Anmerkungen zur Transkription

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Erdsegen.

Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Ein Kulturroman

von

Peter Rosegger.

Vierundzwanzigstes Tausend.

Leipzig.

Verlag von L. Staackmann.
1906.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von C. Grumbach in Leipzig.


Erster Sonntag im Jahre 1897

In der Zusen,
am ersten Sonntage im Jahres des Heils 1897.

Daß euch derrr Kuckuck hol’!

Sothanen Gruß zuvor, teure Freunde, und nun lachet, lachet — lachet!

Lang ist es her! sang der Alte vor unseren hofseitigen Fenstern. Ich hatte ihn nie verstanden. Zwei Ewigkeiten en miniature waren die ersten zwei Tage dieses Jahres. Der dritte hat überhaupt noch kein Ende genommen. Wenn aber das merkwürdige Jahr, das nun begonnen, jemals aufhören sollte, was nach menschlicher Berechnung doch immerhin wahrscheinlich ist, dann werde ich lachen, ihr Herren! Und mein Lachen wird euch Posaunenschall des jüngsten Gerichtes sein, falls ihr eine Ahnung habt, was damit gesagt ist.

Meine aktuelle Stimmung ist allerdings etwas weit vom Lachen abgelegen. Sechs Jahre lang hatte ich gemeinsam mit euch unter Feder und Schere emsig den Beruf verfehlt; nun ich ihn mutterseelen allein mit dem Wanderstecken suche, wird er hoffentlich bald in Sicht kommen. Und in der nächsten Sylvesternacht tauche ich eueren Augen furchtbar auf, mit Zipfelmütze und Heugabel. Keine Stunde diene ich nach, und sollte jetzt der halbe Januar vergehen, ehe ich’s bin. Bemühen? Redlich. — In der Zusen heißt das Nest, wo ich am Wirtshaustisch euch Trauernden die erste Kunde schreibe. Aus zwei Bauernhöfen bin ich gestern bereits hinausgeworfen worden. Heute ist Ruhetag — Auf meine höfliche Anfrage im ersten Hofe hieß es: „Ei schau! Im Sommer wachsen die Kirschen und im Winter die Vagabunden! Das glaub’ ich, daß die Herrschaften um Neujahr gern ein warmes Nest und eine volle Schüssel haben möchten. Nachher, wenn der Schnee weggeht, gehen sie auch weg und ist man bei der g’nötigen Feldarbeit wieder allein. Mach’ fort zu den Socialdemokraten! Bist ’leicht selber einer!“ Klapps hatte ich die Thür vor der Nase.

Das war ein stattliches Gehöft gewesen an der Landstraße. Mir that’s leid drum. Hat aber Stoff gegeben für einen brillanten Volkswirtschaftsartikel, die Zeile nicht unter zwanzig Kreuzern. Kostet mich selber so viel.

Im zweiten Bauernhof, als ich zuspreche — den Hut in der Hand — ob man keinen Knecht brauche, glotzt mich der Bauer an, so ein kleiner, feister, kecker Kerl. Dann greift er mit seinen schnodderigen Fingern nach meiner immer noch leidlich aufgerampelten Schnurrbartspitze und sagt: „Was hat Er denn da für eine saubere Gabel? Soll das eine Mistgabel sein?“ Ich sofort den Krampf in den Fingern, aber da ist’s nichts mit dem Rächen seiner Ehre; bittweise schlage ich die Fäuste aneinander, werbend um eine leibhaftige Mistgabel. Der Bauer jedoch ist kein schlechter Kenner von Gliedmaßen. Meine Hand, die von den Göttern seit Urbeginn für die Feder bestimmt, packt er an: „Sollen das auch die Werktagspratzen sein? Na, ich dank’. Für den Löffel halten sie’s!“

„Herr Vater“ sage ich und konzentriere die zehn Finger zu zwei Armeeflügeln, „es käme nur auf einen Versuch an, wofür sie es vielleicht auch sonst noch halten möchten!“ Und stelle mich zur Verfügung! Ihm gerade vor den rundlichen Corpus. Er einen Schritt zurück und frägt — um die Unterhaltung auf ein harmloseres Feld zu lenken — nach dem Dienstbotenbüchel.

Da ziehe ich meinen Militärschein aus der Tasche: „Drei Jahre Seiner Majestät dem Kaiser gedient. Gegenwärtig Reserveoffizier — möglicherweise!“

„Und ich hätt’ einen Ochsenknecht gebraucht!“ lacht der Bauer, ohne dem Reserveoffizier auch nur die geringste Reverenz zu erweisen. Sind ja Barbaren, diese Leute. Ich natürlich habe mich um die von ihm offerierte Ehrenstelle beworben. Da sagt er, ich möchte so gut sein und ihn nicht zum Narren halten. Damit war die Verhandlung abgebrochen.

Morgen hausiere ich weiter.

Der Dorfwirt, bei dem ich heute das Dasein genieße, braucht einen Fuhrmann. Pferde! Das wäre doch einigermaßen standesgemäß für einen Kavalier, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr es für die Wette gelten ließet, ihr Kanaillen! Mit Verstattung, das soll kein Schimpf sein. Der gebührende Titel, bitte! Wie freue ich mich, ihr jammervollen Tintensklaven, euch eines Tages des verwegenen Spaßes Abachseite vor die Nasen zu halten und euch in die geschniegelten Bärte zu brüllen: Eines Mannes Wort bleibt eines Mannes Wort, selbst über den Dunghaufen hinaus! Und wenn euch darob in Leibes- und Seelennöten die Augen übergehen hinter den Brillen, werde ich euch sehr lieb haben, ihr holdseligen Krähen, selbander! —

Dieses Dorfhotel wäre für ein paar Tage ganz erträglich, wenn der Wirt seinen Wein nicht in einem gar so echten Zustand schänkte. Aus diesem herben, natursauren Unterländler, den Liter zu 40 Kreuzern, wüßte ein mehr gebildeter Restaurateur bequem zwei Liter feinen Dessertweins à 1 Gulden die Bouteille herzustellen. Geradezu persönlich beleidigend wird dieses Hospizium wegen jeglichen Mangels unserer teuren „Kontinental-Post“. Hingegen liegt, um die Niedertracht voll zu machen, die Wochenausgabe des „Neuigkeits-Weltblattes“ auf. Unsere Expedition soll doch das Blatt auf einen Monat gratis schicken an den „Weißen Hirschen“ in der Zusen. Hat er’s erst gerochen, dann wird er’s auch fressen.

Am Nebentische sitzen drei Bauern und verhandeln seit rund zwei Stunden über ein trächtiges Kalb. Als angehender Standesgenosse interessiere ich mich natürlich sehr dafür, nur fehlt mir noch einigermaßen Berufsbildung. Wenn es wahr ist, was die Engländer sagen, daß Boeufsteak Intelligenz mache, dann sind diese Viehbauern die Väter unserer geistigen Kultur, und ich — als hoffentlich bald der Bruder dieser Väter — ihr Onkel. Vielleicht in einer Woche schon mehr von

Hans Spiridion Trautendorffer,
Wirtschaftlicher Redakteur der „Kontinental-Post“.

Meinen vollen Namen, den ich euch hiermit übermache, wickelt in Seidenpapier und bewahrt ihn sorgfältig auf. Übers Jahr, übers Jahr, wenn ich wiederum komm’!

Zweiter Sonntag

Hoisendorf, am zweiten Sonntag.

Mein sehr geschätzter Herr Kollege Meyer unterm Strich!

Laß dir nicht träumen, es käme hier ein Feuilleton aus ländlichem Leben. Nicht eine Zeile! Und wenn ihr mich etwa deshalb von den Fleischtöpfen Egyptens entfernt habt, um einen ständigen externen Haderlumpen zu haben, der aus Bauernhöfen die „Kontinentale“ mit volkswirtschaftlichen Korrespondenzen versorgt, so seid ihr sehr abergläubisch. Man wird die „Hofnachrichten“ schon so einrichten, daß sie unmöglich sind.

Einstweilen sind es noch wehmütige Berichte eines abenteuernden Dienstsuchers, an denen unser Herr Chef — mit Respekt zu melden — einstweilen eine größere Freude haben dürfte, als der Absender. Einstweilen! Das Wort doppelt unterstrichen.

Am Montag und Dienstag habe ich nach tagebücherlichen Urkunden bei nicht weniger als dreizehn Bauernhöfen angefragt. Der Dreizehnte dacht ich, müsse doch so unglücklich sein, mich anzunehmen. Aber auch der hatte seinen Schutzengel. Du siehst, lieber Meyer, ich befleißige mich schon volkstümlicher Denkungsart. Scheint leider nicht viel zu nützen. Dem einen bin ich zu schlank gewachsen, dem anderen zu „herrisch“ angethan, mein Touristenanzug hat nämlich bereits ein paar getrennte Nähte. „Zerrissen ist herrisch, geflickt ist bäuerisch“, besagt eines ihrer bösartigen Sprichwörter. Der Dritte nahm mich nicht, weil ein Mensch, der sein Eigentum im Handbündel mit sich trägt, ein ausgelegter Vagabund ist. Und der Vierte entschied kurzweg: An einem Knecht, der mit weißem Hemdkragen dahingehe, wie ein windiger Schulmeister, habe er sich schon vorwegs gesättigt. Mehr wurzelseppartig! sagte ich zu mir und schon ins nächste Haus stolperte ich weitschrittig, mit gebogenen Knieen und Armen, das Haar zerriffelt, die Hände mit Waldharz und Erdstaub überkleistert: Ein fleißiger Dienstbote bäte um Einstand in einen Jahresdienst.

Der Hausvater würdevoll: „Woher geht die Reise?“

Ich: „Aus der Garnison. Mit dem Abschied. Gottlob, daß ich wieder in der Bäuerei bin. Oh, diese Stadt! Dieser Militärdienst! Man glaubt’s nicht, wer’s nicht probiert hat! Ganz krank wird der Mensch, wenn er die gewohnte Handarbeit entbehren muß. Arbeit ist das einzig Gute auf der Welt!“

Vermeinte das recht gut gemacht zu haben. Der Bauer aber wendete sich gegen ein altes Weib, das hinter ihm stand: „Hörst du das Geschwätz? Wer die Arbeit kennt, der redet ein bissel anders.“

Und die Alte: „Willst ihn denn fortschicken, jetzt spät abends?“

„Soll über den Feiertag dableiben. Nachher werden wir’s halt sehen.“

Potz Blitz! War ich Bauernknecht?

Als die Dämmerung kam, ging ich um den Hof herum, mit Kennermiene den Schauplatz künftiger Thätigkeit prüfend. Und zur heiligen Stunde, da ihr zu dreien oder mehreren im „roten Krug“ bei schäumendem Pils im Kritisieren über die lumpige Welt euch des Lebens freuet, saß ich am Leuttisch unter unsauberem Gesinde, aß mit einer breiten Blechschaufel aus der gemeinsamen Schüssel etwas, das sie „saure Topfensuppe“ nannten, und erzählte von meinem Soldatenleben. In unnachahmlicher Bescheidenheit teilte ich den lieben Hausgenossen mit, wie ich bei der bosnischen Occupation die Hauptstadt Serajewo erstürmte, bei der Schlacht von Sedan den Erzschelm Napoleon einfing, bei Königgrätz eine Kugel in die Brust bekam, die zum Glücke hinten wieder hinausflog, in der Völkerschlacht bei Leipzig einem rotbehosten Welschen die Fahne aus der Hand riß und so die deutsche Sache rettete. — Geschätzte Kollegen von der Feder, Unehre sollt ihr an mir nicht erleben! Die Heldenthaten waren denn auch nicht umsonst vollführt. Die Hausmutter erwog, daß ein Mann mit solch geschichtlicher Vergangenheit nicht in der Knechtekammer schlafen könne auf dem Strohschaub. Sie verordnete mir das Handwerkerbett, welches stets das beste des Hauses sein soll. Da sank ich tief ins knisternde Stroh, zog die feuchtkalte, mürfelnde Decke über die Nase und dachte: Dieweilen du hier schläfst, Recke, wird das Jahr wieder um eine Nacht kürzer — die Stunde zu cirka drei Kronen. Du siehst, Volkswirt bleibe ich immer.

Am nächsten Tag war Heiligdreikönigfest, kamen am hellen Morgen die drei Weisen (mit ai geschrieben) unter dem Stern und plärten gleichstimmig einen Spruch. Da wurden die morgenländischen Majestäten von der Hausmutter mit Schmalznudeln und Honig bewirtet. Nach dem Dejeuner, und nachdem der Souverain von Ätiopien auch mich einer gnädigen Ansprache um einen Heller gewürdigt hatte, haben die höchsten Herrschaften in jugendlicher Elastizität ihre Weiterreise angetreten.

Zu Mittag war ein unerhört großes Essen. Was es war, kann ich nicht beschreiben, aber viel war’s. Bei manchen Schüsseln stockte das Fett an den Rändern und klebten die geschmälzten Stubenfliegen ohnmächtig an den Klößen. Bei der Backofenhitze führen in der Bauernstube diese niedlichen Tierlein auch im Winter das wonnige Dasein der Kreatur und die Fensterscheiben sind reich geschmückt von Beweisen ihrer — Pünktlichkeiten. Mein Appetit war bald gestillt und am Nachmittag habe ich gemeinsam mit den übrigen Knechten mich ausgeruht von der — morgigen Arbeit.

Am nächsten Tage war Regenwetter. Der Hausvater (so wird der Bauer vom Gesinde genannt) befahl, ich solle in der Stube bleiben und „Span machen“. — Span machen? Da vermisse ich unsern Brockhaus. Durch die Scheunen und Ställe ging ich und suchte einen Freund, der mir sagte, was das sei, Spanmachen. Die alte Kuhmagd schaute mich höchst betroffen an. Endlich schien sie doch zu begreifen, daß der Mensch in Völkerschlachten das Span machen nicht notwendig lernen muß. Sie gab mir Unterricht: Von dem Schoppen (ach, mir ist das Wort in einem andern Sinne geläufiger) Scheiter ins Haus tragen, sie am Herdfeuer bähen und zähen, dann mit dem Schnitzger die dünnen Späne herabklieben, diese auf dem Ofen dörren, damit sie als Leuchtfunzen dienen können, abends in der Stube. — So, meine Herren von der „Kontinentalen“, die ihr die Aufklärung täglich buttenweise in das Volk gießet, nun wisset auch ihr, wie man im Bauernhause Licht macht. Aber Wissen und Können! Es ist immer die alte Geschichte. Genau hielt ich mich nach der Anweisung, allein fürs erste verkohlten mir die Scheite am Feuer, fürs zweite sprangen die abzukliebenden Späne schnöde und spröde entzwei und fürs dritte nahm der Hausvater mir den Schnitzger aus der Hand — ich könnte nichts. Es wäre schade ums Kienholz, wo die Föhrenbäume ohnehin so schütter ständen im Walde. Wie er vom Scheit nur aufs Kienholz und von diesem auf die Föhre kam, den Pinus silvestris. Was meinst du, Meyer?

Ich könnte nichts! — Meine erste Empfindung nach dieser Demütigung war: Pistolenduell! Aber als der Mann mit ruhigster Geschicklichkeit vom frischgebähten Scheite die dünnen, breiten, sich leicht reifenden Leuchtspäne schnitt, da sah ich, daß er mir über war! Bin hinausgegangen, habe, um mich sonstwie nützlich zu machen, im Werkzeugsgelaß eine Schaufel genommen, habe die restlichen Krusten des Schnees weggekraut, die unter den Dachtraufen lagen.

Erscheint der Altknecht: „Was treibst denn da, Mensch? Das Schneerestel irrt niemand und geht schon selber weg, wenn’s ihm zuviel regnet. Hast sonst nichts zu thun, so geh Agen reitern.“

Agen reitern! — Nun sah ich, meine Politik war gescheitert, es war Zeit, das Portefeuille zurückzulegen. Der Hausvater kam mir zuvor am selben Abende. Hieb mir die klobige Hand auf die Schulter: „Mit Ihm wird’s halt am gescheitesten sein, Er rastet sich in der heutigen Nacht noch einmal gut aus und geht morgen um ein Häusel weiter. An Willigkeit fehlt’s nit, aber Kopf hat Er keinen dazu.“

Beim Grobschmied einstmals hat’s geheißen, es wäre schade ums kluge Köpfelein, und haben mich in die Stadt geschickt. Dieser Hans Trautendorffer soll nämlich von einem alten Rittergeschlechte abstammen und möglicherweise ist sein Urahn zu Karls des Großen Zeit Schweinedieb gewesen. Kurz und gut, mein Oheim, der Bäckermeister, versuchte es, ob so ein herabgekommener Edelmann nicht wieder bergan zu bringen wäre. Nicht alle Semmelmacher denken so übermenschlich. Mir aber waren zur Zeit neugebackene Wecken lieber, als altgebackene Adelsdiplome und auf dem Gymnasium habe ich mich vor dem Odium eines ekelhaften Strebers stets reinzuhalten gewußt. So daß der Tornister mich glücklich noch als Kandidaten der Matura fand. Als ich dann nach allgemeiner Sitte anstatt auf die Universität zur Journalisterei ging, und noch viel später die „Kontinental-Post“ unter ihren Erleuchteten mich stets als den — Dämmerigsten gefeiert hat, war ich doch immer klug genug, solche Würde mit Anstand zu tragen und die Blaustiftzeichnungen des Chefs auf meinen Manuskripten als eine kindische Schwäche gelassen zu entschuldigen. Als Volkswirtschafter hab ich sogar die Börse — na, Meier, du weißt es ja. — Und jetzt soll es mir nach dem Ausspruche des biederen Landmanns an Kopf fehlen!

Übrigens kommt mir meine Vergangenheit jetzt gut zu statten. Der Grobschmied hat mich auswendig gerüppelt, der Journalist inwendig. Aus gegerbtem Leder kann man doch auch Bauernstiefel machen!

Am nächsten Tag vagabundierte ich weiter. Ins Gebirge ging’s, ins schöne. Bei Kailing rechts den Fluß entlang ins obere Rechthal und gegen den Almgai. Den eingeleisigen Weg, der gepflastert war mit einem Brei von Kot und jungem Schnee, nennen diese Schönfärber eine Straße. Ohne auf derselben liegen zu bleiben, halbverhungert von barmherzigen Wegelagerern totgeschlagen und in aller Stille unter eine Moosdecke gelegt zu werden, bin ich weiter gekommen. Ganz lebendig sprach ich bei einer einschichtigen Bauernwirtschaft vor. „Die Witwe dort braucht einen Knecht“ hatte man gesagt.

Die Witwe, ein frisches, schneidiges Weib, ließ sich nicht spotten.

Wie alt ich wäre?

„Zwanzig! Die fünfzehn Schuljahre nicht mitgerechnet, weil sie verlorne Zeit sind.“

Darauf lacht sie, setzt aber das Examen unbarmherzig fort.

Wozu ich zu brauchen wäre?

„Bäuerin, mir ist keine Arbeit zu schlecht und keine zu gut.“

Wieviel Lohn ich begehre?

„Mit allem zufrieden.“ — Bezahlt, Meier, weißt du, werde ich von einer andern Seite.

Das schien aber der Witwe höchst verdächtig vorzukommen — mit allem zufrieden. Sie mochte mit den Dienstleuten die Erfahrung gemacht haben: mit nichts zufrieden. Ich aber that mein Menschentum auseinander. Die Arme und Beine bog ich nicht mehr krumm, das Rückgrat zog ich in die Länge, den Nacken hielt ich stramm und in die Augen that ich Zündhütchen, gerade zum Losbrennen, falls sie sagte: „Du gefällst mir!“ — Verliebt hat sie sich einstweilen aber nicht in mich, hat es nur gelassen und schief über die Achsel her gesagt: „Nau, halt ja. Jeder wird es selbst am besten wissen, was er wert ist. Ich brauch jetzt niemand.“

Siehst du! Hätte ich achtzig Gulden Jahrlohn verlangt, ein ganzes Tuchgewand mit Stierlederschuhen und fünfmal Fleisch die Woche, so dürfte sie mich gekauft haben. Nur geschenkt wollte sie mich nicht. Ein verschlagener Holzknecht, mit dem ich nachher unterwegs davon sprach, hat mich darauf gebracht.

Die Gegend ist eigentlich ganz verdammt. Die Berge an beiden Seiten steil und schwarz wie umgestülpte Riesenkohlenkörbe; die Schluchten so enge, daß eine Heufuhr und ein Dickschädel nicht füreinander können. Ich weiß nicht, vor ein paar Jahren, damals auf der touristischen Querwanderung, ist mir das Ding alles viel hübscher vorgekommen. — Hoch oben bei den letzten Hütten, so wurde mir gesagt, hätten sie alleweil zu wenig Dienstleute, weil keiner bleiben wolle, der dort nicht festgewachsen ist wie Zerbenholz. Und sogar das Zerbenholz wartet sehnsüchtig auf Lawinen, um thalwärts zu kommen und dort etwa durch einen Kunsttischler zu feinpolierten Kommodeurs, Chiffonneurs und Sekretärs avancieren zu können. Unbegreiflicher Weltlauf: um emporzukommen, geht man niederwärts! — Nur bei mir scheint es umgekehrt zu sein. Doch wartet, wartet!

Gestern abends bin ich in ein winterliches Hochthal gekommen. Eine senkrecht aufsteigende Felswand hatte sich schon lange vorher in meinen Gesichtswinkel gestellt, und wie ich durch den Waldgraben dazu komme, steht an der Wand ein Dorf. Zerstreut liegende Häuser aus Rohmauern, Hütten aus Holz, auch ein paar Großhöfe, und weiterhin, wo Seitengräben ins Gebirge ziehen, Holzsägen und Kohlenweiler. Ein wenig abseits hinter der Wand auf der Böschung steht die Kirche mit dem spitzen Türmlein, daneben der Pfarrhof, unterhalb beim Bache das Schulhaus. Zwei Wirtshäuser sind natürlich auch da, mit dicken Mauern und vielen kleinen Fenstern — doch, ich verfalle in meine alte Schwäche schriftlicher Landschaftsmalerei. Unsinn! Mit Wörtern will man Bilder malen, heutzutage, und mit Farben Gedanken ausdrücken. In einem dieser Wirtshäuser kann man auch Tabak haben, in die Lotterie setzen und Herberge nehmen. Das letztere habe ich gethan. Der Ort heißt Hoisendorf und soll weitum als Mittelpunkt der Welt gelten. Es war die Rede davon, als sich auf der Ofenbank ein ruppiger Waldbär meldete. Er goß ein Gläschen Schnaps hinter den Bartfetzen und röchelte daraufhin, daß er bei den Kaiserlichen gewesen sei und daß die Wienerstadt wenigstens zehnmal größer wäre, als Hoisendorf. Worauf die Wirtin ihn einen Prahlhansen hieß. Auf dem Wandschrank lag ein Buschen Zeitungen, ich suchte mir aus Langeweile die neueste Nummer hervor. Und weißt du, wo sie jetzt sind, die guten Hoisendorfer, mit ihren Neuigkeiten? Bei der Ermordung des Präsidenten Carnot am 25. Juni 1894. Die Weltgeschichte, bis sie in Wochenblättern und Kalendern ins Hinterland dringt, ist gut abgelegen. Hingegen wird nichts mehr dementiert.

Soeben geht der Kurier ab. ’s ist der Bandelkrämer mit drei Füßen, wovon einer hölzern und zwei gichtisch sind. Das ist die Post nach Kailing, die gleichzeitig auch den Güterverkehr besorgt. Wahrlich, das ist das Majestätische an diesem Volke — es hat’s nicht eilig. Es kann warten, es steht fest. — Der Dreifuß nimmt sie mit, diese Epistel von eurem noch immer vacierenden

Bauernknecht.

Dritter Sonntag

Adamshaus, am dritten Sonntage.

An Herrn Doktor Stein von Stein, den Herausgeber der „Kontinental-Post“!

Ich zerschmettere dich, Imperator! Ich bin Bauernknecht! Mein Aufenthaltsort im Adamshause bei Hoisendorf, Almgai — wohin auch die „Kontinentale“ zu schicken ist. Für den Nachruf in der letzten Nummer danke ich recht schön. Bis das Jahr sich kreist, wird euch der Spott vergehen. Für weiteres bin ich jetzt nicht aufgelegt.

H. T.

An Herrn Professor Simruck

An Herrn Professor A. Simruck, Dr. phil. in M.
Adamshaus im Almgai, am 17. Januar 1897.

Lieber, alter Freund!

Dem Zeitungsschreiber war dein Neujahrsgruß vermeint gewesen, jetzt hat der Brief an zwei Wochen im Lande umhergesucht, und wo findet er deinen Hans? Ich bitte dich, denke nicht gleich an Verrücktheit oder dergleichen. Es geschieht heutzutage so viel Kluges auf der Welt, das weitaus närrischer ist, als die aufgelegteste Verrücktheit. Nach Kreuz- und Krummfahrten kam dein Brief eines Tages zu einem halbeingeschneiten Bauernhause des Gaigebirges, eine Stunde und darüber vom letzten Weiler entfernt. In diesem Einödhofe lebt dein Adressat, und zwar als Stallknecht, eingestanden für das ganze Jahr. Es ist kein Faschingsscherz, es ist leidiger Ernst. Schenke mir nur Geduld, daß ich mich dir aussprechen kann.

Jetzt erst danke ich dir, Alfred, daß du unsere Schulbankfreundschaft hochgehalten hast bis zum heutigen Tag, denn ich bin unglaublich einsam geworden. In den Wochentagen werde ich meine Arbeit haben als herben Kameraden; vor der Sonntagsruhe nur bangt mir, wenn das thörichte Herz nach einem brüderlichen Mitdenker und Mitfühler schreien wird, und es ist nichts ringsum, als ein armes einfältiges Hausgesinde, das mit seiner eigenen Lebensnot zu thun hat. Und weiter nichts, als der kalte Winter und die starren Berge. In solchen Stunden laß mich zu dir flüchten, du lieber, herzgoldener Kerl, daß ich mich schriftlich ausplaudere, ausfluche, auslache, vielleicht auch —. Nein, weinen werde ich nicht, das habe ich mir vorgenommen. Was ich dir allsonntägig zuschreiben werde, kann ich ja heute nicht wissen, was es auch sei, aufrecht will ich stehen. Mühe wird’s wohl kosten, dir es beizubringen, wie das so hat kommen müssen! Es ist ja so viel Unsinn dabei, so viel Unerhörtes — solltest du am Ende dahinter auch ein klein bißchen Tapferkeit finden? Wenn ja, so bitte ich dich, sag’ es mir ins Gesicht. Wenn nicht Einer ist, der es mir allwöchentlich hochgemut zuruft: Recht hast du! Brav bist du! Tapfer bist du! Aushalten! — so weiß ich nicht, wie das enden wird.

Fällt dir nichts auf? Als könnte der Schreiber dieser Zeilen froststeife Finger haben? Als sei das Parfüm des Briefpapieres ein ganz eigenartiges? — Nun, ich will dir erzählen. Hast du erst den Grund, dann versteht sich alles von selbst. Weil das Eine geschah, hat das Andere geschehen müssen.

Das Eine geschah in der Weinstube „zum roten Krug“, dort, wo wir bei deinem Besuch im Herbste den göttlichen Rüdesheimer getrunken haben und wo — wie du weißt — der Generalstab der „Kontinental-Post“ sein Hauptquartier hat. Die Herren sind großartig — im Krug! Da ist es nun am Tage des heiligen Leopold, daß ich nach dem dritten oder vierten Glase Jungwein den Mund etwas zuchtlos werden lasse und als Redakteur des volkswirtschaftlichen Teiles mich über eine kleine Maßregelung verbreite, die mir ein paar Tage vorher widerfahren war. „Hol’s der Kuckuck!“ sage ich. „Nicht genug, daß man gegen seine Überzeugung eine solche Geld- und Handelspolitik treiben muß! Dem braven Landwirt das Blut aussaugen, und andere Volksschichten damit mästen, dafür, daß sie Homunkeln erzeugen!“ — Der Jungwein sprach’s, verantwortlich aber wollten sie mich machen für das heillose Wort. Darob fängt’s in mir an, immer mehr zu kochen. „Ja, Homunkeln!“ und die Faust auf den Tisch. „Wer noch Menschen sehen will, aufs Land hinaus in den Bauernhof, in die Hirtenhütte!“ —

„Salomon Geßner!“ ruft einer.

„Ich bitte euch, bleibt mir jetzt mit den Hebräern vom Leibe!“

Aus dem losbrechenden Gelächter vermute ich sofort eine Blamage. Hättest du an den alten schweizerischen Süßwurzelstecher gedacht, wo sich so viele zeitgenössische Salomone deiner gütigen Erinnerung empfehlen? Also kurz, die Sache wurde weiter gekratzt und auf einmal fiel das Wort: „Der Bauernknecht ist trotz allem ein echterer Mensch, als etwa ein Bankier, dessen Beruf es ist, Geldpapierfetzen durch seine Finger gleiten zu lassen, die noch wesentlich unsauberer sind, als so ein Bauernkittel. Ist sicher auch ein sittlicherer Charakter, als zum Beispiel ein Zeitungmacher, der seinen papierenen Mantel fortwährend nach dem Winde drehen muß.“ Gesagt hatte es wieder der vermaledeite Jungwein. Der Herausgeber der „Kontinental-Post“, unser Herr Doktor Stein von Stein, ließ auf seinem glatten Komödiantengesicht ein liebliches Grinsen merken, das wir von den Honorarabzügen her so gut kennen, und sagte sanftmütig: „Den Herrn Trautendorffer wird ja nichts hindern, die korrumpierte Zeitungwindmacherei mit dem sittsamen Bauernstande zu vertauschen.“

Ich fahre auf: „Warum denn nicht? Wenn die Herren etwa glauben, daß bei mir der Mund stärker sei, als der Arm — gut!“ Sofort eine Flasche Rüdesheimer, denn für den Schwung dieser Angelegenheit war der neue Binnenlandwein zu trivial. Etliche Herren mochten eine weitere, unliebsame Steigerung befürchten und suchten den Wortwechsel ins Heitere zu ziehen. Ich fühlte mich gekränkt und ließ mich nicht beruhigen. Da schlugen sie eine Wette vor: „Der Trautendorffer soll den Gegner schlagen und sich auf eine Woche lang als Bauernknecht verdingen.“

Und ich: „Auf eine Woche lang? Auf ein Jahr!“

Draufhin trommelte Doktor Stein von Stein mit den Knäufen der Fingerringe ein bißchen auf der Tischplatte und sprach sehr feierlich: „Wenn unser Herr Hans Trautendorffer draußen auf dem Dorfe bei den Idealmenschen das kommende Jahr 1897 vom Anfang bis zum Ende als gewöhnlicher Bauernknecht zubringt, so werde ich mir am 1. Januar 1898 gestatten, ihm eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen in bar zu überreichen. Wenn unser Herr Trautendorffer den sittlichen Charakteren auch nur einen Tag früher entlaufen sollte, so würde er zwei volle Jahre lang ohne Gehalt bei der ‚Kontinental-Post‘ den Mantel nach dem Winde drehen!“

„Genagelt und gesiegelt!“ rufe ich zustimmend.

„Dann wollen wir es nur noch beim Notar aufstellen lassen.“

„Ganz überflüssig. Drei Zeugen sind gegenwärtig. Ich gebe mein Ehrenwort!“

Erschrickst du? — Ich war ja selbst erschrocken am nächsten Morgen und Kollege Doktor Wegmacher meinte, Weinlaunen-Abmachungen hätten keine Gültigkeit.

„Sie haben eine!“ fuhr ich ihn wütend an. „Das Ehrenwort laß ich nicht lumpen!“ —

Es sollen ja ein paar Tropfen Bauernbluts in mir sein, auf Umwegen. Vom dritten Glied aufwärts mütterlicherseits, will mein Oheim gewußt haben. Nun, so wollen wir sie halt versuchen, die Renaissance. Ich habe schon manches mitgemacht auf diesem Erdenhaspel. Der Schmied hat zum Glücke noch etwas Eisen in mein Blut gethan, der Soldat Kurasch und Gehorsam, der Zeitungschreiber die nötige Wurstigkeit — lauter Dinge, die dem Bauernjodel bekommen werden. Vielleicht gelingt’s, diese bereits schäbig werdende Menschenseele auszulüften, der Lohn ist auch nicht schlecht und dann thue ich mir auf etliche Jahre einen guten Tag an.

Also ist es beim trotzigen Ernste geblieben und anfangs anno dieses bin ich gegangen. Einfach großartig bin ich ausgezogen in meinem Touristenanzug und mit dem Handbündel voll irdischer Güter, die man an den Stock steckt und über die Achsel wirft. Die Herren suchten solche Schicksalswendung immer noch auf einen Ulk hinauszuspielen, ich wandte ihnen den Rücken und ging.

Aber geplagt hat’s zuerst, der Satan noch einmal! Länger als vierzehn Tage lang umherstromern — brotlos. Gar viel länger hätt’s nicht mehr gelangt, so wär’s zum blanken Betteln oder zum Stehlen. Da habe ich mir gedacht, machest einen Knoten im Sacktuch und lästerst nicht gleich, wenn ein armer Landstreicher vor dem Gendarmen daherspaziert mit dem haltbaren Armband.

In einem Gebirgsweiler, Hoisendorf im Almgai, habe ich mich schlechten Wetters wegen ein paar Tage aufgehalten und in dieser Gegend scheint dein Sonderling kleben zu bleiben. Dort im Wirtshause that ich mit einem jungen Manne, der mir wie ein blatternarbiger Forstgehilfe vorkam, Karten spielen. Blatternarbige Gesichter haben mir immer gefallen, sie zeugen von einem glücklich ausgefochtenen Duell mit dem Sensenmann. Nur die Augen, die wasserblauen, waren mir an diesem Forstjungen zu stadtmännisch, sie waren eingeglast. Dabei waren sie noch das Anmutigste an dem ganzen vierschrötigen Burschen, der die Worte schlechter warf als die Karten und mit seinen langen Armen und Beinen aller Augenblick irgendwo anstieß. So oft er das Spiel gewann, tröstete er mich, daß ich wohl umsomehr Glück in der Liebe haben werde. Ich und Liebe! Gnädiger Gott, wo sind die Zeiten! Das heißt!.... Die Gewinnkreuzer wollte er nicht annehmen, wir hätten ja nur aus Langeweile gekartelt, und Geldverlieren wäre noch schlimmer als Langeweile. Als ich ihm die Heiligkeit der Spielschulden darthat, die sogar jeder Lump bezahlt und sollte er so und so viel ehrliche Leute darum prellen müssen, nahm er das Sündengeld, lud mich aber dafür in sein Haus auf eine Tasse Kaffee. Warum ich dir diesen Forstjungen so gewissenhaft vorstelle? Weil es kein Forstjunge war, sondern der Schullehrer. Und warum ich dir den Schullehrer von Hoisendorf beschreibe? Weil er mein Wegzeiger ward nach dem Orte meiner Bestimmung.

Es ist ein Schullehrer ohne. Ich neckte ihn darob. Ein richtiger Dorfschullehrer müsse ein kleines Frauchen und ein halb Dutzend Buben haben. Während des Kaffeekochens sagte er mir, weshalb die verheirateten Schullehrer lauter Buben kriegen. Das komme auf die Ernährung an. In Hyrtl will er’s gelesen haben. Die Buben kommen von der Spärlichkeit, die Mädeln von der Üppigkeit — Na, was man auf der Universität in Hoisendorf alles weiß!

„Meine Familie!“ Mit diesen Worten hat mir der Schelm dann seine Bücher vorgestellt. Sie waren in einem Glaskasten wohl geordnet. Eine ehrenwerte Versammlung der Vertreter aller Richtungen, Walter Scott, Lessing, Schiller, Zola, Keller, Spielhagen, Baumbach, Bierbaum.

Wieso er als Besitzer solcher Schätze zu den Spielkarten greifen könne?

Ja, weil ich ihn gedauert hätte. Mit Büchern mache man eingeschneiten Touristen keine Freude.

„Ich bin kein Tourist. Mich müssen Sie zu den Bauern thun.“

„So, so. Dann werden auch wieder besser Spielkarten passen, als Bücher.“

„Bleiben also die Bücher Ihnen ganz allein?“

„— Das heißt. Es giebt schon auch hier Leute, die mitunter gerne ein Buch lesen...“ Hier brach er ganz plötzlich ab.

Als ich ihm nach dem Kaffee eine Cigarre reichte — mein Himmel! An der umgekehrten Seite hat er sie in Brand gesteckt und plagte sich dann redlichen Fleißes mit ihr ab, bis ich ihm den Stengel wieder aus der Hand nahm.

„Wenn Ihnen das Laster nicht Spaß macht, so lassen Sie’s bleiben.“

Darauf entgegnete er auffallend: „Wenn der Spaß, der manchmal dran hängt, das Laster noch immer entschuldigen möchte!“

„Nicht wahr, Herr Lehrer!“

Der Bursche war in eine absonderliche Verlegenheit gekommen und stieß unversehens den Kaffeetopf um, das braune Bächlein schlängelte sich über den Tisch hin.

