche, „Die werden schauen, wenn wir angefahren kommen!“

„Und können wir halten?“

„Vor dem Haus steht immer Eins am Wasser, das wird uns schon sehen, und wenn wir nur wollen, überall kommen wir leicht an’s Land hinaus.“

„Ich bitte Dich, Felix,“ sagte Constanze, „wenn’s geht, fahren wir gleich an’s Land!“

„Je, was fällt Dir ein, Dirndl!“ rief er, „hier an’s Land! Ist ja kein Haus und kein Weg weit und breit; wie kämest denn heut’ noch in’s Unterviertel? Hier auf dem Wasser geht’s am geradesten. Hi, Schimmel!“

Waren freilich recht lebhafte Schimmelchen, die schäumenden Wellen zu allen Seiten – schwer zu bändigen.

„Wenn’s nur nicht Nacht wird!“ wendete Constanze ein.

„Nacht wird’s schon!“ sagte der Bursche.

Und thatsächlich begann es unter dem trüben Himmel bereits zu dämmern. Der Wind stieß von verschiedenen Richtungen her, bald schob er im Bunde mit den Wellen die Plätte nach vorwärts, bald prallte er von den Seiten an, dann wieder stemmte er sich dem Flusse und dem Fahrzeuge entgegen. Das Brücklein drehte und wendete sich, ging im Kreise um sich selbst, kam nicht von der Stelle, und dann wieder schwamm es sausend voran und bohrte – was immer noch das Gefährlichste war – wie ein wilder Stier die Hörner in die Erde, die Ecken in das zischende Wasser.

Felix mußte häufig seinen Platz wechseln, um möglichst das Gleichgewicht zu schaffen. Constanze zitterte, schluchzte und betete und sah in der Gefahr eine Strafe für die Unehrerbietung, die sie heute der Mutter entgegengesetzt hatte. In welcher Weise jedoch ihr kühnes Benehmen gegen die Bäuerin mit dem Losreißen der Plätte zusammenhing, konnte sie wohl nicht ahnen.

„Du sollst Dich in den Flachs hinein vergraben, Constanze,“ schlug der Bursche vor, „Du wirst sonst allzu naß.“

Es wäre ihm angenehm gewesen, ihr so die Gefahr zu verhüllen, die er wachsen sah. Das Mädchen aber richtete sich plötzlich auf und sagte gefaßt: „Bist Du so mannbar, Felix, so will ich auch nicht verzagt sein....“

Felix hatte, um dem Nahen seiner Gegend gewärtig zu sein, den Wechsel der Landschaften beobachtet. Waldberge, Felspartien, Wildniß zumeist. Nur einmal hatte er hoch an einem Hange die Straße gesehen, auf welcher er vor wenigen Tagen mit der eroberungssüchtigen Großbäuerin gegen das obere Viertel gefahren war. Gar bald lenkten ihn von diesem Gegenstande die Klippen ab, an welche die Plätte zuweilen prallte, um sofort wieder seithin geschnellt zu werden. Die Brücke hielt fest zusammen. Felix hatte mit den dünnen Stangen des Geländers wiederholt das Rudern versucht. Die Gewalten der Fluth spotteten eines solchen Werkzeuges.

Allmählich war es nun finster geworden. Und so saßen die zwei jungen, lebensdurstigen Wesen im Dunkel der Nacht, mitten im brandenden Elemente.

„Das ist ein unglücklicher Samstagabend!“ murmelte Constanze, und dankte andererseits insgeheim der heiligen Jungfrau Maria, daß nicht sie allein, oder nicht er allein auf der Brücke gewesen, als das Seil gebrochen war.

Felix spähte durch die Dunkelheit in die Gegend hinaus, die sich geweitet hatte und nun schier dem unteren Viertel glich. Es wuchs sein Hoffen und sein Bangen. Ihm war, als müsse seine Heimat Hilfe bieten, als könne es gar nicht sein, daß sie an dem Häuschen der Eltern vorübertrieben, und es streckten ihnen nicht Vater und Mutter die Arme rettend entgegen.

Er that nun manchen lauten Schrei. Aber an den Ufern blieb es öde; nur von der Ferne her glühten zuweilen Lichter eines Hofes, eines Dorfes.

