Die
Bibliothek meines Oheims.

Eine Genfer Novelle.


Von
Rudolf Töpffer.


Vollständige Deutsche Ausgabe,
mit 137 Bildern von der Hand des Verfassers.

Leipzig:
Brockhaus & Avenarius.
1847.

Inhalt.

Seite
I.Die beiden Gefangenen [3]
II.Die Bibliothek[105]
III.Henriette[171]

I.
Die beiden Gefangenen.

Ich habe Leute kennen gelernt, die an der Schwelle des väterlichen Kramladens groß geworden sind. Dieselben hatten sich in dieser Lebensweise eine gewisse praktische Menschenkenntniß erworben, und so eine Art spießbürgerlichen Sinn, einen Philistergeschmack, eine Gewöhnlichkeit der Ansichten bei kleinstädtischer Engherzigkeit und Vorurtheilen. Man machte sie zu Advokaten, Beamten, und jeder übertrug denn von seiner Ladenschwelle weg gute oder schlechte Eindrücke, die sich nie verwischten, in diese seine Wirkungskreise.

Andere saßen dieselbe Lebenszeit, ich will sagen etwa ums funfzehnte Jahr, in einem einsamen Kämmerlein unterm Dache, über stillem Hofe. Die wurden nachdenkliche Leute, und – wie wenig sie mit den Straßenneuigkeiten bekannt waren – ein kleiner Kreis von Nachbarn genügte ihnen, reiche Beobachtungen über diese für sich anzustellen. Sie erwarben sich eine zwar minder ausgebreitete, dafür aber desto innerlichere Menschenkenntniß. Wie manche Zeit verbrachten sie, fern von jeder Zerstreuung, mit sich selbst, während jene Ersteren auf ihrer Ladenschwelle immer von neuen Gegenständen angezogen wurden und so weder Zeit noch Lust bekamen, eine Bekanntschaft ihres eigenen Innern zu machen. Ob Advokat oder Minister, muß nicht der Mann aus dem Dachstübchen andere Weisen haben, als der von Vaters Thüre!

Oder hätte das etwa keinen Einfluß, was einem vor Augen geschieht? und die Leute, die um einen herumlaufen, und das Gerede, das man hört, und die düsteren oder aufheiternden Gegenstände, die man sieht, und die Nachbarschaft und all die tausend Zufälligkeiten? Fürwahr! es ist ein eigen Ding um die Erziehung! Indeß Ihr mit klarem Bewußtsein nach den Rathschlägen eines Freundes oder Buchs Geist und Herz Eures Kindes zu dem von Euch erwünschten Ziele zu lenken sucht, kommen Dinge, Gerede, Nachbarn, Zufälligkeiten und verschwören sich gegen Euch oder helfen auch wol nach, ohne daß ihr Einfluß zu verhindern oder nur zu entbehren wäre.

Später endlich, wenn's so über zwanzig, fünfundzwanzig Jahre kommt, thut der Einfluß der Wohnung wenig mehr. Mag dieselbe düster oder heiter, bequem oder ärmlich sein: sie gleicht einer Schule, worin der Unterricht geschlossen ist. In diesem Alter baut der Mensch seine Lebensbahn; er ist bereits vor jener, die Zukunft einschließenden Wolke angelangt, die ihm eben noch so fern erschien; seine Seele ist nicht mehr träumerisch und gelehrig; die Gegenstände spiegeln sich wol in ihr ab, lassen aber keinen Eindruck mehr zurück.


Ich nun wohnte in einem einsamen Stadttheile[1], nämlich hinter der Peterskirche in der Nähe des bischöflichen Gefangenhauses. Durch das Grün einer Akazie gewahrte ich die Fensterbogen der Kirche, den Fuß des hohen Thurms, ein schmales Fenster des Gefängnisses und in der Ferne zwischen den Dächern hin den See und seine Ufer. Wie viel vortreffliche Lehren hätte ich nicht daraus gewinnen können; wie sehr hatte mich das Schicksal vor andern Knaben meines Alters begünstigt! Mag ich sie nun auch nicht recht zu benutzen gewußt haben, so rechne ich es mir doch zum Ruhme an, aus dieser Schule hervorgegangen zu sein, die edler als eine Ladenschwelle und reicher als ein einsames Stübchen war. Sicher, hätte ich nur im mindesten Anlage besessen, wäre ich darin zum Dichter geworden.

[1]: Dieser Stadttheil grenzt an die Hauptkirche Genfs, das in Rede stehende Haus ist unter dem Namen Maison de la bourse française (französisches Stift) bekannt, weil es zur Unterstützung von genfer Protestanten französischer Abkunft bestimmt war.


Indeß bei Licht besehen, ist es so besser; denn ich bezweifle gar sehr, daß es jemals einen glücklichen Dichter gegeben hat. Oder kennt Ihr etwa einen Einzigen auch unter den Glücklichsten von ihnen, der seinen Durst nach Ruhm und Ehre stillen konnte? Kennt Ihr Einen selbst unter den Größten und gerade unter diesen, der je mit seinen Arbeiten zufrieden gewesen wäre und in ihnen die himmlischen Gebilde wieder erkannte, die sein Genius ihm vorhielt? Ein Leben voll trügerischer Hoffnungen, Enttäuschungen, Ueberdruß, das ist alles! Ja, mehr noch! dies ist nur die Oberfläche, sie muß, denke ich, noch größere Schmerzen, noch bitterern Unmuth einschließen. Diese Köpfe bauen sich ein übermenschliches Glück, welches jeden Tag zerschellt oder zusammenbricht. Sie strecken ihr Haupt hoch in die Himmel und sind an die Erde gefesselt; sie lieben Göttinnen und finden nur Sterbliche. Tasso, Petrarca und du, Racine, ihr empfindsamen, kranken Seelen, ihr nimmer ruhigen, ewig blutenden, klagereichen Herzen, sagt einmal, um welchen Preis ihr unsterblich geworden!

Das ist Ursache und Wirkung. Weil sie Dichter sind, leiden sie solche Qualen und weil sie solche Qualen leiden, sind sie Dichter. Aus dem Kampfe in ihrem Innern springt, wie ein Blitz aus der Wolke, der Strahl, welcher aus ihren Versen uns anglänzt; das Leiden enthüllt ihnen die Freude, die Freude lehrt sie das Leiden; an der Seite ihrer Enttäuschungen blühen ihre Hoffnungen. Aus diesem reichen Chaos, aus diesen fruchtbaren Schmerzen entstehen ihre erhabenen Lieder. So entlockt der Sturm der einsamen Aeolsharfe die süßesten Töne.

Ich wundere mich darum gar nicht mehr, daß ich einmal einen gescheiten Mann sagen hörte: lieber ein Winkelkrämer als weltberühmter Dichter, lieber der namenlose Giraud als Dante Alighieri.


Diese Vorstellung, die ich mir vom Dichter mache, ist ganz wahr, denn man sehe nur, wonach diejenigen ringen, welche nach diesem Berufe streben. Ist es nicht, wenn irgend möglich, nach dieser Verwirrung, diesen Schmerzen, diesem reichen Chaos? Gleich wie man die Tugend durch fromme Redensarten nachäfft, so äffen sie die Poesie durch Worte der Klage, der Angst und unaussprechlichen Schmerzes nach. Sie leiden in ihren Versen, sie seufzen in ihren Versen, sie schleppen darin mit zwanzig Jahren das ersterbende Alter eines verbitterten Lebens, sie vergehen darin! Fast Alle beginnen damit. Ach! Freundchen, es ist nicht so leicht als du denkst, traurig, unglücklich, betrübt sein; von Wünschen gefoltert, von Entzücken gegeißelt zu werden, sein Leben verbittern, sterben wie Millevoye! Darum die Maske herunter und zeige dein Antlitz heiter. Warum, du dicker Freund, o warum deiner Natur nicht folgen? Was für einen Vorzug erblickst du darin, seufzend und klagend zu erscheinen, für todt und doch nicht im Grabe vergessen zu gelten?


Wenn ich übrigens von fruchtbaren Schmerzen rede, so will ich damit keinesweges sagen, daß jeder große Dichter in seinen Versen nothwendig seufzen und weinen müsse; im Gegentheil, die reizendsten Phantasien überdecken seinen bittern Unmuth. Selbst wenn er uns in ein entzückendes Elysium zaubert oder uns die Schönheit mit den himmlischsten Farben malt, so ist es die Leere der Erde, die ihn zur Flucht in glücklichere Höhen bewog. Er malt die Gesundheit, weil er krank ist, den Sommer, weil er auf Eisfeldern irrt, frische Quellen, weil ringsum Dürre schmachtet. Der Unglückliche kostet einige Minuten lang entzückenden Rausch und läßt uns aus der Schale mittrinken; wir bekommen den Nektar, ihm bleiben die Hefen.

Aber da ertappe ich einen häßlichen Gedanken, der hinter einer Falte meines Gehirnes hervorguckt, nämlich den Gedanken, daß ich meiner Lust willen es wol zufrieden bin, daß solche duldende Seelen gelebt haben,... daß Unglückliche sich lange Jahre in Kummer hinschleppten, um einige Gedanken, einige Verse zu hinterlassen, die mich entzücken, die mich einen Augenblick erregen!... Der entsetzlichen Selbstsucht des Herzens, der grausamen Lust, die sich selbst ganz sich selber opfert! Aber dennoch... Racine, ein Dütenkrämer, Virgil, ein Ellenhändler;... Nein, ich bin noch nicht gescheit genug, über meinen grauen Schädel sind noch nicht Jahre genug gezogen. Es wird ein Tag kommen, und nur zu bald, wo ich gescheiter, wenn auch nicht minder selbstsüchtig, den jungen Leuten dies zu Gemüth führen will. Und wenn so ein alberner Gedanke, wie ich ihn da eben ertappe, in ihrem Gehirn aufsteigt, so soll er ihre Stirne umziehen und ihnen auf den Lippen sitzen bleiben.


Es gibt viele solcher schmählichen Gedanken in dem Gehirn, die sich vor Scham verbergen, die aus Furcht, verhöhnt zu werden, schweigen, und die, wenn sie zuweilen einmal aus ihrem Versteck hervorgucken, die Schamröthe bis hoch auf die Stirn treiben. Einstmals hat ein Mann eine Haussuchung in seinem eigenen Gehirn angestellt; er durchforschte alle Falten desselben, suchte zu unterst und zu oberst und ließ auch nicht das kleinste Titelchen unbeschauet. Was er so fand, daraus machte er ein Buch voll Lebensregeln, einen treuen Spiegel, in dem sich der Mensch weit häßlicher sieht als er zu sein glaubte.

Der Herzog[2], der dies that, befolgte darin die Lehre des Sokrates, welcher den Menschen ermahnt, in sein eigenes Gehirn zu schauen. Γνῶθι σεαυτόν (ist griechisch) will nichts weiter sagen. Ich wenigstens zweifle sehr, ob bei so einer beständigen Selbstbetrachtung viel zu gewinnen ist; in gar vielen Dingen ist es besser, sich nicht zu kennen. Manche werden, je besser sie sich kennen lernen, je schlechter; ein anderer, der einsieht, daß auf seinem Acker kein gutes Korn gedeihen will, faßt gar den Entschluß, mit dem Unkraut zu wuchern.

[2]: Franz, Herzog von Larochefoucauld.


Darum schaue ich nicht mehr so viel in mein Gehirn, dagegen ist es mir der angenehmste Zeitvertreib, Anderen hineinzulugen. Ich nehme die Lupe dazu, das Vergrößerungsglas, und ihr glaubt nicht, wie viel kleine, sonderbare Eigenthümlichkeiten ich entdecke, der großen, die man mit bloßen Augen sieht, und der ungeheuern, welche von weitem schon auffallen, gar nicht zu erwähnen. Gall war gewiß ein Narr, daß er den Inhalt nach der Schale, den Geschmack der Frucht nach ihrem Aussehen, den Balsam nach der Büchse beurtheilen will. Ich mache auf und koste, ich öffne den Deckel und rieche.

Denkt, alle Gehirne sind aus einerlei Stoff gemacht; ich begreife es, daß sie alle dieselbe Anzahl Zellen haben, dieselben Knötchen enthalten, gleichwie in jeder Orange dieselbe Anzahl Kerne in derselben Zahl gleicher Zellen sich befindet; allein von diesen Knötchen misrathen einige, andere gedeihen übermäßig und daraus kommen Misverhältnisse, welche jene Unterschiede in den Charakteren bilden, wodurch die Menschen einander unähnlich werden.

