Ruth Schaumann

Die Kathedrale

Gedichte

Kurt Wolff Verlag München

Bücherei der „Jüngste Tag“ Band 83

Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig

Copyright 1920 by Kurt Wolff Verlag in München

Sonett

Es greifen rote Sträucher in die weißen

Und Au und Himmel um bewärmte Stämme;

Den Himmel wieder enge Felsenkämme

Mit scharfen Zügen in die Höhe reißen.

Und Pferdeleiber bräunen durch die Schwemme,

Sich überspülend mit erloschnem Gleißen.

Ich weiß wie ich und diese alle heißen,

Und alle Namen sind wie hohe Dämme,

Die unsre Ahnen furchtsam aufgeführt,

Um nah gelegne Ströme weit zu trennen.

Wir haben erbhaft nie daran gerührt —

Wie lange währt dies „Nur beim Namen nennen“

Wann sind die vielen Wasser reif geschürt

Sich brausend ineinander zu bekennen.

Die Arche Noah

Hoch liegt die Luke offen und beklommen

Das Grau erschöpfter Tage ihr im Rahmen

Und heilt des Vogels Weg, den er entkommen.

Die Luft ist jedem Raume am Erlahmen,

Nicht kann die überschwere Kuh gebären,

Die Speicher seufzen nachts vom Drang der Samen.

Und Holz beginnt im letzten Schacht zu gären,

Und Nässe graut herein, als wenn die Sünden

Des toten Volks in sie gesammelt wären.

Wir heben uns von den zerstreuten Bünden

Und schichten sie und spreiten sie nach Stunden

Erneut zum Schlafen über Deinen Gründen.

Du hast mein Leben auf dem Fels gefunden,

Den Gipfel, den kein Blick einst ganz erklärte,

Und Deine Reue bleibt an mich gebunden.

Viel schmerzt die Lende mich, die unbewährte;

Im Traum zeugt sie mir immer Kain zu Abel —

Und doch lockt schon der Taube Brutgefährte

Ihr zu und junges Reis aus ihrem Schnabel.

Prüfung Abrahams

Gib den erwählten Berg aus diesen Massen;

Im zweiten Tag selbst will der Pfad nicht enden

Und jeder Schritt versucht mich Dich zu lassen.

Der volle Gürtel greift in meine Lenden;

Schon fühle ich den Knaben Fragen sinnen —

Sei gnädig diese von mir abzuwenden.

Nur jene Wolke laß uns nicht gerinnen;

Wohl dürstet seine müde Haut, doch trocken

Ist alles Reisig auf den Eselinnen.

Durch keinen Stein erlaubst Du mir zu stocken,

Es geht so still einher, die Halfter schwanken,

Und durch die Zehen fällt der Staub in Flocken.

Ich möchte Dir wie sonst den Abend danken,

Nur weiß ich keines seiner Worte wieder;

Denn unter Dir die armen Sinne sanken

Wie aufgewühlter Wegsand in sich nieder.

David

Mich fremdet matt, wie Leinen mich berührt,

Das grüne, brustgekreuzt mit Lederriemen,

Daß meine Schulter jenen kleinen Striemen

Von eines Erstlings Tragung wieder spürt.

Auf eines Hügels Schwinge lag ich her

Und wurde brudergleich dem Angeschauten,

Den Wolken und der Würze blauer Rauten,

Selbst Berge überstanden mich nicht mehr.

In Allem war ich, Alles war in mir

Und lag auf sich bewegt in Deinem Schoße,

Bis unbewußt ich mich daraus verstoße

Und meine Herde weide unter Dir.

Tempelgang Mariä

Da ist die große Treppe und der Bogen

Voll Dunkelheit, darein die Leute sinken,

Von ihrer höchsten Schwelle aufgezogen.

Nein, meine Mutter, ich mag nicht mehr trinken,

Nimm Du den Reiseschlauch, ich möchte warten

Bis jene Greise in den Grund verwinken.

