Rudolf Haas

Der Volksbeglücker

Der Volksbeglücker

Von
Rudolf Haas

Drittes bis zehntes Tausend


L. Staackmann, Verlag, Leipzig
1920

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1910 by Axel Juncker in Berlin-Charlottenburg

Druck von C. Grumbach in Leipzig

Dem Prager Dichter
Friedrich Adler,
meinem langjährigen Freunde,
dankbar zu eigen.

[Erstes Buch]

1.

Das niedrige Bergland, das Westböhmen von Bayern scheidet, ist eine liebe, warme Erikagegend, die im Sommer schamhaft errötet, wenn sie sich hüllenlos in ihrer unberührten jungfräulichen Schönheit dem glücklichen Entdecker nach langem Sträuben endlich preisgeben muß.

Und er entdeckte und liebte diese frische, keusche Art, der hager aufgeschossene Junge, der jeden Nachmittag, wenn die Mittelschüler, vom Unterricht erlöst, den sechstausend Insassen von Neuberg die Ohren voll lärmten, durch die winkeligen Kleinstadtgassen in den lachenden Sommer hinauslief, immer denselben Weg, den Hügel hinauf und am Kamm fort auf schmalen Feldrainen, wo der wilde Quendel blühte und die blauen Glockenblumen, bis er endlich mitten darin war in der roten Erika. Stundenlang konnte er dann dort oben liegen, versunken in dem leuchtenden, bienendurchsummten Teppich, und in die helle, silbern flimmernde Luft blicken. Soweit er schaute, war nichts als der klare endlose Luftraum, und nur ganz nahe, dicht vor ihm, standen die verästelten Blütenbüschel rosenrot vor dem blauen Hintergrund.

Die sonnenweite Unendlichkeit des Sommers war um ihn, und er fühlte sich wie losgelöst von allem, was mit ihm und neben ihm lebte. Und in seiner Seele erwachten die uralten Fragen nach dem Woher und Warum, sein achtzehnjähriges Jünglingsgemüt fragte nach dem Zweck dessen, was nie einen Zweck hatte, suchte Regel und Plan in dem, was planlos und regellos entstanden war, wollte einheitliche schöpferische Ordnung in dem Wirrwarr finden, der sich unbewußt gebildet hatte, wie er sich bilden mußte nach den starren, toten Gesetzen von Urbeginn. Und gegen den Kindersinn, der blindlings glaubt und mit ganzer Seele etwas glaubend fassen will, drang der reifende Verstand des Jünglings an, der Tatsachen und Beweise für den Glauben forderte. Es ist das ein schwerer Kampf, der meist in stillen Nächten und verschwiegener Einsamkeit durchgefochten, langsam heilende Wunden und dauernde Narben zurückläßt. Glücklich, wer in diesen Tagen einen verständnisvollen Vater zur Seite hat, der ihn unmerklich und dennoch sicher aus dem Wirrsal leitet.

Fritz Hellwig hatte solches Glück nicht. Sein Vater, ein Volksschullehrer, war schon vor vielen Jahren gestorben, und unter der ziellosen Leitung einer überzärtlichen Mutter, die den einzigen Sohn beständig mit dem lauen Badewasser einer weichlichen Liebe umplätscherte, wuchs er zum verschlossenen Träumer heran. Während seine Altersgenossen Trapper und Indianer spielten, den Tomahawk schwangen und an ihren Lagerfeuern gestohlene Erdäpfel brieten, lag er im Heidekraut oder saß er in einer dämmrigen Zimmerecke und füllte die Stube mit Traumgestalten, mit Feen, Zwergen und blonden Königstöchtern. Deswegen litt er auch mehr als sonst einer darunter, als von der flimmernden Märchenpracht Stück für Stück der trügerische Flitter abfiel und der nüchternen, trostlos grauen Wirklichkeit Platz machen mußte. Und als er mit den zunehmenden Jahren nicht mehr im unklaren über seine Entstehung bleiben konnte und als er aus den unreif-rohen Zoten der Mitschüler den Sachverhalt zu ahnen begann, kam ihm das wie eine Entweihung seiner Mutter vor. Er schloß sich noch ängstlicher ab und haderte mit der Welt und grollte seiner Mutter, weil sie ihm Lügen vorgesagt, deren Verlust jetzt so weh tat. Aber mit niemandem sprach er darüber, hatte keinen Vertrauten und war zu stolz und zu scheu, um einen Menschen in seine Seele blicken zu lassen. Deswegen hielten ihn viele für eigensinnig oder hochmütig. Die weinerliche Lehrerswitwe aber, für die es seit dem frühen Tode ihres Mannes im Leben keine ungetrübte Freude mehr gab, konnte nur zanken oder seufzend den Kopf in die ausgearbeitete Küchenhand stützen, und ließ im übrigen ihren dickschädeligen Jungen unbedingt gewähren.

Auch damals, als er ihr kurz eröffnete, daß er an den Sonntagen nicht mehr in den Gottesdienst gehen werde. Erst schlug sie zwar die Hände zusammen und wollte den Grund wissen und was Pater Romanus dazu sagen werde. Denn sie war sehr fromm und fand den sanftesten Trost in der frohen Aussicht auf eine Wiedervereinigung mit ihrem seligen Gatten, indes die leiblichen Reste des unaufhörlich Betrauerten schon längst in alle Winde verweht waren mit den kühlen weißen Blumenblättern des Rosenstämmleins, das aus seinem Grabe Nahrung sog zu einem gedeihlichen Wachstum und fröhlichen Blütentreiben. Daran dachte die einfache Frau jedoch nicht. Sie glaubte nur den Worten der Sachwalter Gottes auf Erden und hegte eine grenzenlose Verehrung eben für jenen Jesuitenpriester Romanus, dem die jungen Seelen der Neuberger Lateinschüler in Obsorge gegeben waren. Der war von knochiger Länge und bleicher, fast krankhafter Gesichtsfarbe, aber seine wandlungsfähige Stimme hatte einen tiefen Orgelklang, wie man ihn von solcher Stärke in dem kaum gewölbten Brustkasten niemals vermutet hätte, und da er überdies stets den richtigen Ton zu treffen wußte, ebenso sanft und süß wie grimmig, hart und leidenschaftlich sein konnte, war es kein Wunder, daß er als Kanzelredner starken Zulauf hatte. Auch war er zu christlichem Beistand jederzeit gern erbötig, selbst wenn er nicht darum angegangen wurde, war dann je nach Bedarf milde, salbungsvoll, gütig, entrüstet oder ein zorniger Eiferer und hielt für schmerzhafte Verletzungen und verwickelte Zustände der Seele erbauliche Worte und heilsame Bibelsprüche bereit wie ein Apotheker seine Salben und Pflaster, nur daß er seinen Kunden kein Geld, sondern lediglich die Beichte abverlangte. Doch nahm er diese ins Ohr geflüsterten Verfehlungen als vollgültiges Zahlungsmittel, und wenn es ihm gelungen war, einen besonders feisten Sündenbraten aufzugabeln, dann saß er mit niedergeschlagenen Augen und geneigtem Ohr ohne Regung im Beichtstuhl. Nur seine Hände bewegten sich, als zählte er Sünde zu Sünde wie ein Hausherr am Zinstag seine Taler.

Wie so manche Mutter oder Kostfrau der hoffnungsvollen Gymnasiasten von Neuberg war auch Frau Hellwig eine eifrige Besucherin dieser Offizin, weshalb sie ihren großen Jungen, der mir nichts, dir nichts auf die Segnungen der Messe verzichten wollte, auch sofort an den Religionsprofessor erinnerte. Fritz hatte jedoch auf diese Erinnerung und auf alle ihre Fragen und Vorstellungen diesmal nur die trotzige Antwort, er gehe nicht. Denn er scheute sich, die gottesfürchtige Frau in ihren teuersten Empfindungen zu verletzen mit dem Bekenntnis, daß er den Glauben verloren habe. Für eine Mutter ihres Schlages konnte es ja kein größeres Unglück geben als ein gott- und glaubenloses Kind. Sie ahnte freilich den eigentlichen Beweggrund. Aber viel zu wehleidig, sich ihn einzugestehen, fand sie sich mit dem spiegelfechterischen Gedanken ab, daß ihr Trotzkopf von Sohn nur irgendwie gegen den Religionslehrer aufmucken wollte. So trieb sie’s wie der Vogel Strauß und war leidlich beruhigt dabei.

Aus dem eigenmächtigen Fernbleiben von den religiösen Übungen erwuchsen Hellwig übrigens fürs erste keinerlei Verdrießlichkeiten. Denn Pater Romanus übte in den oberen Klassen keine Überwachung durch Namenaufruf, sondern fragte lediglich ein paarmal im Jahre seine Schüler, ob sie auch stets der Sonntagsmesse beiwohnten. Wer gefehlt habe, solle sich melden. Durch dieses Vorgehen wollte er dartun, daß keine Spur von Mißtrauen gegen die Wahrheitsliebe seiner Zöglinge in ihm sei. Doch hatte er eine eigene Überwachung auch gar nicht nötig, da seine zahlreichen Verehrerinnen eine solche aufs trefflichste besorgten, indem sie bald klagend bald Hilfe heischend ihren Beichtiger hinsichtlich des Verhaltens seiner Schüler fortwährend auf dem laufenden hielten. Das wußten die schlauen Jungen ganz gut und hüteten sich, ohne triftigen Entschuldigungsgrund eine vorgeschriebene Andachtsübung zu versäumen. Auf Hellwig, dessen Mutter mindestens einmal im Monat beichten ging, hatte Pater Romanus schon längst ein scharfes Auge, weil hier wieder einmal ein Schäflein vom rechten Weg abirren wollte. Aber er hielt die Zeit seines Einschreitens noch nicht für gekommen.

Die übrigen Professoren, außer einem, hatten den stillen Jüngling gern, der stets aufmerksam und in sich gekehrt dasaß, keinen Sittenpunkt in ihren Katalogen aufwies und mit zähem Fleiß seinen Platz unter den mittelmäßigen Schülern behauptete. Sie schätzten seine gründliche Arbeit, und sogar dem Klassenersten Otto Pichler wurde er manchmal als Muster hingestellt.

Der war das gerade Gegenteil von Hellwig, lachte sich, ein kecker Draufgänger, in alle Herzen hinein, stieg unverfroren den Backfischen nach und rauchte heimlich seine Pfeife. Er lernte leicht und mühelos, war ein ebenso guter Turner wie Rechner, Schlittschuhläufer wie Lateiner und hielt sich, über alle Tiefen wegtänzelnd, mit prächtigem Leichtsinn immer an der Oberfläche des Lebens. Seine Mitschüler räumten ihm wie selbstverständlich eine führende Stellung ein, für die kleineren Studenten war er ein bewunderter Halbgott und in dem unschuldigen Tagebuch mancher Fünfzehnjährigen prangte sein Name als der des endlich gefundenen Ideals. Seine frischroten Wangen und der anziehende Gegensatz, in dem die lustigen Blauaugen zu den dunkelbraunen Locken standen, konnten hier unmöglich ihre Wirkung verfehlen.

Nur Fritz kümmerte sich nicht um ihn, wie er sich überhaupt um niemanden scherte. Aber gerade dieses verschlossene Wesen reizte den sieggewohnten Pichler, auf dessen Freundschaft viele stolz waren, und in mannigfacher Weise suchte er, sich ihm zu nähern.

Da sah er eines Tages — eine sehr langweilige Unterrichtsstunde war eben zu Ende —, wie Hellwig das Lesebuch, das er in seiner Freude über die Erlösung ungestüm zugeklappt hatte, hastig wieder öffnete und trübselig einen schmierigen Fleck auf den bedruckten Blättern betrachtete. Neugierig blickte Otto ebenfalls hin und erkannte deutlich die Überreste einer Fliege, die sich auf irgendeine Weise in das Buch verirrt und durch das Zuschlagen den Tod gefunden hatte. Fritz aber zog mit dem Bleistift einen Kreis um die schmutzige Stelle und schrieb darunter: ‚Zur Erinnerung! Hier habe ich ohne Absicht ein Leben vernichtet.‘

Pichler war mit seinem Spott sonst gleich bei der Hand. Aber während er diesem Treiben zusah, kam ihm zugleich mit einer an Rührung streifenden Gemütsbewegung heftiger als je der Wunsch, Fritz zum Freund zu gewinnen.

An diesem Nachmittage folgte er ihm daher heimlich und fand ihn in der Erikaeinsamkeit. Mit einer sonderbaren Frage weckte er den Träumer aus seiner Versunkenheit.

„Hellwig, tut dir nicht auch die schöne Erika leid?“ fragte er.

Der Angeredete schrak zusammen, sprang auf und blickte den als Spötter bekannten Pichler unsicher an.

„Ist es denn nicht auch Unrecht, Pflanzen zu zerquetschen?“ fuhr dieser fort.

Eine jähe Röte färbte Hellwigs Wangen. Ganz verlegen stand er da und fürchtete das Ausgelachtwerden. Als Pichler jedoch ernst blieb und ihm mit einem herzlichen Blick die Hand entgegenstreckte, schlug er zögernd ein.

Auf solche Weise erreichte der braunlockige Schwerenöter seine Absicht und kam in ein engeres Verhältnis zu Fritz. Es hatte sogar den Anschein, als könnte sich dieses zu einer regelrechten Jugendfreundschaft entwickeln. So gut schienen die Auffassungen der beiden zusammenzustimmen. Im letzten Grunde hatte indes Otto selbständige Ansichten überhaupt nicht. Um sich zu solchen durchzuringen, war er viel zu bequem und viel zu seicht. Sein ungemein geschmeidiger Geist ermöglichte es ihm jedoch, sich überall zurechtzufinden und fremde Meinungen skrupellos zu den seinen zu machen, insofern dieselben für ihn neu oder überraschend und geeignet waren, ihren Verfechter in ein auffallendes Licht zu rücken.

