Bibliothek für Sport und Spiel

Der
Damen-Reitsport

von

Richard Schoenbeck
Major a. D.
Präsidial-Mitglied des Deutschen Sportvereins

Mit 50 Abbildungen


Leipzig
Grethlein & Co.

Alle Rechte von der Verlagshandlung vorbehalten.

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.

Kaiserin Elisabeth von Österreich auf Merry Andrew.

Inhalts-Verzeichnis.

Seite
Einleitung[7]
I. Abschnitt.
Die Reiterin.
1.Aus welchem Grunde reiten Damen?[15]
2.Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten?[18]
3.Vom Reitajustement der Damen und deren Erscheinung zu Pferde[40]
4.Der Kavalier[49]
II. Abschnitt.
Das Damenreitpferd.
1.Äußere Kenntnis des Pferdes[52]
2.Charakteristik des Pferdes[55]
3.Anforderungen an das Damenreitpferd[58]
III. Abschnitt.
Das Ajustement des Damenreitpferdes.
1.Die technische Wirkung der Zäumung[65]
2.Das Kopfzeug[77]
3.Der Damensattel[84]
IV. Abschnitt.
Die Grundregeln der Damenreitkunst.
1.Schwerpunkt, Gleichgewicht, Aufrichtung und Bezäumung[98]
2.Vom Reitergefühl[100]
3.Vom Sitz der Dame auf dem Damensattel[104]
4.Von den Gewichtshilfen[112]
5.Von der Zügelführung und -wirkung[115]
6.Behandlung des Pferdes unter dem Sattel[119]
V. Abschnitt.
Praktische Reitkunde.
1.Vorbereitungen[124]
2.Das Handhaben der Zügel[125]
3.Die Hilfen[128]
4.Die Strafen[130]
5.Anhalten und Parieren[131]
6.Die halben Anhaltungen[132]
7.Die Wendungen[133]
8.Das Reiten der verschiedenen Gangarten[134]
9.Auf- und Absitzen[149]
10.Reitunterricht in der Bahn[155]
11.Lehrgang nach der Methode des Grafen D. Széchényi[157]
12.Das Reiten im Freien[164]
Schluß[169]

Einleitung.

Der Damenreitsport wird in deutschen Landen nicht untergehen, er blüht im Gegenteil – zu Nutz und Frommen aller reitfreudigen Damen – lustig empor.

Vor mehreren Jahren hatte es allerdings den Anschein, als wenn das Fahrrad siegreich emporsteigend und jeden andern Bewegungssport überflügelnd, sich die Welt erobern wollte, und die Weisen des Fahrradsports erklärten unumwunden, daß damit die bisher unbestrittene Herrschaft des Pferdes als vornehmstes Luxus- und Sportmittel zu Ende sei. Die Erscheinungen, auf denen diese Ansicht basierte, waren allerdings danach angetan, sie nicht unmotiviert erscheinen zu lassen. Sie traten ganz besonders in Amerika, England und Frankreich hervor, wo die Tattersalls und Reitinstitute leer standen und deren Besitzer sorgenvolle Gesichter machten, denn viele ihrer Klienten und Pensionäre waren vom lebenden Roß auf das Stahlroß gestiegen. Dieses jedoch hat längst den Kulminationspunkt seiner Siegeslaufbahn überschritten. In der besseren Gesellschaft aber, – wenigstens bei uns in Deutschland – hat das Fahrrad wohl nie recht festen Fuß zu fassen vermocht, und heute ist das edle Luxuspferd ein eben so gesuchter Artikel, wie er es stets gewesen.

»Wer nie im Morgensonnenlicht

Auf flüchtgem, leichtbehuftem Pferde

Den Wald durchflog – der kennt sie nicht,

Die höchste Wonne dieser Erde!«

Tausende und Abertausende von Reitern werden die Wahrheit dieses Verses bestätigen. Aber nicht nur sie, sondern auch die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, denen es vergönnt ist, sich dieser edelsten aller Sportarten hingeben zu können, werden das tun, denn das Reiten ist nicht ausschließlich ein Vorrecht der Männer, war es zu keiner Zeit!

Von jeher haben sich auch Frauen zur Fortbewegung und zum Vergnügen je nach Bedürfnis der Reittiere bedient. Nur daß ehemals vielfach Notwendigkeit war, was heute ein ebenso angenehmer, wie gesundheitsfördernder Sport ist. Wagen waren beispielsweise im Mittelalter bei der Unebenheit, ja Unergründlichkeit – auch Unsicherheit können wir noch hinzufügen – der Straßen für längere Reisen außerordentlich unbequem, oft geradezu unmöglich zu gebrauchen, abgesehen davon, daß ihre Bauart noch höchst primitiver Natur war. Die Damen der besseren Stände mußten ihre Reisen deshalb zu Pferde unternehmen, und da sie unter dem Diagonaltrab des Pferdes arg zu leiden hatten – auch die Damensättel waren zu jener Zeit recht mangelhaft – dressierte man zu ihrer Erleichterung den Damenpferden, »Zeltern«, eine künstliche Gangart, den »Paß« an, bei dem statt der diagonalen Vorwärtsbewegung der vorderen und hinteren Gliedmaßen des Pferdes sie sich gleichseitig vorwärts bewegten, womit, gleich wie bei dem Kamel, eine zwar etwas schwankende, aber ungleich sanftere und daher für lange Touren bequemere Gangart erzielt wurde.

Daß die Reiterin übrigens auch schon in den dem Mittelalter voraufgehenden Jahrhunderten eine bekannte Erscheinung gewesen sein muß, geht aus der großen Zahl von rossetummelnden Frauen hervor, von denen uns Dichtung und Sage zu berichten wissen. So zogen, wie erzählt wird, um die Mitte des 12. Jahrhunderts dreihundert tapfere Jungfrauen wohlberitten mit Kaiser Konrads Kreuzheer ins heilige Land, und auch im Frieden taten sich deutsche Frauen oft genug in dieser chevaleresken Kunst hervor. Gern begleiteten sie ihre Herren und Gebieter auf die Hatz von Hirsch und Eber; als ganz besonderen Sport aber betrieben sie die Reiherbeize mit dem Falken. Freilich nicht immer mit Glück: beide Gemahlinnen Kaiser Maximilians, Maria von Burgund und Blanka Sforza, verloren dabei durch Sturz vom Pferde ihr Leben, ebenso erlitt Katharina von Medici dabei zweimal bedeutende Verletzungen.

Was den heut üblichen Quersitz der Damen betrifft, so scheint er vor dem 12. Jahrhundert nur ausnahmsweise angewendet worden zu sein. Wir haben allerdings keine Nachrichten darüber, wie die Frauen des Altertums zu Pferde saßen; wir wissen nichts davon, weder von Semiramis, noch Dido, Cloelia, der persischen Königin Rhodoguna, Zenobia, Cäsonia, den Frauen des Caligula, Hiera, der schönen Mysierin, den Frauen Palästinas usw. Amianus Marcellinus scheint anzudeuten, daß die Frauen nur auf einer Seite des Pferdes, so wie heute, gesessen haben; indessen ist es wahrscheinlich, daß in früheren Zeiten des Altertums die Frauen nach Männerart zu Pferde saßen. Es heißt, daß Anna, die Tochter eines böhmischen Königs, angefangen habe, sich eines Quersattels zu bedienen, und daß dessen Gebrauch dann sehr allmählich nach Deutschland und Westeuropa überging. Noch im 13. Jahrhundert scheint er nur hier und da als vornehme Sitte gern aufgenommen und erst im 14. Jahrhundert allgemeiner geworden zu sein. In den Kommentaren von Stowe lesen wir, daß Richard I., als er sich von den Rebellen von Kent bedroht sah, sich von Tower nach Milesend begab, zugleich mit seiner Mutter, welche krank und schwach war, und in einem Whirlikote fuhr, welcher als ein abscheulicher Wagen beschrieben wird, der aus vier roh miteinander verbundenen Brettern bestand. Das Jahr darauf heiratete er Anna von Luxemburg, welche den Gebrauch der Damensättel einführte. Gelegentlich der Beschreibung der Turniere sagt der um die Mitte des 14. Jahrhunderts lebende Chronist Keighton: »Eine große Anzahl Damen höchsten Ranges und von ausgezeichneter Schönheit wohnten diesen Turnieren bei. Sie sind in buntfarbige Tuniken gekleidet, halb von einer, halb von einer andern Farbe. Ihre Pelerinen sind sehr kurz, ihre Hüte bemerkenswert klein und auf dem Kopfe durch Schnüre befestigt. Ihre Gürtel und Börsen sind mit Gold und Silber verziert. Sie tragen kleine Degen (Dagues), vorn hängend, etwas unter der Taille. Sie reiten prachtvolle Pferde mit reichem Sattel- und Zaumzeug, und in solchem Aufzuge begeben sie sich von einem Ort zum andern, Turniere aufsuchend.« Ein englischer Chronist zur Zeit Richards II. erzählt, daß die damaligen Edeldamen hohe Mützen und Hüte und Roben mit langer Schleppe zu Pferde trugen und sich nach dem Beispiel der Königin Anna, die diese Mode zuerst in England einführte, des Seitensattels bedienten; »denn vordem ritten Frauen jeglichen Standes, gleichwie die Männer pflegen«. Der von Anna und ihren Nachfolgerinnen gebrauchte Sattel war übrigens nur ein einfaches Reitkissen, auf dem man wie auf einem Stuhl saß, wobei es die höfische Regel verlangte, daß die Reiterin das Gesicht gegen den Kopf des Tieres kehrte. In diesem Sitz, der eben so unsicher wie unbequem, und für die Führung des Pferdes ungeeignet war, sehen wir z. B. auf einem alten Kupferstich die neunzehnjährige Gemahlin des großen Kurfürsten, Luise Henriette von Oranien, abgebildet. (Fig. 1.)

Fig. 1. Der große Kurfürst mit seiner Gemahlin Louise Henriette von Oranien auf der Reiherbeize.

Übrigens hat dieses Damenreiten, »gleichwie die Männer pflegen«, sich, wie aus Abbildungen mannigfacher Art zu ersehen ist, teilweise noch bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten, Beweis genug, daß diese Sitte vor dem Zartgefühl auch einer vorgeschritteneren Zeit Stand zu halten vermochte. So ist z. B. die Prinzessin Kunigunde zu Sachsen in dieser Weise im Schloß zu Koblenz abgebildet, und auch die Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen sehen wir auf einem alten Kupferstich im Herrensattel. (Fig. 2.)

Fig. 2. Prinzessin Friedericke Sophie Wilhelmine von Preußen auf Herrenart im Sattel.

Es ist ganz zweifellos, daß der Damenreitsport in neuster Zeit immer mehr an Anhang gewinnt, ganz besonders in den höheren und höchsten Ständen. Das Erscheinen der deutschen Kaiserin bei den Paraden zu Pferde in dem kleidsamen Kostüm ihres Kürassierregiments, eine bisher ganz ungewohnte Sitte, entfesselt stets ein wahres Entzücken bei dem Publikum. Auch die Kaiserin Friedrich, die hier und da in der Uniform ihres Husarenregiments bei Paraden erschien, war eine vorzügliche Reiterin, ebenso wie ihre Tochter, die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen. Bekanntlich war auch die unglückliche Kaiserin Elisabeth von Österreich eine der berühmtesten und unerschrockensten Reiterinnen der Neuzeit. Dabei kann es denn nicht ausbleiben, daß viele Damen der höchsten und hohen Stände dem gegebenen Beispiel mit Vergnügen folgen.

Allerdings sind dem Reitsport der Damenwelt, was seine Ausbreitung betrifft, Grenzen gezogen, denn der Kostenpunkt spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle, ebenso wie die geistige und körperliche Befähigung, die Figur und das Taktgefühl der Dame, also die Ästhetik – und zwar in weit höherem Maß, als bei den Herren. Wenn eine Dame nicht ganz einwandsfrei reitet und dabei eine in Figur, Haltung und Kleidung tadellose Erscheinung zu Pferde bildet, so ist sie dem unliebsamen Urteil des Publikums, das vielfach instinktiv das Richtige trifft, verfallen. Zeigt sich daher eine Dame öffentlich zu Pferde, so muß sie bereits in jeder Beziehung gefestigt sein und darf keine schülerhaften Allüren mehr an sich tragen, was beiläufig auch in bezug auf ihre eigene Sicherheit gefährlich wäre. Findet sich jedoch alles beisammen, ein gutes Pferd, eine elegante Figur mit graziöser Haltung, eine sichere Zügelführung, die jedes Ängstlichkeitsgefühl vermissen läßt, eine schicke, sportgerechte Bekleidung und ein elegantes Reitajustement, so bildet sie unter allen Umständen eine der sympathischsten öffentlichen Erscheinungen, die man sehen kann. Dazu gehört allerdings der Seitsitz, an den sich das Auge gewöhnt hat und der auch für die Sicherheit der Amazone vom equestrischen Standpunkt aus als am empfehlenswertesten erscheint.

Dabei möchte ich es allerdings nicht unterlassen, zu erwähnen, daß eine Dame, deren Mittel es gestatten, sich dem edlen Reitsport hinzugeben, nicht früh genug anfangen kann. Das ist also ein Avis für Eltern, welche ihren Kindern diesen eleganten, gesundheitfördernden Sport gewähren wollen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß von allen sportlichen Zerstreuungen denen sich die gegenwärtige Generation überläßt, keine der Jugend, wie dem reiferen Lebensalter lebhafteres und heilsameres Vergnügen verschafft, als der Reitsport. Nur durch frühes Anfangen allerdings wird die Möglichkeit geboten, einst voll und ganz die Reitkunst zu beherrschen und den außerordentlichen Genuß zu empfinden, den das Können gewährt. Ein späterer Unterricht kann nur selten ersetzen, was in der Jugend spielend erlernt wird, – ohne Unterricht, oder fast ohne einen solchen. Es wird stufenweise eine Geschicklichkeit erworben, die mit dem Kinde wächst und sich mit seiner Kraft entwickelt. Wenn der Wuchs es ihm gestattet, den kleinen Pony mit einem größeren zu vertauschen, und später mit einem Pferde, dann ist die junge Dame vollständig fähig, dasselbe in allen seinen Gangarten zu beherrschen. Außerdem liegt in der Hand der Dame, die an das Landleben gewöhnt ist, und die ihre Reitübungen in der Kindheit begann, ein Grad der Bestimmtheit, die zu einer Übereinstimmung zwischen ihr und ihrem Pferde führt, wie er in späteren Jahren nur noch in selteneren Fällen erworben wird. –

I. Abschnitt.
Die Reiterin.

1. Aus welchem Grunde reiten Damen?

Pardon, mes dames, wenn ich diese, Ihnen vielleicht etwas verblüffend erscheinende Frage voranstelle. Ich erwarte von Ihnen auch keine Antwort darauf, sondern werde – um als »männliche Partei« nicht boshaft zu erscheinen – die Antwort darauf einer bekannten französischen Schriftstellerin überlassen, die ihre Schwestern ziemlich genau zu kennen scheint, wenn sie das für einen Mann etwas heikle Thema in nachstehender Weise behandelt:

»Ehedem war die Dame zu Pferde eine Ausnahme. Heutzutage reiten fast alle Damen der guten Gesellschaft, und, was noch mehr, sie reiten meist gut. Aber – sie reiten aus recht verschiedenen Gründen.

Nur eine geringe Anzahl von Damen reitet zum Vergnügen. Diese, welche am seltensten sind, empfinden eine wahre Genugtuung, sich in einer schnellen Gangart davontragen zu lassen, oder in der so angenehmen Gleichförmigkeit einer gutgeregelten Gangart, vorwärts zu streben. Sie finden, daß man zu Pferde besser atmet, daß die Luft frischer erscheint, oder daß keine andere Körperübung mit der des Reitens verglichen werden kann. Sie reiten, um zu reiten, und nicht, um sich bewundern zu lassen, und sie lieben ebenso ein gutes Galopptempo in der Haide, fern von allen Augen, wie einen Morgenspazierritt in den Park.

Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, wechselt gern ihre Pferde. Sie kümmert sich wenig darum, ob das Pferd, auf welchem sie sitzt, sie »zur Geltung« bringt, – sie denkt nur daran, ihr Pferd zur Geltung zu bringen. Es ist ihr gleichgültig, wenn man sagt: »Ich bin heute Frau F. auf einem Pferde begegnet, das ihr vorzüglich steht; sie war noch hübscher als gewöhnlich«. Aber sie ist vor Freude außer sich, wenn sie im Vorbeireiten die Bemerkung hört: »Ich weiß nicht, wie es Frau F. macht, aber dieser Schinder sieht nach etwas aus, wenn sie darauf sitzt.«

Sie liebt es, allein zu reiten, oder doch wenigstens mit Leuten, mit denen sie keine Umstände machen zu müssen glaubt. Sie plaudert gern, wenn sie ein schlechtes oder auch nur ein langweiliges Pferd hat. Hat sie aber ein gutes, so amüsiert sie sich mit ihm, und dieses Amüsement allein genügt ihr.

Sie liebt es zu springen, aber nur über natürliche Hindernisse. Das künstliche Hindernis mag sie nicht. Ebenso hart, wie sie gegen das Pferd ist, das auf der Jagd »refüsiert«, so viel Güte wie Nachsicht findet sie in ihrem Herzen gegen dasjenige, welches vor einem künstlichen Hindernis scheut. Sie verabscheut die belästigenden Begleiter, welche sie gegen das Gebüsch oder den Bürgersteig drängen. Sie verabscheut die Begleiter, welche sich nicht mit ihr in einer Linie halten, und wenn sie etwas nervös machen kann, so sind es Leute, die ihr Pferd nicht vollständig in der Gewalt haben.

Besondere Kennzeichen: Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, ist fast immer von einer blühenden Gesundheit. – Andere Damen reiten, weil sie es für schick halten. Diese beschäftigen sich einzig und allein mit dem Exterieur ihres Pferdes, der Form ihres Hutes, dem Sitz ihres Reitkleides und der Stunde, wo die Promenade mit Modekavalieren bevölkert ist. Sie fühlen sich auf dem Pferde sehr unglücklich und möchten die ganze Zeit über, welche sie auf demselben zubringen, fast weinen, – aber sie gehorchen dem Zwange der Mode und müssen sich alle Tage zur Promenadenzeit zeigen. Sie reiten zwar schlecht, aber sie sind davon überzeugt, daß sie, wenn man ihnen schmeichelt, niedlich, elegant und selbst graziös sind. Nur aus Eitelkeit, nur um sich bewundern zu lassen, und ohne irgend ein Gefühl für die Freuden der Reitkunst, liegen sie im Sattel. In ihrem Innern aber empfinden sie unwiderstehliche Furcht, wenn sie sich dieser Körperübung hingeben, die sie zu spät begonnen haben, um darin noch etwas leisten zu können.

Es gibt auch Damen, welche aus Reklame reiten. Diese sind nach der Schönheit ihres Pferdes und der Eleganz ihrer Kleidung zu bewerten. Das Amt oder Bankgeschäft ihres Gatten oder Vaters verraten sie oft in einem anscheinend unbedeutenden Detail. Sie reiten im allgemeinen recht mäßig und ohne Vergnügen. Sie würden lieber die Läden ablaufen, wo sie in der verhältnismäßig frühen Morgenstunde, die sie dem Sport widmen, viele Chancen haben, nicht gestört zu werden. Nur Talermillionären gestatten sie, sie zu begleiten. Man darf ihnen keinesfalls mit Leuten begegnen, welche weder ein großes Vermögen oder einen hervorragenden Titel besitzen, denn sonst wäre ja der Zweck, um dessentwillen sie in den Sattel steigen, verfehlt. Ihr Reitkleid, der Reithut, das Zaumzeug und der Reitstock sind von einer äußerst gesuchten und hypermodernen Vollendung.

Die Damen, welche ihrer Gesundheit wegen reiten, sind sehr zahlreich. Sie reiten, um mager zu werden, um stark zu werden, um ihre Gesichtsfarbe aufzufrischen, um Appetit zu bekommen, um Schlaflosigkeit zu bekämpfen usw. Indem sie sich nur ihrer Kur widmen, gehen sie dreiviertel ihrer Zeit so gründlich zu Werke, daß sie erbarmungslos alle friedfertigen Reiter durcheinander bringen. Für sie existiert das Pferd nur als Heilmittel, und an dem Tage, an dem sie mager oder stark geworden sind, an dem sie mit Appetit gegessen oder die Nacht ruhig geschlafen haben, werden sie mit Freuden aufhören, sich einer Körperübung hinzugeben, die in ihren Augen nur ein Frondienst war. Aber so lange sie reiten, werten sie ihre Zeit gewissenhaft ab.

Dann gibt es noch eine Kategorie von Damen, nämlich solche, welche aus Nachahmungstrieb reiten. Diese reiten oft gut, weil sich bei ihnen mit der fixen Idee, einer intimen Freundin oder einer Klostergefährtin nachzuahmen, sehr schnell die noch fixere, sie zu übertreffen, vereinigt.

