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Die
Welt in Gold

Novelle

von

Rudolf Herzog

Stuttgart und Berlin 1922

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger


51.–60. Tausend

Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Copyright 1911 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart


J. C. Heer

zu eigen


1

Da lag die alte, liebe Stadt zu Füßen. – Da krochen die alten, lieben Gassen wie ehedem den Berg hinan, wie heimliche Liebhaber auf gewundenen Pfaden, und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und doch nur schöner geworden war.

Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit hinaus, so weit, wie man Gedanken senden kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont erklomm, die Äste ihres Waldgebietes ausspannte und den ziellos schweifenden Gedanken zurief: Bleibt hier – nutzet den Tag! …

Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde Gewässer der Lahn, und ein Frühlingswind, der nicht mehr als ein Streicheln war, trug spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit sich und streute sie über den Fluß. Da war's, als ob auch die alte Lahn im Brautgewande schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam hinaufblinzelte, der alten Stadt Marburg, aus deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock.

Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge, die sich seit Jahrhunderten schon ihre Liebe kund taten, waren nicht älter und waren nur schöner geworden.

»Wie ist das möglich …?« fragte sich der Mann am Fenster, »wie ist das möglich? Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt und später geglaubt, alles das wäre nur mit den leicht entzündbaren jugendlichen Sinnen aufgenommen worden. Und nun ist das alles so geblieben und blüht noch stärker und setzt sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch – über mich. Und lacht über meinen Professorentitel und über meinen Lebensernst … Oder ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier – mit Farben schmücke – von denen meine Seele – nichts mehr weiß?«

Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als wäre ein Gedanke in ihm aufgetaucht, den er sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine Versonnenheit, und die Versonnenheit wurde zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte und suchend durch die Gassen irrte und fand und verharrte und weiterzog und wieder fand.

»Der lange Ritter –! Der dicke Baum – ›Deutschlands Eiche‹ genannt –! Lindner, der knabenhafte ›reine Tor‹ –! Sein Gegenspiel Werder, der große ›Amoroso‹ –! Die ganze Schar –! Und mitten darunter – war er das nicht, Klaus Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt begrüßte – der übermütige Junge da mit der Mütze im Nacken, den Rock auseinandergeschlagen, auf daß man das hehre Dreifarbenband gebührend sehe und respektiere, dem herausfordernden Blick, der immer zum Waffengang zu laden schien?«

Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig und nahm Abschied.

»Unsinn. Verlorene Zeit. Der Junge wird sie besser nützen.«

Er trat einen Schritt vom Fenster zurück. Er bemerkte, daß er hemdärmelig war. Ja, ja, er mußte das Band umlegen. Und er rollte es über dem Finger auf und schob es um die Brust. »Wenn mich jetzt Marianne sähe.«

Der Gedanke an seine Frau machte ihn unsicher. Hastig zog er den Rock über, daß nur ein Stückchen des bunten Bandes sichtbar blieb. Und unschlüssig wog er die alte Studentenmütze in der Hand.

Es klopfte. Da setzte er mit einem Ruck die Mütze in den Nacken.

»Komm nur herein, Walter. Von mir aus kann's losgehen.«

»Papa –! Nein, Papa, wie du aussiehst!«

»Bitte, bitte, um mich handelt es sich hier nicht. Ich bring' dir ganz einfach ein Opfer. Tritt mal an, damit ich sehe, ob du auch anständig bestehst. Na ja.«

Sein Blick streifte Fuchsenband und Mütze des Sohnes, streifte den schlanken Wuchs und heftete sich auf die mädchenhaft feinen Züge.

»Bis auf den Milchbart wär' alles in Ordnung. Das ist kein Vorwurf. Im Gegenteil, ich hoffe mit deiner Mutter, daß du immer der wohlerzogene Junge bleibst, das Ziel des Studiums im Auge.«

»Darauf kannst du dich verlassen, Papa. Die Couleur darf mich nicht stören.«

Der Vater sah ihn noch immer an. Er horchte, als hörte er den Sohn weitersprechen. Nein, nicht den Sohn. Das war die Stimme der Mutter, Mariannens Stimme. »Die Couleur darf den Jungen nicht stören. Er geht zur Couleur, weil sie ihm in seiner späteren Laufbahn einmal nützlich sein wird.« Weshalb – weshalb war er selber denn einmal Couleurstudent geworden? Aus Nützlichkeitsgründen? Ach nein, weil das alles einmal für ihn untrennbar von Jugend – Jugend, Jugend gewesen war.

Gewesen war! …

Das war heute anders geworden. Wirklich? War es das wirklich? Oder nur bei Mariannens Sohn und – bei Mariannens Gatten? Und er spürte den erstaunten Blick des Sohnes, daß er keine weiteren Lehren mehr zu geben habe. Da besann er sich.