Da die Plätte nahe am Ufer trieb, so dachte Felix auch an das Hinausspringen, oder an das Erfassen eines Strauches. Doch ging die Fahrt zu schnell.

Wenn nun aber kein Anker ist und sie müssen an der lieben Gegend vorbei – dann –

„Dann heißt’s Testament machen,“ murmelte Felix. Gut, daß in dem Rauschen und Rollen das Mädchen die Worte nicht gehört hatte. – Constanze soll es nicht wissen, daß eine halbe Stunde unter dem Heimatshäuschen des Winzers die große Wehr ist, die auch den Hammerbach nach Zollau ableitet, eine hohe Wehr, an der schon Mancher zugrunde gegangen und an der auch der Plan gescheitert war, den unteren Gegenden durch Floßfahrten das Waldholz des Gebirges zu vermitteln.

Viele Leute aus Nah und Fern kamen alljährlich zur „Zollauer Wehr“, um den großartigen Wasserfall zu sehen. Nicht Menschen hatten die Wehr gebaut; hier senkte sich plötzlich die Gegend tiefer und daher der Abgrund. Von all’ dem braucht Constanze nichts zu wissen.

Allmählich wurde der Lauf des Wassers sachter; die Gegend verflachte sich. Felix erkannte einzelne Hügelformen, einzelne Baumgruppen, einzelne schimmernde Häuschen – er nahte seinem Heim.

Wieder erhob er seine Stimme. Ein ferner Widerhall antwortete ihm – aber Niemand kam an’s Ufer und die Plätte glitt weiter und weiter. – Plötzlich stieß der Bursche ein „Ah!“ aus. Er sah das beleuchtete Fenster seines Hauses. Das rothe Scheibchen rückte näher – Felix schrie nach allen Kräften seiner Lunge – gar vergebens war’s, es kam Niemand an’s Ufer.

In Feierabendruhe stand das Winzerhäuschen da. Am beleuchteten Fensterchen glitten Schatten vorüber – die Schatten der Personen, die in der Stube hin- und herwandelten. Sie beteten vielleicht eben die Samstagandacht, wobei der Vater mit der Betschnur gerne langsam in der Stube auf- und abschritt. Und die Mutter kniete wohl vor dem schlichten Hausaltare und gedachte des Sohnes, der fort von Heim in einen reichen Hof gegangen war, um dort sein Brot und Glück zu suchen. Sie ahnte gewiß nicht, daß dieser Sohn in Todesnoth auf dem Flusse vorbeizog.

Und der Schiffer rief vergebens. Das traute Haus blieb zurück und das Brücklein schwamm nun ruhig auf der breiten Seim dahin. Dahin und geradewegs den Schrecken der Zollauer Wehr zu.

Im Haupte des Burschen flogen, schwirrten, stürzten in Verwirrung die Gedanken durcheinander. – Jetzt kommt kein Ort, kein Haus mehr bis zur Wehr – Schiffer, Du bist auf Dich selbst gestellt. – Die losgerissenen Stangen erfaßte er und band sie mit den Strohbändern der Flachsballen aneinander. Dann zwängte er auf der Plätte einen der langen Eisennägel locker und riß ihn in Ermanglung einer Zunge mit den Zähnen aus dem Holze. Diesen Nagel schlug er vermittelst eines losen Balkens in das eine Ende der aneinander gebundenen Stangen.

Constanze verfolgte mit steigender Angst das fieberartig hastige Arbeiten des Burschen.

Am Ufer ging ein Weg entlang. Auf diesem Wege flimmerte jetzt ein Lichtlein, klang ein Glöcklein. Beim Scheine zu sehen waren zwei Gestalten, wovon die eine ein Priester im Chorrock, an der Brust das Heiligste tragend. Ein Gang in tiefer Nacht zu einem Schwerkranken.

Felix schrie nicht mehr um Hilfe; vom Ufer aus zu retten, war alle Zeit vorbei. Aber zu dem Mädchen sagte er die Worte: „Constanze, dort tragen sie das hochwürdigste Gut. Sie gehen zu einem Sterbenden, ’leicht magst Du beten....“

Da ahnte sie, daß es sich um Leben und Sterben handle. Sie fiel auf ihre Kniee, und ihr blasses Antlitz matt beschienen von dem am Ufer vorbeizitternden Lichtlein, betete sie....

