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Reinecke-Altenau

Harzheimat

Das Heimatbuch
eines Malers

1924

Verlag von F. A. Lattmann, Goslar am Harz

Erstes und zweites Tausend

Harzheimat

Alles Gute, Schöne, Heilige umschließt mir dein Name, du liebe Harzheimat im Wiesengrund! Wenn ich dich nenne, tue ich es mit der Ehrfurcht, mit der man eine Mutter nennt: Denn ich bin dein Kind. Was das Leben aus mir schuf, ist deinem Schoße entsprossen. Aller guten Kräfte Urquell ist die Heimat. Wenn mein Schaffen sich mit dir verknüpft, nenne es Liebe, nenne es Dank.

Ich bin dein Kind geblieben, du Bergstädtlein im Grünen, und will nichts anderes sein. Dein Kind wie einst, das mit großen Augen die Wunder deiner Wälder in die Seele trank und dem du dich ins Herz grubst so tief und fest, daß ein ewiges Heimweh in ihm brennen blieb. – Als ich Jüngling war, war dies Heimweh ein schmerzvolles Zerren. Dem Manne ist es stilles Feiertagsgeläut, das aus einem fernen verlorenen Paradiese herüberschwingt. Bergblumen blühen dort, und Waldvögel singen. Auf grüne Wiesen schauen blaue Berge herab. Und über allem ist ein weiches Zusammenklingen von Fichtenrauschen und Bachgeplätscher. Das bist du, Paradiesgarten meiner Jugend, Harzheimat!

Als ich noch Bubenhosen trug, lagst du ein wenig hinterm Berge. Als wenn die Zeit in dir ihren Schritt verhalten hätte. Im Zwiebelturm der Kirche tackte noch das gleiche Uhrwerk, das schon in den Tagen von Richter und Rat die Stunden schlug. Und an dem verwitterten Zifferblatt drehte sich immer noch der eine Zeiger, mit dem sich nur die Alten zurechtfanden. Die Zeit weiß ich freilich nicht mehr, in der nur Saumpfade und grundtiefe Waldwege von draußen her zu dir führten, auf denen Eseltreiber das Brotkorn vom Lande heraufbrachten. Diese alte Zeit war dahin. Als der letzte jener Zunft gehörige Esel das Mißgeschick hatte, an einem Dämmerabend für einen Hirsch gehalten und von einem Wilddieb jämmerlich zuschanden geschossen zu werden, war längst eine neue angebrochen. Aber hinterm Berge lagst du immer noch. Ach, wärest du dort geblieben, Harzheimat!

Das Hinterwäldlertum stand gut zu deinem Gesicht. Ein rechtes Bergmädel bist du gewesen, das zwischen Wiese und Wald aufgewachsen war und in stillen Augen stille Träume spann. Das laute Leben jenseits der Berge paßte nicht in deinen Frieden hinein. Du trugst kein Verlangen nach ihm. Die Leute in dir fanden ihr Genüge darin, zweimal in der Woche durch den Briefträger Nachricht von draußen zu erhalten oder im Wochenblättchen vom großen und kleinen Geschehen in der Welt zu lesen. Und wenn Handwerksburschen oder Wandersleute Neuigkeiten mitbrachten und Säcke voll Lügen, war das alles Evangelium für dich.

Dann wurdest du größer und aufgeklärter und tastetest hinaus in die Fremde. Ein Postillon blies lustige Weisen. Ich kenne ihre Melodie noch:

Hab’ dir was mitgebracht,

Hab’ dir was mitgebracht,

Sollst du mal sehn …

Und zweimal am Tage fuhr die gelbe Postkutsche in gemächlicher Juckelfahrt zwei Meilen Landstraße hinunter und herauf. Im Sommer brachte sie viele fremde Menschen mit, die teilhaben wollten an dem Frieden deiner Berge. Und da, Harzheimat, tatest du geschämig. Du ließest dich frisieren für die Fremden und ahntest nicht, wieviel Schönes und Frisches und Eigenes diese Frisur an deinem Bergmädelgesicht verdarb und wieviel Urwüchsiges und Echtes deinem Gewand genommen ward. Aber das eine konnte dir alle Ungeschicklichkeit nicht verderben: dein Herz.

Jenes goldfündige Herz, schwerblütig und treu, das immer dasselbe geblieben war seit jener Zeit, wo der erste Rauch aus deinen Holzhauer- und Bergmannshütten im Urwalddunkel verwehte. Es wohnte harte Arbeit in dir und viel Armseligkeit. Feste waren selten. Es gab nicht wie heute jede Woche Tanzmusik. Dennoch glomm unter jedem Dach ein Fünklein Glücklichsein und Frohsinn. Das eben spann sich ab in einem geruhsamen Auf und Nieder, in dem stillen Gleichmaß, wie sich im Schacht die Fahrkunst aufwärts und abwärts bewegt.

Als man aber den Schienenweg in den Basalt deiner Berge sprengte, kam Unrast in das Tal. Und als dann noch mit Prahlen und Keifen die Hexe Politik den Weg über die Harzhöhen auch zu dir fand und Haß und Feindschaft spie, da ward dein Herz ein anderes. Die Eintracht brach auseinander, und Glück und Frieden flohen erschrocken in die Wälder.

Dein Glück, Harzheimat, dein Friede!

Aber des Nachts, wenn in der Bergluft Sterne blänkern, verschlafene Brunnen an den Straßen plätschern und über dem Holz die Eule ruft, kehren sie heimlich zurück.

Das ist die Stunde, in der du mir am liebsten bist.

Des Nachtwächters Tritt verhallt in stillen Gassen. Er ruft nicht mehr wie früher die Stunden: Hört ihr Herren und laßt euch sagen … Sein Horn ist verstummt. Und in der Neujahrsnacht wars so schön, wenn er sein Lied sang: Ach, wie laufen doch die Jahre. Die Welt ist nüchterner geworden. Stumm macht er seine Runde. Seine Gestalt taucht unter im Grau der Nacht. Und mir ist, als ob mit ihm ein Stück alter Zeit irrend durch die Straßen tappt, das verlorene Herz zu suchen.

Der Gottesacker am Berg

Verfallene Gräberreihen ziehen sich den Hang hinan. Der Totengräber, der sie schuf, hat längst seine letzte Schicht verfahren. Und die Hände, die sich einstmals liebend um diese Hügel mühten, haben sich lange schon zum Ewigkeitsschlummer gefaltet, wer weiß wo. Der alte Gottesacker am Berg ist eine Stätte des Verlassenseins geworden, der Pflege des Herrgotts anvertraut.

Hier ruhen unsere Urgroßväter und Großväter aus von der Wallfahrt im Harzheimatland. Eine stillgewordene Berggemeinde. Ihre Zeit ist abgetan. Das ist das stille Leid, das über diesen Hügeln liegt und das alles Bergblumenblühen nicht zu bannen vermag. Auf schiefen Kreuzen und zerbröckelnden Schiefertafeln verwittern die Namen versunkener Geschlechter, verblassen fromme Sprüche. Über die Gräber wächst der Rasen. Langsam ebnet er Hügel um Hügel und breitet über Not und Tod Vergessensein. Erde zu Erde.

Es ist kein Friedhof voll Prunk und Pracht. Schlicht und herbe, wie das Leben der Bergstadtleute dahinfloß, ist auch ihre letzte Ruhestatt. Und Prunk und Pracht hätten nicht hergepaßt an diesen Blumenhang, auf dem jedes Grab und jedes Totenmal wie zufällig aus einer Bergwiese hervorgewachsen zu sein scheint. Als habe sich jeder ein Plätzchen gesucht, das ihm gefiel: der eine unter Bergwohlverleih und Hirschzunge, der andere unter Margeritten und Glockenblumen, der dritte unter Tausendgüldenkraut und Thymian und Bärwurz.

Da schlafen müdegewordene Holzhauer, denen in knöcherigen Händen die Axt zu schwer ward. Hier hat der Reitende Förster sein letztes Ruhebett im Grünen gefunden. Die Fichte über seinem Grab rauscht ihm Grüße hernieder von Wald und Wild, und am Hubertusmorgen wehts durch ihre Äste wie verlorenes Halali aus Hannoverschem Jägerhorn. Dort ging der Fuhrherr zur Ruhe. Wenn über die Bergstraße ein Langholzwagen bollert, Peitschenknall an der Waldwand drüben das Echo weckt und an den Kummeten und Zäumen der Pferde die Messingbeschläge klingeln, mag des Schläfers totes Herz unterm Leinenkittel zucken. Former und Schmelzer rasten von hartheißer Arbeit am Schmelzofen und träumen dem Silberblick der Ewigkeit entgegen. Zerstampft vom Pochwerk Leben sagten hier Pochjunge und Pochsteiger der Erde Valet. Mit stummem Glückauf begrüßen sich Bergmann und Königlicher Bergrat beim großen Feierabend, der unter der Erde sie alle gleichmacht, die vom Leder und die von der Feder. Wenn die Morgensonne früh über die Waldhöhen guckt, gilt ihr erster Strahlengruß den Toten im Gottesacker am Berg. Dann sprüht Tauperlengefunkel zwischen den Gräbern. In Trauereschen und Lebensbäumen blänkern lang verweinte Tränen. Spinnennetze, die zwischen Wiesenschwingel und Knäuelgras ihr Seidengewebe ausspannen, werden zu kostbarem Filigran. Rostige Kreuze flackern wie braunrotes Gold in den Himmel hinein. Goldbronzerestchen, die sich kümmerlich an verwitterten Inschriften festhielten, schimmern im Sonnenschein, als wollten sie verlöschendes Erinnern an einen Toten lebendig machen. Um die Totenmale fließt stille Verklärung. Vergessene Seelchen huschen hervor. Sie hocken rings auf Hügeln und verfallenen Einfassungen. Mit weiten Träumeraugen schauen sie auf die Bergstadt hernieder, die Heimat im Tal, die eine andere ward.