Sonderbar ist es, daß eines dieser Knötchen niemals misräth; daß es sich von Nichts wie von Vielem ernährt, eines der ersten seinen Wachsthum nimmt und als letztes von allen abstirbt, so daß man, wenn dies gestorben ist, sicher sein kann, daß der ganze Mensch aufgehört hat zu leben. Dies ist die Eitelkeit. Ich habe dies von einem Todtenbeschauer, der hat mir anvertraut, daß er sich lediglich an dies Zeichen hielte und es als das sicherste von allen andern ansehe; riefe man ihn zu einem Verstorbenen, so überzeuge er sich vor allen Dingen, ob derselbe nicht noch nach irgend einem Schein strebe, ob nicht irgend eine Sorgsamkeit in seiner Miene oder seiner Haltung, nicht irgend eine Besorgniß vor fremdem Blicke vorhanden sei. In diesem Falle gab er, ohne nur nach dem Puls zu fühlen, die Erlaubniß zur Bestattung, und wiewol er dieses Verfahren immer beobachtet hatte, war er doch überzeugt, noch niemals einen Lebenden unter die Erde gebracht zu haben, was, wie er sagte, seinen Amtsgenossen öfterer passire, die auf den Puls, den Athem und andere unzureichende Anzeichen etwas gäben. Er behauptete, dieser Todtenbeschauer nämlich, daß nicht so sehr Umstände, Vermögen und Beschäftigung diese Knötchen entfalten, sondern wenn irgend etwas Einfluß übe, so sei es das Alter. In der Kindheit ist es just nicht das erste, das sich zeigt, in der Jugend eben nicht das stärkste, aber von zwanzig Jahren an ist's eine gewaltige, gefräßige Knolle, welche ihre Nahrung aus Allem saugt.


Ich vergesse aber, daß ich von meiner Wohnung sprechen wollte. Ich verbrachte die heitern Tage meiner ersten Jugendzeit in tiefer Stille, lebte wenig mit meinem Lehrer zusammen, mehr mit mir selber und viel mit Eucharis, Galathea und vorzugsweise mit Estella.

Es gibt ein Alter; aber in der That nur eines und das dauert nicht lange: wo die Schäferromane Florians einen eigenthümlichen Reiz üben; in diesem Alter befand ich mich. Mir schien nichts liebenswürdiger als diese jungen Schäferinnen, nichts naiver als ihre zierlichen Redensarten und ihre Rosenwassergefühle, nichts ländlicher, bäurischer als ihre schmucken Mieder und die hübschen Hirtenstäbe mit winkenden Bändern; bei den hübschesten Mädchen der Stadt fand ich kaum halb so viel Anmuth, Schönheit, Geist und namentlich Gefühl als bei meinen lieben Schäfermädchen. Darum hatte ich ihnen mein Herz ohne Rückhalt gegeben und meine junge Phantasie gelobte, es ihnen treu zu bewahren.

Kindische Liebe, erster Glanz jenes Feuers, das später alles ergreifend und verheerend auflodert! ...... Welchen Reiz, welch' heitere reine Lust gewährt die unschuldige Vorempfindung eines Gefühls, das so reich an Stürmen ist!


Das Unglück bei meiner Leidenschaft war, daß ich mich nicht so recht sicher ihr hingeben durfte, und dies einer höchst ernsthaften Unterredung wegen, die ich ganz kürzlich mit meinem Lehrer gehabt hatte. Die Veranlassung gab Telemachs schönes Benehmen auf der Insel der Kalypso, als er in seiner Tugendhaftigkeit Eucharis verließ; wir übersetzten dies Benehmen zusammen in schlechtes Latein:

Und er stürzte Telemach in das Meer...

Et Telemachum in mare de rupe praecipitavit, hatte ich eben übersetzt, als es Herrn Ratin, so hieß mein Lehrer, einfiel, mich zu fragen, was ich von dem Benehmen Mentors hielte.

Die Frage setzte mich sehr in Verlegenheit, denn so viel wußte ich schon, daß man in Gegenwart seines Lehrers den Mentor nicht tadeln darf. Im Grunde genommen fand ich aber, daß Mentor sich bei dieser Gelegenheit etwas grob benommen habe. – Ich meine, versetzte ich, daß Telemach froh sein konnte, mit einigen Zügen Meerwasser davongekommen zu sein.

Du begreifst meine Frage nicht, versetzte Herr Ratin; Telemach war in die Nymphe Eucharis verliebt; die Liebe aber ist die unseligste, die verächtlichste, der Tugend feindlichste Leidenschaft. Wenn ein junger Mann verliebt ist, so verfällt er in Schlaffheit und Weichlichkeit, er taugt zu nichts mehr, als bei den Frauen zu schmachten, wie Herkules zu den Füßen der Omphale. Dies Benehmen des weisen Mentor, den Telemach vom Rande des Abgrundes zu retten, war daher das Bewundernswürdigste von Allem. So, setzte Herr Ratin hinzu, hättest du mir antworten sollen.


Auf diese mittelbare Weise wurde es mir klar, daß ich mich in einem schwierigen Falle befand und bereits weit von der Tugend abgewichen sei, denn die Estella liebte ich in meinen Augen offenbar eben so sehr als Telemach die Eucharis. Ich beschloß also, ein so frevelhaftes Gefühl zu bekämpfen, welches, der Bewunderung nach zu urtheilen, mit der Herr Ratin das Benehmen Mentors erhob, früher oder später zum Schlimmen führen mußte.

Herrn Ratins Worte hatten übrigens einen großen Eindruck auf mich gemacht; wol weniger weil ich sie begriff, als darum, weil sie dunkel und geheimnißvoll erschienen. Um weise zu sein und nicht in den Abgrund zu stürzen, unterdrückte ich ein unschuldiges Feuer, meine Einbildung heftete sich an die unheilkündenden Worte Ratins, um deren Sinn zu erforschen und große Offenbarungen daraus zu ziehen.

Das war meine erste Liebe; wenn sie auch, ihrer durchaus eingebildeten Natur gemäß, keine Folgen hatte, so drückte doch die Weise, wie sie durch Herrn Ratins Belehrung verscheucht wurde, jeder meiner andern Liebe einen eigenthümlichen Stempel auf, wie man aus den nachfolgenden Erzählungen sehen kann.


Das schon erwähnte Gefängniß hatte nur ein einziges Fenster nach meiner Seite her. Gefängnisse sind überhaupt nicht reich an Fenstern.

Dieses Fenster nun sitzt in einer schwarzen düstern Mauer. Eiserne Stangen wehren dem Gefangenen den Kopf herauszustecken und eine Vorkehrung draußen beraubt ihn der Aussicht auf die Straße und läßt nur wenig Himmelslicht in die Tiefe seiner Klause dringen. Ich erinnere mich, daß der Anblick dieses Mauerlochs mir damals nichts als Schrecken und Zorn einflößte. Ich bildete mir ein, daß die ganze Welt voll ehrlicher Leute sei, und darum schien es mir ruchlos, daß ein Einzelner darin sich herausnahm, Dieb oder Mörder zu sein, und die Gerechtigkeit, welche ehrliche Leute gegen dergleichen Ungeheuer beschirmte, erschien mir als eine heilige, strenge Matrone, deren Urtheile nicht zu streng sein konnten. Später änderte ich diese Ansicht: die Gerechtigkeit erschien mir nicht mehr so heilig, die ehrlichen Leute sanken in meiner Achtung und in jenen Ungeheuern fand ich allzuoft nur Opfer des Elendes, der Verführung, der Ungerechtigkeit.... Da kam das Mitleid und milderte meinen Zorn.

Der Geist eines Kindes ist entschieden, weil sein Auge beschränkt ist. Alle Fragen sind ihm einfach, weil es nur eine Seite derselben sieht, und deshalb scheint seinem minder aufgeklärten als geraden Sinne die Lösung eben so einfach als klar. Aus diesem Grunde sagen die Sanftesten unter ihnen zuweilen Hartherzigkeiten und die Aeußerungen der Zartfühlendsten sind grausam. Ohne daß ich darum gerade diesen Zartfühlendsten angehört hätte, begegnete mir dies oft. Wenn ich einen Menschen nach dem Gefängniß bringen sah, so sprach meine ganze Theilnahme für die Gendarmen, mein ganzer Abscheu gegen den Gefangenen. Dies war weder Grausamkeit, noch Gemeinheit, sondern Rechtlichkeitssinn. Bei minder kindlichem Gemüthe hätte ich die Gendarmen verabscheut und den Gefangenen beklagt.

Eines Tages sah ich einen solchen vorüberziehen, der meine ganze Entrüstung erregte. Es war ein Mitschuldiger an einem grausamen Morde; sie hatten zu zweien einen Greis getödtet, um das Geld desselben zu bekommen, und dann hatten sie sich eines unschuldigen Zeugen, eines Kindes, das bei dem Morde anwesend war, durch einen zweiten Mord entledigt. Der Genosse dieses Menschen war zum Tode, er aber durch die Geschicklichkeit seines Vertheidigers oder durch sonst mildernde Gründe blos zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. In dem Augenblick, wo er ins Gefängniß treten sollte, ging er unter meinem Fenster vorüber, er sah die benachbarten Häuser neugierig an, seine Augen begegneten den meinigen; er lächelte, als ob er mich kennte! Dies Lächeln machte einen tiefen, widerwärtigen Eindruck auf mich. Den ganzen Tag konnte ich es nicht mehr aus den Gedanken bringen. Ich beschloß, meinem Lehrer es mitzutheilen, und dieser ergriff die Gelegenheit, mir eindringliche Vorstellung über die viele Zeit zu machen, die ich durch das Schauen auf die Straße verlöre.


Mein Lehrer war doch, wenn ich es recht bedenke, ein drolliger Mann: brav und pedantisch, ehrbar und komisch, ernst und lächerlich, so daß er auf mich zu gleicher Zeit einen Ehrfurcht und Lachen erregenden Eindruck machte. Die Gewalt strenger Ehrbarkeit, der Einfluß strenger Grundsätze ist aber, wenn das eigene Benehmen ihnen nicht widerspricht, so groß, daß Ratin trotz des wahrhaft lächerlichen Eindruckes, den er auf mich machte, eine weit größere Gewalt über mich übte, als mancher weit geschicktere oder tüchtigere Lehrer, bei dem ich aber den geringsten Zwiespalt zwischen den Vorschriften, die er mir aufstellte, und denen, die er selbst befolgte, bemerkt hätte.

Er war ein Ausbund von Tugend. Wir überschlugen ganze Seiten im Telemach, weil sie den guten Sitten gefährlich wären, und mit der größten Sorgsamkeit suchte er mich vor jeder Neigung zu der verliebten Kalypso zu bewahren, wobei er mir bemerklich machte, daß ich in der Welt noch eine Menge gefährlicher Weiber antreffen würde, die ihr ähnlich wären.

Diese Kalypso verabscheute er, Kalypso, obwol eine Göttin, war ihm ein Gräuel. Die lateinischen Klassiker lasen wir übrigens nur nach dem gesäuberten Texte des Jesuiten Juventius und dennoch sprangen wir über eine Menge Stellen hinweg, die der strenge Jesuit für ungefährlich gehalten hatte. Hieraus war die entsetzliche Vorstellung, die ich mir von vielen Dingen machte, entsprungen, wie nicht minder die entsetzliche Furcht, dem Herrn Ratin meine unschuldigsten Gedanken merken zu lassen, wenn sie auch nur den leichtesten Anflug von Liebe hatten, oder im entferntesten mit Kalypso in Berührung standen, diesem Gespenste Ratins.

Es ließe sich Vieles hierüber sagen. Diese Methode entzündet weit mehr, als sie löscht; sie läßt nicht zum Ausbruch kommen, aber sie beugt nicht vor. Sie erzeugt viel eher Vorurtheile als Grundsätze. Ihre erste Wirkung ist namentlich, daß sie sonst unfehlbar immer die Unschuld, diese zarte Blume, die ein Lächeln beugt, die nichts wieder aufrichten kann, in Gefahr bringt.