„Jetzt fehlt die Hausfrau!“ neckte ich, „das gäbe den schlechtesten Witz, den schönsten Verdruß und am Abend natürlich die reizendste Versöhnung.“

„Wegen der paar Tropfen giebt’s bei uns keinen Verdruß.“

„Wie, Sie haben doch Eine?“

Der Lehrer — krebsrot im Gesicht.

Und hier, mein Freund, machen wir „Fortsetzung folgt“. Denn die Talgkerze meiner Stalllaterne ist herabgebrannt, ich habe mich ganz warm und lustig geschrieben. Ich kann’s nicht lassen und ich kann’s nicht lassen. Am nächsten Sonntage weiteres.

Dein Hans in den Wolken.

Vierter Sonntag

Adamshaus, am vierten der Sonntage, die ich
mit Bangen zähle und mit Leidenschaft erwarte.

Und nun, mein Freund und Professor, vollende ich das welthistorische Dokument vom Vorigen, damit du endlich erfährst, wo dein Narr eigentlich ist und wie er hierher kam.

Anstatt weiter in das Geheimnis des Lehrers von Hoisendorf zu dringen, fragte ich frischweg, ob er glaube, daß man da in den Berghäusern herum nicht irgendwo einen Knecht brauchen würde?

„Und ob!“ rief er aus. „Wenn nur einer käme! Alles was arbeiten kann, geht davon, muß vielleicht davon gehen. Oder es ist sonst ein Unglück. Niemand ist, der um Geringes dienen mag, dabei alles so unwillig. Und die großen Ansprüche der jetzigen Dienstboten können von unseren armen Bergbauern nicht befriedigt werden. Es ist ein rechtes Kreuz.“

„Ich wüßte einen billigen Knecht.“

„Billig? Dann wird er wahrscheinlich nicht viel wert sein.“

„Der gute Wille ist gewiß vorhanden, dafür kann ich bürgen. Gesund und stark ist der Kerl auch. Ein bißchen Nachsicht anfangs, die dürfte er nötig haben.“

„Da könnte ich gleich einen Platz nennen,“ sagte der Lehrer. „Aber ganz oben bei der Alm. Die letzten Häuser. Im Adamshaus heißt’s bei dem einen. Weitläufige Grundstücke und keine Leute dazu. Der Bauer ist kränklich, der älteste Sohn ist bei den Soldaten. Der jüngere ist von einem Jäger zum Krüppel geschossen worden. Der allerjüngste geht noch in die Schule. Ferner —“, er steckte klirrend die Kaffeemaschine zusammen — „ist noch eine Tochter da. — Alles soweit brave Leute. Es ist traurig jetzt.“

Am nächsten Morgen waren trotz des Schneegestöbers mehrere Kinder gekommen. Alle in dicke Lappen eingemummt, so daß nur die roten Nasenzipfchen hervorlugten, und die zumeist ganz frischen Gucker. Ein schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe hatte sogleich, als er ins Schulhaus trat, alle überflüssigen Hüllen von sich geworfen, daß der Schnee aus denselben stäubte. Dann gab er ein paar Bücher ab. Im runden Gesicht glühte er und voller Leben war er.

„Franzel, komm her!“ rief ihn der Lehrer vor. Und zu mir: „Das ist einer von der Adamshauser Familie. — Sag’ es, Junge, ist der Weg zu euch hinauf leidlich?“

„Ich bin auf dem Brett herabgerutscht,“ war der kurze Bescheid.

„Wenn du nach Hause gehst, will ich dich begleiten,“ hat darauf dein Hans zum Schulknaben gesagt.

Da blickte der Lehrer mich forschend an. Und jetzt mußte das Geständnis gemacht werden, daß ich selbst der Mann bin, der eine Dienststelle als Knecht sucht.

Nun war aber zu merken, daß der Lehrer bestürzt wurde. Dann begann er zu warnen, er hätte gemeint, ein anderer. Wenn das wirklich mein Ernst wäre — für einen Menschen wie ich, sei der Platz im Adamshause durchaus nicht geeignet. Armut und Niedergeschlagenheit, um nicht zu sagen, ein wahres Elend. Wer dort oben den rauhen Wind, die ungute Kost, das schlechte Lager und die schwere Arbeit aushalte, den stelle er sich doch anders vor. Nun, es wäre lächerlich, es wäre wahrscheinlich auch nur gefoppt. Übrigens gehe der Knabe an diesem Tage gar nicht nach Hause, der bleibe bei solchem Wetter über Nacht in Hoisendorf und ich würde dazuschauen müssen, thalwärts zu kommen, ehe der Schnee alle Wege vermauere.

Das hat mich nicht mehr irre gemacht. Habe mein Handbündel geschnürt, meine Wirtshausrechnung beglichen (für zwei Tage und zwei Nächte mitsamt Zehrung einen Gulden vierzig Kreuzer, wozu der Wirt noch bemerkte, daß es Einheimische billiger bekämen), und bin fortgegangen. Aber nicht thalab, wie der wetterwendische Wegweiser riet, sondern thalan, wie er es zuerst gemeint hatte, entlang dem Bach, der unter der Schneedecke murmelte. Das Gestöber war so dicht, daß kein Haus und kein Berg und kein Weg zu sehen war — eine weiße Nacht um mich; wo der scharfe Wind nicht kratzte, prickelten die Flocken an den heißen Wangen. Immer dem Wasser entlang, hatte mir der Wirt gesagt, bis zu einer Mühle und dann noch zu einer Mühle und bei der dritten Mühle links den Berg hinan.

Die Mühlen kamen ganz vorschriftsmäßig, aber bei der dritten war zuerst einmal kein Berg da, an den man hätte hinan können. Ich ging über den Steg, auf welchem menschliche Tritte eingedrückt waren. Diesem Pfade folgte ich bis zum Bergabhang, und quer die Lehne hinan zwischen Buschwerk und schütteren Baumbeständen, die alle ihre spitzen Schneehauben aufhatten und bisweilen eine ganze Wucht auf den Wanderer niederstäubten.

Und bei diesem mühsamen Ansteigen in der Stille des lautlos schneienden Nebels, da ist’s mir in den Sinn gekommen! Wie einsam! Wie einsam doch mancher Mensch sein muß auf dieser Welt! —

Und sehe ich auf einmal durch den Schneestaub vor mir einen Menschen. Unter einem Lärchbaum auf dem Schnee ist er gesessen. Ein Mann war’s, tief in sich zusammengeknickt, auf der Achsel hatte er ein Doppelbündel, eins hinten und eins vorn. Ein vollgepfropfter Mehlsack, allem Anschein nach wesentlich schwerer, als mein Handbündel. Der Mann schnaufte, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und schnaufte und schnaufte. Jung war er nicht mehr.

Ich trat ganz zu ihm hin: „Was meint der Vater, wenn wir Bündel tauschen thäten?“

Er atmete.

„Darf ich euch nicht helfen tragen?“

„Vergelt’s Gott. Wer was hat, der — der soll’s auch selber tragen.“

„Der Vater kann ja kaum schnaufen!“

„Ist wahr, ist wahr. Der Lungendampf.“

Da habe ich ihm den Mehlsack abgenommen. Vor mir ist das Männlein mit dem Stock und den unsicheren Beinen im flaumigen Schnee aufwärts gestiegen. Immer stehen bleiben hat er müssen, und atmen, immer atmen. — Und zu dieser Stunde, mein Alfred, hat’s in mir einen Schnapper gemacht.

Wie der arme, mühselige Mensch so vor mir ansteigt, entlastet, erleichtert, weil ich der Mühlesel bin, da trifft’s mich urplötzlich: Das ist’s! — Alles, was du bisher erlebt, erstrebt, geleistet hast, Hans, es ist nichts. Spät bist du dran, aber du bist dran. Was du jetzt thust, das ist das erste Tagewerk deines Lebens. — Und ist mir so warm geworden hinter der mageren Geldkatz’, und ist mir so helle geworden, als hätte jemand Freudenfeuer angezündet im Hirnkasten und in allen vier Kammern des bekannten Pumpwerkes zugleich. Hans! hat’s gerufen, wie die Stimme meiner seligen Mutter, wenn sie uns Kindern aus der Postille las: Hans! den Mühseligen und Beladenen hilf tragen! —

O mein Freund! Was ist in diesem Augenblick nicht alles zusammengebrochen von dem Trödel! Die „Kontinental-Post“ hat unser Doktor Stein von Stein letzthin auf anderthalb Millionen Gulden gewertet, dabei nicht einmal den „unermeßbaren moralischen Wert“ mit einbeziehend. Aber ich sage dir, es giebt Augenblicke im Leben, wo ein Mühlesel...

Doch es müßte einer sein, der auf seine Mühleselei nicht sofort hoffärtig wird.

Der Reihe nach kann ich jetzt gar nicht erzählen, so stürmisch ist’s noch in mir. Kann’s immer noch nicht begreifen, wie es möglich ist, hier in einer vom anstoßenden Ochsenstall erwärmten Kammer auf einem dreifüßigen Rundstuhl zu sitzen und auf der wurmstichigen Gewandtruhe meinem Freunde in die ferne Stadt zu schreiben, in die ferne Stadt, die wie ein Traum ist. Mit diesem selben Stifte habe ich vor wenigen Wochen doch noch so vorwitzig und aufgeblasen von Volkswirtschaft geschwatzt? Nicht? Du glaubst es nicht, Alfred, wie dumm der Stadtmensch ist, wenn er klug über ländliche Verhältnisse reden will!

Ich sage dir nur, das Herz möchte einem ausbluten. Es ist ein heiliges Elend. — Mit Frevelhaftigkeit, däucht mich jetzt, bin ich in einen Lebenskreis gesprungen, in dem vor der Größe der Sorgen und des Leidens jedes frivole Wort auf den Lippen erstarrt. Heute finde ich nimmer den Ton, den Herren der „Kontinentalen“ zu schreiben. Seit ich über die Schwelle dieses alten Patriarchenhauses getreten bin, muß ein Schlagbaum niedergefallen sein zwischen mir und jenen losen Vögeln. Weiß nicht, bin ich krank oder gesund worden. Sie würden witzeln: Er hat sein Herz entdeckt. — Ich weiß nicht, was werden soll, ob es nur eine windige Stimmung ist oder ein mannbares Aufrichten. Alfred, bleibe du jetzt neben mir stehen. Erlaub’, daß ich dir alles mitteile, was an mich prallen wird, was in mir wach wird, hilf mir über dieses Jahr hinweg. Es ist ein abenteuerliches, ein dunkles Jahr. Wache du, daß ich den Faden nicht verliere, der mich leiten und wieder hinausführen soll zum richtigen Thor. Wenn du meine Hand jetzt fassen könntest, noch hat sie nicht die lederfesten Schwielen! sie hat an der Innenseite Stellen, die sich häuten, die noch schmerzen, an meinen Schultern und Hüftknochen blaue Flecken. Und sie sagen, das, was in diesen wenigen Tagen war, sei noch gar keine eigentliche Arbeit.

Mein Vorsatz, auszuhalten, steht leidlich fest — zeitweise. Nur gestern abends, liegend im Holztrog auf dem Strohkissen, mit übelriechenden Schafhaarkotzen zugedeckt, von der Wand, von der Decke Wasser auf mich tropfend, in meinen Eingeweiden die Roggenklöße und die mit Speck geschmälzten Bohnen wühlend — da hub es an, in mir zu zagen. Wie jedoch am heutigen Frühmorgen die Sonnenscheibe heraufkam über den kahlen flachen Almrücken und wie das winterliche Gebirge in purpurner Verklärung dahingetragen stand unter dem blauen Himmel, während unten in den Gräben und draußen in den Thälern das bleigraue Geschiebe des Nebels lag — da habe ich dir jauchzen müssen. Mein Hausvater hat ein verwundertes Gesicht gemacht, daß es noch Knechte giebt, die jauchzen. Früher wäre das wohl vorgekommen, aber jetzt thäten die Leute lieber fluchen. Das hielten sie für vornehmer. — Offen gesagt, will ich mir auch das Fluchen nicht verschwören. — Wenn’s Herzerleichterung macht, warum nicht? Ein zorniges Beten, was ist es denn anders?

Du merkst, daß ich schon anfange, die bäuerlichen Laster zu verteidigen. Sollte ich mich mit der bäuerlichen Tüchtigkeit auch so leicht befreunden, dann müßte man mich bei der nächsten landwirtschaftlichen Ausstellung prämiieren lassen und in ein Raritätenkabinet stellen: Belieben hereinzuspazieren, meine Herrschaften! Hier ist das achte Weltwunder zu sehen: Ein Stadtherr, der Bauer geworden ist! — Na nu! Journalisten-Bummelwitzigkeit! Will schon fleißig mit Kuhmist desinfizieren, daß das Ungeziefer nicht wieder überhand nimmt.

Mein Hausvater hat keine Ahnung, welches Ungeheuer unter seinem Dache haust. Von diesem Hause und von diesen Leuten will ich dir das nächstemal berichten. Der Brief muß doch endlich ab.

Ich bitte dich um eins, Professor, teurer Doktor der Philosophie — verlaß mich nicht!

Dein Hans.

Fünfter Sonntag

Adamshaus, am fünften Sonntage.

Dank, mein Freund, und ewigen Dank für dein Schreiben, für deinen Zuspruch. Weil du mich nur keinen Thoren genannt hast. Alles andere erträgt sich. An meiner Willenskraft, hoffe ich, wird’s nicht fehlen. Einmal ein Jahr lang zu unserm Herrgott in die Schule gehen! Ein besseres Wort hättest du mir nicht können sagen. Und daß mich wohl das Mitleid in dieses Haus gebracht hätt’, stimmt auch zur Not.

Wie vor ein paar Wochen einem erschöpften Mann der Mehlsack abgenommen und herauf zu seinem Hause getragen worden ist, das weißt du. Es war der Adamshauser, von dem vorher der Schullehrer gesprochen. Sein Hof, hoch an der Bergstirn, liegt unter alten Ahornen fast stattlich da. Als wir ins Haus traten, wies der Bauer mit beiden Händen auf mich und rief in kurzen Atemstößen seinem Weibe zu: „Der da! Wenn er hätt’ wollen, hätt’ er mir mit meinem Mehl zum Teuxel gehen können. Ich wär’ ihm heut’ nit nachgelaufen. Weil’s mich wieder hat. Meinen Rauch, Mutter!“

Gab das Weib zurück: „Wie ich halt sag! Weltfremde Leut’ sind immer einmal besser, als wie die lieben Nachbarn.“

Dann nahm sie eine Blechpfanne mit glühenden Kohlen, that getrocknetes Kraut hinein, hielt sie dem Manne, der in einen Lehnstuhl gesunken war, vors Gesicht. Den aufsteigenden Rauch atmete er ein. So ein paar Minuten lang, dann stemmte er die Hände seitlings an die Brust, atmete hoch auf und sagte: „Gott sei Dank, vorbei ist’s wieder!“

Nun mischte ich mich mit der Frage ein, was sie denn in der Pfanne verbrannt hätten?

„Hexenkraut!“ antwortete das Weib.

„Ist nit so schlimm wie der Name,“ setzte der Mann bei, „für den Lungendampf gar kein besseres Mittel. Jetzt sollt Ihr wohl Euren Rock austhun und rasten. Und die Stiefel abklopfen, sonst thun sie so viel nassen. Endlich ist er doch da, der Winter. Das Jahr hat man schon gemeint, es kommt keiner.“

„Wenn Ihr an Asthma leidet, solltet Ihr Euch doch schonen und einen Knecht in die Mühle schicken?“ So ich.

„Einen Knecht? Hab’s eh gethan? Hab’s eh gethan.“

„Das ist gewiß,“ gab das Weib bei, „weil er selber sein Knecht ist. Und sein bester auch noch.“

Das grauende Haar strich er mit flacher Hand über die Stirn herab und fast munter guckte er drein über den Spaß, daß er selber sein bester Knecht sei. Bald habe ich allerlei erfahren. Der älteste Sohn ist in Laibach Soldat. Der andere liegt im Nebenstübel und wimmert.

„Auf den ist so viel geschossen worden!“ sagte das Weib.

„Auf den Soldaten?“

„Aber nein, auf den andern. Es geht nit recht her auf der Welt.“

„Laß es gut sein, Mutter,“ wies der Mann zurecht. „Mir ist es lieber, wie es ist. Es kunnt ganz anders sein. Im Kotter kunnt er sitzen, anstatt da drinnen liegen. Er hätt’ sich abscheulich vergessen können. Wenn einer so vor dem Jäger steht. Auf ja und nein kann ihn Gott verlassen!“

„Was hätt’s denn gemacht?“ rief das Weib erregt und mit den krummgebogenen Armen zitternd, „wenn sie den einen Buben beim Militari zum Leutderschießen einlernen, so wird der andere sich wohl auch um sein Leben wehren dürfen!“

„Mutter,“ beschwichtigte er, „mußt nit wieder sper werden. Wenn sie eh so bös brennt, die Wunden, wenn sie eh so bös brennt! Mußt nit auch noch alleweil Scheidewasser draufgießen. Ein Lackerl Milch, wenn du ihm kochen wolltest. Dem da. Fürs Mehltragen, daß er so gut ist gewesen. Und ich muß jetzt zum Vieh.“

„Ihr habt wohl eine große Wirtschaft?“ So meine Frage.

„Zum Prahlen wär’ sie zu klein und zum Dermachen ist sie zu groß.“

„Dann solltet Ihr doch einen Knecht nehmen.“

„Nehmen!“ kreischte sie lachend auf. „Das ist leicht gesagt.“

„Es ist halt keiner zu kriegen,“ setzte er bei.

Sagte darauf ich: „Manchmal gäbe es ihrer vielleicht doch.“

„Und keiner zu bezahlen!“ so er.

„Und keiner zu köstigen und zu gewanden!“ so sie.

„Thun ja hell brandschatzen, die Dienstboten, heutzutag,“ so er.

Und sie: „Zu schlecht ist ihnen schon alles. Haben im vorigen Sommer zum Heuen so eine Gnad’ gehabt, eine zweifüßige. Eh von der Nachbarschaft einer. Ein ausgedienter Soldat. Beim Militari, von Obristen abschanden lassen wie ein Mistbub, aber daheim vom Hausvater kein ungeschaffen Wörtel annehmen. Solche Dienstleut! Da arbeit’ ich lieber Tag und Nacht selber. Ist ja wahr auch! In der Kasern, ja, da lassen sie sich das Hungerleiden schön gefallen, aber nachher auf der Bäuerei stoßen sie die Erdäpfelschüssel mit der Faust über den Tisch hin: Das wär’ ein Fressen für die Säue! Mein Lebtag hat mir noch keiner mein Essen verschmäht, als wie der. Aber dem kommt’s heim. Dem kommt’s noch heim. Denkt’s, daß ich’s gesagt hab!“

„Thu dich nit anzünden, Mutter,“ beschwichtigte wieder der Bauer. „Ist eh arm dran, so ein Mensch, wenn sein schwacher Magen nit einmal mehr ein Erdäpfelsterzel verkochen kann. Nit einmal ein Erdäpfelsterzel!“

Jetzt habe ich mir einen Anrand genommen. „Bauersleute,“ sage ich, „wenn euch mit mir geholfen wäre. Ich habe schon allerhand probiert auf der Welt, Hartes mehr wie Leichtes, so wird mich das Bauerndienen auch nicht umbringen. Wenn ich auch kein Geborner bin. Was man nicht kann, das lernt man und was einem etwa nicht taugt, das gewöhnt man. Um Kost und Schlafstatt werde ich nicht greinen, und Jahrlohn, was ihr leicht mögt. Nicht etwa, daß mir just ums Winterdach zu thun wäre, will auch im Sommer bei euch bleiben und wegen keiner schweren Arbeit verzagen. In allem Ernst, Leutlein, wenn’s euch recht ist, so bleib’ ich da.“

So, mein Freund, habe ich mich hinwerfen müssen, ist das nicht tapfer gewesen? Und habe dabei gar nicht einmal auf mein Ehrenwort gedacht, als vielmehr, daß mich die armen Hascher erbarmen. — Bin doch ein schrecklich edler Mensch! Wie also das gesprochen war, sind sie vor mir alle zwei dagesessen, haben sich angeschaut und nichts als angeschaut. Er hält über den Magen die Hände gefaltet und endlich ist er doch so weit, zu sagen: „Da weiß der Mensch gar nit, wie ihm geschieht.“

Sie hingegen hat ein schlagenderes Wort. „Richtig wahr,“ sagt sie, „mehr kunnt ein Spitzbub auch nit versprechen.“

Aber er: „Ungeschickt, ungeschickt, Mutter! Wenn’s ein schlechter Mensch thät’ sein, wär’ er mir mit dem Mehlsack davon, unten auf der Brandlahn. Weißt, wie sie voriges Jahr dem Gleimer-Stindl die Kasbutten weggenommen haben. Unser Herrgott ist hoch oben und der Schandarm weit weg.“

Ein förmliches Gericht war’s, das ich über mich habe ergehen lassen müssen. Nachdem sich das Paar noch um mancherlei erkundigt hatte, nicht zuletzt nach meiner Religion, kam es endlich dahin überein, dieser weltfremde Mensch müsse rein von der heiligen Nothburga geschickt worden sein, zu der sie, wie ich nun weiß, jeden Abend beten um Beistand.

„Machen wir’s halt so,“ sagte der Adamshauser endlich, „wenn’s schon dein freier Willen ist — jetzt sag’ ich halt gleich: du. Aber fürs ganze Jahr festbinden, das nit. Heut taugt’s dir in der warmen Stuben, morgen kunnt schön Wetter sein und deine Füß’ hübsch ausgerastet. Und bleiben wir beisammen, so hat man halt sonst vierzig Gulden Jahrlohn gegeben und das Gewand. Ist freilich nit viel. Bleibst halt so lang du magst.“ —

So, alter Freund, jetzt hast du sie gesehen und gehört, meine neuen Hausherrenleute.

Willst du auch den Hof sehen? Auf der Höhe eines Bergausläufers liegt er gar behäbig da mit seinen braunen Holzwänden und den weit vorspringenden Bretterdächern. Vor dem Hause senkt sich die Feld- und Wiesenlehne bis ins Engthal hinab zum Bache. Neben dem Hause kahle Laubbäume, die im Sommer wahrscheinlich grünen werden. Hinter demselben, gegen die Almen hinan, kümmerlicher Nadelwald. Seitlings hin ein mit Buschwerk bewachsener Rain, bis zur Schlucht, wo unter einer Altfichte ein zweites Haus ist, das zum Hof gehörige Ausgedingegütel; jetzt steht es leer. — Die Hausthüren sind so eingerichtet, daß jeder Eintretende sich tief verneigen muß vor den Inwohnern, sonst stößt er sich den Schädel entzwei. Aber auch den Ausblick in die weite Welt gestatten die niedrigen, mit gekreuzten Eisenspangen vergitterten Fensterchen nur in Stellung der Demut. Auf dem Drambaum in der Stube des Adamshauses steht die Jahreszahl 1650. Das ist gar nicht lumpig! Die große Stube ist Küche, Eßzimmer und Wohnraum für alle, auch für die Hühner, deren Käfig unterhalb des Herdes in der Mauernische sich befindet. Außerdem hat das Haus noch etliche Kammern für Schlafstellen und Vorräte. An der Außenwand ein paar Bienenstöcke, die leer sind. Die Ställe und Scheunen sind weitläufig und deuten auf eine große Wirtschaft in früherer Zeit. — So, nun kennst du auch meine jetzige Heimstätte.

Mir ist eine Kammer neben dem Ochsenstall angewiesen worden, „dem Valentl seine“. Kommt er auf Urlaub heim, so heißt’s umsiedeln. Das Innere der Apartements will ich dir später einmal beschreiben, jetzt heißt’s Berufsinteressen voran. Der Hausvater hat mir schon am zweiten Tage all’ seine Schätze gezeigt: Heu, Stroh, Getreide, Hafer, Flachs, Hanf und mit besonderem Stolz den großen Dunghaufen im Hofe. Mühe wird’s schon kosten. Augenblicklich ist mir der Unterschied zwischen Roggen und Gerste, zwischen Flachs und Hanf nicht klar. Beim Vieh wird’s einigermaßen leichter gehen, obschon mir heute noch unbegreiflich ist, wie man zwei schwarze Lämmer oder zwei scheckige Kalben von gleicher Größe soll unterscheiden können. Meine Hausgenossen haben das auf den ersten Blick los und es scheint, daß die Tiere für ein geübtes Auge ganz die individuelle Physiognomie haben, als die Menschen. Ein Hirte soll aus hunderten von Schafen jedes für sich erkennen.

Meine erste Obliegenheit wurde das Abfüttern der Ochsen, Kalben und Schafe. Das ist aber nicht etwa, als ob man ihnen Heu oder Gehacktes nur gleich so hinwerfen dürfte, wie in einer schlampigen Menagerie. Die Haustiere haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Pflichten und Rechte und sind nicht gesonnen, sich wie wilde Tiere behandeln zu lassen. Da giebt’s des Tages bestimmte Mahlzeiten und eine genaue Zubereitung von Heu, Rüben, getrocknetem Laub mit Aufguß, Heublumenmehl, Salz u. s. w., was für den Neuling um so schwerer zu treffen ist, als weder geschriebene Rezepte noch Kochbücher dafür vorhanden sind.

Und nun sage ich dir, Philosoph, daß solcherlei noch gar nichts ist, nicht einmal der Anfang. Aus den flüchtigen Andeutungen, die mein Hausvater mir bisher gemacht hat, merke ich, daß die Kenntnis des Bauernwesens eine ganz respektable Wissenschaft bildet — in allem Ernste. Und eine Kunst noch dazu, denn das muß nicht bloß verstanden, es muß auch ausgeführt werden. Das wird plagen. Wenn der „Volkswirt“ im Zeitungsblatt einen Stiefel sagt, so rührt sich darüber keine Katze und der Schreiber ist ein gelehrter Mann. Wenn aber der Bauer einen Unsinn macht, so fault das Heu in der Scheune, schimmelt das Korn im Sack, verreckt das Rind im Stall. Ja, Bauer, das ist was anderes!

Nun möchte ich dir aber vom ersten Tage noch etwas erzählen. Da war mir gar so eigentümlich zumute. Als die Hausmutter das Herdfeuer anzündete setzten wir uns auf Bank und Block um den Herd, weil des Aufrechtstehenden Haupt zu hoch in das graue Gewölk des Rauches hineingeragt hätte. Dieser Rauch fließt nur langsam durch einen Wandschuber ab, ins Vorhaus, wo er durch einen Holzschlauch übers Dach hinaus geführt wird. Der Hausvater fettete ein paar derbgebaute Schuhe mit Schweinsschmiere ein. Die Hausmutter schmorte in der Pfanne Kartoffeln und mir war die Aufgabe zugefallen, von einem großen Schwarzbrot Suppenbrocken abzuschnitzeln für das bevorstehende Nachtmahl. Plaudersam waren wir gerade nicht. Mich schützte vor Langeweile nur die Mühe meines Brotbrechens. Die Hausmutter merkte meine Unbeholfenheit und sprach: „Du — du! Wie heißt du denn?“

„Hans, wenn’s recht wär’.“

„Du, Hansel, ich sag’ dir was. Deine Brocken werden zu dick! Du kannst es nit recht.“

Na, gute Nacht, Knecht! Wenn du das Brot nicht einmal aufschneiden kannst, wie wirst es erst verdienen können!

Rief in der Nebenkammer plötzlich jemand nach der Mutter. Sie ging hinein. Durch die offene Thür sah ich, daß es da drin ganz feierlich war, wie in einer Kapelle. Ein weißgedeckter Tisch, auf dem ein Wasserglas mit brennendem Öllichtlein stand. An der Wandecke Heiligenbilder, kleine bunte böhmische Glasmalereien. Daneben ein hochgeschichtetes Bett, in demselben ein junger Mensch, an dem Kissen lehnend. Auf der blauen Decke hatte er seine rechte Hand liegen. Die war mit Lappen umwunden. Das Gesicht glatt, fein und weiß wie eine italienische Marmorarbeit; aber große, dunkle Augen, an der Oberlippe einen Bartschatten. Zwischen den zuckenden Lippen schimmerten Zähne, das braune Haar üppig, verworren, es wühlte die linke Hand drin. Wie man manchmal schon alles so auf einmal sieht. Ein bildschöner Mensch.

Der hatte nach der Mutter gerufen. „Ist die Barbel nit da?“ fragte er.

„Was willst ihr denn, Rocherl?“

„So viel weh thut’s wieder.“

„Sei getröstet, Kind,“ sagte die Mutter. „Ich will dir frisches Schusterpech auflegen und nachher wieder gut einbinden.“

„Dank Euch Gott, Mutter. Aber die Barbel — die, die soll’s thun. Bei der Barbel thut’s nit so weh.“

„Sie thut halt noch haarkampen draußen in der Hinterstuben.“

Am Ende, mein Professor, weißt du jetzt nicht, was haarkampen heißt: Gebrochenen Flachs durch die Hechel ziehen, um die Agen abzustreifen. — Endlich weiß ich einmal mehr als du. Das thut wohl!

Ich bin dann hineingegangen und habe mir die Schußwunde zeigen lassen. Knapp hinter dem Gelenke ein rundes Loch, mit gestocktem Blute verstopft, die Haut ringsum gerötet. Eben war das Pflaster, eine schwarze, zähklebrige Masse, losgelöst worden. Auf meine Frage, ob die Kugel schon entfernt sei, hieß es, das Schusterpech werde sie schon herausziehen.

Nun kam das Mädel herein. Auch die muß sich an der Thür bücken, so groß ist sie. Aber sie bückt sich nicht oben, sondern unten — ein Knixlein und durch ist sie. Wie Leute nur so schlank und so gerade wachsen mögen, wenn sie sich jeden Tag unzähligemale einschnappen müssen! Im Arm hatte sie Flachsstrehne, die legte sie sorgfältig über eine Stuhllehne; auf dem Kopfe hatte sie einen alten schwammigen Filzhut, den hing sie flink an den Wandnagel.

„Bist schon brav, Barbel, daß du auf meinen Bräutigamhut schön acht giebst!“ lobte der Hausvater. „Wohl, wohl, in dem Hut hab’ ich deine Mutter in die Kirchen geführt. Selben hat ein sauberer Buschen drauf gesteckt und heut’ sind die Schaben dran. Herentgegen ein frisch Gesichtel darunter, das macht auch einen schäbigen Hut schön. Na halt ja, einen Spaß muß man auch haben.“

Dieser gemütliche Stolz auf seinen Bräutigamhut und auf seine Tochter stand dem Alten entzückend. Schon deswegen müßte man ihn gern haben. Jetzt besah ich mir aber auch die Barbel.

Himmelkreuzstern, Doktor, das ist ein Mädel! —

Hans.

Sechster Sonntag

Adamshaus, am sechsten Sonntage.

Beim Mädel, nicht wahr, bin ich stehen geblieben, das vorige Mal.

In deinem Speisezimmer hängt ein Bild von ihr. Du nennst sie die „Sixtinische“. Wahrlich, nichts fehlt unserer Barbel dazu, als das Kind. Bei euch drin in der Stadt wäre ein solches Wesen unmöglich. Unmöglich, sage ich dir! Die begehrenden Männeraugen hätten diesen Hauch versengt. Es ist noch der Reif der Traube an ihr. Sie hätten den Schmelz dieser Augen ausgesogen, diese Lippenknospen versehrt, sie hätten diese reine, herbe Seele längst zu einem koketten Damengeistlein gemacht. Obschon das gar nicht möglich zu sein scheint. Ich gönne das Mädel keiner Stadt und keinem Palaste, ich gönne es niemandem, auch dir nicht — auch mir nicht. Ich stehe abseits und betrachte es voller Ehrfurcht, das dumme Ding, das seit drei Wochen kaum dreißig Worte zu mir gesprochen hat. So ernsthaft und verschlossen sein, wenn man so lachend aufgeblüht ist! Nur mit dem Rocherl scherzt und herzt sie, mit dem durchschossenen Bruder. Wenn das Mädel bei ihm ist, thut ihm kein Blei weh in der Hand, da lacht er und schalkt und schaut ihr so treuherzig ins Madonnengesicht, daß ich alle Wand- und Thürfugen preise, obschon manchmal ganz niederträchtig der Wind durchzieht. Ich für meinen Geschmack wüßte keinen feineren Guckkasten.

Kniet sie gestern vor dem Bette, streichelt seinen verbundenen Arm und sagt voller Zärtlichkeit:

„Armes Handerl, du! Geh’, sei gescheit und thu’ nit weh! Ich will dir nachher zu Lohn was Schönes schenken.“

„Wenn das Kügerl nit heraus will!“ meint der Bursche.

„So soll’s drinnen bleiben. Hat der Mensch so viele Knochen im Leib, wird er wohl auch ein bissel Blei vertragen mögen.“ So spaßet sie.

„Was halt nit hineingehört, das thut kein gut,“ sagt er traurig.

„Mußt nit verzagt sein, Rocherl,“ tröstet sie, „immer Eins hat was in sich, was nit dazu gehört. Darf nit verzagen.“

Ich weiß nicht, alle möglichen Nöte der Menschheit stellt sie ihm manchmal dar, damit er in Hinblick darauf seine eigene Not leichter trage. —

Nun will ich meine Feder auch auf anderen Feldern spazieren führen, damit dir mein Tagebuch allmählich ein Ganzes liefert. — Am Tage vor Lichtmeß war aus Hoisendorf herauf ein alter Mann gekommen, der hat an der Hausthür einen Spruch aufgesagt, den ich zur Hälfte nicht verstanden, zur andern Hälfte wieder vergessen habe. Ich glaube, von der Muttergottes und den Heiligen hat er gehandelt und die Pointe war — Geld. Der Alte ging nämlich zu den Häusern umher, um Geld zu sammeln für die Altarkerzen in der Hoisendorfer Pfarrkirche, damit dort bei allen Gottesdiensten des Jahres Lichter brennen können. Zuerst ging er also zum Hausvater und hielt ihm ein blau-angestrichenes Trühlein vor, derweilen er etwa folgenden Spruch sagte: „Unsere liebe Frau schickt mich in euere ehrengeachtete Hütten und laßt um ein frommes Lichtmeßopfer bitten!“

Der Hausvater holte von der Wandleiste ein altes Lederbeutlein herab, nestelte eine Münze heraus, küßte sie ehrerbietig und legte sie in das Trühlein. Der Sammler kläubelte es wieder heraus, beguckte es von beiden Seiten und sagte: „Adam, du hast sonst allemal ein Zwanzigerl gegeben.“

„Ist eh eins, ist eh eins,“ sagte der Bauer.

„Sein thut’s eins, aber was für eins! Sonst waren es zwanzig Kreuzer, heut’ sind’s zwanzig Heller! Hörst du, Bauer, Nickel nimmt keine Weih’ an.“

„Und Silber haben wir keins mehr,“ versetzte mein Hausvater bedächtig. „Bei den schlechten Zeiten wird wohl auch die Himmelmutter bei der Mess’ mit ein paar Kerzen weniger gern zufrieden sein.“

„Paar Kerzen weniger? Ah na, das thät’s nit, daß uns die Muttergottes ins Dustere thät kommen! — Thu’ ich mich halt zu einer christlichen Wohlthäterin wenden. Gelt, Bäuerin, ehrengeachtete, in deiner Hütten, auch dich laßt unsre liebe Frau um ein Lichtmeßopfer bitten.“

Die Hausmutter gab einen Nickelzehner, unter besonderer Bedingung, daß in der Kirche beim Schutzengelbild eine besondere Kerze gestiftet werde.

„Eine Kerze gestiftet? Für das da? Du bist spaßig, Adamshauserin!“

Nach dieser geringschätzigen Rede trat der Mann in die Kammer an den Rocherl, der auf dem Bette saß, und sagte denselben Spruch.

Der Bursche wurde rot im Gesicht, so blaß er sonst war, und schaute hilflos um sich. Denn, wie mir schien, er besaß nichts.

Da mischte sich die Barbel ein: „Wartet ein wenig, ich habe sein Geld in Verwahrung.“ Aus ihrer blumigen Gewandtruhe holte sie ein Münzlein hervor. Der Alte besah es, schnalzte mit der Zunge: „Hau, da ist ja noch eins! Adam, bei deinem sauberen Töchterl haben sie sich versteckt, die Silberschimmel! Ich glaub’s, ich thät’s auch. Sollten ihrer nit ein paar sein, im Nest? Wenn nit, nachher ist’s so auch gut. Vergelt dir’s Gott, Jungfräulein! Glück und Segen! Einen braven Mann und eine stubenvoll Kinder daneben! Für jeden Heller ein Madel, für jeden Kreuzer einen Buben, nachher wird’s schon lustig in der Stuben.“

Weil sich das Mädel jetzt rasch fortmachte, so sah der Lichtmeßsammler den Schulknaben, den Franzel. Der war, um seine weißen frischgewaschenen Hemdärmeln zu zeigen und sich an dem possierlichen Bettler zu ergötzen, so lange unvorsichtig umhergestanden, bis das Schicksal nun auch ihn antrat. Er machte aber nicht viel Umstände, griff in den Sack und gab zwei Heller. Das that er mit solcher Sicherheit, als ob der ganze Hosensack voller Schätze wäre. Es war aber das erste und letzte Geldstück gewesen, ein Botenlohn vom Schulhause, wie mich däucht erfahren zu haben. Denn der Junge trägt manchmal etliche Eier hinab und was es sonst so mitunter auszurichten giebt.