Da pfeift von fernher der Morgenzug. Eine Sirene zerreißt die Morgenstille und ruft heulend zur Frühschicht. Die Seelchen huschen erschrocken hinab und schütteln die Köpfe ob der neuen Zeit.

Glockenblumen läuten über den Hang, und in armseligem Rosengerank singt eine Grasmücke ihre Litanei: Ruhn in Frieden alle Seelen.

Das Glockenhaus

Im Glockenhaus hatte alles seinen heimlichen Zauber: Der Stufengang am Wiesenhang hinauf, die knarrende Bretterstiege, das uralte Glockengebälk, die Glocken, der Geruch alten Holzes, der fröhliche Ausguck durch die Schalluken. Man konnte mit dem Fingerknöchel an die Glocken klopfen und lange lauschen auf das schwingende, singende Summen im Metall. Man konnte den Läutejungen in seiner Würde bewundern. Man konnte auf den Lukenbrüstungen reiten und lustig herunterspringen in Blumenwiesen hinein.

Zu schön war es im Glockenhaus!

Irgendwo in einer Spinnwebecke da oben blieb mir ein Krümchen Jugendglück hangen. So oft ich die Glocken höre oder das Glockenhaus sehe, huscht ein Gedanke hinauf, dies Glücklein aufzuwecken aus staubigem Winkel. Dann will es wieder froh wie einst zum Fenster hinausturnen oder hinaufklettern ins Glockengebälk bis unter die Schindeln. Und ist ganz voll Seligkeit, wenn ihm der Läutejunge die Gunst erweist, nach dem Läuten dreimal die Betglocke anschlagen zu dürfen.

Das Glockenhaus ist kein wolkenstürmender Bau. Nur ein Spitzlein auf einem Berg. Und es ist nichts an ihm, das anspruchsvoll wäre oder über das Maß des Zweckmäßigen hinausginge. Man könnte es arg nüchtern nennen. Aber es hat seinen eigenen Stolz. Wie ein Wartturm guckt es auf die Bergstadt hernieder. Zu seinen Füßen muß sich die Kirche ducken: Die Herrin zu Füßen des Dieners. Aber das Glockenhaus ist darum nicht hochmütig. Es hält mit dem Kirchturm gute Nachbarschaft. Seit Jahrhunderten haben sie sich guten Morgen und gute Nacht geboten. Sie sind einander so nahe, daß eins dem andern in die Fenster gucken kann. Keins hat vor dem andern eine Heimlichkeit zu verbergen. Der Kirchturm kennt jede Bretterplanke am Glockenhaus und sieht die Roststreifen unter jedem Nagel. Das Glockenhaus weiß genau, wieviel Schieferplatten den Zwiebelbauch des Kirchturms beschuppen. Wenn der Wind nicht ein unterhaltsames Liedlein von einem zum andern hinüberpfeift, haben sie sich nicht viel zu erzählen. Sie sind aneinander gewöhnt und alt geworden und reden nicht unnütz.

Dann guckt das Glockenhaus verschlafen zu, wie sich am Kirchturm langsam die goldenen Zeiger über das Zifferblatt drehen. Oder es horcht auf, wenn’s im Gehwerk drüben knarrt und die Hämmer quietschend zum Stundenschlag ausholen. In blinden Gucklochscheiben blinzelt die Sonne. Auf Messingknauf und Wetterfahne machen die Stare Kapriolen. Das Glockenhaus lächelt.

Und dann schaut es ein wenig in die Kirche hinein. Die Sonne malt Goldstreifen über Bänke und Gestühl. Das rote Altartuch leuchtet. Man sieht die Stille in der Kirche.

Nebenan im Pfarrhaus hat die Frau Pastorin die Betten zum Sonnen ausgelegt. Der Herr Pastor hat sein Hauskäppel aufgesetzt. Er sitzt im Studierstübchen und schreibt. Die Wolken aus seiner langen Pfeife weben duftigen Tüll vor das Fenster. Manchmal steckt er die kurze an. Dann steigt er in den Hof hinab und hackt Holz. Oder schlendert behaglich durch den Garten, ein Feierstündlein zu halten und nach Himbeeren und Salat zu sehen. Gehen Bergstadtmenschen vorüber, ist ein freundliches Grüßen und Wiedergrüßen.

Im Nachbargarten flattert Wäsche. Irgendwo hängt ein Mütterchen die Käsehorte neben der Hintertür auf und legt säuberlich die weichen weißen Käse zum Trocknen auseinander.

Das Glockenhaus hat viel Kurzweil an solcherlei kleinen und beschaulichen Dingen. Es ist nichts Aufgeregtes im Bergstädtchen. Frauen gehen mit der Mehlbutte zum Backhaus. Oder haben die Kiepe aufgehuckt, um darin die Einkäufe für die Woche zu bergen. Oder holen in klappernden Eimern Wasser vom Bottich. Sie schwatzen und stehen und gehen ihrer Wege. Männer begegnen sich und tippen mit dem Finger oder dem Pfeifenmundstück ein Glückauf an die Mütze.

Manchmal bringen Wanderer Unrast mit. Vor Zeiten waren Wandersleute seltene Gäste im Bergstädtchen. Jetzt aber kommen sie in Trupps und in Horden. Sie singen Wanderfrohsinn durch die Straßen oder johlen. Das Glockenhaus hat sich an alles gewöhnt. Aber ein bedenklicher Knacks ging doch durch sein Gebälk, als zum ersten Male eine fremde Knabenschar zum Takt eines politischen Haßliedes durch die Bergstadt zog. Der Einpeitscher ging nebenher. In den Augen der Knaben war nichts von Wanderlust. Als ob ihre Seelen mit Gift geätzt wären. Der Einpeitscher wußte das. Aber dies Gift war sein Lebensinteresse. Wandern und Politik, Politik und Knaben: Das hatte das Glockenhaus noch nicht erlebt, solange es denken konnte. Und es schüttelte den Kopf ob der Wirrnis solcher Zeit.

Stiller noch als der Sommer ging vor Zeiten der Winter durch die Harzheimatberge. Das Bergstädtchen tat einen langen Winterschlaf. Und das Glockenhaus schlief mit. Sie wachten erst auf, wenn zu Fastnacht die Bergleute und Hüttenleute mit Musik zur Kirche zogen und aus allen Häusern der Duft von heißem Schmalz und Öl und von frischgebackenen Fastnachtskrappeln durch die Straßen strich und bis hinauf auf den Glockenberg wehte. Die Wiesenhänge ringsum waren unberührte Reine, durch die der Fuchs seine Schnürfährte zog. Aber dann kamen die langen Bretter in die Berge. Mit dem Winterschlaf wollte es nichts mehr werden. Die Bergstadtfrauen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie ihre Geschlechtsgenossinnen aus der Großstadt in Männerhosen einherstolzieren sahen. Und das Glockenhaus hat verwundert dreingeschaut ob der vielen bunten Wolljacken in den Straßen unten. Nun sind ihm auch das vertraute Bilder geworden. Auf allen Hängen zerfurchen Männlein und Weiblein den Schnee und treiben Sport mit den Brettern oder mit dem Kostüm. Das Glockenhaus hat helle Augen für Zünftiges und Unzünftiges. Drüben am Sprunghügel hupfen die Bergstadtbuben. Das Klappen der Schneeschuhe beim Aufsprung tönt bis zum Glockenberg herüber.

Das bunte Winterleben geht fort, bis Wind und Regen den Schnee auch aus den höchsten Schneisen des Bergwaldes fortleckten. Die Schneeschuhläufer stellen die Bretter in die Ecke. Für eine Weile sind die Bergstadtleute unter sich. Dann hat das Glockenhaus nicht viel zu gucken. Das Leben im Bergstädtchen geht wieder seinen gemessenen Gang. Frauen schwatzen. Männer begegnen sich. Fuhrwerke bollern. Manchmal kommt ein Leierkastenmann. Und die Kinder rufen hinter ihm her:

Orgel – orgel – nort – nort – nort,

Meine Orgel ist kaputt.

Oder es kommen wandernde Musikanten, die Braker, trätern ihren Vers und fangen in ihren Trompeten und Bombardons die Geldstücke auf, die ihnen aus den Fenstern zugeworfen werden. Oder fahrende Leute mit bunten Wagen kommen, mit denen ein Stück Romantik in die Ereignislosigkeit des Bergstädtchens hineinrollt.