Uebrigens war Herr Ratin ganz vollgepfropft von Latein und alten Rom, sonst aber ein guter Kerl, der nicht so streng war, als gern er Strafpredigten hielt. Beim Dintenfleck citirte er den Seneca, bei einem Schelmenstreich den Cato von Utika als Beispiel. Eines aber konnte er mir nimmer vergeben, und das war mein unsinniges Lachen. Der Mann sah in meinem albernen Gelächter die sonderbarsten Dinge: den Zeitgeist, eine frühzeitige Verderbtheit, das sichere Vorzeichen einer bejammernswerthen Zukunft. Ueber diesen Punkt redete er leidenschaftlich und ohne Aufhören. Ich schreibe dies einer Warze zu, die er auf der Nase hatte.

Diese Warze war von der Dicke einer Kichererbse und mit einer kleinen Anzahl sehr feiner und sehr hygrometrischer Haare besetzt; denn ich hatte bemerkt, daß sie mit der Veränderung der Witterung bald steifer, bald schlaffer dastanden. Nun kam es zuweilen, daß ich während meiner Stunden auf die unschuldigste Weise von der Welt, aus bloßer Neugierde und ohne einen Gedanken an Spott die Warze betrachtete. Dann fuhr er mich heftig an und kanzelte mich über meine Zerstreuung tüchtig ab. Ein anderes Mal, freilich seltener, wollte eine Fliege sich durchaus, trotz des ungeduldigen Zorns meines Lehrers, darauf setzen. Er beschleunigte alsdann die Erklärung unsers Autors, damit ich über der Arbeit diesen sonderbaren Kampf nicht bemerken sollte. Allein das war für mich eben ein Zeichen, daß etwas vorgehe, und eine unwiderstehliche Neugierde trieb mich an, meinen Blick verstohlen auf sein Gesicht zu werfen. Je nachdem, was es nun eben gab, faßte mich meine närrische Lachlust, und je eigensinniger die Fliege war, desto unwiderstehlicher wurde es bei mir und ich platzte heraus. Herr Ratin schien dann durchaus in der Welt nicht die Ursachen eines solchen Scandals zu begreifen; er donnerte gegen das unsinnige Lachen im allgemeinen und führte mir die schrecklichen Folgen desselben zu Herzen.


Nichts desto weniger ist das tolle Lachen eins der herrlichsten Dinge, die ich kenne. Es ist eine verbotene Frucht und darum vortrefflich. Mich haben nicht so sehr die Strafpredigten meines Lehrers davon geheilt, als das Alter. Um so recht mit Herzenslust unsinnig zu lachen, muß man Schüler sein und wo möglich einen Lehrer haben, der auf der Nase eine Warze mit drei spaßhaften Härchen besitzt.

.... Dies Alter ist ohne Rücksicht!

Beim Nachdenken über diese Warze ist mir die Ansicht gekommen, daß alle reizbaren Leute irgend eine physische oder moralische Schwäche haben, eine sichtbare oder unsichtbare Warze, welche sie auf die Meinung bringt, daß man über sie spotte. Vor solchen Leuten lache man nicht: das hieße über sie lachen; man rede niemals von Lupe und Warze: das sind Anspielungen; nimmer von Cicero und Scipio Nasica, sonst hat man es mit ihnen zu thun.


Es war die Zeit der Maikäfer; sie hatten mir bis dahin ungemein viel Vergnügen gemacht, aber ich verlor den Spaß daran. Wie man doch altert!

Indeß, wenn ich allein in meiner Kammer saß und unter tödtlich langer Weile meine Aufgaben arbeitete, so verschmähte ich die Gesellschaft von einem oder einem Paar solcher Thiere nicht. Ich muß übrigens bemerken, daß sie nicht mehr an einen Faden gebunden, um sie fliegen zu lassen, oder an einen kleinen Wagen gespannt wurden, zu dergleichen kindischen Spielereien war ich schon zu alt geworden. Wenn man aber meint, daß sich weiter nichts mit einem Maikäfer anfangen ließe, so irrt man gewaltig. Zwischen den Kinderspielen und den ernsten Studien des Naturforschers liegen noch viele Stufen.

Ich hatte einen unter einem umgekehrten Glase sitzen; das Thier quälte sich ab, die Wände desselben hinanzuklettern, um im Augenblick wieder herunterzufallen, und das ging endlos so weiter; zuweilen fiel es auf den Rücken, das ist bekanntlich für einen Maikäfer ein großes Unglück; ehe ich ihm zu Hilfe kam, bewunderte ich seine Langmüthigkeit, mit der er seine sechs Arme in der leeren Luft herumstreckte, in der immer fehlschlagenden Hoffnung, an irgend einen Körper anzuhaken, obgleich keiner da war. – Die Maikäfer sind doch dumme Thiere, sprach ich bei mir.

In der Regel half ich ihm dadurch aus der Noth, daß ich ihm die Spitze meiner Feder hinhielt; dies führte mich zu der größten, glücklichsten Entdeckung. Ich kann in diesem Betracht mit Berquin sagen, daß eine gute Handlung niemals unbelohnt bleibt. Mein Maikäfer hatte sich an den Bart der Feder angeklammert, und während er sich erholte, schrieb ich eine Zeile, wobei ich mehr auf ihn und seine Thaten achtete, als auf die des Julius Cäsar, den ich eben übersetzte. Wird er davonfliegen oder die Feder herunterklettern? Von welchen Zufällen hängen doch alle Dinge ab! Hätte er sich zu dem ersten entschlossen, so wäre es um meine Entdeckung geschehen gewesen, ich hätte sie nicht einmal geahnt; glücklicherweise kletterte er bergab. Als er sich der Dinte näherte, empfand ich eine Vorahnung; ich fühlte, daß große Dinge geschehen würden. So ahnte Columbus, ohne die Küste zu sehen, sein Amerika. Wirklich netzt mein Maikäfer, als er an dem Ende des Schnabels angekommen ist, seine Schwanzspitze mit Dinte. Schnell ein weißes Blatt...... ein Augenblick der höchsten Spannung.

Die Schwanzspitze kommt auf's Papier, die Dinte hinterläßt Spuren und wunderbare Zeichnungen entstehen. Zuweilen hob der Maikäfer, ob aus Verstand oder weil der Vitriol seine Nerven angriff, im vollen Gange den Schwanz in die Höhe und ließ ihn erst später wieder nieder. Daraus entsteht eine Reihe von Punkten, eine Arbeit von wunderbarer Zartheit. Dann wieder änderte er seine Richtung und bog ab; jetzt ändert er den Plan noch einmal und kommt wieder zurück: es ist ein S!... Bei dieser Entdeckung durchzuckte mich ein Lichtstrahl.

Ich versehe dem staunenden Thiere die Schwanzspitze wohl mit Dinte und setze es auf die erste Seite meines Heftes. Dann nehme ich einen Strohhalm, um seine Arbeit zu leiten, um seine Pfade zu lenken, und zwinge den Maikäfer sich so zu bewegen, daß er meinen Namen schreibt. Es bedurfte zweier Stunden; aber welch' Meisterwerk!

»Die edelste Eroberung, welche der Mensch je gemacht hat, sagt Buffon, ist.... sicherlich der Maikäfer!«


Um die Arbeit zu leiten, hatte ich mich dem Fenster genähert, eben wurde der letzte Buchstabe fertig, da rief eine Stimme leise: Freundchen! Ich sah schnell auf die Straße. Da war niemand. – Hier! rief dieselbe Stimme. – Wo? fragte ich. – Im Gefängnisse.

Jetzt merkte ich, daß die Worte aus dem Kerkerfenster gekommen und von dem Verbrecher, dessen abscheuliches Lächeln mich so heftig erschreckt hatte, an mich gerichtet waren. Ich fuhr bis an die andere Wand meines Zimmers zurück.

– Fürchten Sie nichts, fuhr die Stimme fort; ein braver Mensch spricht mit Ihnen... – Schurke! rief ich, wenn Sie mich noch länger anreden, so rufe ich die Wache!

Er schwieg einen Augenblick. – Als man mich neulich durch die Straße brachte, hub er darauf wieder an, sah ich Ihr Gesicht und schloß daraus, daß Sie ein mitleidiges Herz hätten und ein unglückliches Opfer der Ungerechtigkeit beklagen könnten.... – Schweigt! rief ich aufs Neue, Bösewicht! Ihr habt einen Greis und ein Kind ermordet!....

– Ach! ich sehe wol, Sie sind verblendet wie Alle. Noch so jung und doch schon das Schlimmste glauben! Er schwieg, denn er hörte jemand die Straße kommen. Es war ein schwarzgekleideter Mann, ein Leichenträger, wie ich nachher erfuhr.

Als der Mann vorüber war, fuhr er fort: – Ach! der ehrwürdige Gefängnißprediger ist ganz anders. Der weiß, Gottlob! daß mein Herz rein und meine Seele ohne Flecken ist! Er schwieg wiederum. Diesmal ging ein Gendarm vorüber. Ich trug Bedenken, ihn anzurufen und ihm die Reden des Gefangenen mitzutheilen; allein diese Worte selbst hatten schon zu sehr auf meine Leichtgläubigkeit eingewirkt, als daß ich diese Regung wieder unterdrücken konnte. Außerdem schien es mir ein Verrath zu sein, da doch der Gefangene der Ehrlichkeit meines Gesichts vertraut hatte. Meine Eigenliebe fühlte sich zu sehr geschmeichelt, als daß ich ein solches Lob Lügen strafen konnte. Ich habe ja eben gesagt, daß diese Leidenschaft sich von Allem nährt, es ist keine Hand so schmutzig, daß sie sich nicht gern davon streichen ließe.

Nach der Unterhaltung, die mich zum Fenster gelockt hatte, blieb der Gefangene ruhig und ich kehrte zu meinem Maikäfer zurück.


Welches Entsetzen! das Unheil war groß, unverbesserlich! schnell ergriff ich den Urheber und warf ihn zum Fenster hinaus, dann betrachtete ich mit Schrecken die verzweifelte Geschichte.

Ein langer schwarzer Streifen lief vom vierten Kapitel de bello gallico gerade durch zum linken Rande; da war dem Thiere der Schnitt zu steil gewesen, um hinabzuklettern, und es hatte sich wiederum nach dem rechten Rande umgedreht. Jetzt war es nördlich gewandelt und hatte beschlossen, mittelst des Dintenfasses das Buch zu verlassen, war aber dabei den sanften, glatten Abhang hinuntergeglitten in den Abgrund, in die Gehenna, in die Dinte, zu seinem Verderben und meinem.

Jetzt hatte der Maikäfer leider zu spät bemerkt, daß er nicht auf der rechten Straße sei, und den Weg zurückzugewinnen versucht: von Kopf bis zu den Füßen in Schwarz gehüllt, war er wieder aus der Dinte gekrochen und zum vierten Kapitel de bello gallico zurückgekehrt, wo ich ihn, der keinen Begriff davon hatte, fand.

Das waren entsetzliche Flecken; Seen, Flüsse, eine ganze Kette von Kreuz- und Querstrichen, ohne Geschmack, ohne Genie.... ein schwarzes, abscheuliches Bild!!

Ach! das Buch, das Buch war eine Elzevir-Ausgabe meines Lehrers, ein Elzevir in Quarto, ein seltener, kostbarer, unersetzlicher Elzevir, der mir aufs eindringlichste auf die Seele gebunden war. Ich war unrettbar verloren.


Ich fing die Dinte mit Löschpapier auf, ich trocknete das Blatt und dann begann ich meine Lage zu überdenken.

Ich empfand mehr Angst als Gewissensbisse; am meisten fürchtete ich mich, daß ich den Maikäfer bekennen mußte. Wie schlimm mußte nicht mein Lehrer diesen schändlichen Zeitvertreib ansehen, für einen Knaben von meinen Jahren, wie er zu sagen pflegte, diesen so kindischen und wahrscheinlich höchst unmoralischen Zeitvertreib. Das machte mich zittern.