Für Hellwigs Entschluß, den Religionsübungen fern zu bleiben, war er sogleich Feuer und Flamme. Als dieser ihm zu bedenken gab, daß er selbstverständlich auch alle Folgen tragen und sich insbesondere bei der nächsten Umfrage des Paters Romanus freiwillig melden müßte, stutzte er zwar einen Augenblick, fand aber dann diesen Gedanken großartig und schwor, daß er durch dick und dünn mithalten werde. Aber Freunde müßten sie werden, denn Arm in Arm mit Hellwig fordere er sein Jahrhundert in die Schranken. Bei diesen Worten warf er sich leidenschaftlich an die Brust des Kameraden, und sie gelobten einander mit Handschlag, nie zu lügen.

Seither unternahmen sie gemeinsame Spaziergänge oder kamen bei schlechtem Wetter in Hellwigs Zimmer zusammen. Dieses war zugleich die gute Stube der Lehrerswitwe, die darin ihre besten Möbelstücke aufgestellt hatte: einen Glaskasten, angefüllt mit goldbemalten Porzellantassen, Tellern, Zinnkrügen und einem Kruzifix unter gläserner Glocke, eine vielfächerige Kommode, einen eirunden Salontisch sowie sechs Polsterstühle, die unter ihren weißen Leinenschutzhüllen aussahen wie kopflose Damen in Frisiermänteln. In diesem Durcheinander, das jedoch von den reinlichen Fenstervorhängen, den geflickten Tischläufern und den gehäkelten Deckchen bis hinab zum Fußboden peinlich sauber gehalten war, konnten die beiden Jünglinge ungestört ihre Meinungen austauschen. Denn Frau Hellwig hielt sich gewöhnlich in der Küche auf, wo sie auch schlief, und erschien nur im Zimmer, um eine Kanne Kaffee nebst einem Scheiterhaufen von Butterbroten oder Kuchenstücken hereinzubringen. Dann blieb sie ein Weilchen, lächelte gutmütig zu Ottos Witzen und lobte ihn, daß er ihrem Traumhans von Jungen den Hang zum Alleinsein ausgetrieben habe. Dafür erwies sie sich auch dankbar, und seit sie erfahren hatte, daß Otto der Sohn eines mit acht Kindern gesegneten Dorfküsters und arm wie eine Maus in dessen Kirche sei, konnte sie’s nicht unterlassen, ihm beim Weggehen jedesmal etwas zuzustecken, Kuchen, Äpfel oder ein Stück vom Sonntagsbraten, obwohl sie’s wirklich nicht zum Hinauswerfen hatte. Sie mußte im Gegenteil trotz einem Kalkulator rechnen und einteilen, um ihrem Sohne nebst einer anständigen Lebensführung das Studieren zu ermöglichen. Aber sie war glücklich, wenn sie jemanden bemuttern konnte, und sagte Pichlern auch, er solle ihr nur seine schmutzige Wäsche bringen, sie werde sie ihm rein machen, bügeln und flicken, das gehe mit der ihres Jungen in einem hin.

„Deine Alte ist wirklich ideal!“ versicherte Otto des öftern, während sie vor den dampfenden Tassen saßen und die Abtragung des Scheiterhaufens in Angriff nahmen. Dann kamen sie wieder ins Reden und ereiferten sich mit glühenden Köpfen und vollen Backen über Philosophie, Religion und Volkserziehung, während sie die Hände unablässig nach den gefüllten Tellern streckten, bis der letzte Bissen vertilgt war. —

Da geschah es, daß Pater Romanus in der obersten Klasse wieder einmal die bereits seit längerer Zeit erwartete Frage stellte: Ob jemand in den letzten Monaten die Messe versäumt habe?

Wie der Krampus aus der Schachtel schnellte Fritz von seinem Sitze auf, stand kerzengerade und schaute dem Professor freimütig ins Auge. Zögernd erhob sich auch Pichler. Aber er ließ schuldbewußt den Kopf hängen.

„So, so, der Beste und der Fleißigste aus der Klasse!“ lächelte der Pater und forschte leutselig nach dem Grund.

„Ich bin freiwillig weggeblieben!“ sagte Hellwig mit fester Stimme. Seine Augen glänzten wie Stahl, die Nasenflügel bebten.

„Und wie oft, mein liebes Kind?“ fragte der Priester sehr sanft.

„Seit zwei Monaten jeden Sonntag. Ich hab’ es nicht gezählt!“

„Aber Hellwig, was soll das heißen? Wie können Sie das rechtfertigen?“

„Ich habe keine Entschuldigung, Herr Professor. Ich bin nur so nicht hingegangen!“

„Kind!“ Beschwörend streckte Romanus die Arme aus, als wollte er die Worte nicht an sich heran kommen lassen.

Mäuschenstill war es in der Klasse. Die Oktavaner in den Bänken hielten den Atem an und starrten mit ängstlicher Bewunderung auf den stillen, sonst so wenig beachteten Kameraden und wunderten sich, wie der Duckmäuser gegen den gefürchteten Lehrer aufzutreten wagte.

Pater Romanus hatte das auch nicht erwartet. Er wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten sollte. Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, richtete er seine Augen langsam auf Otto, betrachtete ernst und prüfend dessen gesenktes Haupt und fragte schärfer:

„Und was ist mit Ihnen, Pichler?“

„Ich ...,“ stammelte der und stockte gleich.

„Wie oft haben Sie gefehlt?“

Otto warf einen scheuen Blick auf die gefurchte Stirn des Lehrers und sah schnell wieder zu Boden. Sein ganzer Mut hatte ihn verlassen.

„Einmal ...,“ stotterte er zerknirscht.

„Otto!“ raunte ihm Hellwig verwundert zu.

Aber die eindringliche Stimme des Priesters forschte weiter: „Und warum, liebes Kind?“

Und Otto antwortete tonlos: „Ich war unwohl.“

„Herr Professor, das ist ...“ brauste Fritz auf und schwieg sofort wieder, als er die klägliche Figur des andern gewahrte.

„Wollten Sie etwas sagen, Hellwig?“ wandte sich Pater Romanus nun wieder an ihn. Da schüttelte er stumm den Kopf. Wozu den Angeber machen?

Und plötzlich kam ihm zu Bewußtsein, daß sich alle Blicke der Klasse in seiner Person wie in einem Brennpunkt vereinigten. Unerträglich, wie ein unkeusches Betasten des Körpers, war ihm das. Und mit einemmal konnte er es nicht über sich bringen, den Beweggrund seines Fernbleibens anzugeben. Er hatte das Gefühl, als würde er durch ein solches Geständnis seine Seele nackt zur Schau stellen.

„Nun, Hellwig, haben Sie sich eines Bessern besonnen? Wollen Sie mir Ihr sonderbares Benehmen aufklären?“

Die sanfte Stimme des Jesuiten rann wie ein süßes Honigbächlein durch die Stille.

Fritz schwieg, sah ihn an und zuckte nicht mit der Wimper.

„Kind, nehmen Sie doch Vernunft an! Woher nur auf einmal? ... Denken Sie doch auch an Ihre liebe Mutter!“

Keine Antwort.

„Wollen Sie also den Grund Ihres Benehmens wirklich nicht angeben?“

„Nein!“

Kurz, hart, messerscharf, daß Pater Romanus zurückprallte. Aber er faßte sich rasch.

„Sie scheinen mir vom rechten Weg abgekommen zu sein,“ sagte er und strich mit der schmalen Hand über die Augen. „Besuchen Sie mich doch einmal in meiner Wohnung. Dort können Sie mir alles ungestört sagen. Das von heute bleibt unterdessen, als wenn es nicht vorgekommen wäre.“

Mit einem leichten Kopfnicken gab er den beiden Schülern die Erlaubnis zum Niedersitzen und begann mit dem Unterricht.

Kaum war dieser zu Ende, drängten sich die Mitschüler an Hellwig heran, sagten, daß er ganz recht gehabt habe, wenn’s auch vielleicht einen Karzer absetzen könne, und wollten wissen, ob er zu Pater Romanus hingehen werde. Er gab ihnen keine Auskunft, hastete, hochnasig wie immer, davon.

In seinem Herzen schien etwas in Unordnung geraten zu sein, zuckte, stach und schmerzte.

Pichler! Ach ja so, das! — Wie fremd ihm auf einmal der Name vorkam. Als hätte er ihn viele Jahre nicht gehört.

Plötzlich schritt Otto neben ihm her. Er hatte brennend rote Backen und war ganz kleinlaut.

„Fritz, — bist du bös?“ fragte er mit einem verlegenen Lächeln.

Brüsk wandte sich jener ab: „Ach geh, du! Du bist feig!“

„Nein, Fritz, da tust du mir unrecht!“

„Wortbrüchiger!“

„Fritz, ich mußte!“

„Du mußtest? Das ist ja eben die Feigheit!“

„Hör’ doch damit auf, Fritz! Schau’, wenn ich wirklich feig wär’, hätt’ ich dich jetzt gewiß nicht angesprochen, hätt’ mich viel eher seitwärts in die Büsche geschlagen. Und — ist es Feigheit, wenn ich die Verachtung meines Freundes zu tragen gewillt bin — meines Vaters wegen?“

Er machte eine Pause. Hellwig, von der unerwarteten Wendung überrascht, fand keine Antwort.

„Ja!“ fuhr Otto mutiger fort. „Wegen meines alten Vaters! Ich hab’ doch nicht wissen können, wie die Geschichte ausgehen wird. Und wenn ich auch nur Karzer oder eine schlechte Sittennote bekommen hätt’ ... was dann? Die Nachhilfestunden, die Freitische, die Schulgeldbefreiung — alles wär’ beim Teufel! Und dann hätt’ ich das Studieren eben einfach an den Nagel hängen können! Und mein Vater ist so stolz, daß wenigstens einer von uns achten studieren kann! Die Gründe mußt du mir gelten lassen, Fritz!“

„Warum hast du mir dein Wort gegeben? Ich hab’s nicht verlangt!“

„Ich war wie im Rausch damals! Du hast mich fortgerissen ... da hab’ ich mir nicht alles so überlegt —“.

„Gut, gut! Aber laß mich jetzt in Ruh’!“

„Und du verzeihst mir, gelt?“

Zweifelnd blickte Hellwig den Kameraden an.

„Otto, — du kannst mir ja nicht einmal in die Augen schaun!“

Da hob der andere das gesenkte Antlitz. Zwei helle Tropfen rollten ihm über die Wangen, zeichneten silbrige Streifen darauf.

„Das Mißtrauen verdien’ ich nicht, Fritz!“

Die schmerzliche Spannung in den Zügen des jungen Kato ließ nach. Seine Miene hellte sich etwas auf.

„Machen wir einen Strich darunter, Otto, wir sind beide Schwächlinge!“

Eilig rannte er fort.

Pichler ging nach Hause. Er schämte sich noch ein wenig und war doch froh, daß die Geschichte wieder in Ordnung war. Das war ja ausgezeichnet gegangen. Eine heiße Zuneigung zu Fritz stieg plötzlich in ihm auf und das Verlangen, ihm etwas Liebes zu tun. Er wußte nur nicht, was. Und wie öfters schon, faßte er wieder einmal den Entschluß, ein guter, ganz makelloser Mensch zu werden; sich zu Wissen, Ansehn, Bedeutung hinaufzuarbeiten. Im Geiste sah er sich schon Stufe um Stufe erklimmen, angestaunt, beneidet, von vielen umworben. Auf einen machtvollen Posten gestellt, erwarb er Millionen und verfügte unumschränkt darüber, beschenkte fürstlich seine Bekannten, half dem Freunde zu Glück und Ehren.

Immer kühner schwang sich seine Phantasie empor. Als er vor dem ärmlichen Hause stand, wo ihm ein biederer Spengler Kost und Wohnung gewährte gegen die Verpflichtung, seine zwei dickköpfigen Buben durch das Untergymnasium zu lotsen, da wurde es ihm schwer, sich in der Wirklichkeit zurecht zu finden. Die gehobene Stimmung verließ ihn aber den ganzen Abend nicht mehr. Seine Ungeduld drängte ihn, mit der Erwerbung eines umfangreichen Wissens sogleich zu beginnen. Er kramte in seiner Bibliothek, die sich zumeist aus Bändchen der Reclamschen Sammlung zusammensetzte, nahm bald dies, bald das in Angriff und fand keine rechte Ruhe.

Da fiel ihm Kants Kritik der reinen Vernunft in die Hände. Er hatte das Werk stets unverdaulich und langweilig gefunden, war trotz wiederholter Anläufe nicht über die ersten hundert Seiten hinausgekommen. Heute aber beschloß er, sich durch den ganzen umfangreichen Band durchzufressen. Die Beine unterm Tisch lang ausgestreckt, das Gesicht zwischen beiden Fäusten, saß er in der Bodenkammer, die bei besserem Geschäftsgang gewöhnlich einem zweiten Gesellen des Spenglers zugewiesen wurde, blies gewaltige Rauchwolken aus einer langen Pfeife und begann zu lesen.

‚Wenn mich Fritz so sähe,‘ dachte er selbstzufrieden und legte sich ins Zeug, als beabsichtigte er durch eine solche Überwindung dem gekränkten Freunde ein Sühnopfer darzubringen.

Aber je länger er saß, je schwächer wurde seine Aufmerksamkeit. Auf dem Fundamente einer Welt der ‚Dinge an sich‘ bauten seine Gedanken bald wieder prunkvolle Luftschlösser in den Himmel hinein, und die rosige Zukunftsphantasterei eines ehrgeizigen Jünglings schnitt dem kategorischen Imperativ der Vernunft eine spöttische Grimasse.

Unterdessen verging Frau Hellwig vor Sorgen um ihren Jungen, der heute noch seltsamer als sonst war, kein Wort redete und das Abendessen unberührt ließ. Hätte sie in sein Inneres schauen können, die Sorgen wären freilich einem großen Mitleid mit dem armen Grübler gewichen. Schwerblütig, wie er war, legte er dem Vorfall eine übergroße Bedeutung bei. Er litt nicht so sehr unter dem Verrat Ottos, sondern weil er sich selbst untreu geworden war und kein Recht mehr hatte, Pichlern zu zürnen. Denn er war selber feig gewesen. Oder war es etwa nicht Feigheit, zu schweigen, nur weil ein paar Dutzend Augen auf ihn geschaut hatten. Wie sollte er der Wahrheit zum Sieg helfen, wenn er sich fürchtete, sie laut auszusprechen? Beispielgeber hatte er sein wollen — und war vor sich selbst fahnenflüchtig geworden. Wessen er Otto geziehen, er selbst hatte es begangen — und besaß nicht einmal eine Entschuldigung dafür.