Endlich, als alle übrigen abgeschabt waren, stand der alte Kracher auch vor mir fest und brummte: „Giebt der nichts?“

Ich reichte ihm einen Zehner und muß etwas von einem Trinkgeld gesagt haben. Da habe ich angezündet!

Er hielt die Münze in der breiten, runzeligen Hand: „Ein Trinkgeld? Wieso? Glaubst du, ich geh Trinkgelder betteln wie ein Nachtwachter um Neujahr? Du Racker, du! Was bist denn für einer, daß du kein Licht brauchst, beim Herrgott! Du Duster-Mannl, du! — Heb’s weg, das Ding! Heb’s weg!“

„Na, na, so schlimm ist es ja nicht gemeint gewesen.“

„Heb’s weg, sag’ ich!“

„Soll auch von mir eine christliche Gabe der Kirche vermeint sein.“

„Wir brauchen’s nit!“ Mit diesem Schrei schleuderte er das Geldstück zu Boden, daß es ein paarmal ganz entrüstet aufhüpfte.

„Trinkgeld, wie einem Nachtwachter!“ Gleichsam hinspuckte er dieses Wort.

Jetzt hat mich der Hausvater in Schutz genommen: „Mußt nit, Schragerer, ’s ist der neue Knecht. Ein Zugereister. Weiß halt nichts vom heiligen Brauch. Beten thut er eh fleißig.“

Darauf hin hat der Mann die Münze doch aufgehoben und ins Trühlein gethan. Dann noch einen gereimten Spruch, halb sagt er ihn, halb singt er ihn, und so ist er würdig zur Thür hinausgegangen.

Als letzte Post ist es mir übrigens gar rührend vorgekommen, daß diese armen Leute Geld zusammenschießen für das Weihelicht am Altare. Und am Lichtmeßfeste, als ich mit dem Hausvater nach Hoisendorf hinabgegangen, ist die ganze schier stimmungsvolle Feierlichkeit zu sehen gewesen, wie bei vielem Lichtleuchten und Orgelklang vom Kuraten die neuen Kerzen geweiht wurden, wobei auch der Lehrer, ein Licht in der Hand und lateinische Sprüche sagend, behilflich war.

Gegen mich hat er was, der Lehrer. Was weiß ich? Als wir Blicke wechselten, ich that’s grüßend, aber aus seinem Auge kam kein heiliges Feuer.

Was nun mein Dienstgeber über das „fleißige Beten“ seines zugereisten Knechtes sagt — bedingungslos unterschreibe ich’s nicht. Ein Mensch zur Abendstunde, wo er gewohnt ist, im „Roten Krug“ bei Bier und Rostbraten zu sitzen, dann noch ins Kaffeehaus zu gehen in Gesellschaft ausgelassener Kumpane! Und soll zur selben Stunde jetzt täglich auf dem Schemel knien, die Ellbogen auf die Tischkante stützen und gemeinsam mit einer Bauernfamilie Litanei und Rosenkranzgebete murmeln! Du kannst dir’s vorstellen. Nein, nicht kannst du dir’s vorstellen, es ist fabelhaft trostlos! Der Teufel hat immer Geschmack bewiesen. Wenn er mit sonst nichts mehr zu vertreiben ist, beim Gebet, da fährt er ab. — Der häusliche Abendgottesdienst dauert an Werktagen gegen vierzig Minuten, an Feierabenden, sowie auch an Sonn- und Festtagen, nahezu eine Stunde. Mein Sack voll Stadtsünden, den ich hübsch vollgerüttelt mitgebracht — er ist sicherlich verbüßt. Durch das Beten kaum, denn das meinige dürfte beim lieben Gott nicht viel mehr gelten als beim alten Schragerer mein Silberzehner. Durch das Knieen auf dem Brette wohl auch kaum, bei dem der Kerl vierknieig dahockt. Hingegen alles sühnt das heldenmütige Ankämpfen gegen den Lachreiz. Den abscheulichen Lachreiz. Hast du es schon einmal gehört, wie Bauersleute beten? Ernsthaft betrachtet ist an diesem gottwilligen Hinmurmeln und Hindämmern einfältiger Seelen gewiß nichts Komisches enthalten; aber so ein Stadtbengel ist das Ungezogenste, Frivolste und Intoleranteste der ganzen Schöpfung. — Erst nach und nach, o Freund, habe ich das blutende Herz geahnt, womit sie unter gefalteten Händen und geschlossenen Augen beten, diese bekümmerten Menschen.

Immer einmal geschieht’s wohl auch, daß sie den geistlichen Rat „Bete, und arbeite“ zu gleicher Zeit befolgen. Thut während des Psalters der Hausvater Späne klieben, die Hausmutter kochen, die Barbel spinnen, der Rocherl und der Franzel auf dem Tisch Bohnen säubern, die wir am nächsten Tage zu essen bekommen. Und der zugereiste Knecht? Auf den Waden sitzend wie ein Türke, rodelt er mit und trachtet es zu vertuschen, daß ihm weder das Vaterunser, noch das Avemaria wörtlich bekannt ist. Auch mir hat die Mutter einmal diese Hände gefaltet, als sie noch klein gewesen: „Vaterunser, der du bist im Himmel!“ In der Lehrzeit hat sich der Katechet noch ein paarmal erkundigt nach solchen Dingen, später, bei den Kaiserlichen und bei der „Kontinentalen“ ist keine Nachfrage mehr gewesen.

Wenn die Unwissenheit ans Licht käme! Einige Rügen hat mir meine Aufführung ohnehin schon eingetragen. Die heillose Ungeschicklichkeit in der Arbeit wird mir jetzt zwar nicht schwer aufgemessen. Aber daß der „Zugereiste“ bei Tisch weder vor noch nach dem Essen ein Kreuz zieht mit dem Daumen über Stirn, Mund und Brust, daß er beim Nockenessen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führt, daß er die Einbrennsuppe (den Bauernkaffee) nicht aus der gemeinsamen Schüssel essen will, sondern sie vorerst auf den Teller herausschöpft, daß er Sonntags wie Werktags dasselbe Gewand am Leibe hat, daß er sich täglich mit Seife wäscht und sogar mit einer kleinen Bürste die Zähne scheuert, daß er seinen Bartwust stehen läßt, anstatt sich allsamsttägig säuberlich zu rasieren, und andere Unarten — solcherlei hat mir der Hausvater schon ein paarmal in aller Güte vorgehalten, die Hausmutter mit schärferen Worten verwiesen.

„Du, Hansel,“ sagte sie vor zwei Tagen, „mit deiner Hoffart wirst du uns noch die Kinder verderben! Wo die jungen Leut’ jetzund eh’ allerhand Dummheiten im Kopf haben! Das schlechte Beispiel da! Ich sag dir’s, Hansel! Sobald mir der Schulbub so ein grausliches Zahnbürstel heimbringt, nachher kannst du dir um einen anderen Platz schauen. Ich leids nit.“

Was meinst du, wäre diese unwirsche Thatsache nicht etwa bei den „Fliegenden Blättern“ anzubringen? Nein doch, ich will mir die Seelenkonflikte dieses Jahres nicht von der ganzen Welt verlachen lassen. — Und wirklich? Thut’s es nicht auch am Ende ohne? Mein Hausvater scheuert sich des Morgens den Mund mit einem Hanflappen. Das Haar strählt er sich mit den fünf Fingern aus. Als Trinkgefäß am Brunnen benutzt er die aufgebogene Hutkrempe oder die hohle Hand. Sie entbehren nichts, nach ihrer Meinung, sie haben alles. Bis so ein Bauer von Mangel spricht, ist er schon nahe am Verhungern. Und da habe ich mir gedacht, daß der Mensch zweimal bedürfnislos ist, einmal im Naturzustande, das andere Mal auf dem höchsten Grade der Bildung. Was dazwischen liegt — daß Gott erbarm! Jeder Wunsch des Weltkindes gebärt im Augenblicke der Erfüllung sieben neue, und vor lauter Wünschen kommt es zu keinem Genießen.

In voriger Woche war so Einer da. „Kramerzodl“ nannten sie ihn, aber nicht etwa im Schimpfe, sie meinen damit ganz harmlos das, was bei uns ein kleiner Agent oder ein Hausierer ist. Dieser Mann hatte zwar kein grünes Bündel bei sich, hingegen aber einen illustrierten Preiskonto für allerlei schöne Sachen. Der Hausmutter wollte er ein rotgepolstertes Sofa anbindern. Sie gab zur Antwort, auf der Bäuerei brauche man kein Lotterbett, er solle sich nur selber drauflegen. — Hierauf beklagte sich der strebsame Handelsmann über Mangel an Bildung bei diesen Leuten, kam mit mir in ein Gespräch und behauptete, Bedürfnislosigkeit sei ein Zeichen der Barbarei, je höher die Kultur, desto mehr Bedürfnisse. — Du, Doktor! Wetten möchte ich nicht, daß ein gewisser Hans Trautendorffer selbst einmal ähnliches drucken ließ. Und jetzt wäre ich am liebsten so ungebildet gewesen, den „Kramerzodl“ zur Thür hinauszujagen. Sollte es denn nicht vielmehr die höchste Kultur sein, daß der Mensch genießt, anstatt vermißt? Und er seine Wünsche gerade so einzurichten weiß, daß sie ohne unverhältnismäßigen Aufwand von Kraft und — Seelenfreiheit naturgemäß befriedigt werden können? Wer künstlich Bedürfnisse schafft wie es ein großer Teil unserer Industrie, unseres Handels thut, der schafft Unzufriedenheit. Wer sich von einem ursprünglichen harmlosen Lebensgenießen ablenken läßt und in eine Überfülle moderner Werte gerät, der ist bald ein Übersättigter und Ungesättigter zugleich. Warum dem armen Menschen tausend Fangorgane und tausend Genußherzen anzüchten wollen, wenn zwei Arme zur Arbeit und ein Herz zum Genießen bisher ausgereicht haben! Genüsse, die über den Erwerb zweier Arme oder eines Kopfes hinausgehen, müssen mit sittlichen Gütern bezahlt werden. Der vollkommene Mensch besitzt nichts und genießt alles. Wer auf jedem Holzbalken und Steinboden so gut ruht, wie auf einem Sofa, dem ist die ganze Welt voll Sofas. Wem ein Trunk Wasser an der Quelle so gut schmeckt, wie Johannisberger Auslese, dem sprudelt aus jedem Berge Rheinwein.

Und so sprichst du? höre ich dich fragen, mein Freund. Ja, so spricht ein Mensch, der nicht in der Üppigkeit sitzt, der harten Mangel leidet unter Leuten, denen in ihrer Art nichts abgeht. Grausam ächze ich manchmal unter den Vorstellungen der mir anerzogenen „Kultur“. Gestern, nach einer schrecklichen Nacht, hatte ich schon mein Bündel geschnürt, um flüchtig zu werden. Als es aber geschnürt war und nur die Schwelle überschritten zu werden brauchte, fiel es mir ein: Schau, wie leicht das geht! Gerade so gut kannst du nach einer Stunde gehen, oder morgen, oder übermorgen! Gezwungen wäre es nicht zu ertragen. Aber im Gefühle der Freiheit! — Das Bündel wurde in den Schrank zurückgeschleudert.

Unsers Herrgotts Schule! Nein, geschwänzt werden soll sie nicht. Dein

Hans.

Siebenter Sonntag

Am siebenten Sonntage.

Lieber Freund und Philosoph!

Was treibst du um drei Uhr morgens? Ich vermute, du gehst um diese Zeit von einem Balle heim, oder stoßest in einem Kaffeehause die Billardkugeln hin und wieder. Oder liegst doch schon solide in den Federn und bereitest dich durch das Werk eines großen Denkers und eine wohl abgelegene Cigarre auf ein sanftes Einschlafen vor. — Bei mir im Adamshause macht sich diese späte Abendstunde dadurch bemerkbar, daß mein Dienstherr mit einem Holzscheit an die Kammerwand pocht: Zum Aufstehen ist’s! — Anfangs habe ich dieses Scheit furchtbar tragisch genommen und bin aus dem Stroh gesprungen, als wäre eine Feuersbrunst ausgebrochen. Jetzt lasse ich den guten Adam schon zweimal pochen, gestern sogar ein drittesmal, bis er den Ruf thut: „Hansel! Ich denk, jetzt wär’s nimmer zu früh!“

Meine Taschenuhr zeigte ein Viertel auf Vier!

Von der Kälte spricht man hier nicht viel. Das einzige Barometer, von dem man redet, ist die Gicht. Beim frostigen Aufstehen spitzt sich ein lebhaftes Verlangen nach der heißen Einbrennsuppe. Nichts da! Vorher heißt’s auf der Tenne drei Stunden Hafer dreschen. Das Kerzenlicht hängt am Wandnagel und zwinkert sozusagen beständig mit den Augen, wenn unsere Flegel durch die Luft sausen. Zu deinem Unterrichte: Die Tenne ist vollbelegt mit Hafergarben. Unser vier, der Hausvater, die Hausmutter, die Barbel und ich, jedes die Hände mit schafwollenen Fäustlingen bekleidet, hauen rhythmisch wie eine Klopstocksche Ode in Trochäen auf das Gestrohe los, damit dieses die letzten Körner hergiebt und weich wird zum Rinderfraß. Die Erlernung der Kunst, Stroh zu dreschen, hat dem alten Journalisten verhältnismäßig wenig Mühe gekostet.

Weil bei der tiefsinnigen Arbeit alles sehr schweigsam ist, so hatte ich während derselben in meinem Innern schon Gedichte gemacht — im Dreschflegeltakte. Es sind Trutzlieder auf die Barbel. Diesen Stolz könnte sie wohl endlich sein lassen. Freilich bin ich ein armer Knecht, ein zugereister; nun der würde ihr wohl doch nicht sofort eine Liebeserklärung machen, wenn sie den Namen Hans einmal über die Lippen brächte. Zwar spricht sie auch mit den anderen kaum — was nicht immer so gewesen sein muß, weil es die Mutter Wunder nimmt. Am Ende — trotz allem — wer kann’s denn wissen! Am Ende —. Des Abends beim Herde muß ich manchmal eine Geschichte erzählen. Da kam auch eine von der stummen Prinzessin. Die hat immer gelacht und immer geplaudert. Da sah sie eines Tages auf der Jagd einen Schäfer. Von diesem Tage an hat sie nicht mehr gelacht und nicht mehr gesprochen — war stumm. Alle Arzenei war vergeblich, sie zu heilen, bis einst ein Wundermann den jungen Schäfer brachte, der die Kraft besaß, Stumme sprechend zu machen. Dieser legte der Prinzessin die Hände auf die Achseln, schaute sie an und fragte: „Liebst du mich?“ — „Ja,“ hat sie geantwortet, und von diesem Augenblicke an war sie geheilt. — Meinst du, die Barbel hätte bei dieser schönen Historie auch nur mit einem Auge gezuckt? Nein.

Es muß dir schon aufgefallen sein, daß meine Feder stets nach einer gewissen Richtung hin gravitiert. Man lenkt ab — sie gleitet immer wieder gegen jenen wundersamen Nordlichtschein. — Wenn ein Roman entstünde! Doktor! Doktor!

Dummheiten! — Um sechs Uhr pfeift der Rocherl zum Frühstück. Weil er nicht dreschen kann, so besorgt er den Kaffee. Ach, schon den Namen möchte man hinabschlucken. Unterricht: Geröstetes Kornmehl mit etwas Butter und Kümmel in Wasser gekocht. Der echte ist hoffnungslos. Vor vielen Jahren soll in diesem Hause einmal eine Nähterin Kaffee gekocht haben. Wirklichen! Eine Art Zeitrechnung datiert davon. „Dazumal, wie wir den Kaffee gegessen haben!“ „Im selbigen Jahr, wie der Kaffee ist gewesen.“ — Vorlauterweise habe ich einmal bei Tisch erzählt, daß es in großen Städten eigene Kaffeehäuser giebt, wo jahraus jahrein nichts gekocht wird, als Kaffee! Darauf sagte der Hausvater — aber gutmütig dabei lächelnd, daß es nicht weh thun möchte — ich hätte doch ein Fleischhauer werden sollen, weil mir das Aufschneiden so gut von statten ginge. — Soweit, mein Freund, sind wir hier entfernt vom Kaffee!

Du denkst als halber Kneippjünger, daß frische Milch den Herrlichen ersetzen müßte! Höre: Die vorwegs von Butter gänzlich befreite Milch steht seit Wochen in großen Kellerkübeln aufbewahrt. Darüber sind ein paar Bretter gelegt, damit kein größeres Getier hineinfallen kann. Im Winter bei dürrem Futter, sollst du wissen, hat nicht jede Kuh Lust, das weiße Brünnlein quellen zu lassen. Also die vom Keller, die „säuerlt“ dann manchmal, oder sie „rauchelt“, und ist der einhändige Koch immer noch froh, wenn in der Suppe keine schlimmeren Eigenschaften auffallen. — Pfui, Kostbespöttler hinter dem Rücken! Und sagst beim Löffelabwischen doch allemal „Vergelt’s Gott!“

Nach dem Frühstück gehe ich zu meinen Ochsen, die Barbel zu ihren Kühen, der Rocherl zu den Schafen. Das Vieh wird in zwei oder, Sonntags, in drei Gängen sorgfältig gefüttert, dann zum Brunnen geführt, der zwischen Haus und Stallung auf dem freien Platze steht und von dem Hausvater vorher mit einer Hacke eisfrei gemacht werden muß. Die Hausmutter trachtet, den Schulknaben flügge zu machen. Und dann fängt wieder das Dreschen an bis zum Mittagsmahl um eilf Uhr. Menu: Brotsuppe aus obiger Milch, gespecktes Kohlkraut, Roggenklöße mit Rauchfleisch. Nahrungsmittel durchaus echt, aber die Kochkunst, die — ja so, das ist so häßlich. Da will ich lieber etwas Schönes sagen, wie bescheidentlich langsam die Leute in die gemeinsame Schüssel fahren und keiner den anderen zu übervorteilen sucht. Dieses taktvolle Essen habe ich bei den Bauern überall gefunden und könnten sich die Table d’hôte-Gäste der feinen Hotels ein Beispiel nehmen.

Nachmittags wieder Hafergarben dreschen. Müssen damit noch vor der Fastenzeit fertig werden, sagt der Adam. Als ob’s eine Tanzunterhaltung wäre. Unterricht: das Stroh kommt in die Scheune, das Gekörne in die Siebe, in die Windmühle, in die Mehlmühle, in den Ofen — ein Stück Haferbrot gefällig? Haferbrot ist gut, sagt mein Hausvater, aber Schweinfleisch ist besser — und füttert mit dem Hafermehl die Säue. Oder verkauft den Hafer im Sack, oder bewahrt ihn als Gesäme fürs nächste Jahrhundert. — Halt still, es ist das Tagewerk noch nicht aus. Um die Dämmerung geht die Barbel zu ihren Kühen und wer am Thore lauscht, der hört doch das Brünnlein in den Zuber sprühen. Am Abend Versammlung um das Herdfeuer, jedes mit kleinen Arbeiten beschäftigt. Ich bin auch bereits wer! Wenn dem Stuhl ein Fuß fehlt, oder der Leiter ein Sprossel, oder wenn das Hausmesser schartig ist, die Hacke stumpf, der Ochsenjochriemen zerrissen, die Thürklinke schadhaft — da greife ich an. Sind die anderen beschäftigt und ich weiß nichts zu thun, als die Finger in den Händen halten und ihnen vor dem Wege stehen — das ist zum Todschämen! Nirgends noch habe ich mich eigentlich geschämt auf meiner irdischen Pilgerschaft, nicht wenn der Feldwebel mich mit den schwunghaftesten Kasernenblüten besang, nicht, wenn der Chefredakteur plötzlich sagte: „Erlauben Sie, Herr Trautendorffer, da in Ihrer Arbeit finde ich eine Laus!“ und mir einen unzweideutigen Gramatikfehler vorhielt. Ich war entzückend verstockt. Hier schäme ich mich, — womit das Tagewerk geschlossen wird. Darauf kommt das Nachtmahl: Kartoffeln, Rüben oder Mehlbrei. Dann kommt das Gebet, und um acht Uhr, wenn die Stadtleute anfangen, elektrisch zu werden, kriechen wir ins Bett. — Das ist der Werktag. Am Sonntage nach der Fütterung ist Kirchgang. Ich streiche im Freien umher oder schreibe meinem Alfred.

Die Unschlittfunze (in Hoisendorf das Pfund zu 21 Kreuzern) ist noch nicht niedergebrannt, so will ich dir eins schreiben von unserem Nachbar Schlappzopf. Denn du mußt auch andere Gattungen kennen lernen. Dem Schlappzopf trug ich vor einigen Tagen, als wir Metzgerei hatten, die Schweinshaut hinüber, er kann gerben. Ich fand ihn in Unterhandlung mit einem Viehhändler aus dem vorderen Gai.

„Schlappzopf,“ sagt dieser, „wie ich höre, habt Ihr eine feile Kuh.“

Der Bauer hat mit seiner Tabakspfeife zu thun und überhört die Frage.

„Eine Kuh, Schlappzopf, nicht?“

„Eine Kuh. Weiß nit, ja.“

„Ist es eine junge? Wohl eine Melkkuh, wie?“

„Ich weiß es völlig nit. Kann eh sein,“ sagt er und schraubt das Rohr in die Pfeife.

„Wollt Ihr mir sie zeigen?“

„Anschau’n kunnten wir sie ja. ’s Anschau’n kostet nichts.“ Dann führt er den Viehhändler durch den dunstigen Stall, wo sie über mehrere Mistwälle stolpern.

„Die welche wäre es also?“

„—’s selb müßt’ ich mir selber erst ausraiten. Die Milchkuh werd’ ich halt doch nit recht dürfen hergeben. Thät’ meinem Weib leicht nit passen.“

„Also die Trächtige.“

Der Bauer stochert in der Pfeife herum, stochert ein Häufchen Asche auf die hohle Hand heraus und streut es dann bedächtig zu Boden.

„Ich nehme übrigens auch die mit dem Kalb. Wie?“ so der Händler.

Jetzt löst der Bauer das Rohr los von der Pfeife, setzt sie sachte an die Lippen und bläst hinein.

„Die mit dem Kalb?“ frägt er dann. „Ah na, die werd’ ich doch schier nit dürfen hergeben.“

„So bleibt nur noch die Mastkuh.“

„’s ist halt just so a Sachen. Weil sie nit ganz feist ist, noch. Verkaufen, freilich, verkaufen werd’ ich sie eh einmal müssen.“

„Was kostet sie?“

Der Bauer steckt die Pfeife wieder zusammen, thut sie an den Mund, pfaucht ein paarmal durch. Der Zug wäre soweit hergestellt.

„Wie viele Banknoten soll ich Euch auf die Hand legen fürs Vieh?“

„Mein Nachbar, der Kulmbock, hat vorig Wochen eine um hundertfünfzig verkauft.“

„Die war sicher zweimal so schwer, als wie Eure da!“

„Ein wengel kann’s sein, daß sie schwerer gewesen ist. Viel nit, viel.“

„Einen kugelrunden Hunderter, wenn Ihr wollt.“

Der Bauer hebt nun mit der Tabaksblase an. Langsam hat er sie vom Rücken, wo sie im Gürtel stak, hervorgezogen, hat sie zu halb umgestülpt und schiebt nun mit zwei Fingern Tabak in die Pfeife.

„Hört Ihr, Schlappzopf, hundert Gulden für das Tier. Es sollte noch etliche Wochen in der Mast stehen, aber weil ich just gut aufgelegt bin, nehm’ ich sie heut’ mit.“

Die Pfeife ist gestopft, nun hat der Bauer Zeit zu sagen: „’s selb wird’s doch nit thun.“

„Überlegt nicht lange, Bauer. Das Glück klopft nur einmal an, dann geht’s vorbei. Wenn ich hundertundfünf sag’, so bin ich leichtsinnig. Aber damit wir doch wieder einmal was handeln miteinander.“

Der Bauer wendet sein Auge nicht von der Pfeife und schüttelt fast unmerklich den Kopf. „Ich denk’, ich werd’ sie doch derweil noch behalten.“

„Also, wieviel wollt Ihr?“

Nun kommt Schwamm und Feuerstein dran. Es giebt ein paar Funken, aber das Ding will nicht glosen. Endlich macht er den Mund auf, aber nicht um den Preis auszusprechen, sondern um den Zunder anzublasen.

„Hundertfünf, und einen Leikauf fürs Weib. Aber geschwind ja sagen, Bauer, es könnt’ mich gereuen.“ Der Händler tastet an der Kuh herum, ob die Haut locker ist, ob das Fleisch federt. „Ein zähes Luder. Redet schon ab. Aber halten thu’ ich’s noch, mein Wort. Also...!“

Der Bauer raucht an. Und wie das Zeug in gutem Zug ist, sagt er, das erste Mal recht vernehmlich: „Ich mein’, ich werd’ jetzt gar keine verkaufen.“

Dieser ausführliche Handel hat drei Stadien. Im ersten weiß der Bauer nicht, welche Kuh er weggeben soll. Im zweiten weiß er nicht, welchen Preis er machen soll. Im dritten endlich kommt er drauf, daß er überhaupt keine verkauft. Und um so weit zu kommen, bedurfte es länger als eine Stunde.

Das, mein Freund, ist jener Typus der Unentschlossenheit und Gleichgültigkeit, der verhängnisvoll wird. Schon am nächsten Tage soll der Schlappzopf dem Viehhändler nachgelaufen sein und ihm die Kuh um hundert Gulden verkauft haben. Wenn ich wieder auf die Welt komme, das heißt: in euere Welt, so soll in der „Kontinentalen“ das „Dorfting“ angeregt werden. Vor jedem Gemeindehaus auf der Wand soll eine Tafel hängen, auf welcher die Bauern und die Händler Angebot und Nachfrage darthun; sachkundige Ökonomen dürften wissen, was das bedeutet. Und das Dorfting soll zwischen Erzeuger und Verbraucher die Ware vermitteln und den Zwischenhändler soll der Teufel holen.

Beim Viehhandel sind — so viel ich schon gemerkt habe — die Bauern untereinander nicht just die Gewissenhaftesten. In der produktiven Arbeit bleibt der Mensch ehrlich, beim Handeln wird er ein Strick, hier wie dort. Mein Adam hat mit dem Nansenbauer Kühe getauscht. Der Adam hat dem Nansen versichert, seine Kuh gebe drei Maß Milch, aber weislich nicht dazugesetzt, binnen welcher Zeit. Der Nansen hat dem Adam behauptet, seine Kuh sei trächtig, er hatte ihr zur Stunde nämlich ein Heubündel auf den Rücken gelegt. Sein Ehrenwort giebt der Bauer nie, aber „gut steht er“. Wenn er sagt: Ich steh gut für das oder das, dann kannst du ihm leidlich trauen. Der Adam wollte auch: „Steh mir gut, Nans, daß die Kuh trächtig ist!“ Der Nans antwortete gelassen: „Gutstehen thu ich erst, wenn das Eis schmilzt, jetzt rutscht man noch zu viel.“ In demselben Falle fand sich mein Hausvater mit seiner Milchkuh. So führen sie einander in aller Gemütlichkeit hinters Licht und das Gewissen beißt den Händler nur, wenn er sich sagen muß: du bist diesmal dümmer gewesen, als der andere.

Eine verblüffende Erfahrung mache ich. Die Gebirgsbauern älteren Schlages haben keine Ahnung vom Laufe, den die Zeit genommen hat. Aber fest drauf los politisiert wird trotzdem im Hoisendorfer Wirtshause. Zum Beispiel: Der Russe kommt. Der mag die großen Städte nicht leiden und will sie verbrennen, wie er einst seine Hauptstadt Moskau verbrannt hat. Die Juden werden erschlagen, ihr Geld an die armen Bauern verteilt. Die Chinesen sollen auch erschlagen werden, aus ihren Zöpfen will der Preußenkaiser lange Peitschen machen lassen — für die Socialdemokraten. Der heilige Vater hat den Fürsten übrigens das Kriegführen verboten. Wolle einer anfangen, so müßten alle übrigen gegen ihn zusammenhalten. — Den größten Abscheu haben sie immer noch vor dem „Erzschelm“ Napoleon; alle Hoffnung setzen sie auf Kaiser Josef den Zweiten, der in einer Berghöhle schläft und wieder aufwachen wird, wenn zu Weihnachten die Kirschbäume blühen.

Manchmal hört der Bauer, daß man jetzt deutsch sein müsse. Darüber schüttelt er den Kopf. Hatte er doch geglaubt, es gebe mit Ausnahme von ein paar Rastelbindern und Katzelmachern (Welschen) auf der ganzen Welt nichts anderes, als deutsch.

Mehr Interesse haben die Leute des Almgaies für Erfindungen und Entdeckungen. Dabei kommen auch lustige Phantasten zum Wort. Den Telegraph stellt sich mancher als einen einfachen Glockenzug vor. Wenn man in Salzburg anzieht, klingelt’s in Wien. Der Blitzableiter ist ein Magnet, er zieht den Blitz herbei und spießt ihn auf. In großen Städten werden solche von Blitzableitern gesammelte Blitze in einen Riesenbottich geleitet und aus diesem dann das elektrische Licht geholt. Es giebt Schnellzüge, die man Blitzzüge nennt und vom Blitz gezogen werden. Das sind die elektrischen Eisenbahnen. — In Amerika drüben giebt’s viel Gold, aber der Weg hinüber ist naß; man kann gar nicht zu Fuße gehen, nicht einmal mit Wasserstiefeln. Man muß sich auf ein Schiff setzen, das oft fast so groß ist, wie ein Heustadel und eine ganze Kirchen voll Leute drinnen Platz hat. Die Schiffe sind von Eisen und sinken doch nicht unter, weil sie der Dampf über dem Wasser hält. — So kraus geht’s im Kopfe zu, während die Hände das rechte thun.

Nicht den mindesten Groll habe ich hier bisher gegen reiche und vornehme Herrschaften bemerkt, obschon häufig von solchen die Rede ist. „Sie werden schon auch ihre Nussen aufzuknacken haben.“ Indes merkt der Bauer, daß sie draußen um etwas raufen. Um was, das weiß er nicht. Wird schon ein guter Brocken sein und vielleicht für ihn auch was abfallen.

Ja, mein Lieber, das sind Sachen! Die „Funzen“ aber ist alle. Ich gehe schlafen und rufe dir „Guten Morgen!“ zu.

Dein Hans.

Achter Sonntag

Am achten Sonntage.

Wenn dir, teurer Freund, meine Briefe, die einem wahren Herzensbedürfnisse entspringen, wirklich Vergnügen machen, so ist das ja göttlich! Es wäre dir, sagst du, fast alles neu und alles lehrreich und inniger Anteilnahme gewiß, was ich dir schreibe und du begleitetest mich in Freude und Not dieses Jahres als treuer Kamerad. Herrlicher Freund, wie machest du mich mutig. Ein böses Siebentel ist ja schon reichlich vorüber, mit den übrigen sechsen hoffe ich fertig zu werden. Nur selten habe ich noch das Gefühl der Verbannung, aber mein Trotz gegen die Widersacher bei der „Kontinentalen“ steigert sich von Tag zu Tag. Und auch das ist eine Macht. Hast du es dir nicht auch schon gedacht, daß in der Welt mehr Tüchtiges aus Trotz und Haß geschieht, denn aus Liebe?

Je größer ich vor den Augen des Herrn Stein von Stein aufwachse, je kleiner werde ich im Adamshause. In dieser vergangenen Woche war wieder ein schlimmer Tag. Es war Holzarbeit im Walde, denn der Winter hat ums Haus herum die Brennholzstöße gelichtet. Am Freitag — ach diese Freitage! Es ist doch was dran. Der Hausvater hatte in der Mühle zu thun, so sollten die Barbel und ich hinaus in den Wald. Ob nicht der Rocherl uns begleiten könne? Ganz beklommen fragte ich es.

„Zu was ihr nur den Rocherl brauchen thätet, möcht’ ich wissen!“ rief die Mutter scharf, „ihr werdet mit den paar Bäumlein Holz doch allein fertig werden!“ — Und der Elefant ist in diesen Bergen ein unbekanntes Tier.

So gingen wir. Ich mit Axt und Keil, das Mädel mit der breiten zweigriffigen Holzsäge. Der Schnee war hoch, wir sanken bis auf die Knie ein. Ich stapfte voraus, die Barbel hinter mir her. Und sagen thaten wir uns kein Wort. Das Struppwerk kratzte an unserem Gewand, schnellte uns Schnee ins Gesicht. Auf dem Baum krächzte ein Häher.

„Wir hätten auch zu einer besseren Zeit können holzschneiden gehen,“ sage ich.

„Es ist auch heute gut,“ sagt sie. Und weiter nichts.

Plötzlich macht die Sägplatte auf ihrer Achsel ein gorgelndes Getöne; ein federnder Kiefernzweig hat ihr ins Gesicht geschlagen — heftig. Sie nimmt es schweigend, wie ganz selbstverständlich hin, daß die Bäume ausschlagen, wenn vorangehende Knechte unvorsichtig das Geäste umbiegen.

Wir kommen auf den Schlag, wo die kahlen Baumstämme stehen, die im vorigen Jahre entästet und entwipfelt worden sind, damit sie trocknen konnten. An einen solchen Baum setzen wir die Säge, ich hüben, sie drüben das Heft fassend — und jetzt stelle dir vor, Doktor, es geht nicht. Sie unterweist mich, wie die Säge zu halten, anzusehen, zu führen sei. Aber es ist ganz verdammt. Die gezähnte Stahlplatte sperrt sich. Ziehe ich an, so geht’s nicht vorwärts, schiebe ich zurück, so baucht sich das platte Ungetüm und gorgelt höhnische Laute. Ich mache zuerst ein paar gesättigte Witze, die helfen aber auch nichts. Nun erklärt mir die Barbel nochmals in aller Ruhe und Geduld, wie die Sache zu machen sei.

„Kunst ist’s wohl keine,“ sagt sie, „mit dem kleinen Franzel habe ich schon die größten Bäume gefällt. Du bist halt ein bissel ungeschickt, Hansel, aber es wird schon besser werden.“

O Freund und Professor, was ich mich da geschämt habe! Meine ganze Socialwissenschaft wollte ich in diesem Augenblicke hingegeben haben, und die Kenntnis der französischen Sprache noch dazu, wenn ich hätte Holz sägen können!

„Reizen thut’s uns,“ sagt sie, was du aber durchaus nicht mißverstehen darfst. Plagen thut’s uns, soll’s heißen.

„Ei was!“ rufe ich aus, „wir brauchen die dumme Säge überhaupt nicht. Ich fälle den Baum mit der Axt!“

Großartig, wie ein alter Germane zur Zeit der Hermannsschlacht im Teutoburgerwalde, schwinge ich das Beil und haue in den Stamm, daß die Barbel weit zurücktreten muß, um die fliegenden Späne nicht ins Gesicht zu bekommen. Sie sollte nur einmal sehen, welch’ ein Urmensch in mir steckt, der des neumodischen Zeugs, wie Säge, Keile und dergleichen, gar nicht bedarf. Eiserne Zähne mögen sich die Greise anschaffen, unsereiner hat noch Mark und Schneid’ in den Armen.

Jetzt hebt mir aber dieses Ding von einem Mädel an zu kichern. Es war nicht ohne, dieses Kichern, ich hätte es gleich in Musik setzen mögen. Die kann dir lachen, wie ein Silberglöcklein, vorausgesetzt, daß Silberglocken lachen.

„Wenn wir mit dem Ofenheizen warten müssen, bis du diesen Baum niederbringst mit der Hack, dann mags schon sein, daß in der Suppenpfann’ das Wasser friert und an der Nase die Eiszapfen wachsen.“

Diese ihre Rede kam mir ganz bösartig vor und rasch gab ich drauf: „Meinetwegen! Ich bin die Kälte schon gewohnt. Da giebt’s Leute, die mitten in den Tropen stehen mögen, will sagen, beim Ofenloch, und es fällt Reif, so oft sie einen Atemhauch thun.“

Sie schaut mich verblüfft an, als wüßt’ sie gar nicht, was aus so einer Bemerkung zu drechseln wäre. Und ich mache die Erfahrung, daß ein Fichtenbaum immer härter wird, je tiefer man hinter den Splint kommt.

Wir sollten doch noch einmal probieren mit der Säge, schlägt sie vor. Und neuerdings zeigt es sich: Holzschneiden kann ich nicht und ich kann es nicht.

„Du Hansel,“ sagt sie plötzlich, „ich denk’, ’s ist das Gescheiteste, wir hören auf und gehen heim.“

Doktor, ich bitte dich, diesen Brief zu verbrennen.

Ja so, der Hase! Vom Hasen muß ich dir noch erzählen, der uns über den Weg lief. Von rechts nach links, was immer ein Unglück bedeuten soll.