Satan, dessen ich mich in dem Augenblicke nicht versah, trat heran und bot mir Auswege dar. Satan fehlt niemals zur Stunde der Versuchung; er gab mir eine ganz kleine Lüge an die Hand. Während meiner Abwesenheit wäre die verwünschte Katze des Nachbars ins Zimmer gekommen und hätte das Dintenfaß auf das vierte Kapitel de bello gallico geworfen. Da ich nun aber während der Arbeitsstunden nicht ausgehen durfte, so wollte ich meine Abwesenheit dadurch rechtfertigen, daß ich eine Feder hatte kaufen müssen. Da aber in einem Schranke noch genug Federn zu meiner Verfügung lagen, so hatte ich gestern beim Baden den Schlüssel verloren. Und da ich nun gestern keine Erlaubniß gehabt hatte, baden zu gehen und wirklich auch nicht dort gewesen war, so setzte ich voraus, daß ich ohne Erlaubniß dort gewesen und durch das Geständniß dieses Fehlers meiner kunstreichen Erfindung ungemein viel Wahrscheinlichkeit verlieh, wie sich auch zu gleicher Zeit meine Gewissensangst verminderte, da ich mich ja offenherzig eines Fehlers anklagte, was mich in meinen Augen fast....

Schon war der sinnreiche Plan ganz fertig, als ich Herrn Ratins Schritte auf der Treppe vernahm.

In meiner Verwirrung schlug ich das Buch zu, öffnete es wieder, schlug es nochmals zu und öffnete es rasch aufs neue, damit der Flecken selber spräche, und mir wenigstens die Unannehmlichkeit des ersten Geständnisses ersparte....


Herr Ratin kam, um mir Stunde zu geben; er legte den Hut ab, rückte den Stuhl an, setzte sich und schnaubte sich, ohne das Buch zu sehen. Um Fassung zu bekommen, schnaubte ich mich ebenfalls. Auf diese Bewegung hin sah Herr Ratin mich groß an; es war ja die Nase dabei im Spiel.

Anfangs merkte ich nicht, daß Herr Ratin eine Absicht darin vermuthete, daß ich zu gleicher Zeit mit ihm das Schnupftuch zog. Ich bildete mir also ein, er habe den Flecken gesehen und schlug die Augen nieder. Sein forschendes Schweigen brachte mich weit mehr außer Fassung, als seine Fragen, auf welche ich Antworten bereit hatte, vermocht hätten. Endlich sprach er mit feierlichem Tone: Julius! ich lese auf Deinem Gesichte... – Nein, Herr... – Ich lese, sage ich Dir... – Nein, Herr, es ist die Katze... unterbrach ich ihn.

Hier wechselte Herr Ratin die Farbe. Meine Antwort schien ihm im höchsten Grade alle denkbaren Grenzen der Ehrerbietigkeit zu übersteigen, und er begann bereits sich zu ereifern: da fielen seine Blicke auf den entsetzlichen Flecken. Dieser Anblick übte einen gewaltigen Schlag auf ihn, der in Wechselwirkung auf mich überging.

Jetzt war es Zeit, den Sturm zu beschwören. – Herr, als ich ausgegangen war... die Katze... um eine Feder zu kaufen... die Katze... weil ich den Schlüssel verloren... gestern beim Baden... die Katze... Je weiter ich sprach, desto heftiger wurde Herrn Ratins Blick, so daß ich ihn zuletzt nicht mehr ertragen konnte, ich wurde verwirrt und bekannte gleich von vornherein mein Vergehen. – Ich lüge... Herr Ratin... ich selbst habe das Unheil angerichtet!

Und nun entstand eine große Stille.


Wundere Dich nicht, sagte Herr Ratin endlich mit feierlicher Stimme, wenn das Uebermaß meines Unwillens die Gewalt desselben zusammenpreßt und seinen Ausbruch verzögert. Ja, es fehlen mir sogar die Worte, um auszusprechen... hier kam eine Fliege... ein Kitzel von Lachen durchzuckte mein Gesicht.

Es entstand aufs Neue ein tiefes Schweigen.

Endlich stand Herr Ratin auf. – Du wirst zwei Tage das Zimmer hüten, um über Deine Aufführung nachzudenken, unterdeß werde ich überlegen, welche Maßregeln ich in einem so ungewöhnlichen Falle zu treffen habe...

Damit ging Herr Ratin, schloß das Zimmer zu und nahm den Schlüssel mit.


Das offene Bekenntniß meiner Schuld hatte mich erleichtert, die Entfernung des Herrn Ratin ersparte mir die Scham; so schienen mir die ersten Augenblicke meiner Gefangenschaft eine wonnige Freiheit zu sein; ohne die Verbindlichkeit, zwei Tage lang an meinen Fehltritt zu denken, würde ich mich sehr gefreut haben, wie man es nach einem entscheidenden Augenblicke zu thun pflegt.

Ich ging also ans Bedenken, aber die Gedanken wollten mir nicht recht kommen. Als ich meinen Fehler so recht gründlich erkennen wollte, fand ich daran nichts übles als die Lüge, und die hatte ich ja augenblicklich durch mein Geständniß wieder gut gemacht; noch obendrein hatte ich dies aus freien Stücken gethan. Indessen der guten Ordnung willen bestrebte ich mich Reue zu empfinden, und als ich merkte, wie viel Mühe es mir machte wirklich dazu zu gelangen, begann ich zu fürchten, daß mein Herz wirklich schon sehr schlecht und verdorben sei, wie Herr Ratin behauptete, und ich faßte ganz zerknirscht den Entschluß, in Zukunft nicht mehr zu lachen.


Wie ich eben im besten Zuge war, kommt just der Pastetenmann über die Straße; es war dies seine Stunde. Natürlicherweise trat der Gedanke, Pasteten zu essen, sogleich vor meine Seele; ich machte mir jedoch ein Gewissen daraus, in einem Augenblicke, wo ich mich mit meiner Seele beschäftigen sollte, einem fleischlichen Gelüste nachzugeben. Also ließ ich den Burschen harren und schreien und blieb ruhig in meinem Stübchen sitzen.

Man muß aber so einen Pastetenmann kennen, um zu wissen, wie hartnäckig er seine Kunden verfolgt. Der meinige sah mich durchaus nicht, ließ sich aber dadurch nicht irre machen, sondern fuhr mit unverwüstlichem Vertrauen auf meine Leckerei fort zu rufen. Blos ein einziges Wörtchen setzte er seinen Pasteten noch hinzu, die dringende Mahnung: ganz frisch; aber dieser Zusatz brachte eine gewaltige Verwirrung in meine Moralität. Glücklicherweise ertappte ich mich noch und brachte alles wieder in Ordnung.


Um indeß den ehrenwerthen Handelsmann draußen nicht länger im Irrthum zu lassen und um seine kostbare Zeit zu bringen, trat ich an's Fenster, um ihm zu sagen, daß ich heute keinen Kuchen nehmen würde.

– Geschwind! rief er, ich hab's eilig... Ich hab' ja schon gesagt, daß er mehr Glauben an mich hatte als ich selber.

Nein, versetzte ich, ich habe kein Geld.

's thut nichts.

Und dann habe ich auch keinen Hunger!

Nicht wahr!

Und bin auch sehr beschäftigt.

D'rum schnell!

Ja, ich bin auch eingeschlossen.

Ach, Sie haben mich zum Besten, sprach er und nahm den Korb, als wolle er gehen.

Diese Bewegung übte einen wunderbaren Eindruck auf mich. – Halt, rief ich ihm zu.

Einige Augenblicke darauf wandelten zwei Pasteten.... ganz frische!... in einer Mütze, die kunstreich an einem Bindfaden befestigt war, in die Höhe.


Dummes Thier von Maikäfer, dachte ich und verzehrte meinen Kuchen, – hat vier Flügel zum Fliegen und fällt in ein Dintenfaß! Ohne diese unbegreifliche Dummheit hätte ich meine Aufgaben ruhig gemacht, wäre artig gewesen, Herr Ratin zufrieden und ich auch; keine Lüge, keine Einsperrung... Dummkopf von Maikäfer.

Ha! kein übler Gedanke das! Ich hatte den Sündenbock gefunden, dem ich einen nach dem andern alle meine Fehltritte auflud, und mein Gewissen nahm wieder eine glückliche Ruhe an. Nicht wenig, bilde ich mir ein, trug dazu bei, daß die Entrüstung des Herrn Ratin so stark gewesen war, um ganz und gar zu vergessen, mir Arbeiten aufzugeben. Ach! zwei Tage und keine Arbeiten!... Das war vielleicht unter allen Strafen mir die willkommenste!


Einmal mit meinem Gewissen abgefunden und zwei Festtage vor mir, wollte ich einige Veränderungen vornehmen, die mir zur Verschönerung meines Zimmers vorzüglich schienen. Die erste war, daß ich den Elzevir, das Wörterbuch und alle Bücher und Arbeitshefte aus dem Gesichte räumte. Als dies geschehen, empfand ich ein so herrliches als neues Gefühl, und es war, als hätte man mich von Banden befreit. In meiner Gefangenschaft also sollte ich zum ersten Male den ganzen Reiz der Freiheit kennen lernen.

Welch' herrliches Gefühl! Mit vollem Rechte schlafen, nichtsthun, träumen zu können... und dies in einem Alter, wo uns unsere eigene Gesellschaft so süß, unser Herz so reich an entzückenden Unterhaltungen, unser Geist in seinen Genüssen so leicht befriedigt ist; wo Luft, Himmel, Land, Mauern, Alles etwas hat, das zu uns spricht, uns bewegt; wo eine Akazie eine Welt, ein Maikäfer ein Kleinod ist! Ach! daß ich diese glücklichen Stunden nicht wieder zurückrufen, diese bezaubernde Lust nicht wiederfinden kann! Wie bleich ist heut' zu Tage die Sonne! Wie langweilig sind die Stunden, wie undankbar die Mußezeit!

Ich begegne meiner Feder alle Augenblicke über diesen Gedanken. Jedes Mal, wenn ich schreibe, drängt es mich, denselben auszusprechen; ich hab' es tausendmal gethan und werde es ferner thun. Umsonst hat das Glück mich geleitet, umsonst haben die Jahre mir jegliches seinen Zoll an Gütern gebracht, umsonst gehen die Tage rein und klar auf: diese Erinnerungen von einst verwischt nichts aus meinem Herzen. Je älter ich werde, desto jugendfrischer erscheinen sie mir und desto mehr find' ich eine Ursache schwermüthiger Betrübniß darin. Ich besitze mehr, als ich je begehrte, allein das Alter, wo man begehrt, sehne ich zurück: die wirklichen Güter erscheinen mir bei weitem nicht so genußreich, als die leere aber funkelnde Wolke, welche mich damals umhüllte und mich in stetem Freudenrausche erhielt.

Frische Maimorgen, blauer Himmel, lieblicher See, ich sehe euch noch, aber.... wo ist euer Glanz geblieben, was ist aus eurer Klarheit geworden, wo ist jener unbeschreibliche Zauber von Freude, Geheimniß, Hoffnung geblieben! Ihr gefallt meinen Augen, aber ihr füllet meine Seele nicht mehr; ich bleibe kalt bei eurem lachenden Entgegenkommen; um euch noch ferner zu lieben, bedarf's, daß ich in die Jahre zurücksteige, daß ich in eine Vergangenheit zurückfliehe, die nimmer wiederkehren wird! O Traurigkeit, o bitteres Gefühl!

Dies Gefühl findet man im Grunde aller Poesie, wenn es nicht die Hauptquelle derselben ist. Kein Poet lebt von der Gegenwart, alle sehnen sich zurück: ja mehr noch: durch die Täuschungen des Lebens zu jenen Erinnerungen hingezogen, werden sie darin verliebt; sie umkleiden dieselben mit einem Reize, den die Wirklichkeit nicht hatte, sie verwandeln ihr Sehnen in Schönheit, womit sie dieselben schmücken, und indem sie sich nach Herzensgelüst ein herrliches Traumbild schaffen, weinen sie, daß sie verloren, was sie nimmer besaßen.


In diesem Sinne ist die Jugend das Alter der Poesie, die Zeit, wo dieselbe ihre Schätze sammelt, nicht aber, wie Einige glauben, die, wo sie davon Gebrauch machen kann. Sie weiß nichts mit dem lautern Golde anzufangen, welches um sie herum gehäuft ist. Aber laßt die Zeit kommen und ihr Stück um Stück entreißen, dann fängt sie eben, indem sie derselben die Beute streitig macht, an zu begreifen, was sie besaß; aus dem Verluste erkennt sie ihren Reichthum, aus dem Schmerze die entschwundenen Freuden. Dann schwillt das Herz, die Einbildungskraft entflammt sich, der Gedanke reißt sich los und schwingt sich zu den Wolken... dann singt Virgil!