Manchmal geht der Ausrufer durch die Straßen, ein obrigkeitliches Dekretlein auszurufen oder eine Tanzmusik anzukündigen. Der Wind zerpflückt die Worte. Das Häusel auf dem Glockenberg ist auch nicht begierig auf derlei Sachen. Es wundert sich nur, daß der Ausrufer nicht mehr den langen und blankknöpfigen Büttelrock trägt wie in alten Zeiten. Damals sah er viel würdevoller aus. Die Bergstadtjungens, die auf verbotenen Wegen ruschelten, hatten Angst vor ihm. Nun steckt er in schlichtem, bürgerlichem Röcklein. Aller Respekt ist dahin. Von der Würde seines Amtes zeugt nichts mehr als eine abgeschabte Aktentasche und die Klingel. Er versteht sie meisterlich zu schwingen. Aber trotz aller Meisterschaft will aus der Amtsschelle nur ein dürres Bimbim heraus. Wie könnte es auch anders sein. Dem Glockenhaus ist es schon lieber, wenn ihm an jedem Sommertag die Kuhherde mit melodischerem Geläut aufwartet. Wenn der Kuhhirt getutet hat, ist auf allen Straßen im Bergstädtchen ein unruhiges Gequirle. Es ordnet sich gemach zum Zuge und strebt ins Freie. Auf blanken Fellen glänzt die Sonne. Glockenbügel malen grüne Striche in den rotbraunen Zug.

Nach den Kühen läutet die Kälberherde hinaus. Ziegen und Schafe tappeln hinterdrein.

Das Glockenhaus gibt den Tieren das Geleite nach draußen und macht einen Morgenspaziergang in die Umwelt. Es sieht die Landstraßen im Tal sich schlingen und drehen und sich auf Bergeshöh verlieren, Wiesenpfade sich verlaufen im Irgendwo des Gehölzes. An Waldsäumen und Fichtenkämmen tastet sich sein Blick hinauf zu blauen Höhen und Wolken. Aus Wälderdunkel, darin hier und dort sich das Rauchfähnlein eines Holzhauerfeuers in die Luft kräuselt, gleitet sein Auge gemach wieder hinab in lichtes Wiesengrün. Von weit draußen grüßen Forsthäuser her. Bäche blänkern daran vorüber. Und da ist auch der Mühlengraben, der mitblänkern will. Fischen nicht die Jungens schon wieder Elritzen in ihm? Und dort schmiegt sich die Mühle ans Bergstädtchen. Wenn das Tor zum Mühlenrade offensteht und die Sonne in den Radschacht scheint, blitzt silbernes Geglitzer bis zum Glockenhaus hinauf.

Das ist von seinem Morgenausflug aus den Bergen heimgekehrt ins Bergnest. Unten in der Schule ist Pause. Die Jugend quirlt auf dem Schulhof durcheinander. Das Glockenhaus freut sich an dem Gebalge der Jungen und an dem Ringelreihen der Mädchen. Es kennt sie alle von der Stunde an, in der zum ersten Male der Wald über ihre Wiege hinrauschte. Sie wachsen unter seinen Augen heran und durchjauchzen eine frohe Bergjugend zwischen Wiesen und Wäldern und Bächen. Aus Mädeln und Buben werden große Menschen. Das Leben greift nach ihnen. Es packt sie nicht alle mit sanften Händen an. Die Mädel schlüpfen unter im warmen Nest einer Häuslichkeit. Die andern gehen harter Hantierung nach. Das Glockenhaus begleitet sie auf allen Wegen, auf denen sie ihr Brot suchen. Es gibt ihnen ein herzhaftes Glückauf mit, wenn sie sich rüsten zu saurer Schicht im Schacht. Es ist mit ihnen, wenn sie Axt und Säge auf die Schulter nehmen oder mit Holzkarren und Kiepen steile Hohlwege hinaufanken, im Bergwald untertauchen und heimkehren mit schwankender Last. Es schaut ihnen zu, wenn sie auf den Wiesen rings sich mühen, das Heu zu bergen und in schweren Bündeln hangab zu schleppen.

Seit Jahrhunderten sind ihm alle Bilder mühseliger Bergmenschenarbeit vertraut. Geschlechter sind gekommen und gegangen. Die Arbeit voll Sorge und Plage ist immer die gleiche geblieben. Und sie wird für alle immer die gleiche bleiben, solange die Tanne grünt und Erz wächst und bis auf die Stunde, in der die Mühseligen ihren Lauf im Tal beschließen. Dann ist der große Feierabend gekommen. Sie falten die müden Hände. Man trägt sie hinaus zu denen, die vor ihnen den gleichen Pilgerpfad der Mühe und Arbeit wandelten. Dann schaut ihnen das Glockenhaus mit großen Augen nach. Unter seinem Spitzdach haben sich die Schalluken geöffnet. Lebewohl! rufen die Glocken. Und bis in fernes Bergesblau schwingt ihre Klage:

Droben bringt man sie zu Grabe,

Die sich freuten in dem Tal …

Der Klang verhallt. Im Glockenhaus bleibt ein Sinnen zurück. Im Wald drüben, der hinter dem Kirchturm einen samtgrünen Hintergrund malt, jagen Kreuzschnäbel durch die Wipfel. Die Graudrossel singt. Bergwiesen blühen. Die Bäche spinnen ihr Plätscherlied in Ewigkeiten fort. Die Heimat lebt. Menschen sterben. –

Der Wandel der Zeiten hat auch den Weg ins Glockenhaus gefunden. Es gehen keine Läutejungen mehr hinauf ins Glockenhaus. Das Läuten ward ein Amt. Das Geschlecht der Läutejungen ist ausgestorben. Es schnitzt keiner mehr seinen Namen ins Gebälk. Und reitet auch keiner mehr auf der Brüstung der Luken und läßt seine Beine baumeln zwischen Himmel und Erde. Sie läuten auch nicht mehr dreimal am Tage. Es ist mancherlei anders geworden im Glockenhaus. Die große Glocke holte der Krieg. Sie ward zu Metall zerschlagen. Ihr Klang zerklirrte und starb. Verwaist blieb die kleine zurück. Wie ein Armesünderglöcklein verrichtete sie in den Jahren des Krieges ihren Dienst. Verzagt klangs vom Glockenberg herab. Die kleine Glocke ward zum Symbol der Armut und Not.

IM ERSTEN JAHR ANNO 1693 CHURFUERSTLICHE REGIRUNG ERNESTI AUG HERTZOGEN ZU BRAUNSCH U LUENEB BISCHOF ZU OSNEBRUG & IST DISE KLOCK GEGOSSEN V NICOLAUS GREVEN IN HANNOVER.

Sie sah während ihres Erdendaseins Kampf, Elend und Hungersnot. Unter ihren Augen haben die Horden Belsunces und Vaubecourts im Bergstädtchen geplündert. Aber alles das und die Kriege nachher waren kleine Begebenheiten gegenüber dem Jammer des großen Krieges. Und als das Glöcklein den Frieden in die Berge rief, klangs wie ein Erlösungsschrei aus tiefster Not.

Wußte nicht, daß sein Friedensgeläut der Grabgesang des Vaterlandes sein sollte. Wußte auch nicht, daß bald hernach sein eigenes Stündlein schlug: Es kamen neue Glocken, – stählerner Ersatz. Man hängte sie in das alte Gestühl. Die kleine Bronzeglocke ward herabgenommen. Sie fand einen neuen Platz abseits. Es brauchte keiner darüber zu schreiben: Abgetan! Man sah es dem Platz an.

Gräme Dich nicht, du Glöcklein. Das ist neue Zeit. Viel Altes, Gutes, Echtes ist in die Ecke gedrückt und hat dem Neuen weichen müssen gleich dir. Glücklich, wer in sich das Bewußtsein seines Wertes bewahrt und den Glauben an sich nicht verliert!

Wenn die Stahlglocken läuten, kann das Bronzeglöcklein im Verbannungswinkel nicht an gegen das stählerne Bellen. Es wird überschrien. Ein feines Stimmchen abseits singt sein Lied für sich:

Bellt nur, ihr Aufdringlichen, die ihr mich verdrängtet! Ersatz seid ihr und unecht. Euer Maul ist groß. Ihr wollt mich überschreien. Wer seinen Unwert verdecken will, schreit. Eure Stimme ist unedel. Ihr wollt etwas scheinen, wozu ihr nicht geboren seid. Stahl ist Krieg. Ihr taugt nicht zum Gottesdienst. Kinder einer zweifelhaften Zeit seid ihr, die manches über den Haufen warf, was sie bereuen wird. Doch, es sind noch Menschen im Bergstädtchen, die Sinn behielten für echte Werte und das Alte ehren. Sie lieben mich. Sie horchen auf meine Stimme. Ich läutete ihren Ahnen und Urahnen, die im Gottesacker am Berg schlafen. Ich bin die alte Zeit, in der nur das Wahre, Echte, Erzene galt! Schreit nur: Diese Wahrheit tötet ihr nicht!

So singt die kleine Bronzeglocke im Winkel, und es ist ein richtiges Zänklein ins Glockenhaus gekommen.

Aber es soll euch nicht gelten, ihr Bergstadtleute. Aus dem Glockenhaus weht kein Hader zu euch hinab. Die alte Glocke ist verständig. Sie weiß, daß sie das Opfer der Not und der Elendszeit ward. Sie weiß auch, daß nirgends in der Welt diese Zeit drückender war als in euren Bergen, auf denen wohl die Tanne grünt, aber kein Brotkorn wächst. Sie will nicht rechten. Nur manchmal muß sie ihr Herz ausschütten. Und ich sage euch: es ist heilsam, dann und wann ihrer Stimme zu lauschen und darüber nachzudenken, was sie zu erzählen hat. Wenn es ein Großes zu beläuten gilt, wird der Zwist im Glockenhaus schweigen. Und immer einig werden die drei ungleichen Schwestern sein in dem Gebet:

Holder Friede, süße Eintracht

Weilet, weilet

Freundlich über dieser Stadt!

