The Project Gutenberg eBook, Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824, by Philippe Suchard

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Mein
Besuch Amerika's
im Sommer 1824.


Ein Flug
durch die Vereinstaaten
Maryland, Pensylvanien, New-York
zum Niagarafall,
und durch die Staaten
Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien
zurück.


Von S. v. N.

Aarau, 1827.
Bei Heinrich Remigius Sauerländer.

1.
Die Abreise.
(20. bis 28. Mai.)

»Aber um aller Welt willen, Vetter, warum wollen Sie doch in alle Welt?« riefen mir Vettern, Muhmen, Basen zu, als mein Entschluß bekannt ward.

– Die vereinten Staaten von Nordamerika sind ja nicht alle Welt! – war meine Antwort.

»Wir sehen Sie in diesem Leben nicht wieder.«

– Hm, ich denke, noch vor Weihnachten. Es ist von hier bis Amerika nicht gar weit. Morgen reis' ich ab. In sechs, acht Wochen geh' ich in Amerika schon spazieren.

»Und, Vetterchen, bedenken Sie doch die tausend Gefahren auf dem Meere!«

– Ich sehe da deren nicht mehr, als auf dem Lande; nämlich, allenfalls ums Leben zu kommen. Gut, diese Gefahr ist die einzige, und wir bestehen sie vom Morgen bis zum Morgen alle Tage bei uns auf festem Boden.

»Ach, und Sie sind noch so blutjung.«

– Sieben- bis achtundzwanzig Jahre, glaub' ich. In dem Alter hatte Napoleon schon Italien erobert.

»Nun, warum machen Sie nicht lieber eine Lustreise nach Italien?«

– Erstlich lasse ich mich schlechterdings nicht im Piemontesischen mit meinen Paar Büchern als Transitgut plombiren; zweitens mich in Mailand schlechterdings nicht auf die Polizei schleppen, wenn unglücklicherweise an meiner Weste Carbonari-Farben zu sehen wären; drittens hab' ich einen Abscheu vor Stileten und Dolchen der Weglagerer, die im Kirchenstaat wieder mit der guten, alten Ordnung zurückgekehrt sind.

»Oder meinethalben gehen Sie nach Petersburg, wenn Sie etwa Berlin und Wien gesehen haben.«

– Petersburg ist von hier so weit, als Boston und Philadelphia, und die chinesische Mauer der Paßordnung ist am Fortkommen hinderlicher, als der Ocean. Ich möchte nicht, wegen der versäumten Unterschrift irgend eines Paßschreibers, ein Vierteljahr lang in einem russischen oder polnischen Gränzdorf verweilen.

»Reisen kostet Geld, Vetterchen!«

– Ein Paar tausend Gulden für die Lustfahrt, mehr nicht. Andere verlieren das noch behender und geschmackloser in Lotterien, am Spieltische, beim Weintische, in kaufmännischen Spekulationen, durch lockere Weiber, ungerathene Kinder, niederträchtige Falliten, übelberechnete Baupläne und allerlei Neukäufe.

»Aber welchen Nutzen können Sie von der Reise haben?«

– Der liebe Nutzen ist nicht Alles in der Welt; es gibt auch Anderes und Besseres, wofür man lebt, z. B. das Gute, oder das Schöne, oder das Wissen und Kennen. Dies abgerechnet, ist nicht auch Gesundheit und Lebensgenuß etwas Nützliches? Dafür reisen Engländer und Franzosen in die Schweiz, Deutsche nach Paris, Russen nach Neapel. Ich könnte auch wohl noch einen Nebenzweck beifügen.

»Und der wäre? Eine Handelsspekulation? Unterwegs eine Braut finden? Ihren Oheim in Amerika sehen?«

– Nein, für alle Nothfälle auch gelegentlich zu erfahren, ob Amerika für unser eins einmal zum Vaterlande taugen könnte?

»Behüt' uns der Himmel! Sie denken doch nicht an's Auswandern?«

– Gerade jetzt nicht. Aber nehmen Sie mir nichts übel, es wird mir allgemach ein wenig unheimlich und unfrei hier zu Lande.

»Wie? wo können Sie freier leben, als hier im freien Vaterlande?«

– Wo? das weiß ich eben nicht, drum möcht' ich's gern wissen. Uebrigens räum' ich willig ein, wir sind hier, Gott sei Dank, so frei, als man irgend sein kann, wenn man sich mit Namen, Worten und Liedern begnügt; jeden Rathsherrn sein Nabobchen spielen lassen muß; mit Nationalehre und Nationalunabhängigkeit von Fremden es nicht genau nimmt; und es über sich bringt, dem gesunden Menschenverstande zuweilen ein Auge zuzudrücken. Läg' unser liebes Vaterland nicht in Europa, wäre es gewiß um die Hälfte mehr werth.

»Was geht Sie denn Europa an?«

– Hm! doch etwas. Man lebt nicht blos in seinem Hause, sondern auch im Städtlein mit den Leuten. Und gebildete Menschen leben heutiges Tages nicht blos in ihrem Ländlein, sondern auch im Welttheil, zu dem dasselbe gehört. Wenns in Spanien brennt, fliegen Funken bis Rußland; und wenn man in London spricht, hört mans gut in Berlin und Neapel. Ich gebe zu, Europa ist sehr glücklich für viele, viele seiner vortrefflichen Bewohner; für Geisterseher, Absolutisten, Ultra's, Mönche, Restauratoren, Gebetbuchmacher, Inquisitoren, Wetterhähne, Censoren, Polizeispione, Einnehmer, Zionswächter u. s. w. Leider hab' ich nicht die Ehre, zu einer dieser Zünfte zu gehören. –

Als alles Zureden der lieben Vettern und Bäschen eitel blieb, liessen sie mich gehen. Ich packte ein. Es kostete uns Allen beim Abschiede einige köstliche Thränen. Ich bestieg den Postwagen.

Nichts von meinem Flug durch Frankreich bis Paris. Ich sprach unterwegs den und diesen. – »Seid ihr glücklich, Leutchen?« – Jeder antwortete mit einem zusammengesetzten Gesicht, das meistens etwas in's Süßlichsaure schillerte: »Mais oui. So, so!« und dann gab's zu dem «Mais oui» Anekdoten, Bemerkungen, gar Flüche, die insgesammt wie ein Kommentar zu dem Sprüchwort aussahen: Vom Regen in die Traufe. Einige von den Pfiffigsten hielten mich offenbar für einen Mouchard, oder Agent Provocateur. O die glücklichen Leutchen!

Ich fand meinen Bruder in Paris. Er wollte mich bis Havre begleiten. Am 27. Mai Abends 5 Uhr fuhren wir die Barrieren hinaus ins Freie. Die Natur war von der Hand des Frühlings mit dem höchsten Zauber bekleidet. Von Zeit zu Zeit schimmerte zwischen artigen Landhäusern und kleinen Gehölzen der gekrümmte Strom der Seine. Etwas weiter hin stiegen St. Cloud und Versailles mit den prachtvollen Schlössern empor. Nicht minder mannigfaltig prangten die Gegenden zu unserer Rechten. Die letzten Strahlen der Sonne hüllten die Kirchthürme von St. Denis in Gold. Dann ließ die Nacht ihren halbdurchsichtigen Schleier nach und nach über das schöne, große Bild niedersinken.

Am Morgen schwamm die Stadt Rouen vor uns im Hintergrunde mit ihren Thürmen und Schiffsmasten, halb und halb im Rauch der Schornsteine verloren. Rouen hat viele protestantische Einwohner und vielen Gewerbsfleiß. Dadurch ward es blühend. Man ist jetzt sehr eifrig daran, die Kirchen besser zu bevölkern und durch Missionäre den Glauben zu stärken. Die Fabriken fangen an zu kränkeln und mit dem Glauben will der Kredit nicht wachsen.

Das Land, auch hinter Rouen, als wir von einer Anhöhe niederfuhren, ist herrlich. Die Seine verliert sich in zahllosen und weiten Windungen durch fruchtbare Gefilde in die blaue Ferne. – Vier Uhr Nachmittags sahen wir Havre und das Meer; um sieben Uhr saßen wir im Hotel Bienvenu an guter Tafel.

2.
Am Ufer des Meers.
(29. Mai bis 1. Juni.)

Ausgeschlafenen Sinnen ist das ganze Weltall frischer, lebendiger, lachender. Alle Müh' und Noth, welche ich mit den Spediteurs und Zollratzen in Havre wegen meines schon dahin vorausgesandten Reisegepäcks hatte, ward mir wieder durch den Genuß versüßt, welchen jeder hat, der zum erstenmal am Gestade eines Meeres steht.

Als wir dahin gingen, kamen wir in ein sonderbares Feldgelager. Alles war mit Männern, Weibern, Kindern in fremden Trachten, alten Leuten mit Bärten, Karren, Kisten und Pferden bedeckt. Gleich den Horden der Nomaden wohnten sie Tag und Nacht im Freien; der Himmel war ihr Dach und die nächtliche Finsterniß der Umhang ihres Bettes. Ich erkannte sie bald für Elsasser und Schweizer. Die Bartmänner mochten zu jenen stillen, gutmüthigen Wiedertäufern gehören, die Keinen beleidigen und so oft der Gegenstand der Bedrängung sind. Man sagte mir, daß auch wohl nach und nach alle jene Wiedertäuferfamilien, welche die wilden Berge des Münster- und St. Imerthals fruchtbar machten, ihre Einsamkeiten verlassen würden, um eine freiere Heimath zu suchen.

Die ganze Schaar, die wir hier sahen, waren Auswanderer nach Amerika. Die Männer hatten mit Geschirr, Wagen und Kasten zu schaffen. Andere schmauchten harmlos ihr Pfeifchen. Berner und Baseler Bäuerinnen, in ihrer Landestracht, hingen Wäsche an Seilen auf zum Trocknen.

Ein so ausserordentliches Schauspiel mochten die Leute von Havre wohl lange nicht gehabt haben. Sie standen zahlreich gaffend da. Ein Haufe muthwilliger, kleiner Buben hatte ein kleines Bernermädchen zwischen sich, das noch, wie in der Heimath gewohnt, die Haare seines Hauptes in zwei langen, mit Bändern durchflochtenen Zöpfen niederhängen ließ, während am Ende der Haarflechten unterwärts die Bänder bis fast zu den Waden niederflatterten. Nun hatte einer der Knaben beide Band-Enden erhascht und ließ das arme Mädchen, wie am Leitseil, bald rechts, bald links trotten. Ich machte dem Auftritt ein Ende.

Als ich von den Auswanderern einige deutsch anredete, riefen sie: »Ach myn Gott, syd'r au ne Schwyzer? Ganget'r au in Amerika?« Ich gab denen, welche wegen der Ueberfahrt noch nichts auf den Schiffen bedungen hatten, den wohlthätigen Rath, ganz unmittelbar mit einem Schiffskapitän den Vertrag selbst abzuschliessen, und keinem jener dienstfertigen Negozianten und Kommissionäre zu trauen, sie möchten Landsleute sein oder nicht. Denn dergleichen Personen kennen selten, ausser ihrem Handels- und Kommissions-Ertrag, etwas Erträglicheres; das Kontobuch ist die wahre Heimath ihres Herzens und Geistes; das Soll und Haben ihr Vaterland und Ausland.

Wir kamen zum Hafen. Die Unermeßlichkeit und Majestät der ersten Erscheinung des uferlosen, lebendigen Meeres überfiel uns mit wunderbaren Schauern. Wir standen unverabredet plötzlich still, wie gebannt, und verloren die Sprache. Unser ganzes Wesen ward Auge; und doch ward mir, als wären meine Augen viel zu klein, das Bild der Unendlichkeit aufzunehmen.

Wir bewanderten nun den Hafen von einem Ende zum andern, indem wir dem Becken folgten, welches drei Viertel der Stadt einfaßt. Von Schritt zu Schritt lag der Weg verrammelt: Seile, Holzbiegen, Kohlhaufen, ungeheure Ankertaue, Steine, Schiffsmasten, Sandhaufen, Fässer, umgekehrte Nachen und Kähne, Kisten von aller Form und Größe, Waarenballen aufeinandergethürmt, Alles durcheinander. In den Zwischenräumen aufqualmendes Gewölk von Theerkesseln. Links und rechts Hämmern und Klopfen von hundert Schlägeln, Beilen, Aexten. Zwischendurch das Geschrei und Rufen der Matrosen am Ufer, wie auf Fahrzeugen, die über den Wellen tanzten.

Wie wir Nachmittags wieder dahin kamen, sahen wir eine überraschende Verwandlung. Das große Wasserbecken war geschlossen; der übrige Theil des Hafens bis zum Meere lag trocken. Mehrere kleine Schiffe ragten aus dem Sand hervor, andere ruhten mit einer Seite auf den beschlammten Steinen.

Anfangs standen wir bei dem unerwarteten Anblick voll Erstaunens da; besannen uns aber bald, dies sei das Werk der Ebbe. In Havre betragen Fluth und Ebbe, vom höchsten zum tiefsten Punkt, 22 Fuß; so wechseln sie binnen 25 Stunden zweimal. Zu Liverpool ist ein Unterschied des tiefsten Ebbe- und höchsten Fluthpunktes von 29 Fuß. In Amerika ist er weit geringer; in Philadelphia z. B. 6 Fuß, in Newyork nur 5 Fuß, in Baltimore nur einen einzigen. Alles hängt davon ab, ob das Meer minder oder mehr eingeschlossen und beengt ist.

Wir befanden uns bald auf dem Mola, der seine Erdzunge weit in die See hinausstreckt. Eine unzählbare Menge Schiffe schwebte in allen Richtungen vor uns über dem dunkeln, beweglichen Wasserspiegel und dem Horizont. Majestätisch, wie Schwäne, zogen Dreimaster durch die Fluthen. Einige Rauchstreifen über fernen Wellen ließen uns Dampfschiffe erkennen.

Folgendes Tags, es war Sonntag, neues Schauspiel. Eine bunte Volksmenge füllte das Ufer des Hafens, beim herrlichsten Wetter. Ein neugebautes, großes Schiff sollte zum erstenmal in sein künftiges Element hinausgeschleudert werden. Wir gelangten zu dem gewaltigen Gebäu. Ein Dampfschiff mit Musik und vielen Neugierigen war bereit, das todte Ungeheuer in den Hafen zu schleppen. Tausend und tausend Menschen drängten sich herbei; ihrer hundert wenigstens stiegen in's zu weihende Fahrzeug. – Das Zeichen ward gegeben und bei zwanzig Mann, mit großen Aexten, schlugen Gerüst- und Sperrwerk ein, welches dem Abrollen des Schiffs entgegenstand. Es hing nur noch schwach mit dem Boden zusammen. Die Lage schien in der Ordnung. Ein zweites Zeichen, und der Balken, welcher den Schiffrumpf noch festhielt, stürzte zu Boden. Der Kiel, in einer Art Trag-Leitung, die wohl mit Seife bestrichen war, glitschte langsam vor, bald mit wachsender Geschwindigkeit, immer schneller, daß ein schwarzer Rauch hinten nachfuhr. – Plötzlich Geschrei um mich her: »Das Schiff stürzt auf die Seite!« Ich stand mit meinem Bruder fünf Schritt von der Bahn. Das Schiff kömmt. Alles schreit im Gewimmel, wo wir waren; alles flieht, stolpert über Seile, Fässer, Holz, fällt, reißt andere fallend mit sich. – Welch' ein Schlachtfeld, welche Niederlage! – Als ich aufstand – die ganze Verwirrung dauerte zwei Sekunden – und mich umsah, schwamm das Schiff schon stolz im Meere hin.

3.
Hyperion.

Denselben Abend reisete mein Bruder nach Paris zurück. – Ich hatte mir schon ein Schiff zur Ueberfahrt nach Amerika gefunden und die Bedingungen abgeschlossen.

Es lagen eben drei Schiffe im Hafen segelfertig nach Amerika; der Bayard und die Elisabeth zur Fahrt nach Newyork, der Hyperion nach Baltimore. Ich wählte mir den Hyperion aus, diesen mythischen Vater des Sonnengottes, mein Heil mit ihm zu versuchen. Es kamen noch andere kleine Umstände dazu, die mich zu seinen Gunsten stimmten. Zwar der Bayard war das größte Schiff, aber Hyperion stand ihm an Schönheit nicht nach. Und wie ich an sein Bord ging, mit dem Schiffskapitän, einem Amerikaner, zu unterhandeln, hieß er: Albert de Valengin. – Von Valengin? was? Also eine Art Landsmann? – In der That. Er erzählte mir, sein Vater, von Neuenburg in der Schweiz gebürtig, habe sich nach Amerika begeben gehabt, weil er mehr oder minder Theil an einem Bürgeraufstande genommen hatte, der ihm mehr oder minder gerecht geschienen. Denn in den letzten Jahrhunderten der Eidsgenossenschaft, als diese durch innere Zwiste schwach in sich selbst, daher feige gegen das Ausland, daher friedliebend im Uebermaaß gegen Fremde, aber trotzig, herrisch und unterthansüchtig im eigenen Ländchen geworden, wären der Unruhen und Aufstände so viel geworden, daß man sie eher für etwas Gerechtes als Ungerechtes hätte ansehen mögen.

Was gings mich an? Ich ließ den Mann bei seinem Glauben. Er gefiel mir. Er mochte kein Schweizer sein, blos freier Amerikaner. Er sprach auch nur englisch. Er forderte für die Ueberfahrt nach Baltimore 600 Franken von mir und begnügte sich mit 500, wenn ich für mein Bettgeräthe und den Wein selber sorgen würde.

Die Kajüte war zierlich; alle Vertäfelung darin von Acajou-Holz; ebenso Tisch und Stühle. Ein großer Spiegel, mit breitem Goldrahmen, füllte den Raum zwischen beiden Fenstern im Hintergrund. In der Mitte des Zimmers schwebte ein Kompaß an drei zierlichen Ketten hangend. Die Betten, in Form sauberer Kleiderkisten, befanden sich hinter Umhängen, an den Seiten. Die größte Sauberkeit war über Alles verbreitet. Schloß und metallische Beschläge der Thür waren von glänzendem Messing. Ueber dem Fußboden lag ein großer türkischer Teppich ausgespannt, und ein zweiter, sehr schmaler deckte die Treppe.

Das Gefällige und Reinliche dieser kleinen Wohnung über den Wellen sprach mich gar freundlich an. Das Anmuthige und Schöne gehört zu den ersten Lebensgenüssen, und veredelt Leben und Gemüthsart. Das geistlose Thier hat keine Fähigkeit, vom Schönen gerührt zu werden, eben weil es geistlos ist. Es hat nur Sinn für Fraß und Durststillung. Der rohe, bildungslose Mensch gleicht darin dem Thiere. Er kennt nichts Besseres, als was ihm in Gaumen und Magen wohlthut. Der erste Federschmuck und Nasenring der Wilden ist ein Zeichen vom Erwachen des Höhern. Das weibliche Geschlecht, immer früher reifend, als das männliche, ist auch dasjenige, welches die Völker zuerst und am meisten aus dem Schlamm des Thierthums hervor ins Menschliche heben. Will man Wilde, Halbwilde, Leibeigene und rohe Bauern gesitteter machen, bringe man den jungen Mädchen und Frauen Putzwaaren. Ein Hausirer mit buntem Bänderkram, Halstüchern u. s. w. hat auf die Civilisation eines wüsten Dorfes segensvollern Einfluß, als Pfarrer und Schulmeister. – Das wird freilich manchem Schulmeister unglaublich scheinen.

Alle seefahrende Völker haben ihre eigenthümliche Weise im Bau der Schiffe. Es ist damit, wie mit Nationaltrachten, Sitten, Sprachen. Ein Seekapitän, sobald er irgend ein Schiff nur deutlich erkennen mag, wird auch sogleich sagen, welcher Nation es angehört. Die amerikanischen sind nach einer andern Einrichtung geformt; allgemein anerkannt, daß sie die zierlichsten, und dabei die feinsten Seegler sind. Aber sie haben auch die wenigste Dauerhaftigkeit.

Mir lag jetzt nicht viel an der letztern; desto mehr am Niedlichen und Schnellen. Der Hyperion war eine Brick von 400 Tonnen. »Wie lange können wir damit unterwegs sein?« fragte ich den Herrn von Valengin. – »Ein Schiff,« sagte er, »das keine andere Mittel zum Fliegen hat, als seine Segel, hängt von der Huld der Winde ab. Der Hyperion hat die Ueberfahrt von Charlestown in Amerika nach Amsterdam in Holland auch schon in achtzehn Tagen gemacht.«

Zu den schnellsten Fahrten zählt man diejenige einer amerikanischen Goelette, die von Newyork nach Havre nur vierzehn Tage brauchte; und eines Packbootes, das in dreizehn Tagen von Newyork nach Liverpool kam. Aber das, was bisher in den Jahrbüchern der Seefahrer das Unerhörteste gewesen, erzählte mir in Amerika einige Monate später Herr Gallatin, wie ich ihn zu Geneva besuchte. Als er nämlich zu seinem Gesandtschaftsposten in Paris von Amerika abreisete, machte die Fregatte, welche ihn führte, den Weg bis Havre in vierzehn Tagen.

Uebrigens ist bekannt, man fährt von Europa nach Amerika nicht so geschwind, als umgekehrt. Dazu tragen einerseits die Südwestwinde bei, die das Meer während zwei Drittheilen des Jahrs beherrschen, anderseits die Strömungen, welche vom mexikanischen Golf ausgehen, sich bis zum 45. Grad nordwärts fühlbar machen, und in mancher Gegend des Ozeans zwei bis vier Seemeilen in einer Stunde einbringen. Das Wasser dieser Strömungen ist auch bei sechs Grad wärmer, als das Wasser an den Küsten.

