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Die Försterbuben

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung
zeitgenössischer
Romane

Die
Försterbuben

Ein Roman aus den steirischen Alpen von

Peter Rosegger

Ullstein & Co
Berlin-Wien

Die Bestattung des Prinzen

»Juch! Juch!« Hell jauchzend sprang er vom Waldrande herab auf den Weg. Ein junger Mann – schwang seinen hochbefederten Hut: »Juch! Juch!«

»Das ist ja Försters Fridolin!« lachten die Leute, die in bewegten Gruppen daher kamen. »Friedl, gehst du auch zu der Leich?«

»Wohin denn sonst?« lachte er, »freilich geh ich auch zu der Leich! Juchhe!«

Viele jauchzten mit.

Es waren zumeist junge Mannsleute in halb feiertägiger Bauerntracht. Jeder auf dem grünen Hut stramm befedert. Weiße flaumige Stoßfedern, schwarze sichelkrumme Birkhahnfedern, fächerförmig oder pinselartig gefaßter Gemsbart, und lauter solche Zeichen, daß sie aufgelegt sind heute zu jeglicher Unternehmung, sei es zum Raufen oder zum Schuldenmachen oder zum Weiberleutfoppen! Man konnte ihnen schon etwas zutrauen, diesen derben, urfrischen »Alpenjodeln«. Das Liebste, was sie taten, war freilich Singen und Jauchzen; und so jauchzten sie auch in allen Glockentönen. Ein anderes Geläute gab es nicht bei diesem Begräbnisse.

Von den Einzelhöfen kamen sie herbei. Aber dort am Eschbaum, wo der Weg sich zweigt – der eine ins Kirchdorf Ruppersbach, der andere zu den Häusern von Eustachen – bogen sie gegen Eustachen ein.

Hinterher waren auch ein paar alte Bäuerinnen gekommen, schwarz und schlapp gewandet, in Filzhüten mit breiten Krempen. Fäuste machten sie, als sie das Treiben der Burschen sahen, und um die Fäuste hatten sie Betschnüre gewunden.

An der Wegscheide rief dieser Matronen eine mit scharfem Zünglein den jungen Leuten zu: »Ihr vergeht euch ja! Die Kirchen, die steht nit in Eustachen, die steht in Ruppersbach.«

»Aber in Eustachen steht das Wirtshaus!« rief einer der Burschen lustig herüber.

»Laßt euch lieber Staub und Aschen auf die Schädel streichen!« rief die Alte. »Oder wollt ihr am heiligen Aschermittwoch auch noch Faschingtag halten? Gleichschauen tät’s euch, ihr Fleischkrapfenjodeln, ihr fürwitzigen. Aber denkt nur darauf: Werdet auch einmal sterben müssen!«

»Ja, nachher haben wir Aschermittwoch genug,« gab der Bursche zurück.

»Laß dich nit auslachen, Seppel, daß du mit alten Weibern wortelst!« rief des Försters Fridolin.

»Derselbig ist auch so einer!« eiferte die Alte, ihre Faust nach dem Burschen drohend, »der alleweil heilig Sach tut verspötteln. Euch wird’s schon noch heimkommen, werd’t es schon sehen, wie sie werden zwicken, die Spitzhörndel-Teufelein!«

Sie verstanden sich nicht mehr, die Wege gabelten schon zu weit.

Die Weiber trippelten hinab zur Kirche, wo an diesem Tage nach kirchlichem Brauch der Priester den Gläubigen der Reihe nach Asche an die Stirn rieb: »Du bist von Staub und Aschen und wirst zu Staub und Aschen!«

Anders ging’s her zu Eustachen.

Dort vor dem Straßenwirtshause, genannt »Zum schwarzen Michel«, hatte sich allerlei Volk zusammengefunden. Mitten auf dem Platze war bereits der Kondukt aufgestellt: ein dicker, wuppiger Sarg, mit schwarzem Tuche eingehüllt, vorn und hinten die Bahrstangen, der Träger harrend. Über den Köpfen flatterten blaue Fahnen. Aus dem Wirtshause trat, von zwei Jungen mit Stallaternen begleitet, eine Trauergestalt. Man hätte mögen meinen, ein fürnehmer russischer Pope wäre es, wie hinter ihm her zwei Knaben in langen Nachthemden die Schleppe seines Mantels trugen. Schwarz war sein Haar und schwarz sein langer Bart. Und das Schwärzeste daran sein großes Auge mit dem glosenden Feuer. So leuchtet in der Kohle die Glut.

Die würdige Gestalt stellte sich vor der Bahre auf und hob beide Arme empor. Da dämpfte sich in der Menge der Lärm, und der Schwarze begann in feierlichem Trauerbasse also zu sprechen:

»Liebe lustige Leidtragende!

Öffnet die geehrten Ohren! Wir haben einen großen Verlust verloren. Gestern um diese Stund noch frisch und gesund, die Wangen rot, gesungen, gesprungen, geloffen, gesoffen – und heut schon mausetot. Unser liebster Freund! Eine Trauerred sollt ich halten, aber mein! Mir fallt nix ein. Gehn ma weiter, sein ma heiter und tun ma weinen ohne Wein, leicht fallt uns unterwegen was ein.«

Die Träger heben den verhüllten Sarg, der Zug ordnet sich unter dem Geheule der Trauergäste. Voran dem Zuge geht Försters Fridolin, auf einer senkrecht gehobenen Stange ein verhülltes Heiligtum tragend. Hinter ihm Musikanten mit Hafendeckeln, Pfannen, Feuerzangen und anderen Musikinstrumenten. Hinter diesen ein hagerer langer Mann mit einer segeltuchenen Mütze, an deren wulstigem Rande ringsum runde Schellen hängen, ihrer sieben, weshalb ein Teil der Leute im Litaneienton ausruft: »Heiliger Schellsiebener!« und der andere Teil beisetzt: »Bitt für uns!« – Diesem nach kommen die Buben mit den Laternen, der Pope mit den Mantelpagen, die blauen Fahnen und dann der Sarg. Hinter diesem das wirbelnde, johlende Volk, worunter mancher torkelnd und lallend oder mit verglasten Augen schlaftrunken dreingrinsend. Und doch wollen auch diese Invaliden des Prinzen noch mittun.

Er stirbt ja nur einmal – alle Jahre.

Der Pope ruft in singendem Tone: »Nun stimmt an ein schönes Gesang, aber nit lang, nit lang, aber nit lang!«

Darauf beginnen die Burschen:

»Wann ich amal stirb, stirb, stirb,

Schlagt auf die Truhen drauf,

Aft steh ich wieder auf,

Alleweil fideel, fideel, juchhee!

Traurig sein mag ich nit,

Na, meiner Seel!

Bin ich einmal tot, tot, tot,

Müssen mich d’ Steirer trag’n

Und dabei Zithern schlag’n,

Alleweil fideel, fideel, juchhee!

Traurig sein mag ich nit,

Na, meiner Seel!«

Männer, Weiber, Kinder, Hunde aus der ganzen Umgebung, aus den Wäldern, Gräben und ferneren Ortschaften – alles durcheinander, singend, grölend, lachend, bellend – so wirbelt’s und trudert’s hinaus, über die lehmigen Felder hin gegen den Ruppersbacher Friedhof. Vor dem Tore desselben biegt der Zug ab in die bestrüppte Schlucht, alldorten ist aufgetan das Grab. Unter hohlem Gedröhne wird der Sarg hinabgelassen und der Pope hält die Grabrede:

»Königliche Hoheit, Prinz Karneval!

Was du hast getrieben, das war ein Skandal! Aber komm doch bald wieder einmal. Wir werden dich nimmer vergessen. Bei dir haben wir gut getrunken und gegessen. Tanzende Dirnlein hast uns gebracht, hast uns unterhalten Tag und Nacht, den Kopf hast uns schwer, die Taschen leichter gemacht. Aschen, Aschen! sonst haben wir heut nix mehr zu naschen. Fleischliche Hoheit, so heißt es jetzt scheiden. Dein Denkmal steht beim Wirt auf der Tür mit der Kreiden. Rekiskart in bazi – wer’s nit glaubt, den kratz ih!«

Die Menge stimmt neuerdings Lieder an, hier: »O du lieber Augustin!« dort: »Alleweil fideel, fideel!« weiter hinten: »In Ruppersbach ist’s lustig, in Ruppersbach ist alles frei, da gibt’s ka Polizei!«

Derweil werden am Grab die Stallaternen ausgelöscht und von den Fahnenstangen die Weiberschürzen herabgerissen. An Fridolins Stab wird das Symbolium enthüllt: Im Strohkranz eine leere Brieftasche, beim Lederläppchen an der Stange festgenagelt. Vom Sarge ziehen sie das schwarze Tuch weg, ein altes Faß mit gähnendem Spundloch. Und im Fasse ist aller Sinnenlust Geheimnis enthalten – es ist leer. Oder wäre Prinz Karneval schon wieder unterwegs? Ist das nicht der ewige Jude in der Narrenkappe? Ein König, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht.

Der Pope schüttelt seinen mit Ruß geschwärzten Küchentopf vom Haupte, daß er auf der Erde zerschellt, und wirft die dunkle Pferdedecke ab. Steht einer da, der nicht hätte vermutet werden können unter den Trauergewändern. Ein kleiner, schlanker, behendiger Mann in Steirergewand, an dem von aller schwarzen Zier nichts übrig geblieben als der lange schwarze Bart und das schöne schwarze Auge, das jetzt so klug und schalkhaft ernst in die Welt blickt. Und ist’s der Michel Schwarzaug, genannt der Wirt »Zum schwarzen Michel« in Eustachen.

Die Narrheit ist abgetan, begraben – und wohl gar lebendig begraben, maßen sie, wie genugsamlich bekannt, unsterblich ist.

Die Leute sind ruhig und sittig geworden und plaudern miteinander, als ob nichts gewesen wäre. Dann zerstreuen sie sich und gehen gelassen heim, mit einer rechten Befriedigung, auch dies Jahr den Aschermittwochsbrauch redlich mitgespaßt zu haben.

Försters Fridolin, der die leere Brieftasche getragen, dem wäre noch ums Singen. In dem hübschen, blondköpfigen Jungen zuckt das warme Leben. Aber jetzt ist Fastenzeit geworden, ganz plötzlich, frostig – wie ein Reif im Mai. Er sieht, wie die anderen Burschen ihre grünen Hüte abziehen und die Federn aus dem Bande reißen. Auch er nimmt sein Lodenhütlein ab, hält es vor sich in die Luft hinaus und schaut das schöne Gefieder an – vom Wildhahn, den er im vorigen Frühjahre geschossen hat auf der Seealm. Soll auch er dieses Zeichen junger Mannhaftigkeit wegwerfen? Ist nicht die krumme Hahnenfeder wie ein Fragezeichen: Dirndel, bist du zu haben?

In einem Schnaderhüpfel singt er den Gedanken hinaus. Da lacht ein anderer Bursche: »He, he, der braucht erst ein Fragezeichen!« Und wies auf den hochstehenden Federstoß seines Hutes: »Schau den an! Das ist kein Fragezeichen, das ist ein Ausrufungszeichen, wer’s von der Schul her noch weiß, was das ist. Ja, mein Lieber!«

Der Friedl stellte sich gerade einmal so hin vor diesen jungen Mann mit den schlaffen Wangen und den langen plumpen Kinnbacken und schaute ihn munter an und rief:

»Du ein Ausrufungszeichen? So ein kreuzsauberen Kerl wird sich doch nit erst ausrufen müssen!«

Der andere, der Wegmachergehilfe Kruspel war’s, stutzte ein wenig und erwog, ob das gelobt oder gefoppt sein sollte, und zupfte mit scharfen Fingernägeln am Mundwinkel, wo ein zartes falbes Schöpfchen war.

»Wart, Kruspel!« sagte der Försterische lachend und schlug ihm zärtlich die flache Hand auf den Nacken, »auf dem Mittfastenmarkt demnächst kauf ich dir ein Zangerl, daß du dir dein’ Schnurrbartel besser kannst herausziehen.«

Jetzt wußte der Kruspel schon, wie er dran war. »Du!« drohte er. »Keine Amtsbeleidigung! weißt du, ich bin kaiser-königlicher Straßenschotterer! Ja, mein Lieber!«

»Wohl, wohl,« sagte der Friedl. »Du bist ein Kaiser-königlicher, du. Aber weil du für einen Soldaten viel zu schön gewachsen bist zum Derschossenwerden, so laßt dich der Kaiser bei der Straßenschotterei.« Harmloses Lachen milderte den Spott. »Aber jetzt, Buben,« er wendete sich an die übrigen, denn sein Fußsteig zweigte hier ab gegen das Forsthaus, »behüt euch Gott und am Sonntag nachmittag! Rodeln! Vergeßt nit drauf!«

»Ja, rodeln, wenn kein Schnee mehr ist!«

»Auf der Siebentaler-Leiten Schnee genug. Laßt euch Zeit miteinander und laßt euch’s Fasten schmecken!«

Als er oben am Rande des Lärchenwaldes hin ging gegen das Hochtal, hörte man ihn noch singen und jodeln. So läutet undämpfbare Jugendlust die Fastenzeit ein. –

Dem Wirt »Zum schwarzen Michel« war bei der Heimkehr von diesem Leichenbegängnisse der Pfarrer von Ruppersbach begegnet, dessen Talar mit den beiden schwarzen Schleifen im Winde flatterte. Er war ein Benediktiner.

»Mir scheint, bei euch Eustachern muß man auch manchmal ein Auge zudrücken,« so grüßte der Pfarrer den Wirt.

»All zwei, Hochwürden, wenn wir dürften bitten. Und hübsch fest zudrucken.« Er sagte es mit Bedacht. »Ist mir schon selber ein bissel uneben aufgefallen heut, wie ich die alten Sprüchlein so hab hergesagt. Sapperlot, so was kunnt fuchsfeuerfaul sündig auch noch sein! der Teuxel noch einmal! Aber halt abkommen lassen tut man’s doch nit gern, die alten Sitten. Wenn man die lustigen Bräuch all tät abbringen, wollt’s doch ein bissel gar zu traurig werden auf der Welt.«

»Na, na, Michel, wenn’s einmal auf euer Faschingbegraben ankommt, daß ihr die Welt wieder lustig macht, dann laßt euch nur schnell auch selber mit begraben, ’s ist die höchste Zeit. Ihr seid mir schon auch die Rechten, ihr!«

Schmunzelte der Wirt, zupfte den Pfarrer am Talarflügel und flüsterte vertraulich: »Nit giften, Herr Pfarrer, schauns, in der Stadt drin tuns den Fasching nit begraben, dort lassens ihn leben bis schier in die Palmwochen hinein, und noch um Mittfasten fliegen die Kittel und blädern die Hosen auf dem Tanzboden. Bei uns da kunnt er auch so lang leben, der Lump, wenn wir ihn nit am Aschermittwoch so sorgfältig täten begraben. Seins froh, Herr Pfarrer, daß wir eine Lustbarkeit draus machen. Täten wir ihm nachweinen, dem Galgenstrick, das wär gar noch schlimmer. Ist’s nit wahr?«

»Du hast recht, da ist’s mir schon lieber, ihr begrabt ihn beizeiten und lacht dazu,« sprach der Pfarrer, »wenn den Leuten bei diesem Faschingbegraben nur auch einmal was Rechtes einfallen wollte.«

»Viel Gescheites kann einem dabei freilich nit einfallen.«

»Zum Beispiel, was am Ende denn so eigentlich recht übrig bleibt von aller Weltlust!«

»Weiße Ziffern auf der schwarzen Tafel, Herr Pfarrer.«

»Und ein – hohles Faß. Gleichnisweise genommen.«

»Versteh schon, versteh schon. Daß die ganz Welt eine hohle Nuß ist oder ein hohles Faß. Ist mir auch schon eingefallen. Und jetzt derohalben möcht ich schier meinen, weil inwendig nix ist, sollt man auswendig bissel was machen. Kommens doch bald wieder einmal auf Besuch, Hochwürden.«

»Wenn der Michelwirt nicht wieder gar zu gescheit wird. Da kann unsereiner nicht mit. Aber singen, das wohl. Wann wird denn wieder gesungen?«

»Wann der Will. Allzeit aufgelegt. Heißt das, wenn der Baß nit bei den Bären ist.«

Der Baß, das war der Förster Rufmann, dessen Amt es freilich weniger sein konnte, im Wirtshause zur Zither zu brummen als in den Wäldern bei den Holzknechten. Mußte manchmal das letztere, tat aber lieber das erstere.

Von Michels Haus- und Lebensgenossen

Der kleine schwarze Michel war noch nicht heimgekehrt in sein Wirtshaus. Da war’s wie ein Weltgericht – in diesem Wirtshaus. Mägde scheuerten in der Gaststube die Tische, die Bänke und den Fußboden. Da gab’s noch viel Fasching hinauszuschwemmen. Die letzten drei Tage und Nächte waren üppig gewesen!

»Heunt ist der Faschingtag,

Heut sauf ich, was ich mag,

Morg’n mach ich Testament,

’s Geld hat ein End.«

Diese Gedenkschrift hatte einer hinterlassen, mit Kreide verewigt auf dem braunen Brette des Uhrkastens. Und nicht weniger bedeutsam waren die Reihen der Namen und Ziffern, die auf der Tür standen.

Die Pipen im Keller tröpfelten nur mehr in die untergestellten Holznäpfe, der säuerliche Weingeruch durchatmete noch das ganze Haus. In der Küche war das Herdfeuer ausgegangen. Das Küchenmädel hatte unter den Tischen und Bänken einen großen Korb voll Knochen gesammelt und dieselben draußen im Viehhof ausgeschüttet auf den Dunghaufen.

Frau Apollonia, die Wirtin, siebte in der Küche Fisolen. Das wird von jetzt ab das tägliche Brot sein bis zum Ostersonntag, da wieder die Fleischtöpfe brodeln werden. Sieben Wochen lang Fisolen! Der Frau war das recht. Sie, die am Herde fast allein vom Speisenduft satt wurde, konnte nie begreifen, wie die Leute denn so viel zusammenessen und trinken könnten. Und sterben doch nicht dran. Sie war indes überzeugt, daß viel mehr Leute sich zu Tode essen als zu Tode hungern. Aber das sagte die Wirtin nicht. Sie sagte überhaupt nichts von all den tausend Dingen, die nicht gerne gehört werden. Und da unter Umständen nichts gerne gehört wird als das, was man sich selber sagt, so fand Frau Apollonia alles Reden für eine überflüssige Ausgabe und sagte am liebsten gar nichts. Sie war eine ruhige, schlanke Frau, bei der die Küchenschürze hinten zusammenlangte. Ihr Auge hatte – wenn man in einem musikalischen Wirtshause auch von Farben musikalisch sprechen dürfte – einen lichtgrauen Ton, nicht allzutief gestimmt. Sie war nicht seicht und nicht tief, sie war praktisch. Ihr schon grauendes Haar über dem schmalen Gesicht war in der Mitte gescheitelt; sie sah eher wie eine Mädcheninstitutsvorsteherin aus als wie eine Dorfwirtin. Ihr Schweigen nahm sie so ernst, daß man sie auch nie zanken hörte; ein Blick, ein Wink, und die Mägde wußten, wie sie daran waren.

So ging in der Küche alles stets friedlich ab, und die Mägde, die Frau Apollonia einmal aufgenommen, wurden alle bei ihr alt; keine wollte fort, außer wenn der Freier kam, und da gab es einen Kasten voll Flachs oder Leinwand als Heiratsgut.

Niemals kam jemand geradehin betteln zur Michelwirtin. Bisweilen wohl humpelte ein Armer zur niederen Küchentür herein, setzte sich im Winkel auf eine Bank und seufzte ein Erkleckliches. Nichts weiter. Dann kam die Wirtin und fragte nach dem Anliegen, teilte eine Gabe, und den Dankesworten winkte sie mit der Hand ab. Kein Mensch in Eustachen lobte die Frau Apollonia, im stillen geehrt war sie von allen. Es war auch schon selbstverständlich, wer ein Anliegen hat, der geht zur Frau Apollonia.

Manch einer oder eine ist freilich umsonst gegangen, und zu solchen redete sie: »Du lieber Mensch, du! Gern, daß ich dir was wollt geben, aber schau, du bist halt ein Lump. Wenn du brav wirst, nachher darfst schon kommen.« Und das sagte sie so freundlich und mütterlich, daß die Abgewiesenen schier wie geehrt davongingen und es weiter sagten, was die Michelwirtin für ein »gutes Leutel« ist. Manch einer kam später wieder mit der Nachricht, er glaube sich beim Lumpbleiben doch besser zu stehen als mit der Freundschaft der schweigsamen Michelwirtin.

Unter einer solchen Frau und Mutter war auch das einzige Kind aufgewachsen, die schlanke blonde Helenerl. An Gutmütigkeit und Schweigsamkeit war sie ihrer Mutter ganz ähnlich geworden. Ob der Mutter jedoch die Freudigkeit je einmal so aus den Augen gelacht hat wie dieser Tochter? Wo es lieblich und froh herging – war es im Garten bei dem gedeihenden Gemüse oder bei den still brennenden Blumen, oder im Hofe bei den regen Hühnern und Küchlein, oder bei den tollenden Nachbarskindern, oder war es bei harmlosen Sängern in der Gaststube – da war sie gern in der Nähe. Aber womöglich im Hinterhalte. Ausgeben mochte sie sich nicht, nur immer in sich aufnehmen, von den Blumen das Blühen, von der Sonne das stille Lachen, von den Kindern die unschuldige Lust. Es war, als ob sie aller Welt Frohheit in sich sauge und davon schon einen so großen Vorrat gesammelt habe, daß er einmal explodieren wird, wenn der rechte Zunder dazu kommt. Es gab freilich auch Meinungen darauf hin: Explodieren würde an diesem Mädel nie etwas, das werde, wie die Mutter ist, immer klug, gelassen und freundlich sein. Vielleicht als Zugabe ein bißchen schalkhafte Trutzigkeit vom Vater. So wie sie vom väterlichen Schwarzaug und vom mütterlichen Grauaug das schönste Blauaug erhalten hatte, so durfte man wohl auch in ihrer Seele die Sanftmut und Gleichmäßigkeit der Mutter, gleichwie künftig noch die überschwengliche Lustigkeit und die zeitweilige traumhafte Wehmut des Vaters zu finden hoffen.

Da zum Wirtshause auch eine größere Landwirtschaft gehörte, so gab es nebst der bewegsamen Kellnerin und dem derben Hausknecht auch noch Alt- und Jungknechte, Mägde und halbwüchsiges Volk. Das Gesinde hielt im nahen Wirtschaftsgebäude seine Ständigkeit.

Das waren nun die Hausgenossen Michels, des kleinen Wirtes mit den kurzen, stets emsigen Beinen, mit dem schwarzen langen Bart und den dunklen Augen, in denen immer Kohlenglut gloste, manchmal auch sprühte.

Zwischen dem Michel und seiner Frau schien eine Gegensätzlichkeit vorhanden zu sein, deren Tiefe nicht ergründet war. Da es nie einen Sturm gab, wie solcher auf seichten Gewässern leicht vorkommt, so riet man auf eine große Tiefe. Michels Abstand zu dem stillen, blühenden Töchterlein war gerade so groß, daß er sie mit einer Art frommen Wohlgefallens betrachten und mit einer zarten Verschämtheit anbeten konnte. Er ahnte es kaum, daß er sie anbetete, hatte es noch nicht einmal so weit gebracht, ihr offen zu sagen, wie sehr er sie lieb hatte. Zu jedem Gast konnte er »mein Lieber« sagen, zu der schönen Gastin erst recht »meine Liebe!«. Geschätzte und liebe Muhmen und Schwägerinnen hatte er eine Menge; aber eine »liebe Tochter«, ein »liebes Kind« gab es nicht, dafür hatte er sein Helenerl zu lieb.

Mit Frau Apollonia stand das insofern anders, als er sie in früheren Jahren wirklich etlichemale mit: »Ja, meine Liebe!« angesprochen hatte. Weil solches aber zumeist nur bei größeren Meinungsverschiedenheiten und in gereiztem Tone geschah, so kam der Ausdruck in eine zweifelhafte Stimmung. Und als sie mit der Zeit in allem ganz einig geworden, weil eins das andere hatte verstehen und behandeln gelernt, so ist das Wort »lieb« endlich gar nicht mehr ausgesprochen worden oder höchstens vielleicht in Augenblicken, da die Zunge nicht mehr weiß, was sie spricht und ihr Stammeln auch gleichgültig ist.

Die Ehegatten hatten übrigens ihr getrenntes Bereich auch in der Wirtschaft. Frau Apollonia kam gar selten aus ihrer Küche hervor. Er ließ sie im Haushalte gewähren und war froh, der Sorgen enthoben zu sein und sich seinen Gästen heiter oder auch ernsthaft widmen und sich seinen Liedern und Büchern hingeben zu können. Er hatte so seine Passionen, mit denen er der Frau Apollonia allerdings nicht kommen durfte: ihr war alles Nachdenken über Himmel und Erden zum mindesten unnütz, wenn nicht Frevel. Der Michel hingegen war manchmal wie eine Spinne, die ihre Fäden spinnt und wartet, wohin der Wind sie tragen wird; dorthin nahmen dann seine Gedanken ihren Weg, gleichgültig, ob in Höhen oder Tiefen, nur fort ins Ungemessene und Traumhafte.

Für solche Ausflüge in unbekannte Welten hatte er einen Freund, der ihn nicht ungern begleitete. Das war der Förster Paul Rufmann. Mitdenken und mitreden konnte zwar auch der nicht viel, um so erstaunter jedoch zuhören, wenn der Michel seinen jetzt tiefsinnigen, jetzt wieder krausen Gedanken freien Lauf ließ. Am besten verstanden diese Freunde sich – im Singen. Kamen sie im Wirtshause zusammen, so sangen sie ihre Volkslieder nach der Zither; kamen sie im Forsthause zusammen, so sangen sie nach der Laute, und waren sie im Walde selbander, so sangen sie ohne Begleitung – der Michel in Tenor, der Paul in Baß. Übermütige Gesänge aus dem Wald- und Almleben, aber auch uralte Weisen, in denen jauchzende Lust oder blutiges Leid oder inniges Gebet der Ahnen zu uns herüberhallen.

Jetzunter geht das Frühjahr an

Nachdem der Fasching begraben und der Michel heimgekehrt war zu seinem Hause, blieb er davor stehen auf dem Lindenplatz. Zwei Stimmungen zogen an ihm, und da konnte er nicht vorwärts und nicht rückwärts. So wohl ihm die Ruhe tat, die Fäden der Geselligkeit waren zu plötzlich gerissen. Die Enden hingen noch wirr an seinem Gemüte. Nun betrachtete er wieder einmal sein Haus – den Stammsitz der Väter.

Behäbig und stattlich steht es da. Des Wohn- und Wirtshauses Unterbau aus Stein und weiß getüncht; große Fenster mit grünen Läden. Das Tor mit braunen Holzbrettchen beschlagen, die ein verschobenes Viereck bilden, in dessen Mittelpunkt der Handknopf ist. Der erste Stock, aus rötlich leuchtendem Holz gezimmert, hat auch eine Reihe Fenster mit hellblinkenden Scheiben. An einer Front der Söller mit den zierlich durchbrochenen Brettchen. Unter dem vorspringenden Dache die Reihe der weißen Schußscheiben, so die Michelwirte sich je erschossen hatten. Aus dem breiten, halbsteilen Dache stehen zwei schneeweiße Schornsteine auf und der Giebel trägt einen Wetterhahn.

Jetzt in der Feiertagsruh ohne Fuhrwerkgeknarre und Gästelärm lag über dem Hause und seinem sich rückwärts in die Gärten und Felder hinziehenden Wirtschaftsgebäude schier etwas Vornehmes. Die Schwarzaugen waren ein altes Bauerngeschlecht und das Schild »Zum schwarzen Michel« hatte keinen Makel.