Und ein Bergstadtkind in der Ferne betet mit.

Kinderland

Die breitkronigen Ahorne und Eschen, die mein Kinderland beschatteten, sind fort. Das Geld für ihr Holz war fremden Menschen wertvoller als die grüne Laubpracht und der Vogelsang darinnen. Von ihren Wipfeln flöteten die Stare Jahr um Jahr den ersten Frühlingsgruß ins Bergstädtchen hinein. Nirgends sangen Fliegenschnäpper und Schwarzplättel lustiger als hier. Wenn die Finken schlugen, wars wie ein Konzert in grün verhangener Halle. Am Ahornhang blühten die allerschönsten Veilchen, – o, wie sie Frühling dufteten! – und schönere Schneckenhäuser gab es nirgendwo.

Nun ist von der rauschenden Baumherrlichkeit nichts geblieben als ein paar Wurzelstümpfe. Wie letztes Lebenwollen kümmern Jungtriebe daraus hervor, an denen die Ziegen rupfen.

Wenn ich den Kirchenbrink hinansteige, ist mir der Weg ohne die Bäume fremd. Meine Augen suchen etwas. Und wenn sie dann ins Kahle, Leere schauen, tropft es schwer von meinem Herzen. Ein Stück meiner Jugend hat hier gegrünt. Bäume können zu Freunden werden, denen man nachtrauert.

Schattenlos senkt sich der Hang zum Bach hinab. Es ist, als ob er blinzeln muß, sich nicht an die Helle über ihm gewöhnen kann und auch er die Alten vermißt. Als sie noch ihr Laubdach über ihm wölbten, war sein Wasser ein Wechselspiel von grünen Widerscheinen. Um Kiesel und Geröll rieselte ein smaragdenes Mosaik. Bachstelzen wippten darüber hin. Alle Vögel aus der Nachbarschaft kamen zum Trinken hierher. In trockenen Sommern holten sich die Schwalben von dort den Schlamm zum Nesterbauen. Es war ein heimliches Paradies. Brennesseln wucherten den Hang hinauf. Schöllkraut blühte rings, und zur Herbstzeit war es lustig, im Springkraut zu waten. Just an dieser Stelle entfloh der Bach für eine kurze Weile den steinernen Mauern, die ihn bei seinem Lauf durch das Bergstädtchen im Zaume hielten. Denn zu Zeiten konnte er ein ungestümer Geselle sein, der mit Rauschen und Reißen daherstürzte und steinepolterndes Unheil ins Tal wälzte. Zumeist freilich war er ein friedfertiges Bergbächlein, das sein Blänkerwasser pladdernd hinabführte, Wiesen grüßte von Bäumen, Brücken und Häusern schnörkelige Bildlein malte und allen, die es hören wollten, von Berg und Bruch und Urwald erzählte, die ihn geboren. Er hatte auch einen richtigen Namen, der in jedem Erdkundebuch und auf jeder Landkarte steht. Aber die Bergstadtleute nannten ihn nie mit seinem Taufnamen und sagten einfach: die Flut. Auf der Flutmauer, die sich dem Ahornhang anschloß und zum Grundstück des Vaterhauses gehörte, grünte in fröhlicher Ungebundenheit ein Himbeerwäldlein. Dort hatte der Zaunkönig seine Heimlichkeit. Und jedes Jahr knixten von der Gartenplanke hinter den Himbeeren zehn putzige braune Bällchen mit keck emporgerichteten Schwänzen in die Welt hinaus. Ich hätte das Geburtsschloß der jungen Zaunkönige gern gesehen. Aber eine Scheu hielt mich zurück. Es wäre mir als Sünde vorgekommen, ihr heimliches Glück mit meinen Blicken zu stören. Ich bin nie mitgegangen, wenn mir Kameraden ein Vogelnest zeigen wollten. Als ich zum allerersten Male ein Nest aus der Nähe sah, war mir das ein heiliges Erlebnis, bei dem mir das Herz pochte.

Wenn in der Flut eine Wasserratte schnupperte oder gar ein Iltis über die Steine hopste, wurde im Zaunkönigreich Feuer und Mordio gezetert: zerrr, zerrr zerrrzerrrzerrr! Dann wußten alle Vögel, daß ein feindliches Etwas den Frieden im Flutwinkel stören wollte. Sogleich war Frau Wippstert, die graue Bachstelze, zur Stelle. Sie hielt einen Augenblick inne im Wippen und gab den Warnruf weiter: Zuip-tütütüt, zuip-tütütüt! Mit hastigem und ängstlichem pink-pink-pink-pink flog der Fink herzu, und hß-taktak, hß-taktaktak, lumpenpack! warnte das Rotschwänzel. Dieb? dieb? fragte lakonisch der Fliegenschnäpper, der in aller Aufregung die Ruhe bewahrte.

Dann richtete sich auch die gelbe Bachstelze in ihrem Nest auf, legte den Kopf schief und äugte verwundert zur Flut hinab. Ihr Nest hatte sie an unserm Stall. Wenn sie an Regentagen an den Stallfenstern nach Fliegen und Spinnen jagte, hätte sie den Kühen und Pferden im Stall zuschauen können, wenn nicht die Fensterscheiben grün und blau und blind gewesen wären.

Unser Stall!

Mir zieht der Duft von Heu und Häcksel durch die Nase. Ich spüre den Geruch von warmem Pferdeschinn, der an Kummeten und Zäumen klebt. Ich denke an heimliche Balkenwinkelei, an Stollen, Schächte, Räuberhöhlen und Burgverließe im Heu. Vom Hühnerwiemen flattern bunte Federn herab. Mäuse kraspeln im Futterkasten. Ich fühle ihr sammetenes Fell in der Hand und lasse sie laufen, weil ihre Knopfäugelchen bitten. In den Fensterwinkeln blaken Spinneweben. Fliegen, Heumotten und Heusamen fingen sich darin. Schwarze Spinnen liegen auf der Lauer. Sie gucken kaum mit dem Kopf aus ihren Höhlen wie die mißtrauischen Ratten, die ihr Loch unter der Krippe haben. Über Krippen und Heuraufen klettern meine Gedanken durch die Futterluken in den Heuboden hinauf. Als ich noch Wachstuchschürzen trug, war er mir ein Ort heimlicher Schauer.

Wißt ihr noch, Anna und Johanne, wie sich der Hosenmatz an euren Rock geklammert und sich vor dem Schatten gefürchtet hat, den die Stallaterne über das Heu warf?

Nach dem Füttern mußte er den Kuhschwanz halten, wenn ihr beim Melken saßet. Aber ihr machtet ihm die Arbeit leicht und wußtet ihm die schönsten Märchen zu erzählen. War es nicht der Däumling, der im Bauch der Kühe immerfort seinen Reim rief:

Schtripp, schtrapp, schtrull,

Is der Emmer noch net vull?

Die Erinnerung an viele liebe Tiere kommt mir. Pferde, Kühe, Kälber, Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen hopsen mir durch die Gedanken. Hat keines seinen Platz in meinem Herzen verloren. Ich rufe sie bei Namen. Sie spitzen die Ohren und horchen. Dann erkennen sie mich. Eins nach dem andern kommt in froher Eilfertigkeit, mir die Hand zu lecken. Aus ihren Augen strahlt Freuen und Dankbarsein. Sie schmiegen sich an mich. Ich fühle den warmen Hauch ihrer Nüstern, das Kitzeln der Spürhaare. Ich streichle sie wie einst … Wie einst …

Unter meinen Händen zerrinnt ihr Bild und sinkt in die dunklen Tiefen zurück, daraus es Träume auferweckten. In die gleiche dunkle Tiefe, darin Jugend und Kinderzeit untergingen. Ist nichts von allem geblieben als das bittersüße Tröpflein Eswareinmal, das heiß am Herzen brennt.

Ich schließe die Stalltür. Sie trägt tausend Spuren von Flitzbogen- und Armbrustpfeilen und Pusterohrbolzen. Geradeso wie die Bretterplanken der Laube am Gartenhang. An ihren vier Ecken grünten Ahornbäume. Es ließ sich wunderschön auf das Laubendach klettern und im Ahorngezweig herumturnen. Dort hingen im Winter die Speckschwarten und Schweinepötzel für die Meisen. Und in der Laube war der Futterplatz für Finken und Goldammern. Im Frühjahr schnitzten wir dort unsere Pfeifen aus Quitschenruten. Wenn sich die Rinde nicht lösen wollte, half beim Klopfen ein Zauberspruch:

Ra-ra bi-ba,

Wutte nich gera’n,

Schmiet eck deck in Graben,

Halet deck die Raben,

Kimmt de ule Hesse,

Mit den schtumpen Messe,

Bein af,

Kopp af,

Alles, wat dran sitt,

Mot af – af gahn.

Die Laube konnte durch die Hoftür in unsern Hof gucken. Zwischen Garten und Hof floß die Flut.