Ich habe zwar nicht die Ehre, Seemann zu sein. Allein im Vertrauen auf das tägliche Fortschreiten menschlicher Wissenschaft und Kunst, darf ich mir, vielleicht mit größerm Recht, als mancher andere, die Ehre erlauben, Prophet zu sein. Schon jetzt ist eine Reise von Europa nach Amerika und wieder zurück nicht kostspieliger, nicht gefährlicher, nicht unbequemer, als die Reise im Kasten einer Postkutsche zu Lande auf halb so langem Wege. Man ist da nicht zum Ueberfluß noch von hungrigen Postillionen, groben Postbeamten, prellenden und schnellenden Wirthen, rohen Mauthknechten, Paßschreibern, Visitatoren, Zoll- und Weggelderforderern und anderm Reise-Ungeziefer geplagt, das von der Polizei- und Finanzkunst des überglücklichen Europa zum Besten der Menschheit erfunden worden ist. Es wird eine Zeit kommen, da, wenn sich der Europäer erholen, zerstreuen, frische Luft schöpfen will, und umhersinnt, wohin eine kleine Lustreise thun? er kurz abbricht und sagt: »Ich will ein wenig nach Amerika, und komme gleich wieder.«

Bis jetzt bewegen sich die Fahrzeuge über das Meer entweder mit Segeln, oder Galeerenrudern, oder Dampfmaschinen. Im Allgemeinen sind die Segel freilich die vortheilhaftesten Schiffsfittige, am wohlfeilsten und raumsparendsten. Nur bei langen Windstillen machen sie traurige Miene. Es wird nicht fehlen, man wird mit der Zeit den Schiffsbau dahin vervollkommnen, daß man zu den Segeln noch die Dampfmaschinen beihilfsweise gesellt, und sie in Fällen spielen läßt, wo der Wind seine Huld versagt.

4.
Haushaltung auf dem Meere.
(2. Juni bis 13. Juli.)

Ich war am Bord. Mittags den 2. Juni wurden die Anker des Hyperion gelichtet, alle Flaggen und Wimpel aufgezogen. Die im Hafen bleibenden Schiffe erwiederten auf dieselbe Art das Abschiedszeichen. Es blieb nicht bei dieser stummen Sprache: »Hurrah!« brüllten unsere Matrosen; »Hurrah!« scholl es links und rechts von den andern Fahrzeugen zurück.

Das Wetter war angenehm. Ein sanfter Wind strich furchend über die spiegelnde Wasserebene. Mehrere kleinere Fahrzeuge folgten dem unsern. Andere kamen uns entgegen, und zwar mit demselben Winde, und segelten dabei nicht langsamer, manche geschwinder, als wir. Das amerikanische Packboot, die Queen-Maab, kam so eben von New-York her. Mit entfalteter Flagge und dem Hurrah-Gruß der Matrosen, fuhr es zehn Schritte weit an uns vorüber. Das Verdeck desselben war voller Reisenden, deren Aeusseres schon verkündete, wie vergnügt sie waren, am Ziel ihrer Fahrt zu sein. Das Land wich hinter uns zurück. Der Zuschauer-Haufe am Ufer verschwand. Die Küsten schienen sich auf den Wellen zu bewegen, und auf- und niederzusteigen. Endlich wurden sie zu einem schwarzen Striche, der sich zwischen der zitternden Wasser-Ebene und dem Himmel entlang zog.

Ich sah mich nun nach den Reisegefährten um, die mit mir im engen Raum des Hyperion den Abgrund des Ozeans, von einem Welttheil zum andern, überschiffen wollten. Der Kapitän, zwei Lieutenants, zehn Matrosen, ein Stewart, ein Koch, ein Schiffsjunge, bildeten die Bemannung des Fahrzeugs. Ich war der einzige Reisende in der Kajüte und am Tische des Kapitäns. Die übrigen waren Auswanderer von Europa, Männer, Weiber, Kinder, 68 an der Zahl, die unten im übrigen Schiffsraum herbergten und ihre Küche selbst besorgten. Der Kapitän, die beiden Lieutenants und ich speiseten zusammen. Man hält drei Mahlzeiten des Tags. Zum Frühstück gibt's schwarzen Kaffee, Fleischschnitte, Geflügel, kleine Kuchen u. s. w. Mittags speist man um 1 Uhr, Fleisch auf verschiedene Art zubereitet und Gemüse; zum Nachtisch Käse oder Früchte; Bier, Wein, gebrannte Wasser mit natürlichem verdünnt. Sieben Uhr Abends nimmt man den Thee, wieder mit Nebengerichten von Fleisch, Backwerk u. s. w. begleitet. Fast alle Schiffe haben lebendige Schweine, Schafe, Hühner und Enten in Fülle an Bord. Einige Packboote, zwischen Havre und New-York, halten auch der Milch wegen eine Kuh. – Die Matrosen speisen in ihrer Kajüte am andern Ende des Schiffes eine Stunde früher, als der Kapitän.

Dieser hat wenig Langeweile. Er und einer seiner Lieutenants schreiben von Stunde zu Stunde Richtung des Windes, Länge des zurückgelegten Weges, die Höhe, welche man gefunden, die Schiffe, welche man gesehen oder gesprochen hat und hundert andere Beobachtungen und Bemerkungen auf. Zu unbestimmten Zeiten, des Nachts wie des Tags, ging der Kapitän aufs Verdeck und musterte Sachen und Arbeiten.

Das Steuer führt ein Matrose, der alle zwei Stunden abgelöst wird; die Augen stets auf zwei vor ihm befindliche Kompasse geheftet, die des Nachts durch eine Lampe beleuchtet sind. Bei gutem Wetter hatten die Matrosen von vierundzwanzig Stunden nur sechs zur Ruhe; bei bösem Wetter blieb Alles auf den Beinen wach. – In den meisten Reisebeschreibungen wird über die Rohheit der Matrosen geklagt. Man schildert sie, wie einen Auswurf des menschlichen Geschlechts. Ich fand das bei unsern Matrosen nicht. Sie waren insgesammt Amerikaner, sehr gefällig, dienstfertig, sauber gekleidet, sittsam und immer thätigen Gehorsam. Freilich man muß diese braven Leute nicht wie Knechte und Bediente behandeln und ihnen Befehle zuherrschen wollen. Aeusserte ich bittweise nur einen Wunsch, schnell sprangen zwei und mehr, mir zu helfen. In Baltimore begegnete ich nachher einigen von ihnen wieder auf der Gasse. Sie waren aber so zierlich gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick nicht kannte. Einer lud mich sogar zu seinen Eltern ein. Der Empfang überraschte mich durch das Anständige, Feine und Herzliche. Wenn wir in der bürgerlichen Gesellschaft noch brutale, ekelhafte Menschenklassen haben, wahrlich, so sind daran nur die höhern Stände mit ihrer brutalen, ekelhaften Vorbildung schuld. Braucht nur häufig bei den Kriegsleuten und Vaterlandsvertheidigern die Korporal-Fuchtel, in den Schulen den Stock, werft die Juden mit Koth, und kehrt dem Handwerksmann und Landmann hochmüthig den Rücken zu, wenn sie euch gleichgeboren zu sein glauben, so habt ihr bald eine europäische Pariah's-Kaste gebildet. Dann schreibt Bücher über Bücher über Verbesserung der Juden, über Schulwesen, über Volksbildung; dann erlaßt Sitten- und Sonntagsmandate, Gesetze und Dekrete zur Beförderung der Zivilisation! Das wird helfen, wie ein Pflaster auf die Todeswunde des Erschlagenen. – Wie treibt man's aber in jenen Ländern, wo die Barbaren mit Titusköpfen und Fraks nach der neuesten Mode wohnen?

5.
Die Seefahrt nach Baltimore.
(2. Juni bis 13. Juli.)

Ueber das spielende, wechselnde, gewaltige, majestätische Element der Wellen, durch die Dienstbarkeit der Winde, wie von unsichtbaren Geistern, hingetragen zu werden, ist ein Hochgenuß ganz eigener Art, besonders eh' die Gewohnheit, die auch den stärksten Wein endlich verwässert, dafür die Sinne stumpf macht. Verwunderung, Grausen und Stolz auf die Gewalt des menschlichen Geistes, bemächtigen sich des ganzen Gemüths.

Leider verstimmte sich dies Hochgefühl bald durch die sogenannte Seekrankheit, von welcher, mit Ausnahme der Kinder unter zwölf Jahren und ganz alter Personen, alle Reisende ergriffen wurden, und ich, wie mirs vorkam, am ärgsten. Es war ein bald widerlicher, bald lächerlicher, Anblick, fünfzig bis sechszig Menschen um sich her die seltsamsten Gesichter schneiden zu sehen, weil ihr Magen in beständiger Insurrektion gegen Anstand und Sitte war. – Ein Paar Tage lang mußten die Auswanderer aller warmen Speisen entbehren, weil das Uebel ihre sämmtlichen Kochkünstler ausser Stand setzte, den Herd zu besorgen.

Das Wetter blieb schön, der Wind günstig, zuweilen verwandelte er sich sogar in sturmartige Stöße; wir befanden uns am vierten Tag der Abfahrt schon weit ausser der Meerenge von Frankreich und England. Allein Lust und Freude gingen im ewigen Uebelsein verloren. Man kann und mag sich mit Niemandem unterhalten, nicht einmal lesen. Der Geist quält sich mit Denken und Träumen. Aus den besten Träumen aber stört auch wieder das beständige Krachen und Girren des vielbewegten Schiffes auf. Es ist einem zu Muthe, als würde man, in einen großen hölzernen Kasten gesperrt, mit Schnelligkeit über und zwischen Steingeröll fortgeschleppt. Man hält zuletzt keinen Gedanken und Wunsch fester, als den, bald Land zu erreichen und ruhigen Boden unter den Sohlen zu haben. Kein Essen erquickt; vielmehr es erneuert nur den Jammer. Ich sehnte mich blos nach Mehlsuppe. Unser schwarzer Schiffskoch aus Afrika machte sie nach meiner Angabe und endlich ziemlich gut. Aber wenn er mich davon essen sah, bezeugte er mir sein herzlichstes Mitleiden und betheuerte, weder in noch zwischen den drei Welttheilen seiner Bekanntschaft je ein elenderes Essen gekocht zu haben.

Die Erhabenheit der unendlichen Wasserwüste, welche uns umgab, und mich anfangs tief erschüttert hatte, ward, ich muß es gestehen, zuletzt mit seiner majestätischen Einfalt mir sehr langweilig. Es wundert mich jetzt gar nicht mehr, wenn die meisten Reisebeschreiber mit dem, wodurch sie sich ihre Langeweile vertreiben, ihren Lesern die größte verursachen, nämlich mit Aufzeichnung des Windes, der geblasen hat. Die einzige Abwechselung in der weiten Einöde des Ozeans bringt entweder ein Schiff, das in der Ferne erscheint, sich nähert und verschwindet; oder von Zeit zu Zeit das Spiel der Fische auf der Oberfläche des ungeheuern Wasserbeckens. Die Delphine bildeten da oft stundenlange Linien, indem sie regelmäßig einer nach dem andern zwei bis drei Schuh über der nassen Fläche hoch sprangen. Die Boniten und Doraden, mit allen Farben des Regenbogens geschmückt, schwammen traulich neben dem Fahrzeug her; während der Haifisch unbeweglich auf dem Wasserspiegel lag und die Beute erwartete, die seinem unersättlichen Rachen zuschwimmen sollte. Der Spritzfisch blieb auch nicht aus, uns seine Künste zu zeigen; und so stellten sich uns immer neue Arten von den Bewohnern des feuchten Abgrundes dar. Eines Abends näherte sich sogar dem Schiffe einer von den Riesen der Tiefe, ein Wallfisch. Dann und wann wieder flatterten Tauben und Meerschwalben über und zwischen den Segeln umher. Die Schwalben wandelten lustig über die Wogen und pickten mit den langen Schnäbeln nach den Stückchen Zwieback, die wir ihnen hineinwarfen.

Der Wiedertäufer Hermann versah bei den Ausgewanderten die Stelle eines Schiffspredigers. Jeden Sonntag verrichtete er ein öffentliches Gebet und hielt aus dem Stegreif über irgend eine Bibelstelle eine Rede, die darin vor mancher Predigt gelehrter Pfarrer den Vorzug hatte, daß sie aus reinem, frommem Gemüth hervorging, und verständig, kunstlos und erbaulich zum Gemüth drang. Den Schluß dieser Andachtsstunde, die gewöhnlich zwei Stunden dauerte, machte ein Psalmengesang. – Dieser Wiedertäufer und seine Frau zeichneten sich unter allen Ausgewanderten durch ihre feinen, geistvollen Gesichtszüge aus.

Ich fand seine Frau eines Tages blaß und leidend sitzend, mit dem Rücken gegen das Schiffsbord gelehnt. Ich bot ihr ein Glas Wermuth-Extract zur Stärkung an. Sie trank es und stieg dann in's Zwischenverdeck hinunter. Kaum zwei Stunden nachher verkündete mir ihr Mann die glückliche Entbindung seiner Frau von einem Töchterlein. Ein Paar Tage später kam sie selbst aufs Verdeck und zeigte mir ihren lieben Säugling. Auf meine Frage, wie es nun um Taufe und Namen des Kindes stehen werde? erwiederte sie: »Wir weihen unser Kind in das Christenthum ein, wenn es die Wichtigkeit und Heiligkeit der Sache begreifen kann. Zu Ehren unsers guten Kapitäns wollen wir es aber nach ihm Albertine heißen. Wäre es ein Knäblein gewesen, würden wir es Hyperion oder Ozean genannt haben.«

Wir waren schon zwanzig Tage auf dem Wasser. Die Hitze der Sonne ward unausstehlich; das süße Trinkwasser in kleinern Portionen vertheilt, daß es oft Streit darum gab. Wir hatten beständige Westwinde uns entgegen; die Azoren südwärts gelassen, ohne sie zu erblicken, und uns der Bank von Terre-neuve genaht. Sobald das Senkblei hier, bei 45 Klafter Tiefe, feinen Sand fand, gab der Kapitän dem Schiffe die Richtung nach Süden. Wir kamen ziemlich nahe bei den Bermuden vorüber.

Es ist auf dieser weiten, einsamen Wasserstraße den Schiffen Bedürfniß, wenn sie einander begegnen, Frage und Antwort zu tauschen. Sie steuern sich gegenseitig zu. Man hisst die Flagge; legt einige Segel bei, und fragt sich durchs Sprachrohr, von wannen? wohin? welche Ladung? u. s. w. Am gewissesten aber ist die Frage nach der Länge und Breite, unter der man sich befindet. Ist zwischen den Berechnungen beider ein Unterschied, so hält man sich gewöhnlich an die, welche auf dem Schiff gemacht ward, das noch die kürzere Zeit unterwegs ist. Es ist noch nicht immer ganz leicht, mit einander zu sprechen, besonders wenn der Wind stark, das Meer unruhig geht; denn man kann sich dann einander nicht wohl gehörig nähern, ohne Gefahr zu laufen.

Schon war es der 6. Juli und seit einigen Tagen die tiefste Windstille. Kein Wimpel spielte. Das weite Meer stand unbeweglich und glatt, wie spiegelndes Eis. Das Schiff schien angefesselt. Die entfalteten Segel hingen schlaff nieder. Wolkenlos glühten Luft und Himmel um und über uns. Die Sonne warf stechende Strahlen. Die Lebensmittel nahmen sichtbar ab. Jeder theilte dem andern nur Furcht und Besorgniß mit. Ein Orkan auf dem Meer ist das Fürchterlichste. Wir aber hätten jetzt lieber einen Orkan bestanden. Die todte Ruhe währte schon acht Tage und das Leben der Segel und Wogen wollte nicht wiederkehren. Ich stieg jeden Morgen sogleich auf den Mastkorb, in Hoffnung, Küsten des Festlandes zu erblicken. Oft rief mich die Ungeduld schon vor Tagesanbruch aufs Verdeck, wenn die Sterne noch, in geheimnißvollen Ordnungen am Himmel, ihr blasses Licht durch das stille Reich der Nacht ausgossen. Ich zitterte hoffend dem Tag entgegen; ich fand mich immer getäuscht, doch immer durch die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs für die Täuschungen entschädigt.

Endlich, es war an einem Sonntage, gewann die Natur dieser ewigen Einöden des Ozeans wieder Odem. Die Segeltücher wölbten sich nach und nach, und wir flogen wieder acht bis neun Seemeilen in einer Stunde. Welche Freude lächelte von allen Antlitzen; wie andächtig sprach der Wiedertäufer das sonntägliche Abendgebet mit lauter Stimme, und mit welcher stummen Inbrunst in allen Zügen beteten die Andern vor sich hin! Der glänzende Sonnenball senkte sich den zitternden Wellen der Ferne entgegen. Das Schiff schien ihm in heiterer Sehnsucht tanzend auf den Wogen nachzueilen, und das Tagesgestirn selbst tändelnd seine Bahn und Stätte zu verlassen. Bald verbarg es sich hinter dem Busen des einen, bald des andern Segels; bald durchlief es der ganzen Breite nach die leichten Streifen des aufgespannten Tauwerks und der Seile. Masten, Linnen und Wimpel, Bord und alles Schiffsgeräth tauchten sich in wunderbaren Goldschimmer, von tiefern Schatten begrenzt. Eine breite, blendende Lichtbrücke ging vom Hyperion über das Meer bis zur Sonne, die zu zögern schien, aus diesem Tempel der Schöpfungsherrlichkeit zu scheiden. Still sumsete zwischen Segeln und Seilen der Wind sein Abendlied. Die Wogen brachen sich tönend am Schiff zum Gesang. Die Menschen, in verschiedenen Stellungen, beteten. Der unendliche, schweigende Himmel horchte.

Am 11. Juli sagte Herr Valengin: »Ich denke, wir werden morgen einen Küsten-Lootsen am Bord sehen.« Frohe Botschaft. Wirklich entdeckte man ihn folgendes Tages früh um neun Uhr vermittelst des Fernrohrs. Wir steckten die Flagge auf. Nach zwei Stunden kam das leichte, winzige Fahrzeug bei uns an, worin sieben Mann wie festgenagelt saßen, alles große, wohlgewachsene Leute. Jede Welle schien das gebrechliche, niedrige Boot wie eine Nußschale verschlucken zu wollen. Was doch der Mensch wagt; er der da weiß, was er wagt! Welche Hingebung, zumal in stürmischen Wettern! Schiffe, welche durch einen Windstoß gegen die Küste getrieben, oder auf langen Fahrten irre wurden, sind oft schon durch diese unerschrockenen Männer gerettet worden, die alle Untiefen und heimlichen Gefahren der Seegegend, und jedes Anländeplätzchen des Gestades kennen.

Einer der Lootsen kletterte an einem ihm zugeworfenen Seil zu uns ans Bord hinauf, grüßte uns freundlich, drückte dem Kapitän die Hand und jedem, der ihm nahe kam, und fragte: »Wie stehts? Geht alles gut?« Diese herzliche Frage, so natürlich in dem Verhältniß, und dabei so wohlwollend, hat für den, der nach vielen Wochen wieder den ersten unbekannten Menschen sieht, etwas Erquickendes. Es war die erste, unmittelbare Erscheinung eines Bewohners der neuen Welt, die wir selbst noch nicht sahen.

Der Lootse nahm vom Kapitän den Befehl über sämmtliche Matrosen und sagte: wir wären noch ohngefähr 150 Seemeilen (etwa drei derselben bilden eine Wegstunde) entfernt von der Chesapeak-Bai, und wenn der Wind, der gerade günstig und stark blies, tapfer anhielte, würden wir den andern Morgen an Ort und Stelle unsers Wunsches sein.

Und am folgenden Morgen um neun Uhr scholl das Geschrei: Land! Land! – Ein freudiges Schrecken fuhr Allen durch die Glieder. Die Vorufer des jungen Welttheils stiegen aus dem Schoos des Ozeans.

6.
Die Landung.

Wir fuhren in die Chesapeak-Bai mit vollen Segeln ein. Links hob sich das Kap Henry, mit einem weißen Thurm, auf welchem allnächtlich den Seefahrern ein Feuer brennt. In größerer Ferne rechts zeigte sich noch ein Leuchtthurm, es war der des Kap Charles.

Das Gewässer der Bai fanden wir mit Holz, Kräutern und Stroh bedeckt. Wir erfuhren, es habe auf dem Lande fünfzehn Tage lang anhaltend geregnet. Noch befanden wir uns sechszig Wegstunden (oder 180 Seemeilen) von Baltimore. Aber der Wind ging stark mit uns. Wir fädelten binnen einer Stunde zehn Knoten ab, das heißt, legten 3½ Wegstunden zurück, und noch dazu gegen die Strömung des Meers.

Es zeigten sich, seit wir Land sahen, der Schiffe immer mehr vor unsern Augen und immer mehr, je näher wir den Ufern der Bai kamen. Schon unterschied man von den Fluren ungeheure Waldungen; bald da und hie angebautes Land mit einzelnen Wohnungen der Menschen. Fröhliches Schauspiel für uns. Eine Viertelstunde fern von uns zog ein Dampfschiff vorbei. Ein schwarzer Rauchstreifen bezeichnete durch die Luft den verlassenen Weg desselben. Silberbrandung umgab die Dampfräder.

