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Der alten Sehnsucht Lied
Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger
in Stuttgart und Berlin
Rudolf Herzog:
Der Graf von Gleichen
Ein Gegenwartsroman. 5. u. 6. Auflage
Geheftet M. 3.50 In Leinenband M. 4.50
Die vom Niederrhein
Roman. 9.–11. Auflage.
Geheftet M. 4.– In Leinenband M. 5.–
Das Lebenslied
Roman. 9.–11. Auflage
Geheftet M. 4.– In Leinenband M. 5.–
Die Wiskottens
Roman. 19. u. 20. Auflage
Geheftet M. 4.– In Leinenband M. 5.–
Der alten Sehnsucht Lied
Erzählungen. 1.–4. Auflage
Inhalt: Deutsch und Fremd – Giuditta Africana – Auf der Fahrt nach dem Glück – Der Gruß des Lebens – Zweiter Frühling – Frühlingsabend
Geheftet M. 2.50 In Leinenband M. 3.50
Gedichte
Geheftet M. 2.50 In Leinenband M. 3.50
Die Condottieri
Schauspiel in vier Akten
Geheftet M. 2.– In Leinenband M. 3.–
Der alten Sehnsucht Lied
Erzählungen
von
Rudolf Herzog
Vierte Auflage
Stuttgart und Berlin 1906
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
Alle Rechte vorbehalten
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
Meinem lieben Vater Seiler
Inhalt
| Seite | |
| Deutsch und Fremd | [9] |
| Giuditta Africana | [37] |
| Auf der Fahrt nach dem Glück | [75] |
| Der Gruß des Lebens | [105] |
| Zweiter Frühling | [127] |
| Frühlingsabend | [159] |
Deutsch und Fremd
Die frühe Dämmerung des Wintertages glitt über die weite Hochebene und griff spielerisch nach den verblassenden Sonnenlichtern, die sich langsam zurückzogen, sich noch einmal zusammenfanden und mit dem Hauch des gemeinsamen Abschiedsgrußes den Himmel in melancholische, rötlich-violette Töne spannten. Weißer leuchtete der gefrorene Schnee auf den breiten Ackerstrichen, die geradlinig, zu Würfeln zusammengezogen, dunkelgerändert sich am Horizont verloren.
Aus der schwarzen Masse des Tannenwäldchens, das die Felder umschlossen, zog das leise Singen des Frostes. Ein Zweig knallte dumpf in der Kälte. Und es war wie ein Aufhorchen in der meilenweiten Einsamkeit …
Am Ausgang des Wäldchens zeigten sich zwei Reiter. Ohne sich verständigen zu müssen, hielten sie gleichzeitig ihre Tiere an, rückten sich aufrecht und schauten in die weiße Herrlichkeit, die sich vor ihnen aufgetan hatte. Wie ein Schleier zog sich ein feiner Dampf um die Pferdeleiber bei der kurzen Rast.
»Gräfin …«
»Sprachen Sie, Oberst –?«
»Sagen Sie nichts mehr von Italien. Kein Wort mehr. Unsere Heimat ist die schönste.«
»Weil sie die stillste ist …«
»Im Winter. Damit wir Muße haben, abzuschließen und – neu zu erschließen. Das allein hält jung. Ah dieser Winter. Den kann uns Ihr gelobtes Italien nicht nachmachen. Nein, nein, nein, ich danke Gott, daß Sie wieder hier sind.«
»Wieder?« lachte sie kopfschüttelnd. »Das sind doch schon zehn Jahre.«
»Ich weiß es, Gräfin.«
»Sie sagen das so lyrisch, Oberst. Sie haben doch mit dem Dienst nicht etwa auch die Zeitrechnung quittiert?«
Er klopfte dem unruhig werdenden Braunen, vornübergeneigt, den dampfenden Hals. »Nur zurückgeschraubt, liebe Freundin.«
»En avant!«
»Wie Sie befehlen.«
Aber sie ließen die Tiere im Schritt gehen. Seite an Seite ritten sie über den knirschenden Schnee, und keiner sprach aus, was ihn bedrängte. Dann fiel der Pfad allmählich ab. Eine halbe Stunde war verronnen.
»Gleich werden wir im Tal das Städtchen sehen.«
Da griff sie in den Zügel seines Pferdes.
»Oberst, lieber Freund, das halte ich nicht aus. So nicht.«
»Was nicht – und – weshalb nicht?« Die Pferde beschnupperten sich müde.
»Also schnell. Weshalb haben Sie den Dienst quittiert, ein Mann, Mitte der Vierzig? Weshalb haben Sie das Gut übernommen? Weshalb gerade jetzt?«
»Weshalb …?«
»Ja, weshalb!«
»Alles das wollte ich schon vor zehn Jahren.«
»Und heute – wollen Sie mehr? Sie schütteln den Kopf? Also wirklich nicht? Oberst, Freund, weshalb schütteln Sie nun den Kopf nicht mehr? Soll das heißen, daß Sie ja auch damals schon – mit noch anderen Wünschen kamen …«
Er wandte ihr mit einer energischen Bewegung sein Gesicht zu. Trotz der Dämmerung bemerkte sie, daß sich sein Haar an den Schläfen weiß gefärbt hatte.
»Frau Ella, wenn Sie mir zu reden gestatten – jetzt endlich …«
»Vom Sattel aus?« Sie gab seinem Braunen einen ermunternden Schlag und sprengte voraus. »Kommen Sie! Dazu sind wir zu alt. Die Jugend liegt hinter uns.«
»Die Jugend!« stieß er zornig hervor und warf den Gaul an ihre Seite. »Himmel, besteht denn das Leben nur aus dieser vergißmeinnichtblauen Jugend? Müssen wir denn absolut in Tränen und Seufzern schwimmen, wenn diese sentimentale Zeit –«
»Nicht schimpfen!«
»Soll ich mich etwa freuen, daß ich das zehn Jahre mit angesehen habe?«
»Was denn? Tränen und Seufzer? Von mir nicht!«
Frage und Antwort flogen hastig durch den aufgewirbelten Wind … Ein kurzer Galopp über ein ebenes Wegstück, eine scharfe Biegung an einer buschbestandenen Stelle, und aus der Talmulde tief unter ihnen blitzten und blinzelten rot und gelb die Lichter des Städtleins.
Noch einmal parierte die Reiterin ihr Pferd. Mit einer Handbewegung umfaßte sie das Bild, mit einer ganz langsamen Bewegung der behandschuhten Rechten. Aber sie sprach nicht. Im Tal schlug die Kirchenuhr. Die Klänge schwangen sich in der Winterluft weit über Land.
»Der alte Pfarrer ist nun auch schon tot,« sagte der Oberst. »Das ist schon eine Reihe von Jahren.«
»Als sein Sohn starb.«
»Ja, als Sie zurückkehrten. Ich hatte Urlaub genommen, um Sie auf der gemeinsamen Heimatscholle zu begrüßen. Herr Gott, Gräfin, schlug mir das Herz auf der Herreise.«
»Sie haben mir damals ein Versprechen gegeben. Die Frage, die Sie hertrieb, nicht auszusprechen. Damit wir die alten Kindheitsfreunde blieben.«
»Kindheitsfreunde? Ich war Zeit meines Lebens zehn Jahre älter als Sie, das zählt in der Kindheit. Als ich Sie endlich gewahrte, waren Sie Gräfin. Ich habe Unglück mit Ihnen.«
»Ich werde Sie vor weiterem Unglück bewahren.«
Er achtete nicht auf den Einwurf. »Als der Graf am allzuraschen Leben starb, verschwanden Sie in der Freiheit. Als fahrender Ritter konnte ich Ihnen nicht folgen. Auch respektierte ich das Trauerjahr. Aber Sie kamen nicht wieder. Die Illusionskraft Italiens hielt Sie ganz und gar. Und als Sie endlich kamen, hatten Sie auch die Illusionen für immer hinter sich gelassen. Wenigstens sagten Sie damals so: für immer.«
»Bemitleiden Sie mich, Oberst.«
»Bemitleiden Sie mich etwa? Nein, dafür danke ich in unser beider Namen. Trotz meiner fünfundvierzig Jahre –«
»Und trotz meiner fünfunddreißig?«
»– sage ich mir: das Leben fängt dann an, wenn man es packt.«
Sie sann einen Augenblick noch vor sich hin. »Und Sie – Sie haben alle die Zeit so gedacht? Und darauf gewartet?«
»Ich habe darauf gewartet, daß Sie sprechen würden, nachdem Sie mir das Sprechen verboten hatten. Und ich war fest überzeugt, daß Sie die ungleiche Verteilung der Karten, die Sie vorgenommen hatten, aus sich selbst heraus korrigieren würden. Dazu sind Sie ein zu stolzes und – zu gerechtes Menschenkind.«
»Werden Sie den heutigen Abend auf Ihrem verschneiten Gutshof zubringen, Oberst?«
»Wissen Sie mir Besseres vorzuschlagen?«
»Ob es Besseres ist, wenn ich Sie bitte, mit zu mir zu kommen? Ihrem Braunen werden nach dem langen Marsch ein paar Stunden Stallruhe gut tun.«
Er beugte sich aus dem Sattel, ergriff ihre Hand und drückte seinen bereiften Schnurrbart auf den Handschuh.
