Junge Herzen.

Erzählungen
für die reifere Jugend
von
Sara Hutzler.


Stuttgart.
Verlag von Carl Krabbe.

Alle Rechte vorbehalten.
Druck von Carl Hammer in Stuttgart.

Meinen lieben Eltern
im fernen Continente

zugeeignet
Weihnachten des Jahres 1884
Sara.

Inhalt.

Seite
Durch die Liebe[1]
Des Nachbars Junge[55]
Die Geschichte einer Wäscherin  [71]
Lora[91]
Haß und Liebe[121]
Gesiegt[152]
Zu spät[165]
Erste Liebe[177]
Das Lied[193]

Durch die Liebe.

»Verzeihen Sie – bin ich hier recht bei Herrn Harvey?«

»Das ist mein Name!«

Die Fragerin, ein noch sehr junges, schlank gebautes Mädchen, stand auf der inneren Schwelle der Thüre des großen Bureauzimmers, während der am Schreibpult beschäftigte Herr sich umsah, erhob und der zögernden Mädchengestalt um einige Schritte entgegentrat.

»Womit kann ich dienen?« Der Ton, in dem er sprach, war nicht ermutigend. Es klang daraus etwas von Kühle, etwas von Mißbilligung über die erfahrende Störung. Das Mädchen sandte einen forschenden Blick zu ihm auf. Sie trat dann, wie um sich gegen die eigene Scheu zu wappnen, rasch vor und stand dem Manne gegenüber.

»Ich komme mit einer Bitte, mein Herr!« Sie machte eine Pause, in der sie vielleicht eine ermunternde Entgegnung erwartete; da sie ausblieb und der Mann mit gleich unbeweglichem Ernste vor ihr stand, sah sie nieder und sprach rasch und geläufig weiter. »Der Samariterverein hat beschlossen einen Ball mit Bazar zu arrangieren, dessen Ertrag zum Bau eines konfessionslosen Krankenhauses verwandt werden soll. Ich wollte Sie bitten, mir einige Billette abzukaufen. Ich komme zu Ihnen, weil man Ihnen große Mildthätigkeit nachrühmt. Wie viele Karten wünschen Sie?«

Sie hatte, indem sie sprach, ein Täschchen geöffnet. Sie trat dem Manne etwas näher und blickte, da er nicht sofort sprach, verwundert zu ihm auf.

»Wie viele?« fragte sie nochmals, etwas leiser als zuvor. Ihre Augen begegneten den seinen. Es lag in den stillen ernsten grauen Männeraugen etwas Prüfendes. Er verneigte sich leicht. Seine Antwort kam höflich, aber entschieden:

»Ich muß bedauern. Ich wünsche mich nicht zu beteiligen!«

»Nicht zu beteiligen!« Sie wiederholte seine Worte unwillkürlich, fast mechanisch, und plötzlich stieg es jäh und heiß in ihre Wangen auf. Mit einer unwilligen Geberde verletzten Selbstgefühls warf sie den braunlockigen Kopf zurück. »Mein Herr, es ist eine Wohlthätigkeitssache!« Hatte sie sich getäuscht oder lächelte er ein wenig, ganz wenig? – – Seine Ruhe, sein schlichtes »ich weiß wohl« kränkte sie mehr noch als vorhin sein Bescheid.

Mit funkelnden Augen und erregt bebender Stimme trat sie zurück.

»Ich habe wohl mehr als zehn Bureaux besucht, mein Herr,« sagte sie, »und nirgends hat man mich abschlägig beschieden, d. h. wo man mir ›Nein‹ sagte, gab man artigerweise seine Gründe an!«

»Dann that man mehr als nötig war. In Wohlthätigkeitssachen schuldet man nur sich allein Erklärung und Rechenschaft!«

Des Mannes Worte enthielten eine Zurechtweisung – das Mädchen mochte sie empfinden. Mit einer kindlich herrischen Geste klappte sie das Täschchen zu und wandte sich rasch um zu gehen. In diesem Augenblick fiel ihr Blick in das angrenzende Bureauzimmer, in dessen Innern sich einige neugierige Männerköpfe von den Pulten aufgerichtet hatten, um die kleine Billetverkäuferin in sehr bewundernder Weise anzustarren. Diese stumme Huldigung mochte ihr Selbstgefühl wachrufen. Ihr eigentliches Selbst in seinem ganzen verzogenen Eigensinn trat plötzlich bei ihr zu tage. Sie, Lily Elsworth, das verwöhnte Schoßkind der Gesellschaft, sollte es sich bieten lassen von einem Manne, den sie gar nicht kannte, von einem häßlichen Manne, der sie nichts anging, eine Zurechtweisung zu empfangen, eine Zurechtweisung noch dazu in einer Angelegenheit, in der sie sich herabließ von fremden Menschen etwas zu erbitten, sie – Lily Elsworth, das reichste, gesuchteste Mädchen der Stadt! Sie sollte es sich sagen lassen, daß man es gewagt hatte, sie mit einem »Nein« abzufertigen – oh nicht doch! Sie war gekommen, um Billette für eine gute Sache loszuwerden, und loswerden würde sie dieselben und wäre es auch nur, um dem arroganten Menschen – – »Sie erlauben!« Den braunen Kopf zurückwerfend trat sie an Herrn Harvey vorüber und näherte sich ohne weitere Erklärung den im Bureauzimmer befindlichen jugendlichen Schreibern.

»Sind die Herren auch gegen Ball und Tanzvergnügen eingenommen?« fragte sie in lautem, dabei herausforderndem Tone, »oder sind Sie geneigt einer wohlthätigen Sache zu dienen, indem Sie mir einige Billette abnehmen? O wie liebenswürdig!«

Herr Harvey hatte seinen Platz am Schreibpult wieder eingenommen. Beim Klang der eigenartig einschmeichelnden Mädchenstimme, die nun im Gespräch mit den sie umstehenden jungen Angestellten eine so helle Färbung gewann, hob er rasch den Kopf.

Das Mädchen stand, den Nacken leicht vornübergebeugt, mit niedergeschlagenen Augen da und zählte – eine Reihe schneeiger Zähne wurden hinter rosigen Lippen sichtbar – die verkauften Billette ab. Die Gestalt, welche tannengerade in die Höhe ging, war von auffällig schlankem Ebenmaße.

»Am vierten – ja! Ich danke bestens!« Ihre Worte drangen zu Herrn Harvey herein. Aufblickend sah er, wie sich das Mädchen mit leicht graziöser Neigung ihres Köpfchens den Herren empfahl. Sie hatte die Thürklinke des Vorsaales bereits erfaßt, als ihr Auge die Gestalt Harveys gewahrte, der emsig schreibend über seinen Akten saß. Rasch ließ sie ihre Hand wieder sinken.

»Mein Herr!«

Er fuhr leicht zusammen und sah sich um. Er erhob sich.

»Mein Fräulein!« Ersichtlich frappierte sie seine unbeirrte Höflichkeit. »Ich – ich –« Da seine Miene an Strenge nicht nachließ, sondern unverändert ernst verblieb, wallte es in kindlichem Trotz bei ihr auf. Er brauchte nicht zu denken, daß sie eine Niederlage empfunden, und daß er ihr durch seine Haltung etwa imponierte – sie wollte, sie mußte ihm den Gedanken nehmen, und so warf sie mit kindlichem Unwillen den Kopf in den Nacken, zog sie den unruhig bewegten Mund in eine gerade Linie ein und sprach mit einem Triumphton ihre Meinung:

»Es thut mir leid, Sie zu enttäuschen,« sagte sie gelassen, »aber mildthätig sind Sie nicht. Wenn man Ihre Güte jemals wieder in meinem Beisein rühmt, so werde ich das Gegenteil aufs kräftigste nachweisen! Guten Morgen!« Ein rascher Aufblick aus tiefblauen Augen – ein geschicktes Wenden – zwei gerade resolute Schritte – weg war sie.

Über das ernste Antlitz des Mannes ging ein leises Lächeln, das alsbald wieder schwand, um den alten Ausdruck unbeweglichen, fast melancholischen Ernstes anzunehmen.


Der Tag des Festes war herangerückt. In dem großen hellerleuchteten Saale des Germania-Klubs wogte eine bunte Menschenmenge lärmend durcheinander. Die riesigen Säulen, welche kleine traute Nebenräume vom Tanzsaale trennten, waren mit Kränzen umwunden, und in den tiefsten Tiefen des Raumes lag die Bühne wie ein exotisches Treibhaus geschmückt da.

Von Seite zu Seite hingen Guirlanden in phantasievoll verschlungenen Bögen herab, während aus den Coulissen Fahnen verschiedenster Nationen herauswehten.

Kleine reizende Nischen, aus Oleandern und Palmen gebildet, luden mit ihren bunten Lampions, ihren tête à tête Stühlen und ihren Amorstatuetten zu neckischen Plauderstündchen ein. In dem Vordergrund der Bühne gruppierten sich eine Reihe helllachender jugendlicher Mädchen, welche mit unglaublicher Gewandtheit kleine Knopflochsträußchen wanden, um sie den Vorübergehenden zum Verkaufe anzupreisen. In den Nebensälen standen die üblichen verlockenden Buden. Zuerst die Post, ein aus Brettern errichtetes, von Bannern und Fahnen umwehtes Häuschen, dessen Pforten und Schalter reizende Beamtinnen bergen, Beamtinnen, welche durch neckisches Geplauder doppeltes und dreifaches Porto erzielen. »Für die gute Sache,« hallte es triumphierend aus dem Innern hervor, und aus der Nebenbude, wo sich ein Glücksrad dreht, hört man nach jedesmaligem erneutem Glücksversuch den Satz wiederholen: »Für die gute Sache!«

Die gute Sache verlangt viel. Überall ist etwas anderes zu sehen. Hier ein Tisch mit Luxusartikeln, dort eine Nische mit Erfrischungen von zierlichen Mädchen mit Kellnerschürzen serviert, dann einige Zelte, daraus gewahrsagt wird, und endlich ein Cigarrenverkauf! Letzterer trägt am Eingang ein Riesenschild mit enormer Annonce: »Feine Havannas!«

Der Abend nahte sich seinem Höhepunkt und noch hatte sich der Schwarm von Menschen, welcher gerade dieses Zelt umstand, nicht um das Mindeste gelichtet. Aus dem Innern dringt eine helle Mädchenstimme, bei deren Klang sich die bereits stehende Gruppe nur noch vermehrt.

»Die kleine Elsworth, beim Jupiter!« ruft ein sehr jugendlicher bartloser Blondin, sich nicht ohne Geschick bis an die Zeltöffnung vordrängend und gleich darauf steht er mit der Linken einen vermeintlichen Schnurrbart drehend mit hochrotem Gesicht vor der jungen Verkäuferin.

»Bin entzückt, Miß Lily, entzückt! Und ausverkauft? Alles? Na ja natürlich, wer könnte Ihnen widerstehen?«

»Niemand!« gibt das Mädchen prompt und keck lachend zurück und rasch an ihm vorübertretend hält sie an der Zeltöffnung angelangt ein weißes Händchen hoch.

»Noch drei Cigarretten, meine Herren!« ruft sie lächelnd; »der Meistbietende erhält sie – es sind die letzten!«

Es entsteht ein Drängen und ein Stoßen, ein Haschen nach der zurückweichenden Mädchenhand. Männerstimmen schwirren hinüber, die helle Mädchenstimme klingt zurück und endlich ist der letzte Kauf geschehen.