Doch was soll man zu jenen unbärtigen Poeten sagen, die in jenem Alter singen, wo, wenn sie wahrhaft Poeten waren, ihr ganzes Sein nicht zureichte, um zu empfinden, sich in der Stille an jenen Düften zu berauschen, die sie einzig und allein später in ihre Verse ausströmen können.

Es gibt frühreife Mathematiker, wie Pascal beweist; aber Poeten, nein. Ein sechzigjähriger Homer ist weit denkbarer als ein Lafontaine als Kind. Vor zwanzig Jahren können wol einzelne Schimmer durchbrechen, allein vor diesem Alter und noch drüber hinaus hat kein poetischer Genius seine Reife erreicht. Viele freilich strecken ihre Flügel weit eher aus: schwacher Aufflug, rascher Fall; dafür, daß sie zu zeitig den Flug unternahmen, liegen sie bald auf dem Boden. Zeitungen, Coterien, das ist euer Werk, hebt sie nun auch wieder auf!

Lafontaine verkannte sich sehr spät noch, vielleicht gar sein ganzes Leben; doch ist das nicht eben sein Geheimniß? Leset, ich bitte euch, seine Vorreden. Kann er's glauben, daß er ein besserer ist, als alle Welt? Und das ist keine Bescheidenheit; er hatte einzig und allein nicht Eitelkeit genug, um bescheiden zu sein; es ist einfache, ungekünstelte Natur, reine Gutmüthigkeit. Er singt, weil's ihm Vergnügen macht, nicht weil er sich den Beruf beilegt, nicht weil er's sich zur Aufgabe gemacht hat; er singt und von seinen Lippen fließt der Strom der Poesie.

Er war dumm, wie man weiß. Er überredete sich, daß Phädrus sein Meister wäre; er vergaß Ludwig den Großen zu loben; ohne daran zu denken, beleidigte er die Marquis und blieb deshalb ohne Unterstützungen. In der That, ein großer Tropf im Vergleich mit so vielen geistreichen Poeten!


Als ich Bücher und Hefte hatte verschwinden lassen, kam ich doch ein wenig in Verlegenheit, was denn nun beginnen? Indem ich darüber nachsann, ließ sich seitwärts im Zimmer ein Geräusch vernehmen. Ich sah durch's Schlüsselloch: es war die Katze aus der Nachbarschaft, welche mit einer ungeheuern Ratte Krieg führte.

Anfangs nahm ich Partei für die Katze, die zu meiner Freundschaft gehörte, und ich erkannte, daß der Beistand meiner Wünsche ihr nicht unnütz sein dürfe, denn schon war sie an der Schnauze verwundet und griff ihren beherzten Gegner nur noch zaghaft an. Als ich indeß einige Minuten lang dem Kampfe zugeschauet hatte, begann der Muth und die Gewandtheit der Schwächern angesichts eines so schrecklichen Feindes meine Theilnahme zu erregen, so daß ich beschloß, durchaus parteilos zu verharren.

Allein bald erfuhr ich, daß es gar schwer ist, parteilos zu bleiben, das heißt, gleichgiltig zwischen Katze und Ratte; zumal als ich bemerkte, daß Ratte und ich in Betreff der Elzevirs eines Sinnes waren. Traun! das Thier hatte sich in dasselbe Loch verschanzt, welches seine Zähne im Schooße eines dicken auf der Erde liegenden Folianten gegraben hatten. Ich beschloß die Ratte zu retten und that einen gewaltigen Fußtritt gegen die Thüre, um den Kater zu erschrecken; dies gelang mir so vortrefflich, daß das Schloß aufsprang und die Thür sich öffnete.


Es gab nichts mehr drinnen als den Folianten: der Feind verschwunden, von meinem Schützling keine Spur. Ich aber befand mich nichts desto weniger in bedenklicher Lage.

Dies Zimmer enthielt einen Theil der Bibliothek meines zur Zeit abwesenden Oheims; eine stäubige Rumpelkammer, ringsum mit alten Scharteken angefüllt. In der Mitte eine zerfallene Elektrisirmaschine und einige Kasten voll Mineralien, gegen das Fenster zu ein alterthümlicher Lehnstuhl. Der Bücher wegen hielt man dies Zimmer stets verschlossen, nämlich damit ich nicht hineingeriethe. Mußte Herr Ratin davon reden, so geschah's geheimnißvoll und wie von einem verrufenen Orte. Unter solchen Umständen kam der Zufall meiner Neugierde ausgezeichnet zu Hilfe.

Ich wollte Physik treiben, aber die Maschine ging nicht und ich machte mich über die Mineralogie; von hier aus gerieth ich auf den Folianten. Die Ratte hatte großartig darin gearbeitet; vom Titel las man nichts mehr als Dictio... Ein Dictionnaire! dachte ich, nun das Buch ist doch eben nicht gefährlich. Was für ein Wörterbuch?... Ich öffnete den Band. Oben auf der Seite stand der Name eines Frauenzimmers; darunter krauses Zeug mit Latein dazwischen; unten Anmerkungen. D'rin war von Liebe die Rede.

Auf den ersten Blick war ich sehr überrascht. In einem Wörterbuch! wer hätte das gedacht! Von Liebe in einem Wörterbuch! Ich konnte gar nicht davon abkommen. Die Folianten haben aber ihr Gewicht, ich ging also und setzte mich in den Lehnsessel neben das Fenster und kümmerte mich für den Augenblick nicht im mindesten um die prächtige Landschaft, welche der Fensterrahmen einschloß.

Der besagte Name war Heloise. Sie war eine Frau und schrieb Latein, sie war eine Aebtissin und hatte einen Liebhaber! Meine Gedanken verwirrten sich bei diesen sonderbaren Widersprüchen. Eine Frau und auf lateinisch lieben! Eine Aebtissin und einen Geliebten haben! Ich sah es ein, daß ich's mit einem abscheulich schlechten Buche zu thun hatte, und der Gedanke, daß ein Lexicon sich mit dergleichen Geschichten befassen könne, verringerte meine bisherige Achtung für diese Gattung gemeinlich so ehrsamer Bücher. Es war etwa, als wenn Herr Ratin, mein Lehrer, als wenn Mentor auf einmal anhübe den Wein und die Liebe, die Liebe und den Wein zu singen.

Indeß legte ich keineswegs das Buch bei Seite, wie ich hätte thun sollen, sondern im Gegentheil, von diesen ersten Angaben angezogen, las ich den Artikel, und immer mehr angezogen, las ich die Noten, las ich das Latein. Es gab wunderliche Dinge darin und mancherlei Rührendes, mancherlei Geheimnißvolles; aber ein Theil der Geschichte fehlte. Jetzt war ich nicht mehr für die Ratte, und es schien mir, daß die Sache der Katze in mancherlei Hinsicht weit eher Beistand verdiente.

In so verstümmelten Bänden ist just immer das Fehlende, was einem am wissenswürdigsten scheint. Die Lücken reizen die Neugierde weit mehr, als ganze Seiten sie zu stillen vermögen. Ich komme selten in die Versuchung einen Band zu lesen, aber ich mache die Düten immer auseinander, um sie zu lesen, und finde so, daß es weit weniger jammervoll für ein Buch ist, beim Krämer zu enden, als bei dem Buchhändler zu verkommen.


Heloise lebte im Mittelalter. Das ist eine Zeit, die ich mir voll Klöster, Zellen und Glocken denke, mit hübschen Nonnen und bärtigen Mönchen, waldigen Gegenden mit der Aussicht über Seen und Thäler, ein Bild, etwa wie von Pommiers und seiner Abtei am Fuße des Berges Salève. Ich kann mir einmal das Mittelalter nicht anders vorstellen.

Jenes Mädchen war die Nichte eines Canonicus, ein hübsches frommes Kind, in meinen Augen nicht minder reizend durch ihre angeborene Anmuth als durch das geistliche Gewand, in dem ich sie mir vorstellte. Ich hatte zu Chambéry die Schwestern vom Herzen Jesu gesehen und malte mir nach diesem Muster alle Nonnen, alle frommen Schwestern und wenn es Noth that, auch die Päpstin Johanna.

Zur Zeit da Heloise in der Stille tiefer Einsamkeit mit der züchtigen Anmuth, mit unbewußten Reizen aufblühete, sprach man allenthalben von nichts als von einem berühmten Gelehrten, Namens Abälard. Er war jung und weise, von unermeßlichem Wissen und durchdringendem Verstande. Sein Antlitz gewann eben so sehr als seine Worte, seine Schönheit kam seinem Ruhme gleich und vor seinem Namen erbleichten alle anderen. Abälard hielt in der Schule Streitreden über Fragen, die damals im Schwunge waren, und in diesen Wettkämpfen hatte er alle seine Gegner niedergeschmettert, vor den Augen der Menge, vor den Augen der Frauen, die sich auf die Bühne drängten, um die Reize des schönen Kämpfers zu schauen.

Unter dieser Menge befand sich die Nichte des Canonicus. Das Mädchen mit dem ausgezeichneten Geiste, mit dem glühenden Herzen horchte voll lebhafter Bewegung. Die Augen auf den Jüngling geheftet, verschlang sie seine Worte, begleitete sie seine Geberden, stritt sie mit ihm, siegte sie mit ihm und berauschte sich in seinen Triumphen, und ohne es zu wissen, sog sie in langen Zügen eine glühende, unverlöschbare Liebe ein. Sie glaubte, die Wissenschaft sei es, was sie liebe, und ihr Oheim, der nicht minder brannte ihre glücklichen Anlagen auszubilden, rief Abälard an ihre Seite, um sie zu leiten und zu unterweisen.... Glückliche Liebende! thörichter Canonicus!....

Hier begann die Arbeit der Ratte.


Ich schlug das Blatt um, ach, wie war alles so verändert!

Heloise hatte den Schleier genommen... Es ergriff mich tief, denn ich liebte sie, ich theilte ihren glücklichen Wahn, und schön, wie ich sie mir bereits gemalt, erschien sie mir jetzt in der Traurigkeit noch weit schöner, unter den alten Gewölben des Klosters Argenteuil weit jünger, in dem Schmerze, dem sie selbst am Fuße des Altars unterlag, weit rührender.... Das Buch erzählte das Alles in gothischem Style; von den alten Seiten wehete ein lebendiger Odem der entschwundenen Zeit und zu dem Reize lebhafter Eindrücke der Vergangenheit gesellte sich die jugendliche Frische meiner Empfindung.

Dort ins Kloster versteckt, strebte Heloise in Strömen frommer Zähren die noch helllodernde Flamme zu löschen: allein die Religion vermochte nicht dieses kranke Herz zu heilen, sie vermehrte nur die Qualen noch. Traurigkeit, bittre Reue, Gewissensbisse, eine unüberwindliche Liebe marterten die Tage der bleichen Klausnerin; die Augen netzten sich mit Thränen, sie beweinte den fernen Abälard, die Tage seines Ruhmes und ihres Glücks. Ein schuldiges, aber immer noch rührendes Weib! Eine schöne, liebevolle Sünderin, deren Leid diese ganze ferne Zeit mit poetischem Schimmer umstrahlt!....