Die Nacht kam. Bald unterschied man nichts mehr. Das Schiff flog rasch durch die Wogen. Wir machten eilf Knoten in der Stunde. Ein Matrose, an der Schiffsseite draussen angebunden, warf beständig das Senkblei und rief jedesmal an, wie tief. Das hielt uns, und auch die Freude, spät wach.

Kaum war es Tag, rief mir der Kapitän zu: »Wir sind in der Rhede von Baltimore!« – Ich wagte es kaum zu glauben, und doch stand das Schiff unbeweglich. Ich sprang aus dem Bett und warf mich hastig in die Kleider. Als ich aufs Verdeck kam, lag die Stadt Baltimore vor mir. Durch den lichten Wald der Schiffsmasten unterschieden wir Kirchthürme und die Wipfel hoher Pappeln in allen Theilen der Stadt. Die Thürme sind von weißem Marmor, sehr zierlich; die Häuser von Backsteinen gebaut. Zwischen dem schönen Grün der Pappelbäume, stellten sie sich mit ihrem gelben, röthlichen, bläulichen Anstrich dem Auge gar gefällig hin. Wir sahen zu unserer Rechten Felder mit Korngarben bedeckt. Das Glockengetön der Heerden sang uns vom Ufer an, wo halb sichtbar zwischen Obstbäumen die Kühe in den Wiesen weidend umherirrten. Der Himmel klärte sich auf und die ersten Strahlen der Sonne rötheten alle Höhen und Berge.

Um sieben Uhr Morgens nahte sich uns ein Kanot. Es brachte einen Arzt, der den Gesundheitszustand Aller auf unserm Schiff untersuchen mußte, das den Tag zuvor, mehr als gewöhnlich, gesäubert und gewaschen worden war. Er grüßte uns mit einem »guten Morgen!« ohne dabei den Hut abzuziehen. Es war ein gefälliger, angenehmer Mann; sehr sauber gekleidet. Nachdem er in der Kajüte beim Kapitän ein kleines Frühstück genommen, kam er nach zehn Minuten wieder aufs Verdeck. Der Namensausruf Aller im Schiffe erfolgte. Er beschäftigte sich mit jedem einzeln; untersuchte noch zwei Personen, die unpäßlich in ihren Betten geblieben waren, und schied zufrieden von uns, auf die nämliche Art grüßend, wie er gekommen war.

Ich vermuthete, unsere Quarantäne würde wenigstens noch vierundzwanzig Stunden auf dem Schiffe dauern. Darum rief ich einem Seemann, der auf einem Kanot mit Doppelsegel nicht weit von unserm Hyperion vorbeifuhr, zu, ob er mich nicht zum nächsten Bauerhause fahren wolle, um Milch und einige frische Nahrung einzukaufen. Er kam heran; ich stieg von der Seite des Schiffs, wo man eine Treppe angebracht hatte, hinab zu ihm. Er änderte an den Segeln, und obgleich kein fühlbarer Wind ging, flog doch das kleine Fahrzeug schneidend durch den Wasserspiegel ans Ufer.

Ich sprang ans Land. Mir ward wunderbar zu Muth, da ich den langentbehrten festen Grund unter meinen Füßen fühlte; einen Boden unter meinen Sohlen, den der weite Ozean von meiner Heimath trennte; den der große Columbus die Kühnheit hatte zu suchen und das Glück ihn zu finden; den Jahrhunderte lang die Grausamkeit raubsüchtigen Kriegsgesindels, golddürstiger Kaufleute und herrschlustiger, dummgläubiger Pfaffen mit Menschenblut besudelt hatte, bis Muth und Gefühl der Menschenwürde das Joch zerbrach, welches der europäische Despotismus für unvergänglich hielt.

Von meinen Gedanken und Empfindungen in diesen Augenblicken Rechenschaft zu geben, ist mir unmöglich. Ich kam zu einem artigen Bauerhause. Eine Frau trat mir entgegen. Sie sprach deutsch; sie stammte aus dem Bernerland in der Schweiz. Nun richtete sie hundert und tausend Fragen an mich, daß mir zuletzt bange ward, keine Milch zu bekommen. Sie gab mir endlich, was ich begehrte; ich mußte ihr aber versprechen, sie noch einmal zu besuchen. Als ich zum Schiff zurückgekommen war, und meinen Fährmann fragte: was ich denn schuldig sei? antwortete er: »O durchaus nichts. Es machte mir ein Vergnügen, Sie einen Augenblick ans Land zu führen.« Er lehnte sehr höflich Alles ab.

Wie die Kinder auf dem Hyperion, es waren derer wohl zwanzig, meinen großen Topf voller Milch erblickten, liefen alle auf mich zu. Ich konnte jedem nicht geschwind genug davon geben. Um sie zu sättigen, hätt' ich viermal mehr haben müssen. Aber das war auch eine Schwelgerei für die guten Kleinen, und ein Genuß für mich ihre Freude!

Der Kapitän hatte den Arzt in die Stadt begleitet. Sein Nachen kam Nachmittags zurück, aber ohne ihn; statt seiner ein Briefchen an mich, worin er mir ankündigte, ich könne ans Land gehen, wann ich wolle; der Nachen stehe zu meinem Befehl.

Ich säumte keinen Augenblick.

7.
In Baltimore.
(13. bis 24. Juli.)

Die ersten Schritte am Lande, durch die Straßen der Stadt, reichten hin, um mich zu belehren, ich sei in einem fremden Welttheil. Ich konnte nicht müde werden, diese Reihen zierlicher Gebäude, diese Handelsgewölbe und Kaufläden, diese Gruppen von Negern und Mulatten zu sehen.

Baltimore war vor fünfundvierzig Jahren noch ein gar geringes Städtchen, mochte kaum ein halbes hundert Häuser haben, viele noch von Holz. Jetzt steht da, einer Hauptstadt ähnlich, eine regsame Welt. Baltimore zählt schon 75,000 Einwohner. Die Straßen sind gepflastert und mit breiten Trottoirs eingefaßt; reinlich, heiter, angenehm mit Pappelbäumen besetzt, deren Gipfel mit den Kirchthürmen um die Wette in die Lüfte aufstreben. Die Häuser sind meistens von Backsteinen, manche von Marmor gebaut, geschmackvoll und edel ausgeführt, von zwei und drei Stockwerken. Die grünen Fensterläden überall, die Hausthüren von Rothholz und Acajou, die glänzenden Messingbeschläge daran, die hohe Reinlichkeit überall – Alles gibt diesen Wohnungen, diesen breiten, lichten, saubern Straßen, ein gefälliges, freundliches, frisches Ansehen, wie ich mich dessen von keiner europäischen Stadt erinnerte. Während der heißen Sommerzeit werden die Straßen täglich mit Wasser besprengt. Die schönste und längste derselben ist die Baltimorestraße, beinahe eine halbe Stunde lang. In der Mitte derselben steht seitwärts die Douane, ein Gebäu von ausserordentlichem Umfang, aus weißem Marmor aufgeführt. Zwölf mächtige Säulen tragen einen Theil vom Innern des Gebäudes, welches hier von oben herab durch eine sehr hohe Kuppole erleuchtet wird. Links und rechts sind die Amts- und Geschäftzimmer, die Wohnungen der Angestellten u. s. w. Die Beamten selbst, einfach, aber äusserst zierlich gekleidet, zeichnen sich durch ihr zuvorkommendes, gefälliges Betragen aus. –

Mein erster Gang war in einen Gasthof. Man saß eben zum Mittagsessen. Ich brachte eine Eßlust mit, als hätt' ich auf dem Meere vier Wochen gefastet. – Ländlich, sittlich! Ich mußte mich bequemen, um nicht auffallend zu werden, mit dem Messer in der rechten, mit der Gabel stets aber in der linken Hand zu essen, und beide queer über den Teller zu legen, wenn man mir keine Speisen mehr darbieten sollte. Ich war noch nicht halb gesättigt, als meine Tischgenossen schon Feierabend machten. Ueberhaupt bemerkte ich durchgehends nachher auf meinen Reisen im Lande, daß die Amerikaner am Tische sehr mäßig sind. Selten nimmt man beim Frühstück oder Nachmittags mehr, als zwei Tassen Thee oder Kaffee. Aber beim Thee und Kaffee wird jedesmal zugleich Geflügel, Fisch, Backwerk, Brod, Butter u. s. w. aufgetragen. Die Frau des Hauses bedient die Gäste. Bei der Mittagstafel wird Bier zum Trinken gegeben und guter Branntwein mit Wasser verdünnt.

Der Sauberkeit und Zierde der Straßen und des Aeussern der Häuser entspricht überall das Innere der Wohnungen. Man wird wenig Wohnungen finden, wo der Fußboden nicht mit einem schönen türkischen Teppich bedeckt, und von der Hausflur bis zum obersten Gemach des Hauses nicht jede Treppe es ebenfalls wäre.

Von den öffentlichen Denkmälern zeichnete sich das zu Ehren Washingtons, und ein anderes, nicht weit von einem Brunnen, zum Gedächtniß jener Bürger aus, die bei Vertheidigung der Stadt gegen die Engländer im letzten Kriege das Leben fürs Vaterland opferten. Ihre Gebeine ruhen unter dem Denkmale. Ihre Namen alle sind in den Marmor des Fußgestells eingegraben.

Die katholische St. Pauls-Kirche könnte neben den schönsten Tempeln Europens aufgezählt werden. Der Kirchen für die andern christlichen Konfessionen mögen etwa noch achtzehn sein. Zuweilen stehen sie dicht neben einander. Jeder, ohne Groll gegen den Nachbar, geht in das Gotteshaus, wohin ihn sein Herz und sein Glaube rufen. Das ist die Wirkung der wahren Religionsfreiheit, während man in Europa höchstens in den gebildeten Ländern nur die Duldung kennt und sich mit religiöser Toleranz, als wäre sie eine große Tugend, brüstet. – Das ist in Amerika die Wirkung einer weisen, vernünftigen Gesetzgebung. Die Menschen sind sich hier, wie vor dem weltlichen, so vor dem göttlichen Gesetz in ihren Rechten gleich. Die Europäer werden noch lange Zeit große und kleine Bücher über das Verhältniß der Kirche zum Staat schreiben, indem die einen den Staat in die Kirche, als in das Höhere und Allumfassende, hineinstellen, andere die Kirche dem Staat unterordnen, und wieder andere Staat und Kirche, Kaiser und Papst, in gleichen Würden neben einander setzen.

Die Amerikaner haben die Streitfrage der europäischen Staatsmänner und Professoren längst und auf die naturgemäßeste Weise gelöst. Der Staat, diese große Anstalt für Rechtssicherheit und Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft, hat kein Befugniß, über religiöse Ueberzeugungen, über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Den Bürgern ist es anheimgestellt, in derjenigen Form oder kirchlichen Ordnung ihre gemeinschaftlichen Gottesverehrungen zu veranstalten, die ihren Ueberzeugungen am meisten entspricht. Wie mannigfaltig und verschieden dieselben sein mögen, der Staat hat nicht darüber zu entscheiden, welche Form die bessere, welche Kirche die alleinseligmachende sei. Allein alle Bürger sind Eigenthümer gleicher Rechte; der Staat ist da, um sie alle in den kirchlichen Verhältnissen ihrer Wahl zu schützen. Von der andern Seite aber darf auch keinerlei Kirchenthum zerstörend auf die öffentliche Ordnung des bürgerlichen Lebens einwirken, noch weniger sich, durch priesterschaftlichen Stolz geleitet, weltliches Recht und Ansehen in Staatsverfassung oder Staatsführung anmaßen.

»Lauheit, Indifferentismus!« rufen dabei in Europa unsere geistlichen Herren (denn Herrn wollen sie gern sein!).

Merkwürdig ists, daß eben diese Herren fort und fort über Verfall der Religion, Abnahme der Andacht, schlechten Besuch des Gottesdienstes schreibend und predigend klagen. In Amerika klagt man nicht über Indifferentismus. Hier wetteifern alle christlichen Kirchenparteien auf oft rührende Weise in gottesdienstlicher Frömmigkeit. Hier sind in den größern und kleinern Städten die Kirchen stets von Betern erfüllt, und in den weiten Einsamkeiten junger Pflanzungen sieht man Pflanzerfamilien oft lange Tagreisen bis zur nächsten Kapelle oder Kirche machen. Wenn sich eine Stadt bildet oder ein Dorf – so weit ich gekommen bin –, und alle Hütten noch gebrechlich und hölzern sind, stehen zuerst immer zwei große Gebäude massiv und kostbar aufgeführt da: das Rathhaus und der Tempel.

Den ersten Sonntag, welchen ich auf amerikanischer Erde erlebte, tönte von allen Seiten das Geläut der Kirchenglocken. Es war der 18. Juli. Ich verließ meinen Gasthof und folgte dem ersten Zuge von Menschen, den ich sah, zu einer der Kirchen. Der Prediger war auf der Kanzel; ihm zur Rechten saß der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Man sang die Psalmen mit vieler Harmonie. Dann las der Prediger einen Bibeltext und sprach über die Unerfahrenheit und Ungeduld der Menschen, indem sie ihre Glücks- und Unglücksfälle dem Vertrauen auf eigene Kräfte anheimstellen, ohne die tiefer liegenden Ursachen zu bemerken. Er sprach sehr erwecklich und belehrend. Ich bemerkte, daß ich in einem Tempel der Methodisten war, der sich, wie die Art der öffentlichen Andachtsübung, wenig von der reformirten Form unterschied.

Von da begab ich mich in eine andere Kirche. Es war die der Neger. Auch der Geistliche war ein Neger. Er ereiferte sich sehr gegen die, seinem schwarzen Menschenschlage gewöhnlichen Untugenden. Seine Stimme war sehr stark; seine Bewegung ganz schauspielerhaft. Die Kleidung der Zuhörer und Zuhörerinnen zeichnete sich durch hohe Sauberkeit, Geschmack und Feinheit aus. Die Frauenzimmer trugen sich meistens weiß; doch manche auch in farbigen Kleidern und mit feinen Strohhüten. Aber welche Ueberraschung für einen Europäer, wenn sich eine der schlanken Grazien mit dem Köpfchen wandte, und dem Neugierigen eine ganz schwarze Gestalt wies!

Den folgenden Tag ging ich in eine katholische Kirche. Es wurde hier eben ein ausserordentliches Seelen-Amt wegen dem Tode eines Herrn Moranville gehalten. Bei der ansteckenden Seuche, die im Sommer 1819 zu Baltimore so viele Menschen wegraffte, und durch die Wärme der Luft von 26 bis 28 Grad Reaumur am furchtbarsten geworden war, opferte dieser Herr Moranville Vermögen, Zeit und Kräfte für die leidende Menschheit auf. Er theilte Arzneien aus, er tröstete die Sterbenden, er half die Todten forttragen, so lange die Seuche wüthete. Die meisten Verwüstungen richtete sie in dem Theil der Stadt an, der Fellspoint heißt, und in den niedern Gegenden, während der höher gelegene Theil der Stadt sich gesund bewahrte, obgleich man auch von den Kranken da hinauf verlegt hatte. Herr Moranville fühlte sich zuletzt auch nicht wohl. Er glaubte, das Klima Frankreichs, seines Vaterlandes, werde ihm Besserung geben. Er reisete ab, kam nach Amiens und starb da. Der Hyperion hatte die Nachricht von seinem Tode mitgebracht, den ganz Baltimore mit lauter Stimme beklagte. Die Kirche hatte kaum Raum genug, die ungeheure Menschenmenge zu fassen. Mit welchem kalten Pomp sah ich in Europa oft Menschen begraben, die zu den Höchsten und Bedeutendsten gehörten. Hier weinten tausend und tausend dankbare Augen still vor sich hin. Und als der Prediger vom Leben des Wohlthäters sprach, ward der Schmerz laut.

Man hat jetzt seit Kurzem einen Theil des Hafens ausgetrocknet, wodurch die Luft reiner und gesunder geworden ist. Es sind Flußgraben geöffnet, so, daß die Fahrzeuge in der Nähe der Vorrathshäuser landen können. Diese Kanäle ziehen sich manchmal eine halbe Wegstunde vor bis in die meisten Straßen der Stadt. Neben den Kanälen sind auf beiden Seiten Hochstraßen für Fuhrwerk. Zwischen den Häusern über den Dächern ragen daher die Masten der Schiffe mit ihren flatternden Wimpeln empor. An den Ufern rollen prächtige Lust- und Reisewagen entlang, Karren von Negern gezogen und gestoßen; zierliche Kaufläden sind seitwärts geöffnet, deren Reichthum den europäischen nicht nachsteht. Eine regsame Menschenmenge schwärmt durch die lichten Straßen. Der Großtheil der Wandelnden ist immer in sauberer und geschmackvoller Kleidung. Es hat Alles alle Tage sonntägliches Ansehen.

Jeden Morgen, ehe noch die Thürme im Goldstrahl der Sonne leuchteten, erwacht' ich vom verworrenen Gesang mehrerer Stimmen. Ich ward neugierig, woher diese Klänge, und ging ihnen eines Tages nach. Sie kamen vom Hafen. Ich sah auf einem Schiff acht Neger beschäftigt, es auszuladen. Alle ihre Bewegungen geschahen im strengen Zeitmaß und begleitet von einem Sang, den einer von ihnen angestimmt hatte. Die Töne, mit weniger Abwechselung, erhoben oder senkten sich, je nachdem der Waarenballen mehr oder minder schwer war, der bewegt wurde. Ich fand diese Art melodisch zu arbeiten nachher noch öfter bei den Negern. Man sagte mir, daß diese Unglücklichen sich in den ersten Monaten ihrer Gefangenschaft einer solchen Schwermuth überliessen, daß sie zuletzt gegen die Mahnungen ihrer Herren, selbst gegen Schläge ganz unempfindlich würden. Nichts könnte sie dann erheitern, als ihr Gesang. Man nöthige sie, zu Allem zu singen. So singen sie nachher zu aller Arbeit und bewahren dadurch ihre Munterkeit.

8.
Die Auswanderer.

Um mehr in der Mitte der Stadt zu sein, wohin ich von meinem Gasthof wohl eine halbe Stunde Wegs hatte, wählte ich einige Tage nach meiner Ankunft den Gasthof zur Indian Queen. Im ersten hatte ich wöchentlich, bei täglichen drei Mahlzeiten, 4 Dollars (ungefähr 1 Louisd'or) bezahlt; in diesem war der Preis täglich 1¼ Dollar. Die Reisenden wurden durch sechs Neger und Mulatten bedient; dreimal des Tages war die Tafel gedeckt, mit ausgewählten Speisen besetzt und die Gesellschaft am Tisch zahlreicher. Es waren mit mir etwa achtzig Reisende da und sehr wenig Europäer unter denselben. Der Wirth hält ein Buch, worin der Name seiner Fremden eingetragen ist. Das aber ist keine Polizeimaßregel, wie in Europa, sondern Uebung. Die Polizei drängt sich hier nicht in Alles ein. Man setzt voraus, die Mehrheit der Reisenden bestehe aus rechtlichen Menschen, und unterwirft diese nicht den demüthigenden und beleidigenden Verfügungen, die man einiger Schelmen willen erfunden hat. Man reiset durch alle Staaten Amerika's, ohne auch nur eines Passes zu bedürfen, und sich damit beim Thor jedes Städtleins und jeder Polizeibehörde ausweisen, verzögern und oft plump genug behandelt sehen zu müssen.

Kömmt ein Reisender ans amerikanische Ufer, muß er erst seinem Schiffskapitän den Werth seiner Waaren genau angeben, dann hernach beim Zollamt den Werth des Verkauften. Ein jährlich vom Kongreß bestimmter Tarif bezeichnet, was davon zu entrichten ist. Uebersteigt die Abgabe fünfzig Piaster, gewährt man Zahlungsfristen von sechs, neun und zwölf Monaten. Man hält sich an das gegebene Wort. Und Alles geht ganz gut dabei. – Es ist dies allerdings merkwürdig. Werden denn die Leute ehrlicher und rechtlicher, wenn sie amerikanische Luft athmen? – Ich möchte beinahe glauben, es würden die Unterthanen der europäischen Regierungen viel besser werden oder sein, wenn die Regierungen ihnen mehr Redlichkeit zutrauten. Man verkrüppelt Völker nicht nur, wie in der Türkei, durch rohe, gesetzlose Härte und Grausamkeit zu sklavischen Wesen, die mit den Lastern des Sklaventhums behaftet stehen, sondern auch durch unbesonnene Gesetzgebungen, in denen kein Glaube an die menschliche Tugend, keine Achtung des jedem Menschen eigenthümlichen Ehrgefühls, keine Schonung der Würde des Menschen, auch im Aermsten, vorherrscht. Mustert die Gesetzgebungen der meisten Länder: sie scheinen für Botany-Bai-Leute geschaffen zu sein.

Die heitere, freie, anständige Bewegung der Einwohner Baltimore's auf Straßen, öffentlichen Plätzen u. s. w. fand ich im Innern der Familien wieder. Ich ward einigemal in die Abendgesellschaften eines der ersten Häuser, bei Herrn G...., eingeladen. Die Frauenzimmer machten nach dem Thee Musik mit Gesangbegleitung; man plauderte, scherzte, spielte. Es war hier Alles ohngefähr wie bei uns in ähnlichen guten Gesellschaften; nur weniger gezwängt, steif und gesucht, viel heiterer und jeder mehr sich hingebend.

Noch muß ich doch auch ein Wort von meinen europäischen Reisegefährten, den Auswanderern, sagen. Den Tag nach der Ankunft im Hafen, gingen die Auswanderer ebenfalls ans Land und schickten sich an, in die westlichen Gegenden der Vereinstaaten zu reisen, meistens in kleinen Caravanen von acht bis zehn Personen. Manche waren schon ganz von Geld entblößt. Sie wandten sich an eine sehr achtungswürdige Gesellschaft in Baltimore, und die beiden ärmsten Familien, die eilf Personen stark waren, erhielten ein Pferd für sich und 40 Piaster. Sie zogen, wie der größte Theil solcher Ankömmlinge, den Ufern des Ohiostroms zu.