So peinigte er sich und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden. Er faßte keine guten Vorsätze, denn er hatte alles Zutrauen zu sich verloren. Und es dünkte ihm wertlos, etwas, das er nie hätte tun dürfen, durch den Entschluß gutzumachen, es in Zukunft nicht wieder zu tun. In dieselbe Lage konnte er sich nicht zurückversetzen, die war unwiderruflich vorbei und der Makel nicht mehr wegzuwischen.

An allen Gliedern wie zerschlagen, die trüben Augen dunkel unterrändert, erschien er den nächsten Tag in der Schule. Otto war ebenso überrascht wie dankbar, daß Fritz mit keinem Wort auf das Vorgefallene zurückkam und weiter mit ihm verkehrte, als hätte es nie ein Gestern gegeben. Von dem harten Ringen, das zwischen Abend und Morgen lautlos vor sich gegangen, hatte er freilich keine Ahnung, hätte es auch nicht begriffen. Für ihn war jetzt alles wieder im Gleis, zumal auch Pater Romanus nicht dergleichen tat und es schien, als beabsichtigte er die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Eine vorläufige Folge sollte sie aber doch haben.

2.

Eines Tages, es war bereits spät im Oktober, kam die schöne achtunddreißigjährige Frau des reichen Kaufmannes Wart zu Hellwig und bat ihn, mit ihr zu gehen, ihr Sohn verlange nach ihm.

Fritz war über dieses Ansinnen sehr verwundert, da er den jungen Wart, der die siebente Klasse des Gymnasiums besuchte, nur aus einem gemeinsamen französischen Lehrkurs ganz flüchtig kannte. Er sagte deshalb der unerwarteten Besucherin, die in ihrem schwarzen Seidenkleide fein und fremd zwischen den vermummten Lehnstühlen stand, hier müsse ein Irrtum vorliegen. Sie aber entgegnete, sie irre sich nicht, ihr Junge habe schon oft von Fritz Hellwig gesprochen, namentlich in der letzten Zeit, als die Geschichte mit dem Religionsprofessor vorgefallen sei.

Fritz aber, der sich nur sehr schwer an Menschen anschloß und vor neuen Bekanntschaften förmlich Angst hatte, antwortete kurz, daß er den Heinrich Wart viel zu wenig kenne und keinen Anlaß habe, ihn zu besuchen. Wenn jener etwas von ihm wünsche, solle er’s in der Schule sagen.

Auf eine so schroffe Abweisung war die Frau nicht gefaßt gewesen. Sie brach in Tränen aus und rief ganz aufgeregt, das sei unschön und lieblos gehandelt. Er könne sich denken, daß ihr ungewöhnliches Begehren auch einen ungewöhnlichen Grund haben müsse. Kurz und gut, ihr Sohn sei schwer krank, man wisse überhaupt nicht, ob er wieder aufkommen werde. Heute, nachdem er mehrere Tage im Fieber gelegen und nur fortwährend phantasiert habe, heute habe er auf einmal den Wunsch geäußert, mit Hellwig zu sprechen. Er solle nicht hart sein, vielleicht handle es sich um den Wunsch eines Sterbenden.

Da nahm er wortlos den Hut vom Nagel und ging mit.

In den Gassen war es schon dämmrig, ein steter feiner Regen fiel und schien das Leben in der Stadt langsam auszulöschen. Kein Fuhrwerk rasselte, es bellte kein Hund und nur ab und zu hastete jemand mit aufgespanntem Schirm eilfertig vorbei, den Rockkragen emporgestülpt und die Hosen unten aufgekrempelt, ohne das seltsame Paar zu beachten. Die Frau schritt unbekümmert um den Regen, der ihr ins Gesicht schlug und Perlen in ihr Blondhaar streute, rasch vorwärts. Ihr Kleid knisterte und rauschte über das nasse Pflaster, sie raffte es nicht, hätte auch keine Hand hiezu frei gehabt, denn mit der Rechten hielt sie das Taschentuch vor die Augen, während sie die behandschuhte Linke leicht auf Fritzens Arm legte, als fürchtete sie, er könne ihr noch im letzten Augenblick davonlaufen. Die Sorge war unnötig. Nun er sich einmal entschieden hatte, war zugleich auch jene ruhige Entschlossenheit über ihn gekommen, mit der er stets an die Verwirklichung seiner Vorsätze zu schreiten pflegte. Und wenn sich auch bisweilen mitten in der Ausführung seine noch nicht gefestigte Jugend aus der Bahn drängen ließ, früher oder später vollendete er doch immer, was er sich vorgenommen hatte.

Die schlanke Frau an seiner Seite begann zu sprechen. Erst leise und zögernd, als schämte sie sich. Bald aber vergaß sie die Zurückhaltung, ging aus sich heraus und redete sich das Leid vom Herzen herunter, wie wenn sie sich einem langjährigen älteren Bekannten anvertraute und nicht dem blutjungen Schüler, der trotz seiner Größe im Schultermaß nur wenig höher als sie auf langen Beinen nebenher lief, den Blick geradeaus gerichtet und die Hand zur Faust geschlossen.

Was sie sagte, war nichts anderes als die alte Klage der Mütter heranwachsender Söhne. Aber sie gab nicht dem Sohne schuld, daß er ihr Sorgen mache, sondern sich selbst und quälte sich mit harten Zweifeln, daß sie ihn vielleicht in seiner Entwicklung durch eine fehlerhafte Erziehung verpfuscht oder nicht die Fähigkeit gehabt habe, den sonderbaren Knaben zu verstehen und sicher über die Schwelle der Kindheit hinüberzuleiten.

Seine Begabung, sagte sie, sei ungewöhnlich, reich und vielversprechend seine Anlagen. Aber ihr Mann halte von solchen Sachen nichts und sie, die Mutter, habe vieles, das ihr notwendig schien, unterlassen müssen, um das väterliche Ansehen nicht zu untergraben. Bei dieser zwiespältigen Führung sei der Junge ratlos geworden, sei noch immer unselbständig und unfrei und beuge sich zu sehr vor einem fremden Willen. Am meisten aber betrübe sie seine Art, mit den kleinen Leuten umzugehen, mit Dienstboten, Bettlern und Landstreichern. Überzart und vorsichtig wie mit rohen Eiern, verlegen und schüchtern wie ein Bittender, wo er befehlen sollte — immer in der Sorge, ja niemandem weh zu tun. Denn er achte das Menschentum auch in seiner erbärmlichsten Fratze, aber — und das sei ihr Kummer — darüber vergesse er sein eigenes, lasse sich ausbeuten und habe schon mehr als einmal freiwillig die Strafe auf sich genommen, die ein säumiger Laufbursche oder ein naschhaftes Stubenmädchen verdienten.

Die Sprecherin holte tief Atem und fuhr leidenschaftlich fort: „Mein armer Heinz hat den Mut zum Leiden und Schweigen, aber keinen Willen zur Tat! Drum reißt’s ihn so zu Ihnen! Weil Sie haben, was ihm mangelt! Er schwärmt für Sie, ist einfach in Sie vernarrt! Das hat er mir zwar nicht gesagt, aber ich weiß es doch! Ich kenn’ ihn ja durch und durch — aber nur so, wie Schätze in einem Glaskasten. Ich hab’ keinen Schlüssel, kann nicht zu ihm, ohne eine Scheibe zu zerbrechen. Sie aber könnten es ... Wenn Heinz am Leben bleibt — er wird — er muß! — dann ... nicht wahr, — Sie werden sein Freund! Er braucht einen starken Menschen, an den er sich klammern, aufrichten, emporranken kann! Der ihn lehrt, auf den eigenen Füßen zu stehen und eine eigne Meinung nicht bloß zu haben, sondern auch durchzusetzen! Dann versprech’ ich mir viel von ihm! Nicht wahr, Sie werden ...?“

In banger Erwartung streckte sie ihm die Hand hin. Doch er schlug nicht ein. Wohl war er mit wachsender Teilnahme ihrem Reden gefolgt, das ganz neue Gebiete vor ihm aufschloß. Hatte die hohe Auffassung einer gewissenhaften Mutter von ihren Pflichten gegenüber dem Kinde mit immer heißerer Ergriffenheit wahrgenommen und über Worte gestaunt, die er niemals einer Frau zugetraut hätte. Aber er war seines Vorsatzes, nie zu lügen, eingedenk und antwortete mit jener ungelenken Rauheit, die bei ihm stets herhalten mußte, wenn er weich zu werden drohte: „Wart ist mir fremd. Ich kann gar nichts versprechen.“

Die Frau ließ mutlos den Kopf hängen. Fritz kam sich wie ein Verbrecher vor, als er den leidvollen Ausdruck ihres Gesichtes wahrnahm. Wie aus einer anderen, lichteren Welt erschien sie ihm, die Verkörperung alles Lieben, Zarten, Gütigen. Eine warme Welle flutete in ihm empor. Am liebsten hätte er ihre Hände gefaßt und um Verzeihung gebeten, daß er ihr weh tat. Aber er biß nur die Zähne zusammen und verdoppelte den Schritt, so daß sie ihm kaum nachkommen konnte.

„Seien Sie wenigstens freundlich zu ihm!“ bat sie.

Und er darauf: „Ich bin kein Lausbub!“

Nun standen sie vor dem alten Bürgerhause auf dem Marktplatz, das mit Erkern und Simsen und Vorsprüngen, mit Luken, Giebeln und steilen Dachflächen düster und massig in die Luft hineinwuchs. Kisten und Fässer und Ballen und Tonnen türmten sich allenthalben im wölbigen Flur, lagen im breiten Stiegenhaus und verengten die kühlen Korridore, überhuscht von den spärlichen Reflexen schwelender Kerzen hinter verstaubten Gläsern.

Polternd klangen die Schritte der beiden im Hinansteigen über die bequeme Holztreppe. Nun hielten sie vor der hohen dunklen Wohnungstür, ein Dienstmädchen öffnete, und sie traten ein. Flüsternd erkundigte sich die Frau nach dem Befinden ihres Kindes und erhielt befriedigende Auskunft. Da öffnete sie eine zweite Tür, winkte Fritz, daß er ihr folgte und schritt durch ein unbeleuchtetes Zimmer mit weitem Raum. Undeutlich hoben sich die Gegenstände aus dem schwachen Lichtschein, den die Straßenlaternen zu den Fenstern hinaufsandten, in florigen Teppichen versank der Fuß, und leis klirrten ein paar Gläser im altdeutschen Schrein. Hellwig tastete sich durch mit vorgestreckten Händen, stieß an einen Stuhl. Da drehte sich wieder eine Tür geräuschlos in den Angeln und ein grün gedämpftes Lampenlicht quoll durch den Spalt.

Sie waren im Krankenzimmer. Mit der Schmalseite an die Wand gerückt, von den drei anderen Seiten frei zugänglich, schob sich ein breites Eichenbett bis in die Mitte des Gelasses. Darinnen war, fast so weiß wie die Kissen und Linnen, ein mageres Antlitz sichtbar, von einem dichten Kranz tiefschwarzer Haare eingefaßt und von zwei mächtigen dunklen Augen überleuchtet, die es ganz beherrschten und noch abgezehrter erscheinen ließen.

Frau Wart war sofort bei ihrem Sohne.

„Wie geht’s dir, mein Junge? Hast du auch brav geschlafen?“ fragte sie und war prächtig anzusehen in der wohltuenden und beruhigenden Heiterkeit, hinter der sie alle ihre angstvolle Sorge barg. Der Kranke gab keine Antwort, sondern schaute mit seinen glänzenden Fieberaugen an ihr vorbei auf Fritz, der stumm unter dem schweren Türvorhang stand. Sie bemerkte den Blick, nickte ihm zu und lächelte: „Ist’s dir recht? Du hast ihn ja haben wollen.“

Da stieg ein sachtes Wellchen Blutes in das eingefallene Gesicht, leuchtete durch die Haut und warf einen zartroten Schein darüber.

„Guten Abend, Hellwig,“ sagte er leise und ließ die Augen nicht von ihm.

Nun kam Fritz näher, hielt am Fußende des Bettes und sagte: „Servus, Wart! Was treibst du denn für Geschichten? Krank sein — das gibt’s doch nicht! Sieh lieber, daß du bald wieder ins Französisch kommst.“

Die Mutter tat einen tiefen, freien Atemzug. Sie hatte heimlich vor diesem Zusammentreffen gebangt, hatte gefürchtet, daß Hellwigs kantige Art den Kranken verletzen und aufregen könnte. Nun sah sie den warmen Blick, hörte den herzlichen Klang der vor kurzem noch so trotzig rauhen Stimme und schämte sich im stillen ihrer argen Meinung.

„Bleib nur liegen, du!“ flüsterte sie beglückt und drückte ihren Jungen, der sich aufrichten wollte, in die Kissen zurück. „Herr Hellwig setzt sich zu dir, da könnt ihr reden ... aber nicht zu lang, nicht wahr?“

Bittend schaute sie den Besucher an und wies auf einen Stuhl neben dem Lager.

„Ich könnt’ ebenso gut stehen!“ entgegnete Fritz wieder kalt abweisend. Als er jedoch die ängstlich-erwartungsvolle Miene des andern sah, verstummte er und setzte sich.

Geräuschlos glitt die Frau aus dem Gemach. Im dunklen Nebenzimmer verließ sie die mühsam behauptete Fassung. Sie hatte Hellwig auf ihre eigene Verantwortung herbeigeholt, versprach sich davon eine raschere Wendung zum Gesunden. Wenn nur, ach, wenn nur endlich alle Gefahr vorüber wäre! Und die Sorge um das Leben des Kindes senkte sich wieder schwer und lautlos auf das blonde Haupt, die schlanken Schultern und drückte sie nieder. Wie unter eine wuchtende Last geduckt, stand sie ohne Regung und versuchte mit beiden Händen das übermächtig schlagende Herz zu halten. —

„Was willst du von mir?“ fragte Hellwig den Kranken. Der schaute hilflos gegen die Zimmerdecke und dann suchend im Raum umher. Da fiel sein Blick auf einige Bücher, die in grünen Einbänden neben der Lampe und zwischen Arzneiflaschen auf dem Tisch lagen. Wie Erlösung überkam es ihn.