»Mein Brauner dankt Ihnen, gnädige Frau.«
»Das nenn’ ich diplomatisch. Und nun querfeldein! Der Frost hat den Schnee wie einen Parkettboden über die Ackerschollen gelegt. In fünf Minuten sind wir daheim. Trab!«
»Daheim? – Trab!«
Und zum ersten Male lachten sie miteinander. Ganz jung und gesund. Unter den Hufen der Pferde stäubte der Schnee, aus der Ferne tönte das leise Singen des Frostes, die Mondscheibe gewann an Leuchtkraft, und das tiefverschneite Land, Meilen hinaus auf dem Rücken des Berges, lag wie ein Geheimnis. Vor ihnen bauten sich die Umrisse des Herrenhauses auf. Das Licht des frühen Mondes schimmerte in der grünen Patina der Turmdachkappe. Die mächtigen Schieferdächer des Hauptbaues reckten sich kantig hoch. Das war stark und heimlich. In der Verborgenheit eine Geborgenheit. Und Ackerland ringsum.
Ein Knecht lief ans Tor und nahm vor den Stallungen die Pferde ab. Aber sie gingen beide mit hinein, bis die Tiere versorgt waren. Und als ob es sich so von selbst verstände, ging die Gräfin weiter, von Box zu Box, von den Wagenpferden zu den Ackergäulen, Futter und Stroh prüfend, den Tieren den Hals klopfend. Mit einem eigentümlichen, frohen Blick verfolgte der Oberst ihr ruhiges Tun. Dann schritten sie über den gefegten Hof, an der strohumwundenen Brunnenpumpe vorbei, und betraten das Herrenhaus.
»Sie müssen mich zwei Minuten entschuldigen, lieber Freund. Nur aus der Fessel des Reitkleides heraus!«
»Und ich –? Darf ich in meinem winterlichen Reiterflaus ins Heiligtum?«
»Dort ist die Bibliothek. Nein, nein, ich will Sie nicht erschrecken! Das Zimmer hat den gemütlichsten Kamin. Nur deshalb.«
Er war allein in dem Raum. Die Längswand war mit dichtgefüllten Bücherregalen besetzt. Die Ecke zum Fenster schnitt ein geschnitzter Schreibtisch ab. Darüber hing ein Ölbild: Das griechische Theater zu Taormina. Die andere Wand füllte der weitbauchige Marmorkamin.
Der Oberst starrte auf die Bücherreihen, wandte sich zum Kamin, in dem die Buchenkloben prasselten, wärmte sich gedankenvoll die Hände, betrachtete eine Zeitlang aufmerksam das Gemälde über dem Schreibtisch und fühlte sich endlich doch, gegen seinen Willen, zu den Bücherreihen zurückgezogen. ›Diese Gelehrsamkeit!‹ dachte er staunend. ›Freilich, da kann ich nicht mit.‹
»Ach, Unsinn,« sagte er plötzlich laut, »die Bücher tun’s nicht!«
»Die Bücher nicht?« – Die Gräfin stand in der Tür. Sie trug ein loses, weißes Wollkleid, das dicke, blonde Haar in einem griechischen Knoten. »Schauen Sie mich nicht so verwundert an. Ich bin die Gutsherrin von Schönhof. Also die Bücher tun’s nicht?«
»Nein, Gräfin, das Leben tut’s.«
»Das Leben, lieber Freund, steckt nirgends so schön wie in den Büchern.«
»Ja, wenn man achtzig ist – und hat selbst ein Lebensbuch geschrieben – und Punktum darunter gesetzt. Sonst – sonst …«
»Nun? Sonst?«
»Sich das Leben, das eigene Leben, aus fremden Büchern borgen – halten Sie es meinem Soldatenjargon zu gut, aber das käme mir wie Drückebergerei vor. Ein Leben, sein eigenes, das muß man selber leben und gestalten. Gräfin! Vorhin, als Sie durch den Stall gingen, wie Ihnen da die Augen glänzten. Und vorher schon, als wir über das Land ritten, das so warm unter der Schneedecke liegt! Sehen Sie, da waren Sie: Sie! Alles andere ist ja nur ein fremdes Kostüm, das Ihnen nicht sitzt, in das Sie trotzdem Ihre Jugend, Ihre Bestimmung hineinzwängen, weil Sie sich vor Jahren einmal in den Maskenscherz verliebt haben.«
»Ja,« sagte sie, »ich hatte mich verliebt … Und ob es ein Maskenscherz war, sollen Sie mir später sagen.« Sie sah ihn offen an. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, weshalb ich Sie bat, Ihre Werbung nicht vorzubringen. Vor zehn Jahren war alles noch zu frisch. Ich selbst war wohl wieder im lieben Deutschland, aber meine Gedanken – nein, meine Gedanken nicht. Die irrten verstört in Sizilien.«
Sie saßen in den tiefen Juchtensesseln dicht vor dem Kamin, der Oberst mit gefurchter Stirn, die Herrin des Hauses mit weitem, rückschauendem Blick.
»Als der Graf, mein Gatte, seine Besitzungen in der Altmark erschöpft hatte, zogen wir uns hierher, auf Gut Schönhof zurück, das mir meine Eltern hinterlassen hatten. Nie in meiner Ehe war ich so froh, wie an jenem Tage. Ich war von Haus aus ein schwerer Schlag, ein echtes Gutskind, wie Sie sich vielleicht erinnern. Die Weltdame zu spielen, habe ich nie gelernt. Das war der ewige Zorn meines Mannes. Und sonst hatte ich auch nicht allzuviel gelernt. Was mir die Gouvernante und der gute Pastor im Städtchen beibringen konnten, wenn der Stall und die Felder mich freiließen. Der enge, kleine Horizont des Städtchens im Tal zog auch den geistigen Horizont aus den höher liegenden Gutshöfen in Mitleidenschaft. Wenigstens war das früher so. Kurz, ich war ein dummes, derbes Landkind und wollte nichts anderes sein.
Damals begann das ›allzu rasche‹ Leben des Grafen – wie Sie sich vorhin ausdrückten – sich in seinen Folgen mit erschreckender Deutlichkeit bemerkbar zu machen. Die Gicht zog ihn, der längst nicht mehr der jüngste war, zusammen, und mit der Zunahme der Anfälle steigerte sich sein Zorn auf alles, was um ihn her gesund war. Ich wurde seine Gefangene, ich durfte das Zimmer nicht mehr verlassen. Dumpf und stumpf hockte ich neben seinem Krankenstuhl – denn er hatte sich das Reden verbeten – dumpf und stumpf, monatelang, ein Jahr lang. Was in der Natur vor sich ging, mir blieb es verborgen. Blieb mir doch fast verborgen, was auf dem Gute getrieben wurde. Aber ich will Sie mit der Schilderung meines Martyriums nicht quälen. Wenn mir damals jemand das Sterben versprochen hätte, ich hätte genickt.