Und auf einmal, als ob sie mich in meinem Gram zerstreuen wollte, fragt die Barbel: „Weißt du, Hansel, warum der Has’ an der Schnauze die Hasenscharte hat?“

„Weißt du’s?“

„Freilich weiß ich’s. Wie der Herrgott die Welt hat erschaffen gehabt, hat ihn der Hase ausgelacht, weil sie ganz buckelig ist. Und so viel hat er gelacht, bis ihm das Schnäuzel zerrissen ist!“ — Und dabei lacht sie selber wieder so hell, daß mir ganz heiß wird.

Lange hat’s freilich nicht gedauert, und es ist die fast traurige Ernsthaftigkeit in ihr, wie immer. Gott, wenn nur mehr Hasen über den Weg liefen!

Ich war nach diesem mißlungenen Baumfällen eine Nacht und einen halben Tag lang unglücklich. Da kam der Gemeindebote, brachte einen Steuerbogen und einen Amtsbrief in Sachen der Grundablösung. Der Steuerbogen ist immer ein Hagelschlag im Bauernhof und es ist vielleicht doch gut, daß es einen Kanzleistil giebt. — Geld her! Fünfunddreißig Gulden aus dem Sack, längstens bis nächst’ Wochen, oder wir nehmen dir die Kuh weg! — Diese Deutlichkeit wäre zu schrecklich. Da macht das Amt lieber so viele Umschreibungen, Windungen und Wendungen, Einschübe und Umzüge im Stil, teils gedruckt, teils geschrieben, teils lateinisch, teils was anderes, teils in Paragraphhaken, teils in Ziffern, teils in abgekoppelten Buchstaben, teils mit der Feder, teils mit Stampilien, daß es der Empfänger schlechterdings nicht versteht. Er liest hin und liest her, zerstudiert sich, was das denn wieder sein möchte, bis ihm allmählich die Ahnung kommt: warum, wieviel und bis wann!

Nun, bei dieser Gelegenheit habe ich die Scharte vom Holzschlag leidlich ausgewetzt. Wohlgemut machte ich mich ans Studium über die beiden Amtsschriften, bis es gegen Abend zur Not ersichtlich war, was die löblichen Behörden zu Kailing meinten.

„Doch eine schöne Sach’, wenn der Mensch lesen und schreiben kann!“ Dieses Lob hat mir mein Hausvater gesagt.

Aber der Ruhm ist nicht fleckenlos. Es kam eine neue Blamage. Laß dir erzählen.

Ganz vor kurzem war’s, daß des Morgens der Hausvater in den Stall trat und den Ruf ausstieß: „Hansel, was ist denn das? Wie kommt denn das fremde Vieh in den Stall?“

„Fremdes Vieh? Wieso?“

„Da steht ein schwarzgefleckter Stier, oder was es ist. Der gehört nit her da! Jesses, und wo ist denn unser falbes Öchsel. Wo ist das Öchsel, Knecht?“

Ich trat mit dem Licht heran und sah, daß ein fremdartiges Rind, scheckig wie Pinzgauerschlag im Stall war. Es hatte über den Rücken pechschwarze Flecken.

„Das ist nicht möglich!“ beteuere ich, „die Stallthür ist verriegelt die ganze Nacht.“

„Und das falbe Öchsel ist fort! Lang bin ich schon Bauer, aber so was ist mir noch nit passiert. Wenn man sich nit einmal so weit auf dich verlassen kann, daß das Vieh aus dem Stalle gestohlen wird, nachher kannst uns —“

— auch du gestohlen werden! — Der Alte ist nicht herb genug, um solche Lapidarsätze zu vollenden. Aber ich verstehe ihm seine Wünsche bereits aus den Augen zu lesen. Zu gleicher Zeit jedoch klärt sich mir auch das Ereignis auf.

Ich pflege nämlich meine Tintenflasche, damit sie nicht einfrieren kann, im warmen Stall auf einem Wandvorsprung aufzubewahren. Da mag bei der Nacht nun die Katze oder die Maus das Zeug herabgeworfen haben auf das falbe Öchslein.

„Tinte, sagst, ist das?“ fragte der Adam, „sei nit einfältig. Wie wird in den Ochsenstall Tinte kommen!“

Nun habe ich mein heimliches Treiben wohl bekennen müssen.

„Briefschreiben thust du? Briefschreiben? Ja, hast denn wo eine alte Mutter, oder sonst wen?“

„Mein liebster Hausvater,“ sage ich, „wir wollen jetzt einmal das Öchsel abwaschen gehen.“

Mit heißer Lauge und einem Kotzenlappen haben wir den ganzen Vormittag gearbeitet, bis der Pinzgauerschlag endlich zur Not abgewaschen war.

Mein Hausvater hat nachher lange und immer wieder den Kopf geschüttelt.

Tintenfluch im Bauernhause. — Auch gegen die Druckerschwärze ist eine instinktive Abneigung vorhanden. Es heißt, in einem Bauernhofe, wo sie anheben, ihre Nasen in Bücher zu stecken, käme bald der Bettel-Feierabend.

Neunter Sonntag

Am neunten Sonntag.

Mein Doktor!

Gestern mittags, knapp nach Tisch, hat mir die Hausmutter in einer unzweideutigen Sprache das Davonjagen in Aussicht gestellt. Aber nicht etwa, weil der Knecht nicht Baumfällen kann, oder weil unter seiner Wartung die weißen Rinder scheckig werden, sondern weil er einen so abscheulich langen Bart hat. Wenn ich mich nicht ordentlich tragen wolle, wie es einem Christenmenschen ansteht, so solle ich halt in Gottesnamen sagen, was ich glaube, daß sie mir für die etlichen Wochen auszuzahlen hätten. Jetzt sei das Frühjahr bald im Anzug, da würde ich mich wohl fortbringen.

Sogleich fiel es mir ein: Sie brauchen dich gar nicht. Sie behielten dich bislang nur aus Barmherzigkeit, damit du in der kalten Jahreszeit nicht zu Grunde gehst. — Nun, vom Auszahlen könne keine Rede sein. Wenn sie mich umsonst nicht brauchen könnten, so möchten sie halt sagen, was ich gelegentlich draufzuzahlen hätte, um im Hause bleiben zu dürfen als Knecht. — Schon that ich den Mund auf, um das zu sagen, da stieß mich etwas: Thu’s nicht! Thu’s nicht! Es müßte Mißtrauen erwecken. Es könnte alles verderben. Du mußt dich fügen wie der Sclave, der mit Haut und Haar seinem Herrn verfallen ist.

Und so hat der Knecht Hansel demütig entgegnet, er besäße keine Haarschere und kein Rasiermesser, er könne sich selber weder scheren noch rasieren. Wenn der guten Hausmutter mein langes Haar schon so zuwider sei, so müsse sie mich halt rupfen.

Darüber hat sie aufgelacht: „’s ist wahr, man kann ihm nit feindlich sein. Er weiß allemal so eine spaßige Red’. Geh’ Vater, auf den Abend, wenn du Zeit hast, nimm den Hansel zwischen die Knie und schneid’ ihm den Pelz herab. Die Schafsscher’ thut’s eh dazu.“

Hörst du, Philosoph, die Schafsscher’ thut’s eh!

Nun und am Abend da geschah es. Ich hatte noch auf den „Lungendampf“ gehofft, der den Hausvater um diese Zeit manchmal anzufallen pflegt. Aber diesmal kam er nicht. Ich mußte mich auf den niedrigen Dreifuß setzen. Mein schönes, mein zartes, mein nußbraunes Haar! Es ist dieselbe „güldgelockte Heldenmähne“, die du einst, ich glaube, in der Sekunda war’s, mit einem tadellosen Trochäus besungen hast. Sie ist dahin. Unter den Füßen des Barbaren lagen die herrlichen Fetzen umher, bis die Hausmutter dieselben mit kecklichem Griff zusammenraffte, um sie draußen unter den Dachtraufen zu begraben. Das kannst du dir bei dieser Gelegenheit auch merken, Weltweiser, du: Wer ein gutes Gedächtnis behalten will, der muß sein Haar unter Dachtraufen begraben! Gutes Gedächtnis! Sicherlich, dieses Jahr werde ich mit merken.

Dann ging’s an den Teutonenbart. Die rostige Schere biß, raufte und quiekste um Backen und Kinn, dieweilen der Kopf eingeschraubt war zwischen den spießigen Knien meines vielgeliebten Hausvaters. Der war dabei ganz munter.

„Hansel,“ sagte er plötzlich, während seine Finger die eine Schnurrbartspitze festhielten, „wirst du schön brav sein? Wirst du uns auch im Sommer bleiben, wenn’s zum Heuen und zum Ernten ist? Wirst, Hansel, wirst?“

Mein feierliches: „Ich gelobe es!“

„Gut ist’s. So will ich dir den Schnauzbart stehen lassen.“

Und jetzt weißt du, Freund, es ist bei meinem Bart geschworen.

Als wir fertig waren, machte ich eines der Stubenfenster nach innen auf, so daß hinten die schwarze Wand war. Das ist hier der Spiegel. — Alfred, ich erschrak wirklich. Es ist über alle Vorstellung! Nie hätte ich geglaubt, daß hinter diesem schönen Bart ein so häßlicher Kerl stecken könnte. Mein Jugendantlitz einstens, du mußt dich ja noch daran erinnern. Es war doch leidlich. Und jetzt —

Na, gute Nacht, dachte ich. Wenn sie mich jetzt so sieht. Das ist über den Hasen, der sich beim Gottauslachen das Schnäuzel zerrissen hat.

Die Hände hab’ ich gefaltet: „Vater, Ihr habt mich vernichtet!“ Das mußte wohl sehr kläglich gesagt sein, denn der Hausvater war starr vor Schreck. Er sah es selber, was er hier angerichtet hatte.

Der Rocherl lachte hell auf.

„Hau!“ rief die Mutter, „wenn du Leut’ auslachen kannst, Bub, da thut dir leicht die Hand nit weh? Jeder Mensch ist, wie ihn Gott erschaffen hat!“

„Thut’s warten mit dem Gespött, bis ich erst fertig bin,“ sagte der Hausvater. „Die Wildnis wär’ ausgerottet. Jetzt muß halt der Boden glatt gemacht werden. Nachher wird er schön sein, der Hansel!“

Die Sache war, daß er mich noch einmal in die Arbeit nahm. Mit grober Unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese Tünche trocknete, schliff er sein Rasiermesser am ledernen Beinkleid, und hierauf stellte er sich an mit schreckbar wilder Entschlossenheit, wie ein Scharfrichter, der das erste Mal seines Amtes waltet. Mir war, als müßte ich meine Unschuld hinausschreien in die weite Welt — da kratzte er schon. Als das Stoppelfeld glatt gemacht, stellte es sich heraus, daß die Schnurrbartspitzen ganz und gar ungleich waren, rechts stand das Schöpfchen, links stand keines. Also hinweg mit der ganzen Anlage. Und dann war die Sträflingsfrisur vollkommen. Mit einer neuen Kette war ich festgeschmiedet an den ehrwürdigen Bauernstand, denn mit dieser Visage in die Stadt zurückzukehren — ganz undenkbar. Ich traue ihm nicht, dem Adam! Es kann teuflische Absicht dabei gewesen sein.

„Jetzt schaut er halt aus wie der Pfarrer!“ meinte der Rocherl. Das etwa auch noch! Daß mit dem Haar und Bart die Maske gefallen wäre und der entlarvte Buchstabenmensch nun vor aller Augen dastünde! —

Und was war heute morgen? An Sonntagen kommt das Klopfscheit nicht. Hingegen kam heute der Hausvater selbst in die Kammer.

„Hast recht, Hansel,“ sagte er, „laß dir’s gut geschehen im Bett. Unseres Herrgotts Rasttag. Aber nachher — muß dir’s wohl einmal sagen — nachher sollst halt in die Kirchen gehen. Ich bin verantwortlich für meine Leut’, daß sie den christlichen Glauben halten. Wir sind auf Welt bei einander und wollen auch im Himmel bei einander sein. Gelt, Hansel!“

Das hat mich geärgert. Mich bevormunden in religiösen Dingen? Einem Kavalier geht das unmittelbar gegen die Ehre. Es hat mich aber auch gefreut, obschon ich mir den Himmel doch immer etwas anders gedacht habe, als mit den guten Adamshauserleuten beisammen zu sitzen. Zwar denke ich, daß der Hausvater im Namen seiner ganzen Familie spricht, auch in dem des jüngeren weiblichen Teiles derselben. Aber das ist Bürstenabzug, der die Censur noch nicht passiert hat.

Ich bin also an diesem Morgen nicht liegen geblieben und nicht aufgestanden. Sondern aufgesessen.

Und sagt jetzt der Adam verwundert: „Was hast denn da für Papierwerk?“ Weil er unter dem Kissen mehrere Nummern der „Kontinental-Post“ entdeckt hatte. „Geh, Hansel, auf so was liegt man schlecht. Es werden doch nit Zeitungen sein?“

„Ach, beileib nicht, beileib nicht!“ leugne ich und schleudere so wie zufällig die Bettdecke über die Blätter hin.

Der Bauer jedoch reckt sich in —

Jetzt lischt mir die Funzen aus.

Zehnter Sonntag

Am zehnten Sonntage.

Lieber Freund!

Habe ich dir das vorige Mal noch geschrieben, daß der Alte mich bei der Zeitung erwischt hat?

Es war abscheulich. „Soll’s doch wahr sein!“ sagte er und zerrte das Papierwerk hervor. „Da hat man’s. Schon lang ist’s mir nit recht vorgekommen mit dir. Nachher glaub ich’s freilich, daß in deinen Kopf kein ordentlicher Verstand hineingeht, wenn du ihn mit so Zeugs anfüllst. Das darf wohl nit sein, Hansel. — Weiters hab ich ja keine Klag’ gegen dich, kamodt bist, willig bist, genügsam bist, gleichwohl es immer einmal recht gefrettig hergeht, bei uns. Im Sommer nachher! Da wird’s dich schon gefreuen, da ist’s lustig bei uns heroben auf der Alm.“

„Ja, ja,“ sag’ ich, „freue mich auch schon drauf, wollen dann bisweilen eines jodeln miteinand. Und fleißig arbeiten, versteht sich.“

Das sollte ablenkend wirken. Er fuhr fort: „Wenn du aber mit Zeitungen umthätest! Einen Knecht, der Zeitung liest, kunnten wir wohl nit brauchen. Sei froh, daß dir der liebe Gott einen ehrengeachteten Stand gegeben hat, der mit den lumpigen Faxen nichts zu schaffen hat. Wenn du was lesen willst, so findest drin in der Stuben das Leben-Christi-Buch, die Legend’ der Heiligen und die Hausgebeter.“

Darauf der Knecht, der zugereiste, ganz bescheidentlich: „Möcht’ ich doch fragen, Vater, warum Euch die Zeitungen gar so zuwider sind?“

Der Bauer hebt jetzt an, langsam sich zu recken, ganz hoch empor, bis sein Hut unter der Holzdecke sich platt quetscht. Andere schreien, wenn sie zornig sind, mein Hausvater spricht dann noch leiser als sonst.

„Daß du aber schon gar nichts weißt, Hansel! Hast denn nie was davon gehört, daß die Zeitungschreiber Heiden sind? Oder gar Juden!“

„Wohl, wohl, Vater. Das habe ich schon gehört!“

„Und daß die Zeitungen für den Bauersmenschen Gift sind? — Hast gleich ein Beispiel beim Nansen in Hoisendorf. Der nichts thut, als alleweil Zeitung lesen. Wahr ist’s, er hat fortweg mehr gewußt, als wir andern. Er hat gewußt, wie’s in Preußen hergeht, und im Franzosenland, und was die Landboten in der Reichsstuben sich alleweil für Grobheiten sagen und so Geschichten. Aber wie er seine Bauernwirtschaft betreiben soll, das hat er bald nimmer gewußt. Allerhand neue Sachen, wie sie in den Zeitungen angelobt werden — haben hat er sie müssen. Gekauft hat er sie ums teure Geld. Gar eine Kornsäemaschin’ hat er gekauft, als ob er selber keine Händ’ hätt’ dazu. Und wie er mit der neuen Maschin’ säen gehen will, hat er kein Samenkorn im Kasten gehabt. Und zuletzt kauft er dir, der Nansen, kauft dir —“ Er hebt an zu lachen.

„Was denn, Vater?“

„Ha, ha! Mußt mich aber für keinen Schwätzer halten, Hans, es ist gewiß wahr, die andern werden dirs auch sagen. Dünger kauft der Bauer! Der Nansenbauer, der den Stall voll Vieh haben könnt’. Kunstdünger kauft er ums bare Geld.“

Weil ich mich nicht rühre, so kommt mein Adam ganz ans Bett heran, faltet die Hände: „Ich bitt’ dich, Hansel, ein Bauer, der um Bargeld Mist kauft!“

„Ja, mein Gott,“ sag ich, „Dünger kaufen, warum denn nicht? Dünger ist ja für den Bauer sehr notwendig.“

Auf diese Bemerkung antwortet der Hausvater allerdings nicht mehr. Nur daß er leise in sich hinein murmelt: „Der Nans ist fertig. Sein Gut, wenn du’s kaufen willst, es steht unter dem Hammer.“

Bei der Einbrennsuppe nachher war noch einmal davon die Rede, da sagte die Hausmutter: „Was hast denn heut mit dem Hansel, Vater? Du thust ja, als ob er erst bei der Nacht vom Himmel gefallen wär! Der stellt sich nur so!“ Und zu mir: „Ist ja wahr, Hansel, man kann dich gern haben. Aber trauen thu ich dir nit. Du hast was Heimliches in dir, das die Leut nit wissen sollen. Laß es gut sein, Hansel. Schlechtes wird’s wohl nichts sein, ich frag’ dich nit drum. So lang wir sonst nichts Ungutes an Dir wahrnehmen, bleiben wir halt beisammen. Ich weiß nit, haben wir dich nötiger oder du uns.“

So steht’s. Ein verteufelter Kerl, dieses Weib.

Ob sie mit ihren Meinungen recht haben? Einerlei, Meinungen haben sie festgründige, und das freut mich. Zwei Hände und einen Kopf dazu. Auf die herausfordernden Worte der Hausmutter habe ich bloß die Achseln gezuckt — ’s war das Beste, nicht wahr? Den Hausvater hingegen habe ich anlügen müssen. Er soll keine Zeitung mehr bei mir finden! Dem geradsinnigen Mann ist das genug. Daß man sie bloß besser verstecken muß, daß sie der Hoisendorfer Lehrer fürderhin heimlich vermitteln wird — das besorgt die Intelligenz. Auf Ehrenwort, Freund, den Alten betrüge ich!

Denn auf die Zeitung verzichten? Schon darum nicht, weil mein Abscheu vor der Welt noch zweiundvierzig Wochen lang aushalten muß. Nur ein Tag ohne Nachricht von der weiten Welt, und sie lügt sich auf zu weiß Gott was Begehrenswertem. Die Korrespondenz mit den Kollegen von der „Kontinentalen“ habe ich abgebrochen. Das schofle Gewitzel, wenn ich in Bedrängnis bin und hier den blutigen Ernst des Menschseins sehe — es behagte mir nicht mehr. Von der Zeitung aber kann ich lernen, wie gescheit man einmal war und wie ich mich jetzt Woche für Woche von ihrem Geist entferne. Man muß sich nur in acht nehmen. Je weiter von der Zeitungpresse entfernt, desto geneigter ist man, ihr zu glauben. Aufs Glauben hält sie aber selber nichts. Man muß nur zwischen den Zeilen lesen, dort steht schon das Richtige. Und je schlechter es geht da draußen, desto besser für mich. Höre, Freund, was ich dir sage: Ich hasse euere Welt. Aber es ist der Haß der Liebe.

Es ist der Haß der Liebe, Alfred!

Lassen wir das jetzt und seien wir der gehorsame Knecht, der die alten Zeitungen in den Ofen werfen will. Doch die Hausmutter wehrt ab: „Nit, Hansel, es thät stinken!“

Dann bin ich fleißig nach Hoisendorf hinabgegangen in die Kirche. Dort habe ich mich in die Bank des Adamshauses gesetzt. Es hat nämlich jeder Hof in der Kirche seine Bank, wofür vom Pfarramt jährlich ein Abonnement von neun Kreuzern eingehoben wird. Es ist kein Fauteuil. Durchaus nicht. Man ist förmlich eingezimmert zwischen Rück- und Vorwand, auf einem fünf Zoll breiten Sitzbrett und einem Kniebalken.

Die Kirche ist jetzt in Trauer, die Altäre sind mit blauen Tüchern verhüllt. Wir sind ja in der Fastenzeit. Vom Karneval ist im Adamshause keine Rede gewesen, nur daß der Adam ein Schwein geschlachtet hatte. Ich half ihm beim Metzgern. Als wir dem toten Tier die mit einer Lauge gebrühten Borsten ausrupfen, fragt er mich: „Weißt du, Hansel, weshalb die Sau ein geringeltes Schweifel hat? — Nit? Na, so sag’ ihm’s, Rocherl!“

Und der Rocherl erzählte: „Wie die Juden in Egyptenland gewesen sind, hat ihnen der Sauhirt des Königs Pharao zu heimlichem Verkauf über den Nil wollen junge Schweine zuwerfen. Aber der Nil ist breit und sie sind alle ins Wasser gefallen. Da kommt der Teufel und sagt: Sauhirt, das kannst du nicht. Siehst du, da muß man dem Schwein beim Schwanz ein Schlingel machen, daß man besser angreifen kann, siehst du? — So packt er eins, schlingt es und schwingt es und wirft es hinüber. Der Moses drüben aber sagt zu den Juden: Nein, meine lieben Leut’, ein Fleisch, das uns der Teufel zuschmeißt, essen wir nicht.“

„Und davon soll’s kommen,“ setzte der Adam bei, „daß die Säue geringelte Schweiflein haben und daß die Juden kein Schweinfleisch essen.“

„Das wird wohl wieder so eine Dummheit sein,“ meinte damals die Hausmutter, die es nicht leiden mag, wenn man sich über etwas Biblisches lustig macht. Just in den Faschingstagen scheint sie’s nicht so genau zu nehmen, da wird in der Bauernschaft halt auch ein bißchen geschweinigelt. Früher soll viel gepraßt worden sein, soll es Maskeraden gegeben haben und allerlei alte Tänze. In diesem Jahre hatte in Hoisendorf nur ein sogenannter Holzknecht- und Veteranenball stattgefunden, wobei wenig getanzt aber viel gerauft worden ist. Aha, Du meinst etwa für Gott und Vaterland. Oder gar für Weibsbilder! Nein, mein Lieber. Unter den Holzleuten, Jägern, Bauernknechten und Bergknappen, die zusammengekommen waren, hatten sich — wie der Lehrer erzählt — gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten entsponnen und hätten sie einander Leitartikel über die sociale Frage geschrieben — mit Buchenstäben und Stuhlfüßen auf die rückwärtigen Körperteile. Dieser politische Zeitungstil wird ja auch bei euch draußen wieder modern.

Nun, das ist ungebrannte Asche. Am darauffolgenden Mittwoch hatte der Hoisendorfer Kurat seinen Gemeindemitgliedern freilich ein anderes Kapitel auf die Stirne geschrieben, und zwar mit gebrannten Buchenstäben: „Du bist von Staub und Asche und wirst zu Staub und Asche!“ Kennst du diese kirchliche Sitte nicht? Ganz freimütig bekennt sie am Aschermittwoch den materialistischen Kreislauf der Natur, die allerdings nicht immer Asche, sondern manchmal auch Stecken sein will.

Das Adamshaus liegt nur um dreihundert Meter höher, als das Hoisendorfer Wirtshaus. Und hier findest du keinen Unfried mehr. In der schneidigen Hausmutter erfreuen wir uns eines festen Regimes und einer verläßlichen Exekutivgewalt. Selbst der Adam fühlt sich unter dem materiarchalischen Absolutismus behaglich.

Das vorige Mal fragtest du mich besorgt nach dem Eßgeschirr, aus dem im Adamshause gespeist würde, und nach anderen einschlägigen Dingen. Darüber kann ich dir zum Glücke nichts Besonderes sagen. Die Holzschüsseln und Holzlöffeln sind größtenteils ein überwundener Standpunkt. Auch die Beinlöffeln und Gabeln, obschon mein Hausvater deren noch etliche Paare aufbewahrt, von den Vorfahren her. Diese Hornlöffeln bedingen zwar etwas Großmäuligkeit, also für einen Journalisten durchaus nicht geeignet, sind aber sonst in ihrer perlmutterartig durchscheinenden Farbenpracht sehr schön und appetitlich. Ein alter Hüttler im Gai, der früher aus Rindshörnern solche Löffeln gemacht hat, ist heute ein Bettelmann, und muß froh sein, wenn er mit seinen Feinden, den Blechlöffeln, hie und da ein warmes Süppchen auszulöffeln kriegt.

Die Bäuerin kocht in Blechpfannen und Thontöpfen. Ihr heimlicher Wunsch geht nach einem eisernen Suppentopf, solchen Luxus erlauben aber die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht. Wenn ich meine zwanzigtausend Kronen fasse, dann, Hausmutter, gehen deine ausschweifendsten Wünsche in Erfüllung!

Jährlich ein paarmal wandert sie mit einem Buckelkorb hinaus nach Kailing zum Töpfer und Klampferer, um Häfen, Schüsseln, Milchreinen und anderes Hausgeräte einzukaufen. Wenn im Hause etwas zerbrochen wird, dann giebt’s einen kritischen Tag erster Ordnung und die Hausmutter gerät in um so größere Wut, je gelassener der Missethäter bleibt. So haben wir es uns angewöhnt, jeden zerschlagenen Topf wie ein großes Unglück zu bejammern, damit das Scherbengericht der Hausmutter ein wenig glimpflicher ausfällt.

Der Reinlichkeitssinn wird bei uns manchmal zur Hausplage. Abends, wenn wir anderen schon zur Rast gegangen sind, ist die Hausmutter noch stundenlang beschäftigt mit Waschen und Reiben und an Samstagen tritt die Scheuerwut auch tagsüber auf und macht jede Niederlassung im Hause unmöglich. Tisch, Bänke, Kästen, Zuber, Pfannen, über alles die Sündflut; nur das Eßbesteck an den Wandhänkeln wird nicht gewaschen, das hat jeder nach jedesmaligem Gebrauche selbst am Tischtuche abzuwischen, damit basta. Hemden und Betten, wenn sie einmal dran kommen, werden gebacken und gesotten und mit Holzklappen gründlich durchbläut. Solltest du den tieferen Sinn dieser Verfahrungsweise nicht vollends erfassen, so laß’ das Grübeln. —

Ihr draußen habt jetzt beim Morgenkaffee zum Dazubeißen den türkisch-griechischen Krieg. Die brennende Frage der Hoisendorfer heißt: Landtagswahlen. Und hat mein Adam heute ein Stück Wahlmanöver heimgebracht. Es scheint ganz zufällig hängen geblieben zu sein an seinem Gewand. Als er, von der Kirche kommend, den Lodenrock auszieht, sagt er so vor sich hin: „Das ist auch rar von unserem Kuraten. Geht er mich heut’ vor der Beicht an, ich sollt’ keinen Umstürzler und Lumpenkerl wählen, und weiß nit, was er noch gesagt hat. Socialdemokraten, oder was. Kannst mir nit aus dem Traum helfen, Hansel, was er gemeint haben mag?“

Der Ahnungslose! Ein seit langem mit Not und Drang zurückgestauter Leitartikel brach hervor — elementar. Die Socialdemokraten! Allgemeine Gleichheit natürlich! Ranglosigkeit, Gütergemeinschaft, Weibergemeinschaft! — So dumm sind sie nicht, das bringt ihnen nur der Feind auf. Sie meinen das gleiche Recht. Was Einer verdient, das soll er haben. Das ist doch klar. Man muß ihnen Gelegenheit geben, emporzukommen. Sie sind Blut von unserem Blut. Genug Bauern, die ihre Brüder und Söhne in den Fabriken haben. Roh mögen sie sein, aber Kraft ist in ihnen, Tüchtigkeit und Bravheit. Sie kommen von unten, haben Erdsegen in sich. Ihr Menschentum ist noch nicht verbraucht. Sie müssen das Homunkeltum zu Tode sengen. —

Ob ich wirklich so gesprochen habe! Ich weiß nur, daß meine Hausgenossen ratlos dastanden und einander anschauten.

Ich in der Hitze noch dazu: „Wählet einen Socialdemokraten, Adamshauser! Die sind lange nicht so schlimm, als sie aussehen.“

Endlich erholte sich der Bauer und sagte: „So, so.“ Denn er weiß jetzt so wenig als früher. „Mag eh sein, mag eh sein,“ sagte er, „ich versteh’s nit. Wählen thun wir halt einen Bauern.“

Na ja. Wir sind auch so ein paar, der Kurat und ich! Der eine will den Wähler dort haben, der andere da, und zerren ihn hin und her, wie Engel und Teufel eine arme Seele. Nur weiß man nicht, welcher der Engel ist. Und das nennt man, frei wählen! — Warum einer gerade bei der Wahl — nicht die Wahl haben soll, das ist auch eine jener Chinesereien, woran unser Abendland jetzt schon bald reicher ist, als das Reich der Mitte. „Muh!“ sagt mein Nachbar, der Ochs. Dieser Meinung bin schließlich auch ich.

Elfter Sonntag

Am eilften Sonntag.

Ja, da kann ich dir nicht helfen, mein Lieber! Mitte März giebt’s hier noch kein Frühjahr und mußte ich auch heut’ mit meinem Schreibbrett in den Stall ziehen zu den zwei paar Ochsen. Jetzt stehen ihrer wieder fünfe da, die mit ihrer tierischen Wärme halt aufeinander angewiesen sind. Also laß es hingehen, wenn der Geruch meiner Sendboten nicht allzusehr an Eau de Cologne erinnert.

An einem dieser Wochentage saßen wir, der junge Rocherl und ich, zusammen in der Kammer und thaten wollzupfen. Unterricht: Die Wolle, die am vorigen Herbste den Schafen vom Leib geschoren und dann tüchtig gelaugt worden ist, hat verfilzte Strähne und muß locker gezupft werden. Dann kommt sie unter die Krampel (Kraue), endlich auf den Spinnrocken. Der Weg vom Schaf bis zum Webstuhl ist mindestens so lang als der vom Lumpen bis zum Banknotenpapier, und der Weg vom Webstuhl bis zum Schneider manchmal nicht kürzer. Ohne Kenntnisse, Fleiß und Fertigkeit ist er so wenig passierbar, als der eines tüchtigen Gewerbsmannes oder Fabrikanten. Wollzupfen, nun, das kann jedes Kind. Nur ich, der ein sogenannter Mann geworden war, bevor er so seltsamerweise zu einem Kinde werden muß, habe es erst lernen müssen. Anfangs hatte ich gemeint, es handle sich ums Zerkleinern der Strähnlein und habe sie mitten entzwei reißen wollen. „Du bist aber schon gar gescheit!“ sagte der Rocherl und zupfte eines meiner ureigenen Wollsträhnlein. Dem Rocherl macht’s ja auch Mühe, weil zum Zupfen eigentlich zwei Hände gehören, während er die eine, mit Lappen wulstig umwickelt, auf dem Truhenrande liegen hat. Als ich den schönen Menschen so von der Seite ansehe, wie er blaß ist, wie er betrübt dasitzt, — ein Krüppel für sein lebtaglang — da stelle ich die Frage, wieso es denn gekommen sei, das Unglück?

Der Bursche schlägt sein großes Auge auf, sein feuchtes, manchmal so eigentümlich leuchtendes, und antwortet in einem traumhaft singenden Ton: „Ein Reh ist schuld daran gewesen.“ Dann kommt er zu sich, lacht auf: „Ein Reh! Hab ich gesagt ein Reh? Siehst du, Hansel, wie man schlecht sein kann! Was kann das Reh dafür, daß ich hab’ schießen wollen!“

Darauf ich: „Es ist die alte Geschichte. Der Bauer muß sein Korn und Kraut vor dem Wilde schützen. Und dieweilen der arme Mann sich seines Eigentums wehrt, läßt der gottverdammte Jäger das Reh laufen und schießt auf den Bauern.“

Darauf der Rocherl: „Nein, Hansel, diesmal ist es nit so gewesen. — Schau, die grauen und die weißen Schüberln mußt du auseinanderzupfen, sonst wird der Loden scheckig. — Ganz anders ist das gewesen. Mir ist recht geschehen. Mitten im Winter frißt das Reh kein Korn und kein Kraut. Gelustet hat’s mich. Und wenn mich einmal etwas gelustet, nachher nichts denken — wild drein.“

„Recht sorgfältig will ich zupfen, wenn du mir’s erzählst.“

„Knötteln, wenn du ihrer findest, darfst du nit dazuthun. Die mußt wegwerfen. — Alleweil halt oben gestanden, oft die halben Nächte lang. Hinter dem Schachen mit der Flinte. Aber es hat nit sein sollen. Das eine Mal, wenn’s zu Schuß kommen soll, geht das Zündhüttel nit los. Daß zweite Mal, wie ich hinziel’ aufs Tier, du Hansel, da geht’s freilich los, aber nit bei mir. In der Hand hab’ ich’s gehabt, dem Jäger sein Blei, wie’s heut’ noch drinnen steckt. Gesehen hab’ ich nichts mehr. Auch nichts gehört. Du, ich sag’ dir, wenn der Mensch derschossen wird, so kann er sich nit einmal denken, jetzt bin ich derschossen worden! So geschwind geht’s.“

„Aber du bist es ja nicht worden, wie man sieht!“

„Wie ich wieder munter werd’, lieg’ ich im Bett, steht der Geistliche neben meiner und ist vom Sterben die Red’. Meinetwegen! hab’ ich mir gedacht und bin wieder eingeschlafen. — Aber du! ’s Kugerl hat’s schon gemacht, daß ich nit verschlafen hab’.“

„Hat’s weh gethan?“

„Der Teuxel, freilich hat’s weh gethan.“

„Jetzt, wer hat denn eigentlich geschossen?“

„Der höllverfluchte Menschkerl. Der Jäger Konrad.“

„Wenn dir aber doch recht geschehen ist?“

„Recht geschehen, das freilich. Weil ich gewildert hab’. Und weil’s Wildern verboten ist. Der Jäger hat nit recht gethan, denn weil er auf einen Menschen geschossen hat. Der hätt’ mir die Büchsen können wegnehmen, das hätt’ er können. Wehr ich mich, so darf er auch schießen, das darf er. Aber nit so! So nit. Mörderschuß, sag’ ich. Weil er mir Feind ist gewesen. Das soll er sich merken! Klagen gehen hätt’ ich ihn können, sagt der Kulmbock-Bauer. Was hab’ ich davon, wenn er sitzt? Für so was ist mir meine Hand nit feil. Die verkauf ich teurer, mein Lieber!“

In diesem Augenblicke hättest du ihn sehen sollen, den Jungen. Etwas Unheimliches. Ich wollte ihn beschwichtigen.

„Hat gleich Angst bekommen, der Jäger,“ fährt der Rocherl fort. „Ist noch am selben Tag nachfragen gegangen ins Haus, wie’s mir geht. Nur den Flintenlauf, sagt’ er, hätt’ er mir wollen aus der Hand schießen. Wär’ nit sein Willen gewesen, daß er mich trifft. Wär’ nit so vermeint gewesen, sagt’ er. Bin auch weiter nit bös auf dich, hab ich gesagt. Vielleicht zahl’ ich dir’s einmal ab, vielleicht nit.“

„Ich an deiner Stelle möchte mich mehr um die wunde Hand kümmern, als um den Jäger.“

„Die wird schon wieder heilen. Das Pech zieht’s heraus.“

Wie mich dieser Bursch erbarmt! Sprießt erst zum Leben auf. Soll hart den Daseinsstreit ringen mit der gefräßigen Welt. Und ist ohnmächtig in Arbeit und Wehr. Und schaut so treuherzig in die trüben Nebel seiner Zukunft. Was sein Verzeihen anbelangt? „Vielleicht zahlt er’s ihm einmal ab, vielleicht nit!“ Der Geistliche hätte ihm das Verzeihen geraten, der Rocherl hätte drauf geantwortet: „Wird mir eh nit viel anderes übrig bleiben, weil der Jäger stärker ist.“

„Rocherl,“ habe ich hernach gesagt, „nicht unruhig machen möchte ich dich. Deine Hand wird heil werden. Aber Pfropfenzieher ist das Schusterpech keiner. Da muß ein Arzt dran.“

Antwortet er: „Wir haben eh die Marenzel gefragt, die was die Salbensiederin ist. Die hat gesagt, nur keinen Doktor! So Leut’ thäten gleich die ganz’ Hand wegschneiden. Da ist mir eine luckete Hand doch alleweil noch lieber, wie gar keine. Und die Kugel wird schon herfürkommen, sagt sie. Dreimal der Vollmond muß halt draufscheinen.“

Nun weiß man auch, weshalb vor drei Wochen der Junge des Abends immer vor der Hausthüre gestanden ist und seine arme Pfote dem aufgehenden Mond entgegengehalten hat.