An dem Geländer der alten Knüppelbrücke, die sich über die Flut legt, hat der Knabe oft gelehnt und dem Rätsel nachgesonnen, woher das Wasser kommt, das Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre unter der Brücke talab fließt und sich nie erschöpft. Bis sich ihm das Geheimnis auftat: Irgendwo auf Bergeshöhn mußte ein furchtbar großer Turm stehen. Der war bis obenhin gefüllt mit Wasser. Unten war eine Öffnung, die der liebe Gott groß und klein stellen konnte wie der Müller das Mühlenwehr. Meistens ließ er nur wenig Wasser durch, damit es nicht zu schnell alle werden sollte. Wenn der Turm leer zu werden drohte, bestellte er einen Regen, der den Turm wieder auffüllte. Manchmal verrechnete er sich. Dann ging der Turm über, und das Wasser schoß heulend und brausend die Flut hinab. Die Abflußgosse unseres Bottiches kleckerte wie ein winziges Wasserstrählchen dazu.

Der Eisenbottich auf dem Hof ist fort. Er wurde altes Eisen. Das Eisen stand hoch im Preis. Der Lumpensammler holte ihn. Fremden Menschen konnte er nicht sein, was er mir war.

Wenn aus den beiden Wasserpfosten das Wasser in seinen Rostbauch plörrte, war es wie Quellenmusik in einem Waldtal. Und wenn Eimer auf seinen Rand gestülpt wurden, kam aus dem Eisen läutendes Klingen. Unten auf dem Grunde schwammen meine Forellen. Die Pferde schlürften Wohlbehagen aus ihm.

Vorbei.

Das Vaterhaus ist fremde Stätte geworden. Es springen im Hof keine Hunde mehr an mir hinauf. Und die Pferde, deren Hufe über das Steinpflaster klappern, sind – Pferde. Es singt mir keine Schwalbe mehr das Morgenlied. Ich hänge keine Starkasten mehr auf. Und wieviel Rotschwänzel in meinem Kinderland nisten, weiß ich nicht.

Mein Fuß geht an den lieben Stätten vorbei. Und das Herz blutet.

Das Bergkind

Jürgen Traumelin wußte nicht, wie fest die Harzheimat in sein Herz gewachsen war. Er wußte nicht, wie seine Seele am Fichtenwald hing, an Bächen und Wiesen und an allen Bergdingen, an denen sich seine Kinderzeit abspann. Es war stille, unbewußte Liebe. Ein Feuerlein, das sich aus sich selbst erhielt und in der Brust glühte wie eine Selbstverständlichkeit.

Jedem Bergkind gibt der Herrgott ein solches Feuerlein mit. Bei wenigen verflackert’s. Die meisten tragen es mit sich herum und denken nicht darüber nach, woher die Wärme kommt, die so wohlig das Herz umschlägt. Und bei vielen wird’s zur verzehrenden Flamme, wenn man ihre Wurzel herauszieht aus dem Boden, der ihre Heimat ist.

Das alles wußte Jürgen Traumelin nicht. Aber es sollte sein Schicksal sein, daß er es zur Genüge erfuhr.

Eines Tages war der Traum der Jugend zu Ende. Man brachte den Bergjungen in die Fremde. Jürgen Traumelin zog seinen Konfirmationsanzug an, aus dem er längst herausgewachsen war, und sagte der Heimat Ade. Es war kein herzhafter Gruß. Etwas Neues lockte. Und doch wollte das Alte nicht loslassen. So begann die Reise mit Hangen und Bangen. Ein wenig Neugier prickelte in der Brust. Aber in der Kehle saß ein würgender Knoten.

Wenn die Postkutsche doch nicht so unbarmherzig schnell talwärts führe! Als wenn sie es eilig hätte, nur fortzukommen von der Harzheimat. Geht doch langsam, ihr Traber! Eines Bergjungen Seele ist nicht so flink wie eure Beine. Sie weilt noch in den Bergen, woher das Wasser kommt, das euren Weg begleitet, streift in Tann und Dickicht, derweilen ihr bereits ins Flachland trappelt …

Sie stiegen in den Zug. Die Maschine pfiff.

Warum guckst du nicht fröhlich drein, Jürgen Traumelin? Heute machst du deine erste große Fahrt in die Fremde und deine Fahrt ins Leben dazu!

Er konnte nicht fröhlich sein. Hätte aber auch nicht sagen können, welche zwiespältigen Geister in ihm stritten. Eine stumpfe Ergebung kam über ihn. Nur still sein, nicht antworten brauchen und träumen, – träumen.

Wenn doch nicht dieser Knoten im Halse säße und das trockene Schlucken nicht wäre!

Der Zug rollte an den Harzheimatbergen vorüber. Sie wurden kleiner und verloren sich im Blau der Ferne. In Traumelins Seele verloren sie sich nicht. Buchenwälder huschten vorüber, Kornfeldbreiten, Dörfer und Menschen. Dem Bergkind sagte die neue Welt nichts. Seine Gedanken tasteten sich in Wiesentäler und Fichtengründe zurück. Kaum, daß ihn ein fremder Vogel draußen, den er daheim nie sah, aus seinen Bergträumen riß.

Dann waren sie in der fremden Stadt, in der Jürgen Traumelin hochgelahrter Schüler werden sollte.

Puh, – diese Stadt!

Haus an Haus, eng, steinern, frostig. Nirgends ein Gäßlein zum Durchlugen, kein Garten an den Straßen und keine Lauben mit Rotschwänzelnestern. Und in den Höfen keine Holzbansen. Keine Stalltüren, aus denen braune Kühe traten. Und die Menschen gingen aneinander vorbei. Es bot keiner dem andern guten Tag oder ein freundliches Glückauf. Und grüßte kein Berg in die Straßen hinab. Ein paar Hügel lagen rings. Aber sie waren fern und fremd und nicht mit Stadt und Menschen verwachsen. Ihre Hänge waren zerrissen, geflickt, parzelliert. Und nirgends bot sich ein Wiesenplan, an dem das Auge hätte ausruhen können. Die Wiesen in dem breiten Flußtal, in das sich die Stadt hingelagert hatte, waren lustlose Eintönigkeit. Wieviel lichter und lustiger war das alles daheim! Und der große Fluß! Ach ja, er war größer als alle Harzbächlein zusammen. Aber sein Wasser kroch grau und träge dahin. Es konnte nicht rauschen und brausen und platschen und plantschen, kein Berglied jauchzen und fröhliche Hopser machen. Und man sah keine Forellen darin und keine Sonnenkräusel über blanke Steine rieseln. Wie langweilig der graue Fluß war!

Und wie Traumelin über die Eisenbrücke schritt und hinabsah in die trübe Flut, schien ihm das Wasser wie ein Spiegel der Zukunft. Die fremde Stadt war ihm Enttäuschung geworden. Ein Schauder kroch ihm aus ihr entgegen. Und das Gefühl des Naturkindes sagte ihm, daß sie ihm immer fremd bleiben würde. Wo keine klaren Wasser fließen, findet ein Bergjunge keine Heimstatt.

Würgt nicht schon wieder der Knoten im Halse, Jürgen Traumelin? Ein langer Seufzer ging ihm aus der Brust. Und seine Gedanken flogen heimwärts, ein Heilkräutlein zu pflücken gegen die grausame Ernüchterung. Die Erinnerung begann goldene Bogen zu bauen.

Dann war der Bergjunge allein unter fremden Menschen. Zum ersten Male in seinem Leben. Er teilte seine Behausung mit ein paar Altersgenossen, die das gleiche Ziel in die Stadt führte.

Wo seid ihr her? Und sie nannten ihre Dörfer.

Ach, ihr Flachlandkinder! Ihr habt alle keine Harzheimat mit Bergen und Fichtenwäldern und Bächen und Blumenwiesen!

Habt ihr schon Hirsche gesehen? Oder schon Forellen gefangen? Wißt ihr, wie Zeisige singen, oder könnt ihr pfeifen wie der Dompfaff?

Sie lachten über ihn. Und als er zu Bett ging, wußte er, daß ihm diese Menschen, die das Schicksal ihm zu Weggenossen bestimmte, fremd bleiben würden wie die fremde Stadt.

Wie frisch die Bettwäsche roch, die ihm die Mutter sorglich mitgab! Genau wie daheim, wenn die Betten neu überzogen waren. Wie daheim …

Hupp, machten seine Gedanken. Und fort waren sie ins Harzheimatland. Was mögen sie um diese Stunde zu Hause tun? In der Stube ist ein wohliges Ausruhen vom Tagwerk. Gewiß sitzen sie um den Tisch und denken an den, der heute in die Fremde zog. Am warmen Ofen räkelt sich der Wolf und knurrt im Traum … Das Katzengretel schnurrt im Stiefelkasten … Im Kuhstall draußen ruft das braune Herschel. Im Pferdestall wird der Futterkasten zugeklappt. Tränkeimer klirren. Vater füttert die Pferde ab … Gestern hast du es noch getan, Jürgen Traumelin! … Ob der Bläß nicht wartet, daß du ihm einen Leckerbissen reichst? Und der Rappe es nicht vermißt, daß du ihm den Hals streichelst und in Schopf und Mähne kraust? – Nun löscht Vater die Laterne aus. Der Stalltürriegel knarrt … Müde Schritte im Hof …

Ein Heimattraum gab Jürgen das Geleit durch die erste Nacht in der Fremde. Er wachte früh auf.