„Mutter hat mir Darwin geschenkt!“ sagte er lebhaft. „Die große Ausgabe. Den mußt du lesen, ich leih’ dir ihn!“

Eine Sekunde nur blickte Fritz in die Augen, die ihm groß und leuchtend entgegenstanden: dann hatte er begriffen. Hatte begriffen, daß hier vor ihm einer seines Wesens lag, gleich scheu und zurückhaltend und zu stolz, um sich aufzudrängen. Und er wußte mit einemmal, daß dieser schmächtige schwarzhaarige Mensch, den er im großen Troß der andern mit übersehen hatte, schon seit langem, heimlich und ohne sich zu verraten, sein Freund war. Und auch er fühlte sich jetzt, da er den Spuren der scharf geprägten Züge in dem geistreichen Antlitz nachforschte, mächtig zu ihm hingezogen. Aber er ehrte das Schamgefühl des andern. Deswegen antwortete er scheinbar ganz gleichgültig auf dessen Anerbieten.

„Du würdest mir damit eine große Freude machen!“ sagte er und nahm eines der grünen Bücher vom Tisch. „Ist’s das hier?“

„Ja. Nimm dir nur gleich ein paar Bände mit.“

„Einer genügt vorläufig!“ entgegnete Hellwig kurz und erhob sich.

„Du gehst schon?“

„Ja!“

„Du kommst aber wieder?“

„Ich werd’ mir doch das Buch nicht behalten!“ knurrte Fritz.

Der Kranke hob die Hand von der Bettdecke und reichte sie ihm wortlos. Fritz nahm sie in seine breite Rechte und hielt sie einen Augenblick fest.

„Gute Nacht, Wart!“

„Gute Nacht, Hellwig!“

Im Nebenraum trat ihm Frau Wart entgegen: „Nun?“

„Ich hab’ mir einen Band Darwin ausgeborgt!“ sagte er unwirsch, hastete an ihr vorbei, durchs Vorzimmer und über die Treppe hinab ins Freie.

3.

Der November war noch nicht zu Ende, da hatte Hellwig sämtliche Schriften Darwins bewältigt. Die Mutter wurde auf sein Treiben aufmerksam und drang nachts in sein Zimmer, wo er vor der Lampe über den Büchern saß. Da schalt sie wegen seines langen Wachens, bat ihn, seiner Gesundheit nicht zuviel zuzumuten und wich erst, bis sie ihn ganz sicher hinter dem Wandschirm in den Federn wußte.

Um ihr Mißtrauen zu zerstreuen, ging er die nächsten Tage früher zu Bett. Dann aber verschaffte er sich ein Zigarrenkistchen, befestigte darin auf dem unteren schmalen Brett eine Kerze, an dem oberen aber, um dessen Anbrennen zu verhindern, einen ausgedienten Topfdeckel und hatte so eine Art Diebslaterne, nach drei Seiten für das Licht abgeblendet. Wenn nun seine gewöhnliche Schlafstunde heranrückte, stellte er dieses Gerät knapp hinter das Buch in der Weise, daß kein Lichtstrahl durch die klaffenden Fugen der Tür in die Küche dringen und der Mutter sein Wachbleiben verraten konnte. Dann löschte er die Lampe, hielt sich still und las beim flackernden Schein der Kerze mit geschnürtem Atem weiter, bis draußen auf der Gasse die ersten Bauernfuhrwerke über das holprige Pflaster rumpelten und der erwachte Lärm dem nahen Morgen vorauslief. Dann suchte er endlich sein Lager und tat hinter bleischweren Lidern einen traumlosen Schlaf, aus dem ihn jedoch meist schon nach zwei, drei Stunden die nichtsahnende Mutter weckte mit der Meldung, daß das Frühstück fertig und es Zeit zur Schule sei.

Unterdessen hatte Warts Genesung rasche Fortschritte gemacht. Er durfte bereits kurze Spaziergänge unternehmen und tat dies mit Hellwig, dessen Seele ihm, nun das Eis einmal gebrochen, offensichtlich zuströmte. Ganz aber fanden sie sich erst an einem frostklaren Dezembertage, als sie nach einem schon längeren Marsch bei Milch und Butterbrot in einem Dorfwirtshaus saßen und von den alten Juden auf die Erlöser und auf den Gottesbegriff zu sprechen kamen.

Sie waren die einzigen Gäste in der niedrigen Stube. Hinter dem Kachelofen hockte zusammengeduckt eine weißhaarige Frau und summte ihrem Enkelkind ein eintönig uralt Wiegenlied zum Schlaf. Die große Stehuhr pochte wie das Herz der Stille, und Heinz Wart sprach: „Darwin ist ein Erlöser und ist auch keiner. Viele alte Götzen hat er zerschlagen, der Verstand mag damit zufrieden sein, aber nicht das Herz. Und mit der Lösung der Frage nach unserer Herkunft ist jene nach der Herkunft unseres Gottglaubens nicht aus der Welt geschafft. Für mich aber bedeutet Gott nichts anderes als das Ideal, nach dem sich jeweils die Menschen gesehnt haben. Den entrechteten Hindukasten von den Sudras bis zu den Tschandalas ist sicherlich die endliche selige Ruhe nach einem Leben der Knechtschaft als das Herrlichste erschienen — und Buddha hat ihnen das Nirwana gegeben. Bei den alten Deutschen hast du Freude am Kampf und Zechgelag und hast du kriegsgewaltige Schlachtengötter und reisige Jungfrauen, die die Helden nach Walhall zur Metbank bringen. Dem Schwärmer von Nazareth aber ist der Mensch selbst zum Ideal geworden. Darum ist sein Gott ein Menschengott, der alle unsere Tugenden und Fehler, Milde und Härte, Erbarmen und Grausamkeit, opferfreudigste Hingabe und starrste Ichsucht, zum höchsten Maß gesteigert, in sich vereinigt. Und weil dadurch Gott den Menschen so nahe gerückt wurde, haben sie sich ihm so bereitwillig zugewendet. Denn in ihm beten sie ihr Menschentum an, und sie lieben sich selber in ihrem Gott. Und die Reformationen sind nichts als Versuche gewesen, den lieben alten Menschengott umzumodeln, damit er zu den neuen Menschen mit ihren neuen Anschauungen wieder passe. Und wenn wir jetzt gegen den Druck verjährter Dogmen knirschen, so beweist das für mich nichts anderes, als daß unsere Zeit abermals reif geworden ist für eine neue Sehnsucht. Aber wir wissen noch nicht, wo sie wohnt und kennen den richtigen Weg nicht zu ihr, lassen uns leicht irreführen durch die Lockungen falscher Propheten. Nietzsche ist für mich ein solcher. Ich bewundere die rauhe Kühnheit und empöre mich über die wahnwitzige Überhebung, mit der er das Ich zum Gott machen will. Freilich, die Ausgestaltung wäre logisch. Vom Weiteren zum Engeren, vom Kreis zum Punkt. Nach dem Menschen als Gattung der Mensch als einzelner. Jeder einzelne sich selbst Gesetzgeber und Richter und Rächer des eigenen Gesetzes. Jeder sich selbst Gott. Oder Schöpfer seines Gottes: des Übermenschen. Aber ...“

Er atmete tief auf und schwieg. Von der untergehenden Sonne kam ein seltsam rötlicher Schein in die Stube, alle Gegenstände ertranken in einem ungewissen Zwielicht, und nur vor den winzigen Fenstern stand noch hell und durchsichtig die Luft wie ein unbewegtes, zartpurpurnes Meer.

Mühselig erhob sich die gebeugte Greisin von der Ofenbank und wollte die Lampe anzünden. Aber Fritz winkte ab: „Lassen Sie nur, wir bleiben ganz gern im Dunkeln.“

Dann war wieder Schweigen. Das Kind schlief in der Wiege. Eine graue Katze strich mit gehobenem Schweif und gekrümmtem Rücken unhörbar um ein Stuhlbein, immer rundum, rundum. Und das verhuzelte Weibchen beim Ofen ließ den Kopf tief und tiefer sinken und schlief allmählich ein.

Mit hämmerndem Herzen saß Fritz und starrte aufgeregt nach dem unscheinbaren Menschen neben sich, dessen Antlitz weiß aus dem Dämmer herausleuchtete. Was er da gehört hatte, war mehr als zusammengelesene Weisheit, waren selbständige Ideen, die seine Seele mitschwingen machten. Und er kam sich klein vor, fühlte seine Unfertigkeit und wie wenig er wußte. Und plötzlich kam ihm die blonde Frau wieder in den Sinn, die an jenem Regenabend mit rauschenden Gewändern neben ihm gegangen. Das drohte die Weihe der Stunde zu stören. Er legte die Hand auf den Schenkel des Freundes.

„Weiter, Heinz! Was ist’s mit dem Aber?“

Wart zuckte auf und schaute ihn mit leeren Augen an, als hätte er alle seine Gedanken auf weite Wanderung geschickt und müßte erst warten, bis sie sich wieder zurückfanden. Dann sagte er, den Kopf in die Hand gestützt und den Blick immerfort auf die Tischplatte vor sich gerichtet, sagte ganz leise, wie aus einem Traum heraus:

„Auf dem rechten Weg zur neuen Sehnsucht scheinen mir trotz allem doch die Jakobiner gewesen zu sein, und Maximilian Robespierre, der Tauben züchtete und Menschen mordete, hat es oft genug ausgesprochen: ‚Wir wollen die Wünsche der Natur erfüllen und die Bestimmung der Menschheit erreichen: den friedlichen Genuß der Freiheit und Gleichheit, ein Reich der ewigen Gerechtigkeit. Wo der Bürger der Obrigkeit und die Obrigkeit dem Volke dient und das Volk der Gerechtigkeit. Wo die Künste der Schmuck der Freiheit sind, der Handel die Quelle des öffentlichen Reichtums und nicht der ungeheuerlichen Wohlhabenheit einzelner Häuser. Schrecker der Unterdrücker wollen wir sein und Tröster der Unterdrückten und statt der Kleinlichkeit der Großen wollen wir die Menschengröße.‘ — Das geht zwar schnurstracks gegen den Kampf ums Dasein des Individuums, aber trotzdem glaube ich, daß darin unser Heil für die Zukunft liegt. An Stelle des Menschengottes möchte ich das Menschentum setzen und gegen die Forderung: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ die Formel: ‚Hilf deinem Nächsten wie dir selbst!‘ ... Die Menschheit zur Freiheit führen, den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen ihr Recht auf Glück zurückerobern, das jeder schon hier auf Erden für sich fordern darf kraft seines Menschentums — es ist ein Ziel, wohl wert, sein Leben dafür aufzuwenden ...“

Er hatte sich in Begeisterung hineingesprochen, sprang auf und stand mit geröteten Wangen aufrecht da, ein heiliges Feuer in den Augen. Da war auch schon Fritz neben ihm, riß ihn an sich und sagte mit erstickter Stimme: „Heinz — Freund — Bruder ... unser Leben ... wir wenden’s dran ...“

Nun ward es ihnen zu eng in der Stube. Sie brachen auf und schritten Schulter an Schulter unter einem klaren Sternenhimmel heimwärts. Und während sie so gingen, mußte Fritz abermals an Frau Wart denken und empfand einen dumpfen Groll, daß sie ihren Wunsch erfüllt und ihn als Freund ihres Sohnes sehen sollte. Und gleichzeitig stemmte er sich gegen dessen frühe Reife und den Einfluß, den sie auf ihn zu gewinnen drohte. Seine Stimme klang beinah feindlich, als er jetzt sagte: „Woher nimmst du eigentlich das alles?“

Da seufzte der andere leise und erwiderte: „Mein Gott, man sitzt nicht umsonst mit einundzwanzig Jahren erst in der Septima!“

„Du bist schon so alt?“ fragte Fritz erstaunt. Denn Wart sah mit seinem bartlosen blassen Gesicht und der schmächtigen Gestalt kaum siebzehnjährig aus. Nun nickte er: „Jawohl — sogar bald zweiundzwanzig. Im Frühjahr muß ich schon das drittemal zur Stellung. Hoffentlich ist meine Brust noch immer für den Rock des Kaisers zu schmal. Sonst wär’s gefehlt, weil ich ja noch nicht das Einjährigenrecht hab’.“

„Ja, aber ...?“

„Wieso das kommt? Ganz einfach! Ich war kaum mit dem Untergymnasium fertig, da hat mich mein Alter ins Geschäft gesteckt. Aber ich hab’ mich dort nicht zurechtfinden können. Nach drei Jahren hat er das auch selbst eingesehen und mich wieder ins Gymnasium zurückgeschickt. Das verdank’ ich der Mutter, ich weiß das, aber bis jetzt hab’ ich ihr keine Ehre gemacht. Die Quinta und die Sexta hab’ ich wiederholen müssen, für Mathematik hab’ ich nun einmal kein Verständnis, ich bring’ das trockene Zeug nicht in den Schädel! Und dann die Bücher: Rousseau, Proudhon, Engels, Lasalle, Marx, Adam Smith — du kennst ja meine Sammlung.“

Er schwieg und Hellwig ebenfalls. Arm in Arm schritten sie auf der schneebedeckten Landstraße rüstig vorwärts, überließen sich ihren nachgenießenden Gedanken und gingen auf dem Marktplatz mit einem kurzen Händedruck stumm voneinander.

4.

Seit diesem Tage waren sie Freunde.

Sie blieben aber nicht lang zu zweit, denn Pichler wollte sich nicht kaltstellen lassen. Hellwig mußte ihn mit Wart bekannt machen, und auch dieser wurde dem kecken Leichtfuß bald geneigt.

Ihre Zusammenkünfte hielten sie jetzt bei Heinz ab, der nach der Genesung wieder sein Zimmer bezogen hatte.