Nachdem wir wieder ein Weilchen schweigend nebeneinander Wolle gezupft haben, sagt der Rocherl: „Wird eh so am besten sein, für mich. Heißt nichts, die Wildschützerei. Und bändigen hätt’ ich mich nit können. Du glaubst nit, Hansel, wie das ist, wenn einer bei der Nacht so aus dem Bett gezogen wird, wie das Kalb mit dem Strick. Und zum Wald hin. Und kreispelt’s im Dickert — und sieht was laufen. Nur gleich so in die Hand fahrt’s. Und wenn du eine Heugabel bei dir hast, an die Wang fahrst damit!“

„Und das arme Tier erbarmt dich nicht? Das gerade so gern lebt wie du. Denkst denn nicht dran?“

„Denkt der Jäger dran, der schlechte Lump? Geh, Narr, zum Denken ist da keine Zeit, sonst lauft’s dir davon. Oder höchstens: streck’ ich’s nit, streckt’s der Jäger.“

„Hör’ mir auf, Rocherl. Diese Ausrede kann jeder Diebskerl brauchen.“

„Hast eh recht. Aber es ist halt wie verhext. Es giebt halt nichts Lustigeres auf der Welt, wie das Reherlschießen.“

Singend hatte er die letzten Worte gesagt und kam uns wohl beiden das Volkslied in den Sinn:

„Obs sunnen oder dunnern thut,

Ob winden oder gießen,

Ich weiß halt keine größere Freud,

Als wie das Reherlschießen!“

Und derselbe Bursche ist anderseits so voller Sorgfalt für die Haustiere, kümmert sich um die richtige Fütterung, vergißt nach keiner Mahlzeit, die Brosamen hinaus aufs Fensterbrett zu legen, daß die Spatzen kommen und sich letzen mögen zur Winterszeit.

Um den Kuhstall sorgt er sich nicht, dort ist die Barbel. Wo die Barbel ist, da braucht sich weiter niemand zu kümmern. Wo die Barbel ist, da kann nichts geschehen.

Vor etlichen Tagen hatten wir ein Donnerwetter mit Blitz und Hagel, wie im Hochsommer. Noch nie so um diese Zeit, sagen sie. In der Nacht war’s. Ich wurde ins Haus gerufen, um beim Schein einer Weihekerze den Wettersegen mit beten zu helfen, oder bereit zu sein zum Retten, falls der Blitz einschlüge. Das krachte und knatterte ganz grauenhaft. „Hagel auf den Schnee thut dem Korn nit weh!“ sagte der Hausvater, aber fürchten thaten sie sich doch. Der Rocherl kauerte im bloßen Hemde am Herd, zitterte, wimmerte, hielt Ohren und Augen zu und verlangte nach der Schwester. Die wurde geweckt, kam in die Stube, da war er ruhig. Sie sagte kein Trostwort, sie betete nicht, sie war nicht erstaunt — sie schaute nur traumhaft drein, wie sonst manchmal. Das Gewitter verzog sich, draußen war es still und schneelicht und man hätte sagen mögen: Das Mädel gebot dem Sturm.

Bin ich schon wieder bei ihr? — Aber es ist ja ein dummes Ding.

Dein treuer Knecht.

Nach Schluß des Blattes. Du fragst, was das für ein Sprachstil wäre, dessen ich mich in meinen Briefen befleißige. Möge dein ästhetisches Urteil mir gnädig sein — es ist der Dreschflegelstil. Mit starren Gliedern und vollem Herzen schlägt man nicht die schöngewundenen Spaziergänge durch den Rosengarten der deutschen Kunstsprache ein. Da geht’s gerade aus durch Strupp und Strauch. Wäre Goethe anstatt Minister Bauernknecht gewesen, es möchte auch der Goethestil ein Flegel- oder Heugabelstil geworden sein. Und nächstens soll’s gar an den Mistgabelstiel gehen.

Zwölfter Sonntag

Am zwölften Sonntage.

Eine pathetisch veranlagte Natur würde von Herzenstakt und Charakteradel zu sprechen haben. Ich sage bloß: Seelengute Leuteln!

Mit Ausnahme der reschen Hausmutter, die bisweilen Salz in die Butte streut, ist in diesem Hause alles voller Sanftmut und Rücksicht gegeneinander. Wird der Vater von seinem Lungenkrampf geplagt, so ist alles um ihn bestrebt, Erleichterung zu schaffen; doch ein paar Gramm Hexenkraut vermögen mehr, als die ganze Liebe. Wenn aber die Marenzel ausbleibt mit dem Hexenkraut! Das alte Weib ließ merken, daß es beleidigt worden sei und blieb aus. Nun zerbrachen wir uns alle den Kopf, worin denn die Beleidigung bestanden haben könne? Die Hausmutter erinnerte sich, das letztemal der Marenzel die Einbrennsuppe anstatt auf den Tisch, nur auf die Bank hingesetzt zu haben, denn der Tisch war mit Flachssträhnen vollbelegt gewesen. Oder hatte der Franzel ihr Dachshündlein beleidigt? Er sagte nämlich „Hund“ zu ihm. Der Hausvater hatte in ihrer Anwesenheit, als draußen ein Regenschauer niederging, scherzeshalber den Ausspruch gethan: „Wenn’s in die Sonn’ regnet, thut der Teuxel seine Großmutter auf die Bleich legen.“ — Sollte das die Marenzel schief genommen haben? Denn das soll eine sein, die alles, was Übles gesagt wird, gleich auf sich bezieht. Also sie kam nicht, im Hause war kein Hexenkraut und dem armen Manne sprengte es fast die Brust. So wurde endlich der Rocherl ausgeschickt, die Marenzel zu suchen. Er fand sie bettelnd im Thale mit ihrem kleinen roten Dachse, den sie stets im Korbe bei sich trägt. „Liebeste Marenzel,“ soll er gesagt haben, „heut’ thäten wir wieder einmal buttern daheim, wenn du kosten möchtest kommen. Die Mutter sagt schon, daß der Butter dasmal wieder so süß ist, und wenn nur die liebe Marenzel thät kommen!“

„Ist gut,“ antwortete die Alte, „will kein Stein sein, wenn mir die Leut’ gutweis kommen!“ und kam neben dem Rocherl den Berg heraufgetorkelt. Sie that ihren breitkrämpigen Filzhut ab, wendete das kleine runzelige und fast kahle Köpflein rasch in der Stube nach allen Seiten hin, ob nicht irgendwo sich ein Feind zeige. Dann schlenkerte sie ihren wulstig geflickten Kittel aus und fragte einigermaßen bissig: „Wo darf man denn niedersitzen?“

„Wo du magst, wo du magst, Marenzel,“ drauf die Hausmutter, „’s ist ein rechtes Elend bei uns. Den Vater hat’s wieder so viel aus der Brust.“

„So! Halt das Frühjahr. Thut’s nur Achting geben. Der Bauer thut im Herbst fexnen und der Rippenmann im Frühjahr.“ Und vom Kraut sagte sie nichts.

Als sie im Korb ihr Hündlein zurecht gebettet hatte mit allerlei zärtlichen Koseworten, als sie ihm Milch und Butter zum schlecken vorgelegt und selbst schmatzend das ihr dargereichte Butterbrot abgethan hatte und sich hierauf sorgfältig die dürren Finger an einem Lappen rieb, trat endlich die Hausmutter vor mit ihrem „Gebitt“ um Hexenkraut.

Da begann die Alte langsam ihren Hals nach vorn zu strecken. Die Glotzäuglein traten hervor. Die auf den Stock gestützte Hand begann zu wackeln.

„— — Adamshauserin! Mir scheint, Euch ist nit um’s arme Leut zu thun, daß es soll Butter kosten. Mir scheint, das Hexenkraut ist’s. Meine liebe Bäuerin, das hätt’ Euer Bub früher sagen sollen. Ich hab kein Kraut bei mir.“

Weil ich zufällig anwesend bin, so kommt es mir in den Sinn: Wart’ Alte, deinen Bettelhochmut wollen wir dir austreiben.

„Hausmutter“, sage ich, ohne scheinbar der alten Marenzel zu achten, „wenn der Vater wieder an Atemnot leidet, da weiß ich ein Mittel, das hilft gewiß. Hundefett, von einem roten Dachshund. Gar nichts Besseres für Brustleiden! Da brauchen wir nicht erst ein stinkendes Hexenkraut.“

Den Haßblick von der Alten, den möchte ich mir in Spiritus konservieren lassen, wäre der Mühe wohl wert! Und dann hat sie ausgepackt. Hexenkraut so viel, daß man damit alle Hexen und Kurpfuscherinnen vom Almgai hätte zu Tode räuchern können. Auch frisches Schusterpech für die Schußwunde: „Wenn nit der abnehmend’ Mond schon zu viel draufgescheint hat, so wird es das Blei schon herausziehen.“

Nachher, als sie fort war und der beräucherte Hausvater sich wieder erleichtert fühlte, habe ich Vorwürfe bekommen. Das thät er nicht gern hören, daß in seinem Haus das Heilkraut so verspöttelt würde. Man müsse dem lieben Herrgott lieber danken, daß er’s wachsen lasse. Und was solle das heißen, mit dem Dachshund? Das Hündel würde man ihr doch gönnen mögen, der armen Haut. Sei eh noch eine gute Tugend an ihr, daß sie ein Herz zum Tier habe.

Dann „der abnehmend’ Mond?“ — Die Schußwunde des Rocherl ist es, aus der gleichsam die ganze Familie blutet. — Und ihr anderes Leid ist der Soldat in der weiten Welt, der Valentin.

Seit Wochen erwarten sie seinen Urlaub. Zu Weihnachten hatte er eine Photographie geschickt; die hat der Rocherl zu den Bildern des Hausaltars hinaufgehangen und der Vater hat sie wieder herabgenommen.

„Man denkt beim Beten so schon zu viel an den Buben; und wenn erst gar noch das Bildel vor Augen hängt! Wenn sie auch immer einmal gemartert werden, die Soldaten — Märtyrer ist er halt doch noch keiner, daß man ihn zu den Heiligen könnt thun.“

Des Hauses Stolz ist der kleine Franzel. Der Schullehrer hält nämlich von dem Knaben große Dinge. Es ist die Rede davon, daß er nächst’ Jahr in ein Seminar soll. Wenn du einmal nachdenkest, woher die klerikalen Kämpen und heißglutigen Priester kommen, die ebenso entschieden Weltgeschichte machen, als andere Mächte — aus dem Bauernhause kommen die meisten. Unverbrauchte Erdkraft ist in ihnen. Daran denkt das alte Menschenpaar im Adamshause freilich nicht. Ihr höchstes Erdenziel wäre das, einstmals im schneeweißen Haar dem Meßopfer des eigenen Kindes beiwohnen zu können.

Der Augapfel dieser Leute, ihr Herzblatt und ihre zitternde Freude ist —. Sagen thut’s keines, anmerken thut man’s jedem. Wenn die Barbel nicht da ist — wo ist sie denn? Wenn sie im Stalle Streu hebt oder vor dem Hause Holz schichtet — ist es wohl nicht zu hart für sie? Wenn sie bei Tisch den Löffel weglegt — was ist dir denn, Kind, daß du nit magst essen? Und hast wohl genug warm bei der Nacht, Barbel? Und thut dir wohl nichts weh, Barbel?

Am Josefitag, während das Mädel in der Kirche war, habe ich ein Gespräch gehört zwischen dem Adam und seinem Weibe, das mir zu denken giebt. Sagt sie zu ihm: „Ich weiß nit, Adam, mir ist immereinmal so hart.“

„Warum denn, Mutter?“

„Das weiß ich halt selber nit.“

Machte er sein schalkhaftes Gesicht: „Wenn dich was druckt, Alte, da weiß ich dir einen guten Rat. Vor Zeiten wärest du selber draufgekommen.“

„Du meinst, daß ich für die armen Seelen im Fegfeuer ein Vaterunser beten sollt’?“

Er schüttelte den Kopf — das meine er nicht.

„Oder fleißig zum arbeiten schauen?“ sagte sie.

„Weißt, Mutter, zu wenig greinen thust du. Besser ausbrummen mußt dich, nachher wird dir schon g’ring.“

„Das kannst sein lassen, Alter. Fürs Foppen bin ich jetzt nit aufgelegt. Traurig genug, wenn du dich nit kümmerst. Fällt dir denn gar nichts auf, Adam? Daß sie alleweil so traurig ist!“

„Wer?“

„Und schon gar nimmer lachen will. Die Barbel!“

„Die Barbel? Nit lachen? Nimmer lustig sein? — Du, Weib, jetzt fällt mir das auch auf. Haben wir nit alleweil gesagt: das Hausglöckel?“

„Gelt! Und jetzt nimmer. Schon lang’ nimmer. Oder weißt eine Zeit, wo sie gelacht hat?“

„Schon lang’ nimmer,“ sagte er nachdenklich.

„Seit dazumal, wo sie ins Wasser gefallen ist, kommt sie mir halt ganz anders für!“

„Seit sie zu Hoisendorf in den Bach gefallen ist?“

„Seitdem ist sie nimmer so.“

„Das kunnt ich mir nit denken, wegen was.“

„Du, wenn’s mit dem Kind was hätt’! Himmlische Mutter Maria, wenn dem Kind was thät’ sein!“

„Es müßte nur sein,“ meinte er, „daß ihr die Hand weh thät’.“

„Die Hand? Sie wird doch an der Hand nichts haben!“

„Dem Rocherl seine.“

„Mein Gott, es kann ja eh sein, daß es das ist.“

„Sie sollt’s doch sehen, daß der Bub’ selber lustig ist.“

„Ist nit sein Ernst, mein du! Dem steckt’s tiefer, als er’s scheinen lassen will. Geh’, sag’ das einer Mutter nit! Was die Kinder müssen leiden, wenn man’s selber kunnt tragen! Tausendmal gern! Daß uns so was hat müssen treffen mit dem Rocherl!“

„Mein Gott, Traudel,“ sagte er, „wir sind halt auf der Welt. Da ist doch das Unglück nichts neues! Wollen denn wir den Himmel schon im Almgai haben? Narr’l, da thät’ ja nachher das Absterben zu hart sein!“

So haben sie am Vormittage miteinander geplaudert beim Herdfeuer. Und zu Mittag, wie die anderen von Hoisendorf heimkommen, bringen sie den Brief mit. Vom Soldaten. Die Hausmutter hat uns für denselben Mittag Leinölkrapfen bereitet gehabt, die sonst so gut sein sollen. Haben uns nicht geschmeckt. Der Valentin liegt krank im Spital zu Laibach im Krainerland. Was ihm fehlt, das schreibt er nicht. Immer an „heim“ muß er denken. Immer an heim! — Der zuerst anhebt zu brüllen, das ist der Franzel. Den Rocherl stoßt’s bloß in der Brust. Die Mutter hockt im Ofenwinkel, reglos, wortlos. Der Vater hat größere Augensterne bekommen, daß man das Weiße nicht mehr sieht. Die Barbel steht ganz ruhig am Winkelkasten und schaut mit ihren runden, betrübten Augen zum Fenster hinaus, und die Hände hat sie über der Schürze gefaltet.

Jetzt, Knecht, zugereister, mach’ dich einmal nützlich! Also fange ich an zu trösten: „Spital! Was weiter? Bin ich zweimal im Garnisonsspital gewesen, einmal vier, einmal sechs Wochen lang. Da fehlt einem gar nichts, als das bissel Gesundheit. Man hat sein warmes Bett, sein Stückel Fleisch und seinen Doktor. Und wird bedient wie ein Graf. Wachzustehen braucht man nicht, zu exerzieren braucht man nicht, hört keine Flucherei, weiß von keiner Strafe und die Zeit vergeht doch. Manchmal geht’s gar lustig zu im Spital: schwatzen, karteln, rauchen, feinsten Kommißtabak, versteht sich, nachher Geschichten erzählen und allerhand Narreteien, zum Kugeln vor Lachen. Ich sage nur das: manchem ist gar nicht gut, wenn ihm wieder gut ist und er heraus muß!“

Ich glaube, Philosoph, diesmal habe ich mir meine Suppe redlich verdient, mitsamt Salz und Kümmel. Die Angesichter haben sich schier aufgeheitert, wie ein Regenhimmel, wenn der Ost zieht.

„Ich denk wohl auch, daß es nit so arg sein wird,“ meint der Hausvater, der überhaupt eine leichte Achsel hat auf die er das Schwerste legt.

Eine solche Achsel, wenn die Hausmutter hätt’! Diese ließ es sich nicht nehmen, daß der arme Valentin schwere Not würde leiden müssen. Es wäre ja ein alter Brauch, daß man die Soldaten schier verhungern ließe.

„Wenn er nur Hunger hat, auf dem Krankenbett!“ sagte der Vater, „wenn er nur recht Hunger hat, nachher kommt er uns wieder!“

„Schreibt er nit um Geld?“ fragte die Mutter. Der Rocherl, der den Brief gelesen, verleugnete auf einen Wink des Vaters die kleine Zeile ganz unten am Rand.

„Noch nit einmal hat er um Geld geschrieben!“ erklärte die Mutter.

Die verleugnete Zeile aber lautete: „Nur um zwei Gulden, wenn ich bitten dürfte, liebe Eltern!“

Der Vater wollte mit den Kindern erst die Geldbeschaffung besprechen, bevor er der Mutter die Bitte mitteilen mochte.

Tags zuvor war der Steuerbote dagewesen, schon das dritte Mal seit sechs Wochen. So verworren, daß sich kein Mensch auskennt, spricht der Zahlungsauftrag von „rückständiger“ Steuer, die der Adamshauser schon längst bezahlt zu haben wähnte. Es half ihm nichts, der Bote trug den Rest des Sparpfennigs mit fort, mit der Drohung, daß er nicht wiederkomme! Wenn bis Ostern die letzte Quote nicht bezahlt sei, dann ginge es an ein paar Ochsen! O welches Glück, in einem Kulturstaat zu leben!

Der fürsorgliche Besuch des Herrn Staates hatte damals dem Adamshauser einen Asthmaanfall gebracht. Wie der Steuerbote die Lunge angriff, so ging nun der Soldatenbrief ans Herz.

Jetzt merkte ich aber, daß die Barbel anhub, ein frohes Gesicht zu machen.

„Braucht der Valentin etwa Geld?“ fragte sie leichthin.

„Na freilich wird ein Soldat nie zuviel Geld haben,“ meinte der Vater.

Nach wenigen Minuten brachte sie aus ihrer Kammer ein zierlich mit bunter Wolle gesticktes Mapplein.

„Da kann er gleich heimreisen, wenn er mag,“ sagte sie. Acht oder zehn glatt zusammengefaltete Papiergulden that sie hervor.

Stürzte erregt die Mutter herbei: „Barbel, wo hast du das Geld her?“

„Geh’, närrisch,“ lachte der Vater, „woher wird sie’s denn haben? — Mir scheint, Tochter, du willst dein Kresengeld verthun!“

Es war aber nicht das Taufpatengeld, wie er meinte.

„Habt ihr auf die Hetschen-Basel denn schon ganz vergessen?“ fragte die Barbel. O, Freund, wie schön ist ihr Muttergottesgesicht, wenn sie schalkhaft schmunzelt!

„Das Geld von der Basel?“

„Das sie mir vermacht hat. Ihr wisset es ja, Mutter.“

„Und daß du die Erbschaft in die Kailinger Sparkasse solltest legen! Ja, hast das Geld denn nit eingelegt? Du leichtsinnige Dirn’, du!“

„Was brauchts denn die Kailinger Sparkasse, wenn mans daheim auch gut aufheben kann!“

Als sie den letzten Schein aus der Mappe thut, werfe ich einen Blick auf das Geld und erschrecke ganz abscheulich. Sind es lauter Papiergulden, die schon seit zwei Jahren keine Gültigkeit mehr haben.

Und wollen sie dieses Geld dem Valentin schicken! Da habe ich mir wohl gedacht: O Adam! Adam! Bisweilen wäre doch auch im Bauernhause eine Zeitung nicht schlecht!

Jetzt frage ich dich, Alfred! Du bist zwar ein tapferer Mann, schon auch darum, weil du so fest zum zugereisten Bauernknecht stehest. Aber die Hand aufs Herz! Hättest du den Mut, dieses Wesen aufzuklären darüber, daß ihr in der schönen Mappe so sorgfältig gehüteter Sparpfennig mit dem sie dem kranken Valentin die Heimreise ermöglichen will, wertlose Papierfetzen sind? Das wäre ja gerade, als risse ihr ein gottverfluchter Erzräuber das Vermögen aus der Hand. — Na, da rücke ich mich auf meiner Bank ein wenig gegen die Tischecke hin.

„Du, Barbel,“ sage ich, „laß einmal sehen. Acht Gulden hast du da. Papiergeld. Hörst du, das werden sie dir auf der Post schwer annehmen. Geld kann man neuzeit nur durch Postanweisungen schicken, und da muß Silbergeld eingezahlt werden. Ja, ja, Dirndel, du glaubst es nicht, was so eine kaiserliche Post für Kaprizen hat! Ist aber leicht geholfen. Wart’ ein bissel, ich wechsle dir die Papiergulden gegen Silberlinge um. Hab’ ihrer einen ganzen Teuxel im Hosensack, da genieren sie. Mir ist Papier lieber und der Post Silber und so ist uns beiden geholfen.“

Gelogen wie gedruckt. Aber ich hoffe, der Herrgott, wenn er sich überhaupt um einen durchtriebenen Strick noch kümmert, wird mir dreihundert Zeitungslügen dieser einen willen verzeihen. — Du hast einmal gesagt, daß gute Menschen ansteckend wären. Hätte gar nichts dagegen.

Und so ist nachher dem dreibeinigen Bandelkrämer zu Hoisendorf die Geldsendung übergeben worden, und ein schöner, Brief dazu, des Sinnes, daß die Heimatberge noch felsenfest stehen, daß Eltern und Geschwister frisch und gesund sind und alle Tage ihr Vaterunser beten für den Valentin um glückliche Heimkehr. Die durchschossene Hand ist ihm verschwiegen worden. Die kann er jetzt nicht brauchen.

Als der Brief geschrieben und vorgelesen war, schaute mich die Barbel an. Hatte ich ihr aus dem Herzen geschrieben? Mensch, so lieb hat mich noch niemand angesehen! — Wir haben heute Frühlingsanfang. Das stimmt, Professor. Frühlingsanfang! Frühlingsanfang!

Dreizehnter Sonntag

Adamshaus, am dreizehnten Sonntage.

An das Redaktionskollegium der „Kontinental-Post“.

Lasset es gut sein, meine Herren. Euere dem Blatte unrechtmäßiger Weise entzogenen und mir unverdient brieflich zugewendeten Geistesentladungen sind nicht mehr wohl angebracht. Ich bin bereits zu sehr verbauert, um dafür die richtige Wertschätzung aufzubringen. Ihr werdet schon verzeihen, daß der Spaß wirklich ernst geworden ist. Der Philister in mir wird bereits so vordringlich, daß ich aufhöre zu „wissen“ und anfange zu ahnen. Zu ahnen, was das weltberühmte Wort heißt: Im Schweiße deines Angesichtes! Und was Menschenleben heißt!

Die „Kontinentale“ ist mir nicht mehr unter allen Umständen notwendig. Wenn ihr sie mir noch weiter schicken wollet, um euch bei mir in freundlicher Erinnerung zu halten, dann sendet sie an den Herrn Guido Winter, Schullehrer zu Hoisendorf, ob Kailing. Bei mir daheim wird sothanes Papier nicht geduldet, weil es, nach Ausspruch einer mir maßgeblichen Persönlichkeit beim Verbrennen zu viel Gestank macht.

Hier hebt jetzt Erdgeruch an, aus dem Boden zu steigen, der macht sich nach Weihrauch, Pulverdampf und Druckerschwärze, die mir schon in die Nase gestiegen, freilich ganz märchenhaft!

Machet euch um mich weiter nur keine Sorgen. Wenn das Jahr um ist, werde ich mein Visitkarte schon abgeben. Schluß.

Hans Trautendorffer.

Vierzehnter Sonntag

Am vierzehnten Sonntage.

Liebster Alfred!

Am vorigen Sonntage hatte ich gerade so viel Zeit, um an die Herren der „Kontinental-Post“ ein Absagebriefchen zu schreiben. Denn diese Art von Zuschriften ist mir endlich doch zu unangenehm geworden. So sehr mich deine Briefe stets aufrichten, so sehr haben mich die frivolen Geistreicheleien von jener Seite verstimmt. Und war auch einmal so einer!

Den größten Teil des vorigen Sonntags habe ich brütend über einem alten Buche zugebracht, das sich in einer wurmstichigen Truhe des Hauses gefunden. Es ist eine Erd- und Geschichtbeschreibung vom Gesichtswinkel eines alten Scholastikers aus. Weiter nicht der Mühe wert, wenn ich in demselben nicht meine — Ahnen entdeckt hätte. Kann mir darauf schon etwas einbilden! Zur Hohenstauffenzeit haben die Trautentorffer schon eine Rolle gespielt. Ein „Hannus Trautentorffer“ ist damals zu Augsburg gevierteilt worden. Der Mann scheint die Durchfuhrszölle etwas zu eigenmächtig und zu energisch eingetrieben zu haben, bei reichen Kaufleuten, die durch den Spessart zogen.

Unser Rocherl guckt auch manchmal gerne in ein Buch, so habe ich den Namen durch einen Tintenklex bemäntelt. Wenn der Adam, dessen Ahnen wohl seit Jahrhunderten die Scholle bebaut haben, wüßte, daß ich die meinen in Tinte rein zu baden Anlaß habe!

Ob meine alten Bärenfleischfresser wohl einmal davon geträumt haben werden, daß für einen ihrer entarteten Urenkel die Zeit dünner Erbsensuppen kommen wird!

Nie habe ich eigentlich gewußt, was das heißt: Fastenzeit. Und nie habe ich darüber nachgedacht, obschon sie jeder Kalender sieben Wochen breit aufzeigt. Jetzt bin ich mitten drinnen. Die Erbsenwoche ist übrigens schon vorüber. Da hat die Hausmutter so unentwegt Erbsen auf den Tisch gebracht, daß der Rocherl das Wort Erbsünde davon ableitete. Nun sind die Wasserwochen, als Folge der Erbsünde gleichsam die Sündflut. Des Morgens, des Mittags, des Abends — nichts als Wassersuppen, bisweilen ein wenig mit Butter gefettet, an Freitagen aber vollkommen pur, mit Ausnahme des Zwiebelbeigeschmacks, der Hauptwürze in der Fastenzeit. — Der gute Adam! Wenn der zur Fastenzeit einmal in eine Prälatenküche gucken könnte!

Die Barbel kann schneidern und hat mir schon Jacke und Weste enger machen müssen. Doch merke ich nicht etwa ein Sinken körperlichen Wohlbehagens oder der Kräfte. Die Mäßigkeit, die gute Luft, körperliche Arbeit — man lobt sie auch in den Städten. Dozieren — ja. Probieren — nein. Die Schwielen meiner Hände thun mir schon lange nicht mehr weh. Von meinem noch stark städtischen Schuhwerk hatte mir der Hausvater eines Tages gesagt: „Thu sie nur wieder einmal wichsen, sie verdienen’s. Du wirst dir drin noch die Zehen allmiteinander erfrören.“ Heute trage ich ein Paar vom Valentin; der überschüssige Raum wird mit Stroh ausgefüllt. Auch mit anderen Kleidern versorgen mich die Hausgenossen. Denn der Touristenanzug muß geschont werden, soll ich in demselben einst wiederum bei euch einreiten. — — Diese Gedankenstriche bedeuten Fragezeichen.

Vor einigen Tagen, mein lieber Philosoph, habe ich die Weihe dieses Standes empfangen. Durch allerlei Arbeiten und Obliegenheiten bin ich endlich avanciert bis zum Dunghaufen. Wir führen den Stalldung mit Schlitten auf die Felder. Der Schnee ist auf dem Lande kein Verkehrshindernis, wie die Städter meinen, er ersetzt vielmehr die Eisenbahn und wohin der Landmann seinen Schlitten lenken mag, überall sind schon die glatten Schienen gelegt.

Anfangs hatte ich vor genannter Arbeit nicht geringe Angst. Nichts fürchtete ich so sehr, als den Dunghaufen, der übrigens recht harmlos im Hofe liegt. Niemand zeigt vor ihm einen Abscheu und die Leute, die daran arbeiten, kommen vom Brunnen mit reinen Händen in die Stube. Als ich mit der dreispießigen Gabel das erste Mal hineinstechen mußte, dürfte ich ein ähnliches Gefühl gehabt haben, wie der Soldat, der das erste Mal ins Feuer zieht. Ein Ding, das meiner Militärzeit nicht blühte. Es muß doch die Baronin Suttner dahinterstecken, daß es zu so gar keinem ordentlichen Kriege mehr kommen will. Für die Zeitungen wird dieser Zustand schon zur Kalamität. — Freilich, meine Hausmutter, die betet jeden Abend vor dem Einschlafen ein herzblutiges Vaterunser um den Frieden. Wer ein liebes Kind bei den Soldaten hat, der denkt in dieser Sache anders, als ein abonnentenhungeriger Zeitungschreiber. Wenn’s einmal wirklich ums Vaterland geht, da rückt der Bauer wild aus. Für eine politische Großmacht, für die Eroberung türkischer Provinzen, oder für eine Million Soldaten, die durch ihre Gewehrläufe Friedensschalmei blasen sollen, hat der Bauer nicht um einen Groschen Verständnis.

Und nun zurück zur Goldgrube. Sie hat, das wird niemand leugnen, einen starken Geruch. Einen starken, man könnte auch sagen: würzigen. Die Stadt hat schlimmere Wohlgerüche. Weißt du, woran das gemahnte, als ich hineinstach? An die feinen Käse nach einem Diner. Nur schade, daß es hier ein Dessert ohne Mahlzeit ist. — Mein Hausvater schmunzelt. Die dampfenden Schichten sind hübsch speckig und stellenweise blüht daran schöner Salpeter. Wenn uns die Wetter verschonen, so kann’s Korn geben! Bislang siehst du die grauen Felder nur schwarz punktiert mit den abgeladenen Häuflein, dann kommt die Barbel mit der Gabel und streut die Sachen flach auseinander. Dichter älterer Schulen würden singen: Sie streut Rosen aus! — Mich Bauerntölpel dünkt, sie streut Früchte aus. Wir werden’s ja sehen im August.

Heute muß ich dir aber noch eine andere Dunghaufengeschichte erzählen, die sich in Kailing zugetragen hat. Der Kurat, der Lehrer und andere in Hoisendorf wissen davon. Es ist darüber viel gesprochen und viel gelacht worden, aber noch mehr geflucht. Du kannst sie herumzeigen in unserem schönen Chinesien.

Nu man dran.

Wundersame Geschichte vom anrüchigen Garibal.

Das war also zu Kailing an der Rechen. Die Leute standen überall unter den Hausthüren und tuschelten es einander in die Ohren. Der Brotausträger sagte es laut in die Küchen hinein: „Wißt ihr’s schon?“ Und auf allen Gassen: „Wahr muß es doch sein, die Leut’ reden überall davon.“

Wovon?

Nun eben, das ist’s ja. Wenn man das wüßte. Unbegreiflich ist es jedenfalls. Hatte dieser Mensch doch sonst immer einen guten Eindruck gemacht. Ein so netter junger Mann. Der Sohn des reichen Grösselhofers. Junger Doktor und gar Oberleutenant. Und doch nicht ein bissel stolz, auf du und du mit allen Schulkameraden in ganz Kailing. Vor kurzem noch hatte man ihn daheim gesehen auf dem Grösselhof, bei der Arbeit zulangend wie ein frischer Bauernknecht. Hatte auch gern mit den Dirnlein gescherzt und Schelmenliedeln gesungen. Ein flinker, hübscher Bursch!

Und jetzt diese Gerüchte! Diese unheimlichen Gerüchte! Soll auch schon in der Zeitung stehen, hieß es. Und in der That, das Wochenblatt brachte die Notiz, gegen den Reserveleutenant Garibal Randauer sei die Disciplinaruntersuchung eingeleitet worden.

Aber weshalb doch? Weshalb, weshalb? — — Man munkelt. Jemand wußte von einem Diebstahl, dafür hätte er beinahe Prügel gefaßt, wenn er seine Behauptung nicht eiligst damit begründet haben würde, der Oberleutenant habe einem Kailinger Bürgersmädel das Herz gestohlen. Schließlich vereinigten die Mutmaßungen und Meinungen sich um einen Totschlag aus Jähzorn und Eifersucht. Wieder andere wollten wissen, es sei noch etwas viel Schlimmeres. Dann hatte er gar am Ende einem Vorgesetzten was ins Gesicht gesagt. Renitenz? — Ach, Kindereien! Der Mann ist ganz anderer Dinge wegen anrüchig. Man munkelt von — von — — es sträubt sich die Feder, mein Alfred! Von einer ganz unaussprechlichen Schandthat hört man. Auch sein Bruder, der junge Grösselhofer, soll mit beteiligt sein.

Die Aufregung steigerte sich, als eines Tages drei Offiziere, der kleine, dicke Kommandant darunter, in die Gegend kamen, sich zum Grösselhof begaben und dort eine geheime Untersuchung abhielten. Sie standen vor den Ställen herum, an den Scheiterhaufen, Streuwächten und Dunghaufen, sie betrachteten Hacken, Krampen und Gabeln, nahmen das Hausgesinde in Verhör, unter dem strengsten Auftrage, nichts weiterzusagen. Trotzdem war es jetzt so viel als klar: ein Mord. Doch nur das? Aber wen hatte der Mensch mit dem Beile erschlagen oder mit der Gabel erstochen? Es fehlte niemand. Alles, was nicht eines natürlichen Todes verblichen, war noch vorhanden. Ein alter Schuster endlich kam auf die Idee, die nach allen Seiten stimmte. Eine Revolte hatte er anzetteln wollen, einen Bauernaufstand gegen die Stadtherren, eine schreckliche Empörung mit Beil, Krampen und Gabeln. Das war’s und nichts anderes. Natürlich!

„Den machen sie um einen Kopf kürzer.“

„Dann ist er immer noch so lang wie der Kommandant.“

Wer das gedacht hätt’! Ein Nihilist! Die Verschwörung geht heutzutage ja durch die ganze Welt. In allen Klassen und Ständen faßt sie Wurzel, man darf keinem Menschen mehr trauen. Wenn er noch einmal kommen sollte vor der Hinrichtung — ihm von weitem ausweichen. Den jungen Weibsbildern ward es schwer im Gemüt.

„Oft wird er nicht mehr kommen!“ sagte der Schuster. Und recht hatte er doch. Nur einmal kam er noch, der Garibal, um nicht mehr fortzugehen.

War’s ein bureaukratisches Gericht oder ein standrechtliches — Nebensache. Die Hauptsache ist das Urteil. Der Reserveleutenant Garibal Randauer aus Kailing im Vordergai war schuldig befunden, die ganze kaiserliche Armee entehrt zu haben und ist deshalb des Offiziergrades verlustig erklärt worden. Der Unglückselige hatte nämlich — höre und schaudere — mit eigener Hand Dünger gestochen!! — Das Reglement verbietet nämlich dem Offizier in seiner Uniform jede gemeine, niedrige, knechtliche Arbeit, jede entehrende Beschäftigung. Und der junge Mann hatte in der Soldatenhose daheim auf seines Vaters Hof gemeinsam mit dem Bruder ein paar Stunden lang Kuhmist auf den Karren gefaßt. Deshalb ist das Scheusal degradiert worden. —

Ich fürchte, du hältst mich für einen Aufschneider. Mein Herr! — In der That, Freund, wir wußten all’ miteinander nicht, wie uns geschah. Ich kenne jenes Verbot ja auch, aber das hätte ich nicht für möglich gehalten. Wie stehen wir jetzt da, wir Bauern! Lauter niedrige, gemeine, ehrlose Kreaturen. Er hat die Hand nach körperlicher Arbeit ausgestreckt, nach der uralten Beschäftigung des uralten Bauernstandes, und darum wurde er verlustig erklärt der Kameradschaft von Leuten, die in des Kaisers Rock an Spieltischen würfeln, leichtsinnige Schulden machen und Weiber verführen! — Alfred! Bleibt dir nicht der Verstand stehen?

Allerdings soll es noch irgendwo barbarische Länder geben, wo Generäle und Minister im Ruhestande auf ihren Landgütern persönlich mit Schlamm und Dünger umthun. Ja, es giebt sogar Könige, deren Ehrbegriff so verkommen ist, daß sie ganz gleichmütig und stumpfsinnig das Brot essen, welches auf Kuhmist gewachsen ist. — Die Bauern erzählen sich noch heute das Märchen von einem Kaiser, der im Lande Mähren einmal eigenhändig den Pflug geführt und Dünger in die Furchen geackert haben soll. Und es ist endlich der Aberglaube verbreitet, daß die ganze Welt, Hoch wie Nieder, vom Nährstand abhänge. Pfui, das sind alte Sachen! In den modernen Staaten giebt’s statt Halme — Helme, und wenn man den Boden mit Menschenkadavern düngen will, wozu da Kuhmist! —

Das ist die Geschichte vom anrüchigen Garibal.