Auch das amerikanische Schiff Elisabeth war in New-York, und früher, als der Hyperion, mit mehr denn vierzig Reisenden angekommen, wie ich erfuhr. Diese, meistens Schweizer, zogen an den Ufern des Hudson aufwärts und folgten dem großen Kanal bis zum Erie-See. Das Schiff Boston kam fast gleichzeitig mit 120 Kolonisten, Elsassern und Schweizern, größtentheils Wiedertäufern, in Alexandria in Virginien an. Auch diese wanderten vom Ufer des Potomak zum Ohio. Eben so andere Auswanderer, die einige Wochen später auf zwei Schiffen von Havre ankamen. – Jährlich strömt aus Europa eine unglaubliche Menge arbeitsamer, gewerbfleißiger Familien nach Amerika. Und doch – wie große Strecken Landes entbehren in Europa noch des Pfluges und des Kunstfleißes!

Wie schon gesagt, sind in jedem Fall die amerikanischen Schiffe allen andern zur Ueberfahrt vorzuziehen. Sie brauchen gewöhnlich von Europa nach dem neuen Welttheil nicht mehr, als zwanzig bis vierzig Tage, und zur Rückfahrt nach Europa etwa zwanzig bis dreißig. Zwölf Schiffe, die den Namen Packboote tragen, machen zwischen Havre und New-York den regelmäßigen Dienst; zwölf andere eben so von Grenok nach New-York; zwölf von London und sechszehn von Liverpool eben dahin. Jedes dieser Schiffe macht die Hin- und Herfahrt dreimal im Jahre. In jedem derselben ist der Preis für einen Platz in der Kajüte zu dreißig Guineen (ohngefähr dreißig Louisd'or) oder 140 Dollars. Man hat dafür täglich drei wohlgewählte Mahlzeiten nebst dem Wein; zum Nachtisch Madera; Sonntags Champagner.

Diejenigen, welche weniger Bequemlichkeit verlangen und unterwegs sparen wollen, finden beim Kapitän eines Kauffahrteischiffes leicht den Platz zu zwanzig Louisd'or. Die Auswanderer auf dem Hyperion zahlten für die Person nur ohngefähr sechs Louisd'or; beköstigten sich aber selbst; schliefen im Zwischenverdeck, hatten aber Holz zum Kochen und süßes Wasser frei. Matratzen, Fleisch, Wein, Schiffszwieback, hatten sie von Havre mitgenommen, und auf die Person für vier Louisd'or Lebensmittel berechnet.

Noch vor wenigen Jahren war die Ueberfahrt kostspieliger und bei der Unerfahrenheit der damaligen Schiffskapitäne langsamer. Sie gebrauchten dazu oft sechszig bis achtzig Tage, manchmal sogar drei bis fünf Monate. Viele der Auswanderer waren sodann ausser Stand zu zahlen; hatten ihr Geld oft schon beim langen Aufenthalt im Hafen verzehrt. Dann pflegten sie sich, um die Ueberfahrt zu zahlen, dem Kapitän auf längere oder kürzere Zeit in Arbeit zu verdingen, und dieser verkaufte sie, oder vielmehr ihre Arbeitsverpflichtung, wenn er nach Amerika kam, an Andere, die das Meiste boten.

Die Regierung von Amerika hat diesen schändlichen Handel durch ein Gesetz verboten, und alle dergleichen Verträge zwischen Kapitänen und Reisenden aufgehoben. Seitdem nimmt kein Kapitän mehr Ueberfahrende an, ohne das Frachtgeld vorher baar erhalten zu haben.

Viele von den Ankömmlingen, die ich nachmals in verschiedenen Gegenden Amerika's sprach, und welche die Ueberfahrt auf Schiffen anderer Stationen gemacht hatten, erzählten mir von seltsamen Meer-Abentheuern, denen ich kaum Glauben schenken konnte. Ein Aargauer, der im Jahr 1817 mit 450 Würtembergern und Schweizern die Ueberfahrt von Holland aus gemacht hatte, erzählte: daß man nach sechs Wochen auf dem Meere endlich die Portionen Lebensmittel habe auf ein Drittel einschränken müssen; daß sich deswegen viele dem Kapitän verkauft hätten; daß bei 150 Menschen durch Hunger und Krankheit auf dem Meer umgekommen wären, und erst nach einem Vierteljahre New-York erreicht hätten. Gewiß ist, daß einige, die ihre Ueberfahrt bezahlt hatten, nachher ihre Klage gegen den Kapitän aufsetzten und sie Regierungsgliedern überreichten. Der Kapitän wurde vor den Richter berufen, und da er sich nicht ganz rechtfertigen konnte, zu einjähriger Gefangenschaft und zum Verlust seines Schiffes verurtheilt. Die Reisenden wurden von den eingegangenen Verträgen frei gemacht. Und seit dieser Zeit ists auch, daß jenes Gesetz erschien, um alle Mißbräuche dieser Art abzuschaffen.

9.
Eine Tagreise nach Philadelphia.
(24. Juli.)

»Wie weit ists von hier bis zur Hauptstadt Pensylvaniens?« fragte ich.

»Vormals ziemlich weit,« war die Antwort; »man mußte mehrere Tage unterwegs zubringen. Jetzt aber können Sie bei uns in Baltimore frühstücken und in Philadelphia zu Abend speisen. Die beiden Städte sind einander sehr nahe gerückt worden. Es sind, von Baltimore dahin, dreiunddreißig Stunden.«

In der That, wohin man bald gelangen kann, das ist nicht sehr entfernt. Je mehr sich die Vereinstaaten beleben, mit Kunststraßen, Kanälen und Schifferflüssen durchschnitten werden, Eilwagen und Dampfboote sich vervielfältigen und vervollkommnen, je kleiner wird dies ungeheure Gebiet, in welches man ziemlich bequem den größten Theil Europas hineinlegen kann.

Ich bestieg an einem schönen Morgen um fünf Uhr das Dampfschiff Richmond, welches, mit der Kraft von siebenzig Pferden, regelmäßig die Fahrt von New-York nach Albany macht. Ob ich gleich manches Dampfboot schon gesehen hatte, überraschte mich doch dieses durch seine Sauberkeit, innere Schönheit und die Pracht der Zimmergeräthe und Verzierungen. Der Dampf hörte auf zu zischen; das Räderwerk gerieth in Bewegung, und mit wunderbarer Geschicklichkeit flog das Boot mitten durch die Menge der Fahrzeuge, welche das Gewässer des Hafens bedeckten. Kaum von der Rhede etwas entfernt, kam uns das Dampfschiff the Maryland entgegen, das von Charlestown und Norfolk nach Baltimore gehend, uns einen Reisenden abgab, welcher nach New-York wollte.

Wenn man aus dem Hafen kömmt, mag die Chesapeakbay eine starke Viertelstunde breit sein und nimmt dann den Namen Susquehanna von dem Fluß an, der aus den Alleghanybergen in zwei verschiedenen Strömen kömmt. Diese Ströme vereinigen sich zu Sunbury ehe sie in die Chesapeakbay fallen.

Um acht Uhr wurde zum Morgenmahl geläutet. Jedermann setzte sich zum Tisch, wie ihm gefiel. Es waren der Reisenden ohngefähr sechszig Personen. Das Frühstück war, wie gewöhnlich, in üppiger Fülle aufgetischt; Kaffee, Rindfleisch, Geflügel, Fisch, auf mancherlei Weise bereitet; Backwerk, Butter und die sweah patatoes, oder süße Erdäpfel nicht zu vergessen, vom feinsten Geschmack, welche mein Lieblingsbissen blieben, so lange ich in Amerika war.

Das Schiff ging rasch; in einer Stunde stromaufwärts zwei Wegstunden. Beide Ufer, die sich einander allmälig näherten, waren mit artigen Landhäusern und wohlgebauten Feldern geschmückt. Im Hintergrunde unendlicher Wald.

Um eilf Uhr hielt das Schiff an. Wir mußten ans Land. Jeder Reisende erhielt eine Karte, welche die Nummer eines Wagens trug, in dem jeder nun vom Ufer der Susquehanna zum Delavarefluß fahren sollte, wo uns ein anderes Dampfschiff erwartete.

Sechs schöne Wagen, jeder mit vier kräftigen zierlich geschirrten Rossen bespannt, brachten uns in vierthalb Stunden von Newcastle ans Delavare-Ufer in den Delavarestaat. Es ist dies ein Weg von ohngefähr neun Stunden Länge. Man saß im Wagen bequem, obgleich immer drei Personen nebeneinander.

Wir hörten schon in der Ferne, ehe wir das Dampfboot sahen, den Dampf pfeifen. Eilfertig, als wäre Alles auf der Flucht begriffen, stieg man aus ins Schiff; das Gepäck kam sogleich mit, und wir flogen den Delavarestrom aufwärts. Die Ufer desselben sind so lieblich, wie die der Susquehanna. Wälder, durchschnitten von schönen Pflanzstätten, saubere Häuser von Back- und Felssteinen, mit Gärten, verkündeten freudigen Wohlstand und noch Raum genug für manchen Ansiedler. – Zwischen Gehölzen, Maisfeldern und üppigen Wiesen sahen wir auch zwei kleine Städte an uns vorüberschweben: Chester und Wilmington. Sie hatten freundliches Aeusseres; die Häuser mit vielem Geschmack erbaut, aus Steinen, Backsteinen und getünchtem Holz. Rechts lag uns der Staat Jersey, weniger volkreich, als Pensylvania zu unserer Linken.

Eine Menge Schiffe, Sloops und anderer Fahrzeuge begegneten uns, oder folgte uns. Ueberall Leben und Verkehr. Aber kein Schiff konnte mit unserm Boot gleichen Lauf halten; es legte in einer Stunde, gegen den Strom, über 2¼ Wegstunden zurück.

Es war sechs Uhr Abends vorbei, als wir schon den Wald von Schiffsmasten sahen, welcher den Hafen von Philadelphia besäumt. Bald erblickten wir am Ufer des Flusses, beim Eingang des Hafens, ein ungeheures steinernes Bauwerk, breit und schwerfällig. Es war die Veste Mifflins.

Am Landplatz lagen schon fünf andere Dampfboote. Wir befanden uns dem Marktplatz gegenüber. Eine Menge schaulustiger Menschen standen am Ufer. Neger erboten sich, mein Gepäck zu tragen. Nur 200 Schritte vom Hafen ist der Gasthof Brandson, wo ich einkehrte, und für einen Dollar täglich mich ganz wohl befand.

So war ich nun in der Stiftung des unsterblichen und ewig ehrwürdigen William Penn; in der Stadt, welche bis zum Jahre 1800 die Stadt des Kongresses gewesen, der dann nach Washington im Columbiastaat verlegt wurde.

General Lafayette kannte sein Amerika, für dessen Unabhängigkeit er einst als Jüngling gefochten hatte, nicht wieder, da er zum letztenmale dessen Gast ward. Und jeder Reisende, der nur einige Jahre später kömmt, als der frühere, findet Verwandlungen über Verwandlungen, neue Kolonien im Innern, wo sonst Einöden, neue Städte, wo sonst einzelne Bauerhöfe lagen, und kleine Ortschaften in Gewerbs-, Handels- und Prachtstädte verwandelt.

Laut der letzten Zählung steigt die Bevölkerung jetzt auf 12,508,000 Einwohner in den gesammten achtundzwanzig Staaten des Bundes. Ich will hier die Uebersicht von gegenwärtiger Bevölkerung der Vereinstaaten, nebst den Jahren ihrer Kolonisation und Aufnahme in den Bund, als selbstständige Republiken, beifügen.

Namen. Kolonisation.Eintritt in
den Bund.
Bevölk.
Seelen.
Virginien161017761,100,000
New-York161417761,220,000
New-Jersey16141776314,000
Massachusetts16201776548,000
Newhampshire16231776274,000
Pensylvanien162717761,078,000
Delavare16271776100,000
Maine1630181910,000
Connecticut16351776316,000
Rhode-Island16351776100,000
Maryland16381776450,000
Vermont16641776300,000
Nordkarolina16691776504,000
Südkarolina17101776662,000
Georgien17321776366,000
Louisiana17341812158,000
Tennesee17501796430,000
Allabama1770182285,000
Columbia1638180056,000
Kentuky177317921,100,000
Indiana17871816130,000
Ohio17801803540,000
Illinois1790181855,000
Missouri17901820106,000
Missisippi17801817156,000
Ostflorida} 18221,000,000
Westflorida
Michigan1810182350,000
Die Länder westwärts Illinoisu. s. w. zählen auch etwa1,000,000.

Man sieht daraus, daß bei uns zu Lande die Geographien, welche erst vor einigen Jahren gedruckt sind, wo sie von den Vereinstaaten reden, durch die Riesenschritte, welche Bevölkerung und Anbau dort thun, unvollständig geworden sind.

Noch ein Vierteljahrhundert, und die Vereinstaaten sind durch ihre Lage, durch ihre Bevölkerung, durch ihren Reichthum, durch ihre vortrefflichen Einrichtungen, durch ihre weisen Gesetzgebungen eine Riesenmacht, die des gesammten Europens Trotz spotten kann, und auf unsern Welttheil mehr Einfluß haben wird, als er auf sie. Da, wo jeder Bürger für sein Vaterland das Gewehr trägt, wo beinahe eine Million Milizen in den Waffen geübt werden, wo Freiheitsgefühl, Nationalstolz und Mißachtung der alteuropäischen Einrichtungen begeistern, ist schon jetzt nichts mehr von schweren Anfechtungen aus Amerika zu fürchten, obgleich die gesammten achtundzwanzig Republiken nicht mehr, als kaum 6000 Soldaten, das heißt in Sold und Lohn stehendes Kriegsvolk, unterhalten. Daß die Amerikaner ihr Glück fühlen im Verhältniß zu den Europäern, muß uns gar nicht wundern. Denn ungerechnet die natürliche Liebe der Eingebornen zu ihrer Heimath, bringen die jährlichen Einwanderer und neuen Ansiedler wenig Lobreden auf den alten Welttheil mit, welche die Neigung für Europa erhöhen könnten; und dann erfahren sie wöchentlich aus zahllosen Zeitungen nur zu viel vom Bunterlei unserer Schick- und Drangsale.

10.
Die Stadt der Freunde.
(24. bis 30. Juli.)

Philadelphia trägt wohl seinen Namen mit Recht. Der Großtheil ihrer Bewohner besteht aus Personen, die zur Kirchpartei, oder wie sie es nennen, zur Gesellschaft der Freunde gehören, die man gemeinlich mit dem Spottnamen der Quakers und Zitterer bezeichnet.

Es war mir gleich anfangs, da ich durch die Stadt ging, auffallend, welche anständige, ich möchte sagen sonntägliche Stille in den volkreichen Gassen Philadelphia's herrschte, einer Stadt von ohngefähr 120,000 Seelen. Und doch durchkreuzte sich das Volk in lebendigem Verkehr nach allen Richtungen. Der Markt war voll Getümmels, von einem Ende zum andern mit Gartenfrüchten und Gemüsen jeder Art, wohlgeordnet besetzt; seitwärts mit ganzen Reihen von Bauerwagen und wohlgenährten Rossen; die Wagen waren mit Fleischwaaren, gerupftem und in saubere Leinwand eingeschlagenem Geflügel u. s. w. angefüllt, von Käufern und Käuferinnen umringt.

Jene Stille, die mich überraschte, hatte die nämliche Wirkung auf einen englischen Schriftsteller hervorgebracht, der sich darüber so ausdrückt: »Was mir, nicht nur zu Philadelphia, sondern in allen Städten der Vereinstaaten, ungewohnt entgegentrat, war das anständige, besonnene Wesen der Bürger. Da ist in den Straßen kein Lärmens, Schreiens, Zankens; und doch bezeichnet dieser Mangel des Lärmens so wenig einen Mangel an Lebhaftigkeit, als das Nichtdasein von Grausamkeit die fehlende Tapferkeit andeutet. Wer daran zweifelt, besuche den nordamerikanischen Bundesstaat.«

Am Sonntage ward die Luft von allen Seiten durch das Geläut der Glocken bewegt. Ich ging in die erste Kirche, die ich antraf; sie war sehr groß und doch schon von Personen beiderlei Geschlechts angefüllt. Ich bemerkte an den aufrecht stehenden Rockkragen der Männer, an den feinen aber blumen- und federlosen Strohhüten der Frauenzimmer, an der mangelnden Kanzel, die ich vergebens mit den Augen suchte, daß ich in einem Tempel der Gesellschaft der Freunde war.

Die Kirchenglocken schwiegen. Im weiten Raum des der Andacht geweihten Gebäudes entstand eine tiefe, anhaltende Stille. Alles schien in fromme Betrachtung untergegangen. Ich wartete geduldig anderthalb Stunden, und es änderte sich nichts. Ich war schon im Begriff fortzugehen, als eine gute alte Frau vom Sitz aufstand, und mit zitternder doch vernehmlicher Stimme das Schweigen brach, indem sie ein Gebet sprach. Dies mochte wohl eine Viertelstunde dauern; dann bedeckte sie sich das Gesicht mit beiden Händen und saß wieder nieder. Ich verweilte noch ein halbes Stündchen. Als niemand aber das Wort nahm, ging ich wieder und besuchte eine andere Kirche.

Es ist in der Art und Weise dieser Gesellschaft der Freunde viel Eigenes, Hartes, Schwärmerisches und Ueberspanntes. Wer könnte das ganz läugnen? Aber doch muß ich bekennen, keine von allen christlichen Kirchenpartheien hat dabei so viel Milde, Menschenfreundlichkeit, Selbstverläugnung, Selbstaufopferung und Wahrhaftigkeit, als eben diese. Sie leben freundlich unter allen Menschen, ohne deren wilde Thorheiten und Leidenschaften anzunehmen. Sie wenden die Vorschriften des Christenthums streng, ja buchstäblich auf das wirkliche Leben an, und werden dadurch auffallend, sonderlingsartig in den Augen derer, die eine andere Erziehung genossen haben, sogar lächerlich. Sie zanken nicht, wie andere Christen, um Formen und Dogmen; ihr Glaube liegt mehr sprechend in ihren Handlungsweisen. Das stammt schon von erster Erziehung her, die ihnen nachher das Gewohnte zum lieben Bedürfniß macht. Diese Erziehung weicht freilich von der gewöhnlichen ab; ist vielleicht in Manchem zu ängstlich. Aber vielleicht ist eben diese Aengstlichkeit das beste Verwahrungsmittel gegen die spätere Leichtigkeit, mit dem, was unehrbar und lasterhaft ist, in Unterhandlung zu treten. Tanz, Musik, Jagd, Hazardspiel und Theater sind untersagt. Die erzieherische Gesetzgebung William Penns scheint mir unendlich edler, in sich selbst weiser und in ihren Wirkungen nicht minder bewundernswürdig, als die vielbewunderte des Lykurg. Wer dies bezweifelt oder nicht begreift, müßte Pensylvanien, müßte die entlegensten Einsamkeiten Amerika's besuchen. Hier ist nicht Heuchelei, auf den Schein gemachte Frömmigkeit, verlarvter Stolz, wie bei manchen ähnlichen Sekten in Europa, sondern Ueberzeugung, die ins Leben durch die That tritt, und durch Erziehung und Gewohnheit Bedürfniß wird.

Es scheint mir, daß die Einfalt, Wahrhaftigkeit, Anspruchlosigkeit und Rechtlichkeit der Gesellschaft der Freunde, auf Denkart und Ton, Gesetzgebung und Verfassung der Amerikaner in den Vereinstaaten einen sehr bedeutenden Einfluß gehabt habe und noch immer übe. Ueberall bin ich den Spuren ihrer Gesinnungen begegnet. Auch geniessen sie allgemeine und wohlverdiente Achtung.

Unter ihnen herrscht vollkommene Gleichheit der Rechte; Reichthum und Armuth geben darin keinen Unterschied. Die Häupter ihrer Versammlungen beziehen keine Besoldungen, empfangen keine besondere Ehrenbezeugungen, und finden für ihre Meinungen kein Uebergewicht bei den Andern. Das weibliche Geschlecht hat, wie bei allen andern Kirchenpartheien, dieselbe Stellung, und genießt derselben Achtung und Ehrfurcht. Die liebenswürdige Bescheidenheit, Einfachheit, häusliche Ordnungsliebe und feine Verständigkeit der Frauenzimmer macht, daß diese auch von den achtbarsten Familien anderer Sekten gesucht werden. – Erfüllt einer von ihnen nicht seine Pflichten gewissenhaft, wird er von einem seiner nächsten Verwandten oder vertrautesten Freunde im Stillen gewarnt; ist dies fruchtlos, geschieht es von mehrern Seiten; zeigt sich alle Mühe eitel, ihn zu seinen Pflichten zurückzuführen, wird er aus der Gesellschaft der Freunde ausgeschlossen. Das Alles geschieht ohne Aufsehn im Stillen.