Felix fuhr, ohne weiter aufzublicken, in seiner Arbeit fort. Brachte er diese in den nächsten Minuten fertig, so konnte es vielleicht noch zum Guten sein – sonst Alles verloren. – Schon hatte er den Eisennagel durch das Holz getrieben, da barst die Stange, der Nagel war wieder locker. Keine Kleinmuth jedoch war in diesem bedeutsamen Augenblicke an dem Burschen bemerkbar. Rasch kehrte er die Stange um, schlug den Nagel am anderen Ende ein – da engte sich schon der Fluß – die letzte Enge vor der Wehr – die Plätte trieb ein wenig gegen das Strauchwerk des rechten Ufers. Der Nagel saß fest – sachte, daß er nicht breche – bog ihn Felix zu einem Haken um, und nun, mit bebender Gier, warf er diesen Anker gegen das Strauchwerk aus. Die Stange war zu kurz. Schon hub die Plätte an, sich wieder vom Ufer zu entfernen; da erfaßte Constanze einen der kurzen Balken, stieß ihn als Ruder in’s Wasser, lenkte so ein paar fußbreit das Fahrzeug nach rechts, und Felix hatte sich mit dem Anker festgehakt im Buschwerk.

Unschwer war nun auf dem hier fast ruhigen Wasser die Plätte an’s Ufer zu ziehen; Constanze und Felix sprangen oder wanden sich vielmehr durch das Gebüsche an’s Land. – Der Bursche stieß einen hellen Juchschrei aus; das Mädchen sank auf die liebe feste Erde hin und weinte Freudenthränen.

Genau um diese Zeit des späten Abends schimmerte im Gewölke, das über der weiten Ebene stand, ein matter Schein. Höher und höher strebte er auf in seiner milden Röthe, einen weiten rosigen Bogen beschrieb er in den Wolken des Himmels.

Es war der Mond.


Die Ohren klingen, die Katzen röhren,

Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Für die Froschreiterleut’ im Winzerhause war das eine seltsame Nacht.

Zuerst der geisterhafte Ruf beim Abendgebete. Dann ging der Priester mit dem Sterbesacramente vorbei. Ein alter Mann im Johannesthal lag auf den Tod. Man hatte vor dem Einschlafen für ihn noch etliche Vaterunser gebetet. Aber es war keine Ruhe. – Um Mitternacht kamen sie an.

Die Mutter hatte den Felix schon am Klopfen an die Thür erkannt. Der Vater hingegen hatte es nicht glauben wollen, daß dieser Mensch mit der jungen Genossin sein Sohn sei.

Zuerst hatten sie bei dem schlechten Schein des Oellämpleins die weibliche Gestalt für die Ländhoferin gehalten; und jetzt war es eine ganz andere und noch dazu eine blutjunge Person; und die Leutchen – man sah’s gleich – waren recht gut mitsammen bekannt.

Der alte Froschreiter schoß in die Nebenkammer, schlug dort die Hände über den Kopf zusammen und jammerte: „Sonst ein so braver Bub gewesen und jetzt auf einmal zerrt er mir die Weiber in’s Haus!“

„Wir können niemand Fremden über Nacht behalten!“ sagte die Mutter scharf, einen Blick auf Constanze werfend.

Der kleine Anton war auch aufgestanden, der bot der Fremden sein eigen Bett an; die gefiel ihm viel besser als die dicke Ländhoferin.

Constanze blickte verzagt zu Felix auf.

„Ja, regnet’s denn draußen?“ rief die Froschreiterin, „Ihr seid bigott allzwei waschnaß!“

Und nun erzählte Felix die schöne Fahrt auf der Seim und die Rettung vor der Zollauer Wehr. Da ging es bald aus einem andern Ton im Winzerhause. Die Mutter packte den Sohn am Halse: „Nicht umsonst hat mir die letzt’ Nacht so geträumt! Allerweil bin ich auf der Hochzeit gewesen – und das ist das sicherste Zeichen, daß wer stirbt.“

„Ist ja Niemand gestorben!“ sagte der Felix.

„Aber sein hätt’s können, Du Narr! – Ach, Du liebes Kind!“ und fiel ihm wieder um den Hals.