Das lag ganz oben, unterm Dach des altertümlich und weitläufig gebauten Hauses, worin das Bürgergeschlecht Wart seit Jahrhunderten einen schwunghaften Kaufhandel betrieb. Der jetzige Inhaber war ein derber, knorriger Fünfziger von praktischem Verstand und tüchtigem Arbeitssinn. Von der Pike auf im Geschäft, war er jeder geistigen Tätigkeit abhold, sofern sie nicht auf einen realen und reellen Gewinn unmittelbar hinzielte. Den ganzen Tag dröhnte seine Stimme durch die hallenden Korridore, war seine untersetzte Gestalt überall zu sehen. Bald half er mit schweißtriefender Stirn im Hof beim Aufladen der Warenballen, bald teilte er im Kanzleiraum Befehle aus, durchlief die weiten Speicher oder fertigte die Ladenkunden ab, in unermüdlicher Regsamkeit für die ordentliche und glatte Abwicklung des verzweigten Betriebs.

Trotzdem fand er noch Zeit zur Verwaltung der verschiedenlichsten bürgerlichen Ehrenämter, war Stadtverordneter, Waisenvater und Ortsschulrat, Feuerwehrhauptmann und Schützenleutnant und stand bei allen Mitbürgern wegen seines gediegenen Charakters in Ansehen. Vornehmlich bei der Opposition, deren Leitung selbstverständlich in seiner Hand lag. Denn die Wart hatten alle von jeher ihren eigenen Kopf.

Darüber waren vom Wart Nikl — unter diesem Namen war er, der Nikolaus hieß, in der ganzen Gegend bekannt — allerhand Geschichten im Schwang.

Als die klerikale Vereinigung, die in Neuberg dank der werbenden Kraft des Paters Romanus gegründet worden war, ihren ersten Unterhaltungsabend veranstaltete, da war Nikolaus Wart an der Spitze von zwanzig handfesten Gesinnungsgenossen lärmend in den Saal gedrungen, wo eben eine Festvorstellung im Gange war und das Konterfei eines bekannten schwarzen Häuptlings mit Lorbeer und Lilien bekränzt hinter Glas und Rahmen an der Wand hing. Einen Tisch erkletternd, nahm der Nikl seelenruhig das Bildnis vom Nagel und lehnte es in eine Ecke. Aber als alle Gäste, darob entrüstet, auf ihn eindrangen, da hob er es wieder, schwang es mit beiden Fäusten, und breitspurig mit gespreizten Beinen auf dem Tisch aufgepflanzt, schrie er mit voller Lungenkraft: „Ruh’ geben! Zurück! Sonst hau’ ich auf eure Schafsköpf’ den größten drauf!“

Dann schleuderte er das Bild zu Boden, daß die Scherben splitternd umherflogen, sprang hinterdrein und tat mit seinen Kumpanen so gründliche Arbeit, daß die Vereinigung katholischer Männer kläglich abziehen mußte. Worauf Wart Nikl schmunzelnd den rötlichen Vollbart strich und eine Sitzung der Freisinnigen eröffnete, die bis zum grauenden Morgen dauerte. —

Und früher — in Zeiten schwerer nationaler Bedrängnis — als die Stadt Neuberg eine Kundgebung gegen die slawischen Vorstöße veranstaltete und als von einer kurzsichtigen Regierung zur Verhütung von Ausschreitungen ein slawisches Reiterregiment in die Stadt beordert wurde, das denn auch alsbald mit flachen Säbelhieben in die leidenschaftlich aufgewühlte Volksmenge einbrach, da hatte sich Wart Nikl den hitzigen Blauröcken entgegengestellt, hatte Rock, Weste, Hemd vorn auseinander gezerrt, und den Soldaten die nackte Brust darbietend, hatte er gebrüllt: „Da! da! Stecht her, wenn ihr dürft! Totschlagen könnt ihr uns, unterkriegen niemals nicht!“

Daraufhin hatte man sich die Sache noch einmal überlegt und gegen die ehrenwörtliche Versicherung des Bürgermeisters, daß die Leute freiwillig und friedlich auseinandergehen würden, die Truppen abrücken lassen. Und als hernach die Verwundeten vorüber getragen wurden, da waren dem Wart Nikl die Tränen aus den Augen gesprungen und mit einem schmerzvollen Blick zum Standbild Kaiser Josefs II. hatte er gerufen: „Schau’ her, trauter Kaiser Seff, schau’ nur her, wie’s deinen Deutschen heutigentags geht!“ —

Dieser Begebenheit verdankte er übrigens das beste Glück seines Lebens. Denn wie jedes Ausharren in einer gemeinsamen Not wildfremde Menschen urplötzlich vertraut macht, hatte sich neben den stiernackigen Kaufmann, der dem Übermut der slawischen Reiter mit seiner mächtigen Stimme Einhalt tat, ein schlankes Mädchen mit wehendem Blondhaar mutvoll aufgepflanzt und laut gerufen: „Recht so! Recht!“, wobei es den Soldaten herausfordernd die funkelnden Augen entgegenhielt.

An diesen Blick mußte der Junggesell fortwährend denken und kam nach einigen Tagen rätselhafter Unrast endlich zu dem Entschluß: „Die wird’s oder keine!“

Sie hieß Hedwig und war die Tochter des Stadtarztes Doktor Kreuzinger, der aus übergroßer Liebe zur Heimat die gewählte Hochschullaufbahn und damit auch die sichere Anwartschaft auf eine Universitätsprofessur aufgegeben hatte, um in seiner Vaterstadt ständig leben zu können. Er war ein ebenso ausgezeichneter praktischer Arzt wie scharfsichtiger Forscher, und seine Abhandlungen in den Fachblättern fanden wegen ihrer gehaltvollen Sachlichkeit Anklang und Beachtung. Wie denn auch bei den Kongressen, zu denen er sich regelmäßig einzufinden pflegte, manche ‚Berühmtheit‘ mit Worten schmeichelhaften Lobes des unscheinbaren Kollegen aus der Provinz Erwähnung tat, worüber der dann stets errötete und in eine hilflose Befangenheit hineingeriet, bis ein neuer Redner seine Aufmerksamkeit fesselte. Dann begannen die schlanken Finger in dem grauen Vollbart zu wühlen, die gescheiten Augen wurden wieder lebendig, und eine Falte auf der Stirn verriet die starke Gedankenarbeit, womit der bescheidene Landarzt dem Vortrag folgte.

Auf die Werbung des Kaufmanns erwiderte er einfach: „Wenn sie will, ich rede ihr da nichts hinein.“ Und der urwüchsige Gesell verlor vielleicht zum erstenmal im Leben seine Sicherheit, wurde verlegen wie ein Schuljunge und mühte sich mit seiner ungelenken Zunge schöne Satzgebilde zu formen, als er dem schlank aufgewachsenen Mädchen gegenüberstand, das ihn stirnbreit überragte, trotzdem es erst siebzehn Jahre alt war. Aber sie sagte ja. Die aufrichtige Geradheit des Mannes, seine ehrliche Lebensführung, die wie ein offenes Buch im vollen Licht vor aller Augen dalag, hatten’s ihr angetan. Und sie hatte nie Ursache, ihre Wahl zu bedauern. Auch dann nicht, als Wart Nikl erkannte, daß sie in jener bewegten Stunde nicht Begeisterung an seine Seite getrieben hatte, sondern lediglich die heilige Entrüstung, die jeden Guten packt, wenn irgendwo Gewalt vor Recht gehen soll.

Jeder ehrte die wackere Art des andern und forderte nichts Unmögliches von ihr. Weder Hedwig, daß Nikl ihr zuliebe plötzlich ein Schöngeist werde, noch er, daß seine schöne Frau Rosinen abwiege, kiloweise Mehl verkaufe oder die Buchführung lerne. Er überließ ihr auch die Erziehung der Kinder, da er wußte, daß sie ihm hierin überlegen war. Und seit sein Versuch, auf die Berufswahl des Sohnes kraft seiner väterlichen Gewalt bestimmend einzuwirken, kläglich gescheitert war, übersah er, der Bücherfeind, es sogar stillschweigend, wenn Frau Hedwig ihrem Jungen Geld zur Beschaffung von Zeitschriften oder Büchern einhändigte.

Die erworbenen Schätze stapelte Heinz mit unverdrossenem Sammeleifer in seiner Dachstube auf, die dadurch ein recht gelehrtes und von den übrigen Räumen des Hauses grundverschiedenes Gepräge bekam. Allerhand Druckwerke stauten sich hier auf Schrank und Tisch und füllten längs der Wände hohe Regale, wogegen in den anderen Zimmern nur Preislisten, Warenproben und Geschäftsbriefe herumlagen. Denn Vater Wart las außer einer Tageszeitung und der deutschen ‚Grenzwacht für Neuberg und Umgebung‘ überhaupt nur, was mit der Führung seines Geschäftes und seiner bürgerlichen Ehrenämter unmittelbar zusammenhing.

Um so heißhungriger fiel Hellwig über die Bücherei des Freundes her. Der Kaufmann war ihm deswegen nicht besonders grün und äußerte zu seiner Frau, der lange Blonde mit den Storchbeinen sei gerade so ein Mucker wie sein Herr Sohn. Dagegen nannte er Pichler bald einen netten und vernünftigen jungen Mann, weil dieser rasch die schwachen Seiten des einflußreichen Bürgers aufgespürt hatte, mit ihm über das Geschäft sprach, für Warenmuster Interesse zeigte und sich in den Marktpreisen auskannte, kurz zu haben schien, was Nikl an seinem Heinz so ungern vermißte: das Zeug zu einem guten Kaufmann.

Frau Hedwig erwiderte auf diese Lobsprüche nichts. Ihr gefiel Pichler nicht. Doch sie war zufrieden, Heinz und Fritz beisammen zu wissen und störte ihren Verkehr nicht, trachtete im Gegenteil, daß Hellwig sie nicht zu Gesicht bekam, weil sie das Gefühl nicht los wurde, daß ihm ein Zusammentreffen mit ihr Unbehagen schaffe. Dem war in der Tat so. Sie hatte auf den jungen Menschen gleich bei der ersten Begegnung tiefen Eindruck gemacht, und so sehr er sich dagegen wehrte, er mußte die schöne Frau lieben. Mußte sie lieben, weil sie im Vollsinn des Wortes eine Mutter war — und haßte sie auch vom selben Augenblick an. Mußte sie hassen in seiner jugendlichen Parteilichkeit, weil sie nicht seine Mutter war. Weil sie ihn zwang, Vergleiche zwischen ihr und der eigenen Mutter anzustellen und weil diese Vergleiche immer gegen letztere ausfielen. Sein kindliches Gemüt kämpfte dagegen an, wollte sich das reine Bild derjenigen nicht trüben lassen, die ihn in ihrem Schoße getragen. Aber der kalte Verstand trieb ihn stets aufs neue das Für und Wider abzuwägen — und immer neigte sich das Zünglein zugunsten der blonden Frau.

Das ging so weit, daß ihm sogar die Schamröte ins Gesicht stieg, als er eines Tages Heinz und Otto in seine Behausung führte und die Mutter nach einer kleinen Weile mit ihrer unvermeidlichen Kaffeekanne anrückte. Ein schwächliches, verblühtes Frauchen, sanft, gutherzig und rührselig, kam sie hereingetrippelt, bat um Entschuldigung, daß sie nichts Besseres vorzusetzen habe, und auf Pichlers Frage, ob die Hühner des Nachbarn ihr noch immer auf dem Bleichplatz im Gärtchen die Wäsche beschmutzten, erhob sie sofort ein großes Jammern über diese Rücksichtslosigkeit, mit reichlichem Wortschwall und Mitleid heischender Miene.

Fritz saß da und schämte sich vor Heinz. ‚Dort Bücher und verstehendes Fernbleiben — hier Kaffee und Geschwätz!‘ dachte er bitter. Denn er war noch nicht reif genug für die Erkenntnis, daß hier wie dort ein gleich schönes menschliches Empfinden nur seinen verschiedenen Ausdruck fand.

„Hör’ doch schon auf mit dem Quatsch, Mutter!“ sagte er unwillig.

Da verstummte sie erschrocken und stahl sich mit einem unterdrückten Seufzer aus der Stube.

Kaum gesprochen, war ihm das Wort schon leid. Aber als jetzt Heinz seine ernsten Augen auf ihn richtete: „Du hast sie gekränkt!“, da fuhr er auf: „Ach was, wenn sie auch fort so herumgreint!“ Und dann heftig zu Otto: „Warum fragst du auch immer so? Meine Mutter ist mir zu gut für deine blöden Witze!“

Der Angefahrene widersprach gekränkt und beteuerte seine guten Absichten. Aber Fritz ließ ihm nichts gelten. Schimpfend rannte er im Zimmer herum, und es waren nicht gerade Schmeichelworte, die er Pichlern an den Kopf warf. Je länger er so wetterte, desto mehr fühlte er, wie grundlos eigentlich seine Vorwürfe waren. Er hörte aber trotzdem nicht auf. Er mußte sich Luft machen, empfand eine wohltuende Befreiung dabei.

Unterdessen war Heinz behutsam in die Küche geschlichen, wo Frau Hellwig, die Hände im Schoß gefaltet, beim Fenster saß und aus tränenvollen Augen bekümmert in den Hof blickte. Als sie ihn gewahrte, erhob sie sich schnell: „Sie wünschen wohl Trinkwasser? Gleich sollen Sie’s haben!“

Bei diesen Worten hatte sie sich schon gebückt und machte sich mit der Wasserkanne zu schaffen, damit er ihr verweintes Gesicht nicht bemerken sollte.

„Lassen Sie’s nur, Frau Hellwig!“ sagte Heinz darauf. „Ich hab’ keinen Durst. Es ist nur — Fritz hat das nicht bös gemeint ...“

Nun richtete sie sich lebhaft in die Höhe: „Hat er Sie geschickt?“

„Das nicht, — aber ... ich weiß das eben ...“

„Nicht wahr, er ist ein garstiger Junge!“ seufzte sie. „Horchen Sie nur, wie er schreit! Was er nur wieder haben mag?“

„Es reut ihn, daß er so schroff gewesen. Der arme Otto muß jetzt dafür büßen. Aber der verträgt’s!“ erwiderte Heinz leichthin.