»Fünf Dollars. Danke Ihnen für die gute Sache, – Sie wissen! So, addio Cigarrenduft, jetzt gehts zu den Blumen – wer folgt?«

Lily Elsworth hat sich zum Gehen gewandt, als ihr der bartlose Blonde den Weg vertritt.

»Aber Miß Lily, unser Tanz –!«

»Tanz!« Sie lacht hell zu ihm auf. »Tanz, heute – hier? Wenn Sie nicht gerade oben auf meinem Zelt walzen möchten, sehe ich nicht recht ein, wie Sie's in dem Gedränge anstellen wollten!«

»Aber Miß Lily, ich muß –!«

»Muß! Oh, oh!« Das Mädchen zieht plötzlich eine heuchlerische Trauermiene und blickt zu ihm auf, dann schlägt sie rasch beide Hände zusammen und lehnt den braunen Kopf neckend zur Seite.

»Ich komme nachher wieder und höre mir Ihre Seufzer an, Mr. Tom Warren, jetzt muß ich Blumen verkaufen!«

Fort ist sie. Tom Warren steht inmitten des Kreises junger Leute und sieht der schwebenden elfenhaften kleinen Gestalt nach.

»By Jove!« murmelt er verdrossen, indem er mit gierigen Augen die Richtung verfolgt.

Sie steht dicht vor der bunt dekorierten Bühne und nimmt mit der ihr eigenen resoluten Hast die ihr dargereichten Sträußchen zum Verkaufe in Empfang. Zu gleicher Zeit plauderte sie unbefangen nach allen Richtungen hin.

»Wo ich die alle anbringen soll, weiß ich so recht nicht. Alle Knopflöcher sind bereits besetzt.« Sie wandte sich rasch zu einem neben ihr stehenden Bekannten: »Sehen Sie vielleicht noch irgendwo ein unverblümtes Knopfloch?«

Ohne die Entgegnung abzuwarten, steuerte sie bereits auf ihr Ziel los. An der Ausgangsthür des Saales stand die breitschulterige Gestalt eines Mannes, dessen etwas vorgebeugter Kopf der Thüre zugekehrt war. Er trug seinen Hut in der Hand. Lily blickte bis zur Bruststelle hinauf. Er hatte keine Blumen. Im Nu stand das Mädchen vor ihm. Es war ein siegessicheres Lächeln, das ihren Mund umschwebte, als sie ihn ansprach.

»Ohne Knopflochbouquet verläßt keiner den Saal, mein Herr, bitte, einen Dollar, oder so viel mehr als Sie wollen. Sie bekommen dafür diese Veilchen – und der Weg ist frei!«

Sie sprachs, ohne aufzusehen. Ihre schlanken Finger wählten unter den im Korbe umhergestreuten Blumen. Der Mann hatte sich ihr zugewandt. Er zögerte einen Moment mit der Entgegnung und als sie kam, zuckte das Mädchen leicht zusammen.

Rechtsanwalt Harvey stand vor ihr. Seine Stimme klang ernster noch, als bei der vorigen Begegnung.

»Es thut mir aufrichtig leid,« begann er, »daß ich in die Lage komme, Ihnen zweimaligen abschlägigen Bescheid geben zu müssen, indes –«

Helles Rot stieg in des Mädchens Wangen. Sie unterbrach ihn rasch. »Bitte, mein Herr, sprechen Sie nicht weiter. Ich würde Sie ja doch nie angeredet haben, wenn ich Sie erkannt hätte, da ich zur Genüge erfahren habe, wie unangenehm Ihnen Wohlthätigkeiten sind!«

»Die sogenannten – ja!«

Das Mädchen blickte auf. Ihre Lippe kräuselte sich verächtlich.

»Das verstehe ich nicht. Übrigens ist es ja gleich, welche Ausrede Sie wählen!«

Des Mannes Stirn zog sich in Falten. Es schien, als ob er fast gegen seinen Willen die weiteren Worte sprach.

»Ausreden, meine verehrte junge Dame, kommen bei mir nicht vor. Eine ›sogenannte‹ Mildthätigkeit ist es, wenn sie zum Hauptzweck hat, jungen Mädchen ein Deckmantel zu sein für unwürdiges Amüsement!«

»Mein Herr!« Lily Elsworth richtete sich hoch auf. Ihre Augen blitzten. Einen Augenblick schien es, als wollten sie Feuer sprühen, dann aber zuckten die Lippen stolz und das Mädchen fragte, sich gewaltsam beherrschend:

»Ist es ein ›Amüsement‹, den ganzen Abend in einem engen Zelt zu stehen und Cigarren zu verkaufen?«

»Cigarren verkaufen! Das thaten Damen?«

»Das that ich, mein Herr, und ich thäte um einer guten Sache zu dienen noch einiges andere!« Sie stand ihm gerade gegenüber. Sie blickte ihm gerade in die Augen, Trotz und Herausforderung in ihrer ganzen Haltung. Wollte er nicht antworten oder ärgerte ihn ihre Rede so sehr? Das Mädchen blieb einen Augenblick stumm, dann sprach sie, und ihre Stimme hatte den alten spöttischen Ton: »Ich muß mich wundern, daß ein Herr, dem Mildthätigkeiten so zuwider sind, das Fest mit seiner Gegenwart beehrt!«

»Das würden Sie verstehen, wenn ich Ihnen sagte, daß ich kam, um einem Wesen, das lange am Krankenbette gesessen, eine Abwechslung zu verschaffen!«

Lily schwieg. Gegen ihren Willen fühlte sie sich beschämt. Das bessere Gefühl in ihr gewann plötzlich Oberhand und es war unwillkürlich, daß sie suchend umsah, unwillkürlich, daß sie das ihr unbekannte Wesen beneidete, um derentwillen dieser streng bleibende Mann ein Opfer brachte. Es lag in der Art wie sie den braunen Kopf zurückwarf etwas vom schmollenden Kinde.

»Wenn Sie denn nur kamen, um jemandem gutes zu erweisen, so werden Sie ja mit dem Jemand wieder gehen, und alle unliebsamen Begegnungen gleich vergessen – nicht?«

Herr Harvey lächelte ein wenig. Für Lily war das Lächeln eine Kränkung. Thränen des Zornes füllten ihre Augen und zitterten in ihrer Stimme nach, und mit dem Ausruf: »Ich freue mich, daß ich Sie amüsiere, mein Herr!« wandte sie sich rasch und eilte davon. Sie drängte sich unter die Menschen, scherzte, lachte, pries ihre Blumen an, sehnte sich plötzlich inmitten all der lachenden Menschen fort nach Hause, nach dem Alleinsein.

Tom Warren traf es ungeschickt, daß er dem Mädchen gerade in der Stimmung entgegentrat. Mit dem faden Lächeln und den noch faderen Reden, die er stets geführt, die aber dem Mädchen, halb Kind, halb Weib, das sie war, nie so zuwider gewesen waren wie heute, faßte er sie an der Thüre ab und erging sich in höflichen Schmeichelreden.

Lily hörte ihm zerstreut zu. Erst als er ihr seine Begleitung antrug und erklärte, daß ihr Onkel, der sie herbegleitet, ermüdet nach Hause gegangen und ihm, Tom Warren, das Mädchen anvertraut habe, sah sie rasch und prüfend zu dem blonden Menschen auf.

»Ich glaube, ich gehe lieber allein,« sagte sie zögernd.

Seine glänzenden Augen, seine geröteten Wangen ließen auf hohen Weingenuß schließen.

»Wie? allein? Oh nimmermehr! Ich habe Ihrem Onkel versprochen – ich bin glücklich, Ihnen endlich sagen zu dürfen – die Gefühle meiner Seele aushauchen – –«

»Oh! oh! oh! Mr. Warren!« Sie lachte schon wieder, erst leise, dann, sein komisches Gesicht sehend, laut auf. »Aushauchen ist sehr nett; das ist eine neue Wendung. Aushauchen haben Sie doch gesagt, glaube ich!«

Tom Warren sah sehr ernsthaft drein. Er zupfte mehrfach an seinem Halskragen und sagte mit beleidigter Miene: »Sie – mein Fräulein – ich – Sie lachen über mich!«

Sie sah ihn keck an. »Ja,« sagte sie mit einem Anflug ihres alten Übermutes; »ja, ich glaube in der That, daß ich lache! Im übrigen« – Lily wurde plötzlich ernster – »seien Sie gescheid, Tom Warren, schmachten Sie nicht, ›aushauchen‹ steht Ihnen nicht. Sie sind zu – wohlgenährt. Nach Hause geleiten dürfen Sie mich, ich gehe in zehn Minuten!«

Lily hatte die Garderobenthüre erreicht. Im Begriff, die Klinke zu erfassen, begegnete ihre Hand einer anderen, welche sich offenbar in derselben Absicht genähert hatte.

»Pardon!« sagte eine sehr weiche Stimme, und Lily betrachtete im Garderobenzimmer stehend nicht ohne Mitgefühl die eintretende Gestalt. Es war ein nicht mehr ganz junges Mädchen mit glattzurückgestrichenen braunen Haaren und großen dunklen, ernstblickenden Augen. Die Gestalt war traurig entstellt durch schmale hochgebaute Schultern, aus denen der Kopf mit seinem kurzen Hals unglückselig genug hervorkam. Lily hatte wenig Gelegenheit gehabt, unglückliche Menschen kennen zu lernen; in ihrem an Zerstreuung reichen Leben fand sie richtig gesagt keine Zeit, die Leiden und Gebrechen der Welt zu beachten. Eine besonders weiche Stimmung mußte wohl heute über sie gekommen sein, daß sie so nachdenklich verblieb bei dem Anblick der armen Verwachsenen.

Vielleicht lag auch in der Stimme der Fremden ein Etwas, was unwillkürlich anzog. Lily horchte plötzlich teilnahmvoll auf das Gespräch, welches zwischen ihr und der Garderobiere stattfand.

»Oh nein, das kann ich nicht,« hörte sie das Mädchen sagen; »es ist ja natürlich eine Verwechslung, aber da ich ja nicht weiß mit wem, kann ich doch nicht einen beliebigen Mantel einer andern mitnehmen.«

»Na, wenn Sie nicht wollen!«

Lily sah, wie die wohlbeleibte Garderobiere sich achselzuckend abwandte und im Nu stand sie an der Seite der hilflos dastehenden kleinen Gestalt.