Der Zustand meines Mannes verschlimmerte sich. Es war Vorfrühling, denn die Mägde trugen Büsche von Birkenkätzchen in die Zimmer. Da wurde mir ein gleichgültiger Besuch gemeldet, der Sohn des alten Pfarrers, mit dem ich zusammen unterrichtet worden war. Georg, der Spätgeborene. Sie werden sich seiner entsinnen.«
Der Oberst sah auf und blickte wieder in die tanzenden Funken des Kamins.
»Er kam, um mich zu bitten, ihn bei seinem Vater zu entschuldigen. Irgendwo solle er in den nächsten Tagen als Hauslehrer eintreten. Aber er zöge es vor, den Geist der Enge mit dem der Weite zu vertauschen. – Ganz interesselos stellte ich eine Frage: ›Wohin wollen Sie?‹
›Nach Italien!‹ –
Nie vorher und nie nachher habe ich das Wort in solcher Betonung wiedergehört. Ich wurde aufmerksamer, ich sah ihn an. Und ich sah in ein unbekümmertes, strahlendes Jünglingsgesicht. So unbekümmert, so strahlend sein können! … Da rief drinnen der Kranke nach mir.
›Und Ihr Vater weiß nichts von dem Plan?‹
›Er würde mich ja gar nicht verstehen. Eine Brotstelle im Stich lassen um eines seelischen Triebes willen! Frau Gräfin, das versteht hier ja überhaupt kein Mensch.‹ Und er lachte ganz glückselig.
›Was wollen Sie in Italien anfangen?‹
›Ein unsterbliches Werk schaffen. Oder besser: mein unsterbliches Werk.‹
Da rief der Kranke ungeduldig zum zweiten Male nach mir. Ich verabschiedete hastig den Besuch und versprach ihm, dem alten Pfarrherrn ein versöhnliches Wort zu sagen. Dann saß ich wieder in meiner Gefangenschaft. Aber seltsam: plötzlich roch ich den feinen Duft des Frühlings aus den Birkenkätzchen, sah ich durch die Gitterstäbe hindurch in sonnenbeschienenes Land, spürte ich eine mir fremde, uneingestandene Frühlingserwartung im Blut, und alles nur, weil ich den Klang im Ohr trug, aus Lachen und dem Jubelruf ›Italien!‹ gemischt, und ich wußte nicht: war es das Lachen, war es das Wort …
Als die Frühlingsstürme über unsere Hochebene dahingebraust waren und die Burschen Maibäume schnitten, zog man bei uns die Flagge auf Halbmast. Wir kamen vom Grabe des Grafen, und mitten in die Tröstungen des alten Pfarrers hinein fragte ich ihn nach seinem Sohn. Ja, es wären Briefe da. Der Georg läge in Rom herum oder in der Campagna und stehle dem Herrgott den Tag. Er nenne das zwar in seinem unverbesserlichen Leichtsinn ›dem Herrgott den Tag abgewinnen!‹ Trotz des sorgenden, zitternden Tones, es klang doch eine geheime Bewunderung für den Spätling durch. Dem Herrgott den Tag abgewinnen! Ach, wer das auch vermöchte … Für sich selbst, für die eigene, mißhandelte, stumpf gewordene Seele einen Tag gewinnen …
Zum Herbst reiste ich nach Italien. Die Gutsgeschäfte übernahm unser langjähriger Verwalter, mein alter Onkel kam hin und wieder zum Inspizieren. In Florenz erkrankte meine Zofe an Heimweh. Ich mußte sie auf kürzestem Wege zurücksenden. Ich selbst fuhr nach Rom, lief einen, zwei Tage ziellos durch die Straßen, stand freudlos und noch viel verständnisloser vor den Denkmälern des Altertums und fand mich am Abend einsam, meine Zofe beneidend, ja in Tränen in meinem Hotelzimmer. Am anderen Morgen verhandelte ich mit dem Fremdenführer des Hotels. Ich versprach ihm für die Herbeischaffung von Georgs Adresse eine glänzende Belohnung, erklärte ihm, daß er sie wohl bei deutschen Künstlern in Erfahrung bringen könnte und blieb in ängstlicher Erwartung daheim. War der Helfer nicht herbeizuschaffen, so gedachte ich mit dem Abendexpreßzug heimzureisen.«
»Natürlich, der Halunke brachte die Adresse,« murmelte der Oberst grimmig.
»Nein,« lächelte sie, »er brachte sie nicht. Zwei Stunden darauf stand Georg selber vor mir.«
Der Oberst stieß mit dem Fuß einen vorwitzigen Buchenspan in den Kamin zurück, erhob sich und tat ein paar Schritte ins Zimmer. »Verzeihen Sie, die Lampe flackert.«
»Soll ich weiter erzählen?« fragte sie nach einer Weile.
Er wandte sich um. Männlich und straff stand er vor ihr.
»Darf ich mir eine Zwischenfrage erlauben, Gräfin?«
»Aber gewiß, lieber Freund.«
»Wird das, was folgt, keine – verzeihen Sie – keine reguläre Liebesgeschichte?«
»Wollen Sie also weiter hören?«
Er nahm seinen Platz vor dem Kamin wieder ein. Aber in seinem Gesicht war ein unruhiger Zug, den sie bemerkte und der ein sonderbares, mädchenhaftes Gefühl in ihr wachrief. Eine feine Röte lief über ihre Schläfen, als sie weitersprach.
»Er sah sonnenverbrannt und hager aus, der gute Georg, auch war sein Anzug nicht ganz tadelsohne. Aber seine strahlenden Knabenaugen machten alles wett. ›Frau Gräfin,‹ rief er, ›wahrhaftig, es gibt bei uns noch mehr Leute, die sich aus der Stickluft von dannen machen? Und Sie! Gerade Sie! Nun können wir einmal an der Quelle revidieren, was mein alter Herr uns beim Unterricht alles zu sagen vergessen hat.‹
›Ich finde mich in Rom nicht zurecht. Wollen Sie mein Führer sein? Oder besser: mein Lehrer?‹
›Lehrer?‹ wiederholte er. ›Lehren kann hier allein die Natur. Hier sprechen die Steine. Haben Sie das bei Ihren Wanderungen noch nicht vernommen?‹
›Ich bin schwerhörig geworden. Und ob ich überhaupt noch aufnahmefähig bin – ich zweifle fast daran.‹
›Frau Gräfin,‹ sagte er respektvoll, ›ich weiß. Aber Sie sind doch immerhin erst fünfundzwanzig.‹
›Soll das ein Trost sein? Mit fünfundzwanzig schon so weit wie ich?‹
›Also Rom ist zunächst nichts für Sie,‹ fuhr er ruhig fort. ›Erst heißt es: sich akklimatisieren, Land und Leute kennen lernen, die Sonne lieb gewinnen, das blaue, sagenhafte Meer. Und später, wenn das Glück uns wohl will, rücken wir in langsamen Tagemärschen gegen Rom vor.‹
›Wir? – Wollen Sie denn mit mir reisen?‹
›Aber natürlich! Soeben haben Sie mich doch als Führer engagiert. Das heißt – halt – Frau Gräfin, ich habe kein Geld.‹
Da war sie wieder, diese nie gekannte lachende Stimmung, der ich entgegenreisen wollte.
›Das hat nicht Ihre Sorge zu sein,‹ erwiderte ich hastig, um nicht schon wieder den Mut zu verlieren, ›ich nehme Sie ganz einfach zum Reisemarschall.‹
›Topp, dann können wir zum Bahnhof.‹
›Aber – brauchen Sie nicht erst nach Hause?‹ fragte ich erschreckt. ›Ihre Reisevorbereitungen treffen?‹
›Menschen, die mit dem Glück segeln, sind immer reisefertig. Was ich brauche, erhalte ich überall.‹
Der Ton steckte an. Und der Mann, der ihn angeschlagen hatte, erschien meinen Augen, die so lange ins trübe Dunkel geblickt hatten, wie ein junger Sonnengott. Wir fuhren nach Neapel, wir fuhren im Wagen den Golf entlang nach Sorrent, nach Amalfi. Er lehrte mich sehen, Farben, Formen, Wunder über Wunder, und meine Seele erwachte zum Genießen. Das war das größte Wunder. Und alles dankte ich ihm, der sorglos und heiter an meiner Seite lachte und sprach, die Sagen des Altertums mit der Natur in Verbindung brachte, geschichtliche Ereignisse einfließen ließ, mich die Kunst lehrte, sich der Künste zu freuen, sich des Lebens zu freuen, und der dennoch überall der sorgende, taktvolle Reisemarschall blieb. So kamen wir nach Sizilien.