»Recht so, Walter. Die Zeiten, von denen die Renommistenlieder melden, das Saufen und Raufen, Liebe und Trompetenblasen, existieren nur noch im Kommersbuch. Das Leben ist fortgeschritten und stellt immer höhere Anforderungen, und ihr seid um so vieles weiter, als wir es waren.«

»Du sagst das nicht besonders fröhlich, Papa.«

»Wie –?«

»Du mußt mal ein mordsfideler Student gewesen sein. Die steile Terz da und der wilde Durchzieher querüber –«

»Fuchs, krasser, was faselst du –? Erstens ist das keine steile Terz, sondern ein Spicker, den mir ein verfluchter Linkser hinaufgehauen hat, und zweitens bitte ich, eine regelrechte Quart von einem windhündigen Durchzieher zu unterscheiden, und drittens – und viertens – ist das überhaupt nicht der Zweck unserer Unterredung. Was wollt' ich dir doch noch sagen? Nun, du wirst es ja auch so wissen. Was ist das für eine wundersame Frühlingsstimmung … – Mütze auf. Wir wollen gehen.«

»Willst du nicht erst Tante Werder begrüßen?«

»Tante – Werder? Ach so. Aber natürlich.«

»Und meine Studentenbude mußt du dir auch noch ansehen. Hier, gleich neben deinem Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.«

Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht keine Notiz mehr zu nehmen. Er war mit dem Sohne auf den schmalen Korridor hinausgetreten und stand nun auf der Schwelle des kleinen, schmucken Zimmers. Sein Blick überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene Bett, den weißen Tisch, die weißen Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das ist ja ein Boudoir, Walter.«

»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder scheint es sich leben zu lassen.«

»Junge, meine Studentenbude sah ein klein wenig anders aus. Direkt unter dem Dach, bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus roch nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel man zwei dutzendmal in die Lederrollen, bis man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht hatte. Aber schön war's doch, wenn man auch die lange Pfeife mitsamt den Kanonenstiefeln zum Dachfenster hinausbaumeln lassen mußte – um Raum zu sparen.«

Der Junge lachte.

»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren können.«

»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das ging da eben sehr schlecht, und ich machte mich denn auch eines Tages auf nach Berlin, um – hm – wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit zu gewinnen.«

»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.« Und der Sohn suchte die Hand des Vaters und sah bewundernd zu ihm auf.

Einen hastigen Blick warf der Professor zum Fenster hinaus. Da lag Marburg. Und er wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus.

»Nun wird es aber Zeit, mich bei der Hausfrau zu melden.«

Der Junge zeigte den Weg. Ein paar Stufen führte er hinab und klopfte an eine weiß gestrichene Tür. ›Wie freundlich das alles hier ist,‹ dachte der Professor und betrat auf ein helles »Herein« das Zimmer. Mit rascher Bewegung zog er die Mütze vom Kopfe und verbeugte sich tief und ritterlich vor der Frau, die in hellem Hauskleid blond und fröhlich vor ihm stand.

»Meine gnädige Frau –«

»Für den Anfang nicht schlecht. Da bin ich begierig, wie's weiter geht.«

Der Professor streckte sich aus seiner Verbeugung auf. »Verzeihung, meine gnädige Frau –«

Sie behielt ihre Hände in den Schürzentaschen. Den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schien sie sein Bild prüfend zu umfassen, und doch war es dem Manne, als säße eine durchaus nicht zum Empfang gehörige Lustigkeit in ihren Augenwinkeln.

»Verzeihung,« wiederholte er mit einiger Zurückhaltung.

Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Wofür denn nur? Ihr habt mich doch nicht vergessen und mir den Jungen geschickt. Das ist doch ein Beweis der Wertschätzung. Und ich war nicht immer artig nach euren Begriffen. Aber davon wollte ich doch gar nicht sprechen.« Und nun nahm sie die Hände aus den Schürzentäschchen und schlug sie zusammen. »Wie famos du aussiehst, Klaus. In Couleur! Das verjüngt dich mit einem Schlage, oder du bist überhaupt nicht älter geworden.«

Er sah unsicher nach ihr hin. Auch auf das Du war er nicht vorbereitet gewesen. Und unwillkürlich prägte sich die Zurückhaltung auf seinem Gesichte deutlicher aus. »Verehrte Hausfrau –« begann er noch einmal.

»Ich glaube wahrhaftig, Klaus, du hast meinen Namen vergessen. Aber ich nehme dir das nicht übel. Du bist auf deiner Höhe, die mich von Herzen freut, an ganz andere Namen gewöhnt. Ich heiße also immer noch Traud, weißt du, die Abkürzung von Gertrud, und – ja, jetzt muß ich wohl um Verzeihung bitten, denn du machst so ein sonderbares Gesicht? Wenn ich gegen die Formen verstoßen haben sollte, Herr Professor – pardon, Herr Geheimrat – Gott, wir sind gegen Berlin Hinterwäldler und hier in Marburg noch so ganz in der alten Zeit steckengeblieben.«

Da schob der Professor die Mütze in den Nacken und ging, beide Hände ausgestreckt, auf die lachende Frau zu. »Guten Tag, Traud. Ich freue mich, daß du wenigstens in der alten Zeit steckengeblieben bist.«

Sie ergriff die Hände und drückte sie. »Guten Tag, Klaus. Also doch mal wieder heimgefunden nach Marburg?«

»Heimgefunden. Das weiß Gott. Hier war die Heimat meiner Jugend.«

»Und bringst jetzt den Jungen daher? In die alte Couleur?«

»Wenn ich dich ansehe, das alte, liebe Marburger Mädchengesicht, möcht' ich fast, ich könnt' den Jungen nicht nur in meine alte Couleur, ich könnt' ihn in meine alte Jugend hineinbringen.«