»Verzeihen Sie,« redete sie dieselbe entschlossen an, »ich gebe Ihnen mit Vergnügen meinen Mantel mit. Ich wohne so nahe, daß ich ihn nicht einmal entbehre!«

Die Angeredete hob bei der so unerwartet freundlichen Ansprache den Blick. Es leuchtete darin von wirklichster Rührung. »Oh wie gütig!« sprach sie, und wieder war es der weiche Ton, der so eigen warm in das Herz Lilys eindrang – –

»Darf ich also?« Sie nahm, wie um einer kommenden Weigerung zu entgehen, rasch und resolut ihren pelzverbrämten Umhang auf und drängte ihn der schüchternen kleinen Gestalt auf. »Ich wohne wirklich zwei Häuser von hier,« eiferte sie, während ein ihr bis dahin fremdgebliebenes Gefühl von Befriedigung sie durchzog, »es ist mir eine Freude, Ihnen aus der Verlegenheit helfen zu können, so, fassen Sie zu, bitte! Wohnen Sie weit von hier?«

Die Fremde hatte Miene gemacht, das Anerbieten abzulehnen. Nun, da die andere mit so liebenswürdiger Dringlichkeit sprach, ließ sie sie still gewähren und antwortete halb gerührt, halb verlegen: »Ziemlich weit. Ich bin Erzieherin im Hause des Herrn Harvey – –« Lilys Haltung wurde plötzlich weniger freundlich; das Mädchen gewahrte es und sprach mit zaghafter Stimme ihren Satz zu Ende: »Gewöhnlich bestellt Herr Harvey den Wagen, es war nur heute unbestimmt, wie spät wir bleiben würden und Herr Harvey läßt so ungern die Pferde in der Kälte warten; darf ich Ihnen meinen Namen nennen? Ich heiße Marie Müller.«

»Lily Elsworth,« war die einfache Entgegnung, die Lily halb mechanisch gab. Sie gedachte in Verbindung mit der Rücksichtnahme Harveys auf seine Pferde, seine ablehnende Herbheit ihr gegenüber. Sie tauschte immer noch mechanisch mit dem Mädchen Wohnungsadressen aus, und schritt später, nachdem die andere gegangen war, schweigsam an der Seite Tom Warrens die Haupttreppe des Hauses hinab. Sie ließ sich, draußen angelangt, den Paletot des jungen Mannes um die Schultern legen und hielt denselben, da es doch empfindlich kalt geworden war, mit der kleinen Hand unter dem Kinn zusammen. Sie waren bis zu der Häuserreihe gelangt, deren eines von Lilys Verwandten bewohnt war, und Lily fiel es zum erstenmale auf, wie ungewöhnlich schweigsam ihr Begleiter den Weg zurückgelegt. »Ist Ihnen etwas?« fragte sie eifrig, indem sie sich aus seinem Paletot herausschälte und ihm ihren Hausschlüssel zum öffnen hinhielt, »ist Ihnen etwas?«

Er erfaßte – Lily bemerkte erst jetzt seine unsicheren Bewegungen – mit dem Schlüssel die ganze Hand des Mädchens, drehte sich plötzlich um, daß sein Rücken den Eingang der Thüre deckte und beugte sein gerötetes, unstät zuckendes Antlitz zu dem Mädchen nieder. »Ob mir etwas ist, wollen Sie wissen? Ha – ha – ja, mir ist, mir ist etwas. Sie haben mich verspottet, Sie verspotten mich immer, aber zuerst locken Sie und dafür will ich –«

»Was fällt Ihnen ein, Tom Warren, ich rufe um Hilfe!«

Er hatte ihre Hände erfaßt, sie an sich gezogen. »Rufen Sie nur, es wird Sie kein Mensch hören. Ich lasse Sie los, wenn ich meine Rache habe – ich liebe Sie!«

»Sind Sie wahnsinnig?« Des Mädchens Lippen zitterten.

»Wahnsinnig, ja aus Liebe wahnsinnig, Lily Elsworth, Sie sind allein mit mir, und nun sollen diese Lippen, die mich lockten und dann höhnten –«

»Ich bin in Ihrem Schutz, wie können Sie wagen, lassen Sie los!«

Des Mädchens angsterfüllter Ruf drang weithin durch die Nacht: »Hilfe – Hilfe!«

War es ein Irrtum oder nahten rasche Schritte? Lily rang mit aller Kraft, ihr Kopf bog sich weit zurück, da – ein Erlösungsschrei tönte von ihren Lippen – taumelt ihr Begleiter von starker Hand geschleudert zurück. Lily sieht, wie im Nebel, das erschreckte bleiche Gesicht der verwachsenen Erzieherin Harveys und neben ihm ein ernstes herbes Männerantlitz, das sich mit befehlerischer strenger Stimme an Tom Warren wendet. Die Hausthüre ist geöffnet. Lily stützte sich erschöpft auf Marie Müllers dargebotenen Arm. Das Wort des Dankes erstirbt ihr auf den Lippen, da Richard Harvey vor ihr steht und mit der Miene strengen Ernstes, die sie kennt, die Thüre weit geöffnet hält, um sie hineinzulassen.


Seltsam ist es, wie sich zwei so sehr entgegengesetzte Naturen oft in innigem Einvernehmen zusammenfinden. Einen größeren Kontrast gab es so leicht nicht, wie die stille Erzieherin Marie Müller und das verzogene Weltkind Lily Elsworth. Dennoch hatte sich zwischen ihnen ein Freundschaftsbündnis gestaltet, das auf beide günstig zu wirken schien. So saßen sie denn zwei Tage nach dem Vorangegangenen plaudernd in dem luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer des Elsworth'schen Hauses, Marie lehnte in einem behaglichen Fauteuil, während Lily auf einem niederen Schemel vor dem Kamin hockte und abwechselnd in das ernste Antlitz der Besucherin, dann in die prasselnden Kamingluten blickte. Nach Mädchenart besprachen sie das Fest.

»Die Blumen, die Sie sehen, sind alle noch daher,« erzählte Lily nicht ohne Eitelkeit und Marie zog einen der herrlichen Rosensträuße zu sich heran und fragte, ob sie ihr vom Komite nachgesandt worden seien.

Lily lachte hellauf: »Vom Komite! Nein, Sie liebe Unschuld! Das sind lauter enthusiastische Widmungen von Verehrern. Ich bekomme fast täglich Sachen zugeschickt: Bonbonnieren, Parfüme u. dgl.«

»Und Sie nehmen sie an?«

»Aber natürlich. Es hätte ja gar keinen Sinn, sie abzulehnen. Ich amüsiere mich über die Spender! Sie sind mir alle ganz gleichgiltig!«

»Ganz gleichgiltig?« Marie Müller wiederholte die Worte, als seien sie ihr nicht verständlich. »Wenn Sie die Herren nicht ermutigen, wie können sie dann wagen – –«

Lily unterbrach sie lebhaft: »Das ist es eben! Ich ermutige sie immer. Mein Gott, das Leben wäre schrecklich langweilig, wenn man dieses Amüsement nicht hätte!«

Marie Müller blickte plötzlich sehr ernst. »Sie nennen das Amüsement, Lily? Das ist ein Unrecht!«

Lily sah rasch auf. Sie öffnete die Lippen zu lächelnder Entgegnung, schloß sie indes wieder und sah während einiger Augenblicke sinnend in den Kamin. Plötzlich hob sie den Blick.

»Denkt er so?« fragte sie, und Marie Müller sah sie verwundert an.

»Wer?« fragte sie zurück.

»Herr Harvey?«

»Herr Harvey? O, der denkt in allen Beziehungen so rechtlich,« entgegnete Marie, »ich habe hierüber mit ihm nie gesprochen; aber ich bin überzeugt, daß er in diesem Punkt so denkt wie ich!«

»So?« Lily Elsworth war aufgesprungen. Es überkam sie eine Heftigkeit, für die sie sich keine Erklärung gab. Sie warf mit kindlichem Ungestüm das widerspenstige Stirngelock zurück und eiferte ganz ohne Grund auf die Freundin ein: »Es ist sehr leicht, ein Urteil zu fällen über andere, und alles was sie thun, unrecht zu finden. Ich möchte wissen, ob Herr Harvey eine Ahnung davon hat, was es heißt, sich langweilen!«

Marie Müller antwortete sehr prompt: »Nein, davon hat er sicherlich keine Ahnung. Herr Harvey hat Pflichten!«

»Pflichten, ja! Es gibt aber Menschen, die keine haben – ich zum Beispiel!«

»Das liegt an Ihnen. Seien Sie mir nicht böse, aber Sie könnten sich welche schaffen. Ihrem Leben fehlt, das meinte Herr Harvey auch, ein rechter Inhalt; den könnten Sie – aber Lily, was ist Ihnen? Sie zürnen mir, Sie weinen!«

Lily hatte plötzlich beide Hände vor's Gesicht geschlagen.

»Nein,« rief sie, »ich zürne Ihnen gar nicht, aber –« hier bebte ihre Stimme in losbrechendem Schluchzen, »er – er hat sich gar nichts um mich zu kümmern! Ich verlange nicht zu wissen, was Herr Richard Harvey über mich denkt!«

»Lily,« bat die andere, von der Leidenschaft des Mädchens sichtlich verlegen gemacht, »ich bitte Sie, weinen Sie nicht! ich war ungeschickt. Herr Harvey – Sie thun ihm unrecht; er sprach an jenem Abend nach der Begegnung mit Tom Warren von Ihnen und da meinte er – Sie seien viel besser als das so den Anschein hätte.«

Es war eigentümlich, wie lange dem Mädchen die letzten Worte in den Ohren klangen. Sie saß, lange nachdem die Freundin gegangen war, vor dem Kamin und sann über dieselben nach, und als sie am Nachmittag des nächsten Tages in das Vereinslokal trat, um Abrechnung zu liefern über die am Abend des Festes eingegangenen Gelder, staunte sie selbst, als sie ohne jede Veranlassung die Worte vor sich hin sprach: »Besser, als das so den Anschein hat.« – Unmutig über sich selbst betrat sie den Saal; unmutiger wie je hatte sie ihn wieder verlassen. Unter den schriftlich übersandten mildthätigen Gaben für den Bau hatte sich ein Check von »Rechtsanwalt Harvey« vorgefunden. Ein Check über 100 Dollars! Geben wollte der Mann also, der Sache dienen, ja, es war also offenbar nur Abneigung gegen ihre Person, die ihn zu seinen Weigerungen veranlaßt. Abneigung! War es denn möglich, daß sie ihm unangenehm war, sie, die gewohnt war zu gefallen und sich feiern zu lassen? – Lily ging nachdenklich vor sich hin; ein Zug großen Unwillens lag auf ihrem Antlitz, der auch dann nicht schwand, als sie sich anrufen hörte.

»Fräulein Elsworth-Lily!«

Lily hob den Kopf. Aus dem Erkerfenster eines der großen villaartig gebauten Häuser beugte sich das sanfte Gesicht Marie Müllers. »Wohnen Sie da?« fragte Lily herauf und die andere nickte lebhaft.

»Kommen Sie auf ein Weilchen herein,« bat sie, und bei der freundlich gesagten Bitte wurde Lilys Antlitz düster wie vorher. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Eile!« sagte sie schroff.

»So warten Sie ein bißchen, ich komme zu Ihnen!«

Lily mußte es mit der Eile nicht allzuernst gewesen sein. An Marie Müllers Seite wanderte sie ein Stück Wegs und machte plaudernd mit ihr kehrt. Unweit des Hauses blieben die Mädchen stehen.

»Seien Sie gut,« bat Marie, die Hände der Freundin fassend, »jetzt sind Sie nicht mehr verdrossen, kommen Sie zu mir herauf!«

»Lassen Sie mich,« erwiderte die andere mit Ernst; »ich sage Ihnen ungern »nein«, aber in das Haus des Herrn Harvey gehe ich nicht!«

»Sie kommen ihm ja nicht nahe, wenn Sie mich besuchen. Ich weiß nicht, was Sie gegen ihn einnimmt, will es gar nicht wissen, aber es verletzt mich zu sehen, daß Sie mich deswegen meiden –«

»Das thue ich nicht,« unterbrach sie Lily, und –

»Das thun Sie aber ja,« eiferte Marie. »Sehen Sie, mein Zimmer liegt ganz apart von den andern, die Kinder sind ausgegangen, ich bin ganz allein, kommen Sie mit hinauf!«

Marie Müller hatte sie halb gezogen, halb gedrängt. Zögernd betrat sie mit ihr das Haus.

»Dies ist mein Revier,« sagte lächelnd Marie, als sie den Gast in ein kleines, überaus wohnliches Gemach führte; »machen Sie sich's recht bequem, ich laufe nur eben hinunter, um Auftrag zu geben, daß uns die Kinder nicht überfallen!«

Es lag in der Atmosphäre etwas von Harmonie, deren Einfluß Lily wohlthat.