›Wenn es Ihnen recht ist, Frau Gräfin, schlagen wir in Taormina auf längere Zeit unsere Zelte auf. Dort können Sie sich auf Rom vorbereiten.‹
›Weshalb gerade dort?‹
›Entsinnen Sie sich, was ich Ihnen als das herrlichste an Rom rühmte? Die Steine reden. Geben Sie acht, im alten Theater zu Taormina werden Sie es vernehmen.‹
›Wollen wir nicht Messina bewundern?‹
›Ach, Frau Gräfin, selbst das Meerungeheuer, die strudelköpfige Szylla, hat vor Langeweile diese Stadt verlassen.‹
Ich sah ihn an, verwundert über sein Drängen. Aber als ich die freudige Unruhe in seinen Augen bemerkte, trieb es auch mich. ›Kommen Sie, kommen Sie,‹ sagte er nur, ›wer zum Throne gelangen will, darf sich im Vorsaal nicht aufhalten.‹
Und am Abend standen wir hoch droben, an die Ringmauer des alten Theaters von Taormina gelehnt und blickten, staunten hinein in die erhabenste Schönheit Gottes. Phantastisch recken und strecken sich Felsen und Vorgebirge in die blaue See, die brandend an ihnen frißt. Blöcke schichten sich zu Bergen, und auf jeder Bergspitze ein Städtchen, ein Kastell, immer eins das andere an malerischer Form besiegend. Und immer weiter wanderte der Blick, die sagenhafte Küste des Odysseus, des Griechen verschlingenden Polyphem entlang. Die rote Abendsonne warf ihre Purpurgarben durch die geborstenen Mauern des Theaters, ließ die Säulen der Bühne wie roten Marmor flammen, ließ unter uns die Küste des alten Naxos zu neuem Reiz erschimmern wie vor Jahrtausenden, als die ersten Griechenfüße von Neuland suchenden Schiffen hier an Land sprangen. Die Sonne huldigte im Farbenrausch dem Herrscher Siziliens, dem grünumgürteten schneebedeckten Ätna und ließ in weiter, weiter Ferne, im letzten Sonnendunst, den Schatten der gestürzten Königin Syrakus uns ahnen …
In dieser Stunde der Offenbarung empfand ich, daß die Schönheit nie wieder aus meinem Leben verschwinden dürfe, und ich sah mich nach meinem Helfer um. –
Auf die oberste Sitzreihe des Theaters gekauert, starrte der junge Freund auf die zertrümmerte, moosbewachsene Bühne, vor der wie ein der Auferstehung harrender Reichtum Marmorblöcke, Säulenschäfte und Kapitelle schlummerten. Seine Augen glühten. So mußten Künstleraugen glühen.
›Was schaffen Sie, Georg?‹
›Ja, ich schaffe …‹
›Was arbeiten Sie eigentlich, Georg? Ich habe Sie nie gefragt.‹
›Weshalb einen Ausdruck dafür suchen? Ob man in Stein, Farben oder Worten dichtet – die Schöpferfreude tut’s.‹
›Lassen Sie mich teilnehmen,‹ bat ich leise, und er rückte zur Seite.
›Sehen Sie,‹ sagte er und beschrieb mit der Hand einen Kreis über all die leuchtende Herrlichkeit, ›hier ist Gottes Geschichtsbuch. Hier liegen die Kulturen von Jahrtausenden in Schichten aufeinander. Wen die Götter lieben, der darf ein Lied aus dem Buche singen, unzähligen Liedern das Leben wiedergeben. Vorwärts!‹ rief er und klatschte in die Hände. ›Den Vorhang hoch!‹
Er beugte sich vornüber, mit großen lachenden Augen und schlug befehlshaberisch mit der Hand auf die Mauer. Und ich beugte mich mit vor, erregt und lachend. ›So lassen Sie doch beginnen, Dichter!‹
›Schauen Sie hin! Der braune Kerl da ist ein Sikuler, ein Ureinwohner. Er fegt die Bühne sauber für die Gäste, die ihn aus dem Hause werfen. Hierher, armer, betrogener Bursche! Lagere dich zu den Füßen der Dame. Scheu bietet er Ihnen einen blühenden Orangenzweig aus seinen Wäldern, Frau Gräfin. Und jetzt! Hören Sie die feine Musik, die Flötenbläserinnen? Von der See herauf wallt ein Zug festlich gewandeter Griechen, über die Bühne schreitet der Chor, griechische Kultur in den feierlich erhobenen Händen, die Schar der lorbeergeschmückten Künstler inmitten. Götterbilder erheben sich, Tempel wölben sich über den Bildern, Städte wachsen um die Tempelhallen. Und die Menschen wachsen mit und ihre Gedanken wachsen über sie hinaus, schon greifen sie nach dem Sitz der Götter, die Griechenknaben, da – da – Vernehmen Sie den Schrei? Sehen Sie, wie der Chor angstverzerrt über die Bühne stiebt? Die Götter haben den Arm gereckt. Karthager über euch! Weinend schleppt sich ein Griechenflüchtling heran. Er nimmt den Lorbeerkranz vom Haupt und legt ihn Euch zu Füßen, Herrin. Und auf der Bühne frißt der erzene Moloch Karthagos das Griechentum, und in seinem feurigen Bauche verschwinden Helden und Künstler …‹
›Wer naht dort?‹
›Kennen Sie nicht den »Schritt der Legionen«? Rom ist’s, das gestern hungrig war und heute. Es läßt die Völker sterben bis auf Nam’ und Art, ob es sich kaiserlich, ob es sich päpstlich nannte. Ah, wie es sich auf Aktschlüsse versteht! Es macht ganze Arbeit. Bildsäulen, Gold und Edelgestein packt es in seinen Räubersack. Keine Blume zur Huldigung? Verzeiht, Rom gibt nichts umsonst. Laßt den blutenden Karthager zufrieden! Er will zu meiner Herrin! Da bringt er Ihnen eine Aloe, die er aus der afrikanischen Heimat hierher verpflanzte. Wie sein letzter Blutstropfen glüht ihre Blüte …‹
Der Freund sprang auf und wies auf die See. ›Eine Zauberblume ist’s. Sie zwingt von neuem afrikanisches Blut über das enge Meer, und die Flut, die heranwogt, ist die Sarazenenflut. Hei, wie sie die Felsen, wie sie die Bühne erklettern, die sehnigen, geschmeidigen Kerle. Da wirft Ihnen der Führer eine Rose zu. Fangen Sie auf, schöne Frau, diese moslemitische Bande versteht sich auf Frauenschönheit. Neue Dekorationen schleppen sie herbei. Wo weiße Griechentempel, wo semitische Götzen, wo römische Altäre standen, wölben sich die Kuppeln der Moscheen in bunter Mosaik und Mohammed wird gewaltiger als die Götter der Himmel. Noch einmal werden die Trümmer der Vergangenheit in Trümmer geschlagen, auf den Trümmern neu aufgebaut, Sarazenennamen verschlingen die Namen der Städte, das Halbmondbanner rauscht über Sizilien.‹
›Weiter, weiter!‹ drängte ich und griff nach seiner Hand. Er preßte sie, daß es schmerzte.
›Oho! Das Stück ist noch nicht zu Ende. Auf der Bühne drängen sie nach vorn, weichen taumelnd zurück. Blonde, blauäugige Männer erscheinen in der Kulisse. Sie stürmen vor, sie packen zu. Die Normannen sind da! Das Theater hallt wider vom Kampfgeschrei. Vom Jauchzen der blonden Sieger. Stille ringsum. Die Hohenstaufen reiten auf die Walstatt. Deutschlands Kaiser streckt das Schwert über das blutgedüngte Sizilien …‹
›Bringt er mir keine Blume mit? Sie haben mich verwöhnt.‹
›Er trägt eine vorn ins Panzerhemd genestelt. Die blaue Blume der Romantik! Ich hole sie Ihnen. –‹
– Wie es kam, lieber Freund?« sagte die Gräfin leise und berührte des Hörers Hand, der in sich versunken am Kamine saß. »Wir waren in Dichters Landen. Ein Prinz, so schien mir, hatte ein Gänsemädel hineingeführt. Und der Prinz kniete vor mir, mit lachendem Gesicht, mit Augen, in denen die Freude über meine Freude stand, und ich nahm dies Antlitz in beide Hände …«
»Still,« sagte der Oberst, »ich fragte nicht danach.«
Die Gräfin hatte sich zurückgelehnt. Sie hielt die Augen geschlossen.