Als der Michel endlich zum Tore eintrat, wollte gerade der Förster Rufmann herausgehen.

»Dieses Wirtshaus heißt heute beim Kehraus,« sprach der Mann lachend. »Der Gläserkasten steht im Vorhaus, die Kellertür ist verrammelt mit Waschzubern und die Weibsleute krauchen auf dem Fletz herum wie die Schildkröten.«

»Ich sag dir, Rufmann,« entgegnete der Wirt, »vom Herzen bin ich froh, daß sie den Toifel hinauswaschen.«

»Ja, hörst du, Wirt! Wenn das Wirtshaus den Fasching nimmer mag, dann weiß ich nicht, wer ihn sonst mögen soll.«

»Der Satan. In allem Ernst, Rufmann, es ist eine Schweinerei!«

»Einen Katzenjammer hast.«

»Kannst recht haben. Wenn auch nit just im Magen allein. Daß einer die Lumpenkomödie mitmachen muß! Und noch daran eine Freud merken lassen soll. Aber was kannst du machen, wenn du Wirt bist. Mich wundert nur allemal, daß so was erlaubt ist.«

»Weißt, der Wildfang im Menschen muß auch seinen Tag haben. Zum ewigen Gedächtnis, daß er vom wilden Tier abstammt. Hat er sich ausgetobt, dann ist er wieder für ein Jahr ein zahmes Menschenschaf.«

»Muß so was sein. – Aber Paul, du wirst jetzt doch nit fort wollen. Geh, bleib ein bissel da bei mir!« Bei diesen Worten hing der Wirt sich in den Arm des Försters. »Wir gehen in mein Zimmer hinauf. Mußt ein bissel dableiben. – Mariedl!«

Die Kellnerin rief er. Und während sie sich in der kleinen, mit Zirmholz vertäfelten Stube zurechtsetzen am lichten Tisch, zwackt der Förster die Saiten der Zither, die an der Wand hängt. Kommt schon die kleine bucklige Person hereingetrottet. Mit dem weißen Schürzenzipfel will sie sich den Schlaf aus den Augen reiben, auch das Mundwerk ist übernächtig, das Zeug geht nur noch mechanisch weiter: »Was schaffens, Herr von Rufmann? Bier? Wein?«

»Ein Glas Wein.«

»Weißen? Schwarzen? Was zu essen? Schnitzel, Nierenbraten, Geselchtes mit Kren –«

»Schau, daß du in dein Bett kommst!« fährt sie der Wirt an. »Nierenbraten! Geselchtes! Am Aschermittwoch! Geh und schlaf dich aus!«

Während er selbst hinabsteigt in den Keller, stimmt Rufmann an der Zither herum und seinen Baß dazu. »Jetzt gang ich ans Brünnele, trink aber nit …«

Der Michel kam mit einer stark bestaubten Flasche und zwei Kelchgläsern. »So! Vom vielen Trinken drei Tag lang, da wird man durstig. Wohl komm dir’s, Paul!«

»Ich komm dir!« dankte der Förster, und nach dem Trunke: »Ist es wieder recht würdig ausgefallen, das Begräbnis?«

»Ha!« sagte der Wirt überlaut lustig und strich sich mit den Händen den Bart, was allemal ein Zeichen seiner Behaglichkeit war. »Der Scherenfanger hätt froh sein können, wenn ihm ein solches Begräbnis wär zuteil geworden, wie seiner Hoheit, diesem Schweinekerl.«

»Scherenfanger? den Kajetan meinst? Aber der hat doch keine Ehr’ verlangen können. Der hat sich ja selber das Leben genommen.«

»Derowegen, sage ich. Weit ist’s nit g’fehlt, daß sie beieinander liegen, der alte Kajetan und mein altes Faß. In der Staudenschlucht neben dem Kirchhof.«

Das fing der Förster auf, es schien ihn anzufassen, er vergaß der Zither. Er hatte den böhmischen Maulwurf- und Insektenvertilger recht gut gekannt, aber doch nicht so gut, daß er den Selbstmord hätte verstehen können. Damals, als er mit dem Mann den Versuch besprochen, wie man den Kieferspinner, diesen schrecklichen Waldverderber, vertilgen könnte, wie war der Kajetan da noch spaßhaft gewesen! Und als er jenen Ruppersbacher Maulwurfsfeinden die schaudervolle Hinrichtung des berüchtigten »Wiesengrundverderbers« vorgeschlagen! Der Maulwurf, wenn er gefangen werde, sei viel zu niederträchtig, als daß man ihm die ehrenvolle Todesart des Erschlagens antun dürfe; der müsse zum gerechten Lohn für seine heimtückische Wühlarbeit und zum abschreckenden Beispiel für seine Sippe eines ausnehmend grausamen Todes sterben; man solle ihn, den Maulwurf – lebendig begraben! Das haben sie endlich verstanden und ihn nicht wieder angerufen zum Vertilgen des nützlichen Bodenlockerers und Insektenfressers. – Solcherlei Schwänke hat er gern getrieben. Und so ein lustiger Mensch knüpft sich eines Tages an den Wandnagel.

»Wie denn das hat sein können mit dem Kajetan?« sagte der Förster.

Und der Michel antwortete: »Weil er verruckt ist worden. Ein schlechtes Buch, oder was, muß er derwischt haben. Denk dir, den Herrgott hat er so gefürchtet.«

»Den Herrgott gefürchtet? Nun, ich habe doch immer gehört, den Herrgott soll man fürchten.«

»Soll ihn auch. Aber bissel anders wie der Kajetan. Gottesfurcht ist schon recht. Aber Gottesangst ist eine Sünd gegen den heiligen Geist. Oder ich sag’s besser: ist eine Narrheit. Wer ordentlich und brav ist, wie der Mann sein Lebtag gewest – wenn so einer Angst vor dem Herrgott hat, dann lachen ja die Spitzbuben, die keinen haben. Versinniert hat er sich halt.«

»Zu viel sinnieren soll der Mensch nicht,« sagt der Förster.

Spricht der Michel weiter: »Da unten in der Gaststuben hat er mir’s einmal erzählt, wie’s ihm ist vorgekommen. Du, das ist ein kurioser Vogel gewest. Dem sein Glauben! Die Welt, Himmel und Erden, sagt er, und alles, was ist, das ist nichts anderes als Gott selber. Jedes Tier und jeder Grashalm und jeder Wassertropfen ist der Herrgott selber! Alles zusammen ist der Herrgott. – Und jetzt denk dir, Michelwirt, hat der Insektentod gesagt, was ich mein Lebtag schon hab Herrgott umgebracht! Tu nichts anders Jahr für Jahr, als Herrgott umbringen. Und jetzt, Wirt, stell dir vor, wie ich dran bin, wenn’s zum Sterben kommt. – Aber Mensch! sag ich ihm drauf, wenn du’s so nimmst, da hilft sich der Herrgott ja selber umbringen, alle und alle Tag. Wenn das Vieh Gras frißt und der Mensch das Vieh! Und der Krankheitskeim den Menschen frißt. Und wenn du selber Gott bist und hilfst ihn umbringen, damit du leben kannst! Den Unsinn mußt doch einsehen, hab ich gesagt. Wenn du Insekten tötest, so rettest du besseren Wesen das Leben, hab ich gesagt. Da ist er dir aufgefahren: Es gibt keine besseren Wesen! Und keine schlechteren. Alles ist gleich, keines hat das Recht, ein anderes zu vernichten. Desweg bin ich der Mörder. Ein Herrgottsmörder bin ich worden! – Ich sag dir’s, Paul, angst und bang hätt einem werden mögen neben seiner. Hat selben auch nit mehr viel gearbeitet. Alleweil in der Einsam herumsinniert, na – bis das Unglück halt nachher geschehen ist.«

»Ist zu dumm!« brummte der Förster, »das ist ein siebendoppelter Unsinn!«

»Wenn du halt irrsinnig bist,« gab der Wirt zu bedenken. »Schlechtes kann ich dabei nix finden, und wenn ich Pfarrer bin, in der Schluchten laß ich den armen Hascher nit begraben.«

»Hat mich auch recht gewundert von unserem Pfarrer.«

»O mein, sagt er, wie wir dazumal bei ihm sind gewest, der Gerhalt und ich, wegen der selbigen Sach, wenn’s auf mich tät ankommen – unter dem großen Kreuz sollt er liegen, mitten auf dem Kirchhof. Aber die Vorschriften! Und sonst wohl auch. Die Angst vor dem ungeweihten Grab hält doch immer einen zurück. Weisen wir hin: Bei den vieltausend Selbstmördern alle Jahr, die man in der Zeitung liest, sollt man halt doch nit so streng sein. – Just derohalben! sagt der Pfarrer, wird ja rein Modesach, der Selbstmord! – Trink, Paul! Du trinkst ja heut nix.«

»Wie der Will,« sagte der Förster und tat einen Schluck aus dem Kelchglas, »’s ist mir einmal unfaßbar, wie ein Mensch sich selber das Leben nehmen kann.«

»Weißt, just zu verstehen ist es schon. Wenn das Elend halt zu groß wird. Wenn alles verspielt ist und alles gegen dich ist, daß es frisch nimmer zu ertragen ist!«

»Ah geh,« sagte der Förster, »unsereiner hat auch schon seine Sacherln durchzumachen gehabt. Damals zum Beispiel, wie mir das Weib ist gestorben. Da wär’s mir schon auch lieber gewesen, heut wie morgen. Und ’s Schußgewehr alleweil im Zimmer. Nicht einmal ist mir der Gedanke gekommen, nicht einmal!«

»Das glaub ich dir. Wenn zwei Würmeln da sind, die den Vater brauchen. ’s ist hart genug, Paul, was dich selben hat getroffen. Aber das größte Unglück ist es nit.«

»Was wir da auf dumme Sachen sind zu reden gekommen,« sagte der Förster. »Das richtige Aschermittwochgespräch.«

»Ist eh wahr,« lachte der Wirt.

»Gescheiter ein bissel singen.«

»Mein Stimmstock,« sprach der Michelwirt und griff sich an die Kehle. »Zu stark strapaziert worden die letzten Täg. Jetzt hab ich den Pelz im Hals.«

»Du, sag mir, Michel, ist mein Bub heut auch dabei gewesen?«

»Der Friedl? Aber na freilich. Hat ja die Stang getragen mit der leeren Brieftaschen.«

»So, die leere Brieftasche. Kann dem schon noch öfter passieren. Aufs Geld kann er mir schon gar nicht achtgeben.«

»Bei mir laßt er just nit viel springen,« sagte der Wirt lustig.

»Na gerade trinken, da könnte ich just nit klagen. Da tut er schon lieber seine Kameraderln traktieren. Da wird er dir mitunter üppig. Und seine harben Seiten! Ein Zornnickel immer einmal,« vertraute der Förster dem Freunde, »ein Trutzkopf unterweilen – was du dem lustigen Springinsfeld gar nicht ansiehst. Wenn der so fort macht!«

»Ist halt ein junges Blut und stammt nicht umsonst von seinem Vater ab.«

»Und dann das verfluchte Rauchen! Seit ich ihm die Pfeife in den Ofen geworfen hab, raucht er Zigarren. Britanika, sagt der Ruppersbacher Tabakkramer. Hält die Sorte extra für den Herrn Förstersohn! Ja der Förstersohn, das ist er. Sonst noch nichts.«

»Waldkulturminister kann er freilich noch nit sein mit zwanzig Jahren. Derweil mußt ihn halt ein bissel mehr verdienen lassen im Holzschlag. Er ist ja Holzmesser.«

»Und soweit nicht ungeschickt dabei.«

»Na, siehst, da ist er doch schon wer.«

»Soviel als ein Knecht. Trotz seiner Realschule. Und besser als einen andern Knecht kann ich ihn nicht lohnen. Es geht nicht. Froh, wenn er so viel verdient. Bei dem geht die Sonne ja alle Tag um eine Stund später auf und um eine früher unter. Meinetwegen, er hat einen weiten Weg in den Holzschlag. Letztens ist er mir einmal nicht nach Hause gekommen am Abend. Ist in der Bärenstuben übernachtet, beim Kohlenbrenner.«

»Beim Krauthas?!« fragte der Wirt auf.

»Gekartelt haben sie und geschnapselt, und geraucht natürlich.«

»Hat der Krauthas sein Dirndel noch bei sich?«

»Daran habe ich auch gleich gedacht. Nein – ist nicht mehr in der Hütte. Soll zu Löwenburg unten sein, in Diensten.«

»Na, so laß ihm die Freud beim Krauthasen.«

»Viel Gutes wird er nicht lernen dort. Übrigens – der Weibsbilder wegen, das wäre auch noch keine Sorge. Soweit ist der Bub noch brav, mein ich. Da könnte man nichts sagen. Wenn’s drauf ankommt, ein herzensguter Bub. Ist ja eben das Schlechte bei ihm, daß er so gut ist.«

»Nit übel!« lachte der Michelwirt, »leicht sagst ihm’s einmal, daß es gut wär, wenn er schlecht wär.«

»Den möchte ich mir halt für eine Besondere aufsparen, wenn er einmal so weit sein wird, daß er heiraten kann. Für den wüßt ich eine! Aber bei den jungen Trotzköpfen muß man sich hüten, die rechte zu nennen. Sonst schauen sie justament die nicht an.«

»Geh, was du nit glaubst!«

»Wie es beim Staufer in der Sandau ist gewesen. Der hat auch so einen Trutzbock gehabt. Er hätt’s gern gesehen, daß der Sohn die Lehnerische nimmt. Und just die will der Bub nicht. Sagt der Alte: Recht hast, die wär auch meine letzte, und hebt an zu schimpfen über die Lehnerische. Da ist’s dem Burschen: Und grad die nehm ich. Hat sich der Staufer ins Fäustel gelacht. Auch der meinige könnt einer sein von dieser Gattung.«

»Rufmann, du kannst dir alle zehn Finger abschlecken dafür, daß du ein paar solche Burschen hast. Nit allemal g’rat’s so gut, wenn die Mutter fehlt.«

Da leuchtete des Försters Gesicht. Es war ein schönes braunes Antlitz mit tiefliegenden Augen und einem halb kurzgeschnittenen, stark angegrauten Bart. Die gerade und feingebaute Nase war an der Spitze kaum merklich gerötet, hingegen schimmerten unter dem Schnurrbart die frischen Zähne des Oberkiefers ein wenig hervor. Wenn in ihm was vorging, bewegten sich die sehr buschigen Augenbrauen auf und nieder. So auch jetzt, da der Freund so gut von seinen Buben sprach. Es besteht der Verdacht, daß er seine Söhne eigens manchmal in den Anklagestand versetzte, um vom Freunde ihre Verteidigung und Rechtfertigung zu hören. Diese Kinder sind ja sein ganzes –. Nein, er getraut es nicht auszusprechen, das stolze Wort. Alle Liebe ist abergläubisch. So wollte er schon eher von den Sorgen sprechen, die sie ihm machen, da wird der Teufel, oder wer es ist, doch nicht zum Neide gereizt werden.

»Mit dem jüngeren,« sagte nun der Förster, »dem Elias, habe ich jetzt ohnehin auch mein Anliegen.«

»Der kommt zu Ostern wohl wieder auf Vakanzen heim?« riet der Wirt.

»Vielleicht schon früher. Gestern habe ich einen Brief erhalten aus dem Seminarium. Der Präfekt schreibt, daß der Bub kränklich ist, und es dürfte angezeigt sein, wenn er bald auf etliche Wochen in die Gebirgsluft käme.«

»Na ja, weil alle bleichsüchtig werden in derer dummen Stadt da drinnen!« rief der Michel. »Bissel blutarm ist der Elias immer gewest. An deiner Stell heut noch tät ich telegraphieren, sie sollten ihn gleich herschicken.«

»Ist halt bitter, wenn er etwa das halbe Jahr verlieren muß.«

»Im fünften Jahrgang ist er, gelt? Eh schon weit mit fünfzehn Jahren. Ich glaub alleweil, um solche Zeit lernt der Bub im Wald mehr als in der Schulstuben.«

»Kommt nur drauf an, was.«

»Laß es drauf ankommen. Denk an, Rufmann, wie du selber vor etlichen zwanzig Jahren aus München bist in unsere Gegend kommen. Das war ein Krisperl! Nit fünf Groschen hätt einer geben für das bissel Forstadjunkten. Und ’s andere! Wie oft hast mir’s erzählt, daß du da im Waldgebirg in einem halben Jahr mehr hättest gelernt als in drei Jahren der Stadtschul!«

»Ein Forstadjunkt. Das ist doch natürlich. Was soll aber ein Theologe im Wald lernen?«

»Die Natur, den Menschen! So ein geweihtes Bürscherl mit seiner papierenen Welt, das weiß ja gar nix, wenn es herauskommt. Das hat nur Sünder und Engel und Teufel im Kopf – aber keinen Menschen, wie sie sind. Geh, laß dein Bübel kommen. Jetzt geht das Frühjahr an.«

»Jetzunter geht das Frühjahr an!« begann der Förster, den’s schon lange danach juckte, zu singen, und der Michel fiel mit ein:

»Und alles fängt zu blühen an

Auf grüner Heid’ und überall.

Es ist nichts Schön’res auf der Welt,

Als wie die Blümlein auf dem Feld,

Weiß, blaue, rote – ungezählt.

Und wenn sich alles lustig macht,

Und ich schon gar nit schlafen mag,

Geh ich zum Schatzerl bei der Nacht.«

»Für einen Theologen wäre das gerade nicht die richtige Weis«, lachte der Förster. Der Michel überhörte es, war schon bei dem zweiten Gesätzel:

»Jetzunter geht das Frühjahr an

Die Vöglein heben zu singen an,

Die Schäflein scherzen auf der Au …«

Das liebliche Singen wurde noch lieblicher unterbrochen. Ganz leise hatte es an die Tür geklopft. Der Wirt kannte den Boten schon im Klopfen und sagte laut: »Ja, Helenerl!«

Die kam bescheidentlich herein in ihrem lichten blauen Kleid, über das rückwärts zwei güldene Haarzöpfe niederhingen.

»Die Suppen steht schon seit einer halben Stund auf dem Tisch, sie wird kalt!« sagte sie munter.

»Stell sie ans Feuer. In einer halben Stund kommen wir, derweil wird sie wieder warm,« antwortete der Vater, da war sie schon fort.

Der Förster schaute eine Weile auf die Tür hin, als ob die Erscheinung noch einmal auftauchen müßte. Der Wirt schaute den Freund an mit einem Blick, in dem freudiger und demütiger Vaterstolz leuchtete.

Endlich sagte der Förster: »Sapperment, die ist schön geworden!« Und summte launig: »Jetzunter geht das Frühjahr an! – Michel, auf die gib acht!«

»’s ist nit so gefährlich, wenn’s so bleibt,« sagte der Wirt. »Vor der haben die Wildbären Respekt. Laß dir sagen. Am vorigen Sonntag auf den Abend in der Gaststuben, wie die Bauern und die Holzleut schon beim gewissen Reden sind, weißt eh, da fahr ich sie zweimal an: Seids stad! Weil mir schon graust. Gelacht habens und noch kecker haben sie’s getrieben, die Saumagen. Tritt auf einmal das Mädel in die Stuben, zum Gläserkasten, ich weiß nit, eine Noten oder was hat sie zu wechseln gehabt. Abgezuckt haben die Manner in ihrem sauberen Diskurs, still sind sie gewest und einer hat beim Fenster ’naus geschaut: Schneien tat’s anfangen. Ihr lustiges Gesichtl schaut über die Leut hin, nachher ist sie wieder hinausgegangen. Das hat mir gefallen.«

»Im Wald ist’s auch so,« sagte der Förster, »wohin die Sonne scheint, da wachsen keine Giftschwämme. – Unsere liebe Frau beschütze uns die Kinder!«

Es war ein Gebet mit Glockenläuten, denn sie stießen klingend die Gläser an.

»Und jetzt komm, Rufmann, und iß mit uns zu Mittag. Bissel Fastenspeise, viel kriegst eh nit.«

»Wenn du dein Wort hältst, auf einen Halberabendkaffee demnächst im Forsthaus.«

Heimkehr ins Forsthaus

Bei dem kleinen Dorfe Eustachen, wo die steile Wand des Ringsteins aufragt, zweigt quer ins Waldgebirge hinein ein Seitental.

Es ist ein Hochtal und heißt auch so. Anfangs ist es so breit, daß an der Tauernach links und rechts schöne Wiesen liegen können zwischen den steil ansteigenden Forsten. Dann engt sich das Tal zu einer Schlucht und vor dieser Stelle steht das Forsthaus. Es ist ein behaglich sich breitender Bau aus lichtgebräuntem Lärchenholz, mit großen, klaren Fenstern, den unvermeidlichen Hirschkronen und Raubvögeln, die mit ausgespreiteten Flügeln an die Giebelwand genagelt sind. Das halbflache Hausdach schützt auch die lange Wandbank an der Hauswand vor Regen; die Sonne, wenn sie über dem Bergrücken doch einmal niederscheint, tut ohnehin nicht weh.

Von dem Sträßlein, das durchs Hochtal und weiter durch die Schlucht geht, führt über die rauschende Ach eine Brücke hinüber zum Hause. Und an dieser Brücke steht die alte Bretterkapelle, die gleichzeitig ein Brunnen ist für Wanderer, so auf dem Wege andächtig oder durstig geworden sind. Im Hochsommer und Herbst sind mitunter Wanderer zu sehen, die übers Hochgebirge wollen oder von demselben herabkommen. Just am Punkte neben der Kapelle kann man im Hintergrunde der dunkelnden Waldschluchten ein schneeweißes Dreiecklein aufragen sehen, das manchen Touristen aus weiten Fernen herbeizieht wie ein gewalttätiger Magnet. Über dem Kapellentürchen steht der Spruch: »Heiliger Eustachius, bitte für uns. In Ewigkeit Amen.« In der Kapelle wo sonst der Altar zu sein pflegt, ragt aus der Wand ein lebensgroßer, aus Holz geschnitzter Hirschkopf hervor, aus dessen Nasennüstern das Wasser sprudelt. Zwischen den mächtigen Geweihen dieses Hirschkopfes, die von einem Tiere stammen sollen, das der Fürst selbst erlegt hat, ragt ein Kruzifix. Also die Legende kündend vom heiligen Hubertus. Nach anderer Legende war es der heilige Eustachius gewesen, dem auf einem Hirschkopf das Kruzifix erschienen. Die Leute meinen, das Wunder wäre gerade in dieser Gegend geschehen, weshalb das Dorf St. Eustachen hieße.

Hinter dem Forsthause steigt steil der Lärchenwald an, der im Sommer das helle zarte Grün hat, um unsere Jahreszeit aber wie ein Gewuste fahler Besen regungslos dasteht. An der anderen Seite des Tales lehnt eine weite, glatte Fläche sachte an, immer höher, bis zu Felsgruppen im Hintergrund. Sie ist noch ganz mit Schnee bedeckt, der fast bis zur Ach herniederreicht und mit unzähligen Tierspuren in kreuz und krumm durchzogen ist. Es ist die Siebentaler-Leiten, die ihr einstiger Besitzer, ein überkluger Bauer, bei einer Wette gegen sieben Taler verspielt haben soll. Sie gehört längst auch dem Fürsten, der im Laufe der Zeit des ganzen Waldgebirges Herr geworden ist, auch der Almen weiter oben, mit Ausnahme von einigen Bauernservituten. Und Herr geworden endlich der Felsenwelt, die belebt ist von Gemsen und Habichten. Weit hinten in jenem wilden Gebirge, auf einer kahlen felsigen Hochebene steht das Jagdschloß, in welches der Fürst alljährlich einmal auf zwei oder drei Tage kommt, um ein paar Dutzend Gemsen zu erlegen und das Fleisch dann an die Bevölkerung der Holzer und Kleinhäusler abzulassen.

Die Besitzungen werden hauptsächlich von der Residenz aus verwaltet; doch das Gebiet der Waldungen und der Almen gehört in das Bereich des Forstamtes, das vom Förster und einem Kanzleischreiber versehen wird. Jäger, die in früherer Zeit auch dagewesen, sind abgeschafft worden. Etwaige Raubtiere erlegt der Förster. Das ist unser Paul Rufmann. Einen vieljährigen Kampf hat es dem Rufmann gekostet, um die waldkulturschädliche Wildhegung in den Forsten abzubringen. Um so zufriedener ist Seine Hoheit jetzt mit dem Forstertrage; ein Umstand, der dem Rufmann den Titel »Oberförster« eingebracht hat, den er aber nicht ausnützt. Vielleicht, daß ihn der Friedl einmal annimmt!

Diesen Förster, der kein Jagdheger ist, mögen auch die Bauern leiden, um so mehr, als er ihnen gelegentlich mit Holz, Waldstreu und Weide auszuhelfen pflegt.

Nun ins Forsthaus tretend, sehen wir in der Vorhalle an der Wand noch die alten Jägersprüche. Es sind verblaßte, tote Buchstaben geworden. Über dem Eingangstore aber hat der Rufmann in großen Buchstaben die Worte malen lassen: »Wer hat dich aufgebaut so hoch, du schöner Wald da droben!«

Das Forsthaus hat mehrere geräumige Stuben. Anstatt der Hirschgeweihe hängen hier Kupferstiche mit Darstellungen aus germanischer Sage, an der Wand auch eine Laute. Der Förster ist zur Stunde in den Bergen.

In einer Kammer neben der Küche hockt auf der Truhe eine kleine alte Person vor dem Wäschekorb. Sie bessert Hemden aus und Hosen und greint ein wenig in die Leinwand hinein, daß diese Manner doch gar alles zerreißen müssen. »Dem Alten halt’s kein Hinterer, dem Jungen kein Knie – aber nit etwa vom Beten!« – Rechterseits am Halse hat sie ein nußgroßes Kröpflein, das sachte auf und nieder wurlt, wenn sie greint. Auf dem runden Näschen hat sie große Brillen mit beinener Einfassung sitzen, die immer so weit herabrutschen, daß sie mehr über als durch die Gläser hinausschaut. Auf die Ferne sieht sie ohne Brillen weit besser; es ist nichts und es geschieht nichts im Forsthause, was sie nicht sähe, ja sie sieht sogar manches, aber wohl freilich nicht alles, was andere im tiefen Waldschatten verborgen glauben, oder auch, was morgen und übermorgen sein wird, oder was unter den Brustleibeln ihres Hausherrn und seiner Kinder vorgeht. Diese umsichtige Person ist seit dem Tode der Förstersfrau hier die Haushälterin und heißt Sali. Sie hat die Familie gleichsam ererbt, ein Vermächtnis der Sterbenden.

Als damals, bald nach der Geburt des zweiten Sohnes, der Frau Cäcilia letzter Tag gekommen, hat sie die Magd an ihr Bett rufen lassen, hat sie bei der Hand genommen und mit schon fast gelähmter Zunge so gesprochen: »Sali, tu meine Leut nit verlassen. Schau, daß sie was zu essen haben und was Ordentliches anzulegen. Tu sie nit verlassen!« Und seither ist’s fünfzehn Jahre und die alte Person steht auf ihrem Posten, wird nicht älter und nicht jünger, hat alleweil den gestreiften Lodenkittel an, und beim Flicken oder Sonntags über dem Gebetbüchel die großen Brillen auf, greint alleweil ein wenig und bleibt immer gleich umsichtig und verläßlich. Sie für sich selber scheint nicht zu existieren, nur für »ihre Leut«. Aber ein paarmal im Jahre hat sie »die bösen Täg«. Da brummt und greint sie nicht, da ist sie stumm wie ein Grab, aber nicht ganz so friedsam, da wirft sie die Holzscheiter hin und her, daß es poltert, da schlägt sie die Türen zu, daß das ganze Haus schüttert, da stößt sie Töpfe und Teller in Scherben – um am nächsten Sonntag dafür wieder neue anzuschaffen, in aller Demut von ihrem eigenen Gelde.