„Beim Flachsabladen, hast gesagt, beim Flachsabladen wär’s geschehen?“ fragte der alte Winzer mit tief vorgebeugtem Haupte, und mit etwas unsicherer Stimme setzte er bei: „Was ist denn heut’ für ein Tag?“

„Heut’ ist gar kein Tag, heut’ ist die Nacht,“ erklärte der kleine Anton.

„Weil ich sagen will, wir müssen alle Jahr’ an diesem Tag eine Kirchfahrt auf den Schutzengelberg machen, aus Dankbarkeit für das Mirakel, das heut’ ist geschehen.“

„Eine warme Suppe wär’ mir noch lieber,“ sagte Felix; und da schrie die Mutter: „Weil Eins gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht! Ja freilich werden sie zu essen auch was haben müssen!“

Mitten in der Nacht knatterte das Feuer auf dem Herde. Ein Bund Maisstroh wurde in die Stube geschleppt und von jedem Bette des Hauses das beste Stück: vom alten Winzer das Leintuch, von seinem Weib’ die Decke, von der Tochter das Kopfpolster, vom kleinen Anton der Fußwärmerziegel wurde herbeigebracht, um davon der armen Dirn’ aus dem Ländhofe ein gutes Bett zu bereiten.

Dann aßen sie, dann gingen sie schlafen.

Noch bevor der Felix in seine Dachkammer hinaufstieg, sagte er zum Mädchen ein so warmherziges Wort, daß dem Alten, der es unversehens hörte, der Athem stehen blieb.

Nach all’ der Anstrengung und Angst schliefen die Schiffbrüchigen bald ein. Der alte Froschreiter wachte noch lange und murmelte ein- über’s anderemal: „Ist was dahinter bei diesen zwei Leuten! Ist was dahinter!“

Auch die Winzerin schlief nicht. Es klang ihr so in den Ohren und hinter dem Herde spann die Hauskatze – „’s ist noch nicht richtig!....“

Noch ehe der Tag anbrach, klopfte es am Fenster des Winzerhauses und eine rauhe Stimme rief von außen: „He, Leute, auf, ’s ist was geschehen! – Hat gestern spät Abends oder in der heutigen Nacht Niemand von da wahrgenommen, daß auf der Seim ein Floß herabgefahren wär’?“

Constanze sprang von ihrem Lager auf: „Der Vormund! Das ist ja mein Vormund!“

„Was höre ich denn!“ rief der von außen, „die Constanze? Und da d’rin wäre sie? O Du mein Gott! O Du lieber Gott!“

Bald war das ganze Haus wach. Der Mann draußen führte sein Pferd unter Dach, denn es stürmte, regnete und schneite; dann schritt er in die Stube.

Es war ein rauhgestaltiger, vollbärtiger Mann – es war Constanzens Vormund, der alte Freund des Ländhofer’s, der Waldmeister aus Breitenschlag.

„Mit dem bist gefahren? mit dem da?“ fragte er das Mädchen und versetzte dem Winzerssohn einen Handschlag auf die Achsel. Und hierauf mußten sie ihre Wasserreise und ihre Rettung wieder und wieder erzählen. – Der Waldmeister war froh, daß auf seinem Angesichte so viel Bart wucherte, in welchem sich ein paar unberufene Augentropfen leicht verstecken konnten.

„Jetzt aber, Ihr Leute,“ sagte endlich der Mann von Breitenschlag, „jetzt habe ich etwelches vom Ländhofe zu erzählen. Dort ist die Nacht nicht so glücklich abgegangen, als da im untern Viertel. – Ich darf’s auch Dir sagen, Constanze – die Ländhoferin ist gestorben.“

Ein mehrstimmiger Ausruf.

„Was hab’ ich nicht gesagt!“ rief die Froschreiterin, „mir hat frei so viel von der Hochzeit geträumt, und das hat kein gut Vorbedeuten. – Aber na, wie hat denn das mögen sein?!“

„Will’s wohl erzählen,“ sagte der Waldmeister. „Gestern in Breitenschlag – ’s ist schon dunkel worden – will mich just stät für den Sonntag einrichten – kommt ein Bot’ von der grünen Länd: groß Unglück geschehen, die Constanz’ und den jungen Unterviertler das Wasser vertragen – die Bäuerin auf den Tod krank. – Der Schlag hätt’ sie troffen in hellem Schreck, vor der Hausthür wär’ sie zusammengesunken und ich sollt’ eilends mitkommen. Ich frag’ nicht erst, wer der junge Unterviertler ist, spring’ auf mein Rössel und in einer Stund d’rauf bin ich im Ländhof. – Mit der Bäuerin ist’s vorbei, das seh’ ich gleich; blaß wie das Leintuch, liegt sie auf dem Bett, kann nimmer viel reden.“

„O Gott, meine arme Mutter!“ weinte Constanze.