»Eine Frau muß eine Erinnerung haben. Ich hatte bis dahin keine. Nimmt es Sie wunder, daß da mein Herz aufsprang, staunend, hingerissen von der Natur und dem ersten Menschen, der sie mir kündete? Daß ich selig wie ein junges Mädchen war? ›Du …‹ stammelte es vor mir, unter meinen Händen hervor, auf denen ich seine Lippen spürte, und ich erwiderte ihm, wie einen Dank: ›Morgen, morgen – sollst du es wissen …‹
Arm in Arm gingen wir durch den Abend heim, das ›morgen‹ erwartend. Die Sonne kam, aber nicht der Freund. Er lag in seinem Zimmer, fiebernd. Man holte einen italienischen Arzt herbei, ein Männchen aus der alten Schule, das sich nicht zu helfen wußte. Mit Mühe schafften wir den Erkrankten im Wagen zur Station. Wir saßen im reservierten Abteil, sein Kopf hing matt auf meiner Schulter, und ich hielt seine fieberheißen Hände. In einer Stunde waren wir in Messina, ein Wagen erwartete uns am Bahnhof und brachte uns zum Hospital. Die Sonne ging unter …
Ich saß Tag und Nacht an seinem Lager und ließ mich nicht verscheuchen. ›Er hat zu wenig an seinen Körper gedacht‹, sagte der Arzt, ›da hilft auch Chinin nicht mehr.‹ Der Kranke phantasierte. Er schuf ein Bühnenwerk und sprach Verse, die mich erschütterten. Dann fuhr er auf und legte mir den Arm um den Hals. ›Soll ich es dir kaufen, das Theater von Taormina?‹ – ›Ich habe es ja schon in Besitz genommen‹, und ich bettete ihn in die Kissen zurück. – ›Und mich, mich nahmst du auch in Besitz.‹ – ›Werde gesund,‹ bat ich, ›es wird Großes aus dir werden.‹ Und er antwortete sinnend: ›Wenn die Götter mich lieben – und ich früh sterbe – ein Dichter –! Ich weiß nicht, ob ich noch wünschen soll, gesund zu werden …‹ – ›Mein Dichter,‹ sagte ich und drängte die Tränen zurück. – ›Siehst du es,‹ meinte er, und in seinen Augen stand ein Licht, ›das bin ich geworden. Dein Dichter. Könnte ich noch mehr erreichen …?‹
In der Frühe, als die Morgensonne kam, starb er in meinen Armen. Er trug ein heimlich Diadem. Kein Mensch sah es als ich.«
Der Oberst erhob sich und trat ans Fenster. Er schob den Vorhang beiseite und blickte lange in die mondhelle Winternacht, in die klare, deutsche Landschaft.
»Frau Ella, nun möchte ich Ihnen auch ein Bild zeigen.«
Sie trat zu ihm, und ihr Blick flog über den stillen Gutshof, über die stillen Felder.
»Hier wurzeln Sie, Frau Ella. Haben Ihnen das die zehn Jahre pietätvoller Schwärmerei noch immer nicht gesagt?«
»Sie verstehen mich nicht, lieber Freund.«
»Ob ich Sie verstehe! Und Ihr Freund, der Dichter, hat Sie auch verstanden.«
»Ich glaube es.«
»Nicht so. Sondern wie ich Sie verstehe. Die Todesstunde schärft die Augen. Und als er sich mit seinen letzten Worten ›Ihren Dichter‹ nannte, fügte er in klarer Erkenntnis hinzu: ›Könnte ich noch mehr erreichen?‹ Gräfin, deshalb wollte er nicht gesund werden.«
»Weshalb …?«
»Weil er Ihres Wesens Kern kannte. Weil er wußte, daß bei Ihnen nach der Stunde poesievollen Schwärmens, nach der sich einmal jede Frauenseele sehnt, der Drang nach Betätigung, nach werktätiger Arbeit wiederkehren würde; daß die fröhliche Bohèmewirtschaft, zu der allein seine Natur veranlagt war, Sie trostloser gemacht haben würde, als die Gefangenschaft zuvor. Sie haben einen zu sehr auf Ordnung und Reinlichkeit gerichteten Sinn, liebe Gräfin. Der Farbenrausch des Südens hatte ihn nur benommen. Das klingt nüchtern. Aber es paßt zu unserer Landschaft. Und wir lieben diese Scholle in ihrer herben Schönheit, und wir lieben den geradblickenden, gesunden Schlag ihrer Menschen.«
»Oberst, Sie schätzen mich zu gering ein.«
»Nein, bei Gott nicht, und ich verehre Sie um Ihrer Treue willen nur noch mehr. Aber es ist die Treue, wie man sie einem schönen Gedicht aus der Mädchenzeit hält. Alle diese Bücher« – er wies mit ruhigem Lächeln auf die Bücherreihen – »sollten Ihnen das Gedicht und die Freude an dem Gedicht wiederbringen. Fanden Sie das Glück wirklich in der abgeschiedenen Stille Ihrer Bücherei? Oder spürten Sie es im Sausen und Brausen, wenn die deutsche Gutsherrin auf kräftigem Fuchs über ihre Äcker galoppierte? Gräfin, betrügen Sie sich nicht ein ganzes, köstliches Leben hindurch mit einer Episode des Lebens. Man schlüpft nicht in ein Kleid, das einem nicht gehört. Man sprengt doch eines Tages die Nähte. Hierher gehören Sie, zu Frauen und Männern unserer Art. Ein Tröpfchen romantischen Blutes haben wir alle, und mich treibt es jetzt dazu, Ihnen trotz des Schattens, den Sie gegen mich kämpfen lassen, gerade in dieser Stunde auszusprechen: Ich liebe Sie mehr! Und ich will Sie glücklicher machen, als die Erinnerungen. Ich biete Ihnen kein Gedicht, ich biete Ihnen ein Leben.«
»Das bot er mir auch …«
»Nein, er bot Ihnen seinen Tod, ich Ihnen das Leben!«
»Kennen Sie das wehmütige Sprichwort, Oberst: ›Wen die Götter lieben, der stirbt jung‹?«
»So sollen die Götter mich mit ihrer Liebe ungeschoren lassen.«
»Nein, Oberst, Sie sind kein Dichter.«
»Gehört das zu den Forderungen, die Sie an Ihre Freunde stellen?«
»Sie verspotten mich.«
»Nur mich selber. Weil ich nur lernte, erst den Säbel, dann die Pflugschar führen. Denken Sie, ich hielt das bis heute auch für Poesie. Aber da ich Anwartschaft darauf habe, steinalt zu werden – meine Vorfahren waren eine zähe Sorte und haben sich gewaltig ihres Lebens gefreut – so werden die Götter Taorminas wohl anders über meine Poesie denken. Gute Nacht, Gräfin, ich hole mir meinen Gaul selber aus dem Stall.«
Straff und aufrecht stand er vor ihr. Dann beugte er sich, küßte ihre Hand und ging hinaus.
»So warten Sie doch. Ich begleite Sie in den Stall.«
»Es ist ein ganz gewöhnliches Pferd, Gräfin, ohne Flügel. Aber dafür umso zuverlässiger.«
Von der Freitreppe aus sah sie, wie er sich in den Sattel schwang. Roß und Reiter verwuchsen in eins. Ganz feine Flocken tanzten. »Prachtvoll!« rief er zurück. »Das wird ein Ritt.« –
Als sie ins Haus zurückkehrte, blickte sie sich um. War es hier immer so leer? Sie ging in die Bibliothek, nahm ein Buch und setzte sich vor den Kamin. Nein, nicht lesen. Es war eine lebendige Stimme im Zimmer.