Das also ist die Haushälterin Sali, die jetzt in der Kammer am Wäschekorbe hockt, auf einmal aber das weißbehäubte Köpflein hebt und horcht. In der Nebenstube hat sie etwas gehört. Und schreit mit scharfer Stimme: »Wer ist denn da?« Und geht nachschauen, und tut einen hellen Schrei, halb in Schrecken und halb in Freuden. Mitten in der Stube steht der Elias. Das Studentel!

Er schmunzelt ein wenig und reicht ihr die Hand.

»Aber Jessas Mariassas Joselas!« ruft sie aus. »Bist denn heut schon da? Zum Samstag hat dich der Vater erwartet! Na, weil d’ nur da bist. Aber g’spitzt ausschaun tust, Elerl! Ja was denn, was tut dir denn fehlen?«

»Ah, nix weiter. Bissel mattschlachtig,« gibt der Junge zur Antwort.

»Mattschlachtig sagst! Werden wir schon machen. Will dich schon aufpappeln, aber heimbleiben mußt, nit gleich wieder fortlaufen. Das dumme Lernen da! Mag’s eh was nit ausstehn, das dumme Lernen. Geistlinger kannst ja so auch einer wer’n, wenn d’ nur fromm bist. Mit ’m Lernen ist noch kein Mensch in den Himmel kommen. Aber, weil’s wahr ist! – Gib her den Zegger!« Sie nahm ihm die Seitentasche ab, »aber so ein schweren Zegger schleppen!«

»Bücher hab’ ich drin.«

»Und hast die Kammertuchhemden mitbracht? Nit? Ja, du heiligs Kreuz, was wirst denn anlegen daheim? Die rupfenen, die werden dem jungen Stadtherrn wohl schon zu viel kratzen.«

»Ah na, das macht mir nix,« sagte der Junge, »wo ist denn der Vater?«

»Häst geschrieben, wann du kommst, wär er heimblieben. Wo wird er denn sein? Bei den Holzknechten im Teschenschlag. Der Friedl auch. Na, weil d’ nur wieder da bist. Dein’ Kaffee kriegst jetzt. Derweil wird die Stuben warm. Nur nit gleich ungeduldig. Daß die jungen Leut schon einmal gar keine Geduld haben!«

»Aber Sali, ich hab’ ja nichts gesagt, es eilt ja nicht.« Er mußte lachen, wie sie ihm gleich wieder Fehler ansinnen wollte, um darüber greinen zu können. Er warf das weiche Filzhütlein auf die Bank, legte seinen lodernen Oberrock ab; nun stand das schlanke, dunkelgraue Studentlein da. Das nußbraune Haar war schräms über die Stirn gelegt, es war ein wenig feucht, so daß die Sali gleich ihren Schürzenzipf hob, um ihn abzutrocknen. »Schwitzest ja wie nit gescheit! Mit dem närrischen Laufen allemal! Wirst dir noch sauber die Lungen kaput rennen!« – Unter seiner breiten Stirn die braunen Augen blickten weder krank noch traurig, aber gegen das Kinn herab wurde das blasse Gesicht bedenklich schmal und spitzig. Trotzdem stand die schon leicht ins Steirische biegende Nase und die kecklich aufgeschwungene Oberlippe munter in die Welt, in die Welt seiner freien, goldenen Waldjugend. Wieder daheim!

»Was macht denn der Waldl?« fragte er und eilte hinaus in den Hof zu dem Hundekobel. Das schöne Tier mit dem glatten kästengrauen Fell sprang ihn vor Freude so heftig an, daß er schier nach rückwärts taumelte. Sie scherzten miteinander und der Junge ließ ihn sofort alle Kunststücke treiben, die sie im vorigen Sommer miteinander eingelernt hatten. Aber die Sali kam bald nach, packte ihn fest bei der Hand und führte ihn aus der frostigen Märzluft in die Stube zum heißen Kaffee.

Abends das Wiedersehen mit Vater und Bruder war scheinbar gelassen. Sie küßten sich nicht, sie reichten sich ruhig die Hand, und der Förster fragte nur: »Ja, wo fehlt’s denn, Elias?«

Der zuckte rasch die Achseln. Er konnte es wirklich nicht sagen.

»Sie haben halt gesagt, ich sollt jetzt einmal heimgehen.«

»Beim Lernen – hat’s doch nichts?«

»Hab’ eh das Zeugnis mit,« antwortete der Junge. Als der Förster dasselbe durchlas, nickte er sehr wohlgefällig mit dem Kopf. »Friedl,« sagte er zu dem andern Sohne, »da könnte sich jemand ein Beispiel nehmen. Schau nur gerade einmal da her: Fleiß ausdauernd, Sitten musterhaft.«

Der Friedl schritt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab. Das war er schon gewohnt, unter der Hand immer so ein bißchen erzogen zu werden. Weil einen halt ’s Leben freut. Die paar Jahre Realschule in Löwenburg bei den lustigen Kameraden, die haben doch nichts verdorben, im Gegenteil, da sind wir erst inne worden, was es auf der Welt für feine Sachen gibt! – Mit einem gutmütigen Bedauern blickte er auf seinen Musterbruder.

Dieser wieder betrachtete den leichtlebigen Friedl, der daheim so stattlich und hübsch aufgewachsen war. Wie eine junge Tanne, so gerade stand er da, im gebräunten Gesicht die schwarzen Augenbrauen, den kleinen, dunklen, leicht gewirbelten Schnurrbart. Die Nase, deren Entwicklung seit Jahren seine Sorge gewesen, war nun sein Stolz geworden; so stattlich wächst sie sich aus, und es ist kein Zweifel mehr an ihrem kühnen Adlernasenschwung. Besonders wenn man auch noch ein bißchen nachhilft.

Zum Abendessen gab es des Heimkömmlings Lieblingsspeisen. Rahmsuppe und Eier in Essig. Derlei war im Seminarium auch nicht ein einziges Mal vorgekommen. Dort lebt man von Reis, Wurst, Kartoffeln, Latein und Griechisch.

Nach dem kleinen und frohen Mahle, als der Friedl schon in die Schlafstube vorausgegangen war, kramte Elias aus der Ledertasche die Geschenke hervor, die er mitgebracht hatte. Für den Vater ein Gummibecherlein, womit er an Waldquellen Wasser schöpfen und trinken konnte. Für die Sali ein Muttergottesständel aus weißem Porzellan. Dafür ward er ausgezankt. Das habe er sich gewiß wieder vom Mund abgemagert. Ja, dann glaube sie’s freilich. Vom Sachenwegschenken werde man nicht fett. Ob die Muttergottes auch schon ihre heilige Weih’ hätte? Noch nicht? »Wird ein sauberer Geistlinger werden, der ungeweihte Heiligenbilder verteilt! Aber g’freun tut’s mich wohl, du Donnersbub du, daß d’ auf die alt Sali nit vergißt!«

Als Elias in die Schlafstube kam, die er mit dem Bruder von jeher gemeinsam hatte, stand der Friedl vor dem kleinen Wandspiegel und tat mit den Fingern an der Nase herum.

»Was machst denn, Friedl?«

»Nasen kneten. Weißt, daß sie einen schönen Schwung kriegt.«

Elias entgegnete weiter nichts, sondern brachte einen in Papier gewickelten länglichen Gegenstand zum Vorschein.

»Ein bissel was mitgebracht habe ich dir, Bruder.«

»Was, Zigarren? O du goldener Kerl!«

»Nein, Zigarren sind das nicht. Die Zigarrenraucher werden lauter Abbrandler, sagt unser Deutschprofessor, und können sich vorher nicht einmal assekurieren lassen.«

»Raucht der Herr Professor nit?«

»Nur schnupfen.«

»Assekuriert?«

»Geh weiter! Schau her da! Du hast nie einen Schnitzger im Sack.«

Ein Taschenmesser wickelte er hervor, das hatte eine schimmernde Perlmutterschale und mehrere Klingen.

»Und das gehört mein?« rief der Friedl, die große funkelnde Stahlklinge gleich aufklappend. »Hat’s auch einen Stoppelzieher?«

»’s ist eine Kapfenberger Klinge. Aber nicht zum Verlieren! Zum Behalten!«

»Und zum –,« der übermütige Bursche machte mit dem offenen Messer eine Geste gegen den Hals des Studenten.

»Fahr ab!« verwies dieser. »Du bist alleweil der gleiche. Solche Dummheiten mußt du dir abgewöhnen. Drei Tag Karzer bei uns, wenn einer so was saget.«

»Was kostet das Lot Spaß bei euch im Seminar?«

»Ich versteh dich nicht.«

»Und den Spaß auch nit. Der Bär hat ihn gefressen, gelt? Aber das macht nichts. Ihr braucht keinen, habt eh die Gescheitheit.«

»Pack ein mit der deinigen!«

»Gern haben muß man sie ja doch, die gescheiten Herren Studenten, weil sie so schöne Taschenmesser mit heimbringen.«

Sich so zu necken, das war immer ihre Gewohnheit, und dem Elias tat es ordentlich wohl, daß er hier einmal der moralisch überlegene sein konnte. Im Seminar gab’s das nicht, dort war jeder überlegen, zwar nur untereinander. Aber vor den Professoren gehorsame Diener.

Als sie schon in ihren Betten lagen und das Licht ausgelöscht war, erhob Elias noch einmal seine Stimme, gedämpft sagte er: »In Ernst, Friedl, deine Torheiten mußt du dir abgewöhnen. Nasen kneten! Laß deine Nase wachsen, wie der Herrgott sie haben will. Bist ja doch kein Frauenzimmer, daß du so eitel sein müßtest. Hast du bei unserem Vater einmal eine solche Kinderei gesehen?«

»Ha, ha!« lachte der Friedl auf, »ich laß auch meine Söhne nit zuschauen beim Nasenkneten.«

»Du bist frivol, Friedl, du bist einfach frivol! Deswegen habe ich den Vater genannt, daß du dir an ihm ein Beispiel nimmst. Hörst! und jetzt gute Nacht!«

Begann der Friedl in seinem Bette singend das Sprüchlein zu lallen:

»Die Predigt ist aus,

Der Pfaff geht zum Schmaus,

Die Katz zu der Maus.«

Ein paar Minuten später schnarchten beide.

Am nächsten Morgen beim Waschen und Anziehen wollte der Friedl gleich wieder plaudern, aber der Elias war wortkarg. Er wird beten, dachte der Friedl, er wird wahrscheinlich schon Brevier beten müssen. So inwendig. Aber als der Student auch später in sich gekehrt blieb, wurde der Friedl besorgt, er könnte den Bruder gestern beleidigt haben. Dann mußte er ihn wieder gut machen. Und mußte bewiesen werden, daß auch er ihm nichts nachtrage, obschon – wie er fand – das Stadtherrlein eigentlich ein bißchen impertinent gewesen war, gestern bei dem Schlafengehen. Unter allen Umständen Friedensschluß. Als Elias die Sachen aus der Tasche in den Kasten einordnete, trat der Friedl vor, legte ihm die Hand auf die Achsel und sprach recht weich und warm: »Brüderl, du könntest mir einen Gefallen tun.«

»Warum denn nicht?«

»Du hast gewiß noch was. Ich hab nix mehr. Geh, sei so gut. Bis auf den ersten April.«

»Aber viel habe ich nicht!«

»Wenn’s auch nur ein paar Zehnerln sind.«

Schneeweiße Jugendlust

Es würde nicht genug Schnee sein, hatten die Burschen von Eustachen besorgt, als der Förster-Friedl sie damals eingeladen zum Rodeln. Aber es war jetzt zu viel Schnee. Es schneite wie mitten im Winter.

In den Mittagsstunden, als sie zusammenkamen vor dem Forsthause bei der Kapelle und als sie die Siebentaler-Leiten in Angriff nahmen, ging es noch recht gut. Da stapften sie, jeder seinen leichten, selbstgezimmerten Rodelschlitten auf dem Rücken, munter bergan. Der Friedl voraus, hinter ihm die Kameraden, zwei Gerhaltsöhne aus Eustachen, die Richterbuben, wie sie genannt wurden, weil ihr Vater, der Gerhalt, seit vielen Jahren Dorfvorsteher war. Sie schleppten gemeinsam einen dreisitzigen Schlitten. Neben ihnen strampften die Säbelbeine des kaiser-königlichen Straßenschotterers Kruspel, der an diesem Tage, obschon Sonntag war, eigentlich kaiser-königlicher Schneeschaufler sein sollte, wenn ihm nicht das Rodeln mehr Vergnügen machte. Er bestand auf seiner »Sonntagsruhe«, bei der er sich anstrengte, wie sonst die ganze Woche nicht. Dann noch ein paar Holzknechtbuben und hinterdrein Elias, der keinen Schlitten hatte, weil er als Patient vom Vater nicht die Erlaubnis bekommen, mitzutun.

Unter allen Umständen dabei sein wollte er doch, so hatte die Sali ihn vom Kopf bis über den Bauch hinab mit Tüchern eingewickelt wie eine Mumie. Als der Junge in dieser Tracht vom Hause so weit entfernt war, daß er im Schneegestöber nicht mehr gesehen werden konnte, riß er sich die Tücher vom Leibe, eines nach dem anderen, warf sie in die Kapelle und stapfte in seinem gewöhnlichen Rocke den anderen nach, die steile Leiten hinan. Hatten die Burschen doch ihre Jacken aufgeknöpft; es war gar nicht kalt. Elias bekam, wie die anderen, rote Wangen, das erste Mal, seit er aus der Stadt gekommen war. Und je schärfer die Schneeflocken ihn anflogen, je glühender wurde sein Gesicht. Nach einer Weile wurde die Leiten (Berglehne) ein wenig flacher, um dann neuerdings steil anzusteigen bis zu den Felsgruppen, die, so licht sie zur Sommerszeit ins Tal schimmern mochten, heute grau sich über dem weißen Schnee erhoben. Länger als eine halbe Stunde hatten sie zu stapfen gehabt, dann waren sie oben bei diesen Wänden und das Abfahren begann.

Jeder setzte sich auf seinen Schlitten, lehnte sich rücklings, streckte die Beine hoch und glitt davon. Fast lautlos geschah alles; sie nahmen sich nicht Zeit zum Sprechen, noch weniger zum Singen und Jauchzen, die Gier nach dem Abfahren war zu groß. Und zu köstlich, wie sie nun durch den scharf schneidenden Wind flogen, in einem Meere von Weiß, still und zart, als schwebten, sausten sie in den freien Lüften. Das Feuer einer großen Lust glühte auf allen Gesichtern.

Elias stand oben und blickte ihnen nach, wie sie davonschliffen, immer rascher und tiefer hinab, bis sie im Gestöber, Nebel und aufgewirbelten Schneestaub verschwanden. – Was wird er jetzt tun? Er schaute ungewiß in die stöbernde Luft auf. Sein Bruder hatte ihn noch geneckt, er solle doch warten, bis sie wieder heraufkämen, und nicht gleichwie sein hebräischer Namensheiliger in den Himmel hineinrodeln auf feurigem Schlitten. Das hatte der Junge einstweilen auch gar nicht im Sinne. Vielmehr trachtete er sich irdisch zu beschäftigen und Geschöpfe zu formen nach Gottes Ebenbilde. Als sie nach einer Stunde wieder herausgekommen waren, lachend und keuchend, da war ein stattlicher Schneemann fertig, der auch schon Arme hatte und sie ausstreckte, entweder um die Welt zu segnen oder sich sein gutes Teil von ihr zu nehmen.

Mittlerweile war das Schneegestöber so dicht geworden, daß es keine Flocken mehr waren, nur ein unendliches Gestäube, das nicht fünfzehn Schritt weit sehen ließ. Noch einmal hatten sie es mit dem Abfahren versucht; die Kufen kamen in dem tiefen, feuchtflaumigen Schnee nicht recht vorwärts. Aber das gab keine weitere Verlegenheit. Lustig begannen sie Schneemänner zu bauen, Schneebären, Schneehirschen, Ungetüme mit drei Hörnern, mit zwei Köpfen, mit aufgespreiteten Rachen, ein wüstes Geschlecht, das mitten in dem Gejohle der Väter lautlos dastand. Nun fiel plötzlich einem der Schneemänner der Kopf vom Leibe und kugelte sachte weiter, bis er liegen blieb.

»Oho, Köpfel!« rief der Friedl, »wenn man einmal was angeht, muß man nit faul werden und liegen bleiben. Weiter!« Er begann den Ballen weiter zu wälzen und der wurde mit jeder Umdrehung größer, jetzt wie ein Zuber, jetzt wie ein Faß, jetzt wie eine Heufuhr – und da wollte er liegen bleiben, denn es war der Boden flach. Hei, wie die Jungen dranstürmten, wie zehn Hände hoben und schoben, um die Wucht weiterzuwälzen. Träge und schwer schlug sie über, einmal, zweimal, zuerst langsam wachsend, immer wachsend, breiter und höher, ein massiger Riesenklumpen, wie ein Haus so groß, wie einer jener Felsklumpen, die sich bisweilen im Gewände loslösen, hinabdonnern, um unten auf grüner Wiese jahrtausendelang als ein Denkmal des Schreckens liegen zu bleiben. Nun kam das weiße, sich mit jedem Augenblicke vom Boden mächtiger mästende Ungeheuer an die Stelle, wo der Hang steiler wird, und nun wirbelte es hinab – hinab – und verschwand im Gestöber. Durch das stille Schneien drang ein dumpfes Dröhnen herauf.

»Jesus, das Haus!« schrie grell die Stimme des Elias. »Das Haus ist hin!«

»Das Forsthaus!«

»Schnurgrad drauf los!« rief der Kruspel mit kreischendem Lachen. »Beim Kugelschieben muß auch der Kegel fallen, mein Lieber!«

Dünn zitterte die Luft. Wie ein hohles Branden aus der Tiefe, so kam es herauf, dann ein gedämpfter Knall, als ob etwas geplatzt wäre, und dann Stille. – Der weiße, unermeßliche Schleier sank lautlos vom Himmel.

Als ob die warmlebigen Burschen selbst Schneemänner geworden wären, so starr standen sie da, schwer erschrocken auch der boshafte Kruspel. Friedl und Elias waren totenblaß. Der Vater ist zu Hause gewesen …

Endlich huben sie an, mit zitternden Beinen talwärts zu gehen. Der Friedl versuchte vergeblich den Schlitten. Der Schnee reichte bis an die Knie. Rasch und rascher kamen sie trotzdem zur Tiefe. Schon hörten sie die Ach rauschen, alles übrige verdeckte noch der schneiende Nebel. Der Friedl blieb stehen, legte die Hand aufs Herz und sagte: »Elias, ich kann nimmer weiter!«

»Komm, Bruder! Unser Herrgott! Vertrauen wir!«

Er zog ihn mit sich. Beider Augen wie Spieße in die Nebel stechend. Jetzt – dort – ein dunkler Streifen. Die Tauernach. Höher hin eine dunkle Fläche, als ob blauer Rauch stünde. Das ist der Lärchenwald hinter dem Hause. Alles andere grau in grau. Siehst du? Ist dort nicht? Das ist die Tanne, die hinter dem Garten steht. Und wieder verschwimmt alles im blassen Schneewirbel.

»Wenn er nicht mehr ist, Friedl?« sagte Elias stockend, »wenn er nicht mehr ist?«

»Ich hab’s getan!« sprach der Friedl vor sich hin.

»Sei nicht dumm. Gott hat’s getan und niemand anderer.«

»Dort steht es ja!« jauchzte Friedl hell auf.

Jenseits des Baches stand klar das dunkle Viereck des Forsthauses.

Doch als sie dann zum Hause hin wollten, über die Brücke, war diese verschüttet von einer wüsten Schneewucht. Da lag der zerschellte Ball. Es war nichts geschehen, auch die Brücke stand.

»Aber mir kommt’s doch anders vor wie sonst. Wo ist denn die Kapelle?«

»Die Kapelle ist nicht mehr da. Sie liegt unter dem Schnee.«

Die Burschen aus Eustachen haben sich sachte verzogen. Die beiden Brüder kletterten über den Schneehügel auf die Brücke und gingen zögernd dem Hause zu, das im Schleier der sinkenden Flocken stille dastand. An der Türe sind sie eine Weile verblieben. Der Friedl legte seine Hand an die Klinke und drückte doch nicht nieder.

Elias sagte: »Gelt, Bruder, wir wollen nimmer übermütig sein!«

Der Friedl nickte bedenklich mit dem Kopfe: »Wenn uns heut’ der Alte karabatscht!«

Der Alte tat nichts, er wußte es ja auch nicht, welcher Spatz die »Schneelawine« veranlaßt hatte. Aber die Sali! Die machte kein schlechtes Wetter, als sie den ohnehin immer kränkelnden Studenten durch das Schneegestöber herankommen sah. Und zwar ohne Überrock und ohne alle jene Umwicklungen, mit denen sie ihn mittags unter Einschärfung strengster Obacht entlassen hatte.

Das Beängstigende zuerst war, daß sie nicht greinte, daß sie schwieg. Dann fuhr sie sich verstohlen mit ihrer Schürze über das Gesicht und endlich sagte sie ganz gedämpft: »Mit den Kindern ist wohl ein rechtes Kreuz!«

Dann fragte sie den Jungen: »Ja so sag mir doch um Gottes willen, seit wann ist’s denn, daß der Mensch sich selber darf umbringen!«

Aber die Betrachtungen dauerten nicht lange. In drohendem Zorn befahl sie dem Elias, sich ganz augenblicklich auszuziehen und ins Bett zu legen. Dieweilen brüllte im großen Ofen der Schlafstube auch schon das Feuer. Die Sali wärmte an demselben schleunigst die Bettdecken und warf sie über den Jungen. Alle Decken und Kotzen und Kissen, die im Hause zu finden, trug sie herbei und schichtete sie über den armen Elias, daß er kaum Atem holen konnte. Solange er noch zu sprechen vermocht, hatte er beteuert, daß ihm ganz und gar wohl sei, daß er sich gewiß nicht erkältet habe. Sie wies nur auf sein nasses Gewand, und es half ihm nichts, er wurde lebendig begraben.

Mittlerweile tat die Hilfsmagd schon spanischen Tee kochen, den er heiß verschlucken mußte. Ferner bekam er für die Nacht an den Füßen noch einen heißen Backstein und heiße Hafendeckeln über den Magen.

Der Junge benützte die Lockerung der Hüllen, um immer wieder auszurufen: »Aber Sali, mir fehlt ja nichts. Ich bin ja ganz gesund.«

»Macht nix. Du wirst schwitzen.«

Das tat er im Übermaß.

Gegen Mitternacht, als er buchstäblich in Schweiß gebadet war, versorgte sie ihn mit frischer, durchwärmter Wäsche, trug dem Friedl auf, alle halbe Stunden nachzusehen, ob der Bruder gut zugedeckt sei, fühlte ihm noch den Puls, ob nicht doch das Fieber da wäre, zog dann mit dem rechten Daumen über sein Gesicht ein Kreuz, und endlich ging sie beruhigt in ihre Kammer.

Am nächsten Morgen war der Student frisch und munter. Die Sali sprach nichts mehr von der Sache, gehabte sich aber den ganzen Tag in jener getragenen Stimmung, die der Mensch nach einer großen Tat empfindet. Sie hatte ja dem lieben »Geistlerbuben« das Leben gerettet!

Der Schligerwitz, der Schligerwitz, der ist ein guter Spatzenschütz!

Seit dem Rodeln und dem bedenklichen Schneeballen auf der Siebentaler-Leiten waren kaum drei Tage vergangen, als der Försterfriedl fand: »A Hetz ist’s g’west!« Den Eustacher Kameraden ließ er durch einen Baumrindenführer kund und zu wissen tun, sie sollten am Palmsonntag in die Bärenstuben hinaufkommen zu einem ordentlichen Schneeballwälzen.

Drei Büchsenschuß weit hinter dem Forsthause, beim sogenannten Hals, wo das Tal sich engt und die Tauernach, neben ihr das Sträßlein sich windet, zweigt rechter Hand ein Graben ab. Ein steiniger Weg, der sich immer mit einem ungebärdigen Bächlein verflicht, führt hinein zu einem Talkessel. An den Lehnen Wald; Holzschläge und, steile Matten. Der Talboden ist eine Schutt- und Sandhalde, auf deren geschützteren Stellen Erlengebüsch wuchert. An die Berglehne gebaut ist eine ganze Stadt von Scheiterstößen, und davor eine Köhlerei mit rauchenden Meilern. Dieser hochgelegene Talkessel heißt die Bärenstuben. Von Zeit zu Zeit geht das Gerede um, daß dort in unzugänglichen Höhlen noch Bären hausen, die in die Ziegenherde der Holzknechte brächen und sogar die Almkühe nicht verschonten. Es heißt, man finde wirklich bisweilen zerrissene Körperteile einer Ziege oder eines anderen Tieres; den Bär will auch mancher gesehen haben. Wenn der Förster der Sache aber näher auf den Grund geht, verflüchtigt sich alles und bleibt nichts zurück als die Bärenstuben mit den Holzknechten und dem Krauthasen.

Der Krauthas, das ist der Kohlenbrenner, den wir schon einen Augenblick gesehen haben, und zwar bei jenem Faschingbegraben mit der Siebenschellenkappe, dererwegen die Leut ihn mit dem Rufe »Schellsiebener« gefeiert haben. Eine größere Ehre ist diesem Manne sein Lebtag nie widerfahren.

In den Gruben und schattigen Mulden waren zurzeit noch Schneeaugen. Die Berghänge im Hintergrunde des Kessels blinkten in der Sonne blendend weiß, als ob dort der Schnee überglast wäre.

An der Köhlerei war es, wo die Burschen zusammenkamen. Der Friedl wußte in diesen Gegenden Bescheid. Da mußte er sich die Woche über plagen im Holzschlag, da durfte es Sonntag wohl einmal auch eine Lustbarkeit setzen. Elias war nicht mitgekommen. Er habe an dem Schneeballen auf der Siebentaler-Leiten gerade genug gehabt.

Den Krauthasen fanden sie hoch auf einem der runden, rauchenden Meiler stehen und mit einer Krücke die Lösche festpracken an Stellen, wo Feuer zum Vorschein kommen wollte. Der Köhler, ein schlanker, hagerer Mann, war über und über schwarz. Die schlotternde Zwilchhose, mit einem Strick festgebunden, war einmal grau gewesen. Die gestrickte Wollenjacke des Oberkörpers war einmal rot gewesen. Die Tuchmütze auf dem Kopfe war einmal blau gewesen. Jetzt alles schwarz. Im verrußten Gesichte das Weiß und die roten Ränder der Augen, da guckte aus dem Teufel der Mensch hervor.

»Krauthas, steig herab und gib uns ein Schligerwitz!« rief der Friedl dem Köhler zu.

Der torkelte gleich vom Meiler.

»Junge, saubere Herren da? Muß man wohl, muß man wohl gleich!« Ein dünnes, fistelndes Stimmlein. Den Kopf neigte er schelmisch lauernd vor; das seine gewöhnliche Haltung, denn der Krauthas war »gnackbucklig«.

Sie gingen in die Hütte. Die war dunkel, aber geräumig. Drei kleine, niedrige Fenster ließen wohl so viel Tag in das Blockhaus, daß auch ungeübte Augen imstande waren, die Einrichtung zu unterscheiden. An der Ecke ein roh gemauerter Herd mit glosenden Kohlen, daneben eine Bretterpritsche mit Stroh und einem alten Lodenmantel. Dann eine Truhe, als Vorratskammer verwendet. An der anderen Wand mehrere ungefügig gezimmerte Brettertische. In früherer Zeit war noch ein zweites Bett dagewesen, in dem das Weib und das Töchterl beieinander geschlafen. Seitdem aber das Weib durchgegangen und das Töchterl »in Diensten« verreist war, wie der Krauthas sagte, konnte aus der Bettstatt ein Tisch gebaut werden für Gäste. Holzknechte sprachen gerne zu, auch Rinden- und Kohlenführer, im Sommer auch Halter, denn der Krauthas schenkte einen Fusel, den er »Schligerwitz« nannte.