»Sie war doch schön, Klaus. Was? Trotz deines hohen Fluges.«

»Herrgott nochmal.«

»So, und nun könntest du wohl meine Hände loslassen. Nein, nein, verwandtschaftliche Beziehungen reden in solchen Sachen durchaus nicht mit. Kopf zurück. Und der Junge ist auch da.«

»Wahrhaftig, Traud, der Junge ist auch da. Bist du mit ihm zufrieden?«

»Der hatte doch sofort mit Immatrikulation und Kollegbelegen zu tun. Und seit drei Tagen ist er erst da.«

»Und ich bin erst seit einer halben Stunde da, und schon bist du mit mir unzufrieden.«

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Pirat,« sagte sie nur.

Da lachte auch er.

»Das war mein alter Spitzname in der Verbindung, und ihr Mädels habt ihn aufgeschnappt.«

»Keinen friedlichen Studenten konntest du vorüberlassen, ohne die Segel gegen ihn zu hissen und das Enterbeil in die Faust zu nehmen. Das imponierte uns höheren Töchtern mächtig. Bist du immer noch so wild?«

Der Professor suchte den scherzenden Ton beizubehalten.

»Ordentlicher Professor an der Universität Berlin und Geheimer Regierungsrat,« meldete er dienstlich, »außerdem« – und es klang eine Schärfe hinein – »zwanzig Jahre verheiratet mit deiner Cousine Marianne.«

Sie sah schnell nach dem Jungen hin, der sich in beschaulicher Ruhe zum Fenster hinausgelehnt hatte, ging an dem Mann vorüber und strich ihm im Vorbeigehen über die Augen.

»Mach doch ein ander Gesicht! Bist ja in Marburg. – Walter!«

Der Junge fuhr dienstfertig herum. »Tante Werder?«

»Ich muß euch mal nebeneinander sehen. So – – Aha, die Länge ist die gleiche. Und das dunkle Haar –«

»Ich habe schon weiße, Traud.«

»Bitte, sich nicht interessant machen zu wollen. Also das dunkle Haar hüben wie drüben. Das Gesichtel in der jüngeren Auflage –«

»O Gott, das Gesichtel!«

»Ich spreche doch wahrhaftig nicht von deinem, Klaus. Ja, Walter, vorläufig noch mehr Milch als Blut, aber verlaß dich nur auf deine alte Tante, die Couleur wird für die richtige Couleur schon sorgen.«

Und sie streichelte ihm mütterlich das volle Haar.

Der Junge errötete unter der frauenhaften Liebkosung. »Erstensmal bist du nicht alt, sondern noch sehr jung, und zweitens lege ich wirklich gar keinen Wert auf das Saufen und Raufen. Ich werde schon meine Zeit anders verwenden, und morgen geht es, trotz der Antrittskneipe heut, ins Kolleg.«

Sie streichelte noch immer sein Haar.

»Ja, ja, du bist ein braver Junge, aber – Bravheit schützt vor Jugend nicht.«

Da lachten sie alle drei mitsammen, und der Junge haschte nach ihrer Hand und küßte sie in wohlerzogenem Respekt.

»Dein Vater, Walter, sieht aus wie dein älterer Bruder. Forsch, was? Gib acht, daß er nicht noch sämtliche studentischen Völkerschaften Marburgs vor die Klinge nimmt.«

»Ach – Tante! Aber er sieht wirklich anders aus als zu Hause.«

»Das tut die gute Marburger Luft. Und nun hab' ich euch mit meinem Schwatz lange genug aufgehalten, und ihr kommt schon zu spät auf den Berg. Du bleibst doch noch einige Tage, Klaus?«

»Der Minister hat dringende Arbeiten für mich, sonst hätte ich den Walter selbst hergebracht. Nun langt's nur für den Tag der Antrittskneipe, den ich mir für den Jungen nicht nehmen lassen wollte.«

»Schade –. Aber – der Minister und Marburger Frühling – das reimt sich schlecht zusammen. Also ein andermal, und viel Vergnügen für heute.«

»Auf morgen, Traud. Wir werden diese Nacht sehr leise auftreten.«

»Versprich nicht zu viel, oder ich streue Erbsen.«

»Adieu, Tante Werder. Morgen heißt's frisch sein.«

In der Tür wandte sich der Professor um. »Entschuldige, aber da vergaß ich ganz, dir die schönsten Grüße von Marianne auszurichten und ihren verbindlichen Dank für die gute Aufnahme des Jungen. Wir rechnen dir das ganz besonders hoch an, weil – nun, weil –«

»Ach, lieber Klaus, nun geh schon lieber auf die Kneipe.« Und sie lachte ihn aus.

Der Junge polterte schon auf der Stiege. Da trat er noch einmal ins Zimmer und griff nach ihren Händen.