Lily war allein. Sie hatte sich in dem im Erker befindlichen Schaukelstuhl niedergelassen und ihre Hutbänder gelöst, als sie an der Thüre leises Klopfen vernahm. »Herein!« rief sie, ohne sich zu besinnen, und herein trat – Lily erbleichte vor Schrecken und Verlegenheit – Herr Harvey.

Er sprach im Eintreten, offenbar die im Schatten des Erkers sitzende Gestalt nicht erkennend: »Ich störe Sie nur auf eine Minute, Fräulein Marie, behalten Sie Platz; ich bin über Frau Warren in Unruhe, Sie waren wohl bei ihr? Hat sie Nachrichten über Toms Verbleiben?«

Lily war bei den rasch aufeinanderfolgenden Fragen aufgestanden und dem Manne näher getreten. Bei den letzten wallte es ihr plötzlich heiß auf. Dicht vor Herrn Harvey hintretend sprach sie mit Hast die Worte einzeln hervorstoßend: »Ich bin es, Herr Rechtsanwalt. Marie Müller überredete mich, sie hierher zu begleiten; sie ist auf einige Minuten hinuntergegangen. Sie sagten etwas über Tom Warren und seine Mutter – ist sie krank? und ist er fort?«

Der Mann achtete nicht im mindesten auf die sichtliche Erregung des Mädchens, er näherte sich der Thüre. »Verzeihung, ich glaubte Fräulein Müller zu finden! Die Mitteilungen, die ich machte, oder besser die Fragen, die ich stellte, waren privater Natur.«

Er war an der Thüre. Lily sprang rasch vor und deckte sie mit ihrer tannengeraden Gestalt. »Privater Natur? wie können sie das sein, wenn sie von Tom Warren handeln, von einem Menschen, den Sie selbst mit mir antrafen und der – oh bitte, sagen Sie mir ausführlich was geschehen ist!« Der letzte Satz war im Wortlaut sehr weich, der Ton aber war mehr herrisch als bittend und Herr Harvey blickte sehr ruhig in das aufgeregte Gesichtchen vor ihm und entgegnete ernsthaft:

»Ich wiederhole Ihnen, daß meine Mitteilungen Fräulein Müller galten, dieselben können Sie nicht interessieren –«

Lily unterbrach ihn: »Sie weichen mir aus. Wie können Sie das sagen? Wenn Tom Warren fort ist, so geschah es vielleicht durch mich?«

»Vielleicht?!!« – Herr Harvey hatte das Wort mit ironischer Emphase gesprochen. Lily verstand ihn; sie stand einen Augenblick regungslos, während die weißen Finger ihrer Hände nervös ineinander arbeiteten, dann zwang sie sich zu mäßiger Ruhe:

»Das eine Wort gibt mir Aufschluß, mein Herr. Sie geben mir für das Geschehene die Schuld und halten mich für so herzlos, kein Interesse dafür zu haben!«

Herr Harvey sah sie rasch an. »Herzlos? Nein,« entgegnete er langsam, »man veranlaßt oftmals durch Leichtsinn Kummer; dieser leichte Sinn hilft auch dann über den Ernst der Sache hinweg.«

»So? Und das denken Sie von mir?« Lilys Lippen zuckten wie bei einem gescholtenen Kinde. »Sie denken, daß ich oberflächlich bin, und daß ich nichts empfinde, und daß –«

Harvey unterbrach sie. »Verzeihung, mein Fräulein, Sie täuschen sich. Wie käme ich dazu, ein so unfreundliches Urteil über eine junge Dame zu fällen, die ich so wenig kenne! Ich bedaure unendlich, Sie in ganz unnötige Aufregung gebracht zu haben. Darf ich?« – Er machte eine Bewegung der Thüre zu.

Lily warf heftig den Kopf zurück. Sie sah den Mann mit aufblitzenden Augen an, mit Augen, die unter seinen ruhigen Blicken weich wurden, und die Hände mit einer halb herrischen, halb kindlichen Art zusammenbringend trat sie dicht vor ihn hin. »Sagen Sie mir, warum Sie mich hassen!« Ihre Worte, ihre Haltung waren frappierend. Sie waren mit so eigenartigem Ungestüm, dabei so ehrlich treuherzig ausgerufen, daß es dem Manne eigen milde überkam; dennoch blieb er bei seiner Kühle von vorher, als er höflich und bestimmt erwiderte: »Ich hasse Sie nicht, mein kleines Fräulein!«

Lily sah zu Boden. Ein ihr unerklärliches Gefühl gab es ihr ein, weiter in ihn zu drängen. »Aber Sie geben mir die Schuld an dem Verschwinden Tom Warrens –«

»O nein! Daran nicht, aber an der nächtlichen Scene, welche – – aber mein Fräulein, ich habe nicht das mindeste Recht, Ihnen etwas vorzuhalten – –«

»Sie sollen mir aber etwas vorhalten!« Lily hatte es mit einem Anflug ihres alten Trotzes gerufen, bei seinem nachsichtsvollen, ein wenig amüsierten Lächeln dämpfte er sich sofort wieder. »Bitte, sagen Sie mir, was ich that, um die Dreistigkeiten des Mannes herauszufordern!«

Herr Harvey sah sie prüfend an. »Das, mein Fräulein, wissen Sie am besten selbst. Ohne vorherige Aufmunterung pflegen Männer nicht dreist zu werden –«

»Herr Harvey!«

Ihr Ausruf hinderte ihn nicht weiterzusprechen. »Sie sind kokett; das ist für Sie nicht schmeichelhaft und gar nicht ehrend. Kokette Mädchen sollten bedenken, daß sie sich selbst preisgeben – – Oh, mein Fräulein!« Er brach plötzlich ab. Die blauen Augen des Mädchens, voll zu ihm aufgeschlagen, hatten sich bei seinem herben Ton mit Thränen gefüllt. Harvey wurde es, da er das schmale Gesichtchen betrachtete, seltsam weich zu Sinn. Er streckte dem Mädchen in warmer Geste die Hand entgegen. »Sie dürfen nicht weinen,« sagte er, »ich wollte Ihnen nicht weh thun.« Er hatte ihre Hand erfaßt, sich, wie um sie zu trösten, vorgebeugt, da – öffnete sich die Zimmerthüre. Marie Müller trat ein. Harvey ließ die Mädchenhand fahren. »Ich spreche Sie später,« sagte er rasch zu Marie, indem er sich eilig entfernte.

Lily war in großer Aufregung. Auf ihr stürmisches Drängen hatte ihr Marie Müller die Einzelnheiten über das Warren'sche Haus mitgeteilt. Tom war der Ernährer seiner alten Mutter gewesen; die Nüchternheit, welche der nächtlichen Scene gefolgt war, hatte ihn Scham empfinden lassen. Er fürchtete sowohl die Entlassung aus den Diensten des Herrn Harvey, dessen Buchhalter er war, als auch die öffentliche Schande, die sich für einen Mann daran knüpfte, ein seinem Schutze anbefohlenes Mädchen zu überfallen. Tom Warren war heimlich abgereist, seine Mutter ohne Nachricht über sein Verbleiben zurücklassend, was diese infolge fortgesetzter Aufregung krank darniederwarf.

»Ist sie schwer krank?« hatte Lily gefragt und Fräulein Müller hatte ihr geantwortet, daß eine ernste Sache zu befürchten sei, worauf Lily lange schweigend mit gesenkten Blicken verharrt hatte, um endlich aufblickend ihr Vorhaben kundzuthun.

»Ich gehe zu ihr!« Lilys Handlungen folgten stets ihrem Wort. Der Nachmittag des nächsten Tages fand sie einigermaßen zaghaft vor dem niedern, zweistockigen Häuschen, dessen obere Stübchen von Frau Warren bewohnt waren, stehen.

Auf ihr wiederholtes Klopfen war keine Antwort erfolgt. Mit resoluter Hand öffnete sie und trat ein.

»Frau Warren!«

Aus den überaus sauberen Kissen des schneeigen Bettes richtete sich ein fieberndes Frauenantlitz auf. Die tiefliegenden greisen Augen hafteten mit mißtrauischem Ausdruck auf der Mädchengestalt. »Wer ist da?«

Lily trat etwas näher. Ihre Rede begann sie zaghaft, wurde aber allmählich beherzter. »Ich bin eine Freundin von Fräulein Müller,« sagte sie; »dieselbe ist heute behindert zu kommen, und damit Sie doch nicht allein wären, kam ich. Ich wohne in der Nähe und ich habe viel Zeit, die ich Ihnen widmen möchte, wenn Sie es mir gestatten. Ihr Sohn –« hier stockte sie, »Ihr Sohn ist mir bekannt, und eigentlich – ich will ganz ehrlich sein, Frau Warren – eigentlich habe ich Schuld –«

»Sind Sie – sind Sie – –«

Das Mädchen nickte bei der aufgeregten Frage der Alten mit dem Kopf und sagte kleinlaut: »Lily Elsworth – ja – die bin ich!«

Die Kranke stützte sich mit aller ihr zu Gebot stehenden Kraft auf die Ellenbogen, um sich so dem Mädchen näher zu bringen. Die fieberhaft erregte Stimme klang heiser und bewegt. »Sie also sind es,« schrie sie lebhaft, »die meinen Jungen erst toll gemacht und dann verjagt hat, Sie mit ihrer aufgespielten Tugendhaftigkeit! Was, ich sollte mich von Ihnen pflegen lassen, von Ihnen, die Sie ja doch kein Herz im Leibe – oh! oh!«

Stöhnlaute erstickten ihre Rede. Sie sank mit Atemnot und Husten kämpfend in die Kissen zurück und schloß die Augen, und das Mädchen, das bis dahin regungslos an der Thüre gestanden hatte, trat ohne sich zu besinnen heran und richtete, das Sträuben der Kranken nicht achtend, das Kopfkissen, auf dem sie lag, empor. Sie sprach nichts, sie verteidigte sich nicht. Mit ihrem kräftigen Mädchenarm stützte sie den Körper der alten Frau und diese sank endlich keuchend wieder in die Kissen, während Lily regungslos neben ihr stand und die abgerissenen Schmähworte mit bleichem Antlitz und zusammengepreßten Lippen stumm über sich ergehen ließ.

»Mit jedem Wort haben Sie ihn 'rangelockt, meinen Jungen, anstatt wie ein ehrbares Mädchen seine Aufmerksamkeiten zurückzuweisen, und dann in der Nacht – spröde zu spielen, Komödie, weil es gerade so paßte, weil Menschen kamen. Was hat er Ihnen denn so schlimmes gethan, mein Tom? – he? Warum sollte er das nicht dürfen, nach dem wie Sie zu ihm standen – wär 'n wohl ein anderer lieber gewesen –«

»Frau Warren – oh! oh!« Die Stimme, welche ermahnend von der Schwelle ertönte, ließ das Mädchen zusammenfahren.

Herr Harvey war unbemerkt eingetreten und hatte den letzten Teil der Rede der Alten gehört. Er sprach beschwichtigend auf die Kranke ein, welche von Neuem nach Atem ringend unter krampfhaftem Husten in die Kissen sank.

»Lassen Sie mich die Kranke stützen,« sagte Lily herantretend, »es wird gut sein, den Arzt zu holen!«

Harvey legte, ohne zu sprechen, das Haupt, der nun völlig bewußtlosen Frau in des Mädchens Arm, rückte ein Gefäß mit Wasser an das Bett und ging eiligst davon. Es dauerte lange, bis es Lily gelang, die Ohnmächtige ins Leben zurückzurufen.

Die Dämmerung war eingetreten, als Harvey mit dem Arzte endlich erschien. Die Untersuchung währte nicht lange.