Zweifelnd blickte sie ihn an: „Zeit wär’s schon, Herr Heinz, wenn er einmal zu Vernunft kommen wollte. Immer ist er gleich obenhinaus. Wenn man doch nur sein Bestes will ...“ — ihre Tränen begannen wieder zu fließen — „und wenn man dann nichts als Undank davon hat, das tut weh. Nicht ein bissel hat er mich lieb!“

„Er zeigt’s Ihnen bloß nicht!“ versuchte Wart den Freund zu verteidigen. Die Witwe aber klagte unbeirrt fort: „Das kommt alles nur daher, weil er in keine Kirche mehr geht. Wohin soll das führen? Noch keinem ist’s gut gegangen ohne den lieben Gott, das können Sie mir alten Frau schon glauben ... Es ist ein Kreuz, ein rechtes Kreuz mit dem Jungen! — Aber da steh’ ich und red’ und vergess’ ganz, ich — hab’ ja noch ein paar Lederäpfel. Die müssen Sie kosten! Der Fritz fliegt nur so darauf!“

Da sah Heinz, daß hier ein Trost nicht nötig war, und während Frau Hellwig geschäftig die runden Früchte auf einem Teller ordnete, ging er wieder ins Zimmer zurück.

Fritz vermied es jedoch seit jenem Tage, die Freunde in seine Wohnung mitzunehmen.

5.

Weihnachten war vor der Tür, und damit war auch die Zeit gekommen, da Pater Romanus seine Schäflein zur ersten von drei schuljährlichen Beichten zu verhalten pflegte. Sämtliche verfügbaren Seelenhirten von Neuberg, insbesondere die frommen Mönche aus dem Franziskanerkloster, leisteten werktätige Beihilfe. Klassenweise wurden ihnen die Schüler zugewiesen, wobei jedoch Romanus besondere Wünsche seiner Studenten nach Möglichkeit berücksichtigte. Allen konnte er’s freilich nicht recht machen, weil nach einzelnen Beichtvätern wegen ihrer Milde eine allzu rege Nachfrage herrschte, die Milde nach der Kürze der Ermahnungen und der Bußgebete eingeschätzt.

Hellwig aber trachtete diesmal bei dem allgemein gefürchteten Pater Guardian anzukommen, der nicht im Beichtstuhl, sondern in seiner Zelle die Verfehlungen der Gläubigen anzuhören und endlose geharnischte Reden gegen die armen Sünderlein loszulassen pflegte.

Jede Rede verschlug es ihm jedoch, als Fritz, kaum auf dem Schemel niedergekniet, rauh hervorstieß: „Meine Beichte ist kurz, ich glaube an gar nichts!“

Ein langes Schweigen folgte den Worten. Die kleine, vertrocknete Priestergestalt saß ganz unbeweglich, und der kahle Schädel leuchtete wie eine große Billardkugel unter Hellwigs niederschauenden Augen.

„Ich glaube an gar nichts!“ sagte er endlich nochmals.

Nun regte sich unbehaglich der Leib in der dunklen Kutte, zwei wässrige Augen mit roten Rändern schauten hilfeheischend zur Decke und eine zögernde Stimme fragte: „Ja ... lieber Bruder ... lieber Bruder ... wie sind Sie denn dazu gekommen?“

„Durch Nachdenken und Vergleichen, auch durch Lesen,“ erwiderte Fritz und blickte dem Frater fest ins Gesicht. Der rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und suchte nach einer schicklichen Einleitung.

„Lieber Bruder,“ fing er endlich an, und Hellwig wunderte sich über die freundliche Stimme, den warmen Blick des als unleidlich streng Verrufenen. „Lieber Bruder, Sie sind noch jung und daher leicht zur Übertreibung geneigt. Sie glauben an gar nichts, sagen Sie, aber Sie sagen das nur, weil Ihnen noch nicht klar geworden ist, daß wir alle, die wir Menschen sind, sehr wenig wissen und sehr viel glauben. Sie glauben jetzt vielleicht den Worten eines alten Priesters ebensowenig wie den Worten der Heiligen Schrift. Aber einen Schöpfer lassen Sie doch gelten, nicht wahr?“

„Nur die Natur!“

„Dann haben Sie lediglich einen anderen Namen für denselben Gegenstand und glauben nur an einen Teil unseres allumfassenden Gottes. Denn: meinst du, daß ich ein Gott nur in der Nähe bin und nicht auch ein Gott in der Ferne? Erfülle ich nicht Himmel und Erde, spricht der Herr. — Wollen Sie mir jetzt ein paar Fragen ehrlich beantworten?“

Der Jüngling nickte stumm.

„Sagen Sie mir also vor allem, wie Sie es mit den zehn Geboten halten, vom vierten angefangen. Bemühen Sie sich, die darin vorgeschriebenen Pflichten gegen die Eltern und Nächsten sowie gegen sich selbst zu erfüllen?“

„Ich will nie etwas tun, das ich nicht vor mir selbst verantworten kann und bemühe mich, meine Kräfte für die Allgemeinheit auszubilden, so gut ich kann,“ entgegnete Fritz nach einigem Besinnen.

„Schön, lieber Bruder, recht schön. Das ist ganz christlich gedacht und gehandelt. Und nun noch eins: Haben Sie sich leichtfertig oder aus Übermut zu einer solchen Beichte entschlossen? Haben Sie skrupellos und ohne Kampf den Glauben Ihrer Kindheit über Bord geworfen?“

„Es ist mir nicht leicht geworden,“ gestand Hellwig, wenn auch mit Widerstreben.

„Das genügt mir schon, lieber Bruder, denn: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, spricht der Herr. Und deswegen ...“

Der greise Priester schwieg und schien mit einem schweren Entschluß zu ringen. Dann aber sagte er, und es zeigte sich, daß in dem verwitterten Körper jene Liebe, die ihn einst seinem Berufe entgegengeführt hatte, noch lebendig, daß sie nicht zermürbt oder ertötet worden war, durch den beständigen Kampf wider den Zweck und die Bestimmung seines Menschentums. Jenen entnervenden Kampf, den er als Jüngling in der Begeisterung seiner Jahre freiwillig aufgenommen hatte und darin der gereifte Mann unter allen Qualen des Entsagens und Kasteiens gegen die Natur sündigen mußte, um nicht gegen seinen Gott zu sündigen.

„Mein lieber Bruder,“ sagte er, „Ihre Sünde ist nicht so groß, wie Sie anzunehmen scheinen. Und der Schmerz, die Unruhe, die Sie empfinden, seit Sie an unserm barmherzigen Schöpfer zu zweifeln angefangen haben, ist auch eine Buße, die gewogen und wahrlich nicht zu leicht befunden werden wird. Darum glaube ich es vor Gott und vor meinem Gewissen rechtfertigen zu können, wenn ich Sie Ihrer Sünden ledig spreche. Leider habe ich nicht die Zeit, Ihnen die Gründe eingehend darzulegen, denn draußen warten andere Beichtkinder. Auch bin ich alt und müd und geistig nicht mehr regsam genug, um die großen Gärungen der neuen Zeit zu verfolgen und Ihnen im Sinne unseres Glaubens auszudeuten. Wenden Sie sich daher an Ihren Religionsprofessor und vertrauen Sie sich ihm getrost an. Es wird Ihr Schade nicht sein.“

Segnend hob er die Hand, begann er die lateinische Formel zu sprechen. Er ließ sich hierbei auch von dem Gedanken leiten, daß durch ein Verweigern der Lossprechung, das bei den strengen Gymnasialvorschriften leichtlich zur Ausweisung führen konnte, der junge Zweifler nicht nur nicht gebessert, sondern erst recht zum Verharren in der eingeschlagenen Bahn bewogen worden wäre. Hellwig aber verstand diese Güte nicht. Rücksichtslos und hart gegen sich und andere, forderte er dieselbe Härte und Rücksichtslosigkeit im Verfechten der Grundsätze auch von den anderen für sich selbst wie ein gutes Recht. Deswegen wartete er das Ende der Lossprechung nicht ab, sondern erhob sich mit einer jähen Bewegung von den Knien und schritt trotzig aus der Zelle.

Er ging zu Pater Romanus.

Der bewohnte im ersten Stockwerk eines armseligen Hauses zwei enge Gelasse, die mit Kruzifixen, Heiligenbildern, Büchern und kaum dem notwendigsten und dürftigsten Hausrat versehen waren. In dem einen Raum befand sich neben einem Schrank, einem Betpult und einem Waschtisch überhaupt nur noch ein schmales, mit Roßhaarkissen und einer groben Kotze ausgestattetes Bettlein. Es ging jedoch die Rede im Ort, daß an diese zwei Räumlichkeiten noch ein drittes Zimmer stoße mit behaglichen Polstermöbeln und mit weichen Daunenpfühlen in einer breiten, fast doppelspännigen Bettstatt, darinnen eine wunderschöne Nichte des Paters die jungen Glieder strecken und nebenbei auch dem Oheim die Wirtschaft führen sollte. Doch konnte das ebensogut böswillige Verleumdung sein, denn wenn auch manche ein derartiges Frauenzimmer bisweilen an den Fenstern oder im abendlichen Dunkel auf Spaziergängen begriffen gesehen haben wollten, so war für alle Fälle und jedermann sichtbar eine ungemein häßliche Weibsperson vorhanden, die in einer winzigen Küche ein ungebärdiges Wesen entfaltete, wie ein Zerberus den Wohnungseingang bewachte und jeden Unbekannten rücksichtslos vor der hölzernen Lattentür im Vorflur warten ließ, bis sie ihn bei ihrem geistlichen Herrn angemeldet hatte.

Auch Fritz erhielt auf seine Frage, ob er den Herrn Professor sprechen könnte, die mürrische Antwort: „Werd’ nachsehn!“ und konnte dann in aller Muße Zug für Zug die Buchstaben des messingnen Namensschildes an der Vorhaustür betrachten, ehe ihm diese geöffnet wurde.

Pater Romanus empfing ihn beim Schreibtisch sitzend, und sein Kopf war vollständig unsichtbar zwischen den dickleibigen Schmökern, die sich rechts und links der Wangen zu Bergen türmten. Als die Tür aufging, stieg der schwarze Haarschopf langsam aus diesem Bücherverließ, die Augen spähten wie über eine Burgzinne nach dem Eintretenden, — dann sprang die schwarze Gestalt rasch vom Sessel empor und kam mit einem freudigen „Ah!“ der Überraschung auf den Jüngling zu.

Der aber ließ sich nicht beirren, sondern begann ohne Umschweife einen trockenen Bericht über den Vorfall in der Beichtkammer.

Pater Romanus hatte sich an dem Tisch in der Mitte des Zimmers niedergelassen und hörte mit einem rätselvollen Gesichtsausdruck aufmerksam zu. Als Hellwig fertig war, sagte er mit mühsam behaupteter Ruhe: „Wenn das so ist, Kind Gottes, dann gehen Sie morgen selbstverständlich nicht zur heiligen Kommunion. Auch vom Kirchenbesuch enthebe ich Sie vorläufig unter der Bedingung, daß Sie dafür wöchentlich einmal zu mir kommen. Wollen Sie mir das versprechen?“

„Ich glaube nicht, daß das einen Zweck hätte, Herr Professor,“ entgegnete Fritz zögernd.

Nun erhob sich der hagere Priester wieder, stand in der dunklen Soutane, die sich glatt und faltenlos über den flachen Brustkasten spannte, Stirn gegen Stirn dem hoch aufgeschossenen Schüler gegenüber, und seine Stimme hatte den schwingenden Predigerton, als er jetzt rief: „Geben Sie den Einflüsterungen des Bösen kein Gehör, der übermächtig in Ihrem Herzen aufsteht, weil die alleinseligmachende Kirche ihre Anstalten trifft, ihm ein vermeintlich schon sicheres Opfer zu entreißen. Er schlägt Sie mit Blindheit, daß Sie vor lauter Finsternis den Zweck nicht sehen können und das sonnenklare Ziel! Ihre Seele ist in Gefahr, Fritz Hellwig! Sehen Sie in mir das Sprachrohr unseres allgütigen Gottes, der Sie in letzter Stunde zur Umkehr mahnt!“

Da reckte sich der Jüngling empor: „Ich habe es nicht nötig, umzukehren, Hochwürden. Ich will nicht zurück, sondern vorwärts!“

„Ihre Verstocktheit ist groß, Kind, aber mit Gottes Hilfe ist mir die Bekehrung weit ärgerer Sünder schon gelungen, auch bei Ihnen wird sie kein vergebliches Bemühen sein. Ich kenne Sie durch und durch, Hellwig, und kenne auch die Ursache Ihres jetzigen Zustandes. Sie lesen zu viele weltliche Bücher. Machen Sie sich davon frei! Die weltlichen Bücher sind die Saatfelder des Teufels, in denen die Giftpflanze der Seelenfäulnis üppig in die Halme schießt! Sie machen den Gläubigen wankelmütig und bestärken den Ungläubigen in seinem gottlosen Wandel. Satan wollte die Menschheit von Gott abwendig machen, da erfand er die Lettern und gab ihr die weltlichen Bücher. Aller Schmutz fließt in ihnen zusammen wie in einer Kloake und jegliches Übel kommt von ihnen. Verbrennen sollte man sie und in Acht und Bann tun alle diejenigen, die sie erzeugen und verbreiten! Kind Gottes, warum lasen Sie solche Schriften, in denen die Verleumdung der Religion ihren eklen Geifer verspritzt? Warum lasen Sie weiter, statt sie ins Feuer zu werfen, als Sie die Verlockung zum Unglauben merkten?“

„Solche Bücher kenne ich nicht, Hochwürden. Nur ernste wissenschaftliche Werke. Darwin zum Beispiel.“