»Sag mir nur das eine. Wie hast du dir durch alle die schweren Lebenslagen hindurch nur deine Lustigkeit bewahren können?«

Sie sah ihm fest in die Augen. »Weil ich keine Duckmäusernatur bin.«

»Weil dich das Leben freut?«

»Über alles.«

»Gib mir einen Kuß, Traud. Ich kann ihn brauchen.«

»Mach, daß du hinauskommst.«

Und er hörte ihr Lachen noch auf der Stiege und trug es noch im Ohr, als er, Band um, Mütze auf, neben seinem Füchslein den Schloßberg hinanstieg, durch den kosenden, streichelnden und schmeichelnden Frühlingsabend, hinan zu dem hohen, freien Hang, auf dem das Haus seiner alten Verbindung wie eine Warte der Jugend stand. ›Wie lange,‹ dachte er, ›hab' ich dies Kosen, dies Streicheln und Schmeicheln nicht mehr gespürt.‹ Und er tat einen tiefen, wohligen Atemzug. ›Aber heute – spür' ich's!‹


2

Da trat er mit seinem Sohn in den Kneipsaal ein, und er sah strahlenden Auges über die Masse der Buntmützen hin, die die mächtige hufeisenförmige Tafel dicht bekränzt hielten, und als er den Sohn an der Fuchsenecke untergebracht wußte, schritt er hinüber zur Tischecke der alten Herren, spähte in den bärtigen Gesichtern nach den Gefährten der Jugend, schüttelte kräftig alle die Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und fiel aus voller Kehle in den Kantus ein:

»Gaudeamus igitur,
Juvenes dum sumus!«

»Cantus ex est. Schmollis cantoribus!«

»Fiducit!«

»Kreuzer, alter Pirat, tauchen endlich deine Segel wieder auf der Lahn auf? Gegrüßet seist du …«

»Prost, langer Ritter. Ich suche dein Bäffchen und deinen Talar.«

»Hab' beides meiner Hausehre zum Aufbügeln dagelassen. Dieweil, juchhei – dieweil – juchhei – der Herr Pastor zu Nutz und Frumm der Dorfgemeinde eine kleine Aufbügelung in Marburg vor sich gehen läßt.«

»Ich komme dir einen Halben, Pirat. Nichts zu flicken für einen hilfsbedürftigen Landarzt?«

Kreuzer blickte in das starke, gerötete Gesicht. »Der Stimme nach – der Melodik der Stimme nach – ist mir, als hörte ich Deutschlands Eiche im Wipfelrauschen. Baum?«

»Zu dienen, Herr Geheimrat. Ich bin der Baum. Aber gestatte, daß ich die Umarmung mit dir bildlich vollziehe. Ich stehe nicht gern auf, wenn ich sitze.«

»Hast du endlich das Zipperlein?«

»Bitte – bitte – diese herrlichen Gliedmaßen gehören dem Wohl des Volkes. Deshalb schone ich sie. Und wenn du die Farbe meines Antlitzes zu einem ärgerlichen Vergleich mißbrauchen möchtest, so sage ich dir: Wind und Wetter haben sie mir angeschmeichelt, und sie ist ehrenvoll auf der Landstraße verdient.«

Und eine zarte Stimme sprach: »Er opfert sich auf, unser lieber Baum. Da ist ein Mann in seinem Klientel, den er von der Schädlichlichkeit geistiger Getränke überzeugen muß, und es ist der Dorfwirt und nicht unter die Erde zu bringen. Ganz erschöpft von den endlosen Debatten sehe ich oft zur Nachtzeit unseren braven Baum in den Wagen steigen.«

»Du aber, mein braver Lindner, steigst jetzt in die Kanne. So ist's recht, mein guter Junge. Ich will dich lehren, neidverzerrt im Pastorat auf der Lauer zu liegen, während ich mich bemühe, dir die faulen Begräbnissporteln abzuknöpfen. Ah, du meldest dich reumütig mit der neuen Blume? Prosit, da trinke ich mit.«

»Lindner, der reine Tor? Und Pfarrherr wie der lange Ritter? Fühlst du dich wohl auf dem Land?«

Der Pfarrherr mit dem bärtigen Knabengesicht reichte dem Professor die Hand.

»Ob ich mich wohl fühle? Kann sich der Mensch anders als wohl fühlen, wenn er die Verbindung mit der Natur nicht verliert? Und der lange Ritter – und der dicke Baum – sind das nicht auch ein paar Stücklein Natur? Wir sitzen dicht beieinander, und wenn wir einen Kreis bilden, haben wir die Jugend mitten darin eingefangen. Nämlich« – und er flüsterte geheimnisvoll – »die Jugend ist nämlich das beste Stück Natur.«

Der Fax rannte, gläserbeladen, um die Tische herum. Das braune Bier schäumte über den Rand.

»Silentium!«

Der erste Chargierte stand straff aufgerichtet. Die Narben auf seiner Wetterseite leuchteten. Mit heller, klingender Stimme sprach er in das Schweigen hinein. Er begrüßte die alten Herren, er begrüßte Aktive, Inaktive und Verkehrsgäste, er begrüßte die neu angemeldeten Füchse. Es war eine Rede, wie sie seit Jahren zum Semesteranfang gehalten wurde, und doch wirkte sie frisch und neu, weil sie immer wieder aus einem frischen Munde kam und neue Begeisterung den Atem befeuerte. »Wir singen das Lied: Stoßt an, Marburg soll leben! Die Musik spielt den ersten Vers vor. Silentium … das Lied steigt.«

»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!
Die Philister sind uns gewogen meist,
Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.
Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!«