Die Verbesserung der Strafanstalten, die Versittlichung der Verbrecher, die Verhütung des Verarmens und der aus Armuth entspringenden Uebelthaten, die Verbreitung des Christenthums unter den Heiden, die menschlichere Behandlung der Indianerstämme, die Abschaffung des Negerhandels und der Sklaverei hat dieser Kirchpartei mehr, als allen andern in der Christenheit, zu danken. – Wenn man die Genossen derselben auch nicht schon an ihrer äussern, einfachen Tracht erkennen würde, die Männer an ihren breitkrämpigen schwarzen oder weißen Hüten, und schwarzen, braunen, dunkelfarbigen Röcken; die Frauenzimmer an der Abwesenheit aller bloßen Schmucksachen, der Ohrgehänge, Ringe, Armbänder, Federn, Kunstblumen u. s. w. – Trauer um die Todten legen sie nie an – so würde man sie an der strengen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit im Handel und Wandel erkennen; an ihrer Treue im gegebenen Wort, an der Verschmähung jeder Art Betrugs und Ueberlistung.

Die Stadt Philadelphia hat etwas ungemein Gefälliges im Aeussern. Die Straßen sind geräumig und breit, manche achtzig bis hundert Schuh; alle sauber mit Plattsteinen gepflastert. In der Mitte stehen Hallen, oder zum Marktverkauf bestimmte, überdeckte Plätze, wo die Landleute, die ihre Erzeugnisse bringen, gegen das Wetter geschirmt stehen. Manche dieser Hallen sind über eine Viertelstunde lang. Die Fußgänge an den Seiten sind von Zeltdächern beschattet, viele der Kaufläden und Gewölbe gleichen an Fülle und Schönheit der Verzierung den schönsten in Paris.

Penn selbst hat den Riß zur Stadt der Freunde im Jahr 1682 entworfen. Sie ist wohl eine Wegstunde lang. Es ziehen vierundzwanzig breite, schnurgrade, oft seitwärts mit Fußgängen versehene Straßen neben einander hin, die von zwanzig andern ähnlichen im rechten Winkel durchschnitten sind. Die Häuser haben meistens weißen, gelblichen oder röthlichen Anstrich. Die Begräbnißplätze sind hier noch, wie in allen amerikanischen Städten, bei den Kirchen. Es fehlt nicht an vielen Sehenswürdigkeiten. Ich darf nur an das herrliche Museum erinnern, wo auch das vor einigen Jahren zu Bigbone in Kentuky, ohnweit Cincinnati gefundene Mammuthskelet aufbewahrt wird, das 18 Schuh lange, 11½ Schuh hohe Riesenthier der Vorwelt.

Neben allen schönen Gebäuden der Stadt zeichnen sich immer die Kirchen durch ihre Pracht und Majestät aus. Und ihrer sind nicht wenige. Und alle sind doch nur auf Kosten der verschiedenen Kirchpartheien gebaut. Denn, wie gesagt, hier ist keine herrschende, sogenannte Landesreligion. Der Staat hat den weisen und wohlthätigen, und Religiosität befördernden Grundsatz vollkommener Glaubensfreiheit anerkannt. Er zwingt niemanden zum Kirchenbesuch, und doch sind alle Tempel stets beim öffentlichen Gottesdienst angefüllt, während in Europa die Pfarrer über Verfall der öffentlichen Andacht und die Leerheit der Gotteshäuser häufig jammern. Der Staat gibt kein Geld zum Kirchenbau, besoldet keinen Geistlichen, und doch gibt es kaum ein Land, wo so viel Kirchen sind. Im Jahr 1817 hatte die Stadt Philadelphia bei ohngefähr 100,000 Einwohnern achtundvierzig Kirchen; Boston, damals bei etwa 40,000 Seelen dreiundzwanzig Kirchen; New-York, bei damals etwa 120,000 Einw., dreiundfünfzig Kirchen. Und heute sind überall, nach Maßgabe der gestiegenen Bevölkerung, auch der Tempel mehr geworden. – Worauf deutet das?

Weil der Staat ohne Unterschied jeder christlichen Glaubensgenossenschaft gleiches Recht und gleichen Schutz gewährt, hört man auch nichts von den ekelhaften Religionszänkereien, mit denen sich die Europäer ermüden und quälen. Es herrscht gegenseitige Achtung und Schonung. Man spricht nicht gern über Glaubensverschiedenheit. Man ist so verständig, zu begreifen, daß man keine fremde Glaubenslehre tadeln und beschimpfen könne, ohne die eigene dem Tadel und der Beschimpfung preis zu geben. Noch weniger darf sich das Kirchliche irgendwo in die Politik mengen, da beide durch die Grundgesetze des Staates so scharf und fest von einander geschieden stehen.

Unter den Sehenswürdigkeiten, die erst seit Kurzem ihr Dasein empfangen haben, zog mich ganz besonders das Kunstwerk am Shuykillstrom, eine Stunde von Philadelphia, an, durch welches die ganze Stadt mit Wasser versehen wird. Auf dem Wege dahin sah ich eben an einem neuen Zucht- und Besserungshause arbeiten. Ein weiter Platz war dazu geebnet und der ganze, große Raum mit einer mächtigen Mauer umgeben. Man sollte meinen, hier werde an einem Festungswerk gebaut: so schwer und stark ist alles aufgeführt. Das Thor ist eine mächtige Arbeit, und soll mit eisernen Gitterthüren geschlossen werden, die wohl mehr, als eines Mannes Arm vonnöthen haben dürften, um sich in ihren Angeln zu bewegen.

Eine halbe Stunde von da ist am Shuykill die Wassermaschine. Ein Vorbau drängt das Wasser des Flusses vom Ufer ab. Räder von 16 Schuh Durchmesser bewegen eine Pumpe mit doppeltem Stempel, wodurch das Wasser 120 Schuh hoch gehoben in ein ungeheures Becken gegossen wird. Die Pumpe liefert binnen vierundzwanzig Stunden bei 500,000 Gallonen Wasser. Sie steht erst seit zwei Jahren. Vorher hatte man eine durch Dampf getriebene, die man aber nun nicht mehr gebraucht.

Durch eine Menge Röhren und Kanäle fließt das Wasser aus dem ersten Behälter nach allen Stadtvierteln, ja fast in jedes Haus, wo man mit einem angebrachten Hahn so viel abzapft, als man will. In jeder Straße sind mehrere Brunnen, die man, im Fall einer Feuersbrunst, nach Belieben laufen läßt. Man legt nur den Schlauch der Feuerspritze an, die dann zweimal mehr Wasser schleudert, als die sonst übliche.

11.
Der Ausflug nach New-York.
(30. Juli.)

Wie gern hätte ich noch in Philadelphia verweilen mögen! Ich mußte mich immer recht ernsthaft daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei und versprochen habe, vor Weihnachten wieder in meiner Heimath zu sein. Wie viel hatte ich noch zu sehen! New-York, der Hauptplatz des nordamerikanischen Handelsverkehrs, ist nur zweiunddreißig Stunden von Philadelphia entlegen. Kleinigkeit! Ich konnte also Abends dort sein.

Um halb sechs Uhr Morgens stieg ich ins Dampfboot, das an Bequemlichkeit und Zier allen frühern nicht wich. Der Reisenden waren ohngefähr achtzig auf dem Boot; Herren und Frauenzimmer; alle, ohne Ausnahme, sehr sauber und mit Sorgfalt gekleidet, als wären sie nicht zur Reise, sondern zu einem geselligen Vergnügen zusammengekommen. Auch, als man sich um sieben Uhr zum Frühstück setzte, am reich mit allerlei Speisen beladenen Tisch, glich die Reisegesellschaft einer freundlichen Vereinigung eingeladener Gäste.

Wir fuhren den Delaware aufwärts und erblickten nach einer halben Stunde die Schiffswerfte von Philadelphia, auf welcher neun große Fahrzeuge bereit lagen, ins Wasser gelassen zu werden. Die pensylvanische Küste bot uns aller Orten das Schauspiel fleißigen Anbaus dar. Zwischen zerstreuten Wäldchen und lichtstehenden Pappeln lachten uns freundliche Landhäuser an. Nicht so große Mannigfaltigkeit zeigte das zum Staat Jersey gehörige Ufer.

Das Dampfboot lief in einer Stunde zwei Wegstunden stroman. Schon um neun Uhr kamen wir an Burlington vorüber, wo Reisende von uns gingen, andere zu uns kamen. In Bristol, sechs bis sieben Stunden von Philadelphia, stiegen wir ans Land, wo neun Wagen warteten, um uns weiter zu bringen. Jeder suchte den seinigen nach der Nummer der empfangenen Karte. Der lange Zug unserer zierlichen Reisewagen machte sich sehr artig und rollte, wie durch einen weiten Garten, von Zeit zu Zeit neben hübschen Landhäusern und Bauerhöfen vorüber, die, gut unterhalten, einen behaglichen Wohlstand zu verrathen schienen.

Nach zwei Stunden hielt man in Trenton an, um die Rosse zu erfrischen, was man jedesmal alle zwei Stunden beobachtete. Die Stadt – bekanntlich ist sie die Hauptstadt von Jersey – macht den Augen ein ganz angenehmes Bild. Die Häuser stehen nicht in strenger Regelmäßigkeit, sind aber meistens in gutem Geschmack gebaut. Besonders ist die bedeckte Brücke, welche über die Delaware führt, von besonderer Schönheit.

Zu Princetown, wo die Pferde gewechselt wurden, begegneten uns zehn volle Reisewagen, die von New-York kamen, um das Dampfboot zu erreichen, welches wir verlassen hatten; dagegen wir in Brunswik ein anderes finden sollten, von dem sie herkamen. Immer und immer überraschte mich täglich die Menge der Reisenden. Hier schien mir fast Alles unterwegs zu sein. Die Gasthöfe hatten der Reisenden oft so viel zu beherbergen, wie etwa in Europa sonst nur große Badeanstalten. Welch ein Verkehr und Leben auf diesen noch vor vierzig bis fünfzig Jahren halböden Küsten!

Auch Princetown schien mir eine sehr artige Stadt. Ich konnte sie nicht näher besichtigen. Noch vor wenigen Jahren war hier aber die berühmteste Hochschule der Vereinstaaten. – Ueber Kingstown gelangten wir endlich nach der Stadt New-Brunswik, anmuthig am Rariton gelegen, über welchen eine 400 Schuh lange Brücke führt, die, wie gewöhnlich, auf den Seiten Fußgänge und in der Mitte zwei Fahrwege hatte.

Die Hitze war sehr stark gewesen. Unsere lange Wagenreihe hatte dicke Staubwolken aufgetrieben, und wir alle, wie wir zum Dampfboot kamen, trugen mehr oder weniger die Spuren dieser Wolken. Allein jetzt erschienen sogleich einige Mulatten und Neger, mit Bürsten, Handtüchern, Wasserbecken, und luden jeden, der ihre Dienste verlangte, in ein Zimmer ein, um sich da wieder entstäuben und schön machen zu lassen. Auch einige Barbierer waren mit ihren Waffen bereit, die Männer zu verjüngen. Fast alle Reisende unterwarfen sich dieser Purification, die weniger ängstlich, als die spanische unter dem Scheermesser der Apostolischen ist. – In Europa, selbst in England und Holland, kennt man diesen hohen Grad der Reinlichkeitsliebe nicht. Sie ist ein Beweis der gegenseitigen Achtung, welche sich selbst Fremde untereinander im geselligen Leben schuldig sind, und die bei uns oft tölpisch genug vernachlässigt zu werden pflegt. Ich halte mich bei diesem kleinen Umstand gern auf, der selbst im Unbedeutenden auf ein regeres, sittliches Feingefühl hindeutet.

So lange man in der Nähe von New-Brunswik ist, zeigt sich die Landschaft wohlbevölkert in malerischer Abwechselung. Je weiter hin, werden die Ufer flach, und von Ebb' und Fluth verschwemmt, die sich bis Brunswik fühlbar macht. – Links lagerte Perth-Amboy seine niedliche Häuserreihen vor uns auseinander; besonders stellte sich der Sommersitz der Familie Brun von New-York, Brightonhouse, anmuthig dar. Es liegt schloßähnlich auf einer kleinen Anhöhe und schaut von da weit durch die Ebenen. Rechts hatten wir Staaten-Island oder Richmond, welches uns im Vorüberfluge nichts Ausgezeichnetes in seinen Ländereien darbot, aber gegen New-York zu an Bevölkerung reicher zu werden schien. Nachdem wir noch am linken Rariton-Ufer, bei Elisabeth-Town, einige Reisende aufgenommen hatten, fuhren wir gegen sechs Uhr Abends, beim lieblichsten Wetter, in die Bai von New-York ein.

Da stieg plötzlich in der Tiefe des Hintergrundes vor uns eine, ich möchte sagen von tausend Schiffsmasten halbverschleierte Stadt aus den Wellen. Nur die Zinnen der Häuser, die Thürme, die Pappeln-Reihen, welche auf die Richtungen der Straßen deuteten, liessen sich über den Wimpeln wahrnehmen. Wie wir näher rückten, hatten wir die sogenannte Batterie vor uns. Es ist dies ein öffentlicher Lustplatz, von Linden und Pappeln überschattet, deren Zwischenräume am Boden wohlunterhaltenes Rasengrün deckt. Alles wimmelte von Lustwandelnden. Die schöne Welt war im schönsten Sommerschmuck dort versammelt. Am äussersten Ende, ohngefähr hundert Schritte vorwärts in der Bai, hat man ein niedliches, kreisförmiges Pavillon aufgeführt. Es ist zwei Stockwerke hoch; das Dach mit einer Gallerie umgeben. Man hat von diesem Belvedere in der That, wie ich nachher sie selbst genoß, eine wunderliebliche Aussicht. Ueber dem Bau erhebt sich ein dreißig Schuh hoher Mastbaum, mit der Flagge der Vereinstaaten. Der Hafen von New-York ist voll ewiger Bewegung. Täglich, stündlich laufen Schiffe ein, segeln andere ab. Bei dreißig Dampfschiffe schwärmen ab und zu, von den verschiedensten Formen und Bestimmungen. Flüchtige Rauchsäulen, die sich bald in den Lüften zerstreuen, schweben des Tags über ihnen; Nachts sind eben so viel Feuersäulen, gleich jenen, die in der Wüste den Kindern Israels leuchteten.

Als wir um sieben Uhr ans Land traten, boten Weiße, Mulatten und Schwarze ihren Dienst an, unser Reisegepäcke in die Stadt zu tragen; aber nicht mit jener frechen oder plumpen Zudringlichkeit, deren man von Leuten dieser Klassen in Europa gewohnt ist. Längs dem Quai stand eine lange Reihe eleganter Kutschen und Halbwagen, die wahrlich mit den Fiacren oder Lohnkutschen von Paris oder Wien wenig Aehnlichkeit, dennoch die nämliche Bestimmung, hatten. Sie sind geschmackvoll gestaltet, meistens gondelförmig. Die Lohnkutscher, wie alle Personen aus der arbeitenden Klasse, sind mit vieler Sorgfalt angekleidet, in ihrem Betragen gefällig, zuvorkommend, ohne jenes knechtisch-höfliche Wesen, welches bei uns die Würde des Mannes so oft entweiht.

Ein Sprung vom europäischen Ufer über den Ozean, ans amerikanische, macht, beim schnellen Wechsel der Welttheile, jenen Gegensatz der Sitte und Lebensweise ungemein fühlbar. Andern vielleicht scheint eine Beobachtung dieser Art unbedeutend; mir bedeutsamer aber, als die Beschreibung von Bildergallerien, Kunstkabineten und Bibliotheken, die wir Reisende gern besuchen. Es ist in den amerikanischen Städten durch alle Volksklassen eine gewisse Sittenfeinheit, ein Gefühl für das Anständige und Edle verbreitet, welches nicht aus Tanzmeisterlektionen, sondern aus dem Bewußtsein des eigenen Rechtes und der Achtung für fremdes stammt. Selbst die Einwanderer schleifen nach und nach die rohen Seiten ihres Betragens ab, welches sie von dem Stande oder der Kaste noch mitbrachten, der sie im andern Welttheil eingebürgert waren; das grobe Hochfahren des Adelmanns und Beamten, die stolze Leutseligkeit des Vornehmen gegen den Geringen, die Rang-Seligkeiten des spießbürgerischen Kleinstädters, die unbehilfliche Steifheit des Handwerkers, die unterthänige Kriecherei und patzige Frechheit der Herrendiener. Wo der Mensch als Mensch gilt, ist ächter Adel – Menschenadel daheim. Wer Freiheit und Recht hat, wie jeder, ehrt beides gern im Andern, um beides geehrt in sich zu bewahren.

Ein Mulatte, mit einem Nummerschild am Rocke, trug mein Gepäck in die Beaver-Street, wo ich bei einer Privatperson einkehren mußte, der ich schon durch einen Freund in Philadelphia empfohlen war. Die Gastlichkeit der Familie bedrückte mich fast. Eine Woche lang mußte ich bei ihr verweilen; dann aber bezog ich den schönen Gasthof Columbian-House.

12.
Von New-York.
(30. Juli bis 14. August.)

Vor etwa 200 Jahren schickten die Holländer Ansiedler hieher, die bauten am Zusammenfluß des Hudson- und Ostflusses am Meere, auf der äussersten Morgenseite der Insel Manhattan, ihre Niederlassung New-Amsterdam; später empfing die Pflanzstätte den Namen New-Stockholm; und seit sie in Besitz der Engländer kam, hieß sie New-York. Die Insel ist etwa vier Wegstunden lang und eine halbe breit. Jetzt steht hier eine reiche blühende Stadt von 130,000 Einwohnern, die nach allen Welttheilen Handel treibt, für Wissenschaften und Künste mehr Anstalten, Gesellschaften, Sammlungen, Bibliotheken u. s. w. hat, als der Mehrtheil königlicher Hauptstädte in andern Welttheilen, und daneben eine ausserordentliche Menge Fabriken in thätiger Bewegung sieht.

Von der Batterie, deren ich schon erwähnte, hat man die Aussicht auf mehrere Inseln. Die größten sind Richmond oder Staaten-Island rechts und Long-Island links. Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur Vertheidigung der Bai angelegt sind, haben geringen Umfang. – In der Ferne, doch etwa nur einer Stunde, sieht man die Stadt Jersey, Hauptort vom Staate dieses Namens; noch eine schwedische Gründung. Die Höhen alle herum sind da mit Windmühlen bepflanzt, die ihre luftigen Flügel rührig herumtreiben.

Das Innere von New-York hat keinen so regelmäßigen Straßenbau, als Philadelphia. Die bald breiten, bald engen Kreuz- und Quer-Gassen europäern ein wenig. Doch eine Straße, wie der Broadway zu New-York, von solcher Breite, eine volle Stunde Wegs lang, die Fußgänge an den Seiten mit Pappelbäumen eingefaßt, links und rechts schöne Gebäude, prachtvolle und reiche Kaufmannsgewölbe – findet man in Europa nicht leicht. Das schönste Gebäu aber steht in der Mitte des Broadway, ganz von weißem Marmor, in großen, riesenhaften Parthien. Es ist das Rathhaus. Davor liegt ein öffentlicher Lustplatz, mit Geländern eingefaßt. Er heißt der Park, ist aber nur ein weitläuftiger, mit Gängen durchschnittener und von einigen Bäumen leichtbeschatteter Rasenplatz. Verschiedene Häuser haben Ebendächer und Balkone, die an lieblichen Sommerabenden gern benutzt werden, um der Aussicht auf den Hafen zu geniessen, der drei Viertel der ganzen Stadt begrenzt, und wohl der größte der Vereinstaaten ist. Ueberhaupt liegt New-York in einer äusserst anmuthigen Landschaft.

Man sieht hier nur wenige Neger, und die man sieht, sind frei. Zahlreicher werden sie in den südlichern Staaten gefunden, und wiewohl man sie auch dort schon sehr menschlich behandelt, rückt doch schon der bloße Gedanke an ihr Sklaventhum diese Unglücklichen zur dienstbaren Thierklasse nieder. Dieser Stand der Neger ist noch ein Nachlaß, eine Hefe von der Herrschaft der christlichen Europäer. Ach, man sollte sich doch bei uns zu Lande nicht brüsten mit Zivilisation und Christenthum, sollte nicht die Grausamkeit der Araber, Türken, Mauren, nicht die Barbareien des Orients stolz verdammen, so lange man noch nicht auf europäischen Schiffen den verruchten Menschenhandel abgethan hat! – In den Vereinstaaten ist jetzt wahrer Wetteifer, das Loos der Schwarzen zu verbessern, ihnen allmälig die volle Freiheit zu geben und sie zu vermenschlichen. Man weiß, die ersten wurden im Jahr 1503 in die neue Welt aus Afrika hinübergeschleppt. Jahrhunderte lang wurden diese beklagenswürdigen Mitmenschen wie Hausthiere behandelt; oft schlechter. Wie lange wird es dauern, ehe die moralischen Narben der Sklavenkette ganz verwachsen sind?

Die in Amerika gebornen Neger sind weniger schwarz, als die, welche unmittelbar aus Afrika kommen. Man behauptete mir, das Schwarz vermindere sich von Geschlechtsfolge zu Geschlechtsfolge.

Es ist möglich. Denn auch die Europäer in Amerika scheinen mir mit den Jahrhunderten ihre Farbe allmälig zu ändern. Ich glaubte ziemlich gut eingeborne Amerikaner von neuen Ansiedlern schon an Farbe, Bau und im ganzen Wesen unterscheiden zu können. Sie sind im Allgemeinen wohl geformt. Selten erblickt man einen Mißwuchs, wie man wohl in Europa oft genug sieht. Aber die Farbe ihres Gesichts hat nicht das Leben und die Frische, wie bei uns; die Stadtbewohner haben eine, ich möchte sagen kränklichblasse Haut; die Landbewohner sind freilich brauner, ohne darum frischer und farbiger zu sein. Die Gesichter sind gewöhnlich mehr länglich, als rund; und die Züge derselben, die meistens zusammengesetzter, als bei uns, sind, verrathen so wenig, als das übrige Aeussere der Gestalt, Gewerb und Beruf, die man in Europa so leicht bei den verschiedenen Volksklassen unterscheiden kann.