„Geh’ Dirn’, sei jetzt still,“ sagte der Vormund, „hast Ursach’ zu klagen, so ist später auch noch Zeit dazu. Jetzt hör’ auf meine Red’. – Bäuerin, sag’ ich und geb’ ihr die Hand hin, was ist Dir so jäh widerfahren? – Ist’s der Waldmeister? fragt sie, wenn’s der Waldmeister ist, so möcht’ ich ein paar Wort’ allein mit ihm reden. – Drauf gehen die Leut’ aus der Stube. – Ländhoferin, sag’ ich zu ihr, hast ein Anliegen? – Ich möcht’ weinen, giebt sie zur Antwort, möcht’ weinen und kann nicht. Ein Teufel ist in mir. Waldmeister, ich verspür’s, ’s ist mein End’, auf einmal jetzt mein End’. Mein Herrgott wird mich nicht verlassen. Ich will Alles sagen. Waldmeister, ich kann ja nicht’s dafür, daß ich den Burschen so lieb hab’ gehabt. Geeifert hab’ ich mit der Dirn’, und ich hab’ sie wollen aus dem Weg schaffen. Ich selber hab’ das Plättenseil abgeschnitten –“

Wieder ein Schrei des Schreckens und Constanze rief: „Nein, Vormund, das kann nicht sein, das hat sie im Fieber gesagt.“

„Du bist eine gute Seel’, Mädel,“ versetzte der Waldmeister, „und das hat sie in der letzten Stund’ noch eingesehen. Um Verzeihung bitten läßt sie Dich für Alles; sollst recht glücklich sein auf dieser Welt. Das ist ihr letztes Wort gewesen.“

Constanze schluchzte bitterlich. Alle waren ergriffen.

„So hat sie mir’s anvertraut,“ fuhr der Waldmeister fort, „wie sie Alles gemeint hat, das muß ich erst von Euch erfahren. – Nun, und die Leut’ sind an der Seim dahingeeilt, und um Mitternacht, da die Bäuerin verschieden war, bin auch ich auf mein Pferd gesprungen und dem unteren Viertel zugeritten, daß ich doch eine Spur von Euch könnt’ entdecken. ’s ist mir gut gerathen, Gott sei Lob, ’s ist mir gut gerathen.“

„O, arme Mutter,“ klagte Constanze, „sie ist gewiß eine brave Frau gewesen und hat’s nicht bös’ mit mir gemeint!“

„Den Todten nichts Uebles, aber die Wahrheit muß an’s Licht,“ sagte der Vormund. „Kind, die Bäuerin hätte Dich vielleicht lieb gehabt, wenn nicht Deines Vaters Testament vorhanden gewesen wäre. Sie hat es gewußt, daß Du mit dem Eintritte Deiner Großjährigkeit der Herr auf dem Ländhofe sein wirst.“

„Ich bitt’ Euch, laßt mir jetzt diese Dinge weg!“ rief das Mädchen, „es hat uns erst der Tod die Hand gegeben.“

„Wohl, wohl, aber jetzt kommt wieder das Leben d’ran,“ versetzte der Waldmeister, „ich bin der Vormund und mir ist darum zu thun, daß Du jetzt weißt, wie es steht und was Du zu thun hast. Von heut’ an werden alle Schriften über den Ländhof auf Deinen Namen lauten. Ich bin ein betagter Mann und hab’ auch auf mein Haus zu denken, aber ich werde Dir in der Wirthschaft helfen, bis Du einen anderen, jüngeren Vormund wirst gewählt haben.“

Felix nieste. „Helf’ Gott!“ sagte er für sich selber, „und wahr soll’s sein, was ich mir jetzt gedacht hab’!“


Felix kommt auf die Länd’

Und die Geschichte ist zu End’.