Nun stellte er – »wieviel seid Ihrer denn? Siebene?« – sieben Stengelgläschen zurecht, hob aus der Truhe einen irdenen Plutzer und ließ mit feierlicher Gebärde das gelbliche Brünnlein rinnen.

»Packt ihn an, Prinzen!«

Das kratzte einmal, so daß die Buben mit scharfen Atemstößen aus der Brust ihre Kehlen ausfegen mußten. Der Friedl warf eine Krone auf den Tisch, sie drollerte eine Weile und blieb endlich liegen. Das ist für alle.

»Wir müssen anrucken.«

»Wohin wollt ihr denn?« fistelte der Köhler.

»Auf die Wildwiesen, Schneekugel treiben.«

Der Krauthas drehte den Kopf schief, schielte so in die Krume. »Schneekugel treiben? Auf der Wildwiesen? – Teuxelsbuben seid ihr. Darf ich nachkommen mit einem Plutzerl?«

»Gilt schon! Komm nach!«

»Schau, schau!« pipste der Köhler, »auf der Wildwiesen, da werden s’ dir aber nit schlecht herabteuxeln!«

»Schaden tun können s’ nit da drinnen,« sagte der Friedl.

»Wenn s’ kein’ Bären treffen. Sonst nit. Na, alsdann, meine Herren, ich komm nach!«

Dann voran durch das Hochtal. Weg und Wasser hatten im Sande sich verloren, die Burschen gingen, sprangen, hüpften über das Steinwerk so dahin.

Blieb auf einmal einer der Gerhaltsöhne stehen, schaute himmelwärts und sagte: »Das ist g’spaßig. Nit ein Fetzerl Gewölk, und mir ist’s gewest, als hätt’s gedonnert.«

Weiter drinnen begegnete ihnen ein alter Holzknecht. »Wo denn hin, Buben?« fragte er.

»Auf die Wildwiesen.«

»Auf die Wildwiesen?«

»Tut’s der Schnee? Wir wollen Schneekugel treiben.«

Der Alte schaute mit Staunen den Friedl an.

»Und der Försterische will auch mit? Der sollt’s doch wissen. Schneekugel treiben, jetzt im Frühjahr, wo die Lahnen abgehen! Seit gestern fahren sie. Man kann’s eh hören. – Buben, da ist’s nix mit dem G’spiel!«

Sie schauten einander an und berieten sich. Es war dumm. So weit herein und umsonst. Die einen wollten doch hinauf. Aber der Friedl war jetzt für die Umkehr.

»Ich hab’s halt nicht gewußt, Kameraden, daß der Teufel schon jetzt roglig wird. Die Lahnen heben doch sonst erst nach Ostern an.«

»Ganz nach dem Wetter,« sagte der Holzknecht. »Jetzt gehn’s halt einmal ab. Laßt sich nix machen. Na, tut wie ihr wollt, g’sagt hab ich’s euch.« Und ging mit geknickten Knien weit ausschreitend seines Weges.

In den Bergen war wieder ein dumpfer Donnerhall.

»Wißt was, Buben,« schlug der Friedl vor, »gehn wir zurück. Kehren wir beim Krauthasen ein auf ein Schligerwitz.«

So haben sie es auch gehalten und ist’s gar lustig geworden in der dämmerhaften Kohlenbrennerhütte.

Der Krauthas gestand, er habe sich wohl gedacht, daß sie ehzeit wieder zurückkommen täten. Und er war bereit. Vom Gesicht hatte er sich den Kohlenstaub gewaschen, daß es nun beinahe menschlich aussah. Der Mann war jünger, als er auf seine geknickte Körperhaltung hin geschätzt wurde. Das Gesicht war mager und wies doch keine rechten Knochen. Um die Mundwinkel hatte es Halbringe. War auch glatt rasiert. Nicht ein Härchen im ganzen Gesichte. Schier wie ein ältlicher Dorfschulmeister. Aber nur, solange er den Mund nicht auftat. Sonst kamen bisweilen unschöne Dinge hervor. Seine Sprücheln und Liedeln, da mußte einer schon mehr als ein Glasel Schligerwitz getrunken haben, wenn sie ihm Spaß machten. Er wartete auch weislich die Zeit ab. Unterhielt die Gäste mit kleinen Taschenspielerkünsten. Gar bedächtig und ehrbar setzte er seine Rede, bis er merkte, daß der Ofen geheizt war. Dann begann er vorsichtig loszulegen und sachte kam es immer dicker und dicker. Dabei das ernsthafteste Gesicht von der Welt.

Nun huben sie einmal an und steckten Pfeifen in Brand. Der Friedl hatte eine Zigarre und zwickte ihr mit dem neuen Taschenmesser die Spitze ab.

»Zwicken tät’s gut, aber Stoppelzieher hat’s keinen.«

Sie standen und lehnten so herum. Es war noch nicht viel los. Den Burschen tat der Branntwein nicht recht schmecken. Und der kaiser-königliche Straßenschotterer wollte der klügste sein. Er goß einige Tropfen Schnaps auf die hohle Hand, rieb sie mit beiden Händen ein und roch. Dann hielt er die Hand dem Nachbar hin: »Riech einmal!«

Der tat’s. »O du! Wasch dich besser!«

»Das ist nit die Hand, mein Lieber, das ist der Schnaps.«

»Junger Herr!« lispelte der Krauthas, und um die Mundwinkel spielten zuckend die Halbringe. »Du mir mein Schligerwitz nicht schmachen! Der ist wohl ein gar guter Kamerad, muß ich dir verraten. Hast eh kein Schneid! Sauf Schligerwitz!«

Und mit dem Kopfe den Takt wiegend, trällerte er grinsend:

»Der Schligerwitz, der Schligerwitz,

Der is a guater Spatzenschütz,

Der macht a Schneid und gibt a Hitz,

Der Schligerwitz!«

»Halt’s und bring was z’ trinken! Hast kein’ andern?«

»Wisset, bedenket, meine Herren,« bekannte nun der Köhler, »dasmal ist er nit recht g’raten. Sechs Jahr bin ich Soldat g’west. Und dennoch gehen’s auf mich los wie die Hund. Weil ein armes Leut nix haben darf. Verboten haben’s mir das Brennen. Heimlich muß ich’s tun – bei der Nacht. Da muß mir was in den Kessel sein g’fallen oder was immer. Ich kenn’s eh selber, er hat ein Gruchen.«

»Larifari. Brennt hast was Schlechtes. Soll ich dir sagen, was d’ brennt hast?«

Beim Jackenflügel faßte der Köhler den Gerhaltbuben, der so gefragt hatte, zerrte ihn abseits, als ob’s die andern nicht sollten hören dürfen, und flüsterte: »Ein guten Weiberleutfanger hätt ich.«

Der junge Gerhalt verstand das nicht. Der Kruspel aber, der gelauert hatte, verstand es.

»Her damit, Krauthas!« kreischte er.

Da begann der Köhler mit Umständlichkeit an dem Riedheu herumzutun, das dort im Winkel gehäuft war, und es kam ein Fäßchen zum Vorschein. Roter Schnaps, süß und süffig. Von dem da, so berichtete her Köhler, täten die Holzknechtburschen im Sommer, wenn sie auf die Alm gehen zu den Schwaigerinnen, gerne mitnehmen. »Zum Drankriegen.«

Der schon, der tat’s.

»Gelt!« sagte der Krauthas, strich dabei an den Friedl und fragte, ihn vertraulich angrinsend, ob ihm nichts wäre?

»Was soll mir denn sein?«

»Na ja – hab halt g’meint. – Was sagt ihr zu dem da?«

Ein Büschel Spielkarten warf er auf den Tisch.

»Die sollst erst einmal ins Bad schicken,« spottete der Friedl.

»Geh, meinst?« entgegnete der Krauthas pfiffig. »Kunntst dich ja von der Herzdam nit trennen!«

»Wer, ich?«

»Tragst sie eh Tag und Nacht an deiner schneeweißen Brust.«

»Ich? Wen? Die Herzdam?«

»Wettst was, du tragst auch jetzt die Herzdam unterm Brustfleck?«

»Die wird wohl bei ihren Kameraden liegen,« sprach ein Gerhaltssohn und suchte im Kartenbüschel nach der Herzdame.

»Selm wirst sie nit finden,« gixte der Köhler, »die duckt sich jetzt an des jungen Herrn Fridolin Rufmann sein heißes Herz.«

Der Friedl konnte nicht einmal lachen, so schlecht war der Witz.

»Was wettest?«

»Was du willst, Narr.«

»Ein Fassel Rosoli.«

»Wegen meiner!«

»Alsdann nachher greif halt einmal eini,« sagte der Krauthas gemütlich.

Der Friedl tastet in seinem halboffenen Westenlatz herum. »Teuxel, was ist denn das da drinnen?« Und wie er die Hand hervorzieht, hat er die Herzdame.

Gelächter, Geschrei. Mit einem heiteren Fluche schleudert er das schmutzige Blatt in den Winkel. Und jetzt bezahlt der Friedl allen Rosoli, der heute getrunken wird. Von dem konnte man schon mehr hinabtun, der kratzte nicht, der schmeichelte.

Plötzlich ging der Kruspel auf den Kohlenbrenner los: »Du, sag mir einmal, wo hast es denn? Wo hast es denn versteckt heut?«

»Was versteckt?«

»’s Menschl!«

»Ah, das meinst. Das ist jetzt in Löwenburg unten. Der Fratz hat Glück. Ist eine Stadtdam worden. Na, ich glaub’s, daß sie sich dorten besser steht wie in der Bärenstuben.«

Der Kruspel zog seinen langen Kinnbacken auf und nieder und sagte: »Geh, schwarzer Ganggerl, tu uns den Gefallen und tausch mit ihr. Nachher werden wir uns auch besser stehen.«

»Gib du lieber Achting, Kruspel, daß dir dein Kinnbacken nit abfallt!« lachte ein anderer.

»Keine Amtsbeleidigung! Ich versteh kein’ Spaß, mein Lieber!«

»Aber ich bitte dich, Kaiser-königlicher, das sieht man ja.«

»Wisset, was dem gesund wär?« sagte der Gerhaltsohn, dem Kruspel lustig die Hand auf den Buckel schlagend. »Dem sollt’ man einmal einen Schuß Sauborsten in die Haut kitzeln.«

Der Schotterer nahm das für eine Auszeichnung und grinste.

Derweil hub der Krauthas an, seinen schlangenlangen Leib zu wiegen wie eine kokette Tänzerin und gewisse Liedln zum besten zu geben.

»Ih hon, ih hon an olt’n Wetzstoa,

Mei Muada sogg, ich sult’n wektoa,

Mei Voda sogg, ich sult’n g’holtn –«

»Halt’s Maul!« fuhr ihn einer an, dem der folgende Vers nur allzugut bekannt war.

Daraufhin stellte sich der Försterfriedl zu den Gerhaltbuben und sie sangen hell und frisch den »Dreispannigen«, einen dreistimmigen Jodler, der die heiseren Ausgelassenheiten des Kohlenbrenners überjauchzte. Aber sie mußten abbrechen, denn plötzlich krümmte der Krauthas sich zusammen und begann zu wimmern: »Magenweh! So viel Magenweh! Weiß der Teuxel, es muß mir was Unrechtes drin liegen!«

»Ja, deine Schweinereien!« sagte der Gerhalt.

»Sei so gut, Gerhalt, zieh mir das Bandel außer!« jammerte der Köhler kläglich. Das Ende eines blauen Bandes stand ihm aus dem Munde hervor.

»Ein Schürzenbandl hat er g’schluckt!« lachte der Gerhaltsohn, »aber beiß mich nit!« Faßte das Band und zog an. Dieses kam aus dem Munde hervor, es war lang, es kam immer und immer heraus, es brach nicht ab und endete nicht. Schon ellenlang schlängelte das Band sich auf dem Fußboden und immer noch spann es der junge Gerhalt hervor. »Dem Krauthasen sein Bandwurm!« Unbändig lachten sie, bis endlich doch die Sache zu Ende war. Der Köhler bedankte sich gar drollig, versicherte, jetzt sei ihm wohl, und schickte sich an, noch andere »Zaubereien« zum besten zu geben, um seine lustigen Gäste noch lustiger zu machen.

»Trinkt’s, Buben, morgen sein mer eh in der Höll!« rief übermütig der Friedl und schenkte die Gläser voll.

Da klirrten die Fenster.

Sie stutzten.

»Was ist denn das?«

»Was ist denn das jetzt g’wesen?« –

»Schon wieder!«

»Die Lahnen! Die Lahnen!«

Sie stürzten vor die Tür.

An den Hängen hallten die Donner. An mehreren Stellen sah man es über den Waldwipfeln hoch aufstäuben. Dort drinnen über die weiße Fläche der Wildwiesen herab glitt scheinbar langsam und schwer eine Masse, hinter sich einen breiten, dunklen Streifen lassend. Aber fast gleichzeitig brach es auch vom nahen Berghang herab, daß der Boden schütterte.

Der Köhler faßte seinen Kopf mit beiden Händen, eilte in die Hütte zurück und wimmerte. Das war ein anderes Wimmern als vorher um das Magenweh. Ein Stöhnen der Angst war’s jetzt, ein wahrhaftiges. Und als der Friedl hineinlief, um seinen Hut zu holen, umschlang der Köhler ihm die Beine und wimmerte: »Bleib! Bleib da! Mein liebster Herr Friedl, bleib da bei mir. ’s ist der jüngste Tag.«

»Der ist noch lang nit, schwarzer Kohlenbrenner! Morgen kriegst das Geld für den Rosoli.«

Und haben ihn allein gelassen in seiner Armensünderangst.

Gegen Abend, als der Schnee fror und es in den Bergen wieder ruhig geworden war, gewann der Krauthas auch seinen Mut. Als er die Gläserreste auf den Erdboden goß und Ordnung machte, sah er auf dem Tisch etwas Glänzendes liegen – ein schönes Zeuglein. Er beguckte es von allen Seiten, kniff die Lippen ein: »Schau, schau, da hat mir einer ein Präsentel gemacht. Das ist gescheit.«

Und schob es in seine Hosentasche.

Eine himmlische und eine irdische Jungfrau.

Die Burschen ulkten heimwärts. Wo es Schnee gab, da bewarfen sie sich mit Ballen. Wo ein Tümpel war, da suchte einer den anderen hineinzuleichen, und der Kruspel mußte wiederholt wegen Beleidigung einer Amtsperson vorstellig werden.

Als sie durch den Hals hinauskamen und das Forsthaus nahe war, wurden sie anständiger. Ihre Rauchzeuge zündeten sie an. Der Friedl hatte keine Zigarren mehr. So wollte er sich ein Haselstöcklein schneiden, um etwas in der Hand zu haben zum Spielen. Er langte mit der rechten Hand in den Sack, dann langte er mit der linken Hand in den anderen Sack, dann wandte er sich um und schaute auf den Weg zurück und dann brach er den Holzzweig mit der Hand ab. Nun hatte er etwas zum Fuchteln, das ist anstatt der Zigarre.

Im Forsthause angelangt, vernahm Friedl, daß Gäste da seien. Der Michelwirt mit seiner Tochter. Der Steirerwagen stand in dem Holzschuppen.

Der Bursche wurde bei dieser Wahrnehmung fast nüchtern. Aber er wagte sich nicht ins Haus, warum, das wußte er nicht recht. Er führte seine Kameraden auf die Kugelbahn, die oben am Waldrande war. Doch keiner traf etwas, die Amtsperson traf nicht einmal den Laden und warf weich. Da sangen sie spottend: »Der Schligerwitz, der Schligerwitz!«

In der guten Stube des Forsthauses war es schon seit frühem Nachmittage hoch hergegangen. Ja, der Michel war wieder einmal da. Der Förster hatte seine Klampfen, wie er die Laute nannte, vom Wandnagel genommen, und so konnten sie sich wieder einmal satt singen miteinander. Schade, daß der schöne Einklang dieser Stimmen von niemandem weiter gehört werden konnte als von der Helenerl, die in ihrem dunkelgrünen Sonntagsgewand auf der breiten Ofenbank saß und mit innerem Behagen an einem feinen Strümpflein strickte; und von der Sali, die heimlich ihr Ohr ans Schlüsselloch hielt; und von dem Waldl im Hof, der gerührt über den lieblichen Sang heulen mußte.

Weil es in der tiefsten Fastenzeit war, so wählten sie fromme Lieder. Michels Kehle hatte dafür einen weichen Mollton. Der geheimen Horcherin, die eine besondere Marienverehrerin war, zur Freude sangen sie die süßinnige Weise vom armen Dienstmägdelein.

»Es war ein armes Dienstmägdelein,

Gar keusch und rein im Leben.

Das ging wohl alle Tage in Wald

Und fand sie eine Bildnus bald,

Sie tragt’s mit großen Freuden.

Die Bildnus war all verwüst und wild,

Die Bildnus war wohl zu bekleiden;

Sie tat es zieren wunderfein

All Tag mit einem Blümelein,

Wie s’ stunden auf der Heiden.

Es stund wohl an sechs Wochen lang,

Da ward das Mägdlein tödlich krank,

Sie wollt’ zu Haus nit bleiben;

Zwei Priester zogen wohl durch das Land

Und über dieselbige Heiden.

Der Weg war ihnen unbekannt,

Zwei Straßen taten sich scheiden.

Sie setzten sich nieder ganz müd und matt,

Der erste, der einschlafen tat,

Der andere tat umschauen.

Da sahen sie ziehen eine ganze Schar

Der schönesten Jungfrauen,

Und in der Mitt’ die Helferin,

Maria, die Himmelskönigin,

Noch schöner anzuschauen.

Der Priester fallt nieder auf die Knie,

Er tat sie so schön fragen,

Wo sie wollte gehen hin.

Die hohe Himmelskönigin

Maria tat ihm’s sagen:

Sie sagt es ihm gar herzlich fein,

Wohl zu dem armen Dienstmägdelein,

Wie sich’s hat zugetragen.

So gingen sie der Heiden zu

Und nach dem Mägdlein fragen.

Sie gingen wohl ins Haus hinein,

Da sahen sie das arme Dienstmägdelein

In großen Schmerzen liegen,

Maria stund ihr wohl zur Seit’

Und tat sie so schön küssen.

Da rufen’s die Priester zur selbigen Stund,

Das Wunder, das geschehen:

Jetzt fallt’s nur nieder auf die Knie,

Jetzt ist die Mutter Gottes hie!

Da haben sie’s nimmermehr g’sehen.

Um so viel eh haben das Wunder wohl

Die Priester aufgeschrieben,

Dem höchsten Gott zu Lob und Ehr’

Dem Menschen auch zu seiner Lehr’:

Maria allzeit lieben.«

Während die zwei bärtigen Männer in der Stube dieses liebliche Lied gesungen, hatte die Sali hinter der Tür schon wieder was zu greinen: »Jetzt glaub ich ihnen gar nix mehr! Sie mögen noch so viel schelten und fluchen – fromm sinds! Sie mögen den höllischen Ganggerl anrufen, so oft sie wollen, in Himmel kommens. Wer unserer lieben Frau so schön tut singen, den verlaßt sie nit.«

Nun hatten die Sänger noch einen anderen Zuhörer, den sie in allen Weiten des Waldes glaubten an diesem schönen Sonntagsnachmittag. Elias lag oben in der Schlafstube zu allerlängst auf dem Boden. Er hatte ganz leise den Holzschuber aufgemacht, der dazu bestimmt war, des Abends die Ofenwärme der großen Stube in die Schlafkammer zu leiten. Heute strömte durch die Öffnung süße Maienluft hinauf, im Liedesklang von der heiligen Jungfrau Maria.

Der Junge hatte Angst, sie würden das Lied unterbrechen, wenn sie sein Schluchzen hörten. Die Jungfrau Maria war ja seine heimliche Liebe, von der er niemand was sagte. Seit die Sali ihm als kleinem Knaben die Marienlegenden erzählt, war dieses himmlische Anbild in ihm. Als Kind hatte er in Marien die Mutter verehrt, als Jüngling liebte er in ihr die Jungfrau. Von einem Rosenkranze umgeben, von Engeln umkreist, im schneeweißen Gewand, auf dem Haupte die Krone der Himmelskönigin, ganz wie im Liede, so steht sie vor ihm, wenn er betet oder wenn er aufwacht in stiller Nachtstunde. Ernst und gütig, so schaut sie auf ihn herab, und aus den milden Händen, die sie über ihn hält, gehen lichte Strahlen nieder auf sein Haupt: Die heilige Inbrunst seines Herzens, die er nimmer konnte herausbeten, die ihm fast weh tat – in der wundersamen Melodie dieses Liedes löste sie sich selig. Darum mußte der Junge so schluchzen.

Die Sänger stimmten ihre Saiten und räusperten sich für was anderes. Da schlich Elias hinaus, das Marienlied wollte er sich durch keinen anderen Klang aus dem Ohre scheuchen lassen.

Die Sali hatte sich auch zurückziehen müssen von ihrem Horcherwinkel, um den Kaffeetisch zu besorgen. Milch und Sahne, Weißbrot und Butter waren schon lange erwogen und bereitet. Kaffee, die feinste Art, wie man sie in Eustachen nicht kriegt, die man draußen beim Kaufmann in Ruppersbach holen muß. Nun steht alles auf dem zierlich gedeckten Tische bereit; aus der Tasse dampft heiß herzerfreuender Geruch – und nun dankt der Michelwirt freundlich und sagt, Kaffee trinke er nicht.

Anfangs ist die Sali sprachlos. Allmählich kommt sie zu ihren Kräften. Mit umflorter Stimme, der schier das Weinen nahe, in dumpfem Ernste fragt sie ihn, weshalb er denn eigentlich die Einladung zum Kaffee angenommen habe, wenn er keinen Kaffee trinke?!

Dieser Mensch ist so leichtsinnig, daß er lachen kann. Wegen eines Essens sei er nicht gekommen, das habe er zu Hause auch. Er nähme am Nachmittag überhaupt nichts. Zum Plaudern und Singen sei er da und zu sonst nichts. Und ließ die Schale klappfest stehen, bis sie eine Haut hatte. Und saß munter am Tische und strich mit beiden Händen seinen Bart. Dieser lange, schwarze Bart! Nie noch war dieser Bart der kleinen Alten so zuwider gewesen als jetzt, da der Mensch ihr den Kaffee verschmäht. Die Helenerl konnte nach Herzenslust und mit noch so feinem Schick ihr Butterbrötlein streichen und aus der weißen Schale schlürfen – der Sali Freude war dahin. Belebte sich auch nicht mehr, als der Michelwirt mit schmatzendem Behagen Honigbrot aß und alles, was da war, überschwänglich lobte.

Mit drolliger Beklommenheit steckte es ihm dann der Förster: »Ist nicht wieder gutzumachen, Freund, es ist nie wieder gutzumachen! Du kannst sie als Ehebrecherin oder als Leichenschänderin verleumden, sie wird dir verzeihen. Aber daß du ihren Kaffee verschmäht hast, das verzeiht sie nimmer.«

Nach dem Kaffee ging die Helenerl einmal ins Freie, um sich noch vor dem Abenddunkel die kleine Wirtschaft anzusehen.

Sie begegnete dem Studenten, neben dem sie ein Weilchen einherschritt. Er redete aber nicht viel.

Obschon auch sie auf das Reden nicht eingeschlossen war, zu dem möchte sie doch was sagen. Wenn sie nur wüßte, was man mit so einem kleinen Studenten spricht. Ihre gegenseitige Verlegenheit kam ihr übrigens ganz lustig vor. Ja wahrlich, sie könnte ihn fragen fürs erste, ob er nicht einen Kaffee wollte trinken gehen, fürs zweite, ob er schon ein wenig Messe lesen könne? Überlegte sich’s aber, ob das eine, das Bemuttern, sich bei so einem jungen Stadtherrn wohl schicke, und ob er das andere nicht etwa für ein Gespötte halten könne.

Er ließ sie rechts gehen, blieb ihr aber zwei Schritte im Abstand. So gingen sie nebeneinander bis zur Brücke und über dieselbe. Und auf derselben sagte sie: »Das Wasser tut so stark rauschen, daß man kein Wort versteht.«

»Ja,« antwortete er und zog das Wort in die Länge, daß es zur Not auch für zwei gelten konnte. Er hatte also doch verstanden, trotz des Wasserrauschens, und war wieder das ganze Gespräch vom Nichtverstehen überflüssig gewesen. Jenseits der Brücke lagen noch Schneereste und dabei die Bretter, teils entzweigebrochen, teils noch aneinanderhängend. Der zerstörte Brunnen quoll irgendwo aus der Erde und sumpfte den Boden.

»Da soll ja die Kapelle gestanden sein,« sagte sie.

»Ja. Da ist sie gestanden.«

Nach einer Weile wieder sie: »Ist’s wahr, daß sie eine Schneelahn hat umgeschmissen?«

»Ja, ’s selb ist so. Eine Schneelahn.«

Und wieder nach einer Weile: »Um die Kapelle wird Ihnen wohl recht leid sein, Herr Elias Rufmann?«

»Eh na. Ist ein alter Scherben gewesen.« So er und nichts weiter.

Da dachte sie, jetzt laß ich’s bleiben. Und war froh, daß der andere kam.

Auf der Kugelbahn hatte der Friedl, während er just die Kugel hinausgeschoben, bemerkt, daß Michelwirts Helenerl dort mit seinem Bruder Elias ging.

Alle neune konnten fallen, seinetwegen! Er guckte nicht weiter danach, er eilte hinab und über die Brücke.

»Du bist ja nicht artig, Elias!« rief er lustig, nahm unter schöner Verbeugung den Arm des Dirndels und hing ihn in den seinen. Dabei lehnte er sich gleich etwas zu stark an, so daß sie leicht zurückwich.

»O, verzeih!« sagte er lachend, »weißt, wenn einer den ganzen Tag auf dem Steinhaufen herumgekugelt ist, da tut’s wohl auf dem Blumenbeetel.«

»Sehen Sie, Herr Elias!« redete sie über die Achsel gegen den Studenten hin, gleichsam: Daran nehmen Sie sich ein Beispiel, so muß man’s machen, wenn man mit einem Mädel geht!

Dann erzählte der Friedl, wie er den Tag über mit bösen Buben umgegangen sei, so daß Gefahr bestehe, er könne auch selber einer werden, wenn er nicht noch knapp vor Abend sich an ein liebes Mädel mache.

»Bedank mich schön!« antwortete die Helenerl, was freilich ein Spott war, aber ein solcher, für den sie wünschte, daß er nicht übelgenommen werde. Übelgenommen? Nein, das wurde er durchaus nicht. Im Gegenteil, der Bursche gesellte sich noch traulicher, plauderte ihr so nahe ins Gesicht hinein, daß es ein paarmal knapp daran war, sein Mund könne ihre Wange berühren. Die Wirtstochter machte sich nicht viel daraus, sie kannte schon vom Wirtshaus her die Art junger Männer, die etwas unbedacht getrunken haben. Sie hielt ihr Gesichtchen nur ein wenig gegen die andere Seite.

»Aber gar so neidisch sein, Helenerl!« scherzte er. »Laß mich doch deine Äugerln anschauen, wird eh bald finster!«

Sie wendete ihr blondes Köpfchen und ließ sie ihn wirklich anschauen. Er tat das schier gründlich und sie schauten sich treuherzig in die Augen.

So waren sie wieder zurück über die Brücke gegangen. Hinter ihnen drein Elias. Das war ihm einmal etwas Neues. Hatte er schon früher keine Worte gefunden, jetzt fand er auch keine Gedanken. Er war verblüfft.

Zum Hause gekommen, nahm die Helenerl rasch ihren Arm an sich und ließ den Friedl allein stehen. Er schaute ihr nach und schnalzte mit der Zunge. Zum Fenster rief die Sali heraus, wo sie denn alleweil herumgäulen täten, die Buben? Ob sie den Kaffee das drittemal aufwärmen solle?