Aus jungen Kehlen brauste das Lied zur Saaldecke, und die Bässe der alten Herren malten so kräftig den Untergrund, daß die starr ins Kommersbuch blickenden Keilfüchse Mut faßten, sich aus ihrer Unsicherheit heraustasteten, die tragende Woge des Gesanges erreichten und plötzlich verwegen im Meer der Töne herumschwammen. Der dicke Baum lag, die Hände über den schweren Leib gefaltet, zurückgelehnt im Sessel und sang auswendig. Der lange Ritter hielt das Liederbuch mit der Linken und schlug mit der Rechten den Takt auf seines Konfraters Lindner Knien. Der lächelte beim Singen selig, als sähe er den Himmel offen. Und Professor Kreuzer schaute ringsum in die Augen der alten Freunde und des jungen Nachwuchses, fand nur leuchtendes Licht in den Augen hüben und drüben, fühlte, wie es ihm selber heiß in die Blicke stieg, sah Buntmützen und Dreifarbenbänder, die Vergangenheit Wiederkehr halten, die törichte, seligmachende, frühlingsdurchduftete, griff mit der Hand in die Luft, als müßte er sie halten, fest, fest …

»Stoßt an! Frauenlieb lebe! hurra hoch!
Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt,
Der hält auch Freiheit und Freund nicht wert,
Frei ist der Bursch!«

Frei, frei, frei! Stoßt an! Vaterland! Manneskraft! Freies Wort! Kühne Tat! Stoßt an – Burschenwohl lebe! Frei ist der Bursch.

Und drunten Marburg zu Füßen, und droben das Schloß, und ringsherum die ganze weite Welt mit ihren nie aufzuzählenden Frühlingswundern, die dennoch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt.

»Bis die Welt vergeht am jüngsten Tag,
Seid treu, ihr Burschen, und singt es nach:
Frei ist der Bursch!«

Treu? War er dem Burschenschwur treu geblieben? Ah, welche knabenhaften Gedanken.

Was weiß der junge Mensch, der hier trinkt und singt, vom Leben? Seine Hoffnungen schickt er auf Rosenwolken hinaus und nennt sie die ›unumgänglichen Forderungen‹. Und der erste, der sie im Leben umgeht, ist er selber, und der Pfründe wegen, der Ehe wegen, all der gebieterischen Dinge wegen, die nicht in Marburgs Mauern liegen, lernt er um in der Algebra des Lebens. Treu!

Und – dennoch!

Stunden haben, die wie das Vergessen sind – bis auf die Stunde.

Nichts wissen, als daß man noch da ist in schwärmender Tafelrunde.

Daß man die schwere Süße um sich spürt der Erwartungen.

Der Erwartungen, die wie nie auszuzählende Frühlingswunder sind und doch nur den glücklich machen, der sich nimmer des Zählens begibt.

Das kam über Klaus Kreuzer, daß seine Stirn sich zusammenzog und aus seiner Brust ein langer, stoßender Atemzug ging. Das kam über ihn, daß seine Lippen sich zu einem harten Strich zusammenpreßten.

»Pirat! Wen willst du vor die Klinge? Laß sie pfeifen auf Hieb und Stich und gottselige Abfuhr! Ach, und stoß an, Bruderherz, da wir doch so jung zusammen sind.«

»Dein Wohlsein, Baum. Was? Rest? Wie kann man so trinken!«

»Ist das eine Konsultation?«

»Ich wünsche dich nicht bloßzustellen.«

»Also du fassest das Glas hier unten – hebst es hinten hoch – siehst du – vorn läuft es von selber.«

Der vergnügte Landarzt hatte sein Glas geleert. »Ja – was ich noch sagen wollte – und für ärztliche Bemühungen bekäme ich einen Taler.«

»Halsabschneider!«

»Drückeberger. Kenn' ich. Nur heraus mit dem dicken Silberling. Das wäre also der Bowlenfonds.«

Der junge Walter Kreuzer stand, die Mütze in der Linken, am Tische der alten Herren. Der schwere Landarzt blieb behaglich im Sessel liegen und wandte kaum den Kopf. »Was wünschest du, mein Sohn?«

»Gestatte, alter Herr, daß ich mich vorstelle.«

»Wie heißest du?«

»Walter Kreuzer, Sohn des alten Herrn Klaus Kreuzer.«

Der Doktor streckte ihm die Hand entgegen. »Was? Zwei Kreuzerlein? Willkommen in der Couleur. Auf daß du lange lebest, eine Zierde unserer Farben wie dein Vater. Prosit, Fuchs. Und bleib alleweil mein Freund.«

Und er summte, während er das Glas gegen das Licht hob: »Was nützen mich die Kreuzerlein – wenn ich gestorben bin.«

Der Fuchs hatte sich den alten Herren Pastor Ritter und Pastor Lindner vorgestellt. Das Tonnenmützchen saß dem fröhlichen Ritter weit im Nacken. Den Arm schlang er um die Taille des jungen Mannes.