»Die Frau bedarf der besten Pflege,« lautete der Ausspruch des Arztes, »sind Sie eine Verwandte?« seine Frage an Lily.

»Nein,« sagte sie rasch, »aber ich übernehme die Pflege!«

Harveys Augen hefteten sich fest auf Lilys Antlitz. Seine Lippen öffneten sich zum Protest, dann schien er sich zu besinnen. Das war eine Frage, die ohne die Anwesenheit des Arztes erledigt werden konnte, und so wartete er, schweigend in seiner Ecke verharrend, bis sich derselbe entfernt hatte. Dann trat er auf das Mädchen zu: »Sie werden die Pflege nicht übernehmen, ich bestelle eine Wärterin!«

»Das thun Sie nicht!« gab Lily mit ebenderselben Bestimmtheit zurück.

»Eine Pflegerin vom Fach ist hier notwendig!« behauptete er, und Lily stand plötzlich neben ihm und sagte in leisem aber entschlossenem Tone: »Bestehen Sie nicht darauf, Herr Harvey, ich bitte Sie darum!« Es lag etwas eigenartig zwingendes in ihrer Haltung, wenn sie diesen halbleisen energischen Ton anschlug. Herr Harvey antwortete nicht sofort. Er wandte sich von ihr ab und trat sinnend an das Fenster. Die Kranke schlief. Lily zog behutsam die Bettvorhänge zusammen, dann näherte sie sich langsam dem Fenster, an dem der Mann stand. »Herr Rechtsanwalt, standen Sie vorhin schon lange dort?« fragte sie. Er verstand sofort, daß sie mit dem »dort« die Thürschwelle meinte, von dem aus er die Worte der Kranken vernommen. Er bejahte. »Und Sie hörten, was Sie sagte?« Wieder bejahte er, und Lily senkte einen Augenblick die Lider, dann fragte sie stockend: »Ist das alles wahr, was sie sagte?« Er sah rasch auf.

»Fräulein Elsworth, warum fragen Sie mich? Sie wissen doch sicherlich am besten, wie viel davon verdient und wie viel ungerecht war!«

»Nein!«

Bei dem mit großem Ernste gesprochenen einfachen Worte sah er sie scharf an und begegnete ihrem voll zu ihm aufgeschlagenen Blick. »Nein?« wiederholte er fragend, »aber Sie sind doch darüber klar, daß nur Ihre vorherige Haltung Tom Warren gegenüber ihn zu der Rücksichtslosigkeit ermutigt haben konnte. Sie wissen doch bestimmt, daß der Ton, den Sie mit Männern anschlagen, ein herausfordernder, ein gefährlicher ist! Es thut mir leid, daß gerade ich Ihnen all diese bitteren Dinge sagen muß, während es nicht meine, sondern Ihrer Eltern Sache ist, Sie darauf hinzuweisen!«

»Ich habe keine Eltern!«

Es war wieder jener seltsame Ton, der so seltsam vibrierte und von verhaltener Empfindung sprach. Herr Harvey sah mitleidig auf sie herab.

»O, das wußte ich nicht. Ich bitte um Verzeihung!«

»Das sollen Sie nicht, Herr Harvey. Es wäre gut, wenn man mich öfter tadelte. Meine Eltern sind lange tot. Mich hat nie jemand auf eine Unziemlichkeit aufmerksam gemacht. Mein Großonkel, bei dem ich wohne, findet alles gut, was ich thue. Ich bin in einer Pension erzogen, in der man mich unbedingt lobte, und so war ich nahe daran, mich für ein ungefähr vollkommenes Geschöpf zu halten!«

Sie sprach die letzten Worte mit einem Anflug von Spott, und Herr Harvey blickte eine Weile schweigend ernst auf sie herab. Als er sprach, that er es wie jemand, der mit sich uneinig ist über die einzuschlagende Richtung: »Es ist traurig, was Sie da sagen. Es beweist, daß Sie nie darüber nachgedacht haben, was denn eigentlich unter dem Worte ›vollkommen‹ bei einem Weibe zu verstehen ist. Sie haben vielleicht niemals begriffen, daß die Art, wie Sie mit ihren Vorzügen umgehen, für Sie weder ehrlich noch verdienstlich ist. Sie wundern sich über die Dreistigkeit Tom Warrens, ich sage Ihnen, daß jeder einzelne Herr Ihrer Bekanntschaft, mit dem Sie so verkehren, wie ich es von Ihnen zu sehen in meinem eigenen Bureau Gelegenheit hatte, dieselbe Dreistigkeit bei Ihnen wagen würde und mit vollster Berechtigung, denn der Mann hat ein Recht darauf, ehrlich behandelt zu werden. Es ärgerte Sie, daß ich keine Billette von Ihnen nahm. Ich weigerte mich nicht aus Härte oder Mangel an Sympathie. Aber ein solcher Billetthandel, getrieben von jungen Mädchen, ist ein Markt für schöne Blicke und feines Lächeln, und jeder ehrenwerte Mann müßte schon aus Respekt für seine Schwestern und seine Mutter einen solchen Handel verhüten und zu verhindern suchen. Sie boten mir am Bazarabend Blumen zum Kauf, Sie sagten »für die gute Sache«. Ich sah Sie an, Ihre kleine Gestalt, Ihre hellen Augen, und ich sagte mir, daß es schade sei um so ein Wesen wie Sie. Schade, daß man Sie glauben ließ, es sei eine gute Sache zu nennen, wenn man seine kokettsten Blicke dem Meistbietenden anträgt. Ich bin mir an jenem Abend darüber klar geworden, daß ein Bazarverkauf in vollstem Sinne des Wortes verwerflich ist, und daß der Reinertrag, mag er so groß ausfallen, wie er kann, doch nur ein Raubgeld ist, das schon um der Art seines Entstehens halber nichts gutes stiften kann. Ein solcher Bazarverkauf ist ein Bildungsinstitut für weibliche Koketterie! Sie meinten den Grund von Mildthätigkeit nach dem messen zu können, was man in dem Bazar ankauft. Unter all den dort anwesenden Herren gab es nicht zehn, die aus gutem Herzen für den guten Zweck gaben. Sie gaben den schönen Augen der Damen ihr Geld!«

Herr Harvey schwieg. Er hatte sich in Eifer gesprochen, jetzt blickte er auf das Mädchen herab, das unbeweglich mit herabhängenden Händen und niedergegeschlagenen Augen vor ihm stand, und die Art, wie sie aufrecht ohne Halt, ohne Stütze in der Mitte des Gemaches wie angewurzelt verblieb, verlieh ihr in dem dunkelwerdenden Gemache etwas abgeschlossenes, verlassenes, einsames, das dem Mann zu Herzen ging. Er beugte sich zu ihr: »Ich hätte das alles vielleicht nicht sagen sollen,« flüsterte er weicher als Lily es noch gehört, »ich glaube, es waren Ihre eigenen Worte, die mich dazu ermunterten. Ich werde Ihnen nicht mehr wehe thun! Aber, mein Gott, was ist Ihnen?« Lily hob ihr Gesicht. Es war geisterhaft bleich. Im Begriff, etwas zu erwiedern, stürzten ihr plötzlich die Thränen aus den Augen und flossen unaufhaltsam an ihren Wangen herab, während ihre ganze Gestalt ein heftiges Zittern überkam. Sie tastete nach einem Stuhl. Herr Harvey hatte sie mit seinen Armen gestützt, er hielt ihre Hände, er sprach sanft mit ihr wie mit einem leidenden Kinde und eilte endlich hinweg, um unter den Bewohnern des Hauses eine gütige Hand zu finden, die sich der Krankenpflege Frau Warrens vorderhand annehmen sollte, bis er das erregte junge Mädchen nach Hause besorgen konnte.

Lily machte keine Einwendungen. Sie fügte sich; matt wie ein Kind vom vielen Weinen, ließ sie sich von ihm die Stufen des Hauses hinabgeleiten und in den bereitstehenden Wagen heben. Harvey saß neben ihr. Schweigend durchfuhren sie die dunkelgewordenen Straßen. Lily lehnte teilnahmlos in einer Ecke.

»Ist Ihnen besser?« fragte Harvey, kurz bevor sie hielten; Lily wandte sich ihm nicht zu und nickte nur still.

Der Wagen hielt. Sie standen nebeneinander auf der kleinen Treppe, auf der sich die Scene mit Tom Warren abgespielt hatte. Dachten sie wohl beide daran? Lily lehnte, während Herr Harvey die Glocke zog, an der Mauer, die sich zu beiden Seiten der Treppe entlangzog, und als Harvey sie ansprach, fuhr sie leicht zusammen.

»Darf ich Sie hineinführen?« fragte er.

Sie wandte den Kopf und sah ihn zum erstenmal voll an. Als sie sprach, klang ihre Stimme herb.

»Sie würden aus freiem Antrieb diese Schwelle wohl nicht übertreten haben, Herr Harvey?«

»Weshalb nicht?«

Sie lachte nervös: »Ich dachte nur, Sie würden doch niemals ein Mädchen aufsuchen, das so – das solche verderbten Eigenschaften hat, wie ich!«

»Es sind das nicht Eigenschaften, es sind die Folgen schlechter Erziehung. Es steht bei Ihnen, dieselben abzulegen, und ich bin überzeugt, daß Sie es auch thun werden!«

»Wirklich?« Lily rief das eine Wort grell, fast jubelnd heraus und ebenso rasch sammelte sie sich wieder und legte ihre Hände bittend zusammen. Ihre Augen schlug sie auf. Es perlten darin Thränen: »Ich möchte, daß Sie mich nicht mehr haßten!«

Harvey sah auf das Mädchen nieder. Was war's, was ihm plötzlich so heiß durchs Herz fuhr? Sich selbst im Unklaren über die Strömung in seinem Innern, ergriff er, ohne es zu wollen, fest die bittend zusammengelegten Hände und hielt sie in den seinen.

»Ich Sie hassen? Lily, das denken Sie ja selbst nicht!« Die Worte thaten es nicht. Es war in der Stimme etwas, was sie beide durchzuckte. Aus den blauen Mädchenaugen leuchtete ein eigenes Etwas, das dem Mann nachging und ihn verfolgte bis in sein Heim.


Herr Harvey saß in dem Arbeitszimmer seiner eleganten Wohnung. Er starrte in die verglimmenden Kohlen des Kamins und sann unaufhaltsam über Zukunft und Vergangenheit nach. Über dem Kamin hing das kleine Ölbild des Weibes, das er geliebt. Die nächtigen Augen, tief und schwermutvoll innig, schienen ihm heute ernster denn je. Die letzten Jahre seines Lebens traten ihm tageshell vor die Seele, die drei Jahre der trostlosen Herzenseinsamkeit, die er durchlebt. Sein Geist schweifte zurück in die Vergangenheit. Er durchlebte sie wieder, die glücklichen und zugleich unendlich traurigen Tage seiner Liebe. In Genf war er ihr begegnet; es war in einer mondhellen Nacht, die Atmosphäre schwül und drückend. Er war in einem Kahn hinausgerudert auf den See. Plötzlich ertönte ein Lied an sein Ohr, ein schwärmerisches Negerlied, das ihn an seine Kindheit erinnerte – so hatte einst seine Mutter gesungen. Die weichen, sehnsüchtig klagenden Töne hörte er seit jener Zeit zum erstenmal wieder, sie riefen längst entschlummerte Erinnerungen in ihm wach. Die erste Strophe war beendet, da hob er seine Stimme, kräftig und voll, und sang den zweiten Vers. Tiefe Stille. Er horchte gespannt, da hörte er wie die Ruder eines zweiten Kahnes mit Hast gehandhabt wurden und plötzlich glitt derselbe, eine weibliche Gestalt bergend, dicht an den seinen heran. Der Mond warf sein silbernes Licht auf ein dunkles sirenenhaftes Weib, welches vom Mondenlicht umflossen in ihrem weißen Gewande und den dunklen herabfallenden Flechten märchenhaft schön erschien. Mit der eidechsenhaften Grazie südländischer Frauen kreuzte sie, als sie das kleine Fahrzeug neben das seine gebracht hatte, die Ruder und rief, den Oberkörper vorneigend, mit tiefklingender Stimme ihren Gruß. »Ein Ruf aus der Heimat! Wer Sie auch sein mögen, ich danke Ihnen!« So war es gekommen, so hatten sie sich gefunden.