Sieht eine dieser Damen bei ihrer Freundin ein Reitkleid aus London, dann muß sie sich ebenfalls ein solches von dort kommen lassen. Besitzt ihre Freundin Alice einen Hengst mit Elefantenfüßen und einem Nilpferdkopf, dann wird sie nicht eher ruhen, als bis ihr der liebe Gatte ein Tier gekauft bat, das eher einem Rhinozeros als einem Pferde gleicht. Eine der Damen, denen sie öfter auf der Promenade begegnet, reitet auf einem kleinen Sattel, den man beinahe gar nicht sieht. Die Dame mit dem Nachahmungstrieb wird nicht schlafen können, bevor sie nicht ganz ohne Sattel reitet und so ihre Nebenbuhlerin übertrumpft.

Überaus viel zu schaffen macht dieser Kategorie die Abwechslung in den Reitkleidern. Alle Tage sucht man eine neue Mode aufzubringen oder ein System einzuweihen, welches der von der Nachbarin aufgebrachten Mode oder dem von dieser eingeweihten Systeme den Todesstoß versetzt.«

So, mes dames, ehe Sie nun das Pferd besteigen, um dem edlen Reitsport zu huldigen, wählen Sie, in welche der gezeichneten Klassen Sie sich einreihen wollen, – aber machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube!

2. Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten?

Bevor eine Dame sich dem Rücken des Pferdes anvertraut, sollte sie sich darüber klar sein, in welcher Art und Weise sie reiten will, allerdings eine Vorbedingung, welche seit mehreren Jahrhunderten kaum zur Frage geworden ist. Aber die Emanzipierungsbestrebungen der Damen in neuerer Zeit auf allen Gebieten hat auch auf diesem eine Propaganda gezeitigt, welche nicht unbeachtet vorübergehen konnte, und ich halte es demnach für notwendig und meine Pflicht, diese Frage etwas eingehender zu erörtern.

In erster Linie erscheint es verwunderlich, daß für die – wir können mit vollem Recht sagen »antiquierte« – Reitart (im Reitsitz) eine Propaganda gemacht wird. Wir sollten meinen, es müsse dem eigenen Willen und – wie wir auch später sehen werden – der individuellen Körpergestaltung der Dame überlassen bleiben, ob sie von dem nun doch längst gebräuchlich gewordenen Seitsitz (Quersitz) abgehen und sich dem Reitsitz (à la cavalier) zuwenden will. Niemand wird sie daran hindern, wenn ihr gerade diese Art zu reiten Vergnügen macht. Ob es aber praktisch ist, das ist eben die Frage, und wenn sie es für sich als praktisch erachtet, so ist es doch noch eine große Frage, ob es auch für andere praktisch ist. Eines schickt sich eben nicht für alle! Warum also Propaganda? Danach haben wir den Reitsitz der Damen von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten, und zwar erstens vom reitsportlichen überhaupt, zweitens vom medizinischen und drittens endlich auch vom ästhetischen Standpunkt aus.

Ich will dabei nicht nur meine eigene Ansicht, welche vielen Damen vielleicht nicht kompetent erscheinen könnte, in die Wagschale werfen, sondern möglichst international sein. – Bekanntlich sind England, Amerika, Frankreich und noch viele andere Länder unserem Deutschland auch mit Bezug auf den Damenreitsport noch weit überlegen, und so wollen wir denn auch Stimmen aus jenen Ländern hören – natürlich nur um zu lernen und dann das Fazit zu ziehen.

Wie schon eingangs angeführt, ging der zweifellos ursprüngliche Reitsitz der Damen zum Seitsitz über, nachdem die zunehmende Verbesserung des Damensattels diesen Sitz angenehmer und bequemer gemacht hatte. Aber – die Zeichen des neuen Jahrhunderts sind die auf allen Gebieten zunehmenden Emanzipationsbestrebungen der Damen – logischerweise mußten sie sich demnach auch auf den Reitsport erstrecken. Die Damen wollen es auch darin den Männern gleich tun und à la cavalier reiten.

Das ist nur – pardon, beinahe hätte ich wieder gesagt »logisch«, – doch kaum ist mir das Wort entfahren, möcht ich's im Busen gern bewahren! Denn, so leid es mir auch tut, es aussprechen zu müssen, einen anderen Grund, den bisherigen Reitsitz der Damen zu ändern, habe ich nicht finden können![A] Aber die Frage ist zur cause célèbre geworden, seitdem sogar die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« – wie ich voranschicken will, leider nur in gänzlich unzureichender Weise, d. h. mehr vom sportlichen, laienhaften, wie vom wissenschaftlich medizinischen Standpunkte aus – sich damit beschäftigt hat. Es ist das eigentlich recht bedauerlich, denn die Gegner des angestrebten Reitsitzes können nicht mit diesem schwersten Geschütz dagegen vorrücken, bevor nicht die Wissenschaft gesprochen hat. Der praktische Reiter aber kann dann mindestens mit dem Maschinengewehr vorgehen. – Doch – wie immer – wollen wir den Damen den Vorrang lassen und ihre Forderungen nebst den Gründen dafür hören.

[A]: Confiteor, daß auch ich in früheren Jahren zu denen gehörte, welche dem Damensitz nach Herrenart das Wort geredet, und daß ich dieser meiner Meinung in älteren Schriften mehrfach Ausdruck verliehen habe. Seitdem aber bin ich infolge der mannigfachen Erfahrungen, die ich auf diesem Gebiete machte, vom Saulus zum Paulus geworden, und auf Grund dessen kann ich nicht anders, als mich ohne Einschränkung für den bisherigen Seitsitz der Damen zu entscheiden.

Als Erste erschien auf dem Kampfplatz, um gegen den bestehenden Seitsitz eine Lanze zu brechen, schwer gerüstet, aber mit offenem Visier, niemand geringeres als Fräulein Dr. Anita Augspurg, und der »Berliner Lokal-Anzeiger« hatte die Ehre, als Herold zu fungieren. Ich weiß nicht, ob die Dame selbst Reiterin ist, oder ob sie nur akademisch spricht – letzteres ist ja durchaus modern – jedenfalls tritt sie als eifrige Verfechterin des Herrensitzes auf, und ich will einige ihrer Sentenzen hier anführen, ohne ihnen deshalb durchaus zustimmen zu können. So z. B. kann ich mich durchaus nicht unbedingt ihrer Meinung anschließen, daß der Damensattel – wir kommen auf denselben später zurück – nach mehreren Jahrhunderten seiner Herrschaft (sic!) ein widersinniges Marterinstrument für Pferd und Reiterin sei. Doch nur unter Umständen! Mit Vergnügen aber stimme ich ihrer Ansicht bezüglich Verwerfung des Korsetts zu, dem ich – nach den Belehrungen meiner Frau – nur insoweit eine Berechtigung zugestehen kann, als es sich um das Tragen, bezw. die Befestigung der Unterkleider handelt. Da diese aber – es dürfen nur Reitbeinkleider getragen werden, die sich auch anders befestigen lassen – beim Reiten fortfallen, so kann es das Ungeschöpf wohl auch.

Wie schon angedeutet, ist Fräulein Augspurg denn auch der Ansicht, daß das Reiten im Herrensattel gesünder, gefahrloser, interessanter und vor allem schöner sei, als im Damensattel.

Was das erstere betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich unter den Hunderten von Damen, welche ich als Reitdamen kennen lernte, noch keine einzige gefunden habe, welche durch das Reiten im Damensattel ihre Gesundheit geschädigt hätte, außer einer einzigen, welche sich durch den Sturz aus dem Damensattel eine schwere Kreuzverletzung zugezogen hatte. Ein Sturz aber kann vom Herrensattel aus noch viel leichter eintreten, wie wir es bei Herren leider sehr oft hören und sahen. »Gefahrloser« – das widerlegt sich aus dem eben Gesagten von selbst. Jemand, der infolge langer Beine in der Lage ist, sich bei gewissen Bewegungen des Pferdes mit den Beinen an dasselbe anklammern zu können – sit venia verbo – reitet relativ gefahrloser, als ein solcher mit kurzen Beinen, der nur auf Balance angewiesen ist. Und letzteres würde doch in den meisten Fällen bei den Damen zutreffen. Beim Damensattel aber, wo beide Beine an den beiden Hörnern einen durchaus sicheren Halt finden, ist die Gefahr des Herabstürzens eine ganz bedeutend geringere. Ob es interessanter ist, im Herren- oder Damensitz zu reiten, darüber kann allerdings nur jemand ein Urteil fällen, der beide Reitarten ausübt; ich sehe jedoch nicht ein, weshalb die eine weniger interessant sein soll, als die andere. Und schöner – das ist Geschmackssache. Ich für meine Person finde eine elegante, gut sitzende und ihr Pferd anmutig führende Reiterin im Seitsitz interessanter und schöner aussehend, als eine solche im Herrensitz, die mich – als Erscheinung – gar nicht interessiert. Pardon! Also – darüber läßt sich streiten.

»Einem unvoreingenommenen Auge«, sagt die Verfasserin, »muß eine Reiterin im Quersitz (der Herrensitz ist gemeint!) gefälliger erscheinen, denn wenn man imstande ist, von der Gewöhnung zu abstrahieren und den Anblick, den sie im Damensattel bietet, ganz objektiv zu erfassen, so muß man diesen fast von allen Seiten für direkt unschön erklären. Von vorne wie von hinten gesehen, hat die Figur von Pferd und Reiterin eine unglückliche Kontur. Man sucht ängstlich, wo wohl der Schwerpunkt dieser Unform sich befinde; nicht ganz so schlimm ist es von der rechten, am erträglichsten von der linken Seite (na also!), zeigt uns aber der Zufall die Rückansicht einer »englisch« trabenden Dame, so fühlen sich Ästhetik und Anstandsgefühl in gleicher Weise gekränkt (na na!) und alle Grazien verhüllen entsetzt das Haupt. Hierbei ist natürlich nur das anerzogene Anstandsgefühl gemeint, das die Existenz bestimmter Körperteile, die es hier besonders zum Ausdruck gebracht sieht, nun einmal ignoriert wissen will. (Und unsre heutige Damenmode???)«

Ich bekenne offen, mich nicht zu jener Objektivität aufschwingen zu können, um mich dieser Auffassung anzuschließen. Im Gegenteil finde ich, daß z. B. eine graziös und korrekt englisch trabende Dame von allen Seiten ein äußerst sympathisches Bild abgibt, vorausgesetzt, daß sie eine gute Figur hat und tadellos reitet. Von Karikaturen brauchen wir nicht zu sprechen. Sobald aber in die Haltung der Damen eine Pose hineinkommt, welche wir nicht zu sehen gewöhnt sind – eine Dame pflegt doch auch sonst nie Spreitzsitz oder -Stellung einzunehmen – so wird das bald für die meisten Männer uninteressant, vielfach sogar widerwärtig. Dies allein schon sollte für die Damen maßgebend sein.

»Auch das ärztliche Urteil«, führt die Autorin ferner aus, »sofern es sachverständig ist hinsichtlich des Reitens, (?) bevorzugt stets den Quersitz (Herrensitz) für die gesunde Frau: Die wahrhaft verschrobene Haltung, die ein guter Sitz im Damensattel erfordert (sic!), hemmt die Zirkulation des Blutes und bringt für den noch nicht ausgewachsenen jugendlichen Körper entschieden ernstliche Gefahr des Verkrümmens und Schiefwerdens, für den voll Erwachsenen aber zum mindesten große Unbequemlichkeit, die man erst zu ermessen versteht, wenn man nach längerer Gewöhnung an den Quersitz wieder einmal den Damensattel probiert. Viele Ärzte gestatten ihren Patientinnen das Reiten nur unter der Bedingung, daß es im Herrensattel geschieht.«

Ein definitives ärztliches Urteil darüber steht wohl noch aus, obwohl – wie schon angeführt – die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« sich in zwei Artikeln mit diesem Thema beschäftigt hat, leider nicht klinisch genug, um auch den hippologischen Fachmann zu befriedigen, der anders darüber denkt. Ich komme noch einmal darauf zurück.

Ich muß es durchaus leugnen, daß ein korrekter Damenreitsitz auf gutem Damensattel zu den angeführten Körperschäden führt. Ich führe wiederum die Hunderte von Reiterinnen an, die ich kenne – aber keine einzige ist krumm oder schief geworden, noch hat sie, infolge des Seitsitzes, irgend eine körperliche Verunstaltung erfahren. Ich habe selbst vielfach im Damensattel geritten, um mich von der Wirkung des Sitzes auf den Körper zu überzeugen, mich aber sehr bald und ohne die geringste Unbequemlichkeit zu haben daran gewöhnt. Gewiß, ich, als Herr, der ich mich von frühester Jugend an an meinen Sitz gewöhnt habe, würde nur ungern zum Damensitz übergehen, – vielleicht würde es auch eine Dame nicht tun, welche von Jugend auf als Herr geritten hat – im übrigen aber werde ich Damen, welche erst in späteren Jahren das Reiten lernen wollen, stets den Sitz auf dem Damensattel empfehlen. Das Reiten im Herrensitz ist – bei dem in den meisten Fällen dafür ungünstigeren Bau des weiblichen Körpers – viel schwerer zu erlernen und wird, wiederum in den meisten Fällen, unvollkommener bleiben, als im Seitsitz.

Leider kann ich demnach wieder nicht mit Fräulein Dr. Anita Augspurg übereinstimmen, wenn sie sagt:

»Es braucht nicht erst eingehend dargelegt zu werden, welche Gefahren der Damenreitsitz für die Reiterin hat. Ich kenne vernünftige Väter und Gatten genug, die mit eiserner Konsequenz ihren weiblichen Angehörigen das Reiten ganz untersagen, weil sie als tüchtige Reiter und Sachverständige (?) sonst wegen der furchtbaren Gefahren des Damensattels (!) in steter Angst um ihr Leben schweben würden. Aber nicht nur die Gefahr, geschleift zu werden (welche beiläufig im Herrensattel noch viel größer ist! Der Verf.) oder mittels der Hörner sich schwere Verletzungen zuzuziehen (bei den neuen Sätteln fast unmöglich! Der Verf.) ist vorhanden, auch die Gewalt über das Pferd wesentlich geringer als im einseitigen Sitz (pardon, nur die Schenkelwirkung! Der Verf.), und die Reiterin ist infolgedessen wesentlich abhängiger von den Launen, Unarten, oder von dem Scheuen des Tieres: ein tückisches Pferd unter Damensattel zu reiten, ist immer eine Tollkühnheit.«

Das einzig Richtige an dieser ganzen These ist, daß die Reiterin, d. h. auch nur eine nur mittelmäßige, das Tier nicht so in der Gewalt hat, wie ein Herr. Ich bezweifle aber auch, daß die Reiterin im Herrensitz dieselbe Gewalt haben würde, wie der Mann. Ich habe Reiterinnen gesehen und gekannt, welche Pferde ritten, die für Herren höchst unbequem, ja gefährlich zu reiten waren. Das liegt zunächst an der Führung, ferner daran, daß die Pferde nicht mit den ihnen oft unbequemen Schenkeln gequängelt wurden. Im übrigen aber wird man für Damen, ob sie nun auf die eine oder die andere Art reiten, stets mit besonderer Vorsicht zuverlässige Pferde ohne besondere Launen oder Unarten, und besonders mit gutem Maul aussuchen müssen, d. h. relativ sichere Pferde. Absolut sichere gibt es nicht. Passiert dann doch einmal ein Unglück, so werden eben ganz besondere, unvorhergesehene Geschehnisse die Schuld daran tragen.

Was das Alleinreiten der Damen anbetrifft, für welches die Verfasserin ebenfalls schwärmt, so kann ich mich wiederum nicht ihrer Meinung anschließen. Man mag es ja auf eigene Gefahr hin tun, aber es ist weder vorsichtig noch – schick. Wie eine Dame nicht ohne Kutscher oder Groom selbst kutschieren wird – ein solcher gehört nun einmal dazu, und die Damen sind doch sonst den Anforderungen der Mode gegenüber so sehr peinlich – so auch beim Reiten. Entweder ein Kavalier oder ein Groom. Wenn ganz korrekt geritten werden soll, so muß stets ein Groom, auch dem Paare, folgen.

Den Schluß des Artikels bildet eine begeisterte Dithyrambe auf den Herrensitz für Damen, welcher meiner Ansicht nach mehr dem Wollen wie dem Können gewidmet ist. Wir haben seit jenen Zeiten, als die Damen (noch) à la califourchon ritten, so unendliche Fortschritte auf allen Gebieten der Kultur gemacht, daß das Einnehmen des Seitsitzes zweifellos auch als ein solcher betrachtet werden muß. Es müssen doch selbst damals schon sehr dringende Gründe vorgelegen haben, um mit dem alten Brauch zu brechen und dafür den doch mindestens ungewöhnlichen Seitsitz einzuführen. »Nichts Schöneres, als sich selbst ein Pferd satteln und zäumen zu können, frei aufzusitzen und zu reiten, durch Wälder und Täler im sicheren Bewußtsein der vollen Herrschaft und Unabhängigkeit (Schritt, Schritt!), Rast zu machen, sich auf- und abzuschwingen nach Belieben: da kommt man zu seinem Tiere in ein weit vertrauteres, kameradschaftliches Verhältnis, das die Freude am vornehmsten aller Sports wesentlich erhöht. Möchte sich die kleine Gemeinde der Damen vom ›Amazonensattel‹ bald erheblich vergrößern!«

Das alles, meine Gnädigste, können Sie, wenn Sie eine perfekte Reiterin sind, auch im Damensattel haben. Nur vor dem »Selbstsatteln« möchte ich – für beide Arten – dringend warnen! –

Um nicht einseitig zu erscheinen, soll auch die Ansicht einer Dame in ihren wichtigsten Punkten gehört werden, welche, Renegatin geworden, d. h. zum Herrensitz übergegangen ist, für letzteren ebenfalls eine Lanze bricht. Frau Rittergutsbesitzer Happoldt-Langenöls schrieb seiner Zeit einem Sportblatt u. a. folgendes:

»Dem Damensattel will ich in gewissen Fällen die Berechtigung nicht absprechen. Er eignet sich für diejenigen Reiterinnen, welche der Abwechslung wegen, aus Modesache oder aus was sonst für Gründen (vergl. den Anfangsartikel, aus welchen Gründen eine Dame reitet! D. Verf.), ein Pferd besteigen, in günstigem Terrain, womöglich auf wohlgepflegten Reitwegen großstädtischer Parks ein Stündchen spazieren reiten. (Und die englischen Damen, welche die schweren Jagden mitreiten? D. Verf.) Das ist aber in meinen Augen nicht reiten, sondern Spielerei. Wer sich aber lediglich aus Passion in den Sattel setzt, bei nicht immer günstigen Boden- und Witterungsverhältnissen meilenweite Ritte macht, der wird sehr bald die großen Vorteile schätzen lernen, die der Herrensitz gewährt. Ich bekenne offen, daß, nachdem ich soviele Jahre ausschließlich den Damensattel benutzt habe, der veränderte Sitz mir anfangs Schwierigkeiten machte. Außer der Zügelführung war alles neu, der »Schluß« fehlte, und vor allem war die Balance eine ganz andere. Das Lernen wäre mir entschieden leichter geworden, hätte ich den Damensattel vorher nicht gekannt. Doch mit Lust und festem Willen läßt sich vieles erreichen. Ich habe unermüdlich geübt und mit meines Mannes Hilfe an mir gearbeitet, bis ich sicher war. Und jetzt möchte ich um keinen Preis den als praktisch erprobten und mir lieb gewordenen Sitz gegen den zuerst erlernten wieder austauschen. – – Bei langem Trabtouren kommt mir der Herrensitz ungeheuer zu statten, er ermüdet viel weniger, als der ehemalige Seitsitz. Und nun zum Hauptvorteil des Herrensattels! Welcher von uns wahren Reiterinnen liegt nicht das Wohl und Wehe ihres Pferdes am Herzen, als wäre es das eigene? Der einseitige Sitz mit der ungleichen Gewichtsverteilung, die selbst der allerkorrekteste Damensitz nicht vermeiden kann, strapaziert das Pferd ungeheuer, besonders auf langen Strecken, abgesehen von der trotz neuester Sattelkonstruktion immer noch bestehenden Gefahr des Gedrücktwerdens.«

Pardon, meine Gnädige, wenn ich mir da eine Einschaltung erlaube. Wir wollen – nochmals pardon – immer logisch bleiben. Daß der Herrensitz für das Pferd praktischer ist, als der Seitsitz, ist ja eine von niemandem bestrittene Tatsache. Und daß man im Herrensitz unter allen Umständen technisch besser reitet, als im Seitsitz, hat auch noch niemand bestritten. Hier handelt es sich aber darum, ob eine Dame im Herrensitz besser reitet, als im Seitsitz. Warum also offene Türen einrennen? Wenn die einzelne Dame ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nach auf diese Weise sich auf dem Pferde wohler fühlt, so mag sie doch in Gottes Namen so reiten! Warum aber dafür Propaganda machen? Der weitaus größere Teil der reitenden Damen aber wird im Damensattel besser aufgehoben sein – jedenfalls sicherer, und ich will mich gar nicht scheuen, es auszusprechen: auch eine ganz hübsche Kollektion reitender Herren würden es sein, wenn es angängig wäre – denn zu diesem Reiten gehört ein Können, was nicht jeder erreicht oder erreichen kann. – Also nochmals: Eines schickt sich nicht für alle! –

»Die Darlegung meiner Ansichten und Erfahrungen«, so schließt Frau H. sehr vernünftigerweise, »soll durchaus nicht als Propaganda für den Herrensitz gelten, das liegt mir fern. Ich lasse jedermann nach seiner Façon selig werden. Die betreffenden Damen werden selbst am besten den für sie geeigneten Sitz herausfinden. Ich glaube selbst, daß von hundert Damen, die den Herrensitz erlernen wollen, neunundneunzig zu dem altgewohnten zurückkehren, denn, wie gesagt, so einfach ist die Sache nicht, es gehört fester Wille, Ausdauer, Ausdauer und abermals Ausdauer dazu (vorausgesetzt, daß der Körperbau der Dame überhaupt für diesen Sitz geeignet ist, der Verf.) und wenn wahre Passion die Triebfeder zum Reiten ist. Wem diese Eigenschaften innewohnen, der wird gleich mir für den Herrensattel stimmen.«

Na bravo, da sind wir ja einig!