„Darwin!“ ächzte Romanus. „Darwin! — Auch ich habe ihn gelesen, aber als reifer, glaubensfester Mann und nicht als haltloser Jüngling! Wissen Sie denn nicht, daß geschrieben steht: Hütet euch vor jenen, die im Schafspelze zu euch kommen, im Innern aber reißende Wölfe sind? O Kind Gottes, und Darwin ist der Oberste dieser Wölfe! Ein Irrlehrer ist er, ein schamloser Verführer und wahnwitziger Lügensprecher! Oder ist es nicht Wahnsinn, daß wir, die Ebenbilder Gottes, für die sein eingeborener Sohn am Kreuze blutete, entstanden sein sollen nicht durch eines allmächtigen Schöpfers Hand, sondern durch blinden Zufall aus einem Urschleim? Der Kot des Lebens Anfang und der Menschheit Vater! O mein Gott! Mein Gott! Daß sich überhaupt Leute finden, die so hirnverbrannt sind, das zu glauben!“ — Der Eiferer schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und Fritz entgegnete bescheiden:

„Auch in der Bibel steht, daß Gott den Menschen aus Staub erschaffen hat.“

„Aus Staub, jawohl! Aber nicht aus Dreck! Aus Staub, den seine göttliche Hand von aller Unreinheit geläutert und geadelt, sein göttlicher Atem gewandelt hat zum köstlichen Gefäß der unsterblichen Seele!“

Da sagte Hellwig und ein warmes Leuchten kam aus seinen Augen: „Auch dieses habe ich in Darwins Lehre gefunden. Der Atem Gottes kam in den Staub — da war das Leben. Das Leben selbst ist dieser Atem, des Lebens Regung in uns, das ist die Seele, unsterblich wie das einmal gewordene Leben selbst. Und Gott ist nichts anderes als die Natur, die aus sich selbst das Leben gebiert, dreifach und doch nur eins: der leblose Stoff als Träger der ewigen, ehernen, großen Gesetze; der Leben gewordne Stoff, der den unbelebten zur Selbsttätigkeit erlöst und endlich der Selbstbewußtsein gewordene Stoff, der Geist. So hab’ ich’s mir zurecht gelegt.“

„Lästern Sie nicht, Verblendeter!“ Der Pater hob abweisend die Hand. Ruhiger fuhr er fort: „Ihre Seele, Kind, ist überwuchert von Unkraut und Dornen! Viel Schweiß wird es kosten, diesen Boden zu jäten und für die Aufnahme der heiligen Samenkörner zu bereiten, die da sind die Worte der Evangelien. Wir müssen ganz von vorn anfangen und das so bald als möglich. Morgen abend um sechs Uhr erwarte ich Sie. Jetzt aber lassen Sie mich allein. Sie haben mich tief betrübt, ich will im Gebete Trost und Zuflucht suchen. Und auch für Sie will ich beten, daß Ihnen Gott die schwere Sünde nicht zu hoch anrechnet, die Sie im Angesicht des Gekreuzigten begangen haben!“

Er warf sich vor dem Hausaltar, der in einer Zimmerecke errichtet war, in die Knie, legte die Stirn auf das Holz der Betbank, hielt die gefalteten Hände über dem Haupt empor. Wie gelöst schienen seine Glieder, unter dem seidig glänzenden Priesterrock bebte der Leib in Fieberschauern.

Eine tiefe Furche zwischen den Brauen, mit stürmischem Atem und zuckenden Nüstern schaute Fritz empört zu. Dann sagte er laut und hart: „Herr Professor, lügen Sie doch nicht Ihrem Herrgott ins Gesicht!“

Jäh fuhr Romanus in die Höhe. In den Halsadern pochten ihm alle Pulse sichtbar. „Bube!“ schrie er. Aber sogleich wieder hatte er die aufgestörten Leidenschaften fest im Zügel. Stoßweise, mit gewaltsam gebändigter Erregung, sprach er: „Danken Sie’s Ihrer Mutter, daß nur der Priester und nicht Ihr Professor die frechen Worte gehört haben will. Sie haben die Achtung vor jeder Autorität verloren. Hellwig, Hellwig, das wird ein böses Ende nehmen! Ich wollte Ihnen ein Freund und Berater sein, doch Sie haben meine väterlich gebotene Hand zurückgestoßen. Gut! Ganz wie Sie wünschen! Ich werde trachten, auch das zu vergessen. Das ist mehr Nachsicht, als Sie verdienen. Damit ist meine Aufgabe vorläufig beendet. Wenn Sie aufrichtig bereuen, steht Ihnen meine Wohnung wieder offen. Bis dahin — gehen Sie!“

Sein ausgestreckter Finger zeigte nach der Tür. Fritz verneigte sich stumm und ging langsam. Aber über die ausgetretene Schneckenstiege rannte er schon in heftigen Sätzen.

Draußen atmete er auf. Die leichte Winterluft streichelte ihm die Stirn, schien mit frischen, kühlen Händen alle Unreinheit fortzuwischen, die er aus dem Haus des Geistlichen an Leib und Kleidern mitzutragen glaubte.

Trotzdem gelang es ihm nicht gleich, den Ekel zu überwinden, den das Gebaren des Jesuiten in ihm ausgelöst hatte und den er ganz körperlich, wie den Nachgeschmack einer verdorbenen Speise, zu empfinden vermeinte, so oft er sich das Bild wieder vergegenwärtigte: Die große Gebärde, mit der sich Romanus vor dem Altar in die Knie geworfen, das heuchlerische Spiel mit Gebet und christlicher Liebe, die schamlose Schaustellung von Gefühlen, die, wenn wirklich empfunden, unter allen Umständen der Einsamkeit gehören mußten. Und er empfand lebhafte Genugtuung, daß er mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Vor den Folgen war ihm nicht bang. Er wußte, daß er recht gehandelt und glaubte noch an den Sieg des Rechts, weil er an die Menschen glaubte und, selbst vornehm, auch anderen keine Niedrigkeit zutraute.

Als er nach stundenlangem planlosen Herumwandern das Gleichgewicht endlich wieder erlangte, war der Abend bereits so weit vorgerückt, daß er Heinz nicht mehr aufsuchen wollte. Der wußte ebensowenig wie Otto um die ganze Angelegenheit. Denn Hellwig hatte diesmal niemandem seine Absicht mitgeteilt, weil er die Erinnerung an das Auskneifen Pichlers noch zu lebendig mit sich herumtrug und nicht abermals einen Freund in Versuchung bringen wollte. Das Verheimlichen war ihm schwer genug angekommen, wie einen Vertrauensbruch empfand er es. Der Aufschub, zu dem er sich jetzt abermals gezwungen sah, war ihm daher höchst unlieb, und er konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dieser war schulfrei zum Behufe eines würdigen Nachgenusses der Kommunion, die den Studenten bei der ersten Frühmesse gespendet wurde und von der sich Hellwig selbstverständlich fern hielt.

6.

Die Uhr am Rathaus hatte noch nicht neun geschlagen, als Fritz auch schon mit langen Beinen über die breiten Holztreppen zu Heinzens Behausung hinaufeilte.

Die Morgensonne hielt vor den bemalten Bogenfenstern, ließ die satten Farben der Glasbilder aufleuchten und füllte das geräumige Stiegenhaus mit warmem Licht. Vom Hof her drang das Lärmen der Auflader, das Klirren der Wagenketten und das Gewieher der Pferde. Das alte Haus, das sonst, wenn die Sonne vorübergegangen war, düster, fast mürrisch dreinblickte, war heute gar nicht wieder zu erkennen. Jeder Winkel schien hell und munterer Tätigkeit voll zu sein, wie ein Tempel fröhlicher Arbeit stand es, tönte und glänzte im jungen Morgenlicht.

Und jetzt mischte sich in den summenden Lärm der Ladestellen von oben her Türenschlag und Schuhgetrapp. Auf schnellen Füßen kam etwas die Stufen herabgepoltert, bog um die Ecke des Treppenabsatzes. Gewänder rauschten, ein heller Rocksaum flatterte um schwarzbestrumpfte Knöchel, ein dicker Blondzopf schwang den Takt dazu. Ranke, geschmeidige, biegsame Glieder, blaue Funkelaugen, gerötete Wangen — das war ein Hasten, war ein Eilen, hatte nicht mehr Zeit, die wirbelnden Füße zu hemmen und — stieß mit Hellwig Stirn gegen Stirn zusammen.

Wehleidig-erschrocken ein „Au!“ aus weißer, weiblicher Kehle. Der Hut des Jünglings flog zu Boden. Lebenswarm knospende, drängende Jugendfülle fiel zugleich mit einem strauchelnden Mädchenleib für einen Augenblick in die Arme des Verlegenen, zehn kleine Finger klammerten sich Halt suchend an seinem Rockkragen fest. Dann sprang ein Lachen lustig in den Morgenglanz hinein: „Verzeihen Sie, bitte!“ und weiter ging’s in trappelnden Schuhen und wehenden Kleidern die Stiege hinunter durchs flimmernde Spiel der Sonnenlichter, während Fritz noch auf dem Treppenabsatz stand und mit der Hand die Beule an der Stirn befühlte.

„Das war die Ev!“ sagte Heinz lachend, als ihm der Freund die Begegnung erzählte.

„Was denn für Ev?“ knurrte Hellwig verdrossen. Er ärgerte sich über die Heiterkeit des andern und hatte das unbehagliche Gefühl, daß er irgendwie eine lächerliche Rolle gespielt haben könnte. Und als nun Heinz lustig rief: „Da hört sich doch alles auf! Jetzt weißt du Brummbär am Ende gar nicht, daß ich eine Schwester hab’?“, da wurde Fritz wieder einmal ungemütlich.

„Woher sollt’ ich’s wissen? Gesagt hast du mir nichts, und herumschnüffeln tu’ ich nicht!“ polterte er los. „Überhaupt — schöne Freundschaft das! Wenn sie mir nicht grad’ eine Beule gestoßen hätte, wüßt’ ich bis heute nicht, daß mein Freund eine Schwester hat!“

Nun mußte er jedoch selber lachen, und so unterblieb diesmal der Auftritt.

Heinz war in trefflicher Laune und scherzte weiter: „Dann hast du wenigstens gleich einen Vorgeschmack bekommen! Tröst’ dich, du wirst mit dem tollen Ding noch mehrfach zusammenrennen!“

Da hob Fritz die Hände wie zur Abwehr: „Das fehlte grad’ noch!“

„Wird dir nichts übrig bleiben!“ erwiderte Heinz. „Sie ist schon furchtbar neugierig auf dich. Gestern ist sie auf Weihnachtsferien gekommen — weißt, sie ist heuer in Deutschland draußen in einem Töchterheim — und die Mutter muß ihr was von dir geschrieben haben. Sie hat wenigstens gleich gestern gefragt, wann du herkommst.“

„Dann komm’ ich überhaupt nicht mehr, bis sie wieder fort ist! Ich wüßt’ ja gar nicht, was man mit so einem Wesen reden soll!“ platzte Fritz heraus und Wart setzte die Neckerei fort: „Nur Mut, Fritze! Wenn man erst über den Anfang hinaus ist, findet sich alles von selber. Sie wird dich nicht gleich fressen!“

„Aber ich kann doch um Himmels willen nicht von Buddha und Haeckel mit ihr sprechen!“ unterbrach ihn Hellwig verzweifelt. „Und was anderes interessiert mich nicht! Und was mich nicht interessiert, davon red’ ich nicht! Und wovon ich gern reden möcht’, das kann doch wieder so ein Pensionsmädel nicht interessieren, so ein Gansl! Nein, da ...“

‚Tu’ ich nicht mit‘ wollte er sagen. Aber der Satz blieb ihm in der Kehle stecken. Mitten in seine Worte hinein hatte eine klingende Stimme gerufen: „Dank’ schön für die gute Meinung, Herr Hellwig!“

Und da stand sie, gegen die er soeben geeifert, leibhaftig unter der geöffneten Tür, durch die vom Gangfenster in der hinteren Giebelwand ein breiter schräger Streifen Sonnenlicht fiel. Wie goldene Fädchen glänzten die krausen Locken über den kleinen Ohrmuscheln, hinter den lachenden Lippen blitzten die Zähne, und die Sonnenstäubchen tanzten um die feinen Schultern, tanzten um die werdenden Hüften unterm roten Gürtelband, tanzten um den ganzen schlanken Leib im hellen Tuchkleid, der sich auf tanzbereiten Füßen wiegte und seiner jungen Schönheit sorglos freute.

Fritz war nicht so sorglos. Linkisch stand er, mit rotem Gesicht, und wußte tatsächlich nicht, was er reden sollte. Heinz schaute von seinem Schreibtisch behaglich nach den beiden, schlang die Hände um das emporgezogene Knie und war gemütsroh genug, dem ruppigen Freunde den fatalen Zustand vom Herzen zu gönnen.

„Jetzt wehr’ dich!“ rief er ihm fröhlich zu. „Gib acht, daß sie dir nicht die Augen auskratzt.“

„Von mir aus ...“ brummte Hellwig achselzuckend, während er sich trotzig gegen die Wand lehnte, die er im beständigen Rückwärtsschreiten endlich erreicht hatte. Dabei duckte er den Kopf nach vorn, denn der aufstrebende Haarschopf fegte bereits die schiefe Decke des Dachzimmers. Und da er noch obendrein die Hände zu Fäusten geballt hielt, war er ganz bedrohlich anzusehen, gleich einem sprungbereiten Tiger oder lauernden Schnapphahn, wie Heinz belustigt meinte.

Mittlerweile hatte sich die junge Schöne mitten in der Stube aufgepflanzt und tauschte mit dem Bruder einen verständnisinnigen Blick.

„Also ein Gansl bin ich?“ sagte sie unter mehrfachem leichten Kopfnicken. „Wissen Sie, daß das eine Beleidigung ist?“

Fritz gab keine Antwort. Er stand unbeweglich, wurde noch röter und aufgeregter, aber scheinbar ruhig, wie das seine Gewohnheit war, sah er dem unerwünschten Widerpart scharf und gerade in die Augen.

‚Sie schaut der Mutter ähnlich,‘ dachte er und fühlte dabei, wie der Zorn in ihm zu kochen begann, weil sie’s wagte, ihn zur Rede zu stellen. Da sie ein bitterböses Gesicht aufgesetzt hatte und das verräterische Zucken der lachlustigen Mundwinkel, so gut es ging, unterdrückte, nahm er ihre strenge Frage für blutigen Ernst, glaubte in eine demütigende Lage hineingeraten zu sein und ärgerte sich über seinen Mangel an Schlagfertigkeit, der ihm keine schneidige Entgegnung finden ließ.