Den Erzähler könnten wir jetzt verabschieden; wir wissen doch, wie es kommt. Weil der Vormund schon betagt ist und auf sich selber zu schauen hat, so muß die junge Ländhoferin – denn das Erbe des Vaters kann sie nicht ablehnen – dazuthun, daß sie bald einen Wirthschafter findet. Auch muß die Weltordnung so bestellt sein, daß, wenn die Froschreiterin von der Hochzeit träumt, es auch wirklich eine Hochzeit bedeutet. – Zu Martini, wie es die selige Bäuerin vor hatte, ist es wohl etwas zu früh, denn Constanze will der unglücklichen Stiefmutter etliche Wochen stillen Gedenkens weihen. – Aber nach Neujahr, zum Fasching, wenn’s anständig ist, Felix! – Warum denn nicht, der Felix ist allzeit bereit.

Einen seltsamen Gedanken hatte der alte Froschreiter. Unten in der Tiefe der Zollauer Wehr kreisten nämlich tagelang die Trümmer der Plätte und mehrere der Flachsbündel. Und da sagte der alte Winzer zu seinem Sohne: „Weißt, Felix, was ich an Deiner Stell’ thät’? Ich thät’ da unten den schönen Oberviertlerflachs aus dem Wasser fischen und fein brecheln, spinnen und weben lassen – ich sag’, das müßt’ ein gutes Bettzeug geben!“

Das Haus auf der Höhe.

Auf sonniger Bergeshöhe steht ein Haus. Zur Morgenstunde leuchtet es mit seinen röthlichen Holzwänden und seinen hellen Fensterscheiben freundlich nieder in das thaufrische Thal, wo zwischen den Wiesen und silberweiß schimmernden Weidenbüschen der dunkle Forellenbach hinzieht, und wo das Dorf liegt. Zur Morgenstunde hängt stets ein bläulicher Aetherschleier über dem Dorfe, aber die schlanke Kirchthurmspitze ragt heraus und läßt ihr vergoldetes Kreuz in der Sonne funkeln. Und wer nicht Augen hat, diesen Strahlengruß zu sehen, der hat wohl Ohren, das Morgenlied der Glocke zu vernehmen.

Zwei Männer, die aus dem Thale langsam gegen das Haus auf der Bergeshöhe emporsteigen, hören den Glockenklang und ziehen ihre spitzigen Hüte ab. Ein vorgeneigtes Greisenhaupt und ein nach rückwärts strebender strohlichter Lockenkopf sind es, die im Gehen ihre Morgenandacht verrichten und sich fromm einschließen in des Pfarrers Messe, deren Beginn die Glocke eben verkündet hat. Die beiden Männer haben mit einander eben nichts zu sprechen, und so überläßt sich jeder seinem Gebete. Der Alte ist demüthig, blickt zur Erde, zuweilen auch ein wenig nach rechts und links, denn es verlangt ihn zu wissen, wie die Saaten grünen. Der Kopf mit den Strohlocken richtet seine großen Glotzaugen und seinen halboffenen Mund geradewegs zum Himmel hinauf; da oben fliegen und zwitschern die Meisen und die Amseln, und er, der Strohlockenkopf erwirbt sich durch Vögelfangen sein Kegelschiebgeld und seinen Bruderschaftsbeitrag zum Jünglingsverein.

In solcher Andacht versunken, langten sie endlich oben am Hause an.

Das Haus stand auf freier Höhe und lehnte sich rückwärts an einen sanft abfallenden Tannenwald. Es war weder Stall noch Scheune da; ein kleiner Garten umgab den Bau und gegen die Morgenseite hin blühten Büsche und ragte eine Eiche. Das Haus war in dieser Gegend ganz seltsam: es war weit geschmackvoller als andere Menschenwohnungen der Gegend, und doch wieder viel einfacher als die Landhäuser der Reichen. Es war mit keiner dieser Gattungen vergleichbar. Das Haus ragte hoch, hatte an den Fenstern und Thoren feingeschnitzte Zieraten, nach Art korinthischer Säulen mit schön durchbrochenen Gesimsen. Die Fenster waren schmal und hoch, das Dach aus glatten Schindeln flach und luftig; gegen Mittag hin stand ein erkerartiger Söller hervor, mit festen Seitenwänden wohl verwahrt, mit einem Kranzgesimse in dorischer Form überbaut. Das Haus stand wie ein Tempel.

Wie die beiden Männer bisher ihr Haupt entblößt hielten, so bedeckten sie es jetzt, da sie in diesen Tempel traten.