Singt denn keine Schwalbe auf dem Fensterflügel?

Und plätschert im Hof kein Brunnen?

Ach nein. Es ist alles still. Und es grüßt kein Wiesenhang ins Kammerfenster hinein. Kein Ahorn sagt guten Morgen und kein Eschenbaum und keine Bergstraße.

Der neue Tag ging mit neuen Enttäuschungen auf.

In grauer Trübseligkeit machte sich Jürgen auf den Schulweg. Er pilgerte ihn wie einer, der den Galgen ragen sieht.

Wirf ab alles, was dich an die Heimat kettet, Wildling vom Berg! Und deine Jugend wirf hinter dich! Auf den Kathedern sitzen sie und warten und wetzen das Messer. Sie werden dich hacken und hobeln und werden dich schaben, dich stutzen und säuberlich solange an dir herumschneiden, bis dein rotes Blut saftlos sein wird.

Dann hockte er in der Schule. Diese Schule, – puh! Den Bergjungen schüttelte es. Als er heimkehrte, war sein Leben um ein paar Moralpredigten reicher geworden und das Säcklein seiner Enttäuschungen zum Überquellen voll. In der Schule lachten sie über seine Sprache. Harzer Roller! hänselten sie und feixten, wenn auf seiner Zunge harte Laute weich und weiche hart wurden und das ü zum i oder das ö zum e. Seine Lehrer mäkelten an ihm herum. Es ging ihnen nicht schnell genug, daß er die Sprache der Harzheimat abtat und ihr aalglattes Hochdeutsch redete. Als wenn sich alle gegen ihn verschworen hätten. Es war nichts, das ihm die Fremde hätte lieb machen können.

Wie der weite Flachlandhimmel drückt!

Kommt doch heran, ihr Berge, und stützt ihn, daß er nicht einfalle! Und recken sich nirgends ein paar Fichten in die Wolken?

Ach nein, Jürgen Traumelin. Der Wald hier ist nicht dein Heimatwald. Es ist kein dunkelgrünes Hangauf und Hangab und kein fröhliches Weiterwellen Berg an Berg. Jedes Berglein hier ist abgemessen, steigt an, fällt ab und hört auf. Und an jedem Wald kannst du die Grenzpfähle stecken sehen. Es gibt kein Träumen in meilenlangem Fichtenduster. Der Buchenwald ist kahl und nicht für Traumelins geschaffen. Kein traulicher Waldwinkel lädt dich zu Gast. Und findest kein verschlafenes Flecklein Weltferne, kein Erlenbruch, in dem die Spechte hacken, keinen Rauschebach und keinen Bergquell.

Er wollte ein Stück Heimat suchen und suchte vergebens. Eine Scholle Erde nur, auf der er sich heimisch fühlen, die er liebkosen könnte und mit den Händen streicheln und der er hätte sagen können: Du bist wie meine Heimat! Du bist geheiligtes Land.

Es ward ihm keines beschert.

Heimatlos und doch unendlich heimathungrig irrte seine Seele durch Wolken und Weiten, ihre Ruhestatt zu finden daheim. Träume wurden Zauberinnen. Im Sonnengold der Erinnerung wandelte sich die ferne Harzheimat zum Zaubergarten, über dem strahlend der Maientag der Berge leuchtete. Und Wiese und Wald darin waren voll Sirenengesang. Jedes Fichtenrauschen ward ein Locken: Kehr wieder, Bergbube!

Komm doch! zwitscherten die Vögel. Und die Bergblumen nickten: Kehr um!

Wir warten auf dich! plätscherten die Bäche. O, fühlst du nicht, wie wir auf dich warten!

Tausend Bilder stürmten in des Heimwehkranken Seele, süß, betörend, verführerisch. Und blieb doch keine Frohheit in ihr zurück. Furchtbare Dämonen krallten sich in sie hinein, zogen, zerrten, rissen. Blutsauger waren sie und verführerische Gaukler. Sie spielten mit dem Bergjungenherzen ein grausames Spiel, wirbelten das verzagte Ding in goldene Himmel und ließen es abstürzen in Höllenschlünde.

In einsamen Stunden flüchtete der Knabe auf seine Kammer. Ach, einmal nur hinschauen in die Richtung, wo die Heimat liegt. Drüben muß es sein. Wenn doch nur ein einziges blaues Berglein hersähe! Aber eine schwarze Wolke lag vor dem Paradies. Und so war es Traumelins Schicksal, den bitteren Kelch Heimweh auszutrinken bis auf die Neige. Sein Leben war Qual. Jeder Heimatgedanke riß eine Wunde durch sein Herz.

An einem grauen Tag saß Jürgen Traumelin auf seinem Bettrand wie so oft. Seine Augen verloren sich in der Ferne. Heimliche Glocken läuteten irgendwo. Die Stimmen der Heimat lockten und sangen. Sie hatten ihre bestrickendsten Saiten aufgespannt. Da geschah das Wunder, daß dies Singen ihm nicht zum Schmerz wurde, sondern daß es heimlich in ihm mitzusingen begann. Die schwarze Wolke auf seinem Gemüt war ein wenig zur Seite gerutscht. Irgendwo lachte ein Sonnenstrählchen. Es war, als ob nach langer Zeit ein Glück leise ans Herz zu tippen wagte. Und als Traumelin die Treppe hinabstieg, flüsterte es über seine Lippen: Ich komme! Und es begab sich, daß zu dieser Stunde das Knäuel im Halse hinabzugleiten begann.

Unten zählte er seine Heller. Es war das Geld, für das er sich eine bunte Mütze hatte kaufen sollen. Es reichte just. Dann schrieb er ein Zettelchen. Ein paar heimwehkranke Worte standen drauf. Die andern sollten wissen, was ihn forttrieb.

Auf heimlichen Wegen erreichte er den Bahnhof. Gott sei Dank, es hatte ihn keiner gesehen. Und kam keiner, ihn zurückzuhalten.

Als er im Zuge saß, der ihn der Heimat nähertragen sollte, war zum ersten Male ein richtiges Aufatmen in ihm. Die Kette um seine Seele sprang. Der Kampf schwieg. Es kam eine Müdigkeit über ihn, die ihm Erlösung ward.

Jürgen Traumelin auf Heimatpilgerfahrt!

Zwei Tage und eine Nacht hat er gehungert und gefroren. Herbstnebel umwehten ihn. Zwischen Fichten und Felsen pfiff der Wind. Er grüßte sie als freundliche Boten der Heimat. Mit leichtbeschwingter Seele schritt er aus. An einem Bergbach kniete er nieder und trank. Einmal wieder Bergwasser schlürfen zu können, war einer seiner heimlichsten und heißesten Wünsche gewesen. Nun war er in Erfüllung gegangen. Seid umarmt, Berge und Wälder, Harzheimat!

Als Jürgen Traumelin am zweiten Abend unter sich im Tal die Lichter der Bergstadt sah, stieg er beglückt hinab.

Im Glockenhaus läutete es sieben. Es war der Willkommengruß, den die Harzheimat dem heimkehrenden Fremdepilger bot.

Der Kirchenbrink

Der Sonntagmorgen hatte für mich seine eigene Feierlichkeit.

Ich durfte meine Stulpenstiefel anziehen. Es gab in der ganzen Welt nichts so Schönes wie meine Stulpenstiefel! Und zum Kaffee kaufte die Mutter Salzkuchen. Für Salzkuchen hätte ich meine Seligkeit eingetauscht. In der Küche bruzzelte ein Braten. Der Duft zog verlockend durch das ganze Haus, in dem es nie so stille zuging wie an diesem Morgen. Aber das Schönste war doch, auf der Lehne des alten Ledersofas zu hocken und zuzuschauen, wenn den Kirchenbrink hinauf die Bergstadtleute zur Kirche pilgerten.

Der Kirchenbrink war mein Freund. Es machte Spaß, vier, fünf Stufen auf einmal herunterzuspringen und am Geländer herabzurutschen. Blumen nickten von rechts und links über die alten Steintritte. Durch die Zaunlatten guckten Kälberkropf und Bärenklau. Man konnte prächtige Spritzen daraus machen. Und die roten und weißen Taubnesseln, die am Kirchenbrink blühten, hatten den süßesten Honig.

Des Alltags lag er still und verlassen da. Er konnte die Leute zählen, die auf ihm von der Bergstraße herabkamen oder zu der Bergstraße hinaufgingen. Am Sonntag aber ist er voll Leben gewesen.

Alte Mütterchen mit Hauben und Bändern trippeln behutsam die Stufen hinan. Die eine Hand hält das Geländer fest. Die andere umschließt sorglich das Gesangbuch, damit der Pfennig für den Klingebeutel nicht herausfällt und Taschentuch und Brillenfutteral nicht davon abrutschen. Invaliden im Abendmahlsrock steigen hinterdrein, die lahmen Füße bedachtsam von Tritt zu Tritt setzend. Jungens und Mädels hüpfen an ihnen vorbei. Bürgersleute tragen Zylinder, Feiertagsmiene und Goldschnittgesangbuch mit gemessener Würde treppan, vereinigen sich oben mit der Schar derjenigen, die die Straße am Berg herunterkommen und verschwinden in der Kirchentür.