»Abälard, übersetzte ich gerührt aus einem Briefe, in dem Heloise von dem Geliebten Kraft erfleht; Abälard, welche Kämpfe, um ein so verlornes Herz, wie das meine, zurückzubringen! Wie vielmal bereuen, um immer wieder zurückzufallen! überwinden, um sogleich wieder überwunden zu werden; abschwören, um wieder zu beginnen, mit neuem Rausche wieder zu ergreifen!«

»Glückselige Zeiten! Liebliche Erinnerungen, an ihnen scheitert meine Kraft, zerschellt mein Muth!.... Gar oft vergieße ich mit Wonnegefühl die Thränen der Reue, werfe mich vor dem Throne Gottes nieder und die siegbringende Gnade will herniedersteigen in mein Herz.... dann.... dein Bildniß erscheint mir, Abälard.... Ich will es verscheuchen, es verfolgt mich; es entreißt mich der Ruhe, zu der ich eben eingehen wollte; es stürzt mich auf's neue in jene Pein, die ich vergöttere, indem ich sie verabscheue.... Unbesieglicher Zauber! endloser Kampf ohne Sieg! Mag ich über den Gräbern weinen, oder in meiner Zelle beten, oder mag ich in der Nacht dieser Schattengänge umherirren, es ist da, immer da, dies Bild, das allein meinen Augen gefällt, das sie mit Thränen badet, das Angst und Gewissensbisse in meine Seele wirft!... Wenn ich heilige Hymnen singen höre und der Weihrauch in die Tempelwölbung steigt, wenn die Orgel mit ihren Tönen die heilige Stätte durchbraust, oder Schweigen darin herrscht.... ist es wieder da und nimmer fort, und unterbricht dies Schweigen, vernichtet die Pracht, es ruft mich, es reißt mich fort aus den Hallen! So bleibt deine Heloise inmitten der friedlichen Jungfrauen, die Gott in seiner Ruhe aufgenommen, allein eine Schuldige, von Stürmen umhergeschleudert, in einem Meer von glühenden, irdischen Leidenschaften untergehend.....«


Nachdem ich in dem mächtigen Reize dieser schwermüthigen Zeilen ausgeschwelgt hatte, wandte ich mich zu Abälard. Wo werde ich ihn wiederfinden? Ach! das Ungewitter hatte über seinem Haupte getobt; ihn, der vor kurzem so hell erglänzte, fand ich jetzt gefallen, verbannt, von Stätte zu Stätte fliehend und seine jammervollen Tage vor der Wuth des Neides und der Verfolgung flüchtend: die Frommen verriethen ihn, die Mönche gaben ihm Gift, die Concilien verbrannten seine Schriften.... Von Bitterkeit übermannt, verbarg er sich in eine Wildniß.

»In meinen glücklichen Tagen, schreibt er selbst, hatte ich einmal eine Einöde betreten, die den Sterblichen unbekannt war, der Wohnsitz wilder Thiere, wo keine Stimme ertönte, als das kreischende Geschrei der Raubvögel. Hierher flüchtete ich mich. Aus Schilfrohr bauete ich mir eine Klause und deckte sie mit Stroh, da suchte ich Heloise zu vergessen und trachtete Ruhe im Schooße Gottes zu finden...«

Hier, in der Einöde, die Abälard's Brief mir vor die Augen malte, machte ich eine Pause. Ich bewunderte die Seltsamkeit dieser alten Abenteuer, die leidenschaftliche Bewegung in Beider Leben, die poetische Vermengung von Liebe und Frömmigkeit, von Ruhm und Elend. Und, wie es zu geschehen pflegt, wenn das Herz hingerissen, die Einbildungskraft erhitzt ist – ich vergaß die Leiden der beiden Unglücklichen und dachte nur an ihre glühende, wechselseitige Liebe, um die ich sie beneidete.


Abälard betete in seiner wilden Freistätte. In der Welt vermißte man die Gewalt seiner Stimme, man beklagte sein Unglück, und das Gerücht seiner plötzlichen Flucht machte die allgemeine Aufmerksamkeit rege. Eifer und Freundschaft entdeckten endlich seine Spur, einige Pilgrimme, ehemalige Schüler, drangen bis zu ihm, und bald strömte die Menge, mit reichen Opfergaben beladen, den Pfad zur Einsiedelei entlang. Von diesen Geschenken hatte Abälard die stattliche Abtei Paraklet erbauet, auf derselben Stelle, wo eben noch die Strohklause sich erhob, als er erfuhr, daß die Mönche von St. Denis sich des Klosters Argenteuil bemächtigt und die Nonnen daraus vertrieben hatten. Da begab er sich seiner Zufluchtsstätte und rief seine theure Heloise hierher.

Die junge Aebtissin kam mit ihren Gefährtinnen. Abälard aber hatte sich bereits zurückgezogen und die Abtei St. Gildas de Ruys in dem Kirchsprengel von Vannes verbarg sein trauriges Dasein.

Diese Abtei erhebt sich auf einem Felsen, den die Wogen des Meeres unablässig peitschen. Kein Wald, keine Wiese ringsum; nichts als eine unendliche Ebene, wo aus unfruchtbarem Erdreich Steine umhergestreuet liegen. Die steilen Ufer mit nackten, zerrissenen Felsen bilden eine hellgraue Linie, die allein in den düstern Anblick der ganzen Gegend Abwechslung bringt. Von seiner Zelle aus sah der Einsiedler diese lange Linie in den Buchten verschwinden, an den Vorsprüngen wieder auftauchen, die fernen Gestade gürten und in den unermeßlichen Horizont sich verlieren.

Aber für Abälard war diese entsetzliche Oede nicht zu düster; seine Seele war weit mehr umdüstert. Jede Freude war hier erblichen, der Weihrauch des Ruhmes war verflogen und selbst Heloisens Bildniß haftete nur noch darin, um ein bitteres Leid, eine finstere Reue zu nähren. Doch in der Einsamkeit, welche kein Geräusch der Welt störte, wandte sich der gefeierte Büßer ohne Unterlaß zu sich selber und überschauete die Verirrungen seines Lebens; er erwog mit Muße die Eitelkeit des Ruhms, die Nichtigkeit irdischer Freuden, er überredete sich mehr und mehr von der Nichtigkeit der irdischen Dinge. Dann wendete er sich zu Heloisen, deren Unbußfertigkeit aus ihren glühenden Briefen redete, er fand den frommen Eifer wieder, ein heiliges Entsetzen erweckte seinen Muth, belebte seine erloschene Kraft aufs neue. Hier sehen wir diesen so großen als unglücklichen Mann die schwere Arbeit unternehmen, seine Seele zu läutern, die Bande zu brechen, die ihn noch an die Erde ketten, zu den himmlischen Höhen aufzustreben und seine Geliebte mit sich emporzureißen. Hier war es, wo er jenen berühmten Brief schrieb, in dem er, endlich Sieger in dem hartnäckigen Kampfe, seiner Heloise die hilfreiche Hand reicht, ihr Kraft einflößt, ihre Schritte unterstützt und durch den Staub des Grabes ihre Blicke das lebendige, tröstende Licht des Himmels schauen läßt.

»Heloise, schreibt er am Schlusse, ich werde dich auf Erden nicht wiedersehen, aber wenn der Ewige, in dessen Hand unsere Tage stehen, den Faden dieses unglückvollen Lebens zerschnitten, was allen Anzeichen nach vor dem Ende deiner Lebensbahn geschehen wird.... so bitte ich dich, wo ich auch verscheiden mag, nimm meinen Leichnam zu dir, laß ihn nach Paraklet bringen, damit ich neben dir beigesetzt werde. So, Heloise, werden wir nach so vielen Widerwärtigkeiten auf immer vereint sein, ohne Gefahr und ohne Frevel. Denn dann werden Furcht, Hoffnung, Erinnerung, Gewissenspein gleich dem verwehenden Staube schwinden, gleich dem Rauche, der in der Luft verdampft, und es wird keine Spur unserer früheren Verirrungen bleiben. Du selbst, Heloise, wirst durch das Anschauen meines Leichnams veranlaßt werden, in dich zu gehen und zu erkennen, wie thöricht es ist, in regelloser Leidenschaft ein wenig Staub, einen vergänglichen Körper, die schnöde Speise der Würmer, dem allmächtigen, unwandelbaren Gott vorzuziehen, der allein unsere Wünsche zu erfüllen und uns die ewige Glückseligkeit zu verleihen vermag!«


Lange hatte ich diese Geschichte geendet, ohne daß mein Geist sich ganz davon loszureißen vermochte. Das Buch auf den Knien, die Blicke auf die Landschaft gewendet, welche von den Gluthen der Abendsonne vergoldet wurde, befanden sich meine Gedanken in Paraklet, ich streifte um seine Mauern herum, ich sah in den düstern Laubgängen die trauernde Heloise, und ganz Gefühl für Abälard, betete ich mit ihm die unglücklich Liebende an. Diese Bilder verschmolzen alsbald mit den Gegenständen, die sich meinem Blicke darboten, so daß ich, ohne den alterthümlichen Sessel zu verlassen, mich in eine Glanz strahlende Welt versetzt fühlte, die von poetischen, reichen Gefühlen lebte und webte.

Aber außer dem Gelesenen, außer dem glühenden Abendnebel und dem glänzenden Schauspiele, welches das Dachfenster mir öffnete, mengten sich andere Eindrücke in meine Träumereien. Mitten in dem verworrenen Geräusch, welches in einer Stadt das Leben der Straßen bekundet, der Arbeit der Gewerke, dem Treiben am Hafen, trugen die Lüfte die fernen Töne einer Drehorgel sanft meinem Ohre zu. Durch den Reiz dieser fernen Melodie nahmen alle Gefühle ein stärkeres Leben, die Bilder einen mächtigern Eindruck, der Abend höhere Reinheit an. Eine unbekannte Frische durchwehete die ganze Schöpfung und meine Einbildung schwelgte in den azurnen Räumen und erquickte sich an dem Dufte von tausend Blumen, ohne bei einer zu verweilen.

Unmerklich hatte ich mich von Heloise entfernt, ich hatte ihren Schatten unter den alten Buchen, unter den gothischen Bogen verlassen, ich hatte über den Zeiten geschifft, und bald verlor ich die dunkelblauen Gipfel der Vergangenheit aus dem Gesichte und näherte mich bekannteren Ufern, verwandteren Tagen, näheren Wesen. Das Verstummen der Orgeltöne führte auch mich wieder in die Wirklichkeit, das dicke Buch, welches auf meinen Knien ruhte, war mir wieder gleichgültig geworden und ich stand, ohne etwas dabei zu denken, auf und trug es in sein Fach zurück...


Wie ist doch die Stunde, die den Erregungen folgt, so eintönig. Wie bitter ist die Rückkehr von den glänzenden Gebieten der Einbildung zu den undankbaren Gestaden der Wirklichkeit! Der Abend erschien mir düster, mein Gefängniß verhaßt, meine Muße eine Last.

Armes Kind, das du in diesem poetischen Hauche zu fühlen, zu lieben, zu leben hoffst und, unter deiner eigenen Anstrengung erliegend, zurücksinkst, wie bemitleide ich dich! viel Täuschungen erwarten dich, gar manchmal noch wird deine Seele, wie von süßem Rausche gehoben, sich von der Erde loszureißen suchen, um zu den Wolken zu schweben, aber allemal wird eine schwere Kette ihren Flug hemmen, bis sie endlich gebändigt, an's Joch gewöhnt, erlernt hat sich auf der Heerstraße des Lebens hinzuschleppen.

Glücklicherweise war ich in dieser Lage nicht; ohne die Wirklichkeit des Lebens zu verlassen, begegnete ich einem Wesen, auf welches mein Herz alle seine Empfindungen bezog und so ihren Reiz und ihre Dauer nach Gefallen verlängerte. Aus diesem Wesen verfehlte ich nicht, sogleich meine Heloise zu machen, aber nicht die unglückliche, sondern die zärtlich liebende, nicht die Sünderin, sondern eine reine, schöne, und ich richtete an sie, als wäre sie gegenwärtig gewesen, die lebhaftesten, leidenschaftlichsten Anreden...


Man sieht, ich war verliebt, ich war's seit acht Tagen, und seit sechs Tagen hatte ich den Gegenstand meiner Liebe nicht gesehen.

Wie es nun unglücklich Liebende machen: die ersten Tage wiegte ich mich in Hoffnungen, dann hatte ich Zerstreuungen gesucht, die mir aber, wie man gesehen hat, nicht zum besten gelungen waren. Hinterher war meine Gefangenschaft gekommen, und vom ersten Augenblicke dieses müßigen Lebens an war ich nicht im Stande gewesen, meine Liebe zu vergessen. Diesen Abend nun hatte die romantische Geschichte, die ich gelesen, meine Leidenschaft auf's Aeußerste angeregt, ich verzehrte mich in Sehnen, und meine Gedanken ergingen sich auf allerlei verzweifelten Wegen.

Man muß nämlich wissen, daß ich, wenn ich in die Dachkammer gelangte, die oberhalb der meinigen lag, meine Heißgeliebte sehen konnte!..... Sie befand sich allein zu dieser Stunde..... Das Dachfenster öffnete mir einen Weg, über die Dächer dahin zu gelangen.


Die Versuchung war unwiderstehlich und dies um so mehr, als ich mich seit einem Augenblicke bereits auf dem Dache befand. Ich setzte mich nieder, um Muth zu fassen und mich mit meinem Unternehmen vertraut zu machen, denn schon dieser Anfang seiner Ausführung versetzte mich in so große Aufregung, daß ich im Begriff war umzukehren. Für den Augenblick hatte ich nichts eiliger zu thun, als mich durchaus unsichtbar zu machen, indem ich mich auf das Dach legte.... Ich bemerkte Herrn Ratin unten in der Straße.