War aber doch kein Tempel, war theils ein bequem und zweckmäßig eingerichtetes Wohnhaus, theils eine Künstlerwerkstätte.

An den Wänden standen Statuen aus Holz in allen Gestalten und Größen; mitten im Raume ragten Klötze, halbfertige Schnitzwerke, ihrer völligen Vollendung harrend.

An einem solchen Klotz stand der Bildner, ein schier gebeugter, aber doch behendiger Greis mit schneeweißen Locken, starken weißen Augenbrauen und mit frischrothen Wangen. Auf diesem Antlitze hatte der Meißel des Schicksals den Ausdruck stiller Freude und Befriedigung, aber auch den Zug einer schweren Vergangenheit und den ehernen Hauch eines starken selbstbewußten Geistes eingegraben.

Als die beiden Männer aus dem Thale eintraten und einen christlichen Gruß sagten, zog der Bildner sein Käppchen vom Haupte. Aber die Ankömmlinge thaten nicht desgleichen, diese ziehen ihre Hüte nur vor dem lieben Herrgott und vor dem Herrn Pfarrer.

Der Bildner wies ihnen in der Nähe der Wandfiguren Sitzplätze an; das Grauhaupt nahm den seinen sofort in Beschlag, der junge Gelblockenkopf aber stand ganz verlegen und wendete sich und wußte nicht, wo er sein erröthendes Gesicht hinthun sollte.

„Nu, Steff!“ sagte das Grauhaupt, und das Wort war ein Ermahnen zum Platznehmen.

„Na,“ versetzte der Bursche, weinerlich lächelnd, „da setz’ ich mich nicht hin, ich nicht. Das ist schon gar aus der Weis’! – So – hell mutternackt!“

Wie konnte nur Meister Eman dem jungen unverdorbenen Kirchensteff, der zur Bruderschaft des heiligen Aloisius zählte, zumuthen, neben der capitolinischen Venus Platz zu nehmen! Indeß bemerkte der Bildner lächelnd sein Fehl, und in der Nähe einiger Kobolde und ziegenfüßiger Faunen fand sich eine prächtige Sitzstelle für den jungen Mann.

„Was verschafft mir nur heute den Besuch?“ fragte der Bildner.

„Gelt, das ist zum Verwundern!“ rief das Grauhaupt und rieb sich vergnüglich einigen Erdstaub von seinem Zwilchärmel, denn er war der Todtengräber. Aber nicht in dieser Eigenschaft war er heute zu dem Hause des Bildners emporgestiegen, sondern in jener seines zweiten Amtes, denn er war auch Kirchenvater, d. h. der Mann, der nebst dem Pfarrer die Aufsicht über die Dorfkirche führte und an Sonn- und Feiertagen als Meßner waltete.

„Schaut, Meister Eman,“ sagte er schmunzelnd, „ein Grabkreuz brauch’ ich diesmal nicht, und redlich herausgesagt, Meister, die Grabkreuze macht Er nichts nutz. Mehr Blut muß auf die Herrgötteln kommen, viel mehr Blut; und die armen Seelen im Fegfeuer läßt Er ganz und gar aus. Hätt’ Ihm auch sagen mögen, daß sich ein Bildniß, wie Er es auf Seiner Gottseligen Grab gestellt, in einen christlichen Friedhof gar nicht reimt. Geht mich aber insoweit nichts an; und wir wissen es allmiteinand’, der Meister kann Seine Sach’ schon auch gut machen, wenn Er nur will. Wir bringen Arbeit, Meister.“

Der Meister lächelte ein wenig über den bevormundenden Ton des Kirchenvaters, und da er von den Leuten vollständig unabhängig war, so ließ er sich derlei Bemerkungen um so gleichgiltiger gefallen. Nun hatte er seinen Schnitzer beiseite gelegt und sich dem Grauhaupte gegenübergesetzt.

„Ja, ja,“ sagte der Kirchenvater und schlug seine flache Hand auf die Lederhose des Oberschenkels, daß es klatschte, „das ist eine verzweifelte Geschichte, jetzt; wir brauchen eine neue schmerzhafte Mutter Gottes auf unseren Hochaltar. Die alte ist schon caput über und über. In drei Tagen ist Frohnleichnam, mag Er uns bishin eine schaffen?“