»Nun – nun? Wie heißt die Parole, Fuchs? Philologie? Nimm Öl aus dem Krüglein deines Vaters. Medizin? Der große Medizinmann Baum fährt dich auf die Praxis, daß du deine Knöchlein besser spürst als die der Patienten. Theologie? Komm zu mir und halte bei mir die Probepredigt, auf daß ein jähes Erwachen in die alten Weiber fahre. Nur nicht Juristerei.«

»Weshalb nicht Jus, alter Herr?«

»Dieweil die Advokaten siebenspännig in die Hölle fahren.«

Und begütigend sprach die zarte Stimme Pastor Lindners: »Es ist seine liebenswürdige Marotte. Er hätte selber gern Jus studiert, und nun tröstet er sich mit einem Kraftsprüchlein.«

»In die Kanne, lieber Lindner. So – geschenkt. Nun wird dein Zeigefinger wohl nicht mehr höchst unchristlich in alten Wunden wühlen. Du trinkst auf mein Spezielles? O, du Seele von einem Menschen.«

Und wieder rauschten Geigen, Bässe und Flöten von der Musikantentribüne durch den Saal, sang es aus jungen und alten Kehlen in die hinabsteigende Frühlingsnacht, irgendeinem Frühlingsmorgen entgegen, der in der Zukunft lag, der sich aus der Vergangenheit aufgemacht hatte, irgendeinem, der den Duft der Jugend trug.

Das Präsidium war an die alten Herren übergegangen. Der lange Ritter hielt es in starken Händen. Scheffel regierte die Stunde, und der Rodensteiner brauste durch den Odenwald: »Raus da, raus aus dem Haus da, o Horn und Zorn und Sporn!« Der dicke Baum stand würdevoll vor dem Präsidentensessel, und er gebot das Lied an die Lindenwirtin, den ewigen Jugendgruß an Ännchen von Godesberg, am Rheine, am Rheine! Und nun hatte der reine Tor, hatte der bärtige Knabe Lindner die Kommandogewalt.

»Ich stehe hier nur,« sagte die zarte Stimme, »als ein Vorläufer. Wir haben ihn unter uns, den wir schon liebten, als wir jung waren wie ihr, und unsere Liebe ist mit ihm gegangen von der Fuchsentafel und über die Mensurböden und durch die Burschenzeit ins Leben hinein. Er war die Sonne unserer Jugend und der beste Student, den Marburgs Mauern, Marburgs Töchter, ja Marburgs Häscher je gesehen. Wer kann die Sonne fangen? Es fing ihn keiner, noch sein Lachen, und sich und seine Lebensfreude trug er hinaus in die Welt, gab sie der Menschheit. So wurde er der Stolz unseres Mannesalters, mehr als das, er wurde uns die lebendige Versicherung, daß auch wir recht getan hatten, das Gottesgeschenk der Jugend zu genießen, sehen wir ihn doch heute auf hoher Höhe, gefeiert von der Wissenschaft, stürmisch geliebt von seinen Jüngern. Silentium! Wir reiben einen Salamander auf unseren alten Herrn Geheimen Regierungsrat Professor Doktor Klaus Kreuzer.«

Der Donner der Gläser auf den Tischplatten war verklungen. Still saß der Professor auf seinem Platze. Mit geweiteten Augen schaute er über die Buntmützen hin, als sähe er Menschen und Dinge in den Saal strömen, die nicht mehr waren. Sprach der bärtige Mann am Präsidententisch wirklich von ihm? Hatte es das gegeben? Soviel Sonne –? Soviel Sonne? Und log der bärtige Mann mit dem glücklichen Knabengesicht nicht? Jetzt, jetzt, da er von dem Gewordenen, der Gegenwart sprach? Nein, nein, nur er selber hatte gelogen, sich selbst belogen. Und nun donnerte die Huldigung in sein Ohr hinein. Und sein Blick kehrte aus der Weite zurück und sah wieder feste Linien, sah junge Gestalten, sah junge, lachende, fragende, schwärmerische Augen auf sich gerichtet. – Da riß es ihn auf.

Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe das Präsidium –«

Da stand er am Platz des Präsidenten, an dem er – fünfundzwanzig Jahre waren es bald – so oft gestanden hatte.

»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung dargebracht, und das ist ein Geschenk. Da bedarf es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben? Nun, dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß ich jung bleiben will, wie ich es einmal war, wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben! Und wenn die Welt voll Teufel wär'! Nur diese eine Tugend gibt's. So wünsche ich uns alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und nicht anders. Ach, was wißt ihr, wie ihr den Burschensang und -klang braucht im Leben! Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab ihn uns, damit wir im Jagen und Drängen zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich – irgendwoher – im Ohre ertönt. Daß wir vergleichen, prüfen, wägen und – zu leicht befinden. Daß wir beschämt innehalten. Wenn's not tut: das Steuer herumwerfen. An Bord nehmen, was hinter uns her schwimmt mit verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz, ohne den wir verloren sind gegen den schlimmsten Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die Blasiertheit. Nur diese Sünde gibt's, und keine andere. Ein blasierter Mensch ist ein Bankerotteur, der sich seiner Daseinsberechtigung begab, als er die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte. Laßt es euch gesagt sein, ihr Burschen und Füchse: Die Schönheiten der Welt sind keine Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf einer Wolke auf der Lauer und späht durchs Fernglas, zu sehen, wer von den armen Menschlein ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte, die uns die kurze Erdenspanne mit seinen Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie auf, und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag, und ihr behaltet eure hellen Augen und euer klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der Jugend auf seinen Lippen spürt, ist noch im Sterben glücklich zu schätzen. Das ist der Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf, Leute!«

›Professor Kreuzer – Geheimer Regierungsrat – Mariannens Gatte –‹ schoß es ihm durch den Kopf.