Gestern, als die alte Marenzel wieder da war, hielt ich ihrem Hündlein ein Stück Krume hin. Das Vieh nahm nicht einmal den Bissen Brot von mir. — So weit gehen die Herren Offiziere wieder nicht.

Laß mich wieder zu meinem guten Adam gehen. Sinnend schaut er zu, wie das Feld genährt wird und sagt leise: Wenn Gottes Willen ist!


Das Wort wird einem geläufig auf der Scholle, der wunderbaren. Es ist eigentlich zum Verrücktwerden, wie der Bauer inmitten von lauter Wundern steht. Das Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage — und was geht vor in dieser Spanne Zeit! Das Ungeheuerste geschieht. Eine sechzehn Stunden lange Nacht und wenige Monde später ein sechzehn Stunden langer Tag. Und in diesem Ring ein zartes Keimen, ein leuchtendes Blühen, ein üppiges Reifen, ein müdes Sinken, ein totes Starren. Welch’ lange Zeit des lachenden Grüns, welch’ lange Zeit des ernsten Erwartens, und doch alles innerhalb eines kurzen Jahres!

Wenn ich am Feierabend draußen vor dem Wetterkreuze stehe, ist es zu hören jetzt, wie in den Bergen die Lawinen donnern. Hoch in den Hängen sammeln sich unter der Schneedecke die Wasser und gießen unten in trüben Fluten dahin, bis alles locker wird. Die Berge stehen klar und scharf in der feuchten Luft und ein lauer Wind weht über die Höhen. Welch’ ein Fernblick in die schneebedeckten Gipfel der Hintergaiergebirge und der Sandalpen, die so weiß, so still und weiß aufragen in den bleigrauen Himmel! In den Gaithälern werden schon die jungen Gräser sprossen, werden die Weiden ihre Kätzlein treiben — wir sehen nicht hinab. Bei euch werden jetzt die Konzerte sein mit den blädernden Fächern und den gelangweilten Gesichtern dahinter. Die Gärtner werden den Parkrasen säubern, die Winde werden den Straßenstaub aufwirbeln, die Schneider werden mit irgend einer Modethorheit die Frühjahrssaison einleiten.

Ei doch, die Fremdwörter. Nirgends sind sie so störend, als im Volkstum. Nirgends ist Unsinn so unsinnig, wie in der lieben Natur. Wehe thun sie dir in meinen Briefen, sagst du. Freund, das sind immer noch Schlacken, Kulturschlacken. Warte nur, bis das Fegefeuer mich erst ganz gereinigt hat.

Fünfzehnter Sonntag

Am fünfzehnten Sonntage.

In der vorigen Woche hat’s bei uns Zank gegeben und zwar zwischen Vater und Mutter. Das soll sonst selten vorkommen, denn es ist, wie der Rocherl sagt: „Die Mutter thut, wie’s der Vater anschafft, und der Vater schafft an, wie’s die Mutter haben will.“ Diesmal hat aber das Männchen recht behalten, das heißt —. Recht behalten hat jedenfalls die Frau, er hat nur zufällig seinen Willen durchgesetzt.

Die Sache hat sich so begeben. Aus dem Untergaithal sind zwei Bauern gekommen, denen sich auch unsere Nachbarn Schragerer und Kulmbock beigesellt hatten. Sie traten um die Mittagsstunde so feierlich ins Haus, daß wir alle miteinander erschraken. Sie brachten eine Zumutung mit, wie eine solche kaum je an einen Bewohner dieser Hütte gestellt worden war. Man will den Adam Weiler, insgemein Adamshauser im Almgai, zum Landtagsabgeordneten wählen. Ob er die Wahl annehme? fragte der Kulmbock.

Eine Weile verstand sie der Adam gar nicht. Dann aber legte er seine flache Hand aufs Knie, wie er gerne that, wenn er etwas mit Nachdruck sagen wollte, und sagte sehr leise: „Männer, was fällt euch denn ein? Ich soll ein Landbote werden!“

„Das ist wohl wahr auch,“ meinte der Kulmbock. „Der Adam hat hart’ Zeit, wo jetzt der eine beim Militär ist und der andere die schlechte Hand hat!“

„Daran denke ich nit einmal,“ sagte der Adamshauser. „Ich taug’ auch sonst nit für so was. Ein alter Almbauer, der nichts weiß, der sein Lebtag nit viel weiter gekommen ist, als bis Kailing hinaus. So einer kennt sich wohl zu wenig aus. Man versteht’s ja nit, was die Leut’ jetzt machen auf der Welt. Na, das thät wohl zum Lachen sein.“

„Grad derowegen, grad derowegen!“ rief der Schragerer. „Just weil du dich nit kümmerst um die andern, just weil du so heimständig bist, brauchen wir dich. Wir wollen keinen schicken, der in der großen Politik dreinredet, die ändern wir Bauern so wie so nit. Wir wollen auch keinen Herrnbauern schicken, der sich etwan mit dem Großgrundbesitz zusammenthäte. Wir schicken einen, der ein altgesessener Bauer ist, der alten Brauch und alte Wirtschaft halten will, weil unsere Äcker und Wiesen auch die alten bleiben und weil wir uns nach unserem Sommer und Winter richten müssen und nit nach dem, wie anderswo das Wetter ist. Du bist einer, Adam, der selber arbeiten muß wie ein Knecht, der’s an sich selber spürt, wie’s uns Bauern geht. Hätt’ der Mittelbauernstand nit alleweil lauter Großbauern in die Landstube geschickt, so kunnt’s auch anders sein. Das muß eine Veränderung nehmen. Einer, der sich um nichts kümmert als um Wirtschaftssachen, der ist uns der liebste. Und deswegen haben wir halt an dich gedacht, Adam.“

Dieser saß da und schlug die Hand auf den Oberschenkel. Sagen that er gar nichts.

„Es ist wohl wahr,“ redete der Kulmbock wieder drein, „wenn sich einer schon gar nit auskennt, das ist halt auch hart. Nit, daß ich mein’, der Adam hätt’ den Kopf nit dazu. Aber zu gut ist er, zu gut. Das muß ein harter Kloß sein, der in der Landstube was ausrichten will. Das muß ein Steinharter sein, den wir schicken. Sakerment noch einmal, Heugabeln friß’ ich nit!“

Der Schragerer schaute den Kulmbock an: „Nachbar, du thust ja abreden. Wegen was sind wir denn da?“

„Wo red’ ich ab!“ wies der Kulmbock den Vorwurf zurück, „aufmerksam machen muß man einen Menschen doch. Und auch, daß er sich um wen schaut daheim für die Wirtschaft, derweil er aus ist.“

Der Schragerer zum Adam: „Du wirst etwa meinen, daß es nicht geht, wenn du wochenlang vom Haus fort sein mußt. Du weißt aber doch, daß der Abgeordnete eine Entschädigung bekommt. Davon kannst du dir derweil einen tüchtigen Wirtschafter halten und bleibt noch was übrig. Schau, dir und uns allen thust was Gutes, wenn du annimmst. Du hast einmal unser Vertrauen. Im ganzen Gai heißt es: Kein Besserer als der Adamshauser. Sagst uns: ja, so ist deine Wahl so viel als sicher. Geh’, Adam nimms an!“

„Nimm’s an, Adam!“ setzte der Kulmbock bei. „Ich mein auch, daß du genug Stimmen kriegen wirst. Will den Leuten schon auch zureden. Man sieht doch wie nötig es ist, daß wir einen ganzen Kerl schicken, einen ganzen Kerl, der sich auch was zu sagen traut! Nit?“ Er blickte herausfordernd um sich.

Stand jetzt mein Hausvater schwerfällig auf, wendete sich schräg gegen die Wand hin und murmelte: „Gar nichts sag’ ich drauf.“

„Also, du nimmst an?“

„Aber saggra — nein!“ rief der Adam.

„So sauber!“ sagte der Kulmbock. „Am Ende bös auch noch sein!“

„Bös! Was soll denn ich bös sein!“ hierauf wieder der meinige und warf die Arme auseinander. „Kann mich ja g’freuen! Kann mich ja g’freuen. Aber thun thu ich’s nit. Mein Lebtag nit!“

Er setzte sich auf den Holzblock in den Herdwinkel und hub an, schwer zu atmen.

„Mein Gott, er hat ihn schon wieder!“ jammerte die Hausmutter. „Wenn er halt in die Hitz’ kommt, da hat er gleich den Lungendampf. Es ist wohl ein heiliges Elend auf der Welt!“ Hernach vertraulich zu den Abgesandten: „’s wird ja eh nit auf der Stell’ sein müssen, daß er zusagt. Laßt’s nur Zeit ein paar Tag. Er wird’s überlegen. — Gelt, Vater, du wirst es überlegen?“

Der hatte jetzt ausschließlich mit dem Atmen zu thun. „’s ist halt ein Kreuz, wenn ein Mensch so krank ist!“ bedauerte der Kulmbock. Die Männer wünschten ihm baldige Besserung und wollten in zwei Tagen wiederkommen.

Als sie fort waren, bereitete die Hausmutter das Hexenkraut. Und als die Atemnot hierauf nachgelassen hatte, begann sie ihn zu bearbeiten. Weil er selber nichts aus sich zu machen weiß, so muß halt sie wieder einmal anschieben. Man hat ihnen gerade gern zugehört.

„Müßtest wohl ein Lapp sein, wenn du so was thätest ausschlagen?“ sagte sie zum Hausvater.

„Jawohl,“ entgegnete er, „das kunnt sauber werden! Kunntst du gleich alleweil hinter mir stehen mit dem Kraut, im Landtag, wenn mich beim Reden der Lungendampf anpackt.“

„Geh, wird nit so hitzig werden mit dem Reden. Wo die meisten Landboten, wie man hört, die ganz’ Wochen lang dasitzen wie die Stummerln. Wirst grad du dich strappazieren.“

„Na freilich wird der Mensch ruhig sitzen bleiben, wenn er hört, daß alles gegen seiner ist. Daß sie nichts als neue Sachen und alleweil nur neue Sachen aufbringen wollen, bei denen der Bauernstand zu Grund’ geht. Da verschlagt’s oft gar einem andern die Red’, der gut auf der Brust ist.“

„Na, so red’ halt gar nichts,“ riet sie. „Wenn’s eh nichts hilft. Dein Geld kriegst doch.“

Jetzt schaute er sie an. Das war stark. Der Blick war stark. So einen hatte ich bislang an meinem Hausvater nicht gesehen.

In etwas sänftiglicherem Ton sagte sie: „Wer Kinder hat, soll’s nit verschmähen. Macht doch allerhand Bekanntschaften dabei, die man einmal zu brauchen haben kann. Denk’ an den Valentin. Wer weiß, ob du für ihn nit was thun kannst, wenn du Landbot’ bist. Denk an den Franzel. Der wird auch nit alleweil im Almgai bleiben wollen.“

„Warum denn nit! Wir sind seit undenklichen Zeiten verblieben auf dem Hof.“

„Mein Gott, wenn er sein Glück anderswo finden kann —“

„Bleiben soll er!“ rief der Hausvater heftig. „Und mit deinem dummen Reden kannst mir aufhören. Mit deinem schlechten Reden! Sich wählen und zahlen lassen dafür, daß man dabei seinen eigenen Vorteil sucht!“

„Uh du lieber Gott! Den werden andere wohl auch suchen. Deswegen sitzen sie ja drinnen, daß sie ihren Vorteil suchen.“

„Bieg’ mir die Worte nit um, Weib! Ob einer den Vorteil für seinen Stand oder für sein Haus sucht, das wird wohl ein Unterschied sein. Nit?“

Vor Aufregung zitterte er. Da hoben sich seine Achseln, es hob sich seine Brust. Wieder die schreckliche Not — und heftiger als je.

Die Hausmutter that sehr gelassen beim Herde um, als sehe sie’s nicht. — Er soll nur ein wenig zappeln, mochte sie denken, geschieht ihm recht. Warum giftet er sich so in die Hitz’ hinein, wegen Sachen, die sich gar nicht auszahlen.

Er hielt seinen Mund über den Rauch des knisternden Krautes, aber der Krampf wollte diesmal nicht nachlassen. Erbärmlich rang er um das bißchen Luft, die Stirnadern, die Halsadern schwollen ihm zum Bersten, die Lippen zuckten, die Augen traten hervor.

„Jesus Maria! — Rocherl!“ schrie die Hausmutter. Der erschrockene Bursche langte von der Wandstelle die Weihekerze, um sie anzuzünden. Die Barbel lief zum Brunnen um frisches Wasser. Mit dem labte sie ihn und sagte dabei fortwährend: „Vater! — Vater! — Vater!“

Er tastete nach ihrer Hand, krampfte die Finger in ihren Arm: „O Kind!“ —

Unbeschreiblich betrübt sah er sie an. Tropfen hingen an seinen Wimpern.

„Du — du bist mein liebes Kind!“ sagte er endlich aufatmend. Es war ihm leichter geworden.

Von dieser Zeit an sprach meines Wissens die Hausmutter nichts mehr davon, daß er sich in den Landtag wählen lassen soll. Nach zwei Tagen kam der Kulmbock nachfragen, ob der Adam es sich überlegt hätte.

Sie antwortete: „Es ist gescheiter, du redest gar nit mehr mit ihm. Schad’ um jedes Wort.“

„Ich hab’s ja gleich gesagt,“ rief der Kulmbock fast fröhlich aus. „Müssen wir halt einen andern suchen. Und wenn sich doch etwan ein Nachbar dazu sollt’ hergeben, so wird ihm der Adam wohl die Stimm’ zuwenden. Ich laß ihn grüßen.“

Nach diesen klugen Worten ist der Kulmbock mit sehr würdigen Geberden davongetrottet. —

Weißt du aus der Schule her noch etwas vom Palmsonntag? Wie der Herr, einen Palmzweig in der Hand, auf dem Esel in Jerusalem eingeritten ist. Das hat weitere Folgen. Heute bin ich mit einem großen Buschen Felberzweige auf der Achsel in Hoisendorf eingezogen. Das heißt man hierzulande Palmesel sein. Von jedem Hofe haben Bursche solche Buschen herbeigetragen und der Kurat hat sie in der Kirche geweiht. Dabei hatte sich eine sehr dramatische Scene abgespielt zwischen dem Priester und dem Schullehrer. Es war eine Prozession um die Kirche herum; als sie wieder zum Thore hineinzogen, schlug der Lehrer dem Kuraten vor der Nase das Thor zu, so daß dieser laut schreiend im kalten Winde stehen bleiben mußte, während es die Gemeinde stumpfsinnig geschehen ließ. Na, das ist doch stark, denke ich in meinem Kirchenstuhl, das geht zu weit. Wie ich zum Lehrer eilen will, der noch am geschlossenen Thore steht und mit dem Geistlichen draußen disputiert, merke ich, daß sie lateinisch reden. Wenn sie lateinisch reden, dann hat’s weiter nichts auf sich, und ist es richtig eine kirchliche Ceremonie gewesen, deretwegen sich der Knecht, der zugereiste, bei einem Haare tüchtig blamiert hätte. Der Auftritt soll wohl den Konflikt des Heilandes mit den Schriftgelehrten und Pharisäern bedeuten, die den Propheten und Seher zu aller Zeit aus ihrer Gemeinschaft verstoßen haben.

Allmählich schleicht sich mir bei solcher Umgebung ein klein bißchen Religion ins Herz. Du hast einmal den Ausspruch gethan: Bis der Mensch siebzig Jahre alt wird, lernt er Gott erkennen. Beim Bauernknecht dauert’s nicht so lang, ich versichere dich! — Ich bin auch schon in Stadtkirchen gestanden, um bittweise mit der Gottheit anzubinden. Es war nichts, sie fand mich nicht und ich sie nicht. Wenn man aber in Dorfkirchen steht, da steht man nicht lange — man kniet nieder. Die gläubigen Beter ringsum, man fühlt sich mit ihnen in einer leidenden Einheit. Die kirchliche Passionstrauer, die heute begann, hat etwas Berückendes, man muß es nur sehen, wie die armen, kummervollen Menschen sich den heiligen Geheimnissen hingeben. O nein, die Religion ist durchaus kein überwundener Standpunkt, wie manche meinen, sie ist Natur, gehört zur Menschennatur, wie das Lieben und das Hassen.

Nach der Messe, die heute nur unter gedämpftem Orgelton stattgefunden, schritt der Lehrer leise von Bank zu Bank und teilte an die Leute „Palmzweige“ aus. Der Tolpatsch, warum er meine Barbel übersehen hat?

Auch sie hat ihr Gesicht von ihm abgewendet, ganz hinter dem Pfeiler ist sie gesessen. Sind ja sonst doch einmal so gut miteinander gestanden. So viel ich merke, liest sie auch keine Bücher mehr von ihm. Gegen mich ist der Lehrer etwas ungleich. Manchmal, als hätte er einen Groll, und heute hat er mir doch einen der schönsten Zweige in die Hand gegeben. Was soll ich denn damit anfangen? Den großen Buschen, den ich getragen, hat die Hausmutter nachher auf dem Dachboden unseres Hauses verwahrt. Im Sommer, wenn die Wetter blitzen, legt man — sagt der Rocherl — davon in die Herdglut und der aufsteigende Rauch treibt aus den Wolken die böse Macht davon.

Wofür nur soll ich meinen Zweig aufbewahren? Wäre es schon die Palme für das Märtyrertum? Oder soll der Palmsonntagszweig mich schützen vor einer bösen Macht? O Barbel! Was wird das werden im Sommer, wenn die Wetter blitzen?

Aus dunklem Mittelalter grüßt dich, Freund, wie ein kleines, rotes Lichtlein ein Menschenherz.

Sechzehnter Sonntag

Am Ostersonntag, das ist der sechzehnte des Jahres.

Mein lieber, treuer Freund!

Willig füge ich mich dem Vorschlage, in meinen Briefen den Inhalt der deinigen nicht weiter zu berühren. Du willst einheitliche Stimmung haben in den Berichten aus dem Adamshause. So was wie ein Roman! Weiß man’s? Das wäre so etwas! Im Buche läse es sich vielleicht ganz hübsch, in Wirklichkeit ist es manchmal verdammt unbehaglich.

Zeige mein vertrauliches Tagebuch nur nicht her. Es würde mich für alle Zukunft unmöglich machen. Höchstens drucken lassen, wenn du willst. Da glaubt’s kein Mensch. — In dieser vergangenen Charwoche, wenn ein paar feingebildete Herrschaften hier gewesen wären, oder gar die Redakteure der „Kontinental-Post“! Die hätten einen Brocken gehabt für ihren Witz! Wie Vandalen hätten sie gewirtschaftet in diesem mystischen Reiche.

Die Charwoche ist hier ein großes, einziges Weihefest. Alle weltliche Absicht der Arbeit tritt zurück, aller häuslichen Beschäftigung wohnt eine wundersame Stimmung inne, von der die Weltleute draußen keine Ahnung haben. Hätte ich in meiner Kindheit nicht selbst von diesem Blute Muttermilch getrunken, ich könnte es nicht begriffen, nicht bewundert, nicht verehrt haben, wie den letzten Gruß einer versinkenden Welt. Lache mich nicht aus, Philosoph, manchmal weht es wirklich noch hier wie eine Auferstehung von den Toten. Von längst zur ewigen Ruhe gegangenen Menschen streichen die Seelen umher. — Schon am Montag ist das hölzerne Kruzifix vom Wandwinkel gehoben und auf den Tisch gestellt worden. Abends setzten wir uns allemal an den Tisch und der Rocherl oder der Franzel las ein Stück aus der Leidensgeschichte, die mit großer Ehrerbietung angehört wurde. Erst dann genossen Vater und Mutter den ersten warmen Bissen des Tages. Dabei sind sie in einer Hochstimmung, die manchmal an Verzückung gemahnt. Wie hätte ich das geglaubt! Am Gründonnerstag hatten wir ein größeres Abendmahl von Mehlspeisen und Brunnenkreß-Salat. Nach demselben gingen wir zum Brunnen und wuschen uns die Füße. Und da sah ich, wie die Burschen barfuß über den Rasen hinschritten, der überall schon grünt. Und auch die Barbel that dasselbe, mir schien aber, als berühre sie den feuchten Boden nicht, als schwebe sie wie eine Seele, die nicht erlöst ist. Du meinst, dieser Rasengang werde zur Erinnerung an den Ölberggang des Heilandes geschehen sein. Aber da ist wieder eine jener Stellen, wo das Volk mit seinem Christentum Sprünge macht. Wer am Antlispfingstag (Gründonnerstag) mit nacktem Fuß auf grünen Rasen steigt, den kann im folgenden Sommer kein „Donner derschlagen“. Am Freitag und Samstag saßen wir in der Kirche. Die Fenster, die Bilder sind mit blauen Tüchern verhüllt, das große Kruzifix ist mitten in der Kirche auf den Boden hingelegt und die Leute knieen daneben nieder, neigen sich zur Erde und küssen die Nägelwunden. Kein Glockenklang, kein Orgelton. Während der Geistliche leise murmelnd die geheimnisvollen Ceremonien verrichtet, schlägt von Zeit zu Zeit die Charfreitagsklapper an.

Spät abends am Freitag war’s, in der dunklen Stube daheim, daß mein Adam, sich allein wähnend, am Tisch kniete vor dem Kruzifix, im tiefen Gebete versunken. Und mir schien, ich hätte ihn schluchzen gehört. — Ein schweres Anliegen muß der Mann haben, aber ich komme nicht dahinter.

Und am Samstagmorgen gab’s in Hoisendorf etwas Lustiges. Während der Meßner auf dem Turm anstatt der Frühglocke die große Klapper läutete, lief der Jagdaufseher der nahen Herrschaftswaldungen wie rasend um die Kirche, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie, man möge das verdammte Klappern sein lassen, sonst gäbe es ein abscheuliches Malheur.

Der Lehrer stellte ihn darob zur Rede und war es also das. Der Mann hatte seit Tagen mit vieler Mühe im nahen Forst auf der Tanne einen Auerhahn festgewartet. Und siehe, die Ahnung Nimrods ging in Erfüllung, die Klapper hatte das Tier verscheucht — ein paar Tage vor der Jagd! — Vielleicht wirst du nächstens einen Gesetzentwurf der löblichen Jagdvereine lesen, daß aus Rücksicht für jagdliche Interessen in der Charwoche nicht mehr geklappert werden darf.

Hat ja doch auch für die in der Osternacht angezündeten Freudenfeuer von der Jagdherrschaft die Bewilligung eingeholt werden müssen. Das gemeinsame Feuer ist auf unserer Höhe veranstaltet worden, auf der sogenannten Kulmplatte, oben hinter dem Schachen. Die Burschen des Almgais hatten schon tagelang gebaut an dem Holzstoß, und als zu Hoisendorf die Auferstehungsfeier vorüber war und der Ernst der Fastenzeit, die Trauer der Passionswoche sich ganz plötzlich in Freude und ausgelassene Lustbarkeit verwandelt hatte, kam von weit und breit alles zusammen auf diese Höhe. Es war eine laue Vollmondnacht, der Boden schneefrei und auf den dicken Ästen der alten Wettertannen saßen die Musikanten. Sie hatten Erlaubnis zu blasen nach Herzenslust, denn auf unserem Berge giebt es dies Jahr weitum keinen Auerhahn.

Der Rocherl, der Franzel und ich waren natürlich auch hinaufgegangen. Doch war der Bursche mit der durchschossenen Hand, die er in der Binde trägt, viel zu betrübt für ein Freudenfeuer. Alles Jauchzen und Pfeifen und Pöllerknallen hat’s nicht vermocht, daß er den Scherzen anderer Burschen und den Schelmereien junger Weibsleut’ hätte stehen mögen. Da war ein ausgelassener Strick dabei, den hießen sie den Saufüssel. Sein wahrhaftiger Schreibname. Es soll der alten Marenzel ihr Sohn sein. Dieser Junge hat zwar die Osternacht sehr lustig angefangen, aber sehr ärgerlich beschlossen. Er konnte sich nicht genug thun an unpassenden Ausdrücken und rohen Späßen. Die Männer lachten bisweilen dazu, die Dirnlein jedoch flohen seiner mit Abscheu. Er aber haschte nach ihnen und neckte sie mit unflätigen Dingen. — Das große Feuer auf der Kulmplatte loderte voll grauenhafter Pracht in den dunklen Nachthimmel auf. Dabei sang man Osterlieder, die zum Teil einen so weltlichen Sinn hatten, daß manches Maidlein sich die Ohren zuhielt. Die Burschen thaten springen und ringen und machten helles Geschrei. Nebenhin waren mehrere kleine Feuer angezündet worden, über die sie in hohen Sätzen sprangen. Einer trachtete dem andern schalkhaft kleine Hindernisse zu bereiten und die Unterliegenden wurden mit Kohle gezeichnet, maßen man ihnen die Nasen anschwärzte.

Auch mein Rocherl mischte sich, von mehreren Seiten gelockt, endlich unter die Heiteren und der Saufüssel eiferte ihn an, über ein Feuer zu springen. Dieweilen man nicht mit den Händen, vielmehr mit den Beinen springt, so war er bereit. Während er ausholte, zog der Saufüssel unbemerkt eine schwarze Schnur — der Rocherl sprang, stolperte und wäre mitten in die Flammen gefallen, wenn ich nicht zufällig in der Nähe stehe und ihn auffange. Der Saufüssel schlug über seinen großen Witz ein grelles Gelächter an — wir dachten einigermaßen anders.

„Es ist zwar die heilige Osternacht,“ sagte ich, „aber etwas knechtliche Arbeit wird mir doch erlaubt sein.“

Darauf habe ich den Saufüsselbuben hergenommen.

Es sei ja nur ein Spaß gewesen, versicherte er flehend.

„Es ist ja auch das nur ein Spaß,“ sagte ich und waltete scharf. Der Racheengel waren zu Dutzenden da, besonders weibliche. Anfangs hielt ich es für eine mildere Entwickelung, als der Missethäter den Dirnen überlassen wurde, bald jedoch mußten Männer schlichtend eingreifen, um ihm das nackte Leben zu retten. Erdrosseln, zerreißen wollten sie ihn. „Den lieben Adamshauser Rocherl, der eh die wehe Hand hat, ins Feuer haspeln! Werft ihn selber hinein, den Wichtelbalg, das Krotmaul!“

Na nu, die können’s auch, die jungen Furien, wovon einige nicht bloß gereizt, sondern auch reizend waren. Auf unsere Fürbitte hin haben sie sich schließlich damit begnügt, dem Saufüssel die Hände auf den Rücken zu binden, die fetzigen Haare zu versengen und das Gesicht zu schwärzen. Darauf haben sie ihn, wie Hunde den Hasen, über die Höhe hingejagt und ist er nicht mehr gesehen worden.

Mein Rocherl war nun der Gegenstand wärmster Teilnahme. Und da habe ich bemerkt, wie dieser Junge, dessen sanfte Trauer um die verlorene Hand einen völligen Verklärungsschein um seine klassische Schönheit legt, der Abgott aller Dirnlein ist. Und der Schlingel weiß es gar nicht, wie mich dünkt. Oder es ist ihm einerlei. Davongelaufen ist er ihnen.

Als wir dann mitteinander nach Hause gehen und die weite, mondbeschienene Berglandschaft so himmelsfriedlich vor uns daliegt, da sagt der Junge plötzlich und in einem unbeschreiblich traurigen Tone: „Wie schön ist doch die Welt!“

„Ja, wer sie gut zu fassen weiß,“ antworte ich.

Schweigend gehen wir nebeneinander dahin. Es scheint ein paarmal, als wollte er etwas sagen. Und thut’s doch nicht.

Endlich thue ich wieder den Mund auf: „Jetzt kommt die schöne Frühlingszeit.“

Er schüttelt leicht das Haupt. Dann bleibt er stehen und lehnt sich an einen Baum.

„— Rocherl! — Rocherl! — Ist dir etwas? Was ist dir denn?“

„Hansel —“ sagt er leise und stockt wieder.

„Was ist dir, Rocherl?“

Da atmet er fast laut und sagt mehr in den Baum hinein als auf mich her: „Die Barbel hat geweint...“

— — — — — — — — — — — — — — —

Die Barbel hat geweint.

Was ist denn das? — Die mit sieben Schlössern zugeschlossene Barbel. Die so plaudersam, so lustig gewesen sein soll in früherer Zeit. Vor Erscheinung des zugereisten Knechtes. Und gesagt haben soll, für traurige Leut’ hätt’ der Himmel keine Ofenbank. Die hat geweint? Wann? Warum?

Der Bursche hat weiter nichts gesagt.

Wir kamen zu unserem Hause. Er reichte mir die Hand, was er sonst nie zu thun pflegt. Es war, als hätte er durch das Anvertrauen des Geheimnisses mich zu seinem Freund erhoben.

„Gute Nacht, Hansel!“

Nicht eine halbe Stunde werde ich geschlafen haben in dieser Osternacht.

Die Barbel hat geweint....

Siebzehnter Sonntag

Am siebzehnten Sonntage.

Ich nenne dich nicht mehr. Du bist es ja. Ich schildere weiter. Der Osterjubel ist verrauscht. Das war wie ein klingender knallender Springbrunnen aus diesen Menschenherzen. Christ ist erstanden und das Frühjahr ist da! Natürlich ein tausendstimmiger Freudenschrei zum Himmel.

In den Thälern, auf die wir niedersehen, liegt ein Wiesengrün, wie es die Maler nicht zuwege bringen, weder die alten, noch die modernen. Es fehlt ihnen dazu das wahre Freilicht, das Licht der freien Natur. Zwischen den Wiesen hin gießen die braunen Bäche, in denen der einst so weiße Winter zu Thale fährt seit Wochen. Im Hochgebirge hinten, wir sehen es so schön über den Almen stehen, rührt sich noch nichts. Dort alles staar. Und wenn über unserem Gai die warme Aprilsonne leuchtet, ist über jenen Höhen ein graues, halb durchsichtiges Schneegestöber.

Was wir jetzt mit den Wiesen und Weiden thun, auf denen Gras wachsen soll, das ist eine reizende Sache. Sie werden gewaschen, gekämmt, gefüttert und getränkt. Das Füttern geht voran, soweit der Dung reicht, dann streichen wir den Rasen mit dem Rechen ab, krauen alles dürre Zeug und Geschütte weg und machen den Boden glatt vor Steinwerk und Maulwurfshaufen, daß er wie ein gebügeltes Tuch daliegt an der Lehne hin. Nun leiten wir aus der Schlucht Wasser in einer Rinne oben am Raine hin und schlagen von Stelle zu Stelle Schärtlein aus, daß die Wasser tagelang niederrieseln und sich glitzernd ausbreiten über den Wiesenboden. Aber es kommt nicht zu Thale. Der Boden saugt das Nasse gierig ein, die Stoffe lösen sich und zwischen den fahlen Grasresten des Vorjahres sprießen jung und spitz die grünen Gräslein auf. Dieses Berieseln mit dem Wasser ist ein liebliches Spiel und noch immer mehr Bach habe ich mit der Haue aus der Schlucht hervorgeholt, um die durstige Wiese zu begasten. Hat sie genug, dann macht sie ihre Millionen kleinen Mäuler zu, das Wasser rieselt wie ein schimmernder Schleier zu Thale und wir schütten die Rinne zu.

Mein Hausvater ist gestern mitten im Hofe gestanden, hat zu dem Giebel aufgeschaut und den Kopf geschüttelt. Was denn das ist, daß sie heuer noch nicht da sind? Heißt es doch: „Zu Maria Verkündigung kommen die Schwalben wiederum.“ Das ist kein gutes Zeichen, wenn dieser Glücksvogel ausbleibt. Um den Hoisendorfer Kirchturm hat der Adam ihrer schon gesehen tanzen. Und zum Adamshaus wollen sie nicht mehr kommen? Was soll das bedeuten?

„Vater,“ rede ich ihn an, „wenn Ihr nach Schwalben ausseht, so kann ich Euch schon aus dem Traum helfen. Die Schwalben werden immer seltener erscheinen und endlich gar nicht mehr.“

„So wär’ der jüngste Tag nicht weit?“ fragt er.

„Der jüngste Tag wird kaum daran Schuld sein, wenn unsere lieben Zugvögel ausbleiben, wohl aber die Vogelmassenmörder.“ Und habe ihm dann erzählt, wie man in Dalmatien, in Südtirol, in Italien die durchziehenden Vogelscharen fängt und vernichtet.

Ganz sprachlos hat er mir zugehört, die Hände ineinander geschlungen, so stand er da und sagte schließlich: „Immer einmal kommt’s einem wahrhaftig vor, unser Herrgott schläft.“

Wenn er bloß schläft, dann wird er ja wieder aufwachen, dachte ich. — Heute schleichen sie noch auf Socken an der Himmelsthür vorüber und sind froh, wenn er schläft. — Ob der Mensch nicht einmal mit rasender Faust an das Thor pochen wird, um ihn zu wecken?! —

In dieser Woche, wenn wir bei Tisch zusammen saßen oder in der Arbeit nebeneinander zu thun hatten, habe ich manchmal dem Mädel verstohlen an die Augen geguckt. Es sind die sanften großen Kindesaugen wie immer. Ein ganz besonderer feuchter Glanz ist wohl in ihnen. Vielleicht hat der Rocherl das für ein Weinen gehalten. Auch sie schaut manchmal zum Hausgiebel auf. Es sind ja die Meisen, die Finken da. Ist ihr das nicht genug? Ein einsamer Spatz ist auch da. — Manchmal kommt’s mir gottlos an, ich möchte das Mädchen ein wenig beleidigen. Ich möchte sie einmal zornig sehen, und wäre sie’s gleich auf mich. Jemandem so ganz und gar nichts zu bedeuten, das ist auf die Länge schwer zu ertragen.

Am Ostermontag ist der Jäger Konrad in unser Haus gekommen, der auf den Rocherl geschossen hat. Gar höflich trat er ein, ohne Gewehr, ohne Gemsbart oder andere Jägerhoffart; allein die Hausmutter begrüßte ihn mit den Worten, es wäre ihr lieber, wenn sie seiner von hinten ansichtig würde.

Ob der Rocherl daheim wäre, fragte er fast demütig.

„Der Wildschütz?“ darauf die Hausmutter giftig, „der wird wohl mit der Büchsen im Wald sein. Wo denn sonst?“

Alsogleich setzte der Hausvater gemütlicher hinzu: „Von der Kirchen ist er noch nit heim.“

Der Jäger ging hinaus und setzte sich im Hof auf den Kopf des Brunnentroges. Wir beguckten ihn durch das Fenster und ergingen uns in Mutmaßungen, was das zu bedeuten habe. Ob er nicht etwa dem Rocherl noch etwas anthun wolle? Oder ob er am Ende dienstlos geworden wäre? Vielleicht vom Jagdherrn abgesetzt, weil er auf Menschen schießt.

In diesen Gegenden wird am Ostersonntag von jedem Hause aus ein Korb mit Rauchfleisch, hart gekochten Eiern, Weißbrot und geschnittenem Meerrettich in die Kirche getragen, wo solche gute Sachen, wie eine Woche vorher die „Palmen“, die Osterweihe empfangen. Mit diesen geweihten Speisen wird das Ostermahl eröffnet und fremde Besucher, die während der Osterzeit ins Haus kommen, werden mit einem Teller dieses Aufgeschnittenen bewirtet. Nun sagte der Adam zu seinem Weibe: „Mutter, gieb dem Jager ein paar Schnitten Osterfleisch hinaus!“

Für diesen Wunsch hatte sie nichts, als einen Blick der Entrüstung. Den Todfeind ihres Sohnes bewirten? — Dann aber mochte ihr der Gedanke kommen: Über geweihte Sachen soll der Christenmensch seinen Haß nicht spinnen. Sie holte aus dem Kasten den Fleischkorb hervor, sie holte einen blumigen Teller und begann aufzuschneiden. Das war gar nicht karg, die braunen Spalten des Rauchfleisches, die Scheiben der Eier, die gelblichen Brotschnitten, die lockeren Späne des Krenns darüber füllten beinahe den Teller. Sie wollte ihn schon heben und hinaustragen, da zuckte ihr die Hand zurück. — „Nein, so was kann unser Herrgott nit verlangen.“

Sie hat den gefüllten Teller in den Kasten gestellt, den Kasten abgesperrt, den Schlüssel in den Sack gesteckt. — Recht hast, Mutter, mußte ich ihr zudenken, das ist Rückgrat.

Der Jäger saß immer noch draußen und wartete. Einmal stand er auf, hielt seinen Mund vor das Brunnenrohr und trank. Dann setzte er sich wieder hin und wartete. Endlich kam er daher, der Rocherl, in seinem grauen, grünverbrämten Feiertagsgewand. Im grünen Hutbande stak ein Sträußlein frischer Brimmeln, die er im Thale gepflückt haben mochte. Vielleicht auch ließ er sie sich von jemandem schenken. Den rechten Arm trug er in der hellroten Tuchbinde.

Der Jäger ging ihm bis zur Hofplanke entgegen.

„Ich wart’ schon auf dich,“ sagte er.

„So!“ antwortete der Bursche, ohne stehen zu bleiben.