In Röcken, die von Gold und Steinen starrten

Sind die und doch so milde, als die Blüten

Ausruhn und offen stehn im Mittaggarten.

Und alle gehn wie Hirten, so sie hüten;

Und wieder gleichend meinem jüngsten Lamme

Nach meinem Ruf und dann der Hand Begüten.

Und wo sie einziehn, ist wohl eine Flamme;

Mit andern Augen treten sie von innen

Und schatten ab vom steingebauten Stamme.

Und blicken um ein Tierlein zu gewinnen;

Keins wird gebracht, nun wird ihr Feuer kleiner;

Und sterben. — Unter meinen Füßen rinnen

Die Stufen abwärts und nun trägt mich einer.

Der Engel Gabriel

Mir sträubten alle Federn aus den Poren

Vom Schimmern ihres Haares und dem Streifen

Geneigter Stirn, und ich vernahm das Reifen

Von meiner Gegenwart in ihren Ohren.

Und hob die Botschaft an, in unsern Worten;

Nur denkend, aber schon verstand die Leise

Im Auseinanderrinnen roter Kreise,

Vor deren Zug die meinen wie verdorrten.

In steilen Flügeln hing ich bis sie schwangen

Und ich geblendet glitt vom Sonnenstaube,

Gefolgt vom tiefen Schlummerruf der Taube,

Die sich dem reinsten Nestraum unterfangen.

St. Joseph

Und vorüber wächst der Mondenflecken,

Meine Kniee dürfen sich nicht strecken,

Denn sie würden mich dem Schlaf verschwachen,

Und noch ist in ihrer Zelle Wachen.

Und ich muß auf frischgedeckten Kissen

Wieder, mir so fremd, die Jungfrau wissen.

Hörbar wird aus tiefem Atemsammeln

Süßes, immer wiederholtes Stammeln.

Nun nichts mehr, als Duft von Simons Schafen,

Um das ferne Kind ist sie entschlafen,

Und ich darf mich bis zum Ruf der Gassen

Meines Lagers Einsamkeiten lassen.

Advent

Nach hohem Schweben ward die Kerze den Schnee am Sims gewahr

Und sprach ihn durch die Scheiben auf seine Weise warm;

Vor mein Gerät zurück fand neigend mich Dein Arm

Und ferne schwang dahin verzogene Gefahr.

Und meiner Tage viele gabst Du Dir anzusehn,

So wie Gedanken blühn bevor der Mund sie spricht;

Und Abende für mich trug sinnend Dein Gesicht

Und ließ vor schwerem Glück sie auseinandergehn.

Und alles hob heran und senkte vor mein Knien

Der einen Stunde Schoß, die mich nach Deiner Macht

In sich empfangen wird so weit wie eine Nacht,

Wo aus dem Fall der Frucht die müden Zweige ziehn.

Die Hirten auf dem Felde

Auf brach die Nacht im Himmel, wie von Früchten

Die wir in heißer Asche berstend rösten.

Als Finsternisse dann vom Quellen lösten

Hing es wie Sturz und sah uns alle flüchten.

Da ward die Glanzfaust mild, uns übereilend,

Gekehrt in Strahlen wider unser Staunen.

In ihrem Anfang aber und Posaunen

Stand eine Stimme hin, sich uns erteilend.

Und wurde tief, daß er uns leuchten solle,

In die verstummte Luft als Stern geschlagen;

Und läßt sein Licht vor uns vom Felde tragen

Auf reger Herden Hügelmeer und Wolle.

Mariä Trauer

War dieses Krüglein meiner Hand zu schwer —

So schüchtern kommt sie aus den heilgen Wochen,

Nun netzt es keines Wandrers Dürre mehr.

An meiner Vorsicht habe ich’s zerbrochen;

Wie nach Erfüllung war es leere Kühle

Und hat doch süß vom letzten Trank gerochen.

Geschah dies also — wie ich mich befühle,

Daß nach dem schweren, morgenroten Wein

Kein Wasser den geneigten Rand bespüle?