In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, No. 46, 1901 findet sich ein K. S. und Dr. F. F. unterzeichneter Aufsatz, welcher dasselbe Thema behandelt, welcher zweifellos von einer Dame, vielleicht unter Assistenz eines Arztes geschrieben ist und der zu ganz entgegengesetzten Resultaten kommt, wie die beiden bereits erwähnten Damen. Ich halte den Inhalt für wichtig genug, um ihn hier wörtlich wiederzugeben; und das um so mehr, als hier auch der ärztliche Standpunkt endlich einmal ein wenig mehr in den Vordergrund tritt.

Fig. 3.
Der Reitsitz auf dem alten Damensattel.

»Schon seit Jahren sind viele Sportsleute und Ärzte der Ansicht, daß eine Reform in der Damenreiterei not tue, und zwar, wie man meint, aus rein sportlichen und dann aus sanitären Gründen. Besagte Reform besteht in der Einführung des Herrensitzes anstatt des herkömmlichen Seitsitzes.[B] In früherer Zeit mag man vieles am Seitsitz auszusetzen gehabt haben: er war für Reiterin und Pferd noch recht mangelhaft; das trifft sogar heute noch zu, wenn man den deutschen Damensattel betrachtet. Seine Fehler schädigten allerdings viel mehr das Pferd als die Reiterin, welche nur über Unbequemlichkeit zu klagen hatte. (Fig. 3.) Der neue englische Damensattel, der den deutschen vollständig verdrängt hat, weist keinen jener Mängel (Fig. 4) auf und würde allen Anforderungen entsprechen; aber man ist noch immer nicht zufriedengestellt, der ganze Sitz soll geändert werden! Kein stichhaltiger Grund dafür ist vorhanden. Sehen wir die Sache vom Standpunkt des Sports an, so müssen wir uns sagen, daß überhaupt die wenigsten Damen das Reiten als das auffassen, was es ist – nämlich als eine Wissenschaft. Den meisten genügt es, ein gut zugerittenes Damenpferd zu meistern, die Dressur, die dann allenfalls im Winter vorgenommen wird, ist eine sehr leichte, da das Tier ja bereits auf Gehorsam dressiert ist und alle Hilfen kennt. Mit der wirklichen Dressur eines rohen Pferdes gibt sich keine Dame ab, die nicht gerade besonders passioniert ist, und deren gibt es sehr wenige. Für jene Sorte Reiterinnen würde also der Herrensattel, der doch eine größere Herrschaft über das Pferd einräumen soll, ganz überflüssig sein, und für die anderen Damen ist er, wie wir sehen werden, entbehrlich. Man lasse ihnen daher ruhig ihren gewohnten Sitz, der nicht nur ästhetisch ungleich besser wirkt, sondern auch gesundheitlich nichts zu wünschen übrig läßt. Einen wirklich auch auf widerspenstige Pferde stark wirkenden Schenkeldruck würde kaum eine Dame zuwege bringen, da bei den Frauen die Muskelkraft, besonders in den Beinen, nicht so ausgebildet ist wie beim Manne, erstens von Natur aus nicht, zweitens durch das Wegfallen der körperlichen Übungen, die Knaben durch Turnen, Klettern und Springen haben. Und die Einwirkung des Schenkeldrucks ist der einzige Grund, der in Frage kommen würde. Reiterinnen, die es wirklich darauf anlegen, ihr Pferd tüchtig durchzuarbeiten, kriegen das auch im Seitsitz fertig, dafür hat man viele Beispiele. Ich habe mir mein Pferd, einen jungen temperamentvollen ungarischen Wallach, der niemals einen Sattel auf dem Rücken gehabt hatte, in sechs Wochen im gewöhnlichen Seitsitz vollständig zugeritten; das Tier folgte jeder Hilfe, ging auf bloße Schultereinwirkung hin tadellose Seitengänge und war weich und durchgearbeitet im Genick, letzteres nicht etwa infolge von Kandarenwirkung, sondern durch richtiges Durcharbeiten, Abbiegen und Abbrechen mit einer Wassertrense. Beiderseitiger Schenkeldruck waren dem Tier unbekannt geblieben, weshalb es, als ein Herr es bestieg, nichts mit sich anfangen ließ, sondern offen seine Empörung über diese neue Behandlung zeigte. Später natürlich gewöhnte es sich auch daran. Es war dies nicht das erste Pferd, das ich zurechtritt; man sieht also, daß man mit Geduld und Ausdauer auch im Seitsitz nachhaltigen Einfluß auf ein Pferd haben kann.

[B]: Im Original steht immer Quersitz. Da ich, um Verwechslungen vorzubeugen, den Sitz im Damensattel stets als Seitsitz bezeichnet habe, da andere Autorinnen unter Quersitz sogar den Herrensitz verstehen, so setze ich ein für allemal dafür »Seitsitz«. Der Verf.

Was nun die sanitäre Frage betrifft, so halte ich den Herrensitz für eine Frau auf die Dauer für unbedingt schädlich, obwohl auch da individuelle Faktoren mitsprechen können. Die Frau eignet sich schon ihrer Bauart und geringeren Muskelkraft wegen nicht dazu. Der gespreizte Sitz, bei welchem die Stellung der Beine einen Winkel von ca. 60-70° bilden, also ein wenig natürlicher, ist für die äußeren wie die inneren weiblichen Organe von großem Nachteil, da einesteils entzündliche Reizungen, andererseits innere Zerrungen und Dehnungen der Verbindungsbänder entstehen. Auch jene scheinbar geringen und harmlosen mechanischen Reizungen rufen durch ihre dauernde Wirkung oft fest eingewurzelte und häufig unheilbare chronische Schleimhautentzündungen hervor. Die inneren Lockerungen und Dehnungen werden sich natürlich verschieden intensiv äußern, wenn es sich um eine Frau, die bereits mehrere Kinder gehabt hat, oder um ein junges Mädchen handelt. Im letzteren Falle nämlich, wo jene Bänder noch kurz und straff sind, mag sich erst nach Monaten eine schmerzhafte Zerrung bemerkbar machen, bei einer Frau hingegen, bei der die Bänder bereits gelockert sind, wird die Dehnung schneller und leichter erfolgen, und infolgedessen müssen die weiblichen Organe, ihres Halts beraubt, nach vorn sinken. Auf diese Weise wird die Frau dauernd und unwiederbringlich den schönsten weiblich-ästhetischen Reiz, ihre schlanke Figur, verlieren. Wenn man bedenkt, daß es schon nach jeder Geburt einer besonders sorgfältigen, konsequent durchgeführten Binden-, resp. Massagebehandlung bedarf, um die vergrößerten und gelockerten Teile wieder zur Rückbildung zu bringen, und daß sehr viele junge Frauen, die als Mädchen wirklich schlanke, graziöse Erscheinungen waren, nach der ersten Geburt eben infolge unvollständiger Rückbildung der inneren Organe etwas Plumpes bekommen und leider behalten, so ist es ohne weiteres verständlich, daß die unnatürliche, bei weitem gewaltsamere Dehnung und Verlängerung jener Bänder, wie sie durch das fortgesetzte Reiten im Herrensitz hervorgerufen werden muß, erst recht nicht zu beseitigen wäre. Bei jungen Mädchen werden sich diese Verunstaltungen, wenn auch in geringerem Grade, allmählich entwickeln. Das hier Gesagte gilt auch nur für die Allgemeinheit, wo es maßgebend sein dürfte. Ausnahmen gibt es überall.

Fig. 4.
Der Reitsitz auf dem neuen engl. Damensattel.

Vom ästhetischen Standpunkte aus betrachtet, steht die Sache noch ungünstiger. Solange man die Reiterin, die rittlings auf dem Pferde sitzt, im Profil sieht, kann man nichts direkt Unschönes daran finden, ausgenommen in Fällen, wo die Betreffende sehr korpulent ist; dann ist der Anblick in jeder Richtung geradezu grotesk. Aber auch die schönste schlanke Figur sieht, von vorn oder rückwärts gesehen, äußerst unästhetisch aus.[C] Das Kostüm ist schon häßlich, der gepriesene geteilte Rock sieht lächerlich aus;[D] das Unschöne des Herrensitzes besteht ja nicht darin, daß man die Beine sieht, sondern lediglich in der Stellung selber. In Beinkleidern ist man auf den Pferderücken verbannt: eine Frau in Reithosen zu Fuß sieht entschieden nicht gut aus; jeder feinfühligen Dame muß das Aufsehen, das sie in diesem Kostüme erregt, peinlich sein.[E]

[C]: De gustibus non est disputandum. Also grade das Gegenteil von dem, was Frau Dr. Anita Augspurg findet. Der Verf.

[D]: Sehr richtig! Der Verf.

[E]: Allerdings hatte man ja mit dem Aufkommen des Radfahrsportes Gelegenheit, sich an manchen Anblick gewöhnen zu müssen, der alles andere als schön war! Der Verf.

Nun noch zum letzten der Gründe, die gegen den einseitigen Sitz hervorgehoben werden: nämlich die Unabhängigkeit und Sicherheit zu Pferde. Die Unabhängigkeit ist allerdings, falls die betreffende Dame nicht allein auf- und absteigen und sich nichts am Sattel ohne fremde Hilfe richten kann, sehr gering; aber wieviel Damen hegen den Wunsch, ohne Begleitung Reittouren zu unternehmen? Diejenigen, die es tun, können sich eben in allem helfen. Eine gute Reiterin, die auch Interesse für ihren Gaul hat, muß ihn selber satteln und aufzäumen können, wenn es nötig ist; eine genaue Kenntnis der Sattelung und Zäumung trägt nicht wenig zur Sicherheit und Selbstständigkeit bei. Auf dem Lande, wo manchmal niemand zu haben war, der mit einem Damensattel umzugehen verstand, habe ich mein Pferd oft ohne fremde Hilfe satteln müssen. Das Aufsteigen ohne Hilfe ist schon schwieriger; hat man ein frommes, gutmütiges Tier, das ruhig steht, so genügt es, dasselbe an irgend eine Erhöhung, eine Bank, einen Zaun oder eine Böschung zu führen, von wo es dann leicht ist, sich in den Sattel zu schwingen. Ist das Tier zu unruhig und tritt seitwärts, so empfiehlt es sich, einfach den Bügel lang zu schnallen und, in denselben steigend, sich in den Sattel zu ziehen, was nach einiger Übung recht gut geht. Graziös sieht es ja nicht aus, aber wenn niemand in der Nähe ist, geniert es nicht; das Pferd kehrt sich nicht daran. In puncto Sicherheit wird wohl jeder zugeben, daß es viel schwerer ist, aus dem Damensattel geschleudert zu werden, als aus dem Herrensattel; mit dem Hängenbleiben im Steigbügel ist die Gefahr in diesem wie in jenem Falle dieselbe, vorausgesetzt, daß die Reiterin einen Herrensteigbügel benützt – das einzig richtige – und nicht eine Menge Gummibänder oder gar großartige Sicherheitsvorrichtungen am Rocke hat. Geht ein Pferd durch, so kann eine Dame ebensogut die Gewalt über dasselbe wiedererlangen, wie ein Herr. Bei größeren Unglücksfällen, wie Stürzen von Reiter und Pferd, ist das Verhältnis das gleiche, es ist eben Glückssache, ob man heil davonkommt, da hilft einem die Zugehörigkeit zum starken oder schwachen Geschlechte gar nichts. Es liegt also kein Grund vor, den ebenso graziösen wie ausreichenden Seitsitz aufzugeben.«

Dieser Artikel, welcher meines Erachtens in jeder Beziehung sachlich ist und das Richtige trifft, hat in demselben Organ (Nr. 49, 1901) eine Entgegnung durch Dr. M. Senator, Frankfurt a. M., gefunden, welcher wieder den Reitsitz für die Damen befürwortet. Da er jedoch mehr vom reitsportlichen Standpunkt und ohne besonders neue Gesichtspunkte ins Feld zu führen geschrieben ist, so will ich nur dasjenige daraus hervorheben, was mir als besonders erwähnenswert erscheint.

»Was nun die sanitäre Frage betrifft, so befürchtet Verfasserin aus dem Herrensitz für die Damen erhebliche Nachteile; sowohl die inneren wie die äußeren Organe sollen leiden. Daß letztere durch die Reibung und den Druck entzündlichen Reizungen ausgesetzt sind, will ich nicht bestreiten; daß allerdings durch den sehr ähnlichen Sitz auf dem Rade, wo doch auch derartige Nachteile einwirken, die befürchteten Schädlichkeiten eingetreten sind, ist mir nicht bekannt. Verfasserin befürchtet ferner vom Herrensattel eine Lockerung und Dehnung der Bänder mit störenden Folgen für Gesundheit und äußere Erscheinung. Gerade diese Frage bedarf wegen ihrer enormen Wichtigkeit des erhöhten Interesses des Arztes und des Reiters, oder besser noch einer in beiden »Wissenschaften« erfahrenen Persönlichkeit. Ich selbst bin passionierter Reiter und will meine Liebhaberei nicht aufgeben, sollte ich auch von einigen üblen Einwirkungen nicht verschont bleiben (jede Passion erfordert eben Opfer), aber für eine gesundheitliche Übung in streng medizinischem Sinne kann ich das Reiten nicht ansehen.[F] Tatsächlich wird Lockerung und Senkung der Baucheingeweide begünstigt, wie ja schon die vermehrte Disposition der Reiter für Eingeweidebrüche beweist; aber ich glaube, daß diese Schädigungen im Reiten selbst, in der stoßweisen Erschütterung im Trabe namentlich, bedingt sind und daß Herren und Damen sich dem in gleicher Weise aussetzen. Daß die Folgeerscheinungen für den Frauenkörper schwerwiegender sind, ist gewiß (!). Sicherlich aber wird der freiere Sitz im Herrensattel, die bessere Möglichkeit, sich den Bewegungen des Pferdes anzupassen (z. B. der bequemere englische Trab) auch hierin günstig wirken. Daß der gespreizte Sitz nachteilig sein soll, will mir nicht einleuchten; ist denn die Drehung des Körpers im Damensattel gut zu heißen?[G]

Über den ästhetischen Standpunkt läßt sich schwer streiten. Ich kann an einer rittlings sitzenden Dame nichts Unschönes finden, weder im Profil noch in Vorder- oder Rückansicht.«[H]

[F]: Dieser Ansicht pflichten viele Ärzte und alte Reiter nicht bei. Wie Vielen wird das Reiten als besondere Kur verordnet? Der Verf.

[G]: Eine auf dem neuen englischen Sattel korrekt sitzende Dame nimmt infolge des Seitsitzes nur eine so minimale Drehung des Oberkörpers zum Unterkörper an, daß sie kaum erwähnenswert ist. Auch hat die bisherige Erfahrung nicht bestätigt, daß infolgedessen nennenswerte Störungen der Gesundheit eingetreten sind. Der Verf.

[H]: Daran können wir also abermals sehen, wie verschieden eine und dieselbe Sache beurteilt werden kann. Der Verf.

Alles in allem scheint mir die Antithese des erstangeführten Artikels nicht so überzeugend ausgefallen zu sein, wie es als Widerlegung erforderlich gewesen wäre!

Um aber endlich zum Schluß dieses Kapitels zu kommen, für welches mir noch reiches Material vorliegt, u. a. auch ein Artikel der nur von Damen redigierten französischen Zeitung »La Fronde«, welcher sich selbstverständlich für den Herrensitz ausspricht, bringe ich die aus fachmännischer Feder geflossene, im »Berliner Lokal-Anzeiger« enthaltene Antwort auf den Artikel des Fräulein Dr. Anita Augspurg, welchem ich meinerseits nichts hinzuzufügen habe. Meiner Ansicht nach enthält derselbe, in seinen wesentlichsten Punkten wiedergegeben, alles, was zu diesem Thema etwa noch gesagt werden kann.

»Es scheint gerecht und billig, das Für und Wider in dieser, die reitenden Damen lebhaft interessierenden Frage genau zu prüfen und mit gründlicher Fachkenntnis zu erwägen. Zuerst ist es nötig, festzustellen, daß es sich beim Damenreiten in der Stadt und Manege um andere Bedingungen handelt, als beim eventuellen Reiten in der Wildnis. In letzterem Falle lernen die Kinder und jungen Mädchen von früh an auf den verschiedenartigsten Sätteln in jedem Sitz das Reiten, so gut es eben geht, ohne Anspruch auf Eleganz. Die Anforderungen nun zu Nützlichkeitszwecken sind eben ganz andere, als die Reitkunst sie an die Damen in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen hat, bei denen das Alleinreiten wenig Zweck haben dürfte und zu mancherlei Unzuträglichkeiten führen kann.

Bleiben wir also zunächst beim Damenreiten in der Manege und zu Spazierritten und beginnen nun mit den Anforderungen, die der Schönheitssinn dabei stellt. Leider lassen sich die diesen Sinn nicht befriedigenden Eigentümlichkeiten des Damenreitens im Herrensitz nicht ganz leicht deutlich machen, ohne dieser Geschmacksrichtung zu nahe zu treten. Die Praxis würde das am besten selbst tun und das ästhetische Gefühl bald zurückverlangen lassen nach der weiblichen Reitart. Beleuchten wir diese letztere einmal an einem Beispiel, einer Schulreiterin im Zirkus, die mit mir wohl unzählige Herren und Damen nur mit großem Vergnügen im Damensattel reiten sahen. In dieser Reitart fand ich nichts unschön, im Gegenteil schien mir gerade in diesem Sitz und in dem einfachen schwarzen Reitkostüm die ganze Grazie des Weibes erst zum Ausdruck zu kommen. Wie oben hatte ich das Gefühl, daß die Reiterin dem Pferd gegenüber machtlos sei. Daß es außerhalb des Rahmens der Manege auch minder schöne Erscheinungen im Damensattel gibt, ist außer Zweifel. Daran ist aber weniger der Damensattel an sich, als vielmehr die geringere Fähigkeit der Reiterin (bezw. die Figur! Der Verf.), die im Herrensattel selbstverständlich ebenso zur Geltung kommen würde, Schuld. Nicht jede Dame kann sich guten Sitz aneignen; das bleibt eben wie bei jedem andern Sport, so auch hier, individuell. Sicher aber ist, daß es viel leichter für eine Dame ist, sich im Damensattel schön hinzusetzen, wie für einen Herrn dasselbe im Herrensattel zu tun. Auf der großen Sitzfläche des Damensattels kommt die Dame eben wirklich mit ihrer vollen Positur zum Sitzen, und deshalb wird es ihr verhältnismäßig leicht, den Oberkörper trotz der notwendigen ⅛ Rechtsdrehung gerade und graziös aufzurichten. Im Herrensattel ist die Sitzfläche eine viel kleinere, deshalb verliert der Herr so leicht durch Vor- oder Rückwärtsfallen mit dem Oberkörper den Anstand im Sattel, und deshalb wird das Balancieren schwerer. Im guten Balancieren aber liegt der Schwerpunkt der Reiterei, sowohl im Damen- wie im Herrensattel. Die Fähigkeit, im Damensattel leichter zu balancieren, also auch fester zu sitzen, gibt gerade der Dame die leichtere Hand, die ihr die weichere und beweglichere Lenkung des Pferdes ermöglicht. Ein Anklammern mit den Beinen am Pferd ist bei etwaigen Unarten desselben aber geradezu gefährlich, da ja gerade dieser Druck die treibende Hilfe ist. Ein geübter und unerschrockener Reiter wird freilich in einem solchen Falle durch besonders kräftige, nicht stoßweiser Anwendung der Schenkelhilfen sein Pferd zum Gehorsam bringen. Das ist doch aber, wenn wir einmal ehrlich sein wollen, bei einer Dame illusorisch, dazu fehlt es der Dame fast immer an der physischen Kraft. Hierfür kann ich sogar einen Beleg anführen. Eine Dame aus der hiesigen Gesellschaft war nach langjährigem Reiten im Damensattel zum Reiten im Herrensattel übergegangen, und um sich leichter und ungestörter in diese neue Art hineinfinden zu können, ging sie mit einem mir als schwierig bekannten Pferd auf ihr Gut, nicht ohne daß ich vorher meine Ansicht darüber offen ausgesprochen hatte. Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. Als diese selbe Dame nach längerer Zeit hierher zurückkehrte, schien sie ihre Ansicht geändert zu haben. Sie ritt noch denselben Fuchs, doch nicht, wie ich vermuten durfte, im Herrensattel, sondern – wie einst – im Damensattel. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich die bezeichnende Antwort: Vom Damensattel hat mich der Gaul nicht herunterbekommen, vom Herrensattel – dreimal! Die Dame ist nicht wieder zum Herrensattel zurückgekehrt. Eine andere Dame konnte man auf unserem schönen Reitplatze, dem Hippodrom, seiner Zeit mit großer Bravour im Herrensattel über sämtliche Hindernisse gehen sehen. Auch sie reitet längst wieder Damensattel. Welche Gründe zum Wechsel für sie maßgebend waren, ist mir unbekannt. Darum möchte ich zum Kapitel der geringeren Gefährlichkeit des Reitens im Amazonensattel doch ein ernstes, mahnendes Wort sagen. Nach meiner anfangs aufgestellten Beweisführung ist die Möglichkeit, sich vom Sattel zu trennen, im Herrensattel eine größere, wie im Damensattel. Und wenn nun auch an sich vielleicht das Sichtrennen vom Herrensattel in vielen Fällen weniger gefährlich sein mag, wie das Abfallen vom Damensattel, so ist doch auch im ersteren Falle ein Hängenbleiben im Bügel und damit verbundenes Geschleiftwerden sehr wohl möglich. Rechnen wir nun die größere Wahrscheinlichkeit des Abfallens vom Herrensattel mit hinzu, so dürfte sich das Für und Wider in dieser Beziehung wohl ausgleichen. Einen Beweis, wie sicher und fest die Damen im Damensattel sitzen können, haben doch wohl unsere ausgezeichneten Schulreiterinnen gegeben. – Es scheint mir daher durchaus keine Veranlassung vorzuliegen, das Reiten im Damensattel irgendwie zu beanstanden, und möchte ich daher mein Veto gegen eine Änderung zugunsten des Amazonensattels nicht unausgesprochen lassen.«

Wie gesagt, ich schließe mich dem, was der umsichtige Fachmann hier ausgesprochen hat, voll und ganz an.