Während die beiden Alten in der großen Stube bei der angezündeten Lampe und beim Glase Wein noch frohgemut beisammensaßen, plauderten, erzählten, dann wieder eins sangen, gingen die Brüder noch einmal über die Brücke und drüben auf der Straße gegen die Schlucht hinein. Es dunkelte schon stark. Sie hatten eine Unterredung. Der Friedl hatte erzählt, daß aus dem Schneekugeltreiben auf der Wildwiesen nichts geworden war, weil die Lahnen gingen, daß es hingegen aber um so lustiger beim Krauthasen hergegangen. Das wäre ein närrischer Kauz, dieser Krauthas, und was er für Kunststückeln mache mit den Spielkarten, mit Bandeln und anderen Sachen. Feuerfressen könne er auch. Etwas unsauber, aber komisch. Ein kohlschwarzer Zauberer, den müsse der Elias doch einmal anschauen gehen.

»Ich muß morgen wieder hinauf zu ihm; willst mit?«

Elias sagte rundweg nein.

»Na ja, ’s ist auch noch ein zu kalter Wind für dich in der Bärenstuben. Später einmal gehen wir miteinander hinauf. Mußt dir doch auch einmal den Holzschlag anschauen, wo ich meine Arbeit hab. Und nachher gehen wir wieder einmal miteinander auf die Seealm. Weißt, wie dazumal.«

»Laß mich aus mit der Alm!«

»Weil du damals noch ein Fratz bist gewest. Wenn man groß ist, schaut’s auf einem hohen Berg ganz anders aus. Da mußt einmal mit.«

»Ja, vielleicht geh ich einmal mit.«

Auf das Klappern oben am Waldrande sagte der Friedl: »Haben die Bären sich immer noch nit genug Kugel geschoben! Man sieht ja nix mehr. Die Gerhaltischen sind solche Kegelfresser. – Elias, du bist ein Musterbruder!«

Da er seinen Arm zärtlich um den Nacken des Studenten legte, so fragte dieser gelassen: »Willst was von mir?«

»Bloß zehn Kronen, aber die muß ich haben.«

»Und die soll ich dir borgen?«

»Na, gerade das verlange ich nit,« lachte der Friedl, »kannst mir sie auch schenken.«

»Und wenn ich nichts habe?«

»Ich bitte dich, du hast immer was.«

»Und warum hast denn du nichts? Kriegst mehr als ich im Monat, verdienst dir auch was, ich verdiene mir nichts.«

»Und brauchst auch nix. Weil du ein braver Junge bist.«

»Und du?«

»Ich? Ein Lump. Das heißt, nein, noch bin ich keiner. Daß ich halt alleweil so viel aufg’legt bin zu allem, was lustig ist. Und daß alles Geld kostet, was lustig ist, ich kann nix dafür. Ist so weit ja nix Schlechtes. Aber wenn man was verspricht und nit hält, dann ist man ein Lump. Und so einer bin ich schon morgen, wenn ich die zehn Kronen nicht hab.«

Elias machte ein strenges Gesicht. An seinen Professoren hatte er es gesehen, wie man die Stirn runzelt und die Augensterne zurückzieht, tief in die Knochen hinein. »Friedl,« sagte er, »weil wir schon von Lumpen reden, wie heißt denn ein Mensch, der was verspricht und weiß, daß er’s nicht halten kann?«

»Das hab ich nit gewußt heute drinnen beim Krauthasen. Auch dich hätte er so gefangen.« Dann erzählte er die Geschichte von der Herzdam, von der Wette und vom Rosoli. »Es ist eine Spielschuld, mein Lieber!« sagte er, um die ganze Größe der Angelegenheit darzutun. »Und jetzt, ob ich morgen ein Lump bin oder nit, das kommt auf dich an.«

»Hörst du, das ist eine Erpressung!«

»Wer ist schuld als du, wenn du nit hergibst!« sagte der Friedl lustig.

»Gut, aber zu Ostern mußt du mir meine Sache zurückgeben.«

»Elias,« sagte der Friedl, »zurückgeben, das kann ich nit versprechen. Damit du siehst, daß ich kein Lump bin.«

»Nun, dann muß ich freilich.«

Der Junge zog aus dem Hosensacke sein Geldtäschchen, es war nichts drin als ein einziger sorgfältig zusammengefalteter Zehnkronenschein.

»Aber das ist das letztemal. Du mußt dich bekehren. Nimm dir ein Beispiel an unserem Vater.«

»Wär mir nit zuwider. Vormittag beim Michelwirt Wein trinken und nachmittag zu Haus Wein trinken. Geh, schau nit so grantig. Will mich ja bessern. Seh’s eh ein, daß es so nit kann fortgehen. Es ist halt just einmal zu lustig auf der Welt.«

Leise sagte Elias: »Denk ans Fegfeuer!«

»Jesses, ans Fegfeuer! Laß mich aus mit dem Fegfeuer!«

»Nachher möchte ich dir noch was sagen, mein lieber Bruder« Elias zuckte ab, aber es kam doch. »Wie du zu der Michelwirtischen bist gewesen, vorhin!«

»Mit wem meinst?«

»Mit der Helenerl. Und noch dazu beim hellichten Tag!«

»Nein, es ist schon bissel dunkel worden.«

»Wie du sie gleich so hernimmst! Und so Sachen plauschen mit einem jungen Mädel! Just, daß du sie nicht hast abgeküßt auf der Straße!«

»Tu nit greinen, geistlicher Herr, ein andersmal werd ich’s schon heimlich tun.«

»Du tust alles verdrehen, und ich sage dir, garstig ist das, mir hast gegraust! Ich glaube schon bald, du hättest sie verführen mögen!«

»Du, die mag einer nit so leicht verführen,« versicherte der Friedl.

»Weil sie schon verführt ist. Eine Kellnerin! Da gehört nicht viel dazu.«

Jetzt blieb der Friedl stehen und betrachtete den kleinen Studenten von oben bis unten. Und schüttelte den Kopf und lachte.

»Allen Respekt! – Aber weißt, mein lieber Bruder, erstens ist das keine Kellnerin. Und zweitens, wenn’s auch eine wäre! Ein so liebes Täuberl sie auch tut sein, probier’s nur einmal mit ihr, mein Lieber!«

Hinter dem Hause plötzlich ein großes Gelächter. Einer der Burschen lief um die Ecke, mit den beiden Händen die linke Wange haltend, als ob sie ihm davonlaufen wollte. Der Kruspel. Eine unerhörte »Amtsbeleidigung«. Mit der Helenerl hatte er in seiner Art vertraut werden wollen. So schallend hatte es geklatscht, daß die Gerhaltbuben auf der Kegelbahn anfangs geglaubt, der Förster habe aus seiner »Schrottpfeife« einen Schuß tun wollen und sei ihm das Zündhütchen abgeschnalzt.

Der kaiser-königliche Straßenschotterer, der nun auch die seine hatte, meinte wohl, das sei gerade der beste Abgang; so tapfte er weit- und krummschrittig heimwärts.

Ihm folgten in gemütlicher Stimmung die Gerhaltbuben. Bald darauf rollte auch das Steirerwäglein die Straße entlang gen Eustachen. Und stille war’s im Forsthause.

Nächtig träumte Elias von der himmlischen Jungfrau; und der Friedl von der irdischen.

Der Krauthas und seine Hauswirtschaft

Der Förster saß noch spät in der Nacht in seiner Stube, rauchte aus der großen Pfeife mit dem langen Rohr und las eins aus der Bibel.

Er war in einer gehobenen Stimmung, wie allemal, wenn er mit dem Freunde zusammengewesen, dem liebsten, treuesten Menschen, den er nebst seinen Söhnen auf dieser Welt wußte. So wie im Singen harmonierten sie auch in allem anderen. Und wo sie verschiedene Meinung hatten, da war es erst recht köstlich, da trachtete einer den anderen zu verstehen und erweiterte an den Meinungen des anderen sein eigenes Denken.

Der Michel hatte mancherlei erlebt und als Wirt an der Straße vieles erfahren, was einem Waldförster sein Lebtag nicht nahekommt. Mit Handwerksburschen wie mit Bauern, mit Touristen wie mit fahrendem Volk und fahrenden Herrschaften pflegte der Michel stets ein Gespräch anzuknüpfen. Er verstand das gar witzig anzufangen, machte seine Schwänke, seine unbefangenen Bemerkungen und holte damit die Leute aus, ohne daß sie es merkten und ohne daß er es eigentlich beabsichtigte. Seine sinnige Natur trieb ihn auch an, manches Buch zu lesen und die aufgenommenen Gedanken weiterzuspinnen. Er wurde nicht das, was er las oder hörte, und doch änderte sich daran sein Wesen; das rege Gemüt schmiegte sich an manchen fremden Geist, der nicht so treu war wie er.

Aber auch der Förster war nicht bloß Förster, er war dazu noch ein Mensch, der über die Wipfel seines Waldes hinaus angeregt sein wollte, der sich mitteilen wollte, Teilnahme begehrte. Im Denken und Sprechen war er wohl nicht so fix, doch wenn er singen konnte, mit dem Freunde singen konnte – dann war er ein glücklicher Mensch. Daß sein schöner Baß in Michel den richtigen Tenor gefunden hatte, diese Frohheit faßte er oft in dem Worte zusammen: »Ja, wenn ich den Michelwirt nicht hätt!« Er hatte ihn, und die ruhige Freude darüber las er in die Bibel hinein und aus der Bibel heraus. Beim Nachtgebet dachte er an seinen Wald, an seine Buben, an seinen Freund und darauf gab’s einen guten Schlaf.

Zu einem so gründlichen, murmeltierartigen Untertauchen in das Nichts brachte er es freilich nicht wie sein Sohn Fridolin. Bei dem war alles ausgelöscht, Schneekugeltreiben, Krauthas und Helenerl. Er lag im Bette wie ein Klumpen Erdstoff, der atmet.

Elias konnte keinen Schlaf finden. Zuerst hatte er lange gebetet, dann war er ins Sinnen gekommen und dabei war ihm bange geworden. – Was wird’s noch werden mit meinem Bruder? Ein so weltlicher Mensch! Von Himmel und Hölle will er nichts hören. Immer Lustbarkeit, Leichtsinnigkeit, sogar sündige Sachen. Man hört von ihm kein Morgengebet und kein Abendgebet und nichts. Tut man ihn erinnern, so lacht er; was soll das noch werden? Drei Finger möchte ich mir abhacken lassen dafür, wenn er anders wäre. – – Dann betete er wieder, bis auch über ihn der Friede kam.

Sogar die alte Sali hatte vor ihrem Einschlafen den Tag noch einmal überdacht. – Singen können die zwei! Wenn ihnen nit auch die dummen Schelmenliedeln täten im Kopf stecken, Vorsinger kunnten sie werden bei der Wallfahrtschar nach Mariazell. – Aber eine solche Hochmütigkeit! Schau dir einmal die Hochmütigkeit an! Wie viele wären froh, wenn sie so einen Kaffee kunnten haben! Ich halt’ nix mehr auf den Michelwirt!

Am nächsten Morgen gingen sie miteinander ins Gebirge, der Förster und der Friedl. Ersterer hatte einen Stock, dessen Handhabe aus einem eisernen Griff bestand, der an einer Seite Hämmerlein, an der anderen ein kleines Beil war. Der Friedl trug über der Achsel eine Holzhacke. Auch Elias war eingeladen worden, mitzukommen. Der blieb zu Hause, er habe zu lernen. In der Schlucht schattete es noch; an den Uferrasen der Tauernach Eiszapfen. Auf den Berggipfeln Sonnenschein.

Bald hinter dem Halse trennten sich Vater und Sohn. Der Förster der Ach entlang, dann in den Forst hinan, um schlagbare Stämme zu märken. Es mußte geplendert werden. Aus dem noch nicht schlagreifen Wald mußten die kranken, schadhaften Bäume entfernt werden. Schnee- und Windbrüche gab es. Die gebrochenen Stämme sind Brutstätten für das Insekt, sie müssen fort. Der Förster zeichnete die Arbeit an. Plötzlich begann er zu fluchen. An einigen Fichtenstämmen waren ihm wieder solche Wunden aufgefallen.

»Wenn ich nur diesen gottverfluchten Pechkratzer einmal könnt erwischen! Die schönsten Bäume bringt er mir um! Ich wollt’s erraten, wer’s ist. Aber derweil die Untersuchung nicht kommt, muß man den Mund halten. Die Spitzbuben haben heutzutag ein großes Recht.«

Der Friedl ging der Bärenstuben zu, nach dem Teschenwald, wo die Holzknechte arbeiten. Bei dem Krauthasen sprach er vor und begehrte ein Stamperl Noten. Im Wirtshaus einkehren und nichts trinken, das schickt sich nicht.

»Kriegen jetzt auch wieder einen guten Weißen,« gestand der Kohlenbrenner vertraulich. »Hab schon wieder was im Kessel, da hinten oben!«

»Lang hab ich heut eh nit Zeit. Da hast,« sagte der Bursche und warf ein zerknülltes Papier auf den Tisch. »Gib heraus!«

Der Krauthas machte einen langen Hals, krabbelte mit seinen dürren, rußigen Fingern das Papier auseinander. »Junger Herr, da soll ich herausgeben? Was glaubst denn, daß ein Fassel Rosoli kostet?«

»So laß wenigstens den da,« der Bursche deutete auf sein Gläschen, »draufgehen, du alter Rab!«

»Wegen ein andersmal,« gab der Köhler bei und der Handel war geschlichtet.

Schon im Fortgehen blieb der Friedl an der Tür stehen: »Du, Krauthas! Hast gestern nicht ein Taschenmesser gefunden?«

»Hast eins verloren? Ah, schad, schad drum!«

»So muß es mir anderswo aus dem Säckel gefallen sein.«

»Da bei mir hab ich nix gesehen. – Heilige Mutter Anna! Was kommen denn da lauter für Leut!«

Erschrocken hatte der Kohlenbrenner die zwei Gestalten bemerkt, die sich der Hütte nahten. Ein Gendarm und der Gerhalt von Eustachen. Ersterer, in der Hand bereit haltend das Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett, schaute zur Tür herein: »Der Bartel Krauthas? ja?«

Hinter ihm der vierschrötige Gemeindefürstand mit einem großen Stecken. Mit behäbiger Würde stand er da, das rote, rauhe Gesicht rasiert bis auf einen grauen Bartkranz, der sich hinter Wangen und Kinn herumzog von einem Ohr zum andern. Unter dem großen schwammigen Filzhut hingen geringelte Haare herab, etliche über die Stirn, dickes Gelocke, schwarzgraues, auf die breiten Achseln.

»Guan Morgn, guan Morgn schön!« fistelte der Kohlenbrenner. »Darf ich was aufwarten?« Denn daß sie schon das Schnapsglas bemerkt hatten, sah er.

»Ihr schenkt Schnaps aus, Krauthas?« fragte der Gerhalt mit seiner rauhen, aber gutmütig tönenden Stimme.

»Immer einmal ein bissel, ja. Fürs Magenweh. Gelt, Herr Rufmann, jetzt ist’s schon besser?«

»Magenweh? Ich weiß nix davon,« lachte der Friedl.

»Der Teuxel brennt schon wieder aus!« kreischte der Köhler und tat, als wollte er hinaus zu den Kohlenmeilern, um Flämmchen zu dämpfen.

»Na, na, Krauthas, er brennt nit aus,« sagte der Gerhalt, »du bleibst hübsch da in der Hütten und tust uns deine Sachen aufzeigen.« Auf den Gendarmen weisend: »Der Herr da ist so viel neugierig, was du alles hast.«

Als der Friedl merkte, hier werde es ungemütlich, ging er davon, eilte in den Teschenschlag zu seiner Arbeit. Unterwegs dachte er noch: Futsch ist das schöne Messer! Aber dem Elias nichts sagen.

In der Kohlenbrennerhütte begann die Hausdurchsuchung. Die Truhe barg ein halb Dutzend Schnapsplutzer. Unter dem Riedheu ein Branntweinfäßchen. Wie bedenklich viele Magenleidende es doch in der Bärenstuben geben mußte! In der Ecke hinter einem Bretterverschlag ein Haufen alter Kleider, darunter ein Lodenrock. Der kam dem Gendarmen so groß vor, daß er ihn entfaltet in die Luft hinaushielt: »Krauthas, schliefens einmal in diesen Rock ’nein!«

Doppelt schlug der Lodene dem hageren Manne um den Leib zusammen. Da sagte der Kohlenbrenner: »Ein armer Teufel, der sich sein Gewand muß zusammenbetteln, kann es sich freilich nit anmessen lassen.«

»Was ist denn das?« fragte der Gendarm und zog aus der Fletzrunse einen eisernen Pechschaber hervor.

Der Krauthas tat ärgerlich. »Jetzt liegt alleweil noch die dumme Pechkratzen umeinander. Schon im vorigen Herbst hat’s ein Holzknecht, oder was er ist g’west, dagelassen.«

»Du Krauthas!« rief der Gemeindefürstand und er tat’s mit amtlich erhöhter Stimme. »Du weißt, daß das Pechschaben verboten ist. Ein Ameiseierhäfen hast auch dort unter dem Glump. Ich hab’s schon gesehen. Und wer’s nit sieht, der riecht’s. Daß das Ameisgraben verboten ist, weißt auch. Zweimal hab ich dir schon Verwarnung zugeschickt. Soll ich dich einsperren lassen?«

»Ich bitt, Herr Fürstand,« jammerte der Köhler und stand fast gebrochen da. »Wildern tu ich eh nimmer.«

»Ich glaub’s. Weil gar kein Wildbrat mehr umlauft. Vom Pechern ist jetzt die Red! Und leicht noch von was anderem! – Oho! Bleib nur da, Krauthas!«

»Ich bitt, Herr Fürstand, ’s Kohlenbrennen tragt nit viel.«

»Mußt schon so gut sein, Krauthas, und mußt uns ins Steingrabel hinaufführen.«

»Ins Steingrabel? Ja wegen was denn nit! Der Steig ist halt schlecht jetzt im Frühjahr, wird noch aller verschneit sein.«

Er war aber nicht verschneit, der Steig, er war leidlich ausgetreten. Der Köhler trachtete links ab gegen die Erlstauden.

»Na, na, Krauthas, ins Steingrabel wollen wir!«

»Im Steingrabel ist wohl nit viel Rars zu finden. Und tun jetzt auch alleweil die Lahnen gehen.«

»Macht nix, wir wollen just einmal ins Steingrabel.«

Und in dem versteckten Waldwinkel, in der Höhlung eines Felsens hatte der Krauthas seine Branntweinbrennerei. Mehrere Säcke voll gedörrter Ebereschenbeeren, Heidelbeeren und mancherlei Kräuter- und Wurzelwerk. Auch halbverfaulte Schwämme und Unrat in einem Haufen. Aus rohen Steinen waren kleine Öfen hergerichtet, über denselben berußte Kessel, unter denselben Holzscheiter, just zum Anzünden.

Als der Krauthas sah, seine Destillationsanstalt wäre entdeckt, meinte er, es sei am besten, aus der demütigen Bittweise zum kühnen Angriff überzugehen. Wenn man den Leuten auch noch ihren letzten Erwerb wegnähme, da müßten sie stehlen gehen oder noch was Ärgeres. Was er ihnen getan habe, daß sie ihn zugrunde richten wollten, wie sie seinen Vater zugrund gerichtet hätten. Wie sie dem braven armen Mann die schöne Wiese abgegaunert hätten mit der Siebentalerwette, das hab’ er sich gemerkt. Und wenn reiche Leute schelmen und rauben dürften bei hellichtem Tag, so werde ein armer Hascher wohl auch noch ein bissel Pech und Branntwein brennen mögen. »Oder nit? Oder will der Herr Durchlaucht, oder wem’s gehörten, die Ebereschenbeeren selber fressen?«

So heftig war er geworden, daß sein dünnes Stimmlein mehrmals überschlug.

Der Gendarm hatte am schwarzledernen Lendengürtel, neben der Stilettscheide, zwei Handschließen aus glänzendem Stahl hängen. Die nahm er jetzt vor. Aber der Gerhalt meinte, das Wichtigste sei, die Sachen in Beschlag zu nehmen. Sie hoben die Kessel aus den Öfen, schleppten solche herab in die Hütte, taten den eisernen Pechkratzer dazu und allerlei Verdächtiges, das banden sie mit einem Strick zusammen. Der Gerhalt schrieb mit dem Bleistift schwerfällig auf ein Stück Papier: »Dem Bartel Krauthas weggenommen. Martin Gerhalt, Fürst.«

Als sie mit dieser Arbeit beinahe fertig waren, kam der Förster Rufmann daher. Er hatte auf seiner Waldlehne die Markierung geleistet und wollte nun in der Hütte einkehren auf einen Tropfen Schligerwitz. Er wollte sich stellen, als sei er der Meinung, daß der Köhler arglos manchmal einen Plutzer Zwetschgenbranntwein aus Ruppersbach halte, für sich und zur Magenstärkung für andere. In Wahrheit gedachte er dem Krauthasen auf die Schliche zu kommen.

Kaum der Krauthas in seiner Bedrängnis des Försters ansichtig wurde, tat er einen Freudenschrei und fiel vor ihm auf beide Knie. Und bat unter Händeringen um Hilfe. Man wolle ihm sein Restlein Habschaft wegnehmen, er sei ein blutarmer Teufel und müsse sich in die Ach legen, dort wo sie am tiefsten. Dem Förster war es bald hinterlegt, daß er hier den Pechschaber und Ameisengraber vor sich habe. Doch eben, weil man den Mann nun hatte, der auch gar nicht weiter leugnete, war sein Zorn verraucht. Jetzt konnte man sich vor ihm ja leicht schützen. Der Schlucker tat ihm schon leid.

Als der Gendarm den Krauthasen nun fesseln wollte, um ihn bequemer einführen zu können, brummte der Fürsteher: »Ist eigentlich eine dumme G’schicht. Jetzt gehen wieder die gerichtlichen Scherereien an.«

Und sagte der Förster: »Ich denk’, meine Herren, das tun wir nicht. Im Kotter wird der Mensch zwar älter, aber nicht besser. Das Brennen kann ich ihm nicht erlauben und nicht verbieten. Ist Sache des hochgebornen Herrn Staates, zu wachen, daß die Grafen und Juden in Galizien in ihrem Erwerb nicht geschädigt werden. Aber die Ameishaufenschleiferei und die Pechschaberei ist meine Sach und die soll ihm für diesmal geschenkt sein. Viel wird er’s nimmer treiben. In etlichen Tagen, bis diese Meiler abgekohlt sind, soll er schauen, daß er weiterkommt!«

Damit war der Krauthas freigesprochen und davongejagt.

Locken, locken, Eier locken!

In Eustachen und weiter herum ist es Sitte, daß zur Osterzeit in allen Häusern, wo es junge und auch ältere Dirnlein gibt, Eier hart gekocht und rot gefärbt werden.

Die Hühner tun um diese Zeit das ihrige. Jede hat ihr besonderes, von der Hausmutter sorgsam gehütetes Nest, wo sie dem Tag oder dem zweiten Tag ihr Ei legt. Und wenn eine ihre Frucht an unbekannter Stelle ablegt, so gackert sie nachher so heftig und lange, bis auch dieses »vertragene« Ei aufgefunden wird. Da brauchen in einem hühnerreichen Hof die Leute bloß zu sammeln. Nun, und um die Osterzeit werden solche Eier in kochendem Wasser mit Farbstoff rot gefärbt. Manch eine Maid hält einen ganzen Nähkorb voll roter Eier bereit und wartet auf die Eierlocker. Denn die jungen und älteren Knaben, zu einzeln oder in Gruppen, gehen um diese Zeit von Haus zu Haus »Eier locken«. Bei den kleinen Buben sind die Eier Hauptsache, bei den großen die Maidlein, so sie spenden.

So hatte der Friedl sich zu den Gerhaltbuben gesellt.

An den Osternachmittagen zogen sie von Haus zu Haus, sagten vor der Tür ihr Sprüchlein her und hielten ihre Leinwandsäcklein auf. Wer kein Säcklein hatte, der brachte eine Zipfelmütze mit. Sie wurden überall gut aufgenommen; die Gerhaltbuben als die Söhne des Fürstandes, der Försterfriedl, weil er der Försterfriedl war. Den hübschen, frischen, lustigen Jungen hatte man überall gern. Er hatte so einen treuherzigen Übermut, der gerade den Weibsleuten gefiel.

»Du, Poldlhoferin,« bettelte in einem der Bauernhäuser ein Gerhaltbub, »magst nit mir auch ein paar geben?«

Seit wann man mit einem Ei nit mehr zufrieden wäre?

»Seit der Försterbub zwei kriegt.«

»Ei, der Dunner! Zwei hätt ich ihm geben, dem Friedl?«

»Wohl, wohl, zwei hast ihm geben, dem Friedl.«

»So muß ich mich narrisch vergriffen haben.«

»Vergreif dich noch einmal narrisch!«

»Ah, ich weiß schon, für seinen Bruder, den Studenten, ist eins vermeint gewesen.«

»Vermein halt meinem Bruder auch eins. Dem, der noch daheim ist.«

Da blieb der Jungbäuerin nichts anderes übrig, als auch dem Gerhaltsohne zwei Eier zu schenken. Der andere Gerhaltbub übte dieselbe Erpressung und sie mußte sich fügen, weil ihre heimliche Bevorzugung des Försterbuben an den Tag gekommen war.

So traten die Buben auch vor die Tür des Michelwirtshauses. Alle drei zusammen, mit gleichtönigen Stimmen, in der Art, wie Bauernleut’ beten, sagten sie ihren Spruch auf:

»Die Glocken, die locken

Zur Osterfeier,

Wir locken, wir locken

Die roten Eier,

Bei schönen Dirnlein

Mit rotem Mund,

Frisch und gesund,

Frisch und gesund!«

Trat Frau Apollonia heraus, schaute die Burschen an und sprach mit gutem Humor leise: »Hätt nit denkt, daß die jungen Buben zu einer alten Frau kommen, Eier locken.«

»Nein, nein!« riefen sie lustig, »zu der Helenerl kommen wir!«

Sollten halt ein bissel ins Haus gehen. Trat denn das Wirtstöchterlein mit dem Nähkorb vor, waren aber bloß etliche Leinwandflecke drin und ein Zwirnsträhnchen.

»Wird halt nix meh da sein,« sagte sie schelmisch und wühlte mit der Hand unter dem Zeug. »Hab’s schon all weggeben, seid halt zu spat kommen. Schau, schau, da ist noch eins!« Sie zog ein rotes Ei hervor und schenkte es dem älteren Gerhaltsohn in sein Leinwandsäcklein.

Bettelte der jüngere, sie möchte suchen; es wäre gewiß noch eins drinn.

»Glaub kaum,« sagte sie, »ist keins meh da.« Sie grub mit der Hand unter dem Zeug. »Richtig, da hat’s noch was!«

Aber als sie es hervorzog, war es ein Zwirnknäuel.

»Geh, Dirndel, eins ist schon noch drinnen,« schmeichelte er. »Locken, locken, Eier locken!«

Brachte sie schließlich noch eins zum Vorschein und legte es dem jüngeren Gerhaltsohn in die Zipfelmütze, gar behutsam, daß die, so schon drinn waren, nicht Schaden litten.

»Und jetzt, jetzt geht nur wieder um ein Häusel weiter.«

… »Ich nix?« fragte der Friedl. »Locken, locken, Eier locken!«

»Aber Tschapperl, wenn ich nix meh hab!«

Das glaubte er nicht.

»Eins hast schon noch, Helenerl,« flüsterte er und machte einen »Krückerlmund«, wie Kinder, wenn ihnen zum Weinen ist. »Schau, Dirndl, – schau! Für mich hast schon noch eins. – Laß mich suchen!«

»Ihrer ein Dutzend hab ich ghabt,« versicherte sie. »All sein’s weg.«

»Laß mich selber suchen. Ich find noch eins!«

»Nau – wenn du noch eins findest! So such halt.«

Er wühlte im Nähzeug. »Au weh!« rief er plötzlich und zuckte zurück. Am Nadelkissen hatte er sich in den Finger gestochen. Da wurde er hell ausgelacht.