Der Fluß, der Regen — sind denn die gemein?

Was weiß ich wohl davon in meinem Stalle —

Ich möchte nun nie mehr voll Wassers sein.

Herr, Vater meines Sohns, gib mir zu sterben,

Nur daß ich Dir entlang getröstet falle

Und Du zu Füßen Dir am Boden findest

Vom Dufte Deines Weins belebte Scherben.

Das Engelkonzert

Da sie im Rosenhage aus dem Kinde

Sein Lächeln frug, wie es noch nie gegeben,

Stand ein gemeines Rispengras daneben,

Das bog sich an ihr Kleid geheimem Winde.

Die Innigsten vom himmlischen Gesinde

Gelangten aus des Mittags Lichtbestreben;

Vertieften sich in ihr verklärtes Leben

Und wagten es im Spiel zum Angebinde.

Entzückte Einfalt, ehemals in Taten

Von einer armen Magd, ward hier zu Klängen

Die zart des Kindes Zehentraum umbaten.

So kam von angeschwungnen Saitensträngen

Der Engelschar Erinnern und Erraten —

Und Gottes Mutter ließ die Lider hängen.

Nach Christi Tempelweile

Nicht müde bin ich, Sohn, ich stand ganz stille;

Die Wege alle waren es, die gingen,

Die namenlos vor meiner Sorge zogen.

Nur einmal sah ich braune Vögel singen

Und einen Apfelbaum in Blüten schweigen,

Wo kleine, strohgewebte Nester hingen.

Da dachte ich, dies sollte ich Dir zeigen;

Doch Du warst fort und ich um Dich zu finden

Und ließ die Straßen durch die Augen steigen.

Ich fühlte große Leeren aus mir schwinden,

Auf jede folgten viele schmerzlich neue,

Dann glaubte ich für immer zu erblinden.

Die Stadt kam auf mich zu so ohne Reue,

Dein weißes Kleid das kam und Du darin —

Sieh mir nicht an, wie mühsam ich mich freue.

Es ist mir nur wie graues Haar gekommen,

Daß ich nun, da Dich Gott ergriffen hat,

Wohl nichts mehr als ein Nest im Frühling bin,

Das große Hände plötzlich ausgenommen.

Die Schwestern des Lazarus

Nun kann ich die verborgne Sonne hören;

Ihr Sinken rauscht noch hinter Hügeln weiter,

Nicht Tier noch Blatt wagt dies Geräusch zu stören.

Nur Du blickst laut, weil ich dem Abend heiter

Darin zum viertenmal des Bruders Schuhe

So rechtlos liegen bei der Dattelleiter.

Er aber in des Felsens kalter Ruhe

Mit Tod durchtränkt den Wohlgeruch der Öle,

Der Kräuter und die Linnen Deiner Truhe.

Als wir ihn damals trugen bis zur Höhle

Erwartet ich den Meister jede Wendung,

Und daß er uns zu halten anbeföhle.

Doch nach des Grabes zögernder Beendung

Empfing ich Freude aus dem Wuchs der Weile,

Die uns der Herr nicht kommt auf alle Sendung.

Auch dieser Tag ist fromm in karger Eile,

Und noch vor Nacht sich neue Knospen weiten,

Mich für das Kommen einer lichten Steile

Die größer als Dein Trauern zu bereiten.

Die Jünger im Garten

Zur atemlosen Einsamkeit des Hügels

Hat sich der Meister zagend aufgetrauert.

Wir wachen Ihm im Schutz des Ölbaumflügels.

Der Garten hat sich zu uns hingekauert;

Stumm lauschend wie in seinem dunkeln Grunde

Ein Vogel seine bange Brut bedauert.

Die Ferne murrt gleich einem müden Hunde

Sich in die eigne Wärme mit Behagen;

Und tief am Himmel heilt des Nachtrots Wunde.