Eine der bekanntesten und besten Reiterinnen Englands, Miss Alice Hayes, die Gattin eines ebenso als vortrefflicher Reiter bekannten Offiziers, hat 1893 ein Werk über Damenreiten »The horsewoman, a practical guide to side-saddle riding« erscheinen lassen, welches sehr günstig beurteilt worden ist. Besonders gut in diesem Buche sind die Worte behufs Sicherung eines festen Sitzes im Sattel, ohne sich auf die Zügel zu verlassen. Die Verfasserin spricht nervösen Damen Mut zu, indem sie ihnen sagt, daß der Sitz im Damensattel sicherer, als der gewöhnliche Männersitz ist. Tatsächlich macht sie diejenigen, die das Reiten nach Männerart für Damen befürworten, lächerlich. – Soweit wollen wir uns nicht an der holden Weiblichkeit vergehen.

Sie aber, schöne Leserin, die Sie sich in dieses Kapitel mit Verständnis vertieft haben, mögen nun wählen, ob Sie sich für den einen oder den anderen Reitsitz entscheiden wollen. Wie wir gesehen haben, sind die mit so großer Verve für den Herrensitz angeführten Gründe zum größten Teil gründlich widerlegt – also: prüfet alles und das Beste behaltet!

3. Vom Reitajustement der Dame und deren Erscheinung zu Pferde.

Es ist von vornherein bei der Besprechung dieses Themas anzuführen, daß die Erscheinung der Dame zu Pferde stets ein angenehmes harmonisches Bild abgeben soll, wenn sie nicht der unliebsamen Kritik eines spottsüchtigen Publikums verfallen will. Dabei spielen die Regeln der Ästhetik eine besondere Rolle. Im allgemeinen braucht man ja einer wirklichen Dame in dieser Beziehung nicht viel zu sagen. Eine solche trägt in ihrem Wesen und in ihrer Geschmacksrichtung eine Eigenart zur Schau, welche in den meisten Fällen für sie paßt und vielfach auch gefällt, selbst wenn diese Faktoren manchmal aus dem Rahmen des alltäglichen oder althergebrachten Anblicks, bezw. der herrschenden Mode herausfallen. Direkte Geschmacksverirrungen sind auch seltener zu konstatieren, wenn auch die einmal – Gott sei Dank nur in sehr beschränktem Maße – s. Z. getragenen Hosenkostüme der Radfahrerinnen entschieden dazu gerechnet werden müssen.

Das harmonische Bild der Reiterin aber beschränkt sich nicht auf das Kostüm allein, die Figur muß sich auch mit dem Pferde verbinden, die Größe beider muß übereinstimmen. Eine Dame von Mittelfigur muß auch ein Pferd von solcher Figur reiten, eine kleine Dame ein kleineres, eine große ein größeres Pferd. Stärkere Damen – es hat das für die Amazone eine Grenze – müssen kräftige Pferde mit gutem Fundament, leichte schlanke Damen leichte Pferde mit leichten Gängen reiten. Sitz und Haltung müssen tadellos sein, so daß sich keine unliebsame Kritik daran wagen darf. Die Dame zu Pferde ist selbst heute noch, wo der Damenreitsport immer mehr in den Vordergrund tritt, eine dem Urteil der Menge verfallene Erscheinung, wenn sie nicht harmonisch wirkt. Es muß eben alles in den hier genannten Rahmen fallen. So sollte eine Dame, deren Figur aus irgend welchen Gründen nicht auf das Pferd paßt – in erster Linie ist hier von der Leibesfülle die Rede – sich nicht öffentlich zu Pferd zeigen. Das Reiten kann freilich eine ärztliche Verordnung, es kann besondere Passion sein – aber dann möge die Dame Wälder und Täler, fern ab menschlichen Treiben, durchschweifen. Mir ist eine derartig gestaltete Dame, welche noch dazu im Herrensitz ritt, in der Erinnerung, deren Erscheinung stets wahre Lach- und Spottsalven hervorrief – natürlich nur bei den weniger gebildeten Passanten – immerhin konnte auch der Mann der Gesellschaft nicht ohne ein gewisses Gefühl der Befriedigung darüber diese Reiterin sehen und ein Lächeln auf den Lippen unterdrücken.

Was nun das Kostüm der Dame anbetrifft, so muß ich leider konstatieren, daß es bei uns doch noch recht viel zu wünschen übrig läßt. Man sieht nur wenig distinguierte Erscheinungen zu Pferde, selbst aus der Gesellschaft, die man leicht daran erkennt, daß sie von einem bekannten Gentleman oder einem Offizier chaperoniert werden. Die Damen erscheinen überwiegend oft – also mal zuerst im Sommer – fast im Negligé, also so wie sie auf dem Lande reiten würden, im Strohhütchen, heller Bluse und dunklem Rock. Das mag ja recht bequem sein, ist aber nicht schick. Man reitet eben auf der Promenade der Großstadt nicht so, wie beim Morgenspazierritt auf dem Lande.

Es ist eigentümlich, daß die Damen hierbei ein laisser aller an sich haben, welches sie für Promenade, Diner usw. für shocking erklären würden. Viele Damen werden mir darauf allerdings erwidern, daß wir hier in Berlin überhaupt keine Reitpromenade im Sinne des Bois de Boulogne und des Hydepark haben, aber wenn auch diese Einwendung gewiß nicht ganz ohne Berechtigung ist, so müssen – bis vielleicht in dem neuanzulegenden Volkspark Grunewald etwas derartiges geschaffen wird – der Tiergarten, der Kurfürstendamm und der Grunewald als solche gelten. Was irgendwie reitet, trifft sich doch vormittags dort.

Ich erachte es demnach, da Paris noch immer für die Moden der Damen auch auf diesem Gebiete maßgebend ist, für meine schönen Leserinnen interessant, zu erfahren, in welchem Ajustement die Dame im Bois de Boulogne nach dem Bericht einer französischen Dame zu Pferde erscheint.

Um mit dem Intimsten zu beginnen, so ist das einzig Elegante bei diesem Anzug ein Manneshemd von Baumwolle mit leicht umgebrochenem Kragen. Dieses Hemd muß zum korrekten schwarzen, blauen oder dunkelgrünem Reitkleid, wie es im Bois getragen wird – auch zum roten Jacket – weiß sein, darf jedoch zum Phantasiereitkleid kleine Muster – Erbsen, Kleeblätter, Streifen – haben. Diese Muster dürfen sich jedoch nur mikroskopisch präsentieren, sonst wirken sie abscheulich. Der Brustteil des Hemdes braucht nicht gestärkt, Kragen und Manschetten dagegen müssen hart wie Holz sein, während alles übrige sich schmiegsam anfügen muß.

Das einfache kurze Beinkleid aus weißem Tuch oder Floretseide wird im Schenkel sehr weit und unter dem Knie, wo es durch drei kleine Perlmutterknöpfe geschlossen wird, sehr eng getragen. Vom dritten Knopfloch reicht eine kleine Schleife aus demselben Stoff wie das Beinkleid bis zum oberen Rande des Stiefels.

Das Trikot ist vielleicht weniger schick wie dieses Beinkleid, aber unendlich praktischer. Im Winter muß es aus Seide, im Sommer aus sehr feinem Zwirn und immer von perlgrauer Farbe sein. Vornehmlich darf man keine Phantasie-Farbennuancen wählen. Vor allen Dingen muß man sich aber vor der Fleischfarbe hüten.

Das Trikot wird im Sitz, in der rechten Kniekehle und im rechten Knie erweitert angefertigt. Obwohl es nicht zu eng sein darf, muß es doch fest anschließen und darf keine Falte schlagen.

Man brauche kein Korsett, wenn man es irgend entbehren kann. Man benutze nichts, als ein enggeflochtenes Tragband aus Seide, um die Falten des Hemdes zu ordnen und das Beinkleid oder das Trikot festzuhalten.

Ist man ein Korsett zu tragen genötigt, so sei es schmiegsam und sehr kurz, damit es nicht auf den Hüften scheuert. Dann sei es aus weißem schwedischen Leder lose geschnürt, keineswegs festanschließend und gar oben mit Spitzen besetzt, damit sich nichts unter dem Reitkleide markiert. Das mit einer Rüsche verzierte Korsett markiert sich stets auf dem Rücken des Kleides, und zu Pferde ist es noch mehr als anderswo von Wichtigkeit, daß alles glatt sitzt und nichts die Linien unterbricht.

Der Stiefel muß aus lackiertem Kuhleder oder dem gewöhnlichen Lackleder bestehen und im Schaft oben geschmeidig sein; das ist die Form des alten Stiefels nach Stallmeisterinart, welcher sich längs des Beins gut anschmiegt, und zu welchem ein sehr niedriger englischer Absatz gehört. Viele Damen tragen den Chantillystiefel, und das ist abscheulich.

Dieser Stiefel nämlich, der einzig elegante und praktische für die Herren, paßt ganz und gar nicht für die Damen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens verunstaltet er den Knöchel und macht ihn plump, und zwar dermaßen, daß man in diesem Falle auf die entsetzliche lange Hose zurückzugreifen gezwungen ist. Der andere ist der, daß beim Traben der Rock sich in den zu harten Schaft zwängt und dann unangenehm auf dem Knie spannt. Der Stiefel dagegen muß im Spann so weit sein, daß er beinahe ausgeschlenkert werden kann.

Der Sporn sei gerade und kurz, aus Stahl, Nickel oder Silber, das Rädchen mit spitzen Stacheln versehen, denn der Sporn soll weder ein Spielzeug noch ein Zierrat, sondern vielmehr wirklich ein Hilfsmittel sein. Er wird mit einem kleinen Riemen aus sehr weichem Lackleder befestigt.

Die Busenkrawatte besteht aus weißem Batist oder aus solchem mit kleinen, kaum wahrnehmbaren Mustern; die Nadel ist einfach, ein Hirschhaken, eine Tiegerklaue, ein St. Georgstaler oder sonst eine goldene Münze, aber keine Nadel, die den Anschein eines »Kleinods« hat.

Als Kopfbedeckung wird ein schwarzer Seidencylinder oder ein solcher aus grauem Filz getragen. Niemals aber trägt die Dame, welche Anspruch erhebt, korrekt zu sein, irgend einen anderen Phantasiehut im Bois. Auf dem Lande ist das selbstredend gestattet. Der Hut von hoher Form braucht sich nicht nach der neuesten Mode zu richten. Er muß ziemlich hoch sein und darf keine flache Krempe haben. Im übrigen ist das einzige erlaubte Arrangement ein kleiner, grauer, schwarzer oder blauer, um den Hut gewundener Gazeschleier, Bänder aber oder irgend etwas »Flatterndes« sind nicht statthaft.

Der kleine melonenförmige Hut, der Matrosenstrohhut und selbst der Tirolerhut werden auf dem Lande getragen.

Zum Reiten werden die Haare geflochten oder gewunden und enganliegend getragen, was den Kopf klein macht. Nichts ist häßlicher als ein dicker Kopf, auf dem Pferde vielleicht noch mehr als anderswo. Man kann auch sämtliche Haare zusammendrehen, sie unter Freimachung des Nackens emporheben und unter den Hut stecken. Bei dieser Manipulation braucht man weder Schildpattnadeln noch -Kamm. Das hält ganz von selbst, den Fall, wo man den Hut verlieren sollte, ausgenommen.

Die Handschuhe seien aus weißem oder gelbem Hirschleder, aber niemals aus Hundeleder. Das ist gemein, unbequem und macht wahre Tatzen. Der Handschuh muß in den Fingern sehr lang, sehr geschmeidig und vornehmlich sehr weich sein, der Hand ebensoviel Spielraum zu lassen, als ob sie unbekleidet wäre.

Die Farbe des Reitkleides ist in Paris schwarz, dunkelblau oder dunkelgrün. Letztere Farbe ist jedoch so dunkel gehalten, daß man sie nur in der Sonne wahrnimmt. Der sehr kurze und durchaus glatte Rock aus schwerem Tuch darf, wenn man aufrecht steht, links nicht über den Sporn herabreichen. Rechts ist er wegen der für das Knie und das Horn erforderlichen Weite viel länger und wird an dieser Seite, wenn man zu Fuß ist, hochgeknöpft. Die durchaus einfarbige glatte Taille endigt hinten in einen kurzen Schoß, die auf den Hüften aufstößt und vorn in einer stumpfen Spitze ausläuft. Der Schoß kann aber auch rund und kurzgeschnitten sein. Hier und dort werden die Taillen auch mit langen und abgerundeten Schößen getragen. Der Paletot zum Reitkostüm ist kurz und in der Art der Herrenpaletots gearbeitet. Schmuckgegenstände, Samtkragen, Schleifen oder Phantasieknöpfe werden niemals getragen.

Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß die deutsche Amazone sich durchaus nach diesen Angaben richten muß, wenn sie auch immerhin einen guten Anhalt gewähren. Aus meinem eigenen kleinen Erfahrungsschatze möchte ich aber noch einige Ergänzungen dazu machen.

Im Winter schützen seidene Strümpfe am besten gegen kalte Füße. Ein leinenes Taschentuch wird in die am Sattel angebrachte Tasche gesteckt. Für den Sommer dürfte ein Reitkleid aus weißer Leinwand nicht auf Widerspruch stoßen, zu dem auch ein weißes Hütchen – jedoch nicht von Strohgeflecht – sehr gut stehen würde. Über die Chaussure ist bereits gesprochen worden, doch sei noch besonders erwähnt, daß Knöpfstiefel absolut auszuschließen sind. Die Form der Taille ist zwar gegeben, doch pflegen junge und schlanke Damen am liebsten und für sie am vorteilhaftesten die anliegende Taille zu wählen, während für stärkere Damen die Jackett- oder blusenartige Form geeigneter erscheint. Bei beiden ist auf denkbar größte Bequemlichkeit zu sehen, vor allem auf genügende Brustweite, tadellos gearbeitetes Rückenstück und zureichenden Halsausschnitt. Die Ärmel müssen so weit sein, daß sie den Armen ohne den geringsten Zwang jede Bewegung gestatten. Ebenso müssen auch die Handschuhe zwei Nummern weiter genommen werden, als man sie gewöhnlich trägt. – Was die Länge des Rockes anbetrifft, so trägt man am praktischsten das Reitkleid so, daß es mit der unteren Kante des Pferdebauches abschneidet, besonders wenn die Reiterin Jagd oder Terrain reitet. Dabei darf der Rock ja nicht faltig sein, sondern eng anliegend, muß jedoch so ausgebreitet werden können, daß das rechte Bein bequem über das Horn gelegt werden kann, ohne daß der Stoff sich zerrt und auf der Kniescheibe drückt. Daß nicht jede beliebige Schneiderin imstande ist, ein derartiges Reitkleid anzufertigen, ist selbstverständlich, hier können nur Spezialisten das Richtige treffen, wenn sie sich auch vielfach ihre Kunst unerfreulich hoch bezahlen lassen. Dennoch scheue man diese Ausgabe nicht; schon manche Dame hat sich aus Billigkeitsrücksichten ihr Reitkostüm anderswo anfertigen lassen und mußte dasselbe nachher als gänzlich unbrauchbar verwerfen. Ein solcher so ausgearbeiteter Rock fliegt niemals; zwei gewöhnliche Tuchbreiten sind für denselben ausreichend. Innerhalb des Rockes dürfen Raffer befestigt sein, damit die Dame, wenn sie abgestiegen ist und sich längere Zeit zu Fuß bewegen will, das Kleid schürzen kann, ohne mit dem Tragen die Hände zu beschweren, was auf die Dauer lästig wird. In England werden auch die sogenannten »Safety habits«, welche eigentlich nur eine Schürze bilden und gar keinen Stoff haben, wo die Hörner sitzen, empfohlen und gebraucht. Adressen für dieselben sind: W. Shingleton, 60 New Bond Street und Messrs. Thomas and Sons, Brookstreet, London.

Schließlich möchte ich es nicht unterlassen, der angehenden Reiterin noch einige Winke in bezug auf ihre Reittoilette zu unterbreiten, welche der berühmte Reitmeister James Fillis in seinem Buche »Principes de Dressage et d'Equitation« anführt.

»Die Reiterin verletzt sich sehr leicht, die geringste Falte in ihren Kleidern veranlaßt eine Hautabschürfung. Bei einem langen Ritt, besonders bei der Jagd, empfiehlt es sich, daß sie kein langes Hemd, sondern ein kurzes Hemdchen von sehr feinem Stoff trägt, welches über den Hüften befestigt ist. Der Kragen und die Manschetten müssen an dem Hemdchen festsitzen – nicht mit Stecknadeln befestigt sein, welche nicht sitzen bleiben, sondern herausfallen und stechen.

Ich rate dringend, keine langen Strümpfe anzuziehen; denn das Strumpfband ist immer ein Hindernis, oft sogar Ursache eines wirklichen Leidens, und kann ausgedehnte und schmerzhafte Verwundungen hervorrufen. Socken sind in jeder Hinsicht vorzuziehen; sie müssen sich vereinigen mit einem enganliegenden Unterbeinkleid aus weichem dehnbaren »Trikot« oder »Jersey« und gefüttert sein mit Seide, oder – noch besser – mit sehr feinem Hirschleder. Das Beinkleid, welches darüber gezogen wird, muß schmale Gummistege haben, damit es keine Falten schlägt. Der kurze Stiefel muß Gummizüge – keine Knöpfe haben, um Verwundungen und Quetschungen auf dem Fußspann zu vermeiden. Ich liebe nicht die hohen Stiefel; sie sind zu hart, können unterhalb des Knies verletzen und verhindern die Reiterin, ihr Pferd mit dem Bein richtig zu fühlen. Das Schnürleibchen (Korsett) muß sehr kurz und niedrig sein. Eine lange Korsettschiene (Schwippe) ist nicht nur unbequem, sondern wirklich gefährlich.

Ich würde glauben, mich entschuldigen zu müssen, weil ich in diese geheimen Einzelheiten der Toilette eindringe, für welche meine Urteilsfähigkeit zweifelhaft erscheinen könnte, wenn es sich nur um eine Frage der Eleganz handelte; aber alles, was die Ausrüstung der Reiterin angeht, betrifft auch ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden zu Pferde.

Ich habe soviele Frauen von einem Spazierritt schmerzerfüllt und leidend zurückkommen sehen, welche infolgedessen verurteilt waren, mehrere Tage auf der Chaiselongue zuzubringen, daß ich doch dahin gelangt bin, allen diesen anscheinend nebensächlichen Dingen eine größere Wichtigkeit beizumessen.

Freilich glaube ich, mich nicht auf Überdinge zu verirren, wenn ich empfehle, die Haare recht sicher zu befestigen. Die Dame, welche damit beschäftigt ist, ihren Hut oder Schleier festzuhalten oder zurecht zu setzen, denkt wenig an ihr Pferd, und man kann wohl sagen: Wenn sie ihren Hut verliert, ist sie nahe daran, auch ihren Kopf zu verlieren.«

Für längere Touren ist es praktisch, einen Reitmantel aus Plaidstoff (Cape) mit sich zu führen, der gerollt am Sattel befestigt wird, falls kein Groom mitreitet, da es immer unangenehm ist, plötzlich ausbrechendem Gewitter ohne irgend welchen Schutz preisgegeben zu sein.

In der rechten Hand wird eine kurze starke Reitpeitsche getragen, welche, wie schon angeführt, den über den Sattel gelegten rechten Schenkel des Herrn ersetzen soll, und der in Verbindung mit dem linken die betreffenden Hilfen für die verschiedenen Gangarten des Pferdes gibt.