Nita hatte, ein halbes Kind noch, konventionellen Rücksichten folgend, einem älteren Manne die Hand gereicht. Die Ehe ward, durch die Altersverschiedenheit zuerst, dann durch den gänzlichen Mangel an Herzensinteressen zu einer unglücklichen. Der Gatte Nitas starb. Nita kränkelte; man schickte sie ins Ausland; sie lebte mit ihren beiden Kindern in der Schweiz, als ihr Harvey begegnete.

Zum erstenmal in ihrem Leben lernte sie die Liebe kennen. Mit aller Kraft ihres Herzens liebte sie den Mann, der nur noch den einen Wunsch hatte, Nita zu seinem Weibe zu machen. Diese Hoffnung scheiterte an der Krankheit Nitas. Was half's, daß er ihr zuschwor, ihr nie von der Seite zu gehen, sein Leben dem ihren zu weihen? – sie brach zusammen, sie welkte dahin. Es war in Italien; Nita lag schwerkrank darnieder, der Tod forderte sein Opfer. Die ersten Strahlen einer aufsteigenden goldigen Sonne fielen auf ein bleiches schönes totes Antlitz, auf eine kleine braune Hand, die noch im Tode wie liebkosend auf dem dunkeln Scheitel des Mannes lag, der ohne einen Laut am Bette zusammengebrochen war, und auf zwei kleine ängstliche Kindergesichtchen, die erschreckt Hand in Hand an der Thüre standen und leise »Mama« riefen.

Seine Stimme war es, die sie tröstete, sein Haus, das sie aufnahm. »Ich sterbe ruhig, wenn ich sie bei dir weiß,« hatte sie am Tage vor ihrem Tode gesagt, »sei ihnen ein Vater und versprich mir, eine jede Regung von dir zu weisen, die dich der Liebe zu den Kindern abwendig macht und der Erinnerung an mich. Versprich das deiner Nita und behalte sie lieb!«

Die einschmeichelnde Stimme war verhallt. Er war mit den Kindern in das Heimatland zurückgekehrt. Marie Müller, die sorgsame Erzieherin der Kinder, hatte ihn begleitet. Der Kummer hatte seine Spuren bei ihm zurückgelassen. Aus dem heiteren, herzlich warmen, jugendfrischen Richard war ein ernster, wortkarger Mann geworden, der seinen Pflichten lebte und die Gesellschaft mied. Die Zeit, die allein heilbringende, gab ihm mit den Jahren die Resignation. Mit zurückgelehntem Kopfe lag er in dem Sessel vor dem Kamine. Sein Blick hing an den Zügen der Verklärten. Die Lippen auf dem Bilde schienen zu sprechen: »Weise jede Regung von dir, die dich der Erinnerung an deine Nita abwendig macht.« Er sprang auf und trat vor das Bildchen hin. Wie um eine in ihm laut werdende Stimme zu unterdrücken sprach er fest und beteuernd: »Sei ruhig, Nita, ich halte dir Wort!«

Seltsam war es, daß in diesem Augenblick mit nicht zu verscheuchender Klarheit ein brauner Krauskopf vor ihm auftauchte und daß sein Ohr plötzlich eine zitternde Mädchenstimme zu hören wähnte, die da bat: »Ich möchte, daß Sie mich nicht haßten!«


Sie mußte wohl krank sein, dachte Herr Harvey, als er bei seinen täglichen Besuchen in der Warren'schen Wohnung die lichte Mädchengestalt nicht mehr antraf, und der Gedanke versetzte ihn in peinliche Unruhe. Zweimal hatte er auf seinen Wegen ins Comptoir einen Umweg machend das vornehme Haus an der Avenue passiert, um jedesmal im inneren Kampfe mit sich gesenkten Hauptes vorüberzugehen. Hinter jenen weißen Vorhängen lag indes ein blaßes Geschöpfchen, das den braunen Kopf unruhig in die Kissen einwühlte und die so langsam vorschreitende Genesung nach mehrtägigen heftigen Fiebern ungeduldig erwartete.

»Die Tage sind so lang,« klagte sie immer wieder, mit eigensinniger Gereiztheit im Tone, und die gutwilligen aber schwachen Verwandten erhoben nur gelinden Einspruch, als sich das Mädchen plötzlich entschloß, aus dem Krankenzimmer zu entfliehen.

Vor dem Hause Frau Warrens blieb sie stehen. Sollte sie hinaufgehen? Durfte sie es? Würde sie dort etwas erfahren über – – Lily erschrak vor sich selbst. Fühlte sie vielleicht zum erstenmale, daß ihre Unruhe im Krankenzimmer etwas anderes bedeutet hatte als nur Sehnsucht nach Luft und Landschaft und nach ihrem Plätzchen im Parke? Lilys Wangen brannten, ihre Augen glühten und mit eiligen Schritten wandte sie sich von der Schwelle des kleinen Häuschens. Ehe sie sich dessen bewußt war, hatte sie ihr Plätzchen im Parke aufgesucht.

Die Luft war kalt, kalt und frostig; auf den Bäumen lag der Reif. Die Wege waren von leichtem trockenem Schnee gedeckt und aus den Promenaden jubelten lebhafte Knaben und Mädchen jeglichen Alters. Schneebälle flogen hin und her, Kindergruppen fielen über den Haufen und erhoben sich wieder, ringsum war Leben, Leben und Frohsinn. Lily hatte die Schneeflocken von der Bank gefegt. Sie lehnte den Kopf etwas gegen den mächtigen Baumstamm, der ihr Plätzchen stützte, und blickte träumend vor sich hin. Es war so seltsam in ihr, so anders als sonst, so feierlich und doch so traurig. Wie glücklich strahlten die Kindergesichtchen um sie her, wie sorglos heiter klang das Kinderlachen! Und jetzt – dicht vor ihr kniete ein winziges Mädchen mit langen dunkeln Locken und rollte sich mit vollstem Kindeseifer einen Schneeball zurecht. Lily beobachtete sie schweigend. Er hatte auch ein kleines Mädchen. Marie Müller hatte ihr von den kleinen Kindern erzählt, von den beiden mutterlosen Wesen, die er so grenzenlos liebte! Lily preßte die Hand aufs Herz, es war ihr plötzlich so weh zu Mute. Ihre Blicke folgten wieder den Bewegungen des Kindes, das seinen Ball beendet und sich erhoben hatte; die Kleine beugte sich spähend nach allen Seiten, wohl um den Gegenstand ihres Schelmenstreiches zu erspähen, sie bog den Oberkörper zurück, hob den Arm, zielte und warf so mädchenhaft ungeschickt, daß das Schneeklümpchen nach rückwärts flog und sie selbst das Gleichgewicht verlor und seitwärts hinfiel.

»Oh!« rief Lily unwillkürlich bedauernd aus, und das Kind krabbelte sich empor und steuerte ohne jede Geniertheit auf die bleiche Mädchengestalt zu.

»Er ist weggelaufen,« erzählte sie ohne jede Einleitung und wie zur Verhinderung von etwaigen Beileidsäußerungen, die sie für beschämend halten mochte, und Lily lächelte sie an und fragte, wer »weggelaufen« sei.

»Edgar.«

Lily beugte sich zu dem Kinde nieder. »Ist Edgar dein Bruder?« fragte sie zutraulich und das Kleine nickte lebhaft.

»Er ist kleiner wie ich,« plauderte es, »und er fürchtet sich vor Schneeballen. Er rennt immer!«

»Allein?« fragte Lily.

»Nein, Tante Marie ist heute mit, Papa ist verreist. Kennst du Papa?«

Lily schüttelte den Kopf. »Ich kenne ihn nicht,« sagte sie, »aber er ist gewiß der beste und schönste Mann auf der Welt – nicht?«

Das Kind wurde plötzlich ernst, die blauen Augen sahen prüfend auf. »Du kennst ihn ja doch,« sagte es langsam und mit Betonung, »woher kannst du denn sonst wissen, daß er der beste und schönste ist?«

»Ich kenne ihn nicht, aber ich weiß das doch, ebenso wie ich weiß, daß Mama die süßeste und schönste – –«

Das Kind unterbrach sie fast heftig. »Du lachst!« rief sie aus; »Tante Marie sagt: wenn man von Mama spricht, dürfte man nicht lachen, man müßte leise sprechen und an Gott denken. Mama wohnt dort oben!«

Lily legte rasch ihre Arme um das Kind. Ein ihr unbekanntes Gefühl von Einsamkeit durchzuckte sie. Eine Zärtlichkeit, wie sie solche noch nicht empfunden hatte, überkam sie jäh. »So hast du also keine Mutter mehr, du arme Kleine? Wir sollten uns miteinander befreunden. Mir geht es ebenso, ich habe auch keine Mutter!«

»Oh – aber ich habe eine,« sagte ernsthaft das Kind; »ich habe sie bei mir, willst du sehen?«

Sie zog mit Hast an der schmalen Halskette, die sie trug und riß in ihrem Ungestüm das Medaillon davon los. Es fiel dem Mädchen in den Schoß, wo es weitgeöffnet liegen blieb. Lily starrte darauf nieder. Welch seltsame Augen in dem noch seltsameren Antlitz! Schön, hinreißend schön und bestrickend war der Frauenkopf, der mit solch traurigen Augen zu ihr aufsah. Lily wurde weh ums Herz. Sie zog fast unwillkürlich das kleine dunkle Kindchen, das andächtig an ihrer Seite stand, in ihre Arme und küßte es.

»Du weinst,« flüsterte die Kleine und Lily wußte selbst nicht, weshalb sie denn eigentlich weinte. Sie saß mit der Kleinen lange schweigend da und hob erst den Kopf, als sich das Kind lebhaft umwandte.

»Was?« rief sie erstaunt und erfreut. »Fräulein Müller, Sie sind Tante Marie? wie freue ich mich Sie zu treffen! Ich war krank; es ist das erstemal, daß ich wieder ausgehe, ist es nicht seltsam, daß ich hier unbewußt mit Ihrem Zögling geplaudert habe?«

Die Neuangekommene hatte sich neben dem Mädchen gesetzt. Sie hob das kleine Bürschchen, das sich schüchtern und befangen in ihre Röcke verbarg, zu sich auf den Schoß und reichte der Freundin die Hand. »Dies ist Edgar,« sagte sie, das Kerlchen vorschiebend, nachdem sie ein Weilchen geplaudert hatten, aber Edgar weigerte sich, aus seiner Schüchternheit hervorzutreten und schaute nur ängstlich abwehrend zu der fremden Gestalt auf.

»Welch seltsame Augen!« rief Lily unwillkürlich.