Er lachte.

Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung, die erschlossene Seligkeit junger Gemüter.

Er lachte.

Das aber war ein anderes Lachen.

»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium! Musikanten, den ersten Vers! Silentium – das Lied steigt.«

»Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus,
War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus.
Und er wanderte weit
Zur Sommerzeit,
Wenn am Walde – die Heckenrosen blühn.

Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein.
Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein.
Schaut' über die Heid'
Zur Sommerzeit,
Wenn am Walde – die Heckenrosen blühn.

Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind.
Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind?
Da lachten sie beid'
Zur Sommerzeit,
Wenn am Walde – die Heckenrosen blühn.

Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug.
Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug.
Und da küßten sich beid'
Zur Sommerzeit,
Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.« –


3

Waren Stunden vergangen, seitdem das Lied verklungen war?

So waren sie wie Minuten gewesen, von denen der Sekundenschlag mehr zählte als eine Stunde.

Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere Leinengardine zurück. Ein dunkelblaues Dämmern füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen des Morgenwunders. Und eine Nachtigall schlug vom blühenden Hang hinauf. Das hatte er seit Jahren nicht mehr erlebt.

Er stand und horchte. Und vernahm, wie die Jugendfreunde hinter ihn traten. Da griff er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach ihren Händen. »Kinder – das ist zum Glücklichwerden!«

»Alter Pirat – du hast dein Teil geborgen.«

»Ja, ja … Und ihr?«

»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen können, haben wir also – das große Los gezogen.«

»Sprecht ernsthaft.«

»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei, eine fröhliche Landpraxis – beim heiligen Veit von Staffelstein, wir sind doch keine Duckmäusernaturen?!«

Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann? Heute? Gestern? Ganz gleich. Es war ein Wort im Alltagsgewand und voll innerer Köstlichkeiten. Und – Traud hatte es gesagt. Natürlich …

»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim? Wollen wir Überlebenden – ja, was wollen wir Überlebenden?«

Seine Augen suchten das blaue Gewoge des dämmernden Tages zu durchdringen.

»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!«

»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir werfen uns wie Antäos an der Mutter Brust, neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein Schicksal trifft.«

»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster – als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!!«

»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit uns sprechen.«

Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm beieinander und blickten in die blauen, flatternden Schleier. Immer inbrünstiger wurde das Lied der Nachtigall. Und nun kam eine Woge frischen Blütenduftes.

Die Sonne …

Von den Hängen flatterten die Schleier los, über die Lahnwiesen strichen sie hin in eiliger Flucht, die Bergkette schüttelte sie von den Häuptern, daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder taten sich auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht, in stiller, drängender Liebe, in lebenzeugender Sonne.

Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und war nur schöner geworden. –

»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer.

Die anderen nickten.

»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer fort, »ich bin ein Gleichnis und will in euer Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt, was euch not tut. Euer Leben mag älter, aber es darf nur schöner werden. Nein – mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr es nicht wollt. Seht her und macht sie nach: die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut zum Glücke …«

Er brach ab und starrte hinaus. Was würden die guten Kerle davon wissen … Kaum ihre Atemzüge hörte er.

Und in die tiefe Stille klang die Stimme des Landarztes, und über seinem Gesichte lag ein merkwürdiger Hauch, der es verschönte und vergeistigte. Und in die tiefe Stille hinein sagte er nur: »Es braucht kein Geist aus dem Grabe und kein Professor aus Berlin zu kommen, um uns das zu verkünden.«

Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine Blicke tranken den Morgen: »Siehst du, deshalb sind wir hier.«

Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an sein Herz.

So viel war er geworden und so wenig die anderen, und doch wußte er nichts zu erwidern.

»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme Lindners, »komme öfter herüber von Berlin. Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft dir nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und du bist doch erst fünfundvierzig.«

Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ, daß der Hochmut die Segel strich, daß nichts mehr in seinem Blute war als eine grimmige Sehnsucht.

»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort darauf. Das mit dem Lorbeer und den Rosen, Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner Tor konnte das Wort prägen, dem keine Wissenschaft beikommt. Her mit den Gläsern. Angestoßen. Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!«

»Nach Hause jetzt.«

»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.«

»Burschen heraus!«

Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden Morgen hinein, gingen sie die krummen Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus, vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red' und Antwort, riefen sie sich Mädchennamen zu und die Namen der Gegner, die sie auf der Mensur bestanden hatten, die Namen der Philister, die sie gemartert, und die Namen der herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder gemartert hatten.