Eine zuvorkommende, edle Gastfreundlichkeit ist wohl die herrschendste Tugend unter den Amerikanern. Sie sind im Umgange gefällig, fein und offen. Man muß sie nicht nach dem rohen, leidenschaftlichen Ton ihrer zahllosen Zeitungen beurtheilen. Da treibt der politische Parteigeist sein freies und derbes Spiel. Aber das schadet niemandem; denn man kennt das Geklätsch und Treiben der Publizisten, und weiß, daß die, welche die zarten Verfädelungen der Diplomatik und Politik auseinanderschlichten wollen, dazu gern die gröbsten Finger gebrauchen.

Diese Sonderbarkeit dort ist, wie bei unsern europäischen Gelehrten, einheimisch. Bei uns zwar nicht überall in der Politik, aber doch in andern Fächern. Welche Klasse von Schriftstellern pudelt sich ungezogener und ungeschliffener vor dem Publikum herum, als die der Jugenderzieher, der Pädagogen und Philologen? Wer zeigt weniger die Wirkungen der Humanität, als die Klasse derer, die Humaniora treiben? Wer handelt wüthender und unchristlicher wider fremde Meinungen, als die Lehrer der Religion der Liebe? Wer schreibt besser über Landwirthschaft, als wer dadurch ökonomisch zu Grunde ging? Wer hat unphilosophischern Stolz, als die Philosophen?

13.
Der Besuch beim Oheim.

Zwölf Stunden von New-York, am linken Hudson-Ufer, wohnte ein Oheim von mir, der sich schon vor vielen Jahren dort niedergelassen hatte. Ich nahm mir vor, ihn zu besuchen, und bestieg ein Fahrzeug von der Größe unserer größten Schiffe auf Seen und Flüssen, mit zwei Segeln, das heißt, einen Sloop. Dies Fahrzeug hatte ein Verdeck, wie andere Schiffe, und eine niedliche Cajüte. Meine Reisegefährten waren meistens Weiber und Mädchen, die zur Stadt gekommen waren, einzukaufen oder zu verkaufen. Obgleich in Amerika geboren, sprachen sie doch noch das Holländische, ihre Stamm-Landessprache, untereinander. Mehrere rauchten Tabak aus kurzen, irdenen Pfeifen. Das wunderliche Schauspiel dieser Schmaucherinnen, und der ernsthaften, nachdenklichen Geberden, die sie dazu machten, fing an mich zu belustigen.

Ein Landmann erklärte mir, das sei so Brauch bei den Holländerinnen; indessen bei den Mädchen käme jetzt das Rauchen ganz ab. Gegen Abend langten die Weiber ihre Körbe vor mit Speisevorrath gefüllt, und machten Thee. Eine der Frauen trank ihre Tasse voll aus, füllte sie dann wieder und bot sie mir. Ich mußte annehmen. Jede der Andern reichte mir nun noch von ihrem Vorrath, eingemachte Pfirsiche, Brödchen, Honig, Butter, Käse.

Nun gings ans Fragen: »Ißt man bei Euch in Europa auch dergleichen? Wie sind dort die Weiber? Ist das, was Ihr tragt, bei Euch Landestracht? Sehen die Männer alle so munter bei Euch aus? Wie kleiden sich die Frauen?« – Eine sagte: »Ihr seid ein kräftiger, starker Mann, und werdet ein guter Landbauer werden.« Nach dieser Bemerkung über mein Körperliches rückte sie stockend mit der zarttastenden Neugier aus: ob ich verheirathet sei? – Als ich mit Nein antwortete, war sie ausser sich vor Erstaunen; »Was?« rief sie lebhaft: »Muß man denn bei Euch so spät heirathen?«

Wir kamen spät nach Tapan. Der Oheim wohnte noch eine Stunde Wegs weiter. Ein hablicher Landmann, der desselben Wegs fuhr, erbot sich, mich in seinem Wagen mit dahin zu nehmen. Ich setzte mich in seinen »Gig«, den zwei brave Rosse zogen, und ein schwarzer Diener führte. – Unterwegs gaukelten die Flämmlein unzähliger Irrwische zu allen Seiten, über vermuthlich sumpfigen Wiesen, als wollten sie mit den Gestirnen des Himmels über sich wetteifern.

Der Oheim war sehr überrascht, plötzlich einen europäischen Neffen um Mitternacht erscheinen zu sehen. Er erquickte diesen indessen gastfreundlich mit Speis' und Trank und gutem Nachtlager und sparte die Fragen einer verzeihlichen Neugier dem folgenden Tage auf.

Der Aufenthalt hier war für mich, wenn gleich kurz, doch belehrend, und, einen Unfall abgerechnet, angenehm. Ich wurde in die Bekanntschaft aller Nachbarn eingeführt; auch in die Familie dessen, der mich von Tapan hierher gebracht hatte. Als wir diesem einen Besuch machen wollten, gab man mir ein Reitpferd. Ich hatte es aber kaum bestiegen, gebehrdete es sich so wild, schlug aus, bäumte sich, daß ich zehn Schritte weit aus dem Sattel flog und drei Stunden ohne Besinnung, doch ohne weitern Schaden, blieb, als daß ich einige Tage lang Rippenschmerz fühlte. Ich machte nun meine Besuche zu Fuß.

Als ich zu meinem obenerwähnten nächtlichen Fuhrmann kam, stellte er mir seine Frau, seine Mutter und seine Großmutter und seine Urgroßmutter vor. Letztere mochte etwa hundert Jahre alt sein, und sprach, als geborne Holländerin, nur holländisch. Vater und Sohn waren in dieser Familie die einzigen männlichen Geschlechts. Bei Tische setzten sich die beiden alten Frauen. Die beiden jüngern standen hinter den Stühlen ihrer Mütter, um sie zu bedienen. Das feinste Tischzeug von schneeweißem Linnen und glänzendes Silbergeschirr deckte die Tafel.

Ich fühlte mich in dieser patriarchalischen Familie sehr glücklich. Der größte Theil des Tages verfloß unter Gesprächen über den Unterschied der alten und neuen Welt.

Es wird gewöhnlich den Amerikanern schwer zu fassen, daß wir Europäer das Vernünftige, Naturgemäße und Volksbeglückende ihrer Verfassungen, Gesetze und Einrichtungen anerkennen, und doch bei uns an das Beengende und Zwängende des oft zweckwidrigen, verderblichen Herkommens und Erbes aus den Zeiten mittelalterischer Barbarei festhalten. Europa, wenn es sich plötzlich der alten Einrichtungen und Gewohnheiten entledigen wollte, würde in ein hundertjähriges, namenloses Elend versinken und sich doch nicht der tausendjährigen Banden ganz entstricken können. Eine allgemeine, gewaltsame Umgestaltung der Verfassungen, Gesetze und Sitten würde eine allgemeine, gewaltsame Verheerung alles öffentlichen und häuslichen Glücks, eine Hemmung des ruhigen Fortschreitens zur Vollendung, ja eine Verwilderung der Sitten und Lebensansichten werden, und doch zuletzt, nach Erschöpfung aller Kräfte, von zweifelhaftem Ausgang sein. Wer kennt die Wege der Leidenschaften? – Sie lassen sich nicht vorher berechnen, gleich den Wegen der Vernunft.

Nordamerika dankt seine Vorzüge der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich keiner Revolution. Die sogenannte amerikanische Revolution war ein Kampf für Unabhängigkeit gegen drückende Ministerialwillkühren, Regierungsunbesonnenheiten und Handelsdespotismus, und half nachher zur Gestaltung des Bessern als erleichterndes Mittel. Amerika dankt jene Vorzüge der Eigenthümlichkeit seines Werdens. Hier schuf kein altes Volk sich einen neuen Staat; nein, hier entsprang in weiten, fruchtbaren Einsamkeiten ein neues Volk, das sich den Staat und die Gesetzgebung, bereichert mit den Gedanken der Weisen des achtzehnten Jahrhunderts und aller Jahrhunderte, getrieben vom tiefgefühlten Bedürfniß des Zeitalters, unbeengt durch bestehende positive Rechte Anderer, nach Einsichten und Umständen beliebig bilden konnte. Es würde vielmehr ein ewiger Schimpf für den Verstand der Amerikaner geblieben sein, wenn sie ohne alle Noth das bei sich aufgenommen hätten, was sie bei alten Völkern Verwerfliches gefunden.

Nun ist es zwar richtig, daß unter den gebildeten Nationen Europens die Erkenntniß und das Bedürfniß dessen, was und wie es sein sollte, im Widerspruch steht mit dem, was wirklich vorhanden ist und gilt. Dieser Widerspruch erregt Mißmuth und Kampf. Aber das scheint mir eben der richtige, naturgemäße Gang der Menschheit zu ihrer Veredelung. Vernunft und Leidenschaft begegnen sich feindselig. Im Streit um Verbesserungen der bürgerlichen Gesellschaft mag die Partei derer, die aus Unwissenheit, oder Schüchternheit, oder Eigennutz das Schlechtere festhalten, durch Macht, Reichthum, Stellung und Volksvorurtheil die überwiegende sein; aber sie wird unmerklich geschwächt und besiegt, weil sie, eben durch ihren Kampf, wider Willen, die Erkenntniß des Bessern ausbreiten hilft. So schreitet die europäische Menschheit allmälig zum Bessern vor, ohne es zu ahnen. Hundert Wahrheiten, sonst als Ketzereien verdammt, sind jetzt Alltagsgedanken der Priester und Edelleute, und sie selbst erstaunen über die Verkehrtheit und Unmenschlichkeit der Alten, die das Gegentheil behaupten konnten.

14.
Die Gesandtschaft der Indianer.

Da ich nach Newyork zurückgekehrt war, hatte sich unterdessen in dieser Stadt die Gesandtschaft von sechs indianischen Stämmen eingefunden, die an den Quellen des Missisippi und an den Westküsten Amerika's wohnen. Die Gesandtschaft bestand aus vierundzwanzig Häuptern der Stämme, nebst vier Weibern und zwei kleinen Kindern. Sie waren, nur um bis zur Vereinigung des Ohio mit dem Missisippi zu gelangen, sechs Monate unterwegs gewesen. Dort hatte man sie in Dampfboote aufgenommen und wieder stromaufwärts bis Pittsburg geführt. Von Pittsburg waren sie in Wagen nach Washington gebracht, wo sie vom Präsidenten der Vereinstaaten mit Auszeichnung empfangen wurden. Mit Hilfe von vier Dollmetschern, die unter ihnen gewohnt hatten, ward mit ihnen ein Bundesvertrag abgeschlossen. Um ihnen eine Vorstellung von höherer Landesgesittung zu geben, ließ der Präsident diese Männer der Wildniß, begleitet von zwei Gliedern der Regierung, durch die vornehmsten Städte des Landes reisen. Sie kamen durch Baltimore und Philadelphia nach Newyork.

Hier gab man ihnen auf der Batterie ein Fest. An Wein, Branntewein und Leckereien durft' es nicht fehlen. Eine ausgewählte Musik spielte den ganzen Abend. Ein Feuerwerk beschloß das Tagwerk.

Ich begegnete ihnen unter einem Haufen Neugieriger beim Eintritt des Lustgangs der Batterie. In demselben Augenblick liessen sich die ersten Töne der Musik hören. Auf der Stelle erhoben diese Gesandten ihrerseits einen Fest- oder Kriegsgesang, mit solcher Macht, daß sie fast den Odem darüber verloren. Sie begannen und endeten ihr Geheul immer mit einem Laut, der wie Hu! oder Kohu! klang, daß den Hörern in der Nähe davon die Ohren gellten. Der Gesang selbst hatte eine Art Melodie. In verschiedenen Zeiträumen fuhren sich die Sänger dabei, und alle zugleich, mit der Hand über den Mund. Ihr Gebrüll hatte etwas Furchtbares. Dabei waren ihre Geberden und Leibesbewegungen mit den Streitäxten in den Fäusten so drohend und schrecklich, daß Jeder, der diese ihre Artigkeiten zum ersten Mal sah, jeden Augenblick fürchtete, die Erde mit Blut und verstümmelten Menschen bedeckt zu sehen.

Um einen Schelling erhielt ich Erlaubniß, in die Batterie einzutreten. Da war ein runder Tisch, rings mit Stühlen, für sie bereitet. Vier- bis fünfhundert neugieriger Zuschauer bildeten einen Kreis.

Als sich die Wilden gesetzt hatten, war ihr erstes Geschäft, die brennenden Kerzen auszulöschen. Man bat sie, es nicht zu thun; reichte ihnen gefüllte Gläser zum Trinken, und bot nun dem Obersten der Gesandtschaft eine von den Schüsseln dar, sich selber davon zu bedienen. Er legte den Schurz, den er um die Hüften trug, über die Knie auseinander, leerte die Schüssel darein aus und gab sie wieder zurück. Von nun an hütete man sich wohl, Jedem die gefüllte Schüssel darzubieten, sondern gab jedem Einzelnen seinen Theil davon. Die Gäste hörten essend immer der Musik aufmerksam zu. Als nach dem Schluß derselben alle Zuschauer freudig mit den Händen Beifall klatschten, wurden die Indianer gleich beim ersten Klatschen unruhig, sahen sich unter einander an und fuhren mit den Fäusten nach den Streitäxten. Ihre Furcht verlor sich, als die Musik wieder begann; und da sie schloß, erhoben sie zum Zeichen ihrer Zufriedenheit ein gar entsetzliches Geschrei.

Man ließ endlich das Feuerwerk aufsteigen, was ihnen eine angenehme Verwunderung zu erregen schien, und um acht Uhr zogen sie sich zurück. Beim Heimgehen war ich dem Zuge dieser Gesandten sehr nahe gekommen. Einer dieser Naturmenschen, neben welchem ich zufällig ging, betrachtete mich seitwärts so neugierig, wie ich ihn. Ich bot ihm lächelnd die Hand dar; er schüttelte sie mir treuherzig. Sein Haupthaar war, wie meistens auch bei den übrigen, zur Hälfte weggeschoren, und der Schopfbüschel mit buntfarbigen Federn ausgeschmückt; andere trugen die Haare lang, bis auf die Achseln niederfallend; in der Nase Metallringe; die Arme und den ganzen Oberleib unbedeckt, eben so die Beine. Einigen hing ein Wildthierfell von der Schulter herab.

Es waren wohlgebaute, starkgemuskelte Leute, ungefähr sechs Schuh groß, von schmutzig rother Hautfarbe, die durch das Beschmieren mit Fett und rother Erdfarbe noch schmutziger geworden war. Einige von ihnen hatten Tatowirungen. Ihr Gang war ganz eigen. Es kam mir vor, als hätten sie ihn bei den Wanderungen auf dem Boden ihrer Urwälder zur Gewohnheit angenommen. Stets haben sie die Augen vor sich nieder auf die Erde geheftet; so gehen sie, ohne rechts noch links umherzuschauen. Die Weiber, etwas kleiner und in Felle gehüllt, schienen sehr furchtsam zu sein. In der ihnen angewiesenen Wohnung wollten sie sich nie von einander trennen lassen. Sie schliefen alle beisammen.

Sie sind nachher mit Dampfschiffen auf dem Hudsonfluß und über die großen Seen in ihre Heimath zurückgekehrt. Als zu Albany eins ihrer Häupter starb, legten sie seinen Leichnam in einen doppelten Kasten und nahmen ihn mit sich.

Die amerikanischen Zeitungen enthielten die Namen dieser Gesandten, mit der Uebersetzung. Ich füge sie hier bei. Sie sind alle bezeichnend: Ganzgift, Wind, hockender Adler, Fuchswach, Wolkenaufgang, Matt-Auge, Sperling im Gehen jagend, Löffel, Büffel, fliegendes Täubchen, Bär brüllend daß Felsen zittern, weißnasiger Fuchs, Fuchssprung linksum, geduckter Fuchs, Sonne, Weißnebel, krausgeschwänzter Fuchs, Starkläufer, Donnerschnell.

Leider mußte ich mich stets daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei. Ich hatte noch so viel zu sehen und genoß so angenehme Tage. Ich war durch Empfehlung in eins der ersten Häuser in Newyork eingeführt. Das Haupt der Familie, der Vater, wohnte auf einem Landgut am Ufer des Rariton. Ich ward auch dort mit großem Wohlwollen aufgenommen. Der alte Herr führte mich unter andern in seine Bibliothek und rollte da einen Haufen Pergamente und Karten auf, um mir Titel und Umfang seiner gesammten Länderbesitzungen zu zeigen. Demzufolge besaß er einen ungeheuern Flächenraum Landes, der zusammen beinah soviel an Größe betrug, als etwa ein kleines deutsches Königreich. Er bat mich, wenn ich durch Virginien käme, einige seiner Besitzungen zu besuchen und besonders ihm Schweizer zum Anbau zu verschaffen.

Sein weitläuftiges Wohngebäu auf dem Landgut, eine Viertelstunde von der Amboy-Bay, zählt achtzig Gemächer und beherrscht eine der reizendsten Aussichten. Zwei seiner Söhne führen in Newyork eine der ersten Großhandlungen. Sie besitzen zwei Züge Schiffe, von denen der eine regelmäßig nach Livorno, der andere nach Ostindien die Fahrt macht. Ein dritter Sohn hat sich der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden gewidmet und ist schon seit vielen Jahren Missionär. Er verschmäht den bequemen Genuß eines großen Reichthums und duldet mit apostolischem Muthe die größten Entbehrungen, um durch die unwirthbaren Einöden der Wilden die Saat christlicher Gesittung auszustreuen.

15.
Die Fahrt nach Albany und Saratoga.
(14. bis 16. Aug.)

Kein Monarch Europens kann sich rühmen, einen glänzendern und größern Triumphzug gefeiert zu haben, von den Völkern mit höhern Ehren begrüßt worden zu sein – selbst Napoleon nicht, wenn er die bezwungene Welt durchreisete –, als General Lafayette, der Mitstifter amerikanischer Unabhängigkeit, da er das Vaterland seines Ruhmes zum letzten Male sah.

Ungeboten, ja unaufgefordert rüstete sich Alles, den edeln und geliebten Gast zu empfangen. Arm und Reich ward für ihn thätig. Die ganze Nation wollte ihn empfangen, ihn sehen, ihn segnen. Was sind daneben die kalten Feierlichkeiten, mit welchen prunklustigen Großen der andern Welttheile, unter steten Einmischungen der Polizei, geschmeichelt und gehuldigt werden muß! Wie der greise Lafayette diese Reihe von rührenden Auftritten und geräusch- und prachtvollen Festen ohne Zerstörung seiner Gesundheit ertragen konnte, bleibt mir noch immer unbegreiflich.

Und dieser große Edelmann, als er wieder in sein Geburts- und Vaterland Frankreich zurückkehrte, wo er der Gegenstand des Hasses oder Widerwillens des Hofes, der Minister, der Großen und ihrer Diener und Beamten war – wie anders mußte ihm da Alles erscheinen! Ein Welttheil bringt ihm Verwünschungen für dieselben Gesinnungen, derentwillen ihm ein anderer dankbar den unsterblichen Lorbeer reichte. Die Nachwelt wird strenges Gericht über die Menschen unserer Tage halten.

Gern wäre ich Zeuge von Lafayettens Empfang in Newyork gewesen, wo schon große Zubereitungen veranstaltet wurden. Da sich seine Ankunft aber von Tag zu Tag verzögerte, wollte ich nicht länger verweilen und bestieg ein Dampfschiff, welches nach Albany ging.

Täglich fahren drei Dampfboote von Newyork dahin, die auf dem Hudson binnen achtzehn bis vierundzwanzig Stunden die fünfzig Wegstunden lange Strecke bis Albany zurücklegen. Diese Boote, welche zu den größten der Vereinstaaten gehören, gehen nicht über Albany hinaus, sondern werden von minder großen abgelöset, die dann den Hudson hinauf durch den Georgs- und Champlainsee auf dem Lorenzenstrom nach Canada gehen. Der Hudson, oder Northriver, wie er auch heißt, und bei New-York, wo er sich ins Meer ausmündet, drei Viertelstunden, bei Albany beinah noch eine kleine halbe Stunde breit ist, bildet sich eigentlich in seiner Größe erst durch die einfallenden Gewässer des Sacondaga und Mohawk. Seine Ufer sind an einigen Orten sehr schroff, von weißgrauen Kalkfelsen, mit Tannen und Eichen besäumt. Von Zeit zu Zeit erscheinen artige Landhäuser, Bauerhöfe und kleine Ortschaften auf fruchtbarem Gefilde.

Weil ich immer auf dem Verdeck geblieben war, hatte ich nicht bemerkt, wie große Gesellschaft sich mit mir auf dem Boote befand. Es waren hundert und achtzig Reisende. Frauenzimmer und Herren hatten ihre besondern Säle; wer mit jenen speisen wollte, mußte, mit Angabe seines Namens, beim Kapitän um Erlaubniß bitten. Er führte mich also in ihren Saal. Man setzte sich in bunter Reihe an zwei langen Tafeln zum Frühstück, welches mit ausgewählten Platten versorgt war. Auch hier schien weniger eine vom Zufall zusammengeführte Reisegesellschaft, als eine Versammlung eingeladener Gäste beisammen zu sein; so sorgfältig und anständig war der Anzug Aller, so gesellig, fein und ungebunden war die gegenseitige Unterhaltung.