»Er hat die Augen seiner Mutter,« entgegnete Marie, und Lily beugte sich rasch zu ihr: »Sie haben sie gekannt?«

»O ja!« entgegnete das Mädchen, »ich kam zwei Jahre vor ihrem Tode zu ihr. Ich kannte sie gut. Ich war, als ich in ihr Haus kam, ein im Innern tief erschüttertes Geschöpf. Ihre Milde und Güte, verbunden mit der Harveys, brachte mich zu mir selbst zurück, und so danke ich diesen Menschen mehr als ich je zu vergelten imstande sein werde!«

»O bitte, erzählen Sie! Erzählen Sie mir von dem Hause und von Ihnen!«

»Von mir?« Marie Müller seufzte tief auf. »Von mir? – Die Geschichte ist kurz und traurig. Sie ist vielleicht gar nicht interessant, aber ich lernte durch sie das Leid kennen, und dann den Wert guter Menschen. Ich will's Ihnen in kurzen Umrissen erzählen, ich fürchte in mir noch wund zu sein, und durch ausführliche Erzählung alte Schmerzen von neuem aufzureißen. Können Sie sich denken, daß ich einst liebte und geliebt wurde? Geliebt wurde trotz meiner – Gestalt? Sie sehen mich an; Sie wundern sich. Es war aber auch ein armer blinder Mann, der so thöricht war, sein Herz an mich zu hängen und er hätte es auch wohl nicht gethan, wenn nicht vor seinen Augen jener Schleier gelegen hätte. Ich war Vorleserin in der Klinik für Augenkranke, und in dieser Thätigkeit täglich auf Stunden bei ihm. Er hatte sich an mein Kommen gewöhnt und meine Stimme war ihm lieb geworden und ich, es war wohl Unrecht von mir, daß ich die Empfindung bei ihm keimen ließ, aber ich war stets einsam gewesen und nicht glücklich und es lag eine Seligkeit darin, sich von einem Menschen, von einem Einzigen ersehnt zu wissen, wie ich wußte, daß mich mein armer Patient ersehnte. Der Tag kam, an dem die Binde von seinen Augen fallen sollte, und in seinen Frühstunden hörte ich das Geständnis seiner Liebe, einer Liebe, die, das wußte ich, schwinden mußte, sobald die Augen sehend wurden. Ich kann Ihnen die Einzelnheiten nicht erzählen, aber ich ging fort, ging ohne ein Abschiedswort, und ließ ihm in wenigen Zeilen mein entschiedenes »nein« zurück. Es kam eine Zeit, in der ich mich, meinen verwachsenen Körper, meine Mitmenschen und die Welt haßte. Da kam ich zu ihr. Dann traf ich auch ihn, Herrn Harvey. An ihm hatte ich ein edles Vorbild. Von ihm lernte ich, daß ein braves Herz durch Prüfungen stark und durch das Unglück veredelt wird. Als er mir, nach Nitas Tode, den Vorschlag machte, ihn und die Kinder zu begleiten übers Meer in die Heimat, da willigte ich gerne ein. Wir hatten dasselbe Ziel. Es galt, aus den verlassenen Kleinen brave Menschen zu machen. Wir haben zusammen gewirkt und unser Leid in gutem Streben vergessen?« Die Erzählerin schwieg. Lily faßte aufatmend ihre Hand.

»Und er?« fragte sie teilnahmsvoll, »von ihm haben Sie nie wieder gehört?« Marie schüttelte stumm den Kopf und sah zu dem Mädchen auf. Eine Thräne lag in beider Augen.

»Arme Marie,« flüsterte Lily leise und in ihrem Herzen offenbarte sich ihr eine Welt von Empfindung, die sie nie vorher gekannt.


Herr Harvey war von seiner Reise zurückgekehrt. Er saß in dem Spielzimmer der Kinder. Jeannette hatte ihm ihre Hefte gezeigt, ihr neuestes Gedicht hergesagt, ihr Zeichenbuch präsentiert und schließlich das schöne seidene Kleid, das die Puppe bekommen hatte von – »rate einmal Papa, von wem?«

Papa konnte schlecht raten. Er zählte die Lehrerinnen her, deren Namen ihm geläufig waren, dann die wenigen älteren Damen, mit denen er in formellem Verkehr stand, dann Tante Marie und das Dienstpersonal.

»Ach Papa, du sagst immer die falschen; ich sagte dir doch: sie ist süß und schön und hat krause Haare. Du mußt's doch erraten können!«

Harvey schüttelte den Kopf. »Nein, Jeannette, ich kann's nicht, ich geb's auf.«

»Dann paß' auf! Ich buchstabiere es: L–i–l–y!« Die Hand, welche die Puppe hielt, umschloß diese fester.

Der Mann zog das plaudernde Kind näher zu sich heran. »Hat sie noch einen Namen, deine L–i–l–y?«

»Lily Elsworth heißt sie, und – oh Papa, sie ist hübsch und süß und gut, fast so gut wie du, und ich habe sie lieb und – oh Papa, du drückst mich so fest, das thut weh!«

Herr Harvey hatte die kleine Plaudertasche eng an sich gezogen und heftig geküßt. Jetzt erhob er sich hastig. »Spiele weiter, Jeannette,« sagte er sanft, »ich muß jetzt zur Stadt.«

Lange ging er in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Seine Gedanken ließen von dem gegebenen Thema nicht nach. Der Name, den das Kind gesprochen, mußte einen eigenen Reiz haben, da er ihn leise vor sich hin sprach: »Lily – Lily!« Er lächelte und das Lächeln verklärte gleichsam sein Antlitz und machte es jung. Doch plötzlich zuckte er auf, der Klang seiner Stimme schien ihn zu erschrecken. Der alte Ernst kam über ihn und mit energischer Geste warf er das Haupt zurück: »Thorheit, Thorheit, ich werde es überwinden!«

Er hatte es fest gewollt und der Abend brachte zu dem Vorsatz noch eine Kraft, genannt Selbstvorwurf.

Edgar war erkrankt. Marie Müller meldete es mit ängstlichem Blicke. »Ich kam von Frau Warren,« sagte sie, »es ist dort alles gut. Frau Warren reist noch heute nach Chicago zu Tom. Ich kam ziemlich eilig nach Hause und fand Edgar im Fieber. Er hat rote Flecken auf der Haut. Ich hielt es für gut, Jeannette zu entfernen und Fräulein Elsworth bat, daß ich sie ihr mitgeben möchte; es ist Ihnen hoffentlich recht so?«

»Wo liegt das Kind?«

Er stand an dem Bettchen, darin das fiebernde dunkellockige Kindchen lag. Was für selbstquälerische Gedanken marterten des Mannes Hirn, als er während der langen Nacht am Bette des kleinen Knaben saß und dessen Fieberphantasien hörte!

»Lauter Engel – mit goldenen Flügeln – eine gelbe Krone – oh sieh – sieh – er kommt – singe mehr – Mama – es ist Mama – –«

Der starke Mann erbebte, als er die heißen Hände des Kindes in die seinen faßte.

»Edgar, mein Junge, mein armer Junge!«

Bange Tage, bange Nächte vergingen. Es war schon spät am Abend, als die Thüre des Krankenzimmers sich leise öffnete, um eine zarte Mädchengestalt einzulassen, eine Gestalt, welche es mit großer Mühe und mit Aufwendung aller Überredungskünste durchgesetzt hatte, hinter dem Rücken des Hausherrn in der Krankenstube erscheinen zu dürfen, um die Nachtpflege mit der Freundin zu teilen. Lily Elsworth war eine andere geworden. Die Stunden der Sorge, die sie am Bette des leidenden Kindes verlebte, hatten ihre ganze frühere sorglose Leichtlebigkeit vertrieben. Aus dem übermüthigen Kobold war eine sorgende, zarte Pflegerin geworden, die mit echt weiblicher Ruhe und Ausdauer ihre selbstauferlegte Pflicht erfüllte. Im Hause lag alles in tiefem Schlummer. Marie hatte sich auf einige Stunden aufs Bett geworfen. Es wachte nur eine: Lily. Das Kind warf sich in wirren Fieberphantasien im Bettchen umher, während er mit heißen Händen wie spielend an der Bettdecke zupfte. Lily beugte sich über ihn, faßte die kleinen Finger und hielt sie in den ihren. Tiefe Stille herrschte im Gemach, da öffnete sich leise die Thüre und Harveys hohe Gestalt überschritt die Schwelle. Sein Auge schweifte besorgt zum Bette hinüber, während sein vorsichtig schreitender Fuß sich demselben näherte, von dessen Seite sich jäh erschreckt die schlanke Gestalt des Mädchens erhob und ihm gegenüberstand.

»Lily – Fräulein Elsworth!«

Der Ruf des Mannes ertönte in unterdrücktem Schrecken durch das Gemach, und in dem Schrecken lag es wie Vorwurf und verhaltene Empfindung zugleich.

»Wie können Sie – wie konnte man Ihnen gestatten? Die Krankheit ist übertragbar – Sie wissen das nicht –«

»Doch, Herr Harvey, ich weiß es!« Sie stand dem Manne gegenüber. Ihre Antwort kam klar und fest und es lag ein eigenes Selbstbewußtes, Bestimmtes in ihrem Ton wie in der Haltung. Der Mann stand einige Augenblicke unbeweglich, sein Auge auf das Mädchenantlitz geheftet, das im Scheine der verstellten Lampe bleich und seltsam schmal erschien. Ein Gefühl von Angst, von tötlichster Besorgnis überkam ihn plötzlich, sein bärtiger Mund zuckte einigemal, seine Augen suchten die ihren.

»Lily,« begann er, und beim Klang seiner Stimme sah sie rasch zu ihm auf, »Lily, ich bin in Angst um Sie – ich –« er stockte.

Ihre blauen Augen sahen gerade in die seinen und schienen mit ihren stummen Bitten seine Angst bannen zu wollen. Sie schüttelte einigemal beruhigend, beschwichtigend den Kopf und lächelte ihn an, und in der Bewegung, in dem Lächeln lag ein so eigenartig weiblicher Reiz, daß es den Mann mächtig und mit unwiderstehlicher Macht zu ihr zwang. Seine Hände umfaßten plötzlich den kleinen braunen Mädchenkopf und hoben ihn zu sich. »Lily,« sagte er, und in seiner Stimme lag unaussprechliche Zärtlichkeit. Sie erwiderte nichts. Sie wandte nur leicht das von ihm umfaßte Köpfchen zur Seite und berührte mit ihrer Wange die weiße Männerhand.

Der Morgen graute. Edgar lag mit geöffneten Augen, in denen der erste Strahl wiederkehrenden Bewußtseins leuchtete, auf seinem Lager. Lily neigte sich über ihn. Thränen entrinnen ihren Augen, als das Kind zu ihr aufsehend mit leiser Stimme »Lily« flüstert.

Auf der Thürschwelle steht eine Männergestalt, dessen Auge gleich dem des Mädchens feucht wird. Seine Blicke gehen von der lichten Mädchenfigur fort zum Kinde und von diesem wieder zu Lily hinüber.

»Gestern Abend schickten Sie mich fort,« sagte er leise, »darf ich nun wiederkommen?«

Sie antwortete sogleich. Sie faßte das Köpfchen des bleichen kleinen Patienten und neigte ihr Antlitz darauf. »Rufe Papa!« sagte sie.