Hat eine Dame erst festen Sitz gewonnen, so kann sie am linken Absatz einen kurzen Sporn mit scharfem Sternrad tragen.

4. Vom Kavalier, welcher die Dame begleitet,

muß man allerdings von vornherein voraussetzen, daß er mit allem vertraut ist, was nicht nur bei seinem eigenen, sondern auch vor allen Dingen beim Damenreiten von Wichtigkeit ist, um jeden Augenblick fertig und bereit zu sein, sowohl zu belehren, als auch praktisch einzugreifen, wenn es nötig ist.

Der Kavalier der Dame muß schon vor allen Dingen ein vollendeter Reiter sein, weil er gezwungen ist, seine Aufmerksamkeit stets auf seine Begleiterin und das dieselbe tragende Pferd zu richten, ohne dabei sich und sein Pferd zu vergessen. Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart würden seine unerläßlichen geistigen Gaben sein müssen, um im Moment der Gefahr das richtige Mittel zur Begegnung derselben unverzüglich in Anwendung bringen zu können. Er reitet zur rechten Seite der Dame, weil er dort nicht mit den Beinen derselben in Berührung kommt, dicht heranreiten kann, um eventuell eine Unordnung im Ajustement auszugleichen, den Sattelgurt oder Bügel um ein Loch zu verändern, auch einmal, wo es nötig erscheint, bei der Zügelführung behilflich zu sein. Zu diesen Zwecken muß er verstehen, sein Pferd inzwischen mit der rechten Hand zu führen, welches wiederum so dressiert sein muß, daß es durch eigene Ungezogenheiten nicht auch das Pferd der Dame unruhig macht. Es wird vorteilhaft sein, daß der Herr bei schnelleren Gangarten sich um ein viertel der Pferdelänge hinter der Nase des Pferdes der Dame halte, um dieses nicht unnütz aufzuregen, und um, falls jenes wirklich einmal etwas heftiger werden sollte, ihm in kürzester Zeit in die Zügel fallen zu können. Unter Umständen wird er dagegen zu vermeiden haben, in kurzem Abstand hinterher zu jagen, weil dadurch das aufgeregte Pferd der Dame nur zu immer größerer Schnelligkeit angeregt werden würde. In solcher Lage ist die Dame allerdings ganz auf sich selbst angewiesen, denn vor einem Sturze würde sie ihr Kavalier doch kaum bewahren können, – und schließlich wird sie auch selbst bald wieder Herrin des Pferdes werden, welches, gewöhnt in Gesellschaft zu gehen, meist wieder zur Besinnung kommen wird, wenn es seinen Kompagnon nicht hinter sich hört. –

Ist die Reiterin im Freien noch nicht ganz sicher in der Führung ihres Pferdes, oder gibt das Pferd selbst zu irgend welchen Bedenken Anlaß, so empfiehlt es sich – um allen Eventualitäten vorzubeugen – daß der Kavalier das Pferd der Dame an einem Leitzügel führe, welcher in ein in die Trense des Damenpferdes eingeschnalltes Kinnstück – ev. mit einem Karabinerhaken – befestigt wird, dessen mit einer Schleife versehenes Ende der Kavalier in die linke Hand nimmt, oder über dieselbe streift. (Fig. 5.) Ich darf wohl annehmen, daß, wenn eine Dame ihren Kavalier als einen Mann mit den eben geschilderten Eigenschaften kennt, sie mit bedeutend mehr Vertrauen reiten wird, als wenn sie in dieser Beziehung Bedenken hegen zu müssen glaubt. Natürlich spreche ich nur von Anfängerinnen, denn für solche ist dieses Buch ja nur geschrieben. Perfekte Reiterinnen werden genug Selbstvertrauen haben, um sich ganz auf sich selbst zu verlassen. –

Fig. 5.
Führung des Damenpferdes am Leitzügel.

II. Abschnitt.
Das Damenreitpferd.

1. Äußere Kenntnis des Pferdes.

Wenn eine Dame reiten lernen will, so ist es unbedingt nötig, daß sie sich mit dem Tiere, dem sie sich anvertraut, auch etwas näher bekannt macht. Das Pferd ist zwar keine Maschine, nichts weniger als das, aber auch jeder Maschinenführer muß die Technik seiner Maschine kennen, welche er führen soll, sonst gibts ein Unglück. Hier liegt die Sache ähnlich. Auch technisch soll und muß die Dame ihr Pferd kennen, selbst wenn es nur ein Leihpferd ist. Ist sie aber in der glücklichen Lage, ein oder zwei Pferde zu besitzen, so muß sie sich durch den Umgang mit derselben, auch wenn sie nicht zu Pferde steigt, – also z. B. durch öftere Besuche im Stall unter Darreichung von Leckerbissen und hauptsächlich Sprechen mit dem Tiere – das Vertrauen derselben zu erwerben suchen. Wir werden noch darauf zurückkommen, jetzt uns aber kurz mit den technischen Benennungen der einzelnen Teile des Pferdekörpers bekannt machen.

Die Hauptteile des Pferdekörpers (Fig. 6) sind: der Kopf (I), der Hals (II), der Rumpf (III) und die Extremitäten (IV).

In bezug auf die Reiterei teilt man das Pferd in 3 Teile ein, und zwar in

A) die Vorhand: Kopf, Hals, Schultern, Brust und Vorderbeine –,

B) die Mittelhand: Rücken, Lendenpartie, Flanken und Bauch –,

C) die Hinter- oder Nachhand: Kruppe mit Schweif und die Hinterbeine.

Fig. 6.
Zur Kenntnis des Pferdekörpers.

Zur Vorhand dienen folgende Benennungen:
1.Die Ohren.
2.Die Stirn mit dem Schopf.
3.Das Gesicht.
4.Die Augen.
5.Die Nase.
6.Die Nüstern.
7.Die Lippen und das Maul.
8.Das Kinn.
9.Die Kinnkettengrube.
10.Der Kehlgang.
11.Die Ganaschen.
12.Die Ohrenspeicheldrüse od. Feifel.
13.Das Genick.
14.Die Seiten des Halses.
15.Die Kehle.
16.Die Schulter.
17.Der Kamm mit der Mähne.
18.Der Widerrist.
19.Die Brust.
20.Der Vorarm.
21.Der Ellenbogen.
22.Das Vorderknie.
23.Die Röhre od. der Unterarm.
24.Das Kötengelenk.
25.Der Fessel.
26.Die Krone.
27.Der Huf.
Zur Mittelhand gehören:
28.Der Rücken.
29.Die Lende od. Nierenpartie.
30.Die Flanken oder Weichen.
31.Der Bauch.
Zur Hinterhand:
32.Das Kreuz oder die Kruppe.
33.Die Hüften.
34.Die Hinterbacke oder Keule, bezw. der Oberschenkel.
35.Die Schwanzwurzel.
36.Der Schweif.
37.Das Sitzbein.
38.Der Unterschenkel oder die Hose.
39.Das Sprunggelenk.
40.Die Hacke.
41.Das Schienbein.
42.Die Köthe.
43.Der Fessel.
44.Die Krone.
45.Der Huf.
46.Die Kniescheibe.
47.Die Ballen.

Der Organismus des Pferdes ist zusammengesetzt aus dem Knochengerüst, dem Träger des ganzen Körpers, welches durch die Bänder zusammengehalten wird, aus dem Muskelapparat mit den Sehnen und Flechsen, den inneren Organen, den Blutgefäßen und dem Nervensystem.

Die großen Beugesehnen, deren Tadellosigkeit für die Brauchbarkeit des Pferdes Erfordernis ist, liegen an der hinteren Seite der Röhren bezw. Schienbeine.

2. Charakteristik des Pferdes.

Es ist ganz zweifellos, daß das Pferd für den Dienst des Menschen sowohl als Reit- wie als Zugtier ganz besonders geeignet ist, weil nicht nur die Körperbeschaffenheit und die Gestalt desselben, sondern auch seine Charaktereigentümlichkeiten, seine Gutmütigkeit und Gelehrigkeit, seine Geduld und Genügsamkeit und ganz besonders sein schweigendes Erdulden jedes Schmerzes, jeder rohen Behandlung es dafür als besonders prädestiniert erscheinen lassen.

Zunächst ist in bezug auf die Charakteristik des Pferdes die außerordentliche Gutmütigkeit desselben hervorzuheben, welche selbst bei oft irrationeller und naturwidriger Behandlung, die ihm teils aus Unkenntnis, teils aus Indolenz, hin und wieder auch aus Böswilligkeit zu teil wird, seinen Weitergebrauch gestattet, bis Alter oder körperliche Gebrechen es dem Abdecker überliefern. Von Natur böse Pferde bilden die Ausnahme, und die durch schlechte Behandlung bös gemachten Pferde – was sich in Beißen und Schlagen äußert – sind in der Minderzahl, fast nur vereinzelt vorhanden; von dem Gebrauch durch eine Dame sind solche Pferde von vornherein auszuschließen. Das Pferd ist dagegen sehr empfänglich für gute, liebevolle Behandlung, sowohl im Stall, wie unter dem Sattel, es weiß sehr wohl Güte und Übelwollen zu unterscheiden, auch sein Benehmen seinem Besitzer bezw. Pfleger gegenüber danach einzurichten, weshalb Herr und Stallpfleger hierauf wohl zu achten haben.

Ist das Pferd zwar im wesentlichen ein Gewohnheitsgeschöpf von frommer, vertrauender Gemütsart, so ist es doch auch ungewöhnlich nervös, furchtsam, zeitweise reizbar und geneigt, einem Ding, das es erschreckt, heftig zu widerstreben, ja, durch nervöse Furcht manchmal von einem panischen Schrecken befallen, vollständig unlenkbar. Dabei versteht es geschickt die Unwissenheit oder Furcht derer, die es beaufsichtigten, zu benutzen. Es ist etwas langsam von Begriff, aber es ist »selten zu alt, um neue Streiche zu lernen«, und sein Gedächtnis ist so treu, daß es nie vergißt, was es einmal gründlich erfaßt hat.

Als Regel, die nur wenige Ausnahmen zuläßt, mag ferner gelten, daß es glaubt, ganz richtig zu tun; wenn es irrt, so geschieht es entweder aus Unkenntnis, Schmerz oder Schreck, seltener aus Eigensinn oder Bosheit. Dies scheint allgemein nicht bekannt zu sein oder wenigstens nicht beobachtet zu werden, denn von allen Tieren ist das Pferd das am wenigsten verstandene, das am strengsten beurteilte und am ungerechtesten behandelte; für das geringste Versehen, und sogar für solche, die es selbst gar nicht verschuldet hat, wird es gar oft grausam gezüchtigt. Ein gutartiges Pferd ist gelehrig bei der Dressur, zeigt Ausdauer im Dienst, selbst unter erschwerenden Umständen, ja bis zur Erschöpfung, und Geduld und Vertrauen im Umgange mit den Menschen. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß das Pferd infolge von Schreck oder Furcht leicht den Kopf verliert, durchgeht und dann allerdings lebensgefährlich wird. Man darf deshalb aber das Tier nicht gleich als geistig niedrig gestellt verurteilen, denn seine stete Bevormundung in tausendjähriger Sklaverei werden diesen intellektuellen Teil seines Selbst nicht vollständig zum Ausdruck gelangen lassen. Der bösartige Charakter zeigt Widersetzlichkeit gegen die Anforderungen der Dressur oder des Dienstes, Eigensinn und Stätischsein, Bosheit, Scheu und Schüchternheit. Die Allüren eines solchen Pferdes, welche in Stehenbleiben, Zurücktreten, Bocken, Ausschlagen, Steigen, dem Suchen nach einem Gegenstand, vor welchem es scheuen könnte, bestehen, lassen das leicht erkennen; der Blick hat etwas Unruhiges; das Ohrenspiel ist auffallend, die Stellung zeigt etwas Gezwungenes, Verhaltenes (Lauriges).

Pflege und Stallhaltung, und besonders auch das Putzen haben auf das Wesen des Pferdes einen ganz besonderen Einfluß. Edle, feine Pferde, wie es die Damenreitpferde im allgemeinen sind, dürfen bei ihrer feinen Haut nicht wie Kaltblüter gestriegelt und gebürstet werden. Manche Pferde werden ganz rasend und nervös, schon wenn man sich ihnen mit dem Putzzeug nähert. Solche Pferde darf man ja nicht vielleicht durch Festlegen zwingen, sich dieser Prozedur zu unterwerfen, die für sie eine Qual bedeutet und auf ihren Charakter und ihr ganzes Wesen von sehr ungünstigem Einfluß ist. Sie werden im Sommer – wenn nötig – gewaschen, sonst aber nur mit einem Putzhandschuh von Pferdehaar abgerieben. Ferner möchte ich an dieser Stelle noch einfügen, daß man nicht gut daran tut, Pferde einen oder mehrere Tage im Stall ruhen zu lassen. Es wirkt das auf ihre Gesundheit ungünstig ein, auch auf ihre Dressur. Außerdem sind sie, wenn sie dann wieder herauskommen, stallmutig, was sich bis zur Ungezogenheit steigern kann. Beides ist für die Reiterei nicht günstig. Es wird sich daher empfehlen, wenn die Dame im Reiten pausiert, das Pferd auf andere Weise, sei es an der Hand, sei es unter einem geschickten Reiter – bewegen zu lassen.

Das Temperament, welches wahrscheinlich seinen Sitz in der besonderen Nerventätigkeit des Pferdes hat, ist bei dem einzelnen Individium ebenso verschieden wie beim Menschen, wenn wir auch die Temperamente der Pferde nicht direkt in sanguinische, phlegmatische, cholerische und melancholische einteilen wollen. Jedenfalls zeigen sich bei verschiedenen Hauptrassen auch besondere Temperamenteigentümlichkeiten, ohne ihnen gerade einen direkten Stempel aufzudrücken, und dies zeigt sich hauptsächlich verschieden bei den edlen und den unedlen oder gemeinen Schlägen. Im allgemeinen kann man lebhaftes und träges Temperament, das erstere wieder in feurig und reizbar unterscheiden. Edle Pferde pflegen mit dem ersteren, gemeine mit dem letzteren ausgestattet zu sein. Eine gewisse Schüchternheit ist allen Pferden eigen, doch habe ich gefunden, daß edle Pferde, auch wenn sie in ihrer Jugend zu Furchtsamkeit neigten, diese bei vernünftiger Dressur viel eher überwanden, als weniger edle Pferde. Letztere pflegen ruhiger im Wesen und in der Bewegung zu sein, aber auch hartnäckiger in ihren Fehlern. Das Geschlecht selbst zeigt auch einige Unterschiede im Temperament. Ist der Hengst lebhafter, so ist die Stute reizbarer, und besonders im Frühjahr glauben wir manchmal ein ganz anderes Pferd unter uns zu haben, als dasjenige ist, dessen Eigenschaften bezw. Eigentümlichkeiten wir kennen und vielleicht lieben gelernt haben.

Faule Pferde zu reiten, ist eine Qual, sie ermüden die Reiterin außerordentlich, ebenso aber sind auch zu lebhafte oder heftige Pferde unbequem, besonders wenn sie nicht Schritt gehen, sondern trippeln. Am bequemsten sind meist die Wallache, deshalb mag man beim Ankauf, wenn andere Gesichtspunkte nicht mitsprechen, auch darauf achten.

3. Anforderungen an das Damenreitpferd.

In allerdings sehr skizzenhafter Weise – tiefer darauf einzugehen, gestattet der Raum des Werkes leider nicht – hat die Reiterin jetzt das Pferd kennen gelernt.

Welche Hauptgesichtspunkte für die Wahl eines für die Dame geeigneten Pferdes maßgebend sind, soll in dem folgenden ausgeführt werden.

Die beiden Grundgedanken bei der Auswahl eines Pferdes sind die, daß eine Dame, die reiten will, gute Nerven und gutgerittene Pferde haben muß.

Allerdings gab es stets und gibt es noch heute unter den Damen Reiterinnen, welche diffizile Pferde, die selbst einem tüchtigen Reiter Schwierigkeiten boten, mit wunderbar geschickter, leichter Hand zu lenken und im Gehorsam zu erhalten verstanden.

Ebenso gab es und gibt es noch heute Damen, welche mit der Sicherheit und Kaltblütigkeit eines erfahrenen Jagdreiters und mit diesen wetteifernd, den Hunden zu folgen vermochten, wie z. B. die Kaiserin Elisabeth von Österreich. Andere gute Reiterinnen ziehen eine Promenade im Tiergarten oder über freies Feld vor, ohne sich am Jagdsport zu beteiligen, der doch für Damen immer gefährlicher bleibt, als für Herren, denn ein Sturz im Jagdfelde ist nicht ausgeschlossen, und bei einem solchen vermag sich der Herr ungleich leichter vom Pferde zu trennen, als die vielleicht an den Hörnern hängenbleibende Dame.

Für alle diese Damen gilt als Grundsatz, nur Pferde zu reiten, welche absolut sicher auf den Beinen sind. Scheue, schreckhafte und heftige Tiere eignen sich, wie bereits am Schluß des vorigen Kapitels erwähnt, für Damen nicht, weil unerwartete Seitensprünge diese leicht aus dem Sitz bringen. Wert zu legen ist auf ruhige, lange, gleichmäßige und nicht harte Tritte im Trabe, auf einen wiegenden, weichen Galopp; auch der Schritt soll lang und gleichmäßig sein, denn ein zackelndes Tier ermüdet die Reiterin außerordentlich. Hals und Kopf müssen normal gestellt erscheinen und in allen Gangarten muß das Damenpferd gut und leicht am Zügel stehen.

Will die Reiterin sich auch im Gelände bewegen, so ist die Art des Springens genau zu prüfen. Es gibt Pferde, welche im Hochspringen, wie der Hirsch, nur die Beine anziehen und so über das Hindernis fliegen, daß man den Sprung kaum fühlt, wie sie auch Gräben nehmen, als ob sie nur einen etwas verlängerten Galoppsprung machten. Anders als aus dem Galopp sollten Damen überhaupt nicht springen. Die so springenden Pferde sind die geeignetsten, stürmisch und vehement springende Tiere schon weniger; doch beruhigen sich heftige Pferde unter einer entschlossen reitenden Dame nicht selten, weil sie leicht geführt und nicht festgehalten werden. Ganz ungeeignet aber sind Tiere, welche vor dem Sprunge stutzen, um sich dann aus dem Stehen über das Hindernis zu schleudern. Geschieht dies unerwartet, so ist das Resultat wohl, daß die Reiterin hoch im Bogen über des Pferdes Kopf und zugleich über das Hindernis fortfliegt, was, mit Grazie ausgeführt, unter Umständen sehr hübsch und dezent aussieht, aber nicht sehr beliebt ist. Erwünscht bleibt es eben, wenn Roß und Reiterin nicht getrennt, sondern innig vereint das Hindernis nehmen und danach unentwegt weiter galoppieren.

Nun gibt es noch eine recht erhebliche Anzahl von Reiterinnen, die durchaus nicht Reiterinnen sind, denen auch das Reiten und das Pferd Nebensache sind, und die nur hoch zu Roß auf der Promenade erscheinen möchten. Sie fühlen sich meist etwas unbehaglich auf dem Pferderücken (darf ich bitten, das erste Kapitel dieses Buches zu vergleichen?), und jede unerwartete Bewegung droht sie aus dem mühsam errungenen Gleichgewicht zu bringen. Diese Damen fürchten eigentlich das wilde Tier, dem sie sich anvertrauten, aber lächelnd und mit weiblicher Energie trotzen sie allen Gefahren des Reitsports. Nur sie selbst müssen sich gut zu Pferde ausnehmen und ihr Zelter muß natürlich auch nicht schlecht aussehen. Dazu darf ihn nichts aus seinem Phlegma bringen: keine ungeschickte Zügelhilfe, kein unabsichtlicher Schlag mit der Peitsche. Ruhig trabt er im Takte, den seine Besitzerin oft nicht zu finden vermag, oder geht seinen kadenzierten Galopp mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerkes. Hat das Tierchen auch seine Studien nicht bei einem Jongleur gemacht, so muß es doch gut zu balancieren verstehen, damit, wenn die Insassin seines Sattels – die Bezeichnung als Reiterin scheint mir nicht zutreffend – in Gefahr gerät, das Gleichgewicht zu verlieren, das Rößlein ihr zu Hilfe komme. Das tun denn diese gutmütigen Tiere tatsächlich, weil die aus dem Gleichgewicht geratene Last – wie süß diese auch sei – ihnen unbequem wird; ist doch ohnehin unter einer nicht firmen Reiterin beim Damensattel die Gewichtsverteilung nicht die gleichmäßigste und bequemste.

Für diese letztbeschriebene Art der Damenreiterei ist also das Pferd zu empfehlen, welches man im Reiterjargon eine »alte Kuh« zu nennen pflegt. Ganz unbezahlbar wären diese leidtragenden Damenpferde, könnte man ihnen Rücken verleihen, die unempfänglich für jeden Satteldruck wären. So aber büßen sie einen Ausflug in den Grunewald gar häufig mit bösen Druckschäden, denn nicht alle Damen, die sich von kräftigen Männerarmen aufs Roß heben lassen, sind zart und schlank, und nicht immer sind der Sitz der Reiterin, die Lage des Sattels oder dieser selbst einwandsfrei. Wie selten aber wird daran gedacht, während der Frühstückspause die Gurten zu lösen, den Sattel zu lüften und zurecht zu legen! Während die kühnen Amazonen sich in fröhlicher Gesellschaft vergnügen, haben sie keinen Gedanken für das geduldige Tier, das sie dahin getragen und das nun angebunden dasteht, vom Sattel und von Insekten gepeinigt, gegen die es wehrlos ist, weil man ihm den Schweif abschlug. Beklagenswertes Damenpferd!