Aber als sie abziehen wollten, winkte die Helenerl dem Friedl mit den Augen, ganz flüchtig, wie ein Blitzchen. Der Försterbub verstand und blieb noch ein wenig allein im Vorhause stehen, bis sie aus der Kammer trat mit einem roten Ei, wunderschön kirschrot, schöner als die anderen. Sie steckte ihm’s rasch zu: »Friedl, das ist für dich extra eins, für dich ganz allein!« und schlüpfte davon wie ein Vöglein.

Einen Juchschrei hatte der Bursch getan, als er über den Antrittstein der Tür hinaussprang. Die Kameraden hatten seine Beglückung nicht wahrgenommen. Sie neckten ihn, daß er abgeblitzt wäre, er trällerte lustig sein selbsterdachtes Sprüchlein:

»Wir locken, wir locken

Die roten Eier

Bei schönen Dirndlein

Mit rotem Mund!«

Als die Häuser, in denen etwas zu erhoffen, abgegangen waren, wobei es noch mancherlei Schalkerei gegeben, eilten die drei Burschen in eine Heuscheune, denn es regnete. Dort sollte der große Eierschmaus stattfinden.

Sie machten behutsam ihre Säcklein auf und zählten die Beute. Und begannen nun, um die Dinger auf ergötzliche Art zu zerbrechen und dabei weitere Beute zu machen, die üblichen Eierspiele. Sie rollten die Eier über den Bretterboden hin, um mit dem einen das andere zu treffen. Der eine versteckte das Ei im Heu und die anderen mußten es suchen. Der eine hielt in halbgeschlossener Faust das Ei hin und der andere schleuderte ein Zweihellerstück darauf, um es mit der Schneide zu treffen. Dann wieder stellten sich zwei Burschen hin und tutschten mit den Spitzseiten zwei Eier zusammen. Wessen Ei bei solchen Spielen unverletzt blieb, der war Gewinner auch des zerschlagenen.

Der Friedl hatte das seine vom Wirtshaus nicht aufs Spiel gesetzt, sondern es mit dem Sacktuch umwickelt, in der Tasche geborgen, und mit den übrigen gewann er so viel, daß er die Kameraden einladen konnte zu einem Eierschmaus, wobei die versehrten Stücke völlig entschält und die hartgesottenen, glänzend weißen Eierleiber, Eiweiß und Dotter mit Salz verzehrt wurden. Die Gerhaltbuben hatten in einem früheren Jahre einmal die Erfahrung gemacht, wie weit das gehen dürfe mit dem Verzehren harter Eier, so ließen sie es mit vier oder fünf Stücken gut sein, die übrigen schenkten sie kleinen Buben, die beim Eierlocken noch nicht so glücklich gewesen waren als die großen.

Als der Friedl heimwärts ging, traf er auf der Straße den Kruspel, der wollte ihm Eier abbetteln. Da sagte der Försterbub spottweise: »Willst ihrer haben, so geh selber locken. Kannst auch bei der Michelwirtstochter anfragen. Vielleicht kriegst wieder was.«

Da fuhr der Straßenschotterer wütend auf ihn los.

Der Bauernfeiertag

Am Osterdienstag ging’s wieder ausgelassen her beim schwarzen Michel in Eustachen. Der Osterdienstag ist einer jener Bauernfeiertage, an denen die Leute nicht arbeiten und auch nicht fromm sein wollen.

»Die Kleinfeiertagssünden hab ich allerweil am liebsten!« rief ein derber Bauernknecht in der Wirtsstube und setzte sich zwischen zwei dralle Mägde, an deren Wangen weniger die Jugend als der Wein blühte. Beim anderen Tisch spielten ihrer etliche Bauern Karten. Mit dem »Zwicken« hatten sie angefangen, mit dem »Einundzwanzigerln« wollten sie weiter tun. Der Michel nahm ihnen das Kartenbüschel auf. Sie meinten, er wolle es mischen, aber er steckte es in die Tasche.

»Das Einundzwanzigerln, meine lieben Leut, das ist verboten. Wer’s nit glaubt, der soll die Polizeiordnung fragen, sie hängt an der Tür.«

»Laß sie hängen. Die Polizeiordnung brauchen wir nit und deine Karten auch nit!« Scharf rief es einer und zog aus seinem Rocksack ein anderes Kartenbüschel.

»Brav bist,« lachten dem die andern zu, »ein guter Christ tragt sein Gebetbüchel immer im Sack bei sich. Also, na, vorwärts! Ausgeben!«

Bei einem dritten Tisch hatten sie gewürfelt und waren dabei strittig geworden. Der Wirt trachtete, sie zu beruhigen. Einem besoffenen Schneider verweigerte er weiteren Trank. Da wollte ihm der äußerst Gekränkte das leere Bierglas an den Kopf werfen.

»An den harten Steirerschädel? Schad ums Glas,« lachte ein anderer und nahm es dem Betrunkenen weg. Da fuhr der Schneider so heldenhaft auf, als wollte er einen Mord begehen, stolperte aber an dem Tischpfosten und fiel um.

Das beste Mittel, die wilden Tiere zu zähmen, war fast allemal, wenn der Michel zur Zither griff; doch heute waren ihnen seine Lieder nicht »geschmalzen« genug. Almlieder, Jägerlieder – fades Zeug. Da wußten sie selber was »Feineres«.

»Bin gestern gong gasseln

Zas Nochbarn sei Dirn.

Hons Fensterl nit troffn,

Hon za da Goas einigschrian.«

Und der Nächste folgendes:

»Annamirl, tua lei lisn losn,

Wia da Vigl-Vogl sche singg in Wold!

Annamirl, mochs Fensterl auf,

Mir is scha kolt.

Mir is scha kolt ban Steh,

Dirndl moch auf!«

Das wiederholte ein anderer so:

»Annamirl, tua lei lisn losn,

Wia da Vigl-Vogl sche peckt ba da Nocht …«

»Gebt’s aufs Feuer acht, es sind Schindeln aufm Dach!« so unterbrach der Wirt, denn es gab auch Leute in der Stube, die für solche Sachen noch schreckige Ohren hatten. Deswegen hub der Wirt was anderes an:

»Han ih denn nit a schens Hüaterl auf!

Han ih denn nit a schens Federl drauf!«

Alsbald fielen andere singend ein:

»Mei Federl, mei Hüaterl, juchhe!

Bi mein Votern sei lustga Bua!«

Der Michel sang weiter:

»Han ih denn nit a schens Röckerl an!

Han ih denn nit a schens Knöpferl dran!«

Und die anderen:

»Mei Knöpferl, mei Röckerl,

Mei Federl, mei Hüaterl, juchhe!

Bi mein Votern sei lustga Bua!«

Der Michel:

»Han ih denn nit a schens Schuacherl an!

Han ih denn nit a schens Schnallerl dran!«

Die anderen:

»Mei Schnallerl, mei Schuacherl,

Mei Knöpferl, mei Röckerl,

Mei Federl, mei Hüaterl, juchhe!

Bi mein Votern sei lustga Bua!«

Am Tischlein neben dem Uhrkasten saß ein ältliches Ehepaar, das wollte seinen häuslichen Zank abwechslungsweise einmal im Wirtshaus abwickeln. So oft er aus seinem Glase einen Trunk tat, fiel sie ihm in die Hand: »Sein laß! Hast eh schon zu viel!« Und keifte ihm ins Gesicht hinein, dieweilen er mit der Faust vor ihrer Nase fuchtelte.

Immer noch mehr Leute kamen. Die Stube war schon voller Dunst und Tabakqualm, Gelächter und Geschrei und Gefluche darunter. Die Kellnerin eilte hin und her, aus und ein: »Was schaffens? Bier, Wein, weißen, schwarzen? Kuttelfleck, Rostbraten, Kälbernes?« Doch die Stimmung war schon weniger für »Kuttelfleck« als fürs Fluchen, Zündeln und Raufen.

»Ich weiß nit,« sagte das buckelige Weberlein aus Ruppersbach, das an der Ofenbank saß, zutraulich zum Michel, »wegen warum die Leut gar a so tun schimpfen. Ist eh so viel gemütlich im Wirtshaus. Wär eh so viel gemütlich, wenn die Leut nit alleweil taten schimpfen. Warm ist’s schön. ’s Weinl ist gut, schön plauschen kann man miteinand und ein Fried hätt ma, wenn d’ Leut nit alleweil taten schimpfen.«

»Recht hast, Weber,« gab der Michel bei, »ja, wenn halt all so wären wie du, selm wohl, selm!«

Wurde der Kleine noch zutraulicher und lispelte: »Gelt, Michel, wenn sie kommt, wenn sie gach kommt, du tust mich verstecken?«

»Wer soll denn kommen?«

»Meine Alte, mein, du! Bin nit ein Augenblick sicher; gelt, du bist so gut und sagst, ich bin nit da. Dir glaubt sie’s schon. Mir tat sie’s nit glauben. Mir tut sie gar nix glauben. Mich tut sie ausgreinen,« gestand er weinerlich. »Mein lieber Michel, du glaubst es nit! Alleweil, den ganzen Tag tut sie greinen.«

Bei diesem Eingeständnis verfiel der Weber in ein solches Selbsterbarmen, daß der Michel schelmisch seinen Kopf zwischen die Schultern niederzog, die Lippen über die Zähne einkniff und mit dünner Greisenstimme dem Unglücklichen zum Sänger wurde:

»Der Wirt is mei bester Freund,

’s Weib is mei größter Feind,

Daß doh de Weiber

So zwider mögn sei!«

Allsogleich sangen es an den Tischen mehrere nach, unter der Melodie eines Wallfahrerliedes, und kreischend wurde es wiederholt:

»Und daß doh de Weiber, de Weiber, de Weiber

So zwider mögn sei!«

Durch den Küchenschuber kam fortwährend dampfende, duftende Gottesgab herein: Braten, Triet, Kuttelfleck, Lüngerln, Kaffee. Und fiel es dem Michel ein: Während wir da das närrische Spottlied lärmen, ist die Frau ununterbrochen mit Fleiß und Sorge tätig, daß die Gäste befriedigt werden. Und wann denn eigentlich ihm, dem Michel, die Frau Apollonia Anlaß gegeben habe, solche Liedeln laut zu machen? Auch seine brave, gute Hausfrau mit zu beschimpfen, um die besoffene Bande zu unterhalten? Ein Grausen befiel ihn. Den Hausknecht rief er: »Poldl, geh, bind die weiß Schürzen um und hilf der Kellnerin einschenken. Ich hab ein Weg zu machen.«

Holte in seiner Stube Rock und Hut und ging davon.

Die Luft war feucht und kühl, es hatte geregnet. Eine friedsame Stille, und dieses leichte, reine Atmen! Wie töricht, in einem dumpfen, stinkenden Kasten zu sitzen, zu schreien, zu fluchen, zu schweinigeln, sich krank zu fressen, sich zur Bestie niederzusaufen! Und das nennen sie Feiertag, das ist ein Bauernfeiertag! –

Am Dorfende, wo die Landstraße hinausführt über die braunen Felder, die stellenweise anhuben zu grünen, arbeitete der Kruspel. Mit einer eisernen Krücke kraute er den Straßenkot ab, um ihn dann auf der Schiebtruhe wegzuschaffen.

Da dachte der Michel: Das ist zwar eine Dreckarbeit, aber ist Arbeit. Und noch dazu eine ehrliche. Ich bin der Wirt zum schwarzen Michel, vor dem alle den Hut rucken, und meine Arbeit weist nicht so viel Rechtschaffenes auf wie die da von dem Straßenputzer. Der schafft den Dreck weg, ich sammle ihn an, eine ganze Stuben voll. Und muß den Kasperl spielen, damit dieser Unflat auch genügend Kurzweil hat. Wegen der paar Groschen da! Ekelhaft. Vor Zeiten, da die Straßen noch voller Leute und Fuhrwerk sind gewesen, ja, da haben solche Wirtshäuser auch was Ordentliches vorgestellt. Und die Wirte schon auch. Ihre Schilder über dem Tor sind ferme Adelswappen gewesen. Mein Vater, Michel Schwarzaug wie ich! Ha, lachen muß ich! Der hat sich auf den schwarzen Michel einen Kren eingebildet. Beim Wirtshaus ist das Schild die Hauptsach’, hat er gern gesagt. Seit einhundertdreißig Jahren sind die Schwarzaugen auf diesem Einkehrhaus und seit so lange heißt’s zum schwarzen Michel; hat jeder Bub, der das Haus übernommen, Michel heißen und schwarz Aug’ und Haar haben müssen. Und wenn ich blond wär’ gewesen, hätt’ er mich verjagt, wie ein strohgelber Bruder meines Großvaters verjagt worden ist. Das Schild, ja, das ist rein geblieben derweil. Aber das Einkehrhaus will zu einer Lumpenschenke werden. Dazu paß ich nimmer und mein Weib auch nit und die Helenerl schon gar nit. Wenn’s ein Touristenwirtshaus wäre, ein Alpenhospiz. Wo die harten Stein- und Eisberge, die wilden Wetter Wacht halten, eine heilige Wacht in der Hochwildnis, daß keine Sündhaftigkeit und kein Frevel mag aufkommen. So ein Bergwirt in der Einsam, zu dem nur die fröhlich-frommen Naturanbeter hinaufsteigen, was kann er schaffen, wie vielen Leuten kann er Gutes tun und wie dankbar sind sie für die Heimstatt, für die wirtliche Sorgfalt in des Wetters Unbill und in den Gefahren der Hochtouren.

So sann der Michel. Mit Wehmut fast erinnerte er sich ans alte Hospiz auf dem Hohen Tauern, wo er einmal eine Weile Kellnerjunge gewesen. Das ganze Haus stand im Dienste der Nächstenliebe. Immer die geheizte Stube, die warme Suppe, wartend auf den erschöpften, halberstarrten Ankömmling. Immer stieg jemand auf den Moränen umher, sah und horchte hinab in die Kare, in die Wände, in das Eis, ob nicht etwa jemand in Not sei. Aus vielen Ländern kamen hochgemute Menschen zusammen, fanden sich gegenseitig brüderlich bereit zum Beistand. Alles war lautere Kraftfreude, Naturfreude. Am Abend mahnte der Wirt beizeiten die Gäste zu Bette, auf daß sie am nächsten Frühmorgen mit frischer Begeisterung des Hochgebirges Herrlichkeit genießen und feiern konnten. Ja, da weiß der Wirt, wozu er auf der Welt ist.

»Na, Michelwirt!« sagte er laut zu sich selbst. »Für so was bist du zu alt. Angehender Fünfziger, da zahlt sich keine große Veränderung mehr aus. Aber so kann’s auch nimmer lang bleiben.«

Damit war sein Sinnen nicht zu Ende. Das spann sich weiter: Zuletzt ist eins wie’s andere. Wie sich’s der Mensch einbildet, nit anders. Wie er sich’s einbildet. Ja, wenn’s so wär, daß der Mensch sein Leben, wenn es aus ist, allemal beim Anfang wieder anheben könnt! Oder müßt! Und wiederholen, eins wie’s anderemal, ganz gleich. Nachher möcht sich’s schon auszahlen, daß man betrübt wär um das verpfuschte Leben, das immer gleich verpfuscht wiederkehrt. Nachher schon. Aber so nit. So zahlt sich’s nit aus, daß sich einer abgrimmt wegen der paar Jahrln da. Vorher nix und nachher auch nix. Bissel Einbildung, paar besoffene Bauern da, haben’s eh hart auf der Welt, nix Gutes. Bisweilen eine Sauerei, wenn sie sich dabei unterhalten. Warum nit! Ist ihnen zu gunnen. So muß man sich denken; aber Schandbares nix, nur nix Schandbares einbilden. Bissel ehrbar sollt’s wohl hergehen im Kopf und im Haus, wenn man schon meint, daß eins ist. Aus den schwarzen Micheln ist ein blondes, blauäugiges Dirndl worden, mit den Schwarzaugen ist’s aus. Aber auch ums Blauäuglein herum – wenn man sich schon einbildet, daß eins ist – muß es ehrbar hergehen. Immer kommt mir für, es steht eine Veränderung vor. So kann’s nimmer lang bleiben.

Es war dort, wo die Straße auf einer langen Holzbrücke über die Mur führt, hinauf gegen Sandau und Sandwiesen. An der Brücke kehrte er um; aber nicht mehr auf der Straße ging er zurück, sondern am Fußsteig, den Fluß entlang. Er schaute ins Wasser, wie es in hohen braunen Wellen daherwogt mit stiller Gewalt, ohne Rauschen und Brausen. Aber der Boden dröhnte leise. Ist es der Regentage wegen oder ist im Hochgebirge schon die Schneeschmelze eingetreten?

Auf einem Uferstein sitzt ein fremder Mensch im schwarzen Gewand und hält die Angelstange über das Wasser hinaus, zieht sie aber nie in die Höhe. Der Michel steht hinter einer Weide und schaut dem Fischer zu, will just einmal wissen, wie lange bei Fischern die Geduld vorhält. Ja – sie hält bei Fischern länger vor als bei Wirten; der Mensch sitzt unbeweglich da und hält die Stange unbeweglich hinaus. Da tritt der Michel ihm nahe und spricht mit Fröhlichkeit: »Ja, will denn gar nix anbeißen?«

Der Fischer schaut nicht erst um, wer es sei, der da fragt, gleichgültig gibt er zur Antwort: »Anbeißen schon, aber ’s ist allemal nur ein Fisch.«

»Ja, mein Lieber, was wollt Ihr denn sonst fischen?«

»Menschen –«

Der Michel schüttelte seinen schwarzlockigen Kopf und ging seines Weges. Den Mann hatte er nicht gekannt. Menschen will er fischen, wie Petrus, vielleicht auf Gassen und Straßen, oder in Wirtshäusern? Gut. Aber aus dem Wasser Menschen! …

Der Einbildung hing er noch lange nach.

Dann wollte er durch die Au und das Lärchenwäldchen ins Dorf zurückkehren. Allein hier war das Wasser ausgetreten und aus dem trüben Spiegel standen die Bäume auf. Er mußte wieder zur Straße hinüber.

Dort setzte sein Sinnen neuerdings bei den schwarzen Micheln ein und wieder mündete es beim blonden Mädel aus. Was wird die einmal für einen fischen? Na, die fischt nicht, im Gegenteil, daß sie nur nicht einmal wo anbeißt! Angeln tun ihrer etliche. Recht oft beobachtet er heimlich. Sie ist das stille, heitere Dirndel wie immer. Ahnt es gar nicht, wie sie von den Augen junger Männer aufgegabelt wird. Es wäre freilich ein leichtes Anheiraten, so ein Mädel, so ein Wirtshaus; das berufenste in der ganzen Gegend von Löwenburg bis in die Sandau hinauf. Sie wird keine schlechte Auswahl haben, ja, sie müßte eigentlich schon drauf gekommen sein – auf den rechten –. Wollt mich wundernehmen, wenn sie alleweil noch nix tät merken! Oder ist’s ein stilles Wasser? Ein tiefes?

Und war es, daß der Michel schon in der nächsten Viertelstunde zweien Verehrern seines Töchterleins begegnen sollte.

Mitten auf der Straße waren zwei Burschen aufeinander geraten, ineinander verschlungen zu einem heftigen Ringen. Der eine suchte den anderen von sich zu schleudern, der andere klammerte sich an den einen fest und wollte ihm ein Bein stellen. So fuhren sie wie ein wildes Tier mit vier Beinen quer auf der Straße hin und wieder, strampfend, schnaufend – wortlos. Es waren der Straßenarbeiter Kruspel und Försters Friedl. Der Michel, der von den Ringenden nicht bemerkt wurde, schaute wohlgefällig zu. Buben müssen raufen, das macht sie stark und mutig. Und der Stärkere wird wohl der Försterische sein! Er war es nicht, wenigstens nicht der Abgefeimtere. Plötzlich lag er, durch eine tückische Wendung hingeschleudert, daß der Straßenkot hoch aufspritzte. Der Kruspel ließ aber nicht ab, er stürzte sich auf den Unterliegenden, stemmte ihm die Knie in den Magen, krampfte seine Finger in die Gurgel und würgte ihn. Als er den Michelwirt gewahrte, wie dieser fluchend herbeisprang, stieß er dem Försterischen noch rasch zweimal die Faust ins Gesicht, ließ los und flüchtete sich mit großen Sätzen in den Lärchenschachen.

Der Friedl sprang auf und wollte jenem nachlaufen. Gerade vor dem Michelwirt, denn er schämte sich, unterlegen zu sein.

»Oho!« rief der Wirt und fing ihn ab. »Im jetzigen Festanzug kannst nit heim. Komm, wir gehen durch den hinteren Hof ins Haus und in meiner Stuben ziehst du einen anderen Menschen an.«

Der Friedl, der sich erst den Lehm aus dem Mund sprühen, aus den Augen reiben mußte, sah es wohl ein, daß er in seiner schmutztriefenden Gestalt für alles unmöglich war; er flüchtete sich in das ihm vorgeschlagene Versteck, um sich in den Jägeranzug des Wirtes zu hüllen.

Der Wirt selbst hatte stark im Gastzimmer zu tun. Dort waren sie während seiner Abwesenheit glücklich raufend geworden und hieben mit Fäusten und einstweilen noch zugeklappten Messern aufeinander. Die Weibsleute hatten sich in die Küche eingesperrt. Der Hausknecht versuchte, den Frieden mit einem Heugabelstiel herzustellen. Den Stiel fing ihm ein Bauernbengel ab und wollte dann den Hausknecht behandeln wie ein Fuder Heu, da trachtete dieser seiner eigenen Sicherheit zu. Mitten ins Gepolter hinein trat nun der Michel. Da duckten sie ein wenig ab. Vor dem kleinen schwarzen Mann hatten sie Respekt. Wußten nicht warum, aber hatten ihn.

»Ja, Leuteln, was machts denn da!?« sagte er.

Mit gellendem und mit heiserem Geschrei wollten sie ihm die Ursachen des Streites beibringen; jeder war der Unschuldige und alle anderen waren die Lumpen und Hunde und Ochsen. Jeder rief den Wirt zum Schiedsrichter an und verlangte, daß er die anderen durchhauen helfe, wenigstens durchhauen lasse. Blut gab es auch schon, einstweilen nur aus den Nasen.

»Aber Nachbarn und Kameraden,« rief der Wirt, »wenn ich vermitteln soll, so muß der Handel erst ruhig besprochen werden. Das wollen wir auf dem Anger draußen machen. Unter den Linden. In der Stuben ist mir die Luft zu schlecht.«

Schreiend und lallend torkelten sie über die Schwellen hinaus, und als alle draußen waren, schrie ihnen der Michel nach: »Geht heim und schlaft euch aus!« Und warf hinter ihnen die Tür ins Schloß.

So ist der Bauernfeiertag würdig beschlossen worden.

Zwei Knaben gehen aus bei der Nacht

Es war tiefnächtig.

Elias lag im Bette und seine frommen Betrachtungen über den Schlaf gingen in diesen über und wurden Träume. Da kam der Friedl nach Hause. Manchmal schon war er zur Nachtzeit heimgekommen, aber so vorsichtig hatte er die Tür noch nie auf- und zugemacht, so leise war er wohl noch nie durch die Stube geschlichen. Ohne Licht zu machen, zog er sich aus, pferchte das Gewand auf dem Boden seines Kastens zusammen und suchte seine Werktagskleider hervor für den morgigen Tag. Niemand sollte es wissen, was ihm passiert war. Dann aber schrie er aus dem Schlafe auf, so laut, daß Elias wach wurde. Der glaubte, den Namen Kruspel gehört zu haben. Am nächsten Morgen fiel es ihm auf, daß der Friedl nicht lustig war, daß er schiefe Wangen hatte und am Kinn eine Hautabschürfung.

»Fehlt dir was, Friedl?« fragte er.

»Halt’s zsamm!« schnauzte ihn der Bruder ab. Weiter nichts, aß seine Rahmsuppe, nahm das Beil über die Achsel und ging davon.

Darüber war Elias den ganzen Tag gedrückt. Er hatte sich in Schulgegenständen Wiederholungen auferlegt; aber im Latein stand der Friedl mit vergrämtem Gesicht, in der Mathematik stand der Friedl schweigsam und finster, das eiserne Beil auf der Schulter. Elias hatte Angst und wußte doch wieder nicht warum. Sind ja so viele Leute ungut aufgelegt, wenn nach einer Reihe von Feiertagen wieder der Werktag kommt. Warum soll denn just der Friedl immer lustig sein! Und hat er ihn nicht schon selbst zu größerer Ernsthaftigkeit ermahnt, wenn er zu lustig war? Und warum soll er nicht das Beil auf die Achsel nehmen, wenn er in den Holzschlag geht? Da nahm sich der Junge vor, recht angelegen lieb zu sein mit seinem Bruder, wenn er am Abend zurückkommt von der Arbeit.

Um die gewöhnliche Stunde kam er zurück, aber nicht mit einem Scherzgruß, wie er sonst die Seinen zu begrüßen pflegte. So wortkarg war er beim Abendessen, daß ihn der Vater fragte: »Ist dir was, Friedl?«

»Nein!«

Bald ging er zu Bette, lag so ruhig, als ob er schlafe. Aber plötzlich, als längst alles still geworden war im Hause, sagte der Friedl halblaut und kalt: »Den Kruspel muß ich umbringen.«

Elias hatte es gehört. Hatte es schrecklich verstanden und doch nicht verstanden. Er stand auf, zog sich an und setzte sich ans Bett zu Häupten des Bruders. Dort blieb er unbeweglich sitzen, wohl eine Stunde lang. Zu den Fenstern schien der Mond herein. Elias wußte nicht, was das war. Er betete. Dann legte er seine kühle Hand ganz leicht auf das Haupt Friedls.

»Geh schlafen,« sagte dieser, »umbringen nit, aber ein Denkzettel soll der kriegen!«

Wagte es der Student und fragte beklommen: »Friedl, was hat’s denn gegeben?«

Der Friedl richtete sich im Bette auf. – »Vorgestern, ich will heimgehen vom Eierlocken. Beim lichten Tag ist’s noch. Auf der Straßen bei dem Lärchenschachen der Wegmacherbub. Wir warteln. Er springt her, packt mich an. Ich wehr mich, er schlägt mir das Bein aus, würgt mich, stoßt mir die Faust ins Gesicht – zweimal, das für die Michelische, sagte er, und das für dich! Der Michelwirt ist just dahergegangen, da lauft er davon.«

Der Friedl krümmte sich zusammen und dann stieß er zwischen den Zähnen hervor: »Und ich bring ihn doch um.«

»Also gerauft habt ihr,« sagte Elias völlig erleichtert.

»Raufen nennst du das, wo er das Mädel mißhandelt. Gerade so gut wie sie persönlich. Wenn er einmal sagt: das ist für die Michelische! Weil sie ihm damals eine hat gegeben, so hat er ihr jetzt die dreckige Faust ins Gesicht gestoßen, dieser Schandbub, dieser Straßenräuber! Dieser Erzgalgenstrick!«

Elias war beinahe froh, als der Bruder endlich fluchte. Das in Wut halberstickte Erzählen ohne allen Schimpf war unheimlicher gewesen.

»Mußt denken, Friedl, sie hat nix davon gespürt.«

»Gespürt? Dummian! An dem ist’s ja nit!«

»Weiß sie was davon?«

»Der Narr bin ich nit, daß ich ihr’s hätt gesagt.«

»Nun schau, wenn sie nichts davon weiß! Und bist du nicht froh, daß du was für sie hast leiden können?«

»Ich denke, mein Lieber, der Wegmacherbub wird was für sie leiden müssen, dann werde ich froh sein.« Er biß die Zähne aufeinander, daß sie knirschten.