„Eine ungerechtfertigte Beleidigung!“ bekräftigte Heinz.

„Und für die müssen Sie Abbitte leisten!“ forderte der entsetzliche Backfisch resolut und hielt dem geraden, feindseligen Blick des Gequälten tapfer die blauen Augen entgegen.

Hellwig schwieg. Von den hohen Büchergestellen funkelten in Goldschrift die erlauchten Namen der Geistesriesen, schienen des ratlosen Menschleins an der Wand zu spotten. Immer stärker brodelte es in ihm, und Wart, der ihn unausgesetzt beobachtete, hielt es für ratsam, einzulenken. Er blinzelte seiner Schwester zu, die aber gab nichts darauf, ließ sich von ihrem jungen Ungestüm fortreißen und rief befehlend, mit schräg abwärts gestrecktem Arm und Zeigefinger: „Abbitten! Nun?“

Da fuhr auch schon Hellwigs Wort wie ein Keulenschlag nieder: „Gesagt ist gesagt und Gansl bleibt Gansl! Man hört’s am Schnattern!“

Das klang grob, herausfordernd und wirklich verletzend. Nun war’s, als hätte eine ungeschlachte Hand mit einemmal alle kindliche Heiterkeit aus dem hübschen Gesicht fortgewischt. In die blanken Augen kam ein feuchter Schimmer. „Pfui, Sie sind roh!“ sagte Eva Wart, kehrte dem klotzigen Gesellen energisch den Rücken, und ehe noch der Bruder vermittelnd eingreifen konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen.

Fritz sah ihr nach und wunderte sich, wie hoch so ein dicker Zopf fliegen und wie goldähnlich seine Spitze leuchten konnte. Ihm war keineswegs wohl ums Herz. Er verwünschte seine ungefügen Manieren, aber auch das naseweise Ding, das ihm mit solcher Anmaßung entgegengetreten war. Keinen Augenblick dachte er daran, daß er eigentlich ein Spaßverderber war. Denn er hatte kein Verständnis für tändelnde Scheingefechte, und seiner gärenden Jugend fehlte noch vollständig der Humor, zumal sie zu wenig sonnig gewesen und die gefühlsduselige Empfindlichkeit der fortwährend unglücklichen Mutter gerade aus den nichtigsten Ereignissen einen Grund zum Jammern herauszuholen pflegte.

Vergebens suchte ihm Heinz die Sache von der harmlosen Seite darzustellen, mit beruhigenden Worten und vorsichtigem Tadel über seine Rauhbeinigkeit. Fritz wollte nichts hören, haderte mit ihm, daß er ihn in diese Lage gebracht, und lief endlich grollend davon.

Inzwischen hatte Eva mit sprühenden Augen und lebhafter Entrüstung ihrer Mutter den Vorfall erzählt. Frau Hedwig nahm ihr temperamentvolles Kind in die Arme und klopfte ihm begütigend die erhitzte Wange.

„Nimm’s nicht tragisch, Mädl!“ sagte sie. „Jungens sind einmal nicht anders.“

„Ich lass’ mir das aber nicht gefallen!“ rief die Kleine stürmisch. „Er muß sich entschuldigen!“

„Das muß er nicht!“ erwiderte die Mutter mit freundlichem Ernst. „Denn auch du bist nicht ganz schuldlos, Eva. Was hast du bei Heinz oben zu suchen gehabt?“

„Ich war halt so neugierig,“ gestand die noch nicht Fünfzehnjährige verschämt.

„Und warst keck und vorwitzig. Siehst du, da hast du eben gleich deine Strafe wegbekommen.“

„Du nimmst ihn noch in Schutz ...“ murmelte das Mädchen vorwurfsvoll und konnte die locker sitzenden Tränen nicht länger zurückhalten.

„Das tu’ ich nicht, Kind. Ich will nur sagen, daß ihr beide im Unrecht wart. Aber auch wenn er allein schuld hätte, dürftest du keine Abbitte von ihm verlangen. Es ist unedel, seinen Beleidiger zu demütigen. Da weiß ich eine vornehmere Rache.“

„Was denn? Sag’s doch!“ drängte Eva ungeduldig, als Frau Wart eine Pause machte und ihr die wirren Haare aus der Stirn strich.

Ihre Gesichter waren jetzt dicht nebeneinander. Die Frau saß in der Erkernische beim Nähtisch, das Mädchen lehnte neben ihr, den Arm hinter der Stuhllehne um die Mutter gelegt, und schaute sie erwartungsvoll an. Die Ähnlichkeit zwischen beiden war nicht zu verkennen. Dieselbe glatte, ein wenig niedrige, aber fein geformte Stirn, dieselben klaren blauen Augen neben einer geraden, an der Spitze leicht abgeflachten Nase, dieselben sacht geschwungenen Lippen über einem rundlichen Kinn. Aber während bei Eva die Züge noch weich, nur erst angedeutet oder noch verhüllt waren von dem Pfirsichflaum einer zarten Kindlichkeit, traten sie in Frau Hedwigs Antlitz bestimmter hervor, waren durch das Widerspiegeln eines sorgfältig geschulten Geistes in eine schöne Harmonie gebracht und von lauterster Menschenliebe überglänzt, vereinigten sie sich zu einem Gesamtausdruck jener Güte, von der da ein Sagen geht, daß sie alles verzeiht, weil sie alles begreift.

Frau Wart ließ ihr neugieriges Kind erst ein bißchen zappeln, ehe sie mit ihrem Plan herausrückte, der dahin zielte, den widerborstigen Jungen mit einem Weihnachtsgeschenk zu überraschen. Darauf wollte die Kleine anfangs durchaus nicht eingehen. Als jedoch die Mutter anregte: „Weißt, wir kaufen ihm ein paar Bücher, stecken einen Zettel hinein und schreiben darauf: ‚Vom Gansl und seiner Mutter‘, dann wird er sich schämen und doch freuen,“ da war das quecksilberne Ding auch schon Feuer und Flamme und brachte sofort eine Menge von Werken in Vorschlag:

„Schiller! Oder Geibel! Oder Scheffel! Nein? Also Baumbach! Freytag! Heyse!“ und so weiter alle Lieblinge der Pensionsliteratur. Da indessen die lächelnde Zuhörerin immer den Kopf schüttelte, hieß es gleich wieder unwillig: „So sag’ endlich auch du was!“ und der Schmollmund war fertig.

Aber schließlich fing sie doch wieder an, und endlich kam die Mutter auf das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Boelsche. Das sei heiter und leicht und bringe manches Anregende, ohne eigentlich wissenschaftlich zu sein. Aber Fritz brauche nicht immer nur die ganz gedankenschweren Sachen zu lesen. Damit war die Kleine auch zufrieden, obwohl sie das Buch nicht kannte.

Und kaum waren sie im reinen, als sich die Zimmertür auftat. Geräuschvoll prustend und die frostroten Hände reibend, kam das Familienoberhaupt hereingestapft, schritt vorerst zum Ofen, wo es die Handflächen an den grünen Kacheln wärmte und machte dann beim Erker halt. Seine massige Gestalt mit den breiten Schultern füllte den schmalen Zugang beinah ganz.

„Nun, ihr Glucken!“ dröhnte seine tiefe Stimme und in allen Falten, Fältchen und Pölsterchen des bartüberwucherten vollen Gesichts saßen und lachten die fidelen Geister einer kreuzbraven Vergnügtheit. „Nun, ihr Glucken, was für ein Ei wird denn da wieder ausgebrütet?“

„Wer weit fragt, wird weit gewiesen, Nikl,“ kam die Gattin dem flinken Plauderzünglein der Tochter zuvor. Denn sie fürchtete, daß der bücherfeindliche Mann dem Kinde durch ein abfälliges Urteil die Freude verderben könnte.

Der gemütliche Bürger dachte an die nahe Weihnachtszeit und gab sich mit dem deutungsvollen Bescheid zufrieden. „Freilich, freilich,“ lachte er behaglich, „erwarten ist besser als erlaufen. Denn: mit Geduld hat die Katz’ den Schwartenmagen überwunden. Ich bin schon stad!“ Und dann unvermittelt abspringend: „Aber eine Kälte hat’s heut’, Leutln, daß die Schindelnägel krachen! Ich hab’ ein paar hundert Flaschen Krondorfer unterwegs, da wird mir die Hälfte zersprungen herkommen! ’s ist halt alleweil ein G’frett! — Hast nichts zum Essen, Mutter? Ich muß gleich wieder hinunter.“

Trotzdem Herr Wart auf seine Frage nach dem Gabelfrühstück täglich dieselbe Antwort erhielt: „Es steht schon auf deinem Schreibtisch!“, wäre es ihm niemals eingefallen, vom Laden unmittelbar in sein Arbeitszimmer zu gehen. Denn diese kurze Pause, diese flüchtige, meist auf wenig belanglose Worte beschränkte Unterhaltung mit seiner Frau war ihm Ausruhn, Erholung und geistige Stärkung für die weitere Vormittagsarbeit.

Heute aber wurde er noch nicht fortgelassen. Eva stellte sich in ihrer ganzen Größe vor ihm auf und sprach sehr ernsthaft: „Du, Vater, sag’, bin ich ein Gansl?“

Wart Nikl schaute die sonderbare Fragerin erst verdutzt an, dann bewegte er kräftig nickend das Haupt und rief aus einem unbändigen Gelächter heraus: „Und was für eins, Mädl! Und was für eins! So ein ganz ausgewachsenes! Das wär’ ein Bratl zu Martini gewesen!“ Und er kniff sein Herzblatt in die glatt gerundete Wange.

Die Kleine aber wandte mit einem unwilligen Ruck ihr Gesicht weg, fauchte wie ein Kätzchen, und auf der Suche nach einer schlagenden Widerlegung sagte sie zornig: „Ich — ich werd’ im August schon fünfzehn und — und die Fräuleins sagen alle, daß ich sehr gut lerne. Ja!“

Nun mußte auch Frau Hedwig lachen, und zum Unglück hob noch obendrein das kleinste Glöcklein im Turm des Franziskanerklosters zu läuten an.

„Hörst es?“ neckte da gleich der Vater, zum Fenster zeigend. „Hörst es, was die Glocke sagt? ‚Tu d’ Gäns’ ein! Tu d’ Gäns’ ein!‘ sagt sie. Komm, komm, ich muß dich in den Stall tun!“

Da hielt sich Eva die Ohren zu und wollte an ihrem Erzeuger vorüber aus dem Zimmer. Der aber fing sie in den ausgebreiteten Arm, drückte sie an sich und brachte mit Hilfe des untergelegten Zeigefingers ihr gesenktes Kinn in die Wagrechte. Und da sah er, daß die großen Kinderaugen voll Tränen waren. Sofort hörte der gutmütige Mann mit dem Gelächter auf und sagte ganz unruhig: „Aber geh, Ev, wirst doch nicht heulen? Fesch sein, Mädl! Spaß verstehn! — Wart’, ich werd’ dir jetzt auch erzählen, was die Glocken beim Begräbnis sagen. Alsdann: wenn so ein recht reicher Frommer zur ewigen Ruh’ gebracht wird, dann brummen die dicken großen Glocken immerzu: ‚Fünferbanknoten! Fünferbanknoten!‘ — Aber wenn sie einen armen Hascher hinausschaffen, dann belfert nur so ein kleines grantiges Glöckerl hinterher: ‚Klingl, glenkl, armer Schlenkl!‘“

Das trug der Nikl sehr wirkungsvoll vor. Die ‚Fünferbanknoten‘ sprach er dumpf und feierlich, legte die fleischige Hand auf den Magen und schaute scheinheilig zur Decke, wogegen bei dem raschen ‚Klingl, glenkl‘ seine Stimme in die krähendste Fistel überschnappte. Darüber mußte Eva lachen. Und als er sie noch auf die Schulter klopfte: „Laß gut sein, du bist schon recht!“, war sie wieder ganz versöhnt. Und weil sie wußte, daß er’s gern von ihr leiden mochte, zupfte sie ihn am rötlichen Bart. Nun schnappte er mit grimmigem Gesicht nach ihr, sie zog wie erschrocken die Hand zurück und lachte laut, die Mutter lachte mit und Wart Nikl ebenfalls, und die Fensterscheiben zitterten vor seines Basses Grundgewalt.

7.

Während es dem Mädchen mit Lachen und freundlicher Teilnahme leicht gemacht wurde, über den kleinen Vorfall wegzukommen, mußte Fritz wie immer allein damit fertig werden und fraß sich hiebei nur desto tiefer hinein in seinen Groll gegen die Frauen im allgemeinen und gegen die weiblichen Mitglieder des Hauses Wart im besonderen. Und seine Stimmung wurde keineswegs gebessert bei der Erinnerung, daß er wegen der dummen Geschichte nicht einmal dazu gekommen war, Heinz von der Beichte und dem Auftritt mit Pater Romanus Bericht zu erstatten.

Als er dies beim nächsten Zusammentreffen in den Gängen des Schulgebäudes nachholte, meinte Wart, daß er einen Unsinn begangen habe. „Unsinn oder Sinn!“ sagte Fritz darauf, „ich mußte einfach. Wir werden ja sehn, ob man heutzutage wirklich ohne Lüge nicht durchkommen kann!“

Da verkündete die Glocke hallend den Beginn des Nachmittagsunterrichts, die Studenten strömten in die Klassenzimmer, und die beiden Freunde mußten das Gespräch vorläufig abbrechen.

In der Oktava verlas der Klassenvorstand unter lautloser Stille das Ergebnis der am Vortage stattgehabten Monatskonferenz, verteilte die Strafzettel mit den Tadelsworten, den Rügen und Ermahnungen und fügte seine eigenen Bemerkungen hinzu. Die wiesen zwar in einigen besonders schweren Fällen drohend auf schärfere Maßnahmen und auf das Schreckgespenst eines Durchfallens bei der Reifeprüfung hin, klangen im übrigen jedoch recht sanft und tröstlich. Denn dem alten Herrn mit dem weißen Backenbart und den schon leise zittrigen Händen waren seine Jungen ans Herz gewachsen.