Sobald ich mich von diesem Donnerschlage etwas erholt, wagte ich es, den Kopf ein wenig in die Höhe zu heben, so daß ich über den Dachrand hinwegsehen konnte.... Keine Spur mehr von Herrn Ratin! Gewiß stieg er die Treppe herauf und ehe eine Minute verging, überraschte er mich auf meiner Reise in's Blaue. Ach! wie war ich zerknirscht, welche Gewissensbisse empfand ich. Wie leicht wurde mir die Reue, wie sehr erkannte ich die ungeheure Schuld meines Fehlers!.... Da sah ich Herrn Ratin wieder zum Vorschein kommen, weg waren Gewissensbisse und Angst, er schritt über die Straße fort, sich entfernend weiter.

Bald verlor ich ihn aus dem Gesichte; allein es wurde mir klar, daß ich auf dieser Stelle nicht bleiben konnte, ohne Gefahr zu laufen, daß man mich aus dem Fensterloche des Gefängnisses bemerke, in dessen Tiefe ich von meiner Höhe erschreckt hinabblickte. Ich machte mich also auf den Weg, um mir den Rest des Tages zu nutze zu machen, und mit wenigen Schritten war das von mir gesuchte Fenster erreicht. Es war offen....

Mein Herz pochte heftig, denn trotz der Gewißheit, die ich hatte, konnte ich mich nicht fest genug überreden, daß meine Heißgeliebte an diesem Orte allein wäre. Ich zauderte noch, da hörte ich plötzlich eine Stimme mir zurufen: Nur herein! fürchten Sie nicht, daß ich Sie verrathe, lieber junger Herr.

Es war die Stimme des Gefangenen. Beim ersten Worte verlor ich alle Geistesgegenwart, ich sprang mit raschem Satze in die Kammer, wo ich mich auf den Schultern einer schönen reichgekleideten Dame wiederfand, die mit mir zur Erde stürzte.


Ich kann nicht beschreiben, was im nächsten Augenblicke nach dem Sturze geschah, denn ich hatte alle Besinnung verloren. Das Erste was mir auffiel, als ich wieder zu mir kam, war, daß die Dame mit dem Gesicht gegen den Boden lag und weder Geschrei noch Vorwürfe hören ließ. Ich näherte mich halb kriechend und sagte zu ihr mit leiser, zaghafter Stimme: Madame!.... Keine Antwort... Madame!!!... Alles stumm.

Da befand ich mich nun in einer unseligen Geschichte. Eine achtbare Dame getödtet!... ein Schüler der Mörder! Mein Kritiker wird hier sagen, daß ich absichtlich übertreibe, um dem falschen, modernen Geschmacke zu huldigen. – Nur nicht so rasch geurtheilt, Kritikus. Die Dame war eine Gliederpuppe, ich befand mich in dem Arbeitszimmer eines Malers. Nun, klingt es anders, Kritikus?


Ich erhob mich zuerst selber und fing dann an die Dame aufzuheben. Ein einfältiges Lächeln umschwebte ihr zinnoberfarbiges Antlitz, obgleich die Nase sehr gelitten hatte. Ich besserte einigen Schaden aus, allein dies war ein zu kleiner Theil des Uebels, als daß ich mich lange dabei verweilt hätte.

Denn die Dame hatte mit der Nase an den Oelkrug gestoßen, dieser hatte das Gleichgewicht verloren, war umgefallen und hatte Pinsel, Farbenblasen, Palette herabgeworfen und Oel im Zimmer umhergeschüttet. Ich wollte dies ein wenig wieder in Ordnung bringen, allein wiederum war dieser Theil des Unglücks zu klein, als daß ich mich lange dabei aufgehalten hätte.

Denn der Oelkrug hatte im Fallen den Fuß einer erzdummen Staffelei erreicht, dieselbe hatte zu schwanken begonnen, war endlich umgefallen und hatte einen stattlichen Herrn, der an einem Nagel hing und unserm Treiben zusah, mitten auf der Brust gestreift. Der Nagel war seinem Herrn gefolgt, dieser der Staffelei und alle zusammen hatten sich über die Lampe gestürzt, die den Spiegel über dem Kamine zerschlug, indem sie ein Geschirr umwarf.

Die Verwüstung war erschrecklich, die Ueberschwemmung allgemein und die Dame lächelte immerfort.


In dem Drange dieser Ereignisse hatte meine Liebe ein wenig durch diese so heftigen, unerwarteten Unglücksfälle gelitten. Während ich so dastehe und über meine Lage nachdenke, will ich den Augenblick benutzen und erzählen, in wen ich verliebt war und wie ich es geworden.

Oberhalb meines Zimmers befand sich die Wohnung eines geschickten Portraitmalers. Dieser Maler besaß das große Talent, die Leute zu gleicher Zeit sprechend ähnlich und schön zu malen. Oh! welch' herrlicher Stand, wenn man's also versteht! Welch' wunderbarer Köder, woran sich Karpfen, Hechte, Kärpflein und sogar Ottern und Meerkälber fingen, und das aus freien Stücken und ohne sich über die Angel zu beklagen und dem Fischer noch obendrein dankbar!

Denkt an das Eitelkeits-Knötchen. Sobald man einmal wohlhäbig, reich geworden ist, ist es nicht einer der ersten Rathschläge, die man euch ertheilt, euer anziehendes, ganz eigenes und, um es mit einem Worte zu sagen, so liebenswürdiges Antlitz auf die Leinwand übertragen zu lassen; heißt es nicht, daß man diese Ueberraschung der Mutter, der Gemahlin, dem Oheim, der Tante schuldig sei? Und wenn die alle gestorben sind, heißt es dann nicht, man muß die Kunst ermuntern und einen armen Teufel verdienen lassen. Und wenn der arme Teufel reich ist, gibt es nicht tausend andere Vorwände?... eine Wand ausschmücken, ein passendes Gegenstück bekommen... Denn was will am Ende das Knötchen? Es will, daß ihr euch auf der Leinwand als hübsch, zierlich, geputzt, in feiner Wäsche, mit Glacéehandschuhen bewundert, es will vor allen Dingen, daß man euch so sehe, euch so bewundere, daß man daraus eure Züge, euern Reichthum, euern Adel, euer Talent, euer Zartgefühl, euern Geist, eure Feinheit, eure Wohlthätigkeit, eure gewählte Lektüre, euern edeln Geschmack und so viel andere vorzügliche Dinge bewundere, die aus euch ein ganz absonderliches Wesen machen, das mit tausend und einer vortrefflichen Eigenschaft begabt ist, die Fehler gar nicht einmal zu zählen, welche gleichfalls eben so viele Vortrefflichkeiten abgeben. Das alles will das Knötchen, und ist es da nicht zu verwundern, daß es euch im Namen des Vaters, der Mutter, der Gemahlin, der Kinder quält, euch malen und wieder malen und nochmals malen zu lassen? Ich würde mich übers Gegentheil weit eher wundern.

Die Kunst des Portraitirens ist also auf's genaueste mit der Lehre vom Knötchen verwandt und viele Maler sind, weil sie diese Grundsätze verkannten, im Hospital gestorben. Sie stellten den Hecht als Hecht, das Meerschweinchen eben als Meerschweinchen dar. Große Maler, schlechte Portraitisten. Die Leute sind nicht mehr zu ihnen gekommen und der Hunger hat sie aufgerieben.


Dieser Maler nun hatte alle vornehmen Gesichter zu konterfeien und es verging kein Tag, daß nicht stattliche Wagen kamen, ihre Herrschaft brachten und sie vor dem Hause erwarteten. Es war für mich ein herrlicher Zeitvertreib, die schönen Pferde zu betrachten, sie die Fliegen verscheuchen zu sehen, die Kutscher pfeifen oder mit der Peitsche klatschen zu hören. Außerdem war ich sicher, daß ich von denselben Personen, welche aus dem Wagen stiegen und deren Gesicht ich von meinem Fenster aus nicht sehen konnte, nach Verlauf von zwei oder drei Tagen mit aller Muße, so viel ich nur Lust hatte, die Züge betrachten konnte.

Der Maler hatte nämlich die Gewohnheit, zwischen den Sitzungen seine Gemälde draußen vor das Fenster an ein Paar dazu angebrachte Eisenstangen zu hängen, um sie der Sonne auszusetzen. Hingen sie einmal da, so brauchte ich nur die Augen aufzuschlagen und ich befand mich sogleich inmitten der allerschönsten Gesellschaft: Mylords und Barone, Herzoginnen und Marquisen, alle diese Leute hingen am Nagel und sahen sich an, und ich sah sie an, und wir sahen uns einander an.


Letzten Montag also war ich auf das Geräusch eines Wagens an meinen Posten geeilt. Es war eine glänzende Carosse, vier Pferde, ein prächtiges Geschirr, Diener in Livree. Der Wagen hielt und heraustrat ein schwacher Greis, dem zwei Diener ehrfurchtsvoll beisprangen. Ich merkte mir seinen kahlen Scheitel und sein Silberhaar, um ihn recht wieder zu erkennen, wenn er in die Galerie käme.

Als der Greis den Fuß auf die Erde gesetzt hatte, stieg eine junge Dame aus dem Wagen. Die beiden Diener zogen sich zurück, der Greis stützte sich auf den Arm des Mädchens und sie traten langsam in die Hausthür. Ein großer Wachtelhund folgte ihnen spielend.

Bei diesem Anblicke fühlte ich mich bewegt, nicht so sehr über den wahrhaft rührenden Anblick, ein junges schönes Mädchen als Stütze eines Greises zu sehen, sondern vornehmlich, weil die liebenswürdige Nymphe, die mit allem geschmückt war, was Anmuth und Schönheit noch zu erhöhen vermochte, mir, der ich so oft von zärtlichen Gedanken überkommen wurde, die Sterbliche zeigte, welche ich in unklaren Bildern träumte und die die unbestimmten Gefühle, die heißen Gluthen, die seit einiger Zeit mein Herz durchwogten, an sich fesselte.

Ein besonderer Umstand bei dieser jungen Person hatte mich mit unerwartetem Zauber gefesselt. Es war die große Einfachheit ihrer Kleidung. Bei so vielen Anzeichen von Reichthum sah ich an ihr nur einen einfachen Strohhut, ein weißes Gewand und dennoch so viel Herrlichkeit und Anmuth, daß es mir schien, ich würde, wenn ich sie allein in einsamen Gegenden und von aller Zuthat des Reichthums entblößt sähe, an ihrer Haltung, an ihrem Gange, an ihrem ganzen Wesen ihren Rang, ihren Reichthum und selbst die edle Hingebung erkennen müssen, womit sie sich den Huldigungen der jungen Männer zu entziehen suchte, um die Schritte eines Greises zu unterstützen.

Und dann, soll ich es nur sagen, ich war durch die Gesellschaft, die ich vor meinem Fenster sah, schon verwöhnt: Rang, Reichthum, Anmuth und guter Geschmack in Haltung und Tracht, alle diese Dinge hatten für mich einen unwiderstehlichen Reiz bekommen. Durch das Anschauen dieser Personen hatte ich alle Empfänglichkeit für das Gemeine, das Gewöhnliche, für meinen Stand und meines Gleichen verloren, und wenn schon ein junges Mädchen, in welchem Gewande sie auch erschienen wäre, mich lebhaft bewegt hätte, so mußte eine solche Erscheinung mich entflammen und zu maßloser Leidenschaft entzünden.

Dies blieb denn auch nicht aus und zwar in solchem Grade, daß ich plötzlich die heftigste Liebe zu dieser jungen Antigone fühlte. Uebrigens war meine Leidenschaft so rein und erhaben, daß ich nicht einmal daran dachte, mich zu fragen, ob sie nicht etwa eine jener Kalypsen sei, von denen Herr Ratin mir so viel geredet.


Diejenigen, welche glauben, daß eine Schülerliebe nicht lebhaft und hingebend genug sei, um hoffnungslos und ohne Ziel zu sein, täuschen sich sehr.

Solche Leute müssen niemals Schüler gewesen sein, oder sie waren Schüler, die sich vortrefflich auf Partikeln und bezügliche Fürwörter verstanden, Schüler von bewundernswerthem Gedächtniß, klugem Verstande, zahmem Herzen, regelrechtem Geiste, von gezügelter Einbildung und alle Jahre dreimal mit Prämien geschmückt.