Wie erfreulich ist es dagegen, eine jugendlich schlanke und biegsame Gestalt sicher und voll Selbstvertrauen als Dame im Sattel sitzen und ihr Pferd wirklich reiten und mit leichter Hand lenken zu sehen. Diese Dame hat keine Veranlassung, an sich und den Eindruck zu denken, den sie auf das ihr begegnende Publikum macht. Sie weiß, daß sie korrekt sitzt, denn sie fühlt sich wohl auf ihrem Pferde, mit dem sie wie verwachsen ist. Sie hat auch Liebe zu ihrem Pferde, dem sie die erfrischende Bewegung in freier Luft, auch wohl manchen munteren Galopp querfeldein zu verdanken hat, der das Blut in Wallung bringt und die Nerven stählt. Eine solche wirkliche Reiterin wird auch die Winterzeit in der Bahn anwenden, sich selbst und ihr Pferd in der Reiterei zu vervollkommnen oder zu befestigen. Für diese in ihrer Reitkunst fortschreitende Dame wird bald ein ruhiges, tadellos gerittenes Damenpferd nicht das genügende Interesse bieten. Sie verlangt nach einem temperamentvollen, noch nicht ganz durchgerittenen Pferde, um es selbst zu arbeiten. Sie kauft es am liebsten im Herbst, um es bis zum Frühjahr für seinen Beruf zu schulen. Dennoch wird der Berater einer so passionierten und sicheren Reiterin sein besonderes Augenmerk darauf zu richten haben, daß das zu erstehende Pferd sich im allgemeinen als Damenpferd eignet.

Wie schon erwähnt, steht obenan die absolute Sicherheit des Ganges. Manche Pferde sind unsicher aus Ungeschick, obwohl sie gesunde, nicht struppierte Beine haben. Das Pferd soll temperamentvoll, aber es darf nicht nervös aufgeregt oder schreckhaft sein. Es darf kräftige Bewegungen haben, aber sie müssen gleichmäßig und elastisch sein, nicht kurz und übereilt, oder hart und stoßend. Das Gebäude des Pferdes muß möglichst normal, der Hals darf nicht zu tief angesetzt, die Verbindung zwischen Hals und Kopf muß ohne besondere Schwierigkeiten für eine richtige Stellung sein. Die Hinterhand muß kräftig aber biegsam sein, kurz, das ganze Pferd darf der Vollendung seiner Dressur voraussichtlich keine, in seinem Gebäude begründete und deshalb schwer zu überwindende Hindernisse bieten. Sonst würden der Reiterin statt der erhofften Freude an seiner erfolgreichen Dressur nur Enttäuschungen bevorstehen.

Sonach bedarf die Auswahl eines Damenpferdes, auch für eine gute Reiterin, doch immer noch größerer Vorsicht und Sorgfalt als der Ankauf eines anderen Reitpferdes, zumal auch auf ein gefälliges edles Äußere hier ganz besonderer Wert zu legen ist.

Sind hiermit einige der beachtenswertesten Anforderungen für das Damenpferd skizziert, so ist doch notwendig, noch etwas intimer auf einige Punkte aufmerksam zu machen, welche mit dem Sitz der Dame und der Sattellage zusammenhängen.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das Damenpferd infolge des Seitsitzes der Dame bezw. der mehr oder weniger praktischen Form des Sattels leicht gedrückt werden könne, und daß diese Satteldrücke, besonders am Widerrist, das Pferd nicht nur zeitweise unbrauchbar machen, sondern demselben unter Umständen auch geradezu gefährlich werden können. Es muß also alles geschehen, um dergleichen Satteldrücke zu vermeiden, und in bezug darauf seien einige Gesichtspunkte angeführt, welche bei der Wahl des Damenpferdes ebenfalls Beachtung zu finden haben.

Wenn schon die beste Reiterin es nicht wagen darf, jedes beliebige Pferd zu reiten, weil zu verschiedene Umstände dabei mitsprechen, die bei der Herrenreiterei nicht so schwer ins Gewicht fallen, so wird bei der angehenden Reiterin die Auswahl des Pferdes immer schwieriger. Obgleich der Damensattel einen sehr festen Sitz gestattet, so wird sich doch selbst die beste Reiterin immer ein wenig nach vorn beugen und verfügt daher nicht über die gleiche Bewegungsfähigkeit wie der Reiter.

Ein Pferd mit kurzem Hals und schlechter Sattellage – d. h. wenn der Sattel zu sehr nach vorn liegt oder rutscht – ist für eine Dame ungeeignet. Ein Damenpferd muß schräge, lang abfallende Schultern, also eine gute Vorhand haben, und sich gut bezäumen. Ein Mann kann einen Sterngucker reiten, eine Dame kommt fast ausnahmslos früher oder später damit zu Schaden. Da die Damen sehr hoch im Sattel sitzen, können sie die Arme nicht in rechten Winkel gegen den Widerrist bringen wie die Herren. Pferde mit sehr hohem, magerem Widerrist werden unfehlbar vom Sattel durchgedrückt. Manche Pferde drücken sich im Damensattel durch, soviel Mühe man sich auch geben mag, während sie im Herrensattel ohne jede Verletzung gehen. Ein überbautes Pferd, bei welchem also die Kruppe höher liegt als der Widerrist, taugt ebenfalls nicht für die Dame, weil der Sattel nach vorn rutscht – eine Eigenschaft, die an und für sich sehr schwer abgestellt werden kann, da das Gewicht der Reiterin mehr oder weniger – je nach der Reitkunst der Dame – mehr nach jener Seite hin neigt, an welcher sich die Beine befinden. Wie gesagt, ein Gegenmittel dagegen gibt es nicht, denn der Herr hält – korrekten Sitz vorausgesetzt – den Sattel durch den Kniedruck einigermaßen im Gleichgewicht. Man kann sich auch davon überzeugen, daß ein lose gegurteter Damensattel sogar bis zum Bauche herumrutscht, während ein Herrensattel immer nur etwas seitwärts gleitet. Bei einem Damensattel liegt der Baum nicht so dicht auf dem Rücken wie beim Herrensattel. Dazu steht der Sattelknopf beim Damensattel höher, und wenn die Dame mit dem rechten Knie über dem Horn sitzt, befindet sie sich eben viel höher über dem Rücken des Pferdes wie beim Herrensattel. Es ist daher nötig, daß das Damenpferd einen breiten Rücken hat, denn auf einem flach gerippten Pferde wird der Sattel hin- und herrutschen. Der Rücken des Damenpferdes muß aber auch lang sein, weil es der Hörner wegen wünschenswert ist, den Baum recht lang zu haben. Ein kurzer Sattel wird der Reiterin zur Qual, und ein langer Baum erfordert einen langen Pferderücken. Näheres über den Sattel siehe in dem betreffenden Kapitel.

Wenn man alle diese Gesichtspunkte bei der Wahl eines Damenpferdes berücksichtigen will, so wird man die Erfahrung machen, daß das geeignete Pferd nicht in jedem Stalle zu finden ist, und daß der Auftrag, ein Damenpferd zu besorgen, zwar sehr ehrenvoll, aber recht verantwortungsreich sein dürfte.

III. Abschnitt.
Vom Reitajustement des Damenpferdes.

1. Von der technischen Wirkung der Zäumung.

Ich würde es bedauern, wenn eine Dame, welche es mit der Reiterei ernst nimmt, dieses Kapitel überschlagen würde. Wie ein Pferd unter dem Sattel geht, ob es leicht an der Hand steht, ob es unartig ist, ob es sich auf die Zügel lehnt oder gar Neigung zum Durchgehen zeigt, hängt vielfach auch von richtiger oder falscher Zäumung ab. Und eine wirkliche Reiterin sollte sich in dieser Beziehung, d. h. ob ihr Pferd richtig gezäumt ist, nicht von dem Urteil anderer abhängig machen, sondern selbst in der Lage sein, das beurteilen zu können.

Ich will versuchen, mich bei den dafür notwendigen Erklärungen möglichst kurz zu fassen, um die Leserin nicht zu ermüden.

Die Trense ist das einfachste, aus zwei Ballenstücken, die beweglich miteinander verbunden sind, und den beiden zur Aufnahme der Ballenstücke und der Zügel dienenden Trensenringen bestehende Gebiß. Die Trense wirkt direkt auf die Laden des Pferdes, während die Kandare indirekt, d. h. hebelartig auf dieselben wirkt. Die einfache Trense dient zur Dressur des Pferdes und wird von der Dame nur als Unterlegetrense zusammen mit der Kandare angewendet. Im allgemeinen wird die Unterlegetrense von der Dame nur gebraucht, um das Maul des Pferdes aufzufrischen, wenn es lange und fest am Kandarenzügel gestanden hat.

Fig. 7. Fig. 8.
Kandare von vorn und von der Seite gesehen.

Zum Verständnis der technischen Ausdrücke in dem nachstehenden Abschnitt gebe ich, bevor ich fortfahre, die Zeichnung einer Kandare mit ihren Benennungen, von vorn und von der Seite gesehen (Fig. 7 und 8).

a)Die Oberbäume}zusammen die Stangen
oder Scheren genannt.
b)Die Unterbäume
c)Das Mundstück.
d)Die Ballen.
e)Der Galgen.
f)Das Stuhlloch oder Auge (für das Kopfgestell).
g)Die Zügelringe.
h)Die Zungenfreiheit.

Wir gehen von dem Hauptgrundsatz aus, daß ein Pferd, je weniger es im Maule belästigt wird, um so angenehmer geht, und daß ein großer Teil seiner Fehler und Unarten, sei es unter dem Reiter oder der Reiterin, aus der Anwendung einer falschen Zäumung entsteht, und aus diesem Grunde ist besonders für Anfänger die Anwendung einer leichten, relativ schmerzfrei wirkenden Zäumung nur zu empfehlen.

Man spricht von weichem und von hartem Maul, es bedarf dies der Erklärung. Das eine oder das andere hängt vormalerst von der führenden Hand ab, indem in weicher Hand von vornherein fast jedes Pferd weichmäulig, wenn auch in fester Hand nicht jedes Pferd hartmäulig sein wird. Des ferneren ist ein weiches oder ein hartes Maul vom Bau der Zunge und der Laden abhängig. Wenn ein Pferd eine dünne Zunge und sehr scharfe, mit wenig Fleisch bedeckte Laden hat, so wird jeder Druck darauf naturgemäß schärfer wirken, als bei einem Pferde, bei dem eine dickere Zunge den Druck des Zügelanzugs teilweise auffängt und dessen Laden außerdem stumpfer, flacher oder mit mehr Fleisch bedeckt sind oder dessen Lefzen in das Maul hineinragen und die Laden mit bedecken helfen. In die Praxis übertragen, wäre also jedes Pferd, welches geringster Zügelhilfe willig nachgibt, weichmäulig, jedes andere, bei dem man mehr Kraftaufwand braucht, hartmäulig, – ein Umstand, zu welchem auch die Dressur, welche das Pferd empfangen hat, sowie sein mehr oder weniger fehlerhafter Bau wesentlich mit beitragen.

Die Faktoren, welche bei Beschaffung der Zäumung für ein Pferd zur Sprache kommen, sind demnach:

1. die Hand der Reiterin,

2. der Bau des Pferdemaules bezw. seine Sensibilität,

3. der Bau und die Dressur des Pferdes.

Von dem Bau des Pferdemaules kann man sich leicht überzeugen, wenn man dem Pferde das Maul öffnen läßt, die Zunge betrachtet und den Bau der Laden befühlt. Ist die Dame nicht sicher genug, um diese Untersuchung selbst vorzunehmen, so frage sie ihren Instruktor.

Auch pflegen Pferde, welche entweder mit schwacher Hinterhand behaftet sind oder nicht im Gleichgewicht stehen, ihr Gewicht auf die Vorderhand zu verlegen und gleichsam ihren Stützpunkt auf das Gebiß bezw. die Zügelfaust zu nehmen. Daß derartige Pferde hartmäulig erscheinen, liegt auf der Hand.

Was versteht man nun unter scharfer und leichter Zäumung? Die leichteste Zäumung stellt, wie schon angeführt, die Trense dar, weil die Wirkung des Zügels ohne Hilfe eines Hebels direkt auf die Lade geht; da die Trense aber für den Gebrauch der Dame nicht handlich genug ist, weil sie sich mit der linken Hand allein nur unbequem führen läßt, so bedient man sich der Kandare, welche einen beizäumend wirkenden, einarmigen Hebel darstellt. Ein richtig im Halse gestelltes und gezäumtes Pferd pariert auf die Hilfe des Reiters demnach in beigezäumter Stellung, d. h. mit aufgerichtetem Halse, die Stirn annähernd senkrecht zu Boden.

Fig. 9.
Zur Kandarenwirkung.

Die Kandare hat nachstehend beschriebene mechanische Wirkung (Fig. 9): Den Ruhepunkt des Hebels bildet das Auge (b), welcher durch die Kinnkette (d b) fixiert wird, weshalb man die letztere den Fixator der Kandare nennt. Das Mundstück (a) ist der Druckpunkt, der die Last anhebt, und in c liegt die Kraft, welche dorthin durch die Zügel von der Faust des Reiters aus geleitet wird. Der Oberbaum (a b) ist der kurze, der Unterbaum (a c) der lange Hebelarm. Der Unterkiefer (f) ist die zu bewegende Last, und in d liegt der Stützpunkt. Die größere oder geringere Wirkung liegt demnach in dem Verhältnis des Unterbaumes zum Oberbaum, also in der größeren oder geringeren Länge des ersteren, soweit nur die Hebelwirkung in Betracht gezogen werden kann. Eine fernere Verschärfung der Wirkung liegt nämlich in der Form des Mundstücks und der Kinnkette, weil dieselben nicht nur Druck- und Stützpunkt bilden, sondern schmerzhaft auf die sehr empfindungsreichen Teile des Pferdemauls, auf denen sie ruhen, wirken. Wir werden später noch einmal auf diesen Punkt zurückzukommen haben.

Wenn beide Hebelarme gleich lang gemacht werden, so hat man nur eine indirekte Trensenwirkung. Wenn man den oberen Hebelarm ganz kurz macht und den unteren unverhältnismäßig lang, so entsteht ebenfalls ein Mißverhältnis. Der obere Hebelarm gibt demnach immer das Verhältnis für die Länge des unteren, welcher ersterer wieder die Höhe des Unterkiefers haben muß, wenn die Kandare nicht durchfallen soll, und da dieser gewöhnlich 5 cm hoch ist, so wird die Länge des Oberbaumes – bis zum Kinnkettenhaken gerechnet – ebensoviel betragen müssen. Bei den meisten Kandaren (z. B. bei der Kavallerie) ist das Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum 1 : 2, was schon ziemlich scharf wirkt.

Fig. 10.Fig. 11.Fig. 12.
StrotzendeDurchfallendeRichtig liegende Kandare.

Das unrichtige Einlegen der Kinnkette in bezug auf ihre Länge gibt Veranlassung zu zwei Hauptfehlern, nämlich dem Strotzen und dem Durchfallen der Kandare. In ersterem Falle, wo die Kinnkette zu fest eingelegt ist, bleibt die Kandare beim Zügelanzug parallel mit der Maulspalte stehen, wodurch ihre Wirkung zu scharf und unvermittelt das Pferdemaul beeinflußt und daher das Pferd schwer belästigt wird (Fig. 10). Der Zügelwinkel (b) wird sehr spitz und um so spitzer, je höher das Pferd die Nase nimmt. Eine ebenfalls falsche Wirkung findet im anderen Falle statt, wenn die Kandare durchfällt (Fig. 11). Dies tritt ein, wenn entweder die Kinnkette zu locker eingelegt ist oder der Oberbaum nicht im richtigen Verhältnis zur Höhe der Laden steht, – zu kurz ist. Hierbei geht der Unterbaum beim Zügelanzug so weit zurück, daß der Zügelwinkel (b) sehr stumpf wird, wodurch die Hebelwirkung ganz verloren geht, da der Druck des Mundstücks nicht mehr gegen den Unterkiefer, sondern gegen den Maulwinkel wirkt, infolgedessen das Pferd nur gebremst und ihm das Kinn einfach abgequetscht wird. Richtig gezäumt ist das Pferd, wenn beim Zügelanzug die Kandare mit der Maulspalte einen Winkel von 30 bis 35 Grad bildet, denn nur dadurch wird die Kandare in das rechte Verhältnis zur Faust gesetzt, daß der entstehende Zügelwinkel (b) ein rechter Winkel ist, der als Norm für eine korrekte Zäumung dient (Fig. 12). Beim Nachgeben fällt die Kandare wieder in ihre ursprüngliche Lage, parallel zur Maulspalte, zurück. Der Hauptfehler der Zäumung mit der Kinnkette ist der, daß sich Druck- und Stützpunkt des Hebels gegenüberliegen, wodurch sie für das Pferd zu einer Eisenpresse der stärksten Art wird, welcher es, nicht auf Grund der oben angeführten mangelhaften Hebelwirkung, sondern infolge des unerträglichen Schmerzes, der ihm durch das Einklemmen des Kinnes zwischen Mundstück und Kinnkette bereitet wird, schließlich gehorcht, – manchmal aber auch nicht.

Es beruht danach der Unterschied zwischen einer scharfen oder leichten Zäumung:

1. In dem Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum.

2. In der Konstruktion des Mundstücks.

3. In der Wirkung der länger oder kürzer eingelegten, breiteren oder schmaleren Kinnkette. Je schmaler diese ist, um so mehr schneidet sie in die Kinnkettengrube ein, dieselbe wund machend, so daß zu dem Schmerz im Maul des Pferdes auch noch dieser äußere kommt, der ihm unbeabsichtigt bereitet wird und den man deshalb mit der »falschen Wirkung der Kinnkette« bezeichnet. Je kürzer diese liegt, um so direkter wird jeder Anzug der Zügel auf die Laden wirken. Es ist deshalb anzuraten, eine breite doppelte Panzerkette zu wählen, solche eventuell auch noch mit Leder oder Gummi auszupolstern und darauf zu achten, daß dieselbe, gut eingedreht, so locker liegt, daß man bei nicht angezogenen Zügeln drei Finger hinter dieselbe durchstecken kann, ohne daß dabei der Oberbaum zurückgezogen wird. – Ich habe die Kinnkette zuerst besprochen, um ein für allemal damit fertig zu sein. Mich befriedigt ihre Wirkung nicht, sie ist und bleibt in der Hand nicht firmer Reiter oder Reiterinnen, besonders solcher, welche sich am Zügel festhalten wollen, ein Marterinstrument.

Die Form des Unterbaums ist ganz gleichgültig in bezug auf die Wirkung, sei derselbe nun gerade, nach vorwärts oder rückwärts gebogen, sobald der Endpunkt, also der Zügelring, wieder in die Richtung des Oberbaums, in die Perpendikularlinie fällt.

Ein Richten des Unterbaums vor oder hinter die Perpendikularlinie würde nur bei gewissen Halsbildungen die Dressur unterstützen können, doch würde es zu weit führen, dies hier ausführlich zu erörtern.

Fig. 13. Richtig auf dem Unterkiefer ruhende Kandare. Fig. 14. Unterkiefer-Durchschnitt mit Kandare.