„Wenn du dich ein wenig hersetzen wolltest, Rocherl. Ins Haus mag ich nit hineingehen. Hätt’ halt was zu reden mit dir.“

Der Rocherl setzte sich einigermaßen widerwillig auf den Brunnentrog.

„Schau, Rocherl, ich —“ so begann der Jäger, „ich habe dich fragen wollen. Wie geht’s dir mit der Hand?“

„Das siehst du ja,“ antwortete der Rocherl und schwenkte den Arm in der Binde. „Wie soll’s denn gehen? Ein Loch hat sie halt.“

„Ist die Kugel heraußen?“

„Wahrscheinlich. Weil’s jetzt einmal zuheilen thut.“

„Kannst sie schon brauchen, die Hand?“

„Nit abbiegen laßt sie sich.“

„Thut’s noch weh?“

„Das glaub’ ich. Voraus bei der Nacht.“

„Wenn nur einmal das Blei heraußen ist!“ meinte der Jäger. Dann schwieg er still und schien, wie es mir, dem Lauscher, vorkam, nach passenden Worten zu suchen. Und nach einer Weile: „Es ist wohl saudumm, daß es so hat sein müssen. Ich hab’ am vorigen Samstag für drei Monat meine Löhnung bekommen.“

„Ist eh recht,“ sagte der Rocherl. „Zu den Feiertagen braucht der Mensch immer Geld.“

„Nit deswegen, Rocherl. Weißt — schau — ich hab’ dich um was bitten wollen. Im Wirtshaus — kannst dir denken — g’freut’s mich nimmer. Das Kartenspielen auch nit. Für den Tabak langt’s so noch aus.“

„Hast recht,“ sagte der Rocherl.

„Schau, du solltest deine Hand halt doch von einem ordentlichen Arzt untersuchen lassen. Ob das Ding wohl auch richtig heraußen ist. Daß du kein Krüppel wirst. Denn, wenn’s nit heraußen wär’ —. So hab’ ich mir gedacht, es ist meine Schuldigkeit, daß ich —. Gelt, Rocherl, du bist mir nit bös deswegen.“

Den Ballen seines blauen Sacktuches wickelte er auseinander und da ist ein Geldtäschlein zum Vorschein gekommen.

Der Rocherl stand schnell und zornig auf.

„Mein lieber Konrad! Was ich schon gelitten hab’ um diese Hand, das ist nit zu zahlen. Und was ich noch werd’ leiden müssen! Glaub’s schon, daß es dich jetzt stiert. Daß mein ganzes Leben verspielt ist! — Steck du dein Geld nur wieder ein.“

Er ließ den Jäger sitzen und ging rasch ins Haus.

Jener hat noch eine Weile hergeblickt auf dieses Haus, ist dann durch die Hoflücke hinaus und über die Matte davongegangen.

Also habe ich gesehen, daß unser Rocherl der Sohn seiner Mutter ist. Wenn die Herren vom Walde glauben, hinterher mit Geld alles gut machen zu können — bei den Leuten im Adamshaus kommen sie schlecht damit an. Hier gilt nicht jedes Geld. —

Habe ich dir schon geschrieben, daß statt meines spröden Adams der Kulmbock zum Landboten gewählt worden ist? Seine Antrittsrede beim Kirchenwirt war kurz, aber stark: „Na, die sollen sich g’freuen! Wenn ich einmal anheb’! An mir kommt keiner vorbei! Wenn sie glauben, die Herrschaften, daß sie mich mit dem Viehsalz abfüttern werden! Na, gute Nacht. Mit mir werden sie nit viel zu lachen haben. Die Schlamperei muß ein Ende nehmen. Bei mir, wenn sie verhandeln wollen, kommen sie an den Unrechten. Daß sie’s nur wissen. Schuhnägel friß ich nit!“

Das ist der derbe, klobige Kulmbock. Wir werden uns auf was Großartiges gefaßt zu machen haben bei diesem Abgeordneten. Schuhnägel frißt er nit! Der geht auf keine Kompromisse ein. Ja, Freund, wir schicken einen Wilden. Einen Urkerl aus der Waldbergscholle. —

Muß dir noch mitteilen, daß ich nächstens auf eine Woche delogiert werde. Schlafen muß ich dann in der Heuscheuer, wo es nicht übel ist und keine Stadtdame hat das aromatische Boudoir, wie Hansel der Knecht. In meine Apartements nächst den Ochsen wird der Michelmensch einziehen. Das ist ein doppelter, sagt der Rocherl, besteht aus dem Michel und der Michelin, und zusammen werden sie der Michelmensch geheißen.

Das alles ist so wunderlich und schwer ins „Milieu“ zu bringen. Ich habe einen großen Gedanken. Komm’ im nächsten Sommer in den Almgai. Da ist es frischer und urwüchsiger als in Südtirol, wo dir ja ohnehin die Hitze nicht behagt. Beim Wirt in Hoisendorf fehlt dir nichts und die Ferienfaulenzerei kannst du dir noch damit versüßen, daß du, im Baumschatten hingelagert, dem Adamshauser-Knecht bei seiner Rackerei zuschaust und dabei eine Havanna schmauchest. Mußt ihrer aber selbst mitbringen, denn die hiesige Trafik führt nur — starken Towack.

Achtzehnter Sonntag

Am achtzehnten Sonntage.

Jetzt sind sie da. Der Mai und der Michelmensch. Der erstere macht mich zu einem sehr reichen Manne. Jetzt, Alter, kann ich dich wahrhaftig einladen. Jetzt steht der Empfangssalon bereit. Sogar in unserer Hausstube heben auf Kästen und Truhen die gemalten Blumen an zu blühen, wenn zum Fenster hinein die Sonne draufscheint. Und erst gar draußen!

Es ist wohl sehr zu unrechter Zeit, wenn der Herausgeber der „Kontinental-Post“ jetzt Versuche macht, mich in die Stadt zu locken. Und er macht sie. Beehrte mich mit einem entzückend liebenswürdigen Brief. Es bedürfe einer weiteren Probe nicht mehr, schmeichelt er, den Beweis, daß ich ein Charakter bin, der Wort zu halten versteht, hätte ich ja glänzend erbracht. Alle Achtung! Ich möchte nur zurückkehren in das menschenwürdigere Leben der Kultur. Die Stadt liege jetzt wie in einem Paradiese da, mitten in ihren blühenden Gärten. Das glaube ich ihm aufs Wort. Hier haben wir ja auch ein Paradies und sogar einen Adam drin. Wenn nicht auch eine Eva. Ein Mann, so schreibt mein Stein von Stein, der mit so tapferer Selbstverleugnung für sein Fach praktische Studien gemacht, werde seinem Blatte doppelt wert sein. Der könne schließlich wohl auch mit Recht auf eine thunliche Gehaltserhöhung pochen und man würde kaum ermangeln, seinen etwaigen diesbezüglichen Wünschen zu entsprechen. — Wie schön doch dieser Vogel jetzt singt! So schön hat er noch nie gesungen. Ich, natürlich, bin stockblind für meinen eigenen Vorteil und danke ihm bestens für das gütige Interesse an meiner Person, könne aber seinem väterlichen Rate leider nicht nachkommen, weil meinem Dienstherrn versprochen worden sei, das ganze Jahr bei ihm zu bleiben. Übrigens ginge es mir nicht schlecht, hätte meiner Tage nirgends so viel gelernt, als hier, und auch nirgends so viel verdient! — Es wird ihm unendlich leid sein. Natürlich um die zwanzigtausend Kronen. —

Der Michelmensch hat es sich allerdings nicht ganz so einrichten können. Der Michel ist in hiesiger Gegend über sechzig Jahre Bauernknecht gewesen, die Michelin sechsundvierzig Jahre Bauernmagd. Zwanzig Jahre lang sollen sich die zwei geliebt haben — heimlich natürlich, am Fensterlein. Als ihnen das langweilig wurde und als das Gesetz allgemeiner Heiratsberechtigung kam, haben sie sich auch öffentlich zusammengethan und heißen seither der Michelmensch. Arbeitsfähig waren sie immer gewesen, erspart jedoch hatten sie sich gar nichts. Der Michel war ein Lump gewesen und hatte alle Sonntage nach dem Amte beim Kirchenwirt ein Seidel Wein getrunken. Die Michelin hatte ihren Jahrlohn ans Kind verbraucht. Ein Knabe war’s, der frühzeitig als Almhirte selbst sein Brot erwarb und in seinem elften Lebensjahre eines Tages bei plötzlich eingefallenem Schneegestöber erfroren ist. — Das der Lebensumriß dieser zwei alten Leutchen, die nun als Bettelleute von Haus zu Haus ziehen und in jedem der Höfe je acht oder vierzehn Tage verpflegt werden müssen. Dir ist das „Einlegerwesen“ wohl aus Morres Volksstück „’s Nullerl“ bekannt. Nun im Theater rührt es gelinde und macht guten Appetit fürs Souper. Hier jedoch —.

So ist der Michelmensch auch in das Adamshaus gekommen. Einen großen Buckelkorb, für den breiten Rücken eines Waldholzknechtes gebaut, haben die zwei so getragen, daß das eine Tragband ihm über die rechte Schulter, das andere ihr über die linke ging. Mitsamt den Handstecken hatte dieser „Michelmensch“ somit sechs Füße und vier Hände, zwei Köpfe und einen Korb. Recht gesprächig waren die kleinen, ganz eingeschrumpften Leutlein, als sie im Hause angekommen. Der Michel setzte sich behäbig wie ein alter Ausgedingler in den Herdwinkel, nickte beständig mit dem weißen Köpflein, schaute unverwandt seiner plaudernden Alten ins Gesicht und begleitete ihre Ausdrücke mit Mienenspiel, so daß er den zahnlosen Mund aufmachte, wenn sie lebhaft sprach, daß er seine Stirn runzelte, wenn sie sich über die Roheiten eines Nachbars beklagte, und sein runzeliges Antlitz gemütlich ins Breite zog, wenn sie die Mildthätigkeit einer Bäuerin rühmte. Die Michelin wollte sich im Hause gleich nützlich machen und langte überall zu, gleichsam als möchte sie den Adamsleuten die Güte erstatten, daß ihr Michel so warm im Herdwinkel sitzt und extra einen Mehlbrei bekommt, weil er bei Tische schon gar nichts mehr beißen kann.

Nachher haben sie sich in meiner Stallkammer eingeheimt. Die Michelin packte den Korb aus: Wollkissen, Hauspatschen, eine Menge von Schächtlein, Töpflein und Fläschlein, blankes Eßzeug, Nähzeug, Seife, Kerzenstümpfchen, Heiligenbildchen, Rosenkränze und anderlei Sächelchen. Alles mit großer Sorgfalt eingemacht und jetzt mit zärtlicher Liebe von allen Seiten betrachtet, ob wohl auch nichts Schaden genommen habe. Nie habe ich an Menschen eine so wahrhaft herzinnige Freude an ihrem Eigentume beobachtet, als diese zwei Bettelleute an dem Inhalte ihres Korbes hatten. Der Alte war geneigt, mit den Gläslein oder Krüglein kindisch zu spielen, sie nahm ihm die Dinge bald aus der Hand, reinigte sie mit einem Lodenlappen und that sie wieder in den sicheren Winkel des Korbes.

„Was glaubst denn, du Lapperl!“ sagte sie zärtlich schmollend zu ihm, „so ein Krügerl darf man ja nit z’samschlagen! Das gehört ja freilich wohl dem Hieserl, wenn er kommt.“

Da kicherte der Alte: „Kommt ja nimmer. Ist ja maustot, der Hieserl!“

„Geh, laß dich nit auslachen. Der Hieserl wird tot sein!“

„Haben ja seine Beinderln gefunden und eingegraben!“

„Du, Michel!“ drohte sie, „wirst gleich was fassen, wenn du nit still bist! Was weißt denn du? Bis der Flachs blüht, ist der Hieserl bei uns!“

„Wird schon sein, wird schon sein!“ gab der Alte zu. „Wenn du’s sagst, wird’s eh wahr sein.“ Und setzte weinerlich bei: „Schlaferig bin ich.“

Dann haben sie sich in einen braunen, über und über beflickten Lodenmantel gewickelt, sich ganz klein und eng aneinander schmiegend, nicht anders, wie das Vielliebchen in einer Mandelschale. Sehr bald hernach das melodische Doppelgeschnarche des „Michelmenschen“. — Vielleicht kommt wenigstens der Hieserl im Traume zur Mutter. Wie viele Jahre der Knabe schon tot ist, so hoch kann sie nicht rechnen. aber daß es erlogen ist, was die Leute damals sagten, als sie die Knochen des Hirtenjungen gefunden im Gebirge, das weiß sie, und daß der Hieserl kommen wird noch in diesem Sommer, bevor der Flachs blüht, das weiß sie ganz gewiß. — Da denke ich mir auch, bei so felsenfestem Glaubensreichtum muß es wirklich nicht schwer halten, ein „armes Leut“ zu sein. Das Nachtgebet, wenn ich mir hätte merken können, das die Michelin eines Abends laut gebetet hat. „Herr Jesus, komm bald, wir warten dein. Hau’ zu, hau’ zu, aber lach’ dazu. Schön Dank, daß du unser König bist, Herr Jesu Christ!“ So ähnlich. Ich bat sie am nächsten Tage, mir den Spruch wörtlich mitzuteilen. „Das geben wir nit her!“ war die Antwort und schnell stand ihr Rücken vor mir. So reich sind hier die armen Leute. Übrigens, ihm scheint manchmal bange zu sein und bisweilen kann man ihn murmeln hören: „Schlafen thut er zu lang!“ Der Herrgott nämlich.

Das sind jetzt die Gäste meiner Stallkammer. Der Adamshauser soll den Michelmenschen ordnungsgemäß acht Tage lang behalten. Da er aber merkt, daß die Einlegerleute gerne hier bleiben, weil sie nicht überall so gut behandelt werden, so hat er mich gefragt, ob ich ihnen die Kammer noch länger überlassen wolle. Ich würde ein schönes Vergeltsgott dafür bekommen. Ein Vergeltsgott wird hier hoch bewertet. Man legt’s in die Sparkasse auf die ewige Seligkeit. Die Adamshauserleute haben ihrer schon viele beisammen. —

Mein Verhältnis zu diesem Berghofe hat endlich auch eine Art bekommen. Ich bin verwendbar. Ich bin ihnen wirklich von Nutzen, sie sagen es schon offen und ich sage glücklich darüber: walt’ es Gott! — Jetzt habe ich keine Angst mehr, ich halte aus.

Kannst du mir nicht sagen, Philosoph, woher das Wort Arbeit kommt? Es heißt, in alten Zeiten habe dieses Wort soviel als Not und nötig bedeutet. Es kann ja sein, daß gewisse Leute nur dann arbeiten wollen, wenn sie die Not dazu drängt. Ich frage indes, ob das Wort Arbeit nicht von Arling (Pflugschar) oder Aren (Egge) kommen könnte und also ursprünglich nur solches Wirken ausdrückte, das mit der Erdscholle zusammenhängt. Erdbeuten, Erde ausbeuten, oder so was, wie es die Philologen manchmal so hübsch zu drehen wissen. Ich könnte dann sehr schön darthun, daß das Ackern der Grundbegriff aller Arbeit ist und mir damit ein besonderes Ansehen geben.

Seit Mitte April ackern wir. Als zuerst die Pflugteile: der Arling, das Sech, dann auch die Egge in Ordnung zu bringen waren, entdeckte ich in mir einen ganz brauchbaren Gesellen: den Schmied. Man lernt nichts umsonst. So habe ich den Arling geschärft, den Pfluggründel mit Ringen beschlagen und an den Rädern abgesprengte Reifen festgeschmiedet. Das gelang so gut, daß meinem Hausvater fast bange geworden sein soll, ich könnte nun mit Sonderansprüchen auftreten. Wenn der wüßte, wie gut mir das Dienstjahr bei ihm gelohnt wird!

Meine Schmiedleistungen waren wohl recht sehr am Platze, denn sonst hätte mir der erste Tag am Pfluge leicht den Dienst kosten können. Das mußt du dir vorstellen, Herr. Vorn an den Pflug sind zwei Ochsen gespannt, die vom Rocherl bei den Hörnern geführt werden. Hinten gehe ich drein, halte den Pflug bei den Hörnern und habe ihn so zu leiten, daß er den Rasenstreifen, etwa einen Schuh breit und einen halben Schuh tief, ausschneidet und umlegt. Das ist die Furche. Wird die Furche zu schmal genommen, so richtet man nichts aus, wird sie zu breit genommen, so hebt es den Pflug und der Arling kratzt seicht über den Rasen hin. Und dieses Festhalten in gleicher Breite, dieses Niedergründen, wenn der Boden seicht, sandig oder steinig ist, greift menschlich Fleisch und Bein höllisch an.

Zuerst hat’s mich so mächtig hin- und hergeschleudert, daß der Rocherl laut auflacht. Ganz hinten drein geht die Barbel mit der Haue, um die schlecht gelegten Furchen zu gleichen und vom Arling übersprungene Rasenteile umzuhauen. Je schlechter ich’s mache, desto mehr hat das Mädel zu thun. Du kannst dir denken, wie mich das spornt zur äußersten Anstrengung meiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten. So schauderhaft der Anfang gewesen ist, durch Fleiß und Übung gelang es — ich kann nun ackern.

Ein Bauernknecht, der ackern kann!

Und dieser Erdgeruch! Dieser köstliche Erdgeruch! Das haucht einem so frisch und kühl, so erdharzig ins Gesicht! Ich möchte dirs beschreiben und kann nicht. Als ob man von Rheinwein ganz leicht berauscht wäre, so herzhaft mutet das an, so herzhaft und urstärkend, wenn Erdsegen aufsteigt. — Dieser Lebenshauch, ich habe bisher keine Ahnung von ihm gehabt. Zum Aufjauchzen, so froh!

Auf steilen Feldern ackert man mit dem angedeuteten Hin- und Herfurchen natürlich von unten nach oben. Und während wir mit dem Pflug auf die Anhöhe kommen, rückt unten schon der Adam mit dem Säetuch dran. Und wie der ältliche Mann unbedeckten Hauptes in Demut und Würde zugleich über die braunen Schollen dahinschreitet und sein Korn der Erde opfert — so kommt mir das ganz weihevoll, priesterlich vor. Die erste Hand voll Korn, die er ausgestreut, hat er vorher andächtig emporgehoben zu seinen Lippen. Geküßt hat er die Körner wie ein Heiligtum! — So war mir noch nie bisher im Leben, als an diesen Tagen. Als ob ich heimgefunden hätte! Als ob der verlorene Sohn endlich wieder in seiner uralt heiligen Heimat wäre! Ja, Freund, ja, das ist der alte große Adelsstand. Zuerst der Gottschöpfer und gleich unterhalb sein Handlanger, der Bauer. Wer seine eigene Hand in die offene Furche der Erde legt, der muß dran glauben.

Nach dem Pflügen das Säen, nach dem Säen das Eggen, wodurch mit der „Aren“, wie man die Egge nennt, der Same ins Erdreich gekämmt wird. Dann lassen wir’s stehen. Lassen es stehen, stellen uns seitab an den Rain und beten um Regen und Sonnenschein. — Kein Mensch sieht sich mit seinem Thun und Lassen so unmittelbar auf Gott angewiesen, als der Landmann. Düngen, pflügen und säen, ja das kann er. Aber das ist all noch nichts. Das Korn, das er in die Erde gestreut, verwest und er ist ärmer, als vorher. Was nun anfängt zu geschehen und zu werden, das wird ohne sein Zuthun. Er kann nicht fördern und nicht hemmen, ganz ohnmächtig muß er zusehen, was da wird oder nicht wird unter der wechselnden Sonne, unter den träumenden Wolken des Himmels. Es ist wohl sein Anlaß, aber es ist nicht sein Werk. Und weil der rechte Bauer schon einmal nicht müßig sein mag und doch zur Förderung seiner Sache auch nicht weiter Hand anlegen kann, so legt er diese Hände aneinander: Vater unser! Gieb uns unser tägliches Brot!

Ich glaube, wenn der Bauer Atheist wäre, es könnte auf seiner Erde nichts mehr wachsen. Fromm glauben und gut düngen! — Und den alten Herrn mit dem weißen Bart und dem Dreieck über dem Haupte — laßt ihn uns stahn, ihr werten Weltweisen allsamt. Und sollte er schon nicht sein, so thut er noch in seinem Nichtsein den gläubigen Menschen mehr Gutes, als ihr in eurer körperlichen und geistigen Wesenheit selbander! —

Ich werde es übrigens bald erfahren müssen, daß wir das Gedeihen doch auch sonst noch fördern können. Wir werden in nächster Woche schon mit der Haue über das junge Feld gehen und die Erdklumpen klein schlagen; wir werden das Unkraut jäten, wir werden den grünenden und reifenden Acker vor den äsenden Tieren schützen bis zu dem Tage, da mit klingender Sichel die Frucht darf in Empfang genommen werden.

Der zugereiste Knecht trägt jetzt ein äußerst grobes ungebleichtes Rupfengewand vom Valentin. Luftig ist es. Auch die anderen Mannsleute der Gegend tragen des Werktags solche Leinwand am Leibe; die Hoffärtigeren pflegen es sich in Kailing blau färben zu lassen, daß man den Erdstaub dran nicht so sollte merken können. Rock brauchen wir keinen mehr. — Loses Linnen über den Gliedern. Wüßtet ihr, was das für ein prächtiges Tragen ist! Wie sich’s drin frei atmet, kühl arbeitet und ungebunden lebt! Wenn die vornehmen Leute sich einmal bewußt würden, was für ein Unglück ihr Modegewand ist! Wenn sie diese unglaublichen, diese tragisch komischen Fesseln inne würden! Durch solche glatte, farbgetränkte, zwei- und dreifache Futterale kann auch keine Krankheit und keine Sünde ausdunsten. Bleibt alles drinnen. Ihr Städter thut geringschätzig über die Hemdärmeln. Wem vor dem Hemdärmel graut, dem graut vor dem Arm. Vor der Hand Arbeit. Merkst du, wie das wieder ähnlich klingt: Arm-bieten, Arm-beiten, Arbeiten.

Hierin verstehe ich unser schönes Mädel nicht. Sie trägt noch immer ihre wulstige Winterjoppe. Der Hausmutter ist das auch nicht recht, ihr hat die Barbel aber gestanden, sie hätte das kurze Sommerjackel der armen Lucknerin geschenkt, daß dieselbe ihrem kleinen Kinde eine Wiegendecke daraus machen könne. Die Bettelleut’, wenn sie kommen, richten es gerne so ein, daß sie die Barbel im Hause treffen. Da soll allemal am meisten abfallen. Und sonst auch. Das Mädel versteht gütig zuzuhören, wenn sie ihre Nöten klagen. Und wenn sie dazu ein gutes Wort sagt, ein teilnehmendes, trostreiches, so ist das ein Almosen für sich. Es wird wohl so sein, wie mein Adam einmal gesagt hat: Das Teilgeben ist schon gut und das Teilnehmen ist noch besser.

Der Michelmensch, der doppelte, ist auch vernarrt in dieses Mädel. Besonders er steckt ihr manchmal ein Sträußchen junger Maßliebchen zu. Das muß er freilich hinter dem Rücken seiner Alten thun. Weil aber die alten Weiber auch hinten Augen haben, so ist es die Michelin einmal gewahr worden, was der Michel heimlich thut und hat ihm ein abscheuliches Wetter gemacht. Darunter ist das abgedörrte Alterchen ordentlich aufgethaut. Kannst dir denken, wie das einem Achtzigjährigen wohl thut, wenn er noch imstande ist, bei der Eheliebsten Eifersucht zu erregen. Und daß das Mädel diesem ihrem neuesten Buhlen ein besseres Auge zeigt als mir, mag ich schließlich nicht verwinden.

Von der Mailuft, die über unseren Bergen weht, kann ich gar nicht genug bekommen. Am späten Abend noch, während die Pflugochsen im Stall ihr Heu fressen — als Arbeiter bekommen sie jetzt natürlich besseres Futter, denn im Winter als Faulenzer — sitze ich gerne im Freien auf der Wandbank und betrachte es, wie am Firmament die Sternlein sich allmählich anzünden und vom Graben herauf die Wasser lauter werden. Und da habe ich mehrmals beobachtet, wie der Rocherl Sträußlein bindet mit großer Mühe seiner linken Hand, wie er damit an das Hausfenster hinschleicht und den Strauß ans Fenster der Barbel steckt. Am nächsten Tage sind die brüderlichen Liebesopfer welk, da bringt er frische. Und das Mädel hat die Blümlein des alten Einlegers schier lieber, als die des Bruders.

Und einmal, in der Abendstunde, steht der Rocherl beim Kirschbaum und flucht alle Flüche, die ihm einfallen. Und die ihm nicht einfallen, möchte er mit den Zähnen zerreißen.

„Was du für ein absonderliches Abendgebet kannst, Rocherl!“

Er stößt sich die Faust an die Stirn: „Zu Grund’ geh ich!“

„Schmerzt dich die Hand so arg?“

„Die Barbel!“ schreit er auf.

„Die Barbel? Deine Schwester? Ist ihr was?“

„Jeden Zugelaufenen hat sie lieber als mich!“

„Jeden Zugelaufenen? Wer ist damit gemeint?“

„Das weiß ich schon!“

Sollte er mich —? Kaum denke ich das, so stürzt er mir an die Brust, stöhnt, gröhlt und bringt endlich die Worte hervor: „Weil ich sie gern hab’! — Umbringen muß ich mich!“

Alfred! In meinem Leben bin ich selten noch so erschrocken, als jetzt. Wenn es wäre, daß dieser junge glühende Mensch eine Leidenschaft nährte zu seiner Schwester!

Den abscheulichen Augenblick habe ich sofort in Spaß gebeizt.

„Am Ende, Rocherl!“ sage ich in komisch gespielter Entrüstung „am Ende hast du mit dem Mädel eine Liebschaft. Nachher wird gerauft! Und den Alten töte ich auch. Was hat er ihr Blumen zuzustecken! Das Mädel gehört mein. Sie mag mich zwar nicht, und dich auch nicht, aber gerauft wird doch. Haderlump! Prügel kriegst, weil sie uns nicht mag. Und ich krieg’ ihrer auch, deswegen. Und auf meinem breiten Buckel haben mehr Platz, als auf deinem Forellenrücken. Nachher kann sie uns Schusterpech auflegen, das die Prügel wieder herauszieht.“

Grell aufgelacht hat er. Dann sagt er ruhiger: „Du hast leicht Spaß machen. Ich weiß schon, wen ich meine.“ Dann ist er in sein Bett gegangen und die Wasser haben gerauscht im Thale.

Neunzehnter Sonntag

Am neunzehnten Sonntage.

An diesem Briefe, mein Freund, werde ich wohl zwei Sonntage zu schreiben haben. Nicht, weil die Finger steif geworden sind. Nicht, weil ich jetzt lieber im Freien herumstreichen möchte, als gebückt über der Truhe zu sitzen. Ein anderer Verzug ist vorhanden. Es ist lang und es geht tief. Wenn’s nur ein Roman wäre und ich ein Romanschreiber. Gott, wie nett! Aber es ist ein Schicksal und ich bin ein armer Mensch.

Daß wir etwas Bedenkliches im Hause haben, ahnst du. Oder bist du noch nicht auf schlimme Gedanken gekommen? — Ein halbverlumpter Städter geht, um eine Geldsumme zu gewinnen, zu den Bauern, prahlerisch, hinterlistig. In einem Gebirgshause bei schlichten herzensguten Leuten, wo er in Vertrauen und Treue aufgenommen wird, verführt er den Liebling aller, die einzige Tochter und Schwester, ein engelschönes, schuldloses Kind. Sie thut sich Leides an, Vater und Mutter vergehen vor Gram und der Abenteurer kehrt — nachdem er die Familie im Bauernhause zu Grunde gerichtet hat — zur Stadt zurück, um seine Wette einzustreichen.

Wäre das nicht packend und modern?

Nein, es ist schlecht und grausam, solche Ungeheuerlichkeiten auch nur zu denken. — Es ist aber auch eine ganz niederträchtige Hoffart, zu sagen: Bei mir weit entfernt davon! Es waren Augenblicke der Gefahr, daß Gott mich verlassen könnte! — Aber darf der Gerettete denn jubeln, wenn er andere in Not, vielleicht in Schuld steht?

Doch, das muß alles hübsch in Ordnung vorgebracht werden, sonst wirst du mir kopfscheu. Mein ältester Bekannter in Hoisendorf ist, wie du weißt, der Schullehrer Guido Winter. Derselbe, der im Januar mir das Adamshaus gewiesen hat und mich dann nicht wollte heraufsteigen lassen. Hernach hat’s eine Spannung gegeben und nun ist alles klar. Der Mann ist etwa um zehn Jahre jünger als ich. Nicht gerade der Hübscheste. So blatternarbig, daß der Rocherl sagt, er müsse mit dem Gesichte auf einem Rohrstuhl gesessen sein. Dazu linkisch und ungeschickt, ein bissel unterthänig und ein bissel stolz und ein bissel eigensinnig und hat noch besondere Sachen. Im ganzen ein frischer Kerl. Wir kommen an Sonntagen zusammen und Plaudern. Ich besuche ihn schon seiner Bücher wegen und weil er mir die Zeitung vermittelt, die übrigens nur deshalb für mich noch einen gewissen Reiz hat, weil sie im Adamshause eine verbotene Frucht ist. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis, wenn ich geistreich sein wollte. Doch heute habe ich dir wichtigeres zu sagen.

Mehrmals schon hatte ich bemerkt, daß der Lehrer hinterhältig gegen mich ist. Natürlich, er kann ja auch aus mir nicht klug werden. Er kennt sich nicht aus bei diesem zugereisten Knecht und ich habe bislang Bedenken getragen, ihm meine Geschichte mitzuteilen. Nun kommen aber nach und nach allerhand Geschichten zusammen, eine hängt an der andern wie in Tausend und einer Nacht, und sind noch so viele Wochen! Was das für ein Ende geben wird — der Himmel weiß es!

An diesem schönen Frühlingstage, als ich nach Hause will, hat sich der Lehrer mir angeschlossen. Er müsse einmal ganz extra mit mir gehen, vorgenommen habe er sich’s schon lange. Da ist mir schon so etwas aufgefallen. — Wir gehen nach dem Wasser hinein, wir gehen aber nicht den Berg hinauf. Wir steigen in die Klamm und durch das Hochthal weiter bis zum Almboden, wo jetzt neben Resten von Schneelawinen aus dem grauen Gefilze des Vorjahrs endlich auch das feine frische Gras hervorsticht, gelbliche Primeln stehen, die dünnständigen Lärchen grünen und in roten weichen Zäpfchen blühen. An den Berglehnen ragen stellenweise graue Steinknorze hervor und aus dem Hintergrunde des Hochthals leuchtet eine zerrissene Felswand. Wenn ich zeichnen könnte! Pah, die Landschaften bleiben ja stehen. Die Menschen müßte man zeichnen!

Zuerst, glaube ich, haben wir von Adams Franzel gesprochen, dem Schulknaben. Ein aufgewecktes Köpflein, sagt der Lehrer. In den Schulgegenständen nicht gerade der erste, aber voller Aufmerksamkeit und Beobachtung für Tiere, Pflanzen, Steine. Die Bücher langweilen ihn, wo er aber frei denken und Schlüsse ziehen kann, da ist er der ganzen Schule über.

„Den müssen wir wohl in die Stadt zu bringen trachten,“ setzte der Lehrer seiner Schilderung bei.

„Hören Sie mir auf mit der Stadt!“ rief ich drein. „Was soll er denn in der Stadt? Dort giebt’s ohnehin schon gescheite Leute genug. Lasset doch auch ein paar kluge Köpfe bei den Bauern daheim. Da haben sie schon auch ihre Nüsse zu knacken und ist wenigstens ein Kern drin. Wenn alle begabten Leute davonlaufen, dann ist es wohl kein Wunder, daß geschieht, was geschieht.“

„Es geschieht auch, wenn sie dableiben,“ sagte der Lehrer. „Es geschieht, weil es geschehen muß. Und da möchte man doch die intelligenteren Kräfte möglichst auf einen besseren Boden retten, ehe sie in den Einöden verkommen und elendlich zu Grunde gehen.“

„Ich habe selbst einmal ähnliches geschrieben,“ sagte darauf der zugereiste Bauernknecht übereilt. „Das heißt, wie man so seinen Freunden schreibt. Aber jetzt denke ich anders. Das Geheimnis der Scholle! Die Heimatserde!“

„Heimatserde,“ sprach der Lehrer auflachend. „Das sind alte Sachen. Für den Trödelmarkt.“

„Ist das Ihr Ernst? Dann hätte ich, mit Erlaubnis, meine Meinung darüber. Sie haben wohl auch schon über die Nationalitätenfrage nachgedacht, die heute alle Welt beschäftigt und Reiche erschüttert. Gut. Nun sagen Sie, um was geht es denn eigentlich hier? Um Nationen? Gewiß ja. Aber noch mehr um die Erdscholle. Sie lachen, wenn Sie hören, daß die Nationalitätenfrage eine geographische Frage ist.“

Er lachte wirklich und ich fuhr fort: „Würde es sich bloß um die Nation handeln, lieber Gott, die in aller Welt zerstreuten Deutschen könnten leicht zusammen kommen, wenn sie ihre Scholle aufgeben, ihren Erdbesitz mit Slaven oder Franzosen, die an ihrer Stelle sitzen, umtauschen würden. Ein moderner Bismarck brauchte bloß die Landkarte herzunehmen und die Völkerteile einfach wie Schachfiguren zu verschieben.“

„Das ist nicht möglich!“ rief der Lehrer aus.

„Es ist so unmöglich,“ sagte ich, „daß ein ähnlicher Vorschlag im Ernste kaum jemals gemacht worden ist. Und warum ist es unmöglich, weil die Menschen an ihre Scholle gewachsen sind, weil die Völkerfetzen an ihrer angestammten Erde kleben.“

„Sie meinen also, daß der Einzelne fester an seiner Scholle hängt, als an seinem Volke?“

„Wie Figura zeigt.“

„Ein Frevel, das auszusprechen!“ rief der Lehrer entrüstet.

„Darüber müssen Sie einen andern zur Rechenschaft ziehen. Den, der die Menschennatur so und gerade so gemacht hat.“

„Der natürliche Mensch ist Nomade und nicht Schollenhocker.“

„Und der Kulturmensch kann nur bestehen und sich vervollkommnen, wenn er an den Boden genagelt ist. Und daß der Boden, der Heimatsboden, ewiges Eigen eines und desselben Volkes bleibe, darum handelt es sich vor allem bei diesem Weltkampfe.“

„Wenn es also gerade auf diese Heimständigkeit ankäme,“ warf der Lehrer ein, „dann müßte ja der berufsmäßige Schollenmensch, der Bauer nämlich, der größte Kulturmensch sein!“

„Und wenn er es wäre! Und wenn das Landleben inmitten all der Bedingungen, die des Menschen Bedürfnisse decken, ohne ihn zu verwöhnen, zu erschlaffen, wirklich eine höhere Kultur wäre? Höher als etwa das Fabriksleben mit seiner socialen Not und Unzufriedenheit; als das Kaufmannsleben, das rastlos die Güter der Welt hin- und herschiebt, damit die Reichen aller Länder übersättigt werden können von den Produkten, bei deren Herstellung die Mehrzahl der Menschen Mangel leiden und verkommen muß!“

Mit einiger Verblüffung schaute mir der Lehrer ins Gesicht.

„Und deshalb,“ so schloß ich meine Betrachtung, „kann man’s nicht verstehen, warum in unseren Tagen der angestammte Kulturmensch seinen Boden verlassen soll und ihn wirklich verläßt! Und wie sogar Dorfschullehrer dazu die Hand bieten können! — Nein, der Bauernlehrer soll seinen Kindern Tag für Tag das Vaterunser und den Erdsegen vorbeten.“

Hierauf er: „Sind wir Lehrer dazu da, daß wir Bauern machen? Wir unterrichten die Kinder, damit sie, der Zeit gewachsen, ein gutes Fortkommen finden können.“

Fortkommen! Ja, Donnerwetter, wohin denn? Ich glaube fast, Herr, Sie wollen mich ärgern mit Ihrem Witz!“

„Aber Gott, nein!“ rief er mich am Arme packend. „Ich bin nur voller Staunen. Über Ihren Witz!“ Und dann mit plötzlicher Gereiztheit: „Mir fällt es heute ja nicht das erste Mal auf, daß der Knecht des Adamshauses wie ein Professor spricht. Was ist denn das? Das ist ja ganz verdächtig. Da muß man doch endlich einmal fragen nach dem Heimatschein. Wenn es hier herum etwas auszukundschaften gäbe —“

„So könnte ich ein Spion sein, meinen Sie?“

„Bei meiner Ehre, ja! Ein natürlicher Bauer sind Sie nicht, wenn Sie auch noch so groß von ihm sprechen. Nein, nein, Hans, da mögen Sie sagen, was Sie wollen.“

„Meinen Sie?“

„Jetzt ist’s mir zu dick. Sie gehören nicht in den Almgai. Sie haben Ihre besonderen Gründe, sich hier aufzuhalten!“

„Und ob ich sie habe!“

„Soll ich Ihnen sagen, weshalb Sie manchmal so eifrig die Zeitung durchschauen? Sie suchen Ihren Steckbrief!“

„Na nu, Schullehrer, das wird stark! Da könnten Sie sich ja gleich den Ergreiferlohn verdienen!“

Die gute Ruhe, mit der das Wort gesagt war, hat ihn doch wieder stutzig gemacht. Und er lenkte ein: „Ich meine ja auch nicht, daß —. Ein Spitzbube möchte kaum harte Arbeit machen in einem Bauernhofe, monatelang. Aber wissen möchte ich doch, was dahinter ist.“

Er stand mitten auf dem Wege still, griff sich mit beiden Händen an meinen Jackenflügeln fest und fragte: „Jetzt sagen Sie es mir offen, Hans Trautendorffer, was suchen Sie da oben? Sie sind ein verkappter Stadtmensch, Sie haben Ihre Gründe, warum Sie sich im Adamshause aufhalten! Mit Verstattung, was suchen Sie da oben?“

Sein rotes Gesicht war noch röter geworden, um seine Augen hatten sich Wulste gebildet, als wären sie verschwollen, dazwischen stachen die Blitzer ganz kurios hervor. Ob solcher Heftigkeit kam mir der Trotz und ich schwieg.