Musterschüler, Muster nach Herrn Ratins Geschmacke, hoffnungsvolle Ratins der Zukunft. Sie sind heutzutage Minister, Advokaten, Krämer, Poeten, Lehrer, Tabakshändler und, wo sie sein mögen, mit Tabak beschäftigt oder auf der Kanzel, in ihrem Comptoir oder auf dem Parnassus, sie sind stets Musterminister, Musterkrämer, Musterpoeten, Muster, durch und durch Muster und nichts als Muster, weder mehr noch minder, und das ist doch schon ganz hübsch.

Meine Liebe sollte nicht so lebendig und hingebend gewesen sein, weil ich mir davon nichts als tolles Entzücken versprechen konnte; ich hätte für sie nicht Alles geopfert, selbst wenn ich nichts von ihr erwarten durfte? Ach! wie verrechnet man sich da! Für einen einzigen Blick des liebenswürdigen Mädchens hätte ich Herrn Ratin gegeben; für ein Lächeln hätte ich die vier Elzevire des Vatican in's Feuer geworfen.


Sie stiegen die Treppe herauf. Als sie vor meinem Zimmer vorüber waren, öffnete ich leise die Thür ein wenig; der Wachtelhund stürzte freudig, lustig, schmeichelnd herein in mein Zimmer.

Es war ein herrliches Thier! Außer der Schönheit und vorzüglichen Reinlichkeit seines wohlgeordneten Haares hatten Benehmen, Wesen und alle Geberden bei ihm etwas Elegantes und Liebenswürdiges, so daß ich den Unterschied unserer Naturen vergaß und ihn mit einem gewissen Neide anblickte, als einen Hund vornehmen Standes, als einen Hund, der mit hochstehenden Personen zu vertraut sei, um auf meine Achtungsbezeigungen nur etwas zu geben, vor allem als den Lieblingshund jenes schönen Fräuleins, für das ich – nichts war. An dem Namen, der auf das Halsband gegraben war, fand ich meine Vermuthung bestätigt, daß sie Engländerin sei.


Als der Hund fort war, hatte ich nichts besseres zu thun, als an das zu denken, was über mir vorging. Um etwas von dem Gespräche zu erlauschen, näherte ich mich leise dem Fenster. Der Maler und der Greis sprachen miteinander, aber das Mädchen blieb still.

Sie bekommen da ein trauriges Gesicht zu malen, mein Herr! sagte der Greis, und da die Copie bestimmt ist, sehr bald das Original zu überleben, so wäre es recht gut, wenn Sie so wenig als möglich Trauriges hineinlegten, denn ich möchte meinen Enkeln nicht gern zum Schreckbilde dienen. Gewiß, fuhr er mit sanftem Lächeln fort, es ist keine Eitelkeit, daß ich mich in dem Alter und Zustande, worin ich mich befinde, malen lasse, und ich glaube, daß viele Ihrer Kunden einen geeigneteren Zeitpunkt wählen.

Nicht immer, mein Herr, versetzte der Maler, ein so ehrwürdiges Antlitz als das Ihrige trifft man vielleicht weit seltener, als die Frische und Jugend selber.

Eine Schmeichelei, mein Herr, die ich annehme. Ich hab' nicht mehr viel Zeit, deren zu hören.... Lucy, ich mache dich traurig; aber, liebes Kind, kannst Du der Zukunft nicht eben so ruhig entgegensehen, wie Dein Vater; ich bitte Dich, wer wird, wenn wir uns trennen, am meisten verlieren? Ich rufe den Herrn hier als Richter auf....

Verzeihen Sie, mein Herr, es scheint mir, wie dem Fräulein, daß eine Trennung für beide Theile zu betrübend ist, als daß es nicht besser wäre, den Blick davon abzuwenden.

Das ist's ja eben, was ich Schwäche nenne, und davon wollte ich meine Tochter heilen. Ich entschuldige diese Schwäche, wenn es sich um Schläge handelt, welche erlaubte Hoffnungen vernichten, die Jugend in ihrer Blüthe treffen und ihr die schönen Jahre, die sie zu erreichen glaubte, entreißen. Aber wenn der Tod uns am vorausgesehenen Ziele unsers Lebens erreicht.... wenn er dem Schlafe gleicht, der den Mühen eines arbeitsvollen Tages folgt.... wenn ein Vater bis zum letzten Augenblicke in der Liebe einer theuern Tochter glücklich war und nichts mehr begehrt, als in ihren Armen zu entschlummern.... ist denn dies Bild so traurig, daß man die Augen abwenden muß, daß man solche Kraft bedarf, um den Anblick zu ertragen?.... Lucy, warum diese Thränen? komm, komm, mein Kind, sei wie ich.... und unsere Tage werden heiter sein und wir ihrer Lust bis zum letzten Augenblicke uns erfreuen... und jenes Unglück, das lange nicht so groß erscheint, wenn man ihm in's Angesicht schauen kann, wird nicht durch alles das vergrößert werden, was die Einbildung, blinde Furcht, vergebliches Widerstreben Unseliges und Schreckliches hinzuthun.... Verzeihung, mein Herr, setzte er hinzu, das ist mein ewiger Streit mit meiner Lucy und wenn das Portrait mich nicht auf diese Gedanken gebracht hätte, so würde ich mir die Freiheit nicht genommen haben, die Feindseligkeiten hier zu erneuern.

Voll Entzücken hörte ich diese Worte, die mich von den gesammten Verhältnissen unterrichteten und mir das Mädchen mit einem Zuge von Schwermuth und kindlicher Liebe verschönten. Wie, dachte ich, diese stolzen Rosse, diese stattlichen Diener, solch' prächtige Carosse, all' dieser Reichthum, all' diese Gegenstände der Lust oder Eitelkeit – und die Königin von all' den Dingen, die Augen voll Thränen und bekümmert, daß sie sich nicht für immer ihrem alten Vater weihen kann!


Denselben Tag noch kam das Bildnis in die Galerie. Es war ein einfacher Entwurf, in dem ich ohne Mühe den edeln Greis erkannte. Er nahm die linke Seite des Gemäldes ein; zur Rechten war ein großer Raum leer gelassen, der, meiner Meinung nach, einen schlechten Eindruck hervorbrachte.

Als aber bei der zweiten Sitzung das Gemälde aus der Galerie zurückgeholt wurde, obgleich diesmal die junge Miß allein gekommen war, wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß der leere Raum für sie bestimmt sei und ich endlich ihre Züge würde betrachten können.

Sie haben mir versprochen, mein Fräulein, sagte der Maler, mir seine Zeichnung des Theils Ihres Parks mitzubringen, in welchen Ihr Herr Vater sich versetzt zu sehen wünscht.

Ich habe daran gedacht, mein Herr, versetzte sie; die Zeichnung ist im Wagen. Sie trat an's Fenster: John, bring me my album if you please.... Aber da sehe ich, daß John nicht mehr da ist, fügte sie lächelnd hinzu.

In der That, ihre Leute hatten einen armen Teufel bei den Pferden gelassen und sich in irgend ein benachbartes Kaffeehaus begeben. Ich werde hinabeilen, sagte der Maler.... Allein ich war ihm schon zuvorgekommen und stieg bereits die Treppe wieder hinauf, wobei ich meine Lippen auf das Album der jungen Miß drückte. Ich hoffte bis an die Thür des Arbeitszimmers zu dringen und dort ihr Angesicht zu erspähen; allein unterwegs begegnete mir der Maler. Schönen Dank! Sie sind wahrlich der wackerste Knabe, den ich gesehen. Und er nahm mir das Buch aus der Hand.


Ich kehrte ruhiger auf meinen Posten zurück als ich ihn verlassen hatte, und dazu hatte ich keinen Grund, denn es waren mir Worte entgangen, deren jedes von unsäglichem Werthe war.

.... Das artige Kind! Er versteht also Englisch. – Sehr gut. Er dient mir gewöhnlich als Dolmetscher bei Ihren Landsleuten.... Ein liebenswürdiger junger Mensch! Es ist schade, daß er nicht Künstler werden soll, wozu seine Neigung und seine Talente ihn ziehen...

Der Maler hielt inne und stand auf: Ich will Ihnen etwas zeigen... Hier! eine Skizze, die er einmal hier am Fenster machte.... der See, ein Theil des Gefängnisses.... der schlechte Hut, der auf die Straße herabhängt, um Almosen zu sammeln, deutet auf die Anwesenheit eines armen Gefangenen, für den diese herrliche Natur unsichtbar ist.

Ein reizendes Bild! sagte sie, und voll Gefühl..... Aber warum einer Neigung widerstreben, die sich so entschieden äußert?

Es sind die Vormünder, die wollen, daß er Rechtsgelehrter werde.

Seine Vormünder... Ist er denn verwaiset?

Schon lange. Er hat nur noch einen alten Oheim, der sich um seine Erziehung kümmert.

Armes Kind! sagte die junge Engländerin mit einem Ausdruck voller Mitleid.


Diese Worte berauschten mich. Sie hatte mich bedauert; Grund genug, daß ich stolz war, eine Waise zu sein, daß mein größtes Unglück sich mir in Glück verwandelte.

O! wie gern hätte ich ihre Gedanken auf meiner Person weilen sehen! Doch statt dieses höchsten Glücks nahm das Gespräch eine andere Wendung und ich erfuhr aus einigen Worten, daß sie in acht Tagen nach England zurückkehren würde. Was soll dann aus mir, Herrn Ratin gegenüber, werden! Ich war trostlos.

England! reizendes Land, zu dem die Schiffe ziehen; frische Ufer, schattige Parke, wo die jungen Miß mit ihrer Schwermuth sich ergehen. Hier ist alles ohne Reiz; hier ist nichts liebenswerth. Und ich sah gleichgültig auf den See.

Wenn sie sich entfernen wird, wenn andere Gegenden sie ziehen sehen!.... wenn zur Mittagsstunde sie auf staubigen Straßen reist und den Blick auf das Grün der Bäume, der Wiesen schweifen läßt!.... daß ich doch auf diesen Wiesen, unter diesen Bäumen wäre!... Junge Miß, Du fliehst?..... daß ich nicht vor den Rossen bin, in Gefahr von ihnen zertreten zu werden. Ich würde sie in Furcht sehen, sie würde Mitleid mit mir haben! Und ich bildete mir ein, daß ohne ihr Mitleid es sich nicht der Mühe lohne zu leben.


Die Sitzung war zu Ende. Ganz in meinen Gedanken versunken, erwartete ich mit ungeduldiger Begierde, daß das Bild in die Galerie käme; aber es wurde Abend und es erschien nicht, und die nächsten Tage vergingen in der nämlichen unbefriedigten Erwartung. Da geschah es, daß ich einmal, bis an das Dachfenster gekommen, nun der Versuchung nicht widerstehen konnte, bis in das Malerzimmer selbst zu dringen, um die Züge derjenigen zu betrachten, die in meinem Herzen thronte. Der Leser weiß, welches Misgeschick daraus entstand und wie ich stehen geblieben war in meinen Träumen inmitten der allerschönsten Unordnung. Ich will nun weiter erzählen.

Diesmal hatte ich die allerklarste Empfindung meiner vollständigsten Vernichtung. Schon die böse Lüge und das Elzevir-Verbrechen, dann noch eine Thür eingerannt, verbotene Bücher gelesen, aus meinem Gefängniß entschlüpft, über die Dächer geschlichen, Verwirrung und Verwüstung in eine Werkstätte gebracht, eine Gliederpuppe umgeworfen, ein Gemälde durchlöchert!.... Entsetzliche Kette von Verbrechen, deren erstes Glied, nämlich das tolle Lachen, Herr Ratin in Händen hatte.

Was thun? Wieder ordnen, den Schaden gut machen, alles in Ordnung bringen? Unmöglich; des Uebels war zu viel. Eine Geschichte ersinnen? Diesen Augenblick hatte ich bei Gelegenheit des Maikäfers gefunden, daß es nicht so leicht sei. Bekennen? um alles in der Welt nicht! denn da hätte ich gestehen müssen, daß ich verliebt war, und bei dem bloßen Verdacht einer solchen Unsittlichkeit sah ich Herrn Ratins Gesicht sich über und über röthen und einen einzigen Blick von ihm mich vernichten.