Wir kamen am Städtchen Orange-Town, dreizehn Stunden von Newyork, dann fünf Stunden weiter bei West-Point vorbei, wo das vorzüglichste Kollegium für die Jugend der Vereinstaaten ist. Unter den hiesigen Zöglingen befinden sich auch zweihundert und fünfzig meistens Söhne von Wittwen, oder von Militärpersonen, die den letzten Krieg mitgemacht hatten. Sie werden hier für den Land- und Seedienst der Vereinstaaten auf öffentliche Kosten erzogen.

Der Hudson wimmelt von Sloops und Fahrzeugen, die sich nur mit dem Winde, oder der Fluth und Ebbe fortbewegen, welche noch über dreißig Stunden von der Flußmündung spürbar ist. Man sagte mir, es wären täglich wohl bei zweitausend solcher Sloops auf dem Hudson thätig.

Die drei größten Dampfboote dieses Flusses waren damals der Chancellor Levington von achtzig Pferdestärken, und geräumig genug, um fünfhundert Reisende bequem zu halten; der Richmond zu siebenzig Pferdestärken, für vierhundert Reisende; und der Kent von sechszig Pferdestärken, der dreihundert Reisende aufnehmen konnte. Alle diese Fahrzeuge sind in verschiedene Gemächer getheilt. Das schönste derselben ist für die Frauenzimmer, und zwar als ihr ausschließlich eigenes, bestimmt; das nachschönste ist für sie und für die jungen Männer, denen der Kapitän Zutritt gestattet. Zwei andere, größere Säle sind einzig für Männer. Alle diese Zimmer sind, wie auf andern Schiffen, seitwärts mit Betten versehen, von denen stets eins über ein anderes angebracht und mit Umhängen, einen auswärts gehenden Bogen bildend, verdeckt sind.

In der Schiffsmitte und zur Seite befinden sich noch kleine Gemächer zu besonderm Zweck, z. B. ein Badstübchen, ein Lesezimmer mit den Werken amerikanischer und britischer Schriftsteller; die Küchen, die Gemächer der Schiffsmannschaft, der Mechaniker, Matrosen, Köche, Mägde und Bedienten, deren zusammen etwa zwanzig Personen sind.

Des Nachts verbreiten große Hängeleuchter die möglichste Heiterkeit rings ums Schiff und warnen die Sloops schon von Weitem, auszuweichen. – Die Seitenräder haben zweiunddreißig Schuh im Durchmesser, und geben dem Schiffe die Geschwindigkeit, binnen einer Stunde Zeit stromauf zwei Wegstunden, und stromab drei Wegstunden zurückzulegen.

Das Ausschiffen und Aufnehmen von Reisenden unterwegs raubt wenig Zeit. Die Schiffsglocke ruft an. Ein am Aussenbord hangender Nachen, groß genug, acht Personen zu fassen, wird schnell ins Wasser gelassen. Die Reisenden steigen bequem auf einer eisernen Geländerstiege vom Schiff ein. Zwei Ruderer bringen den Nachen schnell ans Ufer, während der Matrose am Steuer hinten ein Seil, das am Dampfboot befestigt ist, allmälig abrollen läßt. Aus- und Einladen des Nachens am Ufer ist Sache weniger Minuten. Der Pilot gibt dem Dampfschiff ein Zeichen; sogleich setzt sich dort durch den Mechanismus ein Zylinder in Bewegung, der das Seil des Nachens aufrollt und diesen an sich zieht.

Es war an einem schönen Sonntagsmorgen um fünf Uhr (15. Aug.), als wir vor dem Städtchen Hudson anlangten. Es stellt sich dem Auge gar freundlich dar. Es mag drei- bis viertausend Einwohner haben. Von Zeit zu Zeit tönten den ganzen Vormittag die Kirchenglocken über die Landschaft, welche die Bewohner der umherliegenden Höfe zur Andacht riefen. Um eilf Uhr Morgens kamen wir endlich zu Albany an.

Diese Stadt zählt jetzt vierzehntausend Bewohner und ist ganz in Art und Weise der übrigen neuen Städte Amerika's gebaut. Albany's Handelsverkehr ist sehr bedeutend, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse vom Norden des Newyorker Staates bis Canada befindet, besonders seit dem Bau des herrlichen Kanals, der vom Hudson bei Albany bis zum Erie-See läuft.

Dies Meisterstück der Kunst und des amerikanischen Gemeingeistes verdient gekannt zu sein. Man denke sich, daß dieser Kanal hundert und zehn Stunden lang ist; daß man über demselben fünfhundert und sechsundfünfzig hölzerne Brücken zählt, und siebenundvierzig Schleusen, jede sieben Schuh höher (denn dies ist der Fall vom Eriesee bis zum Hudsonufer); man denke sich, daß mehrere Leitungen angebracht sind, die das Wasser über Sümpfe und kleine Seen führen (die größte bei Rochester, mehr denn sechsundsechszig Stunden von Albany, ganz von Stein, mit einer Seitenstraße für die Rosse, um die Schiffe zu ziehen) – man denke sich diesen großen, festen Bau des Ganzen, und dann – daß das Alles in Zeit von zwei Jahren vollendet ward.

Ich verweilte in Albany nicht lange; begnügte mich mit einer Besichtigung des Innern der Stadt, nahm einen Reisewagen, übernachtete in Skenectady und befand mich andern Morgens in den berühmten Bädern von Saratoga.

16.
Saratoga's Heilquellen. Utica.
(16. bis 19. Aug.)

Ein junger, gebildeter, sehr unterrichteter Quaker war mein Reisegefährte bis hierher gewesen. Wir gewannen einander lieb und blieben in Saratoga beständig beisammen. Alle Religionen und alle Kirchpartheien haben ihren heiligen Grund und sind wahrlich in ihrem Wesentlichen und Göttlichen nicht so sehr von einander verschieden, als die Menschen in denselben, welche aus Religion und Kirche Werkzeuge ihrer Selbstsucht, ihres Hochmuths, ihrer Milzsüchtigkeit machen und die dummgläubige Unwissenheit Anderer fanatisiren und leiten.

Die Umgegenden von Saratoga schienen mir gar wild. Die Stadt selbst besteht nur aus einer einzigen, sehr breiten aber noch ungepflasterten Straße. Baumstöcke, die hin und wieder mit Wurzelstöcken über einander liegen, deuten an, vor wie weniger Zeit noch der Platz, wo der Ort aufgebaut ist, ein finsterer Wald gewesen, den die Bären bewohnten, die auch jetzt noch oft in der Nachbarschaft sichtbar sind.

Jäger entdeckten vor etwa zehn Jahren zuerst hier die Mineralquellen. Erst seit vier Jahren baute man die prächtigen, pallastartigen Gasthäuser auf, deren nun schon zehn vorhanden sind. Das vornehmste derselben ist ohne Zweifel Congreß-Hall; dann folgen Union-Hall, United-Staten-Hall und der Pavillon. Die Anzahl der Kurgäste, welche sich bei meiner Ankunft hier befand, betrug 1230 Personen, Leute aus allen Staaten des Vereins und Südamerika's, auch einige Europäer.

Der Heilquellen sollen um Saratoga bei zwanzig sein. Begleiter von meinem Freunde, dem Quäker, besucht' ich und kostete ich mehrere. Man bemerkte uns jedesmal, bei welcher die Kur begonnen, bei welcher sie beendet werden müsse. Einige lauwarme Quellen hatten den Geschmack von denen zu Baden im Kanton Aargau; andere glichen dem Selterserwasser; die Quelle von Balston, zwei Stunden von Saratoga, hatte die größte Aehnlichkeit mit der vom Schwarzbrünnli bei Gurnigel im Kanton Bern.

Nur wenige Gäste baden; die meisten begnügen sich mit Trinken des Wassers. Des Morgens sieht man in dieser werdenden Stadt Alles von Gehenden und Kommenden belebt. An jeder Quelle stehen ein paar Kinder, die mit einem Stabe, an dessen Ende drei Gläser in eisernen Reifen oder Käfigen hängen, das Wasser schöpfen und den sie umringenden Trinkern bieten.

Unter den Trinkern befand sich auch der ehemalige König von Spanien, Joseph Bonaparte. Er scheint sich als freier harmloser Bewohner eines Freistaats weit glücklicher zu fühlen, denn vor Zeiten im königlichen Glanz. Er, von etwas mehr als mittlerer Stärke, hat ein volles, ausdrucksreiches Gesicht und angenehmere, freundlichere Züge, als sein Bruder, der große Napoleon.

Noch ist in Saratoga nur Alles erste, rohe Anlage; Sorge für das dringendste Bedürfniß. Noch fehlt es selbst an Lustgängen für die Gäste. Die Umgegend hat indessen viel Anmuth, obgleich sie von Wäldern und kleinen Hügeln umringt ist. Auf einem dieser Hügel, nicht weit vom Orte, hat man eine Aussicht bis zum St. Georgensee.

Dennoch fehlt es in dieser Gegend, wo sonst die Wilden, vom Stamm der Irokesen, hauseten, wo man in den nahen Waldungen noch die Ueberbleibsel ihrer zahlreichen Befestigungen, ihrer Gräber u. s. w. erblickt, nicht an Mitteln des geselligen oder einsamen Genusses. – In einem Lesesaal fand ich die Werke der besten amerikanischen und englischen Gelehrten, und bei hundert verschiedene Zeitungen aus allen Staaten des Vereins. Der Saal war von stillen Lesern angefüllt. Ueber demselben ist ein anderer Saal, in welchem man Liebhabern eine Sammlung von Mineralien und andern Naturmerkwürdigkeiten, oder Kunsterzeugnissen der Indianer vorzeigt, die man in den Umgegenden gefunden hat.

Auch Schauspiel fand sich. Eine Gesellschaft kommt zu gewissen Zeiten von Newyork hierher und giebt ihre Vorstellungen. Ich hatte sie schon in Newyork gesehen und sehr mittelmäßig gefunden. In Congreß-Hall gab es, durch Unterschriften, Abends einen Ball. Man walzt in Amerika wenig; desto mehr sind Quadrillen beliebt und eine Art Hopser.

In Skenectady, wo ich einen Preussen mit seiner Gemahlin fand, der von St. Thomas kam, wo er Consul war, und nach Saratoga reisete, bestieg ich ein langes, bedecktes Schiff, um den großen Kanal hinauf zu fahren. Zwei Jagdhörner gaben das Zeichen zur Abreise; sie waren es auch, welche den Schleusenwächtern die Ankunft des Schiffes verkündeten, so wie den beiden Zugpferden, die alle zwei und eine halbe Stunde gewechselt wurden, da sie in dieser Zeit im scharfen Trott fünf Wegstunden zurückgelegt hatten. – Der Uebergang von einer Schleuse in die andere ist Geschäft von zwei Minuten. In vierundzwanzig Stunden hatten wir vierzig Wegstunden gemacht.

Bei Utica, einem Städtchen von zweitausend Seelen, am Ufer des Mohawkflusses, hielten wir an. Der Kanal geht über diesen sich viel schlängelnden Strom mehrmals hinüber, oft zwanzig Schuh mit der Wasserleitung über der Oberfläche des Flusses. Und immer ist dabei seitwärts doch Raum zu einem Weg für die Rosse gespart, die das Schiff ziehen.

Wir waren unserer sechsunddreißig Reisende auf dem Fahrzeuge. Von der Gegend war selten viel zu sehen, der Kanal schneidet meistens schnurgrade durch Thäler und unermeßliche Waldungen. Hier ist noch der Boden in uralter Wildniß; wenig bevölkert. In der Nähe des kleinen Fleckens Frankfurt hörten wir das Tosen eines Wasserfalles, der ziemlich beträchtlich sein soll.

Aber diese Einöden werden durch die Nähe des Kanals bald lebendig und urbar werden. Schon jetzt wird die Stadt Utica blühend. An einer Seite derselben, wo vor Kurzem noch der finstere Rest eines Waldes verschont stand, ist jetzt ein breites Wasserbecken gebaut, in welchem zierliche Schiffe, beladen mit Waaren und Menschen, landen. Täglich brachten in den Monaten Juli und August, der Zeitung von Utica zu Folge, zwei Schiffe fünfzig bis sechszig Reisende, von denen die mehrsten nach dem Erie- und Ontario-See gingen. Nicht so zahlreich, wie ich nachher aus der Newyorker Zeitung ersah, sind die Reisenden im Spätjahr. Hingegen der Waarenverkehr zeigte sich noch im Oktober 1824 so lebhaft, wie im August, da ich selbst in Utika war.*)

*) Es kann Liebhabern der Statistik vielleicht lieb sein, zu erfahren, welche Arten Waaren vorzüglich nach Utica gebracht wurden. In einem Jahrzehend ist's gewiß anders; aber dann könnte es noch geschichtlich anziehend werden. Ich will also das Verzeichniß der in Utica während der ersten Oktoberwoche 1824 eingeführten Waaren hersetzen, wie ich dasselbe in mein Reisetaschenbuch aus der Newyorker Zeitung damals eintrug.

Die in erwähnter Woche zu Utica eingelaufenen 127 Fahrzeuge führten: 3310 Faß Mehl, das Faß zu 6 Scheffel; 1686 Faß Salz; 315 Faß Lebensmittel; 460 Faß Asche; 6300 Scheffel Getreide; 130 Scheffel Leinsamen; 763 Scheffel Pfirsiche zum Destilliren; 9094 Gallonen Whisky (Kornbranntwein, der Gallon hält 2 Maas); 105,844 Fuß Brett- und Zimmerholz; 10,000 Latten- und Schindelbünde; 158 Zentner Speck und Butter; 323 Tonnen Gyps; 500 Tonnen anderes Material; 27 Tonnen Käse; 30 Tonnen Hopfen; 953 Kisten Glaswaaren; 19 Zentner Sämereien; 91 Tonnen Porzellanthon; 15 Kisten Kleider; 3 Kisten rohe Häute; 3 Tonnen Gänsefedern. Ausserdem viele andere Kleinigkeiten.

17.
Die Fahrt zum Niagara.
(20. bis 22. Aug.)

Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den großen Fall des Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht täglich zwanzig Stunden Weges, fährt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nächtlicher Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von Utica abging, holte uns zu Oneida ein, wo wir dar Frühstück nahmen.

Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas überrascht, was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden überrascht, und schwerlich als Merkwürdigkeit in eine Reisebeschreibung aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen.

So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straßenbettler gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den erbärmlichsten Hütten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grünen Rasenplatz von alten Bäumen überschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die Häupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten.

Die hiesigen Indianer waren vom Stamm Cayagua, und nicht von der schönen Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange auf die Schultern niederhängende Haare, und elende Lumpen um die Hälfte ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die kecken, kräftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte.

Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften, weniger bevölkert. Selten sah man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser. Sie sind leicht und wohlfeil zu erbauen.

Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln will, hat oft, statt alles Vermögens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein wenig Linnenzeug im Bündel und hundert Dollars Münze im Geldbeutel. Damit wandert es in die Einsamkeit und wählt sich eine Gegend, einen Boden, wie er ihm eben zusagt. Es hat an fünfzig Morgen Landes genug; zahlt den Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nächsten Nachbarn, die oft drei und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt, wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u. s. w. um Holz zu führen; bringen auch Sämereien mit und Vorräthe von Lebensmitteln zum Geschenk für die neuen Pflanzer. – Dann werden die Baumstämme gefällt, entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen großen Käfig geben sollte. Allfällige Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich groß; und jeglicher kehrt zu den Seinen zurück, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich gern bewilligt wird.

Ist der junge Pflanzer irgend rührig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von Backsteinen aufzuführen. Auch das wieder ist nicht so gar köstlich. Denn zu dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die neuen Häuser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in der Breite. Zu einem Gebäu von drei Fenstern vorn gehören vierzigtausend Steine. In Städten haben diese Steinhäuser auch einen Anstrich von aussen, und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt.

Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Höhe den ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt. Wir kamen durch zwei Städtchen, Manlieus und Odanagua; zwischen beiden dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefähr eine Stunde breit, an dessen gegenüberliegendem Ufer wieder die Häuser von zwei Städtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hießen, und ward von Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, Rom und Syrakus, hörte.

Durch das niedliche Städtchen Skenektedes, am Ende eines kleinen Sees hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt Auburn, etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen, war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurückgekommen waren. Ich spürte gemach, daß ich mich in Nordamerika den Grenzen der zivilisirten Welt näherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die Schlafgemächer, worin immer fünf Betten beisammen standen, glichen den Kasernen. Das Städtchen selbst zählte schon eine Bevölkerung von etwa zweitausend Seelen.

Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer und wilder. Von einer Stadt zur andern fährt man oft vier bis zehn Stunden Weges durch ewige Wälder, in denen man nur dann und wann hölzerne Hütten zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bäume erblickt, die aber alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewähren. Die Pflanzer nämlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben sich nicht die Mühe, die riesenhaften Bäume selbst zu fällen, die sie wegschaffen möchten. Sie schälen nur unterhalb über der Wurzel Rinde und Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber häufig das Land schon, ehe die Stämme gefallen sind; jätet unter den dürren Aesten, die nichts mehr verschatten, das Gesträuch aus, pflügt den Boden mit einem einzigen Pferde auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann.

Durch das Städtlein Geneva, am nördlichen Ende des Seneca-Sees ungemein anmuthig hingebaut, und durch Canandaigua, wo wir zu Mittag speiseten, kamen wir Abends in das Städtchen Rochester, welches zwar nur erst 1800 Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages unterwegs einzelne Häuser ganz mit Menschen angefüllt, und mit gesattelten Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten, Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich, um die Kirchen zu füllen und würdige Feier des Tages zu erzwecken. Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester verhaßt zu machen, Irreligiosität zu verbreiten und eine geheuchelte, darum eben lästige äussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Ländern Europens noch zurück ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten Sätze des gesunden Verstandes zu begreifen.

Man hört den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs Stunden Wegs weit. Ich hörte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von zwei Stunden, und nur dumpf.

Bei einbrechender Nacht kamen wir nach Lewistown, am Ufer des Niagara. Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saßen im Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden. Sie waren eben vom Wasserfall zurückgekommen. Natürlich, wir, die wir ihn erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darüber gern fort.

Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mächtiger schlug, wenn er die Fenster öffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles, dessen einförmiger Donner aus den weiten Urwäldern wiederhallte, bald näher heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind das majestätische düstre Rauschen mit sich hintrieb.

Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermeßlichen Wäldern, die noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern und verwegenen Reisenden besucht waren, welche für Handelsgewinn oder Kenntnißbereicherung jedes Wagstück bestanden.

18.
Der Wasserfall des Niagara.
(23. Aug.)

Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon früh Morgens nach 3 Uhr mit angezündeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fuß eines mäßigen Hügels erreicht. Aber auf der Höhe droben angekommen, faltete sich plötzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele auseinander. Der Himmel glühte in allen Farben des Morgens; der Erdball schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschämt erröthend dem Gott des Tages entgegen zu lächeln. Zu meinen Füßen wallte, wie ein dunkler, stellenweis funkelnder Teppich weithin der Ontario-See. Einzelne Nebelsäulen wandelten über diesen wehenden Teppich wie verspätete Geister der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwärts umfaßte den See der breite, schwarze Saum von Canada's unübersehbaren Wäldern; westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nähe hoben sich bei der Ausmündung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen schienen. Drüben am canadischen Ufer die St. Georgs-Veste; hierüben, auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die Niagara-Veste. Im Hintergrunde, am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glänzten im ersten Sonnenstrahl Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei das canadische Städtlein York, acht Stunden Wegs von uns. »Sehen Sie auch seitwärts!« setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich dahin und sah eine ungeheure Dampfsäule in der Ferne aus dem Schoos der Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war der Niagarafall.

Erst nach ungefähr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bäumen einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getöse ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frühstück erquicken konnten, und freundliche Führer zum Wasserfall erhielten.

Wir begaben uns dahin. Auf einer Brücke, die über einen Arm des Flusses geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, Goat-Island, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der Insel zerstreuend, die ungefähr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Muße zu genießen.

Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind, bilden oft Berge und Hügel von beträchtlicher Höhe. Ein Zweig dieser Gebirgsverästung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork streckt, durchschneidet den Niagarafluß in die Queere und verursacht den ungeheuern Sturz dieses Gewässers. Der Niagara, einziger Abfluß der großen Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mündung in das weite Becken des Ontario, einen mächtigen Strom von tausend bis zwölfhundert Schuh Breite und großer Tiefe. Bis zum Chippewaystrom, der zwischen dem Erie- und Ontariosee in ihn hineinstürzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste gestanden), fließt er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt, von den Wassern des Chippeway verstärkt, wird er unruhig, sein Fall reissender. Er stürmt schäumend gegen Klippen und Felsen, die ihm den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber stürmisch vereinigt er sich wieder, nahe dem weit über hundert Schuh tiefen Abgrund, in welchen er hinab muß. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen, unter einander kämpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen.

Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der östliche Theil ist der vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu verstäuben. Die Erde und der Felsenboden dröhnen und zittern unterm Fuß des Menschen. Man steht in der Mitte eines ewigen, betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht und gährt, silbergraue Staubwolken und Wasserbündel und Strahlen hastig auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstört werden, heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichen Stimmen des Abgrunds durch das einförmige Tosen der Donner.

Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf Goat-Island; eine lange, schmale Brücke, mit großer Kühnheit über die Strömungen hingebaut, führt zu diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdroß, ich möchte sagen, anekelte – sogar ein Billard! – Pfui! Da, wo vor der Majestät des Schöpfers, vor der erschütternden Herrlichkeit der Natur Alles klein wird, will die erbärmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die Spielsucht, noch groß thun und sich auf den Zehen in die Höhe strecken und gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch – gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich könnte unmöglich mit einem Reisenden Freundschaft schließen, den ich hier Billard spielen sähe. Ich sähe in ihm das vollendete Zerrbild europäischer Zivilisation; jene sittliche Verkrüppelung, die wieder in stumpfes, gemüthloses, freches Thierthum übergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen und Religionen durch sich selbst Heiligthümer sind, heiliger, als ihre von Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung nicht dulden.

Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzählte man mir, von den Alten gehört, es sei zwischen den Seen ein großes Wunder. Er machte sich auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall. Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schönsten seiner Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefährten: »Fürwahr! Hier ist ein Haus des großen Geistes!«

Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie ermüdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer Wunderwelt. Recht anmuthig war es, daß auf dem grünen Teppich der Wiesen einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns arglos näherten.

Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefährte gewesen. Er blieb es auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht auf hölzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Männer, schon an diese schwierige Kletterei gewöhnt, trugen unsere Bündel. Denn wir hatten mit uns selbst genug zu schaffen, uns an Gesträuchen, Klippen und was uns unter die Hände kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Stoß und Brast von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen betäubte uns die Ohren.

Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Führer stieg zugleich ein und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wüthenden Wellen. Wir brachten über eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer erreichen konnten.

Während dieser Ueberfahrt genossen wir gemächlich und umfassend das große Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens umgaukelten uns, bald in der schäumenden Nähe, bald über uns.

So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns beständig dicke Wolken aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber das Erklimmen dieser schroffen Felsen war für uns so gefahrdrohend und mühselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war.

Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein großes, schönes Wirthshaus. Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte mir von da den Table-Rock (Tafelfelsen), wo die schönste Ansicht des ganzen Falles sein soll. – Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs getäuscht. Dieser Felsen streckt sich beträchtlich weit in den ungeheuern Schlund vor. In der That, das Auge umfaßt hier mit einem Blick das Ungeheure des großen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu groß. Er will Alles umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich. Er schwebt zwischen Grausen und Entzücken.

19.
Ein Besuch bei den Seneca-Wilden.

Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen, aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurückkehrt, zur Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub.

Ich zauderte auch nicht lange, und ließ anspannen. Es war erst vier Uhr Nachmittags, und ich konnte noch bequem nach dem Städtchen Buffalo, sechs bis sieben Stunden von da, gelangen. Der Weg dahin, auf canadischem Boden, folgt den gekrümmten Ufern des Niagara, der oberhalb Chippeway einen sanften Lauf hat. Als wir beim äussersten Ende des Erie-Sees, bei der Erie-Veste angekommen waren, mußten wir in einem Fahrzeuge über den Fluß setzen. Vor uns lagen in einiger Entfernung zwei Städtchen, Blackrock und Buffalo.

Buffalo liegt an der östlichen Ausspitzung des Erie-Sees und war während des letzten Krieges fast ganz zerstört worden. Am meisten hatte es aber von der Rohheit der Indianer gelitten, deren sich die Engländer hatten gegen die Amerikaner bedienen wollen. Es ist gefährlich, solche Bundesgenossen im Hause zu haben. Jetzt ist Buffalo freilich wieder aus der Asche neu aufgestanden, aber nicht als ein Phönix. Das Städtchen ist nichts weniger als hübsch. Indessen, was nicht ist, kann noch werden; denn der Ort ist zum Waarenverkehr trefflich gelegen. Der große Kanal des Erie-Sees, der mit dem Hudsonfluß verknüpft ist, geht von Buffalo aus, wo Fahrzeuge aus dem Michigan- und Erie-See landen müssen. Auch herrscht hier im Hafen schon viel Thätigkeit und Leben.

Herr L**, dem ich von New-York aus empfohlen war, empfing mich sehr zuvorkommend. Aus einer achtbaren französischen Familie stammend, war er schon vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert. Während des Krieges zwischen England und Nordamerika hatte er, wie er mir erzählte, Buffalo verlassen und sich mit seiner Frau bei den Wilden zwei Jahre lang aufgehalten, indessen er seine drei Kinder nach Frankreich zurückschickte, um ihnen eine gute Erziehung geben zu lassen.

Sein Leben unter den Wilden, und was er mir davon sagte, hatte für mich viel Anziehendes. Bei mancherlei Entbehrung entbehrlicher Dinge, war er doch bei ihnen sehr glücklich gewesen. Er konnte ihre treue Gastfreundschaft nicht genug rühmen.

In den Umgegenden des Eriesees und gar nicht entfernt von Buffalo trieb sich damals ein zahlreicher Stamm von Indianern herum, der den Namen Seneca führt, und ein Zweig der alten, vielgefürchteten Irokesen ist. Diese Wilden waren damals mit aller Welt rings um in Frieden: Herr L** ermunterte mich, sie zu besuchen. Es gefiel mir gar wohl, etwa einen Tag lang, oder zwei, das einsame Treiben und Wirthschaften dieser Naturkinder zu schauen. Aber wie man ein paar Jahre lang mit ihnen in den Wäldern ganz behaglich hausen könne, wollte mir doch nicht einleuchten. Wir machten uns also auf den Weg.

Schon, wie wir aus Buffalo hervor waren, begegneten uns einige der Senecaner. Ihre Bekleidung schien mir etwas sorgfältiger, als jene der Cayagua-Indianer. Sie hatten auch gar kein ärmliches Aussehen. Die, welche Hüte trugen, hatten sie sogar mit Silberplättchen geziert. Breite Gurte von rothem Tuch hingen um ihre Hüften; andere trugen diese Gürte schärpenartig gebunden. Manchen hing an der Seite ein breites Messer; dabei hielt jeder seinen Tomoak in der muskelstarken Faust.

Der Weg zu ihrem Dorfe führte in die Tiefe einer ungeheuern Waldung. Je weiter wir hineinkamen, je dichter wurde das Gehölz, und von Zeit zu Zeit stand ein Indianer, kommend oder gehend, vor uns, so unerwartet oder unvorhergesehen, als wär er aus der Erde hervorgeschossen. – Ein Greis, dem zwei junge Leute nachfolgten, alle wohlbewaffnet und wohlgekleidet, strich an uns vorüber, ohne uns anzusehen. Ich hielt ihn an und fragte, wie weit es noch bis zur Mitte des Stammes hin sei? Diese Wilden verstanden kein Englisch. Der Alte redete mit den Jünglingen, wie sich zu berathen. Nun versuchten wir die Zeichensprache. Damit gings besser. Wir erhielten die verlangte Auskunft und sahen nach zwei Stunden Wegs im Wald umher zerstreute Hütten.

Das Holz war stellenweis abgeschlagen, und der leergewordene Platz ziemlich nachlässig angepflanzt. Mais, Korn, Erdäpfel und andere Feldfrüchte sahen wir, mehr wie durch Zufall, als durch Menschenhand da hingesetzt. Es sind auch nur die Weiber, die den Landbau treiben. Männer schämen sich noch des, und treiben blos das edle Weidwerk, als geborne Jäger. Das Weib ist noch eine Art Sklavin; trägt auch, während sich der Mann frei bewegt, auf Reisen die Lebensmittelvorräthe in einem Korb auf dem Rücken, an einem breiten Lederriemen, der über die Stirn geht. Eben so tragen sie auch ihre kleinen Kinder, aber auf ein Brett gebunden, bis ans Kinn eingefäscht, mit deren Rücken gegen ihren Rücken.

Der große Stamm der Irokesen, der einst an den Champlain-, Ontario- und Erie-Seen umhertrieb, ist jetzt fast ganz verschwunden. Man sieht nur noch einzelne abgerissene Zweige desselben, wie den der Senecaner. Als sich im Jahre 1610 die ersten christlichen Glaubensboten unter sie wagten, zählten sie noch eine Heeresmacht von mehr denn 20,000 Kriegern. Nach dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege im Jahr 1780 fanden sich hier nur noch etwa 1500 Krieger vor. Jetzt können sie nicht mehr als 150 bis 200 Streiter aufstellen.

Diese befremdende Verminderung der Indianer mag mancherlei Ursachen haben. Der Wilde zieht sich bei jeder Annäherung der zivilisirten Welt scheu zurück, wenn er sie nicht zerstören kann. Er will mit ihr nichts gemein haben. Er kennt aus den Sagen seiner Väter und Urväter die nie zuverlässige Treue, die List und Hab- und Herrschgier und rastlose Ausbreitungssucht der Europäer. Er kann die Lebensbequemlichkeiten derselben nicht reizend finden, weil er ihrer durchaus nicht bedarf; kann die Genüsse nicht schätzen, welche Wissenschaft und Kunst gewähren mögen, weil sie ihm fremd und verschlossen stehen; kann die feinern Vergnügungen der gebildeten Gesellschaft nicht leben, weil sie zugleich einen äussern Zwang auflegen, der ihm naturwidrig scheinen muß. – Die reine Freiheit des Wilden hat ohnehin ihren eigenthümlichen Zauber, der aus der Einfalt, Rechtlichkeit und ungebundenen Sorglosigkeit hervorgeht. Man hat wenige, oder am Ende gar keine Beispiele, daß Indianer, welche bei Europäern erzogen wurden, nicht gerne wieder aus dem Zwang der Etikette, des Zeremoniels, des Kirchenthums, des Rangwesens, der Polizeiordnungen, der Titulaturen, der gesellschaftlichen Vorurtheile, der Parteimachereien, der unendlichen Lebensmühen, um zum Besitz entbehrlicher Dinge zu gelangen, herausgegangen und in die Stille und Freiheit ihrer Wildnisse, zur einfachen Lebensweise ihrer Stammesgenossen zurückgekehrt und daselbst geblieben wären. Dagegen sind der Beispiele mehrere vorhanden, daß gebildete Europäer, die gewaltsam oder freiwillig unter die Indianer kamen, sobald sie sich nach Jahr und Tag unter ihnen heimisch fühlten, auf das Bittersüß der Zivilisation verzichteten, sich, wie die Familie L** zu Buffalo, sehr glücklich bei ihnen fühlten, und entweder gar nicht mehr, oder doch nicht ohne späteres Heimweh, in die Welt der Gebildeten zurückkehrten.

Eine große Zahl der Irokesen hat sich wirklich von den großen Seen hinweg westwärts in das unbekannte Innere des Welttheils gezogen. Was noch zurückblieb, ward zum Theil wohl in Kriegen, mehr noch durch das Gift der gebrannten Wasser, welches sie von den Europäern kennen lernten, durch Völlerei und Krankheiten, die daher entsprangen, allmälig aufgerieben. Vielweiberei findet in der Regel bei ihnen nicht statt; nur die Stammhäupter und Vornehmsten haben mehrere Frauen.

In der ersten Hütte, in die ich eintrat, fand ich eine Indianerin geschäftig, Mais in einem hölzernen Troge klein zu stoßen, um daraus eine Art Brod zu backen, das sie Hökake heißen. Ich hatte späterhin bei einsamen nordamerikanischen Pflanzern oft genug Anlaß, meinen Gaumen mit dieser Hökake vertraut zu machen.

Fünfzig Schritte weiter, in einer zweiten und viel größern Hütte, die einem Oberhaupt gehörte, lagen fünf junge Weiber auf dem Boden, die unter einander mit bunten Bohnen, auf einer über die Erde gebreiteten Matte, spielten. Zwei derselben rauchten dazu, zwei andere säugten ihre Kinder. Ihre Bekleidung war so spärlich, daß unsere Schönen in europäischen Städten, wenn sie sich in »eleganter« griechischer Tracht halbnackt den Gaffern hinstellen, daneben ganz nonnenhaft vermummt erschienen haben würden. Sie sahen zu uns auf, ohne ihre bequeme Lagerung zu ändern. Ich verlangte ein wenig Milch. Die Jüngste, welche etwas englisch verstand, fragte, wie viel ich dafür geben wollte? Ich reichte ihr ein Sechs-Pencestück hin. Sie brachte mir mehr Milch, als ich trinken konnte.

Ohne die Indianer in ihrer Sprache sprechen zu können, geht man unter ihnen natürlich wie ein Taubstummer umher. Man sieht dies und das, aber möchte Erklärungen dazu, und vermag sie nicht zu fordern. Ich durchirrte das Dorf und wandelte in den Umgebungen mehrerer Hütten, deren kahles Innere keiner Beschreibung bedarf. Ich bemerkte auch von den schauerlichen Siegeszeichen der Wilden, die mit den Haaren bewachsene Schädelhaut von den Köpfen ihrer erschlagenen Feinde. Nun wußte ich ohngefähr, wie es in den Walddörfern und Hütten der alten, tapfern, vielgerühmten Germanen zu Tacitus Zeit ausgesehen haben mag, von denen, ihrem Whisky (oder Meth) ihrem Eichelschmaus (oder Hökake) u. dgl. m. noch jetzt die Rektoren und Professoren an den Schulen in Deutschland ihrer lernbegierigen Jugend gern großes Aufhebens machen.

Man weiß, wie es bei den Wilden mit dem Skalpiren, oder dem Abziehen der Schädelhaut ihrer Feinde, schnell und leicht geht. Aber eins wußte ich nicht und schien mir fast unglaublich. Man versicherte mich, daß man Menschen gekannt habe, die noch viele Jahre nach ihrer Skalpirung munter und gesund gelebt haben; nur daß ihnen die Haare nicht wieder nachwuchsen.

Die Rechtlichkeit und Strenge der amerikanischen Gesetze und der Ernst in deren Vollziehung hat bewirkt, daß sich die Seneca-Indianer sehr ruhig verhalten. Nur die Begierde, etwas zu besitzen, das ihnen an einem Weißen gefällt, hat sie oft zu Unthaten verleitet. Denn das kürzeste Mittel, sich im Besitz des gewünschten Gutes zu sehen, schien ihnen auch das beste zu sein, nämlich den Eigenthümer zu tödten. – Doch auch davon hat man lange nicht gehört.

20.
Die Fahrt im Vaggon nach Pittsburg.
(25. bis 28. August.)

Mein Plan war gewesen, im Dampfschiff von Buffalo über den ganzen Erie-See bis an dessen entgegengesetztes Ende nach Detroit zu fahren. Aber ich hatte mich in den Tagen verrechnet; das Dampfschiff war schon abgereiset, und acht Tage lang hier auf ein anderes zu warten, taugte zu meinem Zeitvorrath schlecht.

Ich bequemte mich also, wenn gleich etwas ungern, mit in ein Fuhrwerk zu sitzen, das den folgenden Tag von Buffalo nach Pittsburg in Pensylvanien abreisen sollte. Man nannte diesen Wagen, der wie ein Karren aussieht, einen »Vaggon.« Ich werde noch lange an diese Vaggons denken, die eben nicht zu dem bequemsten Reisegeräth gehören, zumal auf Wegen, wie die sind, wo sie gebraucht werden. Zu meiner vorläufigen Beruhigung erzählte man mir, daß zwei Wochen vorher zwei Reisende mit dem wöchentlich abgehenden Vaggon kein Glück gehabt. Der eine wäre vom Vordersitz herab in eine Schlucht geschleudert worden und auf der Stelle todt gewesen; der andere, indem er herausspringen wollte, als der Vaggon eben umstürzte, wäre von diesem zerschmettert worden. Aber das begegne bei einiger Vorsicht nicht alle Tage.

In Gesellschaft anderer Reisenden bestieg ich also den Vaggon. Eine Stunde von Buffalo schon hörte die Straße auf. Man fuhr nun immer längs dem Ufer des Erie-Sees hin. Aber welch ein Weg! – oder vielmehr, es war gar kein Weg da. Bald sanken die armen Rosse bis über die Knie in feinen Schlammsand ein, bald in Morastpfützen und Koth. Es waren vier Pferde, allein sie hatten Arbeit vollauf, den Wagen nur im Schritt fortzubringen. Ich hatte die angenehme Einbildung, das sei eine wüste Stelle; man müsse einige Augenblicke Geduld haben. Der Postknecht belehrte mich aber sehr höflich, die wüste Stelle dauere zehn Stunden Weges lang.

Der See ging ziemlich stürmisch. Trotz dem fuhr unser kühner Phaëton ins Wasser hinein, wenn er entweder aus dem Schlamm sich retten, oder großen Steinen ausweichen wollte. So lange die Räder des Vaggons, die, als eines Strandlaufers, sehr hoch waren, noch festen Boden über sich fühlten, ließ ich die Wasserreise unbetadelt. Aber nun kamen wir an einen Platz, wo sich ein Felsen ziemlich weit in den See hinausstreckte. Der mußte umschifft werden. Der Lenker unserer Schicksale und des Vaggons trieb die Pferde ins Wasser, bis es über sie wegrauschte, und sie wie Hunde schwammen, während die Wogen des kleinen stürmischen Meers den Kasten des edeln Vaggon weidlich zerschlugen. Da ward mirs doch etwas schwül; ich dachte an meine unglücklichen Vaggonsvorfahren und verwünschte diese Art Lustreisen. Meine amerikanischen Reisegefährten verwunderten sich höchlich. Sie fanden die Sache vollkommen in der Ordnung der Dinge. Ich mußte ihnen das allerdings zugestehen; aber, dacht' ich: ländlich, sittlich!

In einem einsamen Hause hart am See ward zu Mittag gespeiset, Roß und Vaggon gewechselt. Dann gings weiter; nicht besser, als des Morgens, aber doch, zur Abwechselung, auch anders. Denn wenn die Pferde, bei der Tiefe und Beweglichkeit des Sandes nicht mehr von der Stelle rücken konnten, fuhr man, statt ins Wasser, in den Wald, der das Seeufer besäumt. Da mußte man nun mit vieler Kunst im Zikzak zwischen den Bäumen und um sie herumkreisen; bald sich durch einen in die Quer hingestürzten alten Stamm, bald durch einen Bach-Hohlweg in witzigen Erfindungen üben lassen, wie man das neue Hinderniß überwinden könne.

Doch, ohne Hals- und Beinbruch, hatten wir das Glück, bei eintretender Nacht an Ort und Stelle nach Fredonia zu gelangen.

Fredonia trägt den Namen einer Stadt (Township). Es ist eine neue Stadt. Aber mache sich niemand gar zu glänzende Vorstellungen von den neuen Städten in Nordamerika. Es hat damit ein ganz eigenes Bewandtniß. Ihre Errichtung hängt nicht blos von Zufälligkeiten ab, durch welche ehemals die Städte Europens, oder auch noch die Küstenstädte Nordamerika's entstanden sind, wo ein Kloster, ein Wallfahrtsort, ein landesherrliches Schloß und dergleichen, mehr Ansiedler, als anderswohin, zusammenlockte; oder wo eine Bucht, ein natürlicher Hafen, die Mündung eines großen Stroms, zur Gründung einer Kolonie einlud. Kluge Vorausberechnungen bestimmen jetzt den Platz, wo eine künftige Stadt im Innern des Landes stehen müsse. Dann wird die Erbauung derselben durch Beschluß angeordnet und begonnen, es sei, wo es wolle.

So steht Fredonia mitten in Wildnissen und Wäldern, die sonst allein vom Geheul der Irokesen und wilden Thieren belebt waren. Da führen noch keine vielbewanderte Wege, keine gebaute, regelmäßige Hochstraßen zu den Thoren. Es sind noch keine Thore, keine Ringmauern vorhanden. Die Stadt ist erst vier Jahre alt. Man sieht ein gutgebautes Gerichtshaus (court-house). Weiterhin stehen wieder zwei Kirchen, aus Backsteinen geschmackvoll aufgeführt; zwei verschiedenen Glaubensparteien angehörend; beide ziemlich nahe beisammen. Dann sieht man noch ein Wirthshaus; einen Kaufladen und Magazin mit Spezerei, Leinwand, Tüchern, gebrannten Wassern und andern kleinen Bedürfnissen; ferner eine Schmiede, und eine Buchdruckerei, aus der wöchentlich eine Zeitung hervorgeht. Dann in gleichem Verhältniß, wie in mehrern europäischen Staaten der augenlose weltliche und geistliche Arm derer, die Gewalt haben, die gegenseitige Mittheilung, Belehrung und Verknüpfung der Geister unter einander vermittelst der unterdrückten Preßfreiheit unterdrücken möchte, suchen die Nordamerikaner durch Begünstigung der Preßfreiheit Gemeinsinn, Theilnahme an vaterländischen Angelegenheiten, Kunst, Kenntniß, Volksbelehrung zu befördern. Um jene sieben, acht Gebäude herum stehen in Fredonia etwa noch zehn einzelne Häuser zerstreut umher. Aber die öffentlichen Plätze, die Märkte, die künftigen Straßen sind schon im Plan vorhanden; sind schon wirklich ausgesteckt. Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten, dem angenommenen Plan gemäß zu bauen.

So sieht eine vierjährige Stadt im Innern Nordamerika's aus.

Folgenden Tages gings durch Wald und Wüstenei; der Weg ward nicht gemächlicher, aber doch minder gefahrvoll, als am vorigen Tage. Der Postknecht, welcher die Zeitung von Fredonia auf seiner Reise abzugeben hatte, warf dieselben, wo man in der Nähe von einzelnen Häusern unterwegs vorbeikam, links und rechts aus dem Wagen vor die Thüren. Abends kamen wir noch bei hellem Tage zu Erie an.

Diese Stadt liegt am Südosttheil des Sees, von dem sie benannt ist, auf einer Anhöhe, von der sich eine weitgedehnte Aussicht ergibt, und bis zum jenseitigen See-Ufer. Die Seen Ontario und Erie gleichen kleinen Meeren; jeder von ihnen hat über dritthalbhundert Stunden Umfang und bei sechshundert Geviertmeilen Fläche.