Sie stand auf und stellte sich ans Fenster. In der heimischen Winternacht sollten die Erinnerungen südlicher Sonnenstunden um sie sein. »Georg,« sagte sie vor sich hin, um seine Gestalt zu beschwören. Aber sie kam nicht. Sie sah nicht seine Augen, hörte nicht sein Lachen. Sie strengte sich an, das Dunkel zu durchdringen, zehn Jahre rastloser Gutsarbeit zu verscheuchen. Er kam nicht. Und vor wenigen Augenblicken noch hatte sie von ihm erzählt, erzählt, wie man ein Gedicht erzählt, wie Mädchen erzählen. Nicht wie Frauen.
»Georg …«
Und Stunden hindurch stand sie am Fenster und wartete auf ein Gesicht, das nicht kommen wollte, das nicht kommen konnte, da die schwärmerischen Mädchenaugen, die es einst erschaut, auch nicht mehr waren …
Fernhin ein Klang, wie ein Liedklang …
Glänzend weiß lagen die Felder in der Morgensonne. Der Gutsherrin, die vom Tore aus Umschau hielt, fielen ein paar Worte ein vom gestrigen Tage. »Unsere Heimat ist die schönste.« – »Weil sie die stillste ist …« – »Im Winter. Damit wir Muße haben, abzuschließen und – neu zu erschließen.«
Lohnte sich das wirklich noch? ›Das Leben fängt dann an, wenn man es packt,‹ tönte es in ihrem Ohr. Ein Manneswort.
»Hallo, Friedrich, so früh? Ihrem Herrn geht es doch gut?«
Der Mann verhielt sein Pferd. »Der Herr Oberst haben die ganze Nacht geschrieben,« sagte er bekümmert. »Kein Bett angerührt.«
»Geben Sie her, was Sie für mich haben.«
Sie nahm dem Alten den Brief aus der Hand, ließ ihn stehen und eilte ins Haus. Ein Abschied? Nun zitterten gar die Hände. Dann riß sie das Kuvert auf. Lesen mußte sie doch.
Als sie das Blatt sinken ließ, standen ihr die Augen voll Tränen. »Mein Gott,« lachte sie, »mein Gott, wie fürchterlich! Ein – Liebesgedicht.« Und unter dem Gedichte stand in markigen Zügen: »Teuerste Gräfin, ist das schön? Oder ist das scheußlich? Und doch habe ich es, bevor ich das alles in diese vertrackten Worte zwang, wunderbar schön empfunden. Muß man Strophen drechseln können, um ein Dichter zu sein? Kommen Sie hinaus, auf die verschneiten Äcker. Dort liegt Gedicht an Gedicht. Und wer Augen hat, sie zu sehen, dem gehören sie, der ist ihr Dichter! Kommen Sie, Gräfin. Es ist ein Preiswettsingen. Ich stelle mich.«
Sie öffnete das Fenster, daß es klirrte.
»Johann, meinen Fuchs!«
Sie zog den Reitrock über und drückte den Hut auf die Flechten. Und noch einmal las sie die stolpernden Verse. »Nein,« lachte sie, »dafür lieben dich die Götter nicht. Aber die Menschen müssen dich lieben.«
Sie sprengte aus dem Tor und freute sich ihrer Kraft, mit der sie den Gaul in den Zügeln hielt. Der Schnee stiebte unter den eiligen Hufen. Fern an der Feldmark, die die Güter schied, gewahrte sie einen Reiter, der Ausschau hielt. Da setzte sich sein Pferd auch schon in langgestreckten Galopp. Und sie riß den Hut vom Kopf und winkte dem Reiter entgegen …
Giuditta Africana
Regungslos lag die See … Und regungslos das halbverfallene Städtchen, das hoch über ihr an der Felswand klebte, leeren Auges die Vergangenheit suchend. Unbewohnt stand die Hälfte der kastenartigen roten und weißen Häuser mit den abgeplatteten Dächern maurischer Bauart. Von der Sonne verblaßt, vom Regen zerfressen war die einst leuchtende Farbe. Die Geschlechter hatten sich nicht erneut zwischen den kahler werdenden steinernen Wänden, deren Quadern aus dem Felsenleib des einsam das Städtchen überragenden Sant’ Angelo gebrochen waren. Waren sie ausgestorben, so verfiel der Besitz. Wer wollte sich eine Last aufbürden! Sie hatten Platz genug in den eigenen Häusern, die immer weniger werdenden Einwohner von Positano.
Nur die Gärten kannten das Sterben nicht. Über saftgrün wucherndem Lorbeer und weißgesterntem wilden Myrtengebüsch hingen die Blüten des Granatbaums wie dunkelglühende Blutstropfen. Ein Zweigegewirr mischte sich träumerisch ein, niedergezogen von der Fülle reifender Zitronen, goldgelber Orangen. In schwärzlichem Grün zwischen ihnen strotzende Feigen und langgeschotet die Frucht des Brotbaums. Schon blühten die Rosen aus, aber wie grelle Teppichfetzen zogen sich Geranienbehänge über die lockeren Steine der Gartenmauern.
Tiefblau und regungslos, in gleichmütiger Schönheit, spannte sich der Sommerhimmel über Verfall und Leben, tiefblau und regungslos, in gleichmütiger Schönheit, lag die See. Nur in den verworrenen Felsschluchten des Strandes und drüben, zwischen den kleinen Inseln, die so schweigsam über das Meer lugten, seltsam grüne Flecke zeigend. Als hätte sie eine ausbrechende Unterströmung zurückgelassen.
Auf der Terrasse des Gasthauses stand ich als einziger Gast und blickte in die scheidende Sonne. Fern winkte in stolzem Linienschwung die Silhouette Capris, näher heran, in violettem Duft, das Gestade Sorrents, zu meinen Füßen, von der Abendglut purpurn geküßt, die kleinen, schweigsamen Eilande. Der Sarazenenturm auf der mittleren der Inseln schien in Flammen zu stehen.
Nicht ein Laut in der Luft. Totenstille. Aber ein Glühen in der Luft, das das Blut fieberhaft erregte und matt niedersinken ließ.
Über die Terrasse kam schlurfenden Schritts der Wirt. Lässig hob er die Arme über sich und pflückte Mispeln zur Abendmahlzeit.
»Schirokko, Herr.«
»Ich spür’ ihn. Wann wird er zu Ende sein?«
»Wenn der Regen fällt, Herr.«
»Und wann fällt der Regen?«
»In zwei, drei Monaten. Die Madonna sorgt.«
»Ihr haltet das aus?«
»O –« machte der Alte und hob die Achseln. »Man wird’s gewohnt. Und dann: es ist viel afrikanisch Blut an der Küste. Das hält’s schon aus.«
»Afrikanisch Blut? Woher?«
Der Alte trat an die Brüstung. Mit ausgestrecktem Finger wies er auf schattenhafte Punkte die felsige Küste entlang.
»Sehen Sie, Herr? Sarazenentürme! Wie der da vor uns, der in der Abendsonne loht, da – auf den Galli-Inseln.«
»Es ist lange her, daß hier die Sarazenen als Herren hausten. Wer wird davon noch wissen?«
»Was macht die Zeit! In Positano wohnen Leute, die man heute noch die ›Afrikaner‹ nennt. Blut bleibt Blut. Das verläuft sich nicht.«
Er nahm sein Körbchen mit Mispeln auf, wischte sich noch einmal die glühende Stirn und schlurfte von dannen. Plötzlich blieb er stehen. Auch ich war aufgefahren. Beide horchten wir …
Dann wandte sich der Alte um und deutete zur Höhe. Eine längst verlassene Kapelle verfiel auf einem Felsvorsprung. Die Fensterhöhlen starrten ohne Glas aufs Meer. Und durch die Fensterhöhlen drang eine Stimme, die Fistelstimme eines alten Weibes, in den langgezogenen, schluchzenden Tönen eines Kirchenliedes. Die Stimme wuchs an zu leidenschaftlichem Anruf, zu sehnsüchtigem Schrei, und wieder erstarb sie in lang ausklingendem wimmernden Laut. Totenstille wie vorher. Die Stadt ohne Leben. Felsen und Meer schweigsam.
»Die verrückte Francesca,« lachte der Wirt.