Stieg viel alte Gläubigkeit und Frommheit den Kirchenbrink hinauf, den Tag des Herrn würdig zu weihen. Es stieg auch viel Gram und Kummer und grüblerisches Gottsuchertum hinauf, in der Kirchenstille Trost und Vergessen zu finden oder den Unbekannten zu ergründen, der die Tanne grünen und Erz wachsen läßt. War viel altes Gold unter abgeschabten Wämsern.

Wenn das Sonntagsgeläut des Glockenhauses in den Bergen verhallt war, tat der Kirchenjunge die Tür zu. Feierlich scholl das Orgelvorspiel durch die Morgenstille. Der Sonntagsfrieden des Bergstädtchens war nie fühlbarer als in diesem Augenblick. Das Orgelspiel klang aus der geschlossenen Kirche wie eine ferne Engelsmusik. Sie machte mir Gotteshaus und Gottesdienst zu einem Mysterium, zu dem der Kirchenbrink der geheimnisvolle Zugang war.

Als der Knirps es unternahm, das Geheimnis zu ergründen, schwirrten seine Gedanken bedenklich abseits.

Von meinem allerersten Kirchgang ist mir nur die Erinnerung an drei merkwürdige Dinge geblieben. Das eine war ein schwarzer Mann. Er hatte ein weißes Bäffchen um und stand auf einem grünen und goldenen Balkon. Von dort aus sprach er irgendetwas vom lieben Gott. Die andere Merkwürdigkeit war ein Mensch mit einem Hauskäppel. Der ging zwischen den Bänken umher und hielt den Leuten einen klingelnden Sammetbeutel unter die Nase. Das größte Wunder jedoch war der Taufengel. Er schwebte von der Decke hernieder und hielt in den Händen ein Taufbecken. Ich aber verstand seine Sendung nicht. Verstohlen fragte ich meine Mutter, was denn eine »Biermamsell« in der Kirche solle.

So hatte mir das Gotteshaus sein Rätsel nicht erklärt. Und als ich hernach den Kirchenbrink hinabstieg, blieb hinter mir das gleiche Geheimnis, das es vordem gewesen.

Osterfeuer

Am Osterheiligabend hat kein Bergstadtjunge Zeit, Abendbrot zu essen. Der Geruch verbrannter Fichtenhecke und brennenden Fichtenharzes prickelt ihm in der Nase. Das Osterfeuer wird angesteckt. Da bleibt für unwichtige Dinge nicht Muße. Jeder hegt zudem in sich die Überzeugung, daß ohne ihn das Osterfeuer nicht brennen und die ganze Herrlichkeit nur halb so schön sein würde, wenn seine Fackel nicht dabei wäre. Neben Ruscheln und Schneeschuhlaufen hat er nicht vergessen, frühzeitig genug seine Osterfackel herzurichten. Der Vater hat das Fichtenstämmlein aufgespalten und zersplissen, damit die Fackel ein gutes Feuer gibt. Sie steht schon lange zum Trocknen am Herd. Sie ist auch schon beim Bäcker gewesen. Der hat sie, nachdem Brot und Kuchen fertig waren, in den Backofen geschoben. Nun ist sie ausgedörrt bis aufs Mark und ist braun und schwarz geworden. Die Rinde will schon abblättern, – hei, wird das ein Geflacker werden!

Wenn sich auf den Wiesen die ersten dunklen Stellen zeigen, der Schnee weggeht und die Berge scheckig werden, schleppen die Bergstadtjungens die Fichtenhecke für ihr Osterfeuer zusammen. Unermüdlich ziehen sie in den Bergwald und bis in die entferntesten Hauungen, ihr Bündlein Hecke zu holen. Das »Heckeschleppen« ist für jeden Harzheimatjungen Ehrenpflicht. Jeder hat den Ehrgeiz, seinem Ortsteil den Ruhm des schönsten und größten Osterfeuers erringen zu helfen. So entsteht zwischen den oberländischen und unterländischen Buben ein Wettstreit, der friedlicher abgeht, als wenn sie mit wehenden Fahnen und Holzsäbeln gegeneinander zu Felde ziehen und grimme Schlachten schlagen.

Am Ostersonnabend wird die Fichtenhecke kunstvoll um den Osterbaum getürmt. Es ist ein erwartungsfrohes Treiben auf dem Osterfeuerplatz. Keiner denkt früher an zu Hause, bis es Zeit wird, die Fackel zu holen.

Osterfeuer im Harzheimatland!

In den Straßen des Bergstädtchens liegt die kühle Dämmerung des Vorfrühlingsabends. Aus Eisschollen und Schneeresten und winterkalter Erde dampft Nebel. Der Ostervollmond guckt über die Berge. Durch die Gassen zieht ein Duft wie von tausend Weihnachtsbäumen. – Ihr Armen im Flachland! Und wenn ihr noch soviel Strohbündel und Teertonnen und Pech zuhauf türmt, euer Osterfeuer wird immer ein stinkendes Räuchlein bleiben. In den Bergen aber ist’s reine Opferflamme, in der nichts brennt, denn das der Fichtenwald hergegeben hätte.

Braune und gelbe Rauchschwaden quellen aus dem Heckenaltar. Sie ballen sich zu wogenden Wolken und wachsen wie eine unendliche Säule in den Nachthimmel. Prasselnd fressen sich Flammen durch Harz und Fichtennadeln und lecken hinauf in den Osterbaum. Feurige Lohe knattert durch seine Äste, wirft einen Feuerschein auf Rauch und Menschen und zerstiebt in sprühenden Funken. Mit Feuer und Rauch wird der Winter von dannen gejagt. Das Rasen der Flammen ist Erlösungsjauchzen.

Um das Feuer her schwenken die Harzheimatkinder ihre Fackel, rufen Fitfaat! und ziehen rauschende Flackerfeuerkreise um ihre Köpfe. Über der Bergwiese tanzen tausend Irrlichter. Der Frühlingsnachthimmel malt sein Schwarzblau hinter dies Bild der Frühlingsfreude, die in Großen und Kleinen lebt und bei jedem neuen Osterfeuer neu lebendig wird.

Osterfeuer sind Freudenfeuer, mit denen die Menschen den Sieg des Lenzes über den Winter feiern. Dem Bergmenschen aber, der die Faust des Winters am härtesten spürt, sind sie Dankesopfer.

Das Fest zwischen Ostern und Pfingsten

Wenn zwischen Ostern und Pfingsten die Lerchen das erste Grün aus dem fahlen Lederhosengelb der Bergwiesen hervorgetrillert haben, putzt der Kuhhirt sein Koppels. Und die Bergstadtleute feiern einen hohen Festtag. Der steht nicht im Kalender. Er wird auch nicht von der Kanzel herab verkündet. Und in der Mitternacht vorher rührt sich im Glockenhaus kein Glockenstrang, ihn gebührend einzuläuten.

Und doch hätte er beides verdient.

Denn dieser Sonntag, an dem nach langer Wintersnot die Kühe zum ersten Male wieder auf die Bergweide gehen, ist wie eine Bannlöse. Unten im Land ist mit Vogelsang und Apfelbaumblühen längst der Frühling eingezogen. Er will auch hinauf ins Harzheimatland. Aber der Winter hat alle Täler verklüftet und treibt ihn mit Schneeschauern zurück. Graue Wochen lang geht ein Kämpfen hin und her. Die Schneewehen an den Hängen wollen nicht kleiner werden. Auf den Straßen kleben schmutzige Eisschollen. Regen und Schnee platschen durcheinander. Durch die Wälder rauscht der Sturm. Das Flöten der Drossel, die den Frühling rufen will, wird von seinem Rasen übertönt. Die Bäche tosen. Die Luft ist erfüllt mit aufgeregtem Gebrause. Es ist nicht Winter, es ist nicht Frühjahr.

Das ist der Bergstadtleute böseste Zeit. Niemand sehnt sich mehr nach dem Frühling als sie. Keiner begrüßt ihn dankbarer.

Wenn aber die Kühe wieder auf die Weide treiben, ist ihnen das wie die frohe Botschaft: Der Lenz ist da, nun muß sich alles wenden. Oft genug freilich prasselts mit Hagelschauern hinein in diese Frühlingshoffnung. Aber der Bann ist gebrochen.

Ein Aufatmen geht durch die Menschen. Es ist ein Freuen in ihnen, das niemand kennt und keiner mit Namen nennen kann. Doch jeder fühlt es. Und diese Freude leuchtet in jungen und alten Augen, guckt aus allen Fenstern und wartet in allen Gassen, daß das Horn des Kuhhirten zum ersten Male tutet.

Keine Frühlingsschalmei kann schöner klingen!

Dann tun sich die Stalltüren auf. Ketten fallen klirrend nieder. Die Kühe werden losgebunden. Ihr Fell ist blank gestriegelt. Bunte Bänder flattern an den Hörnern als festfroher Schmuck.

Manchem Mütterlein, das nur ein paar kümmerliche Morgen Pachtwiese ernten kann, rutscht mit dem Ruf des Hirtenhorns eine Sorge vom Herzen. Der Heuboden hat ein arges Loch bekommen. Dem Bergmenschen ist sein Vieh nicht Inventar. Er lebt mit seinen Tieren und sieht ihre Not nicht nur mit den Augen. Er fühlt sie im Herzen mit. Und so begrüßt er das erste Frühlingsgrün an den Hängen wie eine Gottesgabe, die die Berge ihm darreichen für seine Tiere. Froh und kümmernisbefreit läßt er sie nun hinaus: Kumm, Resel, Orschel, Herschel, Liesel, – kumm!