»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du barhaupt und hemdärmelig die Straße hinunter, ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus dem Fenster hinter dir her, bis alle Philister aufgeregt in den Fenstern lagen und mitschrien, und die Stadtschergen erschienen und wie besessen die Verfolgung aufnahmen. Das ging wie die wilde Jagd den Schloßberg hinunter und um die Elisabethenkirche herum und zurück zur Universität, und die ganze Studentenschaft war auf den Beinen. Und plötzlich bogst du um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann, der die Hand nach dir streckte, und sagtest: ›Pardon, mein Herr, wissen Sie hier in der Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe hier einen Rock zu flicken!‹

»Wie Lots Weib stand der Mann, und es folgte eine Tobsucht. ›Mensch, weshalb laufen Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie – Mensch!‹ Und verwundert erwidertest du: ›Mein Herr, weil ich es nicht für anständig halte, in Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹ Verneigtest dich und warst im Schwarm der Buntmützen verschwunden.«

»O Academia!«

»Kinder, Kinder!«

Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden und trugen die edle Patina der Verklärung, und die Geschichten folgten sich.

»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer. »Ich habe euch versehentlich durch die halbe Stadt begleitet und muß nun wieder den Berg hinauf. Schlaft wohl!«

»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns im Hotel?«

»Ich wohne bei Frau Werder.«

»Frau – Werder? Haben wir nicht einen Werder in der Couleur? Natürlich! Werder, der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige Kerl?«

»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine meiner Frau. Deshalb wohne ich dort. Und mein Junge hat Marburger Quartier dort bezogen.«

»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.«

»Auf Wiedersehen, ihr.«


4

Prachtvoll war die Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er den Berg hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um die Brust. Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen. Weit, ganz weit dehnte er die Arme …

Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt. Vor der weißlackierten Tür blieb er stehen. War das nicht ein Kichern? Er klopfte.

»Willst du wohl!« tönte eine Stimme.

»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen, Traud.« Und elastisch ging er die Treppe weiter hinauf.

Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die Hausfrau stand im hellen Morgenkleid und lachte hinter ihm drein.

»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen – das Stelldichein mit dem Klaus von ehedem?«

»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.«

»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer.

Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf, und als er um die elfte Morgenstunde erwachte, stand der Sohn an seinem Lager.

»Was, du bist vor mir auf?«

»Frühschoppen, Papa.«

»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?«

»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen.«

Ein Lächeln huschte um des Professors Mund. »Nein, nein, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter in Anfechtungen fällst, werde ich – ja, ja, das werde ich – an Mama depeschieren, daß ich erst morgen komme.«

»Papa! Famos, Papa!«

»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur Toilette. Wir gehen dann zusammen.«

»Du – Papa …«

»Was denn, mein Junge?«

»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich. Und ich habe es auch Tante Werder schon gesagt.« Und nun war der Junge draußen. Und der Vater sann hinter ihm her. – –

Eine halbe Stunde später betrat er frisch und hoch gestreckt das Frühstückszimmer.

»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich nicht ein Frühaufsteher?«

Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete ihn.

»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon um sechs Uhr früh auf den Beinen warst, bist du noch immer recht rüstig.«

»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine Tasse Kaffee bitten? Wo steckt der Walter?«

»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er mir mit strahlenden Augen von ihm, dem herrlichsten von allen – das solltest du nämlich sein, Klaus – erzählt hatte, bekam er plötzlich das zweite Gesicht und mußte eiligst noch ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den väterlichen Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm das Frühstück ein.

»Leichtsinnig? Ich –? Ach, Traud, ich wollte, ich könnte es noch einmal von Herzen sein.«

»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter versteht. Von Zeit zu Zeit mal über die Stränge schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger Leichtsinn für kleine Leute und würde gar nicht zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.«

»Kennst du zwei Arten von Leichtsinn? Eine passende und eine unpassende?«

»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn du schon bei dem Wort bleiben willst, so kenne ich zwei Arten.«

Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand. »Nenn sie, Traud.«

»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja eine Lüge, wenn ich anders sprechen wollte. Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich aufmacht und durch die Niederungen schleicht, einerlei, ob es durch Sumpf- und Brackwasser geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird, und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle Miseren in lichte, frohe Höhen zu schwingen versteht, bis die Augen der Nachstaunenden ihn nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber die Sonne verspürt und er Gott anders begreift und seine Welt und erkennen lernt, daß es über jede Misere hinaus einen lachenden, blauen Himmel gibt für den, der zu fliegen versteht.«

»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile, »ich höre dir zu.«

»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen, und du brauchst meine Weisheit nicht.«

Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile: »Ich habe es einmal gekonnt – oder wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage nur noch zur Schau mit den Flügeln.«

»Weshalb?«

»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen, die sich lieber einen Pfauhahn halten, der der allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht werden kann, als einen Adler, der sich den Blicken der Leute entzieht.«

»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen ganzen Geheimratsfrack voll Orden.«

Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah er scharf auf.

»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.« Und er erhob sich mit verschlossenem, hochmütigem Gesicht.

Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn lächelnd an. Bis es ihn unruhig machte.

»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?«

»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner Orden sehe … Adieu, Klaus, und recht viel Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom Tisch, winkte ihm zu und ging aus dem Zimmer.

Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann sich, daß er Gastfreundschaft in diesem Hause genoß, und meisterte seine Erregung. Auf dem Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach ihr und zog sie in den Nacken. Da kam Walter die Treppe hinauf. Straff ging er ihm entgegen. »Junge, der Frühschoppen wartet, und wir wollen uns – über die Erdenschwere in die Lüfte schwingen.«

»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?«

»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen dessen machen wir jetzt den Umweg übers Telegraphenamt.« – – –