»Weshalb ist sie verrückt?«
»Ja, Herr, weshalb? Die Madonna mag’s wissen. Es sind an die zwanzig Jahr’ – heut zählt die Francesca ihrer achtzig –, da kam das alte Weib und wollt’ einen Mord auf dem Gewissen haben. Und hat keiner Fliege was zuleide tun können. Sie war die Amme der schönen Giuditta gewesen, der ›Giuditta Africana‹, die den Männern von Positano ins Gesicht lachte, wenn sie ihr von Liebe sprachen, und die eines Tages mit einem blassen Deutschen auf und davon war. Herr, ein Weib! Sarazenenblut. Das verleugnet sich nicht. Sie können’s mir glauben, Herr.«
»Und die Francesca?«
»Die Francesca, ich sagte es schon, war ihre Amme gewesen und hatte auch nachher mit der Giuditta, die eine Waise war, zusammen gehaust. Erst dort oben, in dem alten maurischen Palast. Nachher im Sarazenenturm auf der Galli-Insel, weil die Giuditta keine Menschen wollte. Es war aber der Deutsche, Herr. An einem glühenden Sommertag – der Schirokko drückte wie heute auf Mensch und Tier – kam die alte Francesca in ihrer Barke herübergerudert. Dort unten, an der ehemaligen Marine, landete sie. Wie eine Wahnsinnige raste sie zum Pfarrer. Sie habe gemordet, die Giuditta, den Deutschen, was weiß ich, und die Leichen mit Steinen beschwert ins Wasser versenkt. Einen Brief trug sie bei sich, den las der Pfarrer. Und in dem Brief schrieb die Giuditta, daß sie mit ihrem Geliebten weit, weit nach Norden sei und nie zurückkehre. Die Francesca aber schrie und tobte und klagte sich an, und da der Pfarrer der Verrückten keine Absolution zu geben vermochte, ist sie für immer aus der Kirche gelaufen. Wenn Schirokko ist, flüchtet sie sich in die baufällige Kapelle und versucht Totenmessen zu singen. Das klagt die ganze Nacht. Hören Sie! Jetzt! –«
»Und man hat nicht sofort nachgeforscht? Nicht nach Leichen gefischt?«
»Herr, die verrückte Alte! Da war doch der Brief. Und dann, Herr, es war Schirokko. Da reißt sich keiner um unnütze Arbeit. Die Giuditta hätt’ sich ins Fäustchen gelacht. Ein Weib, Herr!«
Und er schlurfte, selbstgewiß vor sich hinnickend, ins Haus.
Kreischend, wie der Schrei eines Falkenweibchens, das sein Junges sucht, zog das Totenlied der alten Francesca über die stumpf dahindämmernde Stadt, über die zerklüfteten Felsen und das schweigende blaue Meer, das seitwärts der Inseln, dort, wo der Turm in der Abendsonne zu brennen schien, in seltsamen kristallgrünen Flecken schwamm.
Und schnell wie ein Vorhang senkte sich jäh die Nacht.
Kaum, daß ich einem Menschen begegnet war den ganzen langen Tag. Auf dem Sant’ Angelo wollt’ ich die Sonne sehen, wie sie fern aus Kalabriens Gründen heraufkam, von Zacke zu Zacke sich schwang und tief unten das Meer überschwemmte. Aber es war eine Erregung in mir, der ich keinen Namen zu geben verstand. Waren es die gigantischen Formationen, die bezwingenden Farben der süditalienischen Landschaft? War’s die Schirokkoluft, oder war’s die Vergangenheit, die aus Trümmern von Menschensiedlungen, aus Schluchten und Grüften groß und bannend die Augen aufschlug?
Niederzwingen, das erregte Blut bezwingen! An den Felsen klebend, mit Händen und Füßen das bröckelnde Gestein prüfend, tastend, kriechend, kletternd geht es mit hart klopfendem Herzen und perlender Stirn von Zacken zu Zacken, von Wand zu Wand. Starr blickt das Auge vorwärts auf den Stein, steif streckt sich das Knie, kein Zittern darf hindurch. Tiefer, tiefer hinab! Schon hör’ ich durch einen Steinkrater das Gurgeln der See, die sich verfangen hat. Ein Felsblock schiebt sich weit in das Wasser hinaus. Nun hab’ ich ihn! Ausgestreckt lieg’ ich auf der durchlöcherten Platte, auf der grüne Eidechsen, hin und her huschend, mit den Sonnenkringeln um die Wette spielen. Einsamkeit! – Und in die Einsamkeit hineingesponnen, greifbar fast aus dem Wasser zu mir auftauchend, dunkel und geheimnisvoll die Galli-Inseln. Der Sarazenenturm schaut herüber. Wir starren uns an …
Aber am Abend, schrill die lastende Stille der Versunkenheit durchschneidend, wieder das sehnsüchtige Geschrei der verrückten Francesca. –
Und der nächste Tag wie dieser. – –
Da bin ich hinaufgestiegen durch den dunkelvioletten Abend zu der verlassenen Kapelle, und die Erregung lief mit. In wildem Gebüsch bluteten Granatzweige. Ich schnitt sie ab und trug sie in der Hand. Wie die kühlen Blütenblätter beruhigten …
Die Totenmesse der Alten war beim leisen Wimmern angelangt. Durch das zusammengebrochene Portal sah ich den kauernden Körper. Die vorgestreckten Arme hielten eine schwere Kerze, deren Licht grell ein Gnadenbild beschien, halb von der schmutzigen Wand heruntergeblättert.
Noch einen tiefen Atemzug, und ich schritt hinein und sah mich nicht um nach dem aufschreckenden Weib und ging geradenwegs bis zu der Stelle, an der vor dem Freskobilde der Maria der Altar gestanden haben mochte. Es war Phantasterei, ich empfand es. Und doch mußte ich sprechen, als ob ich mit den lauten Worten ihrer ledig werden würde. Und die blühenden Granatzweige auf die Altarstelle legend, sagte ich laut in der Sprache des Volkes: »Zum Gedächtnis Giudittas und meines deutschen Bruders, die auf dem Meeresgrunde schlafen.«
Die Worte liefen an den Wänden und verhallten. Und dann brach ein Schrei hinterher, wie ich ihn nie vernommen, nicht vordem und nicht nachdem: Staunen, Glückseligkeit, Erlösung. Die Achtzigjährige war an mich herangekrochen und umklammerte meinen Arm.
»Sein Bruder seid Ihr? Herr, Herr, und Ihr glaubt es?«
»Sag es mir, Francesca.«
»Daß sie auf dem Meeresgrunde liegen? Daß sie tot und nicht geflohen sind?«
»Ich glaube es, Francesca, und nun sollst du ihnen Ruhe geben.«
»Ich habe sie gemordet. Ich bin nicht verrückt, wie der Pater sagt und der Bürgermeister und die Leute. Ich habe alles gewußt und nichts verhindert. Darum habe ich sie gemordet.«
»Du warst die Dienerin. Du mußtest gehorchen.«
»Ich – war – die Dienerin. Heilige Mutter, bitte für mich und meine süße Herrin, die in die Irre ging,« murmelten die welken Lippen.
»Du brauchst nicht mehr zu singen, Francesca. Deiner Herrin ist wohl.«
Verständnislos sahen mich die müden, entzündeten Augen an.
»Kennst du die Bibel, Francesca? In ihr steht ein Wort des Heilandes: ›Wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden!‹ Du kannst dich darauf verlassen.«
»Wißt Ihr denn,« flüsterte die Alte mit stockendem Atem, »wie sie starben? Wißt Ihr von der Giuditta Africana?«
»Du sollst erzählen, Francesca, damit ich alles weiß.«
Die Kerze, welche die Alte an eine Stufe gelehnt hatte, knisterte. Ihr Licht spielte in den Granatblüten, die wie Blutstropfen in den Zweigen hingen. Die Greisin sah hin. Ihre Augen weiteten sich.
»Da – da – da! – Blut –«
»Sieh genauer hin, Francesca. Die Blutstropfen haben sich in Blumen verwandelt. Für jede Schuld gibt es eine Verzeihung.«
»Es sind – Blumen,« sagte die Alte.