Nun bettet Christi Mutter sich in Klagen,

Denn wieder ist Er undurchdenkbar eigen

Und was Er tut will nichts als Tod besagen.

Saht ihr sie einmal blaß die Lippen neigen

Im Anblick der verlaßnen Muttertiefe,

Die nichts ersehnt, als daß ihr Sohn im Schweigen

Noch einmal Leib und Seele in sie schliefe.

Der Grabwächter Christi

Ich schlief vom Stehn hernieder, nur gewahr

Der feuchten Erde dann mit flachem Haupte;

Als nächstes noch ein Strauch, der sich belaubte,

In meiner Stirn und herb den Nüstern war.

Geträum verschlang mich mehrmals, doch der Geist

Blieb bloß und schwimmend auf der Tiefe liegen

Und hörte Hauch vom Grab, und schwach entfliegen

Das Siegelband, bis taumelnd es verkreist.

Kühl, wie ein Talraum seine Frühe, blies

Durch Felsenfugen Staunen in den Garten

Und überschwand betäubend mein Erwarten,

Bis schwarz die offne Tür mich in sich stieß.

Apostelweg

Das Haar uns in vollbrachte Strecke steht,

Vom Sturm und Sturz der Bäume so gehalten;

Aus den Gesichtern flattern alle Falten

Und im Gewand die Leiber sind verweht.

Dazwischen ruht Dein Wort und Bildnis bloß

Greift aufgerichtet in die schwanken Seiten,

Bezwingt sie in ein heißes Vorwärtsschreiten

Und Deine Stille läßt darin nicht los.

Wenn in entrückter Stadt, wohin Du willst,

Erst unsre Glieder wieder um Dich schließen,

Von Dir wird unser Körper überfließen,

Bis Du auch dort Dir neu ein Strombett schwillst.

St. Agnes

Stumm steigt ihr Schatten vor ihr über Feld,

Streift aus der Luft verlaßne Falterkreise

Und ruht nun knieend in dem Ackergleise

Vom Blühn der wilden Blumen dicht durchstellt.

Und über ihren braunen Nacken träuft

Der Sonne Hügelabend wie ein Sinnen,

Da samtnes Bunt sich im vertieften Linnen

Aus dem Gezirp gepflückter Stengel häuft.

Blick hin! Der grünen Hecke müder Flaum

Weht auf vor eines Widderlammes Helle,

Und einsam treibt an ihres Herzens Quelle

Des langgelockten Fließes weißer Schaum.

Trennung

Mit allen Tagen nun vergeht die liebe Farbe,

Von Sonnenwegen voll in Dein Gesicht gelangt;

Auch Deine Hände sind, wie wenn der Meerstrand darbe

Und Sand durch seiner Flut Versinken sichtbar bangt.

Dir gleich sah ich allein nur einen Hirten hören,

Besorgt ob seine Schar am letzten Naß schon leckt —

Die Heide blühte wohl, stand rot in Bienenchören,

Doch Lamm an Lamm umsonst zum Quellenbett gestreckt.

Die Hänge fern der Stadt sind jetzt vom Herbst erworben,

Auch Deiner Neigung Duft ist dort vom Gras verbraucht.

Erkundend steht Dein Blick, bevor er halb erstorben

Aus leerem Feld zurück in Deinen Herzschlag taucht.

Herbst

Wie Flaum an totem Vogelleib im Sand

Bewegt mein Nahn das Haar an Deiner Schläfe,

Als ob auch Dich des Laubes Siechtum träfe

Welkt Lächeln über Deines Mundes Rand.

Sich selbst umschlingend gleiten durch den Zaun

Der Wiese silbergrau geweifte Fäden —

Du legst die Lider auf wie weiße Läden

Und läßt mich leere Sterberäume schaun.

Dachraum

Im Fenstergarten wird das Farben matt,

Beharrlich gilbt daraus nur eine Winde,

In sich gedeckt, wie er sich sternig finde,

Steht der ergraute Abend auf der Stadt.