Edgars Augen wanderten zuerst ziellos im Gemach umher, dann blieben sie an den beiden über ihn gebeugten Köpfen haften. »Ich habe geträumt,« sprach er leise, »so etwas schönes, von Mama, sie hatte rosige Flügel und überall waren weiße Täubchen und ein kleines Täubchen reichte sie mir und wie ich es nehmen wollte, da lachte sie und schüttelte den Kopf und dann flog sie fort, und dann kam sie wieder und du kamst auch Papa, aber du hattest jetzt das Täubchen und es war mit einemmale anders geworden, es hatte große blaue Augen wie, wie Lily, und Mama nickte immer und lächelte und – dann war der Traum aus.«

Das Kind schwieg. Harvey faßte seine Hand. »Edgar,« fragte er, »soll Lily bei uns bleiben, immer und ewig?«

Der kleine Patient lächelte. »Ja,« lispelte er, indem er die Augen schloß, »ja, immer und ewig!«

Vor dem Bette stand Harvey, an seiner Seite – Lily. Das erste Morgenrot fiel durch die Ritzen der grünen Fensterläden ins Zimmer und warf goldige Streiflichter auf das Antlitz des Mädchens, das ihr Haupt zu dem Manne erhoben hatte und wortlos seiner Stimme lauschte.

»Lily,« sagte er ernst, »es ist ein Wortbruch, aber sie wird es mir vergeben, wenn sie ihr Kind hört, und nun sprich zu mir, mein Mädchen.« –

Der braune Krauskopf lag an seiner Schulter. Die Mädchenhände lagen auf seiner Brust gefaltet und des Mannes Mund beugte sich herab und küßte die leise geflüsterten Liebesworte von ihren Lippen.

»Mein Mädchen,« sagte er nochmals leise, »mein böses, trotziges, sanftes Mädchen!«

Des Nachbars Junge.

Er war ein verwahrlostes Kind und in dem ganzen Stadtviertel wegen seiner losen Streiche gefürchtet; dennoch zog mich etwas in seinem sommersprossigen, kugelrunden, von roten, struppigen Haaren umgebenen Gesichte seltsam an und ließ mich, wenn er auf den an den Parterrefenstern entlang laufenden Balkons der gleichgebauten Häuser seine halsbrecherischen Gelenkübungen vornahm, interessiert und besorgt zu ihm aufsehen.

Eine Zeit lang pflegte der bewegliche Bursche die gefährlichen Schaustellungen in der Gymnastik an allen Eisengittern und Fenstervorsprüngen den staunend bewundernden Blicken der versammelten Schuljugend zum besten zu geben; seit aber seine Produktionen zu Nachahmungen reizten, die unter den weniger gelenkigen Knaben einige gebrochene Gliedmaßen zur Folge hatten, seitdem die biederen Nachbarsfamilien den verderblichen Einfluß des verwahrlosten Knaben erkannten, war das Machtverbot des »Nichtumgehens« mit Charley Gregor sprichwörtlich geworden, und so begnügte sich der vereinsamte Gymnastiker, seine Produktionen scheinbar zum Schrecken der Vorübergehenden oder zu seiner eigenen Unterhaltung unbeirrt fortzusetzen, bis er eines sonnenhellen Morgens bei einer seiner gewagtesten Verrenkungen (er hing mit einem Bein an der Bretterwand, welche den Garten seines Vaters von dem meinen trennte, während sein niederbaumelnder Kopf sich auf gleicher Linie mit seinen rücklings herabhängenden Armen hin und her wiegte) die Augen aufschlug, und mein erschrecktes Gesicht über dem Fenstersims gebeugt sah. Im Nu schnellte der kleine Mensch hoch – saß fest und sicher auf dem Zaun und lachte mit absichtlich schief gezogenem Munde, in dem die gelblichen Zähne weit auseinander standen, unverschämt dreist zu mir herein, während er sich mit einer unglaublichen Behendigkeit auf dem Zaun entlang schob und sich so meinem Fenster näherte. War es die mir innewohnende weibliche Scheu vor der Roheit des Kindes, war es das instinktive Abwehren der mir drohenden Annäherung, ich machte einen Schritt in das Zimmer zurück; dann aber besann ich mich. Der gänzliche Mangel an Ehrerbietung einer Erwachsenen gegenüber, der sich in seinen dreisten Blicken aussprach, veranlaßte mich, die in mir aufsteigende Empörung zu unterdrücken, und, ganz der Stimme des Mitleids in mir folgend, bog ich mich vor und sprach den Knaben an.

»Ich fürchtete, du würdest fallen!«

Die Antwort war eine rohe Lache, die, kaum aufgeschlagen, ganz kurz abbrach und verstummte. Aus dem unschönen Knabenantlitz schaute mich sekundenlang ein tiefblaues Augenpaar starr, forschend an; dann verschwand der sinnige Ausdruck, der flüchtig auf seinem Antlitz gelegen und machte einem höhnischen, zweifelnden Lächeln Platz.

»Und wenn ich gefallen wäre – who'd care?« (wer machte sich was daraus?)

»Jeder; dein Vater zuerst!«

»Der?« Charley Gregor warf mit einer verächtlichen Lache den Oberkörper rücklings auf den Zaun und blickte aus halb geschlossenen Lidern hervor auf die herabgelassenen Jalousien seines väterlichen Heims; dann schwang er sich wieder auf, schüttelte die buschige Mähne in die Stirn zurück und spie – wie um die Verkommenheit seines Wesens zu demonstrieren – mit einer gewissen Großthuerei weithin über den Garten. Sein Kopf war etwas abgewandt; als er ihn nach kurzer Pause wieder erhob, schien ihn meine fortgesetzte Anwesenheit am Fenster zu erstaunen.

»Bad case – me?« (Verlorne Seele – ich?) rief er kurz, halb fragend, halb behauptend.

»So?« entgegnete ich lächelnd, »weshalb denn?«

»Unverbesserlich!« Er stieß das Wort mit einem Anflug von Stolz hervor und steckte aufrecht sitzend beide Hände tief in die Hosentaschen, bauschte dieselben weit auseinander und klappte sie, mit einem festen kleinen Schlag gegen seinen Körper, wieder zusammen.

»Das Ihr Vogel?« fragte er plötzlich zutraulicher – den Bauer unausgesetzt ansehend. Ich nickte.

»Gekauft?« Die drollige Frage gefiel mir.

»Er gehörte meinem Kinde,« berichtete ich.

Charleys Augen hoben sich fragend.

»Haben Sie ein Kind?«

»Jetzt nicht mehr,« sagte ich leise, »es ist gestorben!«

»So?« Charleys Ausruf war ein Mittelding zwischen Neugierde und Mitgefühl, und seine Blicke begannen über den Hausdächern ziellos umherzuirren und sanken endlich mit salbungsvollem Ausdruck auf seine dickbesohlten Stiefeln herab.

»Viele Leute sterben,« begann er endlich, mit der Miene eines bejahrten Tröster, dem nach langem Suchen das richtige Wort eingefallen ist, »kenne 'ne Menge Leute, die gestorben sind. Viele sterben an Masern. Böse Krankheit – Masern!«

Ich antwortete nichts. Meine Gedanken waren weit zurückgeschweift. Sie hingen an dem Bilde eines kleinen dunkellockigen Knaben, dessen hellklingende Stimme mir durch kurze Jahre das Dasein gelichtet hatte, um dann zu verstummen – auf immer – und mich einsam zurückzulassen. – –

Wie lange ich in stillem Sinnen verblieb, weiß ich nicht. Als ich aufsah, war ich allein. Charley Gregor war geräuschlos verschwunden. Ich dachte eine Weile über sein plötzliches Verschwinden nach, und empfand ein unbehagliches Gefühl von Reue darüber, die rauhen Trostesworte, die, wie ungeschickt sie auch schienen, doch von gutem Willen sprachen, so unerwidert gelassen und – so folgerte ich – das Kind dadurch gekränkt und verscheucht zu haben.

Ich begann mir ernstliche Vorwürfe zu machen, daß ich die weiche Regung des verwahrlosten Knaben zurückgestoßen und ihm vielleicht auf immer den Mut genommen, sie wieder zu offenbaren. Wer konnte wissen, wie tief ihn meine Nichtbeachtung seines wohlgemeinten Trostes geschmerzt – wie zerknirscht –

Mein reuiger Gedanke wurde durch ein dumpfes Gemurmel unterbrochen. Von meinem Fenster aus konnte ich trotz des eingetretenen Dämmerlichts sehen, wie ein Menschenhaufen sich vor der gegenüberliegenden halb verfallenen alten Kirche ansammelte, und besorgten Blickes zur Spitze derselben aufschaute, von wo aus rasch aufeinanderfolgende kleine brennende Hölzchen herniederfielen. Brannte es? War ein Feuer ausgebrochen? Ich bog mich geängstigt weit aus dem Fenster und durchspähte prüfend den oberen zackigen Vorsprung des verfallenen Baues.

War es möglich? Ich stand vor Entrüstung zitternd aufrecht. Dort oben, hinter einer der vorspringenden zerstückelten Figuren versteckt – lugte der rote Kopf Charley Gregors vorsichtig auf die Menge herab, während er mit empörendem Eifer kleine Stücke von der bröckeligen Holzballustrade ablöste – sie mittelst eines Zünders anblies und bedächtig unter die unten versammelte Menge vertrieb. Der leichte Abendwind trug glücklicherweise die brennenden Hölzer hin und her und löschte die bläulichen Flämmchen, bevor sie die Menschen erreichten, wo sie nur noch als kleine Kohlen glimmend zur Erde regneten. Ich sah noch, wie eine ganze Handvoll solcher Funken auf einmal herniederfiel, sah, wie eine vorsichtig kletternde kleine Gestalt mit der Behendigkeit einer Katze die hintere Steinwand entlang – vom Vorsprung zum Fenster und dann weiter abwärts glitt, und, plötzlich inmitten der Menschengruppe stehend, mit dieser hinaufschaute nach der Stelle – von der aus er selbst noch vor wenigen Sekunden die brennenden Hölzer geworfen.

Ich schloß, über die besonnene Schlechtigkeit dieses Knaben entrüstet, das Fenster, und trat, empört über seine klar zu Tage getretene Verderbtheit, mißgelaunt ins Zimmer zurück.

Es war mir unerquicklich, daß mich während der Nacht das sommersprossige Gesicht des »Gregor-Jungen« verfolgte. Bald sah ich ihn an hohen zackigen Felsen hängen, bald auf irgend einem Dachvorsprung sitzen, von dessen Kante aus er die gefährlichsten Sprünge machte, und so überraschte es mich nicht sonderlich, als ich in der Frühe an meinem Schreibtisch sitzend, eine wohlbekannte Stimme in geheimnisvollem Flüsterton rufen hörte:

»Hay Missus!« Ich blickte von meinen Manuskripten auf. Vor der obersten Scheibe meines Fensters baumelten zwei unreinliche Spitzen zweier sehr unreinlicher Stiefel. Es war unschwer zu erkennen, wessen Körper über den dicken Sohlen schwebte. Ich trat auf den Balkon hinaus. An den Stäben des zum oberen Geschosse gehörigen Balkons hielt er sich, während sein herabspähender Kopf eine günstige Stelle zum Hinabspringen zu suchen schien.

»Pleasant morning!« (Angenehmer Tag!) rief er, mit der familiären Miene eines täglich willkommenen Besuchers, und ich vergaß über dem unbefangenen Gruß des Knaben, wie über der beängstigenden Lage seines Körpers meine Indignation von vorher.

»Ein sehr angenehmer Tag, aber du wirst gleich stürzen,« rief ich so ruhig wie möglich zurück.

»Aus dem Weg', ich komme!« Der Warnungsruf kam nicht einen Augenblick zu früh. Der feste kleine Mensch landete geräuschvoll auf dem Balkon und stand an meiner Seite. Mein unerwarteter Gast trat dicht vor die Schwelle meines Zimmers und spähte mit unverfrorener Dreistigkeit in das Innere desselben.

»Hat er hier bei Ihnen sitzen dürfen?«