»Aber Friedl,« sagte Elias, »wer wird sich denn wegen solcher Sachen so giften! Hast ja selber den Schaden vom Giften. Der Kruspel lacht, wenn er’s erfährt, daß er dich so wurmen kann. Der Wegmacherbub ist Luft und sonst gar nichts, so mußt du denken. Und dir nichts machen aus ihm. Hernach gift’t er sich.«

»Großartig, wie du gescheit bist, Student!«

»Mein Gott, ich gescheit!« antwortete Elias einfältig. »Wie soll denn ich gescheit sein können! Hab noch nichts erlebt. Kann mir wohl denken, daß es schwer sein wird, zu verzeihen, wenn einer so was am eigenen Leib erfahren hat. Aber schau, der Christ muß sich was gefallen lassen können. Bist ja im Vorteil. Denke, wenn du so gemein wärest wie der Kruspel, das wär ein Jammer! Er ist ein starkes Tier und hat dich auf den Erdboden geworfen. Du bist ein starker Mensch und stehst wieder auf. Und gehst deines Weges und bist still und vergißt. Hättest du denn keine Freude an dir, wenn du so sein könntest? Gib dich zur Ruh und denke, daß auch der Herr Jesus hat unschuldig müssen leiden. Was dem Menschen kommt, das soll er mannbar ertragen und still sein. ’s ist ja bald vorbei. Denke, Fridolin, auf dieser Welt währt’s nicht lang und nachher, wie wird der Kruspel in der Ewigkeit ein armseliger Wurm sein und du ein schöner Engel!«

»Weißt du,« sagte jetzt der Friedl, »meinetwegen mag der Wegmacherbub nachher sein, was der will, nur Prügel muß er jetzt kriegen. Geh in dein Bett, du frommes Knäblein du, auf deine Christenlehr kommt mir der Schlaf. Gute Nacht!«

Das ist in derselben Nacht gesprochen worden, dann schliefen sie ein, und der Mond legte seine blassen Fenstertafeln auf die Dielen hin und der nächtliche Frieden lag über den beiden jungen Herzen, in welchen die Sanftmut und die Rache wohnten.

Dann kam wieder ein Tag und wieder eine Nacht. Der Friedl hatte seines Feindes nicht mehr erwähnt, er war nicht heiter, aber auch nicht mehr finster. Elias war voll Beseligung darüber, daß sein Zureden beruhigt hatte. Er konnte nicht wissen, daß der Bruder in seiner Rocktasche ein Pappenschächtlein hatte, und noch weniger, was da drinnen war. Der Friedl ließ manchmal die Augen rollen und schwieg. Da ist es in einer Nacht gewesen, daß Elias plötzlich erwacht. Draußen in der Vorstube ein Geräusch, als ob jemand etwas vom Wandnagel herabgenommen hätte. Elias schaute auf das Bett seines Bruders hin, der Mond schien auf das weiße Linnen, es lag wulstig zurückgeworfen, der Friedl war nicht da. Der Junge sprang rasch auf und zog sich an, auch Stiefel und Hut, und ging hinaus. In der Vorstube ein Blick an die Wand, wo das Schrotgewehr zu hängen pflegte; das war nicht da.

In der nächsten Minute eilte Elias über die Brücke der rauschenden Ach und auf dem Wege dahin gegen Eustachen. Was kann er sonst wollen bei der Nacht? Da gibt’s ein Leben zu retten! Nicht an das Leben des Wegmacherbuben dachte er, als er eilte, mehr laufend als gehend. Das Leben seines Bruders, das zeitliche und das ewige! Das ist schon wert, daß sich einer die Lunge zu Tode lauft. So viel wird schon übrigbleiben, um ihn zu beschwören: Bei dem Andenken unserer Mutter, tu’s nicht! Der Friedl hatte sie ja noch gekannt, fünf Jahre lang war sie bei ihm gewesen, hatte ihn hundertmal geküßt und gesegnet. Er kann’s nicht tun. Mutter im Himmel, bitt für ihn bei Gott zu dieser Stunde! Der Vollmond, der sein weißes Licht so mild vom Himmel gießt, das ist ein Gnadenstrom! –

Schon war Elias am Wegkreuze, wo das Hochtal in den Murboden ausweitet, und hatte ihn noch nicht eingeholt. Hatte der Friedl den Fußsteig über die Böschung am Waldrande genommen? Dann muß er ihn am Rain treffen, hinter der Lechnerhütte. Der Kruspel wohnte bei seiner Base in der Lechnerhütte. Also quer über die Wiese hin.

Da hört er Schritte, er horcht, er weiß noch nicht, woher, sie tapfen nur so in der Luft; vom Waldrande herab kommt eine schmale, lange Gestalt, gespensterhaft lang, denn es war ein Mann und sein Schatten, die sich in gerader Linie fortsetzten. Elias ging ihm langsam entgegen.

»Wer ist’s?« fragte der Friedl erschrocken.

Der Student antwortete nicht, trat an den Bruder entschlossen heran und langte nach dessen Gewehr. Sie rangen. Schweigend rangen sie um die Waffe, nicht heftig oder zornig, nur zähe und überlegsam, scheinbar fast gemütlich. Aber die Arme, die sich gegenseitig zu biegen, zu fassen, abzuwehren suchten, waren stramm gespannt. Nach einer Weile standen sie still und schnauften. Elias hielt seinen Bruder am Rockflügel fest.

»Gib mir das Gewehr, Friedl!« sagte er halb drohend, halb bittend.

Der Friedl war ein wenig überrascht von der Kraft des schlanken Burschen, obschon er selbst ihm seine zwanzigjährige Gewalt noch nicht eigentlich hatte spüren lassen. Er hatte nur den Angreifer vor sich abzuhalten und das Gewehr hinter dem Rücken zu bergen. Da machte Elias plötzlich einen Sprung, erfaßte den Riemen, im nächsten Augenblicke wurde die Waffe festgehalten von vier Händen, da knallte es und die Schweinsborsten sausten in die Luft hinaus. Damit hatte der Kampf ein Ende. Der Friedl ließ die Waffe los, was sollte sie ihm auch, er hatte keine Ladung für einen zweiten Schuß; seinen Ärger wußte er nicht anders anzubringen, als daß er dem Studenten mit aller Macht ins Gesicht schrie: »Du dummes Schaf!« und langsam dahinsüffelte über die taunasse Wiese.

Elias ging mit seiner Trophäe wieder ins Hochtal hinein, dem Forsthause zu. Das »dumme Schaf« machte ihm gar nichts. Er nahm es für eine Umschreibung des einfältigen und unschuldigen Schäfleins in der Bibel. Er kam sich bedeutend vor! Wie ein tapferer Kämpfer, wie ein eifriger Seelsorger.

Über den dunklen Bergen lichtete sich der Himmel. Es war der Morgen da. Über die Ach geschritten, versteckte der Junge das Gewehr unter dem Brückenkopf, und wie er aus dem Hause geschlichen war, so wollte er wieder hineinschleichen. Es war ja natürlich, daß von dieser Geschichte niemand etwas erfahren dürfe. Aber es kam anders, als er sich das gedacht hatte.

Ein Weilchen nach Mitternacht hatte die alte Sali an die Schlafzimmertür des Försters geklopft. Ob er nichts höre? rief sie durch das Holz, im Hause sei ein Unfrieden, vom Vorboden her habe sie etwas vernommen und das Haustor habe sie gehen gehört.

»Hast es abends gut zugesperrt?«

»Zweimal den Schlüssel um.«

»So kann niemand hereingegangen sein.«

»Aber, Herr Rufmann, was hilft denn das! Wenn ich was gehört hab!«

»Wenn was wär, so müßt sich der Waldl gemeldet haben,« meinte der Förster. »Geh einmal hinaus und schau nach.«

»Wer, ich?« entgegnete sie durch die halbgeöffnete Tür, zitternd vor Erregung und Angst. »Nit ums Halsabschneiden!«

»Das wär was Neues, Sali!«

»Ich bin aufgenommen für meine Dienste, Herr Oberförster, aber nit für solche Sachen bei der Nacht!« »Oberförster« sagte die Alte, da mußte sie schon arg gereizt sein.

Also stand Rufmann auf und ging hinaus. Das Tor war nicht versperrt, nur angelehnt. Da fiel es ihm ein: Der Friedl! Am Ende geht dieser Racker aus! Er polterte die Treppe hinauf und in die Schlafstube seiner Söhne. Richtig! Friedls Bett ist leer. Der wagt was! Sollt’s schon der Vater nicht wahrnehmen, so nimmt’s der Student wahr. Und vor diesem schämt er sich nicht? – Er hielt den Leuchter über das andere Bett. Und – auch der junge Theolog ist nicht da …

Jetzt war noch die Sali erschienen. Als sie den Förster vor den leeren Betten stehen sah, starr vor Verblüffung, da eilte sie die Treppe herab, klammerte die Finger aneinander, indem sie dachte: Jetzt hab ich was angestellt! Mein Gott, jetzt hab ich was angestellt!

»Eierlocken werden sie sein gangen,« rief sie nachher.

»Ja freilich, Eierlocken! Jetzt bei der Nacht! Weiberleutschmecker sein s’. All zwei. Der junge Lecker auch schon, das krank Buberl! Ja, wohin soll man die Kinder denn geben zur Erziehung, wenn sie sogar im Priesterseminar nixnutzig werden! – Plutzersakermentsbuben! Wenn ihr heimkommt, freut euch!«

Er zog sich vollends an, ging in die Nacht hinaus und horchte. Das Rauschen der Ach. Er schaute in die Gegend hinaus zu den in Berg und Tal verstreuten Hütten. Bei welcher mögen sie Unterschlupf gesucht haben? Diese und jene fiel ihm ein, die so leichtfertig sein möchte. Er ging ums Haus herum. Im Hofe sprang ihn der Waldl an; geschmeichelt von dem Besuch zu solch ungewohnter Stunde wollte er des Hausherrn Gesicht belecken. Dieser schob ihn barsch von sich und schritt weiter.

Die kühle Luft brachte sein erzürntes Gehirn so weit herab, daß er den Friedl beinahe verstand. Denn er erinnerte sich zufällig, daß auch er einmal zwanzig Jahre alt gewesen war. Jetzt ist ihm freilich schon die Zeit der Tugend gekommen, da der Mensch vergißt, daß sich alles wiederholt.

So ein Kindl, wenn’s auf die Welt kommt, wie man da gleich meint – was Apartes. Nachher in der kindlichen Unschuld, mit dem weichen, guten Herzlein, mit den hellen Äuglein – so was Himmelartiges! Daß man denkt, aus dem wächst sich was Besseres, das macht sich, als ob es die Sach einmal um ein paar Staffeln höher bringen könnte. Und bis so ein Ding sich auswachst, ist es der alte Adam. Ein Geschlecht wie das andere, wir kommen nicht weiter. Bei dem Älteren möchte ich’s noch begreifen, begriffe ich’s eher. Aber bei dem Kleinen! Geistlich will er werden, der Ludersbub! –

In solcher Stimmung war der Förster, als Elias ans Haustor kam. Er vertrat dem Jungen den Eingang.

»Wo bist gewesen?«

Elias erschrak und schwieg.

»Wo du gewesen bist!« rief der Förster, und rief es ein drittes Mal.

Antwortete der Junge: »Ich kann’s nicht sagen.«

»Weil es ihm in der Geistlichenschule zu streng ist,« fuhr der Förster zürnend fort, »so läßt er sich krank melden, damit er aufs Land kann und allerhand Lumpereien treiben. Beim Tag hockt er über den Büchern, dieweilen er wohl an den heimlichen Spitzbübereien sinnt. Beizeiten fängst du an mit dem Heucheln und Huren, hörst du! Die Heuchelei hab ich schon gar gern, alles wollt ich dir lieber verzeihen als diese gottvermaledeite Heuchelei. Beim Tag ja, da gibt er dem andern gute Lehren, und bei der Nacht – Racker seid ihr!«

Elias schwieg. Starr schaute er dem zornigen Vater ins Gesicht und schwieg.

»Oder hat dich der Friedl verführt?«

»Nein,« sagte der Junge schnell und kurz.

»Wo ist der Friedl?«

Der Friedl war vorher vom Waldweg herabgekommen. An der Hausecke hatte er gehorcht, und als er nun merkte, was es gab, trat er vor. Der Förster fuhr ihn derb an, wo sie die Nacht zugebracht hätten?

»Mit der Büchse sind wir ausgewesen,« antwortete der Bursche.

Der Förster hob betroffen sein bärtiges Haupt. »Mit der Büchse?«

»Marder schießen.«

Der Förster schwieg ein Weilchen. Dann schüttelte er den Kopf. »Försterbuben. Und wissen nicht, wann man Marder schießt.«

»Ist der auch mitgewesen?« fragte er, den Studenten am Rockkragen fassend und ihn dem Friedl vorschiebend.

»Wo hast denn das Gewehr?« fragte der Friedl den Bruder.

»Unter der Brücke ist’s.«

»Unter der Brücke? Will doch einmal sehen, ob’s wahr ist,« sagte der Förster.

Da fand sich unter dem Brückenkopf das Schrotgewehr und nun sollte er es wohl glauben. Und wie gerne! Gerade gescheit ist das nicht, in der Nacht Marder schießen gehen! Aber schöner ist’s doch immer als das andere, was er geargwohnt. Und jetzt tat’s ihm leid, daß er den Jungen so wild beschimpft hatte. Er nahm den Studenten beiseite und stellte ihn scharf zur Rede, weshalb er sich bei den Anschuldigungen nicht verteidigt habe.

»Mir scheint, mit Absicht hast du mich ins Unrecht setzen wollen – wie? So darfst du es nicht wieder machen. Ein Mann, wenn ihm unrecht geschieht, muß sich rechtfertigen. Gut, ich fordere Respekt von meinen Kindern, aber daß sie sich von mir unbegründet schmähen lassen sollen, das mag ich nicht, das schon einmal gar nicht. Irren kann sich ja der Mensch. Und da ist’s mir schon lieber, sie widersprechen mir, und wenn’s auch grob wäre. Lieber wie die Muckerei, wo man sich nicht auskennt. So – Elias, jetzt geh zu deiner Suppe. Und merk dir’s!«

Mit diesem Sermon hatte der Alte sein ungeberdig gewordenes Herz beruhigt. Anstatt sich selbst macht man die Vorwürfe denen, so man unrecht getan hat.

Der Elias aber dann zum Bruder: »Marder schießen! Warum hast du den Vater angelogen?«

»Warum hast du mich denn nit Lügen gestraft? Bist eh daneben gestanden.«

Dachte sich der Student: ’s ist wahr, ich bin selber nichts besser.

Sie sprechen von einem glückseligen Tag

Hatte Rufmann sich diesmal gleichwohl geirrt – angestochen war die Frage doch.

Er beobachtete den Friedl immer wieder ein bißchen. Fiel ihm weiter nichts auf, als daß er in letzter Zeit statt vorwitziger Gsangeln zarte Liebeslieder sang, ganz kurze, und gar nicht laut sang. Im Text lag’s nicht so gerade, der war feststehend, wie alle jungen Mannsleut im ganzen Tauerngebirge. an der Melodie lag’s, in ihr spürte der Vater, und er war Kenner, das heimliche Liebesatmen des Sohnes. Er hatte bald eine Ahnung, von welcher Seite der Maienhauch kam.

Und eines Tages steckte ihm’s die alte Sali vergnüglich – die Leut täten tuscheln! Ja, ja, die täten allerhand tuscheln – vom Försterbuben und von der Michelwirtischen!

»Ah na, das glaube ich nicht,« sagte Rufmann. Aber er glaubte es sehr schnell und er glaubte es sehr gern. Es geschieht ohnehin wunderselten, daß ein geheimes Herzensträumen wahr wird. So sehr der Alte sich entsetzte in selbiger Nacht, tatsächlich hatte er für seinen Buben Liebespläne gesponnen, lange bevor diesem von einer Frau etwas eingefallen war. Das war’s ja eigentlich, weshalb er so erschrak, als der Bub in der Nacht in Verlust geraten. Wenn er bei einer Unrechten klopfte! Und jetzt soll er warten, bis es die Jungen anzetteln, die lieben, dummen, ungeschickten Jungen. Und sollt sich blind und taub stellen, da doch schon halb Eustachen sehend und hörend ist. Hatte er nicht einen Freund, mit dem er sonst alles zu besprechen pflegte? Das halbe Anspielen und das halbe Verdecken tut’s nicht. Die halbe Wahrheit ist eine halbe Lüge. Wie Falschheit kam’s ihm vor, daß er nicht schon einmal offen über die Sache mit dem Michel geredet hatte.

Eines Tages saßen sie beisammen im Wirtsgarten. Es war ein klarer Tag nach einer klaren, kalten Nacht. Erst war das schlanke Mädel zwischen Busch und Baum dahingegangen gegen den Gemüsegarten, an dessen Rande sie auch ihre Blumen hatte, noch kaum erblüht, nur schwellend in zarten Knospen.

Die beiden Männer hatten anfangs beim Frühschoppen ein Gespräch geführt, dann huben sie an wie immer zu singen. Was gerade so anflog.

»Es waren einmal zwei Knaben,

Die zogen am Morgen aus;

Weiß’ Federn auf dem Hute,

Das Herz voll frischem Mute –

Und kamen nimmer nach Haus.

Der erste der ist begegnet

Wohl –«

»So, jetzt weiß ich nicht weiter,« unterbrach Rufmann sein Singen. Da sprang der Michel ein:

»Der erste der ist begegnet

Des Königs Herrlichkeit.

Der tat mit Laub ihn zieren

Und auf das Schlachtfeld führen

Wohl zu dem Todesstreit.«

Nun wußte der Förster schon weiter:

»Der andre der ist begegnet

Wohl einer schönen Frau.

Der tat aus Lieb erblinden

Und konnt den Weg nit finden

Zurück ins Vaterhaus –«

»Du bist um einen halben Ton zu tief gewesen,« sagte der Michel.

»Es tut’s nicht mehr recht. Ohne meine Laute ist’s nichts.«

»Lassen wir’s gehen,« sagte der Michelwirt. Dann schwiegen sie. Der Förster räusperte sich. Da sprach der Michel: »Was hab ich nur sagen wollen? Ich hab dir was sagen wollen.«

»Ich habe dir auch was sagen wollen,« drauf der Förster.

»Ja richtig, Paul. Einen guten Tag müssen wir uns einmal antun. Weiß nit, was das ist, im heurigen Frühjahr kommt mir das Sonnenlicht nit so hell vor wie sonst. Wir müssen uns öfter einen lustigen Tag machen.«

»Ja, wenn man das immer so könnte!«

»Du, man kann’s! Rufmann, man kann’s! Nur Übung! Mir fehlt sie ja selbst noch arg, die Übung. Im Denken sind wir alle noch Stümper. Können uns das Angenehme nit stärker vorstellen wie das Unangenehme. Das muß gelernt werden. Nachher ist’s gewonnen. Was man sich denkt und einbildet, das ist.«

»Ach, mit deiner Einbildung!«

»Geh, Freund, laß mir diese Einbildung,« sagte der Michelwirt, »wenn ich sonst nimmer aus weiß, flüchte ich zu ihr. Sie ist mein Extrastübel.«

»So sollst es haben, dein Extrastübel.«

»Und lachest mich doch heimlich aus. Aber es ist einmal so. Ich sag dir, es ist so. Jeder kann sich die Welt machen, wie er sie haben will. Er denkt sie so.«

»Nicht einmal eine Kegelkugel lauft, wie man sie schiebt, und erst die Weltkugel wird laufen, wie man’s denkt!« sagte der Förster. »Was hilft’s, wenn ich mir zehnmal denke, die Waldbäume sind frisch und gesund, wenn sie doch ihre Wunden haben und dieser verdammte Pechschaber wieder da ist. – Was hilft’s, wenn ich mir denke, meine Buben sind unschuldige Kinder, dieweil sie doch schon brandluntenheiß verliebt sind.«

»All zwei?«

»Wenigstens der eine für zwei, der Friedl.«

Der Michelwirt spielte ein erschrockenes Gesicht und antwortete: »Verliebt! Um des Himmels willen, wird doch das nit sein! Ein zwanzigjähriger Bursch verliebt! Das ist unerhört.« Dann sprang er über: »Sag mir, Rufmann, hast du nie ein Liebeslied gesungen? Wie singen sie sich denn am schönsten, allein oder zu zweien?«

»Du hast recht, du hast recht,« sagte der Förster, denn nun hatte er den Wirt dort, wo er ihn brauchte.

»Michel, tut dein Töchterl, die Helene, auch gern singen?«

»Das kannst dir denken. Aber nur, wenn’s niemand hört. Mir scheint, das Mädel schämt sich, daß es singen kann.«

»Was wolltest du denn sagen, Freund, wenn mein Bub deinem Mädel das Schämen – wegen des Singens meine ich – abgewöhnen möchte?«

»Wenn sie gut zusammenstimmen, warum denn nit?«

Das war Wortes genug. Der Förster brauchte nicht mehr. Er blieb gleichmütig. Jetzt hatte er Grund unter den Füßen. Und sagte: »Erst muß er mir noch auf eine Forstschule. Aber ich halte es gut für einen jungen Menschen, wenn er frühzeitig weiß, wem er zugehört.«

»Desweg sag ich ja, Rufmann, wir werden noch einmal einen glückseligen Tag miteinander haben.«

Solches ist gesprochen worden im Wirtsgarten zu Eustachen.

»Der andre tat begegnen

Wohl einer schönen Maid,

Der tat vor Lieb vergehen,

Und ist ihm wohlgeschehen

In alle Ewigkeit.«

Sie sangen es selbander und merkten nicht, daß sich das Lied gleichsam von selbst umgedichtet hatte.

Der Tag war heiß geworden. Und als die Sonne herniederbrannte und die Sänger nach besserem Schatten sich umsahen, merkten sie, daß an den Fichten die jungen Triebe welk niederhingen.

»Bissel Nachtfrost haben wir gehabt,« sagte der Förster. »Ich hab’s gleich am Morgen bemerkt, die ganze Wiese vor dem Hause grau. Das macht nicht viel, bei uns oben. Im Gebirge tut das noch nichts um solche Zeit. Ihr da in Eustachen seid wohl rund um zehn Tage voraus. Euch meint es der Ringstein gut, der den Tauernwind bricht. Aber trutz sag ich, ihr müßt warten mit dem Kohlpflanzensetzen noch ein paar Wochen.«

Auf dem schmalen Kiesweglein heran kam wieder das schlanke Mädel langsam und nicht gar lustig. Es glaubte sich allein und zupfte an einem Ruckerl Blütenblättchen ab. Dann warf sie das Blümlein zornig zu Boden und murmelte: »Wenn er nur einmal was sagen tät!«

»Nun, Helenerl, was treibst du, was träumst du, was denkst du?« so grüßte der Förster.

Sie erschrak ein wenig, tat aber nichts desgleichen.

»Meine Freud ist umsonst gewest,« sagte sie heiter, als wäre das spaßig. »Alle Blumen sind hin.«

»Mach dir nichts draus, mein Kind, sie kommen wieder.«

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!« summte der Michel.

Elias bleibt lieber daheim

Auf seine Anfrage ans Seminar, wann für Elias der Urlaub zu Ende sei, war der Bescheid gekommen, der Junge könne selbstverständlich jeden Tag einrücken. Sollte es aber zu seiner völligen Kräftigung notwendig sein, so wolle man raten, ihm das Jahr dreingehen zu lassen, daß er sich im Herbste zum neuen Schuljahre gestärkt einfände.

Rufmann besprach sich darüber mit dem Michelwirt. Der fragte zuerst, was dem Studenten eigentlich fehle? Man merke ihm nichts an. Der Förster gab zu, daß er selber nicht klug werde.

»Die Sonne will ihn nicht bräunen. Und leicht ermüdet, wie Jungen in diesem Alter schon sind, wenn sie stark wachsen. An Appetit fehlt’s gerade nicht; Kostverächter, sagt die Sali, wäre er keiner. Auf den Rahmkaffee, sagt sie, gehe er wie ein Wolf aufs Schafblut. Aber« – so schilderte Rufmann weiter – »zu wenig lustig ist er mir, zu totig, lost so herum. Bissel schneidiger, wenn er wäre.«

»Die Stadtkrankheit hat er,« sagte der Michel. »Nervös ist er. Beim Studieren hat er sich überanstrengt. Das gefällt mir von seinem Rektor, daß er ihm Urlaub gibt zu einer gründlichen Kräftigung. Daß das Werkzeug fest sein muß, wenn der Geist was leisten soll, das wollen die gelehrten Herren sonst nit immer einsehen. Laß ihn halt heraußen ein halbes Jahr.«

»Ein Jahr länger in der Sorge. Ist halt bitter,« meinte der Förster.

»Es bezahlt sich, Rufmann. Es geht nachher um so flotter vorwärts. Endlich und schließlich, mein Freund, sollst du nit vergessen, daß auch unsereiner ein Recht hat auf das Patenkind. Kannst du dich noch erinnern, bei der Taufe, wie ich ihm den Namen Elias hab ausgesucht? Der Himmelfahrer. Und daß er, hab ich spaßeshalber gesagt, nobel fahren kann, wie sein Namenspatron. Hast du drauf gesagt: dann sollt ich ihm schon auch den feurigen Wagen dazu kaufen –«

»Aus Fürwitz, Michel, aus Fürwitz.«

»Wenigstens für ein Radel dazu werd ich doch gut sein. Feurig machen muß er den Wagen freilich selber, wenn er für den hochwürdigen Beruf die rechte Begeisterung hat.«

Dachte der Förster: Ein Radel? Wie ist jetzt das wieder gemeint? Und der Michel redete weiter: »Ob unser Elias einmal mit einer bischöflichen Kalesch wird fahren, das ist stark ungewiß. Wie mir scheint, tut er sich mehr auf einen frommen Landpfarrer zusammen als auf einen Kirchenfürsten.«

»Wäre mir alles eins, nur daß er sein Amt ordentlich erfüllt, das liegt mir an. Ist aber nicht zu glauben, Michel, wie diese zwei Brüder unterschiedlich sind! Nur ein Viertel, wenn der Student von des andern leichtem Sinn hätte! Und der andere so viel von des einen Ernsthaftigkeit und Frommheit. Wenn man die könnte so ein bissel durcheinanderschütteln, wie, möchte ich sagen, der Pfarrer beim Altar Wasser und Wein.«

»Laß nur Zeit,« sagte der Michel, »unser Herrgott wird den Kelch schon schütteln. Bis der Friedl nur erst den Lebensernst kennen lernt – es pressiert nit! Laß es nit pressieren, Rufmann! – Dann wird er schon ernsthaft werden. Und wird auch er nit verschont bleiben von harter Zeit. – Die macht den Menschen fest oder matt. Matt macht sie deinen Buben nit, dafür steh ich fest. Und beim andern, beim Elias, wird’s so sein: Der kommt erst zum leichten Sinn, bis er an anderen und sich selbst einmal erfahren hat, wie hart es hergeht auf der Welt. Jetzt besteht sein Welt- und sein Himmelglauben noch aus Buchstaben. Später wird er aus Arbeit, Leiden und Mitleiden bestehen. Und um solche Zeit wird der Mensch, der einen Kern in sich hat, erst geweckt und heiter. Elias ist zu früh ins Institut gekommen; ist schon derowegen nit schlecht, wenn er jetzt ein wenig herumsteigen kann und sehen, wie’s ausschaut in der Welt.«

»Ich werde ihn einmal fragen, ob er jetzt lieber ins Seminarium will oder daheim bleiben im Forsthaus.«

»Frag ihn. Wollen’s einmal sehen. Dir ist’s lieber, wenn er sagt: Seminarium. Mir ist’s lieber, wenn er sagt: Forsthaus.«

Eine Freude war es dem Rufmann, wie der Michel diesmal wieder gesprochen hatte, so recht aus der Wirklichkeit heraus. Der Wirt aber hatte sich dabei gedacht: Ich muß ihm so sprechen, daß er sich die Sache von besserer Seite kann einbilden. Er bildet sich den Buben ja doch weitaus am liebsten so ein, daß er daheim ist. –

Und am nächsten Sonntag, als der Förster und Elias miteinander von der Kirche gingen aus Ruppersbach, sprachen sie davon. Auf die Frage, was ihm lieber sei, antwortete zuerst der Student, er gehe gern ins Seminar, und er bleibe auch gern daheim.