Wir kommen damit zur Besprechung der Konstruktion des Mundstücks. Unter Zugrundelegung meines Grundsatzes, daß die Laden des Pferdes bei nicht ganz tadelloser Zügelführung möglichst vor unmotivierter Schmerzerzeugung zu schützen sind, bildet die Zunge selbst ein Mittel, dieselben vor zu heftigem Druck der Kandare zu schützen. Fleischig, knochenlos, nicht zu empfindlich, ruht die Zunge in dem durch die Laden gebildeten Zungenkanal, denselben zu beiden Seiten überragend, und kann sich infolge ihrer Beweglichkeit beim Nachlassen der Zügel leicht von der Impression des Gebisses und der teilweise gehemmten Blutzirkulation erholen; sie bildet somit gleichsam ein Polster für die Laden gegen den Druck des Mundstücks. Man kann sich die Verschiedenheit der Wirkung auf Laden oder Zunge leicht dadurch zur Anschauung bringen, daß man sich z. B. mit einem Stock fest auf den Oberschenkel und dann auf das Schienbein drückt. Die Knochen, die den Unterkiefer bilden, haben eine ebenso scharfe obere Kante, wie das Schienbein, weshalb sich die Reiterin den Schmerz des Pferdes daselbst bei starkem Zügelanzug einigermaßen vergegenwärtigen kann. Das erste Erfordernis für das Mundstück wäre demnach der Fortfall der Zungenfreiheit. In diese soll sich der Theorie nach beim Zügelanzug die Zunge hineinpressen, damit der Druck der Ballen direkt auf die Laden geht. Daß dies aber unmöglich ist und außerdem auch noch zu anderen Unzuträglichkeiten führt, werden wir gleich sehen. Der Zungenkanal des Reitpferdes ist 2-2½ cm breit, die Zunge 4-5 cm. Wie wir an den Fig. 13 und 14 sehen können, welche erstere eine richtig im Maul auf dem Unterkiefer liegende Kandare darstellt (die innere punktierte Linie ist die Zunge), die andere den Durchschnitt eines Unterkiefers mit darauf ruhender Kandare darstellt, würde dieselbe nur richtig im Maul liegen, wenn die Ballen auf den Kanten der Laden ruhen. Die Zungenfreiheit darf daher nicht so breit sein, daß sie über die Laden hinübergreift, wie es in Wirklichkeit so oft vorkommt, da dadurch ein sehr schmerzhafter meist einseitiger Druck durch die Winkel der Zungenfreiheit auf die Laden erzeugt wird; die Zungenfreiheit muß demnach mindestens 1 cm schmäler sein, als der Zungenkanal, nach den angegebenen Maßen also 1-1½ cm betragen. Wie soll sich nun die 4-5 cm breite Zunge da hineinpressen können? Das wird als Beweis genügen, daß die Zungenfreiheit ein Unding und zu beseitigen ist, abgesehen davon, daß sie, wie bereits angeführt, bei den so oft vorkommenden Verschiebungen einseitig drückt, also erst recht falsch wirkt. Das Mundstück wird nur richtig wirken, wenn es dem Bau des Maules gemäß eine geringe Biegung nach oben und vorwärts und in der Mitte eine Einsenkung für die Zunge hat (Fig. 15). Die Ballen müssen dabei recht stark und inwendig hohl sein, damit sie, gleichzeitig spezifisch leicht, möglichst viel Fläche auf die Laden bringen. Das Gegenteil davon, ein dünnes Mundstück mit Zungenfreiheit, eventuell noch mit einer scharfen Kante versehen, würde eine sehr scharfe Zäumung darstellen. Ist es nötig, die Zäumung zu verschärfen, so geschehe es durch Vermehrung der Hebelwirkung, also durch Verlängerung der Unterbäume, aber nicht durch eine Steigerung des Schmerzes im Maul. Ein schmerzhaft gezäumtes Pferd kann nur durch eine vortreffliche Reiterin geritten werden.

Fig. 15.
Kandare mit Stahlrohr-Mundstück.
Fig. 16.
Der Pelham.

Das Mundstück muß so breit sein, daß es von jeder Seite des Maules ca. ½ cm heraustritt und die Lefzen nicht zusammendrückt.

Schließlich gibt es noch gebrochene und doppelt gebrochene Mundstücke, welche die Schärfe der festen Mundstücke aufheben oder wenigstens mildern sollen. Ich liebe sie nicht, weil der Druckpunkt, auf welchem der ganze Mechanismus basiert, erschüttert ist. Des ferneren soll die Zunge dadurch entlastet werden, dafür kneifen aber die Ballen im Verein mit der Kinnkette um so mehr um das Kinn herum, und schließlich wollen wir die Zunge ja gar nicht entlasten. Man nennt ein solches Mundstück, an dem sich gewöhnliche Stangen befinden, eine gebrochene Kandare; befindet sich an demselben in der Höhe des Mundstückes noch ein großer Ring zum Einschnallen des Trensenzügels, einen Pelham (Fig. 16), welcher ohne Unterlegetrense geritten wird.

Bei einer Kandare, die für die meisten Pferdemäuler und die meisten Fäuste passen soll, ist die Starrheit der Zäumung zu vermeiden, damit das Pferd möglichst viel Freiheit genießt und mit dem Gebiß spielen kann, weil es dadurch ein frisches Maul behält. Diesem Zwecke dient ein locker sitzender Ring statt des Stuhlloches, wie ihn z. B. die Schreckensteinsche Kandare führt.

Zum Einhängen der Kinnkette bediene man sich der von Troschkeschen Kinnkettenhaken, die so gerichtet sind, daß die Unterlegetrense sich nicht in dieselben einhaken kann, was bei den sogenannten Federhaken öfters vorkommt.

Das Maßnehmen für die Kandare geschieht folgendermaßen:

Man hält ein etwa 15 Zoll langes Stäbchen an den Punkten, wo das Mundstück aufliegen muß, über die Zunge, faßt die Enden desselben mit den geschlossenen Fäusten und aufwärts gestreckten Zeigefingern und rückt mit beiden Händen auf demselben bis an die Lefzen des Pferdes, dieselben leicht berührend, vor. Dann nimmt man das Stäbchen aus dem Maul und läßt die so mit den Fingern markierte Maulbreite an demselben durch Einschnitte bezeichnen.

Zur Messung der Ladenhöhe stellt man sich, das Stäbchen mit der linken Faust haltend, an die linke Seite des Pferdes, gibt den Zeigefinger der Kinnkettengrube gegenüber unter die Zunge auf die Laden und bringt den gestreckten rechten Zeigefinger parallel zum linken in die Kinnkettengrube. Ihre Entfernung ergibt genau die Ladenhöhe, welche gleichfalls auf dem Stäbchen zu bezeichnen ist. Nach diesen beiden Maßen werden alle Teile der Kandare bemessen; die Breite des Maules gibt die Weite der Kandare oder Breite des Mundstückes, die Ladenhöhe die Höhe des Oberbaumes.

Endlich ist noch anzuführen, daß die Tiefe der Spaltöffnung des Pferdemaules auch verschieden zu sein pflegt, was mit bezug auf die Lage der Kandare im Pferdemaul zu berücksichtigen ist.

Die Unterlegetrense kann zwar die Lefzenwinkel berühren, soll sie aber nicht in die Höhe ziehen und muß ebenfalls eine der Breite des Mauls angepaßte Länge haben. Die Kandare liegt im allgemeinen einen Daumen breit über dem Hakenzahn, oder besser, da Stuten einen solchen nicht besitzen, der tiefsten Einsenkung der Kinnkettengrube gegenüber. Da nun die Trensenringe dicht über dem Mundstück aus dem Maul heraustreten sollen, hat man dadurch auch einen gewissen Anhalt für höhere oder tiefere Zäumung. Wenn ein Pferd eine kurze Maulspalte besitzt, so wird die Kandare ungefähr 2-2½ cm über den Hakenzahn zu liegen kommen, bei Pferden mit tiefer Maulspalte bis 3 cm – doch kann man diese auch tiefer zäumen. Pferde, welche mit der Nase sehr tief gehen, zäumt man höher, solche, welche mit derselben sehr hoch oder herausgehen, tiefer. Oberbäume, welche länger als 4½ cm sind, müssen etwas nach außen gerichtet sein, damit sie das Pferd seitlich nicht drücken.

Für die Praxis des Zäumens wäre unter Zugrundelegung des darüber Gesagten noch folgendes anzuführen: Hartmäulige Pferde soll man versuchen, mit leichterer Hand und leichterer Zäumung zu reiten und sich dabei nicht vor dem Durchgehen fürchten. Ein kauendes, leicht an der Hand stehendes Pferd wird nicht durchgehen, denn es ist gehorsam. Das Zungenstrecken oder Bläken ist eine sehr häßlich aussehende Angewohnheit, die wohl darin ihre Erklärung findet, daß die Muskeln der Zunge durch zu starken Druck des Gebisses eine gewisse Nervenlähmung erfahren haben, die bei erneutem Druck wieder eintritt. Man hat verschiedene Versuche zur Hebung des Übels durch Anbringung von Platten oder Spielwerken am Gebiß gemacht, doch dürften eine leichte Hand und eine zweckmäßige Zäumung das sicherste Mittel dagegen sein. Für Pferde, welche sehr tot im Maul sind, ist das v. Rueffsche galvanische Mundstück, welches durch Säurebildung zum Kauen reizt, oder das v. Kleistsche Porengebiß – mit Salz gefüllt – zu empfehlen.

Weichmäulige Pferde sind recht leicht zu zäumen. Man reite dieselben mit dem Stahlrohrmundstück, das Verhältnis des Oberbaums zum Unterbaum, höchstens 1 : 2. Bei Pferden, welche sich dem Gebiß entziehen, die Nase sehr tief stellen und hinter die Zügel kriechen, nehme man den Oberbaum ein wenig höher und den Unterbaum ein wenig kürzer, das zäumt hoch und herbei. Pferde, die die Nase strecken und den Kopf hoch tragen, kann man mit längerem Unterbaum tief zäumen, um dadurch die Nase herab zu bekommen.

2. Das Kopfzeug.

Das Kopfzeug des Damenpferdes weicht in der Form nicht von dem Zivilkopfzeug des Herrenpferdes ab. Es besteht aus dem ledernen Hauptgestell, den Zügeln und den beiden Gebissen der Kandare und der Unterlegetrense.

Fig. 17.
Das Kopfzeug des Damenpferdes.

Das an der Kandare befindliche Lederzeug (Hauptgestell, Fig. 17) besteht aus dem Genickstück a, dem Stirnriemen b, den beiden Kandarenbackenstücken c, den beiden Unterlegetrensenbackenstücken d, dem Kehlriemen e, dem Nasenriemen f, dem Kandarenzügel h und dem Trensenzügel l. An diesem Hauptgestell sind befestigt die Kandare g mit der Kinnkette i und die Unterlegetrense k. Die Lage des Mundstücks im Maul ist, es sei das hier noch einmal wiederholt, genau gegenüber der tiefsten Stelle der Kinnkettengrube, bei Hengsten und Wallachen, die einen Hakenzahn besitzen, etwa einen Daumen breit über demselben. Die Kinnkette, richtig eingedreht und so befestigt, daß das Trensenmundstück von derselben mit eingeschlossen wird, soll so lang eingehakt werden, daß man bei paralleler Stellung der Stangen mit der Maulspalte drei Finger bequem zwischen Kette und Unterkiefer hindurchstecken kann. Eine bessere Marke dafür gibt der angezogene Zügel nach der Richtung der Reiterfaust. Danach soll die Kandare mit der Maulspalte einen Winkel von 30-35° (vergl. Fig. 12, a) und zum Zügel einen solchen von 90° (dies. Fig., b) bilden, denn nur so kann die Kandare richtig auf den Unterkiefer einwirken, das Pferd richtige Anlehnung darauf nehmen.

Ist der Oberbau der Kandare höher als die Ladengräte des Pferdes – gewöhnlich beträgt diese Höhe 4½ cm – so steigt die Kinnkette aus der Grube auf die höher gelegenen Knochenpartien und drückt dort. Der Kehlriemen ist locker einzuschnallen, damit er nicht kneift und die Atmung behindert. Der Nasenriemen, falls ein solcher überhaupt geführt wird, soll so angezogen werden, daß man auf der Nase bei geschlossenem Maul bequem drei Finger durchstecken kann.

Für Damen pflegt man das Zaumzeug, meist von hellem naturfarbigen Leder, etwas schmaler zu nehmen, wie das der Herren ist. Es empfiehlt sich das aber nicht, weil breitere Zügel gegen ev. Durchrutschen mehr Sicherheit bieten wie Leder, welches nur 1 oder 1½ cm breit ist. Öfter nimmt man auch statt des Leders einen aus farbiger Wollenschnur angefertigten, sogenannten arabischen Zaum, oder auch einen solchen aus geflochtenem Leder, – jedenfalls bleibt der einfache englische Zaum immer der vornehmste, wenn er folgendermaßen konstruiert ist: Die Farben des Sattels und des Zaumes müssen möglichst übereinstimmen. Es kommt das auf eine gute Pflege beider an. Die silbernen (ja nicht mit Leder überzogenen) Schnallen des Kehlriemens und des Kandarenbackenstücks liegen auf der linken Seite des Kopfes, rechts die des Kandarenbackenstücks und des Trensenbackenstücks. Am vornehmsten sind die Kopfzeuge, bei denen die Kandare nicht eingeschnallt, sondern in das (offene) Auge der Kandare eingehakt wird, während die Trense eingenäht wird. Der Reinigung wegen ist das letztere aber nicht besonders praktisch.

Bei dem sogenannten Parkzaum fehlen die Unterlegetrense und die Trensenzügel.

Schoenbeck-Kandare. Eine von mir konstruierte und bereits ziemlich verbreitete Kandare (Fig. 18), welche für die meisten Pferde paßt, daher ein angenehmes Reiten auch für im Maul sensible Pferde garantiert, oder solche, welche hinter die Zügel kriechen, mit dem Kopf schlagen, mit der Zunge bläken, dieselbe über das Gebiß nehmen usw., möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die Konstruktion dieser Kandare basiert auf nachstehenden Erwägungen:

Die von mir beanstandeten Fehler der Kinnkettenzäumung sind folgende: 1. Druck- und Stützpunkt (Gebiß und Kinnkette) liegen sich gegenüber, wodurch eine Eisenpresse schärfster Art hergestellt wird, welche geeignet ist, die Laden zu zerbrechen und zu zerquetschen. 2. Diese Eigenschaft macht sie für die Hände mittelmäßiger Reiter ungeeignet. 3. Die Verpassung derselben bezw. das Suchen nach dem richtigen für Pferd und Hand passenden Gebiß ist zu schwierig. 4. Der Oberbaum wird in seiner reinen Wirkung als kurzer Hebelarm durch das Hauptgestell gehemmt, in welches er eingeschnallt wird, wodurch wiederum die Lage des Mundstückes im Maul eine unruhige wird. 5. Es ist für einen mittelmäßigen Reiter bezw. Reiterin, auch für deren Stalldiener, schwer, die Kinnkette genau so einzuhängen, daß die Kandare weder strotzt noch durchfällt, besonders da diesem so wichtigen Punkt meist wenig Beachtung geschenkt wird. Um die Konstruktionsfehler der Kinnkettenzäumung abzustellen, habe ich die genannte Kandare konstruiert, welche vom Königlichen Militär-Reitinstitut, sowie von einigen dazu bestimmten Kavallerie-Regimentern eine längere Zeit in Probe genommen, lobende Beurteilung erfahren hatte, und durch kriegsm. Verfügung bei der Armee in Gebrauch genommen werden darf.

Fig. 18.
Die Schoenbeck-
Kandare.

Die Grundsätze, welche bei der Konstruktion dieser Kandare in die Erscheinung traten, sind folgende:

1. Eine genügend kräftige Hebelwirkung auf das Maul des Pferdes.

2. Beseitigung jeder unnötigen Belästigung bezw. Schmerzes im und am Maul des Pferdes, wie es bei Anwendung eines scharfen Gebisses in Verbindung mit der Kinnkette und besonders bei Führung durch eine schwere Faust meist der Fall ist. Graf Münster war der erste, welcher den Mut hatte, es auszusprechen, daß Kinnkette und Gebiß in Konkurrenz treten, um den Unterkiefer in einer eisernen Presse zu zermalmen, demnach dem Pferde innerhalb und außerhalb des Maules den wütendsten Schmerz zu bereiten, – und daß hierin hauptsächlich der Grund des Widerstandes des Pferdes gegen das Gebiß, vieler Unarten desselben und so vieler beschädigten Mäuler, gedrückter und gebrochener Laden usw. zu suchen sein dürfte.

An der von mir zur Hebung der oben angeführten Mängel zusammengesetzten Kandare ersetze ich vorerst die Kinnkette durch einen verschnallbaren Lederriemen, welcher durch zwei an der Spitze des Oberbaumes befindliche Stahlösen in annähernd rechtwinkliger Stellung zu der Stange erhalten wird. Hierdurch wird 1. eine reinere Hebelwirkung auf den Unterkiefer erzielt, 2. der Hauptstützpunkt des Hebels von der schwächsten Stelle, der Kinnkettengrube, höher, auf eine kräftigere Knochenlage verlegt, die ihm mehr Halt bietet, 3. die quetschende Wirkung der Kandare aufgehoben, da nur die faktische Hebelwirkung in Kraft tritt, 4. ein Klemmen der Lefzenwinkel, ein Durchscheuern unter dem Riemen, wie solches öfter bei der Kinnkette in der Grube vorkommt, vermindert, 5. ein Steigen der Kinnkette, 6. ein Durchfallen der Kandare unmöglich gemacht, 7. die sogenannte falsche Wirkung der Kinnkette auf die Grube fortgeschafft, 8. endlich kann die Kandare, einmal richtig verpaßt, kaum falsch aufgelegt werden, da weder beim Ab- noch beim Aufzäumen der Kinnriemen gelöst zu werden braucht, weshalb das Aufzäumen so schnell und leicht wie möglich erfolgen kann.

Des ferneren ist der Tragering des Oberbaumes an der Spitze desselben fortgefallen und durch einen beweglichen Ring an den Zapfenflächen des Mundstücks ersetzt. Der Oberbaum dient daher nur als kurzer Arm des Hebels, wodurch die Hebelwirkung in präzisester Weise zum Ausdruck gelangt.

Als Mundstück habe ich das bereits beschriebene Stahlrohrgebiß ohne Zungenfreiheit gewählt, weil bei demselben Zunge und Laden zum Tragen desselben gleichmäßig in Aktion treten.

Der Oberbaum ist, dem leitenden Prinzip entsprechend, etwas länger geworden und etwas auswärts gebogen, um nicht zu drücken.

Die Unterlegetrense, welche außerhalb des Kinnriemens liegen muß, besteht nicht aus zwei, sondern aus drei Teilen, einem Zungenstück und zwei Ballenstücken, welche letztere etwas gewinkelt sind. Eine solche Trense kommt nicht unter das Kandarenmundstück, sie drückt und kneift nicht, ist auch keiner Veränderung ausgesetzt, daher für den Gebrauch neben der Kandare praktischer als die zweiteilige Trense.

Das Verpassen der Kandare hat sich nur auf die Breite des Mundstücks, die Länge der Scheren und das Einschnallen des Kinnriemens zu erstrecken, ist also recht einfach. Die Brauchbarkeit dieser Kandare dürfte bei Pferden, die noch nicht mit der Kinnkette gezäumt waren, hauptsächlich in die Augen springen.

Fig. 19.
Hauptgestell der Schoenbeck-Kandare.

Über das zu wählende Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum habe ich noch anzuführen, daß der Oberbaum stets 8 cm lang ist und daß die Kandare in dem Verhältnis von 2 : 3 und 4 : 5 angefertigt wird. Ersteres wird für die größere Anzahl von Pferden ohne besondere Eigentümlichkeiten genügen, letzteres wird bei sehr leicht am Zügel stehenden bezw. bei solchen Pferden, die hinter die Zügel kriechen und dabei den Kopf tief nehmen, seine Anwendung finden müssen. Das zu dieser Kandare besonders konstruierte Hauptgestell (Fig. 19) weicht in einzelnen Teilen etwas von dem gebräuchlichen ab. Es ist gleichzeitig mit einer Halfter in Verbindung gesetzt, in deren Ringen die Trense eingehakt ist. Wenn man die Knöpfe des Stirnriemens löst, so kann man die Kandare vom Kopfe herunternehmen, so daß nur die Halfter oben bleibt. Beim Aufzäumen hat man zu beachten, daß die Unterlegetrense außerhalb des Kinnriemens zu liegen kommt. Das Zeug ist komplett oder in einzelnen Teilen durch den »Offizier-Pferde-Verein«, Charlottenburg, Fasanenstraße 24, oder auch von August Loh Söhne, A.-G. für Militärausrüstungen, Berlin, Wilhelmstraße 22, zu beziehen.

Fig. 20.
Schoenbeck'scher Maulregenerator.

Da ich fand, daß diese Kandare oft die Unterlegetrense ganz entbehrlich machte, so habe ich auch ein Gebiß konstruiert, welches ohne eine solche zu benutzen ist, statt dessen aber à la Pelham Ringe zur Aufnahme der Trensenzügel führt. Auch dieses Gebiß, Maulregenerator genannt, hat sich bewährt und wird bei gut gerittenen Pferden besonders zu Jagd und bei Damenpferden verwendet (Fig. 20). Das Kopfgestell desselben ist das der einfachen Trense, also mit einem Backenstück.

Endlich möchte ich mir noch die Bemerkung gestatten, daß diese Kandare auch nicht Wunder zu wirken vermag. Wenn man sie einem Pferde mit verrissenem, vernarbtem Maule auflegt, welches stets unter schärfster Zäumung gemartert ist, so verlange man nicht, daß dasselbe vom ersten Tage an nun wie umgewandelt gehen soll, obwohl selbst bei solchen Tieren gute Resultate erzielt worden sind. Wenn man aber junge Pferde von vornherein daran gewöhnt, so werden sie ein frisches Maul behalten und überhaupt nicht in Untugenden verfallen, deren Grund in falscher und zu scharfer Zäumung zu suchen und deren Behebung meist so sehr schwer ist. –

3. Der Damensattel.

Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, welche besonders wichtige Rolle der Sattel bei der Damenreiterei spielt. Nur der vorzüglichst konstruierte ist gerade gut genug, wenn Beschädigungen des Rückens der Pferde vermieden werden sollen. Es wird deshalb sich als nützlich erweisen, auf die maßgebenden Gesichtspunkte bei der Wahl des Damensattels etwas näher einzugehen.

Fig. 21. Fig. 22.
Fig. 23. Fig. 24.
Fig. 25. Fig. 26.
Alte Damensättel.