Die Braunen treten zaudernd über die Schwelle. Sie können noch nicht daran glauben, daß sie die Kette nicht mehr an der Krippe festhält. Und das Taglicht blendet nach dem langen Stalldämmer. Wieder ein zaghafter Schritt. Nun stehen sie draußen und gucken und wundern sich.

Dann geht ihnen ein Erinnern auf an die goldene Freiheit in den Bergen. In übermütigen Sprüngen und Kapriolen hopsen sie davon. Sie schlagen aus in wilder Freude, als wollten sie die Winterfesseln weit von sich schleudern. Die Temperamentvollsten geben ihr Freiheitsbehagen mit den Hörnern kund. Es ist ein Raufen und Stoßen bald hier, bald dort. Bis der Hirtenhund Ordnung schafft oder die Peitsche eines Jungen über die Kämpfenden hinknallt. Klitsch–klatsch–paatsch! – Das Peitschenknallen gehört zu diesem Festtag wie die Herde selbst. Das wäre kein Bergjunge, der sich nicht wochenlang im Peitschenschlagen geübt und der nicht den Ehrgeiz hätte, die beste, schlankste »Schwippe« zu haben für diesen Tag, auf den sich alle freuen.

Manche Bicktanne wandelt sich zum Peitschenstiel. Die Kaufleute können nicht genug Klappschnüre schaffen, und der Sattler muß die Riemen bündelweis schneiden. Wenn dann der große Tag da ist, wird die Schwippe geschmückt mit der Schwester schönstem Haarband, – und ein Knallen geht los auf allen Gassen. Klitsch–klatsch–paatsch! hallen die Berge wider. Klitsch–klatsch–paatsch! kommt’s im Echo von den Hauswänden. Der kleinste Knirps ist mit heiligstem Eifer dabei. Selbst die Alten können es nicht verwinden, noch einmal die alte Kunst zu üben. Und es wird erst ruhig im Städtchen, wenn die Herde heimwärts zieht und die Stalltüren sich wieder schlossen.

Unfug, sagst du? – Nein, auch das Peitschenknallen ist eine Äußerung der Frühlingsfreude. Wie soll ich’s nennen?

Wenn du’s als Bergjunge nicht gefühlt hast, du wirst’s als Nörgler nicht erjagen.

Johannistag

Tripp – trapp – Käsenapp,

Heute ist Johannistag!

Die Erinnerung an unsere Johannistage kräuselt mir durch den Sinn wie ein Gerank aus bunten und schönen Dingen. Fichtengirlanden schlingen sich lustig durcheinander. In ihrem Grün glühen Pappelrosen. Fliedertrauben quellen daraus hervor, und Nachtviolen tupfen blaurote Punkte hinein. Eierschalenkränze baumeln im Wind. Verlockend streicht um Johannisbaum und Ringelreihen der Duft warmer Blätterkuchen. Lieder klingen. Die Luft ist voll Sonne und Freude und das Herz voll Kinderseligkeit. Ich fühle weiche Mädchenhände in den meinen, spüre in der Nase den Geruch von frischgestärkten weißen Sonntagskleidern und Haarpomade. Haarschleifen flattern. Zöpfe wippen. Alle diese verführerischen Dinge erregen in der Jungenbrust das harmlose Räuschlein ersten Verliebtseins. Der schüchterne Bergbube mausert sich zum Ritter. Irgendwo im Johannistagsreigen glüht ihm ein heimliches Flämmchen, dem alle Lieder gelten. Glück wird Singelseligkeit:

Wo treff’ ich meinen Schäfer an,

Wo werd’ ich ihn wohl finden,

Der mir mein Herz erleichtern kann?

Wohl unter einer Linden?

Unter einem grünen Busche,

Da ich meinen Schäfer suche,

Unter einer Linden,

Da werd’ ich ihn schon finden.

Ein Mädel steht unterm Baum. Es winkt schüchtern einen Knaben aus dem Reigen zu sich herein:

Herr Schäfer, Sie bleiben stillestehn,

Mir däucht, ich sollt Sie kennen,

Warum woll’n Sie so von mir gehn

Und sich so von mir trennen?

Ei, so will ich mich zu Sie (!) wenden,

Fassen Sie an beiden Händen,

Und Sie werden desgleichen

Und mir ein Küßlein reichen!

Leider geschah das nun nicht. Unsere Alten waren glücklicher daran. Bei ihnen gehörte das Küssen zum Johannistag wie der Johannisbaum und die Johannislieder.

Aber trotzdem klang es fröhlich weiter:

O wie glücklich ist die Stund’,

Da ich meinen Schäfer fund!

Nun stand der Schäfer im Kreis. Seine Schäferin war indes in den Reigen zurückgetreten. Und das Schäferlied wiederholte sich in der Umkehrung:

Wo treff’ ich meine Schäferin an,

Wo werd’ ich sie wohl finden,

Die mir mein Herz erleichtern kann? …

Bis eine neue Weise im Kreis erscholl:

Ich bin ein lustiger Weidemann,

Ich suche mir ein Revier.

Ein Hirschlein, das ich schießen kann,

Ein hübsches munteres Tier.

Es gibt der munteren Tier’ so viel,

Der Jäger nimmt sich eines zum Ziel:

Puhf!

Der Schuß, der ist geschehen,

Man muß das Wild besehen!

Das Lied vom Hirschlein setzte sich fort:

Jagt mir doch das Hirschlein aus der Weide!

Du und du bist meines Herzens Freude.

Wechselt mir die spanischen Pistolen,

Daß ich kann mein’ Schatz bald wieder holen!

Ei, so komm doch her, mein Kind,

Weil ich dich jetzt wiederfind’.

Treu um Treu und liebe mich,

Und vergiß das Küßlein nicht!

Das war freilich wieder eine Mahnung mit schwachem Ergebnis. Für uns Arme und Nüchterne blieb’s bei der Entsagung:

In dem schönen Rosengarten

Eine Dame zu erwarten,

Die mir schenket einen Kuß,

Die mir schenket einen Kuß.

Und was nützte das Klagelied:

O Jammer, Jammer! höret zu,

Was ich euch sagen werde.

Ich hab’ verloren meinen Schatz,

Der mich so treu geliebet hat.

Macht auf, macht auf die Gartentür,

Ob ich ihn hier nicht finde!

Und daß das Mädel winkte:

Schau her, schau her, hier ist mein Mann,

Hier fall ich ihm zu Füßen.

Und der mich einst geliebet hat,

Den werd ich einstmals küssen.

Nun steh ich wieder auf zu dir

Und mache einen Diener für!

Aber fort doch mit den ewigen Herzensdingen!

Es fuhr ein Bauer ins Holz,

Es fuhr ein Bauer ins Holz,

Es fuhr ein Bauer ins Kermesholz,

Ki–ka–Kermesholz,

Es fuhr ein Bauer ins Holz.

Der Bauer nahm sich ein Weib,

Der Bauer nahm sich ein Weib,

Der Bauer nahm sich ein Kermesweib,

Ki–ka–Kermesweib,

Der Bauer nahm sich ein Weib.

Das Weib nahm sich ein Kind, –

Das Kind nahm sich ’ne Magd, –

Die Magd nahm sich ’en Knecht, –

Ki–ka–Kermesknecht!

Der Bauer schied von dem Weib,

Das Weib schied von dem Kind, –

Das Kind schied von der Magd, –

Die Magd schied von dem Knecht.

Das Ki–ka–Kermeslied war lustig. Wir haben es mit Begeisterung und Inbrunst gesungen. Es bildete eine fröhliche Abwechslung in den Johannistagsliedern und den vielen Volksliedern, die in den Singereigen eingeflochten wurden. Wir schöpften aus unerschöpflichem Born und sangen unverdrossen, bis der Abend kam und wir müde in unsere Kissen krochen.

Dann zog die ganze Johannistagsherrlichkeit noch einmal wie ein bunter Traum durch die Kammer. Das ausgestopfte Männlein, das steif und stumm unter dem Johannisbaum gesessen hatte und dem aus Knopflöchern und Handschuhen die Sägespäne quollen, ward zum Kobold. Es hockte auf der Bettstelle. Es hockte auf dem Deckbett. Es spukte in allen Winkeln und trieb seinen Mummenschanz in des Schläfers heißem Köpfchen, darin ein sonderbarer Leierkasten zu dudeln begann:

Orgel, orgel nort–nort–nort,

Wo treff’ ich meinen Schäfer an,

Ki–ka Schäfer an.

In dem schönen Rosengarten,

Es grüne die Tanne, es wachse das Erz,

Ki–ka–Kermesholz,

Wenn ich den Wanderer frage,

O Jammer, Jammer höre zu,

Im schönsten Wiesengrunde,

Ki–ka–Kermesweib,

Die mir schenket einen Kuß,

Ki–ka–Kuß.

Glück auf, ihr Bergleut’ jung und alt,

Ich bin ein lustiger Weidemann,

Wenn schwarze Kittel scharenweis,