„Werden Sie es sagen?“

Was denn? Warum sollte ich es ihm am Ende nicht anvertrauen. War’s denn eine Schande? Hatte ich mich nicht doch vor falschem Verdacht zu retten? — Nein. Bei solcher Art zu fragen, antwortet ein Hans Trautendorffer nicht.

„Also, Sie sagen es nicht, was Sie da oben festhält?“ sprach er nachgerade drohend.

„Aber natürlich nicht.“

„Gut. So werde ich es Ihnen sagen.“

„Nun?“

„Das Mädel gefällt Ihnen!“

„Das Mädel? Mir?“ — Kunstpause.

„Das Mädel wollen Sie haben!!“

„Mein Gott, Schullehrer,“ darauf die Antwort, „warum sollte ich das Mädel nicht haben wollen? Was ginge denn das Sie an?“

„Was das mich angeht, mein lieber Trautendorffer, das will ich Ihnen wohl sagen. Das geht mich gar viel an. Das Mädel ist mein!“ —

Und jetzt, Philosoph, übe dich eine Woche lang in Geduld. Fortsetzung folgt.

Zwanzigster Sonntag

Am zwanzigsten Sonntage.

Am vorigen Sonntage hast du deinen Freund in einem entlegenen Alpenthale stehengelassen, in Gesellschaft eines eifersüchtigen Nebenbuhlers. Er lebt noch. Er hat seither wieder eine Woche lang Korn eggen und Kartoffeln pflanzen müssen.

Aber es hätte gar nicht mehr viel gefehlt. Verliebt bin ich ja in dieses blöde Ding und habe es auch dem Lehrer nicht einen Augenblick verhehlt. Zwar nicht viel anders, wie man in eine Raphaelsche Madonna verliebt sein kann. Traue du der Liebe zu den Himmlischen! Zum Glücke sind, fatale Nachzüge abgerechnet, die bedenklichsten Jahre vorüber. Geschadet jedoch hat’s durchaus nicht, daß plötzlich der tolle Mensch vor mir stand mit dem Schrei: Das Mädel gehört mein!

Von diesem Augenblicke an gewann die Sache ein anderes Aussehen. Mancherlei wurde mir klar, jetzt ganz auf einmal. Was kann denn begreiflicher sein, als daß auch der Lehrer um dieses Lichtlein flattert. Und bei Sturm fliegt das sittsamste Flämmlein ins Dach. Schon vor Jahresfrist hat sie sich von dem die Augen küssen lassen, diese marmorkalte Maid!

Seinem Schrei also auf jenem Spaziergange bin ich ruhig gestanden. Er steht auch so da und scheint verwundert zu sein, daß ich nicht umfalle. Ich stehe immer noch und sage: „Sackerment, Lehrer, Sie haben einen guten Geschmack! Und dazu meinen Glückwunsch! Aber das will ich Ihnen auch sagen, wenn Sie das Mädel nicht glücklich machen, dann steinige ich Sie auf offenem Kirchplatz zu Hoisendorf.“

„Gut,“ antwortet er, und jetzt gehts schon ins Gemütliche, „wenn ich sie nicht glücklich mache, dann sollen Sie bei Nero, bei Diokletian, bei Iwan dem Grausamen und allen Inquisitoren Studien machen, wie ich am qualvollsten zu Tode gemartert werden könnte.“

„So ist es in Ordnung,“ sage ich, „Sie können sich verlassen. — Und nun soll es zwischen uns anders sein, meinen Sie nicht? Für Ihren Freimut möchte ich Vertrauen geben. Ihre Bedenken meinetwegen lassen es endlich hoch an der Zeit sein, daß ich mich Ihnen erkläre. — Wollen wir noch weiter ins Hochthal hinauf? Vielleicht lehnen Sie sich an diesen Ahornbaum, Herr Lehrer, denn sonst werden Sie wahrscheinlich umfallen, wenn Sie meine Geschichte hören. Sie meinen weiß Gott was für eine Romantik, wenn ein fünfundzwanzigjähriger Prachtkerl verliebt ist. Das ist gar nichts. Da giebt es andere Exemplare. Gucken Sie sich just einmal einen Zeitungschreiber an, der Bauernknecht wird — ein wirklicher hagebuchener Bauernknecht!“

Na, dann kam der geschichtliche Teil des Hans von Trautendorffer, dessen Ahn zur Hohenstaufenzeit den Reisenden die übermäßigen Lasten abgenommen hat. In neuer Zeit kam dann der elternlose Knabe, der zu nichts anderem gut war, als für die Grobschmiede im Dorf. Aus dem Schmiedejungen entwickelte sich der Schlingel, aus dem der Bäcker-Oheim den großen Gelehrten machen wollte und es kam der Tornister, in dem angeblich der Feldmarschallshut steckt. Durch all diese Wandlungen hat der junge Mann mit größter Geschicklichkeit den Weg verfehlt und trat also in die Gilde der Zeitungschreiber. — In dieser Epoche vertiefte ich meine Schilderung und zeigte den zweispältigen Gesellen, dessen Neigungen mit dem Berufe gar nicht übereinstimmen wollten, so daß eine altmodische Weltanschauung mit der großstädtischen Journalistik sich beständig in den Haaren lag. Und schloß damit, wie bei jener Wette der Rüpel den Federfuchser plötzlich unterkriegte, als eines Mannes Ehre dran hing, ein Jahr lang Ritter von der Heugabel zu sein.

Der Lehrer hatte mir mit wahrer Verblüffung zugehört. Als ich fertig war, machte er einige Schritte auf die Wiese hinaus, wieder zurück und sagte: „Was Sie mir da erzählt haben, Hans, es steht wahrscheinlich unter dem Strich?“

„Wie Sie wollen, Herr Winter; Sie sind zu nichts verpflichtet. Der Glaubenszwang ist abgeschafft. — Ich vermeinte Ihnen Aufrichtigkeit schenken zu sollen. Eine bessere habe ich nicht.“

Hierauf länger andauerndes Kopfschütteln seinerseits. Dann meinte er, es stimme ja eigentlich alles, und schüttelte mir die Hand.

Dieweilen waren wir sehr weit in die Wildnis geraten, an Felsen hin, wo graue Schuttriesen niedergingen in das Wasser, das hier unter dem Berge hervorquillt. Es ist der Ursprung der Rechen. Mir war völlig leicht ums Herz, daß ich nun wieder als maskenloser Mensch redlich dastehen konnte, wenigstens vor dem einen.

Der Lehrer jedoch war sehr nachdenklich geworden. „So ein Wasser,“ murmelte er und schaute ins Bächlein.

„Ein schönes, klares Wasser!“ setzte ich bei.

„Daß es immer so aus dem Berg herausrinnen mag! Immer und immer!“

„Immer und immer!“ sagte ich ihm nach.

Wir waren ganz träumerisch geworden.

„Haben Sie Ihr Geheimnis sonst niemandem mitgeteilt, hier?“ fragte der Lehrer.

„Sie sind mein ältester Bekannter in Hoisendorf, und — darf wohl sagen — mein jüngster Freund.“

„Wir sollten eigentlich du sagen zu einander,“ schlug der Lehrer vor.

„Na nu — grüß dich Gott!“

„Denn mit ihr bist du wohl auch auf du. Freilich kannst du nichts dafür, daß es bei den Bauern gleich so ist. Aber rasend werden hätte ich doch mögen, darüber. Ich gestehe dir’s offen.“

„Von jetzt ab, Bruder, wirst du kein Thor sein, gelt! Versprich mir’s. Es wäre zu dumm. Willst schon mir nicht trauen, weil ein Mann den andern kennt, so schau’ bloß sie an. Du mußt am besten wissen, wie gern sie dich hat.“

„Davon habe ich Beweise,“ murmelte er und sah jetzt auf die Berglehne hin.

Wir waren umgekehrt und gingen über die Matten hin, wo wieder Sonnenschein lag.

„Du mußt ja schwer getragen haben, an deinem Geheimnis,“ sagte nach einer Weile der Lehrer. „Siehst du, mir geht’s nicht besser.“

„Mir scheint, Guido, du hast auch etwas.“

„Jedem wird’s halt nicht so leicht, das Auspacken,“ entgegnete er. „Und wäre doch so glaublich! So verdammt glaublich, daß die Leute es gewöhnlich früher glauben, als man’s sagt.“

Das war so die Einleitung. Und es bedurfte einiger Lockreden meinerseits, bis die dunklen Dinge am Tageslichte standen. Du wirst mir schon verständnisinnig, Philosoph. Das ist bösartig von dir. So leicht soll’s dir nicht werden. Höre nur einmal die Historie von Guido Winter, Volksschullehrer zu Hoisendorf. Auch ein Stadtmensch, der auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Brotjagd ins Gebirge kam.

Soweit ganz regelmäßig, daß er kleinbürgerlicher Abkunft ist, eines Seilermeisters Sohn aus Lansach, und seine Studien kümmerlich vollendet hat bis nahe an die Grenzen des Doktors der Juristerei. Nun ist aber dieser Seilerssohn ein Strick, der sich nicht fügen will. Zwar wohl den Vorgesetztem aber nicht den Kollegen. Da hatte der Mensch, von des Gedankens Blässe angekränkelt und schief gewickelt, wie er stets war, die Dreistigkeit, bei einem Studentenkommerse folgende Rede zu halten: „Kommilitonen! Ich liebe euch unbändig. Was aber die Saufcomments und Mensurenrempeleien anbelangt, so sind dieselben nichts, als studentische Philisterei. Zum Trinken läßt sich kein Ochse kommandieren und schlagen mag sich, wer Schläge haben will. Ich nicht, hört ihr das? Mein Antlitz ist entstellt von Blattern, doch immerhin noch zu gut, als daß mir der erstbeste Raufsimpel seine Renommage hineinschnitzeln dürfte! Ich habe den Mut zu sagen, daß ich keinen habe!“ — Dieser Mut, keinen zu haben, war allerdings gefährlicher, als so ein paar Semesterpaukereien. Er ward verhängnisvoll. Die Studentenschaft hatte den Guido Winter natürlich sofort „gesteckt“. Als Ausgestoßener war er auch in der guten Gesellschaft der kleinen Universitätsstadt unmöglich, wo er durch Stundengeben bei dämlichen Hausherrensöhnen sich schlecht und recht fortgeholfen hatte. Er mußte die akademische Laufbahn aufgeben und sich ein anderes „Fortkommen“ suchen. Noch von Glück konnte er singen, daß es Volksschullehrerstellen giebt, wovon eine hinten, weit hinten im Almgai provisorisch ergattert wurde. Dreihundert Gulden Gehalt und „Naturalien!“ Sapperlot, war das ein Schwein! Und ein gesammelter Bücherschatz dazu. Und trotzdem wäre er verloren gewesen in den Einöden dieser Berge, wenn er nicht eines noch zu eigen gehabt hätte — die Jugend. In der ersten Zeit ging es ganz wohlgemut; je länger er in Hoisendorf saß auf dem kleinen Schulhause, desto fremder kam er sich dort vor. Dem Stadtkind fehlte der eigentliche Hang zum Lehrfache, es fehlte ihm das Verständnis für Ländliches und sein Sinn für das Volkstümliche erstreckte sich nicht viel weiter, als bis zu dem lieblichsten aller Bauerndirnlein. Als er nach Hoisendorf kam, saß sie noch in der Schulbank und hatte sauber in ihr Lesebuch geschrieben: Barbara Weiler. Sein erster Gedanke, als er sie sah: das ist ein herziger Fratz. Und später — ob sie mit ernsthaften Augen dem Lehrer die trautsamen Worte gleichsam vom Munde sog oder ihn wegen mancher Ungeschicklichkeit im Haushalte weidlich auslachte, oder ob sie ihm flink eine kleine häusliche Arbeit verrichtete oder irgend ein Buch von ihm entlehnte — wußte er schon passendere Bezeichnungen für sie. Als sie aus der Schule trat, riet er ihr, im Lesen und Schreiben sich fleißig zu üben. Demnach las sie manchmal so ein bißchen aus seinem Peter Hebel und Schiller und schickte ihm durch den Bruder Franzel die Bücher allemal mit einem artigen Dankbrieflein zurück. Ob bei diesem Bücherentlehnen die Dankbrieflein nicht Hauptsache waren? So hat sich das sachte angesponnen, sachte und arglos — und auf einmal war es da. Die erste Offenbarung war eine auffallende Befangenheit. Wenn sie sich am Sonntag sahen und begrüßten, wurde sie rot im Gesicht und er stolperte auf ebenem Platz. Na, ich werde dir etwas schildern, was seit Adam und Eva das gleiche ist! Aber es ist ja schrecklich merkwürdig, wie sie einmal im Mai an der Kirchhofsmauer gerade unter blühendem Holler zusammengerieten und er ihr in einem Kusse fast die Augen austrank. Das hatte der dumme Junge arg zu büßen. Von nun an mied sie ihn, wie die versengte Katze das Feuer und er wußte sich in der unsinnigen Feuersbrunst keine Hilfe. Den ganzen Sommer war — nach des Lehrers Aussage — nichts, als ein wildes Herz und ein dummer Kopf. Und dann im Frühwinter. Guido kommt von einer Lehrerversammlung in Kailing nach Hause, findet seine Stube warm geheizt, voll von Weibern und in seinem Bette liegt die Barbel! Liegt die Barbel fröstelnd und lachend. War das Mädel auf einem Gang zum Krämer über den vereisten Steg in die Rechen gefallen, zur knappen Not von einem Holzfuhrmann herausgezogen und in dieses nächstbeste Haus getragen worden. Freilich ist noch an demselben Tage der Adam mit einem Karren da, auf den die in ein halbes Dutzend Bettdecken gewickelte Barbel gelegt und mit zwei Ochsen bergwärts geführt wird. — Das hilft nichts, der Lehrer ist doch verrückt. Ein paar Tage später geht er hinauf ins Gebirge und kommt natürlich zum Adamshaus. Er möchte ein wenig rasten, aber er ist nicht müde. Er möchte sich ein bißchen wärmen, aber ihm ist nicht kalt. Da denkt er: Nachfragen bei ihren Eltern, wie’s ihr geht, ob sie sich schon ganz erholt hat, das schickt sich doch. Die Eltern waren nicht im Hause, sondern in der Scheune beim Futtermachen. In der Stube beim Spinnrad saß das Mädel. Ganz allein — mutterseelenallein ist sie dagesessen in der Stube und hat gesponnen. Zuerst hat er nichts gesagt, dann ist er auf sie zugestürzt: Lieb hab ich dich! Lieb hab ich dich! — Und ist wahnsinnig geworden.

Und soll es geschehen sein zur selbigen Stund’, daß sie sich voreinander nicht haben erwehren können.

So weit, mein Freund, hat er erzählt. Gegen Ende hin unsicher tappend, wie viel er verschweigen darf und wie deutlich er sein muß, um verstanden zu werden.

Wie bei diesem Bekenntnisse des Lehrers mir zu Mute gewesen ist!....

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Dann haben wir weiteres geplaudert. Was er für die Zukunft anzustreben gedenke? — Er denke nicht weiter, er wolle in Hoisendorf verbleiben. Doch wie das ein anderer über sich bringe, der nicht so dran sei wie er, das verstehe er nicht. Es sei halt doch wohl ein trauriger Winkel. Darum möchte er eben auch dem kleinen Franzel ein gutes „Fortkommen“ wünschen.

Nach dem inhaltsreichen Spaziergange waren an dem Berge die Schatten hoch hinaufgestiegen. Nur die Holzwände des Adamshauses leuchteten in der untergehenden Sonne noch und die Fensterchen funkelten glühend, als wäre das Innere voller Feuer.

Am Eschenrain trennten wir uns, der Lehrer ging thalwärts, ich bergwärts. Am Stege blieb er stehen und schaute mir nach. Es scheint, er traut mir doch nicht ganz.

Auf dem Bergwege blieb ich auch nicht allein. Der Jäger Konrad gesellte sich zu mir. Heute hatte er wieder Gewehr und Federbuschen.

Langsamer sollte ich gehen. Einen Kameraden möchte er haben.

Ich wäre jetzt lieber allein gewesen. Mit Jägern weiß ein Mensch nicht viel zu reden. Heute war’s anders. Dieser Jäger sprach seltsamerweise nicht von Hirschen, Hasen und Hunden, sondern von Menschen. Und zwar von meinem Rocherl. — Das Leben vergräme es ihm, dieses Unglück mit dem Burschen. Schon Schmerzensgeld habe er geben wollen, aber er nähme nichts an. Die eigene Hand könne er sich nicht abhauen lassen und hingeben für die zerschossene. Könne man das, so thäte er’s, Gott sei Zeuge. So oft er den Krüppel sehe, möchte er sich selber was anthun. Es sei ihm ganz abscheulich.

„Das habt Ihr von Eurem verdammten Schießen!“ fahre ich ihn an. „Muß denn allemal gleich geschossen sein? Und wenn auch so ein notiger Tropf einmal ein Stückel Wildpret erhascht, was liegt denn dran? O nein, Jäger, da hab ich ein weites Gewissen. Gegen Leute, die jährlich ein bürgerliches Vermögen für das Jagdvergnügen ausgeben können, habe ich ein weites Gewissen. Arme Leute einsperren oder gar zu Krüppeln schießen zu lassen, weil sie einmal ein Stückchen Braten wollen haben, das — wenn ich Edelmann bin — wäre mir, offen gestanden, zu lumpig.“

Da könne man nicht widersprechen, meinte der Konrad, doch ein Jäger habe seine Vorschriften. Er sei selber Diener. Er wisse es wohl. So herrisch manch ein Jäger vor Bauern und armen Häuslern sich aufblähe, vor dem Gnädigen biege er sich wie ein Radreifen und würge Brocken hinab, die kein Jagdhund annehme. Er habe es auch satt. Das ärgste sei ihm noch, daß er gehört habe, der Kulmbock wolle den Fall vor den Landtag bringen.

Jetzt ward mir erst helle, warum der Mann so demütig ist. Den Landtag fürchtet er und seine Herrschaft dürfte sich auch nicht darauf freuen. Heimlich, was das Zeug hält, nur keinen öffentlichen Skandal. So soll halt jetzt der Rocherl versöhnt werden, natürlich. — Es wäre brav von dem neuen Abgeordneten, daß er sich an die Aufdeckung der Waldlumpereien machen wolle! Mit diesem Trost habe ich den Jäger entlassen.

Noch immer war es heute mit dem Alleinsein nichts in diesen einsamen Bergen. Beim Hinaufgehen gegen unsern Hof fand ich auf der Brunnenwiese — hier hat nämlich jedes Fleckchen Boden seinen besonderen Namen — den Hausvater. Er saß auf einem feuchten Grashaufen und holte Atem. Weil die Kühe im Stall ohne frisch Futter sich nicht wollen melken lassen zum Abend, so hat der Alte die Sense genommen und war Gras mähen gegangen. Während der Arbeit hatte ihn wieder sein Übel angefaßt.

„Warum thut Ihr das, Vater, wenn Ihr einen Knecht habt!“ sagte ich. Er hätte es mir ja am Morgen schaffen können.

Darauf er in kurzen Atemstößen: „Vergelt’s Gott, Hansel. Der Sonntag gehört dein.“

Nachdem das Futter im Kuhbarren war, ging ich in meine Heuscheuer, um wieder einmal nachzusinnen über die dumme Welt. Dort vertreiben sie sich Zeit und Kraft übermütig mit Mensuren, Duellen, Rennen, Wettlaufen und Wildjagen, halten eine halbe Million müßiger Soldaten, und mein Adam muß sogar am Sonntage unter der Arbeitslast zusammenbrechen.

Philosoph, du kannst gelegentlich einen deiner Weltweisen fragen, wie lange das noch dauern soll.


Meinetwegen sollen sie sich lieben, die Beiden. Es ist ja alles Thorheit, Thorheit! Es ist eine dumme Welt. — —

Einundzwanzigster Sonntag

Am einundzwanzigsten Sonntag.

Revolution hat’s gegeben in dieser Woche, bei uns im Adamshause.

Es waren die Schuster da. Ihrer drei, der Meister mit der großen Glatze, der Geselle mit dem pechschwarzen Haarschopf und der Lehrjung mit dem fuchsroten Skalp. Aus den Kuh- und Schweinshäuten, die der Adam den Tieren abgezogen und der Nachbar gegerbt hat, wollen sie uns Schuhe machen fürs ganze Jahr. Im Frühjahre, meint der Hausvater, wären die Herren von Drahtzug am wenigsten übermütig, da hätten sie wenig Arbeit im Gai, da wäre ihnen nicht jedes Leder zu spröde, nicht jedes Garn zu ruppig, nicht jedes Schmeer zu ranzig und nicht jede Kost zu schlecht. Und dennoch beherrschen sie das Haus. Den großen Tisch haben sie an den Herd gerückt, den Gewandkasten an den Ausgußtrog. In dem also freigewordenen Raum sitzen sie nun mit ihren breiten Rundungen, jeder auf einem Dreifuß. Der Meister mit der Glatze schneidet auf dem Kniebrett das Leder zu. Der Geselle mit dem schwarzen Schopf haspelt über den nackten Ellbogen und den ausgespreiteten Fingern das Garn, spannt nachher die Fäden an den Wandhaken, um weit in die Stube hinaus den Draht zu ziehen. Wenn er mit seiner Pechsohle glättend dem von der einen Faust strammgespannten Draht entlang fährt, da dröhnt das ganze Haus. In großen Zubern ist altes Schuhwerk eingeweicht, überall riecht’s nach Leder, Pech und Schustern. Den Lehrjungen mit dem fuchsroten Skalp, den kenne ich schon. Er guckt immer schief an mir vorbei, denn ich habe in der heiligen Osternacht knechtliche Arbeit an ihm verrichtet. Das ist auch einer von solchen, denen alles zum besten anschlägt. Weil sie ihm damals das Haar versengt haben, kann ihn der Meister jetzt immer noch nicht beim Schopf nehmen. Nun möchte er gern der jung’ Schuster genannt werden, aber unser Rocherl heißt ihn den Saufüssel, als wie er von rechtswegen im Taufscheine steht. Der kann jetzt seine Ausgelassenheit an dem alten mausgrauen Schuhwerke üben. Mit der Zunge reißt er es auseinander, damit die noch brauchbaren Lederteile an den neuen Schuhen verwendet werden können.

Das war der Schusterherrschaft erster Tag. Am zweiten wurde schon tapfer ausgefahren nach links und nach rechts mit den aufgeärmelten Armen. Der durchs Leder fahrende Draht röchelt wie ein „steckkropfiger Bürstenbinder“ und die Schuster fluchen wie ein verliebter Husar. Das sind noch zwecklose Schuster, lieber Freund, die nageln noch nicht, die nähen.

Aus Anlaß der Schuster, die auch des Abends arbeiten, bis zehn Uhr, haben wir ein neues Licht bekommen. Das Spanlicht war ihnen zu rauchig, die Rübsöllampe zu „dumper“ gewesen. Die Unschlittkerze war zu schwach für sechs Augen, die mit der Schweinsborstennadel das Loch ins Leder finden wollten. Dieses Loch mochte mit der befetteten Ahle noch so gut gestochen sein, die Borste zuckte umher und traf es nicht, und daran war die „Funtzen“ schuld. Die Schuster huben an zu fluchen und verlangten Petroleumlampen, wie sie der Nansenbauer und der Kirchenwirt zu Hoisendorf haben. Da brachte der Adam zwei Glaskugeln daher, ich glaube, mit Wasser sind sie gefüllt, hing sie an beiden Seiten der Kerze auf und siehe, diese Reflexe verdoppelten das Licht. Der Schustergeselle war übermütig und fabelte von einer elektrischen Beleuchtung, wie sie in den Städten wäre. Unterbrach ihn die Hausmutter: „Bei uns auf der Bäuerei ist’s halt so der Brauch: früh schlafen gehen und früh aufstehen, da erspart man die teueren Sachen, und der Sonnenschein, den der Herrgott umsonst giebt, thut’s auch noch.“

Jedes bekommt jetzt seine Schuhe, die Mannsleute „grobgenähte“, die Weibsbilder „durchgenähte“, die einen mit auswendiger, die anderen mit verdeckter Naht, letztere besonders für Sonntagstracht. Der Rocherl wollte auch von der feineren, „durchgenähten“ Gattung haben, aber der Adam sagte: „Schamst dich nit?“ — Auch mir sind ein Paar „Grobgenähter“ angemessen worden. Als der Meister mit einem Papierstreifen das Maß nahm, spuckte er aus und sprach: „Das ist kein Bauernfuß!“

Bei Tische schwamm in dieser glorreichen Schusterwoche alles in Fett, das Kraut, die Klöße, der Sterz, der Brei, das Fleisch. Und auch die salbungsvollen Reden, die der Meister hielt. Einmal ging’s über den Nachbar Kulmbock her. „Der neue Landbote, sapermosthosen! Der wird’s schon machen! Der wird’s schon packen, das Ferkel beim Fuß! Der wird der Katz die Schellen schon anhängen, der! Die Dienstboten sollen wieder gezwungen werden für ein ganzes Jahr! Oder der Schandarm her! Der Bauer soll mit seinen Ochsen und Kindern thun können, was er will, sie in die Schul schicken oder daheim zur Arbeit brauchen. Die Bauerngründe sollen verkaufsweise nicht mehr auseinander gerissen werden dürfen, wie alte Hemdfetzen, wenn man Schuhlappen aus ihnen machen will. Ein Bauernhofbesitzer, wenn er verheiratet ist, soll nimmer Soldat werden, weil er eh daheim seinen Krieg hat. Die Jagd soll abgeschafft werden, weil es ungerecht ist, wenn der Hase den Kohl, und der Herr den Hasen frißt, dieweil der fleißige Bauer an den kahlen Krautstengeln nagen kann. Die Bauernsteuern werden verringert, weil die Herrenleut’ froh sein müssen, wenn ihnen der Bauer was zu essen giebt. Die Herrensteuer soll erhöht werden, denn warum, weil sie alleweil sagen, daß die Herren mehr wert sind als andere.“

Das ist des Kulmbocks Programm, in welchem der Schuster jeden Punkt mit einem lauten Lachen begleitete. Und so oft er während des Essens das breite Lachen ausstieß, ging ein leichter Sprühregen über den Tisch, so daß der Rocherl in einer seiner lustigen Anwandlungen zur Mutter sagte, sie möge das rote Parapluie hervorsuchen.

„Soll’s heut noch regnen?“ fragte der Meister.

„Es tröpfelt schon.“

Und der Schuster wieder über den Kulmbock: „Freilich, natürlich! Versprechen thut jeder, bis er drinnen sitzt. Nachher sitzt er halt und laßt sich zahlen fürs Sitzen auf dem Lederpolster. Nau, Kurschamadiener! Wenn der Kulmbock so viel besser macht, als was das Schwarze an meinem Fingernagel ist!“

„Man muß nicht so unbescheiden sein,“ war mein Senf drauf.

„Der Kulmbock ist schon recht,“ redete jetzt auch die Hausmutter drein. „Wenn’s wahr ist, daß er den Jäger Konrad will anzeigen. Wegen dem Rocherl seiner Wunden.“

Machte der Hausvater mit der Hand einen leichten Schlag in die Luft: „Was hilft das!“

Der Lehrjunge hatte bisher nur gegessen. Nun er satt war, regte sich auch in ihm der Zeitgeist.

„Und was soll denn für die Lehrbuben geschehen?“ gixte er.

Weil das überhört wurde, so ein zweitesmal:

„Geschieht für die Lehrbuben noch immer nichts?“

Der Meister that ein bedeutsames Kopfnicken gegen den Jungen: „Wart’ nur, es wird gleich was geschehen!“

Der Saufüssel duckte sich hinter den Gesellen und streckte die Zunge heraus. —

Es gärt, mein lieber Philosoph!

Und eines Abends, als wir schon alle in der Stube beisammen saßen, sprach ein fremder Mensch zu. Der gab sich für einen gelernten Schlosser aus. Der Hausvater meinte, die Schlösser wären im Adamshause ziemlich überflüssig geworden. Es seien drei Schuster da und zwei alte Einlegerleute, so wisse er nicht, wo der Reisende schlafen solle. —

„Aufs Jahr schlafen wir schon in seidenen Himmelbetten,“ sagte der Fremde, „alsdann so will ich diesmal aus Gefälligkeit noch einmal mit dem Stroh fürlieb nehmen. Zum Nachtmahl bin ich mit einem wohlgeschmorten Schweinsbraten zufrieden, wenn nichts besseres vorhanden ist.“

„Der Herr wär’ eh gut,“ spottete mein Hausvater.

„Ja, mein lieber Bauer!“ sprach der Fremde, „jetzt werden wir halt einmal aus einem andern Loch pfeifen. Wie es in der Bibel steht: Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein.“

Nun horchte der alte Michel auf, der im Ofenwinkel sein Abendsüpplein trank. Den Topf hielt er in seinen tatternden Händen, so horchte er hin und fragte dann seine Alte: „Was sagt er?“

„Das ist so einer!“ schrie sie ihm ins Ohr, „laß nur Zeit. Das ist schon so einer!“

Die Hausmutter sprach wohl nicht ohne Hinterhalt zum Fremden: „Vielleicht, daß der Herr bei unserem Nachbar Arbeit findet, beim Kulmbock drüben.“ Der, dachte sie, wird ihm den Prozeß schon machen.

„Von Arbeit habe ich nichts gesagt,“ antwortete der Schlosser in scharfgesetzter Rede, während er mit der schmalen Hand seinen schwarzen Spitzbart streichelte. „Ein ganz anderer Anlaß, weswegen ich da bin. Von Kailing komme ich seit gestern herauf. Alsdann dort thun sie alle mit, die Handwerker und die Bauern. Die Bürger werden schon nachkommen, denen ist’s derweil nur ein bissel unbequem. Ich glaub’s.“

„Um was geht’s denn?“ fragte nun der Schuster und brannte seine Pfeife an — wenn’s ein Plauderstündchen geben soll.

„Um was es geht?“ lachte der Fremde. „Euch Almgaiern muß man doch einmal die Schlafhaube vom Kopf nehmen beim Zipfel. Um was es geht, fragt er! — Der Nans in Hoisendorf da unten, der hat nicht lange gefragt, der hat’s bald begriffen, daß uns anders nicht mehr zu helfen ist alsdann. Uns allen, sage ich. Die Arbeiter, die Gewerbsleute, die Bauern — wir stehen zusammen!“

„Mir scheint, das ist einer von denen!“ sprach der Rocherl mit Bedeutung.

„Wohl, junger Mann und Großgrundbesitzer!“ rief der Fremde lustig. „Euch Bauern wird’s auch wohl thun, wenn wir einmal aufräumen mit dem alten Plunder. Sehen Sie, dort hinter dem Herd hocken so ein paar, die sich ihrer Tage lang geschunden haben wie ein Vieh und jetzt betteln gehen, dieweilen andere vom Schweiße des Bauers sich fett mästen!“

„Was sagt er?“ fragte der alte Einleger die seinige.

„Die Wahrheit sagt er!“ zischelte die Alte und zuckte ganz absonderlich mit den hageren Fäusten.

Der Fremde sprach weiter zum Rocherl: „Sie haben Unglück mit Ihrer Hand gehabt, hört man. Dieses Unglück kommt von den vornehmen Herren her, verstehen Sie? Wir wollen es einmal umwenden. Schriften habe ich mit. Sind schön zu lesen.“

Er packte Hefte aus und wollte sie verteilen. Die ihre Hand davor zurückzogen, denen legte er sie auf den Tisch hin.

„Wir haben eh zu lesen,“ sagte der Hausvater und warf von der Wandleiste die alte Hauspostille ziemlich heftig auf den Tisch.

„Ist ein Leutverdummer!“ bemerkte hierüber der Fremde. „Hätten die Leute rechtzeitig solche Bücher verbrannt, so wären sie selber nicht verbrannt worden, verstanden das? Jetzt ist eine andere Zeit und der Bratspieß wird umgekehrt. Aber zusammenhalten heißt’s, Leute! Dann sind wir die Stärkeren und erreichen alles, was wir wollen. Wenn der ungeheuere Reichtum, den die Arbeiter geschaffen haben, verteilt wird, dann giebt’s keine Armen mehr. Werdet es schon finden in diesen Schriften alsdann, steht alles drin. Aber solidarisch müssen wir sein!“

„Und ich sag’,“ rief der Schustermeister aus, „so lang wir soldatisch sind, wird’s nit besser!“

„Nicht soldatisch habe ich gesagt, Stockfisch! Solidarisch habe ich gesagt, alsdann das heißt so viel als gemeinsam. Einer für alle und alle für einen, wenn’s zum Herrenerschlagen kommt!“

„Was hat er gesagt?“ fragte der immer mehr erregte Einleger hinter dem Herd.

„Hörst es nit? Hörst es denn nit?“ entgegnete ihm die Alte, ihre Äuglein wurden scharf wie Geieraugen.

„Das Handwerk wird wieder einen goldenen Boden bekommen!“ fuhr der Schlosser fort.

„Bravo!“ rief der Schustermeister.

„Meister und Geselle sollen gleich sein!“

„Bravo!“ rief der Schustergeselle.

„Und der Lehrling soll wie der Geselle sein!“

„Bravo!“ kreischte der Saufüssel.

Schwups! hatte er des Meisters Knieriemen am Rücken, daß es klatschte.

„Wird schon geschlagen? Wird schon?“ So der alte Einleger Michel und stolperte hastig vom Ofenwinkel hervor.

„Ich thu auch mit!“ schrie die Michelin, krallte ihre Finger in die Luft und schoß herfür.

„Herrgott, steh auf, wir fangen an!“ rief der Alte lustig.

„Zuschlagen, zuschlagen!“ schrie sie und beide huschten ganz gespenstisch in der Stube herum, so daß wir uns alle fragten: Was haben denn die Alten? Als sie es endlich merkten, daß das Zuschlagen sich nicht auf die großen Herren und auf die reichen Bauern bezog, sondern bloß auf den Schusterjungen, schraken sie zusammen wie Nachtwandler, die plötzlich geweckt werden, und lallend taumelten sie wieder zurück in ihren Herdwinkel.

Freund, das war unheimlich, als aus diesen zwei sonst so schicksalsergebenen, kriecherisch demütigen, uralten Leutchen auf einmal die Bestie hervorpfiff! Mir ging’s ganz kalt über den Rücken.

Der fremde Schlosser hatte die Bewegung mit höchstem Wohlgefallen beobachtet. „Tapfer! Alles rot, die Jugend und das Alter!“ so begann er eine Rede, die unterbrochen wurde. Der Hausvater war schon eine Weile am Tisch gekniet, den Daumen an die Stirn legend, um bei der ersten Pause des Aufruhrs laut das Kreuz zu machen und den Psalter zu beginnen. Seht, als der Schlosser neu einsetzte, legte er los. Auch die Schuster beteten natürlich mit, während sie den Draht zogen, die Sohle hämmerten und mit der Zange das Leder über den Leisten zwängten. Der Schlosser wußte gar nicht, wie ihm geschah, zu diesem Schloß hatte er keinen Schlüssel. Wie er jetzt — während zu den Fenstern das Abendrot hereinschien — mit seinen weltumstürzlerischen Plänen mitten unter Betenden so stand! Im Widerstreite, ob er sich hinknieen sollte, oder setzen, oder fortgehen, blieb er mitten in der Stube stehen wie gebannt. Plötzlich brach der Hausvater das Gebet ab und auch wir anderen zuckten auf. Da schritt er zum Schlosser hin und sprach nicht laut aber deutlich: „Wer in ein fremdes Haus geht, der muß sich nach dem Hausbrauch richten. Wenn der Herr nicht mitbeten will, so soll er hinausgehen.“

Der Mann hatte jedoch ein Nachtquartier und für den nächsten Morgen ein Frühstück nötig, so bog er sich.