Um zu zeigen, welche Veränderungen der Damensattel im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat, bringe ich in Abbildungen einige alte Modelle (Fig. 21-26) nach Zeichnungen vom Maler M. Veit, welche in ihrer Deutlichkeit einen Vergleich ermöglichen, während Fig. 27 einen modernen Damensattel zeigt. Die größte Veränderung, welcher der Damensattel vor etwa 50 Jahren unterzogen wurde, ist die Anbringung eines an der linken Seite befindlichen, nach unten gedrehten sog. Jagdhorns, welches über dem linken Knie liegt, und dessen Erfindung Baucher zugeschrieben wird. Zuerst nur als Sicherheitsfaktor für Jagdreiten gebraucht, hat es sich nun gänzlich eingebürgert und den Fortfall des früher an der rechten Seite befindlichen, für die Dame unbequemen Hornes veranlaßt, welches mit dem an der linken Seite befindlichen, nach oben gerichteten Horne die »Gabel« bildete, in welcher das rechte Bein der Reiterin ruhte und die einzige Stütze der Reiterin auf dem Sattel bildete. Wie unsicher aber dieser Sitz war, habe ich einst an meiner Frau gesehen, die eine recht gute Reiterin war. Bei einer unvermuteten Lançade des Pferdes stand sie einfach neben demselben. Hier konnte also die Reiterin mit Leichtigkeit aus dem Sattel geschleudert werden. Seitdem das Jagdhorn angebracht ist, kann sich die Reiterin mit den Beinen – richtig eingeschnallter Steigbügel vorausgesetzt – an den beiden linken Hörnern durchaus festklammern. Aus diesem Grunde wurde das rechte Horn der »Gabel« überflüssig und konnte fortfallen, an dem sich die Reiterin bei der Zügelführung mit zwei Händen und auch sonst oft genug stieß.

Infolge dieses durch das Jagdhorn geschaffenen, von vornherein sicheren Reitsitzes, welcher kaum erlernt, nur geübt zu werden braucht, hat also die Dame einen bedeutenden Vorsprung vor dem Herrensitz, zu dessen Erlernung – wenn er allen Anforderungen genügen und für jede Bewegung des Pferdes sicher sein soll – Jahre erforderlich sind.

Bei der Konstruktion des Damensattels ist zuerst die Lage des rechten Beines in Betracht zu ziehen, welches niemals höher, besser sogar etwas tiefer als der Sitz liegen darf, was für die Zügelführung sowohl wie für die gerade Haltung von besonderer Wichtigkeit ist. Ebenso wichtig ist die Anbringung des Jagdhorns sowohl wie die Form desselben. Es darf weder zu lang, noch zu kurz, am wenigsten aber zu geschweift sein und den Schenkel der Dame umfassen. Es würde sie das hauptsächlich im englischen Trabe, bei welchem sie mit dem Gesäß nicht auf dem Sattel bleibt, stark behindern, bei eventueller Trennung vom Pferde aber unter Umständen schwere Verletzungen herbeiführen; auch darf es weder zu tief noch zu weit rückwärts angebracht sein. Ist dann der Bügel so verpaßt, daß beide Kniee möglichst eng aneinander liegen, so ruhen beide Beine flach an der Seite, wodurch einer Verdrehung der Wirbelsäule sowohl wie dem »Hängen« an der linken Seite vorgebeugt wird. Dieser Sattel unterscheidet sich von dem älteren dadurch, daß er einen flachen Sitz hat (vergl. Fig. 27), während jener einen ausgearbeiteten Sitz hatte, in welchem die Dame tief saß, und demnach auch mit der Wirbelsäule eine größere Drehung zu machen hatte. Fig. 28 zeigt ein Pferd im Stalle unter dem flachen Damensattel, den Sitz der Dame auf einem solchen zeigte Fig. 4, während Fig. 3 den Sitz der Dame auf dem älteren Damensattel mit tiefem Sitz veranschaulichte. Man sieht daraus, daß die soviel angegriffene Drehung der Wirbelsäule bei dem flachen Sattel eigentlich ganz fortfällt.

Fig. 27.
Moderner englischer Damensattel.

Ferner sollte das Jagdhorn stets beweglich angebracht sein. Man kann es so für jede Dame am leichtesten verpassen, und die Reiterin kann sich bei längeren Ritten die Lage selbst ändern, wenn ihr etwas unbequem werden sollte. Bei kleinen Damen muß das Knie näher an das obere Horn herankommen als bei einer großen, die das Horn etwas niedriger braucht, weil sie es sonst nicht in der Gewalt hat. Sind bei einer kleinen Reiterin nämlich die Hörner zu weit auseinander, so hat das linke Bein nicht den richtigen Druck einige Zoll oberhalb des Knies, wodurch der Sitz sehr unsicher wird. Bei vielen Damen wird mit Rücksicht auf das elegante Aussehen das verstellbare Horn zu kurz gearbeitet, so daß es keinen Schenkeldruck hergibt. Oft wird die Schraube zu klein und zu fein gemacht. Sie muß aber genügend groß sein, weil sie sich sonst leicht losarbeitet. Ist das obere Horn zu hoch, so fällt das Reitkleid nicht hübsch darüber, ist es zu niedrig, so sitzt die Reiterin nicht fest.

Fast alle Damensättel haben einen zurückgeputzten Baum, über welchen die Sattelklappe fällt, um den Sitz eben zu machen. Die Kammer darf nicht zu hoch sein, um das Herumrutschen des Sattels nicht zu befördern und damit das rechte Knie der Dame nicht zu hoch kommt. Wie schon angeführt, darf dasselbe keinesfalls höher als der Sitz liegen, besser noch etwas tiefer, wenn die Dame bequem und angenehm reiten will. Jedenfalls aber muß die Kammer breit genug sein, um nicht bei dem meist nach links überfallenden Seitgewicht den Widerrist zu drücken.

Im allgemeinen bedarf der Sitz des Sattels des Maßnehmens, damit er weder zu lang noch zu kurz, auch nicht zu breit, jedenfalls aber flach und niedrig sei. Die Länge des Sattels wird sich demnach nach der Länge der Oberschenkel der Dame zu richten haben. Ruht das rechte Bein richtig – nicht allzu fest – an dem oberen Horn, so muß der Sattel so lang sein, daß der After desselben etwa 2½ cm hinter der Dame liegt. Ist das nicht der Fall, ist der Sattel kürzer, so kommt die Dame auf den Sattelkranz zu sitzen, was sie sehr unangenehm empfinden wird. Ist der Sattel zu lang, so leidet dadurch die Sicherheit des Sitzes, ebenso als wenn derselbe zu breit ist. Auch in diesem Falle kann die Dame keinen festen, anschmiegenden Sitz gewinnen, dieser wird im Gegenteil stets unruhig, daher für das Pferd sehr belästigend sein. Es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, daß viele gute und erfahrene Reiterinnen den modernen flachen Sitz nicht lieben, sondern einen leicht geschrägten vorziehen, weil sie sich behaglicher darauf fühlen. Das muß den Damen überlassen bleiben, jedenfalls wird es immer unangenehm sein, eine alte, liebgewordene Gewohnheit plötzlich aufgeben zu sollen, ohne daß ein triftiger Grund dafür vorhanden ist.

Fig. 28.
Damenpferd unter modernem Damensattel.

Der Sattel soll möglichst wenig gepolstert sein, damit die Reiterin das Pferd besser umfaßt und weniger Gefahr läuft, hin und her zu rücken oder aus dem Sitz zu kommen, hauptsächlich aber, daß sie dem Pferderücken möglichst nahe sitzt, d. h. nicht zu hoch über demselben. Die Trachten müssen in bezug auf die Polsterung recht oft inspiziert werden, um beim Nachlassen derselben nicht Druckflecke zu erzeugen. Am praktischsten wird es sein, die Polsterung mit Leder überziehen zu lassen und ohne Unterlegedecke zu reiten. Zweifellos liegt der Damensattel ohne Unterlegedecke viel besser und fester dem Pferderücken an, als mit einer solchen, daher wird auch ein Verrutschen des Sattels nicht so leicht eintreten. Des Ferneren macht die Unterlegedecke – es kann doch nur von einer solchen von Filz die Rede sein, da eine ganz dünne leicht Falten werfen und dann erst recht drücken würde – den an und für sich schon hohen Sitz der Dame noch höher, und es kommt doch, wie schon angeführt, darauf an, den Sitz möglichst nahe dem Pferderücken zu haben.

Unter Umständen könnte – besonders bei alten, nicht gut passenden Damensätteln –, eine Unterlage als nützlich in Betracht kommen, nämlich die Schwammdecke, welche allerdings größerer Haltbarkeit wegen und zur Schonung der Polsterung des Sattels auf der oberen Seite mit einem leichten Lederüberzug versehen sein muß. Trotz allen guten Willens wird bei vielen Reiterinnen der nicht symmetrische Sitz zur Mittelachse des Pferdes und die daraus entstehende ungleiche Gewichtsverteilung bei ev. noch dazu kommender vorwärts geneigter Haltung die Gefahr eines Widerristdruckes ziemlich nahe rücken, besonders in der heißen Jahreszeit und bei längeren Ritten. Hier dürfte die angefeuchtete Schwammdecke sich doch vielleicht als eine große Wohltat erweisen. Man bedenke nur die schweren Widerristschäden, welche unter Damensätteln besonders am Widerrist der Pferde entstehen, die nachweislich dann bis zu eines Jahres Länge zu ihrer Verheilung bedürfen. Wenn man die furchtbaren Eiterungen, die große operative Eingriffe und Einlage von Kanülen notwendig machen, gesehen hat, so kann man sich mitunter nicht genug über den Langmut der Pferde wundern, daß sie nicht bei solchen Qualen die peinigende Last der Reiterin mit einem radikalen Bocksatze in den Sand schleudern. –

Über das zulässige Gewicht des Damensattels ist viel gesprochen worden, doch dürfte sich dasselbe nicht unter 8½-9 Kilo herunterdrücken lassen. Immerhin – je leichter der Sattel, um so besser!

Leider ist es, wieder der ungleichen Gewichtsverteilung wegen, nötig, den Damensattel fester gurten zu müssen, als dies beim Herrensattel der Fall ist. Der leidigen Angewohnheit der Stalldiener, den Damensattel meist zu weit nach vorn aufzulegen, wäre energisch entgegenzutreten. Nach alledem kann man ersehen, wie notwendig es ist, daß das Damenpferd einen nicht mageren, aber hohen Widerrist und einen schlanken Rippenbau, also eine vorzügliche Sattellage besitzt. Ist das Gegenteil der Fall, der Widerrist gering und der Bauch stark gewölbt, so wird der Sattel stets nach vorn rutschen und damit locker werden. Er wird dann das Pferd drücken ev. mit der Reiterin herumrutschen. Dem Gegenteil, dem Zurückrutschen des Sattels, welches bei rundleibigen, flach gerippten Pferden vorkommt und fast unangenehmer wie das Vorrutschen ist, kann man am besten durch Anlegung eines Vorderzeuges begegnen, welches nebenbei auch, aus weißer Bandgurte angefertigt, das Pferd hübsch dekoriert. –

Demnächst hätten wir uns mit der Anbringung des Bügels und mit der Form desselben zu beschäftigen. Darüber läßt sich Herr B. A. D., ein bekannter, tüchtiger Fachmann in einer Fachzeitschrift folgendermaßen aus:

»Da das Damenreiten, besonders das Jagdreiten, in England eine ganz andere Rolle spielt als hier, so ist es begreiflich, daß dort die Konstruktion der Damensättel auf einer ganz anderen Stufe steht. Gewiß sind die hiesigen Sättel vom besten Leder und oft mit den schönsten Stickereien (ganze Eichenwaldungen) verziert, aber unpraktisch im Gebrauch, weil man hier noch zu wenig kennt, worauf es wirklich ankommt. Ist es doch z. B. nicht zu glauben, daß heute noch Damensättel gebaut und – empfohlen werden, deren Bügelriemen um das ganze Pferd herumlaufen und auf der rechten Seite befestigt werden! Etwas Sinnloseres gibt es überhaupt nicht. Wollte man etwas erfinden, was möglichst drückt, so könnte man es nicht besser machen als durch diesen Flaschenzug. Man bildet sich allgemein ein (vergl. Fig. 29), der bei a über eine Rolle laufende Bügelriemen zöge auch bei c nach abwärts. Da liegt der große Irrtum. Die Nachteile dieses Umlaufbügels sind:

1. Der durch den Flaschenzug hervorgebrachte ungeheure Druck auf die rechte Seite des Widerristes.

2. Nichts, was diesen Druck auf der anderen Seite ausgleicht. Wer sich hierüber praktisch belehren will, der schnalle den Bügel bei C los und halte ihn mit wenig Kraft nach oben. Dann bitte er die Dame, in den Bügel zu treten und sich darin zu heben. Er wird finden, daß er mit 1 Klgr. Kraft die 60-70 der Dame halten kann. Diese drückt aber mit Hilfe des Flaschenzuges viel mehr als nur mit dem Eigengewicht.

3. Die zusammenschnürende Einwirkung auf den Brustkorb des Pferdes.

4. Der Bügel ist bei dieser Einrichtung stets unegal, weil das Pferd bei verschiedener Arbeit sehr verschiedenen Umfang hat. (Bekanntlich schwindet auch nach einiger Zeit des von Hause Fortreitens der Bauch des Pferdes, d. h. der Gurt wird lockerer. Damit wird natürlich auch der Bügel der Reiterin länger. Die so sehr gerühmte Verschnallbarkeit des Riemens vom Sattel aus dürfte, nach Angabe hervorragender Reiterinnen, wertlos sein, da sie doch nicht Fingerkraft genug besitzen, um die Schnalle eigenhändig zu lösen und wieder festzumachen. Der Verf.)

5. Die Stelle des Riemens (Doppelriemens) bei a nutzt sich trotz aller Vorsichtsmaßregeln sehr schnell ab und ist daher niemals sicher. –

Danach hängt also der Bügel am besten in einer einfachen Krampe an der linken Seite des Sattels.«

Fig. 29.
Falsche Anbringung des Bügelriemens am Damensattel.
Fig. 30.
Sicherheitssteigbügel.

Was nun die Form des Bügels selbst betrifft, so äußert sich eine sehr erfahrene Reiterin darüber in der Art, daß sie einen Sicherheitssteigbügel einer Patentsturzfeder vorzieht. Sie läßt den Steigbügelriemen durch eine Schließkappe gehen und verläßt sich auf einen doppelten Sicherheitssteigbügel, d. h. auf einen kleineren inneren und einen größeren äußeren Steigbügel (Fig. 30), der, wenn die Reiterin zu Fall kommt, sich biegt, nachgibt und so den Fuß ausschuht. Dies wird als viel sicherer empfohlen als jede andere Vorrichtung, mit Ausnahme des veralteten Pantoffel- oder Schuhsteigbügels, den die Mode als unschön hat fallen lassen. Allerdings haben alle Sicherheitssteigbügel den Fehler, daß die Mechanik versagt, wenn der Bügel verkehrt herumgedreht ist. Man hätte also bei Benutzung von Sicherheitssteigbügeln darauf zu achten. Es empfiehlt sich ferner, damit die Dame den Bügel nicht verliert, womit ihr Sitz unter Umständen äußerst gefährdet ist, eine dünne Gummistrippe, wie sie zum Schließen von Paketen dienen, um Knöchel und Bügelriemen zu legen.

Endlich hätten wir auch der Gurtung noch einige Worte zu widmen. Es ist eine alte Regel, daß das Damenpferd, wie auch bereits angeführt, ziemlich fest gegurtet sein muß, wenn der Sattel nicht verrutschen soll. Diese feste Gurtung bedeutet allerdings für das Pferd eine Qual, denn es behindert die Ausdehnung der Rippen für die Atmung. Außerdem ist, wenn die Sattelstrippen und hauptsächlich die Gurtschnallen-Anbringung nicht sehr genau auf ihre Untadelhaftigkeit geprüft werden, ein Platzen derselben nicht ausgeschlossen. Man nimmt deshalb meist drei Gurte, in der Annahme, daß nicht alle drei zu gleicher Zeit platzen werden. Man kann sich aber auch einer elastischen Gurtung bedienen, indem man einen sog. Sattelselbstgurter einfügt. Es ist dies eine aus Spiralfedern hergestellte kleine Maschine (Fig. 31), welche man an den rechtsseitigen kurz zuschneidenden Sattelstrippen einschnallt. Es genügt, wenn beim Satteln diese Spiralfedern um 2-2½ Zentimeter ausgedehnt werden, da bei den meisten Pferden das »Schwinden des Bauches« soviel ausmacht.

Die Sattelgurte bestehen – am praktischsten blau oder braun gefärbt – aus breiten Bandgurten von Wolle oder Leinwand oder aus miteinander verbundenen Schnuren, den sog. Strickgurten.

Fig. 31.
Sattelselbstgurter.
Fig. 32.
Schnellsattler.

Eine neue Art der Sattelung soll nicht unerwähnt bleiben, da dieselbe, ebenso praktisch wie sicher, auch für die Damenreiterei dieselben Vorteile zu bieten scheint, wie für die der Herren. Bei ersterer ist das Satteln insofern mit technischen Schwierigkeiten verknüpft, als das feste Anziehen der Sattelgurte direkt körperliche Kräfte und – gute Zähne erfordert. Ein guter Reitknecht wird meist die Zähne dabei zu Hilfe nehmen, da er der einen Hand bedarf, um den Dorn in das Schnallenloch zu bringen. An diesem einen Schnallendorn hängt also die ganze Sicherheit der Reiterei.

Gegen diese Nachteile bezw. Unbequemlichkeiten tritt der Schnellsattler mit Erfolg auf. Es ist das eine von den österreichischen Hauptleuten Beranek und Kauçic erfundene Maschine, welche hebelartig den Gurt festlegt. Am Damensattel wäre diese Maschine an der rechten Seite des Sattels anzubringen. Sie beruht (Fig. 32) auf der Anwendung einer einfachen Hebelwirkung, die einen Strammschluß des Gurtes bei geringster Kraftanstrengung sicher herbeiführt. Unter der (beim Damensattel) rechten Sattelklappe wird eine Hakenbändertasche an die vom Sattelbaum herabhängenden Strupfengurte festgenäht. Die Hakenbänder sind zwei senkrecht gehende Metallstreifen (aa) mit korrespondierenden Einschnitten, die zur Aufnahme von rechts und links aus der Gurtenklappe (b) herausstehenden metallnen Stiften (cc) dienen. Der Gurt wird an der Gurtenklappe mittels eines Stahlstreifens (d) befestigt, indem die Metallstifte in die Einschnitte der Gurtentasche eingelegt werden. Wird nun durch Herumklappen der Gurtenklappen nach oben der Mechanismus geschlossen, so legt sich der Gurt ohne jede Kraftanstrengung stramm dem Pferdeleib an, da der Griff der Gurtenklappe wie ein verlängerter Hebel wirkt. Die Sattelklappe wird darauf heruntergeklappt, und die Gurtung sitzt fest. Von den Vorteilen, welche diese Sattelung bietet, sei nur hervorgehoben, daß zum Aufsatteln nicht mehr als 12-15 Sekunden gebraucht werden. Ferner ist die Möglichkeit geboten, in Momenten einer kurzen Rast dem Pferde durch Herunterklappen der Gurtenklappe eine wohltätige Erleichterung der Atmung zu gewähren. In bezug auf Haltbarkeit ist er unzerstörbar, also ist die Sicherheit selbst bei nur einem Gurte vollständig gewahrt. Der Vertrieb des Schnellsattlers ist für Deutschland dem »Offizier-Pferde-Verein«, Charlottenburg, Fasanenstrasse 24 von den Erfindern übertragen worden.

Für die Ausführung von tadellosen englischen Damensätteln, bei denen alle hier angeführten Eigenschaften derselben vorhanden sind, hat die Firma Champion and Wilton 457 and 459 Oxford-Street, London W., einen besonderen Ruf. Allerdings ist so ein Sattel nicht wohlfeil, er kostet in bester Qualität ca. 300 M. Über 4500 dieser berühmten Damensättel sind bereits im Gebrauch. Die Firma schickt für Bestellung eine Karte, auf der verschiedene Rubriken auszufüllen sind, wie Gewicht der Dame, Größe, gewünschte Breite des Sitzes usw. – Die besondere Bügelkonstruktion, die Lage der beiden Hörner, die Bauart der Kammer und die kunstvolle Polsterung der rechten Seite des Champion-Wilton-Sattels machen denselben zu dem vollendetsten, was es gibt. Ihre Majestät die deutsche Kaiserin reitet einen der vielen in Deutschland befindlichen Sättel dieser Firma. –

Da die Reiterin außer bei ihrem sonstigen Eigentum wohl auch die

Reinigung des Sattelzeugs

leiten bezw. überwachen wird, so können nachstehende Winke dafür gegeben werden:

Nachdem das Lederzeug und der Sattel mit Sattelseife gründlich abgewaschen, abgeschwammt und abgetrocknet worden, reibe man diese Gegenstände mit weißem Meltonian-Cream tüchtig ein. Sobald derselbe trocken ist, wird es mit einer steifen Bürste innen und außen gebürstet und zum Schluß noch einmal mit einer weichen Bürste oft und leicht nachgerieben. Das Leder wird dadurch glänzend und geschmeidig und alle Stellen der Innenseite verschwinden. Auszusparen von dieser Behandlung sind diejenigen Stellen des Sattels, die sich unter dem Bügelriemen befinden, weil Leder auf Leder durch das in dem Cream enthaltene Wachs kleben würde. –