»Nun mußt du Ruhe geben. Dir – und den Toten.«
Scheu ging der Blick der Alten zu den Granatzweigen. Dann hing er an dem abgeblätterten Madonnenbild. Und jedes Wort, stockend oft, oft jagend, sprach sie zu dem Bilde. »Gnadenmutter, sie konnte nicht mehr selber kommen. Es gebrach ihr an Zeit, Mutter Maria, so glaub es mir. Ich weiß es und ich schwör’s. Aber sie war nicht ohne Beichte! Da sie dich nicht mehr sprechen konnte, schrieb sie dir. O, sie hatte es erlernt. Neige dich zu mir, Madonna, und nimm es in Gnaden an.«
Aus einer Fuge im Stein nahm sie ein paar verknitterte Blätter und hob sie empor. Dann sanken ihre Arme müde.
»Gib sie mir, Francesca. Ich werde es der Madonna sagen.«
Und ich las. Ungeschickte Worte, die wie das Gestammel eines Kindes klangen und die verzweifelnde Leidenschaft, die grimmige Seelennot eines Weibes in sich bargen. Worte, in einer Stunde niedergeschrieben, die das erste, jähe Erwachen bedeutet haben mochte. Angstrufe, herrisches Aufbäumen – mit seltsam weichen Erinnerungen gemischt, die wie aufblitzende Sterne gegen das Dunkel der Seele anzukämpfen suchten. Der Brief eines Wildlings an die ferne Madonna …
Wo das Gewebe sich wirrte, befragte ich die murmelnde Alte. Und immer lebendiger hob sich das Bild und fügte sich in den Rahmen. Von der Kerze tropfte das Wachs. Als der Docht erlosch, schwebten durch die leeren Fensterhöhlen die ersten feinen Schleier des jungen Tages.
In dem rotgestrichenen Hause, das man Palazzo nannte, weil es aus Steinquadern errichtet war, lebte die junge Giuditta, die man die ›Afrikanerin‹ nannte, wie man Vater und Großvater, soweit das Gedächtnis der Positaner reichte, mit dem Beinamen die ›Afrikaner‹ bedacht hatte. Ob einer der Voreltern Giudittas, die von Vater auf Sohn das Mittelmeer befahren hatten, einst eine Frau der afrikanischen Küste mit heimgebracht, ob vor Jahrhunderten, als afrikanische Piraten die italienischen Gewässer beherrschten und ihre Raubnester von Sizilien bis Ligurien an die Felsen klebten, ein Sarazene das Geschlecht zurückgelassen, keiner wußte Genaues zu sagen. Nur Giuditta wußte es. Ihre Amme Francesca hatte, als die Mutter jung am Fieber zu Grunde gegangen und der Vater zwischen den Riffen bei Tetuan gescheitert und ertrunken war, das eigenwillige Kind mit alten Sagen zur Ruhe gebracht. Und die kleine Elternlose kannte ihre Macht über die Amme und Pflegerin, die mit schwärmerischer Verehrung an dem jungen, schönen Geschöpfe hing, das so schnell zu befehlen verstand.
»Erzähle mir, daß ich eine Prinzessin bin. Was in der Schule neben mir sitzt, sind Lümmel, und ich will nichts mit ihnen zu tun haben.«
»Mein Prinzeßchen hat recht. Es sind schmutzige Rangen, und es gab einmal eine Zeit, da sie flugs die Mützen herunterrissen, wenn sie nur dies Haus von weitem sahen.«
»Aber mein Vater war ein Seemann.«
»Was tut’s? Seine Vorfahren waren Könige der See. Sie kamen aus dem Lande der Mittagsonne und hatten Feuer im Blut. Herren waren sie, und die Positaner ihre Diener, die ihnen die Schuhe küßten.«
»Ich habe auch Feuer im Blut,« murmelte das Kind, und dann preßte es die Lippen aufeinander.
»Die Positaner,« fuhr die Amme fort, um dem schönen Eigensinn zu schmeicheln, »waren Sklavenseelen, die sich von Päpsten und Fürsten Gesetze geben ließen. Deine Vorfahren aber waren freie Häuptlinge und gaben sich selbst Gesetze nach ihrem Willen.«
»Das will ich auch.«
»Sie wählten sich nur Königinnen zur Frau.«
»Und ich will einen König! Hörst du, Francesca? Und wenn ich auf meinem Schlosse sitze, sollst nur du meine Hofdame sein.«
»O du süße Seele! Und was werden die Leute von Positano sagen?«
»Laß sie schimpfen.«
Und die Leute von Positano schimpften. Denn stolz und herrisch schritt die kleine Giuditta durch die Reihen ihrer Altersgenossen, ohne einen Blick nach rechts und links, und nur wenn ein alter Fischer, überrascht von der seltenen Schönheit des Kindes, unwillkürlich nach der Mütze fuhr, fand sie ein Lächeln, dessen Zauber die Menschen in Banden schlug. Zuletzt ließ man sie gewähren, da sie mit ihrer alten Dienerin wenig aus dem Hause ging, es sei denn in ihren Limonen- und Olivengarten, von dessen Ertrag sie lebten. Nur wenn die Aveglocke erklungen war und bald darauf kaum ein Mensch noch in dem stumpfen Städtchen wachte, huschten Herrin und Dienerin an den Strand der ehemaligen Hafenbucht und blickten lange hinüber nach den märchenhaften Inselgebilden mit dem trotzigen Rundturm. Und wieder, im Flüsterton, mußte die Amme erzählen, und ihr bißchen Hirn entzündete sich an den glänzenden Augen des heranwachsenden Mädchens, das, die Hände um die Knie geschlungen, in den Steinen neben ihr saß, bis sie die Wahrheit ihrer Erzählungen hätte beschwören können.
Wenn der Schirokko aus Südosten kam, saßen sie die ganze Nacht. Dann fieberte das Blut Giudittas, daß sie meinte, wilde Piratenschiffe auf der leuchtenden See zu erblicken. Todmüde kehrten sie in der Frühe heim. Und wenn der Septembersturm durch den Golf fuhr, daß die Wellen brausend über den Strand glitten und gierig in den Schluchten an der Felswand fraßen, wenn die See fernhin auf der Höhe in weißen Kappen sprang und tanzte, daß die Boote, die heimwärts arbeiteten, in tollem Wechsel aufgesogen und ausgespieen wurden, saßen sie nicht minder in Wind und Wetter, und Giudittas Mund grüßte durch Rauschen und Brausen hindurch jauchzend den Starken, der Boot und See zu zwingen verstand, und hatte ein verächtliches Zucken für den Feigen und Ungeschickten. Dann glaubten die Kühnen, es mit ihrer Liebe wagen zu können, aber wenn sie ihr unter die Augen traten und ihre wohlgesetzte Rede begannen, lachte sie ihnen ins Gesicht: »Nimm dich in acht, daß ich dich nicht verbrenne!« und wandte den Rücken.
»Sie hat im Schirokko gesessen,« sagten die Klugen Positanos bedeutungsvoll, und die noch Klügeren sagten nur: »Giuditta Africana« und machten dazu eine Gebärde.
Über zwanzig war Giuditta alt geworden, und wenn die Frauen der Südküste in diesen Jahren hastig alterten und verblühten, ihre Schönheit wurde wie zum Trotz gewaltiger und leuchtender. Groß war sie gewachsen, schlank und voll. Auf dem mattglänzenden Halse, den rote Korallen schmückten, trug sie den schmalen Kopf mit dem dunkeln, im Nacken schwer verknoteten Haar, auf beiden Seiten von einer einzelnen tiefroten Koralle gehalten. Wenn sie die langen Wimpern hob, sah man in ihren Augen ein stolzes geheimes Feuer. Aber selten nur flammte es nach außen. Es war, als ob es nach innen gerichtet sei. Längst schon wagten die Burschen Positanos nicht mehr, sie mit Liebesgedanken zu verfolgen, wenn sie, weißgekleidet, mit schnellem leichten Schritt durch die Gassen kam. Die Altersgenossen waren früh verheiratet, der Nachwuchs gestattete sich nur scheue Bewunderung. Man hielt sie für gelehrt, da sie zu Hause Bücher las und das Schreiben erlernt hatte.