»Das ist wieder einmal keine ordentliche Antwort, Bub! Deine Herren Professoren wünschen vor allem, daß du gesund werdest.«

»Aber Vater, was ihr nur habt. Ich bin ja gar nicht krank.«

»Also willst du wieder hinein?«

Jetzt schwieg der Junge und ging still hinter dem Vater einher. Als dieser einmal umschaut, hat der Student nasse Augen.

»Mir scheint, Elias, du bleibst jetzt doch noch lieber daheim!«

Barg der Junge sich leidenschaftlich schluchzend an des Vaters Brust: »Ich bleibe gern daheim. Ich bleibe viel lieber daheim. Mein Vater – ich mag nicht fort, ich bitt dich, laß mich daheim bleiben!«

Das war Antwort genug.

Wer hat dich aufgebaut, du hoher Wald!

Um das Forsthaus, wie sehr es auch im kühlen Schatten der Berge steht – begann sachte die Herrlichkeit.

Die Eriken, Schneeglöckchen Und Weidenkätzchen hatten schon lange den bunten Tanz eröffnet zwischen Schnee und Eis. Nun waren auf den Angern die weißroten Ruckerln da und der goldkronige Löwenzahn, auf den Wiesen die blauen Meingedenk, selbst in den Sümpfen der Ach leuchteten die Dotterblumen. Blumen und Rosen aller Art hatte die Sonne hervorgelockt aus feuchter Scholle, um sie zu küssen und in warmer Liebe zu erziehen zu Wesen, die was taugen. An den Hängen grünten die Lärchen, aber je höher hinauf, je blasser ihr Grün. Nahe den Almen standen sie noch in ihren fahlen winterlichen Besen. Auch die Fichten setzten schon ihre weichen Triebe an und die Blätterröllchen der Laubhölzer entfalteten sich mehr von Tag zu Tag. Die Ach rollte rasch und wild in ihrem Bette. Je sommerlicher der Tag, je wilder schwoll die Tauernach. Die Brücke zitterte leise. Aber das Grollen und Drohen kam nicht auf. Vogelsingen überall und ohne Ende, und wo irgend ein paar Bäume sich gegenüberstanden, da saßen auf den Wipfeln Finken und führten miteinander das hellzwitschernde Vogelgespräch. Aber auch die Amsel war überall, die Lerche war schon da, allerlei Gefieder schwätzte, lockte, freite, zankte, sang und jubelte durcheinander und mehr als einer auf den Gipfeln rief mit heller Stimme: »Elias! Elias!«

Dieser bereute es nicht, sich für das Bergland entschieden zu haben. Mit dem Bruder gab’s zwar jeden Tag Meinungsverschiedenheit; aber wenn er glaubte, ihn gekränkt zu haben mit seinen lehrhaften Zusprüchen, ging er ihm so lange nach und legte ihm alles, was er hatte, zu Füßen, bis der Friedl wieder »gut« war. Insgeheim nahm dieser dem Studenten nichts übel, er tat nur manchmal so, um den kleinen Theologen unterzukriegen.

Elias fing nun an, seine Bücher zu vergessen. Gerne ging er mit dem Vater in den Wäldern um, ließ sich von ihm das Wesen der Bäume deuten, das Leben der Holzknechte schildern und auch die Arbeit von da an, wo mit blinkender Blattsäge der Baum gefällt, zu Blöcken geschnitten, auf Holzrinnen zu Tal gefördert, zu Scheitern gespaltet, zu Meilern geschichtet, mit Löschkohle bedeckt, angezündet und zu kostbaren Kohlen gebrannt wird. Oder wie die Stämme in langen »Blöchern« nach Eustachen zum Sägewerk geschleppt und dort zu Brettern geschnitten oder als Zimmerbäume der fernen Eisenbahn zugeführt werden. Die Lärchenstämme reisen in die weite Welt zu Wasserbauten, zu Schiffsmasten. Das Holz der Buchen und Wildulmen wird in den Häusern als Brennstoff verwendet. Die Ahorne bekommt der Böttcher, die Birken der Wagner, die Eschen der Holzschnitzer; aus dem verknorrten Gezirm zimmert der Tischler die wertvollsten Möbel für Touristenhäuser und Jagdschlösser. Da staunte der Elias. Das waren andere Buchstaben, als die in seinen Grammatiken standen. So buchstabiert aus dem Wald sich ja die Welt zusammen!

Eines Tages kamen sie in die Bärenstuben. Dort waren gewaltige Holzstöße geschichtet und daneben mehrere Meiler gebaut. Aber sie rauchten nicht. Der Förster öffnete mit einem eisernen Zungenschlüssel die Hüttentür. Modrige Luft auf dem Fletz, wüstes Gestrohe und ein paar faulige Lappen. Er erzählte dem Jungen, wie hier eine Weile der Krauthas gehaust habe. Ein tüchtiger Kohlenbrenner, aber sonst ein Strick. Um die mühseligen Eltern zu ernähren, habe dieser Krauthas einmal zu wildern angefangen und sei dann eine Weile gesessen. Habe nachher keine Arbeit finden können, bis man es bei der Kohlenbrennerei mit ihm versucht. Aber es sei schon gar nicht gegangen. Mit einer Wurznerin hätt er zusammengewohnt, die sei ihm durchgegangen, ihre Tochter wäre ein bildschönes Dirndel gewesen, das ein Herr aus Löwenburg, der es auf einer Gemsjagd kennen gelernt, mit sich genommen. Viel Ehre würde auch da nicht herausschauen. Bei der Tochter solle der Krauthas nun auch wohnen. »Wenn dieser Mensch nicht viel nutz geworden ist,« schloß der Förster, »so muß es einen nicht groß wundern. Was so ein armer Teufel durchzumachen hat – der müßte aus besserem Holze sein als die meisten Leut, wenn er nicht schließlich ein Spitzbub werden soll!«

Dann besuchten sie die Holzschläge des Teschenwaldes und der Wildwiesen, wo Elias das erstemal Respekt bekam vor seinem Bruder. Der Friedl werkte mit Beil und Säge wie ein richtiger Holzknecht, in Hemdärmeln, und hübsch verschweißt wie die anderen. Flink griff er ein. Bei der Niederlegung einer großen Tanne, die während des Falles an dem Geäste anderer Bäume hängen geblieben war, verriet er eine solche Geschicklichkeit, daß der Förster schon Bravo rufen wollte, wenn es ihm nicht noch rechtzeitig eingefallen wäre, daß die Arbeit kein Theater ist. Gar ernsthaft und schier schweigsam gehabte sich der Friedl; wenn er aber zwischen Schub und Hieb doch ein kurzes Wörtlein sagte, so war es ein lustiges. Der Wegmacherbub war nahezu verschwitzt; indes, die Schweinsborsten, die seiner Haut zugedacht gewesen, sollen ihn schon noch einmal kitzeln.

Elias hatte dem jungen Holzknecht eine Weile schweigend zugeschaut, dabei kamen ihm aber ungute Gedanken. Er maß diese kernige Arbeit an der seinen auf dem Papier. Wie die windig ist! Hier sah er, daß körperliche Arbeit gar nicht so mechanisch ist, wie man sagt. Wieviel Denken und Geschicklichkeit gehört dazu, bis so ein mächtiger Tannenbaum in Scheitern liegt oder gar zu Bauten verarbeitet ist. Und wie wenig Geist ist vonnöten, um grammatikalische Regeln zu lernen, nach der Schablone mathematische Rechnungen auszuführen, die Kapitel aus Katechismus und Kirchengeschichte zu memorieren und dergleichen! Ist nicht im Lehrzimmer die Mechanik und im Walde der Geist?

Von jetzt ab hatte Elias Hochachtung vor dem Bruder, und um so größer war auch seine Zufriedenheit, ihn bei jenem wilden Beginnen verhindert zu haben. Das war auch eine Tat gewesen und nicht ein Schulpensum. War er doch noch immer der Meinung, es habe sich damals um einen Mord gehandelt.

Eines Tages hatte sich auf ihren Waldwanderungen auch der Michelwirt angeschlossen. Der hatte einen Bergstecken bei sich, denn seine Absicht war: höher hinauf. Auf dem Rauhruckjoch besaß er ein Touristenhospiz, das stets mit den feinsten und vornehmsten Gästen überfüllt war. Aber nur in der Vorstellung. Es machte ihm mehr Vergnügen als das Wirtshaus in Eustachen und gar keine Sorgen. Ein nicht eingebildeter, sondern ein wirklicher Besitz von ihm war eine Schwaigerei auf der Twengalm, die im nächsten Sommer in Betrieb gesetzt werden sollte. So wollte er nun nachsehen, ob Sturm Und Schnee die alte Hütte nicht mitgenommen hatten im vergangenen Winter, oder welche Ausbesserungen nötig sein sollten.

Durch den Hals hinein bildeten sich die munteren Männer, der Rufmann und der Michel, ein, sie wären ein paar frische Holzknechte, und sangen zu zweien:

»Und die Holzknechtbuaben

Müssen fruh aufstehn,

Müssen ’s Hackerl nehmen

Und in Holzschlag gehn.

Wann die Sonn schön scheint

Und das Hackerl schneidt,

Lebt der Holzknechtbua

In frischer Freud.«

Später auf stilleren Forststeigen war der Michel wieder einmal zu kleinen Betrachtungen aufgelegt. »Das ist der Unterschied,« sagte er, »der Holzknecht hat Sonntag, wenn er ins Wirtshaus geht, und der Wirt, wenn er in den Wald geht. Da hab ich einmal gelesen: Im Wald geht der Mensch spazieren wie durch seine Kindheit. Kann mir denken, wie’s gemeint ist.«

»Ja,« sprach der Förster, »der Wald ist auch unser Ahnensaal. Vor tausend Jahren sind wilde Menschen da gewesen, vor zehntausend Jahren wilde Tiere.«

»Und vor ungezählten tausend Jahren nichts als wilder Wald allein. Die Tanne soll ja der älteste Baum sein, noch aus der Eiszeit her.«

»Aus der Eiszeit. Und hat uns doch so viele Wärme aufbewahrt, wenn man an die Steinkohlen denkt.«

»Aber – ein Holzschlag, wenn man’s nimmt, ist was Trauriges,« meinte der Michel und betrachtete die gefällten Stämme.

»Warum? Ich mach’s nicht so wie der Kaiser, der – wenn Krieg ist – die Leut in ihrer besten Jugend schlagen läßt. Ich schlage den Baum mit achtzig Jahren. In früheren Zeiten hat man so einen Stamm hundertfünfzig Jahre stehen lassen können und noch länger, ist immer noch besser geworden. Bei euch draußen in Eustachen stehen ein paar Holzhäuser, die sind über zweihundert Jahre alt, und wenn das eingezimmerte Holz auch ungefähr so alt war, nachher kann man wohl sagen, diese Häuser sind noch vor der Entdeckung von Amerika gewachsen. Aber es ist ganz des Teufels, auch der Wald verlumpt. Das Knieholz am Rauhruck oben ist einmal hochstämmig gewesen, und diese stattlichen Fichten und Lärchen werden einmal Knieholz sein oder lumpiges Gestrüpp. Dazu gehört freilich mehr als ein hundertjähriger Kalender.«

Dann sprach der Förster, der nun so recht in seinem Bereiche war, von der Wesenheit der Fichten. »Die hat’s gern im Gestein, in Spalten, und erzeugt sich selbst den Erdboden aus den Nadeln, die alle Jahre abfallen. So schaffen sich auch andere Bäume ihre Scholle.«

»Wenn auch der Mensch sich seinen Boden selber machen könnte!« sprach der Michel.

»Das ist der Unterschied. Die Pflanze nährt den Fruchtboden, der Mensch verzehrt ihn.«

»Glaubst du nicht, daß wir gute Erde geben werden in Pfarrers Garten?«

»Habe nie gehört, daß auf dem Kirchhof bessere Erdäpfel wachsen als auf dem Acker mit Kuhfladen.«

Da lachten sie.

»So ein Baum«, meinte nun mit Schalkheit der Michel, »kann sich auch billiger hergeben, weil er sich billiger in Händen hat. Ein Samenkorn fällt zu Boden, und ohne viel Umstände steht ein kleines Fichtlein auf.«

»Ganz so einfach wirst dir’s nicht vorstellen dürfen,« sagte der Förster.

Noch besser als die Fichte kam bei diesen Betrachtungen die Tanne weg. Der Graf unter den Nadelbäumen. Sein feines Holz, seine köstlichen Öle, sein weiches Grün, der heilige Christbaum! Auch singen kann er. Die Resonanzböden der Zither, der Geige, der Laute, mein lieber Michelwirt, sind aus Tannenholz. Ist nicht bloß im kalten Norden, ist auch im klassischen Süden daheim. Den schönen Weibern des Kaukasus grünt die Tanne, die Banditen des Apennin verbirgt sie, den Spaniern schmückt sie die Altäre, den Hirten Arkadiens baut sie Hütten, und vom Libanon hat sie das Kreuz Christi geliefert.

»Und hier, sieh dir einmal diesen Lärchbaum an,« sagte der Förster, »so glatt und schlank und weich in seiner Jugend gewachsen, so verkrüppelt und verknorpelt ist er jetzt in seinem Alter. Aber die Gicht hat er doch nicht. Ich will ihn noch zwanzig Jahre stehen lassen. In der zarten Jugend läßt er sich gerne verdrängen von den Nachbarn; wird er aber einmal groß, dann zeigt er ihnen den Herrn. Er überdauert alle. Wenn alles fällt um ihn, er ist der einzige, der auf dem Schlage stehen bleibt. Im Winter wirft der Kerl seinen grünen Pelz weg und läßt sich vom Schneesturm auslüften. Davon mag es kommen, daß er so stark ist.«

Der Michel ging darüber hinweg und sagte: »Soll ja der Muttergottesbaum sein. Wenigstens bringen die ungarischen Wallfahrer der Maria in Zell grüne Lärchenkränze mit, die sie unterwegs gepflückt und geflochten haben, und mancher trägt aus dem Gebirg einen weißgeschälten Lärchenstab mit heim auf die Pußta. Wenn der Mann stirbt, wird ihm der Stab mit in den Sarg gelegt.«

Über die Kiefer, die in Fichtenwald eingesprengt war, sagte der Förster, daß sie durch Wohlleben in üppiger Erde leicht verdorben werde, auf schlechtem, dürrem Boden gedeihe sie um so frischer. Sie sauge so viel Sonnenschein in sich, daß sie den ganzen Winter über die Bauern mit Kienspanlicht versorgen könne. Selbst im Walde leuchten der Kiefer rote Stämme wie Glutsäulen auf in das Gewölbe der Baumkronen.

»Mensch!« rief plötzlich der Michel, »was höre ich da alleweil? So hast ja auch du dein Extrastübel! – Herzenskerl du!« Und umschlang heftig des Försters Nacken. Dieser legte auch seinen Arm über die Achsel des Freundes, und sie sangen hinaus in die hallenden Berge:

»In dem Wald will ich verbleiben,

Weil ich leb’ auf dieser Erd.

Will mich ganz dem Wald verschreiben,

Nun ade, du schnöde Welt!

Ich verbleib allzeit im Wald,

Bis die Welt zusammenfallt.«

Nur zu bald haben sie aus dem schönen »Extrastübel« wieder hinaus müssen. Der Förster, schon während des Singens war ihm etwas aufgefallen im Gefällholz, hub jäh an zu fluchen. Es war stellenweise das dürre Holzwerk nicht sauber aufgearbeitet, da konnte der Borkenkäfer nisten, der den Fichtenwald umbringt. Und da war unter einem Lärchbaum ein auseinandergestöberter Ameishaufen. Die Ameisen aber sollte man lassen passieren, wie sie die Stämme hinaufwurlen und ins Astwerk hinaus, als Jäger nach allerlei Gewürm und Gezücht, das den Baum krank machen und allmählich töten kann. Die zierlichen Falter dort im Geäst der Kiefer? Was ist der kleine Kieferspinner für ein großes Ungeheuer! Er legt sein Ei in das Holz und züchtet Verderben. Aber da kommt die Schlupfwespe, legt ihrerseits Eier in die Raupen des Kieferspinners. Der Schmetterlingsleib hat ein Wespenherz, und an diesem Zwiespalt stirbt der Falter. Die Förster können diesem Baumverderber nicht bei und sind der Schlupfwespe sehr dankbar für ihr Schelmenstück. Wer nun im Walde morschendes Holz liegen läßt oder die Ameisen stört oder die Schlupfwespen vertilgen wollte, den trifft des Försters Fluch. »Da sollen sie sich anderes Wildbret suchen, meinetwegen!«

Nit so giften soll er sich, denkt der Michel, das muß weggesungen werden. Und wie er das Wort »Wildbret« hört, rollt’s ihm auch schon hell aus der Kehle:

»Bin a lustiger Wildbratschütz,

Und spann mein Hahnl guat,

Und wenn ich Reh und Hirschen siach,

Da wachst mir halt, da steigt mir halt

Mei Federl aufm Huat!«

»Weißt kein besseres?« fragte der Förster.

»Also singen wir halt ein anderes,« sagte der Michel; »Zank nit, gestrenger Herr Forstverwalter, und tu mit:

Wenn ih geh auf die Pürsch

Zittern d’ Reh, zittern d’ Hirsch,

Ja, sie fürchten mei Blei,

Ih schiaß selten vorbei!«

Aber auch da sang der Rufmann nicht mit. »Solche Gsanger kann ich nicht leiden.«

»Bist ein merkwürdiger Förster, du, der von der Jägerei nix wissen will.«

»Ob der Schmarotzer Hirsch heißt oder Borkwurm. Im Wald kann ich solch Getier nicht brauchen. Die Gemsen, das ist was anderes, die sind im Steingebirg, die können nicht viel schaden.«

»Frisch auf, zum Gamselschiaßen!« trällerte der sanglustige Michelwirt. Es kam wieder zu nichts. Ein alter graubärtiger Waldbär, der Holzmeister Fernand, begegnete ihnen und brachte für den Förster frischen Ärger.

Er kam vom Hochgebirge her, wo er zeitweilig beim Jagdschlosse nachzusehen hatte. Quer über den Rücken aneinandergebunden trug er ein Paar Ski, die nach beiden Seiten lang hinausstanden. Oben um das Jagdschloß lag der Schnee noch klafterhoch. Und doch hatte der Teufel den Weg dahin gefunden. Der Fernand berichtete, daß im Jagdschloß eingebrochen worden sei. Durch das Dach, und die Diebe müßten es hoch haben hergehen lassen im Fürstenzimmer; die Öfen voll Asche, Reste von Konserven, geleerte Weinflaschen und Zigarrenkisten. Der Silberschrank jedoch sei nicht erbrochen worden.

»Ist mir unlieb,« brummte der Förster, »so sind’s keine Berufsdiebe gewesen, so ist’s wer von unseren Leuten gewesen.«

»Etwan ich!« bäumte der Holzmeister sich auf und funkelte mit Adleraugen auf den Förster.

»Na, freilich du,« lachte dieser und klopfte dem Alten auf die Schulter. »Der Fernand schaut gerade so aus, als ob er in fürstlichen Jagdhäusern heimliche Gelage halten tät.«

»Kann auch mein’ Dienst aufsagen, wenn Mißtrauen ist.«

Sie hatten zu tun, ihn zu beruhigen.

Endlich kamen sie zur Stelle, wo unsere Freunde sich auf den Rasen setzten, ihr mitgebrachtes Mittagsbrot verzehrten und zu endgültiger Schlichtung auch dem Holzmeister davon boten.

Und nach dem Mahle sagte der Michel: »So, jetzt heißt’s auf die Höh!« und bog ab, den Fußsteig nach der Twengalm.

Der Förster und sein Sohn Elias gingen über den breiten Bergrücken hinaus, zwischen jungen Fichten. Mehrmals hörten sie den Michel jauchzen auf seinem steilen Anstiege. Der Förster jauchzte zurück und eiferte den Studenten an, es auch zu versuchen. Dieser hätte es ganz gern probiert mit einem lustigen Juchschrei, aber er schämte sich und tat es nicht. Doch wenn er schon nicht jauchzen mag, so möchte er jetzt beinahe etwas sprechen: es ist ihm das Herz gar zu unruhig geworden. Diese Waldnatur! Dieser Kampf der Wesen, dieses Im-Gleichgewicht-bleiben und ewige Sieghaftsein des Gleichen! Diese wonnesamen Liebestriebe überall, und diese Geheimnisse … Fast war ihm, als flüsterte etwas: Elias, hier verlierst du deinen Glauben! Aber ein lebhafteres Gefühl wogte ihm durch Leib und Seele: Elias, hier findest du ihn! Wer hat dich aufgebaut, du schöner Wald? –

Als sie nachher auf einer Waldblöße rasteten, im Anblicke der weiten Landschaft, über Berg und Tal hin, bis zu dem ätherblassen Gebirgsstreifen, hinter dem die Welt erst groß anhebt, hier, so recht im stillen Sonnenfrieden des Mittags, sagte Elias mit leiser Stimme: »Vater, ich möchte mit dir einmal was reden.«

»Liebes Kind, so rede. Ich schaue dich ja schon lange auf das hin an, daß du was auf dem Herzen hast, und kommst nicht dazu, es zu sagen. Du weißt ja, daß du mir alles anvertrauen kannst. – Was hast du mir denn zu sagen, Elias?«

Diese Worte sind so grundgütig gesprochen worden, daß dem Jungen das Weinen näher stand als das Reden. Er schwieg noch ein Weilchen, und dann begann er seine Mitteilungen.

»Du wirst dich gewundert haben, Vater, daß sie mich für krank heimgeschickt haben, und daß ich doch nicht krank bin. Aber wenn ich hätte dort bleiben müssen –. Hab nimmer lernen können, nimmer essen und nimmer schlafen.«

»So bist du doch krank gewesen.«

»Vielleicht, Vater. Aber anders, wie sie meinen.«

»Heimweh?!« fragte der Förster.

»Ich glaube nicht. Dann hätte es die Jahre früher kommen müssen. Es ist was anderes gewesen.« Elias zuckte ab, schwieg ein Weilchen, und mit der Stimme leise zitternd, sagte er: »Den Glauben habe ich verloren.«

»Den Glauben? An was? Ans Lernen, an deine Fähigkeiten?«

»Den Glauben an Gott!«

»Den Glauben an Gott verloren? Das versteh ich nicht.«

»Es ist auch nicht so, ich kann’s nur nicht sagen.«

»Solltest du in schlechte Gesellschaft geraten sein?«

»Beim Religionsunterricht.«

»Ja, was redest denn, Elias!« rief der Vater, »gerade der Religionsunterricht in Ruppersbach hat dich dahingebracht, daß du Priester werden wolltest!«

»Das war der Religionsunterricht bei unserem Herrn Pfarrer. Wo wir immer von Gott gehört haben, der uns alle auf den Händen trägt und nicht verläßt, von Jesum Christum, dem lieben Heiland, und wie er uns lehrt und tröstet, durch sein heiliges Vorbild und Opfer uns zum ewigen Leben führt. Aber im Seminar ist das was anderes.«

»Wieso? Liegt’s an dem Religionslehrer?«

»Oh, der ist gut. Der hat mich immer gefragt, warum mir denn kein Essen schmeckt, warum ich so schlecht aussehe, ob mir was wäre? Ob ich warme Kleider hätte? Von Religion hat er mir nie was gesagt außer der Stunde. Er kann auch nichts dafür, daß es in der Schule so vorgeschrieben ist.«

»Und was sagen denn die anderen, deine Kollegen?«

»Nichts. Die schimpfen nur über das viele Memorieren. Das Memorieren macht mir nichts, aber sonst –. Du mußt dir unser Religionsbuch einmal ansehen, ich hab’s mitgebracht. Ja, und da ist mir halt so kalt geworden und bang. Wie wenn man den Glauben verliert. Und bin ganz krank geworden.«

»Du mein, du mein!« seufzte der Förster. »Das soll ein anderer verstehen. – Und ist dir jetzt auch noch so?«

»Wie ich wieder in unser Hochtal komme, ist mir auf einmal wieder gut gewesen.«

»Über Religionssachen soll man nicht grübeln, mein Kind!«

»Aber im Seminar muß man grübeln, das ist es ja. In dem Buch ist alles so beschrieben und ausgeklügelt und bewiesen, wie eine Mathematik-Aufgabe. Einmal auf dem Spaziergang im Garten habe ich es dem Religionslehrer doch gesagt, da antwortete er: ›Rufmann, denke doch nicht immer, wie Gott ist, denke vielmehr, wie du sein sollst.‹ Das hat mir gefallen. Aber in der Religionsstunde ist immer so viel von den Beweisen Gottes und der Kirche die Rede, und ich weiß nichts damit anzufangen. Je mehr mir Gott bewiesen wird, je fremder wird er. Ich hab’s gar nicht gewußt, daß man an Gott zweifeln kann, und bei diesen Beweisen ist mir der Zweifel erst gekommen. Und habe gesehen, die Kirche ist nur da, um immer zu sagen: Glaube, glaube! Gott ist, erstens weil, und zweitens weil und drittens weil. Und lauter so Gründe, die kein Leben haben. Und denkt man auf einmal: Wenn so viele Beweise und Versicherungen nötig sind, da ist er am Ende gar nicht. Und wenn man alle Tage hört, daß es Millionen und Millionen Ketzer gibt auf der Welt, die nicht an Gott glauben und nicht selig werden können. Und so ohne Liebe von ihnen die Rede ist, und daß man mit ihnen nichts zu tun haben soll. Daß sie wohl auch an ihre Gottheit glauben, die aber alle falsch sind. Und doch auch die Heiden ihren Glauben beweisen und sagen, daß es der einzig richtige wäre. Und haben auch die nicht den rechten Glauben, die sich ganz und strenge ans Evangelium halten, und haben die nicht den rechten Glauben, die in Gottvertrauen und Nächstenliebe und Sittsamkeit und Geduld leben: sie können nicht selig werden, wenn sie nicht auch alles andere glauben und tun, was die römisch-katholische Kirche verlangt. Immer nur diese Kirche und immer nur von dieser Kirche, und alles andere von der ganzen Welt ist nichts, nur diese eine Kirche, die fort und fort sagt: Glaube mir, nur mir, keinem andern und hieße er auch Christus.«

»Jetzt übertreibst du aber doch, Elias!« mahnte der Vater, »wenn du sagst, daß die Kirche wahrer als Christus sein will.«

Da sagte der Student in seiner kranken Erregung: »Wir haben einen Ausspruch lernen müssen, nämlich, daß ein katholischer Priester größer sei als die Heiligen im Himmel, als die Engel, ja als die Mutter Maria, weil der Priester bei der Messe Jesum Christum erschaffen könne, und die Engel können das nicht. Und ist der katholische Priester größer als Jesus Christus selbst, weil der Schöpfer ja über dem Erschaffenen geht – so ungefähr, mir schwindelt alles im Kopf. Solche Sachen! Da muß man ja krank werden.«

Nun schüttelte der Förster gar bedenklich den Kopf, wußte aber nichts anderes zu sagen als: »Das geht vorbei. Elias, das muß vorbeigehen. Du sagst es selber, wie der Religionslehrer gut ist. Halte dich an ihn, nicht ans Buch. Das Buch wird so was Theoretisches sein, wie mein Handbuch der Botanik. Ist notwendig, so ein Leitfaden, aber wenn ich die Forstwirtschaft praktisch darnach einrichten wollte – na, ich danke! Man vergißt ja so bald alles wieder.«

»Und hab’s schon fast vergessen,« sagte Elias. »Jetzt daheim, da ist es ja wieder besser. Wenn man immer so im Wald sein könnte! Da möchte man freilich den Glauben nicht verlieren.«